Lesen. Tasten. Gehen.

Wie orientieren sich Menschen mit Blindheit oder Sehbehinderung im Alltag? Wie funktioniert Brailleschrift? Einblicke in selbstständige Wege.

Inhalt der Tafel vor Ort

Die Tafel zeigt verschiedene Hilfen für Menschen mit Behinderungen im öffentlichen Raum:

  • Leitlinien am Boden zeigen den Weg und helfen bei der Orientierung. Bei Schutzwegen markieren Leit- und Stopplinien die Stelle, wo Personen sicher über die Straße gehen können.
  • Ein barrierefreier Eingang mit automatischer Tür ermöglicht einen einfachen Zugang zu Gebäuden.
  • Brailleschrift auf Tasten, Schildern oder Geräten hilft blinden Personen und Menschen mit Sehbehinderung.
  • Leitlinien am Boden führen direkt zum Bedienfeld vom Lift. Die Tasten sind mit Brailleschrift versehen und können ertastet werden.
  • Eine Rollstuhlrampe ermöglicht das Überwinden von Höhenunterschieden.
  • Aufmerksamkeitsfelder an Haltestellen zeigen, wo Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit auf Bus und Straßenbahn warten können. Hier halten Fahrer:innen an und rufen ihre Linie und Fahrtrichtung zu.
  • Ein Smart-Board bei Haltestellen kann Abfahrtszeiten und Informationen vorlesen.
  • Ein Ampeltaster gibt akustische und fühlbare Signale für eine sichere Straßenquerung.
  • Quergestreifte Leitlinien markieren bei einem Schutzweg die Stelle zum sicheren Warten und Überqueren der Straße.
  • Die Leitlinien müssen frei bleiben und dürfen nicht durch Personen, Fahrräder, E-Scooter oder andere Gegenstände blockiert werden. 
Die Grafik zeigt Beispiele für Barrierefreiheit im öffentlichen Raum: automatische Eingangstür, taktile Leitlinien, Aufmerksamkeitsfelder, Lift mit Brailleschrift, Rollstuhlrampe, Smart-Board mit Sprachausgabe, Ampeltaster mit akustischen Signalen und freigehaltene Gehwege.

© Stadt Innsbruck/K. Iwanowa

Die Grafik zeigt Beispiele für Barrierefreiheit im öffentlichen Raum: automatische Eingangstür, taktile Leitlinien, Aufmerksamkeitsfelder, Lift mit Brailleschrift, Rollstuhlrampe, Smart-Board mit Sprachausgabe, Ampeltaster mit akustischen Signalen und freigehaltene Gehwege.

© Stadt Innsbruck/K. Iwanowa

Weitere Infos - Brailleschrift

Warum gibt es die Brailleschrift?

Die Erfindung der Schriftzeichen vor etwa 5.000 Jahren gehört zu den bedeutendsten kulturhistorischen Leistungen des Menschen. Viele Jahrtausende lang waren die Kulturtechniken des Lesens und Schreibens das Privileg einer kleinen Minderheit. Das änderte sich mit der Erfindung des Buchdrucks, der die Verbreitung von Büchern und Zeitschriften enorm förderte, und die Entwicklung der Volksbildung in der Zeit der Aufklärung.

Blinde Menschen waren bis dahin von diesen Kulturtechniken ausgeschlossen. Es gab keine Schrift, die für blinde Menschen gut lesbar war, obwohl sich die Lehrer:innen in den frühen Blindenschulen bemühten, Buchstaben reliefartig tastbar zu machen und so den Schüler:innen die Schrift zu vermitteln. Aber alle diese Versuche waren wenig oder gar nicht erfolgreich.

Eine Hand fährt mit dem Zeigefinger über eine dunkelblaue Informationstafel mit Brailleschrift. Die erhabenen Punkte sind in mehreren Reihen angeordnet und können durch Tasten gelesen werden.

Dank der Brailleschrift können Menschen mit Blindheit oder Sehbehinderung lesen. © Stadt Innsbruck/W. Grünzweig

Eine Hand fährt mit dem Zeigefinger über eine dunkelblaue Informationstafel mit Brailleschrift. Die erhabenen Punkte sind in mehreren Reihen angeordnet und können durch Tasten gelesen werden.

Dank der Brailleschrift können Menschen mit Blindheit oder Sehbehinderung lesen. © Stadt Innsbruck/W. Grünzweig

Wer erfand die Brailleschrift und wie funktioniert sie?

Diesen Notstand beendete der 16-jährige Louis Braille. Im Jahre 1825 präsentierte er eine aus 6 Punkten bestehende Buchstabenschrift. Die 6 Punkte sind angeordnet wie die 6 auf dem Würfel. Genau dieses 6-Punktefeld eignet sich ideal für die Fingerkuppe zum Ertasten und damit zum Lesen. Aus den Kombinationen der 6 Punkte lassen sich alle Buchstaben des Alphabets, alle Satzzeichen, Akzentbuchstaben und Lautzeichen wie au, ei, ch und sch abbilden.

Zunächst wurde die Punktschrift, wie sie auch genannt wird, von den damaligen Pädagog:innen abgelehnt, weil sie zu sehr von der Schrift der Sehenden abweicht. In der Praxis hat sich die Schrift aber durchgesetzt und heute wird die Brailleschrift weltweit verwendet – sogar für das Chinesische und Japanische gibt es Braillesysteme.

Die Brailleschrift ist auch so flexibel, dass man Musiknoten, Mathematik-, Physik- und Chemiezeichen darstellen kann und vor allem auch viele Akzentzeichen in Fremdsprachen.

Wird die Brailleschrift auch digital eingesetzt?

Ja. Seit etwa 50 Jahren ist die Brailleschrift für den Computereinsatz angepasst. Allerdings musste man das 6-Punktfeld auf 8 Punkte erweitern, um die vielen zusätzlichen Zeichen darstellen zu können. Heute ist der Computer auch für blinde Menschen am Arbeitsplatz und für den täglichen Bedarf nicht mehr wegzudenken.

Ein Ausschnitt einer Tastatur mit Braillzeile, auf der mit 4 Fingern gefühlt wird.

Mit der Braillezeile ist es möglich, die Brailleschrift auch am Computer zu verwenden. © AdobeStock_111988841

Ein Ausschnitt einer Tastatur mit Braillzeile, auf der mit 4 Fingern gefühlt wird.

Mit der Braillezeile ist es möglich, die Brailleschrift auch am Computer zu verwenden. © AdobeStock_111988841

Wie hilft Braille im öffentlichen Bereich? 

Die Brailleschrift wird im öffentlichen Bereich angewendet, um blinden Menschen bei der Orientierung zu helfen oder barrierefreien Zugang zu Informationen zu erleichtern. So gibt es zum Beispiel am Bahnhof Innsbruck auf den Zugängen zu den Bahnsteigen Braillebeschriftungen. Viele Aufzüge in öffentlichen Gebäuden sind mit Braille gekennzeichnet. Es gibt Restaurants, die Speisekarten in Braille anbieten, Hotels, die ihre Zimmertüren in Braille beschriften, oder auch viele Museen und botanische Gärten mit Tafeln, auf denen Infos in Braille abgebildet sind. Die Stadt Innsbruck hat den Wanderweg entlang der Sill wieder neu gestaltet und dabei die Informationstafeln erneuert. Auf jeder Tafel ist ein Relief gut tastbar und eine dazugehörige Kurzinfo in Braille. 

Orientierung

Person mit Langstock orientiert sich an taktilen Bodenleitlinien an einer Straßenquerung. Es sind nur die Beine zu sehen. Der weiße Langstock tastet die gerillte Bodenstruktur ab, die zur sicheren Orientierung für blinde und sehbehinderte Menschen dient.

Eine Person orientiert sich mit einem Langstock auf gefrästen Leitlinien. © Stadt Innsbruck/W. Grünzweig

Person mit Langstock orientiert sich an taktilen Bodenleitlinien an einer Straßenquerung. Es sind nur die Beine zu sehen. Der weiße Langstock tastet die gerillte Bodenstruktur ab, die zur sicheren Orientierung für blinde und sehbehinderte Menschen dient.

Eine Person orientiert sich mit einem Langstock auf gefrästen Leitlinien. © Stadt Innsbruck/W. Grünzweig

Woran orientieren sich Personen mit Blindheit oder Sehbehinderung?

Blinde oder sehbehinderte Menschen nutzen im öffentlichen Raum sehr oft Leitlinien, um ihren Weg zu finden. Diese können sehr vielfältig sein wie Hauswände, Gehsteigkanten, Rigole, also Abwasserrinnen mit Gittern, Rasenkanten oder der Unterschied zwischen einem befestigten Weg und der danebenliegenden Grasfläche. Eines haben diese Elemente gemeinsam, sie müssen eindeutig erkennbar und frei von Hindernissen sein, damit sie gefahrlos verwendet werden können.

Person nutzt einen weißen Langstock zur Orientierung auf einem Gehweg. Der Langstock folgt einer Rigole bzw. Abflussrinne als taktile Bodenleitlinie.

Rigole/Abwasserrinnen als Leitlinien© Stadt Innsbruck/W. Grünzweig

Person nutzt einen weißen Langstock zur Orientierung auf einem Gehweg. Der Langstock folgt einer Rigole bzw. Abflussrinne als taktile Bodenleitlinie.

Rigole/Abwasserrinnen als Leitlinien© Stadt Innsbruck/W. Grünzweig

Taktile Bodenleitlinien führen direkt zu den Bedientastern eines Aufzugs. Der Lift befindet sich in einer Gebäudenische neben einem Gehweg.

Die Leitlinien führen direkt zu den Tastern des Liftes. © Stadt Innsbruck/W, Grünzweig

Taktile Bodenleitlinien führen direkt zu den Bedientastern eines Aufzugs. Der Lift befindet sich in einer Gebäudenische neben einem Gehweg.

Die Leitlinien führen direkt zu den Tastern des Liftes. © Stadt Innsbruck/W, Grünzweig

An einer Treppe ist am unteren Ende eines Metallhandlaufs eine blaue Beschriftung angebracht. Diese beinhaltet taktile Beschriftungen. Die erhabenen Informationen unterstützen blinde und sehbehinderte Menschen bei der Orientierung.

Taktile Informationen am Handlauf am Fuße einer Treppe© Stadt Innsbruck/W, Grünzweig

An einer Treppe ist am unteren Ende eines Metallhandlaufs eine blaue Beschriftung angebracht. Diese beinhaltet taktile Beschriftungen. Die erhabenen Informationen unterstützen blinde und sehbehinderte Menschen bei der Orientierung.

Taktile Informationen am Handlauf am Fuße einer Treppe© Stadt Innsbruck/W, Grünzweig

Wozu dienen Rillen und Noppen auf den Wegen?

Gibt es keine Leitlinien oder sind diese nicht benutzbar, werden taktile Bodeninformationen aus Rillen oder Noppen angebracht.  In Gehrichtung weisen die Rillen den blinden oder stark sehbeeinträchtigten Menschen den sicheren Weg zwischen Hindernissen hindurch.

Quer zur Gehrichtung zeigen sie als Auffanglinie zum Beispiel Fußgängerübergänge oder den vordersten Punkt von Bushaltestellen an. Fußgängerübergänge werden zusätzlich mit Rillen quer zum Übergang markiert damit man mit dem Langstock spürt, ob man sich noch im sicheren Bereich des Gehweges befindet oder schon auf der Fahrbahn oder dem Radweg steht. Haltestellen werden zusätzlich mit einem großen Feld aus Noppen markiert. Steht eine mit Langstock und/oder Blindenschleife gekennzeichnete Person dort, so sagt der:die Fahrer:in des Fahrzeuges die Linie und Fahrtrichtung an, auf der er:sie unterwegs ist. 

Eine Person tastet mit einem weißen Langstock den Übergang zwischen einem Gehweg und einer angrenzenden Rasenfläche ab.

Die Rasenkante zeigt den Weg© Stadt Innsbruck/W. Grünzweig

Eine Person tastet mit einem weißen Langstock den Übergang zwischen einem Gehweg und einer angrenzenden Rasenfläche ab.

Die Rasenkante zeigt den Weg© Stadt Innsbruck/W. Grünzweig

Eine Person führt einen weißen Langstock entlang des gepflasterten Randes eines Gehwegs neben bepflanzten Grünflächen.

Gehsteigkante als Leitlinie© Stadt Innsbruck/W. Grünzweig

Eine Person führt einen weißen Langstock entlang des gepflasterten Randes eines Gehwegs neben bepflanzten Grünflächen.

Gehsteigkante als Leitlinie© Stadt Innsbruck/W. Grünzweig

Eine Person steht an einer Straßenbahnhaltestelle und hält einen weißen Langstock auf einer Bodenfläche mit genoppten taktilen Markierungen.

Aufmerksamkeitsfeld an Haltestelle. © Stadt Innsbruck/W. Grünzweig

Eine Person steht an einer Straßenbahnhaltestelle und hält einen weißen Langstock auf einer Bodenfläche mit genoppten taktilen Markierungen.

Aufmerksamkeitsfeld an Haltestelle. © Stadt Innsbruck/W. Grünzweig

Eine Person steht vor einem Fahrplankasten an einer Haltestelle und drückt einen gelben Informations-Taster an einer Metallstange.

Nach Drücken des Informationstasters werden aktuelle Abfahrzeiten an einer Haltestelle vorgelesen.© Stadt Innsbruck/W. Grünzweig

Eine Person steht vor einem Fahrplankasten an einer Haltestelle und drückt einen gelben Informations-Taster an einer Metallstange.

Nach Drücken des Informationstasters werden aktuelle Abfahrzeiten an einer Haltestelle vorgelesen.© Stadt Innsbruck/W. Grünzweig

Wie wird der Weg mit einem Langstock erspürt?

Der Langstock wird auch Weißer Stock genannt. Mit ihm kann man verschiedene Böden ertasten. Die meisten Langstöcke haben an der Spitze eine kleine, abgerundete Rolle. Damit gleitet oder rollt der Langstock beim Gehen über den Boden. Beim Überqueren von Rillen, Noppen oder anderen Strukturen im Boden entstehen unterschiedliche Widerstände. Der Stock überträgt diese in die Hand. Auf unterschiedlichen Böden ändert sich auch das Roll- oder Tastgeräusch. So können blinde und sehbehinderte Menschen Leitlinien spüren und sogar hören. Sie erkennen, wenn sich die Richtung ändert und können sich sicherer orientieren.

Damit man einen Langstock richtig und sicher verwenden kann, muss man viel üben. Bei Orientierung- und Mobilitätstrainings (O&M) zeigt der BSVT wichtige Techniken für den Umgang mit dem Langstock. Menschen mit Blinheit oder Sehbehinderung sensibilisieren dabei alle Sinne. Sie lernen sich im Wohngebiet besser zu orientieren, Bus und Bahn zu nutzen und auch ihren eigenen Körper zu schützen. Mehr Infos zum Training finden Sie beim Blinden- und Sehbehindertenverband Tirol: 

Was erschwert Menschen mit Blindheit oder Sehbehinderung den Weg? 

Oft sind Räder oder Scooter auf dem Leitsystem abgestellt. Der Langstock verfängt sich und das Rad fällt auf die Person mit Blindheit oder Sehbehinderung.

Hindernisse an Ampeln

Falsch abgestellte Scooter, Fahrräder, Mülltonnen oder andere Hindernisse sind auch bei Ampeln ein Problem. Sie können zum Beispiel den Weg zu Ampelauslösern versperren.  Diese sind übrigens nur zu hören, wenn sie Menschen mit Blindheit oder Sehbehinderung mit einem Handsender für Lichtsignalanlagen aktivieren. 

Eine Person hält die Hand an ein gelbes Bedienelement an einer Ampel und einen blauen Anforderungstaster in der anderen Hand. Im Hintergrund sind ein Zebrastreifen und die Fahrbahn einer Straßenkreuzung zu sehen. Das Bedienelement vibriert bei Grünlicht, während der Anforderungstaster die akustischen Signale der Ampel aktiviert.

Hält man seine Hand an die Ampelsignal-Anlage, vibriert diese bei grünem Licht. Drückt ein Mensch mit Blindheit oder Sehbehinderung außerdem auf den blauen Knopf eines Anforderungstasters wie links unten im Bild, ertönen zusätzlich akustische Signale.© Stadt Innsbruck/W, Grünzweig

Eine Person hält die Hand an ein gelbes Bedienelement an einer Ampel und einen blauen Anforderungstaster in der anderen Hand. Im Hintergrund sind ein Zebrastreifen und die Fahrbahn einer Straßenkreuzung zu sehen. Das Bedienelement vibriert bei Grünlicht, während der Anforderungstaster die akustischen Signale der Ampel aktiviert.

Hält man seine Hand an die Ampelsignal-Anlage, vibriert diese bei grünem Licht. Drückt ein Mensch mit Blindheit oder Sehbehinderung außerdem auf den blauen Knopf eines Anforderungstasters wie links unten im Bild, ertönen zusätzlich akustische Signale.© Stadt Innsbruck/W, Grünzweig

Hindernisse an Hauswänden und Gehsteigkanten

Personen mit Sehbehinderung orientieren sich auch an Hauswänden, Gehsteigkanten und anderen leicht unterscheidbaren Oberflächen. Alle Gegenstände, die solche Orientierungslinien unterbrechen oder versperren, können die Barrierefreiheit einschränken.