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50 Jahre Olympische Winterspiele 1976

Ab 5. Jänner 2026 finden Sie beim Audiokanal „Stadtstimmen“ die Sondersendung 50 Jahre Olympische Winterspiele 1976“.

Trailer

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Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

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[Fanfare mit Stadionansage: 50 Jahre Olympische Winterspiele 1976]

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Tobias: Vor 50 Jahren rückten die Olympischen Winterspiele 1976 Innsbruck erneut in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Anlässlich dieses Jubiläums blicken wir nicht nur zurück – sondern hören vor allem zu.

Gemeinsam mit unseren Gästen erinnern wir an legendäre Momente, sprechen über den Spirit dieser „einfachen Spiele“ und werfen einen Blick darauf, wie Innsbruck und die Region bis heute von diesem Großereignis geprägt sind. Im Mittelpunkt der Sondersendung stehen die persönlichen Erlebnisse ehemaliger Athletinnen und Athleten, ergänzt durch Gespräche mit weiteren Beteiligten und spannenden Hintergrundinhalten.

Die erste Folge wird am Montag, dem 5. Jänner 2026, veröffentlicht; die folgenden dreizehn Episoden erscheinen im wöchentlichen Rhythmus. Und so viel darf schon verraten werden: Unser erster Gesprächspartner ist Hansi Hinterseer.

ZeitzeugInnen, Anekdoten, Hintergrundgeschichten – all das erwartet euch in dieser speziellen Sondersendung des Kulturamts der Stadt Innsbruck über die Olympischen Winterspiele 1976. Abonniert die Sendung am besten jetzt schon, damit ihr keine der Folgen ab Jänner verpasst!

[01:27:00]

Hansi Hinterseer

Hansi Hinterseer

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

Fanfare mit Lautsprecherdurchsage: 50 Jahre Olympische Winterspiele 1976. #00:00:13‑4#

Hanna: #00:00:21‑4# (...) Hallo und herzlich willkommen zur ersten Folge der Podcast Sendung 50 Jahre Olympische Winterspiele 1976. Zum Auftakt sprechen wir mit Hansi Hinterseer über seine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Innsbruck. Vor allem jüngeren Generationen wird Hansi nicht mehr als Skifahrer bekannt sein. Bevor er jedoch als Entertainer und Sänger begeisterte, trat er in die Fußstapfen seines Vaters und machte sich als erfolgreicher Slalomfahrer einen Namen. Seine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Innsbruck verlief jedoch nicht wie erhofft. Aber das lassen wir Hansi selbst erzählen. Wir freuen uns, dass Sie unseren Podcast eingeschaltet haben. Nach einem Ausschnitt aus dem Jubiläumsmarsch, gespielt von der Stadtmusikkapelle Wilton, geht es auch schon los. #00:01:09‑8#

Tobias: #00:01:21‑9# (Musik) Lieber Hansi, danke, dass du uns hier in Kitzbühel empfängst und mit uns über die Olympischen Winterspiele 1976 in Innsbruck sprichst. Ich weiß, das ist ein paar Jahre her. Ist vielleicht nicht das angenehmste Thema für dich zum Sprechen. Dazu kommen wir aber noch. Wenn wir von den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck sprechen, was ist denn da das Erste, was dir durch den Kopf geht, wenn du zurückdenkst? #00:01:46‑5#

Hansi Hinterseer: #00:01:47‑9# Ja, da muss ich grade mal nachdenken. Nein, es ist so, dass natürlich als junger Mensch, wenn du die Chance hast, bei den Olympischen Spielen dabei zu sein, das ist schon was bäriges gewesen. Also das ist schon, die Freiheit, und, Olympia. Die ganzen Geschichten, was du vorher gehört hast. Daheim auch noch. Die Erwartungen waren natürlich schon riesig groß und alles andere, was noch passiert ist in meiner Abteilung war natürlich nicht so lustig. #00:02:16‑6#

Tobias: #00:02:16‑8# Da können wir mal, ich komm da noch drauf. Ich fange mal ein bisschen davor an, weil es war ja gar nicht so lange klar, dass Innsbruck 76 Olympia Austragungsort wird. Es ist erst 73, wenn ich das richtig im Kopf habe, die Entscheidung dann gefallen, nachdem der vorherige Austragende zurückgezogen hat. Es hat die Entscheidung gegeben oder die Entscheidung ist dann auf Innsbruck gefallen, weil halt die Infrastruktur schon vorhanden war. Zu dem Zeitpunkt 73, 74 warst du natürlich schon aktiv. Du warst sportlich, es war deine Hochzeit. Wie hast du das erfahren oder hast du davon erfahren, relativ gleich, die Spiele kommen jetzt nach Innsbruck? Gibt es da noch Wahrnehmungen zu der Vorbereitungszeit? #00:02:59‑9#

Hansi: #00:03:00‑3# Eigentlich nicht mehr. Natürlich hat man sich irrsinnig gefreut als Athlet, dass man daheim die Spiele hat. Diese Problematiken der ganzen IOCs, Probleme und Rechenschaften und Verträge etc. das hat uns eigentlich überhaupt nicht interessiert. Wir haben die Spiele vorher natürlich beobachtet und so und dass man nachher das Go bekommt, dass man die Spiele daheim hat in Innsbruck Ja, wir haben uns gefreut darauf. Also wir haben uns eigentlich gar nicht so gekümmert. #00:03:27‑5#

Tobias: #00:03:27‑9# Geht man da anders heran, wenn die Spiele im eigenen Land, du als Tiroler natürlich, in Innsbruck sind? Baut es schon vorab Druck auf? Ist das schon für dich so ein „Da muss ich liefern“ sozusagen? #00:03:38‑7#

Hansi: #00:03:39‑4# Nein, das war damals nicht so! Wir sind ja 72 in Sapporo gewesen, wo der Schranz eigentlich der Favorit gewesen ist und wo nachher der sogenannte Mister Avery Brundage den Karl disqualifiziert hat, wegen einer lächerlichen 20.000 Schilling damals, vielleicht auch viel Geld gewesen damals, aber für so eine Trikotwerbung haben sie den Verstoß des Amateurstatus und von den Spielen eliminiert. Muss man sich mal vorstellen. Und der Karl war damals wirklich derjenige, der die Rennen vorher gewonnen hat und absoluter Topfavorit war. Und in Japan haben sie ihn noch Heim geschickt. Der alte Herr Mister Brundage, der ist schon 87 Jahre gewesen ist oder noch älter. Und das haben wir mitgekriegt, natürlich. Aber so die Vorbereitung auf Innsbruck, das ist aber ein eigenes Thema, wo wir reden können. Aber wir waren Worldcup Rennen, Gesamtworldcup, Weltmeisterschaft, St. Moritz Das war unser Ziel. Innsbruck war natürlich da, aber das ist noch weit weg. #00:04:37‑8#

Tobias: #00:04:38‑5# Weil du ja 72 angesprochen hast, Da hättest du ja gerne mitfahren wollen. Aber du warst noch zu, oder das war der Grund, oder sie haben es als Grund angegeben, dass du zu jung wärst, oder? #00:04:50‑3#

Hansi: #00:04:50‑9# Ja, ich muss dazu sagen, dass ich mit den Frauen in meinem Leben eigentlich immer gut gefahren bin. Habe ich aber Glück gehabt, muss ich sagen. Aber Olympia hat mich nicht mögen. Die hat mich einfach nicht mögen. Und das ist so in 72, da bin ich zweimal bester Österreicher gewesen. Mit 17 Jahren war wirklich gut in Form und mich haben sie nicht mitgenommen. Zu mir haben sie gesagt Hansi du bist noch so jung, du hast noch so viel vor dir. Aber momentan passt es nicht. Du darfst nicht mitfahren. Und das war damals richtige Watschen für mich, weil ich wirklich heiß gewesen drauf war. Ich bin gut gefahren. Und wenn man zweimal bester Österreicher ist in der ersten Zeit, wo wirklich Österreich Nummer eins war, da hast du schon als Bub Hoffnung, dass da dabei sein kannst. Und Japan sowieso. Japan nochmal voll bärig.

Und dann haben sie mich beim letzten Rennen, weiß ich noch der Hoppichler, der war damals der Chef, mit mir also ein vier Augen Gespräch gehabt. Da hat er gesagt „Hansi, du bist gut und deine Zukunft kommt noch, aber für Japan bist du ein bisschen zu jung dafür.“ Das hat weh getan. #00:05:51‑4#

Tobias: #00:05:51‑9# Hast du dann auch das als Motivation genommen, dass du nicht mitfahren hast oder dass die nicht mitgenommen haben, um zu zeigen für die nächste oder im Hinblick auf die nächsten Spiele. #00:06:00‑3#

Hansi: #00:06:00‑3# Nein, das hat es nicht gegeben zu der Zeit. Es war einfach, du bist ein junger Athlet, du bist ein junger, aufstrebender, talentierter Bursche. Das ist einfach passiert und du freust dich natürlich auf jedes Rennen und dass Olympia nicht funktioniert hat, natürlich hat es mich geärgert, das ist ganz klar. Aber das war vorbei. Das ist okay gewesen. Und jetzt fahre ich richtig gut und können sich nicht mehr rausnehmen. #00:06:20‑3#

Tobias: #00:06:20‑9# Im 74. Hahnenkamm. #00:06:22‑6#

Hansi: #00:06:23‑1# Und Weltmeisterschaft. #00:06:23‑9#

Tobias: #00:06:24‑0# Und Weltmeisterschaft. Also wie gesagt, vor die Spiele. #00:06:26‑8#

Hansi: #00:06:27‑2# Vorher Gesamtweltcup. #00:06:29‑0#

Tobias: #00:06:29‑2# Du warst top. Auch noch im 75er Jahr, also Start der Saison. Ich glaube, Schladming war noch vor die Spiele kurz davor. Ja, genau. #00:06:40‑5#

Hansi: #00:06:41‑0# Na ja, da kommt eine zwischen Saison dazu und zwar da kommt jetzt wieder der Schranz ins Spiel. Die Spiele Innsbruck 76. Wir haben 72 total neue Führung gekriegt. Präsidenten, Vizepräsidenten, Sportdirektor Sailer, Toni. Der Vater war ein Slalom Trainer, Riesenslalom Trainer. Das ist kein Abfahrtsrennen. Also komplett umgebuddelt worden. Alles zusammen. Und wir sind der sensationelle gute Weltmeisterschaft von 74 wirklich gut gefahren. Was machen die wahnsinnig nach 74, nach der Weltmeisterschaft? Eine Umsteigsperre haben sie uns auferlegt, den Athleten. Wo wir jetzt nachher fahren wir vielleicht ein bisserl zum Verderben. Wir haben damals gut verdient, muss man dazu sagen. Aber trotzdem Wenn du eine gute Weltmeisterschaft hast, dann hast du natürlich vertragsmäßig ganz anders auftreten. So, jetzt haben die die Idee gehabt, weil der Karl Schranz 72 disqualifiziert worden ist. Da uns das nicht noch einmal passiert wegen Verträge, wegem Amateurstatus weist du ja, machen wir eine Umsteigsperre. Noch dazu haben sie uns den besten Skischuhe damals, das war der lange Skischuhe, der war einfach der Schuh, den du haben hast müssen. Das ist einfach ein anderer Schuh gewesen. Mit dem hast du fahren können. Und damals die Entwicklung materialmäßig ist uns von Jahr zu Jahr besser geworden. Da schmeißen die uns den Schuh raus. Und das ist natürlich in meinem Metier total katastrophal gewesen, weil ich bin seit 69 die lange Schuhe gefahren und  ich habe mich einfach wohlgefühlt. Das ist für mich, Ich bin eingestiegen und es hat gepasst. Und wenn man das jetzt erklären kann, vielleicht für jemand der sich nicht so auskennt. Der Schuh ist ja eigentlich das wichtigste Teil der Ausrüstung. Das ist zwischen Ski und Mensch eigentlich das Bindeglied. Und wenn das nicht funktioniert, wenn dir der Schuh drückt oder wenn du weißt, das passt mir nicht. Da kannst du keine Leistung bringen. Jetzt ist das natürlich passiert, dass die den Schuh rausgeschmissen haben. Und noch dazu haben sie uns Skischuh österreichisches Material Köflach, Dynafit, Kastinger. Und die Schuhe waren gut. Aber zu der damaligen Zeit war das eine Katastrophe. Das wäre, wenn es mit den Bergschuhe einfach Skifahren gegangen bist. Und das hat mich brutal getroffen. In der Zeit noch nach 74 und wir haben da, das kannst du dir überhaupt nicht vorstellen, zu basteln angefangen mit Material, das der Schuh steifer geworden ist, dass er Grip hat und so also alles haben wir probiert, aber es ist einfach nicht gegangen. Das hat Jahre gebraucht, bis wir es wirklich in den Griff gekriegt haben. Und das ist genau in der Zeit eingefallen, auf Olympia hin. 75 kann ich mir irgendwie rumgebracht, habe gute Resultate gefahren, bin auch dabei gewesen. Ich habe gewonnen. Zweiter, Dritter und bin gesamt Vierter geworden. Im Worldcup war ich dabei und dann ist Olympia gekommen und da hab ich mich eigentlich ein bissel eingestellt gehabt aber, wie gesagt, dann ist Olympia gekommen, die Freundin, die hat mich einfach nicht mögen. #00:09:33‑4#

Tobias: #00:09:34‑6# Wie ist die Strecke generell gelegen? Weil das war ja Axamer Lizum. Bist du die davor schon, also die ist ja davor gar nicht. Weil die war ja davor nicht Teil vom quasi während dem Jahr, quasi während der Rennen. #00:09:53‑7#

Hansi: #00:09:53‑8# Richtig. Und das kann man ja eigentlich heutzutage in die Vorbereitungen gar nicht mehr vorstellen. Wir haben gewusst seit drei Jahren, dass Olympische Spiele in Innsbruck sind. In der Axamer Lizum und unser Skiverband hat das nicht zuwege gebracht, dass man wenigstens einmal einen Tag gefahren waren, dass man den Kurs, einmal den Hang fahren, dass man den Hang kennenlernt. Schattenseiten, Sonnenseiten, steil, flach, was immer. Dass man einfach eine lässige Vorbereitung haben. Dass man das wirklich einstellen können auf den Hang. Die Italiener haben gemacht, die haben versucht, irgendwo einen Hang zu finden. Die Schweizer haben das gemacht, die Österreicher aber nicht einmal eine Sekunde, dass wir gefahren waren. Im Nachhinein, ich bin damals auch vielleicht zu blöd gewesen, sonst wäre ich sie vielleicht einmal selber gefahren. Aber man hat noch nie so denkt, sondern wir sind einfach hingefahren und sind gefahre. #00:10:42‑6#

Tobias: #00:10:42‑6# Für das war ja der Skiverband da. #00:10:44‑4#

Hansi: #00:10:44‑7# Also normalerweise ja. #00:10:45‑4#

Tobias: #00:10:46‑0# Der soll ja die besten Voraussetzungen liefern, dass der eigene Sportverein. #00:10:48‑7#

Hansi: #00:10:49‑0# Im eigenen Land. #00:10:49‑3#

Tobias: #00:10:49‑3# Im eigenen Land. #00:10:50‑6#

Hansi: #00:10:51‑2# Die Vorfreude ist so bärig gewesen. Wirklich! Wir haben uns so gefreut auf die Spiele und der Franzi war sensationell, fantastisch, wunderbar. Aber wir Techniker sind wirklich am Arsch gewesen, wirklich am Arsch gewesen. #00:11:03‑0#

Tobias: #00:11:04‑0# Wenn man jetzt schon bei der Spieler sind, vielleicht auch noch, bevor man dann aufs Rennen oder auf die zwei Rennen eingehen. Warst du im olympischen Dorf untergebracht? #00:11:11‑6#

Hansi: #00:11:11‑8# Ich habe mich geweigert, ich habe mich geweigert. Ich muss dazu sagen, die Techniker waren natürlich für die Rennabläufe die letzte Woche geplant. Also dann Freitag, Donnerstag, Sonntag. #00:11:25‑9#

Tobias: #00:11:25‑9# Ja, genau. Ich glaube aber mit der Woche dazwischen glaube ich. #00:11:28‑4#

Hansi: #00:11:28‑5# Erster Bewerb war die Abfahrt. #00:11:30‑5#

Tobias: #00:11:30‑7# Genau. #00:11:31‑0#

Hansi: #00:11:31‑9# Und das hat der Franz sensationell gemacht. Der hat genau so einen Druck gehabt. Aber irgendwo, wenn du eine Spiel Eröffnung hast und hast die Eröffnung, du läufst mit der Fahne, so wie ers gemacht hat, da muss ja dazu sagen. Wir haben eine Einkleidung gekriegt, also das ist eigentlich gegenüber die anderen Athleten, mit so einer Ausrüstung einzumarschieren ist so eine Frechheit gewesen mit Gold und Schwarz. Also quasi was will sie eigentlich, die anderen? Und die haben uns eigentlich allein schon den Druck, was die uns auferlegt haben. Und das sind wir mit Gold schwarz einmarschiert und wir haben so geschämt, ich weiß noch wie man da das Olympiastadion einmarschiert sind, freut und klatscht und so und auf der einen Seite „Buhh wie kommt denn die daher“ und so, also so was von daneben. Nichts Positives. Also gleich weiß ich noch wir waren echt drüber und wir Athleten sind eigentlich die Armen gewesen. Wir haben es zeigen müssen und Gott sei Dank hat der Franz gewonnen. Der hat natürlich den Druck weggenommen, oder auf der einen Seite hat es nur mehr Druck gegeben, weil ich bin ja eigentlich Ende der letzten Woche dran gekommen und da sind die Berichterstattungen natürlich brutal gewesen. Also von einer Goldmedaille zur anderen Goldmedaille vor einer Sitzung und das musst du als junger Bursche zuerst einmal miterleben. #00:12:47‑9#

Tobias: #00:12:48‑0# Und ich wollte gerade sagen, weil Franz hat die goldene geholte. Dann dauert es ein paar Tage und bis dahin war der Druck aufgebaut. Also für einen jungen Menschen ist das enorm sein. #00:12:59‑1#

Hansi: #00:13:00‑0# Franz, Was du sagst der olympische Dorf. Ich habe ja nicht gewohnt. Ich bin daheim gewesen, habe versucht, den ganzen Trubel auch daheim irgendwie wegzubringen, was auch gut gelungen ist, weil du hast einiges einstecken können. Jeder hat eigentlich schon die Goldene umgehängt, mehr oder weniger. Und ich weiß noch, wie Franz gratuliert hat, bin ich auch auf sein Zimmerchen bin ich gleich zu ihm hin, da sagt er: Hansi schau. So schaut's aus. Du kannst auch zwei holen, hat er gesagt. Das werde ich nie vergessen. Und natürlich, ich habe mich wohlgefühlt. Ich bin. Ich bin super in Form gewesen, aber ich war damals einfach nicht reif genug. Ich war viele Fehler gemacht. Selber muss ich sagen, ich habe den Druck einfach von Tag zu Tag nicht mehr gehändelt, obwohl ich gut gewesen bin. Aber der Clou bei der ganzen Vorbereitung war des… Ja, das ist eine eigene Geschichte. #00:13:47‑0#

Tobias: #00:13:48‑0# Bitte, gern. Gern. #00:13:49‑0#

Hansi: #00:13:49‑3# Wir haben, musst du einmal vorstellen, bis zum Hahnenkammrennen, das war das letzte Rennen. Nie eine richtige Vorbereitung gehabt. Weder Axamer Lizum noch irgendwo. Wir haben einfach Rennen zu Rennen gefahren. Und dann stehe ich oben auf der Hausbergkante beim Abfahrtslauf. Und der Toni steht neben bei. Da sag ich: Du Toni wo trainieren wir eigentlich auf Innsbruck? Dann schaut er mich an. Ja, da hast du die Hausbergkante. Oben links hängend und mit der Schrägfahrt und Innsbruck ist gerade oben gegangen, rechts hängend. Also genau das Gegenteil. Ja gut, dann sage ich ja, wer sperrt da die Piste ab? Ich weiß noch, der Windprächtinger hat er geheißen oder nein Pfeiffauf Gust hat er geheißen, der war oben auf der Hausbergkante und der Toni schreit ihm hinüber: du, sperren wir ab danach. Und damals war wirklich noch einen letzten Läufer Haben Sie die Touristen oben haben können. #00:14:43‑8#

Tobias: #00:14:44‑0# Stimmt, das war sie auch noch. #00:14:44‑9#

Hansi: #00:14:45‑2# Da ist dann Sodom und Gomorrha. Aber das ist eigentlich brutal. Also da hat der ein Seil gespannt, abgesperrt und dann sind wir natürlich über Seil drüber gehüpft, unter Seil durch die Pisten und ausschaut und da haben wir trainiert. Das musst du dir vorstellen, wir haben ein Rennen gehabt  in Zwiesel am Montag und sind zurückgekommen zum Trainieren. Und haben uns angeschaut die Buckelpisten. Und es war unsere Vorbereitung. So okay, das war das erste Mal nachher. Riesenslalom ist total daneben gegangen. Ich war im ersten Lauf hinter Ingemar Sechster. Er war Fünfter. Ich war hinter Ingemar 2/100 oder sowas. Und ein zweiter Lauf geht so, Das geht nicht. #00:15:29‑4#

Tobias: #00:15:29‑5# Vor allem der zweite Lauf war am Tag danach, wenn ich es richtig gelesen. #00:15:32‑3#

Hansi: #00:15:32‑3# Ja die haben es auf zwei Tage aufgeteilt. Ist auch so eine Schnapsidee gewesen. #00:15:34‑5#

Tobias: #00:15:35‑2# Also ich habe das am Anfang gar nicht auf dem Schirm gehabt und habe gesehen, es ist am nächsten Tag erst. Was ist denn das für ein Schmarrn?  #00:15:41‑9#

Hansi: #00:15:42‑9# Ja, man kann es so sehen. Viele, viele Leute sagen okay, der Lauf ist nicht gut gegangen. Am nächsten Tag, da bin ich gut beieinander. Und manchmal schauts gut aus manchmal siehts schlecht aus. Auf alle Fälle war das damals so und ich war eigentlich immer einer, der für den zweiten Lauf scharf gewesen bin. Da habe ich mir viel geholt. Und genauso war meine Einstellung. Entweder Kuh tot und Kalb auch. Einen Hang perfekt für mich steil. Also wirklich besser geht es eigentlich nicht. Und ich fuhr weg vom Start. Entweder es geht oder es geht nicht. Dann bin ich die ersten 19 Sekunden, sage und schreibe zweieinhalb Sekunden hinten. Und ich weiß nicht, ich war nicht hinausgeflogen und ich habe einen Fehler nach dem anderen gemacht. Und ich bin mit einem Magnetband gefahren. Aber ich bin nicht ausgekugelt und ich war sechs Sekunden hinten. Das, was mein Leben noch nicht passiert ist. Also für mich ist alles zusammengerukelt. Ich habe nicht gewusst, warum der Ingemar ist Dritter geworden. Und ich bin ferner Licht hinten gewesen. Und dann ist es losgegangen. Die Medien. #00:16:37‑1#

Tobias: #00:16:38‑2# Warst du im Zielhang auch schon? Oder war da, die quasi die Fans rundum waren die dann auch schon relativ? #00:16:46‑2#

Hansi: #00:16:46‑3# Ja, ja, sicher. Ja klar, Du bist die Hoffnung. Und weißt du, von einer Medaille zu anderen geerugelt, dann hauts dich rein. Und der Weg von oben vom Ziel relativ lange zur Sache gewesen, dass bis du zum Auto gekommen bist, bis zum Serviceauto. Durch die ganzen Leute hast du gehen müssen. Ich möchte, dass kein Sportler keinem Menschen gönnen, was da passiert ist, was da zusammengebrochen ist eigentlich für den jungen Athleten. Und wie gesagt, ich war einfach nicht reif. Ich bin ein junger Bursche von 20 Jahren. Keine Ahnung, was da passiert. Auf einmal denkst du, Hey, was ist denn los? Ich habe keinem Menschen wehtun. Okay, das war das. Dann bin ich nachher heim gefahren wieder. Erledigt. Hab gar nicht geschaut, was sie schreiben, was Medienberichterstattung ist, sondern bin einfach Daheim, hab mich abgekapselt und ich habe versucht, auf dem Slalom, da wo ich gut war und wo ich führenden war mit Ingemar im Gesamtweltcup und machte einen letzten Trainingslauf. Muss ja dazu sagen Trainingslauf, Slalomvorbereitung, Olympische Spiele, Zielschuss. Kannst du das vorstellen? Vom Zielschuss haben wir Slalom trainiert. Wir sind oben quer und da war der Start auf der steilsten Stelle oben wo sie springen, und da sind wir gefahren. Slalom. So haben wir uns vorbereitet. Also im Nachhinein muss ich sagen, haben die alle einen Vogel gehabt. Das gibt es überhaupt nicht, eine Mannschaft so vorzubereiten. Und wir als junge Athleten, wo sollen wir sagen. #00:18:13‑6#

Tobias: #00:18:15‑6# Was. #00:18:15‑7#

Hansi: #00:18:16‑0# Jetzt kommt, einen Lauf mach ich noch, weil ich mich richtig gut gefühlt habe. Und Hackl vielleicht drei, vier Tore, vorm Ziel bin ich mit dem Spitz auf die Stange gefahren und schmerzt mir so voll auf die Schulter und habe einen Kapselriss und eine Schulterprellung am Tag vor dem Slalom. So, jetzt geht's aber los. Ärzte Verpflegung war damals eigentlich, die einen waren in Innsbruck oben und ich bin da gewesen, bin da hin und her telefonieren, was tun wir und ich habe wirklich von Minute zu Minute meinen Arm nicht mehr aufgebracht. Das ist so eine Verletzung Schulter, wer das einmal gehabt hat der kann sich vorstellen, was da passiert. Also wirklich weh gehabt und habe meinen Arm nicht mehr aufgebracht. Ich bin am nächsten Tag der Servicemann oder der Masseur damals hat gesagt, machen wir Therapie oder früher Klinik. Ich hab mich in den Jacuzzi gehockt vorm Skirennen. Da hab ich mich rein gehockt, ein bisschen aufwärmen, dann hat er mit dem massieren angefangen sehr bestreuen angefangen und so ja, es hat zwar ein bisschen besser getan, aber richtig weh hab ich schon gehabt. Okay, auch von Besichtigung. Das Wetter war grausig, Regen, Schnee. Was ist mit der Kombination. Besichtigung und auch nicht gut gefüllte und Weh tun. Dann ist der Primar Dr. Race damals unser Chef Dr. gewesen, haut der mir drei Spritzen rein, vor dem Start. Und ich bin sowieso. Wenn ich eine Spritze gesehen habe, dann bin ich schon krank gewesen. In meiner Not habe ich gesagt Ja gut, okay, ich probiere es. Haut mir der drei Spritzen rein so. Schneesturm. Spritzen lässt aus und ich bin beim Start oben. Nur dazu, der Doktor hat mir drei Spritzen gegeben, der ist aber schon wieder runtergerutscht, der ist unten im Ziel gewesen und ich bin am Start oben. Und eine halbe Stunde Verspätung wegen Schneesturm. Und die Spritzen lasst aus. Ich hab nicht mehr gewusst, wo ich hinschauen soll. Ich habe Weh gehabt mehr, noch mehr natürlich. Ich habe es echt probiert, aber ich habe wirklich vorm Rennen, mir sind die Tropfen gekommen, weil ich einfach Weh gehabt hab. Es gibt es ja nicht, genau in der Situation. Und versucht auch zu fahren, aber kannst sicher vorstellen, das funktioniert nicht. Also die Beanspruchung, wenn der Arm nicht ausruht und du sollst dir keine Satz machen und kämpfen und das funktioniert nicht. Bin am vierten oder fünften Tor bin ich geradeaus gefahren, einfach ohne Sturz. Ich habe es nicht ausgehalten, so weh hab ich gehabt. Aber dann ist es losgegangen. Dann ist eine Lawine gekommen. Also, das war wirklich. Du bist dir vorgekommen wie ein Schwerverbrecher. Du hast Österreich verraten. Du hast Österreich nicht präsentiert. Du bist. Was bist du eigentlich für ein Mensch? Was soll das? Hin und Her, und so. #00:21:05‑8#

Tobias: #00:21:06‑3# Unbeschreiblich, eigentlich. #00:21:06‑9#

Hansi: #00:21:07‑1# Angespuckt haben sie mich. Beschimpfungen also wirklich. Und. Und der Weg von da oben, vom fünften Tor. Oben, vom Start. Ein Rutschen. Boah, das hab ich. Das bleibt da hängen, das sage ich. Jedenfalls ja, es ist passiert. Olympia war gegen mich. Hat es nicht wollen. Und auf der einen Seite muss ich sagen, wie man so schön sagt im Sport, wenn man verliert, gewinnt man. Es ist ein Sprichwort, das stimmt. Aber es tut halt in dem Moment, wo es dich wirklich erwischt. Du denkst, das kann wirklich nicht sein. Ja, so ist es gewesen. #00:21:43‑5#

Tobias: #00:21:44‑5# Wie ist es denn? Ich habe das jetzt auch von anderen Sportlern schon im Gespräch erfragt. Es ist eigentlich wenig. Also wenn man es jetzt vor allem vergleicht mit heutzutage, wenn die Sportler unten sind, die sind ja relativ abgeschirmt, sag ich jetzt mal von die Zuschauer. Da ist natürlich die Presse natürlich gleich da und die Absperrungen. Das war ja damals gar nicht. #00:22:06‑9#

Hansi: #00:22:07‑3# Wir waren bei den Fans. Ja, was schön gewesen ist. Also die haben uns gekannt. Heutzutage haben sie alle die Sturzhelme auf, die kennt ja keiner mehr, dann hast du einen Pressemann und hast den Manager und den Trainer und hast nur einen Trainer. Also die Buben sind eigentlich arm in der Beziehung, weil sie selber nicht präsentieren können, was sehr wichtig ist für den Sport. Das Skifahren ist so ein schöner Sport, so bärig, wo so Emotionen bringt, wo Leute mitfiebern. Und das war in unserer Zeit, ist schon bärig gewesen. Schweizer Fans mit den Kuhglocken nach wie vor sind. Aber es war anders. Es war irgendwie ehrlicher. Jetzt sind halt die ganzen durch Sponsoren gesponserten Partys Ist das wichtiger, dass nimmt die Oberhand. #00:22:48‑8#

Tobias: #00:22:48‑8# Das Sportliche rutscht ein bisschen weiter zurück und andere Sachen kommen mehr im Vordergrund. Es ist eigentlich schade, weil er. #00:22:56‑0#

 

Hansi: #00:22:57‑1# Und der Journalist, muss man dazu sagen, hat sich sehr geändert. Alles andere wichtiger wird. Die wissen ja, wer unsere Leute sind ja. Wir haben ein paar Journalisten gehabt, wo man gewusst haben, mit dem möchte man nichts zu tun haben. Aber der ist ja nicht so weit gekommen. Aber der, was wir gehabt haben. Da haben wir gewusst, die steht zu uns und wir wissen davon was sie schreiben, weil die sind selber mal rübergerutscht. Heutzutage, wenn du ins Mediencenter gehst, die hocken hinter ihren Computern. Dann nur schauen, aber die wissen gar nicht am Start wies runter geht oder wie die Pisten ist, wie die eisig ist, dass wissen die gar nicht. Und da ist natürlich die Berichterstattung nicht so, wie es sein sollte. #00:23:36‑1#

Tobias: #00:23:36‑9# Zum Thema Berichterstattung es waren natürlich für Intern sehr.. #00:23:40-1#

Hansi: #00:23:40-1# Es gibt Ausnahmen. Da muss ich sagen Nein. #00:23:41‑4#

Tobias: #00:23:41‑8# Wir wollen jetzt, da keinen verurteilen. #00:23:42‑7#

Hansi: #00:23:43‑2# Überhaupt nicht. #00:23:43‑3#

Tobias: #00:23:43‑5# Aber es war ja relativ starke internationale Berichterstattung vor Ort. Ja, hast du ausschließlich mit nationale, also österreichische Medien gesprochen oder sind wirklich, was weiß ich, „ABC“ oder Interviews geben? #00:24:01‑1#

Hansi: #00:24:01‑1# Ja haben wir auch versucht, ein bisschen englisch zu reden. Nein, nein, waren schon da und Olympische Spiele ist natürlich ein anderer Stellenwert, überhaupt kein Thema. Und von der Vergangenheit, von österreichischen Historie her, ist der Skisport in Österreich Nummer eins, gibt es ja nichts zu sagen. Und das Interesse der Journalisten war da. Der Medien war da. Und dieser Kampf Schweiz gegen Österreich sowieso extrem. Die Deutschen waren da dabei, Franzosen natürlich. #00:24:31‑0#

Tobias: #00:24:31‑7# Italiener waren recht stark. #00:24:32‑3#

Hansi: #00:24:33‑3# Ja waren auch gut dabei. #00:24:34‑4#

Tobias: #00:24:34‑9# Waren gut dabei. #00:24:35‑2#

Hansi: #00:24:35‑2# Aber europäisch natürlich. Japan war das Interesse irrsinnig groß, aber die haben keinen gehabt, damals zu der Zeit. Amerikaner waren da auch gut, muss ich auch sagen. Phil und Steve Mahre. Die waren da auch gut dabei. #00:24:47-8#

Tobias: #00:24:48-4#Kanadien war Ken Reed. #00:24:51-3#

Hansi: #00:24:51-4# Kanada war schon eine gute Truppe da. Spanier mit den Ochoa. #00:24:55‑8#

Tobias: #00:24:56‑1# Und der Willi Frommelt für die Liechtensteiner. #00:24:58‑1#

Hansi: #00:24:58‑8# Liechtensteiner sowieso, Willi Frommelt. #00:24:59‑2#

Tobias: #00:25:00‑4# Und natürlich bei den Frauen die Rosi Mittermaier. #00:25:02‑8#

Hansi: #00:25:03‑3# Ja die sowieso. Die Goldene Rose und der Christian. Super. Ja, ja. #00:25:07‑8#

Tobias: #00:25:08‑4# Du hast gesagt, du hast lieber daheim gewohnt, das O-Dorf gemieden. #00:25:11‑5#

Hansi: #00:25:12‑0# Wegen dem olympischen Dorf. #00:25:13‑0#

Tobias: #00:25:13‑6# Ähm. #00:25:14‑0#

Hansi: #00:25:14‑9# Nein, weil ich bin schon Heim gewesen bei der wo sie da die Zimmer eingeteilt haben. Aber es ist sehr spartanisch dahergekommen. Da hab ich mir gedacht, wenn ich da jetzt 14 Tage bleib, da bin ich da, das ist keine gute Vorbereitung. #00:25:27‑2#

Tobias: #00:25:27‑5# Der nächste negative Einfluss quasi für die Vorbereitung. #00:25:30‑4#

Hansi: #00:25:30‑8# Du musst dich irgendwie wohlfühlen, wenn du gute Leistung bringen willst. Ich meine, wieso sollte ich mich in einem Zimmer einsperren, wo ich mich nicht wohlfühle? Da kann ich meine Leistung nicht bringen. Sicher bist mit den anderen Athleten beieinander, aber damals ist es auch so gewesen, dass du bis zu einer gewissen Zeit hast ausgehen dürfen, dann hast Heim gehen müssen. Ich meine, wo sind wir denn? Das sind erwachsene Leute gewesen. #00:25:51‑8#

Tobias: #00:25:52‑2# Und es waren ja... #00:25:52‑8#

Hansi: #00:25:53‑2# Weltklasse Sportler. #00:25:53‑7#

Tobias: #00:25:53‑8# …zu der Zeit ja relativ strikte Kontrollen. #00:25:56‑7#

Hansi: #00:25:56‑9# Du hast mit Olympischen mit den Terroristen von 72 haben die natürlich mit Maschinengewehren aufgepasst. Unten, wo das für uns auch irgendwo ein Fremdkörper war. Das hat nicht gepasst. Man hat sich gefreut, mit den Athleten zusammen zu sein, sich auszutauschen, einfach miteinander. Das ist ja eine große Familie. Und auf einmal steht da einer mit Maschinengewehr da. Da darfst nicht hingehen. Da darfst nicht hineingehen. #00:26:18‑5#

Tobias: #00:26:18‑6# Und vor allem nicht, wenn du keinen Ausweis dabei hast. #00:26:20‑4#

Hansi: #00:26:20‑6# Ja, nachher bist du sowieso der Zweite gewesen. Haben sie dich gleich verhaftet? Nein. #00:26:23‑5#

Tobias: #00:26:24‑5# Das habe ich im Rahmen also, das habe ich jetzt bei einem anderen Interview auch gefragt. Das ist schon präsent gewesen. Ja, die vermehrte Kontrolle.  #00:26:29‑9#

Hansi: #00:26:30‑2# Natürlich ist auf der einen Seite die Angst dagewesen, weil die Bilder von 72, also das vergisst man ja nicht, wie der da eingebrochen sind und wie der dort erschossen haben, brutal. Und da hofft man natürlich, dass das nicht passiert ist Klar, dass die da sind und aufpassen auf die. Aber sie haben es übertrieben. Sie wollten es gut machen. Aber du bist eigentlich ja wie im Gefangenenhaus gewesen und das habe ich versucht zu vermeiden. Ich bin lieber auf der Seite gewesen, da hab ich mehr Ruhe gehabt. Fernsehprogramme hat es auch nur zwei gegeben zu der Zeit damals, also wunderbar. #00:27:03-9#

Hansi: #00:27:05-7# Aber eins möchte ich noch dazu sagen zu Olympia. Also wie gesagt, da ist für mich einfach die Welt zusammengebrochen. Es ist einfach ja selber ein junger Bursche, hat nicht begriffen, was da jetzt passiert, eigentlich alles ist eingestürzt auf dich. Und nachher ist etwas passiert, wo ich eigentlich im Nachhinein sogar stolz auf mich selber, dass ich es gemacht habe. Und zwar Katastrophe Ergebnis. Und auf die Nacht war die Abschlussfeier in der Olympiahalle. Und ich glaube, das können Sie sich vorstellen, wenn man, wenn man so einen beschissenen Tag gehabt hat oder eine beschissene Olympiade gehabt hat, dass du nicht gerne zur Abschiedsfeier gehst. Grad wo es einbricht, wo jeder sagt: Was willst du da? Schau, dass du weiterkommst! Schleich dich, Putz dich, Weg mit dir! Da hab ich gedenkt, so. Und da jetzt nur zu Fleiß mit der Verletzung. Geh zur Abschiedsfeier. Und bin hingegangen zur Abschiedsfeier. Bin mit der Mannschaft einmarschiert mit die, was noch dagewesen sind. Und im Nachhinein muss ich sagen, Gott sei Dank habe ich es gemacht. War für mich selber verdammt schwer. Es war brutal schwer. Es war einfach, was da daherkommt ist, links, rechts, von überall her grausig. Aber wie gesagt, nein. Ich verabschiede mich von Olympia mit dem, dass ich dorthin gehe und sag Pfiat di und vielleicht sehen wir uns noch einmal. Und das hat mir gut tun. Und es hat lange gedauert, bis ich wirklich mit Innsbruck einen Frieden geschlossen habe. Und das war interessanterweise beim Singen. Habe ich die Tournee gehabt. Und der letzte Tag vor der Tournee war Innsbruck in der Olympiahalle. Ja, genau da, wo ich hin marschiert bin, und habe so ein super schönes Abschiedskonzert gehabt mit meinen Männern, mit die Tiroler Echo von der Europatournee und wo ich nachher das letzte Lied gesungen hab, habe ich einen richtigen Frieden in mir gespürt und gesagt Ja, jetzt habe ich meine Ruhe. Das war schön. #00:28:55‑6#

Tobias: #00:28:56‑2# Das hast Du bist jetzt wieder gern in Innsbruck unterwegs. #00:28:59‑4#

Hansi: #00:28:59‑5# Ich bin immer gerne in Innsbruck unterwegs, aber es war. #00:29:00‑8#

Tobias: #00:29:00‑8# Aber es ist halt immer die. #00:29:02‑1#

Hansi: #00:29:02‑3# Ja klar, das hängt irgendwo nach. #00:29:04‑4#

Tobias: #00:29:04‑9# Nach die Spiele. Ist ja nur geringe Zeit gewesen, bis es ja wieder im normalen Skizirkus sozusagen weitergegangen ist. Wie? Ich glaube, es waren ja nur wenige Wochen, wenn überhaupt. Wie geht man da, weil man muss das Ganze ja verdauen Irgendwie. Oder dann verspätet. Hast du es dann in diesen zwei Wochen quasi schlucken können oder hat es dann gedauert bis nach der Saison? #00:29:27‑9#

Hansi: #00:29:29‑3# Es war so, dass ich im Gesamtweltcup Zweiter war, vor die Spiele. Dann ist das passiert mit der Verletzung und dann habe ich gesagt zum Primar Rass unsren Doktor damals gesagt Du, ich halte es daheim nicht aus, was soll ich da. Sagt er das Beste war, wenn es irgendwo weggefahren ans Meer, Wasser, Salzwasser, warmes Wetter. Jetzt haben wir 14 Tage frei und da sind die letzten Rennen in Amerika. Sag ich ja ist eine gute Idee. Das mache ich. Und da bin ich mit meiner damaligen Frau gesagt komm, zisch ma weg! Sind wir nach Gran Canaria geflogen. Keine Journalisten, nichts, frei. Und mir hat es gut tun. Mir hats wirklich gut tun. Das Meerwasser, Salzwasser und Therapien gemacht und so. Also, ich hab gemerkt, es wird besser. Dann komme ich zurück. 14 Tage später. Und da haben wir die Österreichische Mannschaftsmeisterschaften gehabt. Und da kam ich zurück, ließ in Paris umgestiegen sind im Flughafen Kronenzeitung „Hinterseer verschollen“ Titelseiten. Das Erste, was ich gesehen habe „Hinterseer verschollen“. Also, was ist jetzt wieder los? Ich komme heim. Rufe an den Toni. Scheißt mich der Toni zusammen, was bildest du dir eigentlich ein? Willst du nicht? Warum bist du einfach dahin. Ja was, der Arzt hats gewusst der Primar. Der hat gesagt er sagst euch. Hat es natürlich nicht gesagt. Und ich? Ich bin nicht mehr da gewesen. Jeder hat mich gesucht. Und da bin ich verschollen gewesen. Zu viel da, die ganzen Mander an und komm aus 14 Tage Gran Canaria, hab mich wirklich besser gefühlt wieder. Kam Heim und von gut telefonieren, scheißen sie mir alle zusammen. Komm sofort her zur Meisterschaft. Also nicht, dass ich da jetzt nicht schonen kannst, sondern du fährst jetzt da mit. Und wenn es nicht gut fahrst, fahrst gar nicht nach Amerika mit. Mit der Aussage, obwohl ich Zweiter war im Gesamtworldcup. Da sag ich, dass kann jetzt auch nicht sein. Damals war der Leitner Hias der Spartentrainer für Slalom Riesenslalom. Ruf den Hias an und sag, los mich aus, ich komme rüber. Und fahr den nächsten Tagen in der Früh hinüber zur Meisterschaft in Radstadt und gewinn mit zweieinhalb Sekunden Vorsprung. Und jetzt ist natürlich die Situation ganz anders gewesen und ich weiß nicht, da bin ich, weil es waren gewisse Reibereien da zwischen der Chefitäten und mein Vater war nicht mehr Trainer es war der Hias damals. Mein Vater der hat auch Streit gehabt mit mir, also es ist alles. Jedenfalls voll demonstrativ als junger Revoluzzer natürlich mit dem Sieg genussvoll hinauf auf den Start und schwing oben aber bleibt beim Hias stehen. Und weiter Ein bisschen weiter unten, 20 Meter weiter unten ist der Toni gestanden und steh ich so demonstrativ da. Ich sehe es noch heute. So, jetzt. Was ist jetzt? Und dann schreit der Toni hinauf: Am Montag oder? Und ich schrei hinunter, ein Haufen Leute sind da gewesen. Was ist am Montag? Ja, du weißt schon? Na, so genau weiß ich nicht. Ja, am Flughafen Amerika rüberfahren. Aber es hat keiner geredet mit mir. Musst du dir vorstellen. Es war so ein Zerwürfnis. Sicher habe ich auch viele Fehler gemacht. Ich bin ein sturer Hund gewesen und habe meine Sache durchgezogen, was nicht immer richtig war. Aber als Sportler sollst du deinen Weg gehen, kannst nicht mit der Mannschaft mitschwimmen. Du musst deinen Weg gehen. Du bist allein auf dem Startturm, du musst deine Leistung bringen. Und wenn es noch so ein kleiner, sturer Teufel bist oder Revoluzzer, der versucht hat, meinen Weg zu gehen. Obwohl ich gemerkt habe, der Hinterseer Bub, Sohn von Olympiasieger der muss auch so gut werden. Da war immer die Rivalität, immer der Neid da. Und ich habe gemerkt, die Harmonie bei den Training, das passt einfach nicht mehr. Und das war halt eine genussvolle Aktion, habe ich gesagt, da meinte er also wir treffen uns am Montag. Ja, super. Und das ist halt dann leider eskaliert nach Amerika, wo es überhaupt nicht mehr ging gegangen hat. Und im Endeffekt habe ich nachher mehr oder weniger den Geist aufgegeben. Ich wollte eigentlich nicht mehr. #00:33:36‑8#

Tobias #00:33:37‑8# Im Nachhinein gesehen war es ja nicht so. Natürlich wer weiß, was passiert wäre, wenn du weitergefahren wärst. Aber es hat sich eigentlich zum Guten gewandelt, weil du hast ja noch quasi zwei Karrieren hinter dir oder hingelegt. #00:33:49‑4#

Hansi: #00:33:50‑0# Ja, wie ich gesagt habe, wo eine Tür  aufgeht oder zugeht geht, eine andere auf wieder, ist ganz klar. Aber im Endeffekt musst du entscheiden, traust dich über das drüber oder sagst gleich nein, das ist nichts für mich. Und ich habe ja gesagt, ich war vielleicht damals noch nicht reif genug, das alles selber positiv oder aufzuarbeiten, um die bessere Situation draus zu machen. Es ist einfach viel zusammengefallen. Der Vater Streit, die Scheidung, der Großvater ist gestorben, das Material hat nicht mehr gepasst. Es sind alles so, die heile Welt ist irgendwie zusammengebrochen. Und ich habe mir gedacht, ihr könnt mich gern haben, ich gehe nach Amerika Und das war eigentlich eine super Sache, weil in der Zeit, als junger Mensch Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Super! Gehen wir! Fetz ma. Und der Andre war schon da, war Weltmeister und der hat mir erzählt, ist bärig und so und ja, da bin ich da mit und das hat mir richtig gut. Es war richtig bärig. #00:34:48‑6#

Tobias: #00:34:48‑9# Das heißt, es war irgendwie befreiend. Oder einfach der der Weg nach Amerika. Also schon viel Ballast da lassen können und drüben neu anfangen. Aber halt doch wieder so ein Neustart irgendwie ein bisschen oder. #00:35:01‑6#

Hansi: #00:35:01‑6# Absolut. Und vor allen Dingen. Was soll ich sagen? Du. Du bist für diesen wohlbehüteten Apparat ÖSV, wo alles organisiert wird, wo es Mittagsschlaf machst. Und du wirst sogar geweckt, dass du Nachmittags ja nicht zu spät zum Training kommst. Du hast keine Selbstständigkeit mehr, sondern du bist irgendwo eine Nummer, wo du einfach das Programm machen musst und dann kommst du nach Amerika und da musst du auf einmal alles selber machen. Flüge, Auto reservieren, du musst das Service organisieren, du musst dies und das und das organisieren. Du hast Verpflichtungen, dass du bei den Partys anwesend bist. Du musst gehen. Was natürlich super ist, weil du lernst fesche Weiberle kennen. Die Versuchung ist da, dass es vielleicht ein bisschen später erst Heim kommst. Aber mit dem musst du selber umgehen. Du musst mit der Versuchung einfach sagen Hey, Mann, ich habe morgen ein Rennen. Es nützt mir nichts, wenn ich jetzt mit der nachher vielleicht noch irgendwo etwas mache, weil das geht auf meine Substanz. Ich muss heim, ich muss trainieren, Ich muss, Ich muss da sein. Aber das alles selber zu managen, das war schon interessant von diesen wohlbehüteten Apparate ÖSV. Auf einmal selbstständig werden. Als junger Mensch und Amerika ist natürlich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und das war, muss ich sagen, ein guter Schritt für mich, dass ich das gemacht habe. #00:36:16‑5#

Tobi: #00:36:18‑1# Gehen wir noch mal zum Abschluss ganz kurz zu Olympia zurück. Bevor wir uns quasi ganz weit verlieren. Wenn du jetzt, wo wir jetzt quasi 50 Jahre weg sind, wieder bereust du die Teilnahme an die Spiele? #00:36:32‑2#

Hansi: #00:36:32‑3# Nein, überhaupt nicht. Überhaupt, das war ein Erlebnis für mich als junger Mensch. #00:36:35‑8#

Tobias: #00:36:35‑9# Trotzdem wissen, was man jetzt über den Ausgang natürlich. #00:36:39‑4#

Hansi: #00:36:39‑4# Das war herrlich. Wenn man einfach diese wissen Olympia, du bist bei der Mannschaft dabei, Du bist unten in Wien, beim Bundespräsidenten, bei der Angelobung, mit einem Anzug, mit den Wappen um die österreichische Nationalmannschaft. Also das war schon, das ist schon wert gewesen. Toll. Haben Sie sich gefreut als junger Mensch. Eine super Mannschaft zusammen gewesen. Mit Annemarie, Mit Franz, Mit Werner mit Alle zusammen. Toll. Einfach eine bärige Mannschaft gewesen. Der Toni Innauer, Habersatter wie sie geheißen haben die die Totschnig Gitti. Wir sind eine Mannschaft bärige gewesen. Wir haben uns richtig gefreut darauf. Und das Einzige, wo es losgegangen ist mit dieser depperten Einkleidung. Also wenn man sich vorstellt, einen Plastikanzug zu kriegen mit Gold Schwarz, ist das schon mal nicht in Ordnung. Aber dass dieser Plastikanzug, sagt der Name schon,  keine Luft durchlässt. Du bist noch eine Minute sauerstoffmäßig mit dem Muskel fertig gewesen. Also so eine Schnapsidee zu haben. Und da freuen Sie sich mit seinem gelben Anzug. Wenn man sich noch erinnern kann. Und Ich habe leider keinen an gehabt. Aber ist ja wurscht. Aber wenn man da einmarschiert sind als letzte Mannschaft der Olympischen Spiele Wir sind im Tunnel, haben wir warten müssen. Wir sind Gott sei Dank die letzte Mannschaft. Wir haben außerhalb warten können, vom Tunnel beim Einmarsch. Und alle anderen Mannschaften sind im Tunnel gewesen. Im Dreck, bei der Luft. Und die warten müssen das Einmarschieren haben dürfen. Und da sind wir lang gestanden, bis die Herrschaften, die Funktionäre, die Politiker kommen. Und was die Eröffnungsfeier. #00:38:15‑9#

Tobias: #00:38:16‑2# Technische Fehler waren. Also technischer Defekt. Dass das Mikro nicht funktioniert, hat am Anfang. #00:38:20‑5#

Hansi: #00:38:21‑3# Das hat auch schon nicht funktioniert. Und ich kann euch nur sagen der, der der Fußmarsch vom Tunnel, wo jetzt der Tunnel ist wo du mit dem Auto durchfährst bis zu der bis zum Stadion und über die Treppenaufgang ist mit der ganzen Mannschaft. Also das ist Erlebnis gewesen, muss man echt sagen. Aber ein Traum, wenn man da einmarschiert, sind die Haufen Tausenden verleiht den Stadion. Das ist schon beeindruckend gewesen. Ja, super. #00:38:47‑8#

Tobias: #00:38:48‑6# Hast es noch. Hast du Erinnerungsstücke an die Spiele von Olympia? #00:38:52‑4#

Hansi: #00:38:52‑5# Na ja, es ist immer so, dass man ich sag jetzt mal die Bekleidungsstücke, die an sich Rennanzug oder was immer, am Ende der Spiele oder der Weltmeisterschaften mit den Kollegen tauschen wird. Kein einziger hat uns gefragt, ob wir den depperten goldenen Anzug weitergeben, kein einziger. #00:39:08‑0#

Tobias: #00:39:11‑2# Das habe ich ganz vergessen zu fragen. Hast du dann andere Wettbewerbe verfolgt? Von Die Spiele hast du im Fernsehen. #00:39:16‑8#

Hansi: #00:39:16‑9# Das ist ja das Schöne. Die Spiele glaub ich Sportlerfamilie, große Familie. Und da kommen Typen daher, die man heute vielleicht vom Fernsehen durch die Berichterstattungen gesehen hat. Bewundert hat auch, was die für Leistungen bringen. Eislaufen zum Beispiel. Skispringen war damals bei uns noch nicht so, obwohl der Toni oder der Schnabel gewesen. Super bärig und alles zusammen. Aber es war noch nie zu diesem Hype, was jetzt ist. Aber Eislaufen, das war schon irgendwo interessant, oder andere Sportler. #00:39:46‑8#

Tobias: #00:39:46‑9# Eishockey? #00:39:47‑4#

Hansi: #00:39:47‑7# Eishockey natürlich sowieso. Eishockey, Die Russen und die Amerikaner, Die Kanadier, das war schon was, das für Typen sind, wenn man nachher im olympischen Dorf die Möglichkeit hat mit den allen beisammen sein. War schon bärig. #00:40:00‑7#

Tobias: #00:40:01‑2# Hast du mit? Also das heißt im olympischen Dorf hast du wirklich den Kontakt gesucht mit die anderen also. #00:40:06‑3#

Hansi: #00:40:07‑4# Einen Tag bin ich noch da gewesen und da sind wir in die Disco gegangen, weil es auch nicht geben, wo halt die Sportler hingehen und wo man halt einen Kontakt versucht hat, ein bisschen kennen zu lernen. Und ich kann mich noch erinnern, da war das die Olga Pall gewesen, damals eine Olympiasiegerin 68. #00:40:26‑1#

Tobias: #00:40:26‑3# Haben wir auch schon interviewt dazu. #00:40:29‑0#

Hansi: #00:40:29‑4# Und Olga war mit uns unterwegs in der Disco und der Klammer Franz und ich. Und dann sind wir in der Disco einander gelegen, ein bisschen tanzt, dann ist schon wieder am nächsten Tag die Vorbereitung für Hinterseer schauen anders aus. Weißt schon, immer diese Negativschüsse hinein. Also habe ich mir gedacht, da fahr ich lieber wieder heim. Brutal. Ja. #00:40:49‑6#

Tobias: #00:40:49‑9# Warst du in ein lokales? #00:40:51‑3#

Hansi: #00:40:51‑4# Das war in meinem Dorf. Das war. #00:40:53‑0#

Tobias: #00:40:53‑7# Achso im Dorf selber. #00:40:54‑1#

Hansi: #00:40:55‑2# Wo nur Sportler waren. #00:40:56‑6#

Tobias: #00:40:57‑2# Aha. Interessant. #00:40:57‑8#

Hansi: #00:40:57‑8# Ja, da hat es Restaurants gegeben, wo man hingeht. Frühstücken oder Abendessen. Spartanisch eigentlich. Und hat so einen Unterhaltungsraum gegeben. Damals sogenannten Anführungszeichen Disco. Platten aufgelegt hat und da sind wir beieinander gehockt ein bisschen tanzt und. Und wie gesagt, da waren wir beieinander, sind wir nebeneinander gelegen und da hat einer ein Foto gemacht und da ist das schon drinnen gestanden. Die Vorbereitung schaut so aus, fürn Hinterseer. #00:41:25‑2#

Tobias: #00:41:25‑7# Aber ich glaube, das hat sich bis heute auch noch nicht wirklich verbessert. #00:41:28‑5#

Hansi: #00:41:30‑0# Je nachdem, wo ein Journalist auf deiner Seite ist oder auch nicht. #00:41:33‑2#

Tobias: #00:41:34‑4# Hats durch die Spiele noch mit Sportlern Freundschaften geknüpft, die was über die Spiele hinaus. Die was davor vielleicht gar nicht so tief oder verbunden waren die was dann darüber hinaus irgendwie über die Zeiten überstanden sind. #00:41:47‑5#

Hansi: #00:41:48‑5# Also mit dem Skifahrer auf alle Fälle. Auf alle Fälle. Nach wie vor haben wir einen super Draht, wenn wir ihn sehen. Wir telefonieren miteinander oft. Bernhard Zum Beispiel Franz oder Christian. Und da gibt es genug. Franzosen zum Beispiel. Wirklich gut. Die Russen, die Eishockeyspieler waren unantastbar. Die sind irgendwie weg gewesen. Also das ist man gar nicht dazu gekommen. Aber wie ich schon gesagt habe, ich bin ein Tag da gewesen und es war für mich erledigt. #00:42:17‑3#

Tobias: #00:42:18‑3# Hat man was vergessen? Was da jetzt während des Gesprächs vielleicht wieder in den Kopf gekommen ist, was man von den Spielern noch berichten kann? 76. #00:42:27‑5#

Hansi: #00:42:29‑3# Die Euphorie der Menschen war großartig, war toll. Sehr fordernd natürlich für uns Athleten. Aber allein die Bereitschaft, die Hilfsbereitschaft der Freiwilligen, was da geholfen haben, ist ja auch nicht selbstverständlich. Du brauchst ja die Leute, die das Event ermöglichen, und die sind dabei gewesen. Olympische Spiele daheim in Tirol bärig Super. Und das ist eigentlich noch in Erinnerung geblieben. Und natürlich bekommen es mir als Sportler mit, Wir müssen gewinnen, wenn wir schon da sind euch zu helfen, dann müssen wir auch gewinnen. Nur das spielt sich auch nicht so leicht. Aber summa summarum war es schon eine wunderbare Erfahrung in mein Leben, was ich nicht missen möchte. Weil wer kommt wirklich schon zu Olympischen Spiele dazu mit der Leistung, dass er dabei ist? Und Sport ist einfach eine wunderbare Gabe, wenn man das Talent hat, im Sport groß zu werden. Da sollte jeder Junge versuchen, ob ers macht oder nicht. Oder aufgibt oder nicht. Aber er ist dabei und der Sport ist so prägend. Der Sport schult dein Leben. Wie in keiner Universität, weil du einfach als junger Mensch noch nicht geformt bist. Du hast Erfolg und Niederlage innerhalb kurzer Zeit und mit dem musst du umgehen. Und du bist allein. Da hilft dir keiner. Und deswegen sage ich auch immer wieder für die jungen Leute probiert. Es ist ganz egal. Macht es einen Sport dazu. Das ist so bärig. Und man trifft Leute. Man lernt Leute kennen. Durch Sport, durch den Erfolg, was du normalerweise nie hin kommst. Und das war eben mein Leben. Im Nachhinein muss ich sagen, da sind die Türen aufgegangen. Und wenn es noch die Gabe dazu hast, dass du halbwegs normal bist, dass dich normal verhaltest mit die Leute. Dass du nicht glaubst du fliegst daher ,fliegen geht sowieso nicht. Dann. Dann funktioniert es. #00:44:19‑7#

Tobias: #00:44:20‑4# Ich finde, es war eine wahnsinnig gute, abschließende Worte. Ich sage nochmal Danke Hansi für die Zeit. #00:44:26‑2#

Hansi: #00:44:26‑6# Ja, ich danke auch. Und im Grunde genommen ist für mich auch nett gewesen. Ein bisschen so das ja aufräumen. #00:44:34‑6#

Hanna: #00:44:38‑7# (...) Das war unsere Folge mit Hansi Hinterseer. Hören Sie auch nächste Woche wieder rein, wenn wir mit Toni Innauer sprechen. #00:44:45‑4#

Archivwürdig

In der Podcast-Sendung des Innsbrucker Stadtarchivs spricht Tobias Rettenbacher, Mitarbeiter des Stadtarchivs Innsbruck, mit Gästen über verschiedene, stadtgeschichtliche Themen.

3. Staffel:

Für die dritte Staffel wurde die bevorstehende Neugestaltung des Gedenkorts Reichenau als Anlass genommen, um vor allem über zwei Themenbereiche zu sprechen. Zum einen über verschiedene Aspekte des ehemaligen Arbeitserziehungslagers Reichenau, wie etwa dessen Entstehung und Nachnutzung oder archäologische Grabungen zum Lager. Zum anderen wird etwas allgemeiner auf die zugrundeliegende Thematik von Erinnerungskultur und Erinnerungsorten eingegangen.

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Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[Intro-Musik] Tobias: Hallo liebe Hörerinnen von Archivwürdig! Nach längerer Pause melde ich mich heute mit erfreulichen Nachrichten zur bevorstehenden dritten Staffel unseres Podcast. Das Wichtigste gleich vorneweg Die neue Staffel startet nächste Woche Donnerstag, den 28. November. Und neue Folgen erscheinen ausnahmsweise im wöchentlichen Rhythmus. Was erwartet Sie in der dritten Staffel von Archivwürdig? Wie Sie, liebe Hörerinnen, vielleicht den Medien entnommen haben, gab es einen internationalen Wettbewerb für einen zeitgemäßen Gedenkort in der Reichenau. Die bevorstehende Neugestaltung haben wir zum Anlass genommen, um zum einen über das ehemalige Arbeitserziehungslager Reichenau zu sprechen. Zum anderen wollen wir, anknüpfend daran auch auf die darüberstehende Thematik von Erinnerungskultur und Erinnerungsorten eingehen. Abschließend möchte ich den Hinweis geben, dass der Großteil der Folgen noch während des laufenden Wettbewerbs für den Gedenkort aufgezeichnet wurden. Sollten Sie Fragen, Wünsche oder Anregungen zu den einzelnen Folgen haben, dann erreichen Sie uns via Email unter podcast@innsbruck.gv.at. Wie gesagt, nächste Woche geht es los und es würde uns wie immer ausgesprochen freuen, wenn Sie fleißig reinhören. [Outro-Musik] Tobias: Archivwürdig ist eine Produktion des Stadtarchiv Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. #00:02:04‑8#

Reichenau: Lager und Zwangsarbeit

Reichenau: Lager und Zwangsarbeit

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur ersten Folge unserer dritten Staffel von Archivwürdig,

[00:00:06]  dem Podcast des Innsbrucker Stadtarchivs.

[00:00:10]  Zu Beginn unserer Staffel habe ich Sabine Pitscheider zum Gespräch eingeladen.

[00:00:15]  Sabine forscht seit vielen Jahren über die NS-Zeit in Tirol und war Teil der Expert:innenkommission

[00:00:21]  für die neue Gedenkstätte sowie Mitautorin einer Studie zum Arbeitserziehungslager Reichenau.

[00:00:28]  Gemeinsam sprechen wir vor allem über das Arbeitserziehungslager Reichenau,

[00:00:31]  aber auch ganz generell über die Lager- und Lagerarbeit in Tirol.

[00:00:36]  [Intro-Musik] Tobias: Liebe Sabine, danke, dass du heute mit mir über das Arbeitserziehungslager Reichenau sprichst.

[00:00:57]  Was auch ja, ich sage jetzt mal, das übergeordnete Thema der Staffel ist.

[00:01:01]  Und fangen wir vielleicht einfach wirklich ganz an der Basis an zum Arbeitserziehungslager Reichenau.

[00:01:08]  Seit wann gibt es denn das Arbeitserziehungslager Reichenau?

[00:01:11]  Sabine: Seit dem Winter 1941/42.

[00:01:14]  Und ursprünglich war daran gedacht, ein Auffanglager für italienische Arbeitskräfte zu errichten.

[00:01:20]  Weil das war genau die Zeit, als italienische Arbeitskräfte massenhaft aus dem deutschen Reich wieder Richtung Heimat wollten.

[00:01:26]  Und viele wurden am Brenner aufgegriffen.

[00:01:28]  Und das deutsche Reich wollte keine Arbeitskräfte verlieren.

[00:01:31]  Und daher war daran gedacht, die irgendwo zu sammeln und weiter zu verteilen, also nach einer Bestrafung.

[00:01:36]  Weil das war ja Arbeitsflucht und war verboten.

[00:01:39]  Und als die italienische Regierung davon erfuhr, waren sie nicht begeistert,

[00:01:43]  weil offiziell war Italien ja ein Verbündeter des deutschen Reiches

[00:01:46]  und mit Freunden geht man ja normalerweise so nicht um.

[00:01:49]  Und dann war eben die Weisung, ja gut, wenn das kein Auffanglager ist,

[00:01:52]  dann machen wir ein Arbeitserziehungslager

[00:01:54]  und Arbeitserziehungslager gab es über das ganze Reich verteilt, über 100.

[00:01:58]  Und die waren zur Disziplinierung vorgesehen.

[00:02:01]  Für jede Arbeitskraft, egal welche Staatsbürgerschaft.

[00:02:04]  Und dort sollten die Menschen diszipliniert zur Arbeit erzogen unter Anführungszeichen zu sehen, bitte.

[00:02:11]  Erzogen werden und nach einer gewissen Zeit der äußerst schlechten Behandlung wieder zurück an ihre alte Arbeitsstelle kommen

[00:02:17]  und dort weiter erzählen, wie schlecht es ihnen gegangen ist, damit die anderen nicht auch auf die Idee kommen, sich zu widersetzen.

[00:02:23]  Tobias: Die Wahl des Standortes, das ist ja nicht ganz willkürlich.

[00:02:27]  Sabine: Es war nicht willkürlich, wie du sagst.

[00:02:29]  Das NS-Regime hat dringend Lager gebraucht, um die vielen Arbeitskräfte unterzubringen,

[00:02:32]  egal ob jetzt Kriegsgefangene, freiwillige Zivilarbeiter oder Zwangsarbeiter.

[00:02:36]  Und haben meistens an Stadträndern oder Ortsrändern versucht, diese Infrastruktur zu schaffen.

[00:02:43]  Und das erste Lager in der Reichenau in diesem Gebiet, wo dann das AEL stand, war das Kriegsgefangenenlager der Stadt Innsbruck.

[00:02:50]  Und gleich anschließend war dann ein Zivilarbeiterlager der Stadt Innsbruck, im Laufe der Jahre

[00:02:54] kam noch ein Lager der Reichspost und ein Lager der Reichsbahn.

[00:02:57]  Und der Standort war insofern günstig gewählt aus NS-Sicht

[00:03:01]  Mit der Nordbrücke konnte man auf die andere Innseite

[00:03:05]  und dort war eine Straßenbahnhaltestelle.

[00:03:07]  Und zugleich lagen diese Lager fußläufig entfernt von den großen Baustellen der Stadt Innsbruck in Pradl.

[00:03:14]  Und damit zu Fuß auch erreichbar.

[00:03:17]  Tobias: Du hast nämlich jetzt eh schon angesprochen, die anderen Lager, was es ja noch auf städtischem Gebiet gab.

[00:03:22]  Wie ist denn auch das Arbeitserziehungslager jetzt von der Größe her einzuordnen auf Innsbruckerboden oder auch von der Wichtigkeit des Lagers?

[00:03:31]  Im Gegensatz vielleicht zu den Innsbrucker-Lagern noch oder weiteren Lagern.

[00:03:35]  Und vielleicht auch, wenn wir ein bisschen schauen, auf Tirol ein bisschen im Verhältnis sozusagen.

[00:03:41] Sabine: Innsbruck selber hat, also normalerweise hat jede größere Gemeinde ein eigenes Lager gehabt.

[00:03:46]  Die haben normalerweise die örtlichen Gewerbebetriebe ihr Personal eingemietet und dafür bezahlt.

[00:03:52]  Das heißt, das war im Prinzip wie ein Wirtschaftsunternehmen.

[00:03:54]  Genauso war das für die Stadt Innsbruck.

[00:03:56]  Und in den Lagern der Stadt Innsbruck in den beiden kamen theoretisch 750 Menschen unter.

[00:04:01]  Also es gab 750 Schlafstellen.

[00:04:03]  In Notfällen waren es oft mehr.

[00:04:06]  Und dann gab es eben die Lager von Firmen.

[00:04:10]  Das heißt, einige Unternehmen, vor allem Baufirmen, hatten eigene Firmenlager.

[00:04:14]  Die waren meistens klein, 100/150 Männer und wurden dann wieder verlegt, wenn die Baustelle fertig war.

[00:04:20]  Das heißt, das waren wirklich so Wanderlager.

[00:04:23]  Und das heißt, in Innsbruck selbst haben wir eben die Lager der Stadt Innsbruck mit an die 750 Personen.

[00:04:31]  Die kleineren Firmenlager oder größeren.

[00:04:34]  Und das AEL war mit 800 möglichen Unterbringungsplätzen gehörte zu den Großlagern von Innsbruck.

[00:04:43]  Die größten Lager in Tirol hatten aber die Lager der Kraftwerksbauten.

[00:04:47]  Also die TIWAG im Unterinntal und die Westtiroler Kraftwerke in West Tirol.

[00:04:53]  Und das waren, entschuldige ganz kurz, das waren Lager so mit 1.000, 1.500, 2.000.

[00:04:58]  Tobias: Das sind dann, so blöd das jetzt klingt, aber auch Häftlinge oder Inhaftierte von den Lagern,

[00:05:05]  also Tirol weit auch ausgetauscht worden, also dass sie für Arbeitseinsätze dann zum Beispiel ins Unterinntal gekommen sind.

[00:05:13]  Dort da dann für eine Zeit geblieben sind und dann wieder zurückgekehrt ins Arbeitslager kommen sind?

[00:05:17]  Sabine: Das war ganz üblich.

[00:05:18]  Das heißt, normalerweise eine Arbeitskraft, egal ob jetzt Zivil-, Kriegsgefangener oder zwangsverpflichtet,

[00:05:24]  konnte sich den Arbeitsplatz nicht aussuchen.

[00:05:26]  Zugeteilt hat das das Arbeitsamt nach wirtschaftlichen Überlegungen.

[00:05:30]  Das heißt, es war ganz üblich, dass jemand, der vielleicht zuerst beim Lager der Baufirma Retter auf der Ulfiswiese war,

[00:05:37]  kam dann ins Ötztal oder dann zu den Illwerken und im Winter vielleicht wieder zurück in die Stadt.

[00:05:42]  Das heißt, wir haben es zwar immer mit sehr vielen Menschen zur selben Zeit zu tun, die aber nicht immer die gleichen Menschen waren.

[00:05:48]  Tobias: Weil wir ja auch schon das Thema kurz angeschnitten haben.

[00:05:52]  Arbeitseinsätze sind an einer Baustelle, an ein Bauvorhaben gekommen.

[00:05:58]  Wie ist denn der formale Ablauf, wie man als Firma zum Beispiel an eine Arbeitskraft,

[00:06:05]  nennen das jetzt Arbeitskraft, das sind ja zwangsverpflichtete,

[00:06:08]  kommt, ist das ein formeller Akt, ein Schreiben, was man abschickt und dann bekommt man die Person?

[00:06:15]  Sabine: Es war komplizierter. [beide lachen]

[00:06:18]  Sabine: Also zuständig war einzig und allein das Arbeitsamt.

[00:06:21]  Das heißt, wenn eine Firma eine Arbeitskraft brauchte, männlich, weiblich, alt, jung, egal,

[00:06:25]  musste ein Ansuchen an das Arbeitsamt gestellt werden.

[00:06:28]  Und dann musste man beweisen, dass man die Arbeitskraft auch unterbringen konnte.

[00:06:32]  Deshalb gab es ja diese vielen Firmenlager und Gemeindelager.

[00:06:35]  Und erst wenn das gesichert war, ging das Arbeitsamt daran, so eine Person zu suchen.

[00:06:40]  Es gab mit befreundeten Staaten, hatte das NS-Regime Anwerbeabkommen,

[00:06:44]  mit Italien, Bulgarien, Ungarn und so weiter.

[00:06:47]  Und das heißt, in diesen Ländern gab es Anwerbebüros, wo sich Menschen bewerben konnten,

[00:06:52]  um eine Arbeit im Deutschen Reich, wenn sie gesund und arbeitsfähig waren

[00:06:55]  und nicht feindlich eingestellt, kamen sie ins Deutsche Reich zur Arbeit.

[00:06:58]  Das waren die Freiwilligen.

[00:07:00]  Wobei die Freiwilligkeit sich sehr relativiert, weil wenn sie im Deutschen Reich,

[00:07:03]  wenn ihnen die Arbeit nicht gefiel und sie wollten gehen, ging das nicht mehr.

[00:07:06]  Und ab dann war das eher eine Zwangsarbeit.

[00:07:10]  Und das Arbeitsamt hat dann eben bei diesen Anwerbebüros angefragt

[00:07:14]  und es kamen immer wieder... entweder die Leute kamen einzeln ins Reich oder mit Transporten.

[00:07:19]  Und mit Transporten kamen sie vor allem aus den besetzten westlichen Gebieten der Sowjetunion,

[00:07:26]  heute Ukraine und Weißrussland, die unterlagen besonderen strengen Bestimmungen.

[00:07:32]  Sie mussten ein eigenes Kennzeichen tragen, damit jeder sofort wusste,

[00:07:35]  dass er es mit unter Anführungszeichen "Untermenschen" zu tun hatte.

[00:07:39]  Und mit diesen Deportationszügen kamen sie gesammelt ins Reich

[00:07:43]  und wurden dann an die Arbeitsämter verteilt und die Arbeitsämter verteilten sie dann wieder auf die einzelnen Firmen.

[00:07:48]  Wann die Arbeitskraft einlangte, konnte niemand sagen, weder das Arbeitsamt noch sonst wer,

[00:07:53] das heißt im Prinzip haben die Firmen, die wirklich Arbeitskräfte brauchten,

[00:07:57]  eine enorme Ausdauer gebraucht, bis sie überhaupt jemanden bekommen.

[00:08:02]  Sie durften nicht jemanden einstellen, der sich frei bei ihnen beworben hatte, das war nicht möglich.

[00:08:06]  Es kam zwar vor, aber theoretisch war das nicht möglich.

[00:08:09]  Einzig zuständig, das Arbeitsamt.

[00:08:11]  Tobias: Wäre es auch möglich gewesen, dass die Arbeitskraft auch einfach gar nicht gefunden worden ist

[00:08:15]  und dann sozusagen es nie zur Überstellung einer Arbeitskraft gekommen ist?

[00:08:20]  Sabine: Ja, das ist durchaus vorkommen.

[00:08:22]  Das Arbeitsamt, da hat einfach die Meldung lapidar gelautet, derzeit nicht möglich.

[00:08:26]  [Drehgeräusch] Tobias: Gehen wir vielleicht wieder nur den Schritt zurück zum Arbeitserziehungslager in der Reichenau.

[00:08:34]  Du hast ja schon gesagt, die werden registriert, an und für sich,

[00:08:38]  kommen herein, die kommen jetzt aus dem Osten, verschiedene Standorte,

[00:08:42]  die treffen in dem Lager ein,

[00:08:44]  werden die dann.. oder wie penibel werden die auch registriert, die Ankommenden?

[00:08:50]  Sabine: Das war davon abhängig, ob es Kriegsgefangene oder Zivilarbeiter waren.

[00:08:54]  Kriegsgefangene wurden in den Kriegsgefangenenstammlagern,

[00:08:58]  die meisten, die nach Tirol kamen, kamen aus Markt Pongau, heute St. Johann im Pongau.

[00:09:03]  Die hatten eine Nummer und der ganze Schriftverkehr lief zwischen der Leitung des Stammlagers und dem Arbeitsamt.

[00:09:10]  Das Unternehmen selbst hatte damit nichts zu tun.

[00:09:12]  Das mietete nur die Arbeitskraft dieser Männer.

[00:09:15]  Und wöchentlich musste das Kriegsgefangenenlager dem Bürgermeister des Ortes, wo das Lager lag,

[00:09:20]  melden, wer in diesem Lager momentan interniert war, inhaftiert war

[00:09:26]  und welcher Firma diese Leute zugeteilt waren.

[00:09:29]  Diese Listen gibt es großteils nicht mehr.

[00:09:31]  Bei Zivilarbeitern war das so, das lief unter dem Ausländerbeschäftigungsgesetz,

[00:09:35]  so wie heute. Es gab bei jeder Bezirkshauptmannschaft eine Ausländerbehörde,

[00:09:39]  da gab es dann eine befristete Aufenthaltsbewilligung, die Menschen, wurden sozial versichert,

[00:09:44] und bekamen einen eigenen Ausweis als ausländische Arbeitskraft, so wie wir das heute auch kennen.

[00:09:50]  Tobias: Wie siehst du den Unterschied jetzt von einem Arbeitserziehungslager zu einem Konzentrationslager?

[00:09:56]  Sabine: Der Hauptunterschied liegt im Zweck des Lageraufenthalts.

[00:10:02]  Um das jetzt einmal... Tobias: Pauschal zu sagen. Es ist schwierig des... Sabine: Es ist sehr schwierig, aber normalerweise, muss man sagen, in einem AEL war das Ziel nicht der Tod des Menschen,

[00:10:13]  weil der sollte ja wieder in einen Arbeitsprozess zurück.

[00:10:16]  Und nachdem es an Arbeitskräften ja gemangelt hat, war im Prinzip die Erhaltung der Arbeitskraft das Ziel.

[00:10:22]  Das hat mit der Praxis im Arbeitserziehungslager dann herzlich wenig zu tun.

[00:10:30]  Was aber auch daran liegt, dass das Arbeitserziehungslager Innsbruck jede Menge andere Funktionen übernommen hat.

[00:10:37]  Es war zum Beispiel ein Transitlager für depotierte Jüdinnen und Juden aus Italien, auf ihrem Weg nach Auschwitz.

[00:10:43]  Und während sie hier interniert waren, mussten sie natürlich auch Arbeit leisten und wurden extrem schlecht behandelt,

[00:10:50]  weil sie als unter Anführungszeichen "Untermenschen" überhaupt keinen Lebenswert hatten.

[00:10:54]  Oder Arbeitskräfte, die nach dem Italien abgefallen ist, ab Sommer 1943, wurden Arbeitskräfte Italiener,

[00:11:04]  die streikten über das Lager Reichenau in das deutsche Reich deportiert.

[00:11:09]  Die wurden extrem schlecht behandelt.

[00:11:11]  Die haben einige Tote aus diesen depotierten italienischen Arbeitern.

[00:11:15]  Und dann hat das Lager noch die Funktion eines, nennen wir es, Depot für politisch Missliebige.

[00:11:25]  Zum Beispiel als im Sommer 1944, das Attentat auf Hitler scheiterte,

[00:11:29]  kam es ja im ganzen Reich zu Verhaftungen.

[00:11:31]  Und auch in Tirol, wo diejenigen, die als politische Feinde angesehen wurden, interniert im Arbeitserziehungslager Reichenau.

[00:11:38]  Noch einmal war das der Fall im April 1945 dann.

[00:11:42]  Oder wir haben im Frühjahr 1943 diese Aktion, dass der Gauleiter Hofer wollte Tirol unbedingt judenfrei bekommen

[00:11:50]  und hat einfach die jüdischen Ehepartner von Arischen in arischen Ehen verhaften lassen

[00:11:56]  und hat sie im Arbeitserziehungslager Reichenau deponiert, auf ihrem Weg nach Auschwitz.

[00:12:02]  Diese Menschen wurden wieder anders behandelt.

[00:12:04]  Das heißt, wir haben einerseits eben diese Arbeitserziehung, wo das Ziel war, nicht töten,

[00:12:09]  weil die Arbeitskraft erhalten bleiben soll und dann haben wir wieder Menschen dort inhaftiert gehabt,

[00:12:14]  wo es egal war, ob sie leben oder sterben.

[00:12:17]  Und das hat einfach mit dem Funktionswandel des Lagers zu tun, dass es sehr schwierig zu sagen ist,

[00:12:22]  wo der Unterschied zu einem KZ eigentlich sein soll.

[00:12:26]  Tobiaa: Ich verstehe ja, weil es einfach die, die, von Personengruppen im Lager schon unterschiedlich ist.

[00:12:32]  Sabine: Es ist einfach davon abhängig gewesen, wie das NS-Regime einen Menschen eingestuft hat in seinem "Wert".

[00:12:38]  Und es hat eben Wertlose gegeben und Menschen, die wertvoller waren.

[00:12:42]  Also die Vorschriften haben eigentlich besagt, dass jemand maximal 56 Tage zur Arbeitserziehung dort bleiben soll.

[00:12:48]  Und Arbeitserziehung hat dann bedeutet, Zwangsarbeit normalerweise für die Stadt Innsbruck.

[00:12:52]  Tobias: Du hast gesagt, normalerweise, das heißt, das ist nie der ... also ...

[00:12:56]  Sabine: Mit der Zeit haben sich die Grenzen, je länger der Krieg gedauert, hat desto eher sind Vorschriften einfach ignoriert worden.

[00:13:02]  Und zum Beispiel diese Grenze von 56 Tagen hat nicht für die sogenannten Ostarbeiter gegolten und für diese Deportierten aus der West-Sowjetunion.

[00:13:09]  Die durften unbegrenzt ausgebeutet werden, weil die waren sowieso ganz, ganz unten in der Hierarchie des Menschenwertes.

[00:13:18]  Und deshalb ... also es ist sehr schwierig zu sagen.

[00:13:22]  Tobias: Es ist nicht einfach.

[00:13:23]  Und deswegen habe ich mir gedacht, ich frags jetzt trotzdem einmal, weil es ist für die Menschen da draußen,

[00:13:29]  weil man hört immer Arbeitserziehungslager Reichenau aber ...

[00:13:32]  Sabine: Was ist das?

[00:13:33]  Tobias: Was ist das und warum gibt es dann KZ, warum gibt es die Auffanglager, dieses Lager, da ...?

[00:13:39]  Sabine: Ja. Das deutsche Lagersystem war sehr diffizil mit den unterschiedlichen Funktionen, die dazu geschrieben wurden.

[00:13:45]  Weil jetzt zum Beispiel, ein normales..., also in einem Kriegsgefangenen Lager war das Ziel nicht töten.

[00:13:50]  Tobias: Ja. Sabine: Das Ziel war Arbeitskraft ausbeuten.

[00:13:52]  Also in einem Arbeitskriegsgefangenenlager.

[00:13:55]  In den Stammlagern zum Beispiel war die Überlebenswahrscheinlichkeit je höher, desto westlicher du warst.

[00:14:02]  Also ein Sowjetischer Kriegsgefanger, die Überlebenswahrscheinlichkeit eines sowjetischen Kriegsgefangenen war gering,

[00:14:07]  weil die einfach schlechter behandelt wurden.

[00:14:09]  Weil je nachdem, woher jemand gekommen ist, hat man die Nahrung... die Menge an Lebensmitteln bekommen... oder eben nicht.

[00:14:17]  Tobias: Dasselbe wird auch für Kriegsgefangene gelten.

[00:14:19]  Sabine: Auch. Auch wobei bei den Kriegsgefangenen normalerweise die Stalagleitung da die Vorschriften gemacht hat.

[00:14:26]  Da hat das Regime selber nicht so eingreifen können.

[00:14:29]  Und die Stalag hat sich ja wirklich richten müssen, eigentlich nach der Genfer Konvention.

[00:14:34]  Da hat das NS-Regime nicht so radikal eingreifen können wie jetzt in einem Zivilarbeiterlager.

[00:14:40]  In einem Zivilarbeiterlager hat die Sache ja anders ausgeschaut.

[00:14:43]  Da war kein Rotes Kreuz und keine Genferkonvention.

[00:14:46]  Da hätten normale Menschenrechte genügt, aber Menschenrechte haben im NS-Regime einfach nicht existiert.

[00:14:50]  Zumindest nicht für diese Menschen.

[00:14:52]  Tobias: Feiner Unterschied.

[00:14:53]  Sabine: Es ist ein Unterschied.

[00:14:54]  Tobias: Aber das was viel ausmacht.

[00:14:56]  Sabine: Das macht ganz viel aus.

[00:14:57]  Es ist zum Beispiel dann so, ab dem Zeitpunkt, dass ab... sagen wir, dem Frühjahr 1942,

[00:15:02]  hatte das NS-Regime begonnen, Millionen von Menschen aus den westlichen Gebieten,

[00:15:05]  der Sowjetunion zu deportieren.

[00:15:07]  Und ab dem Zeitpunkt ist die Zahl der Kriegsgefangenenlager tendenziell zurückgegangen.

[00:15:12]  Und es sind mehr Ostarbeiterlager eingerichtet worden.

[00:15:15]  Weil die einfach... schlimmer zu behandeln waren, ohne dass einem was passiert.

[00:15:20]  Weil wenn man jetzt zum Beispiel schaut für die Disziplin, also wenn jetzt zum Beispiel ein Kriegsgefangener zu fliehen,

[00:15:25]  versucht hat, was sehr oft vorkommen ist, weil die Grenzen waren nahe und sehr verlockend.

[00:15:30]  Da war dann die Wehrmacht zuständig.

[00:15:32]  Das heißt, da wurde wieder aufgegriffen.

[00:15:34]  Da wurde ja Wehrmachts-Offizier informiert, da ist abgeholt worden und ins Stammlager zurückgebracht worden.

[00:15:39]  Versuchte ein Zivilarbeiter zu fliehen, war die Gestapo zuständig.

[00:15:42]  Das heißt, es war einfach viel einfacher.

[00:15:44]  Weniger Abstimmungsbedarf, nahe Befehlskette.

[00:15:48]  Und Zivilarbeiter haben, also gerade die sogenannten Ostarbeiter haben extrem wenig Geld verdient.

[00:15:54]  Das war kein Lohn, das war eine Art von Aufwandsentschädigung.

[00:15:57]  Und sie haben weniger zu Essen bekommen als andere.

[00:16:00]  Also man hat eine italienischen Arbeitskraft nicht mit dem Essen abspeisen können, das Ostarbeiter bekommen haben.

[00:16:06]  Tobias: Du hast gerade auch angesprochen, die Fluchtversuche vor allem bei den Kriegsgefangenen sind bei deiner Recherche,

[00:16:13]  ist dir untergekommen, dass es vom Arbeitserziehungslager auch Fluchtversuche gegeben hat?

[00:16:17]  Erfolgreiche oder unerfolgreiche?

[00:16:20]  Sabine: Keine.

[00:16:21]  Tobias: Keine, oder?

[00:16:22]  Sabine: Nein, also nicht nach den Akten.

[00:16:25]  Und das Problem mit den Akten ist, dass die Gestapo im April 1945 ihre Akten verbrannt hat.

[00:16:32]  Das heißt, wir wissen, über das Arbeitserziehungslager oft nur Bescheid aus Gerichtsprozessen,

[00:16:38]  aus Totenscheinen, aus Zeitzeugenaussaugen, aber nicht aus wirklich eigenem Aktenmaterial.

[00:16:45]  Tobias: Das wäre eh die nächste Frage, wie schwierig das ist,

[00:16:49]  ein Lager von der Größe auch irgendwie nachzuzeichnen, wo ja doch eine Vielzahl von der Aktenlage ja zerstört worden ist.

[00:16:57]  Sabine: Interessanterweise verstecken sich in Gemeindearchiven relativ,

[00:17:00]  viele Unterlagen. Das müsste man mal genauer, da müssten dann die Gemeindechronisten,

[00:17:04]  Ortschronisten sich einmal um diese Sache bemühen, weil Gemeindearchive oft wahre Schätze bergen,

[00:17:09]  die nirgendwo sonst mehr aufscheinen. Man bekommt relativ viele Informationen aus Prozessakten,

[00:17:16]  nach 1945, die Prozesse vor dem Volksgericht, die ja nicht nur Hochverrat geahndet haben,

[00:17:22]  sondern auch Kriegsverbrechen. Da bekommt man, also wenn dann ein Prozess gegen jemanden,

[00:17:29]  der Kriegsgefangene oder Zivilarbeiter misshandelt hat, da bekommt man Informationen, wie das einzelne

[00:17:34]  Lager funktioniert hat. Man bekommt Informationen eigentlich aus vielen verschiedenen Quellen,

[00:17:40]  Landesbauamt, wenn es darum geht er geeignet, einen geeigneten Standort für ein Lager zu suchen. Oder wenn

[00:17:45]  eine Firma möchte ein Lager errichten und wendet sich an das Stadtbauamt Innsbruck und das

[00:17:50]  Stadtbauamt sagt, nein, wir wollen nicht, dass man bei der Orts-Einfahrt sofort ein Lager sieht,

[00:17:54]  weil es wirklich auf den Tourismus abschreckend. Und deshalb ist ja zum Beispiel diese Lager in der

[00:18:00]  Reichenau, die waren ja alle relativ eng beieinander, einfach weil der Gauleiter gesagt hat,

[00:18:05]  ich will nicht, dass die Lager über die ganzen Stadt verteilt sind, es ist sicherheitsmäßig

[00:18:08]  einfach ein Unding. Die Firmen wollten, es war ein bisschen ein Widerstreit, die Firmen wollten die

[00:18:12]  Lager möglichst nahe beim eigenen Firmengelände und der Gauleiter wollte sie möglichst an

[00:18:16]  zwei Orten konzentriert haben, damit es nicht jedem gleich so auffällt. Tobias: Das ist eh ja auch ein guter

[00:18:22]  Punkt, den du da ansprichst, dass sie nicht jedem auffallen. Ich weiß es nur aus einigen

[00:18:27]  oder zumindest aus einem Interview, was ich geführt habe mit einer Zeitzeugin, die gesagt hat,

[00:18:31]  sie hat die nie gesehen durchmarschieren, die Zwangsarbeiter. Wie siehst du das? Es muss ja von

[00:18:39]  die Leute, vor allem wenn sie für Arbeitseinsätze ja von Firmen verwendet werden, die müssen ja

[00:18:45]  eigentlich wissen, woher die Leute sind oder wo die, also nicht, wo ihre ursprüngliche Heimat ist,

[00:18:51]  aber wo die derzeitig sind. Sabine: Mhm. Ja. Tobias: Also die Aussage quasi, wie man sie auch immer hat, man hat nichts gewusst.

[00:18:58]  Sabine: Nein, das ist unglaubwürdig. Zwangsarbeiter waren in jeder Gemeinde, auch in der Kleinsten und wenn sie

[00:19:04]  nur bei einem Bauern einer war, die waren überall. Und in der Stadt haben sie sich überhaupt nicht

[00:19:11]  verbergen lassen, weil zum Beispiel die Häftlinge des AEL mussten eigene Kleidung tragen und aus

[00:19:15]  Ressourcenmangel hat es diese eigene Kleidung nicht mehr geben, dann hat die Gestapo einfach die

[00:19:18]  Zivilkleidung der Gefangenen mit Ölfarbe beschmiert. Damit man erkennt, dass es Häftlinge sind.

[00:19:23]  Und normalerweise haben ja die Menschen ja Zivilkleidung getragen. Das heißt,

[00:19:28]  Zivilarbeiter sind mit Zivilkleidung angereist und Kriegsgefangene haben die Uniform getragen,

[00:19:34]  was ihre Flucht erschwert hat. Weil damit der Kriegsgefangene erfolgreich fliehen konnte,

[00:19:39]  hat er Zivilkleidung gebraucht und was auch noch sehr schwierig war, ist, dass Kriegsgefangene bekamen

[00:19:44]  Geld für ihre Arbeit, aber nicht in Reichsmark, sondern in Lagergeld. Das waren so Gutscheine,

[00:19:49]  die nur in der Lagerkantine eingetauscht werden konnten. Das heißt, wollte jemand erfolgreich

[00:19:53]  fliehen, brauchte er erstens mal gute Geografiekenntnisse, zweitens wenn möglich ein wenig Sprachkenntnisse,

[00:19:59]  drittens Zivilkleidung und viertens richtiges Geld. Tobias: Mhm. Nicht so leicht zum Erhalten. Sabine: Schwierig.

[00:20:06]  Tobias: Und vor allem ohne Mithilfe einer lokalen Bevölkerung. Sabine: Das hat die Mithilfe der

[00:20:11]  lokalen Bevölkerung gebraucht. Richtig.

[00:20:13]  [Drehgeräusch] Wir haben jetzt sehr viel von den Zwangsarbeitern Kriegsgefangenen gesprochen. Gab es denn auch

[00:20:23]  weibliche Gefangene in der Reichenau bzw. in ganz Tirol?

[00:20:28]  Sabine: Also Kriegsgefangene sind per se männlich. Das ist klar. Unter den zivilen Arbeitskräften

[00:20:34]  muss man eben unterscheiden zwischen jenen, die aus verbündeten Staaten gekommen sind,

[00:20:37]  die theoretisch freiwillig waren. Dann diejenigen, die aus neutralen Staaten kommen, in Vorarlberg

[00:20:43]  betrifft es vor allem Bürger aus der Schweiz. Oder wo die Staatsbürgerschaft ungeklärt ist.

[00:20:49]  Aber wenn man sich, wenn man sich, es gibt verschiedene Statistiken zu verschiedenen

[00:20:52]  Zeitpunkten, im Dezember 1943 waren fast drei Viertel aller in Tirol Beschäftigten

[00:20:59]  Zivilarbeiter aus besetzten Staaten, die vermutlich nicht freiwillig da waren. Und wenn man sich diese

[00:21:06]  diese fast drei Viertel nochmal extra anschaut, dann muss man sagen, dass die überwältigende Mehrheit

[00:21:12]  davon kam entweder aus Polen oder aus den besetzten Westgebieten der Sowjetunion und hier

[00:21:17]  vor allem aus der Ukraine. Und was man noch einmal sieht, ist, wenn man sich das nach Geschlecht

[00:21:22]  anschaut, dass die überwiegende Mehrheit dieser Zwangsarbeiterinnen Frauen waren. Das heißt,

[00:21:29]  wir haben ab dem Frühjahr 1942 wird Zwangsarbeit nicht nur tendenziell weiblicher, sondern und

[00:21:34]  ganz wichtig tendenziell jünger. Deportiert wurden diese Menschen ab dem Alter von 14,

[00:21:39]  aber es waren auch jüngere möglich. Das heißt, wir haben in den meisten Lagern, die vor allem

[00:21:44]  mit Osterarbeiter:innen arbeiten, sind Jugendliche. Tobias: Die sind aber nicht hauptsächlich in der Reichenau

[00:21:51] gewesen. Sabine: Nein, die waren vor allem in der Landwirtschaft, in den sogenannten Aufbaugenossenschaften.

[00:21:56]  Jedes Jahr hat der Gau Aufbaugemeinden ernannt und die wurden besonders mit Geldmitteln subventioniert,

[00:22:02]  Güterwegebau, Materialseilbahnbau usw. Und jede dieser Aufbaugemeinden hatte

[00:22:08]  ein eigenes, ein sogenanntes Russen- oder Ostarbeiterlager. Und da waren die Mehrheit weiblich.

[00:22:13]  Tobias: Kaum vorzustellen eigentlich. Sabine: Kaum vorzustellen. Andererseits hat das NS-Regime den

[00:22:18]  Menschen aus dem Osten einen nur einen geringen Menschenwert beigemessen. Was diesen Frauen

[00:22:22]  widerfahren ist, ist, die wurden nicht nur extrem ausgebeutet. Textilwirtschaft, Textilindustrie,

[00:22:27]  Landwirtschaft, teilweise auch beim Bau. Sie mussten auch erleiden, dass zum Beispiel,

[00:22:31]  wenn sie schwanger wurden, an ihnen Zwangsabtreibungen vorgenommen wurden.

[00:22:34]  Tobias. Ich könnte mir auch vorstellen... Sabine: Und Vergewaltigungen hat es natürlich auch gegeben.

[00:22:38]  Tobias: Ich wollt jetzt grad... Sabine: Richtig. Tobias: Das... Sabine: Ja, das ist Begleiterscheinung von Zwang.

[00:22:44]  Tobias: Das heißt, die waren in den Orten, also in den Einsatzgebieten vor Ort in eigenen Lagern.

[00:22:49]  Oder gibt es noch ein anderes Lager, was da in der Hinsicht für Frauen von Interesse oder von

[00:22:54]  Wichtigkeit ist? Sabine: Ja, also das AEL der Gestapo in der Reichenau war ja nur für Männer,

[00:23:00]  theoretisch. Es waren auch Frauen dort, aber nur kurzzeitig. Und das heißt, weibliche

[00:23:05]  Arbeitserziehungshäftlinge kamen in das Firmenlager der Firma Heinkel nach Jenbach,

[00:23:09]  heute Jenbacher Werk. Tobias: Und weiß man was mit den Frauen passiert ist, nach dem sozusagen, also entweder mit

[00:23:15]  Ende vom Regime, sind die dann alle wieder zurück in ihre Ursprungsländer gekommen?

[00:23:21]  Sind manche dageblieben? Ist das schwer zu fassen, wahrscheinlich, oder? Sabine: Es ist schwer zu fassen.

[00:23:26]  Das ist ein leeres Forschungsfeld, was Tirol angeht. Wichtig ist dabei zu unterscheiden,

[00:23:32]  aus welchem Land kamen sie. Also Französinnen, die gingen natürlich zurück, Niederländerinnen

[00:23:36]  und so weiter. Aber bei den Verschleppten aus dem Osten hängt es davon ab, aus welchem Land

[00:23:41]  sind sie gekommen und haben sie noch familiäre Bindungen? Weil zum Beispiel, wie es in der

[00:23:45]  Ukraine war, die Ukraine war großteils zerstört. Viele Familien existierten einfach nicht mehr.

[00:23:51]  Die Frauen waren jung, 15, 16 Jahre, viele sind hier geblieben, manche haben hier geheiratet

[00:23:56]  und Kinder bekommen, ganz normal. Tiroler Familie geworden. Andere sind zurück und

[00:24:01]  es war vor allem schwierig in Länder zurückzukehren, die von der sowjetischen Armee besetzt waren,

[00:24:07]  weil viele wurden verdächtigt, sich mit dem Feind eingelassen zu haben, egal ob sie jetzt

[00:24:12]  deportiert worden sind oder nicht. Und sie galten als Volksverräter und Landesverräter.

[00:24:18]  Es war sehr, sehr schwierig. Und was es auch noch gegeben hat, wir haben in Tirol ja einige große

[00:24:23]  Lager. Das größte Lager für ehemalige Zwangsarbeiter war das in Kufstein auf dem Kasernengelände.

[00:24:29]  Und ab 1945/46 bemühte sich die damalige UN-Flüchtlings-Hilfsorganisation darum,

[00:24:36]  für sie Aufnahmeländer zu finden. Also Auswanderung Südamerika, USA, Frankreich,

[00:24:43]  Weg aus Europa. [Drehgeräusch] Tobias: Und machen wir wieder einen Sprung ein bisschen in der Zeit. Wir gehen auf das Ende

[00:24:54]  des Krieges zu. Das Lager ist befreit worden. Gibt es da Berichte wie über die Befreiung des

[00:25:01]  Lagers oder Erinnerungen an die Befreiung des Lagers? Sabine: Es gibt erste Ermittlungen,

[00:25:06]  weil die Amerikaner sind angereist mit einer eigenen Kriegsverbrecher-Abteilung. Es gibt

[00:25:12]  erste Berichte dieser Kriegsverbrecher-Abteilung, die versucht haben Zeugenaussagen aufzunehmen,

[00:25:17]  auch mit Tätern. Und aber es gab Anfang Juli 1945, einen Zonentausch. Und dann kam die

[00:25:23]  französische Militärregierung und die musste wieder von vorne beginnen. Und das heißt,

[00:25:28]  wir haben eigentlich bis zum großen Prozess gegen den Gestapo-Chef Hilliges und einigen

[00:25:33]  Tätern des AEL gab es zwar Gerüchte und es gab immer wieder kleinere Prozesse, aber so diese

[00:25:39]  große, geballte Information haben wir eigentlich im Prinzip erst mit den Ermittlungen gegen diese

[00:25:45]  Personen. Tobias: Und sind da Unterlagen von den Ermittlungen wahrscheinlich dann in Paris noch verwahrt? Oder

[00:25:51]  gibt es da auch lokale noch? Sabine: Sie sind teilweise in Paris, weil der Prozess gegen Hilliges und die

[00:25:57]  anderen nicht vor einem österreichischem Gericht stattgefunden hat, sondern vorm

[00:26:00]  französischem Gericht in Innsbruck. Tobias: Im.. wie heißt es... Im? Sabine: Im Landhaus. Ja, weil sobald unter den misshandelten oder

[00:26:10]  Toten, Angehörige der Alliierten waren, also US-Amerikaner, Briten und so weiter, hat die

[00:26:16]  französische Militärjustiz übernommen. Und das war dann eben ein Höchstgericht in Innsbruck.

[00:26:21]  Und das heißt, wir haben bei dem Reichenauprozess einerseits Unterlagen aus Paris,

[00:26:26]  aber auch sehr viele Ermittlungsunterlagen aus Innsbruck selbst. Tobias: Gibt es auch Zahlen zu,

[00:26:31]  wie viele angeklagt worden sind? Also, ich will jetzt gar nicht auf die Personen im

[00:26:36] Einzelnen eingehen, aber grundsätzlich, wie viele Anklagen es gibt, wie viele

[00:26:39]  was weiß ich Freisprüche, wenn überhaupt und so weiter es kam. Sabine: Bei dem Prozess gegen

[00:26:45]  Hilliges waren noch fünf Männer angeklagt. Alle fünf waren Täter des Arbeitserziehungslagers.

[00:26:51]  Das Problem war, als im Sommer 1945 das NS-Regime zusammenbrach, herrschte Chaos,

[00:26:59]  und viele der Täter des Arbeitserziehungslagers waren Reichsdeutsche. Und im Sommer 1945 war

[00:27:07]  der Wunsch der Tiroler Landesregierung und auch der französischen Militärregierung im Land,

[00:27:13]  möglichst viele Personen auszuweisen, damit weniger Menschen Nahrung brauchten. Und die

[00:27:18]  Deutschen galten als Sicherheitsrisiko und als Träger des Nationalsozialismus, was es erlaubt

[00:27:23]  hat, so zu tun, als seien Tiroler immer brav gewesen und demokratisch. Na gut, auf alle Fälle hat

[00:27:29]  es bedeutet, dass viele der Täter des AEL wurden vernommen, wurden auch teilweise interniert,

[00:27:36]  aber dann als Reichsdeutsche ausgewiesen. Und wir haben einige Prozesse in Deutschland teilweise

[00:27:44]  erst in den 70er Jahren gegen diese Täter. Die wurden ausgewiesen und dann waren sie weg. Es gab zwar

[00:27:49]  immer wieder Anfragen, wenn die französische Militäre gehen, ja, wir brauchen den zur Vernehmung,

[00:27:52]  ja, tut uns leid, der ist es weg. Das heißt, aber das kann man den Tiroler Behörden nicht

[00:27:59]  vorwerfen, weil sie wussten das zu der Zeit ja nicht. Tobias: Das heißt, eigentlich, sie sind nach

[00:28:04]  Deutschland gegangen, dann ist irgendwie der Faden abgerissen sozusagen. Sabine: Genau, das heißt, und dann

[00:28:10]  konnte man sie ja nicht mehr in Österreich vor Gericht stellen. Es gab zwar immer wieder Ermittlungen

[00:28:15]  gegen diese Personen, aber die Bundesrepublik hat nicht ausgeliefert bei politischen Delikten.

[00:28:18]  Gauleiter Hofer zum Beispiel. Tobias: Ich wollte grad sagen, Gauleiter Hofer prominentestes Beispiel? Sabine: Prominentestes Beispiel, der Akt ist

[00:28:24]  einige zehn Zentimeter dick und das waren immer Auslieferungsbegehren, aber die Bundesrepublik hat

[00:28:30]  nicht ausgeliefert und viele dieser Täter des AEL, das waren ganz normale, das waren ja normale

[00:28:37]  Menschen, die gingen in ihre Zivilberufe zurück, lebten ganz zufrieden und erst oft Jahrzehnte

[00:28:42]  später kamen dann, kam es dann auf und dann brauchte es engagierte Gerichte und das war in der

[00:28:48]  Bundesrepublik nicht anders wie bei uns. Es braucht engagierte Gerichte, um Täter von Gericht zu bringen.

[00:28:52]  [Drehgeräusch] Jetzt ist das Arbeitserziehungslager befreit. Die Lager werden aber nicht zerstört, die bleiben

[00:29:01]  erhalten, die bleiben auch in städtischen Besitz glaube ich. Die Nachnutzung sieht ja auch...ist ja auch

[00:29:06]  eine brisante Zeit, muss man sagen. Sollen wir mal kurz zum Einzelfall jetzt auf das Arbeitserziehungslager

[00:29:13]  Reichenau eingehen und vielleicht dann in einem zweiten Schritt, wie das auch in Tirol ausgeschaut hat.

[00:29:19]  Sabine: Ja, das Arbeitserziehungslager hat nicht der Stadt Innsbruck gehört, das hat im Landesarbeitsamt

[00:29:24]  gehört und damit zuständig war das Landesbauamt und die Landesgebäudeverwaltung, wo übrigens auch

[00:29:29]  die Akten liegen. Ein Lager per se, das waren Barackensiedlungen und je nach Bauart, das heißt je

[00:29:37]  früher das Lager gebaut worden ist, desto besser war es baulich beieinander, weil es auf einem Beton

[00:29:42]  Fundament war. Je später es errichtet worden ist, desto schlimmer war die Bausubstanz, weil dann

[00:29:47] höchstens ein Pfahlrost Fundament war und die sind sehr vom Verfall bedroht worden. Aber angesichts

[00:29:52]  von Wohnungsnot sind die Lager einfach bis weit in die 60er bis teilweise Anfang der 1970er Jahre

[00:29:59]  hin als Notwohnungen benutzt worden. Der Lagerkomplex Reichenau, also inklusive Kriegsgefangenen,

[00:30:05]  Zivilarbeiterlage der Stadt, Bahn und Post, AEL, wurden benutzt als Heeres Entlassungsstelle,

[00:30:11]  weil jeder Wehrmachtssoldat der nach Innsbruck zurückgekommen ist, braucht ein Entlassungspapier,

[00:30:16]  das wurde dort draußen erledigt, sowohl die Amerikaner als auch danach die französische

[00:30:20]  Militärregierung haben das Lager benutzt als Internierungslager für Nazis, bevor entschieden

[00:30:25]  wird, was mit ihnen passiert war Gericht, deportieren etc. Und die Stadt Innsbruck hat immer

[00:30:29]  versucht, sobald eine Baracke frei geworden ist, haben sie versucht dort Notwohnungen einzurichten.

[00:30:33]  Im Prinzip entstand eine Armensiedlung und das ist in sehr vielen Lagern in Tirol passiert,

[00:30:38]  zum Beispiel das Lager der Messerschmiedwerke in Schwaz, wurde auch dann später nach

[00:30:42]  Internierungslager auch eine Armensiedlung. Baracken war ein begehrtes Gut. Und angesichts

[00:30:50]  der vielen Bombentreffer in der Stadt Innsbruck war die Wohnungsnot einfach so groß, dass man

[00:30:53]  wirklich jeden Raum besiedelt hat, der sich irgendwie geeignet hat als Schlafstätte. Tobias: Im

[00:30:59]  Idealfall nur vorübergehenderweise. Sabine: Im Idealfall vorübergehend, manche Menschen sind ja,

[00:31:03]  sind sehr, sehr viele Jahre dort gewesen, weil sie einfach zu arm waren und zu wenig verdient haben,

[00:31:07]  um sich eine anständige Wohnungen zu leisten. Das war eine Armensiedlung. Tobias: Meines Wissens ja auch in Wörgl war

[00:31:11]  eine in Kufstein war eine... Sabine: Viele, in jeder Gemeinde, in der es ein Lager gegeben hat,

[00:31:16]  waren das danach Notwohnungen. Außer die Baracke war in einem so miserablen Zustand,

[00:31:20]  dass wirklich nichts mehr gegangen ist. Tobias: Es ist schon zach eigentlich, wenn man so darüber nachdenkt. Sabine: Es ist zach. Weil die

[00:31:26]  Baracken, die später gebaut worden sind, weil das NS-Regime hat ja auch beim Barackenbau

[00:31:30]  Unterschiede gemacht, wer dort drin wohnt. Das heißt, tendenziell, wenn sie dort reichsdeutsche

[00:31:35]  Arbeitskräfte untergebracht haben, dann war die Baracke normalerweise mit Doppelwand,

[00:31:39]  mit Isolierschicht dazwischen oder mit doppelverglasten Fenstern. War es nur eine Baracke für

[00:31:44]  Russen, war das ein fensterloses Ding. Also da haben sie auch sehr großen Wert darauf gelegt,

[00:31:50]  dass man an der Art der Unterbringung kennt, welchen Wert die Menschen haben.

[00:31:53]  Tobias: Wieder eine ganz blöde Frage meinerseits, aber hat es dann zu Sarnierungsarbeiten an diese

[00:32:00]  ja schlechten Baracke geben, sei es jetzt in auch Reichenau oder was weiß ich auch anders in Tirol,

[00:32:07]  dass da Fenster getauscht worden sind... Sabine: Ja.

[00:32:11]  Tobias: War das schon, oder? Sabine: Mhm. Also die Stadt, das Städtische Bauamt Innsbruck hat sich sehr

[00:32:16]  darum bemüht, diese Barackennotwohnungen in der Reichenau auf einem Stand zu halten,

[00:32:20]  wo man sagt, ja, es ist gerade noch für Menschen geeignet.

[00:32:25]  Tobias: Und dann ich glaube bis in die 60er Jahre? Sabine: Bis in die 60er Jahre, bis zum Bau des Städtischen Bauhofs da draußen.

[00:32:32]  Tobias: Und da wurde ja dann komplett, quasi das gesamte Lagerkomplex sag ich jetzt einmal...

[00:32:38]  Sabine: Ja, dann wurden alle Baracken abgerissen, also die letzten verbliebenen Baracken abgerissen.

[00:32:42]  Es wurde ein neues Straßennetz angelegt, Rossaugasse, Trientlgasse und so weiter,

[00:32:46]  das hat es ja alles nicht gegeben vorher. Und es wurde Gewerbe angesiedelt.

[00:32:50]  Das heißt, in der Reichenau sehen wir heute genau nichts mehr.

[00:32:54]  Tobias: Bis auf den Gedenkstein und hoffentlich dann eine Gedenkstätte. Sabine: Genau.

[00:32:59]  Tobias: Zum Abschluss noch die Frage meinerseits, denkst du, es wäre sehr sinnvoll, wenn man zum Thema Lager

[00:33:08]  in ganz Tirol noch mehr Forschungszeit investieren würde?

[00:33:13]  Sabine: Ja, es wäre sehr sinnvoll. Was ich aufgearbeitet habe, sind die Akten des Amtes der Tiroler Landesregierung,

[00:33:19]  Landesbauamt und Wasserwirtschaftsamt etc. Akten Bezirkshauptmannschaft, was einfach großteils

[00:33:24]  noch fehlt, weil der Aufwand auch sehr groß wäre, sind Akten in Gemeindearchiven.

[00:33:29]  Aber da wären die Gemeindechronisten [Outro-Musik im Hintergrund beginnt] einfach gefordert, sich das Thema so mal anzunehmen.

[00:33:33]  [Outro-Musik] Tobias: Archivwürdig ist eine Produktion des Stadtarchiv Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

 

Reichenau: Studie zu den Toten

Reichenau: Studie zu den Toten

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur zweiten Folge unserer dritten Staffel von Archivwürdig,

[00:00:05]  dem Podcast des Innsbruckers Stadtarchivs.

[00:00:08]  Nachdem wir in der ersten Folge über die Entstehung des Arbeitserziehungslagers in der Reichenau gesprochen haben,

[00:00:14]  gehen wir in dieser auf die erstellte Studie über das Lager ein.

[00:00:19]  Dazu habe ich den Mitautor der Studie Horst Schreiber eingeladen.

[00:00:24]  Horst Schreiber forscht intensiv zu zeitgeschichtlichen Themen in Tirol

[00:00:29]  und ist unter anderem Leiter der Michael-Gaismair-Gesellschaft sowie von erinnern.at

[00:00:34]  und war, wie Sabine Pitscheider, Mitglied der Expert:innenkommission für die Reichenau.

[00:00:40]  Im gemeinsamen Gespräch kommen wir auf die Genese der Studie zu sprechen,

[00:00:44]  welche Schwierigkeiten bei der Recherche aufgekommen sind und gehen auch auf Details der Studie ein.

[00:00:50]  [Intro-Musik]

[00:01:05]  Tobias: Lieber Horst, danke für deine Zeit.

[00:01:08]  Wir sprechen in unserer Staffel hauptsächlich über das Arbeitserziehungslager Reichenau.

[00:01:14]  Du bist von der Seite der Forschung sehr stark einbezogen, zu Arbeiten für das Lager Reichenau.

[00:01:23]  Mit der Sabine habe ich bereits gesprochen über die Lagersituation in Tirol im Allgemeinen,

[00:01:28]  aber dann auch im Speziellen über das Arbeitserziehungslager Reichenau, wie es angefangen hat, den Wandel.

[00:01:36]  Und mit dir möchte ich heute über eine Studie sprechen, die von der Stadt Innsbruck in Auftrag gegeben wurde,

[00:01:45]  an das Wissenschaftsbüro, an dem du beteiligt bist und die Studie haben dann deine Person

[00:01:52]  und auch an dieser Stelle erwähnt die Sabine Pitscheider, die ebenfalls an der Studie teilgenommen haben.

[00:01:56]  Kannst du uns vielleicht kurz ein bisschen über den Hergang der Studie erzählen, wie der Auftrag an euch gekommen ist,

[00:02:03]  warum diese Studie gemacht wird?

[00:02:05]  Horst: Nun, es ist ja so gewesen, dass die Stadt Innsbruck vor drei Jahren eine Arbeitsgruppe installiert hat,

[00:02:14]  um darüber nachzudenken, wie ein würdevolles Gedenken in der Reichenau sein könnte,

[00:02:22]  um auch ein neues Gedenkzeichen, neue Formen von Gedenkzeichen zu machen und eine Ausschreibung

[00:02:31]  auch zu tätigen, die jetzt ja gerade im laufen ist, weil 1972 ist dieser Gedenkstein ungefähr dort,

[00:02:41]  wo das Lager stand in der Reichenau gemacht worden.

[00:02:46]  Das war für damalige Verhältnisse sehr, sehr früh, weil ja eigentlich die Gedächtnislandschaft in Tirol,

[00:02:54]  80er-Jahre beginnt es schon stärker, dass Gedenkzeichen gemacht werden, aber so richtig,

[00:02:58]  erst in 90er-Jahre und in 00er-Jahre.

[00:03:00]  Aber das Gedenkzeichen ist natürlich etwas, das heute sowohl von der Inschrift als auch von der Ästhetik her

[00:03:10]  natürlich jetzt ein halbes Jahrhundert später nicht mehr so zeitgemäß ist und weil vor allem in der Reichenau

[00:03:18]  sehr viel passiert ist mit Neubauten, Umbauten etc., sodass auch der Standort sehr ungünstig ist.

[00:03:27]  Das war so der Hintergrund.

[00:03:29]  Und die Sabine Pitscheider und ich waren ja in dieser Kommission und im Zuge dessen war klar auch von unserer Seite,

[00:03:40]  dass es auch eine bestimmte Form von Personalisierung geben muss, wie immer ein Gedenkzeichen ausschauen wird,

[00:03:49]  aber das ist eine Voraussetzung und dass es nämlich auch notwendig ist, zumindest Annäherungsweise zu schauen,

[00:03:57]  wie viele Menschen sind denn überhaupt dort zur Tode gekommen und was kann man denn eruieren.

[00:04:04]  Wie gesagt, sehr, sehr spät.

[00:04:07]  Wir haben das eingebracht, dass es notwendig ist und dann hat die Kommission bzw. die Stadt Innsbruck rasch beschlossen,

[00:04:15]  dass wir dem professioneller nachgehen.

[00:04:18]  Und wie gesagt, die Dokumentationsebene ist die Aktenlage ist sehr schwierig

[00:04:27]  und so gibt es einerseits die Erhebungen, die die österreichische Seite, das heißt Tiroler Gerichte gemacht haben,

[00:04:35]  gegenüber einzelne Täter oder Menschen, die in Verdacht standen, Taten begangen zu haben

[00:04:41]  und auf der anderen Seite natürlich die sehr breiten Erhebungen, die die französischen Behörden nach 1945 gemacht haben,

[00:04:51]  die schlussendlich gemündet sind in einen großen Prozess, der ausgerichtet wurde von der inzwischen Militär-Regierung,

[00:05:01]  also von entsprechend professionell ausgebildeten Richtern etc.

[00:05:05]  Und das war mal so ein großer Bestand, der durchzuschauen war

[00:05:11]  und auf der anderen Seite war klar, die Menschen sind im Lager gestorben,

[00:05:16]  die Menschen sind aber auch im Krankenhaus Innsbruck oder im Krankenhaus, das heißt in Bracken des Krankenhauses,

[00:05:24]  Hall ums Leben gekommen.

[00:05:26]  Da musste man auf der einen Seite die Totenbeschaubefunde, die es ja noch gibt,

[00:05:31]  gerade auch im Stadtarchiv durchschauen, ein bisschen auch was Hall betrifft

[00:05:35]  und ich habe eben in Paris im Archiv einen gesammelten Bestand gefunden,

[00:05:42]  wo diese Berichte die Totenbeschaubefunde von Innsbruck und Hall enthalten waren.

[00:05:49]  Das heißt, das war praktisch der Fundus, mit dem wir gearbeitet haben

[00:05:54]  und dann eben auf diese Summe von 112 Menschen gekommen sind.

[00:06:01]  Inzwischen stehen wir schon schon bei 114 oder 116 Leuten,

[00:06:05]  weil natürlich ist das Ganze nie völlig abgeschlossen

[00:06:08]  und andererseits gibt es eine Problematik, nämlich es sind ja sehr, sehr viele Menschen aus dem Lager,

[00:06:20]  wo es praktisch so ein Transitlager gewesen ist, nach Dachau gekommen.

[00:06:25]  Auch in anderen KZs Auschwitz etc. aber nach Dachau.

[00:06:28]  Und du kannst dann sehr schwer unterscheiden

[00:06:32]  und da hat es natürlich manche gegeben, die waren bereits derart körperlich am Ende,

[00:06:41]  also kurz vor ihrem Tode, sei es, die eine Problematik ist ja das Essen, also Unterernährung

[00:06:48]  und die andere Schwierigkeit, dass exzessive Gewalt ausgeübt worden ist.

[00:06:54]  Und da können wir ganz klar davon ausgehen, bei vielen, glaube ich, konnten wir aufgrund der Aktenlage sagen.

[00:07:03]  Also die sind jetzt noch nach Dachau gekommen, waren aber praktisch schon [kurzer Lacher] vorher tot.

[00:07:08]  Und die, die dem Tod schon nahe waren damit sie nicht im Lager sterben, die noch schnell überstellt worden sind,

[00:07:14]  also diese Zahl können wir nicht eruieren.

[00:07:19]  Tobias: Du hast gesagt, es sind ja viele, also von den mindestens 114 Toten im Lager Reichenau.

[00:07:26]  Wie kann man das anhand der Quellen ablesen, wird da für die Hörer:innen, dass das verständlicher ist,

[00:07:32]  steht das so drinnen, verstorben im Lager Reichenau, welche Todesursachen sind da verzeichnet worden,

[00:07:39]  ist das so offensichtlich gemacht worden?

[00:07:42]  Horst: Also das eine ist klar, das ist ein Prozedere, wie es auch in Friedenszeiten ist.

[00:07:49]  Es braucht einen Totenbeschaubefund und die Angabe des Grundes, warum jemand gestorben ist.

[00:07:57]  Das ist ja auch in den Vernichtungsanstalten, sei es für Menschen mit psychischen Erkrankungen in Hartheim,

[00:08:05] der Fall oder auch in den Konzentrationslagern.

[00:08:07]  Die Problematik ist die, wie du die Frage stellst, was stimmt davon?

[00:08:13]  Jetzt ist es so, dass die meisten hat eben der Lagerarzt, Alois Pizzinini,

[00:08:21]  der vielleicht zweimal in der Woche gekommen ist, ausgestellt.

[00:08:24]  Da muss man einerseits sagen, bei einer Reihe von Fällen kann man nachweisen, dass es "gefaked" [gefälscht] ist.

[00:08:31]  Wo er beim Prozess auch sagt, da hat der Lagerleiter mir genau angegeben

[00:08:35]  ich muss eine medizinische Ursache reinschreiben.

[00:08:38]  Ansonsten sind es bestimmt Todesursachen, die wir sehr gut erklären können.

[00:08:46]  Also, einfach gesprochen, das eine, das so häufig vorkommt, ist Lungenentzündung.

[00:08:52]  Warum das?

[00:08:54]  Nun, eine der perversen Bestrafungsarten war das sogenannte Kaltbaden.

[00:09:02]  Also, gerade im Winter oder im Herbst, Spätherbst bei tiefen Temperaturen.

[00:09:09]  Und dann den entsprechenden Häftling im sogenannten Bunker.

[00:09:14]  Das war eine winzige Arrestzelle

[00:09:17] die saukalt gewesen ist, nicht geheizt war, kalter Betonboden da hineinzugeben.

[00:09:23]  Und an dem sind dann eine ganze Reihe von Häftlingen verstorben.

[00:09:27]  Wobei immer wieder auch die volle Absicht war, dass sie sterben.

[00:09:32]  Und ansonsten nur unter Anführungszeichen die Bestrafungsart, an denen sie dann auch gestorben sind.

[00:09:39]  Das andere sind dann mannigfaltige Todesursachen, wo uns ganz klar wird,

[00:09:45]  das sind Todesursachen, die entstehen aufgrund von Mangelernährung.

[00:09:51]  Also, der Körper ist geschwächt, er ist geschwächt für Infektionskrankheiten etc.

[00:09:58]  Also, so kann man sich das vorstellen.

[00:10:00]  Und man muss immer einen sehr, sehr kritischen Blick haben, was hier als Todesursache drin steht.

[00:10:08]  Wie gesagt, aus einer Reihe von Todesursachen können wir die Lagerbedingungen in Verbindung bringen.

[00:10:13]  Und bei anderen, also, gerade immer sehr häufig sind solche Dinge, mit die irgendwas mit Herz zu tun haben.

[00:10:21]  Jetzt kann es oft in dem Sinne stimmen.

[00:10:25]  Ich bin jetzt kein Mediziner, aber meistens, du hast ja häufig stirbst ja nicht an einer Ursache.

[00:10:31]  Aber diese letzte Ursache kann ja stimmen, erklärt aber nicht, warum es dazu geführt wird.

[00:10:37]  Irgendwann bleibt das Herz stehen.

[00:10:39]  Also, wie gesagt, vieles können wir erklären und manches ist in höchstem Maß fragwürdig.

[00:10:45]  Tobias: Und wenn ich das richtig im Kopf habe, es sind ja auch viele misshandelt worden mit Strafen,

[00:10:50]  und dann auch mit Schlägen, was dann ebenfalls in den Totenbeschauberichten ja auch widergespiegelt wird.

[00:10:56]  Wo es dann geht, um eine große oder Tod durch Sepsis, weil die Wunden und die Personen,

[00:11:03]  die natürlich bestraft wurden, ja auch nicht ärztlich behandelt worden sind.

[00:11:06]  Horst: Ja, das ist ein sehr großes, wichtiges Thema und sehr spannendes Thema, mit dem ich näher auseinandersetzen möchte.

[00:11:15] anhand von diesen zwei Personen, dem Alois Pizzinini und dem Matthias Köllemann, der eine ist der Lagerarzt,

[00:11:20]  und der andere ist der sogenannte Sanitäter.

[00:11:23]  Beim Pizzinini, das ist interessant, um zu sagen, was ist ein Täter, wer ist ein Täter,

[00:11:29]  wer hat welche Verantwortung, der geht maximal zweimal in der Woche hinein, ist er sehr willfährig,

[00:11:37]  präsentiert sich dann immer als jemand, der überhaupt nichts tun hätte können.

[00:11:41]  Und der Matthias Köllemann, der ist schon viel stärker der Täter, der verweigert massenweise den Häftlingen,

[00:11:50]  die auf Pflege angewiesen worden wäre, die Pflege.

[00:11:55]  Und nachdem die Häftlinge in einem extrem hohen Maße sehr, sehr viele maltretiert werden,

[00:12:01]  grün und blau geschlagen werden, von Holzstöcken bis Knüppeln, Peitschen, Fäusten, Fußtritten etc.,

[00:12:11]  ist es klar, dass Wunden sind, diese wunden, verheilen nicht, weil die entsprechende Pflege fehlt,

[00:12:19]  sie entzünden sich, wenn dann der Körper gleichzeitig zu wenig zu essen bekommt, ist er anfälliger.

[00:12:26]  Und darüber hinaus ist ja eines der wesentlichen Ebenen des Gestapolagers, Arbeiterziehungslagers,

[00:12:32]  Auffanglagers, Durchschleuselagers, Transitlagers, Lagers für politische Gefangene,

[00:12:38]  ja etwas, wo Zwangsarbeit verrichtet wird.

[00:12:41]  Im Lager aber vor allem in den diversesten Außenkommandos und auch wenn den Häftlingen

[00:12:49] in einem ganz miesen körperlichen Zustand ist oder gerade auf das Heftigste geschlagen worden ist,

[00:12:56]  ist es mit der Zeit nur einem ganz, ganz kleinem Teil von Häftlingen vergönnt oder wenn sie fast gar nicht mehr gehen können,

[00:13:04]  dass sie auf die Krankenstation in den Sanitätsbaracke gebracht werden.

[00:13:09]  Das heißt, in derartig katastrophalen körperlichen Zuständen müssen die auch noch weiter arbeiten.

[00:13:16]  Und dieser ganze Komplex an Arbeits- und Lebensbedingungen, wie bei diesem Fall Wunden, Wunden verheilen nicht,

[00:13:25]  es entsteht Wundbrand etc., das ist ein weiterer Grund, denn du sehr, sehr richtig anführst,

[00:13:31]  warum auch so viele gestorben sind.

[00:13:34]  Tobias: Ihr habt jetzt sehr viele Daten erhoben, sehr viele auch biografische Daten dann erhoben.

[00:13:40]  Anhand von denen kann man ja auch größere Statistiken machen vom Lager und in dem Fall natürlich von den Toten im Lager.

[00:13:50]  Können wir vielleicht da auch noch ganz kurz darauf eingehen, einerseits woher kamen diese, oder

[00:13:56]  in dem Fall eben ja nur die Toten von vielen wissen wir ja nicht, wo sie herkommen oder wo sie dann hingekommen sind.

[00:14:01]  Einfach mal Nationalitäten auch vielleicht ein bisschen das Alter zu beschauen,

[00:14:07]  wie alt waren die im Schnitt, welche Altersgruppen waren stärker vorhanden, welche weniger.

[00:14:12]  Horst: Na jedenfalls, dass eine Typische des Lagers ist, zunächst wäre es ja als Auffanglager für Italiener gedacht gewesen,

[00:14:22]  die zunächst noch im befreundeten Status unter Mussolini herkamen als normale Zivilarbeiter,

[00:14:30]  die aber dann wieder heimkehren wollen, weil die Bedingungen, Entlohnung, Arbeit, Freizeit, Bomben in Deutschland so schlimm waren,

[00:14:43]  dass sie zurückgehen wollen und da werden sie dann geschnappt und umerzogen durch Arbeit.

[00:14:50]  Das heißt, wir haben unter den Toten eine, ist die stärkste Gruppe, praktisch die Italiener.

[00:14:58]  Hier muss man aber sagen, dass diese große Anzahl der Toten darauf zurückzuführen ist,

[00:15:04]  bei italienischen Staatsangehörigen, dass die erst massiv auftreten,

[00:15:09]  als Mussolini 1943 gestürzt wird und Italien die Fronten wechselt.

[00:15:16]  Da bekommen die Italiener einen neuen Status vom befreundeten Staat zur Militärinternierten

[00:15:22]  und hier haben wir auch außerhalb des Lagers Reichenau überall, wo Italiener gewesen sind,

[00:15:29]  zunächst noch befreundet mit den anderen deutschen Soldaten gekämpft haben, ob das jetzt Griechenland ist oder bei uns hier,

[00:15:38]  werden die jetzt neben Juden, Jüdinnen und den sogenannten Ostarbeiter:innen, also den Sowjetstaaten und Polen am miesesten behandelt.

[00:15:48]  Hier ist, also über das Lager Reichenau hinaus sehr spannend, dass gerade Tiroler, Südtiroler ganz massiv auch Italiener mies behandeln,

[00:15:56]  weil hier diese Geschichte der Walschen, die Südtirolfrage, schon wieder sind sie feig und wechseln die Fronten.

[00:16:05]  Also mit ungeheurer Brutalität wird jetzt gegen die Italiener vorgegangen.

[00:16:09]  In Griechenland werden die zu hunderten erschossen zum Beispiel.

[00:16:14]  Das spiegelt sich dann in Tirol auch ab.

[00:16:18]  Die Italiener müssen jetzt nicht unbedingt nur aus Tirol gekommen sein, kommen auch aus Deutschland oder aus anderen Gebieten des heutigen Österreichs

[00:16:25]  und die werden dann in den letzten zwei Kriegsjahren irre brutal behandelt, deswegen so viele Tote.

[00:16:31]  Das andere, was ganz typisch ist, sind die zwei Nationalitäten, die in der Rassenhierarchie der Nationalsozialisten ganz, ganz unten angesiedelt sind.

[00:16:41]  Neben Juden und Jüdinnen sind da einerseits die Polen und andererseits wie ich vorher nannte die Osterbeiter, Osterbeiterinnen.

[00:16:50]  Einfach gesagt, Sowjetangehörige und hier ganz, ganz stark aus der Ukraine,

[00:16:58]  weil nach Tirol kommen sind die Ukrainer und die Ukrainerinnen extrem großer Teil von Menschen, die hierher deportiert worden sind.

[00:17:09]  Und die Altersstruktur dieser Leute ist sehr, sehr jung und da spiegelt sich auch wieder, dass du da ziemliche Jugendlichkeit hast bei den Ermordeten,

[00:17:20]  ist nur der scheinbare Widerspruch, dass doch junge Menschen widerstandsfähig sind, aber es hat einerseits damit zu tun, andererseits, dass die besonders

[00:17:29]  zur Zwangsarbeit unter brutalsten Bedingungen herangezogen werden. In den über 50-Jährigen oder

[00:17:34]  alten Menschen sind relativ von der Anzahl her wenige. Von den Toten, wie gesagt, sind Ukrainer,

[00:17:43]  Sowjetangehörige generell und Polen dann die stärkste Gruppe. Die zusammengenommen sind noch mehr

[00:17:51]  als die Italiener. Aber ansonsten wäre Nummer eins Italien, Polen, Sowjetunion inklusive Ukraine,

[00:18:01]  das man heute nicht besonders sagt, aufgrund dieses Konflikts, des Krieges, der jetzt herrscht. Und

[00:18:07]  dann kommen erst Einheimische, also Österreicher, die sind so 13 Leute und dann sind so vereinzelte,

[00:18:14]  verschiedenste Staaten, ja. Tobias: Bei den Anmerkungen, also bei dieser Studie, wird es ja dann listenhaft,

[00:18:24]  quasi die Opfer aufgeteilt. Bei Anmerkungen steht hin und wieder auch ein Einsatzort. Woher stammen denn

[00:18:33]  oder wie kommt man zu diesen Informationen, dass man wirklich die punktuell für Firmen oder für

[00:18:40]  Standorte, also wo lokal eingesetzt wurden sind, wo kommt man an solche Informationen? Horst: Das eine ist so,

[00:18:46]  im Totenbeschaubefund muss der Ort auch angegeben werden. Der Ort ist etwas, der in der

[00:18:53]  Regel stimmt, wenn angegeben wird, im Lager oder irgendwo auch im Außen. Also man muss sich nicht

[00:19:00]  vorstellen, was die Außenkommandos betrifft, das Lager Reichenau, wie auch die anderen Lager,

[00:19:09]  die nicht Arbeitslager, Arbeitserziehungslager Reichenau gewesen sind, das ist ja auch noch von

[00:19:13]  der Reichspost, von der Reichsbahn ein eigenes Lager, zwei Lager der Stadt Innsbruck, Kriegsgefangenen-

[00:19:18] lager, Zivilarbeiterlager. Aber alle diese Häftlinge werden in Außenkommandos von Firmen

[00:19:25]  angefordert und eine besonders unrühmliche Firma ist die Firma Stippler. Also ein ganz großer Teil

[00:19:32]  betrifft natürlich Bauarbeiten oder eben auch, wo sie noch weiter weg sind, Aufräumearbeiten nach

[00:19:41]  Bombenangriffen, also Schutt plus Blindgängerbeseitigung. Und das war natürlich sehr gefährlich. Und die

[00:19:48]  Blindgängerbeseitigung war jetzt nicht nur in Innsbruck, sondern eben auch weit darüber hinaus,

[00:19:55]  also etwa in Brixlegg. Und da sind dann entsprechende Dinge passiert mit Todesfolgen.

[00:20:03]  Tobias: Wir können jetzt in unserem Gespräch nicht alle Opfer benennen und auch anbringen, deswegen aber

[00:20:12]  trotzdem vielleicht, dass wir exemplarisch auf Einzelschicksale eingehen. Es gibt da einmal ein

[00:20:18]  Recht und aus meiner Sicht spiegelt es auch sehr gut, diese Weite von diesem, von wo die Menschen hergekommen

[00:20:25]  sind in dieses Lager in der Reichenau und da hast du auch schon drüber geforscht. Horst: Ja, also etwas,

[00:20:31]  was man jetzt nicht vermuten würde, sind Juden und Jüdinnen aus Libyen, die ganz spezifisch eine

[00:20:40]  britische Staatsangehörigkeit hatten. In der Kriegszeit ist ja Italien quasi Kolonialherr in

[00:20:49]  Libyen. Und ab 1942, wo also der Krieg dynamischer wird, also dynamisch im negativen Sinne für das

[00:20:58]  Deutsche Reich und für Italien, die ja Bündnispartner sind, greifen dann die Anti-jüdischen

[00:21:03]  Maßnahmen auch im italienischen Bereich. Und ab 1942 deportieren die italienischen Behörden,

[00:21:11]  libische Juden und Jüdinnen in ein eigenes KZ an der tunesischen Grenze und andere Teile

[00:21:19]  bringen sie nach Italien, in verschiedene Orte Italiens und dann ein Teil nach ins KZ Bergen-Belsen.

[00:21:27]  Und es sind so 62 libysche Staatsangehörige, jüdisch-britische Herkunft, die dann nach

[00:21:37] Innsbruck deportiert werden, ins Lager Reichenau im Herbst 1943. Und das sind in Wirklichkeit

[00:21:46]  weniger einzelne Personen als Familiengruppen. Und hier haben wir eben ganz interessant einen

[00:21:54]  Bericht von Überlebenden, der bald einmal nach der Befreiung vom Nationalsozialismus

[00:22:00]  sind die interviewt worden und deswegen haben wir hier eine ganze Reihe von Informationen,

[00:22:06]  wie es ihnen gegangen ist. Und bei dieser Gruppe ist es so, die waren wie gesagt von

[00:22:14]  Herbst 1943 bis Mitte April 1944 im Lager und zwei davon sind ums Leben gekommen. Ein

[00:22:23]  junger mit 27 Jahren, der Shalom Reginiano und auf der anderen Seite ein wirklich alter

[00:22:32]  Mann, betagter Mann, wo es verschiedene Daten gibt seines Geburtsdatums zwischen 70 und

[00:22:38]  85, dessen Grab eben am Friedhof, am Soldatenfriedhof ist. Ich bin zufällig darauf gestoßen und

[00:22:47]  das war dann wieder der Anfang, Zufall. Was ist denn das, was ist das für eine Name

[00:22:53]  und bei dem Grab ist eben so das entsprechende jüdische Zeichen. Ich konnte mir das nicht erklären

[00:23:00]  und der italienische Brite, das war völlig unklar und dann bin ich dem Ganzen nachgegangen

[00:23:05]  und dann darauf gekommen, dass er zu dieser Gruppe gehört hat. Bei ihm wissen wir die

[00:23:09]  Todesursache nicht. Beim Reginiano schon, das entspricht genau dem, worüber wir vorher

[00:23:16]  gesprochen haben. Ein junger starker Mann, der ständig zu sehr harter Arbeit verpflichtet

[00:23:22]  wird mit schlechter Ernährung, der daran auch erkrankt, der diese Pflege nicht bekommt

[00:23:30]  und der dann praktisch ganz am Schluss noch eingeliefert wird in die Sanitätsbaracke, wo es

[00:23:35]  aber zu spät ist und er dort eben auch stirbt. Wir lernen aus diesen Berichten von der Ankunft,

[00:23:46]  wo man bereits geschlagen wird oder wo sich alle nackt ausziehen müssen. Darunter sind,

[00:23:51]  es war eigentlich ein Männerlager, aber gerade auch in dieser Gruppe können wir sehen, dass

[00:23:55]  immer wieder auch Frauen dabei gewesen sind, obwohl es wie gesagt nicht für Frauen gedacht

[00:24:00]  war, dass wär eher das Lager Jenbach, über das wir gar nichts, kaum etwas wissen und da sind

[00:24:08]  diese Demütigungsrituale auch. Die Frauen müssen sich nackt ausziehen unter dem Hohngelächter

[00:24:13]  der Wachen. Die Frauen arbeiten im Lager der Männer auswärts, die müssen zu dem provisorischen

[00:24:19]  Flughafen gehen, müssen im Winter schlecht bekleidet mit Holzpantoffeln, Fetzen um den Füßen,

[00:24:27]  Schnee, Stapfen und alleine Menschen aus Libyen die kommen mit dem Klima und hierher,

[00:24:33]  da waren auch relativ viele ältere Menschen auch dabei, die darunter gelitten haben,

[00:24:38]  stärkste Erfrierungen auch typisch für das Lager. Das Glück im Unglück hat darin bestanden,

[00:24:44]  dass es einen Deal gegeben hat zwischen den Briten und den Deutschen wegen des Gefangenenaustausches,

[00:24:50]  sodass dann übers Rote Kreuz diese 60 waren sie dann, aber 61, mit 61 sage ich da noch etwas,

[00:25:01]  die sind dann eben dann freigelassen worden, im April 1944, konnten dann vor allem in die Schweiz Frankreich

[00:25:08]  und haben überlebt. Etwas spezielles gibt es, der 61. Mensch, eine Frau war schwanger und

[00:25:16]  die hat ihr Kind zur Welt gebracht im Krankenhaus in Innsbruck, die haben überlebt und das Interessante

[00:25:25]  ist, dass in den frühen Nullerjahren als Österreich sich erstmals unter internationalem Druck bequemen

[00:25:33]  musste, sich dem Thema Zwangsarbeit zu widmen und auch Entschädigungszahlungen zu leisten,

[00:25:40]  ich mein Entschädigungszahlungen, das waren 5.000, 6.000, 7.000 Euro, aber immerhin und da haben

[00:25:47]  sich aus der Gruppe der libyschen Juden und Jüdinnen, wo die meisten zu dem Zeitpunkt ja schon

[00:25:51]  tot waren, eben zwei gemeldet und eine davon war eben die Frau, damals eben das Baby, das überlebt hat

[00:26:03]  und die dann schon im gesetzten Alter sich gemeldet hat und die zu diesem Zeitpunkt eben in Israel

[00:26:10]  gelebt hat. Tobias: Wir haben jetzt natürlich bis zur Zeit 1945 gesprochen, die Studie befasst sich aber auch

[00:26:18]  noch mit der Zeit danach, das ist nämlich auch noch mal ganz ausdrücklich im Vorwort der Studie

[00:26:23]  enthalten, weil es da ebenfalls ein Forschungsdesiderat gibt. Gehen wir vielleicht zum Abschluss auch

[00:26:29]  nochmal auf diese Zeit kurz ein, die Nachnutzung, was ja auch viele Innsbrucker wahrscheinlich

[00:26:35]  oder Innsbruckerinnen ja auch erlebt haben, noch Lebende. Horst: Ja, also zunächst ist das Lager ja sehr

[00:26:42]  multifunktional verwendet worden. Das heißt auf der einen Seite und die Fotos, die wir haben vom

[00:26:49]  Lager, die sind eigentlich aus der Zeit, als es nicht mehr Nazi-Lager gewesen ist und da... die

[00:26:59]  Überlebenden werden ja dann quasi auch zu Flüchtlingen oder "Displaced Persons" [Person, die nicht an diesem Ort beheimatet ist]. Dann muss

[00:27:05]  man sich es so vorstellen, Zehntausende "Displaced Persons" aus den verschiedensten Teilen, wo die Nazis ja

[00:27:13]  die verschiedenen Staaten besetzt haben, strömen gerade auch über Tirol, über Innsbruck, weil viele

[00:27:22]  dann weiterziehen oder hier in verschiedensten Flüchtlingslagern untergekommen sind oder

[00:27:27]  auch Italiener, Italienerinnen, die über den Brenner heim wollen. Das heißt wir haben hier sehr,

[00:27:32]  sehr viele Flüchtlinge, Interessierte können über, wenn sie YouTube gehen oder da was Reichenau

[00:27:37]  und so weiter eingeben, kommen zu so einem Ausschnitt von ein paar Minuten, wo man Menschen am

[00:27:44]  Bahnhof in Innsbruck diese Menschen und auch im Lager sieht und es sind in erster Linie diese

[00:27:51]  geflüchteten Menschen oder Überlebenden. Dann wird das Lager auch genutzt als so eine Art

[00:27:59]  "Heeresentlassungsstelle". Das heißt, da sind ja wieder Massen an Menschen, die kommen oder

[00:28:05]  freigelassen werden in Kriegsgefangenschaft und die französischen Behörden weisen zuerst

[00:28:12]  die Leute ein, damit die, weil du musst ja schauen, ist das ein SSler, aus dem Bereich, wird ein bisschen was

[00:28:19]  untersucht und dann werden sie freigelassen und können dann in ihre Heimatgebiete oder in

[00:28:24]  verschiedene Gebiete nach Tirol. Eine andere große Gruppe, die dann hier entsteht, ist, dass die

[00:28:31]  französischen Behörden das Lager dann auch als Entnazifizierungslager nutzen. Das heißt,

[00:28:37]  dass sehr viele Nationalsozialisten bestimmte Zeit dort sind und wir haben ja mehrere Lager,

[00:28:44]  wo Ex-Nazis untergebracht werden. Das eine ist die dieses Oradour in Schwaz, das andere ist zum

[00:28:51]  Beispiel das sind eh die größten, Reichenau, Oradour in Schwaz und die Festung Kufstein. Da gibt es ziemlich

[00:28:59]  riesigen Austausch untereinander. Häftlinge, Nazis, wo irgendetwas ist, die ärztlichen Bedarf haben,

[00:29:06]  größeren, die kommen dann in die Reichenau, weil es dann einfacher ist, dort sie ins Krankenhaus Innsbruck

[00:29:12]  oder irgendwo hinzubringen. Dann nutzten einige die Chance zur Flucht. Ja und dann, und das ist

[00:29:19]  sehr, sehr interessant. Das ist auch eine ähnliche Geschichte, wie wir sie in Schwaz haben, wie ich

[00:29:25]  sie jetzt vor kurzem in Schwaz untersucht habe. Die letzte Etappe, die am längsten währt, das ist

[00:29:33]  die Unterbringung der Armen. Also da ist die Reichenau eine Armensiedlung. Das heißt, wir haben ja in

[00:29:41]  Österreich auch in Tirol nach dem Krieg einen unheimlichen Wohnungsmangel aufgrund von Bombardierungen

[00:29:49]  etc. Und das Barackenlager-Dasein ist etwas, das bis weit in den 1960er Jahre, auch in der Reichenau,

[00:29:58]  da geht es bis Anfang 70er Jahre, ein Stadtbild beherrscht, sowohl in Innsbruck, in Schwaz,

[00:30:05]  in Kufstein, in Wörgl und so weiter und so fort. Und es ist natürlich typisch, dass einerseits

[00:30:14] der Nationalsozialismus Tirol sehr spät erst beforscht wurde, dass bestimmte Themen, wie das

[00:30:21]  worüber wir jetzt gerade sprechen, exzessiv spät, für vieles zu spät und dass das sich gesellt,

[00:30:29]  zu einer anderen Thematik, die man extremst vernachlässigt wurde und wird, das ist die Geschichte

[00:30:35]  der Armut, die Geschichte der Armen. Und gerade in diesem Lager Reichenau, wo die randständigen

[00:30:45]  Menschen "ghettoisiert" werden, die dann ja nicht nur als Wohnungslose dort unten hausen, sondern die

[00:30:54]  sich sehr, sehr rasch, übel, beleumundet sind, beleumundet werden, die aber dadurch so ein

[00:31:02]  Zugehörigkeitsgefühl füreinander gegen die Mehrheitsgesellschaft bekommen. Und man muss sich

[00:31:08]  eines vorstellen, heute ist die Reichenau ganz klar Innsbruck, ich mein jetzt nicht nur als geografische

[00:31:15]  Zugehörigkeit, sondern ja, bist dort mit dem Radl, mit dem Bus und so weiter, aber damals war

[00:31:22]  das außen, war ja auch eines dieser Gründe, warum die Nazis ja auch diesen Grund genommen haben,

[00:31:28]  um dort die Lager zu errichten. Und das heißt, die in Innsbruck, das sind ja mal schon die

[00:31:34]  besseren und die in der Reichenau, das sind die Abgesandelten, da könntest du hier auch

[00:31:40]  ein paar Gegenden in Innsbruck hernehmen vom Schlachthof, Premstraße, Stalingrad etc.,

[00:31:46]  das ist so, das heißt, wo werden diese Kinder denn auch beschult? Also diese Armut, die vererbt

[00:31:53]  sich dann praktisch ja weiter und das geht praktisch bis dann die Olympiaden sind, wo viel

[00:32:02]  neuer Wohnraum geschaffen wird und da werden dann die Anzahl der Baracken die immer niedergewohnter und

[00:32:10]  niedergewohnter werden, werden die sukzessive aufgelöst und man darf sich aber nicht vorstellen, dass

[00:32:19]  dann die armen Hip-Hip-Hurra dann alle in die Hochhäuser hinein kommen. Das heißt, da gibt es

[00:32:26]  Untersuchungen in der Stadt Innsbruck und eine ganze Reihe dieser Menschen werden als nicht

[00:32:31]  wohnungsfähig angesehen, sodass sie in die Brennpunkte, wo ich eben gerade genannt habe,

[00:32:39]  wie im Stalingrad, Schlachthof und so weiter, dort hin gesiedelt oder eine ganze Reihe bekommen

[00:32:46]  Wohnungen dann später in den Hochhäusern, wo schon eine ganze Reihe auch nicht mehr im besten

[00:32:53]  Zustand sind. Also wie gesagt, eine ganze Reihe von Familien können umsiedeln, aber ganz viele gehen

[00:33:00]  von einem schlecht beleumundeten Ort für Randständige in den nächsten übel beleumundeten

[00:33:06]  Ort. Und hier schließt sich praktisch der Kreis zu meinem anderen Forschungsfeld, das dann sich immer so

[00:33:14]  überlappt hat, nämlich Kinder und Jugendliche in der Fremdunterbringung und solchen Baracken-

[00:33:22]  lagern, sei es Reichenau oder andere Baracken, die es in Innsbruck gegeben hat. Da sind ja auch

[00:33:29]  sehr, sehr viele sogenannte jenische, die man als Karner beschumpfen hat, Tiroler Zigeuner etc.

[00:33:35]  Aus diesen Gegenden rekrutiert sich ein extrem großer Teil von Kindern und Jugendlichen,

[00:33:41]  die in Heimunterbringung kommen, wo dann die entsprechend zum sehr hohen Maß nächsten

[00:33:48]  Gewaltexzesse dann auf sie warten. Wie gesagt, die Geschichte der Amut, das ist noch etwas,

[00:33:54]  wo man weiterforschen muss. Es sind aber immerhin ja schon einige spannende Sachen erschienen,

[00:34:00]  oder auch die Bocksiedlung, die quasi übergeht auch in die Reichenau, ist ja auch Stadtarchiv in

[00:34:06]  der Reihe rausgekommen von der Frau Hollaus, wo hier sehr spannende Geschichten sind. Man sieht,

[00:34:13]  dass diese Nazizeit direkt und indirekt bis weit in die Gegenwart hineinreicht, hineinweht und

[00:34:22]  Themenbereiche, Geographien und sonstige Themenfelder betrifft, wo wir nicht denken würden,

[00:34:30]  dass das irgendwas noch mit Nationalsozialismus zu tun hat. [Outro-Musik]

[00:34:33]  Tobias: Archivwürdig ist eine Produktion des Stadtarchiv Innsbruck und Teil der Stadtstimmen,

[00:34:53]  dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

 

Reichenau: Archäologische Forschung

Reichenau: Archäologische Forschung

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur dritten Folge unserer dritten Staffel von Archivwürdig,

[00:00:05]  dem Podcast des Innsbruck-Stadtarchivs.

[00:00:08]  In dieser Folge blicken wir auf das ehemalige Arbeitserziehungslager Reichenau, aus archäologischer Sicht.

[00:00:14]  Eingeladen habe ich zu diesem Thema die Archäologin Barbara Hausmair.

[00:00:19]  Gemeinsam mit ihrem Team wurde Barbara Hausmair von der Stadt Innsbruck beauftragt, archäologische Untersuchungen

[00:00:25] am Standort des ehemaligen Lagers zu unternehmen.

[00:00:29]  Gemeinsam sprechen wir unter anderem über diesen Forschungsprozess.

[00:00:33]  Welche Erkenntnisse aus den Arbeiten gewonnen wurden und machen uns auch Gedanken

[00:00:38]  über weitere archäologische Grabungen in Tirol zur NS-Zeit.

[00:00:56]  [Intro-Musik] Tobias: Liebe Barbara, danke für deine Zeit, dass du heute bei uns bist.

[00:01:00]  Archäologie verbindet man ja, wenn man jetzt mal in die Bevölkerung hinausgeht,

[00:01:05]  ja hauptsächlich mit, überspitzt gesagt, mit altem Zeug, also alles, was quasi antike Sachen betrifft.

[00:01:10]  Gerade in Innsbruck wahrscheinlich viele denken an die Ausgrabungen Veldidena, also von den römischen Überresten.

[00:01:17]  Kannst du uns vielleicht kurz, nur kurz erklären, seit wann man denn auch nicht einmal 100 Jahre zurück auch gräbt.

[00:01:24]  Barbara: Das ist eine sehr gute Frage. Tatsächlich ist die Archäologie der jüngeren Vergangenheit

[00:01:28]  auch eine sehr junge Archäologie als wissenschaftliches Fach.

[00:01:31]  In Österreich, circa 30 Jahre alt, wenn man sich das anschauen möchte.

[00:01:35]  Und ich glaube, es ist eine sehr späte Entwicklung innerhalb der archäologischen Forschung,

[00:01:39]  weil Archäologie eben, wie du sagst, ursprünglich sich ja vor allem mit älteren Epochen befasst hat.

[00:01:43]  Das ist kontinuierlich im Wandel, weil sich die Archäologie heutzutage eigentlich nicht mehr so sehr über

[00:01:48]  die Frage von Vergangenheit im Sinne von Distanz beschäftigt, sondern eigentlich über ihre Quellen definiert.

[00:01:53]  Also wir versuchen eigentlich einen Zugriff auf die Geschichte über materielle Hinterlassenschaften zu bekommen.

[00:01:58]  Und da ist es eigentlich unerheblich, aus welcher Zeit die sind.

[00:02:01]  Und das hat in den letzten Jahren oder Jahrzehnten eben auch zur Entwicklung einer Archäologie der jüngeren Vergangenheit geführt,

[00:02:07]  in der wir uns eben einen Zugriff auf diese jüngere Vergangenheit auch über die archäologischen Spuren ermöglichen.

[00:02:12]  Tobias: Ist es aus deiner Sicht einfacher, für jüngere Zeiten zu graben, als wie für die weiter zurückliegenden?

[00:02:20]  Barbara: Ja und nein. Also ich glaube auf der einen Seite, wenn man das jetzt eher mal methodisch sehen will,

[00:02:24]  ist es natürlich sehr spannend in den jüngeren Vergangenheiten zu forschen,

[00:02:27]  weil wir eine ganz dichte Parallelüberlieferung haben durch Schrift, Bild oder auch mündliche Quellen natürlich.

[00:02:32]  Und dadurch entsteht ein sehr viel dichteres Bild und macht auch die Interpretation von archäologischen Funden

[00:02:38]  sehr viel reicher zum Teil, als das etwa in der Urgeschichte manchmal möglich ist.

[00:02:42]  Auf der anderen Seite ist es aber auch eine sehr schwierige Archäologie,

[00:02:45]  weil diese Vergangenheit natürlich sehr nah an uns dran ist.

[00:02:47]  Es ist was, wo wir zum Teil noch Menschen haben, die die Zeiten, die wir erforschen miterlebt haben,

[00:02:51]  wo Familiengeschichten geprägt sind.

[00:02:53]  Und dementsprechend, das ist mir ganz wichtig, ist ja Archäologie jetzt nicht nur ein Blick in die Vergangenheit,

[00:02:58]  sondern es geht ja auch ganz viel darum, wie wir heute mit dieser Vergangenheit umgehen.

[00:03:02]  Und da ist natürlich die Archäologie auch der NS-Zeit

[00:03:04] insofern sicher eine schwierigere Archäologie, weil wir auch irgendwo uns in diese Diskurse,

[00:03:09]  wie gehen wir mit dieser Vergangenheit um, mit einpflegen müssen.

[00:03:13]  Und das macht es natürlich eine große Herausforderung.

[00:03:16]  Tobias: Ich habe dich jetzt natürlich eingeladen, vielleicht habe ich es noch gar nicht erwähnt,

[00:03:20]  aber du warst auch beteiligt oder bist beauftragt worden, glaube ich, von der Kommission oder von der Stadt,

[00:03:26]  am Gebiet des ehemaligen Arbeitserziehungslagers Reichenau

[00:03:32]  Also nicht du allein natürlich, das ist schon klar, aber du mit deinem Team,

[00:03:37]  Grabungen zu machen, um Spuren über oder vom Lager noch ausfindig zu machen,

[00:03:45]  kannst du uns vielleicht auch kurz erklären, wie es denn zu diesem Auftrag kam

[00:03:49]  und wie der Ablauf war und vielleicht auch einfach auch wer beteiligt war.

[00:03:56]  Barbara: Die Stadt Innsbruck versucht ja seit einiger Zeit jetzt einen neuen Gedenkort in der Reichenau zu schaffen

[00:04:01]  für die Opfer des Nationalsozialismus, die dort im Arbeitserziehungslager eingesperrt waren,

[00:04:06] aber auch in den angrenzenden Lagerkomplexen und im Vorfeld zu dieser Projektplanung hat man sich seitens der Stadt entschieden,

[00:04:12]  dass es sicher auch wesentlich ist, noch mal intensiv Forschung zur Geschichte dieser Lager,

[00:04:17]  aber eben auch der Menschen, die dort eingesperrt oder auch umgekommen sind, zu betreiben

[00:04:23]  und das hat einerseits dazu geführt, dass sehr intensive Forschungen von historischer Seite gegeben hat.

[00:04:27]  Ich glaube, die Sabine Pitscheider wird ja auch noch sprechen hier in diesem Podcast.

[00:04:31]  Und auf der anderen Seite hat sich dann im Rahmen dieser Forschung natürlich schon auch die Frage nach der genauen historischen Örtlichkeit gestellt.

[00:04:38]  Wie groß war tatsächlich dieser Lagerkomplex? Wie ist er aufgebaut gewesen?

[00:04:42]  Können wir eigentlich in der Raumstruktur auch noch irgendwie Informationen finden über die Geschichte dieser Lager dort in der Reichenau,

[00:04:50]  aber natürlich auch für die Schaffung des Gedenkortes, das war sicher auch im Interesse der Stadt, hat sich die Frage gestellt,

[00:04:55]  gibt es eigentlich noch wirklich materielle Überreste im Sinne von Baubestand,

[00:04:59]  die da heute vielleicht noch irgendwo versteckt im Gewerbegebiet herumstehen

[00:05:04]  und eigentlich mit diesem Anspruch sind sie an mich und meine Kollegin Barbara Pöll von

[00:05:08] monumentGUT herangetreten mit der Bitte, ob wir da nicht von archäologischer Seite ein bisschen Abhilfe schaffen können.

[00:05:14]  Und das Ganze hat eigentlich so begonnen, dass wir zunächst, also jeder, der die Reichenau kennt,

[00:05:18]  weiß ja, dass sie heute ein sehr stark bebautes Gewerbegebiet ist, uns die Frage gestellt

[00:05:23]  und wie können wir zuerst mal eruieren, ist überhaupt noch obertägig was da

[00:05:26]  und wie können wir dann abschätzen, ob vielleicht zumindest archäologisch, also im Boden, im Bodenbefund,

[00:05:31]  noch was erhalten ist. Und das haben wir zunächst über eine Auswertung von historischen Plänen

[00:05:36]  und auch Schriftquellen und mündlicher Überlieferung gemacht, die zur Raumstruktur des Lagers Bezug haben,

[00:05:42]  aber vor allem auch über Luftbilder aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges,

[00:05:46]  die von den Alliierten damals eigentlich im Zuge ihres Luftangriffs oder ihrer Luftkriege erstellt worden sind

[00:05:51]  und haben versucht zunächst mal einfach die ganze Raumsituation und die Entwicklung der Lager,

[00:05:55]  zwischen 1940/41 bis 1945 und auch darüber hinaus dann natürlich bis zum Abriss der letzten Baracken in den 60er Jahren zu rekonstruieren.

[00:06:05]  Und auf Basis dieser Luftbildauswertung haben wir dann versucht zu schauen, stehen erstens noch irgendwo einzelne Gebäude,

[00:06:10]  das hat sich nicht herausgestellt, also heute ist wirklich kein obertägiger Bestand mehr vorhanden,

[00:06:15]  der irgendwie noch direkt mit dem Lager in Verbindung stehen würde.

[00:06:19]  Wir haben es aber auch geschafft, über den Vergleich von diesen historischen Luftbildern mit eben den modernen Luftbildern und Satellitenaufnahmen

[00:06:26]  Flächen zu identifizieren, die noch nicht tief bebaut sind, das heißt die nicht unterkellert sind

[00:06:32]  und wo potenziell die Möglichkeit besteht, dass eben im Boden noch archäologische Spuren vorhanden sind.

[00:06:38]  Tobias: Das heißt, ihr habt jetzt im Vorfeld die theoretische oder teils praktische Arbeit geleistet.

[00:06:44]  Wie ist es dann zu den Grabungen gekommen, ist es sehr schwierig bei so einem, wie du ja gesagt hast, stark verbauten und ja auch genutzten, ich mein

[00:06:55] der Bauhof ist ja immer noch dort und auch natürlich im Betrieb und der einzige auf städtischem, also wo halt alle hin kommen.

[00:07:04]  Ist es..., erschwert es die Arbeit für Grabungen sehr oder ist es eh immer der Fall oder meistens der Fall?

[00:07:15]  Barbara: Natürlich ist es so, dass im städtischen Bereich, egal welche Archäologie man betreibt, das immer problematisch ist,

[00:07:20]  weil wir einfach eine sehr starke moderne Überprägung haben.

[00:07:23]  Im Fall jetzt von der Reichenau war uns schon von Anfang an klar, dass die Möglichkeit wirklich Archäologie im Boden zu betreiben,

[00:07:29]  sehr gering sein wird, einfach weil die Überbauung dort einerseits wirklich sehr massiv ist,

[00:07:34]  der Abriss sehr massiv war und natürlich, weil das Gebiet heute intensiv benutzt wird.

[00:07:38]  Alle Innsbruckerinnen und Innsbrucker kennen wahrscheinlich den Recyclinghof, sie wissen wie viel Verkehr da auch an den Wochenenden ist

[00:07:43]  und natürlich dann auch der städtische Bauhof.

[00:07:45]  Was wir aber versucht haben, eigentlich durch unsere Luftbildanalyse, das war zunächst mal abzuklären, ob überhaupt das Potenzial da ist.

[00:07:52]  Und als wir gesehen haben, dass es durchaus noch ganz, ganz kleine Restflächen im Südbereich,

[00:07:56] des heutigen Bauhofes gibt, das eben in der NS- Zeit Teil des Lagerbereichs war, die noch nicht bebaut sind.

[00:08:01]  Das war für uns natürlich ein wichtiger Hinweis darauf, dass da durchaus noch eine Erhaltung im Boden gegeben ist,

[00:08:06]  aber eben auch auf den Verkehrsflächen eigentlich, die nicht unterkeller sind.

[00:08:10]  Und da war der nächste Schritt, dass wir zunächst eine geophysikalische Prospektion gemacht haben,

[00:08:14]  also eine nicht zerstörende Archäologie und versucht haben eigentlich über Messungen von physikalischen Eigenschaften im Boden herauszufinden,

[00:08:22]  ob man da vielleicht noch Linien oder Strukturen erkennen kann, die wir mit dem Lagerkomplex in Verbindung bringen können.

[00:08:28]  Tobias: Habt ihr diese geophysikalischen, oder kannst du die vielleicht noch mal ein kleines bisschen noch erklären,

[00:08:33]  ist das auch über die Archäologie oder nehmt ihr dann auch auf das, blöd gesagt, externes oder von der Universität

[00:08:40]  parallel Wissen von anderen Institutionen, die euch da unterstützend beiseite stehen, oder ist das schon sehr verankert in der Archäologie?

[00:08:48]  Barbara: Hier in Innsbruck haben wir wirklich sozusagen den Vorteil, dass wir wirklich an unserem Institut ja auch Expertise haben,

[00:08:54]  beim Professor Grabherr, der schon seit vielen Jahren auch Geophysik, also archäologische Prospektionsmethode,

[00:09:00]  betreibt und von seinem Team haben wir da die Unterstützung bekommen, mit David Imre, die Messungen vor Ort durchzuführen.

[00:09:06]  Ich will da jetzt gar nicht in die Physik rein gehen, aber vielleicht so, um das mal ein bisschen plakativ zu sagen,

[00:09:10]  man fährt da mit Messgeräten sozusagen über die Interessensflächen und dann wird eben durch die Messung der physikalischen Eigenschaften

[00:09:16]  eigentlich ein Tiefenbild vom Boden erzeugt. Es ist jetzt kein Röntgen, aber ich glaube laienhaft kann man sich vorstellen,

[00:09:21]  dass das so ein durchleuchten des Bodens ein bisschen ist. Und dann sieht man sozusagen die im Boden vorhandenen Strukturen,

[00:09:27]  das können Leitungsgräben sein, aber eben auch zum Beispiel Fundamentreste oder Ähnliches.

[00:09:32]  Und über dieses virtuelle Bild kriegt man einen ersten Eindruck, ob eben potentiell da eigentlich noch Strukturen verhanden sind,

[00:09:38]  die jetzt im konkreten Fall eben tatsächlich noch zum Beispiel mit dem Arbeitserziehungslager in Verbindung stehen.

[00:09:43]  Vielleicht ein Satz noch dazu, dass es sicher besonders herausfordernd war, auf diesen sehr stark verbauten Flächen

[00:09:50]  Geophysik zu machen. Das hat zu einerseits messtechnische Probleme, aber die große Herausforderung ist eigentlich auch,

[00:09:56]  dass ja die Bebauung, wie sie heute ist, in ihrer Ausrichtung, im Wesentlichen genau dieselbe Ausrichtung hat,

[00:10:02]  wie eben die Gebäude damals im Arbeitserziehungslager. Und das ist immer dann so eine Sache,

[00:10:06]  was ich auf den Luftbildern vielleicht dann als Linien erkenne, ist schwer, sozusagen nur vom virtuellen Bild dann wirklich festzustellen,

[00:10:14]  ist das jetzt das, was wirklich zum Lager gehört oder sind das nicht vielleicht auch ältere Leitungseinbauten, die auf keinen Plänen mehr vorhanden sind.

[00:10:20]  Da brauchen wir dann tatsächlich natürlich auch Expertise von anders woher, in dem Fall natürlich von der Stadt,

[00:10:25]  die uns hier versucht hat, möglichst gut mit Leitungsplänen zu unterstützen, damit wir schon mal vorab ein bisschen ausschließen können,

[00:10:31]  was sind da Strukturen, die wirklich zum Bauhof gehören und was sind potenziell wirklich Strukturen, die noch aus der NS-Zeit

[00:10:38]  da im Boden vorhanden sein könnten.

[00:10:40]  Tobias: Ist bei den geophysikalischen Daten dann auch eine Vermutung entstanden, dass da und dort punktuell wirklich noch Reste vorhanden sind,

[00:10:49]  oder ist man einfach, blöd gesagt, blind drauf losgegangen dann?

[00:10:53]  Barbara: Nein, blind sind wir nicht drauf losgegangen, deswegen [lacht] haben wir die für Geophysik gemacht.

[00:10:57]  Was wir gemacht haben ist, dass wir versucht haben zu schauen, welche Anomalien wir da auf den Messbildern sehen.

[00:11:02]  Und dann haben wir im Prinzip ein Ausschlussverfahren durchgeführt.

[00:11:05]  Wir haben einerseits geschaut, stimmen die eben mit modernen Leitungsplänen überein,

[00:11:09]  und dann kann man quasi schon eher ausschließen, dass das historische Strukturen sind.

[00:11:13]  Und im zweiten Schritt, also dort, wo wir gesehen haben, wir haben keine Informationen, dass das moderne Kanalbauten oder Ähnliches sind,

[00:11:18]  haben wir dann geschaut, ob die wiederum mit Infrastruktur, die wir auf den Luftbildern, auf den historischen, erkannt haben, übereinstimmen.

[00:11:24]  Und so war es dann schon möglich, gewisse Bereiche einzugrenzen, wo eben ein hohes Potenzial vorhanden ist.

[00:11:30]  Ich möchte aber trotzdem noch mal darauf hinweisen [lacht], weil das wichtig ist, dass natürlich auch hier eine Fehlerquelle vorhanden ist.

[00:11:35]  Wir haben in den Grabungen dann selbst ja tatsächlich den Fall gehabt, dass eine dieser linearen Strukturen, die wir im Messbild hatten,

[00:11:41]  sich als noch benutzte Wasserleitung herausgestellt hat, die aber einfach auf keinem Leitungsplan war,

[00:11:46]  die aber im Verlauf eigentlich gut gepasst hätte zu dem Bereich dieser Unterkunftsbaracke 1,

[00:11:51]  die wir dann versucht haben zu lokalisieren und zu identifizieren in der Archäologie.

[00:11:56]  Und das ist halt immer so die Herausforderung.

[00:11:58]  Also Geophysik ist ein ganz, ganz wesentliches Element oder eine ganz wesentliche Methode zur Vorerkundung.

[00:12:04]  Aber im Endeffekt wirklich wissen, was wir im Boden haben, können wir erst, wenn wir wirklich dann auch zu Graben beginnen.

[00:12:13]  [Drehgeräusch] Tobias: Gehen wir den nächsten Schritt. Ihr geht jetzt wirklich zur Grabung über, wie viel Zeit ist da einberäumt worden,

[00:12:23]  wie schätzt man es ab, wie viel Zeit für Grabungen benutzt werden oder überhaupt bekommt,

[00:12:30]  also Zeit, wie viel man haben darf, überhaupt zu graben.

[00:12:33]  Ist ja wahrscheinlich nicht nur auch die eigene Schätzung, was da ja dann zählt.

[00:12:37]  Barbara: Es ist immer eine ganz böse Frage, wenn man Archäolog:innen fragt, wie viel Zeit sie gerne zum Graben hätten.

[00:12:42]  Wir ja ein sehr langsames Business [beide lachen].

[00:12:44]  Nein, wir haben in dem Fall versucht, also einerseits, weil natürlich klar war,

[00:12:47]  dass selbst wenn wir was finden, das wahrscheinlich wirklich nur mehr ein sehr stark fragmentierten Grad vorhanden sein wird

[00:12:52]  und eigentlich ja die primäre Frage war, sind überhaupt noch Substanziell Spuren vorhanden.

[00:12:56]  Also haben wir mit der Stadt vereinbart, dass wir eigentlich so eine Art kleinere Testgrabung machen.

[00:13:01]  Das ist auch auf dem Areal vom heutigen Bauhof im Grunde auf ganz, ganz wenigen Flächen nur mehr möglich,

[00:13:06]  weil er da großteil überbetoniert ist und wir haben uns dann entschieden,

[00:13:08]  dass wir eigentlich einen sehr kleinen Schnitt nennt man das, also sozusagen den Bereich,

[00:13:12]  den wir dann wirklich ausgraben, im Süden auf diesem letzten verbliebenen Grünstreifen,

[00:13:17]  da beim Gartenbauamt öffnen werden und haben dafür eine 2- bis 3-wöchige Grabung angesetzt.

[00:13:23]  Wirklich aber auch mit dem Ziel jetzt gar nicht im Endeffekt, je nachdem was rauskommt,

[00:13:28]  alles komplett auszugraben, sondern einfach mal den ersten Blick in den Boden zu kriegen.

[00:13:31]  Wir haben das natürlich auch mit dem Bundesdenkmalamt vorab abgeklärt,

[00:13:34]  die als Behörde dafür auch zuständig sind.

[00:13:37]  Und damit waren eigentlich sozusagen alle Beteiligten einverstanden,

[00:13:40]  dass das im Grunde jetzt so eine Art ja ein Erstversuch ist,

[00:13:43]  einfach mal um eine Abwägung überhaupt machen zu können, wie viel Substanz da wirklich noch vorhanden ist.

[00:13:48]  Tobias; Was war dann der erste Eindruck [lacht] sozusagen?

[00:13:51]  Barbara: Am Anfang mussten wir tatsächlich feststellen, dass die Überprägung vom Areal,

[00:13:55]  nämlich auch im Sinne von der Überlagerung durch Planierschichten,

[00:13:58]  sehr viel massiver ist, als wir das erhofft hatten.

[00:14:01]  Im Endeffekt mussten wir wirklich auf 1,70 m runter

[00:14:04]  um tatsächlich zu den nationalsozialistischen, also zur Zeit der NS-Schichten runterzukommen.

[00:14:09]  Das heißt, wir sehen aber auch, dass wirklich im Bereich des Bauhofs hier nicht nur abgerissen,

[00:14:13]  sondern auch massiv umstrukturiert und aufplaniert worden ist seit den 1960er Jahren,

[00:14:17]  vermutlich aber auch noch später, also 70er, 80er Jahre,

[00:14:20]  das sehen wir dann am Fundmaterial in den Planierschichten.

[00:14:23]  Und wir sind dann auf diese Tiefe zum Teil durch händisches Abgraben,

[00:14:27]  zum Teil aber auch durch einen Minibagger runtergegangen,

[00:14:30]  und sind aber dann tatsächlich in 1,70 Meter Tiefe,

[00:14:33]  dann auch wirklich die letzten Reste dieser Unterkunftsbaracke 1 gestoßen.

[00:14:37]  Tobias: Weil du ja schon die Funde angesprochen hast kurz, was waren denn da,

[00:14:42]  oder nur so vielleicht beispielhaft, was da so alles an Material zusätzlich,

[00:14:48]  also neben diesen Fundamentresten oder den Resten noch, ans Tageslicht gekommen ist?

[00:14:53]  Barbara: Der Großteil der Funde, das muss man ganz ehrlich sagen,

[00:14:56]  ist im Grunde eigentlich Müll aus der Zeit, seitdem der Bauhof errichtet worden ist,

[00:14:59]  dass es das, was wir so in den Planierschichten finden.

[00:15:02]  Wir haben aber bei den letzten sozusagen Zentimetern,

[00:15:05]  bevor dann auch diese Barackenreste in Form von Pfahlrostfundamenten,

[00:15:08]  Betonfundamenten rausgekommen sind, verhältnismäßig sehr wenig,

[00:15:12]  aber doch Funde getätigt, die aber wahrscheinlich eher aus der Zeit der Notwohnsiedlung,

[00:15:16]  die ja bis in die 60er Jahre dann da noch bestanden hat in diesen Baracken zugeordnet werden können.

[00:15:21]  Und da geht es zum Teil um Alltagsgeschirr und Blumentöpfe, aber vor allem auch um

[00:15:26]  einfaches Verpackungsmaterial, was wirklich aus der Zeit der 50er und 60er Jahre stammt.

[00:15:30]  Das war eigentlich eher aus dem Alltag der Menschen, die dort dann eben in der Nachkriegszeit

[00:15:35]  quasi ja hingesiedelt worden sind aufgrund von Wohnungsnot und dann bis in die 60er Jahre

[00:15:41]  dort gelebt haben.

[00:15:42]  Aus der Zeit des Lagers selbst haben wir tatsächlich fast nur eigentlich die wenigen Befunde der

[00:15:48]  Baustrukturen, die erhalten sind, was aber auch wenig überraschend ist, wenn man sich

[00:15:52]  eben überlegt, dass das AEL [Arbeitserziehungslager] selbst ja im Grunde wenige Jahre bestanden hat, also eigentlich

[00:15:57]  nur gut vier Jahre und dann ja wirklich mehrere Jahre, also fast 20 Jahre lang ja noch durch

[00:16:04]  eben diese Nutzung als Notwohnsiedlung eigentlich eine ganz andere Funktion gegeben, war es

[00:16:08]  ursprünglich dieser Inhaftierungskontext.

[00:16:10]  Tobias: Und vor allem die Baracken, die waren ja nicht hochwertig gebaut.

[00:16:15]  Barbara: Ja, also was da unten errichtet worden ist, das wissen wir tatsächlich aus den Bauunterlagen

[00:16:20]  vorab, sind sogenannte RAD-Baracken gewesen, also Baracken, die ursprünglich für den

[00:16:24]  Reichsarbeitsdienst entworfen worden sind, die aber dann im Laufe der NS-Zeit wirklich

[00:16:29]  in großem Stil vor allem in unterschiedlichsten Zwangslagern des Regimes eingesetzt worden

[00:16:34]  sind, in Konzentrationslagern, in Zwangsarbeitslagern, aber eben auch im Arbeitserziehungslager

[00:16:39]  in der Reichenau.

[00:16:40]  Das sind im Grunde Behelfsbauten, die vor allem aus Holz errichtet werden und dann aber

[00:16:46]  so je nachdem, wie lang man eigentlich diese Barracken dann nutzen möchte einen unterschiedlichen

[00:16:50]  Unterbau haben können.

[00:16:51]  Also der kann betoniert sein, der kann durch Streifenfundamente gelegt sein oder wie wir

[00:16:56]  es jetzt den Reichenau archäologisch nachweisen könnten, durch eigentlich eine

[00:17:00]  sehr simple Pfahlrostgründung errichtet sein.

[00:17:02]  Und ich glaube das Wesentliche dran ist, dass man sich einfach vor Augen führt, dass das

[00:17:07]  zwar jetzt natürlich aus archäologischer Sicht nicht die ergiebigste Grabung ist, die wir

[00:17:11]  an Orten von NS-Verbrechen durchführen, eben durch diesen Überbauungsgrad.

[00:17:17]  Aber ich glaube wir lernen dadurch ja auch ganz viel über die Nachnutzung dieser Bereiche

[00:17:20]  und wie schnell eigentlich solche Verbrechensorte auch aus dem öffentlichen Gedächtnis durch

[00:17:24]  Nachnutzung, aber dann eben auch durch so radikalen Abriss, wie das in den 60er Jahren

[00:17:28]  passiert ist, auch verschwinden können.

[00:17:30]  [Drehgeräusch] Tobias: Gehen wir mal vielleicht auch kurz weg vom Arbeitserziehungslager Reichenau.

[00:17:39]  Du hast schon gesprochen, es wäre ja schön, wenn mehr Grabungen wären, auch mehr archäologische

[00:17:48]  Grabungen zu Bauten aus der NS-Zeit oder auch Lager aus der NS-Zeit, wo wäre es aus deiner

[00:17:54]  Sicht noch sinnvoll oder gäbe es noch weitere sinnvolle Orte, wo es auch, wie gesagt, auch

[00:18:00]  gut wäre, archäologisch zu graben oder zumindest einmal auch sei es Erhebungen zu machen, geophysikalische

[00:18:10]  Begehungen zu machen, fällt dir da da spontan was ein?

[00:18:14]  Barbara: Ja, also wenn wir jetzt konkret Tirol natürlich anschauen, also mittlerweile haben wir einen

[00:18:17]  recht guten Überblick, wo zumindest Lagerstandorte waren, weil sie in den letzten Jahren auch

[00:18:21]  seitens Bundesdenkmalamtes ganz umfangreiche Erhebungen zu Standorten gegeben hat und

[00:18:27]  nicht nur aus dieser Erhebung, sondern zum Teil, weil die Barackenfundamente auch noch

[00:18:30]  obertägig sichtbar sind, wissen wir von vielen Lagerstandorten, wo wir noch keine so massive

[00:18:34]  Überbauung haben.

[00:18:35]  Das ist zum Beispiel in Haiming der Fall oder auch in Bereichen bei Schwaz und Kematen,

[00:18:40]  wo ja auch Zwangslager vor allem für die Kriegsindustrie errichtet worden sind.

[00:18:44]  Ich denke aber auch zum Beispiel an Vorarlberg entlang der Illwerke-Trasse im Montafon,

[00:18:48]  das ist schon einige Jahre zurück, das bedeutet auch "gesurveyed" [untersucht] haben, wo wir einfach Bereiche

[00:18:52]  haben, wo eigentlich im Nachgang nicht mehr bebaut worden ist und wo dann zum Teil die

[00:18:56]  Struktur nach oberflächlich noch erkennbar sind, eben durch Fundamente, die da durch die

[00:19:00]  Grasnarbe zum Teil oder durch den Waldboden durchscheinen.

[00:19:03]  Und das sind natürlich alles Bereiche, wo wir potenziell mit einer besseren archäologischen

[00:19:08]  Erhaltung rechnen können, weil einfach die Überprägung nicht so hoch ist.

[00:19:11]  Ich glaube aber tatsächlich, dass wir es nicht nur aufgrund dieser Überbauung einschränken

[00:19:15]  sollten.

[00:19:16]  Ich glaube, Archäologie hat ja immer zwei Funktionen.

[00:19:18]  Das eine ist wirklich aus der wissenschaftlichen Perspektive, dass wir natürlich versuchen

[00:19:22]  wollen, möglichst viel über einen historischen Ort und was dort passiert ist, rauszufinden.

[00:19:26]  Da ist natürlich die umfangreiche Erhaltung immer ein Vorteil.

[00:19:29]  Aber Archäologie ist eigentlich auch, würde ich sagen, eher so eine Art Interventionsmodus

[00:19:34]  oder eine Möglichkeit, sich einfach immer wieder neu mit der Vergangenheit und auch

[00:19:38]  ihrer Bedeutung für die Gegenwart zu beschäftigen.

[00:19:40]  Und dementsprechend glaube ich, dass es bei den vielen Lagern, die es in ganz Österreich

[00:19:44]  gegeben hat in dieser Zeit immer auch eine Möglichkeit gibt, Archäologie her als sozusagen

[00:19:49]  eine Praxis einzusetzen, um auch vor Ort dann mit unterschiedlichen Interessensgruppen

[00:19:55]  sich neu mit diesen Orten zu beschäftigen.

[00:19:57]  Was dann rauskommt, im Endeffekt, manches können wir ganz gut vorabschätzen, manches

[00:20:00]  vielleicht weniger, braucht natürlich nachher auch eine wissenschaftliche Aufarbeitung.

[00:20:04]  Aber ich glaube so als Modus der Interaktion ist Archäologie auch immer eine gute Möglichkeit,

[00:20:09]  um einfach zu einer Vergegenwärtigung dieser Situationen an der Vergangenheit beizutragen

[00:20:13]  und damit auch eine neue Auseinandersetzung zu motivieren und zu fördern.

[00:20:17]  Und das sehen wir bei ganz vielen Projekten eigentlich.

[00:20:19]  Das ist eigentlich auch, möchte ich sagen, der Ursprung der Archäologie, der jüngeren

[00:20:25]  Vergangenheit, das eigentlich in den 1980er Jahren, als das zum Beispiel in Deutschland

[00:20:28]  begonnen hat, das zunächst ja oft wirklich "Grassroots-Initiatives" würden wir heute sagen.

[00:20:34]  Also eigentlich Menschen aus lokalem Umfeld begonnen haben sich auf Spurensuche zu

[00:20:38]  begeben, um sich eben mit der NS-Geschichte vor Ort direkt zu konfrontieren.

[00:20:42]  [Drehgeräusch] Tobias: Eure Ergebnisse, jetzt springe ich wieder zum Arbeitslager Reichenau zurück, die Ergebnisse

[00:20:53]  von den Ergrabungsarbeiten, eure Erkenntnisse, werden die oder sind die auch für die breite

[00:21:02]  Öffentlichkeit zugänglich, gibt es da, sind die veröffentlicht worden, außer natürlich,

[00:21:08]  ich weiß, es gibt Zeitungsartikel, ich glaube in den regionalen Blättern, aber auch in

[00:21:13]  der TT, wahrscheinlich eh noch online einsehbar, aber gibt es auch einen, ich sage jetzt einmal,

[00:21:17]  umfangreicheren Bericht, der was dann erscheinen wird?

[00:21:20]  Barbara: Das ist sozusagen jetzt gerade in der Mache, auch oder schon fast im Druck, es wird einerseits

[00:21:25]  natürlich Publikationen geben, wo wir die Ergebnisse auch in der Tiefe präsentieren

[00:21:30]  werden, auf der einen Seite einem wissenschaftlichen Publikum, aber auch für eine breitere Öffentlichkeit.

[00:21:34]  Wir haben hier zum Beispiel in Innsbruck auch zusammengearbeitet mit AFIN, dem

[00:21:40]  archäologischen Forschungsnetzwerk Innsbruck, nehmen wir dort auch, das ist eher ein breiten

[00:21:44]  wirksamer Newsletter, den die haben dort auch schon kürzere Berichte publiziert haben.

[00:21:48]  Ich denke aber, dass vor allem, wenn die Neukonzeption der Gedenkstätte dann wirklich in die Umsetzung

[00:21:54]  geht, das wird ja auch dann didaktische Materialien auch für sozusagen Programme für Schülerinnen

[00:21:59]  und Schüler oder auch andere interessierte Bevölkerungsgruppen geben, dass wir da natürlich

[00:22:04]  auch die Ergebnisse der archäologischen Forschung gern mit einfließen lassen und das natürlich

[00:22:09]  auch zur Verfügung stellen.

[00:22:11]  Und ich glaube, dass hier vor allem auch die Luftbildanalyse einen ganz wesentlichen

[00:22:15]  Teil spielt, weil das einfach so eine Möglichkeit gibt, nochmal diese räumlichen Dimensionen,

[00:22:19]  die ja heute wirklich schwer nachvollziehbar sind wegen des Überbauungsgrades, nochmal

[00:22:24]  besser zu visualisieren und den Menschen da auch einen sozusagen wirklich einen räumlichen

[00:22:29]  Zugang auch zu schaffen zu diesen Orten und zu diesen Lagerbereichen.

[00:22:33]  Tobias: Gibt es noch was, was wir zum.. über eure Arbeiten im Arbeitserziehungslager Reichenau erwähnen

[00:22:41]  sollten, was wir jetzt in unserem Gespräch noch vergessen haben?

[00:22:44]  Barbara: Also ich glaube, was man vielleicht so ein bisschen nochmal aufsplitten kann, wenn man sich jetzt

[00:22:48]  diese unterschiedlichen Schritte der archäologischen Forschung ansieht, ist, dass wir je nachdem,

[00:22:53]  mit welchen Methoden wir rangehen oder auch ob wir uns das sozusagen aus der Vogelperspektive

[00:22:57]  ansehen oder wirklich in den Boden gehen, einfach sehr unterschiedliche Maßstäbe im

[00:23:01]  Grunde anwenden, im Blick und natürlich auch unterschiedliche Informationen rauskriegen.

[00:23:05]  Was für mich wirklich ein spannender Aspekt ist und das ist jetzt nicht speziell für

[00:23:10]  die Reichenau überraschend, aber das ist das, was wir bei vielen anderen Projekten auch

[00:23:13]  sehen, ist natürlich, dass wir durch diesen Blick aus oder aus diesem Luftblick heraus

[00:23:18]  eigentlich ganz viel über die räumliche Entwicklung und die Planungssystematik während

[00:23:23]  der NS-Zeit rauslesen können.

[00:23:25]  Es gibt ja einerseits sozusagen, dass was man vorhat, was man plant, was man veranschlagt

[00:23:28]  und das, was man tatsächlich dann umsetzt.

[00:23:30]  Und das ist etwas, was wir eben durch verschiedene Luftbilder eigentlich ganz gut aufsplitten

[00:23:34]  können.

[00:23:35]  Einerseits, wie sich diese Bereiche tatsächlich räumlich strukturieren und aufteilen.

[00:23:39]  Was zum Beispiel da wirklich eine ganz spannende Sache auch war zu sehen ist, dass wir, also

[00:23:44]  wir haben ja in der Reichenau einerseits das Arbeitserziehungslager und nördlich davon

[00:23:47]  zum Inn hin bestand ja eigentlich ein, ich sage immer, das ist ein Multifunktionskomplex,

[00:23:53]  also ein Lager, das betrieben worden ist von der Stadt Innsbruck, von der Reichspost

[00:23:56]  und von der Reichsbahn, wo Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene inhaftiert waren, die

[00:24:00]  dann auch ausgebeutet worden sind in Innsbruck.

[00:24:02]  Und da können wir eigentlich über die Luftbilder ganz gut nachvollziehen, wie sich diese einerseits

[00:24:07] administrative Verwaltungsstruktur, aber auch diese unterschiedlichen Gruppen

[00:24:11]  an inhaftierten in der Raumplanung wiederfinden.

[00:24:14]  Indem da immer wieder zusätzliche Gebäude gekommen sind, aber sich auch immer wieder

[00:24:18]  die Zaunabgrenzungen innerhalb des Lagers zur Trennung dieser Gruppen und Bereiche eigentlich

[00:24:22]  widerspiegeln.

[00:24:23]  Und das ist ein ganz wesentlicher Aspekt auch um zu verstehen, wie setzt man eigentlich

[00:24:29]  diese Diskriminierung unterschiedlicher Gruppen, aber auch administrative Verwaltung dann

[00:24:33]  in der Realität um.

[00:24:34]  Und das funktioniert ganz stark zum Beispiel auch über Strukturierung von Raum.

[00:24:38]  Spannenderweise sehen wir diese Dynamik, die wir in diesem nördlichen Lager eigentlich

[00:24:42] sind nicht im Arbeitserziehungslager.

[00:24:44]  Da können wir eigentlich sagen, dass ziemlich von Anfang an der gesamte Komplex als Gebäudebestand

[00:24:49]  errichtet worden ist, eigentlich auch, wie er zumindest ursprünglich geplant war und

[00:24:54]  sich dann relativ wenig an der internen Strukturierung eigentlich ändert.

[00:24:57]  Und das spricht natürlich aber auch so für eine gewisse Kontinuität des Zwecks dieses

[00:25:01]  Lagers, das er wirklich von der Gestapo verwaltet, einen hohen Disziplinierungsgrad von Anfang

[00:25:07]  an hatte.

[00:25:08]  Und auf der anderen Seite können wir aber auch eben in Schnittstelle mit anderen historischen

[00:25:13]  Quellen wie eben mündlicher Überlieferung durch eben die Luftbilder auch nochmal versuchen,

[00:25:17]  bestimmte Ereignisse, die zum Beispiel Überlebende berichten konkreter zu verorten.

[00:25:22]  Tobias: Weil du es jetzt eben gerade angesprochen hast, das, was ich jetzt ganz vergessen habe,

[00:25:26]  natürlich gibt es für die Zeit natürlich mündliche Quellen, mündliche Überlieferungen, Zeitzeugen,

[00:25:32]  etc.

[00:25:33]  Wie, weil es gibt ja immer den Spruch, der Zeitzeuge ist der größte Feind des Historikers,

[00:25:40]  ist es natürlich jetzt auch wiederum sehr überspitzt gesagt.

[00:25:44]  Aber wie nimmt man das zu Herzen?

[00:25:49]  Nimmt man das dazu?

[00:25:51]  Muss man aber natürlich kritisch prüfen?

[00:25:53]  Barbara: Also ich glaube, man kann das nicht pauschal beantworten, was hier wirklich wichtig ist,

[00:25:57]  dass wir zunächst mal an diese verschiedenen Überlieferungsstränge einfach als Quellen

[00:26:01]  herangehen, die alle ihre Berechtigung haben, die alle ihre Kritik brauchen natürlich.

[00:26:05]  Und dass wir dann immer konkret, je nachdem was wir erforschen, auch wirklich versuchen,

[00:26:09]  diese verschiedenen Überlieferungsstränge miteinander zu vergleichen und rauszufinden,

[00:26:12]  wo bestätigen sie sich.

[00:26:13]  Wo sind vielleicht Blindspots in einer Überlieferung, die wir durch die andere fühlen können

[00:26:17]  und wo widersprechen sie sich.

[00:26:19]  Ich würde behaupten, dass das nicht nur herausfordernd ist mit Zeitzeug:innen Aussagen,

[00:26:23]  weil natürlich Zeitzeug:innen Aussagen, glaube ich, lange in der Geschichtswissenschaft

[00:26:27]  so ein bisschen verschrien, weil man sagt, ja, das ist Erinnerung und das ist natürlich

[00:26:30]  überprägt.

[00:26:31]  Das stimmt natürlich.

[00:26:32]  Auf der anderen Seite ist das natürlich eine ganz zentrale Quelle, weil es im Grunde

[00:26:35]  Erfahrungswerte und auch wie die verarbeitet werden, widerspielen.

[00:26:38]  Man darf die aber nicht verwechseln natürlich mit einer Dokumentation oder einem Faktenbericht.

[00:26:43]  Was aber auch nicht heißt, dass in Zeitzeug:innen Berichten keine Informationen enthalten

[00:26:47]  sind, die einfach auch eine historische Realität abbilden.

[00:26:50]  Man muss das einfach in der Aufarbeitung, glaube ich, mitberücksichtigen und dafür

[00:26:55]  ist es natürlich ganz notwendig jetzt auch aus archäologischer Seite, dass wir eng

[00:26:58]  mit Historikerinnen und Historikern zusammenarbeiten, die uns da auch helfen, die notwendige Kritik

[00:27:02]  anzuwenden.

[00:27:03]  Das hat in dem Projekt wirklich fantastisch funktioniert.

[00:27:06]  Ähnliches aber auch mit den Schriftquellen.

[00:27:09]  Ich weiß, es gibt immer so einen Tendenz dafür anzunehmen, sobald wir administratives

[00:27:13]  Schriftgut haben, das als Faktencheck herzunehmen.

[00:27:16]  Und das mag manchmal gerechtfertigt sein, aber auch hier müssen wir uns immer vor Augen halten,

[00:27:21]  auch Schriftgut ist ja was, was entsteht, produziert wird durch bestimmte Gruppen in der Bevölkerung,

[00:27:26]  mit Intentionen.

[00:27:28]  Manche Sachen werden gut dokumentiert, manche werden weggelassen, manche werden vielleicht

[00:27:31]  sogar verfälscht.

[00:27:32]  Also auch hier ist Quellenkritik wichtig.

[00:27:33]  Und was wir in der Archäologie gerade bei Lagerbauten sehr oft sehen, ist, dass es,

[00:27:38]  es gibt eine Planungsphase und das, was man sich vorstellt sozusagen und dann gibt es

[00:27:41]  eine Dynamik in der Umsetzung, die auch mit dem Kriegsgeschehen sich verändert zum Teil,

[00:27:46]  wo wir sehen, dass sich dann in den Bauten und auch in der Nutzung, die wir durch die

[00:27:49]  Archäologie nachvollziehen können, Änderungen ergeben, die wir so in den Schriftquellen

[00:27:53]  nicht finden.

[00:27:54]  Da gibt es auch ein Beispiel aus dem Arbeitserziehungslager.

[00:27:56]  Ein ganz wesentliches Element eigentlich, was in der Planung lange Zeit offenbar eine

[00:28:00]  Rolle gespielt hat für das AEL war ja, dass geplant war, irgendwo eine Gefangenen Baracke für politische

[00:28:06]  Häftlinge zu errichten, die ja ursprünglich nicht als Inhaftierungsgruppe eigentlich der

[00:28:09]  Fokus waren.

[00:28:10]  Dazu gibt es Planungsunterlagen, die auch sehr weit gediehen sind, auch eine umfangreiche

[00:28:14]  Korrespondenz bis dahin, dass man sogar sieht, wo die aufgestellt werden soll und wir können

[00:28:19]  über die Luftbilder in dem Fall dann aber tatsächlich rekurrieren und sagen, das ist

[00:28:22]  nicht umgesetzt worden.

[00:28:23]  Was auch immer, ein Paper-Trail gibt es vielleicht, aber er ist noch nicht lokalisiert in den

[00:28:27]  Archiven.

[00:28:28]  Wir können auf jeden Fall sagen, was sozusagen wirklich Ist-Bestand wird.

[00:28:31]  Das sind jetzt Kleinigkeiten, wo es wirklich nur so um historisch eigentlich kleine Spezifitäten

[00:28:35]  geht, aber das kann sich natürlich auch auswachsen.

[00:28:38]  Wir haben Beispiele aus archäologischer Forschung in Deutschland zum Beispiel, aus Zwangsarbeitslagern,

[00:28:42]  in Brandenburg gibt es da ganz viele Projekte, wo wir über die Archäologie zum Beispiel

[00:28:47]  ganz tiefen Einblick wirklich auch in Lebensbedingungen unterschiedlicher Häftlingsgruppen bekommen,

[00:28:51]  den wir im Paper-Trail überhaupt nicht finden.

[00:28:53]  Kleinmachnow ist so ein Beispiel, das war auch ein Lager, wo auf der einen Seite wirklich

[00:28:58]  Angestellte der dort tätigen Firmen untergebracht waren, aber auch Zwangsarbeitende, also Zivilzwangsarbeitende,

[00:29:03]  Kriegsgefangene bis hin zu KZ-Häftlingen.

[00:29:06]  Und wir sehen, dass offenbar die Firmen, die diese Lager betrieben haben, dann ganz

[00:29:10]  systematisch, je nachdem welche Kategorie an Menschen sie dort eingesperrt haben,

[00:29:14]  am Baumaterial oder auch an der Infrastruktur gespart haben.

[00:29:18]  Also da gibt es für die sozusagen die frei arbeitende Bevölkerung, gibt es gut geheizte

[00:29:22]  Baracken mit Waschanlagen und Sanitäreinrichtungen.

[00:29:24]  Für die zivilen Zwangsarbeitenden wird das dann schon down-gegraded, wo es eigentlich nur so

[00:29:29]  kleinere Ofenanlagen gibt und keine fix installierten Sanitäranlagen in den Baracken bis dann hin tatsächlich

[00:29:35]  zu den Baracken für sowjetische Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge, die nicht mal mehr eine

[00:29:40]  Heizung eigentlich haben.

[00:29:41]  Und das ist, was ich meine, mit der Archäologie sehen wir eigentlich so auf einem menschlichen

[00:29:46]  Level ganz oft

[00:29:47] was heißt es eigentlich, in bestimmten Bedingungen dann dort inhaftiert zu werden und dort drinnen

[00:29:51] Leben zu müssen?

[00:29:52]  Das ist einerseits die Ideologie, die Verfolgung und die Kategorisierung, die institutionell

[00:29:57]  stattfindet durch Gewalt an den Menschen, aber dann auch in der Umsetzung natürlich

[00:30:01]  der jeweiligen Lebenssituation.

[00:30:03]  Und das ist der Zugriff, den wir vor allem über die Archäologie haben, in dem wir wirklich

[00:30:06]  auf diese materielle Komponente schauen können. [Outro-Musik]

[00:30:08]  Tobias: Archivwürdig ist eine Produktion des Stadtarchiv Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem

[00:30:31]  Audio-Kanal der Stadt Innsbruck.

Erinnerungskultur und Erinnerungsorte

Erinnerungskultur und Erinnerungsorte

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur vierten Folge unserer dritten Staffel von Archivwürdig,

[00:00:07]  dem Podcast des Innsbrucker Stadtarchivs. Heute sprechen wir über Erinnerungskultur bzw.

[00:00:13]  Erinnerungsorte im Allgemeinen. Dafür habe ich mir universitäre Hilfe mit Ingrid Böhler

[00:00:18]  geholt. Ingrid Böhler ist Senior Scientist an der Universität Innsbruck und Leiterin

[00:00:24]  des dortigen Instituts für Zeitgeschichte. Gemeinsam tasten wir uns an das große Thema

[00:00:30]  Erinnerungskultur heran und sprechen über Definitionen des Begriffs sowie dessen Zusammenhang

[00:00:35]  mit Erinnerungsorten, wie sich Erinnerungskultur in Österreich entwickelt hat und betrachten mit

[00:00:41]  den Zeitpunkten ein lokales Beispiel in Innsbruck.

[00:00:44]  [Intro-Musi] Tobias: Liebe Ingrid, danke, dass du Zeit gefunden hast, heute mit mir zu sprechen. Unser übergeordnetes

[00:01:05]  Thema der dritten Staffel ist ja das Arbeitserziehungslager Reichenau und die damit zusammenhängende

[00:01:11]  Neugestaltung eines zeitgemäßen Gedenkortes. Mit diesem Gedenkort steht natürlich das

[00:01:18]  große Wort Erinnerungskultur in Verbindung und Erinnerungsort. Aus diesem Grund habe

[00:01:24]  ich mir deine Expertise eingeladen, um Allgemeiner einfach über den Begriff zu sprechen und vielleicht

[00:01:32]  starten wir einfach mal so, ob du uns eine, sag ich mal, universitäre Definition geben

[00:01:38]  kannst im wissenschaftlichen Kreisen von Erinnerungskultur.

[00:01:42]  Ingrid: Ja, hallo Tobias, danke für die Einladung und zu deiner ersten Frage, die ist gefährlich,

[00:01:50]  weil wenn man nach der universitären Definition fragt, ist natürlich das Risiko groß, dass

[00:01:55]  es kompliziert wird. Und das Wort Erinnerungskultur ist tatsächlich eben so populär geworden

[00:02:02]  in den Geschichtswissenschaften, aber auch unter allen, die irgendwie was mit institutionalisierter

[00:02:08]  Erinnerung zu tun haben, dass man auch schon wieder klagen kann, es ist inflationär und

[00:02:13]  es taucht in ganz verschiedene Kontexten auf und was bedeutet es jetzt genau?

[00:02:18]  Ich hole ein bisschen aus dieser Vormarsch oder das Vordringen dieses Begriffs in sozusagen

[00:02:28]  die Alltagssprache der Geschichtswissenschaften kann man zeitlich so in die 90er Jahre, in

[00:02:37]  die beginnenden 90er Jahre vielleicht einordnen und dahinter stecken verschiedene Vorgänge.

[00:02:45]  Also ich würde jetzt einfach mal ganz knackig und einfach formulieren, wir wissen alle,

[00:02:50]  wenn wir an Österreich denken und gerade an Zeitgeschichte mit Österreich Bezug, dass

[00:02:56]  es da eine Zäsur gibt, das sind die Waldheim Jahre. Waldheim ist 1986 zum Bundespräsidenten

[00:03:04]  gewählt worden und wir wissen alle, was im Zusammenhang mit diesem Wahlkampf dann an

[00:03:09]  vergangenheitspolitisch und geschichtspolitisch relevanten Themen auf dem Tisch lag. Dort

[00:03:15]  haben wir auch gelernt anzuerkennen, dass bis dorthin ein Kapitel, das eben belastend

[00:03:20]  und belastet war, unserer eigenen jüngeren Geschichte verdrängt haben und versucht haben,

[00:03:26]  es zu vergessen. Und wie so häufig in der Geschichte, das hat ja auch Marx gesagt, also

[00:03:33]  die Geschichte entwickelt sich voran, also durch These und Antithese, also das Pendel

[00:03:38]  schlägt einmal in die eine und dann wieder in die andere Richtung und also auf das

[00:03:42]  Verdrängen und vergessen, heute dann das intensivste Gedenken und Erinnern und Gedenken.

[00:03:48]  Und begleitend dazu setzt hier natürlich eben auch auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen

[00:03:55]  Vor- und durchs Reden über die Erinnerung und ihre Bedeutung in der Gegenwartgesellschaft

[00:04:01]  ein und ja und da sind wir dann bei der Erinnerungskultur. Die Erinnerungskultur, wenn man das ganz

[00:04:07]  allgemein irgendwie fassen möchte, damit meint man den Gebrauch von Geschichte in der

[00:04:11]  Öffentlichkeit zu einem bestimmten Zweck. Und dieser Zweck ist der, dass man kollektive

[00:04:19]  Identität damit begründen oder absichern möchte. Und das ist natürlich auch eben was

[00:04:24]  ganz gegenwärtiges. Tobias: Eine Nachfrage dazu. Gerade im deutschsprachigen

[00:04:29]  Raum ist natürlich ja Erinnerungskultur oder steht ganz stark im Zusammenhang mit Holocaust,

[00:04:35]  mit NS-Zeit, wobei das ja der Begriff an und für sich ja nicht voraussetzt. Ist es

[00:04:41]  bei uns erst durch die Waldheimaffäre dann so stark der Begriff auch, wie soll man sagen,

[00:04:48]  aufgetreten, so stark die Verknüpfung mit der NS-Zeit herkommen oder ist es schwierig

[00:04:53]  überhaupt zu greifen? Ingrid: Da bin ich mir jetzt ehrlich gesagt nicht sicher. Natürlich hat

[00:04:58]  die Erinnerung an den Nationalsozialismus oder überhaupt an den Zweiten Weltkrieg

[00:05:05]  in den 1990er Jahren einen enormen Schub erhalten. Das hatte damit zu tun, dass eben ein Generationswechsel

[00:05:13]  davor schon stattgefunden hatte. Also die Generation der Veteranen, der Kriegsteilnehmer

[00:05:21]  ist nach und nach in Pension gegangen und hat damit an Einfluss, an öffentlichem Einfluss

[00:05:29]  verloren. Das ist ein Handlungsstrang, der diese Dynamiken ausgelöst hat. Ein anderer, der

[00:05:36]  genau so wichtig ist, hat damit zu tun, dass eben 1989/91 der kalte Krieg zu Ende geht.

[00:05:43]  Und davor hat der Kalte Krieg der ja ganz bald, also unglaublich kurzer Zeit nach dem Zweiten

[00:05:51]  Weltkrieg einsetzt und sozusagen eine völlig neue internationale Lage definiert, dazu

[00:05:58]  geführt also so aus Zweck-Rationalitäten heraus, dass man die Sache mit dem Zweiten Weltkrieg

[00:06:04]  irgendwie beiseitegeschoben hat. Man musste zum Beispiel die Bundesrepublik irgendwie ins

[00:06:09]  westliche Lager integrieren. Und wenn man da ständig daran erinnert, ihr seid das Nazi-Nachfolge-Land,

[00:06:16]  dann ist es vielleicht für das bündnisinterne Klima nicht unbedingt gut. Oder ich meine,

[00:06:24]  wie sollen Deutschland und Frankreich wieder miteinander auskommen, wenn man ständig eben

[00:06:29]  daran erinnert, was in den Jahrzehnten vorher, also gerade das deutsch-französische Verhältnis

[00:06:35]  ist ein gutes Beispiel. Es geht nicht nur um den Nationalsozialismus und den Zweiten

[00:06:39]  Weltkrieg, aber eben nun ist man beieinander in einem wirtschaftlichen Bündnis, also die

[00:06:45]  beginnende europäische Integration, Marshallplan, dann die Anfänge der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft

[00:06:55]  etc. und auf der anderen Seite die NATO. Also kurzum ist gab viele gute Gründe, warum man das

[00:07:01]  Thema einfach beiseitegeschoben hat. Diese Rücksichtigen, die jahrzehntelang notwendig

[00:07:06]  waren, die sind dann nach dem Ende des Kalten Kriegs so nicht mehr vorhanden gewesen.

[00:07:13]  Einerseits, andererseits der Eiserne Vorhang fällt. Viele der von den Menschheitsverbrechen des

[00:07:20]  Nationalsozialismus betroffenen haben hinter dem Eisernen Vorhang gelebt oder die Verbrechen

[00:07:25]  sind dort passiert und nun waren plötzlich diese Erinnerungen auf eine andere Art und Weise

[00:07:31]  zugänglich. Also das war ein ganz wichtiger weiterer Grund, warum man dann plötzlich auch mit einer

[00:07:40]  neuen Intensität sich dieser Zeit zugewandt hat und auch welche Bedeutung das, was in dieser Zeit,

[00:07:49]  also vor 1945 geschehen ist, was das für die Gegenwart bedeutet und was sich daraus ableitet,

[00:07:56]  an notwendigen Handlungen. Zum einen hatte praktischerweise für die ehemaligen Tätergesellschaften

[00:08:03]  die Zweiteilung Europas und der Welt im Kalten Krieg zur Folge, dass man ja mit berechtigten

[00:08:10]  Entschädigungsansprüchen nicht konfrontiert war. Auch das hat über den Eisernen Vorhang

[00:08:15]  hinweg nicht funktioniert. Und da gab es ein Nachholprozess und ja, das hat dann auch diese

[00:08:23]  Gesellschaften oder die Regierungen gezwungen sich damit auseinanderzusetzen. Also es ist

[00:08:29]  das eine zum anderen gekommen. Tobias: Und ich glaube, ganz hinein spielend war ja auch die Rede von

[00:08:35] Vranitzky. Das war ja, da muss ich aufpassen, nicht, dass ich was falsches sage. Aber ich glaube,

[00:08:40]  wir haben Anfang Mitte der 90er... Ingrid: 1991. Tobias: 1991.. Ingrid: Ja, Sommer 91. Tobias: Wo wir dann auch das erste Mal die Schuld oder die

[00:08:50]  Täterschaft der, also Österreichs an den Verbrechen ja deklariert worden ist. Davor war ja immer nur

[00:08:55]  von der Opferrolle groß die Rede. Ingrid: Ganz genau. Also Kanzler Franz Vranitzky entschuldigt sich im Rahmen

[00:09:02]  einer Parlamentsrede, die aber nicht angekündigt war, dass er sich diesem Thema zuwenden würde.

[00:09:08]  Das war damals auch für den österreichischen Nationalrat überraschend. Aber er kommt auf

[00:09:13]  dieses Thema und formuliert so etwas wie ein Schuldbekenntnis. Also eine Verantwortung für

[00:09:20]  die Mittäterschaft an den Großverbrechen des Nationalsozialismus und er entschuldigt sich auch.

[00:09:24]  Und das ist eine geschichtspolitische Zäsur gewesen für Österreich. Also eine zentrale

[00:09:32]  Etappe bei der offiziellen, also auch von staatlicher Seite getragenen Abwendung von der

[00:09:39]  Lebenslüge der zweiten Republik, nämlich der Opfer-These. Dass man selber das erste Opfer der

[00:09:45]  NS-Aggression gewesen ist und deswegen für das, was danach passiert ist, nicht verantwortlich

[00:09:52]  gemacht werden kann. Aber eben an diesem Vorgang kann man ganz schön zweierlei zeigen, dass diese

[00:10:00]  geschichtspolitischen und damit auch erinnerungskulturellen Korrekturen nicht einfach vom

[00:10:06]  Himmel fallen, quasi das Ergebnis einer höheren Einsicht oder von Moral oder Ethos darstellt,

[00:10:16]  sondern dass die immer irgendwie eingebettet sind in politische Vorgänge. Und in dem Fall,

[00:10:21]  also innenpolitisch gab es für Vranitzky einen ganz klaren Aufhänger und das war kurz davor ein

[00:10:28]  Sager, des Jörg Haider, eben damals Partei-Vorsitzender der FPÖ, der von der ordentlichen Beschäftigungspolitik

[00:10:42]  der Nationalsozialisten gesprochen hat. Man muss da nicht ins Detail gehen, aber das ist natürlich

[00:10:49]  eine Aussage gewesen, die man so nicht stehen lassen konnte. Und also das war der innenpolitische

[00:10:58]  Zusammenhang. Gleichzeitig außenpolitisch stand man zu dieser Zeit unter Druck, weil man hatte

[00:11:03]  ja 1989 den Antrag auf Beitritt zu Brüssel Europa gestellt und zur EG gestellt und da ging es natürlich

[00:11:14]  auch darum, welchen Eindruck man da bei den Verhandlungspartnern hinterlässt oder machen

[00:11:20]  möchte und natürlich hier auch eine klare Position im Hinblick auf Geschichtspolitik zu beziehen.

[00:11:29]  Das war so ein bisschen auch Teil des Eintrittstickets nach Brüssel Europa. Und also dieses

[00:11:37]  Signal wollte Vranitzky genauso setzen. Also es gab da einfach einen internationalen oder

[00:11:44]  außenpolitischen Druck, der hier als Verstärker im Spiel war. Tobias: Das heißt, man könnte davon auch,

[00:11:52]  wenn wir das jetzt nochmal ganz kurz verkürzen wollen, dass es sowohl zwar interne Einsichten gibt,

[00:11:58]  aber auch sehr stark äußerer Druck auf die eigene Erinnerungskultur einspielt oder siehst du

[00:12:04]  das nicht so? Ingrid: Also im Fall von Österreichs Umgang mit dem Nationalsozialismus war es ganz klar so,

[00:12:11]  dass sich Österreich so lange wegducken konnte, hatte mit der spezifischen Situation Österreichs

[00:12:19]  nach 1945 zu tun. Österreich war ein kleines Land, es gehörte aber zum westlichen Lager. Es

[00:12:28]  tat sich da irgendwie leicht, sich irgendwie auch in der internationalen politischen

[00:12:34]  Irrelevanz diese Lebenslüge leisten zu können. Und dann mit der Zeit, eben vor allem durch eine

[00:12:45]  andere Situation, war es dann halt Schritt für Schritt notwendig, sich was einfallen zu lassen.

[00:12:51]  Waldheim war ja auch etwas oder die Haltung, die Waldheim im Wahlkampf vertreten hat, ja,

[00:12:59]  in Bezug auf seine eigene Vergangenheit als Wehrmachtsoffizier am Balkan, die so typisch war

[00:13:06]  für diese Generation der österreichischen Kriegsteilnehmer. Die hat natürlich was über seinen

[00:13:12]  Charakter ausgesagt, ja, also dieses abwiegelnde und verlogene, das er schlichtweg an den Tag

[00:13:19]  gelegt hat. Also diese verstockte Uneinsicht. Tobias: Und die Geschichten mit der er war nie bei der Partei,

[00:13:27]  aber sein Pferd war es, oder diese Sachen, wo es ja dann dieses Waldheim Pferd gibt, was man,

[00:13:32]  glaube ich, immer noch im Haus der Geschichte auch sehen kann. Ingrid: Mittlerweile ist es nicht mehr

[00:13:35]  im Haus der Geschichte Österreich, sondern ins Wienmuseum umgezogen, das ist eine andere Geschichte.

[00:13:40]  Aber ja, das hat natürlich jede Menge Polemik geradezu provoziert, ja, aber diese Uneinsicht,

[00:13:48]  die Kurt Waldheim an den Tag gelegt hat und schlussendlich war er ja auch eben ein ehemaliger

[00:13:55]  UNO-Generalsekretär, die hat einfach dafür gesorgt, dass das international beobachtet

[00:14:00]  worden ist und international kommentiert worden ist und dann kommt Waldheim auch noch ein Jahr

[00:14:05]  später, nachdem er gewählt wird, auf die Watchlist, also kann da nicht mehr in die USA reisen.

[00:14:10]  All das hat das offizielle Österreich und die politischen Parteien in Österreich einfach

[00:14:17]  gezwungen, Stellung zu beziehen. Natürlich, wie gesagt, dieser Generationenwechsel, der

[00:14:24]  bahnt sich ja an, der ist in den 80er Jahren schon spürbar und die Öffentlichkeit auch

[00:14:29]  in Österreich ist kritischer geworden. Aber wie gesagt, der äußere Druck spielt da immer

[00:14:35]  eine Rolle und eben was dann danach passiert, dass es beispielsweise dann zur Einsetzung

[00:14:42]  um die 00er Jahre herum einer Historikerkommission kommt, wo man eben bislang noch zu wenig

[00:14:48] erforschte Kapitel der Involvierung Österreichs in den Nationalsozialismus, also mit wirklich

[00:14:56]  viel Geld und einem sehr großen Team, erforschen lässt. Auch das eben hat mit dieser, ist eine

[00:15:06]  Folge der geänderten Umstände und der Notwendigkeit, dass man da eben auch mit beispielsweise

[00:15:15]  diesen Restitutionsforderungen, die plötzlich im Raum standen, irgendwie umgehen muss.

[00:15:20]  Also wir alle können uns vielleicht, du vielleicht nicht, aber ich kann mich noch erinnern. Also

[00:15:25]  plötzlich wurden Klimt oder Schielebilder, die man ins Ausland zur Ausstellung verliehen hat,

[00:15:32] nicht mehr zurückgegeben, weil plötzlich im Raum stand, dass es sich hier um arisierte

[00:15:42]  Kunstgegenstände handelt. Also verschiedene Dinge waren hier im Spiel und das Ergebnis

[00:15:49]  war eben eine entsprechende Dynamik. Tobias: Ich kann mir auch, weil das ist mir jetzt gerade während

[00:15:55]  deinen Ausführungen eingefallen, es war auch ziemlich in die Zeit, wo es ja eine Ausstellung

[00:16:01]  gegeben hat über die Angehörigen der Wehrmacht, wo ja dann ein Dokumentarfilm gemacht worden

[00:16:08]  ist von der, mir fällt das nämlich der Namen leider blöderweise nicht ein, wo dann wirklich

[00:16:15]  die Ausstellung unterwegs war und die Leute sind dann hineingegangen, haben sich die Ausstellung

[00:16:18]  angeschaut und haben dann darüber diskutiert, waren zum Teil noch Angehörige, wo es dann

[00:16:24]  darum gegangen ist, das saubere Bild der Wehrmacht, die was die unter Anführungszeichen

[00:16:30]  ja normalen Soldaten waren, nicht an Kriegsverbrechen beteiligt waren und so weiter, wo es lange

[00:16:35]  Zeit ja auch mit der weißen Weste der Wehrmacht und so weiter, was ja völlig absurd ist und

[00:16:41]  dann sind da wirklich teilweise hitzige Diskussionen auch zwischen ehemaligen Angehörigen der

[00:16:46]  Wehrmacht bei diesen Ausstellungen dann entstanden. Ich denke, diese Dokumentation,

[00:16:51]  weil das hat die da, wie heißt sie denn, ist auf jeden Fall, glaube ich auch auf YouTube

[00:16:57]  nach zu schauen, ist ganz interessant auch. Ingrid: Die Wehrmacht-Ausstellung, die ja von Deutschland

[00:17:04]  dann auch nach Österreich gekommen ist, war sicher auch so ein Erinnerungs-kulturell wichtiger

[00:17:13]  Schritt, eine Etappe im Hinblick auf die Korrekturen unserer Sicht auf Nationalsozialismus und

[00:17:23]  Zweiter Weltkrieg. Und eben die Wehrmacht-Ausstellung,

[00:17:28]  hat ja wirklich Wellen geschlagen und da hat sich noch mal so deutlich wie selten gezeigt, dass eben

[00:17:38]  es sowas wie kollektive Erinnerungen gibt und die sind nicht immer kompatibel miteinander. Also

[00:17:46]  diese Generation der Kriegsteilnehmer, die hat sich ihr eigenes Narrativ zurechtgelegt. Wie

[00:17:53]  erinnern wir uns an den Nationalsozialismus? Ja, am liebsten halt in der Form, wir haben in Russland

[00:18:00]  das Vaterland verteidigt. Also wie das gehen soll bei einem Angriffskrieg auf die Sowjetunion,

[00:18:08]  also weit weg von Österreich, ja, das ist nicht ganz logisch und eben ganz rational, aber es hat

[00:18:16]  funktioniert. Und ein Teil dieses Narrativs war ja natürlich, dass man ja selber auch irgendwie

[00:18:24]  gelitten hat. Also man musste die Strapazen des Kriegs... Tobias: Auch bewältigen selber, oder? Ingrid: Genau,

[00:18:33]  ertragen die vielen Kriegsinvaliden, die traumatisierten, die Familie, die Leute zu Hause,

[00:18:40]  ja, die unter den Belastungen des Kriegs gelitten haben. Das war sozusagen das dominierende

[00:18:46]  Narrativ. Und eine spätere Generation, die dann auch in diese Wehrmachtsausstellung gegangen ist,

[00:18:55]  die fand es nicht mehr so überzeugend. Und die konnte eben mit dem, was man da gezeigt hat, eben,

[00:19:00]  dass die Wehrmacht sehr wohl halt auch in Kriegsverbrechen involviert war. Und dort, wo sie

[00:19:05]  vielleicht nicht direkt mitgeholfen hat, jedenfalls Zeuge geworden ist, ja, die konnte mit dem was

[00:19:11]  anfangen. Die ließ sich darauf ein. Und wenn die miteinander in der Ausstellung gewesen sind,

[00:19:17]  dann hat das zum Teil so hitzige Diskussionen zur Folge gehabt. Aber ich meine, gerade Waldheim,

[00:19:25]  eben der Wehrmachtsoffizier Waldheim, der Kriegsteilnehmer Waldheim und wie er eben sich selber

[00:19:33]  dazu geäußert hat oder dann eben die Wehrmachtsausstellung und die Kontroversen, die da passiert

[00:19:41]  sind, die sind ganz typisch dafür, dass eben es tatsächlich so was wie ein Generationengedächtnis

[00:19:46]  gibt und dass die Kompatibilität zwischen den Generationen nicht immer gegeben ist. Also,

[00:19:54]  das kann auch bei anderen Themen passieren, die jetzt vielleicht weniger belastend sind und weniger

[00:20:02]  mit notwendiger Selbstkritik verbunden sind. Tobias: Weil du den Generationenwechsel angesprochen hast,

[00:20:11]  ist es aus deiner Sicht auch hilfreich, dass in dem Fall jetzt über die NS Zeit sehr viele

[00:20:17]  noch Dokumente, Unterlagen, auch Fotografien alles noch vorhanden sind, die das ja in dem

[00:20:23] Sinn untermauern, sei es die kritische Auseinandersetzung, ist das hilfreich oder ist es nicht zwingend

[00:20:32]  erforderlich, um sich dann dem Thema der Erinnerungskultur zu nähern und das vielleicht auch

[00:20:37]  frühere kollektive Erinnerung zu kritisieren oder zu hinterfragen? Ingrid: Das, was du da ansprichst,

[00:20:45]  ist natürlich auch etwas, was mit geschichtswissenschaftlichem Aufarbeiten zu tun hat. Wenn neue Quellen auftauchen,

[00:20:52]  neue Beweise sozusagen für NS Verbrechen oder für Verstrickungen bestimmter Gruppen einzelner

[00:21:04]  Persönlichkeiten etc., ja, das führt dann eben halt zu einer notwendigen Revision und was

[00:21:11]  wirklich überraschend ist, obwohl wir uns nun schon viele Jahrzehnte der zeithistorischen

[00:21:18]  Aufarbeitung der NS Zeit widmen, es taucht immer wieder was Neues auf, ja, und wir müssen dann

[00:21:26]  immer wieder selber auch lernen, okay, da gab es eine Blindstelle, zum einen weil wir das Material

[00:21:33]  noch nicht hatten und zum anderen, weil natürlich auch die Gegenwart sich irgendwie ändert und

[00:21:38]  lange Zeit sind bestimmte Opfergruppen, die eben im Nationalsozialismus verfolgt worden sind,

[00:21:47]  einfach zu wenig öffentlich anerkannt worden. Dazu gehört die Gruppe der Wehrmachtsdesserteure,

[00:21:52]  wenn wir wieder beim Thema Veteranengesellschaft der zweiten Republik sind, die Wehrmachtsdesserteure

[00:22:00]  waren für dieses Narrativ, wir haben heldenhaft das Vaterland verteidigt, natürlich sehr störend und

[00:22:08]  deswegen hat man ihnen die längste Zeit die notwendige Anerkennung nicht gezollt. 2009 war es erst so weit,

[00:22:15]  dass man diese Gruppe rehabilitiert hat, andere Opfergruppen, Homosexuelle beispielsweise,

[00:22:22]  wurden lange Zeit eben auch ignoriert, weil sie auch die längste Zeit in der zweiten Republik

[00:22:27]  auch noch kriminalisiert worden sind, da gibt es Kontinuitäten zwischen der Zeit vor dem Nationalsozialismus,

[00:22:34]  für die NS Zeit und danach, ja, und eben diese Blindstellen, die tauchen halt immer wieder mal auf,

[00:22:41]  weil auch unsere Gegenwart sich verändert und in der Gegenwart diese Fragen dann gestellt werden

[00:22:46]  und dann gibt es auch noch mal Material idealerweise bzw. häufig ist es auch so, wenn man eine Frage hat,

[00:22:51]  dann findet man auch das Quellenmaterial. So ändern sich Geschichtsbilder und so ändert sich eben dann auch

[00:23:02]  die Erinnerungskultur. Tobias: Mit der Erinnerungskultur ist ja auch sehr stark, sind Erinnerungsorte verbunden.

[00:23:08]  Siehst du Erinnerungsorte als Teil der Erinnerungskultur oder sollte man die auch teilweise separat voneinander...

[00:23:17]  Also, was heißt separat voneinander? Ist schwierig natürlich. Aber stehen die eigens noch da,

[00:23:22]  wie die zu interpretieren sind oder würdest du sagen, die sind immer mit der Erinnerungskultur verknüpft?

[00:23:28]  Nehmen wir mal vielleicht, ich weiß nicht ein Beispiel her.

[00:23:31]  Ingrid: Den Bergisel. Tobias: Den Bergisel zum Beispiel [beide lachen]. Der ist natürlich ganz klar 1809 verbunden. Steht der allein da, ist er das vielleicht nicht,

[00:23:45]  ist er das schon? Es ist schwierig, glaube ich.

[00:23:48]  Ingrid: Also es gibt jedenfalls eine begriffliche Nachbarschaft zwischen dem Wort Erinnerungskultur und dem Begriff Erinnerungsort.

[00:23:57]  Wieder jetzt aus der akademischen Perspektive zunächst darauf geschaut. Jetzt wiederhole ich mich noch mal.

[00:24:07]  Unter Erinnerungskultur verstehen wir eben alle Aktivitäten und Phänomene, die irgendwie in der Öffentlichkeit vor sich gehen

[00:24:18]  und Öffentlichkeit kann auch eine Teilöffentlichkeit sein. Aber jedenfalls die sich beziehen auf Geschichte zum Zweck

[00:24:25] der Herstellung einer kollektiven Identität. Also das ist immer so was wie eine gesellschaftliche Selbstversicherung darauf.

[00:24:33]  Also die Selbstversicherung einer Gruppe, das sind wir. Da kommen wir her.

[00:24:39]  Die Botschaft kann aber auch sein, das sind wir nicht, ja. Tobias: Ja [beide lachen]. Ingrid: Aber es ist jedenfalls ein notwendiges sich verständigen darauf,

[00:24:49]  worauf man sich als kollektiv bezieht und damit eben auch den eigenen Zusammenhalt garantiert.

[00:24:59]  Und Gruppen möchten ja langlebig sein, die möchten Bestand haben. Also da gibt es einen Zusammenhang zwischen der eigenen Vergangenheit,

[00:25:08] der eigenen Gegenwart und der eigenen Zukunft. Und deswegen muss man dann eben diese Erinnerungen auch versuchen zu verfestigen

[00:25:16]  und das irgendwie zu organisieren, zu institutionalisieren. Dazu stellen wir Denkmäler auf. Dazu erfinden wir Rituale.

[00:25:26]  Dafür steht auch der Bergisel [beide lachen]. Und der Bergisel bietet hier ganz viele Anknüpfungspunkte.

[00:25:35]  Wie man sich da an 1809 an die Figur Andreas Hofer erinnert. Vieles von dem ist natürlich hochgradig konstruiert.

[00:25:45]  Da wird ein bestimmtes Bild geschaffen. Und mit dem Bild stiftet man eine eigene Vorstellung von der Tiroler Geschichte

[00:25:53]  und damit auch davon, wie die Tiroler und Tirolerinnen so sind. Und da sind wir bei einem Erinnerungsort.

[00:26:05]  Erinnerungsort als Begriff in dem, was man Memory studies in den Geschichtswissenschaften oder in den Kulturwissenschaften nennt,

[00:26:16]  ist ein Konzept, das auf Pierre Nora zurückgeht. Pierre Nora war ein französischer Historiker.

[00:26:22]  Und er hat eben dieses Konzept der "lieu de mémoire" [Französich für: Erinnerungsort] erfunden und meinte damit eben zentrale Bezugspunkte in der nationalen französischen Geschichte,

[00:26:38]  die eben das Kollektiv der französischen Nation mit einer Identität ausstatten.

[00:26:45]  Er hat sich das zum Teil ganz konkret räumlich vorgestellt, umgelegt auf Tirol, der Bergisel, das ist tatsächlich ein Ort.

[00:26:56]  Aber er war da offener. Es sind Kristallisationspunkte, es sind eben zentrale Bezugspunkte.

[00:27:06]  Und das kann auch im Fall von Frankreich beispielsweise die Marseillaise sein, also die französische Nationalhymne.

[00:27:13]  Oder ein Ritual, ein spezifischer Brauch kann auch so was wie ein Erinnerungsort sein.

[00:27:21]  Also das ist irgendwie vielfältiger, sich zu denken.

[00:27:26]  Ein bestimmtes Lied kann Erinnerungsort sein.

[00:27:30]  Ein bestimmtes Bild, das alle kennen, das mit der Geschichte zu tun hat.

[00:27:35]  Jetzt bin ich wieder bei Österreich. Ich springe ein bisschen assoziativ.

[00:27:38]  Tobias: Wenn ich da reinspringen darf, gerade in Innsbruck wäre es natürlich das Marienbild, was ja an alle Hauswände, oder an sehr vielen Hauswände dann zum Beispiel abgebildet ist.

[00:27:48]  Ingrid: Das ist jetzt nicht unbedingt was zeithistorisches.

[00:27:50]  Tobias: Das ist nicht was zeithistorisches.

[00:27:52]  Ingrid: Das ist eine interessante Frage. Das könnte man sich mal genauer durchdenken.

[00:27:58]  Aber das Riesenrundgemälde, eben am Bergisel, das ist natürlich ein Erinnerungsort.

[00:28:05]  Genauso hat Pierre Nora sich das gedacht oder so ein anderes, für die österreichische Identität der zweiten Republik zentrales Bild wäre natürlich das Foto von der Unterzeichnung des Staatsvertrags, am Belvedere.

[00:28:24]  Aber Erinnerungsorte, so wie sie Pierre Nora gemeint hat, haben natürlich zum Ziel, die eigene Identität zu verfestigen.

[00:28:34]  In dem Zusammenhang sind natürlich eher so positiv besetzte Ereignisse, auch wenn sie zum Teil siehe Bergisel Schlacht, also Kampf, sterben.

[00:28:44]  Das ist ja nichts per se nur erfreuliches, aber trotzdem man kann es wenden in eine positive Geschichte.

[00:28:51]  Und genau das ist mit Andreas Hofer, 1809 und all diesen Dingen passiert.

[00:28:56]  Wir erinnern uns daran, als einen glorreichen Sieg, diejenigen, die sich mit dieser Epoche genauer beschäftigen, die relativieren das,

[00:29:05]  genauso wie man mittlerweile die Persönlichkeit und das Wirken von Andreas Hofer auch gelernt hat, ein bisschen kritischer zu sehen.

[00:29:12]  Aber am Bergisel kann man für Tirol also ganz wunderbar aufzeigen, wie der Gebrauch von Geschichte zur Identitätsstiftung in Dienst genommen wird.

[00:29:27]  Am Bergisel finden nach wie vor auch politische Rituale statt, Gedenkfeiern für Andreas Hofer.

[00:29:34]  Ja, finden dort statt. Da finden sich dann eben die Landeshauptleute, dies- und jenseits des Brenners gemeinsam ein.

[00:29:42]  Und erinnern sich da als etwas, was konstituierend für die gemeinsame anhaltende Verbindung zwischen den zwei Landesteilen ist.

[00:29:59]  Und das hat auch etwas ganz Gegenwärtiges zum Ziel. Man möchte damit eine gemeinsame Identität stiften.

[00:30:08]  [Drehgeräusch] Tobias: Machen wir vielleicht jetzt wieder den Sprung weg vom Andreas Hofer und vielleicht noch auch deine Meinung oder auch, wie du zu der Lösung stehst.

[00:30:23]  Wie gesagt, zum Zeitpunkt unserer Aufnahme ist das Projekt für den neuen Gedenkort Arbeitserziehungslager Reichenau noch nicht abgeschlossen.

[00:30:31]  Was aber abgeschlossen ist und haben wir beide auch der Eröffnung beigewohnt, ist der Zeitpunkt, also der Innsbrucker Alternative zu den Stolpersteinen.

[00:30:39]  Wie siehst du die Umsetzung von solchen, in dem Fall ja sehr kleinen Erinnerungsorten, die dir auch beim Spaziergang durch die Stadt ins Auge fallen,

[00:30:52]  bist du persönlich aus deiner fachlichen Meinung zufrieden oder begeistert über diese Lösung, was man in Innsbruck gemacht hat?

[00:31:02]  Oder wie stehst du zu diesem Zeitpunkt nach? Wäre vielleicht auch noch ganz interessant zu sehen.

[00:31:07]  Ingrid: Jetzt hake ich noch mal nach bei dem Thema Erinnerungsort. Ebenso wie du jetzt deine Frage formuliert hast, da kann man sehr schön zeigen,

[00:31:16]  dass Erinnerungsort mittlerweile auch ein Begriff geworden ist, der in verschiedenen Kontexten Verwendung findet.

[00:31:24]  Also einerseits steht da nach wie vor für das Konzept von Pierre Nora und da ist Erinnerungsort etwas,

[00:31:33]  das eben die Qualität hat für eine Gruppe, die gemeinsame aus der Vergangenheit hergeleitete Identität auf nachfolgende Generationen zu vererben und weiter zu reichen.

[00:31:50]  Bei den Zeitpunkten, um die es hier geht, die sind etwas ganz Neues, da wissen wir noch nicht, ob sie diese Qualität entfalten können,

[00:32:00]  ob sie eben langfristig nachhaltig Identitätsstiften sind für eine Gruppe.

[00:32:10]  Das muss jetzt nicht für ganz Innsbruck sein, aber doch für einen wesentlichen Teil davon, der sich auch irgendwie dann politisch im Gemeinderat abbildet, etc., etc.

[00:32:21]  Tobias: Oder in der Bevölkerung. Ingrid: Wo es dann eben auch in der Bevölkerung Gruppen gibt, die sagen, ja, in unserer Straße hat auch jemand gelebt, der oder die wurde Opfer des Nationalsozialismus, Opfer der NS-Verfolgungspolitik

[00:32:37]  und wir möchten diese Person in Erinnerung behalten oder die Erinnerung daran wieder aufleben lassen.

[00:32:43]  Und diese Person ist Teil unserer ehemaligen Nachbarschaft ja, also sind wir wieder bei dieser Gruppe.

[00:32:52]  Und wir haben als jetzige Nachbarschaft ein Interesse daran, dass wir auch die damals hier gelebt haben, nicht vergessen.

[00:32:59]  Wenn das funktioniert, dann werden aus den Zeitpunkten Erinnerungsorte auch im Sinn von Pierre Nora, ja.

[00:33:07]  Das Schöne an den Zeitpunkten finde ich eben, dass sie die Qualität haben, aus der Zivilgesellschaft heraus zu entstehen.

[00:33:20]  Also eben, es können aus der Bevölkerung heraus Gruppen sich bei euch beim Stadtarchiv melden und beantragen.

[00:33:28]  Es soll eben hier ein Zeitpunkt montiert werden und wir als Gruppe kümmern uns dann auch irgendwie um diesen Zeitpunkt.

[00:33:43]  Und das sind kleine Interventionen. Sie sind eben sehr individuell.

[00:33:49]  Sie beziehen sich auf eine Person oder vielleicht eine Familie.

[00:33:54]  Sie nehmen nicht viel Platz in Anspruch. Sie sind in erster Linie sichtbar für diejenigen, die in der Umgebung dieses Zeitpunkts wohnen.

[00:34:05]  Aber sie sind natürlich auch im Alltag schon immer irgendwie da. Man muss sie nur sehen.

[00:34:12]  Also diese kleinen dezentralen Formen des Erinnerns, glaube ich, sind eine sehr wichtige und auch würdige Ergänzung eines mahnenden Erinnerns und Gedenkens an die Zeit des Nationalsozialismus.

[00:34:33]  [Outro-Musik]

[00:34:48]  Tobias: Archivwürdig ist eine Produktion des Stadtarchiv Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

 

Reichenau: KZ-Gedenkstätte Dachau

Reichenau: KZ-Gedenkstätte Dachau

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur fünften Folge unserer dritten Staffel von Archivwürdig,

[00:00:05]  dem Podcast des Innsbruck Stadtarchivs. Für unsere heutige Folge geht es in den

[00:00:11]  benachbarten Freistaat Bayern, genauer gesagt nach Dachau. In der KZ Gedenkstätte Dachau habe

[00:00:19]  ich mich mit der Leiterin Gabriele Hammermann zu einem Gespräch getroffen. Zu Beginn sprechen wir

[00:00:25]  über ihre Verbindungen zu Innsbruck und der Entscheidung über die Errichtung eines neuen

[00:00:30]  Gedenkortes in der Reichenau. Anschließend gehen wir auf verschiedene Aspekte der KZ Gedenkstätte

[00:00:36]  Dachau ein und versuchen dabei auch parallelen zum Arbeitserziehungslager Reichenau zu identifizieren.

[00:00:42]  [Intor-Musik] Tobias: Liebe Gabriele, danke für die Einladung, erstens einmal in die KZ Gedenkstätte in Dachau.

[00:01:04]  Ist auch mein erster Besuch heute. Wir zeichnen hier auf und bei dir auf, da du ja eine Verbindung zu dem Arbeitserziehungslager Reichenau

[00:01:17]  hast bzw. du bist Mitglied der Expert:innenkommission. Vielleicht dazu auch wäre es schön, wenn du uns

[00:01:26]  vielleicht kurz erklären könntest, wie es denn zu dieser Teilnahme an dieser Historikerkommission,

[00:01:31]  Expert:innenkommission gekommen ist. Gabriele: Ja, ich habe die Einladung bekommen von Lukas Morscher,

[00:01:41]  der Leiter vom Stadtarchiv und Irene Heisz und es hat mich sehr, sehr gefreut, weil es eben sehr

[00:01:49]  viele Bereiche betroffen hat, die jetzt in dem ehemaligen Arbeitserziehungslager Reichenau

[00:01:57]  relevant sind, die für uns hier in der Gedenkstätte auch eine zentrale Rolle spielen und in meinen

[00:02:04]  Forschungen zur Zwangsarbeit, aber auch zum Konzentrationslagersystem immer relevant waren.

[00:02:12]  Und die vielen Anknüpfungspunkte haben mich sehr gefreut und auch wirklich die tolle und

[00:02:22]  kollegiale Zusammenarbeit in dieser Kommission. Ich denke, das hat auch dazu geführt, dass wir

[00:02:29]  wirklich in sehr schneller Zeit und in großen Schritten sozusagen auf das Ziel zugekommen sind.

[00:02:37]  Häufig erlebe ich das so, dass diese Diskussionsprozesse deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen.

[00:02:47]  Und insofern ist das so meine Verbindung zu Innsbruck, eine Stadt, die ich wirklich auch unglaublich

[00:02:55]  schön finde. Tobias: Ich wollte gerade sagen, es waren ja auch schon Besuche natürlich in Innsbruck

[00:03:00]  dementsprechend dabei und vice versa, es waren ja auch ein Ausflug der Kommission nach Dachau,

[00:03:05]  wenn ich da richtig informiert bin. Gabriele: Ja, vor wenigen Wochen waren alle hier und haben sich die

[00:03:12]  KZ Gedenkstätte angeschaut, aber auch die Außenorte hier in der Nähe der Gedenkstätte,

[00:03:19]  da gab es beispielsweise, einen ehemaligen Schießplatz, an dem über 4.000 sowjetische

[00:03:28]  Kriegsgefangene hingerichtet worden sind, den wir 2014 zu einem Gedenkort umgewandelt haben

[00:03:36]  mit einer Außenausstellung und einem Ort der Namen. Und das war, weil es das Thema 

[00:03:42] Außenausstellung betraf eben auch für viele der Delegation von Relevanz.

[00:03:48]  Tobias: Darf ich vielleicht auch noch Ihre Gedanken zu der oder Ihre Haltung oder Meinung zu dem

[00:03:56]  Plan einer neuen Errichtung der Gedenkstätte oder eines zeitgemäßen Erinnerungsortes

[00:04:03]  am Gelände des ehemaligen Arbeitserziehungslagers einfangen?

[00:04:08]  Gabriele: Ja, ich glaube, dass dieses Lager und die Nachwirkungen des Lagers für die Stadt

[00:04:14]  Innsbruck wirklich von großer Bedeutung sind. Das geht ja im Wesentlichen von 1941 bis 1945

[00:04:24]  um die Geschichte des Arbeitserziehungslagers Reichenau. Da sind wir wirklich bei ganz vielen

[00:04:30]  spannenden politischen Diskussionen, auch Diskussionen inwieweit sich beispielsweise

[00:04:37]  unternehmen mit dem Nationalsozialismus arrangierten bzw. auch die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter

[00:04:48]  für ihre Produktion ausnutzen. Das ist ein sehr, sehr zentrales Thema, weil das Arbeitserziehungslager

[00:04:56]  Reichenau wurde ja von der Gestapo geführt und die Firmen hatten eine Art Vorschlagsrecht

[00:05:03]  und das finde ich schon sehr, sehr zentral, wie viele Firmen letztendlich in dieses System

[00:05:11]  involviert waren. Und es gab ja auch Nutzungen als Kriegsgefangenenlager und als Lager der Reichspost

[00:05:19]  und der Bahn. Und auch da sind wir eben nicht nur an dem Ort in Reichenau, sondern eben im Umfeld

[00:05:27]  der Stadt Innsbruck bei mindestens 40 Zweiglagern und das zeigt, wie eng sozusagen Zwangsarbeit

[00:05:37]  gerade in der Kriegsphase mit dem Nationalsozialismus aber auch mit der deutschen Gesellschaft verwoben

[00:05:44]  war. Tobias: Das ehemalige Konzentrationslager Dachau und das Arbeitserziehungslager Reichenau

[00:05:49]  kann man nicht eins zu eins vergleichen. Es gibt, würde ich aber sagen, Parallelen, die für beide

[00:05:55]  Lager zutreffend sind, natürlich nicht in Größe und so weiter und auch von der Nutzung. Also es gibt

[00:06:01]  natürlich auch sehr viele Unterschiede, gerade aber auch, weil ich, wie im Vorfeld informiert habe,

[00:06:07]  ja auch gerade, was dann die direkte Nachnutzung eigentlich des Lagers betrifft. Weil wir haben

[00:06:12]  ja in der Reichenau oder die ehemaligen Lager in der Reichenau direkt nach dem Krieg auch

[00:06:20]  ein Auffangslager für DPs, also "displaced persons" [Person, die nicht an diesem Ort beheimatet ist], dann natürlich auch für die

[00:06:27]  NS-Funktionäre, also als Lager, also Gefangenenlager sozusagen, wobei dann die weitere

[00:06:34]  Nachnutzung in Innsbruck ja noch viel länger andauerte als wie jetzt in Dachau, können Sie vielleicht

[00:06:40]  auch dazu etwas sagen, wie Sie den Vergleich sehen oder Parallelen sehen zum Lager Reichenau

[00:06:47]  und zum Lager Dachau. Gabriele: Es ist ja so, wenn wir nochmal auf die Geschichte zwischen 1941 und 1945 zurück

[00:06:55]  schauen, dass es auch ein Transitlager, die Reichenau eben oder ein Transitlager war für Jüdinnen und

[00:07:03]  Juden in die Konzentrationslager Mauthausen und aber auch nach Auschwitz und das ist ein Aspekt,

[00:07:11]  der in der Geschichte des Konzentrationslagers Dachau erst am Ende und erst im Kontext der

[00:07:18]  Außenlager stattfindet. Auch da sind es, gab es große Transporte von den Außenlagern, vor allen

[00:07:26]  Dingen denen, die zu der sogenannten Bunkerprojekte, das sind Projekte, die geplant worden

[00:07:36]  sind, um die Produktion von Flugzeugen unter Tage zu verlagern. Es gab in Dachau drei Bereiche,

[00:07:45]  das ist das ehemalige BMW Außenlager in Allach. Dort gab es eben auch ein Bunkerbauprojekt

[00:07:53]  in Mühldorf in dem Komplex und in Kaufering. Überwiegend jüdische Häftlinge haben dort gearbeitet

[00:08:01]  und auch dort gab es diese Transporte vor allen Dingen von kranken und ausgemergelten Menschen,

[00:08:07]  die nicht weiter ausgepresst werden konnten im Kontext dieses Arbeitsprozesses, die wurden dann eben

[00:08:14]  auch nach Auschwitz verlagert. Geplant war die Reichenau auch im Kontext eines Auffanglagers für

[00:08:25]  geflohene italienische Arbeitskräfte. Auch da gibt es einen Kontext sozusagen mit meinen Forschungen.

[00:08:33]  Ich habe zu den italienischen Militärinternierten gearbeitet und mich natürlich da auch zu dem

[00:08:40]  Thema der Zwangsarbeit ab 1938, 1939 aus Italien beschäftigt. Genau, das war auch ein Thema und

[00:08:49]  dann können wir natürlich jetzt gerne auch den Vergleich ziehen zu dem Thema der Nachnutzung des

[00:08:57]  Konzentrationslagers Dachau, das zunächst wenige Monate als "displayed persons camp" geführt worden

[00:09:05]  ist. Ab August 1945 bis drei Jahre später etwa als Internierungslager für Nationalsozialisten

[00:09:15]  und dann als Flüchtlingslager vor allen Dingen für geflüchtete Deutsche aus dem aus den ehemaligen

[00:09:24]  Ostdeutschland, die dann hier nach Dachau kamen und keine, keinen Wohnraum hatten und

[00:09:34]  auch in prekären Bedingungen lebten. Auch am Rande der Stadt ähnlich wie in der Reichenau

[00:09:42]  und Schwierigkeiten hatten sich in der Gesellschaft zu etablieren, auch weil es da doch eine große

[00:09:50]  Ablehnung gab gegenüber den Zugewanderten sozusagen. Tobias: Dann ist ja dann für das Arbeits-

[00:09:59] erziehungslager Reichenau, da ist ja dann salopp gesagt, alles platt gemacht worden,

[00:10:05]  alles abgetragen worden. Dasselbe Schicksal hat zum Glück ja auch das Lager hier in Dachau nicht

[00:10:12]  ereilt. Es ist relativ früh schon, könnte man sagen, ja zu einer Gedenkstätte umfunktioniert

[00:10:21]  worden. Können wir vielleicht ein bisschen darauf eingehen über die Entstehung der Gedenkstätte?

[00:10:27]  Gabriele: Dieser Prozess war ein langer. 1955 haben sich die ehemaligen Häftlinge des Konzentrationslager

[00:10:34]  Dachau auf einer internationalen Ebene zusammengeschlossen zum Internationalen Dachau Komitee

[00:10:42]  und man hat sich vorgenommen hier an diesem Ort, der aus der Sicht der ehemaligen Häftlinge völlig

[00:10:50]  unwürdig genutzt worden ist. Da können wir gleich noch darauf eingehen, diesen Ort zu einer

[00:10:57]  Gedenkstätte zu machen. Aber dieser Prozess hat lange gedauert, also zehn Jahre bis 1965 im Mai

[00:11:06]  eine Gedenkstätte errichtet werden konnte und es hat tatsächlich eine internationale Öffentlichkeit

[00:11:13]  gebraucht und das moralische Korrektiv, die moralische Bedeutung der ehemaligen Häftlinge des

[00:11:22]  Konzentrationslagers Dachau, das hier an diesem Ort eine Gedenkstätte entstanden ist. In der

[00:11:30]  unmittelbaren Nachkriegszeit gab es beispielsweise von dem hiesigen Landrat den Vorschlag des ehemaligen

[00:11:37]  Krematoriums und das war in dieser Zeit der einzige Gedenkort hier auf dem Gelände des ehemaligen

[00:11:44]  Häftlingslagers, dass dieses Krematorium abgerissen werden sollte und nur durch internationale

[00:11:53]  Initiativen ist dieses verhindert worden. Also daran sieht man, die deutsche Gesellschaft hat diesen

[00:12:01]  Ort normalisieren, überschreiben wollen, umnutzen wollen, sodass praktisch die Erinnerung an das,

[00:12:09]  was hier passiert ist, vollständig verloren geht. Tobias: Auch ein Prozess, der in Österreich

[00:12:14]  klar durchwirkt, natürlich mit einer anderen Prämisse als diese Opfer-These, die ja immer sehr

[00:12:21]  gerne vorhergehalten wurde, um eben diese dunkle Zeit auch einmal vorerst ruhen zu lassen und

[00:12:30]  dann natürlich in Österreich erst viel später ja die Aufarbeitung auch war, wie in Deutschland,

[00:12:34]  wo sie ja, würde ich so sagen, 20 Jahre früher schon eingesetzt hat, die Auseinandersetzung.

[00:12:41]  Ich weiß nicht, ob Sie das bestätigen oder so sagen können, immer ist es sehr pauschaliert,

[00:12:46]  natürlich ausgedrückt aber... Gabriele: Ich glaube, ganz viel hat auch dazu beigetragen, dass es eine

[00:12:52]  justizielle Ahndung der Verbrechen relativ bald nach Kriegsende gab, durch die Amerikaner auf der

[00:12:59]  einen Seite, durch den Nürnberger Prozess, aber ich habe ja hingewiesen auf das Internierungslager,

[00:13:05]  das drei Jahre Bestand nach Kriegsende und das ist im Kontext der sogenannten Dachauer Prozesse

[00:13:13]  hier auch etabliert worden. Man hat praktisch die Verbrecher, die hier vor Ort waren, durchgekämmt

[00:13:21]  und es gab große Ermittlungsverfahren, sehr zahlreiche Ermittlungsverfahren und auch Prozesse

[00:13:28]  gegen die SS im Konzentrationslager Dachau, das war der sogenannte "Parent Case" und dann aber auch

[00:13:37]  gegenüber der SS in Mauthausen, Flossenbürg in Buchenwald und in Mittelbau-Dora. Also sie sehen

[00:13:47]  ein sehr, sehr gewichtiger Aspekt der justiziellen Ahndung der unmittelbaren Nachkriegszeit und dadurch

[00:13:56]  haben natürlich viele aus der Bevölkerung erfahren, was hier vor Ort an Verbrechen stattgefunden

[00:14:02]  haben und sie konnten nicht mehr so einfach sagen, da war nichts, davon haben wir nichts gewusst,

[00:14:09]  weil das war tatsächlich ein ganz wichtiges gesellschaftliches Ereignis. Tobias: Und ich habe

[00:14:16]  bisher nur, also was heißt nur, aber die Gedenkstätte in Mauthausen eben zwei mal schon besucht,

[00:14:23]  einmal auch dann den Gedenkort Hartheim, also Schloss Hartheim und auch in Mauthausen, es

[00:14:30]  ist ja auch bei einer Führung zum Beispiel in Mauthausen sehr deutlich gemacht, da oben ist

[00:14:34]  nebenbei der Fußballplatz gewesen und da haben auch die Wachtruppen der SS, haben ein Match

[00:14:39]  gespielt gegen unten, den Fußballclub vor Ort, also da ist dann schon, und wenn man dann da oben

[00:14:45]  steht und sieht, wie nahe das ist, ist das schon eigentlich sehr erschreckend, dasss dann wirklich auch

[00:14:49]  viele aus oder so viele sagen, wusste man nicht, zum Teil ja, aber größtenteils eigentlich kann es

[00:14:57]  nicht so. Gabriele: Es ist undenkbar, weil gerade gegen Ende des Krieges, und wir haben ja auch schon im Bereich

[00:15:04]  der Reichenau davon gesprochen, wie groß dieses Netz der Verfolgung war, da gab es ja, wir haben

[00:15:11]  eben über die Zwangsarbeiterlager gesprochen, über Arbeitserziehungslager, die flächendeckend

[00:15:19]  in Deutschland existierten oder im deutschen Reich existierten und die lokale Bevölkerung hat

[00:15:26]  natürlich auch mitbekommen, wenn in den Konzentrationslagern die Märsche durch die Städte

[00:15:31]  gingen, also vom Bahnhof zum Lager, also und gerade gegen Ende des Krieges gab es Todesmärsche,

[00:15:42]  es gab praktisch dieses System der Außenlager, der Konzentrationslager, das Dachauer Lager

[00:15:48]  hat 140 Außenlager im Bereich Oberbayern vor allen Dingen, aber auch Richtung Österreich und das ist

[00:15:57]  natürlich ein Thema der ständigen Begegnung mit den Verbrechen. Tobias: Der Gedenkort hier in Dachau

[00:16:07]  besteht nun doch schon sehr lange Zeit, würde ich sagen, die Wissensvermittlung hat sich ja im

[00:16:13]  Laufwetterzeit auch stark verändert. Die Hauptausstellung ist seit 2002/2003, glaube ich,

[00:16:23]  ich glaube, seit 2003 steht drin. Wir sehen oder...

[00:16:27]  Vielleicht darf ich ganz generell fragen zu Wissensvermittlungen auch hier in Dachau.

[00:16:33]  Wie Sie denn die Entwicklung der Vermittlungskonzeption oder des Vermittlungsortes auch in Dachau hier sehen?

[00:16:42]  Gabriele: Am Anfang waren es auch ehemalige Häftlinge, die auch in dem ehemaligen Häftlingslager hier,

[00:16:50]  das ist nämlich der Teil der Gedenkstätte, Führungen, Rundgänge gegeben haben mit ihrer Geschichte,

[00:16:57]  häufig waren es politische Häftlinge, häufig aus dem kommunistischen Widerstand, also viele

[00:17:05]  waren von ihnen waren schon 1933 inhaftiert und haben eben über langjährige Erfahrungen gesprochen,

[00:17:15]  auch Verfolgung ihrer Familien und das war eine ganz, ganz wesentliche und wichtige Zeit,

[00:17:22]  die Abteilung der Gedenkstätte, also die Bildungsabteilung ist erst um die Jahrtausendwende etabliert worden.

[00:17:32]  Lange Jahre gab es hier vor Ort praktisch die Rundgänge über abgeordnete Lehrkräfte und es haben sich auch

[00:17:43]  verschiedene sehr engagierte Geschichtsvereine gebildet im Umkreis, die dieses Vakuum sozusagen der Betreuung

[00:17:54]  in der KZ Gedenkstätte mit übernommen haben. Das war lange so, dass sich der Staat, also nicht so sehr

[00:18:05]  um dieses Thema gekümmert hat, das ist erst so in den 80er Jahren zunehmend zu einem Thema geworden,

[00:18:13]  aber tatsächlich oft ausgehend von dem zivilgesellschaftlichen Engagement. Und wie gesagt,

[00:18:20]  ab der Jahrtausendwende eine Bildungsabteilung, wir haben natürlich auch versucht,

[00:18:27]  praktisch dieses Fund sozusagen dieser zivilgesellschaftlichen Initiative zu integrieren

[00:18:36]  mit den Rundgangsleitungen, die wir hier auf dem Gelände haben. Inzwischen sind es 70 und es gibt hier tatsächlich

[00:18:46]  einen halbjährigen Ausbildungskurs, der sehr begehrt ist sozusagen. Wir sind jetzt auch dabei,

[00:18:53]  laufend Referentinnen und Referenten nachzuschulen und es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass diese

[00:19:04]  Rundgangsreferent:innen auch Teil der Gedenkstätte sind, also die sind eben auch feste Mitarbeitende der Gedenkstätte geworden.

[00:19:13]  Also das ist ein langer Prozess, das sehen Sie und wenn man sich so auf die Inhalte noch mal fokussiert,

[00:19:21]  dann ist es seit dem Beutelsbacher Konsens in den Gedenkstätten üblich, nicht mit moralischen

[00:19:32]  Überformungen zu kommen, sondern ein forschendes, offenes Lernen hier an diesem Ort zu..., ja

[00:19:39]  dazu anzuregen, das ist ganz, ganz wichtig. Wir wollen eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle

[00:19:50]  auch von Täterschaft, also und der Gesellschaft und natürlich einer starken Biographiearbeit über die

[00:20:00]  ehemaligen Inhaftierten hier, sodass es praktisch, dass zunehmend neue Gebiete jetzt auch in unsere Arbeit

[00:20:11]  mitschwingt sozusagen. Wir merken allerdings, dass die Vor- und Nachbereitung viel größere Zeit in Anspruch nimmt,

[00:20:22]  als das in früheren Jahren, wo vielleicht im Schulunterricht noch mehr darauf eingegangen worden ist,

[00:20:30]  wo es aber auch nicht so einen großen generationellen Abstand gab. Also tatsächlich ist das sehr notwendig,

[00:20:41]  auch eine Reflektion nachzuschalten und deswegen bauen wir gerade auch unser Bildungszentrum neu mit

[00:20:51]  sechs neuen Seminarräumen, die eben technisch auf dem allerneuesten Stand sein werden und auf diese

[00:21:00]  Arbeit dieser Neugestaltung freuen wir uns sehr. Es besteht immer der Wunsch, dass die Gedenkstätten

[00:21:09]  zu den aktuellen politischen Situationen sich positionieren, auch in der Bildungsarbeit und da

[00:21:21]  denken wir aber, dass es sehr, sehr wichtig ist, über die Beschäftigung mit dem Ort sozusagen zu solchen

[00:21:28]  Fragen zu kommen und das nicht also aktiv anzustoßen, sondern die Schülerinnen und Schüler zu Fragen

[00:21:36]  kommen, zu lassen, zu Schlüssen, die sie aus dem Rundgang gezogen haben. Das könnte man so sagen.

[00:21:43]  Wichtig ist natürlich auch, dass die Diversität der Besucher:innenschaft sich sehr, sehr verändert

[00:21:52]  hat. Wir sind in einer Einwanderungsgesellschaft, in einer Migrationsgesellschaft und das braucht

[00:21:58]  natürlich auch aktualisierte Bildungsangebote und auch da ist das Thema Vorbereitung, Nachbereitung

[00:22:07]  ganz zentral. Und da sind wir bei der Beschäftigung mit beispielsweise "Graphic Novels" [grafischer Roman]. Wir sind gerade

[00:22:16]  dabei, eine Graphic Novel zu etablieren, die praktisch den Einlieferungsprozess zum Thema hat und

[00:22:25]  diese kurze Zeit, wie die Menschen hier von einem Individuum zur Nummer wurden. Und das hat ein

[00:22:35]  ehemaliger Häftling Edgar Kupfer-Koberwitz auf eine wirklich unglaublich intensive Art und Weise

[00:22:42]  beschrieben und anhand seiner Beschreibung haben wir mit einem Büro eine Graphic Novel, einen Film

[00:22:51]  auch entwickeln lassen, der jetzt bald vorgestellt wird und wo wir glauben, dass es einfach noch mal

[00:22:59]  einen ganz anderen Zugang gibt. Ausgehend war das, also wir haben uns angefangen mit dem Thema Comic

[00:23:07]  zum Beispiel oder Graphic Novel zu beschäftigen, durch auch intensive Kontakte zu unseren jungen

[00:23:15]  Mitarbeitenden. Das sind, also wir haben natürlich viele vom FSJ-ler oder in früheren Jahren waren

[00:23:23]  es auch sogenannte Gedenkdiener. Das war eine Initiative aus Österreich. Tobias: Ich sollte villeicht kurz dazu sagen, das ist ein freiwilliges

[00:23:30]  soziales Jahr. Also in Deutschland, in Österreich ist es ja wäre, dass ähnlich zu setzen wie mit

[00:23:35]  dem Zivildienst, sozusagen nur, damit wir unsere Zuhörer einfangen sozusagen. Gabriele: Und wir haben in den

[00:23:45]  Kontakten auch mit unseren jungen Mitarbeitenden gemerkt, was wir vielleicht neu entwickeln können und

[00:23:52]  da sind wir jetzt sehr froh. Das war ein spannender, intensiver Prozess und das wir das jetzt präsentieren können.

[00:24:02]  Tobias: Sehr schön. Es ist ja bei der Gedenkstätte, also zum Gedenkort ist auch ein Archiv und eine Bibliothek

[00:24:12]  oder es ist Teil der Gedenkstätte, ein Archiv und eine Bibliothek. Gabriele: Und eine große Sammlung. Tobias: Und eine

[00:24:17]  große Sammlung eben. Ist das aus Ihrer Sicht, also einerseits würde ich gern fragen, wie da das

[00:24:23]  Zusammenspiel ist zwischen den einzelnen, ich würde es jetzt Abteilungen nennen und ob Sie das als großen

[00:24:30]  Bonus sehen und wo da auch vielleicht Schwierigkeiten sind, um das Ganze unter einen Hut zu bringen.

[00:24:36]  Gabriele: Wir sitzen ja hier sehr eng zusammen. Also die verschiedenen Abteilungen sind nicht in

[00:24:44]  verschiedenen Gebäuden oder so, sondern wir haben das ganz bewusst. Wir sitzen hier im Ostflügel des

[00:24:51]  ehemaligen Wirtschaftsgebäudes, also mitten in dem ehemaligen Gelände des früheren Häftlingslagers,

[00:25:00]  was auch ein besonderer Arbeitsort ist, aber nur für unsere Zuhörer:innen die Frage, wo wir hier sitzen.

[00:25:13]  Und das haben wir wie gesagt ganz bewusst gemacht. Wir haben diesen Bereich auch gestaltet, und zwar

[00:25:20]  in Absprache mit dem Denkmalpflegeamt, sodass praktisch die historische Struktur dieses

[00:25:26]  Gebäudes auch weiterhin erhalten bleibt und in dem Zuge haben wir eben auch Archiv, Bibliothek,

[00:25:32]  Sammlung neu aufgestellt. Das ist jetzt zehn Jahre her und wir haben einen sehr, sehr engen Kontakt

[00:25:40]  mit den Überlebenden und den Nachkommen. Das heißt, unsere Sammlung ist in der Zwischenzeit enorm

[00:25:47]  gewachsen. Es gab archäologische Grabungen in dem eben erwähnten Außenlager in Allach. Da sind

[00:25:56]  tausend Objekte zu der KZ Gedenkstätte gekommen und ein ganz neues spannendes Feld hat sich aufgemacht.

[00:26:03]  Wir haben dazu eine Ausstellung angeboten und planen jetzt auch bei der Neugestaltung historische

[00:26:12]  Gebäude zu der Gedenkstätte hinzuzunehmen. Eines davon ist das ehemalige Transformatorenhaus,

[00:26:18]  das für die Elektrizität im Lager zuständig war, also Lagerzaun, Lautsprecher und so weiter. Tobias: Scheinwerfer.

[00:26:24]  Gabriele: Viele Elemente des Terrors. Das wird der Ort sein, in dem zukünftig die Sammlung der Gedenkstätte

[00:26:31]  unterkommt und wir sind eben auch im Bereich von Archiv und Bibliothek dabei im Zuge der Neugestaltung

[00:26:40]  den Bereich deutlich zu erweitern. Ganz spannend ist eben die Zusammenarbeit, weil die Bildungsabteilung

[00:26:48]  in unmittelbarer Nähe sitzt. Die wissenschaftliche Abteilung, das ist der zweite Zweig sozusagen,

[00:26:56]  sitzt auch in der Nähe, sodass praktisch Ausstellungen geplant werden können, aber auch

[00:27:04]  beispielsweise Medien-Apps, die wir hier anbieten zum Thema Kunst im Konzentrationslager. Also das

[00:27:12]  ist es eben sehr, sehr wichtig, die kurzen Wege zu haben. Die Schwierigkeiten, die Sie angesprochen

[00:27:19]  haben, ich finde, dass es häufig Schwierigkeiten auch von außen sind, weil zum Beispiel überlegen

[00:27:27]  wir uns, was macht man heute? Man hat einen Plan und der Plan, den kann man eigentlich nach

[00:27:33]  wenigen Minuten vergessen [schmunzelt], weil irgendwas passiert. Zum Beispiel, was uns sehr freut eben auch viele

[00:27:41]  Angehörige in das Archiv kommen, um zu forschen. Die sind hier im Rahmen eines Besuches da und

[00:27:51]  natürlich nimmt man sich dafür Zeit, weil das ist jetzt auch ein ganz zentraler Umbruch, den wir

[00:27:57]  gerade haben und auch der Kontakt zu den Nachkommen ist für uns ganz, ganz wesentlich. Tobias: Weil sie eben

[00:28:03]  gerade den Kontakt mit den Nachkommen angesprochen haben, das stelle ich mir auch eben sehr spannend vor

[00:28:09]  und interessant vor, kommt da auch dann wirklich in dieser Nachforschung dann wieder auch für sie

[00:28:14]  neue Sachen ans Tageslicht, weil die vielleicht eben noch, sei es Andenken, vielleicht also von

[00:28:22]  Überlebenden auch wieder bekommen, ist das so auch ein Anknüpfungspunkt, wo dann wieder ein offener

[00:28:30]  Kanal von Kommunikation dann entsteht über den Besuch hinaus und was gibt es denn da so ein bisschen

[00:28:38]  für Beispiele? Gabriele: Wir haben mehrere Veranstaltungsformate. Das eine heißt Erinnerung- und Familiengedächtnis

[00:28:45]  und da geht es praktisch so darum, was hat praktisch die KZ-Haft generationell auch mit den

[00:28:53]  Familien angerichtet. Das sind immer sehr, sehr bewegende Gespräche. Wir haben noch ein zweites

[00:29:01]  Format, das heißt Mehrgenerationengespräch. Da versuchen wir tatsächlich nicht nur die Kinder,

[00:29:09]  sondern auch Enkel, zum Teil Urenkel hier nach Dachau zu bringen und es ist sehr interessant,

[00:29:16]  weil sich die unterschiedlichen Generationen jeweils unterschiedlich in der Familie mit dem

[00:29:23]  Thema befassen. Häufig ist es so, dass die Kinder häufig nichts wussten von dem Verbrechen hier an

[00:29:31]  dem Ort, was mit ihren Vätern passiert ist und es gab eine größere Offenheit der früheren Häftlinge

[00:29:39]  sich mit den Enkeln auszutauschen oder den Urenkeln, die wiederum ganz andere Verarbeitungsmechanismen

[00:29:47]  haben. Häufig haben wir tatsächlich die Beschäftigung mit Kunst, mit Medienkunst, mit unterschiedlichen

[00:29:57]  Aspekten von Kunst, die mit der Haft des Verwandten zu tun haben. Tobias: Gibt es auch manchmal Erkenntnisse

[00:30:09]  auch der Besucher, wenn eben die Person oder der Vorfahre hier ums Leben kam oder eben, weil

[00:30:18]  er von hier aus weiter deportiert worden ist, dass man hier die Besucher dann darauf kommen,

[00:30:23]  okay, hier ist mein Angehöriger in Haft gewesen und man hat es aber vorher nicht genau

[00:30:29]  gewusst. Es ist sowas auch schon öfters vorgekommen. Gabriele: Das ist das, was ich gerade berichtet habe, wo wir

[00:30:36]  uns natürlich Zeit nehmen, weil das ein ganz emotionaler Prozess ist. Wenn wir hier im Archiv in

[00:30:43]  unserer Datenbank, die über 200.000 Datensätze der ehemaligen Häftlinge, so viel waren in der Zeit

[00:30:51]  zwischen 1933 und 1945 hier in Dachau, wenn wir feststellen, der Großvater, der Onkel, der Vater war hier,

[00:30:59]  war hier in Dachau. Es gab auch mehrere sehr bewegende Einladungen von Nachkommen, der etwa

[00:31:11]  4.000 sowjetischen Kriegsgefangenen, die in Hebertshausen bei Dachau ermordet worden sind

[00:31:18]  von der Dachauer SS. Und da war es wirklich so, diese Nachkommen von den Opfern wussten nichts

[00:31:28]  und es gibt so eine Art von Internetforen, wo sie gesucht haben und nie aufgehört haben zu suchen.

[00:31:36]  Und unsere Forschungen, die haben wir dann sozusagen in Zeitungen veröffentlicht, aber auch in diesen

[00:31:44]  Foren in der ehemaligen Sowjetunion und aufgrund dessen haben sich Menschen gemeldet, die haben

[00:31:52]  uns dann auch ihre Fotoalben gezeigt und wir haben entsprechende Biographien mit den Fotoalben,

[00:31:59]  also mit der Geschichte der Ermordeten zeigen können und das waren nochmal, also da gab es

[00:32:06]  wirklich keine Ahnung, wo die Menschen geblieben sind, wo die sowjetischen Kriegsgefangenen

[00:32:11]  geblieben sind und das an den Ort zu kommen mit der Gruppe, 20 Menschen waren wir, glaube ich,

[00:32:19]  20 Delegationen von 20 Nachkommen, das gehört zu den bewegendsten Erlebnissen, die ich hier an dem Ort hatte. [Outro-Musik]

[00:32:47]  Tobias: Archivwürdig ist eine Produktion des Stadtarchiv Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Erinnerungskultur als Aufgabe der städtischen Politik

Erinnerungskultur als Aufgabe der städtischen Politik

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur sechsten Folge unserer dritten Staffel von Archivwürdig,

[00:00:05]  dem Podcast des Innsbrucker Stadtarchivs.

[00:00:08]  In dieser Folge gehen wir auf die Rolle der städtischen Politik hinsichtlich Erinnerungskultur ein.

[00:00:14]  Begrüßend durfte ich die scheidende Stadträtin für Kultur Uschi Schwarzl und die scheidende Vorsitzende des Kulturausschusses Irene Heisz.

[00:00:23]  Wir besprechen am Beispiel der Zeitpunkte, wie es zur Umsetzung von Erinnerungsprojekten kommt

[00:00:28]  und blicken gegen Ende auch auf die Zukunft.

[00:00:31]  [Intro-Musik] Tobias: Erstens bedanke mich immer ganz herzlich, dass ihr beide Zeit gefunden habt, zu mir zu kommen, auch mitzuwirken bei der dritten Staffel unseres Podcasts Archivwürdig.

[00:00:56]  Wir haben ja als großes übergeordnetes Thema das Arbeitserziehungslager Reichenau bzw. die neue Gedenkstätte des Arbeitserziehungslagers Reichenau.

[00:01:05]  Wir kreisen dann oder wir schwingen ein bisschen dann über das Thema auch hinaus in der Staffel

[00:01:11]  und um natürlich so ein Thema und Erinnerungskultur, Erinnerungsorte aufzugreifen, braucht es natürlich eine politische Ebene,

[00:01:19]  es braucht politischen Willen, es braucht politische Unterstützung.

[00:01:22]  Und da habe ich den Vorteil mit euch beiden, dass ich einerseits die zuständige Stadträtin für Kultur habe

[00:01:28]  und andererseits die Irene, also Uschi als zuständige Stadträtin für Kultur und einmal die Irene als Ausschussvorsitzende des Kulturausschusses.

[00:01:36]  Und wir sprechen, wie schon gesagt, über Erinnerungskultur als Aufgabe der städtischen Politik.

[00:01:44]  Vielleicht die Frage mal zuerst an euch beide, wo seht ihr die Aufgabe der Politik in Bezug auf Erinnerungskultur?

[00:01:53]  Wo soll sie einwirken, wo muss sie einwirken, vielleicht auch wo es Grenzen gibt, wo vielleicht man die Politik sich zurücknehmen soll?

[00:02:02]  Fange ich vielleicht bei dir an, Uschi, wenn ich da zu dir schaue.

[00:02:07]  Uschi: Ja, zuerst einmal vielen Dank für die Einladung.

[00:02:10]  Es ist sehr spannend für uns beide, denke ich.

[00:02:13]  Ich glaube ja, dass Erinnerungskultur zu einer der Hauptaufgaben von städtischer Kulturpolitik gehört.

[00:02:23]  Nicht einfach nur, um Denkmäler zu schaffen oder obligatorische Gedenkfeiern abzuhalten zu bestimmten Gedenktagen,

[00:02:32]  sondern mit einem ganz konkreten Inhalt und diese Inhalte sind auf der einen Seite zu schauen, wo sind Forschungslücken zu unterstützen,

[00:02:44]  diese Forschungslücken zu schließen, diese Forschungslücken dann auch, oder die Ergebnisse dieser Forschung,

[00:02:53]  dann einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und dieses zugänglich machen muss die Menschen abholen.

[00:03:00]  Das heißt, wir müssen einerseits schauen, dass wir den Opfern und den Tätern und den Orten nachgehen und diese sichtbar machen

[00:03:10]  und wir müssen schauen, dass wir das Wissen, der Forschung so vermitteln, dass es eingebettet ist, auch in gegenwärtige Situationen,

[00:03:22]  sozusagen es muss transformiert werden in die Gegenwart, weil ich glaube,

[00:03:26]  dass historisches Wissen in Verbindung mit gegenwärtigen Entwicklungen ganz wichtig ist, auch für die Zukunft einer Gesellschaft.

[00:03:35]  Tobias: Selbe Frage an dich, Irene. Wo siehst du die Aufgabe der Stadt oder der städtischen Politik mit Bezug zur Erinnerungspolitik und Erinnerungsorten?

[00:03:46]  Irene: Anschließend daran, was die Frau Stadträtin gesagt hat,

[00:03:51]  das kann ich natürlich alles absolut unterschreiben, in der sogenannten Erinnerungskultur gibt es ja mehrere Problemstellungen

[00:04:01]  angefangen bei Forschungslücken, wie es die Uschi gerade gesagt hat. Die andere Sache ist Zeitzeugen,

[00:04:09]  Menschen, die, wenn wir vom Dritten Reich sprechen, das alles selber erlebt haben und selber davon erzählen können,

[00:04:15]  gibt es ja kaum mehr und sozusagen von Tag zu Tag weniger, weil sie naturgemäß mittlerweile in einem Alter sind,

[00:04:24]  wo ihre Lebenszeit überschaubar ist. Und Zeitzeugenberichte sind eine sehr eindrucksvolle Möglichkeit,

[00:04:33]  über eine bestimmte Zeit und bestimmte Ereignisse nachzudenken. Es gibt natürlich inzwischen viele Tondokumente,

[00:04:40]  Interviewaufnahmen und so weiter, aber es ist was anderes, wenn ich ja von Knopf drücke und mir was anhör,

[00:04:45]  als wenn ich einem Menschen gegenüber sitze und dem in die Augen schauen kann und er mir erzählt, was er damals erlebt,

[00:04:50]  erlitten oder auch begangen hat. Die andere Geschichte ist, dass wir heute glücklicherweise in einer bunten Gesellschaft leben,

[00:05:00]  in der Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenkommen und mit verschiedenen kulturellen,

[00:05:05]  auch kulturhistorischen Hintergründen. Und da sind natürlich auch viele Menschen drunter,

[00:05:11]  für die die Nazi-Zeit, das Dritte Reich, der Zweite Weltkrieg, nicht die Form von Einschnitt, von Zäsur,

[00:05:20]  von dunkler Wolke darstellt, wie es es für uns zu Recht selbstverständlich ist, in Deutschland, in Österreich,

[00:05:26]  in Mitteleuropäischen, in gesamten europäischen Raum. Das heißt, Menschen aus anderen Kulturen,

[00:05:32]  die möglicherweise davon gehört haben in der Schule oder sonst wie, für die das aber nicht diese ganz persönliche

[00:05:41]  Lastverantwortung, wie immer man es nennen will, darstellt, denen muss man denke ich, wenn sie bei uns auch leben

[00:05:49]  und Teil unserer Gesellschaft sind, versuchen zu vermitteln, warum diese Zeit für uns so außerordentlich wichtig ist.

[00:05:57]  Und ich sage jetzt immer, als Beispiel der Völker... also aus einer anderen Sicht, der Völkermord an den Armeniern,

[00:06:04]  davon wissen wir, weil wir in der Schule davon gelernt haben oder was auch immer,

[00:06:10]  dieses große historische und bis heute so vieles überschattende, traumatische Ereignis,

[00:06:17]  ist es für uns Mittel-Europäer und Mittel-Europäerinnen naturgemäß nicht.

[00:06:22]  Tobias: Zum Zeitpunkt der Aufnahme läuft gerade die Ausschreibung oder die Erstellung der möglichen neuen Gedenkstätte

[00:06:30] am Platz des, also ehemaligen Arbeitserziehungslagers Reichnau.

[00:06:35]  Wir haben dieser Jahr auch, wo wir alle drei auch anwesend waren, bei der Öffnung der Zeitpunkte.

[00:06:41]  Also der Innsbrucker Alternative der Stolpersteine haben wir beigewohnt, war auch eine sehr schöne Veranstaltung,

[00:06:48]  was auch wieder zeigt, wie wichtig es ist, Themen aufzugreifen, zu verarbeiten und nicht über, wie soll man sagen,

[00:06:56]  verfrüht oder hineinzustolpern und dann was zu erstellen, was in einer recht schnellen,

[00:07:03]  oder auf Druck von außen, was erstellt wird.

[00:07:07]  Und weil ich euch eben hier habe wäre es vielleicht nicht ganz unklug,

[00:07:12]  anhand der Zeitpunkte auch ein bisschen den politischen Prozess vielleicht darzustellen.

[00:07:18]  Aber können wir mal so starten, wenn es jetzt angedacht ist, sei das dann Reichenau, sei das die Zeitpunkte,

[00:07:26]  sei das ein anderes Mahnmal, was ja in der Zukunft geschehen oder initiiert werden kann.

[00:07:32]  Wie startet denn, wie kommt denn da sozusagen der Stein ins Rollen, dass dann auch die Politik involviert wird?

[00:07:40]  Uschi: Also vorweg genommen die Amtsführung als Stadträtin und die Arbeit des Kulturausschusses ist sehr eng miteinander verzahnt,

[00:07:50]  weil das Stadtrecht der Landeshauptstadt Innsbruck quasi unsere Verfassung genau vorgibt,

[00:07:56]  wie die Abläufe sein müssen, um zu einer Entscheidung zu kommen.

[00:08:00]  Und das Thema Zeitpunkte ist vielleicht ein ganz gutes, weil das sozusagen von der Beschlusssituation

[00:08:07]  und von der Umsetzungssituation her jetzt schon ein fertiges Projekt ist.

[00:08:12]  Es wird nie fertig sein, weil auch die Bürger und Bürgerinnen gefragt sind,

[00:08:17]  die Zeitpunkte aufzugreifen und selber welche zu initiieren, aber von den politischen Beschlüssen her ist das abgeschlossen.

[00:08:24]  Und das heißt ganz konkret, es gab in Innsbruck angestoßen von einigen Bürgerinnen,

[00:08:32]  ein sehr intensives Verlangen nach sogenannten Stolpersteinen.

[00:08:37]  Und das hat uns dann natürlich auch im Kulturausschuss erreicht, dieses Thema.

[00:08:42]  Und wir haben nicht sofort gesagt, ja eine gute Idee oder völlig abzulehnen,

[00:08:49]  sondern was wir machen, wir holen uns Expertise auf der einen Seite in dieser Frage von Historikerinnen und Historikern

[00:08:59]  und auf der anderen Seite von der israelitischen Kultusgemeinde.

[00:09:03]  Und es hat sich im Laufe unserer Diskussionen und nach Einholung der Expertisen herausgestellt,

[00:09:09]  dass wir das Modell der Stolpersteine als nicht mehr zeitgemäß sehen.

[00:09:14]  Vor allen Dingen haben wir immer das ungute Gefühl dabei gehabt, dass es eigentlich nicht angemessen ist,

[00:09:20]  wenn man über die Opfer drüber stolpert oder sozusagen auf diese Gedenksteine draufsteigt.

[00:09:29]  Und dann haben wir im Kulturausschuss beschlossen, dass wir so eine Arbeitsgruppe machen

[00:09:34]  und einen kleinen Wettbewerb eigentlich oder eine Ausschreibung gemacht haben,

[00:09:39]  wo uns Weissraum [Designforum Tirol für zeitgemäße visuelle Kommunikation und Design] begleitet hat, die uns jetzt auch in der Frage Reichenau begleiten

[00:09:46]  und haben daraus das vorliegende, bekannte Modell gewählt

[00:09:53]  und sozusagen die Schritte und Irene korrigiere mich bitte, greif ein,

[00:09:58]  wenn ich jetzt nicht mehr alles ganz genau in Erinnerung habe,

[00:10:01]  weil ich so viele Projekte in vielen Bereichen habe, dass sich da oft einmal einige Dinge vermische,

[00:10:07]  aber jedenfalls hat der Kulturausschuss sozusagen aus den vorgelegten Vorschlägen das Bekannte ausgewählt.

[00:10:15]  Und dann, nachdem ein Ausschuss einer Stadt nur ein beratendes Gremium ist,

[00:10:21]  habe ich das was falsch gesagt?

[00:10:23]  Ah, Irene sag du es.

[00:10:25]  Irene: Die Grundidee war, die wir auch eben mit Expertinnen und Experten dann nochmal geschärft haben,

[00:10:32]  personalisierte individuelle Gedenk- und Erinnerungszeichen

[00:10:39]  an Todesopfer des Nationalsozialismus

[00:10:42]  und das möglichst in der Nähe oder am besten an ihrer letzten freiwillig gewählten Wohnstätte in Innsbruck.

[00:10:50]  Sprich, wenn jemand in der, ich sage jetzt absichtlich, was Fantasiename in der Erdäpfelstraße 12 gewohnt hat,

[00:10:59]  bevor er dann zum Beispiel in ein KZ deportiert wurde und so weiter,

[00:11:04]  sollte entweder am Haus, wenn das möglich ist, oder möglichst in der Nähe ein persönliches Gedenk- und Erinnerungszeichen

[00:11:11]  an diesen Menschen angebracht werden.

[00:11:15]  Richtig ist, dass wir uns gegen Stolpersteine ausgesprochen haben.

[00:11:19]  Mein ganz persönlich größter Einwand dagegen ist tatsächlich, die Namen der Opfer

[00:11:25]  und damit die Opfer mit Füßen zu treten, das scheint mir nicht richtig.

[00:11:30]  Dann haben wir immer wieder auch das natürlich mit dem Kultur-Ausschuss rückgesprochen diskutiert

[00:11:37]  und dann einen Wettbewerb ausgeschrieben und den hat dann nicht der Kulturausschuss das Ergebnis gewählt,

[00:11:43]  sondern eine Fachjury, der unter anderem ich angehört habe,

[00:11:47]  aber Historiker, Historikerinnen aus dem grafischen Bereich und so weiter,

[00:11:54]  einfach Fachleute aus allen denkbaren involvierten Branchen,

[00:12:00]  bis hin zu einem Kollegen von den IKB, weil ein guter Platz,

[00:12:11]  um einen, wie wir jetzt wissen, einen Zeitpunkt anzubringen, sind Masten.

[00:12:17]  Und wie das rein technisch geht, man meint ja nicht, wie schwierig das sein kann [lacht kurz].

[00:12:21]  Ich habe da unglaublich viel gelernt im Zuge dieses Wettbewerbs und dieses ganzen Prozesses.

[00:12:26]  Dafür braucht es Fachleute, die einem sagen, das geht, das geht nicht.

[00:12:30]  Diese Manschette muss man biegen, die kann man so oder so befestigen oder auch nicht.

[00:12:34]  Da ist aus ganz vielen Bereichen unglaublich viel Fachwissen drin,

[00:12:38]  nicht nur auf der nahe liegenden historischen Ebene, sondern auch eben bis hin zu technischen Details.

[00:12:47]  Was ich denke, auch ganz wichtig ist, dass wir als politisch Zuständige für einen bestimmten Bereich,

[00:13:00]  in unserem Fall jetzt die Kultur, nicht glauben, dass wir die Weisheit mit dem Löffel gefressen haben.

[00:13:05]  Es gibt natürlich für alle Bereiche, die entsprechenden Fachleute in der Stadt,

[00:13:11]  wir sind Gott sei Dank bestens ausgestattet, auch dank der Tatsache, dass wir Universitätsstadt sind,

[00:13:17]  dass wir ein, jetzt muss ich ein bisschen schleimen, ein super funktionierendes, toll aufgestelltes Stadtarchiv haben,

[00:13:25]  mit tollen Kolleginnen und Kollegen, die immer hilfreich sind und sagen, ja, da haben wir was,

[00:13:30]  oder schaut, da könnte man das machen und so weiter.

[00:13:32]  Also, ich tu ein bisschen schleimen, aber es ist ...

[00:13:35]  Tobias: Stellvertretend fürs Stadtarchiv nehme ich das gerne an.

[00:13:37]  Irene: Es ist einfach Wahrheit.

[00:13:39]  Schleimen ist leicht, wenn man die Wahrheit sagt.

[00:13:41]  Uschi: Vielleicht nur kurze Ergänzung.

[00:13:43]  Es war auch zum Beispiel nur damit man die Dimension sieht, das Verkehrsrecht war dabei,

[00:13:48]  weil sozusagen Zeichen, die im Straßenraum angebracht werden, dürfen natürlich die Sicherheit des Verkehrs nicht beeinträchtigen.

[00:13:56]  Und auch vom Tiefbau war der Straßenverwalter dabei, weil es werden ja nicht nur auf Masten Zeitpunkte angebracht,

[00:14:04]  sondern dort, wo möglich und anders nicht möglich, auch auf Stelen, die im Straßenraum verankert werden müssen.

[00:14:10]  Also, ich hab das sehr schön gefunden, dass das Projekt, dass da sozusagen die Erinnerungskultur sozusagen auch in Behörden und technische Ämter hineingesickert ist.

[00:14:20]  Und ich glaub, das war für diese Menschen auch eine Bereicherung.

[00:14:23]  Tobias: Und ich glaub, an der Stelle könnte man vielleicht auch noch mal den Dank an die IKB ausrichten, die ja auch die Wartung und die ...

[00:14:30]  Also, meines Wissens auch, wenn jetzt die Reinigen und auch quasi sicherstellen, dass die, wenn da Fehler, also Fehler,

[00:14:37]  oder wenn irgendetwas nicht sitzen sollte, dann auch Sie melden.

[00:14:40]  Was auch sehr, sehr wichtig ist, weil nur weil es jetzt in dem Fall dran hängt, muss es ja dann trotzdem gewartet und hat gegebenenfalls geputzt oder sonst was werden.

[00:14:50]  Bleiben wir jetzt noch kurz bei den Zeitpunkten, das Projekt ist sozusagen finalisiert oder zumindest ausgewählt.

[00:14:56]  Also, in der Jury durch diese Jury?

[00:15:00]  Irene: Genau, dann geht es in einen Kulturausschuss, der dort einmal vorgestellt, weil die Fachausschüsse, also der Gemeinderat, der 40-Köpfige, gewählte

[00:15:08]  Gemeinderat mit verschiedenen Parteien und Gruppierungen, so wie uns die Bevölkerung 2018 bei der letzten Wahl

[00:15:16]  zusammengestellt hat. So sind wir sechs Jahre verantwortlich für sozusagen mehr oder weniger

[00:15:21]  alles, was in der Stadt passiert und was im gesetzlichen Verantwortungsbereich der Stadt

[00:15:28]  Innsbruck und des Gemeinderats liegt. Bildet Fachausschüsse, in unserem Fall Kultur,

[00:15:34]  aber es gibt natürlich für alle anderen Bereiche auch Fachausschüsse von Finanzen bis Sport bis

[00:15:41]  Bau bis Soziales etc. etc. Alles worüber der Gemeinderat dann zu entscheiden hat. Die Fachausschüsse

[00:15:50]  sind, das nennt man so, vorberatend für den Gemeinderat tätig beziehungsweise unter

[00:15:56]  Umständen auch für den Stadtsenat. Das ist, man darf nicht sagen, Regierung habe ich gelernt,

[00:16:01]  weil die Stadt Innsbruck hat keine Regierung in dem Sinn, die Stadt Innsbruck hat einen

[00:16:05]  Bürgermeister, eine Bürgermeisterin und dann Stadtsenatsmitglieder, also Stadträtinnen und

[00:16:10]  Stadträte, so wie die Uschi Schwarzl, eben ressortführende Stadträtin unter anderem für

[00:16:15]  Kultur und noch ganz viele andere Ressorts ist. Kulturausschuss berät, lädt sich unter Umständen

[00:16:23]  nochmal Experten und Expertinnen ein, um mit denen irgendwas zu diskutieren und gibt dann eine

[00:16:28]  Empfehlung an den Stadtsenat beziehungsweise an den Gemeinderat zum Thema X so zu entscheiden.

[00:16:35]  Uschi: Und ob eine Empfehlung eines Ausschusses in den Stadtsenat kommt oder in den Gemeinderat hängt

[00:16:44]  teilweise davon ab, um welche Beträge es geht. Bei niedrigeren Kosten da reicht der Stadtsenat. Bei

[00:16:52]  höheren Beträgen muss das auch in den Gemeinderat oder wenn es um Richtlinien geht. Das muss

[00:16:57]  auf jeden Fall in den Gemeinderat, also das ist im Stadtrecht genau geregelt, welche Kompetenz

[00:17:02]  welches Gremium hat. Aber die Ausschüsse selber haben nur ein Vorschlagsrecht und kein eigenständiges

[00:17:08]  Beschlussrecht. Tobias: Heißt das grundsätzlich, wenn ich es so verstehe, dass ist der Kulturausschuss,

[00:17:13]  jetzt sage ich mal, wenn das nicht einstimmig ist oder wenn es vom Kulturausschuss nicht empfohlen wird,

[00:17:22]  umzusetzen, wie kommt das dann aber trotzdem quasi dann entweder ein Staatssenat oder ein Gemeinderat?

[00:17:27]  Uschi: Es kommt jede Entscheidung, ob positiv oder negativ, mehrheitlich oder einstimmig, in das

[00:17:34]  nächstübergeordnete Gremium. Und wenn der Kulturausschuss befunden hätte, wir nehmen keines

[00:17:40]  der Projekte und setzen jetzt nichts um, dann wäre sozusagen, ja im Endeffekt wäre dann wahrscheinlich

[00:17:46]  gar keine Empfehlungen gekommen, aber das geht da die null Entscheidungen oder nein Entscheidungen

[00:17:51]  betreffen vor allen Dingen Subventionen. Wenn du bei uns ansuchst, um eine Kultursubvention,

[00:17:55]  dann würde ich sagen, na, also das, was der macht [Uschi schmunzelt, Tobias lacht], das hat nichts mit Kultur zu tun oder so.

[00:18:01]  Tobias: Der Podcast zum Beispiel.

[00:18:02]  Uschi: Da gibt es null Subventionen, wird dein Ansuchen trotzdem im Staatssenat oder Gemeinderat,

[00:18:09]  je nachdem, um wie viel du angesucht hast, behandelt, aber halt ablehnend, aber der Gemeinderat

[00:18:14]  oder der Staatssenat könnten die Entscheidung noch umdrehen.

[00:18:18]  Irene: Theoretisch, also natürlich könnten sie, aber die Fachausschüsse des Gemeinderates

[00:18:24]  sind ja von Gemeinderätinnen und Gemeinderäten und zwar je nach Stärke ihrer Fraktionen im

[00:18:31]  Gemeinderat besetzt. Das heißt, wenn es eine Satte Mehrheit oder eine Einstimmigkeit im

[00:18:36]  Kulturausschuss für oder gegen irgendein bestimmtes Thema oder Projekt gibt, ist davon

[00:18:42]  auszugehen, dass nicht zwischen Kulturausschuss und der Gemeinderatssitzung zwei Wochen später

[00:18:48]  sich die Meinungen um 100 Prozent umdrehen und man dann plötzlich doch mehrheitlich dafür

[00:18:52]  oder dagegen ist. Also kommt eigentlich in der Praxis nie vor.

[00:18:57]  Wenn es knapp ist, dann kann es, weil natürlich die Kleineren, die ein und zwei Personen in

[00:19:02]  Fraktionen sind, nicht in den Ausschüssen vertreten, nur als Zuhörer und Zuhörerinnen

[00:19:06]  zugelassen, könnte es passieren, dass ein knappes Ergebnis dann so oder so gedreht wird.

[00:19:13]  Aber ich muss auch ganz deutlich betonen, weil mir das sehr, sehr freut, dass gerade

[00:19:18]  bei der Erinnerungskultur eigentlich größte Einhelligkeit oder Einstimmigkeit normal ist. Uschi: Einstimmigkeit eigentlich immer.

[00:19:26]  Irene: Also ich will jetzt nichts Falsches behaupten, aber ich kann mich jetzt nicht an eines der

[00:19:31]  Projekte, die wir in den letzten Jahren beschlossen und umgesetzt haben oder begonnen haben,

[00:19:35]  sie umzusetzen, dass da einmal irgendwelche Gegenstimmen, also von den kleinen, Ein-Personen

[00:19:41]  Fraktionen bis zu den größten Fraktionen im Gemeinderat, egal welcher politischen Richtung,

[00:19:47] war da immer Einstimmigkeit.

[00:19:49]  Und das finde ich ganz, ganz wichtig als Signal auch die gewählten Vertreterinnen und Vertreter

[00:19:56]  der Innsbrucker Bevölkerung sind sich bei, Streiten über viele Dinge.

[00:20:00]  Und das ist auch gut so.

[00:20:01]  Tobias: Das ist auch richtig so.

[00:20:02]  Irene: Das auch das so sagen.

[00:20:03]  Streiten oder kontrovers diskutieren ist nichts Negatives.

[00:20:07]  Das sehe ich, ist meine Meinung.

[00:20:09]  Aber bei diesen Themen sind wir uns nach langen, gründlichen Vorbereitungen und Diskussionen

[00:20:15]  natürlich,

[00:20:16]  sind wir uns einig und wollen dieses Signal auch an die Innsbruckerinnen und Innsbrucker

[00:20:23]  senden.

[00:20:24]  Uschi: Was in früheren Jahren eigentlich nicht so war und es hat glaube ich auch damit zu tun,

[00:20:29]  dass sich in Innsbruck eine unglaublich rege und kompetente Wissenschaftler:innen-Szene entwickelt hat. Irene: Ganz sicher ja!

[00:20:37]  Uschi: Und wir dabei auf extrem große Expertise zurückgreifen können und wir diese auch

[00:20:45]  sehr intensiv in Anspruch nehmen.

[00:20:47]  Auch einmal ein Dank an die Menschen, ob jetzt an der Uni oder als Vermittler:innen

[00:20:55]  in Schulen oder auch im Kulturbereich tätig.

[00:20:58]  Das ist eine wunderbare Form der Zusammenarbeit und da ist auch über die Jahre ein großes

[00:21:04]  Vertrauen glaube ich entstanden, ein gegenseitiges und das ist für das Herbeiführen von möglichst

[00:21:10]  breit getragenen Entscheidungen glaube ich auch sehr wichtig.

[00:21:13]  Irene: Ich teile vollkommen deine Einschätzung.

[00:21:16]  Wir können wirklich extrem froh und dankbar sein für die Zeitgeschichtlerinnen und Zeitgeschichtler

[00:21:23]  in Innsbruck.

[00:21:24]  Die sind einfach top und ich glaube nichts Falsches zu sagen, wenn ich behaupte, die haben

[00:21:33]  in den letzten Jahren auch festgestellt, dass man mit uns sinnvoll zusammenarbeiten kann.

[00:21:40]  Dass wir nicht nur irgendwelche Frasen dreschen, sondern uns wirklich bemühen, Lösungen zu

[00:21:44]  finden, was weiter zu bringen und so weiter.

[00:21:47]  Also, nein, ich sage es jetzt einfach, ich glaube, dass wir in diesem Bereich, wir Politiker:innen

[00:21:54]  uns auch als verlässliche Partner:innen erwiesen haben in den letzten Jahren.

[00:21:59]  Denen es schon ernst ist.

[00:22:00]  Die nicht nur in Sonntagsreden, irgendwas von sich geben, was frommes, salbungsvolles, sondern

[00:22:06]  die auch wirklich was weiterbringen wollen.

[00:22:08]  Und gerade im Bereich Erinnerungskultur haben wir in diesen letzten sechs Jahren eigentlich

[00:22:15]  ein sehr viel weitergebracht.

[00:22:17]  Tobias: Vielleicht nur abschließend gibt es aus eurer Sicht irgendwas, was ihr auch noch weitergeben

[00:22:23]  wollt.

[00:22:24]  Ich glaube ich darf es in dem Fall sagen, ihr scheidet jetzt beide bei der nächsten

[00:22:29]  Gemeinde oder mit der nächsten Wahl aus, aus euren Ämtern.

[00:22:32]  Gibt es denn etwas, was ihr auch weitergeben wollt, im politischen Sinne an Nachfolger,

[00:22:38]  oder auch an die Bevölkerung gerne, wo ihr sagt, das ist uns wichtig, dass das weiterhin

[00:22:44]  so stark bleibt, was einfach erhalten gehört?

[00:22:48]  Irene: In Sachen Erinnerungskultur ist, glaube ich, ganz wichtig zu sagen, dass das ein Prozess

[00:22:56]  ist, der nie abgeschlossen sein kann mit der Finalisierung eines ganz bestimmten Projektes

[00:23:02]  oder mit der Umsetzung eines Projektes.

[00:23:05]  Weil das Wichtigste an der Erinnerungskultur ist für mich, die Vergangenheit auf ihre

[00:23:15]  Relevanz für die Gegenwart zu befragen.

[00:23:18]  Also zu sagen, was hat das mit mir zu tun?

[00:23:20]  Was hat das mit meiner Zeit zu tun?

[00:23:23]  Was hat das damit zu tun, was wir in Zukunft machen?

[00:23:27]  Wie wir in Zukunft miteinander leben wollen?

[00:23:29]  Wie wir unsere Kinder erziehen, was wir denen mitgeben und so weiter und so weiter.

[00:23:36]  Und deswegen, es ist uns vieles in den letzten Jahren gelungen, das umzusetzen oder zumindest

[00:23:42]  auf den Weg zu bringen und darüber bin ich froh, aber ich glaube, das muss auch dem

[00:23:47]  nächsten Gemeinderat bewusst sein, damit ist es nicht erledigt.

[00:23:51]  Und dann sagen wir, okay, Gott sei Dank, das haben wir jetzt abgehackt, das war es dann [lacht].

[00:23:55] Kann nicht stimmen, kann nicht stimmen.

[00:23:58]  Auch wenn die zeitliche Distanz größer wird, ändert es nichts an der Bedeutung der Themen.

[00:24:06]  Und insgesamt, glaube ich, sollte der nächste Gemeinderat nicht unterschätzen, dass Kunst

[00:24:18]  und Kultur schlicht und ergreifend ein Lebensmittel sind.

[00:24:22]  Mag sein, dass jemand selten ins Theater geht oder kaum einmal in Konzerte, welcher Art

[00:24:29]  auch immer, oder dass er sagt, bei Vernissagen da kriege ich Magenkrämpfe.

[00:24:34]  Ist in Ordnung, ist in Ordnung.

[00:24:36]  Tobias: Definitiv, ja.

[00:24:37]  Es muss niemand auf einer Vernissage rumstehen und gescheit und gebildet über ein Bild

[00:24:44] reden können.

[00:24:46]  Aber Kultur und Kunst sind der Treibstoff in unserem Tank.

[00:24:55]  Ich will jetzt keine Mobilitätsdebatte anstoßen mit der auch Mobilitätsstadträtin

[00:25:01]  Uschi Schwarzl.

[00:25:02]  Aber das sollte auch dem nächsten Gemeinderat nicht nur so sonntagsredenmäßig bewusst sein,

[00:25:12]  weil sonst wäre Innsbruck, nicht mehr Innsbruck, und um so vieles ärmer als es jetzt momentan

[00:25:20]  ist.

[00:25:21]  Uschi: Ich darf da vielleicht gleich anknüpfen, weil mir da... bei Kultur generell

[00:25:26]  das Herz aufgeht.

[00:25:28]  Weil man ein bisschen über den Tellerrand hinaus schaut und da muss man gar nicht so weit

[00:25:33]  fahren.

[00:25:34]  Innsbruck ist eigentlich eine kleine Großstadt, eine Mittelstadt und hat für ihre Größe

[00:25:44]  sowohl von der Ausdehnung als auch von der Bevölkerungszahl ein kulturelles Leben,

[00:25:49]  das eigentlich sensationell ist.

[00:25:51]  Irene: Kann ich nur... Kann ich nur unterstreichen! Es ist tatsächlich so.

[00:25:52]  Uschi: Was die Vielfalt, was die Quantität und die Qualität betrifft.

[00:25:58]  Und das ist ein Schatz, den es zu hüten gilt und der Innsbruck eigentlich ausmacht.

[00:26:06]  Innsbruck nur mit Bergen und Skifahren, wäre arm.

[00:26:10]  Innsbruck mit diesen Möglichkeiten, nach der Arbeit, noch eine schnelle Skitour zu gehen und

[00:26:16]  dann in ein Theater zu gehen, ist unglaublich, ist einzigartig.

[00:26:21]  Und ich bin ja wirklich sehr viel in diversen Veranstaltungen unterwegs und es findet mittlerweile

[00:26:27]  extrem vieles gleichzeitig statt, aber es ist immer alles extrem gut besucht.

[00:26:32]  Das dazu und es wäre fatal, wenn sich ein neuer Gemeinderat dessen nicht bewusst wäre.

[00:26:41]  Punkt zwei zur Erinnerungskultur, möchte ich zwei Dinge mitgeben, ein allgemeines.

[00:26:47]  Ich glaube, wir haben, wie wir beide schon betont haben, ab 2018 einen sehr guten, neuen Weg der Erinnerungskultur eingeschlagen.

[00:27:01]  Und es wäre wichtig und schön, wenn der Gemeinderat diesen Weg fortsetzen würde.

[00:27:07]  Und es geht aber auch ganz konkret darum, Projekte, die aus unserem Wirken entstanden sind,

[00:27:14]  auch ganz konkret fortzuführen.

[00:27:16]  Wir werden das würdige Gedenken an das Arbeitserziehungslager Reichenau nicht bis zum Gemeinderat umgesetzt haben,

[00:27:26]  bis zur Gemeinderatswahl umgesetzt haben.

[00:27:28]  Das heißt, es wird auf den kommenden Gemeinderat ankommen, das was aus einem Wettbewerb dann final herauskommt, auch umzusetzen.

[00:27:38]  Ein neuer Gemeinderat wird die Gedenkpotenziale, die wir heute noch gerade angesprochen haben,

[00:27:44]  die auch in dieser Zeit entstanden sind und die genau das sind, wo wirklich jedes Jahr

[00:27:54]  der Zeit gemäß neue Formen des Gedenkens an die Befreiung von Mauthausen möglich ist und umgesetzt wird.

[00:28:05]  Wir haben auch unterstützt das Forschungsprojekt zu den Wehrmachtsdeserteuren.

[00:28:11]  Da wird auch, es steht auch an aus diesen Forschungsergebnissen heraus, ein personalisiertes, aber auch verortetes Gedenken anzugehen.

[00:28:25]  Irene: Entschuldige Uschi wenn ich reingrätsche, die Deserteursgeschichte, Wehrmachtsdeserteure, war mir auch ganz wichtig.

[00:28:31]  Das haben wir leider nicht mehr weiter..., das haben wir einfach nicht mehr zusammengebracht.

[00:28:38]  Uschi: Ja, weil ich glaube, das ist auch...

[00:28:40]  Irene: Aber das wäre mir ein großes Anliegen, dass da was in den nächsten Jahren passiert.

[00:28:46]  Uschi: Aber ich glaube, es ist auch eine Form der Ernsthaftigkeit, wenn man die Dinge, die Projekte wirklich peu a peu abarbeitet und sozusagen nicht in hysterisches alles gleichzeitig machen,

[00:28:58]  weil da leidet die Qualität darunter.

[00:29:02]  Aber wir haben sozusagen Dinge in der Umsetzung auf den Weg gebracht und wir haben Grundsteine für künftige Umsetzungen gelegt und es liegt am kommenden Gemeinderat, aus dem etwas zu machen.

[00:29:15]  Und ich bin überzeugt davon, egal wie die Wahl ausgeht, ich bin überzeugt davon, dass das, was wir grundgelegt haben, nicht so einfach umstürzbar ist.

[00:29:27]  Tobias: Ich glaube, das trifft es auch ganz gut zum Thema Erinnerungskultur.

[00:29:31]  Es muss einfach gut durchdacht sein, es kann sich nicht um so eine Schnellschussentscheidungen handeln.

[00:29:37]  Es braucht Gremien dahinter, es braucht Experten dahinter, die beratend sind.

[00:29:42]  Und gemeinsam, meistens, bis jetzt haben wir es auch dank eurer Mithilfe, super Projekte auf die Schiene gebracht.

[00:29:50]  Und das muss man einfach klipp und klar sagen.

[00:29:52]  [Outro-Musik]

[00:30:08]  Tobias: Archivwürdig ist eine Produktion des Stadtarchiv Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Die Zeitpunkte Innsbruck

Die Zeitpunkte Innsbruck

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur siebten Folge unserer dritten Staffel von Archivwürdig, dem Podcast des Innsbrucker Stadtarchivs. In den beiden vorausgegangenen Folgen wurden bereits die „Zeitpunkte Innsbruck“ erwähnt. Die „Zeitpunkte“ sind die Innsbrucker Interpretation der in vielen Städten verlegten Stolpersteine zum Gedenken an Menschen, die während der NS-Herrschaft ermordet wurden. In dieser Folge möchten wir Ihnen einen Zusammenschnitt von der offiziellen Eröffnungsveranstaltung der „Zeitpunkte“, vom 27. Jänner 2024 präsentieren. Eröffnet wurde die Veranstaltung von unserer Kulturamtsleiterin Isabelle Brandauer, die sie auch in unserer Folge begrüßen wird. #00:00:44‑0#

[Intro-Musik]

Isabelle: #00:00:59‑7# (...) Sehr geehrte Damen und Herren, ich glaube, es gibt in Innsbruck wohl kaum einen besseren Ort als die Räumlichkeiten der Stadtbibliothek, um diesen Festakt mit einem Zitat des großen österreichischen Schriftstellers, Pazifisten und Juden Stefan Zweig zu beginnen. [Beginn Zitat] „Am Tage, da ich meinen Pass verlor, entdeckte ich mit 58 Jahren, dass man mit seiner Heimat mehr verliert als einen Fleck umgrenzter Erde“ [Zitat Ende]. Dem nationalsozialistischen Terror entging Zweig durch seine Emigration nach London und später Brasilien. Seine Bücher kamen auf die Liste der Bücherverbrennungen. 1942 nahm sich Zweig gemeinsam mit seiner Frau Lotte, in Brasilien, das Leben. Von 1919 bis zu seiner Flucht nach England lebte Zweig in Salzburg. An seinem ehemaligen Wohnort befindet sich ein Stolperstein. Spätestens ab August 2020 wurden auch die Verlegung von Stolpersteinen in Innsbruck sehr heftig diskutiert. Innsbruck beschloss sich damals eigene Wege zu gehen und installierte über den Kulturausschuss eine Arbeitsgruppe. Das Ergebnis dieser monatelangen Arbeit kann, können wir Ihnen heute feierlich präsentieren. #00:02:25‑1#

 

Tobias: #00:02:27‑2# Der zum Zeitpunkt der Aufnahme amtierende Bürgermeister Georg Willi fand zur Eröffnung dieser Gedenkorte folgende Worte. #00:02:34‑3#

 

Willi: #00:02:35‑1# Wir sind zusammengekommen, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken und uns zu erinnern. Wir haben gemeinsam vorhin einen Kranz niedergelegt. Wir sind aber auch zusammengekommen, um vorzustellen, wie wir künftig in Innsbruck zeitgemäß Erinnerungskultur gemeinsam leben und erlebbar machen wollen. Wir wollen erinnern. Unsere Verantwortung für die Vergangenheit, für die Gegenwart und für die Zukunft. Dabei ist es wichtig, sich nicht nur an die Gräueltaten zu erinnern, sondern auch an die Menschen. Nicht nur an ihren Tod, sondern auch an ihr Leben. Nicht als Nummern, sondern mit Name, mit Adresse, mit Identität, mit ihrer Geschichte. Mit diesen Sätzen habe ich heute meine Worte bei der Kranzniederlegung am Mahnmal des Arbeiter… Arbeitserziehungslager Reichenau beendet. Mit diesen Worten wollte ich meine Grußworte hier auch wieder beginnen. Wir wollen erinnern. Unserer Verantwortung für die Vergangenheit, für die Gegenwart und für die Zukunft bewusst. Sich zu erinnern ist zutiefst menschlich. Gedächtnis, egal ob individuell oder kollektiv, ist immer Teil und Voraussetzung für das Lernen. Das im Gedächtnis angesammelte theoretische und wie praktische Wissen hilft uns im Alltag, hilft uns in Krisen. Wir können Risiken schneller als solche erkennen und vorbeugen. Wir können unser Verhalten und somit uns anpassen. Wir können sogar lernen, uns besser zu erinnern. Wir wollen erinnern und müssen dies zeitgemäß tun. Das heißt auch, insbesondere den Opfern gerecht zu werden, ihnen zumindest symbolisch zurückzugeben, was ihnen unter der nationalsozialistischen Herrschaft unwiederbringlich genommen wurde. Deshalb wollen wir an sie auch nicht primär als Opfer, sondern als Menschen erinnern. Ich möchte wiederholen nicht nur an ihren Tod, sondern gerade auch an ihr Leben. Nicht als Nummern. Sondern mit Name. Mit Adresse. Mit Identität. Mit Geschichte. Und nicht separiert im Museum, im Archiv, abgeschoben an den Rand der Stadt. Nicht auf einzelne Gedenktage beschränkt, sondern alltäglich und mitten in der Stadt. Das verbirgt sich hinter dem Projekt „Zeitpunkte“ Opfer des Nationalsozialismus nicht nur sichtbar zu machen, sondern für sie Platz zu schaffen in unserer Stadt und damit eine zwischenmenschliche Begegnung auf Augenhöhe über Zeit und Raum hinweg ermöglichen. #00:05:49‑7#

 

Tobias: #00:05:50‑5# Im Anschluss sprachen Stefan Amann von Proxydesign über das Konzept der „Zeitpunkte“ sowie Niko Hofinger vom Innsbrucker Stadtarchiv über die konkrete Umsetzung der „Zeitpunkte“. #00:06:01‑4#

 

Stefan: #00:06:03‑0# Ja, es ist eine große Freude und eine große Ehre, hier sein zu können, gemeinsam mit dem Niko Hofinger auf der Bühne und ihnen die „Zeitpunkte“ näher zu bringen. Erstmal nur auf konzeptioneller Ebene. Die Originale begutachten wir dann gemeinsam. Die Basis hatte die Projektgruppe gelegt, dieses dezentrale Gedenken, das in den… in den Stadtraum hineinführt. Und da sieht man es schon, die „Zeitpunkte“ sind tatsächliche Punkte. Punkte in der Stadt, aber auch Punkte in der Geschichte. Und vor allem sind sie Punkte in der… nicht nur in der Historie, sondern auch Punkte in der Lebensgeschichte der Menschen, die es vor allem betrifft, nämlich die der Opfer. Und damit ist sozusagen der Kern schon gefasst. Wichtig war bei den Zeitpunkten, dass man nicht zusammenfasst, also quasi pro Adresse. Sondern, dass man wirklich jedem Menschen einzeln gedenkt. Aus Respekt vor der einzelnen Person, aber auch um sichtbar zu machen die Größenordnung, die Anzahl der Opfer, die es auch betrifft. Und aus diesem einzelnen Gedenken und diesen, diesen Punkt im Leben der Menschen hat sich dann ergeben eine ganz starke Reduktion der Information, die nämlich eben fokussiert auf das Leben der Menschen. Der Bürgermeister hat es schon angesprochen, nicht nur auf den Tod, sondern vor allem auf das Leben der Menschen, weil sie Innsbruckerinnen und Innsbrucker waren, die große Teile oder ihr ganzes Leben hier verbracht haben, Teil einer Gemeinschaft waren. Und wir haben dann diese Information radikal verkürzt und mit diesem empathischen für Versehen. Und da merkt man schon in der Textierung, jemand gedenkt einer anderen Person und mehr braucht es in meinen Augen im ersten Moment nicht, als dass ich spüre, hier gedenkt jemand jemandes anderen. Alles andere, alle Daten, die Biographie, den Kontext, den kann man dann später abrufen. Dafür gibt es digitale Medien. Die sind wunderbar, die sind überall verfügbar. Und das zweite ist die, die formale Formwertigkeit war angesprochen. Ja, und diese „Zeitpunkte“ sind tatsächliche Punkte geworden. Kurz Springen, die sich im Stadtraum befinden, sagt man ungefähr so eine Größenordnung, die sind ungefähr handtellergroß und die gehen tatsächlich und auch das ist mir wichtig, sind quasi keine industriellen Produkte, sondern sind tatsächlich gehen durch viele Hände. Also sie werden, auch wenn sie die dann sehen, die sind grundsätzlich sehr ähnlich, aber jedes ist ein bisschen ein klein bisschen anders. Das liegt im Herstellungsprozess. Ich habe die Urform modelliert. Der Wolfgang Christmann gießt die in Bronze, der Roland Atlassic poliert die, die Angelika Hölzl graviert die Namen der Silli Baumann versiegelt die und der Matthias Praxmarer montiert die. Und man sieht, das geht durch viele Hände. Und damit ist schon quasi der Anfang des Erinnerns gemacht. Und ich glaube, genau dieses durch viele Hände gehen aus vieler Hände Arbeit entstehen und da quasi ist die Arbeit, die im Vorfeld entsteht, in der in der Forschung ja noch gar nicht berücksichtigt. Da spreche ich ja quasi nur für für meinen bescheidenen Teil. Eben. Ich habe es gerade gesagt. Finden wird man sie digital. Man kann ihnen natürlich begegnen, sie verändern sich. Wie sich das Leben verändert, verändern sich auch die „Zeitpunkte“, je nach Witterung und Winkel. Und aus welcher Straßenecke ich komme, sind sie manchmal ganz unscheinbar. Und manchmal, wenn die Sonne drauf fällt, dann leuchten sie auf. Und ich glaube, sie bereichern das Stadtbild in Innsbruck und sind eine schöne und zeitgemäße Form, die der Projektgruppe und dem, was sie wollte, hoffentlich entspricht. #00:10:15‑8#

 

Niko: #00:10:16‑6# Vielen Dank, Stefan. Ich kann mich gar nicht erinnern an den Tag nach der Schule, als der unser Stadtarchivsdirektor Lukas hereingekommen ist und gesagt hat „Wir haben das ideale Projekt gefunden“. Und ich bin bis zum heutigen Tag der Meinung, es war das ideale Projekt. Wir sind gestartet mit allen möglichen Wünschen, die man aber nie so genau formulieren kann, wie es dann ein Kreativer gestalten kann, der eben aus dem, aus dem Schöpferischen kommt. Und ich persönlich bin ein großer Fan von Reduktion und es gibt wirklich keine schönere Reduktion als dieses für auf diesen „Zeitpunkten“. Es funktioniert. Und ja, vielen Dank für diese, für diesen großartigen Entwurf und für die gesamte Begleitung bis inklusive zur Webseite, die heute online ist. Die Website braucht es natürlich als starken Begleiter dazu und es braucht eben auch noch ein eine Gruppe von Menschen, die sich inhaltlich dafür zuständig fühlen. Auf keinen Fall vergessen möchte ich dem Horst Schreiber zu danken, der die schwierige Aufgabe für uns gelöst hat, mit der ersten Gruppe an möglichen Biografien gleich den ganzen Fächer aufzumachen. Heute, am 27ten Januar, am Auschwitz befreiungstag. Aber diese „Zeitpunkte“ decken eine viel größere Vielfalt an Personen ab. Wir haben Widerstandskämpfer, Deserteur:innen, eine Zeugin Jehovas, ganz verschiedene Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen von den Nationalsozialisten umgebracht worden sind. Und wir haben auch eine jüdische Familie mitbedacht, weil es einfach zum heutigen Datum noch sehr gut passt. Dafür hat Horst Schreiber die Biografien erst einmal heruntergebrochen, nachrecherchiert, geschrieben. Und diese Arbeit, das verdient für mich einen Applaus! Danke, Horst [Applaus ist zu hören].

Wie geht es denn weiter aus unserer Sicht? Wir hoffen, es ist schon zweimal genannt worden. Aber ich sage es noch einmal: wir hoffen wirklich darauf, dass die Leute sagen „Ja, genau sowas will ich vor meinem Haus auch haben“. Und die Geschichten gehen weiter. Wir haben letzte Woche ein neues jüdisches Todesopfer aus Innsbruck überhaupt erst forscherisch gefunden. Es werden neue Biografien erzählt. Wir haben eine Einschränkung, die sich noch einmal stark von den Stolpersteinen unterscheidet. Das möchte ich an der Stelle auch noch sagen. Wir haben uns da orientiert an dem, dass es in vielen deutschen Städten, speziell bayerischen Städten, solche ähnliche Projekte gegeben hat. Und da geht es dann am Schluss immer wirklich ums „wording“ [englischer Begriff für Formulierung] und um die genaue Definition. Und wir haben gesagt, wir schränken es ein auf Menschen, die im Nationalsozialismus zu Tode gekommen sind. Das schränkt klar ein. Das heißt also nicht jemand, der aus den verschiedensten Gründen aus rassischen Verfolgung, aus politischen Gründen fliehen musste, nicht jemand, dessen Mann fliehen musste. Also die, also die ganz klare Einschränkung auf die Todesopfer, definiert das eindeutig. Da haben wir uns an eine Augsburger Definition gehalten, die uns eigentlich in der Gruppe gleich sehr gut gefallen hat und wo wir gesagt haben, gut, das bricht das herunter, wo das Erinnern auch als Stadt und als Stadtarchiv Sinn macht. #00:13:54‑7#

 

Tobias: #00:13:56‑0# Zum Abschluss lasse ich Sie an einem Ausschnitt aus dem Hintergrundgespräch teilhaben, welches nach der feierlichen Eröffnung in der Stadtbibliothek stattgefunden hat. Dabei erhalten Sie einen Einblick davon, wie es überhaupt zu diesem Gestaltungswettbewerb kam.

 

Kurt Höretzeder: Ja, meine sehr geehrten Damen und Herren, einen schönen Nachmittag. Das ist jetzt ein sogenanntes Hintergrundgespräch. #00:14:17‑3#

#00:14:17‑6# Komisch, wir sitzen auf der Bühne ohne Hintergrund. [Leises Gemurmel aus dem Hintegrund ist zu hören]

Es war ja am Vormittag schon sehr, würde ich sagen, angemessenes und würdiges… Veranstaltung.

[Etwas ist im Hintergrund umgefallen]

Dass man diese Stolpersteine jetzt aber „Zeitpunkte“ enthüllt in Innsbruck, das ist ein Abschluss von einem mehrjährigen Projekt, das eigentlich am Vormittag schon alles gesagt worden dazu. Wir würden jetzt noch ein paar Einblicke geben, wie es zu dem Gestaltungswettbewerb gekommen ist. Und so erklärt sich auch, warum ich jetzt auf der Bühne sitze, stellvertretend für den WEI SRAUM [Zu lesen: Weissraum], für das Designforum. Wir haben vom Stadtarchiv den Auftrag bekommen, den Gestaltungswettbewerb zu begleiten. Und das machen wir regelmäßig. Meistens für Themen, die entweder sehr komplex sind, was auch in dem Fall so war. Vor allem für öffentliche Auftraggeber, was für uns natürlich sehr erfreulich ist, weil eine gewisse Vorbildwirkung von öffentlicher Seite gerade im Gestaltungsbereich etwas ist, was für jeden Gestalter natürlich sehr erfreulich ist, dass es das gibt. Und da haben wir als  WEI SRAUM zumindest ein Stück weit dazu beitragen können, dass das in Innsbruck allmählich Usus wird, dass, wenn es anspruchsvolle Projekte gibt, wir das begleiten können. Die Gedenkzeichen in Innsbruck, das war der Arbeitstitel und jetzt eben „Zeitpunkte“, war ein solches Projekt es gibt jetzt aktuell auch einen Gestaltungswettbewerb, den wir begleiten, nämlich wo heute die Kranzniederlegung war in der Reichenau, wo jetzt nicht unweit davon, wo das jetzige, wo der jetzige Gedenkstein steht, Richtung Inn, in den Grünzug entlang, hoffentlich in einigen Jahren eine Gedenkstätte geben. Das ist eigentlich so der nächste Schritt in diesem Thema der Erinnerungskultur in Innsbruck. Den begleiten wir aktuell auch. Und wir haben aber schon davor jetzt mit dem Wettbewerb sehr viel gelernt und ich möchte es ganz kurz sagen leider ausnahmslos lauter Herren. Es war jetzt weder beabsichtigt, es hat sich so ergeben im Laufe der Zeit. Aber ich möchte es ganz kurz vorstellen für diejenigen unter euch, die die jetzt meine Gesprächspartner hier noch nicht so gut kennen. Zu meiner Rechten Stefan Amann arbeitet als Gestalter, ist ein interdisziplinäres Büro, sowohl von den Zugängen her wie auch rein geografisch in Berlin, dann in Hohenems und in Spanien... Amann: Barcelona. Person?: Barcelona! Wir kennen uns schon länger. Es hat vor sechs, sieben Jahren schon einen Wettbewerb gegeben, den auch Proxy gewonnen hat für den Verkehrsverbund Tirol, damals, ein ganz anderer Bereich. Und Stefan hat mit seinem Büro mit seinen Partnern auch in Österreich sehr… würde ich mal sagen guten Namen in seinem Bereich. Ist ein sehr in der Regel konzentrierter Designer, die… Lösungen finden, die wirklich auf den Punkt kommen. Das war auch in dem Fall einer der Hauptgründe, warum warum letztlich der Wettbewerb an euch gegangen ist. Zu meiner Linken Kurt Dornig. [Räuspert sich]. Nicht Dörnig oder Döring wie heute auf der Folie oben gestanden ist, sondern Kurt Dornig auch aus Vorarlberg, Dornbirn. Warum ist der Kurt mit dabei? Einerseits, weil man als Grafikdesigner und Illustrator speziell im Bereich Buchgestaltung oder auch Corporate Design bekannt ist. Kennt jeder die Biberkataloge möglicherweise in Österreich, die werden auch vom Kurt betreut. Also auch einer, der im Übrigen in Vorarlberg gar nicht so seltenen, guten Gestalter, Vorarlberg hat ein relativ hohe und gute [Jemand lach im Hintergrund] Gestalter:innen-Dichte. Und Kurt Dornig war ein Juryvorsitzender bei dem Wettbewerb. Und dann Niko Hofinger. Ich habe gelesen, Niko, du bist der Haushistoriker der Israelitischen Kultusgemeinde. Das hat ja auf dem Wallenstein Verlag gelesen, in deiner Bio. Aber Niko, wir kennen uns auch schon lange. Im Übrigen, er ist auch im Bereich, wie soll man sagen, Multimediagestalter tätig. Viele Projekte auch im Ausstellungskontext, die du begleitest, aber natürlich auch vor allem als Historiker bekannt in Innsbruck und Mitarbeiter auch im Stadtarchiv. Annika hat für dieses Projekt auch die Website technisch umgesetzt. Für jetzt die „Zeitpunkte“. Und das ist der Grund, warum wir vier jetzt hier oben sitzen. Ich möchte es beginnen mit dir Kurt, dass du so aus deiner Wahrnehmung als Juryvorsitzender schilderst, wie der Wettbewerb abgelaufen ist. Das wollten wir auch inhaltlich. Zumindest einer der Schwerpunkte. Es gibt ja… also es gibt Worte wie zum Beispiel „Nie wieder“, die sagt man so, das hört man gerade jetzt auch wieder sehr häufig, aus verständlichen Gründen. Trotzdem braucht Sprache manchmal Formen, Manifestationen. Und dieses Projekt der Gedenkzeichen, ursprünglicher Arbeitstitel, war genauso ein Beispiel dafür. Man sagt ja ganz gerne so Wörter sind Schall und Rauch. [Räuspert sich] Im Übrigen das Originalzitat tatsächlich ist „Namen sind Schall und Rauch“ aus Goethes Faust, wer das noch irgendwie kennt. Und in dem Fall ist es ganz sprichwörtlich so, damit man solche Wörter oder Namen nicht ganz so leicht zu Schall und Rauch, in dem Fall traurigerweise auch oft sprichwörtlich zu verstehen war, braucht es manchmal die Überlegung wie, wie gibt man solchen Themen eine Form? Und dazu hat es den Gestaltungswettbewerb gegeben. Kurt, kannst du kurz aus deiner Wahrnehmung als Juryvorsitzender schildern, wie der Wettbewerb abgelaufen ist. #00:20:15‑9#

 

Kurt Dornig: #00:20:17‑8# Ja. Danke für die Einladung. Zuerst möchte ich mal dem WEI SRAUM danken. Als, als Partner für die Ausloberin Stadt Innsbruck und auch auf der anderen Seite für die Kreativen, die… Es ist alles andere als selbstverständlich, dass man so einen kompetenten Partner in der Mitte hat. Und das ist immer ein Glücksfall für beide Seiten. Jeder, der mal bei einem Wettbewerb mitgemacht hat wo einfach offen ausgeschrieben wurde und sich dann Hinz und Kunz jetzt mal beteiligt hat, der weiß, wovon ich spreche, wenn dann Einfach alle sofort arbeiten müssen, bevor überhaupt klar ist, wie die Rahmenbedingungen aussehen usw. Und da ist der WEI SRAUM wirklich ein Vorbild. Etwas, das wir auch gerne in Vorarlberg in dieser Form hätten, wo sich da sehr, sehr kompetent drum kümmert, das alles sehr transparent abläuft und auch dann entsprechend die richtigen kreativen Agenturen und Gestaltungsbüros eingeladen werden. Und da bin ich jetzt auch schon bei dem Thema, das du angesprochen hast. Der Ablauf war eigentlich der, dass ihr ja das wirklich zuerst offen ausgeschrieben habt. Und mit einem mit einem sehr, sehr umfangreichen und klaren Briefing versehen. Und die, ich weiß jetzt nicht mehr genau, waren es 20 oder 25 Kreativbüros, die sich auf diese Ausschreibung hin gemeldet haben, wurden dann in einer ersten Sichtung mit einem Punktesystem auf sechs Büros herunterreduziert, die dann einen klaren geladenen Wettbewerbsauftrag bekommen haben. Und der auch damit verbunden war, dass man noch mal ein Detailbriefing gemacht hat. Und in der Jury, also in dieser ersten Juryrunde, war uns natürlich auch sehr wichtig, dass wir eine möglichst große Bandbreite an unterschiedlichen Gestaltungspersönlichkeiten mit dabei haben. Also Stichwort jung, alt, unterschiedliche Bereiche, unterschiedliche Schwerpunkte, unterschiedliche Lebenserfahrungen. Dass wir also aus möglichst vielen Richtungen uns erwarten konnten, zumindest dass, dass da Lösungsvorschläge kommen. Und… In der Präsentation selber dann war es dann so, dass wirklich… Eigentlich, eigentlich diese Hoffnung auch ein Stück weit aufgegangen ist. Also man muss schon grundsätzlich sagen, dass sich alle der sechs geladenen Agenturen und Gestaltungsbüros extrem intensiv mit dem Thema, mit dem doch sehr sensiblen Thema auseinandergesetzt [Eine Tür im Hintergrund fällt zu] haben, sich informiert haben und teilweise auch wirklich sehr unterschiedliche Lösungsansätze gebracht haben. Und… #00:23:31‑0#

 

Kurt Dornig: #00:23:33‑2# Der… #00:23:33‑5# [Längere Sprechause]

 

Kurt Dornig: #00:23:35‑4# Wobei fünf von diesen sechs Agenturen… [Pause] Eine Lösung, einen Lösungsansatz gefunden haben oder gesucht haben, indem sie sämtliche Informationen und wir haben heute ja schon eine dieser Biografien sehr ausführlich gehört. Also man könnte das natürlich auch noch reduzierter darstellen und textieren, aber die haben dann versucht, alle diese Informationen vor Ort zu platzieren. Und während der Präsentationen ist eigentlich schon recht klar geworden, dass das extrem viel Platz in Anspruch nehmen wird, dass man hier sehr große Bauten teilweise erstellen hätte müssen, um das umzusetzen, was einerseits natürlich mit, mit hohem Aufwand und Kosten verbunden ist, aber auch mit, mit sehr hohem Pflegeaufwand verbunden ist. Und auch, man muss leider sagen heute immer mehr ein Thema, dem Vandalismus eine sehr große Angriffsfläche bietet. Und die Lösung von Proxy [Pause]. Hat eigentlich von… vom ersten Moment an überzeugt, weil sie genau diesen Weg nicht gegangen sind, weil sie sehr reduziert und ja, wortwörtlich auf den Punkt gebracht... Dieses Gedenkzeichen mit einer unglaublichen Ästhetik und… und hoher Empathie. So, so selbstverständlich in den Raum platziert, dass es auf Augenhöhe, das ist ja auch der Unterschied zu den Gedenksteinen, die am Boden eingelassen sind und die Stolpersteine, die im Boden eingelassen sind, die betreten werden, die auch der Witterung ausgesetzt sind und nicht auf Augenhöhe ins Gesicht fallen und und und… Markant ein Teil des Stadtbildes und der Stadtmöblierung dann auch bilden. Und man hat ja heute gute Möglichkeiten mit QR Codes und und Website usw diese diese Hintergrundinformationen auch in einer sehr ausführlichen Form dann in einem anderen Medium zu platzieren. Und ihr wart eigentlich die einzigen, die auf diese sehr weiß nicht naheliegende Lösung möchte ich jetzt gar nicht sagen, sondern auf diese Lösung einfach gekommen seid. Und das hat sofort überzeugt, weil es einfach diese ästhetische Qualität mitgebracht hat, wie wir es ja jetzt vorher in der Präsentation auch erlebt haben. Es ist sofort auch lustigerweise, wenn ich das einstreuen darf, ist es dann eine junge Frau auf mich zugekommen, Studentin hier in Innsbruck wahrscheinlich, und habe mich gleich gefragt, was, was, was hier enthüllt wird. Das sieht so schön aus und hat gleich nach den Hintergrundinformationen dazu gefragt. Und sie war extrem angetan von dem, was sie da gesehen hat. Und der hat das. Und ich glaube, diese Erfahrung wird man noch öfter machen. #00:26:32‑4#

 

Kurt Höretzeder: #00:26:34‑8# Vielleicht kann man noch ergänzen, es war ein einstimmiger Jurybeschluss auch. #00:26:38‑4#

 

Kurt Höretzeder: #00:26:39‑7# [räuspert sich] Es gibt ja andere Wettbewerbe, wo man dann oft das Glück hat, dass vielleicht zwei fast gleichwertige, oft ganz unterschiedliche Zugänge Sieger bestimmt werden. In dem Fall war es sehr klar. Also eigentlich der gesamten Jury, dass das das Siegerprojekt ist. Ich möchte auch noch ganz kurz ergänzen. Üblicherweise größere Gestaltungswettbewerbe werden eigentlich anonymisiert durchgeführt. Das heißt, die Jury weiß während der Jurysitzung gar nicht, wer der Einreicher oder die Einreicherin ist. Bei dem Wettbewerb ist es definitiv [räuspert sich] anders entschieden worden. Das heißt, es hat eine persönliche Präsentation gegeben der unterschiedlichen Teilnehmer:innen, geladenen Teilnehmer:innen und... #00:27:20‑2#

 

#00:27:21‑5# das hat wiederum den Grund, #00:27:22‑5#

 

#00:27:22‑5# darin, dass man eigentlich bei so einem sensiblen Thema. Dann muss man irgendwie ein Bild von den Menschen bekommen, die dahinter stehen. Und so hat man sie zu dieser persönlichen Präsentation entschlossen. #00:27:34‑6#

[Outro-Musik]

Tobias: #00:27:53‑0# (...) Archivwürdig ist eine Produktion des Stadtarchiv Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. #00:28:00‑2#

Siegerprojekt Gedenkort Reichenau

Siegerprojekt Gedenkort Reichenau

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur achten und letzten Folge unserer dritten Staffel von Archivwürdig, dem Podcast des Innsbrucker Stadtarchivs. In der heutigen Folge möchten wir auf die neue Gedenkstätte, an das ehemalige Arbeitserziehungslager Reichenau, eingehen. Aus diesem Grund habe ich mich mit vier Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Pawlik, Denzer, Machat, Schlorhaufer, Ziegner zusammengesetzt, um über ihr auserkorenes Siegerprojekte zu sprechen. Unter anderem unterhalten wir uns über die Entstehung der Idee, dessen weitere Entwicklung und versuchen dabei auch die wichtigsten Elemente des Gedenkorts vorzustellen. [Intro-Musik]

Tobias: In der heutigen Folge sprechen wir über das Projekt Gedenkort Reichenau. Ihr seid in einem Internationalen Wettbewerb als Siegerprojekt erkoren worden. Derzeit sind wir dabei, dieses Projekt auf die auf die Umsetzung zu bringen. Und ich denke, für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer ist es einerseits glaube ich, ganz gut, über das Projekt grundsätzlich zu hören, aber natürlich auch, wie es denn dazu gekommen ist. Und dazu würde ich vielleicht einmal zuerst einfach die Personen, die bei dem Projekt beteiligt waren, gerne sich selbst vorstellen lassen. Und ich würde sagen, starten wir am besten mit der Ricarda und gehen dann über den Hermann weiter. Ricarda, wenn ich dich bitten dürfte, dass du kurz zu deiner Person ein paar Worte verlierst. #00:01:36‑3#

 

Ricarda: #00:01:38‑7# Ja, mein Name ist Ricarda Denzer. Ich bin als bildende Künstlerin, als Teil in das Projekt gekommen oder involviert. Ich bin in Tirol in die Schule gegangen, habe einen kurzen Ausflug über die Architektur in Innsbruck, dann mein Studium in Wien an der Angewandten begonnen, habe Konzeptkunst studiert und habe über 20 Jahre freischaffend gearbeitet und habe jetzt zusätzlich einen Lehrauftrag als Senior Lecturer an der Angewandten, habe dort fünf Jahre die transdisziplinäre Kunst, die Abteilung Trans Arts Co. geleitet und bin nach wie vor als Senior Lecturer dort tätig, habe eine ganze Reihe an Projekten im öffentlichen Raum gemacht, ortsspezifische Projekte, habe einen starken Bezug zur gesprochenen Sprache, zur oral history, zum Arbeiten mit audiovisuellen Medien genauso wie installative Settings und eben ortsspezifische Arbeiten. Die Frage der Erinnerung und Erinnerungskultur zieht sich durch meine ganze Arbeit bis heute. #00:02:39‑5#

 

Tobias: #00:02:39‑9# Vielen Dank, Hermann, wenn ich zu dir weiter… Hermann: Ja. Tobias: Geben darf. #00:02:43‑7#

 

Hermann: #00:02:43‑7# Mein Name ist Hermann Ziegner. Ich bin geborener Innsbrucker, habe auch hier in Innsbruck Architektur studiert und dann in New York fertig studiert, bin seit 25 Jahren jetzt lebhaft in New York und habe eine kleine Agentur für Datenvisualisierungen und Informationsästhetik. Ja, und habe mich in dem Projekt vor allem um den Internetauftritt und das grafische Konzept und natürlich das gesamte Konzept gekümmert. #00:03:13‑1#

 

Tobias: #00:03:13‑6# Dann darf ich eine noch abwesende Person, die ich noch nicht genannt habe, vorstellen lassen. Und ich darf bitten Heinz, wenn du in Abwesenheit die Bettina vorstellst. Heinz: Sehr gerne. #00:03:24‑4#

 

Heinz: #00:03:24‑4# Mein Name ist Bettina Schlorhaufer [alle lachen]. Ich bin Kunsthistorikerin und Vorständin von zwei Instituten an der Architekturfakultät in Innsbruck. Sie ist tätig am Institut für Baugeschichte und am Institut für Architekturtheorie. Mit Bettina Schlorhaufer verbindet uns eine langjährige Freundschaft, und wir haben Bettina Schlorhaufer ins Projekt gebeten, weil sie eine große Expertise hat in allen Dingen, die mit Zeitgeschichte zu tun haben, insbesondere mit Baugeschichte in der Zeitgeschichte und mit der Erforschung des 20. Jahrhunderts in Tirol und Südtirol. Außerdem ist die Bettina eine ausgezeichnete Autorin, und deswegen hat sie neben der genauen und präzisen Recherche von Bild und Grafikmaterial als Grundlage für den Wettbewerb uns auch Texte aufbereitet, Text, Quellenforschung betrieben und die inhaltliche Überprüfung unseres Projekts übernommen. #00:04:27‑6#

 

Tobias: #00:04:28‑0# Dann darf ich weitergeben an die Heike, die sich kurz vorstellt. #00:04:31‑4#

 

Heike: #00:04:31‑8# Vielen Dank. Ja, mein Name ist Heike Pawlik. Ich bin Architektin in Innsbruck. Ich habe in Innsbruck auch Architektur studiert. Also ich bin sehr sesshaft geblieben, bin neben meiner Bürotätigkeit auch an der Universität tätig, am Institut für experimentelle Architektur, Hochbau und habe vor meiner Tätigkeit dort, und vor dem eigenen Architekturbüro, zusammen mit Heinz Machat eine Agentur, ein Büro für Webdesign und Mediengestaltung betrieben. #00:05:10‑4#

 

Tobias: #00:05:10‑9# Zu guter Letzt darf ich den Heinz noch bitten, sich vorzustellen. #00:05:15‑6#

 

Heinz: #00:05:15‑9# Mein Name ist Karl Heinz Machat. Ich habe ebenfalls so wie Hermann und Heike in Innsbruck Architektur studiert, mit einer Studienzeit in den USA, in Los Angeles. Und Heike und ich haben uns in unserer Tätigkeit im Büro neben Architektur und Möbeldesign auch mit E-Learning Projekten und mit Knowledge Management [auf Deutsch: Wissensmanagement] beschäftigt und sind in der letzten Zeit halt immer stärker neben unserer Lehrtätigkeit an der Uni in Architektur und Kunstprojekte involviert. #00:05:45‑9#

 

Tobias: #00:05:46‑4# Jetzt hat es diese Ausschreibung gegeben oder den internationalen Aufruf teilzunehmen an dem Projekt für einen neuen Gedenkort oder für einen Gedenkort in der Reichenau. Wie seid ihr denn als Gruppe in der Konstellation sozusagen zusammengetreten? Ist da der Ball bei einer Person ins Spiel gekommen oder ins Rollen gekommen? Und ist das dann der gute alte Schneeballeffekt? Und…#00:06:08‑3#

 

Heike:   #00:06:08‑3# Da sollte der Hermann antworten. Hermann: Da gab… #00:06:11‑5#

 

Hermann:  #00:06:11‑5# …es irgendwie eine lustige Umleitung irgendwie über New York. Ich habe von einem befreundeten Architekten ein Email bekommen und der hat mich auf diesen Wettbewerb aufmerksam gemacht und wir hatten eigentlich sogar schon überlegt, das gemeinsam zu machen und ich hab mich dann mit der Materie befasst und dann hat diese Kollaboration aber dann doch nicht stattgefunden. Und habe dann aber… war dann schon so in der Materie, dass sie ganz spontan eben den Heinz, den ich eben aus meiner Studienzeit kenne, diese Unterlagen geschickt und habe gesagt „Du interessiert euch das, sollen wir da mitmachen?“ Heinz: Und die kurze Antwort war Ja, sofort. [Lachen] Wir, wir bewerben uns. Die Frage habe ich weitergeleitet an die Heike. #00:06:54‑8#

 

Heike:   #00:06:56‑3# Und da war klarerweise auch die Antwort Sofort. Und ich habe die Frage weitergeleitet an die Ricarda. [Lacht] #00:07:01‑4#

 

Tobias:  #00:07:02‑0# Und so ist das Ganze dann in Schwung gekommen. Hermann: [lachend] Das war ein Dominoeffekt. #00:07:05‑0#

 

Tobias: #00:07:05‑1# Kannst du das bestätigen Ricarda? #00:07:06‑0#

 

Ricarda:  #00:07:06‑1# Das kann ich absolut bestätigen. Genau. #00:07:08‑7#

 

[Drehkurbel-Geräusch] Tobias: #00:07:13‑1# Wo ist denn der erste Punkt, wo man vielleicht herangeht bei so einem Projekt? Gibt es da zuerst das Architektonische, was man sich überlegt? Oder ist es schwierig, überhaupt irgendwie sozusagen festzumachen an irgendwas? #00:07:25‑9#

 

Hermann:  #00:07:26‑9# Vielleicht darf ich ganz kurz zu was sagen. Wir haben uns zum ersten Mal damals im Jänner getroffen, am 2. Jänner am Institut von der von der Bettina. Und es war uns eigentlich relativ schnell klar, dass wir das sehr unhierarchisch angehen werden. Obwohl da jetzt diese diese Bereiche waren, also Web Design, didaktisches Konzept der Architektur, die künstlerische Intervention. Aber zwischen uns fünf war es eigentlich von Anfang an klar wir würden alles als Gruppe angehen und diese Zuständigkeitsbereiche in dem Sinn verflachen. Und sagen wir, wir nehmen das jetzt inhaltlich und konzeptionell als als als Gesamtprojekt an. Heinz: Also vielleicht ein schneller Kommentar in die Zeit vor Weihnachten fiel auch schon die Vorbereitung für diese gemeinsame Zusammenarbeit und man fängt als erstes vielleicht schon damit an, sich mit dem genauer zu beschäftigen, weil von der Thematik weiß man zwar vom Hörensagen was und man hat irgendwann mal was mitbekommen und sich vielleicht mehr oder weniger interessiert darüber informiert aber eigentlich die Bücher und die Publikationen, die es dazu gibt, die geht man erst an, wenn man wirklich muss. Und das es war eine ziemlich harte Zeit, muss ich sagen. Also dann tatsächlich zu sehen, wie viele Menschen und unter welchen Umständen die in Innsbruck, in Reichenau gefangengehalten wurden, das war dann schon recht beeindruckend. Wir kamen schon sozusagen mit einem Primer in diese Zeit der Zusammenarbeit. #00:09:01‑6#

 

Heike:   #00:09:02‑1# In diese physische Zusammenarbeit, muss man sagen. Da haben wir uns zum ersten Mal wirklich vor Ort alle gemeinsam zu fünft getroffen. Und in der Vorbereitungsphase haben wir uns natürlich auch mit dem Grundstück befasst, das uns da zur Verfügung gestanden hat. Das ist ein sehr… gehen wir sicher später noch darauf ein ein bisschen extremes Grundstück, das man, dass man auch erst sozusagen kennenlernen mussten und uns mit dem auseinandersetzen. Und parallel dazu eben hat auch die theoretische Auseinandersetzung mit Gedenkkultur stattgefunden. Da mag die Ricarda vielleicht was dazu sagen. #00:09:37‑0#

 

Ricarda:  #00:09:37‑0# Für mich ist irgendwie schon wichtig, einfach mal von dem Ort auszugehen, der für den Gedenkort vorgesehen ist. Einfach auch zu schauen, was findet man dort vor? Was charakterisiert diesen Ort? Und das ist eben ein Ort mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Die Fahrradfahrer, die Fußgänger:innen. Und dann ist es ein Durchgangsort. Es ist ein Ort, der ist auf beiden Seiten offen. Und es ist eben ein eine Uferpromenade. Das heißt, unser Gedenkort zieht sich eben entlang des Inns. Und ich denke, das charakterisiert eben auch ganz speziell, dass das Vorgehen oder auch die, die die Entscheidungen, die wir dort getroffen haben, für den für, für unser Projekt auch. #00:10:20‑1#

 

[Drehkurbel-Geräusch] Tobias: #00:10:24‑3# Dann würde ich sagen sprechen wir wirklich der konkrete oder konkretere Ablauf dann auch für euch stattgefunden hat. Wir haben es bei der Einführung oder bei den Vorstellungen. Ja, Herrmann hat es erwähnt. Ihr seid ein bisschen verteilt, seid nicht alle immer in Innsbruck. Ist wahrscheinlich auch logistisch gar nicht immer so einfach, dann gemeinsam sich zusammenzusetzen und an dem Gesamtkonzept natürlich weiterzuarbeiten. Wie und auf das aufbauend jetzt sozusagen auch, wie sieht es denn dann in der Praxis wirklich aus? Hermann: Das ist eine gute Frage. #00:10:55‑7#

 

Hermann:  #00:10:55‑8# Also die, die… diesen… dieses erste Treffen damals im Jänner war natürlich sehr intensiv das war eine Woche lang, da haben wir uns mehr oder weniger den ganzen Tag jeden Tag getroffen und und und und stark debattiert und dadurch, das ist natürlich auch so ein emotionales und Thema war, war das auch sehr schwierig. Aber das Ziel von dieser Woche war für uns im Endeffekt Themenbereiche abzuklären, die wir adressieren wollten mit diesem Projekt. Und das war dann im Grunde dann zum Schluss nach einer Woche eine große Tafel im Institut mit mit Schlagworten und und und und Ideen, die wir dann versucht haben aufzunehmen in den verschiedensten Arten in der Herangehensweise von einem Projekt, das architektonisch oder grafisch oder oder auch künstlerisch und und eines dieser Schlagworte war diese Idee von der.. Von dem Fragment, von dem Erinnerungsfragment. Ja, dadurch, dass das ja auch an Informationen tatsächlicher Information relativ wenig bekannt ist. Also die Namen aller Zwangsarbeiter sind uns ja nicht bekannt und es sind uns nur 117 Namen bekannt von den Menschen, die dort umgekommen sind. Und sonst sind es halt so Fragmente, Erinnerungsfragmente, die die in der Bevölkerung noch da sind und zum Beispiel auch in meiner Familie. Also meine Mutter kann sich noch an das Lager erinnern, als kleines Kind allerdings, wie das Lager dann schon wieder das Entnazifizierungslager war. Und mein Vater hat sich erinnern können an den Großvater, der auch mit den Zwangsarbeitern in der Dachdeckerei gearbeitet hat. #00:12:35‑7#

 

Heike: #00:12:36‑0# Ja, ich glaube, ich würde gerne anschließen an das, was der Hermann gesagt hat, weil diese diese Woche gemeinsamen Arbeitens und des Gebiets absteckens, das ist, wie das oft ist bei Wettbewerben, dann am Ende fühlt man sich völlig verausgabt und hat eigentlich nur wenig da liegen, wenig Konkretes da liegen. Also es muss dann irgendwie, das arbeitet dann in einem weiter und und man macht sich Gedanken und man versucht dann, für diese Ideen und Themen Entsprechungen zu finden und sich dem anzunähern, dass diese diese Themen sich konkretisieren und manifestieren in einer physischen Umsetzung. Und das ist dann die Arbeit gewesen, die wir sozusagen von verschiedenen Richtungen her angegangen haben. Das erste, was dann sich manifestiert hat, war so die grafische Idee eines, einer Behandlung der Oberfläche mit einem mit einer Art Muster, nenne ich es jetzt einfach einmal und aus der heraus hat sich dann das, die Behandlung des Geländes weiterentwickelt, die beziehungsweise das hat sich gegenseitig ergänzt. [längere Pause] Die die… Tobias: Darfst dich gern mit einhaken Heinz. Heike: Ja genau. Bitte Heinz, dann… [lacht] #00:14:01‑4#

 

Tobias:  #00:14:01‑9# Du Musst nicht, #00:14:02‑4#

 

Tobias: #00:14:02‑4# aber du kannst gern dazwischen haken. #00:14:03‑8# [Heike lacht im Hintergrund]

 

Heinz:  #00:14:04‑7# Ich würde deswegen gern einhaken und das an die Ricarda weitergeben, weil ich glaube, am Anfang war wirklich die Frage nach der Repräsentation dieser Opfer auch. Es ging. Es ging um die Personen und und eigentlich dieses Muster, das grafische Muster, das entstanden ist, hat ja schon damit zu tun gehabt, dass wir eigentlich auf über 8.000 Personen verweisen wollen mit dem, was dort sein soll. Und das war eigentlich, glaube ich, der Ausgangspunkt auch schon in der Vorbereitung. #00:14:28‑8#

 

Ricarda:  #00:14:30‑3# Vielleicht kann ich da auch noch was ergänzen. Das Muster da natürlich eine Bewegung Verstärkt, die sich über die gesamte Länge des Ortes zieht. Und diese Bewegung ergibt sich aus der Vorstellung, dass etwas sichtbar wird, was in dem Sinne, dass sich etwas zeigt, was vielleicht im ersten Moment noch nicht zu benennen ist. Und wir haben da so eine Analogie gefunden, einfach nur auf den Inn blickend und das Fließende, der fließende Fluss. Wenn da in diesem, wenn man von einem Ufer zum anderen schaut, wenn es da innerhalb dieser Oberfläche eine Strömung gibt oder eine Abweichung im Fließen, dann kann man davon ausgehen, dass von unten etwas wirksam wird, dass da irgendeine ein Widerstand ist oder etwas irgendwie dieses übliche Fließen stört. Ja, es ist eine Spur hinterlässt. Und von diesem Denken in Spuren von diesem abzeichnen usw das ist eben dieses Muster verstärkt eben auch diese diese Oberfläche dieser Landschaft, wo etwas sichtbar wird. Das ist mal so wie so ein, eine Grunderzählung auch, oder wie seht ihr das? #00:15:35‑7#

 

Heinz:  #00:15:36‑3# Ja, ich würde sogar noch weitergehen Ric [Kurzform für Ricarda], dass dieser Druck, der da von unten auch kommt, wo du was, wo das, was hängen bleibt und die Dinge nach oben bringt, dass eben dieses Muster schon gut geeignet war, diese vielen tausenden Menschen zu repräsentieren oder darauf hinzuweisen. Aber von denen, wo wir mehr wussten, haben wir uns dann, glaube ich, relativ schnell dazu entschlossen, dass wir auch mehr zeigen wollen. Und da kam dann die Idee dieses Bohrkerns, wo wir eigentlich aus diesem Untergrund etwas holen. Und dieser Untergrund gibt uns eigentlich diese Repräsentation auch frei und diese bekommt dann auch diesen Namen von dieser Person. #00:16:20‑5#

 

Ricarda:  #00:16:20‑9# Das Schöne ist, hier spielen ja verschiedene Vorstellungen, gehen hier Hand in Hand, weil wir natürlich auch von der Frage, bei der Frage „Was finden wir vor?“ Natürlich auch von den archäologischen Funden, das als konkretes Material ja da ist und die die Frage der Sondierung, also dieses in die Tiefe gehen und schauen, was findet man da eigentlich an historischen Fragmenten und dieses Fragmenthafte, dieses Finden aus der Tiefe, also dieses, was man ja natürlich auch als Sounding bezeichnen kann, also in die Tiefe hören [lacht] oder und dann aber mit diesen Fragmenten arbeiten. Und da haben wir auch schon wieder diesen Erinnerungssplitter, den Herr Herrmann angesprochen hat, aber auch das Sagen. Natürlich ist es eine, etwas aus der Erde zu holen und wie so ein Bohrkern das sichtbar machen, hat natürlich auch was. Ja, wir fallen da jetzt irgendwie nicht die richtigen Worte ein oder so, aber wir arbeiten mit dem, was da ist. #00:17:15‑5#

 

Hermann: #00:17:15‑6# Das ist ja das Interessante an der Sondierung, dass sie ja auch unvollständig ist, oder sie ist ja nur ein Sample, also ein Teil von dem Ganzen. Und so haben wir das durch das ganze Projekt gesehen, oder? Und wir haben ja dann gleichzeitig auch unsere eigenen Sondierungen angestellt und angefangen, mit den Leuten, die uns bekannt waren, zu sprechen und und diese Erinnerungs- Sondierungen zu machen. Also diese Fragmente zu finden und und da ist es uns sehr schnell klar geworden, dass es ein Großteil in der Bevölkerung noch Erinnerungen an das Lager und an diese Zeit gibt und und dann natürlich auch in was ja auch in diesem historischen Text der Frau Dr. Pitscheider ganz klar rauskommt, ist, wie involviert ja auch die Stadt war mit diesem Lager und es ist im Grunde eine Geschichte der Stadt. Natürlich ist es auch die Geschichte der Leute, die dort umgebracht wurden, aber zum Großteil und das war dann, glaube ich, ein bestimmendes Element für unser Projekt, ist es eine Geschichte der Stadt. Und dieses Freilegen, dieses Sondieren dieser Fragmente wurde eigentlich zum Programmen. #00:18:23‑2#

 

Tobias:#00:18:24‑2# Man muss ja dazu sagen, dieser Teil der Geschichte der Stadt ist ja sehr lange ruhend gewesen. Also die Tiefe ist sehr lange ruhend gewesen. Das war oberflächlich bekannt. Es war ja die Nachnutzung Hermann: Ja. Tobias: Die wir ja schon gesprochen haben, die war dort. Das sind Leute, die was da drin gewohnt haben und dann ist es weg gewesen und dann hat man immer so wenig darüber gesprochen. Hermann: Ja. #00:18:43‑4#

 

Hermann:  #00:18:43‑7# Aber wenn man jetzt mit den Leuten spricht, die erinnern sich ja auch noch. Da hat dann vor allem die, die Heike und und die Ricarda dann angefangen, Interviews zu führen. Vielleicht wirst du dazu was sagen. #00:18:56‑1#

 

Heike:   #00:18:56‑1# Ja, sehr gern. Wir haben dann. Wir hatten dann das Glück... Wir... Also ich wollte vorher vielleicht noch ganz kurz dazu erwähnen, um das auch zu erklären: Das Programm dieses Wettbewerbs war nicht allein der Gedenkort, die Gestaltung des Gedenkorts vor Ort. Sondern der hat noch einige andere Punkte umfasst. Da geht es um Wissensvermittlung, da geht es um um didaktisches Konzept. Da geht es darum, eine eine Online Repräsentation zu erstellen und ein Archiv zu erstellen. Das war dann sozusagen das, was wir daraus ergänzt haben. Und wir hatten das Glück, sozusagen ergänzend zu unserem Team, die Frau Dr. Rauchegger-Fischer anzufragen für das didaktische Konzept. Und die hat uns wiederum vermittelt einen Kontakt zu zwei Nachfahrinnen eines damaligen Lagerinsassen, die sich bereit erklärt haben, Interviews mit uns zu führen und damit sozusagen einen hoffentlich, eine Reihe zu eröffnen von Zeitzeuginnen, sekundären Zeitzeug*innen Gesprächen, die wir gerne auch als Dokumentationsmaterial für dieses, für diese Website sammeln würden. #00:20:09‑3#

 

Ricarda:  #00:20:10‑7# Was eben auch noch mal ganz schön zeigt, dass das Projekt und die Arbeit an dem Projekt von Anfang an eben trans- und interdisziplinär angelegt wurde. Das heißt, alles was da entstanden ist, ist eben in Beziehung zueinander Entstanden und das setzt sich in Beziehung zu den jeweiligen Feldern und Überlegungen und zu dem jeweiligen Wissen auch und das finde ich, macht das eigentlich auch irgendwie sehr speziell. Also dadurch wird es natürlich auch zum Teil intuitiv, auch brüchig, ambivalent. Aber es ist eben etwas, was in Bewegung ist. Und das ist uns eben auch total wichtig als Grundvoraussetzung für so ein eine Frage „Was soll dieser Ort auch können?“ Ja, das hat auch der Ort selber hat ja auch so was von einer Passage, aber es ist sozusagen diese diese Bewegung, dass man eben jetzt nicht einfach etwas bezwingt und beherrscht oder systematisiert, sondern dass man eben sagt, dass das, worum es das was wir dort erzählen wollen, ist auch die Art und Weise, wie wir arbeiten oder wir arbeiten, wir versuchen so zu arbeiten, was für uns auch irgendwie ein wichtiges Narrativ ist dort oder ein Vorgehen. #00:21:13‑8#

 

[Drehkurbel-Geräusch] Tobias: #00:21:18‑5# Ich würde aber sagen, wir gehen jetzt schon diesen Schritt weiter zum wie es jetzt das Projekt ist. Ich weiß nicht, wie man es am besten machen. Wir sprechen jetzt einfach über die einzelnen Elemente und dann darf jeder einfach dazugeben. Fangen wir vielleicht nochmal beim Ort an, dass wir noch einmal alle Leute abholen. Das heißt, wir haben auf diesem Grünstreifen, der jetzt ungefähr, also von [längere Pause] ja... #00:21:42‑3#

 

Heike: #00:21:42‑8# Darf ich? Ich würde ihn gernn, würde ihn gerne beschreiben, weil ich habe mir die Daten extra aufgeschrieben hat. Tobias: Ja sehr schön. [beide lachen] Heike: Also es, es handelt sich um um den Grünstreifen. Die Ricarda hatte ihn schon sehr sehr gut beschrieben zwischen Geh- und Radweg am Innufer außerhalb der Grenobler Brücke Richtung Baggersee, für Innsbrucker ist das wahrscheinlich ein Begriff und der des Wettbewerbsgebietes wir zur Verfügung gestellt bekommen haben, ist circa 260 Meter lang und zwischen sechs und 14 Meter breit. Also das ist so sozusagen, es wird immer wieder schmäler und wieder breiter und hat so einen Bauch zwischendurch und ist ein Grünstreifen, der der locker mit Bäumen bestanden ist. Und auf diesem Streifen durften wir uns auswählen, welchen Ort, welche wie wir den bespielen. Und wir haben recht schnell beschlossen, dass wir das gesamte Feld nutzen wollen dafür. #00:22:41‑6#

 

Tobias: #00:22:42‑3# Darf ich… Ich stelle jetzt den Unwissenden, der zwar wissend ist, aber nutzen wie? #00:22:46‑5# [beide lachen]

 

Hermann:  #00:22:48‑0# Ja, wie wir schon ein paar Mal erwähnt haben, das ist eigentlich eine Landschaft, und zwar, dass es gab dieses Wortspiel zwischen dem Gehen und dem Denken, also das Gedenken, dieses, dieses sich entlangbewegen von dieser Welle, von dieser, von dieser Landschaft und dort über diese Bodenplatten, diese, diese Fragmente, ein Gespür zu bekommen, wie viel Schicksale dort betroffen waren. Und dann natürlich diese Namenssteine zu sehen. Diese 114, ehm, 117 Gedenksteine, wo die Namen auch ganz explizit noch einmal genannt werden. Das ist uns auch sehr wichtig. #00:23:27‑9#

 

Tobias: #00:23:28‑6# Ich denk auf die, also die Pflasterung ist auch eben an den geschätzten 8/2 8000 Personen, die durch dieses Lager sozusagen gekommen sind, und die 114 Namensteine, die Denkkraft, auf die sollten wir auch ein bisschen gesondert eingehen… Hermann: Ja. Tobias: Einfach um zu erkennen, also um das zu beschreiben. Also für die, [unverständlich] hören und nicht sehen, in dem Fall, dass du vielleicht, Heinz, wenn ich bitten darf, diese Steine kurz auch den Gedanken hinter diesen Steinen vielleicht ein bisschen unterbringen kannst. Heinz: Die Steine #00:23:58‑2#

 

Heinz: #00:23:58‑2# sind eben, sie sind Teil dieses Fragmentteppichs. Also jede einzelne Person ist ein so ein Fragment. #00:24:05‑3#

 

Heinz: #00:24:05‑6# Das uns aber, weil wir über diese Personen mehr #00:24:07‑7#

 

Heinz:  #00:24:07‑7# wissen, weil sie im Lager gewaltsam zu Tode kamen oder durch Krankheit zu Tode kamen oder hingerichtet wurden, von denen wissen wir aus dem Totenschein, wer sie waren, woher sie kamen und und deswegen haben wir sie näher identifizieren können. Und ebenso wie ein Bohrkern nimmt der Namensstein den Untergrund mit nach oben und tritt uns entgegen. Und wir haben uns dazu entschlossen, dass wir an dieser oberen Fläche eine leichte Neigung vorsehen, auf die der Name dann platziert wird, so dass es uns entgegentritt. Und vielleicht, wenn sie, wenn das Wetter schön ist, wenn die Sonne passt, diese glatte Fläche ein Teil von uns selber spiegelt, weil wir von diesen Personen keine Bildnisse haben. Wir haben keine Fotos, keine Zeugnisse weiteren. #00:24:52‑2#

 

Heinz: #00:24:52‑8# Und diese, diese #00:24:53‑6#

 

Heinz:  #00:24:53‑6# Personen kamen entweder allein oder in Gruppen in dieses Lager in Reichenau, waren mit ihrer Heimat oder mit ihren Herkunftsorten immer noch verbunden und wir haben uns dazu entschlossen, dass diese leichte Neigung zu ihrer Herkunft Teil dieses Namenssteins wird, so dass jeder dieser Steine unterschiedliche Höhe, unterschiedliche Materialität und auch diese unterschiedliche Neigung haben wird, um diese Personen auch zu individualisieren. Und in der Anordnung über diese Fläche hinweg, die die Heike vorhin beschrieben hat, haben wir uns entschlossen, auch eine bestimmte Ordnung zu finden. Und das würde der Heike dann irgendwie überlassen, das zu beschreiben. #00:25:33‑4#

 

Tobias: #00:25:33‑4# Aber wenn ich also weil das ist etwas, was mir sehr gefällt, eben, dass der Name draufsteht, dass die Lebensdaten draufstehen, weil gerade im Lager sind die Menschen ja entmenschlicht auch worden, die haben eine Nummer gekriegt und nicht mehr den Namen. Also zum Teil ist natürlich schon erkenntlich gewesen, aber irgendwo ist es für mich zumindest ist es auch so man gibt ihnen wieder den Namen, der ihnen zusteht, der das Ihr Name ist. Hermann: Ja, da #00:25:57‑4#

 

Hermann:  #00:25:57‑4# hast du recht. Das ist ja ganz interessant. Das ist uns ja auch aufgefallen. In dieser Liste der Verstorbenen sind ja die Verstorbenen von jüdischer Herkunft ganz klar erkennbar, weil die ja alle dann entweder Israel oder Sara bezeichnet worden sind. Das war ja auch intern dann eine Diskussion. Sollten wir auch jetzt diese Namen wieder zurücknehmen und dieses Israel und und und und Sara praktisch jetzt nicht in den Namen aufzunehmen, oder oder nicht. Aber das ist, das das Faktum des Namens waren uns schon schon ein ganz wichtiges Teil. Heinz: Und ich könnte Bettina noch mal ins Spiel bringen mit einem kurzen Zitat, weil sie hat einmal gesagt, über diese, über diese Intervention geben wir den Leuten ein Gesicht zurück. Und ich glaube, darum geht es ein bisschen. Also der Name ist dann wirklich die Repräsentation für die Person dahinter und wie sie uns erschienen ist. Hermann: Ja, du wolltest noch was über die Zeit... [unverständlich]. Heike: Genau. #00:26:52‑8#

 

Heike: #00:26:53‑2# Also wir haben dann, wir haben also diese 100, zum damaligen Zeitpunkt noch 114, Verstorbenen repräsentieren wollen und dann hat sich die Frage gestellt, wie wir diese Steine auf dem Gelände platzieren. Und wir hatten dann die Idee, dieses lange Grundstück zu nutzen, das ja eigentlich sehr schwierig wäre, auf der einen Seite aber, dass dann auf der anderen Seite die Möglichkeit bietet, dieses lange Grundstück wie eine Art Kalender zu nutzen. Also wir haben das Grundstück sozusagen virtuell aufgeteilt in die Monate des Bestehens des Lagers und haben die Namensteine an den Todeszeitpunkten aufgestellt. Und damit ist eigentlich ganz leicht zu erkennen oder ganz klar zu erkennen, dass es Zeiten gibt, in denen, wie man so schön sagt, viel gestorben wurde. Einfach weil es kalt war, weil es grausam war, weil ein ein Wechsel der Wachmannschaft noch noch grausamere Verhältnisse erzeugt hat im Lager und so. Tobias: Auch Wechsel #00:27:51‑6#

 

Tobias: #00:27:51‑6# der Nutzung, also der wo, also wo es dann auch viel stärker dann ja auch als als Zwischenlager oder Transitlager genutzt wurde, was ja dann ab [19]43 eben ganz knapp [19]43 stark greift, wie du sagst. #00:28:06‑5#

 

Heike: #00:28:06‑6# Ja genau und und und #00:28:08‑2#

 

Heike: #00:28:08‑2# damit eine gewisse auch für für für Leute, die in dem Gebiet dann entlang gehen werden ersichtlich ist, dass es Zeiten gab, die ganz besonders hart waren im Lager und wo besonders viele Menschen umgekommen sind. Und auch vielleicht auch noch ergänzend dazu. Der Heinz hat vorhin beschrieben, wie die wie die Menschen zusammengewürfelt wurden. Also man kann sich dann vorstellen, wenn die, wenn eine Gruppe von diesen Namenssteinen mit unterschiedlicher Neigung und unterschiedlicher Färbung eng zusammensteht, dass represieren.. das repräsentiert Menschen, die die konnten einander zum Teil nicht einmal verstehen, weil sie nicht die gleiche Sprache gesprochen haben, weil sie von irgendwo Russland, Ukraine, Polen herkamen. Und diese extreme Situation der Einsamkeit und der Sprachlosigkeit dann auch noch dazu kam. #00:29:00‑3#

 

[Drehkurbel-Geräusch] Tobias: #00:29:04‑7# Das heißt, wir haben die Landschaftsgestaltung mit den Namensteinen. Es gibt auch noch einen baulichen Aspekt, einen größeren, den sogenannten Pavillion. Könnt ihr mir vielleicht da noch kurz erklären, wie der ausschauen soll und auch, wo da der Hintergedanke über diese Optik liegt? #00:29:22‑4#

 

Heinz:  #00:29:23‑0# Ähm, ja, gerne. Also ursprünglich wollten wir ja eigentlich diesen Teil so klein wie möglich halten. Wir wollten die Information zu diesem Ort natürlich geben vor Ort, aber wir wollten schon haben, dass es eigentlich der Gedenkort selber ist. Der Hermann hat es vorhin gesagt gehen und denken. Und das mit dem entsprechenden Hörempfinden und Hörerlebnis der Geschichten oder was sonst so zu hören sein wird mit diesem Hörweg und dieses einfach dort sein und auf diesem Ort sein, in dieser, in dieser Landschaft sein hätte auch bedeutet, dass man dann schon den Unbilden der Witterung ausgesetzt ist. Wenn es regnet, regnet es halt und wir hätten nur ganz wenig Witterung… oder Witterungsschutz vorgesehen. Ursprünglich, weil wir glauben oder uns eigentlich gedacht haben, dass es wenig Sinn macht, Architektur für sich dort hinzustellen. Dass irgendwer als besonderer, besonderer Teil schon fast als Tempel oder so wirken sollte, sondern dass es eigentlich um den Ort selber geht und um um das, was dort gezeigt ist und was dort erfahrbar ist. Und so ganz waren wir da mit uns nicht zufrieden. Also im Sinne einer ausführlichen Information, im Sinne auch der Möglichkeit, dass Leute sich dort versammeln, hat man uns dann schon gebeten, diese Ideen etwas zu erweitern und nicht nur minimal dort zu intervenieren. Hermann, was magst du dazu sagen? Hermann: Ich glaube, dass das, was uns am Anfang vielleicht ein bisschen weniger klar war, wie wichtig auch die Wissensvermittlung vor Ort ist. Und das war natürlich dann schon auch noch mal eine gute Erinnerung von der Jury uns da anzuhalten. Denn den Schulklassen und den Besuchern, die, die diesen Ort besuchen, auch wirklich in die Geschichte einzubringen. Und und die Geschichte des Lagers und die Geschichte dieser, dieses Netzwerks des Lagers. Noch einmal, ich möchte es ganz klar betonen, da geht es ja nicht nur jetzt um Reichenau. Es gab ja mehrere Lager, auch in Innsbruck und in Tirol und im gesamten Deutschen Reich. Diese Geschichte zu erzählen, ist ja eine Geschichte, die noch wenig erzählt ist. Und da haben wir jetzt im Grunde zwei große Informationstafeln und einen Ort mit mit einer Stadtmöblierung, die die es kleineren Gruppen erlaubt, sich dort zu treffen und und sich mit der Materie auseinanderzusetzen. #00:31:38‑7#

 

Heike:   #00:31:39‑4# Ja, vielleicht noch kurz zur Beschreibung dieses Pavillons. Eigentlich ist es eine eine Überdachung mit circa 160 Quadratmeter Fläche aus Stahl, die die in etwas über 3 Meter Höhe über dem Gelände getragen wird von Stahlsäulen. Und unter dieser, unter diesem Dach stehen zwei Wände. Eine 12 Meter lang, eine 11 Meter lang, die die Informationen, die der Hermann gerade beschrieben hat, tragen, und zwar in unterschiedlichem Detailgrad, je nach Bewegungsgeschwindigkeit der Menschen, die entweder auf dem Rad oder zu Fuß vorbeigehen oder die in der Mitte unter dieser Überdachung sitzen beziehungsweise stehen und die Informationen lesen können. Und dieses Dach, dieses Pavillondach repräsentiert auch noch einmal über kreuzweise verlegte Stahlträger, die die vielen verschiedenen Herkunftsorte beziehungsweise die Pfade der Menschen, die sich da gekreuzt haben in diesem Lager und das Dach ist nur teilweise geschlossen und in Teilen ist es ganz offen. Es kann also durchregnen. Es ist dann weniger schützend als man ein Dach an sich wahrnehmen würde. Und es gibt Ausschnitte in diesem Dach, die dann ersetzt werden, wo wo die Dachfläche ersetzt wird durch andere Elemente. Und da könnte Ricarda vielleicht was dazu sagen. #00:33:10‑1#

 

Ricarda:  #00:33:10‑7# Ja, genau. Also. Es wurde an mich weitergegeben, weil ich eben vorher schon mal diese Funde der Archäolog:innen erwähnt habe. Und da sind unter anderem eben auch eine ganze Reihe von bunten Glasscherben. Und diese Glasscherben finden natürlich auch in dieser Fragmentierung des Daches eine Analogie. Und die sind für uns überhaupt auch so als Denkmotiv oder so oder auch als als sowohl visuell als auch inhaltlich ein schönes Motiv, weil natürlich die Frage ist, wir haben ein Fragment von etwas, das nicht mehr ganz ist, wie füllen wir jetzt die Lücken mit einer Vorstellung, mit einer Erzählung? Oder lassen wir diese Leerstellen und die Besucher:innen sind sozusagen auch eingeladen, durch ihre eigene Beteiligung dieser, diese Zwischenräume quasi mit ihren Erinnerungen, Erfahrungen, Erzählungen zu füllen. Das heißt, das ist natürlich auch etwas, was sich in dem Audioweg sehr gut weitererzählen lässt. Aber es drückt sich eben auch in der in der Architektur des Pavillons aus. #00:34:18‑6#

 

Tobias: #00:34:18‑9# Das war auch das ideale Stichwort. Danke Ricarda. Der Audioweg, den wollte ich als nächstes ansprechen im Hintergrund. Wir leben natürlich in einer modernen Zeit und Informationen müssen immer aktuell bleiben. Und gerade da ist natürlich die auch von dir, Heike schon das geschriebene Archiv, die Website im Hintergrund ja wichtig. Gehen wir ein bisschen darauf ein. Fangen wir mit dem Audioweg an, würde ich sagen. Es ist im Hintergrund ein Audioweg geplant und da blicke oder zeige jetzt wieder mit meinem auf den auf mein Handy, wo ich die Ricarda dazugeschaltet habe. Wenn du uns vielleicht ein bisschen einen Einblick geben kannst, Ricarda in diesen Audioweg, was man sich darunter vorstellen kann, einfach mal. #00:34:58‑8#

 

Ricarda:  #00:35:00‑8# Im Grunde ist das ein Angebot an die Besucherinnen und Besucher. Zusätzlich zu der Möglichkeit, einfach mal selber den Weg entlang zu gehen, sich auch über dieses Audiostück, diese Zusammenhänge zu ergehen, entlang zu gehen. Und diese Stücke sind verortet an ganz bestimmte Stellen an diesem Ort, die sowohl historische Bezüge herstellen, als auch Bezüge zum Jetzt, zum Ort zwischen Fieldrecordings [englisch „Feldaufnahme“ - bezeichnet Tonaufnahmen, die außerhalb eines Studios stattfinden] und historischen Aufnahmen, zwischen Erzählungen und Kompositionen. Also ich lasse das jetzt noch mal etwas offen, aber es ist sozusagen eine Möglichkeit, einerseits den Ort präsent zu machen und vor allem die Vergangenheit dieses Ortes mit seiner Geschichte, aber auch einen Bezug herzustellen zur Gegenwart, weil natürlich mit dem Wissen, dass es auch eine Webseite gibt, die noch mal viel tiefer und detaillierter in die historischen Zusammenhänge gehen kann, soll das durchaus auch eine eine poetische Vermittlung sein, also schon auch eine Wissensvermittlung. Ein Lernort besteht eben auch darin, nicht alles auszuerzählen, sondern auch Raum zu lassen für die, die hören. Und das Hören hat einfach eine ganz bestimmte Qualität. Eben das setzt sich in Beziehung zur Welt, das, das stellt eine Nähe her und und ja, das ist einfach für uns irgendwie auch ein wichtiger, ein wichtiger Moment zwischen didaktischer Vermittlung, historischen Tatsachen und einem poetischen Herstellen von von Bezügen. #00:36:39‑9#

 

Hermann:  #00:36:40‑1# Ja, wenn ich da kurz auf das auf die Website noch mal eingehen darf, die ist ja genauso wie alle anderen Teile von diesem Gedenkort, den wir gestalten wollen, jetzt nicht nur Website. Also dieses, dieses, die kann mehr oder soll mehr können. Und das hat die Ricarda ja auch schon erwähnt. Das ist natürlich primär ein Ort der Wissensvermittlung, auch also für Lehrer. Die können dort sich einloggen, können was, können Material dort bekommen, mehr Informationen, mehr Bildmaterial. Also auch für Leute, die nicht vor Ort sein können, ist das ja genauso ein wichtiger Ort, diese Dinge zu finden und die Informationen zu bekommen in mehreren Sprachen. Aber dieses Archiv der Erinnerungsfragmente wird ein ganz integraler Bestandteil auch von der Website. Also die die Möglichkeit, sich diese Erzählungen, diese Interviews anzuhören, ist dann auch über das Webportal gegeben. #00:37:42‑0#

 

[Drehkurbel-Geräusch] Tobias: #00:37:46‑7# Haben wir was vergessen, was man jetzt durch das, dass wir in das Thema schon so involviert sind, vergisst man ja vielleicht wieder ein Element. Der Heinz zeigt schon auf. Heinz: Eine Kleinigkeit. Tobias: Bitte. #00:37:56‑9#

 

Heinz:  #00:37:57‑1# Also eigentlich ist es keine Kleinigkeit, sondern es ist schon #00:37:59‑4#

 

Heinz:  #00:38:00‑4# von Bedeutung. Nämlich dieser, dieser Pavillon. Das hat vorhin die Ricarda schon angesprochen in Bezug auf den Audioweg. Dieser Pavillon ist auch ein Angebot. Wir haben ihn auch so platziert und so angeordnet, dass man eigentlich gut daran vorbeigehen kann. Also wir haben es niemandem in den Weg stellt. Wir zwingen niemanden, dass man sich das anschaut, sondern wir haben versucht, das so zu gestalten, dass man hineingezogen wird und dass man eigentlich auch zwischen den beiden Wänden zur Ruhe kommen kann. Und trotzdem, wenn man das Angebot annimmt, dort ganz gut verweilen kann. Dort kann man sich auch treffen. Und insofern ist der Pavillon, glaube ich, auch diese Verknüpfung zwischen dem Hörweg, zwischen dem Gedenkort selber, dieser Landschaft, zwischen dem, dass es ein virtuelles Angebot gibt, wo man sich dann in der Tiefe informieren und beschäftigen kann und wo auch weiter gearbeitet wird. Also mit diesem Pavillon haben wir schon vor, dass wir auch aktuelle Informationen aktuelle Entwicklungen zeigen können. Dass es vielleicht parallel Entwicklungen gibt mit anderen Medien wie einer Graphic Novel, die entsteht und die dann dort ausgestellt wird, mit unter Umständen Vortragstätigkeiten, die dort irgendwie repräsentiert werden können oder vielleicht sogar immer wieder als Ziel oder oder Ausgangspunkt den Pavillon haben. Also wir stellen uns diese Gedenkkultur weniger als Monument vor, wo wir sagen, wir setzen ein Zeichen und das ist jetzt für immer so, sondern eigentlich ist der Gedenkort selber, aber insbesondere dieser Pavillon eigentlich nur ein Punkt in der Landschaft, von dem immer wieder diese Gedenkkultur neu ausgehen muss und wo sie immer wieder hinfinden muss und wo sie sich über die Zeit auch immer wieder neue Formen ausdenken muss und und praktizieren muss. Hermann: Ich glaube, du hast da was ganz Wichtiges gesagt. Das Monument hat immer die Gefahr, zum Unort zu werden. Also entweder ist er zu sakral oder oder zu unantastbar. Das unter Anführungszeichen Glück, das wir ja auch mit diesem Ort haben, ist ja eher, dass er neben dem Lager ist, also als solches ja nicht diesen Genius Loci [bedeutet wörtlich übersetzt „der Geist des Ortes“ ] hat. Aber wir wollten wirklich keinen Unort schaffen. Also nicht ein Ort, der jetzt zum betroffen sein drängt. Er kann, wenn man sich damit auseinandersetzt, aber man kann daran auch vorbeigehen. Wir hoffen natürlich, dass niemand dran vorbeigeht in dem Sinn. Aber das nicht der Stadt wegzunehmen, war uns schon auch irgendwie fast wichtig. #00:40:21‑4#

[Outro-Musik]

Tobias: #00:40:41‑9# Archivwürdig ist eine Produktion des Stadtarchiv Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. #00:40:48‑6#

2. Staffel:

Die zweite Staffel steht ganz im Zeichen von gelebter Geschichte. In den Interviews erzählen Innsbrucker Zeitzeug:innen von ihren Erinnerungen an Kindheit, Schulzeit, Freizeitaktivitäten und vieles mehr. Die zweite Staffel beinhaltet sechs Folgen, die in einem 14-tägigen Rhythmus veröffentlich werden.

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Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Intro-Musik] Tobias: Hallo liebe Hörer:innen von Archivwürdig.

[00:00:17]  Ich melde mich heute mit einem Update zur bevorstehenden zweiten Staffel unseres Podcasts.

[00:00:22]  Gleich vorneweg, die neue Staffel startet nächste Woche Donnerstag, den 7. September

[00:00:28]  und neue Folgen erscheinen, dann wie gewohnt im vierzehntägigen Rhythmus.

[00:00:32]  Das übergeordnete Thema dieser Staffel sind Zeitzeugengespräche, in denen die Interviewpartner

[00:00:38]  vor allem über das Aufwachsen der Stadt berichten und ihre Eindrücken Erinnerungen aus der

[00:00:43]  Jugendzeit mit uns teilen.

[00:00:45]  Im Übrigen würden wir uns auch darüber freuen, wenn sich durch das Hören der Folgen, Personen

[00:00:50]  melden, die gerne ihre eigenen Erinnerungen mit uns bei einer Aufnahme teilen möchten.

[00:00:56]  Sei das für eine mögliche Podcastsendung oder auch unter Anführungszeichen "nur zur Wissensicherung".

[00:01:01]  Zwei technische Aspekte zu den Folgen möchte ich ebenfalls noch kurz ansprechen.

[00:01:07]  Erstens werden

[00:01:08]  kürzere Pausen bzw. Übergänge von Themen, während des Gesprächs zum Großteil auch höherbar gemacht.

[00:01:14]  Erkennbar an dem Rotationsgeräusch, den unsere Rollerregale im Archiv machen.

[00:01:18]  [Rotationsgeräusch hörbar] Zweitens haben wir den Großteil der Gespräche mit unseren Interviewpartnern an einem externen Ort aufgezeichnet.

[00:01:29]  Aufgrund der unterschiedlichen Lokalitäten müssen Sie mir bitte die schwankenden Tonqualitäten verzeihen.

[00:01:35]  Sollten Sie Fragen, Wünsche und Anregungen haben oder mögliche Interviewpartner kennen,

[00:01:40]  dann erreichen Sie uns bequem via E-Mail und der Podcast@innsbruck.gv.at

[00:01:47]  Nächste Woche geht es wie gesagt los.

[00:01:50]  Mich würde es freuen, wenn Sie fleißig reinhören.

[00:01:53]  [Outro-Musik]

Zeitzeugengespräch Paul Steinleichner

Zeitzeugengespräch Paul Steinleichner

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Transkript

[00:00:00] Paul: In Mühlau drüben, da hat einmal ein Jäger im Schabernitz [Dialekt für Witz/Scherz] die Leitung abgeschossen. [Tobias lacht kurz auf]

[00:00:04] Und dann ist Innsbruck ohne Strom gewesen, weil

[00:00:06] im Winter ist ja zu [unverständlich] klein gewesen.

[00:00:09]  Wir haben für die Bayern bezogen und dann ist... Dann sind die Bayern auf und dann war es dunkel.

[00:00:29] [Intro-Musik] Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur ersten Folge der zweiten Staffel von Archivwürdig,

[00:00:33]  dem Podcast des Innsbrucker Stadtarchivs.

[00:00:35]  Sie haben bereits die Stimme unseres heutigen Interviewten Paul Steinlechner gehört.

[00:00:40]  Paul Steinlechner wurde 1939 in Mühlau geboren und bei einem Zeitzeugengespräch berichtet er uns

[00:00:47]  unter anderem über das Aufwachsen in Mühlau, die Besatzungszeit, seine Schulzeit, aber auch

[00:00:53]  seiner Bergsteigertätigkeit und seiner Anstellung bei den Stadtwerken.

[00:00:58]  Da wir die Aufzeichnung des Gesprächs vor Ort in Mühlau gemacht haben, kann es hin und wieder

[00:01:02]  zu kleinen akustischen Störungen kommen.

[00:01:05]  Beim Interview anwesend waren mein Kollege Matthias Egger,

[00:01:08]  Manfred Liebentritt und meine Wenigkeit.

[00:01:11]  Mit diesem kleinen Vorgeschmack möchte ich nun direkt in das Gespräch überleiten.

[00:01:16] Paul: Ja ich bin der Paul Steinlechner geboren am 09.08.1938. In Mühlau aufgewachsen,

[00:01:24] in der Kriegszeit haben wir in der Schraffl-Straße 31 hinunterschauen können nach den

[00:01:29]  Bombenangriffen, wie es gebrannt hat in der Stadt unten und habe miterlebt, wie meine Großeltern

[00:01:34]  in der Nähe vom Westbahnhof ausgebommt wurden und dann also nach Lermoos hinaufgezogen sind,

[00:01:41] in eine sichere Gegend, weil in der Bahnhofgegend, Gaswerkgegend,

[00:01:45] war alles also dann unsicher nach diesem ersten Überraschungsangriff.

[00:01:49] [unverständlich]

[00:01:53] Und, dann bin ich dann wieder in die Volksschule gegangen, gleich nach dem Krieg in den [19]45er Jahren.

[00:01:59]  Es war eine ziemlich große Not eigentlich, im Krieg haben wir das nicht so bemerkt,

[00:02:05]  aber danach haben wir dann die Lebensmittelkarten gehabt und haben dann

[00:02:09] [unverständlich] beziehungsweise beim [unverständlich] da eingekauft.

[00:02:13]  Und dann hat man Karten für Vollmilch gehabt, Markelen, und Markelen für Magermilch.

[00:02:18]  Magermilch hat man mehr gehabt immer.

[00:02:20] Matthias: Kannst du dich erinnern, wie die Amerikaner gekommen sind, oder Begegnungen?

[00:02:23] Paul: Begegnungen nicht nein...

[00:02:25]  Ja, insofern sie sind gekommen, plötzlich waren da so uniformierte da,

[00:02:31]  auch in der Schraffl-Straße 31, wo ich gewohnt habe.

[00:02:34]  Und die sind gekommen und haben gesagt, innerhalb von 2 Stunden müssen wir weg sein.

[00:02:39]  Sie haben das ganze heraus beschlagnahmt. Gut, die

[00:02:42] alten Leute, die Besitzer im Parterre haben sie drin gelassen,

[00:02:45]  weil die waren damals schon 80 ungefähr.

[00:02:48]  Aber den ersten Stock und den zweiten Stock, den haben sie genommen, und wir

[00:02:52] sind hinaufgezogen dann, in das kleine Haus, [unverständlich]

[00:02:57]  ist in der Kofl drinnen.

[00:02:59]  Da hat die Großtante früher gewohnt, das Haus hat der Vater erworben.

[00:03:04]  Beim Bürgermeister von Arzl, das Grundstück hat er gekauft.

[00:03:09]  Beim Bürgermeister Lechner [Handysignalton ist zu hören] damals war das.

[00:03:12]  Und danach ist dann Arzl eingemeindet worden in der Stadt, ned.

[00:03:17]  Und in dem Haus, da haben wir dann unter dem Dach oben ganz nieder,

[00:03:22]  was weiß ich, nur eine Höhe von 1,10 m vielleicht,

[00:03:25]  da hat die Tante für die "Goaß" [Dialekt für Ziege], die sie gehabt haben,

[00:03:28]  Goaß haben damals mehrere Leute gehabt.

[00:03:30]  Das Hei [Dialekt für Heu] oben gehabt und da hat sie

[00:03:33] mit meiner Schwester oben geschlafen dann.

[00:03:35]  Die Mutter hat bei der Großtante unten geschlafen.

[00:03:38]  Und dann sind wir (wieder runter], nach einiger Zeit sind die Amerikaner weg,

[00:03:42]  und dann sind sie ein zweites Mal gekommen.

[00:03:44]  Das waren dann aber, glaube ich, die Franzosen.

[00:03:46]  Und die Franzosen, die sind dann länger, länger geblieben beziehungsweise,

[00:03:52] ist auch eine Französin, eine Pariserin,

[00:03:55]  hat dann also im ersten Stock oben, mit einem Lebensgefährten oder Mann.

[00:04:00]  Also dann also, gewohnt auch noch, zumindest bis

[00:04:04]  vielleicht ein bisschen über die 50er Jahre oder so, weiß ich nicht.

[00:04:06]  Dann sind die, die sich die ganzen Präliminarien, die sie sich genommen haben,

[00:04:11]  die Besatzungsleute, weggefallen,

[00:04:14]  und dann weiß ich nicht mehr, was dann gewesen ist.

[00:04:17]  Dann hat jedenfalls gleich [unverständlich] diese Wohnung gekauft.

[00:04:21] Tobias: Hat man da mit diesem, mit diesem Ehepaar Kontakt gehabt,

[00:04:25]  oder ist man dann so ein bisschen aus dem Weg gegangen, oder war das...?

[00:04:28] Paul: Nein, nein, haben wir schon Kontakt gehabt.

[00:04:31]  Die haben einen Buben gehabt der hat Coco geheißen,

[00:04:34]  und der Opa von dem, war [unverständlich]

[00:04:37]  das waren umgängliche, nette Leute. Danach da war

[00:04:39] auch so ein Ding. Ein Schwarzhändler

[00:04:44]  oder hat man damals gesagt, der hat immer große,

[00:04:48]  Mercedes und große BMW gehabt.

[00:04:50]  Damals hat niemand ein Auto gehabt, nur der Rauch [Schreibweise ungewiss]

[00:04:52] hat ein Auto gehabt und der Dr. Bosch, der Sprengelarzt [übernimmt in einer Gemeinde oder in einem Gemeindeverbund alle Aufgaben einer Gesundheitspolizei].

[00:04:55]  Und der Richter Heinz, der ist mit BMW,

[00:04:59]  umhergefahren, so ganz flache Sportwägen oder so.

[00:05:02]  Und es sind dann vor allem,

[00:05:04] amerikanische Auto gekommen, mit Pritschen oder Kasten-Aufbauten.

[00:05:08] Da ist allerhand drin gewesen, und es ist hin und her geladen worden.

[00:05:11] Die haben halt irgendetwas geborgen oder ab geborgen, und

[00:05:15]  dann verschoben oder verkauft, ned.

[00:05:17]  Ja, das war da drüben

[00:05:19]  und dann [die] Volksschulzeit war hier unten,

[00:05:21]  und da haben wir dann also bekommen,

[00:05:23] warum auch immer, eine Ausspeise.

[00:05:25]  Das waren so Armeegefäße, Olivfarbene,

[00:05:29]  da war dann so ein Kakaobrei.

[00:05:31]  Der hat am Anfang ganz gut geschmeckt,

[00:05:33] aber [Tobias lacht kurz auf] nach einem halben Jahr,

[00:05:35] ist einem der bis daher gestanden, ned.

[00:05:37] Manfred: Die Direktion und die Lehrerinnen,

[00:05:41]  wer war denn da?

[00:05:43] Paul: Der Lehrer, hab ich keine gehabt, ich hatte nur den Gassner,

[00:05:46] Den haben wir die ganzen vier Jahre gehabt,

[00:05:48]  wir waren da zuerst im Parterre, zwei Jahre

[00:05:50] und dann im ersten Stock zwei Jahre, ein schönes Zimmer heraus,

[00:05:53]  zum Hauptplatz, weil er der Oberlehrer war, ned.

[00:05:56] Hatte der den schönsten Klassenraum, also die bewirtschaftet, da drüben.

[00:05:59]  Und der Pfarrer war also, weiß nicht mehr wie der geheißen hat,

[00:06:04]  aber jedenfalls waren alle freigiebig mit "Dachteln" [Dialekt für Ohrfeige],

[00:06:08]  mit dem Geigenbogen, eins über den Schädel ziehen

[00:06:12]  und der Pfarrer hat einmal dem Schwarzenberger [Schreibeweise ungewiss],

[00:06:14]  der da oben [unverständlich] gewohnt hat irgendwo,

[00:06:17] oder Richardsweg, am Ende vom Richardsweg

[00:06:19] einmal beim "Ohrwaschl" [Dialekt für Ohr] gezogen,

[00:06:21]  dass er eingerissen wurde, dass er geblutet hat.

[00:06:23]  Weil er halt ein bisschen zu laut war,

[00:06:25]  in der Religion, dass er zu wenig aufgepasst hat.

[00:06:28]  Ja, Schulzeit, ich habe mich also jetzt beim Film erinnert,

[00:06:33] an vieles, [als] das der Christoph gezeigt hat,

[00:06:36]  mit der Mühlauer Musik.

[00:06:38]  Weil damals hat man ja keine Musik gehabt,

[00:06:41] man hat entweder selber gesungen, meine Mutter hat gesungen

[00:06:43] mit ihren Geschwistern. Wir selber haben auch allerhand

[00:06:46] irgendwer hat in der Schule, und da haben wir auch nicht ungern gesungen.

[00:06:49]  Und ansonsten

[00:06:51] Musik im Radio, im Volksempfänger,

[00:06:54]  der da war, der hat nur gekracht

[00:06:56]  da hat es auch keine vernünftige Musik gegeben.

[00:06:58]  Wenn die Musik live war, wie sie auch noch heute existiert,

[00:07:01]  dann ist es eine Musikkapelle. Weil den Marsch

[00:07:03] den die gespielt haben mit allen Instrumenten,

[00:07:06]  der hat damals schon geklungen, wie er heute klingt vielleicht ned, oder ähnlich.

[00:07:09]  Und da haben wir als Kinder so geschaut,

[00:07:11]  haben immer gesagt, hinter der Musik gegangen,

[00:07:13]  war immer ein Fest. Wenn Fronleichnam die Musik marschiert ist, oder

[00:07:17] zur Erstkommunion.

[00:07:19] Erstkommunion haben wir gehabt.

[00:07:21]  Das hat die Familie Rauch ausgerichtet dann.

[00:07:23]  Die ersten Toten in meinem Leben.

[00:07:26]  Und einen Kakao hat es [unverständlich] gegeben

[00:07:28] bei den ganzen Volksschulklassen ned.

[00:07:30]  Und gekannt hat man eigentlich,

[00:07:33]  bei allen Häusern hat man jemanden gehabt,

[00:07:36]  das ist die Amann-Villa,

[00:07:38]  die Weingartner-Villa,

[00:07:40]  die Rauch-Villa.

[00:07:42]  In die Häuser ist man als Kinder reingekommen,

[00:07:44]  weil ja da überall Kinder waren,

[00:07:46]  und die Kinder sind immer irgendwo zusammen gewesen, ned.

[00:07:49]  Da draußen war der große Sammelpunkt

[00:07:52]  zum "Totznhacken" [war bis Anfang der 1980er Jahre in vielen Innsbrucker Stadtteilen bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebt] in der vor österlichen Zeit.

[00:07:55]  Und nett war auch, also auch im Film vom Christoph,

[00:07:58] wo er den Schlögl Willi [Schreibweise ungewiss] gezeigt hat,

[00:08:01] wie er mir aus der Stange, "Totzen" absticht,

[00:08:03]  die Eisen-Totzen. Ich bin in der Zeit aufgewachsen

[00:08:05]  wo die Eisen-Totzen

[00:08:07] aufgekommen ist.

[00:08:09]  Und dann war der Alfred runter, der im Schilderhof gewohnt hat

[00:08:11] der hat sowas gemacht. Und der Schlögl Willi.

[00:08:13] Ich kann mich erinnern, mit dem Schlögl Willi, der hat mich zweimal [unverständlich]

[00:08:15] mach mir eine,

[00:08:17]  und er hat mir eine runtergedreht.

[00:08:19]  Und dann haben wir da draußen vorm Stier

[00:08:21] Totzen gehackt. Und die Leute haben gewettet

[00:08:24] und dann hat man halt, wenn's hochgekommen ist, einen Schilling

[00:08:27]  oder 20 Groschen halt dann gehabt.

[00:08:29] Wir waren ja mehrere, ned

[00:08:31] und dann sind gesamt halt vielleicht

[00:08:33] 7-8 Schilling ausgespielt worden.

[00:08:35]  Und wir haben dann, also da unten

[00:08:37]  waren so Löcher im Asphalt ganz tiefe drin.

[00:08:40]  Und wir haben das aber auch dann

[00:08:42]  vorn Schilderhof, wenn viele zusammen waren,

[00:08:45]  haben wir auch am Sonntag die Spaziergänge angeboten.

[00:08:48] Wir waren ja nicht blöd [alle lachen] Und da haben wir dann halt [unverständlich]

[00:08:50] [unverständliches Gemurmel].

[00:08:52] Matthias: Kannst du dich noch an einen Spruch erinnern,

[00:08:55]  weil da gibt es so Sprüche "noch einen Totzen hacken"?

[00:08:58] Paul: „Bittschön, der Herr, setzen’S

[00:09:00] an Groschen ins Kreisl,

[00:09:02] mei Totzen singt wia a Tannenmeisl!“

[00:09:04]  Das war jetzt, so der Bettelspruch.

[00:09:07]  Ja, und dann ist diese Wohnung,

[00:09:11]  das war nur eine Mansarde 

[00:09:13] da oben unten drin.

[00:09:15] Und dann ist im 49. Jahr die jüngere Schwester auf die Welt gekommen,

[00:09:18]  und die Wohnung ist uns dann..

[00:09:20]  Unterm Dach, das war ja nur eine Wohnküche,

[00:09:23]  mit einem Schlafzimmer, ne

[00:09:25]  Aber alles schon unter dem Dach, also schon schräg.

[00:09:28]  Ich habe damals am Balkon draußen geschlafen,

[00:09:30]  das war aber ein großer Breiter Balkon,

[00:09:32] mit einem großen Vordach, das kann

[00:09:34] man heute noch beobachten, weil das Haus noch

[00:09:36] da oben steht. Und von

[00:09:38] diesem Platz, im

[00:09:40] zweiten Stock am Balkon,

[00:09:43]  habe ich also schon damals eingesehen

[00:09:45]  in die Maschinenhalle vom heutigen Kraftwerk.

[00:09:48] Aber vorher war da aber alles ein Wald,

[00:09:50]  ein Hügel mit einem Wald,

[00:09:52]  und dann sind die Bagger gekommen,

[00:09:54]  da sind viele, ich denke, in der Holzgassen,

[00:09:56]  in der Edelweisskurven, [unverständlich]

[00:09:58] mit einem großen Dreiachsigen LKW

[00:10:01]  die zwei Bagger raufgezogen hat,

[00:10:03]  wir haben diese Bagger gekannt, wir haben

[00:10:05] die Namen von den Baggerführern gewusst, natürlich.

[00:10:08]  Und wie gesagt, die haben dann den Hügel abgetragen,

[00:10:11]  der zuerst also ein Waldspielplatz

[00:10:13]  von uns Kindern

[00:10:15]  [unverständlich]

[00:10:17]  der war am Anfang im 49. Jahr, glaube ich, ned.

[00:10:20] Und aber von [19]45 wo wir dann selbstständig

[00:10:23]  haben draußen spielen gehen dürfen.

[00:10:26]  Nach dem Kindergarten. Kindergarten war damals oben

[00:10:29]  hier draußen, ned in [unverständlich].

[00:10:32] Und da kann ich mich erinnern,

[00:10:35]  wie gesagt, da sind wir einmal,

[00:10:37]  hätten wir mit dem Kindergarten schwimmen gehen sollen,

[00:10:40]  im Heimgarten, das war das einzige Schwimmbad,

[00:10:42]  was zugänglich war damals.

[00:10:44]  Da war dann gerade ein Fliegerangriff,

[00:10:46]  und wir haben uns gerade ausgezogen gehabt

[00:10:48] zack sofort in die Luftschutzstollen da 

[00:10:50] beim Heimgarten drüben rein, ned.

[00:10:52]  Und das war dann das erste Schwimmabenteuer

[00:10:55]  mit dem Kindergarten in Mühlau.

[00:10:57] Matthias: Und wie war die Wahrnehmung dieser Bauarbeiten,

[00:11:00]  wenn du sagst, dass ein Spielplatz abgetragen wurde?

[00:11:03] Paul: Ja, das hat uns eh nicht...

[00:11:05]  Dass das da... Der ist gerodet worden,

[00:11:07]  und dann ist der Hügel abgetragen,

[00:11:09]  es war ein Hügel, der hinten zum Schillerweg

[00:11:12]  wieder hinuntergegangen ist,

[00:11:14]  der war also höher wie der Schillerweg, der Hügel,

[00:11:16]  aber nach Süden vorgelagert.

[00:11:18]  Sieht man ein bisschen in den ersten Bilder

[00:11:20]  von dieser Dokumentation.

[00:11:22] War man als Kind traurig,

[00:11:24]  aber nicht lang,

[00:11:26]  also die Madeln vielleicht mehr,

[00:11:28]  aber wir als Buben, wir haben mit der Baustelle

[00:11:30]  also ganze eine interessante Demonstrationen 

[00:11:32] immer gehabt, ned. Bagger, Kräne

[00:11:34] sind aufgestellt worden,

[00:11:36]  Zimmerer waren da, Schweißer waren da,

[00:11:38] Rohrleitungen sind geliefert worden. Dann war ein Schrägaufzug

[00:11:40] hinauf. Also die haben ja

[00:11:42]  keine Straße rauf gehabt,

[00:11:44]  zu den Stollen hinauf,

[00:11:46]  sondern einen Schrägaufzug,

[00:11:48]  und alles, was sie da oben gebraucht haben,

[00:11:50]  an Zement und Baumaterial, ist in dem

[00:11:52] Schrägaufzug hinaufgeführt worden.

[00:11:54]  Und die Talstation vom Schrägaufzug

[00:11:56]  war genau hinter unserem Haus,

[00:11:58]  wenn man aufs Klo gegangen ist,

[00:12:00]  und zum Klofenster hinaus [geschaut] hat, hat man genau zu

[00:12:02]  dieser Talstation vom Schrägaufzug gesehen.

[00:12:04]  Und wir als Kinder,

[00:12:06]  haben also uns den Schrägaufzug,

[00:12:08]  der war ja, so wie heute die Hungerburgbahn,

[00:12:10]  so schräg gebaut, ned.

[00:12:12] Damit also im Durchschnitt

[00:12:14]  die Fläche,

[00:12:16]  wo also das Material gelagert war,

[00:12:18]  halbwegs eben steht,

[00:12:20]  und nicht runterfällt.

[00:12:22]  Die waagrechte Geschichte hat

[00:12:24]  dann fällt ja alles runter, deshalb ist es so schräg gewesen.

[00:12:26] Und da hinten war so

[00:12:28] eine dreieckige... eh eine Dreiecks-Konstruktion

[00:12:30]  war dieser Wagen.

[00:12:32]  Das ist dann von da gleich steil raufgegangen

[00:12:34]  und dann habe ich mich da hinten drauf gehängt.

[00:12:36] Wenn keine [unverständlich] zu gegen war,

[00:12:38]  der was mir das abgewöhnt hat [Tobias lacht].

[00:12:40] Und wir sind da, [hat es] also dann am Buchweg

[00:12:42]  oben eine Brücke gegeben,

[00:12:44]  gezimmerte Brücken, die haben ja alles gezimmert.

[00:12:46]  Also, da war nichts fertig, nicht

[00:12:48]  wie heut zu Tage wenn man fertig war,

[00:12:50] sondern alles ist frisch

[00:12:52]  und Holz und Bretter sind

[00:12:54]  angeliefert worden und alles

[00:12:56] haben tüchtige Zimmerer dann,

[00:12:58] gemacht, diese Brücken hinauf vom Schrägaufzug

[00:13:00] Und die Brücken haben wir...

[00:13:02]  Zumindest bis zur zweiten Brücke haben wir uns getraut

[00:13:04]  da oben zu sein, und dann war es uns zu weit

[00:13:06]  zum zurück gehen, ned.

[00:13:08]  [unverständliches Gemurmel]

[00:13:10] Und, es war immer ein Wagenführer dabei,

[00:13:12]  aber da hat er es nicht immer bemerkt,

[00:13:14]  wenn da kleine Kinder hinten oben hängen

[00:13:16]  die hat er nicht gesehen.

[00:13:18] Er ist vorne gestanden. Und da war also ein Draht

[00:13:20]  und da hat er ein Stange gehabt

[00:13:22]  und da hat er können also das Signal geben,

[00:13:24]  dem Trommelführer,

[00:13:26]  dem Zugseil,

[00:13:28]  der Windenführer,

[00:13:30]  der oben am [unverständlich] war,

[00:13:32]  und hat das also dann stoppen können, hat

[00:13:34] das müssen signalisieren.

[00:13:36]  Und dieser Wagen war meistens begleitet,

[00:13:38]  und wie gesagt

[00:13:40] da hat man halt schauen müssen,

[00:13:42] dass man speziell,

[00:13:44] wenn er runtergefahren ist,

[00:13:46]  die also auf dem ganzen Abschnitt

[00:13:48]  überall hat er stehen bleiben müssen, überall hat er ausladen müssen,

[00:13:50]  dann war dieser Wagenführer wichtig,

[00:13:52]  aber wenn er durchgefahren ist,

[00:13:54]  dann hat niemand oben sein müssen

[00:13:56]  dann hat er unten aufgeladen und ist raufgefahren.

[00:13:58]  Einmal hat es sogar ein Ding gegeben einmal,

[00:14:00]  ein Seil-Riss und dann ist

[00:14:02] der Wagen mit dem Zement runter gedonnert.

[00:14:04]  Und der ist dann rein

[00:14:06] in die, das war so eine Grube

[00:14:08]  ähnlich wie bei der Hungerburgbahn, war auch so was ähnliches,

[00:14:10]  dass dieser Wagen in die Gruben rein ist

[00:14:12]  der ist da rein gedonnert

[00:14:14]  und die Säcke, die Zementsäcke

[00:14:16]  die sind alle geplatzt von dieser Wucht,

[00:14:18]  und da hat es dann also am Schilderhof,

[00:14:20]  und am Schilderweg oben eine riesen Staubwolke

[00:14:22]  gegeben. Das war unheimlich spannend

[00:14:24]  und ein bisschen grausig natürlich.

[00:14:26] [Tobias lacht]

[00:14:28] Manfred: Du hast ja den Schrägaufzug genannt,

[00:14:30]  aber es hat ja auch einen Zug geben,

[00:14:32]  der den 

[00:14:34] Hügel da, mehr oder weniger

[00:14:36] in den Abraum nach

[00:14:38] Westen abtransportiert hat. Paul: Heutzutage,

[00:14:40] haben sie die großen Muldenkipper, die

[00:14:42] die überdimensionierten Muldenkipper,

[00:14:44]  oder drei- oder vierachsige LKWs

[00:14:46]  damals

[00:14:48] waren diese kleinen Lkw, wo wir

[00:14:50] auch Kinder rauf sind,

[00:14:52] das war ein Wagen mit einer Pritsche

[00:14:54] mit zweieinhalb Meter Länge, der hat

[00:14:56] bei Nutzung vielleicht,

[00:14:58] dreieinhalb oder vier Tonnen gehabt ned.

[00:15:00]  da sind drei oder vier Autos immer gefahren

[00:15:02]  aus der Schule drüben

[00:15:04] hinüber zu der

[00:15:06]  Mischfabrik,

[00:15:08]  da waren zwei große Trommelmischer,

[00:15:10]  die also ständig versorgt wurden sind

[00:15:12]  mit Schotter und die Zement, ned.

[00:15:14] Zement hat er am [unverständlich]-Bahnhof

[00:15:16]  geholt immer,

[00:15:18]  und da haben wir als Buben auch mal mitfahren dürfen,

[00:15:20]  also. Einmal da haben sie Not 

[00:15:22] am Mann gehabt, dann hat eine Hand gefehlt,

[00:15:24]  dann haben sie dann gesagt, du packst das schon, du hilfst

[00:15:26] Zement aufladen.

[00:15:28]  Das waren 50 Kilo Sackerln, ned.

[00:15:30]  die waren ganz ordentlich.

[00:15:32] Waren wir jetzt... Manfred: Im Zug, der

[00:15:34]  der den Abraum weggebracht hat. Paul: Der

[00:15:36] Abraum-Zug, ja. Sie haben als erste dann

[00:15:38]  diese Bagger hinaufgeführt

[00:15:40] und der Bagger hat natürlich

[00:15:42]  den Ding abtragen können

[00:15:44]  und dann haben sie also immer

[00:15:46]  vom Bagger weg, Gleise angelegt

[00:15:48]  von dieser Baustelle

[00:15:50]  des abgetragenen Hügels. Die ganzen Geschichten

[00:15:52] abgetragenen. Und dieses Gleis ist hinten

[00:15:54]  nach Westen angelegt worden

[00:15:56]  Richtung Tuffbach hinüber

[00:15:58]  und da war früher die Wiese vom Rauch,

[00:16:00]  der Rauch hat auch

[00:16:02]  einen Pächter gehabt,

[00:16:04]  oder einen Bauernhof gehabt,

[00:16:06]  das war der Steiger Toni [Schreibweise ungewiss]

[00:16:08]  der oben im Rauch

[00:16:10]  oder ihr Areal,

[00:16:12]  sein Ding gehabt hat,

[00:16:14]  und der hat für den Rauch die Wiesen bewirtschaftet,

[00:16:16]  und das war eine große Rauchwiese,

[00:16:18]  da hinten sind wir als Kinder

[00:16:20]  auch Skifahren gewesen,

[00:16:22]  und das ist dann also verändert worden

[00:16:24]  durch den Abraum oder die Deponie

[00:16:26]  aus diesem Hügel.

[00:16:28] Und aus der Deponie

[00:16:30]  aus dem Auhub vom Speicherbecken.

[00:16:32] Die haben zuerst den Hügel eben gemacht,

[00:16:34]  und dann haben sie noch abgesenkt,

[00:16:36]  diese 15.000 und 10.000 Kubikmeter

[00:16:38]  und sind halt von den ???

[00:16:40] Und

[00:16:42] um das also weiter zu transportieren,

[00:16:44]  haben sie gehabt,

[00:16:46]  also diese Züge mit Dampflokomotiven,

[00:16:48]  sind auch die Bilder, die in diesen

[00:16:50] alten Alben drinnen.

[00:16:52] Und das war jeweils

[00:16:54]  zwei Dampflokomotiven, zwei

[00:16:56] Züge. Eine ist immer rausgefahren und ist entleert worden

[00:16:58]  und eine andere ist drinnen beladen worden von den zwei Baggern.

[00:17:00] Und

[00:17:02]  diese Lohen, die sind damals

[00:17:04]  geplant gewesen für das

[00:17:06] Kraftwerk Westtirol und der

[00:17:08] Innerebner hat da also offenbar schon die Hand ein bisschen

[00:17:10] draufgehabt. War da vorgesehen für das

[00:17:12] Westtirol Kraftwerk. Die sind vom 

[00:17:14] Ötztal runtergekommen. Die waren also...

[00:17:16]  Da war eine große Deponie

[00:17:18]  oben für Materialien drinnen

[00:17:20]  für den Bau der Westtiroler Kraftwerke

[00:17:22]  und

[00:17:24]  was ich mich erinnern kann,

[00:17:26]  sind die von da hierher gekommen,

[00:17:28]  und die sind dann halt da drüben mit aufgefahren,

[00:17:30]  diese zwei Züge, mit jeweils acht

[00:17:32]  so Kippladen und das waren schon große.

[00:17:34]  Kleine Lohen haben sie

[00:17:36]  gehabt für die, für den Beton

[00:17:38]  von der Betonfabrik

[00:17:40] hinüber zum Schrägaufzug,

[00:17:42]  und sie betonieren

[00:17:44]  der Speicherbecken Säulen, der Speicherbecken Wände

[00:17:46]  der Speicherbecken Boden, Speicherbecken Decke

[00:17:48]  und das haben sie also

[00:17:50]  mit kleinen Lohen durch die Gegend

[00:17:52] hin und her geführt.

[00:17:54]  Es waren zweierlei Spurweiten oben,

[00:17:56] eine kleine für den kleinen Betrieb,

[00:17:58] oder auch für die Stollen. Die Stollen sind

[00:18:00] mit der anderen Spurweiten gefahren. [unverständlich]

[00:18:02] Dampflokomotive war ganz oben, war ein Kaliber, ned.

[00:18:04]  Und diese

[00:18:06]  Bagger damals, da hat der Bagger

[00:18:08] oder der Baggerführer hat einen Schmierer gehabt

[00:18:10]  und der Lokführer hat einen

[00:18:12] Lokführer gehabt und dann

[00:18:14] einen zweiten Techniker, der auch wieder geschmiert hat.

[00:18:16] Die Starterbüchse nachgedreht,

[00:18:18]  [unverständlich]

[00:18:20]  da war also immer ständig was. Dampflokomotive

[00:18:22] die braucht Kohle, die braucht das Wasser ned.

[00:18:24] Und da hat man also...

[00:18:26] Das hat nicht alles der Lokführer gemacht,

[00:18:28]  das ist ein Helfer, hat dem

[00:18:30]  da assistiert, ned. Und

[00:18:32] war also lebendiges Klima

[00:18:34] da drüben mein ich.

[00:18:36] Manfred: Und ihr habt euch auf der Baustelle also

[00:18:38]  frei, mehr oder weniger, bewegen können,

[00:18:40]  oder auch so Freundschaft, oder Kontakt

[00:18:42]  mit den Bauarbeitern geschlossen, und die haben euch dann...

[00:18:44]  oder mit... Paul: Das waren also

[00:18:46] [unverständlich]. Manfred: Ah ok. Paul: Waren wilde Burschen,

[00:18:48]  wir sind da in den

[00:18:50] Dingern da rein, [es gibt noch so]

[00:18:52] Bilder wo diese

[00:18:54] Barracken da waren, da waren drei, vier Barracken

[00:18:56]  oben, über dem Schillerhof [Schreibweise ungewiss]

[00:18:58]  und da ist es eher rau zu gegangen.

[00:19:00] Die haben also gesoffen am Abend

[00:19:02]  oder am Wochenende,

[00:19:04]  wenn die Dekane aus waren,

[00:19:06]  oder die Freizeit da war,

[00:19:08]  aber

[00:19:10]  wir haben Kontakt gehabt mit den Frächtern zum Beispiel,

[00:19:12]  das war der

[00:19:14] Neuhauser aus Hötting, oder 

[00:19:16]  die Gebrüder Pohl [Schreibweise ungewiss].

[00:19:18]  Die waren mit so einem Mercedes LKW

[00:19:20]  sind die gefahren und die sind immer

[00:19:22]  zum jetzigen Schießstand hingefahren,

[00:19:24]  das war damals ein großer Schottergrund,

[00:19:26]  und der ganze Schotter für die

[00:19:28]  Betonbecken, Speicherbecken

[00:19:30]  ist von dieser Grube,

[00:19:32]  die heute also der Schießstand ist, ist das da

[00:19:34]  entnommen worden. Und wir haben, also speziell mit anderen, wie soll es sein, angefreundet, wir haben

[00:19:40]  also dürfen auf den Trittbrettern oben, ich bin schon früh raufgestiegen, und habe mich [unverständlich]

[00:19:46] und ich habe mich da mit dem Ellbogen reingehängt und da habe ich von der Schule da, [unverständlich]

[00:19:50] heimgeführt, das war ein mords Ding, ned. Oder auch die Bauern,

[00:19:56] der [unverständlich] die mit... die haben Felder unten gehabt, in der Gegend vom olympischen Dorf

[00:20:00]  und haben also ihre Ernte, Heu oder irgendwas, eingebracht und die sind dann da mit ihrem

[00:20:07] Ausfuhrwerk da raufgefahren. Und der [unverständlich] hat besonders schöne Pferde gehabt, die sind

[00:20:13]  natürlich auch da rauf. Der Zoller-Bauer oder der Waldner hat nur ein einziges gehabt,

[00:20:18]  das war ein großes, irgendwie so ein Noriker-Typ. Der Gundolf oben, der hat Kühe gehabt,

[00:20:23]  das war eine auffällige Mischung, wenn mal ein Heuwagen mit Kühen die Holzgasse rauf gezogen hat.

[00:20:27] Ziehen hat müssen. Und eben der Gstier, der da hinten herkommt vom

[00:20:33]  Lebensmittel war, der Gstier Heinz. Der Heinz, der junge, der war mit uns in der Volksschule und

[00:20:39]  gemeinsam mit dem Holzbauer Klaus, war er ein bisschen älter und mit Arzl Robert, [unverständlich]

[00:20:44] dabei damals. Aber in den Stallungen vom Gstier waren wir drin, der hat

[00:20:49]  also zwei schöne Pferde gehabt, der hat sie immer gehabt mit den Haflinger. Er hat auch oben neben

[00:20:54]  der Weingartner-Villa eine Wiese gepachtet und da hat er die Haflinger dann also frei grasen, laufen gehabt

[00:21:00] oder einen Zaun gemacht und hat die da oben laufen lassen, so wie man halt Pferde auf der Alm oder der Wiese 

[00:21:07] halt hat. Und meine Großeltern haben den Gstier gekannt und den Obertanner

[00:21:14]  da vis-à-vis drüben, und der Gstier hat sie damals, also die Großeltern haben da 50. Hochzeitstag gehabt

[00:21:22]  und der Gstier war so nett und hat die Großeltern dann in Wilten oben abgeholt und hat sie in die

[00:21:27]  die Basilika gefahren, zur goldenen Hochzeit, ned. Und hat nichts dafür verlangt, sondern es war

[00:21:32]  eine Ehre, denn Johann Wilhelm, den [unverständlich] mit seiner Frau zur goldenen Hochzeit

[00:21:37]  zu fahren. Gefeiert haben sie dann oben. Gasthof Waldheim, in der Hungerburg war das oben

[00:21:42] das war da, wo heute der Wildmann ist, oberhalb, da hat es einen schönes Waldgasthaus gegeben,

[00:21:47]  und da haben wir die goldene Hochzeit von der Großeltern dann gefeiert. Dann, nach der Volksschule,

[00:21:54]  bin ich, das heißt, Hauptschulzeit bis zur Gewerbeschulzeit bin ich dann noch da oben

[00:22:01]  gewesen und mein Schulweg war also immer zu Fuß, der Vater hat mir keine Monatskarten gekauft,

[00:22:07]  oder so, sondern hat mich in die ehemalige Schirmschule [Schreibweise ungewiss] oder heutige Rennerschule,

[00:22:11]  zu Fuß gehen lassen, was mir ja nicht geschadet hat. Weil, dadurch hat man schon eine

[00:22:16]  Basiskondition für spätere, bergsteigerische Tätigkeit gehabt. Mit 14, 15 Jahren, bin ich zum

[00:22:22]  Alpenverein zur Alpenvereinsjugend oder Jugendschaft gekommen und da habe ich dann

[00:22:27]  also gut radeln können und gut gehen können, ned. Da hat man... War man dann schon gerüstet ordentliche

[00:22:32]  Touren. Klettern hat man dann angefangen auch und so. Und dann sind wir eben, wie es

[00:22:37]  zu klein geworden ist, die Brigitte war damals [19]49 geboren, die ist genau 10 Jahre jünger als ich

[00:22:43]  und die Brigitte, das ist halt dann zu eng geworden. Zuerst hat die Brigitte noch bei den

[00:22:49]  Eltern drin geschlafen und dann. Ich habe mit meiner Schwester im Wohnzimmer

[00:22:54]  auf der Eckbank geschlafen so. Fuß gegen Fuß haben wir... Sind wir da in der Ecke drin gelegen

[00:22:59]  und wie dann die Brigitte nicht mehr bei den Eltern schlafen konnten, weil es zu klein war,

[00:23:03]  hat der Vater die neue Wohnung gekauft in der Gumpstraße, Amraserstraße. Und da haben wir auch wieder

[00:23:11] da war... Reich war niemand damals, das ist damals am Anfang der 50er Jahre gewesen,

[00:23:16]  da hat die Stadt oder städtische Bedienstete da draußen, haben sich zusammengetan

[00:23:23]  und Wohnungseigentum gegründet und haben die Ziegel, haben sie vom Bombenbeschädigten,

[00:23:29]  Fleischbankgebäude, das drüben ist da am Marktplatz, jetzt wo die jungen Leute auf dem Boden hocken, ned.

[00:23:36] Dort ist dieses Fleischbankgebäude gewesen, da waren die Metzger dran, Rosenmetzger,

[00:23:44]  Mittermeier und Meier [Schreibweise der Namen ungewiss] und [die] Metzger haben einen eigenen Kühlraum dort gehabt und eigene

[00:23:49]  Stände drin und vorne draußen war der allgemeine Marktplatz, ned. Aber jedenfalls diese Bombenziegel

[00:23:55] die haben sie uns da rausgeführt in die Amraserstraße und abends nach

[00:23:59] nach der Schule oder die Eltern oder der Vater nach der Arbeit, sind wir alle,

[00:24:04]  die Väter und die Kinder, die ich halt können konnten haben, mit dem Maurerkram da gehockt und haben,

[00:24:09]  den Mörtel abgeschlagen von den Ziegel, aus denen das Haus Amraserstraße 23 dann gebaut

[00:24:14]  wurde. Steht aber heute noch, dieses Haus. Es ist also halbwegs ordentlich gebaut und

[00:24:20]  die Fenster, was ich weiß sind auch noch aus der Zeit drin und damals war die Holzqualität

[00:24:25]  besser, hat man das Holz im Zeichen geschlagen oder was immer. Matthias: Aber dein Vater war dann bei

[00:24:29]  der Stadt praktisch? Wenn... Paul: Er war bei der Stadt, ja. Matthias: In welchem... Paul: Er war also beim Marktamt, er war Marktamt-Leiter schon in der Nazi-Zeit,

[00:24:42]  dann danach war er nicht mehr dort und dann ist aber irgendwann wieder "entnazifiziert" worden oder

[00:24:48]  was und ist wieder eingestellt worden und war dann bis zur Pension am Inneren. Matthias: Und in

[00:24:54] Pradl, das Leben, also von Mühlau [Paul hustet] nach Pradl verpflanzt zu werden. Paul: Ja, aber in Pradl bin ich nie heimisch gewesen. Matthias:

[00:25:00] nicht? Paul: Weil ich meine Heimat war, war die Leonhardskriche [Schreibweise ungewiss] da und danach hat man

[00:25:05]  die Kirche nicht mehr gehabt und ich glaub, als 14-jähriger bin ich am Sonntag auf den Berg gegangen

[00:25:11]  und nicht in die Kirche und da hat also dann auch meine spätere, bergsteigerische

[00:25:17]  Parallellaufbahn angefangen. Ich bin immer mein ganzes Leben in den Ferien, im Pitztal

[00:25:23] drin gewesen, auf der Kaunergrathütte und hab dort also in der Bergsteigerschule mit-

[00:25:29]  gearbeitet. Und das verfolgt mich noch bis heute, weil also Bergführer von der... Die Hütte war, ist ja so gewesen von der Akademischen

[00:25:38]  Sektion Graz die Kaunergrathütte, auf 2800 Meter irgendwas und die hat... Ist also immer bedient

[00:25:46]  worden, die Akademische Sektion hat dort die Bergsteigerschule betrieben und die Führer,

[00:25:52]  das waren meistens kletternde Studenten aus der Sektion Graz. Und mit denen bin ich

[00:25:59]  ja so viel in den Ötztaler Bergen unterwegs gewesen, auch ein bisschen was in den Schweizer,

[00:26:06]  in den Alpen draußen und habe aber heute noch Verbindung, die Kaunergrat-Runde gibt's

[00:26:11]  auch noch was weiß ich, da waren vielleicht 15 Bergführer im Laufe von 30 Jahren, wo ich

[00:26:16]  war von [19]54 bis Ende der 80er-Jahre oben, also im Sommer immer, in meiner Freizeit aus der

[00:26:24] Tätigkeit im Schichtdienst hat man also zusammengelegt und nicht auszahlen lassen, sondern als

[00:26:30] Zeit Ausgleich genommen und das heißt ich bin also mindestens drei Wochen im Sommer immer

[00:26:35] auf den Berg gegangen, mit Holländern, Holländischen Jugendgruppen oder mit Holländer Allgemein. Der Königliche

[00:26:41] Niederländischen Alpenverein hat dort, also fast alle Bergsteiger vom Königlichen-Niederländischen Bergsteigerverein ist in die Bergsteiger-Schule

[00:26:47]  in der Akademischen-Sektion im Wipptal drinnen gegangen. Mit denen haben wir also sehr schöne Touren gemacht

[00:26:53]  und wie schon gesagt, [mit den] Führern habe ich heute noch Kontakt. Jetzt habe ich gerade einmal anlässlich eines Begräbnisses

[00:27:01] einer ist in Graz gestorben, der war beim AFL, das ist die Firma List,

[00:27:06]  die ja groß für BMW und Mercedes, Motoren entwickelt. Der ist jetzt einmal gestorben und da

[00:27:14]  waren wir beieinander und dann sind wir darauf kommen, wir sind von ehemals vielleicht

[00:27:19] 12 oder 15 Leuten, die in diesen Jahrzehnten beieinander waren und mit Leuten auf den Berg gegangen

[00:27:25]  sind, sind also jetzt noch fünf bis sechs da. Und da hat ein rühriger Tourist,

[00:27:32] der ist 30 Jahre lang auf diese Hütte gegangen und hat immer diese Kruse besucht,

[00:27:37]  halt wiederholt und hat auch selber Touren gemacht und diese Bergsteiger-Schule hat auch Touren

[00:27:43]  im Waldis [Schreibweise ungewiss] gemacht, in der Dauphiné, im Mont-Blanc, im Berg-Eller und der hat ein Tourenbuch

[00:27:49]  angefertigt, da über diese Zeit mit Bildern und ich habe auch... Nach dem Begräbnis in

[00:27:55]  Graz, bin bei der Tochter von dem Hüttenwirt, bin ich, bin ich vorbeigekommen und habe

[00:28:02]  mit der geredet, ist auch schon eine ältere Dame und die hat gesagt, ich habe ein Buch aus der Zeit von

[00:28:08] einem Touristen, der das meiner Mutter einmal zugeeignet hat und das waren hundert Seiten mit

[00:28:15]  Tourenberichten und vor allem garniert mit Fotos und da hat man sich also selber und beziehungsweise

[00:28:22]  mit Läufern oder anderen Führern, die da oben waren, gefunden und ich habe sie jetzt gerade

[00:28:29]  einmal beim Ding, bei einer Kopieranstalt dieses Buch vervielfältigt und habe also diesen noch

[00:28:36] Lebenden, wie gesagt, sechs sind normal gestorben, zwei sind standesgemäß am Berg abgestürzt

[00:28:41]  und viele sind noch da, denen habe ich also diese Kopien geschickt und die freuen

[00:28:47]  sich schon darauf, die haben es noch gar nicht gekriegt und sind gerade im Moment am Postweg.

[00:28:50] Ja aber jedenfalls bin ich nach den Eltern zu den Stadtwerken gegangen und die

[00:28:58]  haben mich als erste Mal in die Stationsabteilung und dann haben sie mich geschickt in die obere

[00:29:04]  Sill hinein und das war dann im Jahr [mit heiserer Stimme]1960, 1961. 1961 bin ich dort hingekommen, da ist gerade

[00:29:11]  die Europabrücke gebaut worden, das war wieder sehr interessant. Wir waren die ersten die

[00:29:16]  also dann den Pfeiler innen aufgestiegen sind, da war noch keine Brücke da, da oben

[00:29:20]  waren nur einmal, diese Pfeiler sind ja dreiteilig ned. Und der Schwerpunkt, das geht ja 40 Meter

[00:29:26] hinunter und 190 Meter rauf und 40 Meter runter und das ist wie ein Stehaufmännchen, der Schwerpunkt von der Säule ist unter der Erde,

[00:29:33] unsichtbar drinnen. Und außen... Innen in der Mittelsäule ist eine Stiege [Dialekt für Treppe] raufgegangen

[00:29:40]  und oben war dann einmal, bevor die Brücke gekommen ist, so ein Bretterdach, das war so abschüssig

[00:29:45] dann sind wir raus, da sind wir halt vorsichtig da raus gerobbt, am Bauch und haben halt dann da runter geschaut [Tobias lacht kurz] Und

[00:29:53]  dann haben wir erlebt, also wir, also die Voest und die Waagner-Biro, also nicht wir sondern

[00:29:58]  ich habe es erlebt in der oberen Sill drinnen, die die Brücken vorgeschoben haben, wie sie

[00:30:02]  das zusammen getan haben. Und dann war einmal dieser tragische Vorfall, wo drei Leute von der

[00:30:07]  Waagner-Biro mit einer Platte runter gefallen sind auf die, auf die... Am Schönberg oben, oberhalb der Schönberstraße sind die dann

[00:30:14]  gelegen, das war also [ein] sehr einschneidender Moment für den Bau der Europabrücke.

[00:30:21] Die Voest ist also glaube ich unfallfrei durchgekommen, die Waagner-Biro hat dann auf

[00:30:24] einen Schlag drei Tote gehabt ned. Da hat er so... Da sind diese zwei Längsträger und

[00:30:30]  da haben sie immer so Platten eingesetzt dann und da haben sie dann so gewartet immer 

[00:30:34]  wenn ein Loch kommt, dann haben sie immer einen Stift, einen Basstift [Schreibweise ungewiss] rein getan und dann die

[00:30:38]  Schrauben. Und dann haben sie gesagt, jetzt kommt er gleich und dann war es aber, das war

[00:30:41] aber schon die Luft und das war nicht mehr das Loch, und durch [unverständlich] sind die

[00:30:44]  drei Männer, die auf der Platte gestanden sind runter gefallen. Und früher hat man ja nie

[00:30:49]  jemanden angehängt. Heute darfst du, wenn du zwei Meter rauf gehst, dann musst du fast schon

[00:30:53]  einen Sicherheitsgurt anlegen und anhängen. Damals war das halt nicht so, dass da

[00:30:57]  jeder angehängt ist, ned. Heute siehst du bei fast allen großen Baustellen, siehst wenn sie einen Masten

[00:31:02] raufgehen, haben sie immer die großen Haken mit und so geht es, zack, zack, zack,

[00:31:06]  zack, immer hängen sie rein, wie die Leute am Klettersteig, ned. Keinen Moment

[00:31:10]  ungesichert. Immer, immer mit, mit irgendwie mit einem festen Punkt verbunden. Das war damals

[00:31:16]  eben nicht so. Matthias: Und wie war der Dienst im Kraftwerk? Also, wie kann man sich da so

[00:31:21]  einen typischen Arbeitstag vorstellen? Paul: Die Kraftwerke haben früher einen... Ein Kraftwerk liegt

[00:31:28]  an einem Bach oder in dem Fall, wieder... Ein Sonderfall mit

[00:31:34]  Quellfassung an der Sill. Und da waren ein Schleusenwärter immer

[00:31:38] drinnen, da war ein Turbinenwart in der Maschinenhalle, zum Teil Maschinenwart,

[00:31:43] zum Teil Turbinenwart, und da war ein Mann in der Schaltwarte und ein Techniker hat

[00:31:47]  zusätzliche Anwesenheit gehabt. Wenn irgendetwas ist im Netz, oder so Netzstörung,

[00:31:51]  höher rangige Störungen, wurden also nicht vom Schaltwart oder vom Maschinenwart,

[00:31:59]  das waren einfach Leute, der hat jeden Abend die Halle ausputzen müssen,

[00:32:03]  und der hat müssen schauen, dass in den Lagern Öl drinnen ist, oder... Im Wesentlichen war

[00:32:08]  der mit Putz-Arbeiten beschäftigt, der andere war mit Schreibarbeiten beschäftigt, der hat

[00:32:12]  alle halbe Stunden müssen ein anderen Meter ablesen oder ein Voltmeter ablesen oder einen Temperaturmesser,

[00:32:17]  und da sind solche Bögen gewesen, und die hat man dann zweimal in der Woche in

[00:32:23]  die Direktion getragen, zu seinem Betriebsleiter, oder sein Stellvertreter,

[00:32:27]  hat da ein Band drum gemacht, und hat das dem... Der Direktor hat geschaut, ob diese Werte... Ob Besonderheiten,

[00:32:33]  vermerkt sind, da war eine Rubrik, wo man Besonderheiten vermerkt hat, ob die Werte normal sind

[00:32:38]  und ob die Erzeugung, die Kilowatt Stunden, also passen. In der Statistik hat man da geschaut, ja

[00:32:45]  im Jahr haben sie so viel erzeugt, das sind ja ein bisschen variable Werte. In Mühlau

[00:32:49]  sind sie relativ konstant, aber in den Sill-Kraftwerken, ist es je nach Wasser oder je nach Ding,

[00:32:55]  manchmal ist es in der Schmelzwasserzeit, da geht alles über, da kannst es gar nicht

[00:32:59]  schlucken, und wenn es gleichmäßig kommt, oder gleichmäßig regnet in den Herbst rein,

[00:33:04]  dann hast eine schöne Wasserführung, dann hast auch einen schönen Jahreskilowatt-Stundenwert

[00:33:08] zusammengebracht, ned.

[00:33:10]  Ja, und da war ich ja dann in der oberen Sill drinnen, und dann war in Mühlau drüben

[00:33:17]  ist jemand in Pension gegangen, oder was ich glaub, der Erich ist in Pension gegangen,

[00:33:20] damals, der damals als neuer Werksleiter, das Mühlauer Werk übernommen hat, das war auch eine Geschichte, die

[00:33:28]  überraschend war mit der großen Lawine drinnen, die das alte Mühlauer Werk [unverständlich] hat,

[00:33:32]  dann haben sie das andere, war fast fertig, das haben sie beschleunigt in Betrieb genommen,

[00:33:36]  damit sie sowohl Strom wieder haben, es ist ja nicht gegangen. Die Stromerzeugung ist ihnen

[00:33:41] ja ausgefallen. Dann, da sind ja schöne Bilder drinnen von dieser Lawine, und da ist sozusagen

[00:33:46]  die Maschinenhalle und die Generatorhalle, eineinhalb Meter im nassen Schlamm gewesen.

[00:33:52] Und die Maschinen waren kaputt, und die Turbinen und die Regler waren auch [kaputt].

[00:33:56]  Maschinen sind also, glaube ich, eine davon... Ein Generator ist nach Wien gekommen,

[00:34:00]  in das Technische Museum, und da war er auch mal eine Zeit lang ausgestellt, und dann

[00:34:04]  wollte ich ihn mal anschauen gehen, und dann haben sie gesagt, nein den haben wir nicht mehr da, wir haben jetzt eine

[00:34:08]  Maschine vom Ruetz-Werk drinnen. Die Stadtwerke haben ihnen wieder eine geschenkt, das war die

[00:34:13]  Maschine vom Ruetz-Werk dann, ned. Das Ruetz-Werk ist ja auch so, irgendwann einmal in den 60er Jahren

[00:34:19] neu gebaut wurden, das war auch, die Stollen waren im miserablen Zustand, und die Maschinen und

[00:34:24]  Leistungen haben also, das Wasser zu wenig ausgeliefert, dann haben sie also, dieses Schachtkraftwerk

[00:34:29]  in Fulpmes gemacht, ned. Wo sie ja so große Schwierigkeiten gehabt haben. Da war Schwimmschotter, und

[00:34:35]  die haben müssen da 170 Meter in die Tiefe hinunter in den Schwimmschotter, was nicht

[00:34:39]  geht, dann haben sie also tief gefroren das Ganze, und wie das gefroren war, hat man den Schacht vortreiben

[00:34:44]  können. Also früher ist der Schacht... Da hat es einen Stollen gegeben, der ist gegangen,

[00:34:50]  rechtsufrig, also aber grafisch rechts, von der Ruetz, hinaus bis hinter die Europabrücke

[00:34:56] da ist oben die Kapelle, und da sind damals vom "Generiel" [Firmenname] geplant, [unverständlich]

[00:35:03]  Wasserschlösser für die zwei Kraftwerke, für das Sillwerk und das Ruetz-Werk. Beide hat der

[00:35:07] Riel gebaut, ned. Und die Wasserschlösser sind auf selber Höhe, und da hat man ein Verbindungsstollen

[00:35:14]  gebaut. Das haben sie… Das ist nach wie vor in Betrieb, der Verbindungsstollen zwischen diesen

[00:35:18] zwei Kraftwerken, und zwar die Bundesbahn hat diese Neu-Trassierung gemacht statt am Hang hinaus,

[00:35:26]  und dann einen Kraft-Abstieg, per Rohrleitung hinunter, haben sie also jetzt also in Fulpmes das Schachtkraftwerk,

[00:35:33]  und einen eigenen Stollen, einen neuen Stollen hinaus zum jetzigen Sillwerk in

[00:35:37]  die Stadtwerke.

[00:35:38]  Und die Stadtwerke haben dieses Kraftwerk übernommen, und haben sagen uns ist das gerade

[00:35:42]  recht, die haben damals den Stollen vergrößert, in dem Hunger nach Energie, hat man also

[00:35:49]  der Speicher in der unteren Sill mit 30.000 Kubikmeter war zu klein für die Stadt, hat man den Stollen

[00:35:55]  gebaut, der Speicherbecken hat ein Gefälle von 100 Meter, und in der obere Sill haben

[00:36:01]  sie Gefälle von 180 Meter. Und jetzt dann den Stollen von Matrei ein bisschen größer machen, und dasselbe

[00:36:07]  Stollen-Volumen zusammenbringen durch die Vergrößerung vom Querschnitt, wie vom

[00:36:11]  Speicher oben in der unteren Sill. Dann habe ich ja eine dreifache... die doppelte Menge, durch die doppelte 

[00:36:19] Fallhöhe, und das Wasser kommt man ja dann zu gute noch in der unteren Sill, ned. Wenn ich es da

[00:36:23]  oben speichere, geht es über zwei Stufen dann in den Stollen.

[00:36:26]  Ja, jedenfalls so hat sich dann dieser Kraftwerksbetrieb abgespielt, und ich bin also dann also

[00:36:35]  3 Jahre in Mühlau oben gewesen, und dann haben sie die untere Sill gebaut, und die Stadtwerke

[00:36:38]  haben mich dann da hinüber geordert. Hin in die Turbinenaufstellung. Vom Turbinen aufstellen, war ich dann drüben im

[00:36:44]  [unverständlich] bin ich bis zur Pension geblieben, und dort sind auch Wohnhäuser entstanden, und in

[00:36:48]  diesen Wohnhäusern da lebe ich als Pensionist heute noch drinnen.

[00:36:52] Matthias: Und gibt es etwas Besonderes aus der Dienstzeit jetzt noch, also ein besonderes Erlebnis?

[00:36:57] Paul: Naja, ein Erlebnis, sagen wir, ist, sagen wir, in Mühlau drüben, da hat einmal ein Jäger

[00:37:02]  im Schabernitz die Leitung abgeschossen [Tobias lacht kurz], dann ist ganz Innsbruck ohne Strom gewesen.

[00:37:06] Weil im Winter ist also die [unverständlich] auch klein gewesen, und wir haben für die Bayern

[00:37:10]  bezogen, und dann ist ja, das sind die Bayern auch, und dann war es dunkel.

[00:37:14]  Dann bist du im Dienstzimmer, dann musst du schauen, geht die Straßenbeleuchtung vielleicht

[00:37:18]  nicht mehr. Das Dienstzimmer war im alten Werk, und das neue Werk hat kein Dienstzimmer

[00:37:22]  gehabt praktisch, und da bin ich dann hin gegangen, und ich habe dann also geschaut, wieder,

[00:37:28]  die Maschinen fallen aus ned, und dann muss die Maschine wieder auffahren, muss die wieder

[00:37:32]  ans Netz nehmen und die Verbindung mit der Zentralwarte, muss dann das ganze Netz wieder aufbauen.

[00:37:36]  Das ist auch, mir einmal passiert in der unteren Siedlung, da ist irgendwo durch ein Bauteilbrand,

[00:37:46]  der elektrische Wandler von der Sägemaschine, hat gebrannt, und wenn die Sägemaschine,

[00:37:50] die ist, eh für die Sägemaschine [die] Messung zuständig, und wenn der brennt dann [unverständlich] Sägemaschine

[00:37:54]  dann bist auch weg vom Fenster. Ansonsten sind wir nur da gewesen, im Winter, wenn Niederwasserzeit

[00:38:01]  ist und von den drei Maschinen eine frei war. Die Maschinen instand zu halten, und schauen,

[00:38:05]  dass sie möglichst nicht ausfallen, ned. Und das ist uns auch gut gelungen immer, ned. Also früher

[00:38:10]  mit Eigenpersonal, heute haben ich noch ein bisschen lockere Verbindungen da hinüber, jetzt tun sie

[00:38:16]  alles vergeben, das wird alles an Firmen vergeben. Früher hat man so einen Leute gehabt,

[00:38:20]  so Werkmeister drinnen, die haben die Maschinen bis in die letzte Scheibe gut gekannt,

[00:38:25]  und heutzutage ist das halt auch nicht mehr.

[00:38:28]  [Outro-Musik]

[00:38:52]

[00:38:54]

[00:39:04]

[00:39:07]

Zeitzeugengespräch Gertrud Egger

Zeitzeugengespräch Gertrud Egger

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00] Gertrud: Und dann haben wir noch einen Metzger in der Nähe gehabt, in der Höttinger Au.

[00:00:04]  Und da sind wir hingegangen.

[00:00:06]  Und dann haben wir gesagt, wenn die Mama kommt, dann sollen sie sagen, sie haben kein "Beuschl" [Dialekt für Kalbsinnereien]

[00:00:13] Weil das haben wir ja nicht gemocht.

[00:00:29] [Intro-Musik] Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur zweiten Folge der zweiten Staffel von Archivwürdig,

[00:00:33]  dem Podcast des Innsbrucker Stadtarchivs.

[00:00:36]  Heute hören Sie Ausschnitte von unserem Besuch bei Gertrud Egger.

[00:00:40]  Gertrud Egger wurde 1926 in Innsbruck geboren und spricht mit uns unter anderem über ihre Kindheit in der Höttinger Au,

[00:00:46]  ihre Arbeitseinsätze während des Zweiten Weltkriegs, ganz generell wie man den Alltag bewältigte

[00:00:52]  und was man mit der Familie früher alles unternommen hat.

[00:00:55]  Bei der Aufzeichnung, die wir bei Frau Egger vor Ort gemacht haben, waren auch ihr Sohn,

[00:00:59]  sowie mein Kollege Matthias Egger und ich anwesend.

[00:01:03]  So viel sei vorab erwähnt und nun gebe ich dir direkt über in die Aufzeichnung.

[00:01:09] Gertrud: Also ich bin die Gertrud Egger, als zweites Kind meiner Eltern geboren.

[00:01:16]  Mein Vater hätte sich sehnlichst einen Buben gewünscht.

[00:01:21] Aber wie er mich dann erlebt hat, hat er gesagt, für zehn Buben gibt er mich nicht mehr her.

[00:01:27]  Und dann sind wir aufgewachsen in der Höttinger Au 24

[00:01:34]  und wir Kinder waren im Kabinett untergebracht

[00:01:38]  und es war aber so klein, dass mein Vater die Tür aushängen hat müssen

[00:01:45]  und hat eine Vorhang gemacht.

[00:01:48]  Und ich war relativ lang im "Bettstattl" [Dialekt für Kinderbett] und meine Schwester hat einen Divan gehabt.

[00:01:57]  Trotzdem haben wir eine ausgesprochen glückliche Kindheit gehabt.

[00:02:05]  Meine Eltern, also mein Vater war kein Großverdiener, der war Beamter,

[00:02:11]  aber wir durften schon früh selber Eislaufen gehen, Skifahren gehen.

[00:02:21]  Wir haben Klavierunterricht gehabt bei der Frau Helf-Hübler von Alpenheim.

[00:02:31]  Also wir haben als Kinder, obwohl unser Vater ein Beamter war,

[00:02:39]  haben wir eigentlich eine reiche Kindheit gehabt.

[00:02:42]  Skifahren sind wir von zu Hause mit den Brettern am Buckel,

[00:02:48]  sind wir hinauf gegangen bis auf die Mutterer Alm.

[00:02:53]  Aufs Frimmes hinauf war schon fast zu weit

[00:02:58]  und da waren so ausgetretene Stapfen schon im Knie... Eh, im Schnee.

[00:03:06]  Also bis zum Nockhof sind wir dann gegangen und einmal heruntergefahren,

[00:03:12]  aber das fast bis vor die Haustür und das war ganz lustig.

[00:03:18]  Aber wie gesagt einmal und einmal herunter.

[00:03:23]  Und das wildeste war der Brennerschuss.

[00:03:27] Ich weiß nicht, ob Sie sich das vorstellen können.

[00:03:31]  Da ist man über die Wiese von Mutters nachher runtergefahren

[00:03:36]  und dann ist man bis zur Brennerstraße gekommen,

[00:03:39]  hat die Brennerstraße gequert und dann war der sogenannte Brennerschuss,

[00:03:46]  die Ferrari-Wiesen oder wie man das...

[00:03:49]  Ja und da sind die Leute gestanden und haben schon geschaut, wie man geflogen ist.

[00:03:55]  Aber trotzdem war das Skifahren fein und das haben unsere Eltern,

[00:04:02]  obwohl mein Vater einfacher oder kein großer Beamter war, alles machen dürfen.

[00:04:09] Matthias: Was hat es in der Höttinger Au für Geschäfte gegeben

[00:04:14]  oder für Treffpunkte für die Kinder, wo man so Süßigkeiten, Kiosk... Gertrud: Nein. Matthias: ...gegeben, wo man sich...?

[00:04:19] Gertrud: Wir haben in der Nähe ein kleines Geschäft gehabt,

[00:04:23]  die Schweizer hat der geheißen und da haben wir selber einkaufen gehen dürfen.

[00:04:29]  Oder, und dann haben wir noch einen Metzger in der Nähe gehabt, in der Hüttinger Au

[00:04:35]  Und da sind wir hingegangen und dann haben wir gesagt, wenn die Mama kommt,

[00:04:40]  dann sollen sie sagen, sie haben kein Beuschl.

[00:04:44]  Weil das haben wir nicht mögen. [Tobias lacht]

[00:04:47]  Und wie meine Mama einkaufen gegangen ist,

[00:04:53]  dann haben sie gesagt, moi Frau Egger, kaufen sie keinen.

[00:04:57]  Die Kinderlein waren bei uns und haben gebeten,

[00:05:02]  wir sollen sagen, wir haben keins.

[00:05:05]  So war es.

[00:05:07]  Und Kindergarten gegangen sind wir in die Stadt.

[00:05:11]  Da war jetzt meine Schwieger-Enkelin arbeitet,

[00:05:18]  weil meine Eltern der Meinung waren,

[00:05:23]  wir sollen ordentlich sprechen lernen.

[00:05:29]  Dann sind wir in die Stadt zum Kindergarten gekommen.

[00:05:33]  Und Schule haben sie mich auch ins Pädagogium geschickt in die Stadt.

[00:05:41]  Und da habe ich eine Lehrerin gehabt, die Frau Prof. Krug.

[00:05:46]  Und die hat uns Kindern gleich einmal am Anfang,

[00:05:50]  also wie man in die Schule gekommen sind, hat sie gesagt,

[00:05:54]  ich bin eure Mutter Ute.

[00:05:58]  Die war so eine wunderbare Lehrerin.

[00:06:02]  Und meine Schulzeit im Kindergarten, eh also nicht im Kindergarten, im Pädagogium,

[00:06:10]  da haben wir einen Religionslehrer, den Prof. Mitterer gehabt.

[00:06:16]  Bei dem bin ich dann auch zur Erstkommunion und Firmung vorbereitet worden.

[00:06:24]  Jetzt sind die Vorbereitung zur Erstkommunion.

[00:06:28]  Ich habe von meiner Hauschneiderin, nicht meiner, die Hauschneiderin meiner Eltern,

[00:06:34]  ein ganz schönes Kleid gekriegt, aber kurz, weißes Kleid.

[00:06:39]  Und ich habe Zöpfe gehabt.

[00:06:43]  Und ich habe müssen schlafen mit Stopsellocken.

[00:06:48]  Das sagt Ihnen heute nichts mehr.

[00:06:51]  Man hat mir die Haare mit Papier aufgedreht.

[00:06:59]  Und mit diesen Knöpfe am Kopf habe ich müssen schlafen,

[00:07:04]  dass ich in der Früh Locken gehabt habe.

[00:07:08]  Aber schön war ich.

[00:07:10]  Ja, das war ein wunderschönes Fest.

[00:07:13]  Und zur Firmung sind wir ins ...

[00:07:18]  Wie heißt das da beim Halltal Eingang?

[00:07:22] Matthias: Magdalener?

[00:07:23] Gertrud: Nein, weiter draußen. Männliche Stimmer: [unverständlich]

[00:07:25]  Ja, in das Gasthaus gegangen.

[00:07:28]  Und das war es.

[00:07:31]  Aber trotzdem war es schön und ein Fest.

[00:07:36]  Und es war ja Erstkommunion und Firmung hintereinander im Gleichen.

[00:07:43]  Ja, und dann habe ich das gleiche Gewand [Dialekt für Kleidung] gehabt.

[00:07:47]  Aber einmal Stopsellocken und einmal keine.

[00:07:51]  Einmal die Zöpfe. [lachen]

[00:07:53] Matthias: Können Sie sich erinnern an den Anschluss, also an den März 1938,

[00:07:59]  wie sich das in der Schule abgespielt hat?

[00:08:03] Gertrud: Eigentlich... Wir haben von Politik oder sowas überhaupt...

[00:08:09]  Also, ich weiß zwar, mein Vater war ja sozusagen illegal,

[00:08:18]  aber das weiß ich mehr aus Erzählungen.

[00:08:22]  Und der ist sofort rausgeschmissen worden.

[00:08:27]  Und das war für meine Mutter sehr tragisch.

[00:08:31]  Weil die haben ein Jahr lang keine Pension gekriegt, gar nichts.

[00:08:36]  Also, das war eigentlich...

[00:08:39]  Und mein Vater war in beiden Weltkriegen eingerückt.

[00:08:44]  Also, der hat sicher keinem ein Haar gekrümmt,

[00:08:49]  aber er war bei der [unverständlich] Partei.

[00:08:53]  Und das war halt... ja.

[00:08:57]  Aber das ist dann auch vergangen und mittlerweile hat er dann auch eine Pension gekriegt.

[00:09:05]  Aber meine Mutter hat viel mitgemacht.

[00:09:10]  Erstens einmal schon ist sie ja aus der Tschechei gekommen.

[00:09:16]  Mein Vater hat sie im Weltkrieg,

[00:09:19] die waren beim Oberpostmeister, waren die einquartiert.

[00:09:24]  Und beide Offiziere haben tschechische Mädchen geheiratet.

[00:09:33]  Der Onkel Otto, der war Hauptmann und mein Vater war Oberleutnant.

[00:09:38]  Und beide haben die Töchter dieser Familie geheiratet.

[00:09:43]  Und so war die Verbindung eigentlich bis zuletzt. [Rollgeräusch]

[00:09:52] Gertrud: Ich bin dann ins Magistrat gekommen, aber nicht lang.

[00:09:57]  Sondern musste dann zum Kriegsdienst, haben sie mich geholt.

[00:10:02]  Und dann bin ich zur Firma Köllensperger gekommen, an die Fräsmaschine.

[00:10:09]  Mit einem französischen Kriegsgefangenen zusammen.

[00:10:14]  Und der war aber furchtbar lieb mit mir.

[00:10:18]  Und der hat gesagt, "lapin" [franz. für Hase], also mein liebes Häschen.

[00:10:22]  Ja, und dann war ich im Kriegsdienst.

[00:10:25]  Und dann war mir das zu streng.

[00:10:28]  Und dann haben sie mich in eine Militärschneiderei zur Firma Flick in St. Nikolaus.

[00:10:35]  Aber das war auch gut, weil da der Stollen in der Nähe war, der Bunker.

[00:10:41]  Weil da waren ja die Fliegeralarme.

[00:10:45]  Aber wir waren jung und wir haben sogar in dem Luftschutzstollen,

[00:10:52]  da sind auch verwundete Soldaten rein gekommen.

[00:10:57]  Und dann haben wir es manchmal, es klingt zwar komisch, aber sogar manchmal "hetzig" [Dialekt für spaßig] gehabt.

[00:11:04] Matthias: Und das war der Stollen beim Heimgartl?

[00:11:07] Gertrud: Nicht so weit unten. Matthias: Nicht so weit, ah ok.

[00:11:09] Gertrud: Gleich einmal, da in St. Nikolaus, irgendwo hinein.

[00:11:15]  Ich wüsste es jetzt nicht mehr ganz genau.

[00:11:18] Matthias: Können Sie sich erinnern, wie die Amerikaner gekommen sind?

[00:11:21] Gertrud: Ja, das weiß ich noch ganz genau, wie die ersten Schwarzen,

[00:11:26]  die Andreas-Hofer-Straße heruntergegangen sind.

[00:11:30]  Da wollte mich mein Papa gar nicht mehr auf die Straßen lassen,

[00:11:34]  weil das war so unheimlich.

[00:11:36]  Da plötzlich die Schwarzen bei uns am Weg, die Besatzung.

[00:11:42]  Und ich kann mich noch gut erinnern, wie ich in den ersten Schwarzen gesehen habe.

[00:11:46]  Es war schon komisch, gell?

[00:11:48] Gertruds Sohn: Hat er dich gegrüßt oder weggeschaut?

[00:11:52] Gertrud: Ich bin davon, weil das war unheimlich.

[00:11:57] Matthias: Und hat man sonst Kontakt gehabt mit den Besatzern oder mit den Amerikanern oder Franzosen später?

[00:12:04] Gertrud: Nein. Also ich kann mich nicht erinnern.

[00:12:09] Tobias: Und was haben Sie dann direkt, also in dieser Besatzungszeit,

[00:12:13]  waren Sie dann beruflich tätig, oder

[00:12:15] was war? Gertrud: Ja, ich war zuerst im Magistrat

[00:12:20] von der Schule weg.

[00:12:23] Gertruds Sohn: In welcher Abteilung warst du da?

[00:12:25] Gertrud: Was sagst du?

[00:12:27] Gertruds Sohn: In welcher Abteilung?

[00:12:28] Getrud: Ich war bei der Frau Kness [Schreibweise ungewiss] zugeteilt beim Bürgermeister.

[00:12:35]  So als "kleins Beiwagerle" oder wie soll ich es sagen.

[00:12:41]  Und dann beim Dr. Geiter, der war Vize.

[00:12:47] Ja, und dann bin ich eben zum Kriegsdienst eingezogen worden.

[00:12:53]  Zur Firma Köllensperger

[00:12:55] Gertruds Sohn: Und danach wieder?

[00:12:57] Gertrud: Und danach. Was habe ich denn danach gemacht?

[00:13:00] Gertruds Sohn: Beim Neuziel [Schreibweise ungewiss]

[00:13:02] Gertrud: Ah ja... Ah ja, dann bin ich dann ins Magistrat gekommen.

[00:13:07]  Beim Dr. Neuziel, das war die Stadtplanung.

[00:13:11] Und da habe ich es ganz fein gehabt.

[00:13:13]  Das war so eine kleine Abteilung nur.

[00:13:17]  Beim Dr. Neoziel haben Sie alle immer zu ihm gesagt.

[00:13:22]  Der war ein bisschen komisch, aber aber, nett.

[00:13:27] Matthias: Und wie war das Arbei0ten mit Magistrat? Ich mein

[00:13:30] der Großteil vom Rathaus war ja bombardiert und zerstört, wie...?

[00:13:33] Gertrud: Nein, das... Also wir waren in der Stadtplanung, im Neubau.

[00:13:38]  Da war alles in Ordnung.

[00:13:41]  Das war ziemlich normal.

[00:13:45] Tobias: Wie ist es Ihnen mit Versorgung, Ernährung,

[00:13:51]  war... Ist ausreichend vorhanden gewesen?

[00:13:53]  Hat es Probleme gegeben?

[00:13:55] Gertrud: Also ich muss sagen, meine Mutter hat immer gut kochen können.

[00:14:03] Gell. Gertruds Sohn: Ja. Gertrud: Die Mama war einmalig, unsere, also meine Mutter.

[00:14:09]  Die hat mit nichts oder mit fast nicht so viel,

[00:14:14]  haben wir immer gut zu essen gehabt.

[00:14:16]  Ich kann mich nicht erinnern, dass ich einmal hungern haben müssen oder was.

[00:14:21] Gertruds Sohn: Ja, aber Zeug holen seid ihr schon gegangen zu den Bauern?

[00:14:24] Gertrud: Ja. Das hat hamstern geheißen. [Tobias lacht]

[00:14:28] Gertrud: [lachend] Ja. Die Bauern waren eigentlich geizig.

[00:14:34]  Die haben das nicht mögen.

[00:14:38] Aber wir sind halt trotzdem gegangen, haben mal ein bisschen mehr Brot gekriegt,

[00:14:44]  aber eh sonst nichts.

[00:14:47] Gertruds Sohn: Wie habt ihr das bezahlt?

[00:14:49] Gertrud: Mit nichts.

[00:14:51] Gertruds Sohn: Nur Betteln?

[00:14:52] Gertrud: Ja, nur betteln.

[00:14:54] Also, wir waren ja, wie soll ich sagen,

[00:14:59]  man hat halt geschaut, dass man was zum Essen hat.

[00:15:02]  Aber dann ist das Ganze geregelt worden, dann hat

[00:15:06] man Essenkarten gekriegt, so viel für Fleisch,

[00:15:10]  so viel für Brot, so viel...

[00:15:12]  Und das hat man sich halt müssen einteilen.

[00:15:16]  Und da haben wir eine Tante Gretel gehabt,

[00:15:19]  die war in Rotholz.

[00:15:22]  Und von der Tante Gretel haben wir zwischendurch immer "Essen-Packtl" [Dialekt für Essenspakete] gekriegt.

[00:15:31]  Die hat uns ein bisschen Butter gebracht,

[00:15:37]  manchmal auch einen Käse.

[00:15:40]  Und so ist man ganz gut über die Runden gekommen.

[00:15:44] Gertruds Sohn: Und dann hast du vom Magistrat gehen müssen?

[00:15:47] Gertrud: Ja, dann habe ich gehen müssen vom Magistrat, eben

[00:15:51]  weil da sind so viele Heimkehrer gekommen.

[00:15:55]  Und da haben sie gesagt, wenn ich gehe, kriege ich drei Monatsgehälter.

[00:16:03]  Weil sie brauchen die Stellen für die Heimkehrer.

[00:16:08]  Und dann hat mein lieber Mann gesagt, nachher gehst.

[00:16:14]  Und mit den drei Gehältern haben wir uns dann unsere Schlafzimmer-Einrichtung gekauft.

[00:16:23]  Und so haben wir ganz gut anfangen können.

[00:16:27]  Und seither war ich zu Hause, bei den Kindern.

[00:16:32]  Da ist unser Schatz gleich einmal gekommen.

[00:16:35]  Da war die ganze Familie happy.

[00:16:39]  Und aber dann gleich einmal ist der Reinhold gekommen,

[00:16:43]  wieder ein Glückskind.

[00:16:45]  Und dann in Abständen erst unsere Elisabeth.

[00:16:51]  Und die leider Gottes sehr früh entflohen.

[00:16:56]  Und zwar zwischen mündlicher und schriftlicher Matura hat die geheiratet, einen Kanadier.

[00:17:07]  Und mit dem ist sie dann nach Kanada. Zum Leidwesen, besonders des Vaters.

[00:17:17]  Aber es ist eine sehr glückliche Ehe.

[00:17:22]

[00:17:24]  Und wir haben viel Kontakt.

[00:17:26]  Wir können telefonieren.

[00:17:29]  Und meine Tochter sagt immer:

[00:17:32] Mama, so ist das Leben.

[00:17:36]  Und sie hat Recht.

[00:17:39] [Rollengeräusch] Gertruds Sohn: Die Spezialitäten hast du natürlich noch nicht gesagt,

[00:17:46]  wie deine Geburt verlaufen ist. Gertrud: Meine Geburt?

[00:17:50] Gertruds Sohn: Ja, deine Geburt.

[00:17:52] Gertrud: Ja mei, meine Geburt.

[00:17:56]  Da war erst neu die Universitätsbrücke.

[00:18:02]  Wir haben in der Höttinger Au gewohnt.

[00:18:07]  Sagt Ihnen das was? Ja.

[00:18:10]  Und da ist meine Mutter über die Universitätsbrücke

[00:18:18]  in die Klinik gelaufen.

[00:18:21] Gertruds Sohn: Ja, in die Klinik oder in die Gebärklinik?

[00:18:25] Gertrud: In, nein, schon in die Klinik. Gertruds Sohn: Ah schon.

[00:18:28] Gertrud: Schon erstmals in die Klinik.

[00:18:31]  Und wie ich dann auf die Welt gekommen bin,

[00:18:35]  hat man mich meinem Vater gezeigt.

[00:18:39]  Und da sind ihm die Arme hinunter, haben sie erzählt,

[00:18:45]  weil ich wieder ein Mädchen war.

[00:18:48]  Und er hätte sich so gerne einen Buben gewünscht.

[00:18:52]  Und aber, gleich einmal danach, hätte er gesagt,

[00:18:57]  für zehn Buben gibt er mich nicht her.

[00:19:01] Gertruds Sohn: Und wie haben die anderen zu ihm gesagt?

[00:19:04] Gertrud: Ja, die anderen, da war einer,

[00:19:08]  der einen Sohn gehabt hat, ein Büchsenmacher.

[00:19:13] Und das war eigentlich schon ungerecht, gell.

[00:19:16]  Aber so war es.

[00:19:19] Matthias: Und wie war das mit dem Baden gehen?

[00:19:23]  In der Nachkriegszeit hat ja immer noch nicht jedes Haus ein Bad gehabt, oder?

[00:19:28] Es hat die öffentlichen Bäder gegeben? Gertrud: Ja. Nein, nein.

[00:19:31] Wir haben ja nur ein Waschschüssel in der Küche gehabt

[00:19:35] auf einem Hocker.

[00:19:37]  Und da haben wir uns der Reihe nach gewaschen. Das muss man sich mal vorstellen.

[00:19:41]  Und unsere Mutter ist, also ich weiß nicht, in welchen Abständen,

[00:19:48]  ist unsere Mutter mit uns ins öffentliche Bad in die Badgasse gegangen.

[00:19:54]  Und da durften wir in der großen Wanne zu zweit baden.

[00:20:00]  Und wenn ich heute ins Archiv komme,

[00:20:04]  weil mein Mann viel im Archiv gearbeitet hat auch,

[00:20:09]  dann werden Sie es nicht glauben.

[00:20:11]  Rieche [ich] immer noch das Bad.

[00:20:15]  Und im Archiv Haus gehen ja die zwei Stiegen hinauf.

[00:20:22]  Männer, Frauen, heute noch.

[00:20:27] Tobias: Und oben waren die Umkleiden und unten die Waschbecken, oder?

[00:20:31]  Also oben waren die Umkleiden für Herren und Frauen

[00:20:36]  und unten die zwei Badebecken, oder?

[00:20:38]  So kann man das sagen.

[00:20:40] Gertrud: Nein. Tobias: Nein?

[00:20:42] Gertrud: Wir sind einfach auf der rechten Seite raufgegangen.

[00:20:48]  Da waren Kabinen mit einer großen Wanne.

[00:20:54]  Und da war die Mama mit uns und hat uns beide in die Wannen gesetzt.

[00:21:00]  Aber das hat unsere Mutter aber auch nicht regelmäßig.

[00:21:05]  Aber ich kann mich erinnern,

[00:21:07]  sicher alle dritte Woche ist sie mit uns Mädeln in die Badgasse,

[00:21:15]  also ins öffentliche Bad.

[00:21:18] Tobias: Weil Sie Ihren Mann angesprochen haben,

[00:21:21]  warum war der öfters im Archiv zugange?

[00:21:24]  Was war der von Beruf oder Berufe?

[00:21:27] Gertrud: Der war Standesbeamter.

[00:21:29] Tobias: Aha. Das macht Sinn [lacht kurz]

[00:21:31] Gertrud: Bitte? Tobias: Das macht dann allerdings Sinn, dass er öfters im Archiv war.

[00:21:34] Gertrud: Ja, und er hat sehr viel geforscht und geschrieben auch.

[00:21:40]  Er war sehr viel im Archiv.

[00:21:43] Tobias: Das heißt er war im Standesamt, was schon im Dachl war, oder?

[00:21:48] Gertruds Sohn: Ja. Gertrud: Im goldenen Dachl.

[00:21:50] Ja. Er hat einen schönen Beruf gehabt.

[00:21:54]  Er war auch sehr beliebt.

[00:21:57] Gertruds Sohn: Zuerst hat er eben über die Familie geforscht

[00:22:01]  und dann von der Familie über die Schützen und Nagelschmiede und das Ganze.

[00:22:05] Gertrud: Also mein Mann war äußerst tätig

[00:22:09]  und er hat auch einiges zurückgelassen,

[00:22:12] oder für die Nachwelt,

[00:22:16] Tonsachen. Das war sein Hobby.

[00:22:18]  Er ist heimgekommen vom Büro und hat sich umgezogen,

[00:22:23]  weil im Büro musste er immer exakt,

[00:22:26]  und hat sich umgezogen

[00:22:30]  und ist verschwunden und hat schon gewerkelt.

[00:22:34]  Also es war ein erfülltes Leben.

[00:22:38] Gertruds Sohn: Ja, aber eure Liebe, wie du ihn kennengelernt hast

[00:22:41]  und dann im Krieg mit der Gefangenschaft,

[00:22:44]  das kannst du auch noch erzählen.

[00:22:46]  Das war ja auch nicht ganz ohne.

[00:22:48] Gertrud: Nein, das war nicht ohne.

[00:22:50]  Weil wir haben uns [19]45 verlobt.

[00:22:56]  Und dann hat er gesagt, er hat seiner Einheit versprochen.

[00:23:01]  Er kommt zurück, weil da hat es schon so gekriselt.

[00:23:06]  Und er ist wirklich zurück

[00:23:09]  und ist gar nicht mehr zu seiner Einheit gekommen,

[00:23:14]  sondern postwendend in die Gefangenschaft, in Jugoslawien.

[00:23:21]  Und dort ist er geblieben.

[00:23:23]  Also bis [19]50 ist er erst heimgekommen.

[00:23:29]  Und da haben sie im Radio immer verlautbart,

[00:23:34]  wenn Heimkehrer kommen.

[00:23:36]  Und am Heiligen Abend ist er heimgekommen.

[00:23:40]  Und das war schon ein Wahnsinn.

[00:23:43] Tobias: Und hat es da zwischen [19]45 und [19]50 die Möglichkeit geben,

[00:23:48]  einen Schriftwechsel, Briefverkehr oder?

[00:23:50] Gertrud: Nein, also ein Jahr habe ich überhaupt nicht gewusst,

[00:23:53]  ob mein Mann noch lebt.

[00:23:55]  Und dann sind so gedruckte, grünliche Postkarten gekommen.

[00:24:01]  Und da ist nur draufgestanden, es geht mir gut, Gruß,

[00:24:07]  sonst nichts.

[00:24:09]  Das waren so grünliche Postkarten.

[00:24:11]  Und erst mit der Zeit dann haben wir schreiben dürfen

[00:24:17]  oder können.

[00:24:18]  Und ist das auch angekommen.

[00:24:20] Matthias: Wie lange hat das ungefähr gedauert?

[00:24:23]  War das Wochen am Weg der Brief oder Monate bis dann auch...?

[00:24:28] Gertrud: Nein, also Monate sicher nicht, aber schon geraume Zeit.

[00:24:33]  Aber es war ein Glück, dass überhaupt Post gekommen ist.

[00:24:38] Matthias: Und wie war das Leben in diesen fünf Jahren für Sie?

[00:24:44] Alleine... Gertrud: Ich war die ewige Braut, wirklich.

[00:24:47]  Aber es hat sich gelohnt, dass ich auf meinen lieben Mann gewartet habe.

[00:24:54]  Aber einfach war es nicht, weil ich hätte genug Verehrer gehabt, gell.

[00:25:00]  Aber wie gesagt, es war einfach mir bestimmt, auf meinen [unverständlich] zu warten.

[00:25:09]  Und es war gut so.

[00:25:12]  Und jetzt bin ich halt schon, wann ist denn der Papa?

[00:25:16] Gertruds Sohn: 18 Jahre.

[00:25:19] Gertrud: Ja, ist es schon, gell

[00:25:21]  Bin ich allein.

[00:25:23]  Das war am Anfang entsetzlich.

[00:25:27]  Da war ich ja null, wie mein Mann nicht mehr war.

[00:25:32]  Aber eine Doppelnull.

[00:25:34]  Und erst mit der Zeit dann ist es gegangen.

[00:25:39]  Weil das glaubt niemand, wenn man verheiratet ist

[00:25:44]  und man ist plötzlich ohne Partner, da ist man echt nichts.

[00:25:49]  Beim Amt nichts und nirgends nichts.

[00:25:52]  Erst mit der Zeit.

[00:25:54]  Ich habe wunderbare Kinder und das Leben ist weitergegangen.

[00:26:00]  Aber nicht einfach.

[00:26:02]  Und jetzt bin ich uralt und sitze immer noch da.

[00:26:08] [Rollengeräusch] Gertrude: Ich habe elf Enkel und 22 Ur-Enkel.

[00:26:19]  Und alle sind in Ordnung.

[00:26:22]  Und ich habe in der ganzen Familie keine Scheidung.

[00:26:27]  Also wer hat das Glück?

[00:26:30] Matthias: Und können Sie sich an die beiden, um einen großen Sprung zu machen, die beiden Olympischen

[00:26:35] Winterspiele erinnern?

[00:26:36]  Die in Innsbruck waren. Haben Sie da zugeschaut?

[00:26:39]  Oder haben Sie da teilgenommen?

[00:26:42] Gertrud: Nein, teilgenommen habe ich

[00:26:45] sicher nicht. Matthias: Also nicht der Sportlerin [lachen]. Gertrud: Nein, nein.

[00:26:47]  Aber wir haben ja, wir haben ja noch keinen Fernseher gehabt.

[00:26:55]  Und da weiß ich noch, dass meine Tochter immer zu meinen Eltern

[00:27:03] gefahren zum Fernsehen.

[00:27:05]  Weil wir haben noch keinen gehabt.

[00:27:08]  Wir haben halt vom Radio gelebt.

[00:27:12] Wann haben denn wir den ersten Fernseher bekommen, spät.

[00:27:16] Da waren die schon aus der Schule.

[00:27:19]  Weil mein Mann gesagt hat, solange die Kinder in der Schule sind,

[00:27:23]  kommt kein Fernseher ins Haus.

[00:27:25] Gell. So wars bei uns.

[00:27:28] Tobias: Dass es auch keine Ablenkung gibt für den Schulstoff.

[00:27:32] Gertruds Sohn: Am Mittwoch haben wir dürfen gehen, Fernsehen zum Onkel.

[00:27:34] Gertrud: Ja. Gertruds Sohn: Da waren 17 Uhr, nachdem das Testbild vorbei war,

[00:27:38]  ist entweder Lassie, Fury, oder so Zeug ist...

[00:27:41] Gertrud: Ja. Ja, ja, es hat euch aber nicht geschadet, gell.

[00:27:45] Gertruds Sohn: Ja, siehst eh. [alle lachen]

[00:27:47] [Rollengeräusch] Gertruds Sohn: Ja und eure Wanderungen, wie ihr wandern gegangen seid, zu Fuß,

[00:27:56]  mit der Jausen und Gasthaus einkehren.

[00:28:01] Gertrud: Also mit der Familie.

[00:28:03]  Wir sind jeden Sonntag, haben wir einen Tagesausflug gemacht.

[00:28:07]  Der Papa hat einen Rucksack gehabt, einen hellgrünen.

[00:28:11]  Ich kann mich noch sehr gut erinnern.

[00:28:14]  Und wir haben kleine Rucksackelen gekriegt.

[00:28:17]  Aber wir waren noch nicht so weit, dann haben wir gemotzt.

[00:28:23]  Und die Mama hat uns die Rucksackelen abgenommen.

[00:28:27]  Da war eh nix drin, aber wir haben halt Rucksackelen gehabt.

[00:28:31]  Aber wir haben jeden Sonntag einen Tagesausflug gemacht.

[00:28:35]  Und da hat die Mama am Vortag, hat sie entweder faschierte Laibchen gemacht,

[00:28:42]  oder irgendetwas zubereitet.

[00:28:45]  Und wir haben so eine blecherne, Proviant... Kannst du dich an die noch erinnern?

[00:28:52]  So eine blecherne, Proviantdose haben wir gehabt.

[00:28:56]  Und da haben wir irgendwo einen Platz gehabt.

[00:28:59]  Dann haben wir uns hingesetzt [räuspert sich] und haben das gegessen.

[00:29:05]  Und manchmal, aber ganz selten, wenn wir heimgegangen sind zu Fuß,

[00:29:13]  dann sind wir beim Peterbründl vorbei.

[00:29:16]  Und da haben wir uns dürfen ein "Kacherle" kaufen.

[00:29:21]  Aber da war eine Einkehr in ein Gasthaus unmöglich.

[00:29:26]  Aber wir haben es trotzdem fein gehabt.

[00:29:29]  Wir sind den ganzen Weg von der Höttinger Au, wo wir gewohnt haben,

[00:29:34]  durch die Stadt, auf den Patschekofel zu Fuß,

[00:29:39]  und wieder herunter und wieder heim.

[00:29:43]  Und da haben wir einen Roller geschenkt gekriegt.

[00:29:48]  Der hat von der Firma Engel schon die großen Räder gehabt,

[00:29:53]  so mit Hartgummi Reifen

[00:29:56] Und dann sind wir noch Roller gefahren.

[00:29:59] Matthias: Und ist man im Sommer auch zum Inn gegangen schwimmen,

[00:30:02]  oder zumindest die Füße hinein heben?

[00:30:05]  Oder hat man da eher die Kinder weggehalten vom Inn?

[00:30:08] Gertrud: Nein, wir sind ganz am Anfang, sind wir einmal,

[00:30:14] das weiß ich auch, mit den Kindern meiner Tante, am Inn gewesen.

[00:30:18]  Aber da ist keins ins Wasser gegangen.

[00:30:21]  Nur so, dass man halt ...

[00:30:24]  Und da gibt es sogar eine Foto.

[00:30:27]  Deshalb kann ich mich noch so erinnern.

[00:30:30] Gertruds Sohn: Und schwimmen gegangen? Gertrud: Aber schwimmen

[00:30:32] gegangen sind wir auf den Natterer-See.

[00:30:35]  Später dann.

[00:30:37]  Als klein...

[00:30:39] Gertruds Sohn: Höttinger Au? Gertrud: Ahja, stimmt.

[00:30:42]  Da hat meine Schwester nach schwimmen gelernt,

[00:30:46] da hat der Bademeister hat so eine Stange gehabt,

[00:30:49]  mit einem Seil dran, und ist sie an gehängt gewesen.

[00:30:55]  Und mit ihr ist er so auf und abgegangen.

[00:30:58]  Ich hab's so nebenbei gelernt, zu schwimmen.

[00:31:02]  Aber das war in der Höttinger Au, noch das Schwimmbad.

[00:31:07]  Jetzt ist es ja schön.

[00:31:10]  Jedenfalls war es schon ein bescheidenes [Schwimmbad].

[00:31:15] Wenn man heut so denkt, diese Bäder, Hallenbäder und Freibäder.

[00:31:22] Matthias: Und beim Skifahren, war der Patschrkofel eher das Ziel der Wahl,

[00:31:27]  dann später oder die Seegrube?

[00:31:29]  Gertrud: Die Mutterer-Alm.

[00:31:31] Matthias: Also auch später dann, in...

[00:31:33] Gertrud: Ja, also Seegrube weniger,

[00:31:36]  weil ich weiß noch das erste Mal vom Hafelekar,

[00:31:41]  da bin ich hinübergegangen,

[00:31:44]  und bin aber wieder zurückgegangen.

[00:31:47]  Weil da hab ich mich nicht getraut.

[00:31:50]  Das ist ja Wahnsinn, wenn Sie da oben stehen.

[00:31:55]  Da bin ich wieder zurückgegangen.

[00:31:57]  Da hat mich ein Herr beobachtet,

[00:32:01]  hat zu mir gesagt, da braucht's aber auch Mut.

[00:32:06]  Ja, dass man zurückgeht wieder.

[00:32:08]  Aber ich habe mich nicht hinuntergetraut.

[00:32:11]  Ich war keine schlechte Skifahrerin,

[00:32:14]  aber das war dieser Schuss da oben, das Steile.

[00:32:21]  Das war nichts für mich.

[00:32:24]  Ja, wir sind ja noch Skifahren gegangen,

[00:32:30]  da hat man müssen die Ski von daheim

[00:32:34]  bis auf die Mutterer-Alm rauf...

[00:32:36] Gertruds Sohn: Tragen. 

[00:32:38] Gertrud: Ja. Und da war der Weg,

[00:32:42]  da waren so ausgetretene Stapfen,

[00:32:46]  dass man hat können, gut gehen.

[00:32:50] Gertruds Sohn: Die Stubaier ist da noch nicht gefahren?

[00:32:52] Gertrud: Nein, aber die Stubaier ist dann gefahren

[00:32:57]  und da sind wir am Nockhofweg ausgestiegen.

[00:33:02]  Da war schon, aber sag du heute mal einem,

[00:33:06]  er soll vom Nockhofweg aufs Frimmes zu Fuß raufgehen.

[00:33:11]  Und nachher einmal sind wir heruntergefahren.

[00:33:15]  Beim Brennerschuss sind die Leute gestanden und haben geschaut.

[00:33:20] Gertruds Sohn: Ja, das war hinter der Brennerstraße.

[00:33:23]  Das war nach der Ferrari-Wiese

[00:33:25] hat man noch einmal über die Straße müssen.

[00:33:27] Gertrud: Ja. Gertruds Sohn: Und dann durch die Böschung runter gehen,

[00:33:30] unten waren die Gleise. Und das ist sehr steil.

[00:33:32]  Und dann so ein Buckel.

[00:33:34] Gertrud: Und da sind die Leute alle gestanden und haben geschaut,

[00:33:37]  wie man fliegt.

[00:33:39] Gertruds Sohn: Ja, ja. [lacht kurz]

[00:33:41] Matthias: Rodel oder eislaufen?

[00:33:44] Gertrud: Wohl, eislaufen, bin ich viel gewesen.

[00:33:47] Gertruds Sohn: Wo?

[00:33:49] Gertrud: Am Beselepark.

[00:33:51]  Am Beselepark.

[00:33:53]  Und da habe ich am Anfang,

[00:33:56]  habe ich noch die zum Anschrauben, die Schlittschuhe gehabt.

[00:34:01]  Und erst später habe ich dann, jetzt weiß ich nicht mehr,

[00:34:06]  vom wem, "Schäksen" [Schreibweise ungewiss] haben die geheißen.

[00:34:09]  Wo die schon auf den Schuhen oben sind.

[00:34:12]  Ich weiß nicht, warum die "Schäksen" heißen.

[00:34:15]  Ja, jedenfalls habe ich nachher zum Schluss solche gehabt.

[00:34:20]  Und da habe ich sogar so ein bisschen eistanzen können.

[00:34:25]  [Outro-Musik]

[00:34:28] [Outro-Musik]

[00:34:30] [Outro-Musik]

[00:34:32] [Outro-Musik]

[00:34:34] [Outro-Musik]

[00:34:36] [Outro-Musik]

[00:34:38] [Outro-Musik]

[00:34:40] [Outro-Musik]

[00:34:44]

Zeitzeugengespräch Herlinde Dejakum und Heidi Pradler

Zeitzeugengespräch Herlinde Dejakum und Heidi Pradler

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00] Herlinde: Da war dann einfach Musik, und man ist hin gegangen und hat sich getroffen sozusagen und hat getanzt.

[00:00:06]  Also ohne Anleitung.

[00:00:08] Tobias: War das dann schon mit dem Ehemann?

[00:00:11] Herlinde: [entsetzt] Nein! Ehemann und tanzen, das ist nicht gegangen [alle lachen].

[00:00:14] [Intro-Musik] Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur dritten Folge der zweiten Staffel von Archivwürdig, dem Podcast

[00:00:37]  des Innsbrucker Stadtarchivs.

[00:00:39]  In unserer heutigen Folge hören Sie Ausschnitte aus dem Gespräch mit den beiden Schwestern

[00:00:43]  Herlinde Dejakum und Heidi Pradler.

[00:00:45]  Gemeinsam sprechen Sie über Ihre unterschiedlichen Kindheitsjahre, denn die Schwestern trennen ganze 9 Jahre voneinander.

[00:00:52]  Da die Mutter berufstätig war und der Vater im Krieg starb, fiel der älteren Herlinde bereits in frühen Jahren die Aufsicht über ihre kleineren Schwestern zu.

[00:01:02]  Neben den Kinderjahren sprechen wir auch über die weitere schulische Ausbildung und was sie als junge Stadtbewohnerinnen in der Freizeit alles unternommen haben.

[00:01:11]  Mit dieser kleinen Einleitung gebe ich auch direkt über zur Folge.

[00:01:15] Heidi: Also, Heidi Pradler, geboren Spöttl [Schreibweise ungewiss], bin die Schwester von der Herlinde, bin 9 Jahre jünger als sie, bin im Jänner 1945 geboren.

[00:01:27]  Und glaube, dass wir ganz verschiedene Kindheiten hatten.

[00:01:31] Herlinde: Mein Name ist Herlinde.

[00:01:33] Bin am 04.07.1936 in Innsbruck geboren. Aufgewachsen in der Müllerstraße 24.

[00:01:43]  Das war die Wohnung meiner Großmutter.

[00:01:46]  Großmutter ist wichtig, weil sie mich aufgezogen hat.

[00:01:50]  Mutter und Vater waren berufstätig.

[00:01:53]  Und die ist nach Verlust der Gemischtwarenhandlung in Mieders, Nachlass vom Großvater als Pächter von [unverständlich].

[00:02:04]  Er hat die Milch nach Innsbruck gebracht, in die Bombenzentrale, ist dann einkaufen gegangen und hat das wieder mit dem Pferdegespann, nach Mieders gebracht.

[00:02:16]  Die Großmutter hat dann alles verloren, weil der Mann verstorben ist.

[00:02:21]  Dann hat sie [unverständlich] gekriegt dafür, die natürlich dann nichts mehr wert waren.

[00:02:26]  So ist sie nach Innsbruck gezogen mit zwei Kindern, meine Mutter und ein Bruder.

[00:02:33]  Und dann hat sie sich durchgebracht, indem sie Zimmer vermietet hat, an Medizinstudenten aus Vorarlberg,

[00:02:44]  weiters war sie Schneiderin und hat ihre Kinder also so durchgebracht.

[00:02:50]  Das war ein altes Haus, es steht noch heute.

[00:02:54]  Nachdem meine Mutter verheiratet war, sind wir in die Bürgerstraße übersiedelt, also gegenüber von Kleider Mair.

[00:03:04]  Da gab es schon Balkon, Wasser und Strom und Telefon.

[00:03:09] Tobias: Das heißt, das hat es vorhin in der Müllerstraße... Herlinde: Nein, da das Wasser war im Gang draußen.

[00:03:15]  Dann, also bin ich mit der Großmutter aufgewachsen.

[00:03:20]  Die Wäsche wurde von Sellrainer Frauen abgeholt und gewaschen und wiedergebracht.

[00:03:26]  Die waren berühmt damals.

[00:03:28]  Da haben die Leute schon alle beim Fenster runtergeschaut und wussten, ah jetzt kommen sie.

[00:03:32]  Mit dem [unverständliches Stimmengewirr] haben sie das gezogen.

[00:03:37] Also es gab schon, in der Waschküche gab es immer einen Kessel, den man anfeuern musste zum Beispiel, aber das große Zeug hat man auch ausgegeben.

[00:03:52] [Rollgeräusch] Herlinde: Erinnerungen an die Zeit hab ich noch an den offenen Markt.

[00:03:59] Wo jetzt die Markthalle ist, davor unter den Bäumen war ein offener Markt, Sommer wie Winter.

[00:04:07]  Die Oma hat erzählt, die Frauen haben einfach eine Wärmflaschen um den Bauch, damit sie nicht [lachend] erfrieren. Tobias: Im Winter? [lachen]

[00:04:15] Herlinde: Es gab Gemüse, [unverständlich] und auch sonstige Haushaltsartikel.

[00:04:21]  Zum Beispiel erinnere ich mich an zwei, Frauen die wollten den gleichen Stoff haben.

[00:04:27] Und haben so lange gezogen daran, bis er auseinander gerissen ist.

[00:04:31]  Es gibt... Es gab keine Konfektion damals.

[00:04:35]  Man hat Stoffe gekauft und das dann nähen lassen.

[00:04:40]  Dann habe ich noch ein schönes Erlebnis beim Moden Gatt, in der Altstadt.

[00:04:46]  Da war früher so ein italienisches Obst- und Gemüsegeschäft.

[00:04:52]  Ich weiß nicht, was der Witzi [Schreibweise ungewiss] oder der Ischia [Schreibweise ungewiss] oder irgend sowas.

[00:04:56]  Auf jeden Fall habe ich da die erste Banane bekommen.

[00:04:59] Tobias: Und, an den Marktplatz ist man da oft, also ist man generell da einkaufen...?

[00:05:04] Herlinde: [unverständlich] Wir haben schon ein Geschäft gehabt. Wir haben den Weißenguber [Schreibweise ungewiss] und die Meierl [Schreibweise ungewiss].

[00:05:11]  Wo heute das Geo ist, und da war ein Gemischtwarenhandel.

[00:05:16]  Meierl hat die geheißen.

[00:05:18]  Da habe ich dürfen einkaufen. Und da hätt ich sollen einmal

[00:05:22] einen Germ holen, und dann hat sie keinen gehabt,

[00:05:25]  Dann habe ich halt einen Kuchen gekauft.

[00:05:28] [Rollgeräusch] Herlinde: Dann kommen

[00:05:31] schon die Kinderjahre bis zur Einschulung.

[00:05:35] Tobias: Und jetzt, bist du neun Jahre alt, oder, nicht ganz wahrscheinlich?

[00:05:39] Herlinde: Das war alles noch in Innsbruck, da war ich allein.

[00:05:42]  Da war meine andere Schwester. Die ist [19]42

[00:05:45] geboren.

[00:05:47] Tobias: Gibt es da Erinnerungen an die...? Herlinde: Die Gerda. Tobias: Gerda.

[00:05:49] Herlinde: Ja! Puh. Schon!

[00:05:53] Weil ich habe ja viel mit ihr zu tun gehabt.

[00:05:56] Und ich bin so gern in der [unverständlich] gefahren mit ihr, weil sie war so ein hübsches Kind, ein strahlendes

[00:06:01] und die Leute sind alle gekommen, ah

[00:06:03] ist das ein nettes Kind.

[00:06:06]  Ich habe fast mütterliche Gefühle gehabt [lacht].

[00:06:10] Tobias: Und, aber ist die dann auch bei der Großmutter?

[00:06:14] Herlinde: Wir sind alle dann nach Mieders.

[00:06:17] Tobias: Und wann sind sie...? Herlinde: [19]43. Tobias: [19]43.

[00:06:20] Herlinde: Als die ersten Bomben gekommen sind.

[00:06:23] Tobias: Darf ich fragen, was die Mutter beruflich gemacht hat?

[00:06:26] Herlinde: Die Mutter war beim Köllensberger, Fakturistin.

[00:06:29] Hat sie nach dem Krieg, ned, wie der Vater nicht mehr gekommen ist

[00:06:32] hat sie die Stelle wieder gekriegt. Und hat da

[00:06:35] bis zur Pension gearbeitet.

[00:06:41] [Rollgeräusch] Herlinde: Ich habe in Innsbruck schon bei den Bombenalarm, sind wir schon,

[00:06:45] also da habe ich mein Köfferchen gehabt, mit Überlebens Sachen

[00:06:49] und einen Kleiderbügel mit Kleidern.

[00:06:52]  Das war bei Sirene, die war ja da in der Schule war die, die HAK.

[00:06:56] Eh, wie heißt das, die

[00:06:59] Gewerbeschule hat es damals geheißen. [Stimmengewirr] Da war die Sirene.

[00:07:03]  Und wir haben da schräg im Garten... Über dem Garten gewohnt.

[00:07:08] Ja, Sirene, und ich mein Köfferchen, meine Kleider gepackt und bin in den Keller gegangen.

[00:07:12]  Es war ein Luftschutzkeller.

[00:07:15]  Ich weiß noch, dass der Vater nicht mitgegangen ist, weil es

[00:07:18] dann Nudeln gegeben hat. Also da hab ich so eine Angst um ihn

[00:07:21] gehabt, weil er ist oben geblieben in der Wohnung.

[00:07:24]  Tobias: Wie oft habt ihr einen Alarm mitgekriegt?

[00:07:27] Herlinde: Ned so oft, nein.

[00:07:30] Tobias: Und war wirklich dann auch ein paarmal ein Schaden am Gebäude?

[00:07:33] Herlinde: Nein, es war nix. Nein, da waren wir nicht mehr da.

[00:07:36] [unverständlich]

[00:07:38] Es ist alles zerbombt.

[00:07:40]  Da ist jetzt ein Naturfreunde Haus drin.

[00:07:43]  Das war ganz hin das Haus.

[00:07:46] [Rollgeräusch] Herlinde: Was hat man gemacht in den Kinderjahren?

[00:07:50]  Sonntagsausflüge, in die Innsbrucker Umgebung.

[00:07:54] Villa Blanka, Rössl in der Au.

[00:07:58]  Dann, ich hab eben Erinnerungen an schattige Gastgärten

[00:08:04]  mit einem Kracherl [Dialekt für Limonade]. Ich

[00:08:06] habe immer ein Kracherl gekriegt, die anderen haben ein Bier getrunken.

[00:08:09]  Dann hat man können schwimmen, in [unverständlich]

[00:08:12] oder in der Höttinger Au, da war auch ein Freibad.

[00:08:16] Dann, Sonntagsabend war das die Feier, [zur] Feier des Tages

[00:08:20] habe ich einen Glaskrug Bier geholt

[00:08:24]  beim Gasthof Hänschl [Schreibweise ungewiss].

[00:08:26]  Wir haben ja ums Eck gewohnt.

[00:08:28]  Also, ich konnte in den Garten sozusagen, in den Garten vom Hänschl gehen.

[00:08:32] Und habe dann bei ihm den Glaskrug Bier bekommen.

[00:08:36] Es hat nix gegen in der Flasche. Tobias: Für den Papa.

[00:08:38] Also quasi für den Vater ein Bier holen. Herlinde: Ja,

[00:08:40] das hat die Mama glaube ich schon auch gemocht. [alle lachen]

[00:08:43]  Die Oma auch, genau.

[00:08:45] Bis, und dann haben wir einen Schrebergarten gehabt.

[00:08:49]  Beim Stubaitalbahnhof.

[00:08:52] [Rollgeräusch] Herlinde: Dann kommt die Einschulung. Erste Klasse bin ich noch in Innsbruck gegangen.

[00:08:59]  Ja, Fallmerayer Straße.

[00:09:01] Habe ich keine guten Erinnerungen.

[00:09:03]  Ich habe müssen in der letzten Bank sitzen und ich weiß nicht warum.

[00:09:07]  Und wenn mich niemand hinbegleitet hat, kann es sein,

[00:09:10]  dass ich beim Adolf-Pichler-Platz herum spaziert bin.

[00:09:14]  Den hat man nämlich aufgegraben.

[00:09:17]  Und da sind die Knochen.

[00:09:19] Die waren ja viel interessanter, wie die Schule. [alle lachen]

[00:09:22] Heidi: Jetzt kommt es auf, gell. [alle lachen]

[00:09:28] [Rollgeräusch] Herlinde: Übersiedelt sind wir,

[00:09:30] jetzt zwei Kinder,

[00:09:32] [19]43 nach Mieders.

[00:09:35]  Und zwar oben am Wald.

[00:09:37]  Am Waldrand in der Bachleiten.

[00:09:40]  Ja, das ist, wenn man den Zirkenhof raufgeht.

[00:09:43]  Und dann nach Kleins.

[00:09:45]  Da am Waldrand oben.

[00:09:47]  Und dann haben wir in einem Zimmer gewohnt.

[00:09:51]  Zu viert und dann zu fünft.

[00:09:54]  Das Wasser musste man beim Nachbarhaus holen.

[00:09:58]  Und im Winter muss man das Eis runterpicken, um zum Wasser zu kommen.

[00:10:03]  Ein Zimmer.

[00:10:05]  Vier Jahre lang.

[00:10:07] Tobias: Und das war jetzt die Großmutter?

[00:10:10] Herlinde: Das war die Schwester der Großmutter. Tobias: Die Schwester der Großmutter.

[00:10:13] Herlinde: Ja, da war meine Mutter schon berufstätig

[00:10:16]  Die ist von Innsbruck immer rein gefahren, raus und rein gefahren.

[00:10:20] Jeden Tag. Über die alte Brennerstraße, hinten Schönberg rauf, ned.

[00:10:25] Tobias: Und der Vater, ist der zu dem Zeitpunkt schon in den Krieg eingerückt?

[00:10:29] Herlinde: Der war schon militärisch interessiert.

[00:10:32]  Den haben wir nicht mehr gesehen.

[00:10:34] [Rollgeräusch] Herlinde: Das war so, dass wir abends mit den Bauern mitessen haben können.

[00:10:41] Also die Mama hat schon genügend gezahlt.

[00:10:43]  Abends hat es Kartoffeln gegeben und schwarze Suppe.

[00:10:46]  Und zwar die Schwarze Suppe war ein Brennsuppe,

[00:10:49] die sie immer verbrennen hat lassen.

[00:10:52]  Die war schwarz.

[00:10:54]  Da sind auch alle mit Magenkrebs gestorben, die alten Leute.

[00:10:58] Heidi: Tuberkulose.

[00:11:00] Herlinde: Das waren die Jungen.

[00:11:02] Heidi: Er nicht, der Alte? Herlinde: Nein. Heidi: Mhm.

[00:11:04] [Klickgeräusche sind zu hören]

[00:11:06] Herlinde: Also da haben wir Kartoffeln mit essen können.

[00:11:09] Aber Mittag hat die Mama gekocht.

[00:11:11]  Und da haben wir gewartet bis die Familie fertig gegessen hat.

[00:11:14]  Bis die Herd frei war. Also

[00:11:16] mussten wir dann wieder neu anschieben. Und dann hat sie da

[00:11:19] gekocht für uns.

[00:11:21] Tobias: Haben die oben auch Kinder gehabt?

[00:11:23] Herlinde: Ja, das waren zwei Mädchen.

[00:11:25] Tobias: Und mit denen hat man dann gespielt,

[00:11:27] oder ist da... Herlinde: Nein, die waren älter.

[00:11:29]  Und die eine hat uns immer "segiert" [Dialekt für ärgern]

[00:11:32]  weil sie das nicht gemocht hat, dass wir im Haus waren, weißt schon...

[00:11:34]  Und die andere hat dann,

[00:11:37] war dann abgängig. Die war mit den Franzosen unterwegs.

[00:11:40] Und die hat dann den [unverständlich] gekriegt.

[00:11:43]  Die Toni. Und die ist dann nach dem Krieg gleich gestorben.

[00:11:46] Tobias: Ist man dann so als Kind

[00:11:49] für die Arbeit, also für die bäuerliche Arbeit sozusagen,

[00:11:52] am Hof, auch hierhin angezogen worden, dann in der Freizeit?

[00:11:55] Hat man... Herlinde: Nein, das habe ich alles freiwillig

[00:11:57] gemacht. Nein, herangezogen bin ich nicht worden.

[00:12:00] Da war ich auch noch zu klein. Ich habe ja dann noch eine Schwester gehabt.

[00:12:03]  Ich habe ja dann noch eine Schwester gehabt, die ich ein bisschen hüten hab müssen.

[00:12:07] Heidi: Das war wohl die Gerda.

[00:12:09] Herlinde: Das wars du. Heidi: Mhm. Herlinde: Später.

[00:12:11] Ja die Gerda habe ich ja sowieso immer an der Hand gehabt. Heidi: Ja, eben.

[00:12:14]  Herlinde: Und, da waren Nachbarn

[00:12:17] auch mit Kindern, und da habe ich schon gleich mal

[00:12:20] eine Schulfreundin gehabt. Wir sind dann zusammen in die Schule

[00:12:23] gegangen und wieder heim. Und dann gab es einen Bruder

[00:12:26] Richard, der ganz wichtig war für mich

[00:12:29] weil, der hat mit uns im Bach

[00:12:32] so Wasser aufgestaut und

[00:12:35] Mühlradl gemacht. Tobias: Schule ist man da in Mieders

[00:12:38] gegangen? Herlinde: Ja.

[00:12:41]  Dann mussten wir runter ins Dorf gehen, vielleicht 20 Minuten,

[00:12:44]  Viertel Stunde. Ja. Die Schule ist

[00:12:47] unterhalb des Dorfes eigentlich.

[00:12:50] Also unter der Straße auf jedenfall.

[00:12:53] Da sind ja zwei Jahre nett gewesen. Erste

[00:12:56]  bis Dritte in einem Raum.

[00:12:59]  Ich habe gut schreiben können, schon nach der ersten Klasse.

[00:13:02]  Und das hat die Lehrerin spitz gekriegt, und dann habe ich mich müssen

[00:13:05] zu den Bauern-Fünfer da setzen und denen

[00:13:08]  schreiben lernen. Was aber nicht gut

[00:13:11] angekommen ist, gell. Die haben mich danach, haben sie mich

[00:13:14]  richtig gemobbt. Die haben ein schönes Sprüchl gehabt.

[00:13:17]  Weil ich Spöttl geheißen hab.

[00:13:20]  Das muss ich nicht sagen oder? [alle lachen]

[00:13:23]  Ja ist heute noch peinlich.

[00:13:26]  Und dann war der zweite Raum von der vierten bis zur achten.

[00:13:29]  Und das war insofern gut, ich bin dann raus

[00:13:32] nach Innsbruck in die erste [Klasse] Hauptschule, und habe alles schon gewusst, ned

[00:13:35] weil das hat man alles schon so mitgekriegt, ned.

[00:13:38]  Später ist es dann...

[00:13:41] Habe ich schon wieder was lernen müssen. Aber das erste Jahr war gut.

[00:13:44] [Rollgeräusch]

[00:13:47]  Tobias: Der Vater ist im Krieg gefallen, habt ihr gesagt.

[00:13:50] Das war... [Stimmengewirr] Heidi: [19]45. Tobias: [19]45

[00:13:53] Weiß man zumindest wo? Oder...

[00:13:56]  Herlinde: Ja.  

[00:13:59]  [unverständlich] oder was, die Schreiben

[00:14:02]  haben wir alles. Tobias: Und wie ist es

[00:14:05]  hat die Mutter... Oder wie ist es der Mutter

[00:14:08]  damit gegangen? Ist sie... Wie hats das...

[00:14:11]  Oder, weiß man das überhaupt noch wie die Mutter damit umgegangen ist

[00:14:14] oder hat man... Herlinde: Es war so, es hat einen Onkel gegeben der hat

[00:14:17] einen schlechten Fuß gehabt. Den haben sie eingesetzt

[00:14:20] um diese Nachrichten zu überbringen. Also

[00:14:23] wenn man den gesehen hat, war schon Feierabend auch.

[00:14:26] Onkel Willi. Heidi: Mhm. Herlinde: Und

[00:14:29] es hat länger gedauert bis er gekommen ist

[00:14:32] und dann hat man eh gewusst, was los ist.

[00:14:35] Tobias: Die Nachricht über das Kriegsende

[00:14:38] ist das, irgendwie verbreitet worden? Hat

[00:14:41] man schon gemerkt, das ist jetzt... Irgendwas

[00:14:44] ändert sich, oder? Herlinde: Ja, es waren ja...

[00:14:47] Ich war bei den Nachbarn, da waren große

[00:14:50] Mädchen muss ich sagen, also das waren

[00:14:53] die waren schon erwachsen. Da waren

[00:14:56] fünf, sechs Kinder. Die waren erwachsen und die haben das

[00:14:59] abgesprochen, dass jetzt die Russen kommen.

[00:15:02] Und was die Russen da alles anstellen im Osten drüben.

[00:15:05]  Und da muss man sich jetzt in Acht nehmen sozusagen

[00:15:08]  Es war aber nicht so. Bei uns sind die

[00:15:11] Franzosen gekommen. Und vor allem die Marokkaner.

[00:15:14]  Mit Marokkaner. Meine ersten,

[00:15:17]  dunkelhäutigen Menschen.

[00:15:20]  Tobias: Haben Sie die zufällig auf der Museumsstraßen da gesehen?

[00:15:23] Herlinde: Nein, das war alles in Mieders. Tobias: Alles in Mieders noch?

[00:15:26] Herlinde: Ja. Tobias: Interessant. Herlinde: Und zwar sind die da durch-

[00:15:29]  gezogen, durchs Stubai. Und

[00:15:32]  beim Lerchenhof, das war ein großes Hotel

[00:15:35]  damals mit einem großen Garten, da waren

[00:15:38]  die irgendwie aufgestellt.

[00:15:41] Weil da habe ich mein Buttererlebnis. [schluckt]

[00:15:44] Für mich war Butter wichtig. Ich bin sogar zu Nachbarn

[00:15:47] Butter treiben gegangen, damit ich ein bisschen abbekomme,

[00:15:50] weil es war mir zu mager im Krieg.

[00:15:53] Und da haben die...

[00:15:56] Ein Fass Butte gehabt.

[00:15:59]  Zum Verteilen. Das werden sie halt irgendwo haben sie das kassiert,

[00:16:02] gell. Bin sofort zum Nachbarn gelaufen

[00:16:05] einen Teller holen und habe mich da angestellt. Habe

[00:16:08]  ich so Butter gekriegt. Und das habe ich dann rauf

[00:16:11] getragen, in die Bachlaiten [lacht].

[00:16:14]  Das war... Also Marokkaner sind bei mir gut angeschrieben.

[00:16:18]  Als Butterspender. Tobias: Als Butterspender. [alle lachen]

[00:16:21]  Habt ihr, eh hast du die amerikanischen Soldaten auch noch erlebt?

[00:16:26] Herlinde: Nein.

[00:16:28]  Ich war in dem Haus, wo ich dann später

[00:16:30]  mit meinem Mann gewohnt habe.

[00:16:32] War da ein Oberster einquartiert.

[00:16:35]  Der dann noch, vor vielleicht 30 Jahren,

[00:16:39]  mal gekommen ist mit seiner neuen Frau. Ihr das alles zeigen.

[00:16:43] Dieses [lachend] wunderschöne Tirol.

[00:16:46] Die waren aus Jacksonville. Tobias: Jacksonville ist

[00:16:49] glaube ich, ist das, ich glaube Florida. Herlinde: Florida.

[00:16:52] Ja. Ja, ja genau. Mein Sohn ist sogar mal

[00:16:55]  hingefahren. Tobias: Und da, da ist quasi Kontakt noch

[00:16:58]  gewesen? Herlinde: Ja wir haben ihm... Weihnachten haben wir immer einen Bericht gekriegt.

[00:17:01] Einen Jahresbericht. Und die waren in dem Haus einquartiert

[00:17:04]  und alle Parteien haben müssen zusammenrücken

[00:17:07]  Da hat auch nur jeder ein Zimmer gehabt, gell.

[00:17:10]  Jede Partei hat nur ein Zimmer gehabt. Damit er da hausen kann.

[00:17:13] Tobias: Das war jetzt nur mehr die Wohnung,

[00:17:16]  die ihr dann später drin gewohnt habt. Herlinde: Ja.

[00:17:19]  Tobias: Und wer hat zu dem Zeitpunkt, also [Stimmen durcheinander] der, wie ist, nein

[00:17:23]  interessant ist, wie der zu euch... Weil ihr habt ja wahrscheinlich erst viel später dann,

[00:17:27]  also schon nach der Besetzungszeit drin gewohnt, oder? Herlinde: Ja. Tobias: Heißt,

[00:17:31] der ist dann mal gekommen, und hat quasi mal [Herlinde dazwischen: Ja.] angeklopft und hat gesagt

[00:17:34]  Herlinde: Ja genau. Ich habe da gewohnt. Tobias: Wirklich? Herlinde: Und er hat

[00:17:37]  meinen Mann nur gekannt. Mein Mann war zwei Jahre älter als ich

[00:17:40]  Also der hat auch im Krieg dort gewohnt,

[00:17:43] die haben sich gekannt die zwei. Und dann,

[00:17:46]  eben wollte er der Frau das alles zeigen.

[00:17:49]  Wir sind dann zu einem Tiroler-Abend gegangen

[00:17:52]  Ins Adambräu mit ihnen. [lachen] Und  

[00:17:55] sie waren begeistert. [lacht]

[00:18:01] [Rollgeräusch] Tobias: Ungefähr [19]47

[00:18:04] zieht die Familie wieder zurück nach Innsbruck. [Stimmen reden durcheinander] Herlinde: Genau.

[00:18:07]  Wir haben dann im Dorf eine Wohnung gekriegt

[00:18:10] bei einem anderen Onkel. Tobias: In Mieders? Herlinde: In Mieders.

[00:18:13] Heidi: Ganz eine größere Wohnung. Herlinde: Ja

[00:18:16] eine richtige Wohnung. Haben wir gehabt.

[00:18:19]  Schon mit Wasserklosett. Tobias: Und wann...

[00:18:22] Aber, es ist die Familie wieder zurückgezogen? Oder ist

[00:18:25] sie Mieders geblieben. Heidi: Nein, das war 1951.

[00:18:28] [Stimmen durcheinander] Haben wir in Innsbruck eine Wohnung gekriegt. Tobias: Und wo sind sie nach

[00:18:31] Innsbruck hin gezogen, 1951? [Beide Schwester gleichzeitig]: Speckbacherstraße. Tobias: In die Speckbacherstraße.

[00:18:34]  Und wie war das wieder zurück nach Innsbruck zu kommen.

[00:18:37]  Herlinde: Ich war ja immer in Innsbruck. Ich habe

[00:18:40]  bei Verwandten gewohnt. Tobias: [stottert] Ich habe mir gedacht...

[00:18:43]  Herlinde: Ich bin in Innsbruck Schule gegangen, also Hauptschule gegangen.

[00:18:46]  Da habe ich zuerst in Pradl gewohnt, bei einer Tante

[00:18:49]  ein Jahr. Und dann in der Andreas-Hofer-Straße, in

[00:18:52]  demselben Haus wo wir dann gelebt haben.

[00:18:55] Und [längere Pause]

[00:18:58] bin Hauptschule und Handelsschule gegangen.

[00:19:01] Und habe immer am Wochenende... Bin ich nach Mieders gefahren.

[00:19:04] Unter der Woche war ich da. Tobias: Volksschule bei dir Heidi,

[00:19:07]  war dann schon... Heidi: Ja, [19]51 sind wir übersiedelt,

[00:19:10]  da war ich gerade sechs, bin dann in die Volksschule gekommen

[00:19:13] in Innsbruck. In die Volksschule die vis-à-vis war

[00:19:16] Tobias: Ja. Heidi: Fischerstraße, ja.

[00:19:19] [Rollgeräusch]

[00:19:22] Tobias: Nach der Volksschulzeit, Hauptschule und Handelsschule,

[00:19:26]  haben wir ja schon erwähnt,

[00:19:28]  war das schon immer klar, dass es die Handelsschule wird?

[00:19:31] Herlinde: Nein, ich wollte Säuglingsschwester werden. Weil

[00:19:34] ich habe ja zwei kleine Kinder aufgezogen.

[00:19:37]  Da musste man aber 18 sein.

[00:19:40]  Und ich bin mit 14 ausgeschult gewesen, ned.

[00:19:43]  Daher Handelsschule.

[00:19:45] Und das ist mir dann geblieben.

[00:19:47] Tobias: Das heißt, es hat keine Säuglingsschule, also...

[00:19:50] Herlinde: Nein, das war dann vorbei.

[00:19:53] [Rollgeräusch] Tobias: War dann die Rolle von dir, doch die der großen Schwester

[00:20:00] und der, du hast es eh schon erwähnt,

[00:20:03]  als Ziehmutter, oder

[00:20:06] ist das für dich... ist dir das leicht

[00:20:09] gefallen, hast du das gerne gemacht?

[00:20:11] Herlinde: Ich habe die Oma geliebt.

[00:20:13] Tobias: Und die...Auf die Schwestern aufpassen, war das...

[00:20:16] Herlinde: Das war normal, die waren halt da.

[00:20:19] Dann sind wir durch die Stadt gegangen und dann haben wir sie segiert

[00:20:22]  Dann haben wir gesagt, jetzt finden wir nicht mehr heim. Sie war ja neu in der Stadt

[00:20:25] Ich hab das schon gekannt, gell.

[00:20:28] Tobias: Ja dann machen wir vielleicht als nächstes... Herlinde: Ja du musst jetzt weiterkommen

[00:20:31]  jetzt geht es mit der Heidi weiter. Tobias: Genau, jetzt müssen wir gleich im Umkehrschluss fragen,

[00:20:34]  wie das war mit der älteren Schwester quasi.

[00:20:37] Heidi: Es war schön... Herlinde: [unverständlich] genauso. [lachen]

[00:20:40] Heidi: Nein, wir waren ja, also

[00:20:43]  soweit ich mich erinnern kann waren wir ja in Mieders unter der Woche allein.

[00:20:46]  Meine Mutter war im Büro und meine

[00:20:49] Schwester war in Innsbruck. Ich habe mich der mittleren Schwester recht gut verstanden.

[00:20:52]  Und am Wochenende kam

[00:20:55] meine Schwester. Und hat gewöhnlich einen Asthmaanfall bekommen.

[00:20:58]  Dann hat sie die ganze Aufmerksamkeit der Mutter auf sich gezogen.

[00:21:02]  Und hat mit der Schwester da [unverständlich]

[00:21:05]  Und ich war wahnsinnig eifersüchtig.

[00:21:08] Tobias: Wie war es dann die ersten Jahre in Innsbruck?

[00:21:11]  Oder mit Volksschule war das dann, wenn man quasi aus dem Haus

[00:21:14]  immer so viel drin ist, hat es sich dann gebessert oder?

[00:21:17] Heidi: Also ich war in Mieders war mir etwas langweilig.

[00:21:20]  Meine mittlere Schwester, die ist dann in die Schule gegangen.

[00:21:23]  Worum ich sie immer maßlos beneidet habe.

[00:21:26] Bin meistens zur Schule hin gegangen, sie abholen.

[00:21:29]  Und sie haben drinnen gesungen.

[00:21:31]  Und ich habe draußen mitgesungen.

[00:21:33]  Und habe die Aufgaben abgeschrieben.

[00:21:35]  Also Schule, das war mein größter Wunsch, endlich in die Schule zu kommen.

[00:21:38] Tobias: Und wenn es dann, wie es dann in die Schule gegangen ist,

[00:21:41]  hat sich dann alles...

[00:21:43] Heidi: Nein. Wir sind dann nach Innsbruck übersiedelt.

[00:21:46]  Und das war für mich paradiesisch.

[00:21:48]  Weil da waren in der Speckbauerstraße,

[00:21:50]  das war so eine Südtiroler-Siedlung,

[00:21:52]  da waren in jedem Haus mindestens 10 Kinder.

[00:21:55]  Und überwiegend gleichaltrige.

[00:21:57]  Also man hat immer jemanden,

[00:21:59]  zum Spielen gehabt und das war herrlich, ja.

[00:22:01] Tobias: War dann die mittlere Schwester auch noch beim Spielen dabei, oder?

[00:22:05] Heidi: Ja, ja, die war auch.

[00:22:06]  Die hatte natürlich ihre Freunde, die schon ein bisschen älter waren.

[00:22:09] Also, das war sehr angenehm und dann die Schule, gerade vis-à-vis, endlich durfte ich dann in die Schule

[00:22:14]  gehen.

[00:22:15]  Ich weiß noch, erster Schultag hat mich meine Schwester gebracht.

[00:22:19]  Und am zweiten Schultag habe ich schon nicht mehr genau gewusst, welche Klasse das

[00:22:23]  jetzt war, dann sag ich da

[00:22:24] Donnerwetter, das blöde Kind findet die Klasse nicht mehr [lacht kurz].

[00:22:29]  Und bin aber dann aufgeblüht.

[00:22:31]  Also Schule, das war mein Ein und Alles, ja.

[00:22:33] Herlinde: Sie war immer die erste. In der Früh ist sie,

[00:22:36] war die Schule noch nicht offen, ist die Heide schon dort gesessen.

[00:22:41] Heidi: Konnte es kaum erwarten, musste ja nur über die Straße gehen.

[00:22:45] Tobias: Ja.

[00:22:46]  Und war die Schwester als Autoritätsperson

[00:22:50] Können Sie sich an das noch erinnern,

[00:22:52] war das immer so... Es ist... Heidi: Es war immer ein sehr gespanntes Verhältnis.

[00:22:56] Herlinde: Ja, weißt, die Kleinen waren eher zusammen, die waren näher zusammen.

[00:23:00] Heidi: Ja.

[00:23:01] Herlinde: Die Gerda und die Heide, die waren wie alt wart ihr?

[00:23:05] Heidi: Nur zweieinhalb Jahre. Herlinde: Vier Jahre? Zweieinhalb Jahre!

[00:23:08]  Ja, eben.

[00:23:09]  Und ich war eben weit weg.

[00:23:11]  Ich war schon groß.

[00:23:13] Heidi: Ja, sie hat dann in Innsbruck natürlich ganz andere Interessen gehabt, ist dann schon

[00:23:17] ausgegangen und war dann nicht mehr so präsent wie in Mieders, am Wochenende [lacht].

[00:23:22]  Das hat sich gelegt dann, dann ist es schon ein bisschen besser gegangen, ja

[00:23:26] Tobias: Und die Mutter habt man dann viel gesehen, ist man... Wenn die Mutter da war, was hat man,

[00:23:30] mit der Mutter, und dann haben wir da, am Sonntag haben wir gesagt Wanderungen, das war...

[00:23:35] [Beide gleichzeitig]: Ja, haben wir schon ein paar Spaziergänge und so gemacht.

[00:23:38] Tobias: Wo ist man da so, wo seid ihr da so hin spaziert?

[00:23:42]  Heidi: Bergisel.

[00:23:43] Herlinde: Bergisel, oder wie heißt das da?

[00:23:46]  Andreas-Hofer-Weg.

[00:23:47] Heidi: Ja. Herlinde: Viel.

[00:23:48] Heidi: Und eben Schöhnruh sind wir hinauf gefahren mit der Mutter.

[00:23:51]  Wobei es da eine wunderbare

[00:23:53]  Jause hat uns die Oma mitgegeben, die hat in der Früh Schnitzel gebacken.

[00:23:58]  Und Bohnensalat und Kartoffelsalat, davon schwärme ich heute noch. [lachen]

[00:24:02] Tobias: Und das habt ihr zum, also quasi also...  Herlinde: Haben wir zum Schwimmen mitgehabt, ja.

[00:24:05] Heidi: Dann sind wir mit der Bahn gefahren, gell? Herlinde: Ja.

[00:24:07] Heidi: Über Aldrans und dort hinüber spaziert, also das war ein Erlebnis.

[00:24:10] Haben zwar immer einen furchtbaren Sonnenbrand gehabt, weil Sonnencreme war damals noch zu teuer

[00:24:14]  oder auch nicht so gut, gell?

[00:24:17]  Sonst war das schon ein Erlebnis, ja.

[00:24:19] Herlinde: Und man hat warten müssen oftmals bis das Wasser ein rinnt, kannst du dir die Temperatur vorstellen.

[00:24:24] Heidi: War das nicht Höttinger Au?

[00:24:26]  Herlinde: Höttinger Au. Kalt war es, genau.

[00:24:28] Tobias: Wo ist man lieber schwimmen gegangen?

[00:24:30]  Schönruh oder Höttinger Au?

[00:24:31] Heidi: Ja, das Schönruh war ja natürlich ein Event, das wäre unter der Woche ja nicht gegangen.

[00:24:35]  Und was ich mir heute manchmal denk, was undenkbar wäre heute?

[00:24:39]  Ich bin mit meiner mittleren Schwester mit der Bahn nach Hall gefahren und dort ins Haller Schwimmbad gegangen.

[00:24:45]  Ich konnte aber nicht schwimmen.

[00:24:47]  Jetzt muss man sich das vorstellen, wenn die Kinder alleine dahin gefahren sind.

[00:24:50]  Und meine Schwester hat mich immer untergetaucht, ich bin dann schon immer wieder aufgetaucht, gell?

[00:24:54]  So passiert ist nichts, aber das ist halt undenkbar, gell?

[00:24:57]  Ja, meine Mutter hatte nie Zeit gehabt und so sind wir halt alleine gegangen, ja.

[00:25:01] [Rollgeräusch] Heidi: Etwas wollte ich noch sagen, [Tobias dazwischen: Ja, sehr gern.] was mich als Kind sehr beeindruckt hat.

[00:25:08]  Ich bin sehr viel in diese Bücherei im Taxispalais gegangen.

[00:25:11] Und das war in diesen schönen Räumen und die vielen Bücher, das war wirklich paradiesisch schön,

[00:25:16] das habe ich sehr genossen, ja.

[00:25:18] Tobias: Und ehm, zum Lesen oder zu...

[00:25:21] Heidi: Ja, alles zum Lesen, man konnte sich dort aufhalten und dort lesen und was ausleihen.

[00:25:25] Tobias: Da ist man dann aber allein hin gegangen, also das war dann...

[00:25:28] Heidi: Wir sind immer nur alleine hin gegangen.

[00:25:30]  Ich bin auch mit sechs allein schon zum Zahnarzt gegangen.

[00:25:33]  Weil die Mutter war berufstätig, hat keine Zeit gehabt und dann haben wir halt überall allein gehen müssen, gell?

[00:25:38]  Das war ganz gut, weil wir waren früh selbstständig, gell? Tobias: Ja, allerdings.

[00:25:41]  Heidi: Ja. [lacht kurz]

[00:25:42] [Rollgeräusch] Tobias: Das ist natürlich, alleinerziehende Mutter, ist natürlich immer...

[00:25:49]  Es ist heute nicht einfach, war damals sicher auch nicht einfach. Herlinde: Ja. Tobias: Hat

[00:25:52] man gemerkt, dass vielleicht wenig Geld da war, man hat nicht alles gekriegt,

[00:25:57]  oder ist man mit dem eigentlich... man ist immer zufrieden, mit dem was man.

[00:26:00] Heidi: Es hat niemand was gehabt, nach dem Krieg. Herlinde: Ja.

[00:26:03] Heidi: Das war ganz normal, oder?

[00:26:05] Herlinde: Wir haben uns nie benachteiligt gefühlt. Heidi: Nein. Nein.

[00:26:08] Herlinde: Ich kann mich schon erinnern, dass  [lacht kurz] in der Handelsschule in der Pause,

[00:26:12]  dann ist man ja so den Gang entlang gegangen, da hat meine Freundin, die [unverständlich]

[00:26:17] hat so eine Stulle mit gehabt, mit Wurst drin.

[00:26:21]  Also das war für uns undenkbar.

[00:26:24]  Weil Wurst hat es nur für die Mama gegeben.

[00:26:27]  Das war für die Mutter reserviert.

[00:26:29]  Ich weiß nicht, was ich mitgehabt habe.

[00:26:32] Auf jeden fall habe ich... Sehe ich das heute noch vor mir, weißt, von einem großen Laib

[00:26:36]  so eine Stulle hat die mitgehabt.

[00:26:39] Heidi: Aber wir haben ja eben dann diesen Schrebergarten gehabt,

[00:26:42] da in Wilten, und da haben wir wirklich Gemüse und alles gehabt,

[00:26:46]  in rauen Mengen.

[00:26:48] Tobias: Ist man da dann immer am Wochenende hin, zum Schrebergarten?

[00:26:50] Heidi: Jeden Tag. Tobias: Jeden Tag.

[00:26:51]  Heidi: Im Sommer, ja

[00:26:52]  Herlinde: Mit Erdbeeren.

[00:26:53] Heidi: [unverständlich] Herlinde: Erdbeeren ernten und so.

[00:26:57] Heidi: Erdbeeren, Ribisel. Herlinde: Die hat alles gehabt. Alle Beeren.

[00:26:59] Da war die Oma gut.

[00:27:02]  Wir haben in Mieders haben wir schon einen Acker gepachtet.

[00:27:05] Weil da haben wir keinen Garten gehabt.

[00:27:07]  Das war nicht für uns, sozusagen, der Garten.

[00:27:11]  Da hat sie, ich weiß nicht wieviel Quadratmeter, einen mords

[00:27:14]  Garten, eh, einen Acker einfach ein Feld,

[00:27:18] und da haben wir dann auch Kartoffeln und Kraut [unverständlich]

[00:27:21] Heidi: Das Nötigste haben wir gehabt.  

[00:27:23] Herlinde: Wir waren immer gut versorgt. [Rollgeräusch]

[00:27:29] Tobias: Vielleicht Heidi, bei dir noch, du bist dann Volksschule, Hauptschule,

[00:27:33] Heidi: Ja. Tobias: Danach auch eine weiterführende Schule?

[00:27:36] Heidi: Ja, ich bin dann in die Handelsakademie gegangen,

[00:27:38] was ich meiner Schwester zu verdanken habe, weil

[00:27:40] alle aus meiner Klasse sind in die Handelsschule gegangen.

[00:27:43]  Und da sagt meine Schwester,

[00:27:44] Na, du bist eh gut in der Schule, geh doch in die Handelsakademie.

[00:27:47]  Und dann bin ich als Einzige in der Klasse,

[00:27:49]  aus der Klasse in die Handelsakademie gegangen.

[00:27:51] Herlinde: Das war dann ich, die gute Schwester, ned.

[00:27:53] Heidi: Ja, dann hat sich das Verhältnis gebessert. [lachen]

[00:27:56] Überhaupt, wo sie dann nach Rum gezogen ist, gell [lacht kurz].

[00:27:59] Tobias: Der Zug, ehm der Umzug nach Rum, war dann schon beruflich bedingt, oder war das...?

[00:28:03] Herlinde: Nein, ich habe da in Innsbruck bei einem Holzhändler gearbeitet,

[00:28:07]  die dann den Betrieb... Das war ein Holzhändler, der ha

[00:28:12]  nach dem Krieg, hat der Holzhäuser gebaut.

[00:28:18]  Und dann haben wir ein Export mit Spreißel [Dialekt für kleines, dünnes Stück Holz] gegeben.

[00:28:23]  Also die Randstücke von den Bäumen.

[00:28:26] Ned, zuerst kommt die Rinde weg und dann das Spreißel.

[00:28:29]  Und das ist für die Papierfabrik nach Italien gegangen.

[00:28:32]  Bis zu 15 Waggons am Tag, haben wir da abgewickelt.

[00:28:37]  Da hab ich gearbeitet.

[00:28:38]  Und das hat dann aufgehört.

[00:28:40]  Und dann wollte ich weg.

[00:28:42]  Ich war sieben Jahre dort, dann wollte ich weg.

[00:28:45]  Dann habe ich müssen im Archiv arbeiten.

[00:28:48]  Dann habe ich gefunden den italien... den österreichischen Handelsdelegierten

[00:28:52]  in Rum, habe mir gedacht, da geh ich hin.

[00:28:54]  Dann habe ich einen Brief geschrieben.

[00:28:56] Habe mich in der Handelskammer vorstellen müssen,

[00:28:59]  der war begeistert von mir.

[00:29:01]  Und ich habe dort anfangen können, bin dann nach Rum gekommen.

[00:29:05]  Und war dann eineinhalb Jahre in Rum.

[00:29:07]  Ich habe dann noch beim Steuerberater gearbeitet

[00:29:09]  und habe die Bilanz-Buchhalter-Prüfung

[00:29:11]  gemacht. Tobias: In Rum?

[00:29:13]  Herlinde: [unverständlich]

[00:29:14] Ich bin da geblieben.

[00:29:16] Ist da wieder kaufmännisch weitergegangen.

[00:29:18]  [Rollgeräusch]

[00:29:20] Tobias: Erwachsenenzeit in Innsbruck,

[00:29:25] aufleben, Veränderungen in der Stadt.

[00:29:28] Grad, also, wenn ich jetzt denk an Olympia [19]64,

[00:29:31] ist ja doch ein großes Ereignis gewesen. Herlinde: Ja.

[00:29:33] Tobias: Hat man das stark erlebt oder stark...

[00:29:36] Herlinde: Ja, also das war ein Highlight.

[00:29:38]  Ja, man hat so auf

[00:29:40] den Schnee gewartet.

[00:29:42] [Beide Schwestern gleichzeitig]: Ja, ja kannst dich erinnern,

[00:29:44] es hat keinen Schnee gegeben. Tobias: Und habt ihr,

[00:29:46]  seid ihr zuschauen gewesen?

[00:29:48] Hat man... Heidi: Ich war zuschauen. Tobias: Oder zu Hause am Fernsehen?

[00:29:50] Heidi: Ja, ja, nein, wir waren schon zuschauen.

[00:29:52] Eishockey, überwiegend, ja.

[00:29:54] Herlinde: Ja, ich war beim Skispringen.

[00:29:56] Haben ich einen Platz gekriegt

[00:29:58] unter der Sprungschanze, unterm Tisch

[00:30:01] hat man da stehen können.

[00:30:03] Ma, das war wild, wie die da runter gefahren sind.

[00:30:05] Heidi: [unverständlich]

[00:30:07] Tobias: Und [19]76 war dann auch noch interessant,

[00:30:10]  oder [sind] da die zweiten Spiele schon nicht mehr ganz so interessant?

[00:30:13] Herlinde: Also, da war ich dann im Eishockey.

[00:30:15] Ausscheidungsspiel,

[00:30:17]  Endspiel, Russland

[00:30:19] Tschechei war das damals.

[00:30:21] Tobias: Und die Tschechen, glaube ich haben gewonnen. Herlinde: Die Tschechen haben gewonnen.

[00:30:23] Das war echt toll [lacht].

[00:30:25] Heidi: Ich war [19]76 ehm,

[00:30:27]  wir waren ein paar Jahre in Reutte

[00:30:29]  [19]76 waren wir noch in Reutte.

[00:30:31]  [Rollgeräusch]

[00:30:35] Tobias: Und in der Freizeit, was hat man da... dann schon im Erwachsenenalter

[00:30:39] in der Freizeit, hat es irgendwas gegeben, hat man diese Sonntagstraditionen auch in der eigenen Familie

[00:30:43]  fort geführt

[00:30:45] so gut es geht?

[00:30:47] Heidi: Ab dem Teenager-Alter war da Schluss, gell.

[00:30:49]  Unsere Mutter war ein bisschen geh behindert

[00:30:51]  und die hat sich dann schwer getan.

[00:30:53]  Und dann haben die sonntäglichen Ausflüge

[00:30:55]  nicht mehr stattgefunden.

[00:30:57] Man hat halt dann mit Freundinnen was unternommen.

[00:30:59]  Wir sind viel ins Kino gegangen.

[00:31:01] Tobias: Wo, ins ehm...

[00:31:03] Heidi: Ins Non-Stop Kino, ja.

[00:31:05] Wochenschau, und da konnte man ja ewig sitzen bleiben,

[00:31:08] bis man es beinah auswendig konnte [lacht kurz].

[00:31:10]  Und auch sonst sind wir viel ins Kino gegangen.

[00:31:13] Tobias: Tanzen, ins Greif zum Beispiel?

[00:31:15] Heidi: Das waren meine Schwestern.

[00:31:17] Herlinde: Ich war immer in allen Kellern

[00:31:19] war ich daheim. Es hat viele Keller gegeben

[00:31:22] damals, gell.

[00:31:24]  Dann war da beim Central,

[00:31:27]  war ein Keller drin.

[00:31:29]  Wie hat denn das da oben geheißen?

[00:31:31] Das gibt es ja heute noch

[00:31:33] das Lokal, bei der Triumphpforte  

[00:31:35] da beim Eck? Heidi: Das war Greif, oder?

[00:31:37] Tobias: Das war das Greif, ja.

[00:31:39]  Herlinde: Nein, nein, vis-à-vis.

[00:31:41]  Tobias: Da ist jetzt glaube ich so eine Bar drin.

[00:31:43]  Herlinde: Ja, ja, da war ein Keller.

[00:31:45]  Dann ist man nach Igls gefahren.

[00:31:47]  Wir sind sogar nach

[00:31:49] Garmisch gefahren.

[00:31:51] Tobias: Mit dem Zug?

[00:31:53] Herlinde: Nein. Da haben die Freunde

[00:31:55] dann schon ein Auto gehabt.

[00:31:57]  Das war mit dem Günther war das, gell.

[00:31:59] Der hat einen Kastenwagen gehabt und hat uns alle eingeladen

[00:32:02] und wir sind dann raus gefahren.

[00:32:04] Heidi: Tanzmäßig hat bei mir nicht viel

[00:32:07] stattgefunden [lacht kurz] Herlinde: Wohl, ich war viel tanzen

[00:32:09] Heidi: Ja, ja. Tobias: Was hat... Herlinde: Ich bin jahrelang Tanzkurs

[00:32:11] gegangen, und dann hat es geheißen

[00:32:13] am Samstag oder wann,

[00:32:15]  Perfektion.

[00:32:17]  Da war dann einfach Musik,

[00:32:19]  und man ist hin gegangen und hat sich

[00:32:21] getroffen sozusagen und hat getanzt einfach dann.

[00:32:23]  Also ohne Anleitung.

[00:32:25] Tobias: Mit... War das dann schon mit dem Ehemann?

[00:32:27] Herlinde: [ganz entsetzt] Nein!

[00:32:29]  Ehemann und tanzen, das ist nicht gegangen.

[00:32:31] [alle lachen] Tobias: Mit wem ist man dann

[00:32:34]  tanzen gegangen, mit den Freundinnen und Freunden?

[00:32:36] Herlinde: Ja. Nein, da haben wir es...

[00:32:38] Wir sind auch auf Bälle gegangen. Und zwar

[00:32:41] hat mein Schulkollegen eine Mutter gehabt.

[00:32:43] Die ist mit uns

[00:32:45] gegangen. Weil sie hat einen

[00:32:47] Freund gehabt, der auch dann

[00:32:49]  hingekommen ist, gell

[00:32:51]  Heidi: [unverständlich]

[00:32:53] Herlinde: Sind wir von

[00:32:55] von, was weiß ich.

[00:32:57]  Von Ball zu Ball. Wir haben

[00:32:59]  alle Bälle besucht. Immer so.

[00:33:01] Tobias: Und, jetzt muss ich gerade noch fragen...

[00:33:03] Herlinde: Keller sind wir allein gegangen.

[00:33:05]  Ohne Mutter.

[00:33:07]  Aber Bälle waren offiziell halt.

[00:33:09] Tobias: Gibt es noch Erinnerungen an den ersten Kinofilm

[00:33:11]  was man sich angeschaut hat?

[00:33:13] Heidi: Ma, ich erinnere mich nur an den ersten Filmen,

[00:33:15]  wo ich Jugendverbot gegangen bin.

[00:33:17]  Mit 14.

[00:33:19]  Das war Faust im Nacken. Den hätte ich nicht gehen dürfen.

[00:33:21] Der war erst ab 18.

[00:33:23]  Aber vorher weiß ich jetzt nicht, was der Erste war.

[00:33:25] Tobias: Und wie haben... Wie ist man in den Film gekommen, wenn man noch nicht...

[00:33:28] Heidi: Ich war schon sehr groß mit 14.

[00:33:30] Tobias: Und dann ist quasi...

[00:33:32] Heidi: Ja, da bin ich schon hinein gekommen [lachen].

[00:33:34] Tobias: Ist... Aber auch mit Freundinnen mit...

[00:33:36] Heidi: Mit der Freundin, ja.

[00:33:38] Herlinde: Ich habe in Mieders den ersten Film gesehen.

[00:33:41]  Und zwar war da irgendwo ein Zelt

[00:33:43] und da haben sie einen Film vor geführt.

[00:33:46]  Und zwar irgendwas mit Luftballon.

[00:33:49]  Es war so eine Revue-Film.

[00:33:52]  Mit [unverständlich] und Luftballon,

[00:33:55]  irgendsoetwas ist halt da

[00:33:57] vorgekommen, war toll.

[00:33:59]  Das war mein erster Film.

[00:34:01] Heidi: [unverständlich]

[00:34:03] waren die am Lanser See.

[00:34:05] Tobias: Zum Baden?

[00:34:06] Heidi: Ja.

[00:34:07]  Gesellschaftliches Event war immer Lanser See.

[00:34:09]  Ich meine, man ist damals noch nicht so viel weg gegangen.

[00:34:12] Flugreisen waren zu teuer und einige

[00:34:14] sind schon gleich [unverständlich]

[00:34:16] man hätte ja am Lanser See was versäumt, wenn man nicht oben gewesen

[00:34:18] wäre. Tobias: Das heißt, Urlaube waren in...

[00:34:20]  Als, Kind natürlich ganz selten, eh klar

[00:34:23] Herlinde: Ja, wir, meine

[00:34:24] mittlere Schwester und

[00:34:25]  ich, wir sind

[00:34:26]  dann in den Ferien immer mit [unverständlich]

[00:34:29]  verschickt worden.

[00:34:30]  Sommerfrische, ja.

[00:34:32] Tobias: Gibt es da noch einen Urlaub, was man sich erinnern kann?

[00:34:35] Heidi: Ja, einmal waren wir in Mieders

[00:34:37] und meine Schwester

[00:34:39]  hat sich immer gern beklagt.

[00:34:40]  Die hat sich gleich übers Essen beschwert. [Herlinde lacht kurz]

[00:34:42]  Dann kam dann einmal eine Kommission.

[00:34:44]  Und dann war das Essen besser.

[00:34:46]  Das nächste Mal waren wir in Oberpinswang,

[00:34:49] Reutte. Das schrecklich, weil

[00:34:51]  es jeden Tag geregnet hat.

[00:34:53]  Und auf das Essen war wieder nicht  

[00:34:55] so ausreichend, [Herlinde fängt an zu husten] wie es meine Schwester gern gehabt hätte.

[00:34:58] Hat sich wieder beschwert, es ist dann wieder besser geworden [lacht kurz].

[00:35:01]  Und mir war das ja furchtbar peinlich.

[00:35:03] Ich habe schon Angst gehabt sie schicken uns jetzt heim,

[00:35:05] weil meine Schwester,

[00:35:06]  so ein Großmaul war, gell.

[00:35:07]  Das wäre mir furchtbar peinlich gewesen.

[00:35:09] [Rollgeräusch] Tobias: Gibt es noch etwas, was wir vergessen haben,

[00:35:15]  was vielleicht noch interessant wäre?

[00:35:17] Herlinde: Also ich hätte eine Brücke anzubieten. Tobias: Mhm, bitte.

[00:35:19] Herlinde: Und zwar treffe ich mich immer noch

[00:35:21]  mit den Schulkolleginnen aus Haupt- und Handelsschule.

[00:35:26]  Wir sind jetzt noch neun.

[00:35:28]  Wir treffen uns jetzt zweimal im Jahr,

[00:35:30]  weil jetzt wird es brisant.

[00:35:32]  Einmal im Frühling, einmal im Winter,

[00:35:35]  immer im "Riese Haymon".

[00:35:37]  Da habe ich eine Kollegin,

[00:35:39]  die ist gleich alt wie ich,

[00:35:41]  die arbeitet noch.

[00:35:43]  Die hat eine Handelsfirma, so für

[00:35:45] medizinische Geräte.

[00:35:47]  Dann ist sie im Alpenzoo,

[00:35:50] macht sie die Reisen,

[00:35:52]  organisiert sie die Reisen

[00:35:54]  und dann ist sie im botanischen Institut,

[00:35:57] da macht sie das Rechnungswesen.

[00:35:59]  Tobias: Oben in Hötting?

[00:36:01]  Herlinde: In meinem Alter. Ja.

[00:36:03] Super gell. Tobias: Ja. Herlinde: Ich war übrigens auch im Alpenzoo.

[00:36:05] Tobias: Ja. Herlinde: Mhm. Tobias: Und wie... Als, eh, in was für einer Funktion?

[00:36:09] Herlind: Das Büro.

[00:36:11]  Ich habe angefangen nach den Kindern,

[00:36:13]  wann war das, ich war

[00:36:15] 45, wie ich oben angefangen

[00:36:17] habe. Heidi: 1945?  

[00:36:19] 75?

[00:36:21] Herlinde: Nein, im Jahr... Nein mein Alter.

[00:36:23] Heidi: Ach so, du [beide reden durcheinander - unverständlich]

[00:36:25] 15 Jahre war ich oben.

[00:36:27] Tobias: Das war... Wer war zu der Zeit

[00:36:29]  war da schon der Bechlander [Schreibweise ungewiss]? Herlinde: Da hat er angefangen.

[00:36:31] Tobias: Weil das war ja davor, ehm.

[00:36:33] Herlinde: Psenner. Tobias: Psenner genau, weil da ist ja Steg unten nämlich.

[00:36:35] Herlinde: Der war schon, schon noch

[00:36:37] anwesend,

[00:36:39] aber, der hats dann übernommen, ned

[00:36:41]  der Bechlander hat es dann übernommen.

[00:36:43] Und da habe ich angefangen

[00:36:45]  Halbtags, habe ich nur Buchhaltung

[00:36:47] und Lohnverrechnung gemacht.

[00:36:49]  Und da haben wir eine Sekretärin gehabt.

[00:36:51] Die ist dann nach Wien gegangen

[00:36:53]  Und dann hat eben der Bechlander gemeint,

[00:36:55]  das wäre halt toll

[00:36:57] wenn ich das jetzt auch noch machen würde, ned.

[00:36:59]  Also ab dort war ich nur mehr im Zoo. Samstag

[00:37:01] Sonntag, immer und überall.

[00:37:03]  Denn wir haben durchwegs

[00:37:05] Gäste gehabt, die auch

[00:37:07]  betreut werden mussten, gell.

[00:37:09] Da bin ich dann schon eingesprungen.

[00:37:11] Tobias: Wie, darf man das... Kann man das verstehen?

[00:37:13]  Betreut werden haben müssen? Herlinde: Ja, die haben gewohnt,

[00:37:15] die Frau Schwetz [Schreibweise ungewiss] hat uns,

[00:37:17]  im Mentlberg, kennst du das? Tobias: Mhm.

[00:37:19] Herlinde: Die Frau Schwetz hat uns das Haus

[00:37:21]  zur Verfügung gestellt für Gäste.

[00:37:23] Die hat man dahin gebracht und dann

[00:37:25] ist man mit ihnen essen gegangen und dann

[00:37:27] hat man mit ihnen einen Ausflug gemacht, mit einem

[00:37:29] auf den Patscherkofel, mit einem auf die Nordketten.

[00:37:31] Russen waren da

[00:37:33] und dann die ganzen Ossis.

[00:37:35]  Die haben wir da alle abgefüttert,

[00:37:37] Und sie haben auch immer [lachend] gefragt, wie heißt

[00:37:39] der Bodner, der Bekannteste [unverständlich]

[00:37:41] bei Pretty Woman.

[00:37:43] Die haben sich damals abessen können.

[00:37:45] Und da bin ich schon ziemlich eingedeckt gewesen.

[00:37:47] Tobias: Und gibt es noch Kontakt zum Bechlander?

[00:37:51] Herlinde: Ja, haben wir.

[00:37:53] Tobias: Es war viel Arbeit, aber es ist nicht der Kontakt mit...

[00:37:55] Also das Arbeitskrieg war an und für sich

[00:37:57] in Ordnung. Herlinde: Ja wunderbar. Er war der beste Chef

[00:37:59]  von allen [beide lachen].

[00:38:01] Er hat sich selber nicht geschont,

[00:38:03]  und dann tut man halt mit, gell.

[00:38:05] Und er uns so gelobt immer, mein Gott.

[00:38:07] Er hat uns so gefangen mit dem Lob

[00:38:09]  [lacht kurz].

[00:38:11]  Da kommt man [lachen]

[00:38:13] Tobias: Das heißt...

[00:38:15] Herlinde: Hat er verstanden.

[00:38:17] Tobias: Geht man dann jetzt, auch wenn das jetzt schon lang her ist

[00:38:19]  trotzdem noch in den Alpenzoo hin und wieder

[00:38:21] und schaut sich das an. Herlinde: Ja, freitags ist es soweit.

[00:38:23] Am Freitag gehen wir wieder rauf

[00:38:25]  Tobias: Und ist man jedes Mal wieder

[00:38:27] kommen dann die Erinnerungen, wenn man dann da im Zoo ist?

[00:38:29] Herlinde: Ja freilich. Es gibt da noch Leute.

[00:38:31]  Es gibt meine Nachfolgerin, die war ja während

[00:38:33] meiner Zeit schon oben,

[00:38:35] und die ist immer noch da.

[00:38:37] Tobias. Und dann gibt es wieder einen

[00:38:39]  Austausch über den neusten Alpenzoo-Klatsch.

[00:38:41] Herlinde: Ja, Ja. Und dann ist es eine [unverständlich]

[00:38:43] ist es auch oben.

[00:38:45]  Und dann kriege ich dann auch die Familiengeschichte

[00:38:47] noch ein bisschen mit, gell.

[00:38:49]  Ja, ja. Man ist schon immer noch oben,

[00:38:51]  nicht mehr so, nicht mehr

[00:38:53] so dicht, wie es war.

[00:38:55] Aber, bin am laufenden.

[00:38:57] [Tobias lacht] Herlinde: Ich weiß sogar

[00:38:59]  dass die [unverständlich] schon brühten.

[00:39:01] Tobias: Auch wenn man im Büro war

[00:39:03]  und auch viel Buchhaltung und die Gäste,

[00:39:05]  hat man dann Kontakt unter

[00:39:07]  Anführungszeichen zu den Tieren gehabt?

[00:39:09]  Herlinde: Ja sicher. Man ist immer

[00:39:11]  durchgegangen und hat gewusst

[00:39:13] was Neues ist, wer brühtet

[00:39:15]  und wer [unverständlich] [lachend] und so weiter.

[00:39:17] Heidi: Du hast doch auch immer einen Bartgeier

[00:39:19] im Büro [beide Schwestern reden durcheinander]

[00:39:21] Herlinde: Ja, wir haben einen Bartgeier haben wir im Büro gehabt.

[00:39:23] Weil die haben sich bekämpft.

[00:39:25]  Im Nest.

[00:39:27] Da ist nur der stärkere aufgekommen.

[00:39:29]  Das war sozusagen das Reservekind.

[00:39:31]  Und wir haben dann das Reservekind

[00:39:33]  bis er halbwegs groß war,

[00:39:35] dann ist es wieder ins Nest gekommen

[00:39:37]  und dann ist es gegangen.

[00:39:39] [unverständlich] bei Tieren.

[00:39:41] [Tobias lacht] Herlinde: Ja.

[00:39:43]  Alpenzoo. Nein, war eine schöne Zeit

[00:39:47]  Und dann ist er mir abgehauen, der Chef. Ist er dann nach Wien

[00:39:49]  gegangen. Ich bin auch nach Wien durchgefahren  

[00:39:51] zu ihm.  

[00:39:53] Tobias: Hat es gar keine Versuche gegeben

[00:39:55] abzuwerben nach Wien?

[00:39:57] Herlinde: Wohl, freilich wollte er mich mitnehmen.

[00:39:59] Tobias: Aber war dann nicht mehr. Herlinde: Was tue ich denn

[00:40:01] in Wien? Nein,

[00:40:03] so eine große Stadt. Das ist ja...

[00:40:05]  So schön wie Wien ist, aber ich fahre gern

[00:40:07]  wieder Heim.

[00:40:13] [Rollgeräusch] Tobias: Skifahren lernen, Skifahren ist... Herlinde: Ich habe nach diesen großen ersten Anfällen, dann hat es endlich

[00:40:19] eh, Medikamente gegeben.

[00:40:21]  Dann habe ich beim

[00:40:23] Schmidhuber

[00:40:25]  auf der Seegrube

[00:40:27]  Skifahren gelernt.

[00:40:29]  Tobias: Wann war das, zu welcher Zeit?

[00:40:31]  Herlinde: [überlegt - atmet fest aus] Wann

[00:40:33]  war denn das? Tobias: Oder vielleicht...

[00:40:35]  Herlinde: [Heidi sagt was im Hintergrund] Ich war auf jeden fall schon 20 Jahre.  

[00:40:37]  Also,

[00:40:39]  [19]56, [19]58 so was.

[00:40:41] Tobias: Und wie waren die ersten Versuche auf den Skiern?

[00:40:43] Herlinde: Ja ich habe einen Kurs gemacht, dann ist es schon gegangen.

[00:40:45] Ich weiß noch wie ich das erste Mal gefahren, runter

[00:40:47]  gefahren bin habe ich gesagt

[00:40:49] ich geh nie wieder [lacht].

[00:40:51] [lacht]

[00:40:53]  Zuerst ist man ja hinten gefahren, gell.

[00:40:55]  Nein, das war mir ein bisschen zu

[00:40:57]  steil und dann ist der Skilehrer

[00:40:59]  da unter mich her gefahren, da

[00:41:01] dann bin ich aufgestanden, dann ist [es] wieder

[00:41:03]  gegangen. Dann bin ich oft

[00:41:05]  rauf gegangen. Tobias: Und Sie sie dann...

[00:41:07] Oder bist du dann noch öfter

[00:41:09]  also Skifahren, ehm, war [das was], was

[00:41:11] man öfters gemacht hat, oder war das dann...?

[00:41:13] Herlinde: [unverständlich] Heidi: Ich habs

[00:41:15] im Skiurlaub gemacht. Herlinde: Skiurlaub

[00:41:17] ja. [unverständlich] sind wir viel Ski-

[00:41:19] fahren gegangen. Dann [unverständlich]

[00:41:21] ist man damals gegangen. Ja, das war

[00:41:23] schon mit der Familie. Dann waren wir in

[00:41:25] Jerzens Und bei den Anfängen

[00:41:27] mit dem Einer-Sessel-Lift haben wir angefangen

[00:41:29] in Jerzens.

[00:41:31] Tobias: Und bei dir Heidi war... Heidi: Mich hat man

[00:41:33] zu einem Skikurs auf die

[00:41:35] Ferrari-Wiese geschickt.

[00:41:37]  Und ich sage heute immer, es

[00:41:39] war eine Materialfrage, weil ich habe

[00:41:41] die alten Schuhe und Ski von meiner Schwester

[00:41:43] gehabt, wo ich so drin gestanden bin

[00:41:45]  und das war eine Katastrophe

[00:41:47]  und dann habe ich das Skifahren abgeschlossen [lacht kurz].

[00:41:49] Wie ich dann meinen Mann kennen gelernt habe

[00:41:51] habe ich noch einmal einen Versuch gemacht

[00:41:53] und der ist auch kläglich gescheiert.

[00:41:55] Herlinde: War das nicht in Kühtai? Heidi: In Kühtai

[00:41:57] waren wir da, ja. Herlinde: Ja.

[00:41:59]  Und sie ist neben der Straße, am ebenen Weg,

[00:42:01]  hat sie ihre Versuche gemacht. Heidi: [lacht].

[00:42:03] [Rollgeräusch]

[00:42:05] [Rollgeräusch]

[00:42:07] Herlinde: Ja unser Vater war ja

[00:42:09] ein großer Skifahrer. Er war ein großer Sportler.

[00:42:11] 10-Kämpfer und so weiter.

[00:42:13] Heidi: Skispringer.

[00:42:15] Herlinde: Skispringer mit dem Bubi Bradl.

[00:42:17] Tobias: Ah ja. Herlinde: Ist er Ski gesprungen.

[00:42:19] Das war überhaupt mein Lieblingsonkel,

[00:42:21] der Bubi Bardl.

[00:42:23] Der ist dann nach dem ersten Training

[00:42:25] hat er bei uns gewohnt und ist

[00:42:27] im Bett liegen geblieben. Er hat sich nicht...

[00:42:29] Er hat nichts mehr bewegen können. So war das.

[00:42:31] Die waren ja nicht trainiert.

[00:42:33] Auch mit nichts ausgerüstet, ned.

[00:42:35] Tobias: Mhm. Herlinde: Und

[00:42:37] da hat er sich ein paar Tage erholt und

[00:42:39] dann ist es wieder weiter gegangen [lacht kurz].

[00:42:41] Tobias: Jetzt, grad weil jetzt, weil wir jetzt

[00:42:43] kurz über den Onkel...

[00:42:45] Hat es eine...

[00:42:47] andere, als einen Ersatzvater

[00:42:49] in dem Sinn gegeben. Einen, einen Onkel oder...

[00:42:51] Herlinde: Nein, das... da haben wir uns geweigert [Tobias im Hintergrund: Großvater?]

[00:42:53]  Das haben wir nicht erlaubt.

[00:42:55]  Heidi: Nein wir waren... Herlinde: [unverständlich]

[00:42:57]  Heidi: Großmutter war mit 28 Witwe

[00:42:59] und unsere Mutter mit 39.

[00:43:01]  Es war also kein Mann in der Familie.

[00:43:03]  Herlinde: Nein, ein Onkel. Heidi: Der hat aber selber

[00:43:05] Kinder gehabt. Der hat sich also nicht groß gekümmert.

[00:43:07] Und das war schon...

[00:43:09] Herlinde: Mutter hat auch die Vormundschaft gehabt

[00:43:11] für uns, gell.

[00:43:13] Tobias: Könnt ihr, kann man sagen

[00:43:15] das hat irgendwo auch

[00:43:17] das eigene, das Eigenständige

[00:43:19] das persönlich einen viel,

[00:43:21] sehr Gestalter und...

[00:43:23] Herlinde: Ja, auf jeden Fall. Heidi: Ja! Herlinde: Auf jeden Fall.

[00:43:25] Heidi: Das war das Vorbild, unsere Mutter und Großmutter

[00:43:27]  das waren starke Frauen.

[00:43:29]  Herlinde: Ja. Heidi: Und so hat man immer das Gefühl gehabt

[00:43:31] es kann einem nix passieren, weil das schafft man dann schon.

[00:43:33] [Outro-Musik]

[00:43:35] [Outro-Musik]

[00:43:37] [Outro-Musik]

[00:43:39] [Outro-Musik]

[00:43:41] [Outro-Musik]

[00:43:43] [Outro-Musik]

[00:43:45] [Outro-Musik]

[00:43:47] [Outro-Musik]

[00:43:49] [Outro-Musik]

[00:43:51] [Outro-Musik]

[00:43:53] [Outro-Musik]

[00:43:55] [Outro-Musik]

[00:43:57] [Outro-Musik]

Zeitzeugengespräch Armanda Tschurtschenthaler

Zeitzeugengespräch Armanda Tschurtschenthaler

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00] Armanda: Und dann war es die Sirene.

[00:00:02] Und dann natürlich schnell heim gesaust, ja, jetzt schnell runter in den Keller.

[00:00:05]  Und dann hat es schon gekracht gell.

[00:00:07] Das Essen ist am Tisch gestanden.

[00:00:10] Wie wir nachher dann nach der Entwarnung wieder raufgekommen sind,

[00:00:13]  war natürlich alles verstaubt und verrußt.

[00:00:16]  Das war schon ein bisschen deprimierend, muss ich sagen.

[00:00:19]  [Intro-Musik]

[00:00:34] Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur vierten Folge der zweiten Staffel von "Archivwürdig",

[00:00:39]  dem Podcast des Innsbrucker Stadtarchivs.

[00:00:42]  In dieser Folge hören Sie Aufnahmen aus dem Gespräch mit Frau Tschurtschenthaler.

[00:00:46]  Frau Tschurtschenthaler wurde 1932 geboren und verbrachte einen Großteil ihrer Kindheit in Wilten.

[00:00:52]  Sie berichtet uns vor allem über ihre Erinnerungen an das Arbeitslager Reich genau,

[00:00:56]  sowie Zwangsarbeiter in der Stadt, was sie von der Reichskristallnacht in Innsbruck im Gedächtnis blieb

[00:01:02]  und was sie noch von der Schulzeit berichten kann.

[00:01:05]  Neben der Stimme von Frau Tschurtschenthaler hören Sie auch unseren Leiter des Stadtarchivs Lukas Morscher.

[00:01:10]  Und damit geht es auch schon zur Folge.

[00:01:13] Armanda: Ja, ich bin [19]32 geboren und in der Fischerschule in die Schule gegangen, [19]38,

[00:01:20]  das erste Jahr war noch katholischer Schul[unverständlich]dienst und das zweite Jahr war schon das Hakenkreuz an der Wand.

[00:01:25]  Und dann ist [19]38, [19]39 bei Kriegsbeginn, mein Vater schon weg gewesen,

[00:01:31]  und [19]46... [19]45, nach dem Krieg, wieder heim gekommen, nach der Gefangenschaft.

[00:01:36]  Und was soll ich sagen, in der Zeit waren wir zwei Jahre in Gris im Sellrain drinnen,

[00:01:42]  wo meine Mutter aufgewachsen ist, wegen der Bombenzeit, weil ich ja den ersten Bomben-Krieg mitgemacht habe.

[00:01:49]  Und beim zweiten Bombenangriff habe ich den schon miterlebt vom Sellrain aus.

[00:01:54]  Da sind schon die Flieger über den Berg her geflogen und dann sind wir am Nachmittag aufs sogenannte "Innsbrucker Bankerl" gegangen

[00:02:01]  und dann haben wir schon gesehen wie Innsbruck brennt.

[00:02:03] [Lukas] Schrecklich.

[00:02:04] Armanda: Ja, dann hast halt das erlebt ned.

[00:02:07]  Und eben. Und nach dem sind wir die zwei Jahre oder fast drei Jahren drinnen gewesen, [19]45 nach Kriegsbeginn,

[00:02:12] ehm, Ende sind wir dann im Mai wieder heim [gegangen].

[00:02:15]  Und drüben im neuen Wilten, ich bin in Wilten aufgewachsen, in der Haymongass 1.

[00:02:20]  Und da habe ich aber schon, da haben wir aber schon, also wenn ich sage,

[00:02:25]  unter dem Krieg vorher schon, waren.... Also das Lager, Reichenauer Lager

[00:02:31]  das war ja ein Gefangenenlager auch von den Franzosenkriege,

[00:02:35] meine ich, wie der der Franzosenkrieg war, da waren schon die Gefangenen dort.

[00:02:38]  Und die sind ab und zu einmal [man hört im Hintergrund jemanden wischen], ich habe es nämlich gesehen,

[00:02:44]  wir haben im ersten Stock oben gewohnt und die sind also ein paar Gruppen,

[00:02:48]  ab und zu durch die Haymongasse rauf gegangen aber ich kann nicht genau sagen,

[00:02:52]  da muss irgendwo, ich weiß nur, ein Bunker gewesen sein, haben die dort müssen arbeiten

[00:02:56]  oder irgendwas erledigen, jedenfalls ist immer wieder einmal so eine kleine Gruppe Gefangener,

[00:03:00]  mit links und rechts Bewachung, da rauf marschiert.

[00:03:03] Lukas: Also französische Kriegsgefangene?

[00:03:04] Armanda: Das müssen französische Kriegsgefangene gewesen sein, ned, also nur das,

[00:03:08] derweil. Aber nach dem Krieg eben war das Auffanglager von heimkehrenden Soldaten.

[00:03:15] Weil mein Cousin, der in Osttirol, der ist auch leider schon verstorben,

[00:03:20]  der hat uns aufgesucht, oben in Wilten, er hat natürlich nicht genau ganz gewusst,

[00:03:26]  wo wir sein und hat aber aufgesucht, und der ist dann gekommen

[00:03:29] und dann sagt ich, ja, wo kommst denn du her? Ja, also er ist in dem Lager und dann muss er warten,

[00:03:34]  bis er die Papiere kriegt zur Entlassung, [unverständlich] Entlassungspapiere ned.

[00:03:40] [Rollgeräusch] Armanda: Ich kann aber nicht genau sagen, wie lange er da war oder was,

[00:03:47]  aber er muss schon ziemlich eine Weile da gewesen sein, weil wir haben können,

[00:03:50]  die waren gut versorgt auch, und wir haben können als Kinder,

[00:03:54]  weil nach dem Krieg hat es ja auch nicht alt so viel gegeben sind, sind wir

[00:03:57] mit der Milchkandel [Dialekt für Kanne] Suppen holen gegangen. Die haben das dürfen hergegeben

[00:04:02]  für die Bevölkerung. Lukas: Aus dem Lager heraus? Armanda: Aus dem Lager heraus, ja.

[00:04:07]  Und da haben... Da sind wir, ich glaube, ich bin zweimal an einem Sonntag,

[00:04:10]  oder drei Mal, hin gegangen mit einer alten Milchkandel,

[00:04:13] ich hab die nicht mehr, und hab dort können Suppen holen gehen.

[00:04:16] [Rollgeräusch] Armanda: Da ist man halt mit der Milchkandel gegangen, ned,

[00:04:22] da hast du ja nicht viel gehabt, aber ich bin natürlich zu Fuß gegangen

[00:04:25] von Wilten in die Reichenau runter.

[00:04:27] Ja da hat es nichts gegeben, ich bin immer zu Fuß gegangen,

[00:04:30]  ich hab bis... Kann heute nur noch zu Fuß gehen, weil ich nicht

[00:04:32] Radl [Dialekt für Fahrrad] fahren kann und nicht Auto fahren kann. [alle lachen]

[00:04:34] Tobias: Ja, Radl fahren ist eh so [unverständlich]. [lachen]

[00:04:36] Armanda: Mich haben nur die Füße geleitet [lacht].

[00:04:39] Tobias: Ja, wenn es geht, eh sowieso, oder?

[00:04:41] Armanda: Nein, super, sowieso, sowieso.

[00:04:43] Wie ich [in die] Schule gegangen bin, bin ich auch das letzte Schuljahr von Wilten nach Pradl.

[00:04:47] Weil die Fischerschule ist ja schon gleich bombardiert worden.

[00:04:50]  Da ist eigentlich, in der Fischerschule ist eigentlich auch eine gute,

[00:04:53] eine gute Ding, da hat die damalige Direktorin auch einmal nachgeforscht,

[00:04:56]  wie das alles gewesen ist.

[00:04:58]  Und da hat sie nachher Bilder zusammen gesammelt,

[00:05:00]  die habe ich mir nachher angeschaut, die Ausstellung.

[00:05:02] Die müsste oben nochmal sein, wen es interessiert.

[00:05:04]  Da war ja natürlich, vis-à-vis von der Volksschule herum

[00:05:07] war ja nix, das ist ja ein Park gewesen,

[00:05:10]  da sind wir noch turnen gegangen, ned. Und da ist nachher die

[00:05:12] Südtiroler-Siedlungen gebaut worden, ned. Das ist ja alles nicht mehr gewesen.

[00:05:16]  Und das ist jetzt über 70 Jahre, 75 Jahre her, ned.

[00:05:19] [Rollgeräusch] Lukas: Selber im Lager waren Sie aber,

[00:05:26] also jetzt als... Den

[00:05:28] Cousin besuchen, oder so waren Sie nie? Armanda: Wohl, wohl, wir sind unten... Freilich,

[00:05:31] wir haben ja müssen runter gehen, der hat uns das vermittelt, ned, dass wir haben können Suppen holen im Lager.

[00:05:38] Lukas: Haben Sie noch Eindruck,

[00:05:41] wie das beieinander war, oder wie das,

[00:05:44] hat man sich da gefürchtet, wenn man da rein geht, oder? Armanda: An und für sich nicht, nein.  

[00:05:48] Ich habe keine Angst haben müssen, ich weiß nicht, das ist alles irgendwie ganz regel...

[00:05:53] ordentlich abgelaufen. [Rollgeräusch]

[00:05:58] Armanda: Es war schon eine Bewachung da, aber wir haben gesagt,

[00:06:01] mein Cousin ist dort gewesen,

[00:06:03] da haben wir dort müssen abwarten, der hat uns halt einfach reingelassen,

[00:06:05]  dann haben wir dort können,  

[00:06:07] ich weiß gar nicht mehr, war das das ist die Kuchl [Dialekt für Küche]

[00:06:09] oder [unverständlich] oder jedenfalls haben wir da dürfen Lebensmittel raus holen.

[00:06:13] Lukas: Aber das klingt nach einer eher entspannten Atmosphäre.

[00:06:17] Armanda: Ja, ja, ja, das schon.

[00:06:19] Lukas: Ja Sie waren damals ein junges Madl [Dialekt für Mädchen] mit 14, 15 Jahren. Armanda: Ja genau.

[00:06:25] Lukas: Dann ist das schon eindrucksvoll, wenn man in so ein Lager kommt.

[00:06:29] Armanda: Ja, freilich. Aber... Und ich weiß auch, dass er einen Kollegen gehabt hat,

[00:06:34]  und der hat leider Gottes, alle seine Verwandten oder seine Eltern verloren,

[00:06:40]  und das sind... Es sind noch mehrere gewesen,

[00:06:42] die sind nachher, wie es damals war zur Legion gegangen.

[00:06:45] Lukas: Ja, ja, schrecklich, ja.

[00:06:47] Armanda: Die haben sich zur Legion gemeldet, ned?

[00:06:50]  Das ist ja furchtbar, wenn man sich das vorstellt.

[00:06:52] Zuerst den Krieg mitmachen, und nachher, nachher

[00:06:54] noch zur Legion gehen, ned?

[00:06:56]  Das kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen.

[00:06:58] Lukas: Naja, es war vielleicht so,

[00:07:00] dieser Zusammenhalt in militärischen Einheiten quasi als Familienersatz,

[00:07:06] Armanda: Ja. Lukas: So kann... Ich bin kein Psychologe,

[00:07:10]  aber das... [Armanda dazwischen: Ja. Ja. Ja.] So könnte ich mir das vorstellen.

[00:07:12]  Man hat klare Strukturen, einen Papa usw.

[00:07:19] Und natürlich, viele haben ja auch keine Ausbildung gehabt,

[00:07:22]  was hätten sie denn tun sollen?

[00:07:24] Armanda: Das ist es ja. Überhaupt die jungen,

[00:07:26]  die sind ja nachher schon 20... 28-jährige Soldaten gewesen, ned, zum Schluss.

[00:07:32]  Das hat auch mein Vater geschrieben,

[00:07:34]  der war im Riga drüben, in Russland um,

[00:07:36]  und da hat er gesagt, jetzt kommen die... Ich habe einen Bruder gehabt,

[00:07:39]  der ist mit fünf Jahren verunglückt,

[00:07:41]  und da hat er eben geschrieben zur Mama heim,

[00:07:43]  jetzt kommen die Buben, hat er gesagt,

[00:07:45]  wir können dem Herr Gott danken,

[00:07:47] dass unserer verstorben ist,

[00:07:49]  die rean [Dialekt für weinen] nach der Mutter, alles 17, 18, 19-jährige Buben.

[00:07:53]  Ja stellt euch das vor [Lukas im Hintergrund: Ja, ja furchtbar] das sind ja Kinder,

[00:07:56] was hätten denn die da sollten ausrichten, ned.

[00:07:58] Gar nichts.

[00:08:00] [Rollgeräusch] Armanda: Der Papa ist nachher mit dem letzten Schiff von Russland,

[00:08:06] runter, in die dänische Bucht,

[00:08:09]  und da ist er dann zu Fuß in die englische Gefangenschaft gekommen,

[00:08:12]  und da haben wir nachher dann mal, auch durch einen [unverständlich] Osttiroler

[00:08:16]  und hat aber den Pass nach Osttirol gehabt,

[00:08:18] wir waren die Franzosenzone, Besatzungszone.

[00:08:20] Da hätte er nie hergekommen, ned. Und ein anderer Kollege,

[00:08:24] wieder, der ist dann nach Innsbruck gekommen,

[00:08:26]  und der hat uns dann gesagt, dass er lebt.

[00:08:29] Der hat uns aufgesucht, und hat dann gesagt,

[00:08:31] dass der Vater lebt und ist in der englischen Gefangenschaft.

[00:08:34] Hat aber nicht rauskönnen,

[00:08:36]  weil er sich in unserer Besatzung nicht ausweisen hat können, ned.

[00:08:39] Er hat sich dann in die englische Besatzung

[00:08:41]  nach Kärnten entlassen. Lukas: Ja und ist dann... Armanda: Und ist von Kärnten nachher zu Fuß

[00:08:45] zu der Schwester nach Osttirol rauf,

[00:08:47]  da hat er... Da wo er daheim war,

[00:08:49]  und hat dann erst können,

[00:08:51]  durch eine bekannte Frau,

[00:08:53]  die der Vater von Lettland als Flüchtling

[00:08:55]  in unserer alten Wohnung aufgenommen hat,

[00:08:57]  die hat das Bedürfnis gehabt,

[00:09:00]  als Begleitperson den Vater zu holen.

[00:09:04] [Rollengeräusch] Lukas: Sie haben nach der Schule, was haben Sie beruflich

[00:09:10] dann gemacht?

[00:09:11] Armanda: Ich habe zuerst schneidern gelernt

[00:09:13]  weil das war so, du musst Schneiderin werden.

[00:09:15] Obwohl ich eigentlich immer... Ich habe gut singen können,

[00:09:17]  und der Vater hat auch gut singen können.

[00:09:19]  Ich wollte immer so eher das Ding anstreben.

[00:09:22] Habe 20 Jahre Schneiderin gemacht,

[00:09:24]  ich habe von [19]47 bis [19]50 gelernt,

[00:09:26] Gesellen-Prüfung gemacht,

[00:09:28] [19]60 die Meister-Prüfung gemacht.

[00:09:30] Dann war ich sechs Jahre beim Heuberger [Schreibweise ungewiss],

[00:09:32]  und wie nachher [19]67 das Theater aufgefangen ist,

[00:09:35]  habe ich mich gemeldet zum Theater,

[00:09:36]  weil ich habe nach... Vorher heimlich

[00:09:38] Gesangstunden unterrichtet,

[00:09:40]  weil mein liebe Mutter hat kein Verständnis dafür gehabt,

[00:09:42]  das habe ich auch irgendwie so ein bisschen

[00:09:46] [lachend] Ding machen

[00:09:47]  und habe natürlich in Salzburg auch die Prüfung gemacht,

[00:09:49]  und bin nachher [19]67 ins Theater

[00:09:51]  und da war ich noch 20 Jahre im Theater.

[00:09:53] Lukas: Als Sängerin oder?

[00:09:55] Armanda: Nein, im Chor. Lukas: Im Chor.

[00:09:56] Armanda: Ab und zu einmal solistisch,

[00:09:57]  und fünfmal habe ich die erste Dame gesungen,

[00:09:59]  das war schon fein,

[00:10:01]  das waren meine schönsten Jahre, muss ich sagen

[00:10:03]  weil ja des [unverständlich].

[00:10:09] [Rollgeräusch] Lukas: Damit wir aufs Lager Reichenau zurück kommen.

[00:10:12]  Sie waren ja da im Sellrein drinnen,

[00:10:15]  und nicht in Innsbruck,

[00:10:17]  aber so, wenn man nach Hall gefahren ist, oder ist

[00:10:20]  hat man da umgeschaut, oder?

[00:10:24] Armanda: Ja, also unter dem Krieg sind wir schon spazierend gegangen,

[00:10:27]  auch über die Reichenau,

[00:10:28]  da hat man die Dinge schon gesehen, die Lager.

[00:10:30] Lukas: Was haben die Leute gewusst davon, oder?

[00:10:32] Armanda: Ja, natürlich, das haben doch alle gewusst. Das hat...

[00:10:34]  Das ist ja alles still... eh

[00:10:35] vertuscht worden,

[00:10:37] das hat doch jeder schon gewusst. Es ist nur nicht geredet worden

[00:10:40] das hat man ja schon gleich am Anfang schon gewusst gehabt, dass da unten das Lager daher kommt.

[00:10:43]  Das ist alles verschwiegen worden.

[00:10:46] Lukas: Und die Bau...

[00:10:48] Die, die... Wenn die Kriegsgefangenen für Baustellen,

[00:10:51]  dann sind sie ja durch die Stadt marschiert,

[00:10:54] Armanda: Ja genau. Ja. Lukas: Oder sogar an den Baustellen.

[00:10:57] Armanda: Ja, ja. Also ich weiß dass die...

[00:10:59] Durch die Haymongasse ist immer wieder

[00:11:01] so ein kleiner Trupp aufmarschiert.

[00:11:03] Und ich weiß, über dem...

[00:11:04] Weil es muss nach dem Bunker gewesen sein,

[00:11:07]  für die, eh, Bombenschutzbunker.

[00:11:10]  Was da war, das kann ich nicht sagen.

[00:11:12]  Aber jedenfalls müssen die über den Stubaital Bahnhof

[00:11:16] da rauf sein.

[00:11:17]  Vielleicht finden Sie da etwas raus es, ich weiß es nicht.

[00:11:20] Lukas: Wir haben letztes, vorletztes Jahr haben wir,

[00:11:25]  wenn man die Brennerstraße raufgeht,

[00:11:28]  nach der ersten Kurve,

[00:11:30]  und dann den Hohlwege rauf,

[00:11:33]  da ist rechts ein Spielplatz. Armanda: Ja genau.

[00:11:35] Lukas: Und unter diesem Spielplatz

[00:11:37]  haben wir eine Betonstruktur gefunden,

[00:11:39] von der wir bis heute nicht wissen, was es ist.

[00:11:42] Armanda: Achso. Lukas: Und es würde sich zufällig zusammengehen,

[00:11:45]  dass das vielleicht...

[00:11:47] Armanda: Ja. Eben, das habe ich nicht rausgefunden.

[00:11:49]  Jedenfalls ist immer wieder so ein gefangenen Trupp,

[00:11:52]  da durch rauf... Stubaital Bahnhof rauf.

[00:11:55] Ich habe eben nachher vermutet,

[00:11:58]  durch den Bunker, wo die Leute

[00:12:00] als Rettungsbunker rein gegangen [Lukas dazwischen: Ja, den Luftschutzstollen, ja] sind bei den Bombenangriffen

[00:12:03]  dass sie da einen Stollen, will ich sagen,

[00:12:05]  dass sie da was gemacht haben.

[00:12:07] Aber das kann ich jetzt nicht sagen.

[00:12:09] Lukas: Hm, ja, wäre möglich natürlich, ja. Armanda: Ja.

[00:12:11] [Rollengeräusch] Lukas: Und die Lager, die in der Stadt verteilt waren,

[00:12:18]  also Westbahnhof oder so, das hat...

[00:12:21] Hat das die Bevölkerung mitgekriegt, dass da...

[00:12:24] Armanda: Ja, man hat es mitgekriegt,

[00:12:27]  aber es ist alles nur nicht laut gesagt worden.

[00:12:30] Man hat ja Radio gehorcht [Dialekt für hören], verbotener Weise, und des.

[00:12:33]  Ich habe auch mitgekriegt, wie der Hitler in Innsbruck war,

[00:12:37]  wo er den Dr. Hauptwohl, eh den Dr. Priester,

[00:12:40]  der hat ihn in Wilten drüben...

[00:12:43]  In.... [schnalzt mit der Zunge] Lukas: Leopold-Straße.

[00:12:45] Armanda: Nein, also in der "Wiesn",

[00:12:47]  ah, wie heißt es, jetzt fällt es mir wieder nicht ein. In den "Weiler" drüben gewohnt.

[00:12:51]  Und das war ein schreckliches Gerücht, oder

[00:12:54] wie es geheißen hat. Stellt euch vor,

[00:12:56]  der Dr. Priester hat sich müssen umbringen

[00:12:58] wegen dem Hitler.

[00:13:00] War auch mal so ein Wiltener Gerücht. Lukas: Noch schlimmer,

[00:13:02] wegen seiner Tochter.

[00:13:04] Armanda: Ich habe das gelesen gehabt,

[00:13:06]  aber da haben sie gerade gehabt,

[00:13:08]  weil er scheinbar gesagt hat, einen Trottel behandelt er nicht.

[00:13:11] Lukas: Nein, es war... Das Schreckliche ist,

[00:13:13]  die Tochter hat in der Schule,

[00:13:15]  gesagt, der Papa hat den Hitler behandelt.

[00:13:18] Armanda: Nicht behandelt?

[00:13:20] Lukas: Hat ihn behandelt. Armanda: Achso.

[00:13:22] Lukas: Und, das heißt, der Hitler war krank.

[00:13:25] Armanda: Ja. Lukas: Und das geht ja nicht.

[00:13:27] Und daraufhin hat man gesagt,

[00:13:29]  entweder du bringst dich um oder wir tun es.

[00:13:31] Armanda: Aber... Lukas: Und das Madl hat ein Leben lang...

[00:13:33]  Das war ein Volksschülerin, die war

[00:13:35]  ziemlich genau in ihrem Alter. Armanda: Ja.

[00:13:37] Lukas: 3, 4, 5, Jahre jünger. Armanda: Ein bisschen älter.

[00:13:39] Ja. Lukas: Ja, sowas. Armanda: Ein bisschen älter.

[00:13:41] Lukas: Das Madl hat ein Leben lang mit...

[00:13:44] Also das Kind, hat ein Leben lang mit der Schuld leben müssen,

[00:13:48]  dass sie, auch wenn sie nichts dafür kann,

[00:13:51]  schuld ist, dass sich der Vater umbringen hat müssen.

[00:13:54] [Rollgeräusch] Lukas: Eine Frage [kurze Pause] zu einem anderen Thema, die mich interessiert.

[00:14:03]  Es hat ja am Barschberg, im Steinbruch...

[00:14:07]  Hat man ja Menschen hingerichtet.

[00:14:10] Armanda: Ja, das stimmt.

[00:14:12] Lukas: Haben Sie da als Kind,

[00:14:14]  weil Sie ja doch relativ in der Nähe gewohnt haben.

[00:14:16] Haben Sie da was mitgekriegt?

[00:14:18] Armanda: So im Dunkeln habe ich schon was mit gekriegt, ja.

[00:14:21] Aber ich kann das eigentlich nicht so genau schauen. Also, da hat man viel geredet,

[00:14:23]  dass Sie da Leute raufgebracht haben.

[00:14:25]  Und die haben Sie dann irgendwie verscharrt oder umgebracht.

[00:14:28]  Das stimmt schon, was Sie da sagen.

[00:14:30] Das stimmt schon. Lukas: Aber Sie haben es nicht selber irgendwas... Armanda: Nein.

[00:14:32]  Lukas: Gut.

[00:14:34] [Rollgeräusch] Lukas: Und dann wollte ich fragen,

[00:14:39]  wegen der Reichskristallnacht.

[00:14:41]  Sie haben gesagt, sie können sich da ran erinnern.

[00:14:43] Armanda: Ja. Und das ist so komisch, weil ich da denke immer, wir sind durch die Leopoldstraße

[00:14:49] runter gegangen und linker Hand gleich hier oben, da wo jetzt das Modegeschäft

[00:14:54] [unverständlich] und gleich drunter war auch ganz ein kleines Geschäft, das war für

[00:14:58]  Putzmittel. Lukas: Ja. Armanda: Und... So ähnlich wie der Putzenbacher in der Anichstraße war.

[00:15:03]  Und die haben Smoleński geheißen, das waren Juden. Und da hat die Mama immer Putzmittel

[00:15:08]  gekauft, also Seifen oder Schmierseifen. Und die Frau ist, wir sind rechts runter gegangen und da ist

[00:15:16]  die Frau draußen gestanden und die habe... Das Geschäft war demoliert und die Mama

[00:15:21]  hat nachher rüber gerufen, was los ist, dann hat sie gesagt, ja ihren Mann haben sie weg.

[00:15:27]  Aber ich habe vor dem eigentlich nie was gehört. Ich höre nur immer von Graubart, von

[00:15:33] in der Anichstraße, der Brüll, da habe ich noch die Inge gekannt, mit der habe ich noch

[00:15:37]  gesungen und Bauer & Schwarz, was war, Kaufhaus Tyrol war Bauer & Schwarz am Anfang.

[00:15:43] Lukas: Jetzt kann ich Ihnen was zum Smoleński erzählen. Armanda: Ja. Lukas: Der Smoleński hat auch

[00:15:48]  Ausstattungsding für Hotels... Armanda: Achso. Lukas: Gemacht. Und vor ein paar Monaten habe ich gekauft,

[00:15:56] so ein Holzgestell, das war so ein Scheren, so ein Scheren-Ding, das ist so hoch.

[00:16:03]  Und für Hotels, wo man die Koffer draufstellt. Armanda: Achso. Lukas: Oder was da vorm Bett so steht,

[00:16:10] da wo man Koffer, und die hat man so zusammen klappen können. Und da ist drunter, also auf der Seite,

[00:16:15]  ein kleines Schild "Smoleński Innsbruck", Leopoldstraße ist drauf. Armanda: Achso. Lukas: Und das habe ich kürzlich... Armanda: Ja,

[00:16:22] Aber komisch, man hört von denen eigentlich nie was. Nur von den großen Sachen.

[00:16:26] Lukas: Weil... Armanda: Der ist untergegangen. Lukas: Die von Ihnen genannten Familien, Bauer & Schwarz, Brüll

[00:16:33]  und so weiter, das sind ganze Klans, das sind 10, 20 Leute. Armanda: Ja. Lukas: Und von 10, 20 Leuten haben meistens auch ein paar überlegt.

[00:16:43]  Und dann gibt es auch viele, und das waren große, wohlhabende Leute zum Großteil.

[00:16:48]  Das heißt, da ist viel mehr Chance, dass was überlebt bzw. auch die haben viel mehr auch Unterlagen gehabt.

[00:16:56]  Der Smoleński, das war der... Der ist erst in den späten 20er-Jahren nach Innsbruck gekommen. Armanda: Ja.

[00:17:03] Lukas: Das war nur er und seine Frau, Kinder haben es keine gehabt.

[00:17:06]  Das heißt, wenn die wechseln...

[00:17:09] Armanda: Sie war eine kleine Frau, ich kann mir sie irgendwie, habe ich sie [lachend] noch [in Erinnerung].

[00:17:13] Lukas: Und wenn die zwei weg sind, da kräht wirklich sprichwörtlich kein Hahn mehr danach.

[00:17:19] Armanda: Ja, ja.

[00:17:20] Lukas: Und deswegen sind diese kleinen, da gibt es Hund... Duzende Fälle. Armanda: Viele, ja, ja.

[00:17:28] Lukas: Also selbst wenn sie ein Geschäft haben, es gibt ja noch welche, die arbeiten als Buchhalter oder als irgendwas

[00:17:34] die scheinen nirgends auf, fast nirgends auf.

[00:17:37]  Aber die Smoleńskis als Geschäftsleute nur, das waren zwei Leute, die beide den Krieg, meines Wissens, nicht überlebt haben.

[00:17:45]  Und dann ists dahin.

[00:17:47] Armanda: Ja, ja eben.

[00:17:50] [Rollgeräusch] Lukas: Jetzt [würde] mich noch was anderes interessieren.

[00:17:54]  Der Besuch vom Hitler in Innsbruck, haben Sie an den Erinnerungen?

[00:17:59] Armanda: Ja, aber wir sind nirgends hingegangen.

[00:18:01]  Die Mama hat uns natürlich... Und sie ist auch nirgends hingegangen.

[00:18:03] Schon durch das, dass der Vater schon nicht mehr da war, ned.

[00:18:06]  Wir haben ja den Vater sechs Jahre nicht gehabt ned.

[00:18:09]  Und dann, pfff. Es waren die Aufmärsche, die haben wir schon mitgekriegt, wenn er da war.

[00:18:14]  Da beim Rennweg oben, das hat man nachher schon mitgekriegt. Aber man ist nirgends hingegangen.

[00:18:19] [Rollgeräusch] Lukas: Haymongasse 1, ist ja quasi in der Nähe vom Gasthof Haymon.

[00:18:27] Armanda: Ja, genau, vis-à-vis. Vis-à-vis.

[00:18:29] Lukas: Da muss es ja rund gegangen sein in der Zeit.

[00:18:32] Armanda: Nein, wie meinen Sie rund gegangen? Lukas: Ja.

[00:18:34] Armanda: Achso.

[00:18:35] Ja, ja, drüben beim Haymon ist schon, ist schon... wohl, wohl, das stimmt schon.

[00:18:40]  Da ist ja ein großer Gastgarten draußen gewesen, hinten raus da.

[00:18:43] Lukas: Ja, eben da.

[00:18:44] Armanda: Ja. [lacht] Da ist jetzt auch schon alles verbaut.

[00:18:46] Lukas: Alles zu gebaut. Alles zu gebaut, ja.

[00:18:48] Armanda: Da bin ich sogar noch [in den] Kindergarten gegangen, ein Jahr.

[00:18:50] Da war noch... Im Haymonhaus oben im ersten Stock, war noch ein Lokal drin, noch [in den] Kindergarten gegangen.

[00:18:56]  Da waren nur Schwestern.

[00:18:58] Lukas: Katholisch, oder?

[00:18:59] Armanda: Ja, ist vom Stift hinten. Stift Wilten.

[00:19:02]  Und meine Schwester ist ein Jahr jünger, die hat müssen schon in der Leopoldstraße gehen.

[00:19:08]  Da war [es] dann schon da NSV-Kindergarten, wie es geheißen hat.

[00:19:11] Lukas: Ja, ja. Das wäre eben eh mein nächstes Thema noch gewesen.

[00:19:16]  Können Sie sich noch erinnern, wie sich die Schule geändert hat, oder die Lehrer geändert haben. Armanda: Ja, ja. Lukas: Mit dem Anschluss?

[00:19:24] Armanda: Ja, ja, ja.

[00:19:26] Erste Klasse in die Schule gegangen, haben wir eine ganz eine nette Lehrerin gehabt.

[00:19:29]  Da war noch die... Da war noch kein Nazi [unverständlich]. Die hat noch Haas [Schreibeweise ungewiss] geheißen, aber das war schon eine ältere Frau.

[00:19:37] Und die hat sogar noch,

[00:19:39] da haben wir noch die Tafel gehabt mit den Rollen, mit den Kugeln, ned.

[00:19:42]  Und die hat uns noch... Und unten waren die Schubladen, wo man die Kerze eh... Lukas dazwischen: Kreide. Armanda: Die Kreide, die war unten drin.

[00:19:48]  Und die hat uns zum Nikolo, zum Nikolo [eben den] Kindern, ich glaube, das waren so kleine, kleine Zuckerlen oder was, ausgeteilt.

[00:19:56]  Das hat der Nikolo gebracht. Das war das

[00:19:58] letzte. Und die zweite Klasse Schule war schon nix mehr, da haben wir... Da hätten wir schon müssen Heil Hitler sagen, beim ein...

[00:20:06] Wir haben natürlich nix gesagt. Also da war dann schon statt dem Kreuz das Hitlerbild oben, ned.

[00:20:10]  Und da haben wir nachher schon ziemlich... Tobias: Ah, habt ihr das Kreuz nicht mehr oben gehabt?

[00:20:12] Armanda: Ja sowieso. Und, eben da haben wir nachher fast nur mehr Nazi-Lehrerinnen gehabt.

[00:20:18] Also von dem... Wir waren ja sowieso... Lukas: Und waren das Deutsche oder waren das Hiesige?

[00:20:22] Armanda: Hiesige, Hiesige.

[00:20:24] Die letzte in der dritten Klasse war nachher da, wo ich von der dritten auf die vierte Klasse, wo ich hätte sollen in die Hauptschule gehen, das war nachher nicht.

[00:20:31]  Weil ich nicht fähig war, so quasi, ned.

[00:20:34] Das war, die Lehrerin von der Haspinger-Buben-Schule haben wir nachher bekommen.

[00:20:39]  Und das war ein wildes Luder [lachen im Hintergrund]. Das war nur eine Nazi-Lehrerin. Das war nur eine Nazi-Lehrerin, ge.

[00:20:44]  Und die hat natürlich da gewusst was...

[00:20:47]  Das hat sich ja um gesprochen, wer für was [sich] interessiert hat, oder? Tobias: [lachend] Ja, ja.

[00:20:52] Armanda: Ja, eben. Und weil ich dann nicht... Natürlich nicht in die Hauptschule gehen durfte,

[00:20:55] dann ist die Mama gleich hingegangen und hat gesagt, warum darf ich nicht in die Hauptschule gehen,

[00:20:58] laut Zeugnis könnte ich ruhig in die Hauptschule gehen.

[00:21:00] [Armanda spricht Hochdeutsch] Nein, wir haben von oben herab die Weisung, wir brauchen mehr manuelle Arbeiter wie Geistige.

[00:21:06]  Also zu Trotteln [unverständlich] [Tobias lacht im Hintergrund]

[00:21:10] Tobias: Nein ich weiß, es ist arg ja.

[00:21:12] Armanda: Ja, aber ich habe echt mein Leben geschafft, ohne [das] Theater.

[00:21:20] [Rollgeräusch] Lukas: Und dann sind Sie nach der Gris gekommen und haben das Kriegende...

[00:21:23] Armanda: Ja, da bin ich drin, ja, ja... Dann bin ich drin zwei Jahre in die Schule gegangen, das war überhaupt ein lustiger Lehrer

[00:21:28] muss ich sagen.

[00:21:30]  Ja, ich war sehr... Muss ich sagen, ich war sehr, in der Schule

[00:21:33] ich habe immer alles doppelt geschrieben. Ich habe mir daheim... Alles noch einmal geschrieben.

[00:21:38]  Und schön da hab ich, das weiß ich noch ganz genau war, das haben wir leider Gottes auch schon verschmissen.

[00:21:43]  Ein ganzer [unverständlich] da haben wir eine bekannte Frau gehabt, da war der Sohn Buchbinder, ned.

[00:21:46] Und der hat uns... Hat mir nachher ein großes Ding gegeben, mit einem schönen Umband.

[00:21:50]  Und ich habe das natürlich alles noch einmal geschrieben.

[00:21:53]  Und der Lehrer drin hat die ganze... Ein habe ich mit gehabt

[00:21:56]  und hat natürlich gefragt, was wir draußen gelernt haben.

[00:21:59]  Und dann haben wir praktisch zwei Jahre das gleiche gelernt, weil der hat das von meinem Buch heraus gelehrt [alle lachen].

[00:22:03] Lukas: Schön. Schön. [alle lachen] Lukas: Und sind Sie dann gleich nach Kriegsende wieder raus gekommen?

[00:22:13] Armanda: Ja, ja. Da sind wir gleich nachher gleich raus noch, das war mein ich im Mai/Juni. Juni.

[00:22:18] Tobias: Wieder in die Haymongasse dann?

[00:22:20] Armanda: Ja, in der Haymongasse.

[00:22:21] Lukas: Und die war nicht zerstört?

[00:22:22] Obwohl sie so nah an der Eisenbahn liegt.

[00:22:24] Armanda: Nein, die war nicht zerstört.

[00:22:26]  Es waren wohl die Fenster hin, aber das haben sie natürlich repariert.

[00:22:31] Also den ersten Angriff habe ich schon im Haus erlebt, gell. Im Keller unten.

[00:22:34]  Da war ja ein Gasthaus auch. Gasthaus Neuwirt.

[00:22:37] Hat es geheißen. Lukas: Heißt es immer noch. Armanda: Und da waren wir schon im Keller unten, beim ersten Angriff.

[00:22:42]  Das stimmt schon.

[00:22:43] Aber sonst ist... Lukas: An was denken Sie, wenn Sie jetzt an den ersten Angriff denken?

[00:22:48] Armanda: Ich bin in heim gekommen, bin durch die Leopoldstraße raufgegangen.

[00:22:52]  Bei der... Da war ja noch die Übersetzung, wo der Zug anders gefahren ist, nicht wie heute die Unterführung.

[00:22:58]  Und dann war die Sirene.

[00:23:00]  Und dann natürlich schnell heim gesaust, ja jetzt schnell runter in den Keller.

[00:23:04]  Und dann haben wir, aber dann hat es schon gekracht, gell.

[00:23:08] Das Essen ist am Tisch gestanden,

[00:23:10]  wie wir nach der Entwarnung wieder rauf gekommen sind,

[00:23:13]  war natürlich alles verstaubt und verrußt,

[00:23:16] ned, weil das ist ja wahrscheinlich halt in den alten Häusern alles durchgegangen, ned.

[00:23:21]  Und das war schon ein bisschen deprimierend, muss ich sagen.

[00:23:25]  Und dann sind wir nachmittags schauen gegangen, was alles bombardiert [worden] ist.

[00:23:30]  Dann sind wir durch, wie hat es geheißen, da das Gassl [Dialekt für Gasse] beim Ding raus.

[00:23:35] Lukas: Rote Gassl.

[00:23:37] Armanda: [schmunzelnd] Genau, das rote Gassl. Ja genau.

[00:23:39]  Und dann hat man schon gesehen, da ist ja die Straßenbahn,

[00:23:43] da beim... über dem Bahnhof, Westbahnhof oben. Lukas: Die Hochbrücke.

[00:23:46] Armanda: Durchgefahren ja, da war natürlich alles hin. Die Gleise sind in der Luft gestanden.

[00:23:51]  Und da beim Westbahnhof, das Hotel Westbahnhof

[00:23:54]  ist auch irgendwie ein bisschen beschädigt worden.

[00:23:56]  Und da war die Wirtin, der Papa war eine Zeitlang oben,

[00:24:01]  und die Mama war da, hat Kassiererin gewesen, eine Zeitlang, junger.

[00:24:06]  Und die Wirtin ist auch draußen gestanden,

[00:24:09]  und die hat nachher geschrien zur Mama, [verändert ihre Stimme] was ist denn los mit dem Hans?

[00:24:12]  Und da hat die Mama gesagt, ja, wir wissen... Da weiß sie nix,

[00:24:16]  da hat sie auch schon lange keine Nachricht mehr gekriegt,

[00:24:18] also wir wissen da nix, der war ja in Russland oben, ned.

[00:24:20]  Aber das war auch noch ein tiefer Eindruck von dem ersten Bombenangriff.

[00:24:25] Lukas: Haben Sie Angst gehabt?

[00:24:28] Armanda: Angst? Das kann ich jetzt eigentlich gar nicht sagen, dass man Angst gehabt hat.

[00:24:33]  Wir sind am... Der zweite Angriff war ja am 19.

[00:24:38]  Und am 18. sind wir dann auf Sellrain rein bis Kematen gefahren,

[00:24:44]  dann zu Fuß gegangen, mehr vor wir zurück, meine Schwester und ich. Die Mama

[00:24:49]  hat zwei Koffer, riesen Koffer mitgehabt. In einem Koffer waren Lebensmittel drin,

[00:24:53]  in dem anderen Koffer natürlich Zeugs und Ding.

[00:24:55]  Das haben wir dürfen in Kematen oben bei einem Wirt,

[00:24:59]  beim Neuwirt oben reinstellen, weil da war sie ja durch junger

[00:25:02]  her bekannt, und nachher sind wir zu Fuß rein gegangen.

[00:25:04]  In Sellrain drinnen ist Gott sei Dank ein Bekannter

[00:25:07] [unverständlich] dann gekommen, da wo wir hin,

[00:25:10] Ja Toni hat er gesagt, zu meiner Mama, wo willst denn du hin?

[00:25:12] hat er gesagt. Ja wir müssen ja nach Gries rein

[00:25:14] Ja hat er gesagt, nachher hockt euch rauf, hat er gesagt,

[00:25:16] Schmied hat der geheißen.

[00:25:18]  Da haben wir dürfen hinten auf dem Wagen sitzen [lacht kurz],

[00:25:22]  dass wir haben können wenigstens rein fahren.

[00:25:24]  Die waren natürlich froh drinnen, die Bekannten. Die Mama ist drinnen aufgewachsen,

[00:25:28]  ned. Dann haben sie gesagt Gott sei Dank, kommt ihr mal endlich. [alle lachen]

[00:25:32]  Das war dann schon nett, muss ich sagen.

[00:25:36] Lukas: Hat Ihre Mutter drinnen arbeiten können oder müssen?

[00:25:39] Armanda: Ja, [lachend] he. Die ist aufgefordert worden, dann waren auch dann mal,

[00:25:42]  weiß nicht, das hat mir der Bürgermeister mal gesagt

[00:25:45]  das weiß ich nicht mehr, oder was da. Was war denn da?

[00:25:47] Lukas: Ja, ja. Armanda: Sozusagen, Bürgermeister oder?

[00:25:49] Lukas: Bürgermeister ja. Armanda: [räuspert sich] Der ist gekommen und dann hat er gesagt gehabt, sie müssen arbeiten,

[00:25:55] irgendwo. Dann hat sie gesagt, ich arbeite schon, hat sie gesagt. Ich arbeite bei dem Bauern

[00:25:58]  und bei der Schwester hintern arbeite ich auch, ned.

[00:26:01] Hat man ja alles geholfen. Tobias aus dem Hintergrund: Ja, ja.

[00:26:03] Armanda: Da hat man noch die Erdäpfel gesetzt,

[00:26:06]  dann haben wir müssen zuerst mit dem Rücken-Korb die Erde rauftragen

[00:26:09]  und, weil sie runter gerodelt ist. Lukas: [gedämpft] Ja, ja schrecklich.

[00:26:12] Armanda: Sagen Sie das heute [lacht laut]. [alle lachen] Ja, das war so! Da haben wir gesagt,

[00:26:19] die Hennen brauchen Steigeisen [alle lachen]. Ja. Lukas: Aber was ich jetzt interessant finde ist, dass Sie...

[00:26:25] Armanda: Aber sagen wir, die Kindheit drinnen,

[00:26:28]  haben wir als Kinder nachher nicht so streng erlebt,

[00:26:32] also, das war natürlich Kindheit der Freiheit. Lukas: Schön, schön.

[00:26:35]  Aber nicht die Winter, Sie erwähnen nichts vom Winter.

[00:26:38] Armanda: Boah. Winter! Mah! Lukas: Weil die sind ja berühmt da drinnen.

[00:26:40] Armanda: Mah, Winter. In der Nacht... Über Nacht hat es den Gartenzaun zugeweht.

[00:26:45] Lukas: Eben, ich kenn solche...

[00:26:47] Armanda: Mah! Die ersten Leute, [die reingehen mussten],

[00:26:52]  zur Arbeit auf Gries und so, [die] mit dem Autobus rausgefahren sind,

[00:26:55]  die sind um 6.00 Uhr gegangen, oder um 6:30 Uhr,

[00:26:58]  bis wir zur Schule gegangen sind, war kein Weg mehr [da],

[00:27:01]  der war schon wieder zu, bis da rauf, ned.

[00:27:03] Des... Ich mein, das war an und für sich die schönste Kindheit da drin,

[00:27:06]  dass man so freier Leben hat können, frei.

[00:27:10] Lukas: Unschuldig und...

[00:27:12] Armanda: Unschuldig, ja, genau. Das war nett, muss ich sagen.

[00:27:15] Lukas: Und am Land ist ja immer was zum Essen da.

[00:27:17] Armanda: Ja sowieso.

[00:27:19]  Aber die haben auch müssen alles abgeben.

[00:27:21] Sie haben nur gewisse Kontingenten behalten dürfen. Die haben müssen Butter stellen,

[00:27:25]  statt der Milch, ned. Da haben sie den Butter müssen stellen.

[00:27:28]  Und dann ist genau geschaut, was geschlachtet wird,

[00:27:31]  haben ja nichts schlachten dürfen, das ist auch schwarz gegangen.

[00:27:34]  Ich weiß genau, weil sie eine Ziege gehabt haben.

[00:27:37] Boah. Das war schon ein bisschen ein Horror,

[00:27:40]  dass sie da kontrolliert haben, wo das her kommt.

[00:27:43] Lukas: Ich kenne das, dass man am Land oft einmal eine Ziege oder ein Kalb

[00:27:49]  über eine Klippe runter geschmissen hat, oder raus gejagt hat.

[00:27:54] Und dass zufällig der Amtstierarzt schon da war, zufällig.

[00:27:59] Und der einen kleinen Stempel drauf gehaut hat, und alle haben's gleich das...

[00:28:02] Und das... Von dem V... Das hat mein Vater so erzählt.

[00:28:06]  Und der hat gesagt, da war dann innerhalb von einer Stunde,

[00:28:09]  das Kalb nicht mehr zu sehen.

[00:28:11]  Und Futsch. Armanda: Ja. Lukas: Und alle haben was daheim gehabt.

[00:28:14] Lukas: Das ist... Inklusiv dem Polizisten natürlich.

[00:28:17] Armanda: Ja, sicher. Ja.

[00:28:19]  Das war schon, also da mit der Schlachterei war,

[00:28:22]  das schon [eine] Heimlichtuerei, genau.

[00:28:28] Lukas: Glauben Sie, dass Ihr Leben anders verlaufen wäre, wenn’s soweit...

[00:28:33] Armanda: Wenn kein Krieg... Wenn kein Krieg gewesen wäre.

[00:28:35] Lukas: Wenn kein Anschluss, kein Hitler und kein Krieg gewesen wäre.

[00:28:39] Armanda: Denke schon, denke schon, ja, auf alle Fälle, denke schon.

[00:28:44] Lukas: Haben Sie eine Wut drauf?

[00:28:47] Armanda: Ich sag nur, ich sag, wir haben sechs verlorene Jahre.

[00:28:51]  Weil das hat sich nicht verwirklicht,

[00:28:54]  was man sich eventuell als Kind da vorgestellt [hat] und

[00:28:57] das waren einfach verlorene Jahre.

[00:29:01] [Outro-Musik]

[00:29:04]  [Musik]

[00:29:07]  [Musik]

[00:29:10]  [Musik]

[00:29:13]  [Musik]

[00:29:16]  [Musik]

[00:29:19]  [Musik]

[00:29:22]  

[00:29:24]

Zeitzeugengespräch Josef Weimann

Zeitzeugengespräch Josef Weimann

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00] [Männlich Stimme] Und diese Holzbaracke hatte einen kleinen Aufgang, und da sind wir kleine Stöpsel,

[00:00:05] in der Früh immer hinauf "getrappelt" [rennen].

[00:00:07]  Und an dem Aufgang ist eine Türe gewesen, die in das Innere geführt hat.

[00:00:14]  Und in dieser Türe stand raumfüllend die Kindergartentante.

[00:00:19] [Intro-Musik] Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur fünften Folge der zweiten Staffel von Archivwürdig,

[00:00:38]  dem Podcast des Innsbrucker Stadtarchivs.

[00:00:40]  Mein heutiger Gesprächspartner ist Josef Weimann.

[00:00:43]  Josef Weimann kam 1945 in Seefeld zur Welt und verbrachte aufgrund der Fliegerangriffe

[00:00:50]  auf Innsbruck einen Teil seiner Kindheit in Brandenberg.

[00:00:53]  Im Gespräch erzählt uns der pensionierte Gefäßchirurg über seine Kindheitsjahre,

[00:00:59]  seine Schulerinnerungen und auch über sein Medizinstudium, welches er in Innsbruck

[00:01:03]  absolvierte.

[00:01:04]  Darüber und noch mehr hören Sie jetzt in der Folge.

[00:01:07] Josef: Mein Name ist Josef Weimann.

[00:01:12]  Selber nenne ich mich gerne Sepp Weimann.

[00:01:16]  Geboren bin ich im März 1945 in Seefeld.

[00:01:22]  Zurzeit bin ich aktuell Seniorstudent für Geschichte und Kunstgeschichte.

[00:01:29]  In meinem erlernten Beruf war ich 27 Jahre lang da [hier] an der hiesigen [ansässig] Chirurgischen Klinik

[00:01:39] der Universität Innsbruck, als Gefäßchirurg tätig,

[00:01:43] zuletzt auch als kommissarischer Leiter der Abteilung.

[00:01:47] Tobias: Du hast gesagt, du bist in Seefeld geboren.

[00:01:51]  Jetzt bist du natürlich, also ich kenne dich natürlich als Innsbrucker und immer als

[00:01:55]  Innsbrucker.

[00:01:56]  Hast du deine Kindheit dann in Innsbruck verbracht oder warst du dann auch in Seefeld?

[00:02:01]  Oder warum überhaupt Seefeld?

[00:02:02]  Fangen wir mal so an.

[00:02:04] Josef: Es war damals so, dass die Kriegsereignisse in den letzten zwei Jahren, wir wissen ja,

[00:02:12]  dass es am 15.

[00:02:14]  Dezember 1943 den ersten großen Bombenangriff auf Innsbruck gegeben hat, wo auch meine Großmutter

[00:02:23] mütterlicherseits in der Maximilianstraße im Haus nahe der Triumphpforte ums Leben gekommen

[00:02:32]  ist, weil sie war gebehindert und konnte nicht mehr den retteten Luftschutzkeller erreichen.

[00:02:38]  Damals sind ja glaube ich 156 Innsbruckerinnen und Innsbrucker zu Tode gekommen, darunter

[00:02:46]  eben auch meine Großmutter.

[00:02:48]  Und dann erfolgte genau auf den Jahrestag, damit die Innsbrucker Bevölkerung offensichtlich

[00:02:55]  ja erinnert wird, wo es lang geht, von Seiten der Alliierten

[00:03:00] der zweite Angriff, da war die Bevölkerung aber schon vorbereitet und so waren trotz

[00:03:06]  einer höheren Bombenlast die abgeworfen wurde, die Anzahl der Toten nicht so groß.

[00:03:15]  Wie dem auch sei, es hat damals in Kreisen der Klinikleitung die Überlegung gegeben,

[00:03:24]  die dann schlussendlich realisiert wurde, aus Sicherheitsgründen die Geburtshilfe zu

[00:03:31]  extra territorialisieren, sprich also aus der Klinik auszulagern.

[00:03:36]  Und da bot sich in Seefeld eine nördlich des Seefelder... Südlich des Seefelder Sees gelegene Pension an, das

[00:03:47]  sogenannte Waldhaus- oder Waldheimat wie es geheißen hat.

[00:03:52]  Und die wurde dann seitens der Universitätsklinik Innsbruck, Gynäkologie und Geburtshilfe sozusagen

[00:03:59]  beansprucht auf längere Zeit.

[00:04:01]  Daher ist es ganz interessant zu verfolgen, dass in den Jahren [19]44 und [19]45 viele Innsbruckerinnen

[00:04:08]  und Innsbrucker in Seefeld zur Welt gekommen sind.

[00:04:11]  Das hat dort seinen Ursprung.

[00:04:14]  Interessant ist auch aus zeitgenössischer Sicht, dass die Tiroler Tageszeitung, ich glaube es war,

[00:04:20]  in den Jahren um 2000, einmal ein von sich aus ein sozusagen ein Treffen, der in Seefeld geborenen

[00:04:28]  veranstaltet hat und da waren glaube ich fast 3.000 Leute anwesend, weil es waren doch

[00:04:35]  geburtenstarke Jahrgänge, [19]43, [19]44 und [19]45.

[00:04:40] Tobias: Weil du das Treffen erwähnt hast von der TT, wo 3.000 Menschen... Josef: Ungefähr, ja.

[00:04:45] Tobias: Das heißt

[00:04:46] Josef: Das war in Seefeld. Tobias: In Seefeld.

[00:04:48]  Und du bist natürlich einer der Teilnehmer gewesen? Josef: Ja. Ja.

[00:04:51] Tobias: Hast du

[00:04:52] Menschen gekannt, aber nicht gewusst dass die aus, also auch Seefelder geborene

[00:04:58]  sind oder wie kommen...

[00:05:00] Josef: Ja natürlich.

[00:05:01] Tobias: Das ist ja ein großer Andrang, oder?

[00:05:03] Josef: Ja natürlich.

[00:05:04]  Es war ein "mords", wie man so schön sagt, eine "mords Hetz", [Tobias lacht kurz] eine "mords Gaudi" [Dialekt für viel Spaß/Vergnügen] und man hat

[00:05:09]  Menschen getroffen, die man kannte.

[00:05:11]  Einfach, weil man sich in Innsbruck halt natürlich irgendwie doch kennt.

[00:05:16]  Und von denen man aber nicht wusste natürlich, dass sie erstens welcher Geburtstag eh, Geburtsjahrgang

[00:05:23] sie waren und zweitens eben, dass sie deswegen auch in Seefeld zur Welt gekommen sind.

[00:05:28] [Rotationsgeräusch] Josef: Dann darf ich fortfahren mit meiner Kindheit.

[00:05:35]  Es ist alles sehr hochinteressant, nämlich aus zeitgeschichtlichen Aspekten heraus.

[00:05:41]  Es war ja dann so, dass natürlich ein mords Andrang war auf diese Betten der Gebärenden.

[00:05:48]  Und meine Mama hat also, glaube ich, musste am zweiten, dritten Tag schon, halbwegs,

[00:05:55]  dass sie noch halbwegs beisammen war und zu Kräften gekommen ist.

[00:05:59]  Da wurde sie also ersucht da Platz zu machen für die nächste.

[00:06:02]  Und dann war die Situation aber so, dass meine Familie aus Sicherheitsgründen, die Landverschickung

[00:06:11]  war, der Kinder und der jungen Familien.

[00:06:14]  Und deswegen ist meine Mutter, hat mich zusammengepackt und ist, glaube ich, zwei, drei Wochen

[00:06:21]  später mit mir schon nach Brandenberg gezogen.

[00:06:25]  Da ist man einfach zugeteilt worden.

[00:06:27]  Ja. Hat man irgendeine Familie bekommen am Land, im unteren Teil, oder oberen Teil oder wo auch immer.

[00:06:34]  Das ist von den Behörden erfolgt.

[00:06:36]  Und da wurde meine Mutter dann nach Brandenberg zugeteilt.

[00:06:40] [Rotationsgeräusch] Josef: Und da habe ich dann von Sommer 1945 bis Sommer 1947 meine Kindheit verbracht, meine ersten

[00:06:52]  zwei Jahre.

[00:06:53] [Rotationsgeräusch] Josef: Es war ein großes Glück, das wir gehabt haben.

[00:07:00]  Wir haben in einer sehr netten Bauersfamilie Unterschlupf gefunden.

[00:07:05]  Ganz unheimlich hilfsbereite, nette Leute mit dem typischen Brandenberger Name Ruprechter.

[00:07:13]  Der Familienvater war Holzarbeiter.

[00:07:17]  Damals hatten ja die Bundesforste noch riesige Besitzungen, die bis zur bayerischen Grenze

[00:07:25]  reichten und wo also die Brandenberger Bevölkerung zum Großteil Arbeit fand.

[00:07:33]  Es ist ja mehr oder weniger bekannt, wenn nicht, dann sage ich es jetzt.

[00:07:37] Die Zuhörer:innen werden sich vielleicht noch erinnern, dass es bis in die 60er Jahre

[00:07:44]  die doch relativ bekannte Brandenberger Trift gegeben hat.

[00:07:49]  Das war ein Ereignis, das zweimal im Jahr stattgefunden hat und wo die ganzen Bäume,

[00:07:56]  die man in den Forsten im Wald, der sich bis zur bayerischen Grenze ausdehnte, gefällt

[00:08:02]  hat.

[00:08:03]  Die hat man in einen riesen, großen, ja, riesengroßen, großen Stausee, der hat den Namen

[00:08:08]  Erzherzog-Johann-Klause gehabt.

[00:08:11]  Und diese Erzherzog-Johann-Klause, die wurde dann aufgefüllt und wenn die Klause voll

[00:08:18]  war, dann hat man die Tore der Klause geöffnet und die berühmte Brandenberger Trift ging

[00:08:25]  los.

[00:08:26]  Es war ein riesen Spektakel, besonders dann ab den 50er Jahren, wie langsam der Fremden-

[00:08:33]  verkehr wieder eingesetzt ist, also Ende 40er, haben sich das viele Leute also dann

[00:08:38]  nicht entgegenlassen, das zu beobachten.

[00:08:41]  Und die ganzen Baumstämme sind dann den Weg über die Brandenberger Ache durch die

[00:08:46]  berühmte Kaiserklamm hinaus bis zum Inn und am Inn war die sogenannte Lände in Kramsach.

[00:08:54]  Und da sind die... War ein riesengroßes Areale, so, wo man vorstellen musste, so wie Piers an einem

[00:09:02]  Hafen, wo man dann einfach die Baumstämme an Land gezogen hat von der Ache heraus

[00:09:08]  und sie dann weiter, entweder mit dem Zug oder dann weiß nicht, ob es da den Schiffverkehr

[00:09:14]  noch gegeben hat. Ich glaube nicht. Tobias: Ich glaube nicht mehr. Josef: Ich glaube eher mit dem Zug, dann transportiert worden

[00:09:20]  sind, weil Holz war ja einer der Hauptexportartikel von Tirol.

[00:09:24] [Rotationsgeräusch] Josef: Und das war also der Vater der Familie, wo wir untergekommen sind, der Herr Ruprechter,

[00:09:32]  der Heinrich Ruprechter.

[00:09:33]  Und die Frau, das war die Paula.

[00:09:36]  Und das war einfach eine Hausfrau, die haben natürlich auch eine Landwirtschaft gehabt.

[00:09:41]  Und wie es so war, der Hein, wie er geheißen hat, ist am Montag in der Früh ins Holz,

[00:09:47]  wie man gesagt hat, gegangen und am Samstag, zum Mittag sind sie dann wieder gekommen,

[00:09:54] mit einem alten Lastwagen hin und her transportiert.

[00:09:57]  Und die Paula war also daheim, hat sich um die Landwirtschaft gekümmert.

[00:10:01]  Viecher haben sie keine gehabt, nur ein paar Hennen und ein Imkerstand.

[00:10:05]  Und das war alles.

[00:10:06]  Und das war für die Paula natürlich auch sehr fein, dass sie ein bisschen Ansprache gehabt

[00:10:12]  hat.

[00:10:13]  Sie hatte damals noch keine Kinder.

[00:10:14] Die sind erst Ende der 40er Jahre gekommen.

[00:10:17]  Und so hat meine Mutter und die Paula eigentlich in trauter Einsamkeit die Zeit darin verbracht.

[00:10:23] [Rotationsgeräusch] Josef: Dann im Jahr [19]47 sind wir dann zurückgekehrt, wie also die Situation sich auch von der

[00:10:34]  Aufarbeitung der Nachkriegsereignisse, wir wissen ja, wie es [19]46 ausgeschaut hat und

[00:10:40] zugegangen ist.

[00:10:41]  Und es hat sich einfach alles etablieren müssen.

[00:10:44] Und [19]47 war es auch dann von der Wohnungssituation her, dass wir also nach Innsbruck zurückkehren

[00:10:51]  konnten.

[00:10:52]  Also meine Mutter und ich, wir haben nämlich von der Diözese Innsbruck eine Wohnung

[00:10:57]  zur Verfügung gestellt bekommen.

[00:10:58]  Und zwar in jenem Haus in der Wilhelm-Greil-Straße 4, wo jetzt die Wirtschaftskammer drin ist.

[00:11:05]  Dieses Haus hat bis in die, ich glaube bis in die, ja 70er, 80er Jahre des letzten Jahrhunderts der Kirche gehört,

[00:11:14] der Diözese.

[00:11:15] Und dann, oder war es noch später, ich glaube es war später. Tobias ganz leise: Ich kann es gar nicht genau sagen. Josef: Sie haben es erst später

[00:11:20]  verkauft.

[00:11:21] Nein, es war später, es war wesentlich später, erst um die 2000er Jahre herum ist es verkauft

[00:11:28]  worden und zwar an den Wirtschaftsbund und der hat es dann für seine eigenen Zwecke

[00:11:33]  benutzt.

[00:11:34]  Es hat aber früher der Diözese gehört und wir waren also im zweiten Stock in der

[00:11:40] Wilhelm-Greil-Straße 4.

[00:11:41]  Ich hatte, um da gleich weiter vorzufahren, den kürzesten Schulweg, [Tobias schmunzelt im Hintergrund] den es überhaupt

[00:11:47]  gegeben hat, denn genau vor der Haustür war die Gilmstraße und ich bin dann in die

[00:11:54]  Gilmschule, in die Volksschule gegangen.

[00:11:57]  Die Gilmschule, die jetzt das, ja, mehr oder weniger bekannte Innsbrucker [Tobias flüsternd: Das Sitzwohl] In-Lokal Sitzwohl

[00:12:04] beherbergt.

[00:12:06]  Und zwar im Erdgeschoss, wenn man hineingeht bei der Türe, in diesem spätgotischen Gebäude,

[00:12:13]  genau im Erdgeschoss rechts von der Tür, war mein Klassenzimmer.

[00:12:18] [Rotationsgeräusch] Tobias: An die Schulzeit, Volksschulzeit in der Gilmschule gibt es da noch irgendwelche einprägsamen

[00:12:27]  Erinnerungen.

[00:12:28] Josef: Da gibt es sehr viele einprägsame Erinnerungen.

[00:12:31]  Die einprägsamste ist unser begnadeter, muss ich fast sagen, Lehrer.

[00:12:35]  Ein Außerferner, mit dem Namen Singer natürlich und zwar aus dem Untern Lechtal, aus Nesselwängle,

[00:12:43]  der wirklich eine Seele von einem Menschen war und uns allen sehr, sehr viel beigebracht

[00:12:49]  hat.

[00:12:50]  Mit dem Erfolg, dass damals, ich glaub nicht... Ich weiß nicht wie viele wir waren, ich glaube wir waren

[00:12:56]  ca. 30, erst Klässler und davon sind, man höhere, 15 ins Gymnasium gekommen.

[00:13:03]  Es war für damalige Verhältnisse außergewöhnlich und das spiegelt natürlich nicht nur den

[00:13:10]  hohen Intelligenz Quotient Schüler wieder [beide lachen], sondern auch die Qualität des Lehrers, das

[00:13:18]  ist ja bitte unbestritten.

[00:13:19] [Rotationsgeräusch] Josef: [unverständlich] sagen, das ist vielleicht auch interessant, wir haben damals noch die Schiefertafeln

[00:13:29]  mit Kreide gehabt.

[00:13:30] Erst ab [19]52, [19]53 hat es sich dann eingebürgert, dass man also generell Hefte hatte. [Rotationsgeräusch] Josef:

[00:13:40]  Man braucht auch nicht zu sagen, dass die Bevölkerung damals eigentlich schon arm war.

[00:13:44]  Es war arm, meine Eltern haben beide arbeiten gehen müssen, damit sie halbwegs das Auslangen

[00:13:53]  gefunden haben.

[00:13:54]  Mein Vater war im Landeskriminalamt tätig.

[00:13:57]  Meine Mutter war dann im sogenannten Baby Haus Haidegger.

[00:14:03]  Es war ein stadtbekanntes Spezialgeschäft für Kinderkleidung und hatte seinen Standort

[00:14:12]  an der Ecke Greilstraße, Meranerstraße [Tobias dazwischen: Meranerstraßen] jedenfalls an dem Eckhaus.

[00:14:17] es war damals das Geschäft schlechthin für Kinderbekleidung.

[00:14:22]  Also das hat es ja eigentlich in Innsbruck sonst nicht gegeben.

[00:14:25]  Es war eigentlich auch in Tirol sehr bekannt, dass Baby Haus Haidegger.

[00:14:29]  Und da hat meine Mutter gearbeitet und es war damals schon so, dass also die Arbeitszeit

[00:14:35]  natürlich auch am Samstag bis am Abend ging.

[00:14:38] [Rotationsgeräusch] Tobias: War auch das Thema Sport oder dass man in einem Verein oder dass man das kennt zu einem Freizeitverein

[00:14:48]  oder zu den Pfadfindern oder sowas, was noch vielleicht...

[00:14:52] Josef: Es war damals so.

[00:14:53] Das wollte ich eben gerade noch sagen.

[00:14:54]  Es hat ja diese... Dieses, ja fast erschöpfende Angebot und Möglichkeiten, das den Jugendlichen

[00:15:02]  und Kindern heute geboten wird.

[00:15:04] Das hat es ja damals alles nicht gegeben.

[00:15:07]  Diese Möglichkeiten der "Freizeitgestaltung" unter Anführungszeichen für die Jugendlichen

[00:15:14]  und Kinder haben vor allem ideologische Vereine, wie zum Beispiel Parteien, Stichwort

[00:15:23]  die Roten Falken von der SPÖ, ja, oder das, was du angesprochen hast, die Pfadfinder.

[00:15:30]  Und in meinem Fall natürlich auch die katholische Kirche mit der katholischen Jugendschar

[00:15:37] so wahrgenommen.

[00:15:38]  Und je nachdem, wie halt das Elternhaus weltanschaulich geprägt war, ist man halt dort zum einen

[00:15:44]  oder zum anderen gegangen.

[00:15:46]  Wobei ich sagen muss, in meinem Fall hat sich das ergeben.

[00:15:51]  Und es war so üblich, dass man also nach der ersten Kommunion, die man also in der zweiten

[00:15:58]  Klasse erhalten hat, das war damals noch üblich.

[00:16:01]  Das ist ja überhaupt ein spezielles Kapitel.

[00:16:05] Über das wir uns glaube ich nicht auslassen, wollen oder müssen.

[00:16:11]  Aber es war halt damals so, man ist halt getauft worden, katholisch erzogen worden.

[00:16:16]  Natürlich im Sinne der Tradition zur Erstkommunion gegangen und dann natürlich ist man zu den

[00:16:24]  Ministranten gegangen.

[00:16:25] [Rotationsgeräusch] Josef: Dann bin ich ins Gymnasium gekommen und zwar die ersten zwei Jahre habe ich in Lienz, also

[00:16:36] im sogenannten Bundeskonvikt verbracht.

[00:16:39]  Da war ich in bester Gesellschaft von [unverständlich] prominenten Innsbrucker Familien [beide lachen], zum

[00:16:47]  Beispiel, Stichwort Lugger, Menardi [lacht] Tobias: Allerdings beste Gesellschaft Josef: Und so weiter [lacht].

[00:16:53]  Und da war auch natürlich ein starker Innsbruck Bezug.

[00:16:59]  Und die Klassen 3, 4 und 5 habe ich dann am Bundesrealgymnasium in Innsbruck verbracht.

[00:17:09]  Ab [19]55 war die Situation so, dass in Innsbruck, also das Gebäude, das berühmte, muss man

[00:17:15]  schon sagen, Gebäude in der Angerzellgasse, von der Struktur, ja, der Gymnasien zweigeteilt

[00:17:22]  war. Es hat auf der einen Seite das sog... damals als humanistisches Gymnasium bezeichnete gegeben.

[00:17:31]  Das war so latein-griechisch mit dem Fokus auf die Altsprachen.

[00:17:36]  Und dann hat es das sogenannte Realgymnasium gegeben, mit dem mehr naturwissenschaftlichen

[00:17:42]  und neusprachlichen Charakter.

[00:17:45]  Die Situation war damals die, es wurde der Unterricht, wöchentlich, alternativ, Vormittag

[00:17:53]  und Nachmittag geteilt.

[00:17:55]  Also eine Woche war Realgymnasium Vormittag, humanistisches Nachmittag und dann wurde wieder

[00:18:02]  gewechselt.

[00:18:03]  Es war streng getrennt auch von den Persönlichkeiten der Direktoren her.

[00:18:08]  Der Direktor des Realgymnasiums war der Karl Kern. Das waren die Kernbuben. [Tobias lacht] Und der

[00:18:16]  Direktor des humanistischen war der Direktor Dr. Auer, ein ÖVP naher, Politiker kann

[00:18:26]  man nicht sagen, aber sehr ÖVP-engagierter Lehrer, der dann auch im Gespräch war als

[00:18:33]  Landeshauptmann-Stellvertreter in der Zeit von Gaby Bartl und geworden ist es dann der

[00:18:40]  Prior.

[00:18:41]  Jedenfalls wurde es damals die personelle Alternative.

[00:18:45] Ich weiß das deswegen, weil ich die Familie näher dann im Laufe der Jahre kennenlernte.

[00:18:50] [Rotationsgeräusch] Josef: Und das war damals in der Zeit, wo ich also [19]57 bis [19]60 und dann ab [19]61 bis [19]63 war ich dann

[00:19:06]  wieder in Lienz und habe in Lienz dann auch [19]63 maturiert und anschließend [habe] ich dann

[00:19:13]  mit meiner Mutter in Pradl gelebt, wo ich dann mein Studium begonnen habe.

[00:19:21] Tobias: Das Medizinstudium? Josef: Das Medizinstudium und das natürlich unter den gegebenen wirtschaftlichen Verhältnissen.

[00:19:30]  Dann möglichst da so rasch abschließen, wollte, musste.

[00:19:36]  Und zwar war ich doch einer der ersten, der das Studium innerhalb von elfeinhalb Semester

[00:19:45]  dann zu Ende gebracht hat.

[00:19:46] Ich habe so im Herbst 1963 habe ich studieren begonnen und weiß noch gut

[00:19:56] im Dezember, am 17. Dezember 1969 wurde ich promoviert und deswegen ist das Datum

[00:20:05]  so wichtig für mich [lacht kurz auf] und möchte das da erwähnen, weil,

[00:20:12]  Es ist ja so, wie es die Zufälle im Leben so gibt, ich genau 50 Jahre nach meiner Promotion zum Dr. Med,

[00:20:21]  zum Magister in der Geschichte, sponsiert wurde.

[00:20:26] [Rotationsgeräusch] Tobias: Warst du immer schon interessiert, Medizin zu studieren? Oder

[00:20:34] war... Josef: Das hat sich zufällig ergeben.

[00:20:36] Tobias: Wie das? Josef: Komplett zufällig hat sich das ergeben.

[00:20:39] Und wenn du jetzt da so das ansprichst, dann darf ich schon sagen,

[00:20:44] und ich formulier das ganz bewusst so, wie ich es eben jetzt ausdrücke,

[00:20:49] weil ich bin mir bewusst, dass die vielen Talente, die ich in die Wiege bekommen habe,

[00:20:56]  eigentlich als Geschenke zu empfinden sind.

[00:20:59]  Und so war das für mich eigentlich eine Krux.

[00:21:02] Ja, die schon, das darf ich auch sagen, in einer Gepflogenheit, ihren Anfang genommen hat,

[00:21:09]  nämlich in der 5. Klasse des Gymnasiums, musste man damals noch wählen zwischen Musik und Kunstgeschichte.

[00:21:17]  Also Kunststation und Musik. Beides hat es nicht gegeben.

[00:21:21]  Entweder hat man sich in den musischen Fächern, wenn man das so sagen darf,

[00:21:26] für die Musik entschieden oder für das Zeichnen.

[00:21:30]  Ich habe also schweren Herzens dann das Zeichnen hergenommen, aber hätte die Musik also liebend gerne auch dabeigehabt.

[00:21:38]  Weil beide Bereiche der Kunst sind aus meinem Leben nicht wegzudenken.

[00:21:44]  Und so war für mich dann, um auf deine Frage zurückzukommen, die Entscheidung so unendlich schwierig.

[00:21:52]  Denn ich wollte sowohl [ein] Musikstudium beginnen, ich wollte sowohl an die Kunstakademie gehen,

[00:21:59]  ich wollte sowohl Architektur studieren, ich wollte sowohl in der Tradition meiner Familie

[00:22:06]  mein Ur-Ur-Großvater, war K&K-Forstmeister.

[00:22:11]  Und mein Ur-Ur-Ur-Großvater war Leiter eines Bergwerks in Böhmen

[00:22:17]  und hat für die Habsburger Krone einige Tonnen Silber aus dem Berg gefördert.

[00:22:23]  Und ist dafür in den niederen Adelsstand erhoben worden.

[00:22:27]  Und entsprechend dieser Tradition der naturwissenschaftlichen Betätigung meiner Familie wollte ich natürlich auch Bodenkultur studieren.

[00:22:37]  Aber diese Sachen waren damals alle in Innsbruck nicht möglich.

[00:22:41]  Die Technik ist glaube ich erst in den, ja... Tobias: Später, ja. Josef: Erst Ende der 60er. Tobias: Wenn nicht sogar... Josef: Ja, ungefähr in den 65er erbaut worden.

[00:22:53]  Und die Kunstakademie gibt es heute noch nicht in Innsbruck.

[00:22:57]  Und eine Musikhochschule gibt es auch nicht.

[00:23:00]  Aber Hauptsache wir haben die Architektur da.

[00:23:02]  Und Bodenkultur muss man nach wie vor entweder nach Wien, oder nach Leoben.

[00:23:06]  Und Architektur wäre damals Wien oder Graz die Alternative gewesen.

[00:23:12]  Und dann habe ich mal lange hin und her überlegt, was soll ich tun?

[00:23:17]  Und dann [atmet kurz aus] habe ich mir gesagt, Medizin interessiert mich eigentlich auch.

[00:23:25]  Weil ich war schon eigentlich immer ein Mensch mit einer gewissen sozialen Kompetenz.

[00:23:31]  Ich habe mich immer gern mit den Menschen unterhalten und mich mit ihnen ausgetauscht.

[00:23:37]  Und so war die Entscheidung das damals zu tun eigentlich die übrig gebliebene Lösung,

[00:23:43]  weil ich mich mit den anderen Dingen nicht entscheiden konnte, wollte.

[00:23:48] Ja, aus den Gründen, die ich gerade dargelegt habe.

[00:23:52]  Es war damals man Höre und Staune,

[00:23:55]  Wenn das jetzt wäre, dann würde man das fast nicht glauben.

[00:23:59]  Wir waren also insgesamt 183 Erstsemestrige.

[00:24:03]  Wenn man das so mit den Zahlen vergleicht,

[00:24:06] wo heute, also im Jahr 2023, die Zahlen derjenigen, die also sich um die Aufnahmeplätze bewerben

[00:24:15]  dann ist es nahezu unglaubwürdig.

[00:24:19]  Aber es war so.

[00:24:21]  Und von diesen 183 haben am Ende des ersten oder spätestens zweiten Semester haben,

[00:24:26]  dann mehr oder weniger ein Drittel schon, das Studium geschmissen.

[00:24:30]  Denn man weiß ja, es war damals schon so, dass das Medizinstudium war nicht das leichteste.

[00:24:36]  Und die erste Klippe war bereits die Chemieprüfung am Ende des zweiten Semesters.

[00:24:41]  Und da waren dann schon einige dabei, die negativ abgeschlossen haben

[00:24:46]  und das sie dann veranlasst hat, das Studium aufzugeben.

[00:24:51] Tobias: Hat es zu deiner Zeit eine Art Aufnahmeprüfung gegeben für das Medizinstudium?

[00:24:55] Josef: Nein.

[00:24:56]  Es hat überhaupt keinen Test gegeben, keine Aufnahmeprüfung, gar nichts.

[00:25:00]  Man ist also einfach in das Sekretariat des medizinischen Dekanats im Hauptgebäude im ersten Stock,

[00:25:09]  die berühmt berüchtigte Frau Jäger.

[00:25:12]  Die war also mehr oder weniger sehr bekannt. Eher negativ bekannt.

[00:25:18]  Ich habe mit ihr überhaupt keine Probleme gehabt.

[00:25:20]  Aber sie war sehr streng, also rigoros. Und das musste damals auch so sein.

[00:25:26]  Jedenfalls habe ich damals dann, habe ich mich inskribiert und immatrikuliert.

[00:25:31]  Und meine Matrikelnummer, von damals habe ich heute noch.

[00:25:35] Tobias: Wirklich?

[00:25:36] Josef: Ja, 06315588.

[00:25:41]  Also [19]63 im Herbst, immatrikuliert in die Universität Innsbruck.

[00:25:48]  Natürlich damals eigenes Dekanat der Medizin.

[00:25:53]  Wir wissen ja im Jahr 2002 dann die Trennung und die Loslösung der medizinischen Universität von der Stamm-Universität.

[00:26:01]  Eine Entscheidung, die ich persönlich bedauere, von anderen wieder begrüßt wurde. Es ist halt so.

[00:26:08] [Rotationsgeräusch] Tobias: Und wer... beim Abschluss, die deine Studienkolleginnen und Kollegen, oder waren, das ist jetzt eh die nächste Frage,

[00:26:21]  waren männlich dominiert im Studium wahrscheinlich sehr?

[00:26:24] Josef: Männlich dominiert mit einem doch, ja, ich würde sagen, 10%igen Frauenanteil, wenn ich das jetzt, mich so zurückerinnere.

[00:26:32]  Es war einfach eine herrliche Zeit.

[00:26:34]  Jeder hat eigentlich jeden gekannt. Es haben sich dann natürlich die entsprechenden Cliquen gebildet.

[00:26:40]  Ich möchte sagen, dass also die Benotung damals aller Prüfungen natürlich mündlich stattgefunden haben,

[00:26:47]  ausschließlich mündlich.

[00:26:49]  Und dass es nur drei Benotungen gegeben hat.

[00:26:53]  Ausgezeichnet, genügend oder nicht genügend.

[00:26:56]  Und die ganzen absolvierten Prüfungen waren in drei Rigorosen aufgeteilt, davon eines die Vorklinik und zwei dann die klinischen Fächer.

[00:27:09]  So war das damals.

[00:27:11] [Rotationsgeräusch] Josef: Ja, schon seit den frühesten Semestern haben wir eine Gruppe,

[00:27:19] waren wir eine Gruppe, die eigentlich immer sich vor den Rigorosen zusammengesetzt hat und sich gegenseitig ausgefragt hat.

[00:27:28]  Es war immer sehr nett, da natürlich die Kolleginnen, eh Kollegen, wir waren eine reine Männerrunde, auf Herz und Nieren zu prüfen und sich teuflisch zu freuen, wenn wer etwas nicht gewusst hat [Tobias lacht].

[00:27:41]  Aber es war eine gute Schule, eine gute Methode, die ich nur weiterempfehlen kann, das Gruppenlernen.

[00:27:47]  Wir haben eigentlich alle voneinander profitiert und sind auch alle eigentlich relativ problemlos durch die ganzen Prüfungen durchgekommen.

[00:27:56] Tobias: Ist man mit dieser Gruppe dann auch in der Freizeit, oder hat man in der Freizeit Zeit verbracht, oder war das rein auf das Studium bezogen?

[00:28:01] Josef: Das war rein aufs Studium bezogen.

[00:28:03] [Rotationsgeräusch] Tobias: Bleiben wir in der Zeit, also in der Studienzeit, oder generell ein bisschen in der Zeit, die, wie soll man denn sagen, die wilden Jahre [lacht kurz auf] sozusagen in Innsbruck,

[00:28:15]  was war bei dir in der Freizeit... Josef: Da muss ich schon

[00:28:17] sagen, da sprichst du jetzt etwas an, was ich sowieso von mir aussagen wollte.

[00:28:22]  Und was wieder Bezug zu meinem Studium, hat in der Zeitgeschichte.

[00:28:28]  Also in der Geschichte, aber natürlich eines meiner Schwerpunkte ist die Zeitgeschichte.

[00:28:33]  Und zwar deswegen, weil ich mich noch so sehr an viele Dinge erinnere, wie man jetzt so sieht oder hört [schluckt].

[00:28:41]  Ich habe im Rahmen des Geschichts-Studiums, waren eben auch so genannte Ringvorlesungen,

[00:28:50]  wo also gewisse Schwerpunkte kompetent abgehandelt wurden und Diskurse stattgefunden haben.

[00:29:00]  Und da war auch die Diskussion um das Jahr 1968, also die Studentenrevolte,

[00:29:06] ausgegangen von Paris damals, wie wir wissen.

[00:29:09]  Aber in allen deutschen Universitätsstädten und so weiter, auch in Wien und Graz.

[00:29:14]  Aber in Innsbruck hat es vergleichsweise Ereignisse

[00:29:19] und Begebenheiten nicht gegeben.

[00:29:21]  Ich sage das deswegen, weil im Rahmen dieser Ringvorlesung, die von mir sehr geschätzte Frau Professor Pfandzelter sagte,

[00:29:28]  dass es sehr wohl etwas gegeben hätte.

[00:29:31]  Und dass also hier Studien liefen und so weiter.

[00:29:35]  Mittlerweile ist, glaube ich, hier tatsächlich was publiziert worden.

[00:29:39]  Ich habe es noch nicht studieren können.

[00:29:42]  Ich kann nur aus medizinischer Sicht sagen, es hat an der medizinischen Fakultät in den Jahren 1968 also überhaupt nichts gegeben, mitnichten.

[00:29:52]  Es hat überhaupt keine Störungen gegeben, keine Aufmarsche, keine Zusammenkünfte,

[00:29:59]  keine, was auch immer, von dem man entnehmen konnte, dass es sich um eine studentische Demonstration handelte.

[00:30:07]  Also mitnichten. Das kann ich mit Sicherheit sagen.

[00:30:10] [Rotationsgeräusch] Tobias: Freizeit generell die in den...

[00:30:16] Josef: Ja, ich habe also Freizeit.

[00:30:18]  Ich persönlich war ja sehr alpin, affin.

[00:30:22]  Das geht auf die Zeit der Innsbrucker Mittelschule zurück, wo ich mich mit drei, auch gleichgesinnten, jungen Menschen zusammengefunden habe.

[00:30:32]  Einer davon war mein späterer Studienkollege Dr. Gerhard Adelmeier, der dann Radiologe geworden ist.

[00:30:39]  Und wir haben also schon in den Mittelschuljahren, also mit 14, 15 haben wir schon gemeinsam eine Bergfahrt unternommen

[00:30:48]  vor allem im Sommer auch. Und das hat sich dann, diese Achse hat gehalten.

[00:30:53] [Rotationsgeräusch] Tobias: Haben wir noch irgendeinen Punkt, der was wichtig wäre oder der, was dir noch am Herzen liegen würde aus deiner ja Jungend Zeit?

[00:31:02] Josef: Ja, wenn ich jetzt sagen darf, ein paar markante, infrastrukturelle Gegebenheiten, Situationen. Tobias: Gern. Josef: Die vielleicht den ein oder anderen interessiert,

[00:31:12]  wie es damals ausgeschaut hat. Also in der Gilmstraße, wenn ich hinaus gegangen bin bei der Haustür,

[00:31:19]  das war also das gotische Gebäude, spätgotische Gebäude der Gilmschule, dann war die Bezirkshauptmannschaft ums Eck, die hat es damals schon gegeben.

[00:31:30]  Linker Hand war das Hotel Central, ein ebenfalls klassizistischer Bau, wobei heute noch das Café Central als Café besteht,

[00:31:40]  das Hotelgebäude ist ja mittlerweile abgerissen. In der Wilhelm-Greil-Straße rechts hat es, wo jetzt die Bank drinnen ist,

[00:31:49]  direkt gegenüber, hat es damals [das] sehr bekannte Elektrowaren und Kohlengeschäft, Kohlegger [Schreibweise ungewiss] gegeben.

[00:31:57]  Und der Sohn der Familie, ist so, auch ein Mitschüler gewesen von mir.

[00:32:02]  War damals bekannt. Ums Eck herum, in die Museumstraße, also nach Norden, dort, wo heute der M-Preis ist,

[00:32:10]  war vor dem M-Preis die Bank Austria, vor der Bank Austria war die Länderbank

[00:32:16]  und vor der Länderbank war der Konsum. Tobias: [leise] Ah, der Konsum. Josef: Der Konsum war einer der ersten, ich glaube im Jahr 1945/46,

[00:32:26]  schon von den Sozialdemokraten gegründete Kaufhauskette im Sinne des Vorläufers eines Supermarkts,

[00:32:34]  wo man also die Artikel des täglichen Lebens kaufen konnte.

[00:32:39]  Ich weiß das deswegen noch genau, weil bis zum Jahr 1950, ich bitte mich zu korrigieren, kann auch glaube ich [19]51 sein,

[00:32:47] [19]50 noch sicher, es die Lebensmittelkarten noch gegeben hat und man mit den Lebensmittelkarten natürlich dann die entsprechenden Rationen pro Woche einlösen konnte.

[00:32:58]  Und in dem Zusammenhang habe ich beim Konsum als kleiner Kindergartenbub eingekauft.

[00:33:05] Apropos einkaufen, rechts, wenn ich beim Haus hinausgegangen bin, hat es einen Nahversorger gegeben.

[00:33:11]  Es war also diesbezüglich ideal und paradiesisch.

[00:33:14]  Ein paar Meter weiter hat es einen kleinen Milchladen gegeben, der hat ebenfalls Kohlegger geheißen.

[00:33:20]  So ganz mini, aber da hat es immer, jeden Tag in der Früh frische Milch gegeben.

[00:33:25]  Dann ein paar Meter weiter war rechts die Bäckerei Flatscher, mit der Familie [war] ich auch dann in späteren Jahren eng verbunden.

[00:33:34]  Und dann ein paar Meter weiter hat es die Fleischerei "Bracetta" [Schreibweise ungewiss] gegeben.

[00:33:39]  Also wir haben die Spezialgeschäfte Milch, Brot und Fleisch innerhalb von ein paar Metern vom Haus weg entfernt gehabt.

[00:33:49]  Und ums Eck vorne, also was sind das, 100 Meter glaube ich, war der Konsum mit dem Erfolg oder mit dem Resultat,

[00:33:59]  das mich, und an das kann ich mich noch... Eines meiner frühesten Kindheitsereignisse, Erinnerungen.

[00:34:04]  Da kann ich mich gut erinnern, weil meine Mama gesagt hat zu mir, Seppi, jetzt, da hast die Karten,

[00:34:09]  jetzt gehst du mal dort zum Kohlegger und holst mir einen Liter Milch.

[00:34:13]  Und ich kleiner Stöpsel bin natürlich dann "owi" [Dialekt für runter/hinunter] und hab die... man hat mich natürlich gekannt

[00:34:17]  und hab da die Milch gekriegt und hab es hinaufgetragen, damals hat es natürlich nicht,

[00:34:21] die Verpackung gegeben, sondern auch nicht die Flaschen, sondern die Kübel.

[00:34:25]  Da hat man in den Kübel hinein, hat man die Milch in... mit einer großen Gatz [Dialekt für Kelle],

[00:34:29]  wie es geheißen hat, oder eine Kelle Tobias: Oder eine Schöpfkelle, wie es jetzt... auf Hochdeutsch [lacht] Josef: Eine Schöpfkelle,

[00:34:34]  wir haben in Tirol gesagt Gatzen Tobias: [lachend] Ja. Josef: Hat man da die Milch reinbekommen.

[00:34:39] [Rotationsgeräusch] Josef: Ein wesentliches Erlebnis war dann noch auch die Zeit meiner Kindergartenjahre.

[00:34:48] Es war damals... Ich weiß gar nicht, wann das losgegangen, aber ich glaube, es war spätestens mit drei, vier Jahren.

[00:34:54]  Es war damals der städtische Kindergarten, es hat ja damals bei leibe nicht diese große Anzahl

[00:35:01]  an Kindergärten gegeben, wobei natürlich auch viele private Betreiber jetzt sind, wie wir ja wissen.

[00:35:07]  Konfessionen oder ideologische Vereine.

[00:35:10]  Damals hat es eigentlich nur den städtischen Kindergarten gegeben und der hat in mir insofern

[00:35:16]  eine einprägsame Erinnerung, als er erstens einmal in einem sehr markanten Gebäude

[00:35:23]  angesiedelt war und da möchte ich weiter ausholen.

[00:35:27]  Man muss sich vorstellen, dass wenn man heute also von der Museumstraße durch die Viaduktbögen,

[00:35:33]  also durch die Ingenieur-Etzel-Straße, durch die Bahnunterführung nach Pradl fährt,

[00:35:40]  es war damals so, diesen Schlupf hat es gegeben natürlich, aber dann, war mehr oder weniger Pampa.

[00:35:46] Dann war grüne Wiese.

[00:35:48]  Es hat am Sillkanal, ja, hat es damals noch die Textilfabrik Herrburger und Rhomberg gegeben.

[00:35:56] Herrburger und Rhomberg war für viele ein Arbeitgeber.

[00:36:00]  Es war ein riesengroßes Areal, es ist genau dort, wo jetzt der Sillpark steht.

[00:36:04]  Und dahinter war ein Park, den Rapoldi-Park hat man erst später kultiviert und ins Leben gerufen

[00:36:09]  und dann hat es bereits in der Pradlerstraße, ja, und im Bereich von Pradl,

[00:36:16]  die Südtiroler-Siedlungen gegeben, von der neuen Heimat errichtet und so weiter und so fort.

[00:36:22]  Und die ganze Reichenau und Neupradl und so weiter, das ist erst dann in den 60er Jahren,

[00:36:28] gekommen. Ende der 50er, 60er Jahre.

[00:36:31]  Ja, das war die Situation und genau dort, wo man da so durch die Unterführung nach Pradl

[00:36:37] hinausgekommen ist, linker Hand, wo jetzt die Laurinstraße anfängt

[00:36:43]  und wo jetzt genau die Haltestelle ist, von den Linien F zum Beispiel, Bus,

[00:36:49] ja, da ist ein Pavillon gestanden. Ja, ein Pavillon und zwar ein Baracken-Pavillon, ja, im Stil einer Baracke

[00:36:59]  und in dieser Baracke war der städtische Kindergarten untergebracht.

[00:37:04] Und diese Holzbaracke hatte einen kleinen Aufgang und da sind wir kleine Stöpsel,

[00:37:10] in der Früh immer hinaufgetrappelt und an dem Aufgang ist eine Türe gewesen,

[00:37:18]  die in das Innere geführt hat und in dieser Türe stand, raumfüllend, die Kindergartentante.

[00:37:25] [Tobias lacht] Und die Kindergartentante hat uns, [längere Pause] an der bist du nicht vorbeigekommen,

[00:37:33]  schon rein voluminös nicht, und die Kindergartentante hat in ihrer rechten Hand

[00:37:39]  eine Tüte, wir sagen eine "Steitzl" [Schreibweise ungewiss], ja, gehabt und da waren Lebertran-

[00:37:47]  Pastillen/Tabletten drinnen. Ich hab' heute noch den Geschmack in meinem Mund,

[00:37:53]  aber es ist, glaube ich, medizinhistorisch, gesundheitspolitisch, [eine] interessante Mitteilung,

[00:37:59]  dass wir Kinder also als Profilaxe, Rachitis-Profilaxe, aber auch überhaupt generell,

[00:38:06]  weil Rachitis war ja damals eine der recht häufig vorkommenden Erkrankungen.

[00:38:11] Gegen was der Lebertran sonst noch groß eh, gut war weiß ich jetzt eigentlich nicht, zu meiner Schande gestehen zu müssen

[00:38:18]  aber er war sicher ein gut... aufgrund seiner Nahrhaftigkeit, ein gutes Prophylaktikum gegen alle

[00:38:24]  möglichen Kinderkrankheiten, Infektionskrankheiten, die man sich zuziehen konnte

[00:38:30]  und man muss ja an dieser Stelle erwähnen [schluckt] es hat ja in Innsbruck bis in den 50er Jahren,

[00:38:38]  war ja die Tuberkulose ein großes Thema und ich erinnere mich, wir sind auch in der Volksschule schon,

[00:38:44]  hat es die Bildschirm-Untersuchung gegeben. Da bist du

[00:38:48] hinüber gegangen, in das städtische Gesundheitsamt, zum Dr. Thulnik [Schreibweise ungewiss], das war dort

[00:38:54]  wo jetzt also, wir haben immer spöttisch gesagt, die Weltstadt-Galerie, also die,

[00:39:00]  die [lacht kurz] Galerie ist von der Maria-Theresien-Straße zur Fallmerayerstraße [gegangen]

[00:39:04] das war früher nur der Zweckbau, wie man jetzt noch heute sieht, ja,

[00:39:09]  und dahinter war ein großer, großer Innenhof, ja, in diesem Innenhof war die Polizeistation,

[00:39:17]  dann war gar nichts und dann waren da auch ein paar Baracken, zum Teil ebenerdige Baracken.

[00:39:24]  Gemauert auch zum Teil und dann war ein Tor, hinten hinaus zur Fallmerayerstraße,

[00:39:30]  und in diesem Tor war auch noch ein Gebäude, als ein Gebäude zur Fallmerayerstraße

[00:39:35]  sozusagen als zweites Gebäude vom Magistrat.

[00:39:39]  Und in diesem hinteren Gebäude, an der Fallmerayerstraße, ist das Gesundheitsamt gewesen

[00:39:44]  und in dieses Gesundheitsamt sind wir Schulbuben, ja, regelmäßig einmal im Semester,

[00:39:51]  also zweimal im Jahr zur Röntgen-Untersuchung auf Tuberkulose angetanzt, ja. [Tobias schmunzelt]

[00:39:57] Also an das kann ich mich noch sehr gut erinnern, das hat stattgefunden.

[00:40:01] [Outro-Musik] beginnt

[00:40:04] [Outro-Musik]

[00:40:23]

Zeitzeugengespräch Siegfried Nussbaumer

Zeitzeugengespräch Siegfried Nussbaumer

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00] [Männliche Stimme] Auf jeden Fall hat sie gesagt, nein, geh doch zur Feuerwehr, nicht.

[00:00:04] Und beim Paras habe ich es recht gutgehabt und dann habe ich gesagt, ich wollte hin, aber nur nicht zu

[00:00:09]  einem uninformierten Haufen.

[00:00:25] [Intro-Musik] Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur sechsten Folge unserer zweiten Staffel von Archivwürdig,

[00:00:31]  dem Podcast des Innsbrucker Stadtarchivs.

[00:00:34]  In unserer heutigen Folge hören Sie Ausschnitte aus unserem Gespräch mit Siegfried Nussbaumer,

[00:00:39]  bekannt als "Siggi aus Tirol" in der aktuellen Staffel von Liebesgeschichten und Heiratssachen.

[00:00:45]  Heute sprechen wir aber hauptsächlich über Siegfrieds Tätigkeit bei der Berufsfeuerwehr Innsbruck,

[00:00:50]  zu der, unter anderem, der Flugdienst zählte.

[00:00:53]  Während seiner 37-jährigen Dienstzeit war er an vielen Einsätzen beteiligt.

[00:00:58]  Darum gibt es ausreichend interessante Geschichten zu erzählen.

[00:01:02]  Im Gespräch mit Siegfried Nalter, dem ehemaligen Branddirektor der Berufsfeuerwehr Innsbruck,

[00:01:07]  sowie meinem Kollegen Matthias Egger, vom Stadtarchiv.

[00:01:11] Matthias: Wir werden uns heute ein bisschen über deine Karriere bei der Berufsfeuerwehr unterhalten,

[00:01:16]  lieber Siegfried.

[00:01:17]  Als erstes möchte ich fragen, wie bist du überhaupt zur Berufsfeuerwehr gekommen?

[00:01:21] Siegfried: Ja, das war mehr oder weniger ein Zufall.

[00:01:25] Also weil, im Stadtbereich hat man... Und ich bin in Wilten aufgewachsen, da war das nicht so üblich, dass jeder bei einer Feuerwehr war,

[00:01:34]  nicht in Wilten selber. Also,

[00:01:37] Wilten Ost, da hat es ja kein Feuerwehr gegeben, also die wären noch Wilten West gewesen.

[00:01:42]  Auf jeden Fall habe ich mit der Feuerwehr nichts tun gehabt, aber ich war Kfz-Elektriker,

[00:01:47] gelernter, und [als] ich fertig war, dann bin ich sofort zum Paras, damit ich das schnell hinter mir habe.

[00:01:53] Und dann bin ich von Salzburg, also Siezenheim heimgekommen und dann hätte ich ein Angebot gehabt,

[00:02:00]  als Flugzeugelektriker anzufangen in Stuttgart, fünf Jahre verpflichtend.

[00:02:05] Und da hätte ich relativ mit, mit, damals hatte es, meine ich, bei 500 D-Mark angefangen, und ein Zimmer war auch inkludiert.

[00:02:15]  Dann hat aber die Mutter von mir, die war beim Stadtmagistrat, da beschäftigt,

[00:02:21] und die wollte nicht, dass ich ins Ausland gehe und nachdem ich mich fünf Jahre verpflichten

[00:02:26]  hätte müssen, hätte sie mich kaum mehr gesehen.

[00:02:28] Ich bin ja, also als Einzelkind aufgewachsen, mein Vater ist ja im Krieg gefallen, also [19]45 sind sie noch

[00:02:34]  mit dem Schiff auf eine Mine aufgefahren.

[00:02:36]  So habe ich meinen Vater nicht kennengelernt und er mich auch nicht, auf Deutsch gesagt.

[00:02:40]  Das hat sich einmal so vorher ergeben beim Besuch, beim Schiff, wie sie am Schiff,

[00:02:46]  also am Hafen von Bremen, ein paar Tage also stationiert waren, da anscheinend bin ich,

[00:02:54] [lacht] entstanden, also, wenn es stimmt [lacht]. Auf jeden Fall hat sie gesagt, nein, geh doch zu Feuerwehr, nicht.

[00:03:03]  Und beim Paras habe ich es recht gutgehabt und dann habe ich gesagt, ich wollte hin, aber nur nicht zu

[00:03:08]  einem uninformierten Hafen.

[00:03:10] [lacht]

[00:03:12] Auf jeden Fall, also aber dann hat sie mir gesagt, ja, weil sie hat den Branddirektor Stulz [Schreibweise ungewiss] durchs Magistrat

[00:03:19]  gut gekannt, der war ich im Bauamt damals.

[00:03:21]  Und hat gesagt, also sie fragt, also ich habe ja gar nicht gewusst, dass das so schwierig damals schon war,

[00:03:27]  im Stadtmagistrat, eh, bei der Feuerwehr unterzukommen.

[00:03:31]  Die was mit mir gekommen sind, da war nur der Pescolo [Schreibweise ungewiss] und ich und alle anderen haben schon

[00:03:35]  Jahre davor angesucht und sind um wesentlich älter gewesen.

[00:03:39]  Ich war ja mit dem Pescolo Peter der Jüngste, was da dazukommen ist.

[00:03:44]  Und dann habe ich, zu Weihnachten, hat man das, hat es geheißen, ja, das passt bei mir.

[00:03:50]  Und dann habe ich auch immer wieder gefragt, was ist denn los, zur Mutter.

[00:03:54]  Und die hat gesagt, ja, das wird schon kommen, das wird schon kommen.

[00:03:58]  Und dann habe ich gesagt, du, [lachend] die können mich gernhaben, ich warte jetzt nicht mehr lange [alle lachen].

[00:04:03]  Und dann war es aber so, dass am 1. April war das dann fixiert.

[00:04:08]  Und am 1. April hat mich gereizt, also erstens, also das wechselhafte,

[00:04:14]  weil ich ja nur reingekommen bin, weil ich einen einschlägigen Beruf auch gehabt habe.

[00:04:18]  Damals war ich ja noch Werkstätten Betrieb und lange Zeit danach auch noch.

[00:04:22]  Und ein Feuerwehrdienst war ja in einem und es sind an und für sich, wenn einer nicht besondere Beziehungen gehabt hat,

[00:04:29]  oder einen einschlägigen Beruf haben müssen, den man in der Werkstatt verwenden kann.

[00:04:33]  Und somit bin ich halt da dazukommen.

[00:04:36]  Und da hat mir aber gereizt, dass ich also einen Turnus Dienst hatte, 24 Dienst, 24 Frei,

[00:04:43]  damals hat es noch die Zeitausgleichstage ganz wenige gegeben.

[00:04:47]  Und das war für mich ideal, weil ich gesagt habe, da kann ich alles Mögliche nebenbei machen.

[00:04:54]  Und das habe ich ja jahrelang gemacht, aber bis zu 40 habe ich meine ich 50 verschiedene Beschäftigungen gehabt.

[00:05:01]  Und damit ich ja so an Geld komme, ein Beispiel noch:

[00:05:05]  Am Anfang habe ich im Tagdienst, noch nicht im Turnusdienst bei der Ausbildung, mit 1800 Schilling angefangen

[00:05:12]  und habe als frisch ausgelernter Gesell, also das war das mindeste, 3000 Schilling gehabt.

[00:05:18]  Das war ja an und für sich, aber ich hab immer gestaunt, wie das meine älteren Kollegen geschafft haben,

[00:05:25]  weil die waren teilweise 25, 26 Jahre alt schon und haben wesentlich mehr verdient natürlich,

[00:05:32]  aber die haben das also locker und vor allem waren die unheimlich folgsam [lacht]

[00:05:37] Wo ich ja auch arge Probleme [lacht] gehabt habe.

[00:05:42]  Und [lacht] die habe ich aber bis heute noch [lacht].

[00:05:46]  Auf jeden Fall ist es so gewesen, dass das nachher ganz gut passt hat.

[00:05:51]  Und das Schwierige war ja am Anfang, sind wir ja in der alten Wache und zwar im Rathaus zwischen altem und neuen Rathaus,

[00:06:00]  da drinnen im Hof.

[00:06:02]  Und ich bin eigentlich schon ein bisschen im privaten Bereich ein bekannterer Typ gewesen [lacht].

[00:06:09]  Und da hat man am Samstag immer mit dem Besen, die jungen kehren müssen, den Hof kehren und so weiter.

[00:06:17]  Und da war ich ständig beim Laufen.

[00:06:19]  Weil kaum habe ich von der Entfernung jemanden gesehen, der was also mich kennt, dann habe ich mich [lachend] sofort versteckt hinter der nächsten Tür [lacht].

[00:06:28]  Zum Beispiel war ja das, die Wachkommandanten, aber vor allem die Dienstleiter, das waren ja alles

[00:06:38] also so, vom Militär her noch so Unteroffizier und so Zeug.

[00:06:43]  Auf alle Fälle auf [lachend] der scharfen Seite.

[00:06:46]  Und da hat beispielsweise, haben wir so einen kleinen Wagen gehabt, die "Katz" hat das geheißen.

[00:06:51]  Das ist ein Opel Blitz gewesen, mit der klaren Ladeflächen.

[00:06:55]  Und da sagt der Heiss [Schreibweise ungewiss], der war der Dienstleiter und der sagt zu mir am Abend, du, da oben verliert einer Benzin,

[00:07:04]  bei der Servitenkirche, da bei der Triumphpforte oben, ich soll raufgehen.

[00:07:10]  Und mit zwei Kübel Sand nicht.

[00:07:13]  Und das ausgelaufene Benzin da neutralisieren, damals hat man Sand [lachend] hergenommen, nicht.

[00:07:20]  Und nachher sag ich ja, dann nehme ich gleich die Katz, dann sage er zu mir, nein, nein, da soll ich zu Fuß aufgehen.

[00:07:26]  Und dann hab ich gesagt, ich gehe da nicht zu Fuß rauf.

[00:07:28]  Ich wär nie raufgegangen, vorher wär ich wieder, von der Feuerwehr weggegangen.

[00:07:32]  Und dann hat er einen anderen raufgeschickt.

[00:07:35]  Aber auf alle Fälle habe ich dann, wenn wir den Kurs fertig gehabt haben, die Grundausbildung,

[00:07:41]  dann hat es so eine Benotung gegeben.

[00:07:43]  Und gleichzeitig haben die Absolventen durchgekommen, ist eh jeder.

[00:07:48]  Und die haben dann den ersten Stern gekriegt.

[00:07:52]  Also war praktisch Feuerwehrmann, offiziell.

[00:07:55]  Und [lacht] da waren noch zwei, die nicht... also unangenehm aufgefallen sind, mit anderen Sachen, nicht.

[00:08:02]  Und nachher sind wir drei, wir kamen also nicht dran.

[00:08:06]  Und dann haben sie irgendeinen Wurm drinnen gehabt, dann haben wir drei einen Stern gekriegt [lacht],

[00:08:10] und die einen nicht [lacht].

[00:08:12] [Lachen] Es ist drunter und drüber gegangen.

[00:08:16]  Und vor allem, also eine mords Gaudi [Dialekt für Spaß], weil da sind ja viele Frauen,

[00:08:20]  sind da, also hin und her spaziert.

[00:08:23]  Hauptsächlich wegen den Feuerwehrmännern, nicht wegen uns, uns Jungen da,

[00:08:27]  sondern eher mit den Mittelalterlichen bis Alten [lacht].

[00:08:31]  Und da hat es immer viel Spaß gegeben.

[00:08:36]  Das war ja, also im Privatbereich, war es ja so,

[00:08:39] zur damaligen Zeit bin ich aus einer Wohnung rausgekommen,

[00:08:42]  wo man nicht einmal ein eigenes Bad gehabt haben, ne.

[00:08:45]  Und da war also ein Boiler, eine große Dusche, eine aber nur,

[00:08:50]  und die war im neuen Mitteltrakt da zwischen den zwei Rathäuser.

[00:08:55]  Und da war mein ich ein 500 oder 300 Liter Boiler.

[00:08:58]  Und da bin ich [lacht] immer drinnen gewesen.

[00:09:01]  Und nicht mehr rausgekommen, bis sie mir einmal klar gemacht haben,

[00:09:04]  dass andere auch noch ein warmes Wasser brauchen [lacht].

[00:09:13] [Rotationsgeräusch] Matthias: Kannst du dich an den ersten Einsatz erinnern?

[00:09:16] Siegfried: Ja [lacht]. Matthias: Ja.

[00:09:18] Siegfried: Die Bocksiedlung ist abgebrannt.

[00:09:21] [lacht kurz auf] Also, und da haben wir kurz vorher die 4.000 Liter Tankfahrzeuge,

[00:09:27] also ein ganz Österreich hat es noch nirgends

[00:09:29] Tankfahrzeuge, wo so viel Wasser drauf war.

[00:09:33]  Und das ist, hat ja noch der Stolz in die Wege geleitet.

[00:09:36]  Und da ist die Bocksiedlung ab, also halb oder fast ganz abgebrannt.

[00:09:42]  Und da sind wir unten gewesen.

[00:09:44]  Und dann bin ich auch mit dem Tankwagen,

[00:09:46]  weil ich ja alle Führerscheine gehabt habe bis zum E.

[00:09:50]  Und obwohl ich noch so jung war, und das war nicht so häufig der Fall.

[00:09:54]  Und da bin ich unten mit dem Wagen gewesen.

[00:09:57]  Und dann ist der Stolz daher gekommen mit einem Reporter von der Tageszeitung.

[00:10:01]  Und hat gesagt, sagen Sie, Herr Nussbaumer,

[00:10:03]  hätten wir was machen können, ohne dass wir so viel Wasser haben.

[00:10:06]  Und da war ja da unten auch noch schwierig.

[00:10:08]  Der nächste Hydrant war weiß Gott wo.

[00:10:12]  Und dann haben wir natürlich gesagt, ja,

[00:10:14]  und er hat das dann auch gut verstanden.

[00:10:16]  Übrigens, war es der Angermeier der gleich sofort

[00:10:19]  alle mit einbezogen [hat], also damit wir populär werden.

[00:10:24]  Und wie der Angermeier, weiß ich ja über das Hubschrauberwesen,

[00:10:27]  also dass das europaweit also, [wir] sind bekannt gewesen.

[00:10:35] [Rotationsgeräusch] Matthias: Bei den ersten Jahren hast du den Grundlehrgang gemacht,

[00:10:38]  und dann den Chargenlehrgang wahrscheinlich?

[00:10:40] Siegfried: Ja, nach 10 Jahren. Also war das üblich nicht.

[00:10:43]  Also 9 oder 10 Jahre hat es, es war ja nicht alle Jahre ein Chargenlehrgang.

[00:10:47]  Jetzt ist das ausgegangen, der Großteil von uns hat das mit 10 Jahren gemacht.

[00:10:52]  Neun oder zehn Jahre war das.

[00:10:54]  Bei der Feuerwehr.

[00:10:55]  Da habe ich übrigens beim [lachend] Anfang, beim Grundlehrgang,

[00:11:00]  da habe ich eigentlich nicht viel gestrebert [intensiv lernen] und nichts.

[00:11:04] Und dann hat es geheißen, bei einzelnen Beförderungen,

[00:11:07] das geht der Reihe nach, wie einer abgeschlossen hat.

[00:11:11]  Und nachdem ich ja noch zusätzlich, also eigentlich,

[00:11:14]  da bestraft worden bin, für das, dass ich mich nicht so aufgeführt habe [lacht]

[00:11:19]  Also, da habe ich mir gedacht, das passiert mir nicht mehr.

[00:11:23]  Und habe also wirklich auf einen Chargenkurs gelernt, fest.

[00:11:32] [Rotationsgeräusch] Matthias: Und wie ist eure beider Erinnerung an den Retterwerk [Schreibweise ungewiss] Brand?

[00:11:36]  Weil das ist ja doch einer der größten Brände in der jüngeren Stadtgeschichte gewesen.

[00:11:40] Siegfried: Ja, der größte war an und für sich schon fast der, die Bocksiedlung.

[00:11:44]  Aber Retter war ja auch, das war ja beim Wifi, da hinten außen, das war ja gewaltig nicht.

[00:11:50]  Und da haben wir mit den Gasflaschen auch so Probleme gehabt,

[00:11:53]  die haben wir ja nachher in den Inn reingehängt, Propangas, nicht Propangas,

[00:11:56]  sondern das Acetylengas.

[00:11:58]  Und die hat man dann zum Kühlen in den Inn reingetan.

[00:12:01]  Das war auch zur damaligen Zeit,

[00:12:03]  dass eh, mit dem Propangas in Salzburg bei der Berufsfeuerwehr,

[00:12:07] war so ein arger Einsatz, da haben sie auch bei einem Lager von... so ein Propan-Lager,

[00:12:13]  haben sie gespritzt und da sind ein paar Flaschen auch explodiert.

[00:12:19]  Und da waren noch drei Tote oder was ne,

[00:12:21]  ich war eh da unten mit dem Chef auch.

[00:12:23]  Also, oder aber ein Einsturz, weil wir jetzt gerade beim Einsturz,

[00:12:27]  aber nicht Erdbebenmäßig, sondern bei der Olympia-Straßen,

[00:12:31]  wie das Haus gebaut worden ist.

[00:12:33]  Und dann, da waren wir zuerst im Dienst, unser Zug.

[00:12:36]  Und da sind wir hingefahren.

[00:12:38]  Und da sind oben die Decken, weil sie zu schlecht [unverständlich] haben.

[00:12:41]  Also, und zu schnell weiter gemacht haben, da sind da zwei Stöcke,

[00:12:45]  Stockwerke sind da zusammen, also,

[00:12:48] gebrochen. Da waren, mein ich, zwei Tote,

[00:12:51]  aber auf alle Fälle es wurden viele interessante,

[00:12:57]  aber natürlich gravierende Einsätze.

[00:13:01]  Also, die ich nachher in weiterer Folge, wie ich beim Chef war, war es so,

[00:13:06]  dass der Chef immer... hat er gesagt, ich bin ja [unverständlich] erst ausgebildet gewesen,

[00:13:12]  obwohl ich nicht rein wollte, in die Zentrale.

[00:13:15] Aber er hat gesagt er braucht einen, also einen Fahrer,

[00:13:18]  der was genau schon von Anfang an Bescheid weiß.

[00:13:21]  Und wenn jetzt das da rund geht, nachher kann ich ihm gleich berichten,

[00:13:25]  wie es ausschaut, und dann sagt er, nein komm gleich, hol mich

[00:13:29]  das schaut er sich selber an

[00:13:31]  und übernimmt natürlich ab sofort dann die Einsatzleitung.

[00:13:35]  Und hat aber in die Nachricht nicht so gepasst,

[00:13:39]  weil die haben mich teilweise zuerst nicht rein gelassen,

[00:13:43]  weil der eine oder andere, ja Stress ist auch da drinnen

[00:13:46]  und fühlt sich nachher kontrolliert.

[00:13:48]  Und ich war ja, also dadurch, dass ich so eine Nähe gehabt habe,

[00:13:52]  zum Chef haben ja viele gemeint,

[00:13:55] also, wir waren am Ende bis zum Schluss halt noch per sie.

[00:13:59]  Also, er nicht, er war mit mir per du, aber ich mit ihm per sie.

[00:14:02]  Und ich habe das auch für richtig empfunden,

[00:14:05]  weil ich habe das gesehen, also mit einzelner [unverständlich] und so weiter.

[00:14:10]  Also, da traust du dich viel mehr zu sagen,

[00:14:14]  wenn du jetzt verärgert bist, und es ist zwischendurch etwas,

[00:14:17]  was ärgerlich ist, nicht?

[00:14:19]  Und da ist ein Unterschied, ob du per du bist oder per sie bist.

[00:14:23]  Also, genauso wie ich mit den Sekretärinnen, also immer per sie war,

[00:14:27]  obwohl ich sehr viel natürlich mit ihnen zu tun gehabt habe,

[00:14:30]  damit schon ein gewisser Abstand ist,

[00:14:33]  weil es sind ja dann zwischendurch gesellschaftliche Sachen.

[00:14:38]  Und das war für mich immer etwas, Dienst ist Dienst.

[00:14:42]  Und ja.

[00:14:44] [Rotationsgeräusch] Matthias: Du hast ja mehrere Branddirektoren erlebt,

[00:14:49]  wie ist denn deine Erinnerung an den Stolz, an deinen ersten Branddirektor?

[00:14:52] Siegfried: Der Stolz war also ein dominanter, richtiger Militarist.

[00:14:58]  Also, und dadurch, dass ich also über den Stolz reingekommen bin,

[00:15:04]  durch meine Mutter, bin ich gleich von Anfang [lacht] an,

[00:15:08]  wo normalerweise die Offiziere, haben ihn geführt, und gefahren, ned.

[00:15:13]  Und ich bin als junger, als Feuerwehrmann, bin ich also auch Kommandofahrer,

[00:15:18] also, Springer gewesen, nicht hauptsächlich.

[00:15:21]  Und der Moser Heinz zum Beispiel, wo ich auch Kommandofahrer [lacht].

[00:15:24] [lachend] Der hat sofort gesagt aus, der macht nicht mehr Kommandofahrer.

[00:15:28]  Da hat es noch den Opel Blitz gegeben, den grünen da, ned.

[00:15:32]  Und dann hat es, also da ist der BMW, bald mal dahergekommen,

[00:15:37]  aber auf alle Fälle war des... bin ich da raufgefahren und, also zum Abholen,

[00:15:43]  in der Andreas-Hofer-Straße hat er gewohnt.

[00:15:45]  Und dann bin ich zugefahren und bei der Gehsteigkannte ganz nah

[00:15:50]  und habe dann am Fahrersitz gewartet

[00:15:55]  Und wenn er gekommen ist, habe ich nachher die Tür von innen aufgemacht.

[00:15:58]  Dann hat er gesagt, aber Herr Nussbaumer,

[00:16:00]  Sie müssen mir schon die Tür von außen aufhalten. Dann sagte ich,

[00:16:04] also, wenn ich da sitze und bis ich da rausgekommen bin,

[00:16:08]  dann geht es ja so viel schneller [lachen].

[00:16:12] Und dann hat gesagt, nein, hat er gesagt, also, das bin ich gewohnt, das möchte ich haben.

[00:16:18]  Dann habe ich mir gedacht, ja, oft fahre ich eh nicht.

[00:16:21]  Damals bin ich nur [lachend] ausnahmsweise gefahren.

[00:16:23]  Und dann bin ich viel zu rasant gefahren.

[00:16:26]  Wenn ich die Andreas-Hofer-Straße oder was runtergefahren,

[00:16:28] und er hat gesagt, Herr Nussbaumer, Sie fahren ja viel zu schnell.

[00:16:33] Dann sagte ich, wieso, ich darf ja eine 50er fahren.

[00:16:36] Ja, aber wenn da ein Kind herausspringt, also hinter den Autos.

[00:16:40]  Da habe ich gesagt, ja, [lachend] nachher kann ich mit 20 gefahren,

[00:16:44]  Nur [unverständlich].

[00:16:46]  Oder ins Eisstadion ist er immer gefahren, ned.

[00:16:49]  Und dann ist er, da wenn man die Konzert-Kurve gefahren sind,

[00:16:53] der Ruetz, der was normalerweise der Fahrer war,

[00:16:56]  hat frei gehabt und ist mitgefahren, damit er nichts zahlen braucht.

[00:16:59]  Und nachher über die Kurven [lacht] hat es den Chef so umgehauen,

[00:17:05]  Und [lacht] nachher hat er hinten gesagt, ich kann doch nicht so schnell fahren.

[00:17:11]  Und dann hat er einmal abgebrochen, dann war ich nicht mehr, da war ich froh.

[00:17:17]  Nein, da war noch eine... Ein Kapitel, ich habe ja einen Jagdschein gemacht.

[00:17:21] Also, in jungen Jahren.

[00:17:23]  Und nachher hat er einmal gesagt, sie sind doch Jäger auch.

[00:17:27]  Und dann sagte ich, ja, und er sagt... Also damals war ich noch in Kematen und

[00:17:31] haben ihn beim Land gemacht, beim Stöckl [Schreibweise ungewiss].

[00:17:33]  Auf jeden Fall sagte er, ja, dann kommen sie morgen in den Jägerdressen.

[00:17:38]  Also in der Jagdkleidung.

[00:17:41]  In der Frühe bin ich unten gestanden, bei den [lachend] uninformierten mit der Jägerkleidung.

[00:17:47]  Und habe mir gedacht, das geht ja gut, ned.

[00:17:50]  Und dann bin ich in der Jagd, auf Ampass aus

[00:17:53] sind sie auf die Hasen oder was,

[00:17:54]  und zu mir hat er gesagt, Herr Nussbaumer, sie müssen den Funk besetzen.

[00:17:58]  Ich bin nur am Auto drin gehockt.

[00:18:00] [schallendes Gelächter] Ein Wahnsinn! [lachen]

[00:18:05] [Rotationsgeräusch] Matthias: Wenn wir nochmal zurückkommen zum engeren Feuerwehrdienst,

[00:18:11]  dann ist natürlich das Thema Hubschrauber, bei euch beiden, sehr prägend gewesen.

[00:18:16]  Oder? Für die Feuerwehrdienstzeit.

[00:18:18]  Vielleicht kann der Siggi kurz erzählen, also der Nalter Siggi,

[00:18:22] wie ist es zum Flugdienst bei der Feuerwehr gekommen.

[00:18:24] Siggi N.: An und für sich hat das der Branddirektor Angermeier ins Leben gerufen.

[00:18:30]  Und zwar sind wir da einmal nach Deutschland hinaus,

[00:18:35]  und die haben mit dem Hubschrauber was angefangen.

[00:18:39]  Und da ist auch der Gruber Willi [Schreibweise ungewiss] mit gewesen,

[00:18:42]  und da sind wir mit unserem Rettungsnetz raus

[00:18:46]  und da sind wir, beim... Da sind wir mit... eh, beim ORF, nicht beim ORF, [lacht kurz] sondern beim deutschen Fernsehen,

[00:18:55]  haben wir nachher da eine Präsentation gemacht.

[00:18:57]  Und da haben sie nachher draußen gesagt, sie möchten gerne reinkommen

[00:19:01]  und möchten gerne von uns die Sachen alle übernehmen.

[00:19:05]  Was wir in der Zwischenzeit ja noch gemacht haben.

[00:19:09]  Weil sobald wir das Rettungsnetz gehabt haben,

[00:19:13]  und das Rettungsnetz ist jetzt daraus entstanden,

[00:19:16]  wir haben ja da einen Ring gehabt, wo wir vier Leute angehängt haben.

[00:19:21]  Und da hat sich das Bundesheer uns nachher mit dem Ring transportiert.

[00:19:26]  Das war ja eine heikle Sache bis da hinaus.

[00:19:30] Siegfried: Mit dem Hauptmann Prader nicht?

[00:19:32] Siggi N.: Mit dem Hauptmann Prader, ja.

[00:19:34]  Und da war gerade die Mondlandung.

[00:19:38]  Und die, wie sie zurückgekommen sind,

[00:19:42]  sind sie im Meer gelandet mit der Kapsel.

[00:19:45]  Und da, das haben sie im Fernsehen gebracht.

[00:19:49]  Und da hat man gesehen, da haben da so ein Netz,

[00:19:52]  da sind die Astronauten rein gestiegen in

[00:19:54]  das Netz und sind mit dem Hubschrauber weggeflogen.

[00:19:58]  Und das hat der Angermeier gesehen.

[00:20:00] Er ist am nächsten [lacht kurz] Tag zu mir gekommen

[00:20:02]  und hat gesagt, du, stell dir vor

[00:20:04] da gibt es etwas mit dem Hubschrauber.

[00:20:06]  Jetzt haben wir uns nachher gekümmert, wo das her ist.

[00:20:11]  Der Angermeier hat nämlich mit Amerika, hat er,

[00:20:14] dann haben sie gesagt, sie wissen nicht,

[00:20:16]  das ist, glaube ich, irgendwo von der Schweiz.

[00:20:19]  Und da sind wir nachher auf das gekommen,

[00:20:21]  dass in der Schweiz eine Firma war,

[00:20:24]  die die Rettungsnetze hergestellt hat.

[00:20:26]  Und da haben wir nachher gleich zwei

[00:20:28] solche Rettungsnetze angekauft.

[00:20:30]  Und in der Zwischenzeit hat die Firma Brüggemann und Brandt,

[00:20:34]  in Vorarlberg, hat das quadratische Netz erzeugt.

[00:20:38]  Und das war der Vorteil,

[00:20:40]  dass man das hat können [klatscht in die Hände] zusammenklappen

[00:20:42]  und das hat man können in den Hubschrauber reintun.

[00:20:44]  Mit dem Rund Netz hat müssen der Hubschrauber überall,

[00:20:48]  wo er hingeflogen ist,

[00:20:50]  dass er etwas zu tun gehabt hat,

[00:20:52]  hat er überall nur mit Außenlast fliegen

[00:20:55] können. Und so hat man es reintun können.

[00:20:58]  Was uns natürlich zugutegekommen ist,

[00:21:01]  das war 1978, die Brände die waren.

[00:21:04]  1978 war ja ein Jahr,

[00:21:07]  wo es ziemlich warm war

[00:21:10]  und fast nicht geregnet hat.

[00:21:13]  Und da ist es so, da ist es angegangen mit uns,

[00:21:16]  was öfter der Fall war,

[00:21:18]  nicht wo wir aufhören müssen,

[00:21:20]  das ist der Hechenberg.

[00:21:22]  Und zwar war das Hauptsächlich das Brandfeier,

[00:21:25]  und zwar durch die Züge, die runter gefahren sein,

[00:21:28]  die haben so ein Flugfeuer gehabt beim Bremsen [Siegfried sagt gleichzeitig: Beim Bremsen]

[00:21:31]  Und da ist hauptsächlich an der Baumböschung

[00:21:35]  abgebrannt worden, ne.

[00:21:37]  Und das war nachher,

[00:21:40]  der Brand, der bis Zirl rausgegangen ist,

[00:21:44]  da war nachher der Landessbranddirektor

[00:21:46]  der Bartl [Schreibweise ungewiss] da,

[00:21:48]  und der hat dann gesagt, wisst ihr was wir holen

[00:21:50]  die Pilatus Porter

[00:21:52] von der Schweiz. Und dann sind da von der Schweiz

[00:21:54] zwei Pilatus Polter gekommen

[00:21:57]  und die haben nachher angefangen löschen. Das war

[00:21:59]  wirklich, das war

[00:22:01]  für uns ideal

[00:22:03] und super. Nur ist es so gewesen,

[00:22:06] mit dem Flugzeug,

[00:22:08] der das noch ausgelöscht hat,

[00:22:10] war das halt nur mal so ein leichter Spritzer,

[00:22:12] Spritzer, was nachher am Boden

[00:22:15] aufgekommen ist. Dann hat der Angermeier

[00:22:18] eigentlich gesagt, nein, da müssen wir was anderes tun.

[00:22:21] Nehmen wir mal solche Plastik Ballone

[00:22:23]  oder Plastik Schläuche

[00:22:26]  die füllen wir mit Wasser und die werfen wir nachher oben ab.

[00:22:28]  Das ist auch nicht schlecht gewesen.

[00:22:30]  Das haben wir nachher eben beim nächsten Brand nachher gemacht.

[00:22:33]  Nur ist der einzige Fehler gewesen,

[00:22:35] bei so einem Waldbrand ist ja unbedingt auch

[00:22:38]  Bodenarbeit notwendig.

[00:22:40] Und das waren ca. 4 bis 500 Kilo,

[00:22:44]  was der da abwerfen hat muss.

[00:22:46]  Und wenn du unten einen erwischst,

[00:22:48]  der ist es weg.

[00:22:50]  Somit war es das auch nachher nicht.

[00:22:52]  Und der gleiche, der das erste Netz erfunden hat

[00:22:55]  in der Schweiz, hat nachher so einen Behälter gehabt.

[00:22:58]  Und zwar sind wir nachher extra in die Schweiz rausgefahren

[00:23:03]  und haben uns dann so einen Behälter angeschaut.

[00:23:06]  Und der Angermeier hat sofort drei Behälter bestellt.

[00:23:09]  Da hat es nämlich verschiedene Größen gegeben.

[00:23:11]  Und wir haben auch den 1600er

[00:23:14] Behält nachher genommen und das war nachher zum Löschen eine ideale Sache und zwar deshalb schon,

[00:23:20]  weil er auch selber auftanken hat können, im Inn oder bei einem See usw.

[00:23:25]  Und das war nachher der Beginn praktisch von der Waldbrandbekämpfung.

[00:23:31]  Die Hochhausbrandbekämpfung wie er gesagt hat, das ist ja daneben gelaufen, aber Hauptsache war das,

[00:23:36]  die Waldbrandbekämpfung die eben da, das wesentliche nachher war, dass wir dann mit den Hubschrauber so gearbeitet haben.

[00:23:44]  Wir sind natürlich in der super Lage gewesen, das ist keine einzige Feuerwehr sonst gewesen,

[00:23:50]  dass wir zum Beispiel sechs Hubschrauber von Haus aus in unserem Bereich gehabt haben.

[00:23:55]  Das waren die zwei Militärhubschrauber unten in Schwaz, ne.

[00:24:03]  Dann waren es die zwei, die waren für uns die besten, das war die private Firma, die Firma Aircraft,

[00:24:10]  die hat zwei [unverständlich] gehabt und dann war noch der Polizeihubschrauber und ÖAMTC hat auch noch den Hubschrauber gehabt.

[00:24:20]  Und alle waren sich bereit mit uns das zu entwickeln und das war nämlich das,

[00:24:25]  dass dadurch sind wir in ganz Europa, du bist sogar nach Jugoslawien einmal runter. Siegfried: Jaja, bin ich.

[00:24:32] Also, [unverständlich] fest herum.

[00:24:35]  Also, Stuttgart zum Beispiel, da waren wir ja, da warst du ja auch dabei einmal.

[00:24:40]  Und das nächste Mal hat der Chef gesagt, du sollst ja raufahren, du hast gesagt du fährst nicht rauf,

[00:24:45] und dann bin ich gefahren, also bin ich allein gefahren,

[00:24:49]  weil das war überhaupt ein [unverständlich] [lachend] bei den Slowenen war, keiner wollte fahren.

[00:24:54]  Und nachher hat der Chef gesagt, Siggi außerdem, ich habe es ja gerne getan, muss ich sagen,

[00:24:59]  und dann habe ich gesagt, aber mit der Sprache, dann er hat gesagt, ja, du hast einen Dolmetscher dabei,

[00:25:04]  ja, nachher ist es überhaupt kein Problem, auch zum Vortragen und alles.

[00:25:07] Also, dann bin ich da hin gekommen zum Beispiel und da waren sie auch von Slowenien, von Kroatien

[00:25:13]  und so sind sie herum und zwar einer.... der... ein Landesfeuerwehrkommandant und ich als Referent.

[00:25:23]  Wir sind als einzige gewesen, die in einem Hotel untergebracht waren [lacht kurz]

[00:25:28]  und die anderen sind alle in ein Massenlager, in einer Schule drin,

[00:25:31]  da haben sie die Pritschen gehabt [räuspert sich]. Aber ich war der Einzige, der was nur Silber oben gehabt [lacht] hat,

[00:25:37]  und die anderen waren alle Goldig [räuspert sich].

[00:25:40]  Aber auf alle Fälle hat mir das ganz gut gepasst

[00:25:43]  und vor allem sind es drei oder vier da gewesen und das war recht gut.

[00:25:48]  Überall, wo wir [hin]gekommen sind, und wie gesagt, ich habe nur von der Praxis

[00:25:52]  geredet, bin schon in dem Fall, habe ich nachher von der Theorie auch geredet,

[00:25:55]  bei der Ausbildung für die unseren Leute oder Freiwillige, oder was

[00:25:59]  da haben wir sowieso einen Referent, wie für alles andere auch gehabt

[00:26:04]  und da waren wir eh dauernd beieinander.

[00:26:07] Nur ist es so, zum Beispiel also Stuttgart da oben, da war es ja so,

[00:26:14]  da sind sie ja alle dahergekommen, alles mit Medaillen und "Glump" [Dialekt für Schrott/Plunder] oben

[00:26:18]  und nachher, da haben die Amis, die haben nämlich einen 5.000er,

[00:26:22] Simsbehälter [Schreibweise ungewiss] gehabt. Also die haben 5.000  und 10.000 Liter Behälter,

[00:26:29]  mit riesen Hubschrauber dahergebracht und da haben sie so Wurzelstock,

[00:26:34] haben sie in den Waldschneisen, haben sie uns unten mit Benzin zuerst

[00:26:37] überschüttet, und wir sind mit dem Bus immer nachgefahren

[00:26:41]  und dann hat es geheißen aussteigen und jetzt schauen, und nachher

[00:26:44]  einmal, ich kann mich noch gut erinnern, bin ich auch dagestanden,

[00:26:47]  wir waren auf dem Weg zum Schauen, dann ist einer [lacht kurz]

[00:26:50]  dahergekommen, und dann habe ich mir gedacht, ja, harte Zeiten,

[00:26:53]  der löscht also das Wasser, also das kann nur auf von uns,

[00:26:59] [lachend] da bin ich gerannt, als ein einziger, wie ein Esel.

[00:27:02] Und ich habe nur ein paar Tropfen draufgekriegt

[00:27:04]  und die ganzen Goldigen,  [lacht] die waren fetz nass.

[00:27:09]  Aber wir haben ja einen mords Spaß gehabt beim Heimfahren und so weiter,

[00:27:13]  also damals war der Jilk [Schreibweise ungewiss] noch, da hat es ja gestürmt und geschneit beim runterfahren,

[00:27:18]  als wir das erste Mal da oben waren, da war der Chef, du

[00:27:21]  und der Jilk sieht zwei hinten drin, aber schon ganz in schlechtesten Verhältnissen

[00:27:28]  und noch die Nacht zum Heimfahren und ich hab kein Wort geredet,

[00:27:32]  aber gefahren, wie ein wilder, und der Jilk hat gesagt nachher,

[00:27:36]  er hätte nicht geglaubt dass er lebend nach Hause kommt. [alle lachen]

[00:27:39] Nein, da war ich halt immer schon auf der riskanten Seite,

[00:27:44]  aber ich habe halt allemal ein Glück gehabt, das gehört ja dazu ned,

[00:27:48]  und das Reaktionsvermögen habe ich erfreulicherweise heute noch.

[00:27:52] [Rotationsgeräusch] Matthias: Wie bist du eigentlich zum Flugdienst gekommen?

[00:27:58]  Hast du selber dich freiwillig gemeldet oder hat einer mal gesagt...

[00:28:01] Siegfried: Ich war ja überall dabei, ned. Also und er hat ja gewusst, also dass ich da Interesse habe.

[00:28:07]  Ich bin ja blöderweise, also wenn wir den [unverständlich] da vorgeführt haben,

[00:28:13]  da habe ich gesagt, da bin ich eh nicht im Dienst und geh gar nicht rein.

[00:28:18] Weil bei mir ist die Gefahr, dass ich noch auch runterspringe.

[00:28:21] Vom Schlauchturm 30 Meter und der ist 7 x 7 da unten.

[00:28:25]  Und dann hat es mir aber keine Ruhe lassen, es war in der Zeitung

[00:28:29]  und überall war das schon angekündigt und war da ein Haufen Zuschauer

[00:28:33]  und ich bin bei der Tankstelle hin, neben dem Hof bin ich zuerst gestanden

[00:28:37]  und dann ist der, so ein „Dressmann“ [Dialekt für Vorführer] runter gesprungen und hat das vorgeführt.

[00:28:45]  Also und wie ein Magnet hat es mich immer mehr vorgezogen.

[00:28:49] Und dann hat der Chef natürlich nichts Besseres gewusst

[00:28:52]  als wie zu mir gesagt, was ist Siggi, wäre das nichts für dich? [lacht kurz]

[00:28:57] "Allerweil" [Dialekt für immer], der hat alles erwartet von mir.

[00:29:01]  Also, [lacht kurz] und ich habe ja nicht einmal da nein gesagt, aber das war ja, da habe ich mit meinem Leben gespielt,

[00:29:07]  hinten nach betrachtet. Auf jeden Fall sagt nachher der Burkhart Walter [Schreibweise ungewiss], ein junger,

[00:29:13]  auch ein riskanter Bursche, also aber mindestens 10 oder 15 Jahre jünger wie ich,

[00:29:18]  wie ich es damals war, er schaut es sich an, ned, dann habe ich gesagt

[00:29:22] ja, ja, anschauen, können wir es uns ja,

[00:29:24]  dann sind wir rauf mit der Bühne und dann sage aber, der was gesprungen ist,

[00:29:28] hat er gesagt, aber ihr springt eh nicht? Nein, nein, ich hab gesagt

[00:29:32] wir schauen nur, ned. [lacht]

[00:29:35] Nachher... Also, stehst du da oben auf der Kante ned, dann habe ich mir gedacht,

[00:29:40]  da springe ich nie runter, also das war schon für mich kein Thema.

[00:29:43]  Und dann aber der Burkhart Walter hat gesagt, er springt, ned.

[00:29:47] Dann habe ich gedacht, nein das ist ja ein Wahnsinn, und er hat dann gesagt,

[00:29:50]  da müssen wir ja aufpassen, ja nicht wegspringen, weil automatisch,

[00:29:54]  wenn du runterspringst, und da ist Windstill, nachher gehst nach vorn ne.

[00:30:00] Und wenn du jetzt weiter oben schon zu weit wegspringst, nachher springst du über den

[00:30:04] Polster raus oder auf die Kanten, ned. Außerdem darfst du die Füße nicht zu früh

[00:30:09] raus tun, weil sobald du die Füße raus tust,

[00:30:12]  möglichst sollst du ja flach aufkommen, ne.

[00:30:14]  Und dann kommst du in eine Drehbewegung, ned. Aber das gehört alles vom

[00:30:19] zweiten, dritten Stock, angefangen. Und nachher geht der Burkhart runter

[00:30:24]  und springt da runter und der steigt aus, nachher

[00:30:28]  da habe ich mir gedacht, der ist der Wahnsinn.

[00:30:30]  Und wenn ich vorgegangen bin und wieder zurück, dann haben sie gesagt "wuuuh".

[00:30:34] [lachen] Ja quasi, ja das ist überhaupt das Wildeste, wenn es heißt,

[00:30:39]  nachher du bist ein Feigling, oder was? [lacht]

[00:30:42]  Dann bin ich auch gesprungen, und ich bin aber eigentlich ein Körper bedankt,

[00:30:47]  weil durchs Tunen und alles gut, ned, aber hab die Füße zu früh raus getan

[00:30:53]  und bin nachher in eine Drehbewegung gekommen und bin nachher mit

[00:30:57]  den Schulterblättern reine und so hat es mir dann die Füße also auf die

[00:31:02]  Brust gehaut, dass ich momentan keine Luft gekriegt habe, aber ich bin

[00:31:07]  nachher rausgekrochen, hab aber gesehen, also das ist der helle

[00:31:13]  Wahnsinn. Die Hosen, wir haben beide, weil wir in Zivil waren, das wäre

[00:31:16] ja kein Dienstunfall nichts gewesen, kreuz und quer war die

[00:31:20]  bei der... war, ist ja so ein Aufschlag, kreuz und quer, nicht nur

[00:31:24] die normale Naht, sondern war der Hosen aufgeplatzt, ned, also,

[00:31:28]  aber nichts desto trotz sagt er, ja vom vierten Stock

[00:31:32]  kann man zu zweit runterspringen, und da bin nachher ich wieder dabei,

[00:31:37]  also allerdings, es ist ja keine Höhe, und da habe ich mal gewusst

[00:31:41]  dass das mit den Füßen, [lachend] dass das dann passt, dass ich die richtig

[00:31:45]  raus tue und bin da runtergesprungen und da hat mir auch er, also

[00:31:49] der Stuntman da, vorher springen lassen, vernünftigerweise ned,

[00:31:53]  weil da haut es dir noch die Hand raus, und wenn er jetzt also da

[00:31:58]  schon unten ist, dann haue ich ihm womöglich die Zähen raus oder was,

[00:32:02]  ned, also, aber das war überhaupt kein Problem, ned. Aber ich sage

[00:32:05]  nur, jetzt vorher schon das Glück, und dann wieder, überhaupt

[00:32:10]  wenn ein Publikum da war, nachher [alle lachen].

[00:32:14] Matthias: Und beim Hubschrauberdienst, du hast ja auch spektakuläre Einsätze hinter dir,

[00:32:19]  also du bist, seit dem Unglück am [unverständliches Geflüster].

[00:32:22] Siegfried: Ja, ja. [lachend] Also das war ja auch wieder, da habe ich mir selber das

[00:32:26]  Leben gerettet also [lacht]. Und das war nämlich in Zivil,

[00:32:30]  weil, also, da hat es so geheißen, da war er auch im Dienst

[00:32:35]  und ich, und dann hat der Schäfer ein Durchsage gemacht, also

[00:32:40]  wir sollen rauf kommen ins Büro, und dann hat er uns gesagt,

[00:32:43]  jetzt kommt wahrscheinlich ein Einsatz, also in der Fendels-Seilbahn,

[00:32:46]  oben, weil da ist, also die Seilbahn hat ein Seilüberschlag gehabt,

[00:32:50]  aufgrund von der Kälte ned, weil sie Trag und das Zugseil scheinbar

[00:32:54]  an geeist gewesen ist, und dadurch wird sie ja sofort abgestellt,

[00:32:58]  weil sonst schneiden sich ja die zwei Seile ab, ned.

[00:33:02]  Und die sind aber jetzt schon eineinhalb oder zwei Stunden lauter voll besetzt

[00:33:05]  mit Kindern, also Schülern, ned, also Skischüler,

[00:33:09]  und der einzige Erwachsene ist ein Skilehrer und ein Gondelführer,

[00:33:14]  und die sind da oben drin, und die gehören runter geholt ned,

[00:33:18] Und sie wissen, dass wir also da das Netz haben und so weiter,

[00:33:22]  und nachher sagt uns das der Chef, er sagt aber

[00:33:25]  er muss aber zuerst mit dem Bürgermeister reden,

[00:33:28]  damals war der Nische [Schreibweise ungewiss] wenn mich nicht alles täuscht,

[00:33:31]  und dass er nachher da die Genehmigung gibt, ned, weil dienstlich, ned,

[00:33:35]  und das ist ja auch so ein Schutzbereich, und ich habe gesagt

[00:33:39] ja und ich fahre gleich raus und richte alles her, und dann kann

[00:33:43]  er mich immer noch über Funk Bescheid geben, ned. Nachher war es so, ja, es ist nichts,

[00:33:48]  dann hat er... Ist er nicht mit rausgefahren, ned, weil auf alle Fälle der Nische

[00:33:52]  gesagt hat, nein, da gehen wir... Da fahren wir nicht raus.  Bin ich allein rausgefahren

[00:33:56]  mit den Gerätschaften und nachher ist der Habinger Gilbert [Schreibweise ungewiss],

[00:34:00]  der war ja vom Christophorus da zuständig ned, und [räuspert sich] dann habe ich gesagt,

[00:34:04]  aber ich fliege nicht mit, aber die ganzen Gerätschaften habe ich mit,

[00:34:07]  und dann hat er gesagt, nachher bleibt er da ned, also weil von ihnen hängt sich

[00:34:11]  keiner da unten hin, von seine Techniker oder was, ned. Und damals war ja schon das,

[00:34:16]  dass wir aber die Sicherung gehabt haben, hinter den Lasthaken

[00:34:20] dass, weil es ist mitunter passiert, dass sie die Last verloren haben,

[00:34:24]  und dann haben wir gesagt, das Risiko gehen wir nicht ein,

[00:34:27]  dann machen wir ein Gehänge, dass wir hinter dem Lasthaken nochmal

[00:34:31]  so ein Gurt, spezial haben wir uns den anlegen lassen,

[00:34:34]  in den Ring rein mit zwei Karabiner, jetzt, wenn der Lasthaken

[00:34:38] aufgegangen ist, nachher hat er den nicht losgebracht, ned. Das war aber nicht

[00:34:42]  vorschriftsmäßig, weil beim Hubschrauber-Piloten ist das Wichtigste,

[00:34:46]  dass wenn er in Schwierigkeiten kommt, dass er die Last raus klingt,

[00:34:49]  und da haben wir gesagt, er macht das so, dass er nachher

[00:34:53]  im Schwebeflug abgeht, und dann läuft dann nur der Roter

[00:34:58]  und dann stellt er ihn dann so auf, zuerst dass er das Netz hinten reinhaut,

[00:35:03]  aber wir haben gesagt, nein, wir möchten das nur, wenn dahinten gesichert ist,

[00:35:07]  und das haben sie, also die Stoffhose, also die einzigen was das gemacht haben,

[00:35:12]  das hat es sonst also nur beim Innenministerium gegeben, bei der Seilbergung,

[00:35:17]  aber, da haben sie nur eine so eine Schlaufe gehabt, ned. Und da ist

[00:35:21] nur eine Person drangehängt. Und das haben sie nachher auch wieder aufgehört,

[00:35:25]  weil das ihnen zu gefährlich.

[00:35:27] Siggi N.: Und die [unverständlich]. Siegfried: Ja. Siggi N.: Weder das Bundesheer noch das Innenministerium.

[00:35:30] Siegfried: Ja, das Bundesheer hat es sowieso nie gemacht.

[00:35:32]  Auf jeden Fall war es so, dass man dann da rauf...

[00:35:36] und dann sagt er nein, dann fliegt er nicht rauf. Nachher rufe ich rein

[00:35:40] zum Chef, und sage, der fliegt nicht, und jetzt fliege ich aber mit.

[00:35:45]  Dann hat er gesagt, nein, weil dann bin ich...

[00:35:48] Nein, da muss ich mitfliegen, weil sonst fliegt keiner rauf.

[00:35:51]  Und das geht ja um ein Haufen Kinder da, ned.

[00:35:54]  Auf jeden Fall [räuspert sich] hat der Chef nachher, also über Funk durchgegeben,

[00:35:58] Zentrale, also Tonaufzeichnung, Nussbaumer ist ab sofort Dienstfrei gestellt.

[00:36:04]  Deswegen ist auch von der Stadt nie was gekommen

[00:36:06]  wegen meiner Lebensretter, mit ein und so weiter.

[00:36:08]  Auf alle Fälle sind wir dann raufgeflogen, und also da war damals,

[00:36:13]  wenn mich nicht alles täuscht, der Kneißel [Schreibweise ungewiss] als Pilot,

[00:36:18]  mit dem ich eigentlich keine Übungen gemacht habe.

[00:36:22]  Auf jeden Fall bin ich aufgeflogen, und dann habe ich gesagt,

[00:36:27]  das war jetzt aber schon ziemlich in der Nähe von der Stützen,

[00:36:30]  weil da hat das Seil so eine Schwingungen gekriegt

[00:36:35]  da war leichter, da war maximal ein Meter, oder was

[00:36:39] Abstand zwischen Tragseil und gegenüberliegenden Seil

[00:36:44]  und da rüber, weil das eine war nicht belastet, das eine.

[00:36:47]  Auf jeden Fall, höchst gefährlich, er hat zwischen den Seilen, hat er reinfliegen müssen,

[00:36:52]  und er hat auf den Rotor geschaut, und unten habe ich ihn eingewiesen,

[00:36:55]  weil ich den Funk eben gehabt hab, ned.

[00:36:58]  Und nachher hat er gesagt, möglichst kurz,

[00:37:01]  dann haben wir nur die 6 Meter genommen,

[00:37:05]  dann sind wir raufgeflogen, und ausgemacht haben wir,

[00:37:08]  dass wir zuerst nur drei Leute mit runternehmen probieren,

[00:37:11]  wie das funktioniert.

[00:37:13]  Dann sind wir raufgeflogen, das hat eigentlich geklappt,

[00:37:16]  und dann hat er sich, das war eine Kabine,

[00:37:19]  wie sie früher auch bei der Nordkettenbahn war, eine Tür

[00:37:21] zum Aufschieben, da zu, bin ich ein bisschen tiefer gewesen

[00:37:26]  und nachher habe ich aber dem Piloten gezeigt

[00:37:29]  er soll die Tür aufmachen, und drei Leute, nachher er

[00:37:32]  die drei Leute um und dann habe ich frei zum Abflug gegeben,

[00:37:37]  und da rührt sich nichts, ich habe überhaupt keine Verständigung gehabt,

[00:37:41]  und er hat mit mir aber auch nicht hinten nach betrachtet,

[00:37:45]  und nachher ist er irgendwann einmal losgeflogen, weggeflogen.

[00:37:50] Nein! Zuerst war es noch so, dann hat er so rattern angefangen,

[00:37:54]  auf und ab, und habe mir gedacht da hat er ein Problem, dann habe

[00:37:57]  ich zu dem Gondelführer die Tür wieder aufgemacht,

[00:37:59]  dann war ich schon in einer solchen Tiefen,

[00:38:01]  dass sie beim hinteren nachhelfen haben müssen,

[00:38:04]  dass die drei Leute wieder reinkommen,

[00:38:06]  und nachher zu und dann habe ich wieder gesagt, jetzt bin ich nur mehr alleine drin,

[00:38:09]  und er ist schon weg, ohne dass wir Funkverständigung gehabt haben,

[00:38:13]  Funkverständigung haben wir deshalb nicht gehabt,

[00:38:15]  weil, nachher sind wir draufgekommen,

[00:38:18]  die haben in dem Drahtseil eine Elektroleitung drinnen gehabt,

[00:38:21]  und wenn oben und unten, nachher dann hast keine Verständigung.

[00:38:24] Und aufgrund dessen haben wir das gewusst,

[00:38:26]  auf was man da auch aufpassen muss.

[00:38:28]  Auf jeden Fall ist er vor geflogen, aber auch gewackelt hat es und Ding.

[00:38:33] Und unten sind so Abweiskufen bei der Gondel unten drin,

[00:38:37]  dass wenn er einfährt, dass es da stabiler ist,

[00:38:40]  und da war am Eck sind die offen gewesen,

[00:38:43]  und dann hat er da eingefädelt mit dem Rettungsnetz,

[00:38:46]  eben mit dem Brüggemann, mit dem Rechteckigen,

[00:38:49]  und wollte wegfliegen, war voll auf Zug,

[00:38:51]  und ich bin drin gewesen und habe das gesehen,

[00:38:54]  und dann machst du ja Sachen, die sind nicht mehr bewusst,

[00:38:58]  sondern alle instinktiv, und wir haben ja so ein Tauchermesser,

[00:39:01]  haben wir mitgehabt, dass wenn irgendwas ist,

[00:39:04]  dass wir das kappen können.

[00:39:06]  Und jetzt ist oben auch also ein Rundling montiert,

[00:39:10] oder die Dachrinnen, das kann ich jetzt nicht mehr genau sagen,

[00:39:13]  wahrscheinlich war es auch rund,

[00:39:15]  weil da habe ich mich nachher aufgezogen,

[00:39:18]  und habe mir mit einer Hand gehalten

[00:39:20]  oder überhaupt nur gehalten

[00:39:23]  und nachher habe ich mit der Säge

[00:39:26] zuerst mit der Schneide, wollte ich die Gurte

[00:39:29]  die haben wir ja doppelt gehabt,

[00:39:31]  die haben 5.000 Bruchlast gehabt,

[00:39:33]  und habe aber... Mit der Schneide ist nichts gegangen,

[00:39:37]  und da habe ich das erste Mal, umgedreht

[00:39:39] und zack zack aufgrund dessen, weil ja da

[00:39:41] volle Spannung gehabt hat

[00:39:43] dann ist er weggeschossen, also wie ein Pfeil ned,

[00:39:46]  und ich habe mich da aufgeschwungen,

[00:39:48]  und da war alles total vereist da oben nicht,

[00:39:51]  und da, wie ich nachher oben war,

[00:39:53]  am Dach ist man erst die Düsen gegangen,

[00:39:56]  verstehst du? [lacht].

[00:39:58] Und dann habe ich mir gedacht, also nein, das ist,

[00:40:01]  also Wahnsinn aber jetzt muss ich da rein.

[00:40:04] Und dann hat er, der Gondelführer von innen,

[00:40:07]  das Luk, also in der Mitte aufgemacht,

[00:40:10]  dass ich oben einsteigen kann

[00:40:12]  und bis dorthin habe ich mich gefangen gehabt,

[00:40:15]  und ich habe mir gedacht, die dürfen ja nicht sehen,

[00:40:17]  dass mir die Düsen geht, ned, richtiger weise

[00:40:19]  weil ich bin ja der, der was ich denn [lachend] hilft.

[00:40:22]  Und dann bin ich da rein gestiegen,

[00:40:25]  habe ich zuerst gefunkt mit dem einen

[00:40:27]  mit dem Piloten, weil der hat ja überhaupt nichts gewusst von mir,

[00:40:30]  also ob ich runtergefallen bin

[00:40:32]  oder nichts, der war ja auch voll in Panik,

[00:40:35]  weil das hat ja einige Minuten gedauert,

[00:40:38]  wo er wegfliegen wollte und nicht weggekommen ist.

[00:40:40] Auf jeden Fall habe ich dem gesagt,

[00:40:42]  ich bin hier drinnen,

[00:40:43]  das Netz hat so hin und her gebaumelt,

[00:40:46]  und da haben wir unten noch, also auf dem Netz am Boden,

[00:40:49]  an Lederboden aufgemacht,

[00:40:51]  dass bei einer Waldbrandbekämpfung sind ja alles

[00:40:53] Glutnester ned, dass die praktisch nicht sofort das Netz hinmachen,

[00:40:58]  das war in dem Fall.

[00:41:00] Dann hat es das so hin und her gependelt

[00:41:02]  und von selber ausgehängt

[00:41:04]  und dann ist das so runter, als wie ein Fallschirm, ned.

[00:41:07]  Und ich habe dem Piloten gesagt, also

[00:41:09]  dass ich jetzt, also drinnen bin,

[00:41:13]  und dann hergesagt, ja, er sucht ein anderes Gehänge,

[00:41:16]  und fliegt dann wieder rauf,

[00:41:18]  und dann habe ich gesagt, ich brauch die nicht mehr,

[00:41:20]  dann muss ich ein Abseilgerät drinnen haben,

[00:41:22]  dann machen wir das vom Abseilgerät.

[00:41:24]  Ja, dann sage ich zu dem Gondelführer, du hast ja da ein Abseilgerät

[00:41:26] ja hat er gesagt,

[00:41:28] aber ich habe das eigentlich noch nie verwendet und nix.

[00:41:30]  Ja, wo hast du denn das?

[00:41:32] Da drin. Im Eck war da so ein Sitz

[00:41:34]  und dann hat er aufgemacht und ich habe mir gedacht

[00:41:36]  ist ein [unverständlich], so wie mir [eins haben].

[00:41:38] Dabei war das ein Stahlseilgerät, ned.

[00:41:41] Also was ich auch nicht gekannt hab [lacht kurz].

[00:41:43] Nachher habe ich gesagt, ja tu es raus

[00:41:45]  ich schaue mir das mal an.

[00:41:47] Dann haben wir es da so aufgehängt

[00:41:49]  und haben gesehen, da ist so eine Bremsen,

[00:41:51]  dann kannst du, wenn du stopp bist,

[00:41:53]  kannst du total bremsen oder wieder richtig locker sein.

[00:41:56] Dann habe ich zu dem Skilehrer gesagt,

[00:41:58] jetzt mache ich die Luke auf, die Luke habe ich auch

[00:42:00] nur aufgemacht mit dem Messer,

[00:42:03]  weil das war ja alles eingeeist,

[00:42:05]  und dann habe ich das auf gemacht,

[00:42:07]  dann habe ich mir den Gurt angezogen, ned.

[00:42:09] Also der Gut war ja dabei da,

[00:42:11]  bei dem Abseilgerät,

[00:42:13]  und sagte, dich lasse ich jetzt als ersten runter

[00:42:16]  und danach übernimmst du mir die Leute

[00:42:19]  und die können nachher zu Fuß geholt werden

[00:42:21]  oder unten am Gelände, ned.

[00:42:23] Auf jeden Fall kriege ich auf einmal einen Funkspruch

[00:42:26]  ja, sie haben jetzt wieder das Netz angehängt

[00:42:29]  weil dem ist nichts passiert,

[00:42:31]  dem Netz, und ein anderes Gehänge,

[00:42:33]  und dann habe ich gesagt, du ich brauche das nicht,

[00:42:35]  es geht auch so, nein hat er gesagt, er ist schon auf dem Weg,

[00:42:38] und dann habe ich mir gedacht, ja dann, gut.

[00:42:41] Aber dann sagte ich, wie schaut es denn jetzt aus,

[00:42:43]  wir haben ja keine Verständigung gehabt.

[00:42:45] Dann sagt er, er hat jetzt einen Techniker dabei,

[00:42:47]  und der schaut hinten raus,

[00:42:49]  und wie ich ihm Zeichen gebe.

[00:42:51]  und dann macht eh, dann tut er das, was ich ihm zeige.

[00:42:54] Und der Pilot wieder das, was der Techniker zu ihm sagt.

[00:42:58] Auf jeden Fall, ja, nein gut,

[00:43:00]  dann machen wir das,

[00:43:02]  dann haben wir die Hälfte unten gehabt,

[00:43:04]  und auf einmal kriegen wir eine Stopp vom

[00:43:06]  vom Betriebsleiter her,

[00:43:08]  weil er sagt, jetzt sind wir gewichtsmäßig,

[00:43:10]  haben wir das halbe Gewicht weniger,

[00:43:12]  und das ist unverändert noch,

[00:43:15]  das Tragseil, also hängt mit dem Zugseil zusammen,

[00:43:19]  verstehst du, also,

[00:43:21]  und da ist jetzt die Gefahr, dass sich das auf einmal

[00:43:23] aufgrund der geringeren Belastung löst,

[00:43:26]  dann schießt es auf und schießt uns ab,

[00:43:28]  ned, weil er ist ja mit dem Rotor ganz knapp beim gegenüber liegenden,

[00:43:32]  Drahtseil. Nachher haben wir gesagt, ja,

[00:43:34]  nachher müssen wir eh die,

[00:43:36]  den Rest haben wir da runtergeseilt,

[00:43:38]  und von unten hat er sie nachher mit dem Netz da geholt,

[00:43:41]  und dann war das alles erledigt,

[00:43:43]  und dann, wie ich runtergekommen bin,

[00:43:45]  da waren ja auch viele Ausländer,

[00:43:47]  und so weiter, also die Eltern von den Kindern,

[00:43:50]  und die haben alle gesagt, ja, das ist ja ein Wahnsinn, die Berufsfeuerwehr,

[00:43:54]  wie toll der... wie du da herum geklettert bist.

[00:43:57]  Die haben gemeint, dass das jeder macht, das bei uns

[00:43:59]  [unverständlich] [lacht].

[00:44:01]  Ja, aber ich muss sagen, also, das ist ja erstaunlich,

[00:44:06]  und dann bin ich auch runtergekommen,

[00:44:08]  und dann ist auch der Reporter Thaler [Schreibweise ungewiss]

[00:44:11]  der ist ja immer wieder dahergekommen

[00:44:13]  und da hat mich der Chef rauf geholt

[00:44:15]  und da war der Thaler oben.

[00:44:17] Und dann hat er gesagt, jetzt geht rüber zum Büro vom Gruber Willi

[00:44:19] und macht euch das aus,

[00:44:21]  weil ich offiziell [lachend] habe ich nichts mit dem zu tun.

[00:44:24]  Ja, und richtigerweise ned,

[00:44:26]  weil wenn was passiert wäre,

[00:44:28]  das ist ja, ich bin ja... eh, aber, es ist ja so,

[00:44:35] das ist ja allgemein normal, bei einem Einsatz,

[00:44:37]  ned, auch wenn es ein Kellerbrand ist,

[00:44:39]  total verraucht und alles, da weiß keiner

[00:44:41]  ob da Gasflaschen drinnen sind,

[00:44:43]  hatte wir alles gehabt, da gehört ein gewisses Glück dazu,

[00:44:46]  also sonst musst du einen anderen Job machen.

[00:44:50] [Rotationsgeräusch] Matthias: Gibt es noch etwas,

[00:44:55] so wenn du jetzt diese 37 Jahre bei der Berufsfeuerwehr

[00:44:58]  im Rückblick anschaust, was...

[00:45:00] Siegfried: Ja, mir hätte nichts Tolleres

[00:45:01] passieren können, als

[00:45:03]  dass ich Berufsfeuerwehr gekommen bin.

[00:45:05]  Das war das Höchste,

[00:45:07]  weil da habe ich auch praktisch viel gelernt,

[00:45:09]  und auch reden habe ich gelernt,

[00:45:12] verstehst [lacht] also dadurch, dass ich viel Unterricht gemacht habe.

[00:45:16] Und die Vielseitigkeit,

[00:45:20]  und auch die Kameradschaft,

[00:45:22]  was damals noch war.

[00:45:24]  Es waren zwar auch Gruppenbildungen,

[00:45:26]  aber nach jedem Einsatz,

[00:45:29]  einem schwereren oder was

[00:45:30]  da ist man, wenn man da um zwei oder drei Uhr in der Früh

[00:45:33] dann hat man gesagt, ja hast du eine Jause da im Speiskastl

[00:45:37]  und  zusammen hat [man] das aufgearbeitet, ned.

[00:45:39] Wenn es was Normales war,

[00:45:41]  nachher bist du eh gleich wieder ins Bett gegangen.

[00:45:43]  Und da hat es keinen Psychologen [lacht kurz] oder was gegeben,

[00:45:46] und dann hat man sich da ausgeredet

[00:45:48]  und dann ist sie in weiterer Folge,

[00:45:50]  ist ja das nachher auch dienstlich,

[00:45:52]  mit... Aufgearbeitet worden, mit der ganzen Mannschaft, ned.

[00:45:56] Nein, das war auf jeden Fall das tollste für mich,

[00:45:59]  und ich muss sagen, es gibt,

[00:46:01]  und ich sage auch das, 

[00:46:03]  also ich wäre nie so weit gekommen,

[00:46:05]  wenn ich nicht so einen vielseitigen Job gehabt hätte.

[00:46:08]  [Outro-Musik]

[00:46:10] [Outro-Musik]

[00:46:12] [Outro-Musik]

[00:46:14] [Outro-Musik]

[00:46:16] [Outro-Musik]

[00:46:18] [Outro-Musik]

[00:46:20] [Outro-Musik]

Zeitzeugengespräch Christoph Weingartner

Zeitzeugengespräch Christoph Weingartner

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

Christoph: Die Schule in der Kirchgasse wurde 1946 gegründet und die haben eine größere Lieferung Erdnüsse von [den] USA bekommen und die Rupfensäcke waren so circa 100 Kilo schwer und wir [lachend] haben bei dem oberen Drittel mit den Fingern ein Loch gemacht, so ein Loch gemacht. Man braucht nur die Hand aufheben und die geschälten Nüsse kommen raus. [Intro-Musik] Tobias: Hallo und herzlich willkommen zu einer Bonusfolge unserer zweiten Staffel von Archivwürdig, dem Podcast des Innsbrucker Stadtarchivs. Sie haben gerade die Stimme von Christoph Weingartner gehört. Christoph Weingartner kam 1936 in Mühlau zur Welt. Er berichtet uns, von seinen Erinnerungen an die Volksschulzeit, die Ankunft der amerikanischen Soldaten, sowie den Übergang zur französischen Besatzungszeit. Und auch, über sein Mühlau der Nachkriegsjahre. Darüber hinaus, erzählt uns Christoph von seiner leidenschaftlichen Tätigkeit als Filmproduzent und Filmvorführer. Im Gespräch mit Manfred Liebentritt, Matthias Egger und mir. Christoph: Ich bin der Christoph Weingärtner. Ich bin in Mühlau, in der Schraffelstraße 4 geboren, am 16. Dezember [19]36. Ich bin da in den Mühlauer Kindergarten gegangen und auch dann in die erste Klasse Volksschule. Das war 1943, und da haben wir immer [alle] zwei Monate eine andere Lehrerin gehabt und es war überhaupt ganz komisch. Aber es war so. Und wenn der Hitler die Volksschule besucht, wie verhalten wir uns? Und das müssen wir üben. Und da haben wir [das zehnmal üben müssen], und zwar aufstehen, die Hand schräg nach oben, die rechte Hand und dann Heil Hitler sagen. Und das muss aber alles gleichmäßig sein, und das haben wir [immer üben müssen], zehn, zehnmal. Und beim nächsten Mal, beim nächsten Tag hat sie gesagt, das müsst ihr selber jetzt machen, und da komme ich rein, und dann macht ihr das. Und beim nächsten Tag sind dann vier oder fünf aufgestanden und da war eigentlich [lachend] nichts mehr. Und dann haben wir es wieder machen müssen und wieder machen müssen. Und dann in der zweiten Klasse haben wir nur mehr zwei Lehrer gehabt und das Hitler Thema war eigentlich nicht mehr so streng. Wir haben nicht mehr die Hand heben müssen, sondern nur mehr grüßen: Heil Hitler! Aber der Fliegeralarm war fast jeden zweiten Tag, war schon sehr... Oder jeden dritten Tag war schon ein Fliegeralarm und wir haben müssen sofort in den Bunker und der Bunker war neben der Schule. Es war ein großer Raum, wo alle Klassen Platz gehabt haben. Und 1942 waren die Bunker von den Gefangenen gebaut worden. Und die Gefangenen sind alle eigentlich da von Reichenau unten gewesen. Und der Kindergarten ist ja bekanntlich circa um sieben Meter höher. Der Eingang ist eben hinein und sieben Meter hoch. Das war eigentlich das Material vom Bunkeraushub. Und bei der dritten Klasse haben wir nur mehr eine Lehrerin gehabt, die Frau Krutz [Schreibweise ungewiss] und von September [19]44 weg und dann ab Mai... Also September [19]44 haben wir noch Heil Hitler! Grüßen müssen. Und dann, ab Mai 1945, war der Hitlergruß verboten. [lacht kurz auf] So ändern sich die Zeiten. Gott sei Dank! Jetzt können wir endlich wieder mal Grüß Gott sagen. Und der Krieg ist auch zu Ende gewesen. #00:03:32 5#

 

#00:03:33 7# Tobias: Hat man da Kontakt gehabt mit den, mit den Arbeitern? Also mit den Zwangsarbeitern? #00:03:37 7#

 

#00:03:38 0# Christoph: Ja. Wir haben oft zugeschaut, weil sie mit den Wagen rausgefahren sind, also das war ein so ein Kippwagen, und dann sind sie hinaufgefahren und bei den Auffahrten haben müssen Fünf hinaufschieben und da wieder runter, langsam natürlich, weil, weil, weil das muss... Das darf ja nicht runter sausen, weil ja eine Kurve ist in den Stollen hinein, und wir waren halt drinnen im Stollen und haben halt da... War ein großer Raum und da haben sie, sind wir alle gesessen und und und wir sollten da lesen, [unverständlich], das ist so ungefähr 2 bis 3 Stunden gegangen und dann war die Entwarnung, dann sind wir da wieder raus gekommen. #00:04:13 4#

 

#00:04:14 3# Tobias: Und dass man ausgesiedelt wird, also dass man während der Bombenangriffe, dass die Familie woanders hinkommt, weil das ist ja bei anderen häufig der Fall gewesen, dass sie dann, was weiß ich, nach... Ans Land kommen und... #00:04:27 1#

 

#00:04:27 6# Christoph: Ja wir nicht. In Mühlau hat es ja keine Bomben abgegeben, bekommen. Also Mühlau war ja eigentlich verschont gewesen. Das ist deshalb gewesen, weil natürlich von Norden die Flieger, also die haben müssen sehen, wo Innsbruck ist und haben sie erst auslösen können. Und da war Mühlau schon vorbei. Und von Süden sind sie auch gekommen, haben sehr viel das Wipptal bombardiert, aber da in Mühlau war eigentlich... Es war viel Wiese, es waren ein paar Häuser, aber bitte, es waren schon Fabriken da. Die Weyrer-Fabrik und die Bauer-Fabrik war und und auch die Rauchmühle war. Und bei der Rauchmühle war es ja auch so, dass daneben die Bahnbrücke war und die Bahnbrücke, wenn diese bombardiert worden wäre, dann wäre die Westbahnstrecke bis Vorarlberg und die Südbahnstrecke Brenner gesperrt, ned. Und das war schon sehr gut, dass das nicht passiert ist. [Rollgeräusch] Christoph: Deswegen haben sie ja auch die in Sternbach das ganze gelagert, nicht diese diese Kirchen. Was verbombt war im Dom, Jesuitenkirche, Servitenkirche ist verbombt worden und diese Bilder, die noch nicht beschädigt waren, haben sie alle in den Sternbach hineingetan, zum Sternbachplatz hinein. Weil, der hat große Räume gehabt und der hat, da ist alles voll gewesen. Und dann, wie die Amerikaner dann gekommen sind, [lachend] waren sie sehr enttäuscht, weil sie wollten, das war ihr Ziel, normales der Sternbachplatz. Das war ihr Ziel, weil Schloss, und und und überhaupt, ich möchte da überhaupt dann noch über die Amerikaner sagen, weil die waren ja, das waren ja die Besatzer vom 3. auf den 4. Mai sind sie zu uns gekommen, ned. Und dann sind sie mit den Jeep, die Dodge da die Große und die LKW und und und und [räuspert sich] zwei Panzer sind gekommen. Die waren bei uns oben stationiert, weil bei uns, neben uns war eine große Wiese und da sind sie alle da drinnen gewesen und wir haben ein, ein Stock von uns wurde damals [räuspert sich] von ihnen belegt. Der Hauptgrund war eigentlich, das ist erst danach rauskommen, warum im [räuspert sich] Stadtteil Mühlau eigentlich die meisten Amerikaner waren. Das war... Die anderen Stadtteile eigentlich nicht so betroffen waren. Das ist deshalb gewesen, weil wir im Stadtteil Mühlau eine Adolf Hitler Straße gehabt haben und haben eine Siedlung gehabt, die „Deutsches Heim“ geheißen hat. Und das haben sie registriert und deswegen sind sie mal direkt alle, also die meisten Fahrzeuge und alles eigentlich mehr zu uns kommen. Und auch die Amerikaner waren ja damals so enttäuscht, weil sie in in sie wollten ja alle in Sternbach-Schloss schlafen und alle und keiner hat können schlafen. Nur die untersten Kellerräume [räuspert sich] waren zur Verfügung. Und der Schlossgarten. Und da sind sie, da sind sie ja ganz stark auch drinnen gewesen, haben aber drinnen ein Zelt aufgestellt im Hof. Der Hof war sehr groß. Der Sternbachhof, und da haben sie dann gekocht und dort auch dann die Zentralverpflegung. Sie haben drei Stützen gehabt in Mühlau, also bei uns oben Sternbach und da bei der Ecke Ried [Schreibweise ungewiss], da haben sie eine kleine gehabt, und die Verpflegung war alle im Sternbach-Schloss. Und da gibt es ja auch, 2021 haben wir dann mit viel Aufwand einen Film noch gedreht über die Amerikaner, wie sie in Mühlau 1945 gekommen sind und im Herbst wieder abgefahren sind, also heimgefahren sind. Und sie haben ja alles da gelassen, ned. Das war ja auch in ganz Europa, haben die ganzen Fahrzeuge alle da gelassen. Also es war damals schon die Waffenlobby. Lasst alles da, ihr kriegt alles wieder neu. Und das waren ja neue Autos. Das waren Baujahr [19]43,[19]44 und [19]45 haben sie sie da gelassen. Also waren Sie ja nicht alt, ned. [Rollgeräusch] Christoph: Für uns Kinder, ich war damals acht Jahre, war das ja eine super Sache. Wir haben jeden Tag Schokolade und und, und Dinge gekriegt. Wir waren ja ganz gierig drauf. Ja, weil natürlich, im Krieg hast ja nie was gekriegt Süßes. Und dann haben wir Kakaopulver gekriegt. Wir haben keine Milch gehabt. Aber Wasser. Mit Wasser haben wir das gemacht, und das ist ganz gleich gewesen. Es war süß. Und das war, das war einmalig, sowas. Und wir haben jeden Tag, sind wir hingegangen, ned, „please chocolate“ [engl. Für Schokolade bitte] ja und hin und her. Und jedes Mal haben wir etwas gekriegt. Und das war, das war wirklich. Und die waren auch nicht, die Amerikaner waren nicht militärisch eingestellt, sondern locker, so als ob sie auf Urlaub wären. Also das war nicht so, so streng und Ding mit Herr Kommandant und was weiß ich. Nein, das war ganz, ganz, ganz locker das ganze, eh das ist früher gegangen, ned. Und wir sind oft drüben gewesen. Aber es war eine gute Sache, ned. Und meine Mutter hat oft Englisch gut gekonnt. Und da haben sie gesagt, ja, sie möchten da rauf, auf die Rumer Spitze fahren mit den Jeeps. Weil sie haben ja nicht gewusst, was tun eigentlich. Sie haben gefeiert. Sie haben gegrillt. Aber, aber ihnen war ja langweilig, eigentlich. Was wollen sie denn da machen? Das sind.. Ja, dann hat meine Mutter gesagt, ja, bis zum Ursprung könnt ihr vielleicht rauf fahren aber weiter nicht. Und Ah, das machen wir schon. Dann sind sie mit dem Anhänger sogar, haben sie, haben sie Verpflegung und und und Zelt mitgenommen und Zeug und sind oben rauf gefahren. Sie sind natürlich nicht weiter gekommen, weil in der Riese drinnen, dieser Stein Riese was da so scharf hinauf geht, auch die vier Räder gehen da durch. Das ist unmöglich. Es war einmal ein Pinzgauer. Der Dreiachsig war. Der ist einmal hinauf gestiegen, der ist ein Stück hinaufgefahren. Aber, und da war ich auch dabei, aber das Problem war, umdrehen kannst du nicht, weil es zu steil ist. Jetzt hat er dann müssen wieder genau wieder rückwärts fahren, weil sobald er ein bisschen schräg ist, fällt er um, ned. #00:11:17 5#

 

#00:11:18 4# Tobias: Weil du ja vorher angesprochen hast, dass die Amerikaner ja Geld haben, mehr oder weniger recht viel gefeiert haben. Sind die dann unter sich [ge]blieben zum Feiern? Oder sind dann auch die Bewohner, die umliegenden, haben da dazu... #00:11:31 8#

 

#00:11:31 8# Christoph: Nein, sie sind unter sich geblieben. Es ist ja so gewesen, dass in dem ersten Stock war ja eine Terrasse und die hat ihnen gut gefallen und sie wollten ja mit dem Panzer in den Hof hinein fahren. [schluckt] Und das ist aber nicht gelungen. Und sie haben gemeint, ja, das können sie, weil der Panzer [unverständlich] und die Mutter hat ja gesagt, nein, dann wird die  Mauer hin und der Panzer auch. Das haben sie eingesehen, weil seitlich ist der Panzer ja schwach. Er hat vorne wohl eine Schaufel, aber seitlich ist er, sind die Räder und und die Raupe. Und das hätten sie dann beschädigt, ned. Das haben sie selber eingesehen, dann sind sie draußen geblieben. Und haben eine Bretterbrücke gemacht. Eine Bretterbrücke, bei uns waren viele Bretter rund herum und dann haben sie eine Bretterbrücke gemacht zur Terrasse. Und da sind sie immer raus und eingegangen. Also sie sind nicht bei unserem Eingang hinein, sondern haben extra eine gemacht und sind immer da eigentlich gewesen. Sie haben sich nicht bei der Bevölkerung nicht, nicht so, eh das war das einzige. Aber mit den Kindern schon. #00:12:44 2# [Rollgeräusch]

 

#00:12:48 4# Tobias: Christoph, du hast relativ viel jetzt über die amerikanischen Besatzer gesprochen. Kannst du uns vielleicht noch einmal den Übergang schildern von der amerikanischen Besatzungszeit hin zur französischen Besatzungszeit. #00:13:00 2#

 

#00:13:00 6# Christoph: Ja, es war so, dass 14 Tage bevor die Amerikaner abgezogen sind, es in Mühlau sogenannte Fundplätze geben [hat]. Die haben wir so genannt, wo sie alles außer den Autos abgestellt haben: Kisten, Zelte, Benzinkanister, Seilwinden, Rollen, Telefonkabel. Was wi heute noch haben. Das sind ganz harte Kabel gewesen usw. Für uns war[en] die Zwei- und Viermannzelte wichtig, aber alles andere war [es] auch. Aber damals hat es ja überhaupt nichts gegeben, ned, also da hat es nichts gegeben. Und die Amis sind im Juli 1945 abgezogen und haben dann das Kommando [an die] Franzosen übergeben mit allen Autos, nur bei uns waren keine auf der Wiese mehr und auch im Sternbachhof waren die Autos alle weg. Wo die Franzosen die amerikanischen Autos hingetan haben, weiß ich nicht. Wir Kinder jedenfalls waren von den Franzosen sehr enttäuscht. Sie waren das Gegenteil von den Amis. Wir Kinder haben überhaupt nichts bekommen. Gar nichts. Das Militär war ganz streng. Und in Mühlau haben wir französische Militärfahrzeuge keine gesehen. Nur private mit französischen Kennzeichen. Das waren so höhere Kastenwagen so kleinere, also mit vier Personen, aber so ein bisschen höher gestellt. Das gibt es ja heute auch noch, aber viel moderner halt. Aber was anderes haben wir nie gesehen. Und General Bethouart, der für Tirol, Vorarlberg zuständig war, hat in der jetzigen Holzgasse in Mühlau gewohnt. #00:14:55 0#

 

#00:14:55 5# Matthias: Wie ist es denn dazu gekommen, dass er da gewohnt hat, der Bethouart. #00:14:57 5#

 

#00:14:57 5# Christoph: Er hatte da ein Haus besetzt. Ich weiß, wie er gekommen ist. Da weiß ich es nicht. Aber [hat] in der Holzgasse neun ein Haus besetzt und und das war von der Familie Achhammer [Schreibweise ungewiss]. Und er hat sich da wie es scheint wohlgefühlt. Er hatte auch einen Wolfshund gehabt, einen schönen Schäferhund. Und der General Bethouart war nicht so unbeliebt, weil er hat gleich erlaubt, dass die Schützen wieder Gewehre tragen dürfen. Und ein Schütze ohne Gewehr ist ja normalerweise kein Schütze, ned. Und es gibt auch ein Bethouart Steg in Innsbruck. Das haben sie deswegen gemacht. Wahrscheinlich, weil sie ihn doch sehr anerkannt haben. Und beim Abschied der Franzosen 1955 legte General Bethouart am Bergisel für die gefallenen Soldaten einen Kranz nieder. Und General Bethouart hat sich gewünscht, dass die Mühlauer Schützen und Musiker die Ehrenformation stellen. Es war doch auch ein feierlicher Abschied. Zum Schluss noch, ned. Und beim Begräbnis von General Bethouart in Paris vor einigen Jahren war auch eine Schützenabordnung dabei. #00:16:21 7#

 

#00:16:23 4# Matthias: Gibt es noch irgendwelche Erinnerungen? Also jetzt, abseits von diesen offiziellen Punkten an den Bethouart. Also, wie denn das Leben in Mühlau. Könnt Ihr euch erinnern, dass da eine große Limousine vorgefahren ist, um den abzuholen? Oder hat man sonst irgendwie Kontakt gehabt im Dorf mit... #00:16:40 4#

 

#00:16:40 5# Christoph: Die Franzosen haben kein Geld, also überhaupt nichts gehabt mehr, vermute ich, weil es war, wir waren [räuspert sich] in Rumbach Rumbachweg oben, haben sie ein Haus gehabt. Auch besetzt, die Franzosen, Und da ist immer ein Auto hinaufgefahren. Ich kann mich noch gut erinnern. Ein grünes Citroen hatte war das. Und deshalb sind sie immer auf und abgefahren. Ich weiß das deshalb genau weil, die Straße war ja nicht asphaltiert. Und wenn ein Auto gekommen ist, dann [hat] das alles gestaubt und, und, und, die sind oft auf und abgefahren, weil anderes Auto hat es ja eigentlich da in der Zeit gar nicht gegeben, ned. #00:17:28 0# [Rollgeräusch]

 

#00:17:32 4# Manfred: Vielleicht, dass wir nochmal zurückgehen. Es sind ja diese Fahrzeuge teilweise auch liegen geblieben. In der Nähe von deinem Elternhaus hat es ja dann diesen Sammelplatz der Fahrzeuge gegeben und weiter oben hat es ja auch sozusagen einen Ersatzteilträger für die Jugend von Mühlau gegeben, wo dann einige Ersatzteile dann wiederverwertet worden sein. #00:17:53 2#

 

#00:17:53 3# Christoph: Richtig ja, richtig. Ja, also das war aber eigentlich erst danach, eigentlich. Sie sind da, die sind da schon weggefahren. Aber die Franzosen haben einen Rettungswagen gehabt. Und den haben sie auch da oben, da weiter oben. Also nicht bei uns, sondern eben da beim, eh das war früher am Rumbachweg. Das war eine Siedlung. Die Siedlung... Früher war da keine Siedlung, sondern war ein Föhrenwald. Und diesen Föhrenwald haben sie das alles abgestellt. Und wir haben halt da abmontiert, abmontiert und und und irgendwann kommt da einer, so ein Gescheiter, ja, das ist verboten und und und [hat] Anzeige gemacht und Name usw. Wir haben halt alle andere Namen gesagt und wir wohnen in der Schraffl-Straße, haben wir Staffler-Straße gesagt und ja, sie werden angezeigt usw. Und es ist natürlich nichts rausgekommen, nur so ein Gescheiter vermutlich gewesen. Man hat nicht gewusst, wer... Man weiß nach dem Krieg ja nicht, wer, wer da für und wer... Das war immer eine schwierige Sache. Der eine war Nazi, der andere war nicht Nazi, der eine hat wen angezeigt weil er nicht Nazi war. Bei uns war das auch so, wir haben auch einen Nachbarn gehabt, der uns immer angezeigt hat, weil der Vater halt nicht Nazi war und und so ist halt die frühere Zeit gewesen. #00:19:19 6#

 

#00:19:20 6# Manfred: Und die Ersatzteile, für was hat man die dann verwendet? #00:19:23 4#

 

#00:19:23 4# Christoph: Ja, ich habe sie für Seifenkisten haben wir gemacht, weil wir ein Lenkrad gehabt haben und da haben wir haben wir Seifenkisten draus gemacht, alles so von Rädern usw. Und es war eine tolle Sache von... Und da war mal ein Wettbewerb von von von der Hungerburg runter, Höhenstraße herunter, war ein Seifenkistenrennen. War eine super Sache, war eine super Sache. Auch einen Bob haben wir mal gemacht, auch mit so Zeug zusammengebastelt und usw. Ich habe auch noch so eine Kiste Munitionskiste, die habe ich auch [lachend] zu Hause, weil sie haben ja alles eigentlich dagelassen, ned. Und aber für uns war da in den 46. Jahren die Sache, weil wir sehr viel Zelte gehabt haben. Die haben die ganzen Zelte, das haben die alles dagelassen, ned. Und das war für uns natürlich, Zelte, das hat es ja alles nicht gegeben. [19]46 hat es ja überhaupt nichts gegeben und da haben wir die ersten Zeltlager gemacht, am Blindsee draußen usw. Und das war aber auch sehr gefährlich, weil rundherum überall noch Patronen liegen, ned. Und wir haben da schon geschaut, dass das nicht ist und dann haben wir mal eine gefunden. Dann haben wir [lachend] Feuer gemacht und dann hinein und und alle weg und wir haben eine Stunde gewartet, [lachend] ist nichts gewesen und gar nix gewesen. Wahrscheinlich waren die so feucht, dass das einfach nicht mehr, nichts mehr war. Aber das war die, die die Zeit nach dem Krieg auch spannend. #00:20:55 4#

 

#00:20:55 8# Manfred: Weil du jetzt gesagt hast wegen dem Zeltlager am Blindsee, diese Zelte, die dann da zur Verfügung standen [sind], hat das dann die Pfarre übernommen oder oder wer hat denn das organisiert, dass diese Zelte dann zur Verfügung gestanden [sind]. Weil das Lager selber ist ja nachher von der Pfarrjugend oder von der Pfarre überhaupt organisiert worden, oder? #00:21:16 5#

 

#00:21:16 5# Christoph: Ja, richtig, richtig. Wir sind ja ja mal Blindsee-Lager gewesen 1946, und da war es ja so, dass wir die Zelte ja teilweise von Mühlau gehabt haben. Also was wir da gesammelt haben, die Zweimannzelte und Viermannzelte und von der Pfarre, von der Diözese Innsbruck, die haben ein Kegelzelt gehabt. Und zwar ein 24 Mann-Kegelzelt, also 24 ist schon sehr eng, natürlich, aber ein 24 Mann Zelt und das haben wir alles per Rad hinauf, also transportieren müssen. Die Stange war ja sehr groß und die haben wir natürlich auch auf dem Rad hinauf tun müssen. Aber da hat es nicht wie heute muss unbedingt ein, hinten ein großes Tuch hinten sein, [lacht kurz] sondern da haben wir überhaupt nichts getan, weil es war ja fast kein Verkehr, das war ja fast nichts. Höchstens, dass mal ein Franzose, Französisch, aber das war ja auch nicht. Einmal, ich glaube, ist mal ein Auto vorbeigefahren, aber sonst gibt es da nichts. Und das haben wir dann im Blindsee alles aufgestellt. #00:22:28 6#

 

#00:22:30 4# Matthias: Und wie lange wart ihr da am Weg? #00:22:31 7#

 

#00:22:32 9# Christoph: Ja, da waren wir den ganzen Tag. Da sind wir um fünf in der Früh [gestartet] und abends sind wir dahin gekommen. #00:22:39 5#

 

#00:22:40 3# Matthias: Und dann das Lager. Habt‘s eine Woche, oder? Christoph: Bitte? Matthias im Hintergrund: Eine Woche…#00:22:44 4#

 

#00:22:44 6# Christoph: Eine Woch. Ja. Ja. Und da war da, das hat den Gasthof Mohren gehört da. Und der war sehr schwierig, weil er hat gesagt, wenn wir fischen, dann muss man sofort wieder abfliegen. Und das Gasthaus war ja in Lermoos, war ja nicht einmal Blindsee. Blindsee war ja kein Haus und nichts, und wir haben doch einmal Fische heraus, aber so gut waren die Fische [lacht kurz] und und gegrillt und und weil das merkt er… Hat er ja auch nicht gemerkt, ist ja ganz wurscht gewesen, ned. #00:23:19 2# [Rollgeräusch]

 

#00:23:23 6# Manfred: Ja. In deiner Volksschulzeit hat es ja dann sehr viel Kleingewerbe und auch größere Betriebe in Mühlau gegeben. Das hat sich dann in der nächsten Zeit gewandelt bis heute, wo Mühlau ja doch im Gewerbebereich weniger anbietet, aber eine sehr gute Wohnqualität anbietet und von den Gewerben von den Betrieben zum Wohnort eigentlich mutiert ist. #00:23:51 1#

#00:23:51 9# Christoph : Ja, das ist richtig. Früher waren ja sehr viele Gewerbebetriebe in Mühlau. Wenn man vielleicht, angefangen beim Badhaus über dem Badhaus war mal das Schloss Schwenninger und im Badhaus selber waren ja sehr viele Gewerbebetriebe. Und zwar die Schneiderei Brandstätter, die bereits die dritte Generation ist. Die dritte Generation war meine Frau [lacht kurz] und Friseur Fredi Rohm [Schreibweise ungewiss] war mal da drinnen im Badhaus, der Zahnarzt Feuerstein, der Uhrmacher Millner, der Schuster Forcher [Schreibweise ungewiss] und der Modellbauer, der für einen Plan wunderschöne Häuser bastelte und bei [unverständlich] Honig, wo die Bögen sind, bei der Mühlauer Brücke, da war auch wieder ein Friseur, den Edelmann hat der geheißen, dann Mayerl [Schreibweise ungewiss], das war ein Lebensmittelgeschäft, und der Nonnes [Schreibweise ungewiss] war ein Elektrogeschäft. Fink war ein Textilgeschäft, wo man Textilien gekauft hat, so auch Zubehör usw. Und die Apotheke Götze war da noch und in Mühlau waren ja fünf Lebensmittelgeschäfte und drei Metzger. Das war ja eigentlich sehr viel. Heute haben wir nur einen Mpreis, einen Mini Mpreis. Und bei den Lebensmittelgeschäften war es ja so, dass die in Mühlau zwei waren, Stier und Obertanne [Schreibweise ungewiss] und dann drunter Kohlhöfer. Das war in der Anton-Rauch-Straße, dann der Mayerl und dann war auch beim Badhaus, beim sogenannten Fischer Häusl in Richtung Richards-Weg hinauf, war auch ein Geschäft. Also es war schon sehr viel. Und die [unverständlich] in der Kirchgasse wurde 1946 gegründet und die haben eine größere Lieferung Erdnüsse von den USA bekommen und die Rupfensäcke waren so circa 100 Kilo schwer und [lacht kurz] wir haben beim oberen Drittel mit dem Finger ein Loch gemacht, so ein Loch hinein gemacht. Man braucht nur [lacht kurz] die Hand aufheben und die geschälten Nüsse kommen raus. Wir waren damals 8 bis 10 Kinder. Aber am nächsten Tag waren dann schon viel mehr. Und dann ist der Michl, der Rauch Michl gekommen, der war ja auch in unserem Alter. Dann sagt der, ja, das dürft ihr nicht tun! Dann haben wir gesagt, ja das sind die Mäuse, und hat aber selber dann gegessen und hat nur gesagt, ihr dürft das nur nicht den nächsten [Sack] aufbohren. Und wir haben natürlich nur den anderen, den einen geraubt, und das war über die Hälfte halt dann leer. Von 100 waren dann nur mehr 50 drinnen und die sind aber dann für die Presse gleich dann verwendet worden. Also es waren im Lager eigentlich nur acht Tage, ungefähr waren sie drinnen, hat man sie im Hof gesehen und da waren sie alle weg, weil sie dann gepresst worden sind. #00:26:50 4#

 

#00:26:55 0# Manfred: Ja, wir sind eigentlich mitten in den Veränderungen von deiner Volksschulzeit zu heute. Wir haben jetzt die Betriebe schon ein bisschen betrachtet. Was hat sich sonst noch in Mühlau geändert? #00:27:07 5#

 

#00:27:09 0# Christoph: Ja, Bautätigkeit war natürlich groß in Mühlau. Früher war das nicht. Im 19. Jahrhundert war ja noch so, dass Mühlau fast nichts geändert hat. Dann später natürlich ist die Bautätigkeit groß geworden. Aber da hat es noch die 2009 die Dorfwerkstatt gegeben. Die Dorfwerkstatt wurde dann von Manfred Liebentritt wurde die gegründet mit dem Ziel, ein Miteinander für Jung und Alt. Ob Zugewanderte oder die Mühlauer oder die zwölf Vereine plus Pfarre, alle sind da eigentlich eingebunden gewesen. Die Dorfwerkstatt sind die Räumlichkeiten, dort wo früher einmal das [unverständlich] Kino war. Da sind heute Abteilungen, zum Beispiel die öffentliche Bücherei, das Bügelservice von EMAs und hinten ist da die Feuerwehrspritze von 1875 noch. Und der Raum, in der, der eigentliche Raum der Dorfwerkstatt ist sehr groß und hier werden beliebte Veranstaltungen für Jung und Alt durchgeführt. Zum Beispiel nur, ich möchte nur ein paar Sachen herausheben. Es wird ja so viel an der Dorfwerkstatt gemacht an Veranstaltungen. Aber nur eine kleine Sache. [In] Mühlau ist ja Fasching immer sehr groß gewesen und da hat es einen Larvenschnitzer gegeben, der Larven aus Holz geschnitzt hat und alle haben können da zuschauen bzw. auch mit schnitzen. Der hat auch Schnitzmesser gehabt und das kann man mit schnitzen. Das war eine ganz tolle Sache. Die waren alle begeistert, dass sie selber eine Larven schnitzen können. #00:28:51 2#

 

#00:28:55 8# Dann war für Kinder, Maipfeifen schnitzen. Das war cool, das hat es ja früher nicht gegeben. Wie man das macht und jeder Ton ist da anders, wenn man es anders eingräbt, schneidet, dann gibt es einen andern Ton. Und das war für die Kinder eine super Sache. Und Töpfern, Krippen bauen, orientalische oder Tiroler Krippen. Laufend wird das gemacht und Adventskranz und Palmenbinden, das ist sowieso immer in der Dorfstube. Also es ist nur ein Teil davon, was ich da sag. Zurzeit gibt es jetzt eine Bilderausstellung aus dem Nachlass der Künstlerin Theresa Bauerstein, Bildholz. [Rollengeräusch]

 

Manfred: Christoph Faustmann vergleicht die Situation in Mühlau noch einmal zusammen. Früher hat man immer gesprochen vom Unterdorf, Oberdorf, Außerdorf und von den Leuten vom Holz. Wie können wir den Mühlau in einem Satz heute zusammenfassen? #00:29:10 0#

 

#00:29:11 6# Christoph: Ja, das ist jetzt nicht mehr so, ned. Freilich war es Hallerstraße und ist jetzt unten und die anderen besser. Aber das hat es da in der Zeit eigentlich nicht mehr so gegeben. #00:29:23 2#

 

#00:29:24 5# Matthias: Aber vielleicht die Frage, die Manfred aufgeworfen hat. Für alle Hörerinnen und Hörer was ist eigentlich? Was sind die Leute im Holz oder was ist das Außerdorf oder Holz? #00:29:34 2#

 

#00:29:34 4# Christoph: Holz ist die Holzgasse, die Holzgasse, wo Holz herunter geschliffen ist, das ist beim Holz gewesen. Und es sind so Hausnamen, also Namen gewesen, was man halt so gesagt hat. Aber inzwischen ist die Holzgasse ja dreimal umbenannt worden. Und der unter Dollfußstraße, dann Adolf Hitler Straße und dann wieder die Holzgasse. Also, es bleibt immer dann wieder die Holzgasse. Aber Gott sei Dank [lacht kurz] Ja und und die andere, ja, von der Hallerstraße herauf usw. das war eigentlich heute nicht mehr so. Früher war es vielleicht, ah du bist ein Hallerstraßler. Du bist nicht der Dörfler, sondern das war vielleicht ganz am Anfang, aber aber dann hat sich eigentlich hat sich das alles gelegt, dass „du bist ein Mühlauer und mia hebn z‘samm mia sein Mühlauer und mia sein, mia sein, mia. #00:30:29 3# [Outro-Musik]

1. Staffel:

In der ersten Staffel werden neben dem eigenen Archiv auch andere Archive im Stadtgebiet, wie etwa das Tiroler Landesarchiv oder das Subkulturarchiv thematisiert. Die erste Staffel beinhaltet sechs Folgen, die in einem 14-tägigen Rhythmus veröffentlich werden.

Was ist Archivwürdig?

Was ist Archivwürdig?

Stadtarchiv Innsbruck

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Warum braucht es ein Stadtarchiv?

Warum braucht es ein Stadtarchiv?

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00] [Intro-Musik] Tobias: Hallo und herzlich willkommen zu allerersten Folge von Archivwürdig, dem Podcast des

[00:00:19]  Innsbruckers Stadtarchivs. In unserer heutigen Premiere Folge, spreche ich mit Lukas Morscher,

[00:00:23]  dem Leiter des Referats Stadtarchiv/Stadtmuseum, über uns selbst. Wir kommen unter anderem

[00:00:28]  darauf zu sprechen, was ein Archiv überhaupt ist, was alles archiviert wird, warum etwas aufbewahrt

[00:00:33]  wird und wer alles Zugang zu den Unterlagen hat. Kleiner "Spoiler alert" [engl. Spielverderber Warnung]: Grundsätzlich hat

[00:00:38]  jeder Zugang und das auch gartis. Darüber hinaus sprechen wir ganz generell darüber,

[00:00:43]  wie sich die Verwaltung der Stadt während der 25. Jährigen Dienstzeit von Lukas verändert hat.

[00:00:48]  So viel zu dem, was euch erwartet und damit ab in die Folge.

[00:00:52]  Lukas, warum ich heute mit dir hier sitze? Ich weiß nicht, mir geht es öfter so in meinem

[00:00:59]  Bekanntenkreis, wenn ich gefragt werde. Und was machst du so beruflich? Dann sage ich ja,

[00:01:04]  nix. [lachen] Schön war es. Nein, dann sage ich halt ja, im Stadtarchiv und oder als Archivar im Stadtarchiv bei

[00:01:14]  der Stadt. Und dann ist halt immer die erste Frage gleich: "Für was braucht es überhaupt,

[00:01:19]  oder was ist überhaupt ein Stadtarchiv? So quasi, was gibt es denn da überhaupt?" Weil, ja,

[00:01:24]  kurze, eh ich sagen einmal, die breite Bevölkerung hat oft wenig Vorstände, was da überhaupt

[00:01:28]  gesammelt wird. Und wenn ich dann Anfang zu erzählen quasi, was wir da alles haben, dann

[00:01:31]  gehen eh die Augen schon sperrangelweit auf. Vielleicht sollten wir eben deswegen mal Anfangen mit,

[00:01:36]  was das Archiv eigentlich in seinem ursprünglichen Sinn ist und was wir dann, also wir direkt als

[00:01:42]  Stadtarchiv vielleicht, machen, oder? Lukas: Die Aufgabe eines Stadtarchivs ist grundsätzlich einmal

[00:01:48]  diejenige, dass sie die Akten der Stadtverwaltung, die nicht mehr fürs tägliche Geschäft gebraucht

[00:01:54]  werden, verwahrt, erschließt und der wissenschaftlichen Forschung und der Berücksichtigung des Datenschutzes

[00:02:02]  zur Verfügung stellt. Tobias: Das ist quasi die generische Antwort [lachen]. Nein, es ist ja richtig. Aber also,

[00:02:10]  das ist natürlich der Vorgang. Lukas: Ich habe ja erst Luft geholt. Tobias: Ja, ja, ja. Dann lass

[00:02:14]  ich dich ruhig weitersprechen. Lukas: Dafür muss man sich natürlich einmal zuerst die Frage stellen,

[00:02:18]  was heißt im Rathaus, was heißt Rathaus. Das Rathaus oder die Funktion eines Rathauses

[00:02:25]  umfasst ja von der Geburt über das Schulwesen, über das Gesundheitswesen, über Sport, Kultur,

[00:02:32]  Bau, Straßenverkehr und zahlreiche andere Dienststellen. Das heißt, das begleitet uns fast das ganze

[00:02:42]  Leben zumindest am Anfang und am Ende. Der Geburtszettel und der Todes... Tobias: Die Friedhöfe

[00:02:49]  auch noch? Lukas: Friedhöfe sogar noch darüber hinaus. Stimmt. Also, da kommt dann doch sehr viel

[00:02:55]  verschiedenes, verschiedenartiges zusammen und um dieses Arbeiten im Rathaus dokumentieren zu können

[00:03:03]  bzw. auch nachvollziehbar zu machen, was früher gemacht wurde, werden die Akten im Stadtarchiv

[00:03:10]  aufbewahrt, solange es noch Papierakten gibt, was ja tendenziell immer weniger wird. Tobias: Ja, das,

[00:03:17]  was dann wieder neue Probleme für uns darstellen wird, aber da sind wir ja quasi noch... Lukas: Das ist

[00:03:21]  ungelöst. Tobias: Es ist noch ungelöst. Und vor allem wäre das dann ja doch für die Zukunft recht gut,

[00:03:27]  bald mal zum... Lukas: Es hat keine Institution für den digitalen Akt, eine wirklich langfristige

[00:03:34]  Lösung und das sollen wirklich die großen Forschungsinstitute erarbeiten und wir übernehmen

[00:03:41]  das dann gerne, aber so ein richtig langfristiges digitales Archivierungskonzept ist meines

[00:03:48]  Wissens derzeit nirgends in Sicht. Tobias: Nein, ich glaube auch an die letzten Archivtage, also es gibt immer Archivtage

[00:03:53]  oder Archiv, ja Archivtage. Und da ist es auch, zwar es ist ein großes Thema, aber den Wunderwutzi die

[00:04:00]  Allheilmittel um das zu lösen ist auch noch nicht so... Lukas [ganz leise]: Genau... Tobias: Aber wir archivieren jetzt bei uns

[00:04:10]  im Stadtarchiv noch wesentlich mehr als nur quasi das städtisch... oder das städtisch produzierte Gut. Lukas: Ja, es ist so,

[00:04:16]  dass natürlich das Beschriebene ist jetzt also die Grundfunktion eines Stadtarchivs. In Innsbruck

[00:04:22]  ist der Fall ein bisschen erweitert, gelagert, weil es gibt keine Sammlung, die speziell Innsbrucker

[00:04:30]  Geschichte dokumentiert und präsentiert und so hat sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte eine

[00:04:37]  sehr rege Sammlungsstätigkeit entwickelt, die weit über das klassische Archiv hinausgeht. Also

[00:04:47]  wir sammeln quasi alles, was die Geschichte der Stadt Innsbruck zu dokumentieren im Stande ist.

[00:04:52]  Das geht von Speisekarten über Plastik-Sackln [Dialekt für Tüte], aber auch Literaturplakate und so weiter. Aber

[00:05:01]  diese aktive Sammlung, die nicht nur sogenannte hohe Kunst oder oder mittealterliche Dokumente

[00:05:09]  umfasst, soll einfach das Lebensbild, die Lebenswirklichkeit abbilden und das tut... versuchen wir

[00:05:21]  eben zu dokumentieren. Das ist natürlich eine unlösbare Aufgabe das flächendeckend zu tun,

[00:05:26]  aber zumindest teilweise... Tobias: So gut geht, eigentlich quasi viele Bereiche abzudecken ohne zu... oder halt, ja,

[00:05:34]  wir sehen es eh immer, bei uns jeder hat natürlich auch irgendwo seine Kreise, die er zieht und von dem

[00:05:40]  quasi dann auch wieder die Sachen dann zu uns bringt quasi. Lukas: Also wir dürfen ja eigentlich keine

[00:05:45]  Zensurstelle sein, aber natürlich hat jeder seine persönlichen Referenzen, beziehungsweise auch

[00:05:52]  seine Wissen demensprechend. Es gibt halt Leute, die haben spezielles Wissen über was ganz abwegiges

[00:06:00]  wie das Feuerwehrwesen [Tobias lacht] und andere, und andere kennen sich bei, ich weiß nicht,

[00:06:05]  Straßenlaternen aus. Alles zu kennen ist unmöglich und wir sehen ja regelmäßig

[00:06:11]  in "Innsbruck erinnert", was Menschen für ein Fachwissen haben, wenn ich nur an die Herren

[00:06:17]  von der pensionierten Herren von der Polizei denke, die darüber diskutieren können,

[00:06:22]  wann sie welche Uniform gekriegt haben, war das der Mai '53 oder der Oktober '53. Also dann ist

[00:06:31]  das schon ein Wissen, das wir natürlich niemals erreichen können. Wir können es nur partiell

[00:06:36]  in kleinen Inseln, in kleinen Mosaiksteinchen machen und wir können nur so versuchen,

[00:06:43]  einen Teil des Gesamtbildes sichtbar zu machen. Man muss sich nur bewusst sein, dass es natürlich

[00:06:49]  nur ein... wirklich einzelne Mosaiksteinchen sind. Tobias: Vielleicht, lassen wir an dem Punkt auch noch kurz

[00:06:56]  einhaken, wie das bei uns überhaupt findbar ist. Also erstens einmal wird bei uns natürlich versucht,

[00:07:03]  alles nach Möglichkeit in eine Datenbank zu klopfen und das auch dann entsprechend zu,

[00:07:11]  also nach Möglichkeit, wie gesagt eben wieder mit... zu digitalisieren, was natürlich bei Fotos

[00:07:16]  sag ich jetzt einmal einfacher geht, als wie jetzt vielleicht... [schnaubt] ich mein mit Plakaten geht es auch,

[00:07:21]  alles was so... Lukas: Fahrradl. Tobias: Ja, Fahrradl ist dann [lacht] wieder das, was schwierig wird,

[00:07:25]  oder generell bei die ganzen realien Sachen oder halt Skulpturen immer, es geht, man muss

[00:07:29]  halt dann abfotografieren, aber... und auffindbar und wenn das halt dann dementsprechend quasi

[00:07:34]  beschrieben wird, ist es dann natürlich auch irgendwann wieder möglich zu finden. Es kann

[00:07:37]  natürlich jetzt, wenn jetzt irgendwas gezielt auf der Maria-Theresien-Straße such oder so was und

[00:07:41]  dann nur mit Maria-Theresien-Straße sucht, können natürlich lang suchen, weil wir haben natürlich auch

[00:07:45]  dementsprechend dann viele Eintragungen zu einzelnen Objekten. Je breiter desto schwieriger

[00:07:50]  wird es, glaube ich. Lukas: Ja natürlich. Tobias: Und je spezieller desto einfacher unter Anführungszeichen, wenn

[00:07:56]  wir überhaupt was haben, ist es dann auch nicht immer gegeben. Manchmal sind ja die, also ich

[00:08:01]  kann mich noch erinnern, was teilweise so spezial Anfragen, also wirklich so im Detail, Detail,

[00:08:06]  wo ich dann auch sagen muss, pff, da kann man nur mit der breiten Linse drauf schauen,

[00:08:10]  also wie man da quasi, weil das war glaube ich irgendein Engels Kopf an einer Hausfront,

[00:08:16]  wo dann auch bei uns dann irgendwo dann schon doch mal ein Ende her geht, muss ich sagen, mit

[00:08:21]  wie detailliert auch die Sachen dann beschrieben sind. Lukas: Ja, das ist ganz klar, dass das ein bisschen

[00:08:28]  eine Koste-Nutzenabwägung sein muss auf der einen Seite, aber eben auch das Spezialistentum,

[00:08:34]  das es gibt und das ist ja offensichtlich ein Zeichen unserer Zeit, das würde in jede

[00:08:42]  Faser eines Objekts eindringen, das ist unmöglich. Es geht darum, eine solide richtige, oder das,

[00:08:51]  was man für richtig hält, Beschreibung abzugeben. Natürlich 10.000 Fotos sind schnell erworben

[00:08:58]  oder übernommen, 10.000 Fotos digitalisiert und beschrieben und verpackt und zugänglich

[00:09:06]  gemacht ist eigentlich schon, na ja, bei 10.000 fällt immer viel auf ein Lebenswerk, das heißt,

[00:09:12]  man hat immer ein vielfaches an Objekten, die reinkommen zu dem, was man bearbeiten kann,

[00:09:18]  das ist sicher auch das frustrierendste an diesem Teil. Tobias: Ja, weil Arbeit... [räuspert sich] Arbeit ist quasi mehr oder

[00:09:25]  weniger für drei Pensionen da. [Tobias lacht kurz auf] Lukas: Ja, also, man könnte, ja, jahrzehnte Arbeit, wenn nichts mehr

[00:09:35]  reinkommen würde, liegt unverzettelt und wartet auf die Aufnahme. Ich sehe allerdings schon die

[00:09:42]  Aufgabe eines Archis, die Dinge auch zu bergen und für die Nachwelt zu sichern, weil in einer

[00:09:49]  Zeit, wo es keine Dachböden mehr gibt und keine riesigen Wohnungen mehr gibt und keine

[00:09:54]  Keller mehr gibt, werden halt sukzessive die privaten Sammlungen und Fotoalben etc. weggegeben

[00:10:03]  und alles, was dann zu uns kommt, ist ja mal auf jeden Fall schon hilfreich. Tobias: Ja. Vielleicht,

[00:10:09]  weil du das gerade angesprochen hast, das ist vielleicht eher ein gutes Thema zum

[00:10:13]  einhaken, wie die Sachen überhaupt an uns kommen, ich meine, klar, von der Stadt, im Idealfall

[00:10:16]  werden sie dann, wenn sie beim jeweiligen Amt ausscheiden, werden die dann natürlich an uns

[00:10:20]  überstellt. Das ja, aber wir haben natürlich viele oder doch einige private oder nicht Anfragen,

[00:10:31]  aber halt Personen, die was dann an uns die Sachen herantragen und fragen, wollt ihr das haben,

[00:10:36]  mir schmeißen es sonst weg und da ist dann natürlich immer zum Schauen, also meistens,

[00:10:41]  sag ich jetzt einmal, können wir ja eh übernehmen, aber wir müssen dann nur anschauen, was... und da

[00:10:47]  wären wir ja quasi wieder, das wäre auch passend zu unserem Podcast Titel, ob das überhaupt

[00:10:51]  archivwürdig in dem Sinn ist. Weil das ist natürlich nicht alles, was zu uns kommt für die

[00:10:56]  Langzeitarchivierung, das ist auch das Zauberwort Langzeitarchivierung, aber eigentlich nicht, denn

[00:10:59]  Archivierung, ist eine Archivierung, ob das bei uns dann wirklich ja einen Platz findet. Lukas: Naja, es ist natürlich so,

[00:11:05]  dass ein Objekt, das für uns in Betracht kommt, muss einmal natürlich in Innsbruck Bezug haben

[00:11:10]  und sollte... Tobias: Beziehungsweise nur ein bisschen um, also sagen wir ein bisschen umliegend noch, aber...

[00:11:14]  Lukas: Sozusagen das, was man von Innsbruck ausflugsweise zu Fuß oder mit dem Fahrred so noch machen kann,

[00:11:20]  das ist sicher Grundvoraussetzung, natürlich würden wir jetzt auch keinen, ich weiß nicht,

[00:11:25]  4x4 großes Objekt, metergroßes Objekt nehmen können oder so, es gibt schon Awägungen oder Fahrzeuge

[00:11:33]  oder so. Tobias: Ja, die ganz großen Sachen oder was halt einfach schwer beweglich ist auch.

[00:11:39]  Lukas: Ja das geht halt nicht. Aber grundsätzlich haben wir gegenüber dem privaten Sammler

[00:11:44]  den riesigen Vorteil, dass wir quasi ewig existieren, hoffen wir halt. Tobias: Das hoffe [lacht] ich auch. Zumindest

[00:11:52] einmal bis zu meiner Pension. Lukas: Nein, aber es geht darum, also jeder kennt irgendwelche Sammler,

[00:12:00]  die ja in all ihrer bewundernswerten Begeisterung für ein Thema fast nie Nachfolger haben.

[00:12:09]  Sei es in der Familie oder im Umfeld, gibt es da ganz selten Nachfolger und dann... manche Sammler

[00:12:16]  haben ja auch ein gewissen tyrannischen Zug, was die Familie angeht und nerven die Familie Jahrzehntelang

[00:12:22]  und investieren das ganze Geld in die Sammlung und können es halt posthum [lat. nach dem Tod] nicht mitnehmen,

[00:12:28]  nur selten. Und... Tobias: Ich hoffe mein Vater hört gerade nicht zu, der fällt da ein bisschen in diese Schiele.

[00:12:36]  Lukas: Ja, aber auch er wird irgendwann darauf kommen, dass er es nicht mitnehmen kann und dann fragen

[00:12:42]  sich viele, was tun wir damit? Mit vielen Sammlern stehen wir ja ohnehin in einem freundschaftlichen

[00:12:47]  Austausch und so kommt natürlich sehr viel Zeug an uns, das mehr oder minder geordnet und

[00:12:55]  spannend und gut ist. Das ist ein Teil, also Sammlung Sommer war sowas, Sammlung Kreuz war

[00:13:01]  sowas und so weiter. Tobias: Und vor allem oft der Vorteil ist ja, dass das dann, also diese Sammlung ja

[00:13:07]  wirklich das komplett umgreift, weil wenn wir zu vereinzelt die Sachen kriegen, ist das natürlich für

[00:13:13]  uns, ich meine es ist natürilch auch OK, aber von Vorteil ist es natürlich immer, wenn man ein gesammeltes

[00:13:17]  Konvolut von dem haben. Lukas: Ja natürlich [Tobias räuspert sich] aber die Kriterien nach dem ein privater Sammler seine

[00:13:25]  Sammlung ordnet oder erschließt oder auch nicht erschließt, sind ja nicht unbedingt deckungsgleich

[00:13:31]  mit dem, was wir machen. Aber grundsätzlich ist natürlich ein Konvolut aus 10.000 Postkarten

[00:13:36]  interessanter als 10 Einzelpostkarten, das ist ganz klar. Aber das ist sicher eine der Hauptquellen

[00:13:43]  und dann natürlich Wohnungsräumungen sind etwas, was wir auch sehr gerne machen, aber natürlich auch

[00:13:49]  gezielt am Markt kaufen, also Auktionshäuser oder ähnliches und was auch sehr hilfreich ist, dass

[00:13:58]  wir so mehrere, also ich sage Sympathisanten haben, die für uns die Flohmärkte abwandern und [Tobias räuspert sich]

[00:14:08]  Zeug kaufen, um es uns dann zu schenken, beziehungsweise wenn es andere Sachen sind,

[00:14:14]  oder auch uns halt einfach weitergeben. Das ist eine wichtige Quelle, weil keiner von uns die Zeit

[00:14:20]  hat, jeden Flohmarkt abzugehen jede Woche, das geht nicht. Und so kommt doch, denke ich, in Summe

[00:14:28]  eine ganz gute Dichte an Materialien herein, die abseits der klassischen Archivfunktion stehen

[00:14:34]  und auch geliebt und gelebt und gepflegt werden. Ist sicher auch das Salz in der archivischen

[00:14:42]  Suppe, weil also jetzt bei aller Verehrung für Bauakten aber so wahnsinnig spannend ist

[00:14:48]  das Zeug dann auf Dauer auch nicht, aber Fotos oder ähnliche Dokumente sind natürlich

[00:14:54]  viel ansprechender. Man sieht ja, in "Innsbruck erinnert", dass wir da ja nicht allein stehen,

[00:15:00]  sondern dass ganz unglaublich viele Leute auch ihren Spaß daran haben und das ist ja sehr schön.

[00:15:07]  Tobias: Ja. Jetzt haben wir natürlich recht viel gehabt, was wir sammeln, gehen wir vielleicht mal auf die

[00:15:14]  nur kurz auf die, weil das ist relativ schnell beantwortbar und ich nehme jetzt da mal wieder die Rolle des

[00:15:19]  Umwissenden ein, was mir ja relativ leicht fällt. [lacht] Aber das ist natürlich auch etwas, was mir dann

[00:15:27]  auch aufällt, gerade bei der "Langen Nacht" nachher dann kommen wir darauf zu sprechen, wie

[00:15:31]  werden bei uns überhaupt oder wer überhaupt die Sachen anschauen darf und wie, wobei wer ist

[00:15:38]  eigentlich relativ leicht geklärt, weil es darf an und für sich jeder... Lukar: Jeder, wenn nicht der

[00:15:44]  Datenschutz dagegen spricht. Tobias: Genau. Lukas: Also der Schutz der persönlichen Daten, also man denkt

[00:15:49]  an Gesundheitsakten zum Beispiel. Tobias: Personalakten. Lukas: Personalakten und so Sachen, die sind natürlich tabu,

[00:15:56]  das ist gesetzlich genau geregelt, ansonsten steht jedem jedes Objekt zur Verfügung und jeder kann

[00:16:05]  alles sehen. Es ist natürlich zum Teil in der Datenbank erschlossen oder in mehreren Datenbanken

[00:16:10]  erschlossen, aber es ist auch, man kriegt auch jedes Objekt eine mittelalterlichen Urkunde

[00:16:17]  oder so, auch vorgelegt, wenn es ist. Es ist halt nicht immer alles gleich zur Hand, weil in der

[00:16:23]  Badgasse und Feldstraße sind weit auseinander, die zwei Lager, aber grundsätzlich steht alles

[00:16:29]  zur Einsicht zur Verfügung und das denke ich ist auch ganz wichtig. Tobias: Man kann auch selber recherchieren

[00:16:35]  von unten. Tobias: Das ist für uns ja auch von Vorteil. Lukas: Man kann auch selber recherchieren unter Anleitung. Das ist sehr hilfreich. Nein, also ich glaube,

[00:16:42]  man versucht möglichst wenig... Tobias: Barrieren. Lukas: Barrieren in den Weg zu legen, ganz im Gegenteil. Sicher sind

[00:16:50]  wir noch im Bereich der Onlinestellung der Daten im Verzug, aber das ist schlicht und

[00:16:57]  ergreifend aus Ressourcenmangel nicht anders machbar, aber eines Tages wird das auch gehen.

[00:17:03]  Und so muss man halt vor Ort recherchieren, aber ich denke, die Zugänglichkeit und auch die

[00:17:09]  Tiefe, was bei manchen Objekten schon an Beschreibung da ist, ist schon ganz beachtlich. Natürlich

[00:17:17]  ist es immer eine Abwägung, wie viele Personalressourcen haben wir und wie viele Objekte haben wir. Also

[00:17:24]  das ist sicher ein sehr schwieriger Spagat. Und dann sollte möglichst noch jeder Stadtteil abgedeckt

[00:17:32]  sein. Es sollte jede... ich weiß nicht, jedes Haupthobby der Innsbrucker vom Skifahren über Skitouren, über Paragleiten,

[00:17:39]  über Musik. Tobias: Nationalsport, Fußball. Lukas: Fußball [lachend] Ja, hat es auch mal gegeben. Also es sollte dann auch noch abgedeckt

[00:17:47]  sein und allein wenn man denkt, wie viele Fußballvereine es gibt und gab, wer allein das

[00:17:53]  schon wieder fast für einen [Tobias räuspert sicht] Menschen ein Bereich. Also da muss man einfach schauen,

[00:18:00]  was geht und was geht nicht. Beziehungsweise welche Interessen haben Menschen von vorn

[00:18:05]  herein und sind, ich weiß nicht, bei der Feuerwehr, bei der Musik oder sonst wo. Das ist natürlich dann schon

[00:18:11]  sehr, sehr hilfreich und trotzdem bleiben es immer nur einzelne Mosaiksteinchen eines

[00:18:16]  gesamten Bildes. Tobias: Ja. Ja, weil was wir, mir eben auch aufgefallen ist, vor allem, wirklich ganz stark bei

[00:18:24]  der "Langen Nacht" ist, wo ja dann die Menschen schon durch die Stadt ziehen mit ihrem Ticket,

[00:18:28]  wo sie überall rein kommen und bei uns, wir haben ja auch offen, logischerweise bei der "Langen

[00:18:33]  Nacht". Und wie dann die Leute da eigentlich erstaunt sind, was wir alles haben und da ist

[00:18:38]  irgendwie wie so eine Hemmschwelle, die Tür ins Archiv und weil wir sind natürlich ein

[00:18:42]  bisschen versteckt in der Badgasse, aber gerade bei der "Langen Nacht" kommen dann doch viele

[00:18:46]  recherchieren, dann informieren sich die, was wir alles haben. Sie schaffen es doch zwar

[00:18:50]  meistens nicht ein zweites Mal ins Archiv [lacht], aber es ist trotzdem interessant finde ich. Wir

[00:18:56]  dann doch irgendwo so, aha, so dieser AHA-Effekt dann durchkommt. Lukas: Ja, aber wenn du, wenn du dir

[00:19:01]  überlegst, die, wie werden Archive oder Archivare in diesen unsäglichen Hollywood-Filmen... Tobias: Ja.

[00:19:09]  ...dargestellt, das sind immer verschrobene alte Männer mit einem langen Bart und die in

[00:19:18]  irgendeiner Fantasiewelt leben und... Tobias: Alles verstaubt. Alles liegt... Lukas: Alles verstaubt. Tobias: Und [unverstädnlicht] überall.

[00:19:25]  Kein System, also... Lukas: Diese dummen Klischees, die halt vor allem von Hollywood transportiert

[00:19:33]  werden, die sind auch Mangels gegen Darstellungen, genau, wie soll ich sagen, Imagebildend.

[00:19:41]  Und nachdem nicht jeder ein ausgeprägtes historisches Interesse oder was hat, glaubt man halt diesen

[00:19:49]  Darstellungen und ist dann ganz überrascht, wenn es dann doch ein bisschen anders in der

[00:19:53]  Realität ausschaut. Das darf man sich eigentlich überhaupt nicht wundern. Es ist schade, dass

[00:20:02]  es einem, dass die Leute nicht öfter so mehr ihrer eigenen Vergangenheit oder den Spuren

[00:20:08]  der Familie nachgehen oder des Wohnhauses, wo sie wohnen. Aber grundsätzlich ist es

[00:20:15]  schon interessant, dass das Image ein staubiges ist und wie ich angefangen habe im Stadtarchiv

[00:20:23]  war ich Ende 20. [lacht]

[00:20:25]  Tobias: Jetzt bist du Ende 30. [lachen] Lukas: Jetzt bin ich alt, grau und glatzert [Dialekt für eine Glatze haben].

[00:20:31]  Ja, aber das ist schon beklemmend. Aber dieses Image ist sicher aus Film und Fernsehen.

[00:20:40]  Tobias: Das ist es ganz stark.

[00:20:42]  Ah. Vielleicht sollte man noch sagen, dass bei uns natürlich keine, also dass normalerweise keine Kosten anfallen für einen

[00:20:49]  Archivbesuch. Anders jetzt vielleicht wenn, für Drucken und wo haben wir Preise? Bildrechte, wenn für Publikationen,

[00:20:58]  für kommerzielle Zwecke so etwas, aber das sollte vielleicht auch noch einmal klar oder

[00:21:02]  stark gesagt werden, dass es eigentlich eine gratis Dienstleistung von der Stadt ist.

[00:21:06]  Lukas: Das ist eine Dienstleistung der Verwaltung an den Steuerzahler. Es kostet nichts außer

[00:21:11]  Zeit und außer man macht irgendeine kommerzielle Nutzung von einem Foto auf einem Kaffeehäfer.

[00:21:20]  Tobias: Lukas, das kann ich jetzt dich eigentlich gut fragen, nachdem du seit über 20 Jahren... Nein,

[00:21:27]  Leitung hast du seit... Lukas: 25. Tobias: 25 schon?

[00:21:29]  Lukas: Bin im 25. Jahr.

[00:21:31]  Tobias: Ja, weil ich denke mir es, [lacht] die Veränderung von der Institution Archiv muss ja doch auch,

[00:21:39]  vielleicht nicht ständig, aber doch, markant gewechselt haben, zu jetzt, weil ich mein,

[00:21:45]  das kann ich... bin hier seit, ja seit zwei Jahren im Dienst oder was.

[00:21:49]  Lukas: Verwaltung hat sich als solches ganz generell unendlich verändert. Ich mein 25 Jahre sind

[00:21:57]  natürlich schon ein langer Zeitraum und ich kann mich noch erinnern, dass alle diese

[00:22:05]  Verwaltungsprozesse, die heute als E-Mail in Sekunden schnelle hin und her gehen, früher

[00:22:11]  ja alles in handgeschriebenen Listen geführt wurde, also Urlaubs-Listen, Budget-Listen,

[00:22:19]  Ausgaben-Listen. Da hat es einen Durchschlag gegeben und dieses Durchschlagpapier ist eins

[00:22:24]  vor Ort geblieben, das Original ist vom Amtsboten hinaufgetragen worden. Dann hat der Chef

[00:22:31]  und der nächste Chef ein Hakel [Dialekt für Häkchen] drauf gemacht und dann ist es irgendwann genehmigt

[00:22:36]  worden, wieder zurückgekommen. Das sind Prozesse gewesen, die man sich heute überhaupt nicht

[00:22:40]  mehr vorstellen kann, wie langsam und beschaulich das zugegangen ist, also in der gesamten

[00:22:48]  Verwaltung. Natürlich gilt es auch für Anfragen, da ist ein Brief gekommen und den hat man

[00:22:53]  dann gelesen und dann hat man mal darüber nachgedacht und dann hat man drei Tage später

[00:22:58]  mal sich die Sachen zusammengesucht und dann hat man geantwortet und war beachtlich schnell,

[00:23:04]  wenn man nach einer Woche ein Brief zurückschrieben hat. Heute kann es passieren, dass man auch

[00:23:09]  drei, vier Stunden bei einer Anfrage schon ein zweites Mail kriegt, warum man noch nicht

[00:23:14]  geantwortet hat, was ich auch immer wieder als beachtlich unhöflich empfinde. Nicht

[00:23:21]  nur Verwaltung hat sich, also nicht nur in der Technologie und in der Umschlagsgeschwindigkeit

[00:23:28]  geändert, es haben sich sicher auch die Umgangsformen damit sehr deutlich verändert. Tobias: Wie

[00:23:34]  meinst die Umgangsformen? Lukas: Naja es gibt, also keinen "Sehr geehrten Herrn Senatsrat"

[00:23:39]  mehr oder es gibt keine Verabschiedungsfloskeln mehr, sondern es heißt dann "LG" und "BG", was ich

[00:23:45] was mir unendlich auf die Nerven geht. Tobias: Was "BG"? Bbbb... Ah Beste Grüße. Ja. Lukas: Ich finde es auch einen

[00:23:53]  wirklichen Ausdruck der Nicht-Wertschätzung, dass man sich nicht die Zeit nimmt, einen

[00:23:57]  Groß auszuformulieren, aber ja das ist halt so und wenn es nur ein Textbaustein ist, aber

[00:24:04]  bitte. Dadurch sind natürlich auch Schwellen abgebaut worden und ich begrüße diese grundsätzlich

[00:24:09]  in aller Form natürlich, dass es légèrer [franz. lockerer] und unkomplizierter geworden ist, aber es ist

[00:24:15]  wirklich kein Stein auf dem anderen geblieben in diesen 25 Jahren. Für das Archiv selber,

[00:24:22]  abgesehen jetzt von Themen wie der elektronische Akt, der ein ganz großes und ganz schwieriges

[00:24:32]  Kapitel ist, hat sich auch der Sammel-Schwerpunkt sicher verlagert. Früher wurden einzelne

[00:24:40]  Dokumente oder Gemälde gekauft, die sozusagen repräsentativ

[00:24:45]  und opulent waren und teuer waren. Und in den letzten Jahrzehnten haben wir sehr viel Alltagsgut

[00:24:55]  versucht zu sammeln. Das ist keine Wertung und das ist nicht besser oder schlechter,

[00:25:00]  es ist halt anders. Es wird ja auch ein Leben bald einmal nach mir geben und dann wird jemand da sein,

[00:25:09]  der wieder andere Schwerpunkte legt. Das ist auch, denke ich, gar nicht schlecht so, dass es dann sozusagen einen

[00:25:16]  guten Durchschnitt gibt. Wie ich angefangen habe, waren wir zu dritt. Tobias: Zu dritt? Lukas: Zu dritt. Die Frau Justitsch,

[00:25:24]  der Herr Dr. Wuritschka und ich. War jetzt auch kein leichter Einstieg, muss ich auch sagen. Tobias: Aber war... Vor dir

[00:25:34]  war ja der Franz-Heinz Hye ja? Lukas: Ja. Tobias: Ist der.. Also du bist aber schon unter... also wie er war, warst du schon, oder bist du? Aha. Lukas: Das war halbes Jahr

[00:25:43]  Interregnum [lat. Zwischenherrschaft] [Tobias im Hintergrund: Aha] und dann bin ich als damals 28-jähriges Bürschel gekommen und natürlich...

[00:25:49]  Tobias: Ein Oberösterreichern noch dazu? Lukas: Noch dazu Ausländer. Tobias: Wer es noch nicht rausgehört hat! Lukas: Ich habe auch niemanden im

[00:25:55]  Rathaus gekannt, der was auch die Mechanismen, auch so Dinge, was ist ein Dienstweg, was ist ein Referat,

[00:26:02]  was ist ein Amt, was ist ein Abteilung. Ich habe ja keine Ahnung gehabt. Und die zwei Mitarbeiter haben

[00:26:12]  natürlich auch am Anfang sich schwer getan von einem jungen Buben, sich was sagen zu lassen. Und

[00:26:17]  wenn du jemanden sagst, das macht man nicht mehr so, sondern anders, dann heißt es ja indirekt auch,

[00:26:24]  du hast es jetzt 20, 25 Jahre verkehrt gemacht, was es ja nicht ist. Aber trotzdem wird es natürlich

[00:26:31]  so empfunden. Aber ich denke, wir haben uns respektvoll irgendwie... Tobias: Entgegengekommen. Lukas: Entgegengekommen. Es war sicher für

[00:26:41]  alle Seiten nicht einfach. Es hat eben auch große Vor- und große Nachteile weit weg vom

[00:26:47]  Rathaus zu sitzen. Aber es ist sicher, also anfangs war es vielleicht auch gut, dass ich nicht gewusst habe, was

[00:26:55]  auf mich zukommt. Tobias: Denkst du, du hättest dich anders entschieden? Oder... Es ist jetzt...

[00:27:00]  Lukas: Schwer zum sagen was anderes... Mich wundert heute noch das enorme Vertrauen, was der damalige

[00:27:08]  Bürgermeister van Staa in mich gesetzt hat, weil er gesagt hat, du machst das schon. Und ja,

[00:27:14]  das war schon beachtlich. Und ich weiß nicht [lacht], kann nicht beurteilen, ob das was er sich

[00:27:23]  erwartet hat [beide lachen] eingetreten ist oder nicht. Das kann ich nicht... das müsste er sagen. Aber es waren

[00:27:30]  schon die ersten Jahre schwierig. Dann war... die Raumverhältnisse waren recht desolat. Es war also Schimmelbefall

[00:27:38]  im Keller, sehr umfangreich. Es war technisch alles Stand 1969 mit ein bisschen Adaptierungen in

[00:27:50]  den 80er-Jahren. Also da war es schon grundlegendes zu machen. Und zu dritt ist das natürlich auch

[00:27:57]  nicht ganz einfach. Und das ist schon ein langjähriger Aufbauprozess gewesen. Oder ist es immer

[00:28:06]  noch eine größere personelle Ausstattung zu kriegen, finanzielle Ausstattung, technische

[00:28:12]  Ausstattung. Tobias: Kostet nämlich alles Geld natürlich. Lukas: Kostet alles Geld. Ist alles auch nicht ein oder die meisten

[00:28:18]  Sachen sind ja nicht einmalige Ausgaben, sondern dauernde. Und die steigen auch natütlich, und dann bleibt natürlich unter dem

[00:28:25]  Strich auch immer die Frage, für was braucht man das. Das Thema taucht alle paar Jahre einmal auf.

[00:28:31]  Wir brauchen das nicht so groß, aber das ist alles ein Blödsinn. Tobias: Braucht es das wirklich? Geht nicht weniger auch? Lukas: Genau,

[00:28:37]  der Akt. Das ist ja eh abgeschlossen. Das Haus steht ja jetzt. Wieso braucht man den Bauakt noch? Das sind

[00:28:44]  alles Fragen, die man sich immer wieder einmal stellen muss. Durch das Tiroler Archivgesetz ist

[00:28:52]  es einmal zumindest verankert, dass es einen Archiv geben muss. Und trotzdem ist es immer wieder natürlich

[00:28:57]  eine Herausforderung, dass man sagt, man braucht halt Geld, um weitersammeln und arbeiten zu können.

[00:29:05]  Momentan ist es einmal auch von politischer Seite sehr gut abgesichert und steht eigentlich außer

[00:29:12]  Frage, aber es können wieder andere Zeiten kommen und dann muss man sich wieder unter

[00:29:17]  Daseinsberechtigung stellen und ja, ich denke, es wird schon gehen, aber es ist schon eine laufende

[00:29:24]  Herausforderung. Tobias: Und was man jetzt noch während der Eingefallen ist, was ich jetzt gerade erst

[00:29:30]  vor kurzem wieder mal gefragt worden bin, ist auch schon mal durch ein Archivgast bei der Recherche

[00:29:35]  passiert. Der hat mich dann auch gefragt, ob es eigentlich die Möglichkeit gibt bei uns. Bei dem war es der

[00:29:40]  Fall, dass er sich nach Gemälden erkundet hat von verschiedenen, ich glaube, es waren immer

[00:29:47]  Innsbrucker. Und hat dann gefragt, ob es auch die Möglichkeit gibt, die quasi wieder käuflich zu

[00:29:51]  erwerben. Da habe ich mir gedacht, okay, nein, das sollte man vielleicht noch mal sagen. Ich bin nämlich

[00:29:56]  auch privat nochmal gefragt worden, wie ich eine Erführung da in der Feldstrasse gemacht habe,

[00:29:59]  ob wir da auch wieder was hergegeben. Sag ich nein, eigentlich nicht. Also, außer es kommt an eine Dienststelle wieder zurück,

[00:30:06]  aber das ist ja dann mehr eine Ausleihe als wie eine Rückgabe. Lukas: Ja, bei den Kunstbeständen und bei

[00:30:12]  den Aktenbeständen und bei allen anderen ist ganz klar, dass nur digitale Kopien hinaus gehen.

[00:30:20]  Verkauft wird sowieso kategorisch nichts. Es gibt zwar in einer Unterländerbezirkshauptstadt...

[00:30:26]  Tobias lachend: Sollen wir das Thema anschneiden? Lukas: Eh ja. Mit einer Festung oben auf, die verkaufen Kunstbestände und Kunst zu kaufen. Das ist aus meiner

[00:30:40]  persönlichen Sicht so ziemlich das aktionistischste und kurzsichtigste, was man machen kann. Und ich

[00:30:48]  hoffe, sie ruinieren nicht zu viel von einer systematischen Sammlung, die es dort gibt. Aber

[00:30:55]  das ist bei uns sogar mit per Gemeinderatsbeschluss beschlossen worden, dass nichts hinausgehen

[00:31:01]  darf. Von den Aktenbeständen braucht man überhaupt nicht reden, aber auch von den Kunstwerken nicht.

[00:31:07]  Tobias: Außer natürlich für andere Ausstellungen. Es gibt ja schon die Möglichkeit, dass man Sachen

[00:31:11]  für eine Ausstellen. Wir haben jetzt gerade... Lukas: Ja, der Verkehr ist natürlich möglich. Das ist ja auch ...

[00:31:16]  Tobias: Geschäftspraxis. Lukas: Auch gewünscht. Wir wollen ja auch unsere Objekte herzeigen, wenn sie woanders

[00:31:24]  passen. Wir haben jetzt zum Beispiel in der Ausstellung vom Landesmuseum über die Restauratoren,

[00:31:31]  über die Arbeiterrestauratoren haben wir ja auch einige Objekte verliehen. Wir haben ...

[00:31:37]  Tobias: Eh vom Klammer, den Ski-Anzug oder? Lukas: Ja, und auch ander Sachen. Tobias: Ja, ja. Eh auch ganz

[00:31:43]  berühmt, war ja auch das Beispiel wo... zum Maximilian-Jahr glaub ich war das oder? Wo in New York im MoMA,

[00:31:51]  oder war das? Lukas: Nachdem ja auch das Museum im Goldenen Dachl seit einigen Jahren bei uns

[00:31:57]  dazu gehört, sind ja auch die Objekte des Goldenen Dachls und von dort die Reliefs,

[00:32:01]  die Original Reliefs vom Goldenen Dachl hochbegehrte Leihobjekte, die waren also in New York.

[00:32:08]  Und jetzt sind sie, sind einzelne Speyer, dann waren sie im Belvedere. Da haben wir aber jetzt einen

[00:32:15]  politischen Beschluss beigeführt, dass nur noch bestimmte Reliefs leifähig sind und die anderen

[00:32:22]  nicht mehr. Tobias: Wer entscheidet das... Also bleibt die Entscheidung dann, ob die verliehen werden

[00:32:27]  bei dir, oder ist das politisch quasi auch im, sei es Gemeinden, wie oder Stadtsenat,

[00:32:35]  oder so entschlossen? Lukas: Grundsätzlich ist die Leifähigkeit eines Objekts bei normalen,

[00:32:42]  sage ich mal unter Anführungzeichen bei normalen Objekten liegt sie bei mir und ich entscheide,

[00:32:46]  ob das Objekt für uns einmal die grundsätzliche, wie soll ich sagen, ob wir sie grundsätzlich

[00:32:56]  ein Objekt herleihen wollen. Dann gibt es den Aspekt der restauratorischen und konservatorischen

[00:33:03]  Erhaltung, ich meine, das ist jetzt bei einem Foto beispielsweise, ein geringeres Problem,

[00:33:09]  als bei den Reliefs vom Goldenen Dachl. Da entscheidet dann auch das Denkmalamt mit, wobei ein Objekt

[00:33:15]  vor allem ins Ausland verbracht werden darf, da braucht es Ausfuhrgehennigungen und so weiter.

[00:33:20]  Das ist dann schon relativ kompliziert. Ist vor allem bei Kunstwerken ein Thema, ansonsten entscheide ich

[00:33:28]  das und halte mit dem politischen Ressort zuständigen oft Rücksprache, ob das im Sinne der Stadt

[00:33:37]  ist oder nicht, aber das sind eigentlich meistens relativ klare Entscheidungen, die recht schnell

[00:33:43]  zu klären sind. Also, sehe da eigentlich wenig Grund, Objekte zurückzuhalten, außer sie sind

[00:33:51]  gefährdet. Tobias: Wegen, durch Transport [unverständlich]. Das ist ja klar. Lukas: Aber ansonsten freuen wir uns natürlich,

[00:33:59]  wir haben pro Jahr zwischen 10 und 30 Leihanfragen so in etwa. Also jetzt spontan fällt mir ein

[00:34:06]  Speyer. Ich glaube, Kitzbühel hat was. Tobias: Genau, da ist die Feuerwehr [unverständlich] Lukas: Bozen, Trient,

[00:34:12]  sind jetzt laufend im Landesmuseum. Tobias: Vor allem beim Landesmuseum oft mehrere stehen,

[00:34:18]  nicht nur im Landesmuseum selber, sondern im Volkskunst. Lukas: Ja, also das sind schon, und das ist auch,

[00:34:25] Schloss Ambras ist auch eigentlich Dauerleihnehmer immer wieder, für Sonder-Ausstellungen.

[00:34:30]  Ich finde es auch sehr wichtig, dass mein freundschaftlichen und kollegialen Austausch pflegt.

[00:34:36]  Das ist sicher was, was sich in den letzten Jahren sehr, sehr stark verbessert hat, was mich sehr

[00:34:42]  freut, dass man sowohl mit dem Landesmuseum, dem Landesarchiv und den lokalen Museen,

[00:34:49]  beziehungsweise den Archiven in ganz Österreich eigentlich fast durchgehend einen sehr freundschaftlichen

[00:34:56]  und kollegialen Kontakt haben. Also kann schon auch mal sein, dass Christoph Heydacher und ich beim

[00:35:04]  Bier beieinander sitzen, auf Nacht. Tobias: [holt erschreckt Luft] Um Gottes Willen! Lukas: Ja, bei einem. [Tobias lacht] Lukas:  Und man Dinge besprechen kann und

[00:35:13]  austauschen kann. Man sieht es jetzt an unserer Residenzausstellung. Das sind eigentlich sehr,

[00:35:19]  sehr wertvolle Highlights aus allen Sammlungen da. Wir haben das "Cranachbild" von Mariahilf

[00:35:28]  gehabt, also letztes Jahr, einen Monat lang. Also das sind schon Objekte, die sehr wertvoll sind,

[00:35:35]  und da muss schon ein Vertrauen über das technische hinaus da sein, dass man solche Dinge bekommt.

[00:35:42]  Das freut mich und es ist auch schön zu sehen, dass man sich austauscht und auch Objekte, die

[00:35:50]  wir tauschen eben mit dem Landesmuseum, wenn wir Plakate beispielsweise mehrfach haben, dann kriegt

[00:35:56]  immer eine Kopie das Landesmuseum und auch umgekehrt, genauso bei Fachliteratur. Das ist ein

[00:36:03]  ganz freundschaftlicher, ungezwunger Austausch, den ich sehr schätze und auch fachlich, wenn man

[00:36:10]  sich wo nicht auskennt oder sicher ist, dass man sich da besprechen kann. Tobias: Ja, es ist auch immer

[00:36:15]  von Vorteil. Lukas: War aber nicht immer so. Tobias: Ja. Denke ich mir. Aber ich muss das auch sagen, dass ist acuh etwas, das ich sehr schätze,

[00:36:22]  dass ich mich immer an wen eigentlich auch wenden kann oder auch weiter leiten kann,

[00:36:26]  weil es ist nicht selbstverständlich an und für sich. Gerade wenn ich an frühere Diensverhältnisse

[00:36:32]  in andere Bereiche denke und so. Da wird das ja auch immer als Last empfunden. Lukas: Ja, und auch

[00:36:37] ich mein jetzt die Residenzaustellung ist die Gertraud Zeindl, die früher bei uns war, jezt im

[00:36:41]  Landesarchiv ist seit vielen Jahren. Tobias: Die dann eh auch in einer Folge gekommen wird. Lukas: Die auch eine Folge...

[00:36:45]  Tobias: [lachend] Die ich verpflichtet hab sozusagen. Lukas: Vorurteilt wurde zu einem Beitrag. Hat jetzt die Ausstellung

[00:36:51]  gemacht, die nächste Ausstellung über den Brennbau ist Zusammenarbeit mit dem Landesmuseum, also das

[00:36:58]  finde ich sehr schön und sehr wichtig und nicht selbstverständlich und ja, das ist eigentlich

[00:37:05]  ja sehr schön. Tobias: Und so soll es eigentlich sein, diese Synergien nutzen, um dann was gescheites auf

[00:37:11]  die Beine zu stellen. Lukas: Was auch noch ein ganz wichtiger Punkt ist, sind unsere Publikationen.

[00:37:18]  Tobias: Oh ja, stimmt, die haben wir auch noch nicht erwähnt. Lukas: Gibt eine, seit den 50er Jahren, gab es eine

[00:37:26]  Publikationsreihe, die so 40 Seiten Hefte waren ursprünglich und dann in der Zeit von

[00:37:33]  der Monika Fritz begonnen, glaube ich, aber vor allem unter Franz-Heinz Hye ausgebaut, eine

[00:37:43]  Publikationsreihe, die jetzt fast 80 Bände umfasst. Das ist schon für ein kleines Archiv schon eine

[00:37:52]  ganz anständige Reihe geworden. Die Themen zur Stadtgeschichte Innsbrucks und seiner Umgebung

[00:38:00]  behandelt ganz unterschiedlich vom Flugwesen, über die Tiroler-Arbeiterbäckerei, jetzt erscheint

[00:38:10] ein Band über die Kanalisation. Das hat vor zwei Jahren einen Band über die Stadtpläne, über

[00:38:16]  die Historischen gegeben. Jetzt hat es einen Band über die Stadtansichten in Kupfer und Stahlstichen

[00:38:23]  gegeben, war auch über Sozialvereine des 20. Jahrhunderts. Tobia: Ich habe gehört, da haben wir noch

[00:38:30]  drei so ganz interessante Bände über das Alltagsleben, das Innsbrucker Alltagsleben durch die Jahre.

[00:38:35]  [Tobias räuspert sich] Erinner mich nochmal Lukas Moscher, wer der Autor war. [lacht] Ich glaube, der heißt auch Lukas Moscher,

[00:38:44]  ist der mit dir eventuell verwandt? Lukas: Kann ich mir nicht vorstellen. Tobias: Nein, ich glaub auch nicht. Lukas: Diese Bände, die Alltagslebenbände

[00:38:51]  haben mir wahnsinnigen Spaß gemacht zu machen. Sie sind auch ganz nett unter die Leute gekommen,

[00:38:58]  das freut mich. Also auch wenn man nicht ausgeprägt Eitel ist freut es einen immer, wenn man irgendwo

[00:39:05]  in einem Regal, wenn man wo zu Besuch ist, ein eigenes Buch stehen sieht, dann haben Leute entweder

[00:39:12] das Buch geschenkt bekommen oder eigenes Geld dafür ausgegeben. Das freut einen. Mache ja auch für eine

[00:39:20]  Buchhandlung seit ein paar Jahren, so einen historischen Kalender. Und den sieht man dann relativ

[00:39:26]  häufig irgendwo hängen. Das macht dann schon Freude und Spaß. Aber die Publikationsreihe als

[00:39:33]  solches ist eine wichtige Form, wobei ich leider feststellen muss, dass die Verkaufszahlen

[00:39:41]  beängstigend geringer werden, weil die Leute mehr im Internet unterwegs sind als Bücher zu lesen.

[00:39:48]  Bücher kosten Geld, Internet angeblich nicht. Tobias: Strom halt zumindest oder den Handyvertrag. Lukas: Wir machen

[00:39:56]  uns ja mit "Innsbrucker erinnert" selber eine zeitgemäße Konkurrenz. Tobias: [lachend] Und mit diesem Format auch quasi was wir aufnehmen

[00:40:01] Lukas: Un mit diesem Format, das ja immerhin also schon fast Hollywood-Dimensionen erreicht. [Tobias lacht] Lukas: Mir sind

[00:40:08]  schriftliche Publikationen sehr wichtig, wobei es mir schon sehr zu denken gibt, dass die Verkaufszahlen

[00:40:18]  schon sehr sehr sinken. Und man wird das in den nächsten Jahren sicher kritisch hinterfragen

[00:40:23]  müssen, wenn das so weitergeht. Wie lange kann man [lacht] dem Steuerzahler noch zumuten, das zu zahlen,

[00:40:31]  beziehungsweise auf der anderen Seite. Es ist ja auch zunehmend schwierig, einem Autor oder einer

[00:40:36]  Autorin zu sagen, du hast so eine tolle Diplomarbeit zu einem Thema geschrieben, mach doch ein Buch

[00:40:42]  draus, wenn dann sehr wenige Stück verkauft werden, kann man eigentlich am jungen Menschen

[00:40:49]  kann immer zumuten, ein Jahr Zeit zu investieren, wenn dann 100 Stück oder 200 Stück verkauft werden.

[00:40:55]  Das muss man im Auge behalten, wird sicher eine schwierige Entscheidung der nächsten Jahre sein.

[00:41:01]  Wir versuchen jetzt mit Werbung neue Schichten zu erreichen, aber ich bin mir nicht sicher,

[00:41:08]  ob es in einigen Jahren die Reihe in der Form noch geben wird können. Tobias: Die Zukunft scheint immer

[00:41:15]  digitaler und immer weniger analog zu werden. Sei es von den Aktenbeständen, von den Publikationen,

[00:41:20]  weil ich denke ja auch auf die Uni, ich glaube die Uni Wien macht es ja mittlerweile

[00:41:24]  ganz ganz verstärkt, dass sie ja auch nur mehr oder viele Sachen, glaube ich, nur mehr online

[00:41:28]  publizieren. Also wirklich nur als PDFs online quasi, [unverständlich], was meiner Meinung

[00:41:34]  nach im mehr Nachteile eigentlich mit sich bringt, als wie Vorteile, aber ich mein, das ist für uns

[00:41:39]  auch irgendwo... Lukas: Ja man muss sich einfach die Frage stellen, ist ein Buch zur Lokalgeschichte noch zeitgemäß?

[00:41:47]  Also keine Ahnung, ein Buch über die Geschichte der Innsbrucker Innbrücken, ist das noch zeitgemäß,

[00:41:58]  ein Buch darüber zu schreiben, oder sind das fünf "Innsbruck erinnert" Beiträge oder ein PDF,

[00:42:06]  das man online stellt und hofft, dass es irgendwer liest. Das ist ja kein Phänomen, das bei uns liegt,

[00:42:13]  sondern das ist ja überall zu sehen. Viele kleinere Stadtarchive haben überhaupt die

[00:42:19]  Publikationsreihen schon vor Jahren eingestellt. Das haben eigentlich nur noch die Archive in

[00:42:26]  Landeshauptstädten, Publikationsreihen und da sind wir sicher in Österreich mit Abstand die

[00:42:32]  Eifrigsten, was die Herausgabe von Bänden angeht. Das ist sehr schön, aber eben wie gesagt,

[00:42:38]  das ist schon ein Punkt, den man ganz genau beobachten wird müssen, wie lange man diese Form

[00:42:45]  der Publikation noch fortführen kann. Außer es kommt zu einem Wechsel und die Leute kaufen wieder

[00:42:53]  mehr Bücher. Das weiß ich nicht, aber wir könnten ja auch eine kleine Anregung sein. Tobias: Das heißt,

[00:42:58]  was geben wir unsere Hörerinnen und Hörer auf... Lukas: Beiden. Tobias: Beiden ja. Beiden für die Zukunft mit oder was sie

[00:43:05]  davon von unserer Folge jetzt, für diese ersten Folge mitnehmen. Erstens vielleicht, dass sie gerne jederzeit

[00:43:11]  bei uns vorbeikommen dürfen. Lukas: Das ist sicher der wichtigste Punkt, also wer sich für uns, für

[00:43:16]  Geschichte, für Häuser, für Menschen, für Vereine oder so was... Tobias: Und sei es nur historische

[00:43:21]  Ansichten. Lukas: Oder fesche [Dialekt für schön] Fotos alte, interessiert, soll einfach einmal vorbeischauen. Wir

[00:43:27]  beißen nicht, ganz im Gegenteil, wir freuen uns, wenn ihr kommt. Wir stehen offen, wir kosten keinen

[00:43:32]  Eintritt, helfen gerne bei Recherche mit. Das ist überhaupt kein Thema. Wir haben auch alle

[00:43:38]  erforderlichen technischen Geräte zum Scannen und so weiter, die gratis zur Verfügung stehen.

[00:43:43]  Ist der eine Teil. Der zweite Teil ist, wir haben eine langsam, aber doch wachsende digitale

[00:43:51]  Plattform auf unserer städtischen Homepage. Wir haben alle Adressbücher der Stadt online stehen.

[00:43:57]  Wir haben verschiedene andere Dokumente, die wir sukzessive erweitern online,

[00:44:03]  beispielsweise 9000 Plakate, digital online, nur so als kleine Ding. Dann haben wir natürlich

[00:44:11]  mit "Innsbruck erinnert", wer es nicht kennt, unbedingt anschauen, eine wirklich täglich

[00:44:16]  wachsende Plattform, die unglaublich viel aufgerufen wird. Also muss sie schon dem Zeitgeist auch

[00:44:24]  entsprechen und auch ganz nett sein, nehm ich an. [Tobias lacht] Tobias: Vielleicht auch nicht immer ganz unkontrovers.

[00:44:31]  Nein aber, unkontrovers ist vielleicht ein bisschen zu nahe zu stark... Lukas: Aber die Diskussion ist ja nichts,

[00:44:36]  ist ja nichts schlechtes. Das ganz im Gegenteil. Also es darf ja, so langs nicht auf parteipolitische

[00:44:42]  oder solche Themen geht, aber das tut es eh nicht. Aber die Kommentare sind großteils von

[00:44:49]  beachtlicher Fachqualität und manchmal sind es einfach nur fesche Bilder oder lustige Geschichten.

[00:44:56]  Also das finde ich, ist natürlich auch ein Zeitphänomen. Also wie lange diese Plattform in

[00:45:03]  der Form dem Zeitgeist entspricht, weiß ich nicht. Aber das wird auch auch ein Ablaufdatum haben,

[00:45:09]  eines Tages haben. Tobias: Schauen wir. Lukas: Allerdings momentan ist es offenbar eine Form, die sehr gut angenommen wird.

[00:45:18]  Die Zugriffszahlen steigen immer noch und sind exorbitant hoch. Und natürlich ist es viel

[00:45:25]  Arbeit und bindet auch Personal und verhindert auch die Arbeit an anderen Orten. Das ist ganz klar.

[00:45:33]  Aber ich denke, es ist momentan so wichtig auch in schwierigen Zeiten ein bisschen Abwechslung

[00:45:43]  zu bieten oder virtuelle Spaziergänge zu bieten, dass ich da ganz streng dahinter bin, dass wir

[00:45:50]  da jeden Tag vier neue Fotos einstellen. Und es ist mir auch schon passiert, dass ich um 23 Uhr

[00:45:58]  drauf komme, dass ich für einen Beitrag dran bin und noch nichts habe. Und dann ist man froh,

[00:46:03]  wenn es vor Mitternachtung klappt. [Tobias lacht] Aber mir ist klar, dass es für die Mitarbeiter eine Belastung ist,

[00:46:10]  aber ich erachte es für sehr, sehr wichtig und soll ja auch dem Steuerzahler ein bisschen

[00:46:15]  Vergnügen bereiten. Ansonsten ja, vielleicht ist es auch wichtig, nachzudenken, dass das Klischee,

[00:46:22]  das man im Kino sieht, das Archiv von staubigen Räumen mit alten Männern drinnen, so nicht stimmt.

[00:46:31]  Also, bei mir schon aber sonst nicht. Tobias: Was ist es staubig bei dir? [lacht] Lukas: Wir werden vom Steuerzahler

[00:46:41]  bezahlt und umso mehr freuen wir uns, wenn wir dem Steuerzahler auch eine Dienstleistung zurückgeben

[00:46:47]  können. Und das geht heute am besten, wenn jemand vorbeikommt, anruft, anmailt und wir werden

[00:46:55]  versuchen, so schnell es geht und so gut es geht, weiter zu helfen oder zu antworten.

[00:47:01]  Tobias: Vor allem was ich auch gemerkt habe, wenn jemand vorbeikommt, das ist ja für uns auf der Bereicherung,

[00:47:06]  weil wir auch Sachen, was wir nicht aus Dokumenten ziehen können, auch alltagsgeschichtliche Sachen ja

[00:47:12]  doch irgendwo dann aufnehmen. Das finde ich nämlich auch wahnsinnig interessant an dem ganzen Beruf,

[00:47:17]  weil durch die Arbeit erfährst du dann eigentlich selber auch gleich wieder mehr. Auch wenn du für

[00:47:22]  Anfrage beantwortest, musst du dir selber auf die Suche gehen oder wenn da jemand quasi dann

[00:47:28]  auch aus der Familie ein Geschichte was erzählt, dann kommt dann auch dann relativ viel rüber.

[00:47:33]  Lukas: Also, ich bin in 25 Jahren nicht einmal bei der Tür rausgegangen, ohne dass ich nicht was dazugelernt

[00:47:39]  gehabt hätte. Also das ist sicher einer der ganz reizvollen Aspekte in dem Job, dass man jeden

[00:47:46]  Tag was Neues sieht, lernt, versteht, Zusammenhänge erkennt von Familien oder von Menschen, was

[00:47:53]  mitkriegt und versteht. Und das ist eigentlich was extrem reizvolles, dass man da laufend Neues

[00:48:03]  erkennt. Blöd ist natürlich, dass wenn man eines Tages nicht mehr da ist, dass natürlich mit jedem

[00:48:09]  Menschen, der geht, auch sehr viel Wissen und Fachwissen geht. Das ist ein großes Problem. Ja,

[00:48:17]  ich weiß auch keine Lösung dazu, aber denke mir, das ist gerade bei so etwas, was so aufbauend ist

[00:48:26]  wie in unserem Geschäft, dass ein Mensch, der nach 10, 20 Jahren geht und sagt, ab morgen bin ich

[00:48:32]  Pensionist, da bricht irrsinnig viel weg, was wieder Jahre braucht, bis man sich es arbeitet.

[00:48:38]  Aber es ist irgendwie... es hat noch keinen richtigen Weg gegeben, wie man das Wissen konservieren könnte. Das gibt's

[00:48:45]  blöderweise nicht. Aber ja, mal schauen. Tobias: Gut. Wir sind eh schon relativ foldgeschritten in der Zeit.

[00:48:54]  Das heißt, ich sage noch mal, danke, wir hören die eh noch mal in einer weiteren Folge,

[00:48:59]  in der nächsten sogar. Und wie gesagt, kommt noch mehr vorbei. Kommt zu uns vorbei,

[00:49:04]  es zahlt sich immer aus, muss ich sagen. Es gibt immer was zum Schauen. Lukas: Ja. das auf jeden Fall. Tobias: Das ist wie ein Spaziergang.

[00:49:10]  Tobias: [lachend] Das heißt, es gibt immer was zum Sehen.

[00:49:12]  [Outro-Musik]

Die Leiden der jungen ArchivarIn

Die Leiden der jungen ArchivarIn

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Intro-Musik] Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur zweiten Folge von Archivwürdig, dem Podcast des

[00:00:18]  Innsbrucker Stadtarchivs. In unserer heutigen Folge spreche ich ein weiteres Mal mit Lukas

[00:00:22]  Morscher, dem Leiter des Referats Stadtarchiv/Stadtmuseum. Nachdem wir in der vorigen Folge über

[00:00:27]  das Stadtarchiv selbst gesprochen haben, sprechen wir nun über alltägliche Aufgaben

[00:00:31]  einer Archivarin bzw. eines Archivars. Dazu zählen unter anderem die Bearbeitung von Anfragen,

[00:00:36]  die Erschließung von Archivgut oder auch das Verfassen von Beiträgen. Lukas gibt uns zusätzlich

[00:00:41]  Einblicke in seine zahlreichen Tätigkeiten und beschreibt, wie seine Anfänge im Archiv

[00:00:46]  aussahen und sich das Referat über die Jahre entwickelt hat. Das alles und noch mehr erwartet

[00:00:51]  euch und damit ab in die Folge. Lukas, danke, dass du dich bereit erklärt hast, eine Folge

[00:00:58]  mit mir zu machen. Wir haben in einer ersten Folge ja, in weiten Teilen, quasi das Archiv selbst

[00:01:06]  abgedeckt, was man im Archiv findet, was eh schon ein bisschen vorgegriffen, was so die Arbeiten

[00:01:12]  sind in einem Archiv oder in unserem Archiv eigentlich. Und vielleicht, dass wir jetzt ein bisschen wirklich

[00:01:17]  auf so Arbeitsschritte nochmal im Detail eingehen, wobei sich ja unsere zwei Arbeitsalltage eh

[00:01:26]  wahrscheinlich sehr gut unterscheiden, weil du in der leitenden Funktion natürlich ganz

[00:01:31]  andere, sagen wir mal, in ganz anderen Arbeitskreisen noch schwebst, als wie der quasi ordinäre

[00:01:39]  Archivbückling, der ich bin. Lukas: Ja, schweben, schweben, [lachen] schweben. Da kann ich ja so eine

[00:01:47]  sanft lächeln nicht. Nein, es ist natürlich klar, dass viel Verwaltungsarbeit ist. Tobias: Ich

[00:01:53]  glaube, das können wir gleich schon vorn weg... Also ich glaube, interne Anfragen ist, denke

[00:01:57]  ich, doch das schon ziemlich von dem, was wir tagtäglich bearbeiten, doch würde ich

[00:02:03]  sagen, das häufigste. Das meiste ist glaube ich schwierig zum sagen, aber immer... Lukas: Also

[00:02:10]  ich glaube, dass die magistratsinternen Anfragen zahlenmäßig relativ viele sind, also vor allem

[00:02:16]  Bereich Bau, Bereich Soziales, Tobias: Liegenschaften Lukas: Liegenschaften und so weiter, da kommt doch einiges zusammen.

[00:02:24]  Aber meistens sind das, der, der es kann, kann die Akten ausheben und das ist ein relativ

[00:02:31]  linearer Prozess, was jetzt vielleicht bei den Jugendamtsakten eher zu einer Wissenschaft

[00:02:38]  geworden ist. Aber ansonsten ist es relativ gerade. Anfragen, ich weiß nicht über einen

[00:02:45]  Künstler, der im 17. Jahrhundert in Innsbruck gewesen ist, das sind zahlenmäßig

[00:02:51]  nicht so viele, aber dafür ist es natürlich die Dauer, die man braucht für die Beantwortung

[00:02:55]  wesentlich höher. Es... Ich glaube, es teilt sich auf, was es ja auch ganz angenehm

[00:03:01]  macht. Das Beantworten von Anfragen ist ein Teil, aber natürlich auch neu eintreffendes

[00:03:09]  Material zu sichten oder Angebote zu schauen. Also ein Teil des Reizes, dieses Berufs, ist

[00:03:17]  ja auch der unendliche Facettenreichtum, ob es jetzt irgendein Hinweis ist, dass in

[00:03:25]  irgendeiner Auktion was interessantes ist, selber komme ich gar nicht dazu. Also im Dienst

[00:03:30]  sowieso nicht, eh Auktionskataloge anzuschauen. Tobias: Die wir ja auch regelmäßig zugeschickt bekommen [unverständlich]

[00:03:36]  Lukas: Ja ja. Aber Gott sei Dank haben wir ja auch Sympathisanten, die einfach sagen,

[00:03:41]  hast du schon das gesehen, hast du schon jenes gesehen, das hilft auch. Aber auch wenn jemand

[00:03:47]  entweder was, eine Fotosammlung vorbeibringt vom Opa, der verstorben ist oder auch einmal was verkaufen

[00:03:55]  will, diese Sachen zu sichten, sind sehr reizvoll, ist aber natürlich auch sehr verantwortungsvoll.

[00:04:02]  Man gibt das Geld des Steuerzahlers aus, will aber auf den anderen Seiten den, der da vielleicht

[00:04:09]  nichtswissend kommt, auch nicht schlecht behandeln. Das ist dann immer eine Abwägung, aber meistens

[00:04:16]  kommt man dann auch... Tobias: Auf einen grünen Zweig. Lukas: Auf einen grünen Zweig, ja. Also wenn jemand schon mit falschen Vorstellungen

[00:04:25]  kommt und dann muss ich er es halt wieder mitnehmen, das kommt ganz selten aber doch auch vor.

[00:04:31]  Aber dieser Teil ist sicher was, was auch viel Erfahrung braucht. Ich hab ja... Während dem Studium habe ich

[00:04:39]  zehn Jahre im Handelgearbeit, im Kunst- und Antiquitäten- und Antiquariatshandel gearbeitet.

[00:04:45]  Ich kenne da alle Facetten von Menschen, die Sachen verkaufen wollen. Und ja, da muss man

[00:04:52]  halt einfach fair dem Menschen gegenüber sein, vor allem auch dem Steuerzahler gegenüber.

[00:04:57]  Tobias: Dann würde ich sagen, nehmen wir mal jetzt quasi gleich den Fall her, jetzt übernehmen

[00:05:03]  wir, lassen wir es ein Fotoalbum sein, übernehmen wir oder kaufen wir, je nachdem, ein Fotoalbum

[00:05:10]  von einer Privatperson, einem Auktionshaus ist ja jetzt in dem Fall nicht extra tragisch,

[00:05:15]  sondern man schon dann im weiteren Teil. Wir haben das jetzt da, das heißt, wir gehen

[00:05:24]  jetzt in die Bearbeitung. Das heißt... wir, natürlich ist ja immer das große Thema Provenienz [lat. Herkunft]. Es ist immer

[00:05:31]  abzuklären, das ist natürlich in Zeiten von man hört es natürlich immer in den Medien bei den großen

[00:05:35]  Sachen mit Malereien aus den Nazi... ehm gestohlene Sachen. Das ist jetzt bei uns eher weniger

[00:05:41]  der Fall, oder wie ist das... Ist dir ein Fall bekannt? Nein? Lukas: Mir ist keiner bewusst jetzt. Tobias: Das heißt,

[00:05:47]  wir haben jetzt das Fotoalbum da und wir gehen jetzt in die Arbeit, werden es wahrscheinlich

[00:05:52]  entweder gleich in einem ersten Schritt versuchen zu digitalisieren, wenn es möglich ist. Lukas: Ich

[00:05:56]  würde einen Schritt vorher anfangen. Also wir haben es übernommen, weil es einen Innsbruck-

[00:06:01] Bezug hat. Tobias: Das stimmt. Lukas: Das ist, ich sage mal, der erste Schritt. Entweder die Menschen

[00:06:06]  sind in Innsbruck, aus Innsbruck bedeutende oder weniger bedeutende oder die Motive sind,

[00:06:13]  in irgendeiner Verbindung mit Innsbruck, kann auch sein, zum Beispiel mit der Universität oder so was

[00:06:18]  sind. Das ist einmal der eine Teil der Geschichte. Der andere Teil der Geschichte ist je... so kleine

[00:06:25]  ein Fotoalbum, wo es um geringe Stückzahlen geht, werden wir wahrscheinlich selber digitalisieren.

[00:06:31]  Größere Sammlungen werden bei vertrauenswürdigen Digitalisierungspartnern auswärts digitalisiert.

[00:06:39]  Tobias: Wobei das, wie gesagt, nicht immer, also das kann ja im Gleichschritt gehen, dann die Digitalisierung

[00:06:45]  geht ja manchmal entweder im Voraus dann schon oder erst im Nachhinein es kommt ja auch darauf an,

[00:06:49]  wo, wie das kommt. Lukas: Das kommt darauf an. Aber man strebt an, irgendwann ein Digitalisat vorliegen

[00:06:54]  zu haben, die dann je nach Zahl automatisiert oder nicht ins System eingespielt werden. Aber

[00:07:00]  besprochen, beschrieben und recherchiert werden müssen. Also wenn sie jetzt, keine Ahnung,

[00:07:09]  Viktor Franz Hess ist, dann muss man da auch die Lebensdaten raussuchen oder solche Dinge.

[00:07:14]  Und da ist halt dann auch immer die Frage, wie sehr geht man bei einer Beschreibung ins Detail.

[00:07:20]  Wie viel Recherche-Aufwand treibt man oder wie viel schreibt man, dass das Objekt auffindbar ist,

[00:07:29]  wenn jemand zu Viktor Franz Hess recherchiert. Das ist eine schwierige Gradwanderung, wenn man sich

[00:07:37]  ein Foto vorstellt beispielsweise vom Landhausplatz. Da habe ich, wenn ich jetzt vom Casino weg oder

[00:07:48]  vom Hochhaus weg auf dem Landhausplatz schaue, habe ich das Landhaus drauf, die TIWAG drauf,

[00:07:55]  oder zahlreiche Gebäude drauf. Tobias [murmelnd]: Vielleicht noch Stiegeln nebenbei. Lukas: Bitte? Tobias: Vielleicht noch die Stiegeln nebenbei. Lukas: Zum Beispiel, die Denkmäler

[00:08:03]  drauf, das Freiheitsdenkmal drauf, die Straßen, also die Willhelm-Greil-Straße und Salurnerstraße

[00:08:10]  Tobias: Vielleicht noch ein paar historische Autos. Lukas: Dann kommen die historischen Autos, historische Kleider,

[00:08:16]  Kleidungen, Werbungen auf Hausfassaden oder Ähnliches, vielleicht noch eine Litfaßsäule mit Plakaten.

[00:08:23]  Tobias: Vielleicht ist es gerade irgendeine Feierlichkeit, deswegen die Musik, die Schützen, die Landjugenden,

[00:08:29]  wie sie alle heißen. Lukas: Und dann ist noch die Frage, von wo im Hochhaus ist die Aufnahme

[00:08:35]  fotografiert worden, vom Hochhaus-Café, und so weiter. Und dann hat man noch im Hintergrund die Nordkette

[00:08:43]  mit allen möglichen und unmöglichen Möglichkeiten, die man da noch sieht. Und jetzt haben wir noch

[00:08:53]  keine Besonderheiten. Das heißt, ein relativ banales Foto von mir aus 1955, böte, so viele

[00:09:01]  Ansatzpunkte, die beschreibungswürdig sein können, dass... man kann da auch wahrscheinlich

[00:09:10] Tage recherchieren, um alles zu beschreiben oder eben nicht. Und diese Abwägung zu treffen,

[00:09:17]  wie weit geht man und wie weit nicht, ist sicher viel mit Erfahrung und auch von der

[00:09:24]  einzelnen Persönlichkeit. Da eine ist, will eher Masse weiterbringen, da andere lieber

[00:09:29]  in die Tiefe gehen. Aber das zeigt, dass selbst ein banales Foto schon auch sehr, sehr viel

[00:09:36]  Arbeit machen kann. Und ja, das muss man halt schauen, dass man das in einem vernünftigen

[00:09:42]  Maß behält. Tobias: Genau. Und dann ist noch, selbst wenn das bearbeitet beschrieben, digitalisiert

[00:09:49]  ist, dann ist natürlich für die Verwahrung, muss das ja nochmal meistens...

[00:09:54]  Lukas: Beschriftet und umgepackt werden. Tobias: Genau. Lukas: Ja nachdem Album, weil wir vom Album gerdet haben.

[00:09:58]  Tobias: Album, das muss man schauen, aber aber... Lukas: Muss man schauen. Tobias: Im Idealfall sagen wir es mal so.

[00:10:02]  Lukas: Man muss es noch in säurefreies alkalisch gepuffertes Papier eingeschlagen werden und beschriftet

[00:10:07]  werden und dann fachgerecht in eine Schachtel versenkt werden.

[00:10:11]  Tobias: Genau. Damit das quasi... Und am richtigen Ort.

[00:10:14]  Lukas: Am richtigen Ort.

[00:10:15]  Tobias: Am vorgesehenen Ort.

[00:10:17]  Lukas: Ja. Und natürlich, das ist ja auch immer eine Diskussion, die Arbeit mit bloßen Händen,

[00:10:24]  mit Stoffhandschuhen oder mit Kunststoffhandschuhen. Da gibt es natürlich auch Vorgaben oder Empfehlungen

[00:10:31]  von Verbänden, die sich natürlich auch immer wieder ändern. Lange Zeit hat man Baumwollhandschuhe

[00:10:39]  verwendet, bis man draufgekommen ist, dass man sozusagen ein, zum Beispiel mit Pilzsporen

[00:10:46]  abgedecktes Objekt angegriffen hat und dann ein anderes, dann stempelt man sozusagen die

[00:10:52]  Pilzsporen auf die neuen Objekte. Ich glaube, man muss da schon auch eine lebensneue Lösung

[00:10:59]  anstreben und nicht vor lauter Angst sich zu tode fürchten.

[00:11:03]  Tobias: Ja, und vor allem, man muss ja, weil du ja vorher gesprochen hast, wie detailreich.

[00:11:08]  Weil es hängt natürlich auch ein bisschen immer von dem, bei Fotoalben ist es klar, die

[00:11:12]  einzelnen Fotos wie weit im Detail, aber gerade bei größeren Aktenbestände ist natürlich auch

[00:11:16]  die Frage. Wo kann man, wo sind die wichtigen Sachen, was man sich hier raus schreibt, alles

[00:11:20]  geht nicht. Also das liest ja eigentlich auch fast alles nicht. Also so viel Zeit würdest

[00:11:25]  du ja eigentlich für die Einsicht der Akten schon brauchen, würde es derweil, das ist ja

[00:11:31]  Dreifach so lang wie dann nochmal wie das Verpacken und das Verzeichnen. Und das ist natürlich immer,

[00:11:36]  wir haben ja nicht, ich weiß gar nicht, was sind wir jetzt insgesamt im Archiv, für Archivtätigkeit

[00:11:41]  acht [zieht das Wort in die Länge], so was. Lukas: [murmelnd] Acht Leute, ja. Tobias: Und davon ja auch nicht alle Vollzeit. Das heißt, irgendwann muss man halt dann

[00:11:46]  überlegen, wo ist...

[00:11:48]  Lukas: Das ist eine Frage des Grenzennutzens. Da muss man einfach sagen, was geht und was macht Sinn

[00:11:54]  und was macht keinen Sinn. Und das ist auch natürlich Erfahrung und das ist auch wichtig,

[00:12:02]  Objekte so zu beschreiben, dass sie auch in ihrer Aussagekraft wiedergegeben werden.

[00:12:08]  Nur wenn ich jetzt zum Beispiel an ein simples Straßenschild denke, also Willhelm-Greil-Straße,

[00:12:19]  dann könnte man da schon wieder, was ja auch oft Datierungshilfen sind, sind das jetzt

[00:12:25]  die Weiß auf Weinrot, wie wir sie jetzt haben. Davor war das Dunkelbraun auf Creme,

[00:12:32]  davor war es mal schwarz auf Weiß und so weiter. Also mit diesen Dingen, wenn man weiß

[00:12:39]  von wann bis wann das war, kann man natürlich auch Fotos sehr gut datieren und das sind

[00:12:44]  halt dann die kleinen Tricks und Werkzeuge, die wir parat haben, die uns auch schnell

[00:12:53]  helfen, ein Foto schneller zu datieren, wie es vielleicht ein Leihe tut. Aber das ist

[00:12:59]  alles sehr viel Erfahrung und ja, aber das ist auch das Spannende, dass man auch im

[00:13:05]  Zuge der Recherche jeden Tag was dazu lernt.

[00:13:08]  Tobias: Ja, ein anders gutes Beispiel, wäre da die Baustufen in der Stadt. Ist die Brücke schon

[00:13:12]  da, ist die Straßen schon da oder ist das des schon da zum Beispiel oder ist das noch nicht

[00:13:16]  da.

[00:13:17]  Lukas: Ja, aber da gibt es ja auch wieder ganz besondere Heimtücken. Du bist zu jung, du kennst das ja nicht mehr,

[00:13:22]  aber ältere Leute kennen das ja noch. Es hat einmal am Bahnhofsvorplatz so einen Fahrrad-Silo

[00:13:29]  gegeben. Der war es so, ich weiß nicht, 10, 12 Meter hoch und da haben wir eben

[00:13:34]  unten das Fahrrad rein geschoben und das hat sich dann in einer Kiste da in diesem Silo

[00:13:38]  gelagert und irgendwann ist es wieder rausgekommen.

[00:13:41]  Tobias: Das richtige oder das...

[00:13:43]  Lukas: Das weiß ich nicht. [lachen] Aber das ist etwas ganz Heimtückisches, weil dieses Bauwerk hat es

[00:13:50]  ich weiß nicht, 8 Jahre gegeben oder 10. Also es gibt auch selten aber doch Bauwerke, die kommen

[00:13:58]  und wieder gehen ohne Spuren zu hinterlassen. Oder auch an gleicher Stelle, wie der Bahnhof

[00:14:04] neu gebaut wurde, hat es ja mal den roten Platz gegeben. Das hat sehr viel Geld gekostet,

[00:14:10]  den Asphalt rot einzufärben.

[00:14:12]  Tobias: Echt?

[00:14:13]  Lukas: Ja, das hat unendlich Geld gekostet.

[00:14:15]  Tobias: Habe nicht mal gewusst dass es den roten...

[00:14:17]  Aber er ist nicht rot, also...

[00:14:18]  Lukas: Er war rot. Er hat sich aber lustigerweise, weil das so schnell von den Autoreifen abrieb

[00:14:24]  bedeckt war, hat sich der rote Platz nie durchgesetzt als Name. Aber da gab es schon,

[00:14:32]  das ist 20 Jahre her, da gab es schon Geldvernichtungen zum Teil, die echt beeindruckend waren.

[00:14:40]  Tobias: Interessant. Nein, das ist mir komplett neu [lachend] mit dem roten Platz verbunden.

[00:14:44]  Lukas: Aber eben das Spannende, es gibt also nicht nur ab wann, sondern von wann bis wann gibt's

[00:14:49]  auch

[00:14:50]  Tobias: Etwas, was wir, oder was mir immer auch einfällt und ich auch gerne sage, wenn ich über meine

[00:14:56]  Tätigkeit oder was ich da so mache, was oft und meist nicht jeden Tag der Fall aber

[00:15:02]  doch immer wieder vorkommt, ist wie körperlich anstrengend sogar die Archivarbeit sein kann

[00:15:07]  Da werden jetzt vielleicht manche daheim schmunzeln, aber allein wenn

[00:15:10]  wir jetzt sagen, du weißt das auswendig, die Zahlen, was wir an... wie viel Tonnen Papier haben wir

[00:15:15]  in die Feldstraße bringen lassen?

[00:15:17]  Lukas: Also in die Feldstraße sind 170 Tonnen Papier und 30 Tonnen anderer Objekte transferiert

[00:15:26]  worden. Inzwischenzeit würde ich schätzen, dass noch einmal fünf Tonnen Papier dazugekommen

[00:15:32]  sind.

[00:15:33]  Tobias: Ja, und die müssen ja auch, also es ist ja nicht so, dass die müssen... klar die Lieferung daher

[00:15:37]  ist es mit LKW und so weiter, aber die müssen ja auch verräumt umgeräumt teilweise.

[00:15:41]  Und das ist dann die...

[00:15:43]  Lukas: Es war ja gerade eine Benützerin da, die hat ein paar Schachteln gebraucht.

[00:15:47]  Ja, natürlich. Wobei der große Segen in der Feldstraße ist ja aus meiner Sicht, dass

[00:15:53]  man nicht mehr in Einzelschachteln rechnet sondern in Paletten.

[00:15:58]  Tobias: Ja.

[00:15:59]  Lukas: Und das macht natürlich für einen einzelnen Menschen den Transport von größeren Gewichten

[00:16:06]  zu einem Kinderspiel, [lacht] hätte auch nie gedacht, dass ich einmal, mein Brot zum Teil

[00:16:13]  als Palettenfahrender, führender Mensch verbringen verdienen werde. Also das war auch ungewohnt, aber

[00:16:21]  das ist ganz, ganz segensreich und ich bin sehr, sehr froh und dankbar, dass wir das

[00:16:28]  Vertrauen auch bekommen haben, die Feldstraße übernehmen und adaptieren zu können, dass

[00:16:35]  wir in einem sehr bescheidenen Maßen gemacht haben.

[00:16:37]  Aber..

[00:16:38]  Tobias: Das ist als Arbeitsplatz einfach fein, weil es ist groß, du kannst... also du hast Platz

[00:16:45]  einfach, das ist das. Lukas: Ja.

[00:16:46] Tobias: Was uns in der Badgasse einfach fehlt, ganz ehrlich.

[00:16:47] Lukas: Ja, einfach

[00:16:48]  Tische, die zehn Meter lang sind, wo man mal Dinge auflegen kann, um sie zu sortieren

[00:16:53]  und dann wieder zusammenführen kann. Allein das wäre in der Badgasse denkunmöglich.

[00:16:58]  Tobias: Oder der Raum mit den ganzen Plänen. Wir haben ja in einem Raum, weiß ich nicht, was sind es jetzt

[00:17:04]  acht Planschränke, plus vier kommen dazu, glaube ich, nehmen alle Platz ein in

[00:17:09]  der Badgasse unmöglich, irgendwo einen Platz für das zu finden, ma vielleicht im Keller,

[00:17:13]  vielleicht, wenn überhaupt.

[00:17:15]  Lukas: Im Keller nebene dem Inn ja.

[00:17:17]  Tobias: Das nächste Problem aber ja.

[00:17:19]  Und das war vereinfach das ganze schon.

[00:17:22]  Auch die Lagerung natürlich irgendwo.

[00:17:24]  Lukas: Ja.

[00:17:25]  Mein Feldstraße ist jetzt nicht gerade ein Ort, der jetzt wahnsinnig repräsentativ ist,

[00:17:31]  [lacht] kann man jetzt so wirklich nicht sagen, aber es geht ja nicht um Repräsentativität, sondern

[00:17:36]  es geht einfach darum, dass man Platz hat.

[00:17:37]  Und dafür ist das ein hervorragendes Objekt.

[00:17:42]  Aber natürlich, und davon sind wir ja ausgegangen, es ist ein ganz anderes Arbeiten in der

[00:17:47]  Feldstraße wie in der Badgasse.

[00:17:49]  Und ich bin jede Woche einen Tag fix hier draußen und ich genieße den Tag, weil ich auch manchmal

[00:17:59]  mich freu einfach zu sehen, dass man was weitergebracht hat.

[00:18:03]  Eben Schachteln einmal umzuräumen oder so.

[00:18:06]  Das macht schon auch Spaß oder was zu sortieren und so.

[00:18:12]  Das ist schon auch ein ganz angenehmer Teil des Arbeiten.

[00:18:18]  Tobias: Ja, plus die Brauerei, die Erdgeschoss ist auch nicht ganz [unverständlich]

[00:18:21]  Die ist... Die ist und... von der... nur nur... geruchlich...

[00:18:24]  Lukas: Ich war seit zwei Jahren nicht mehr dort.

[00:18:27]  Tobias: Ich [zieht das Wort in die Länge] war... Doch, ich war mal, wie wir mal.. da haben wir eine Führung gehabt, wann war denn das.

[00:18:33]  Lukas: Ah ja, da seid ihr dann Bier trinken gegangen.

[00:18:35]  Tobias: Ja, der war ja nur quasi, habe ich ein bisschen verlängert und dann sind wir noch gemeinsam

[00:18:39]  runter auf eine kühle Limonade.

[00:18:43]  Lukas: Nein, ich stehe ja auf einem gut, besten Fuß mit denen, aber irgendwie... ja.. war schon ewig nicht dort.

[00:18:52]  Tobias: Was wolltest du jetzt noch sagen? Es ist mir entfallen.

[00:18:54]  Lukas: Ein anderer Teil des Arbeitsfeldes ist auch, dass man auch Menschen oft berät, was sie

[00:19:03]  mit Objekten tun können oder sollen.

[00:19:06]  Sei es konservatorisch, restauratorisch, sei es auch Verkauf oder Nichtverkauf.

[00:19:14]  Auch solche Dienstleistungen passieren relativ häufig, von denen man nachher natürlich nichts sieht.

[00:19:21]  Aber das ist auch, glaube ich, eine wichtige Funktion.

[00:19:25]  Wenn man also sagt, Vorsicht, das ist jetzt was Wertvolles, das gehört ins Dorotheum oder so was.

[00:19:31]  Ganz beliebt sind natürlich Wohnungsauflösungen, die, wenn man da ein bisschen schauen kann,

[00:19:37]  ob noch was für das Archiv dabei ist.

[00:19:39]  Und wenn man da dann sagen kann, Vorsicht, das sind noch wertvolle Sachen, macht das auch Spaß

[00:19:46]  und passiert auch immer wieder einmal.

[00:19:49]  Und die Menschen sind erleichtert, dass Dinge nicht weggeworfen werden, die für uns von Interesse sind.

[00:19:57]  Das ist also etwas, was wir auch sehr gerne und sehr kurzfristig machen können

[00:20:03]  und haben da schon die interessantesten Objekte aus den unscheinbarsten Wohnungen herausgetragen.

[00:20:11]  Ich kann mich an einen Fall, der ist auch schon bald 20 Jahre her, ja, ist ja schon eine kleine, relativ finstere Wohnung.

[00:20:20]  Haben die Erden gesagt, wir können alles mitnehmen, aber es muss bis Mittag weg sein.

[00:20:26]  Und das war die Wohnung eines Bühnenbildners vom Landestheater.

[00:20:30]  Und das sind hunderte Skizzen und Entwürfe, Originalzeichnungen.

[00:20:38]  Und könne man mehrere Jahrzehnte von Bühnenbildern abdecken.

[00:20:44]  Und ich weiß, das war an einem heißem Augusttag und das war einer der schmutzigsten Arbeitstage meines Lebens.

[00:20:51]  Und das war dann wirklich ein sehr, sehr erfolgreicher Einsatz.

[00:20:56]  Die Wohnung hat wirklich nicht danach ausgeschaut.

[00:20:59]  Aber ja, es gibt vieles, was man sich in Innsbruck so nicht erwarten würde.

[00:21:06]  Tobias: Ja, neben den klassischen Arbeiten, was wir jetzt schon ein bisschen angerissen haben,

[00:21:10]  haben wir natürlich auch in der ersten Folge mit den Publikationen.

[00:21:14]  Ist natürlich nicht nur, das ist quasi extern. Also wir haben natürlich da selber auch für Publikationen auch Schreibarbeit sozusagen zu liefern oder zu machen.

[00:21:23]  Lukas: Ja, "Innsbruck erinnert" ist auch Schreibarbeit.

[00:21:26]  Tobias: "Innsbruck erinnert" plus dann haben wir die "Innsbruck informiert".

[00:21:29]  Jetzt, was ja heuer wieder die ...

[00:21:32]  Lukas: Wird es ab Februar wieder zu uns kommen.

[00:21:34]  Tobias: Genau, und die historischen ...

[00:21:36]  Lukas: Die Denkmal-Tafeln und die Straßennamen-Tafeln.

[00:21:39]  Aber da gibt es nicht unendlich, aber doch sehr viele so Nebenaufgaben, die bei uns liegen.

[00:21:48]  Also wir haben den "Barcal-Preis" an der Universität, den wir gestiftet haben, nach einer Erbschaft.

[00:21:54]  Und den wir also auch jedes Jahr betreuen zusammen mit der Universität beispielsweise.

[00:22:01]  Oder wir haben die "Gedenkpotenziale", einen Preis für junge Künstler:innen, die im NS-Kontext mahnende Kunstwerke schaffen.

[00:22:13]  Wir sind natürlich auch für Beratungen bei Straßennamen mit zuständig.

[00:22:18]  Wir sind also wie vor eine lange Zeit für die Fahnen in der Stadt, zuständig und für das Bühnenvorzeig.

[00:22:24]  Tobias: Für die Fahnen?

[00:22:25]  Lukas: Für die Fahnen, zum aushängen.

[00:22:27]  Tobias: Ahso, pff [schnaubt und lacht] Lukas: Bis vor, weiß nicht, 10 Jahren vielleicht.

[00:22:31]  Tobias: Bist du dann durch die Straßen gegangen und sagst, [mit überspitzter Stimme] "sie müssen hier eine Fahne hissen".

[00:22:35]  [lachen] Und wenn sie diese Fahne nicht hissen, dann gibt es eine Organstrafverfügung"!

[00:22:40]  Lukas: Nein, aber die blöden Fahnen, bei einem Föhnsturm waren die Fahnen immer gleich kaputt.

[00:22:46]  Und die müssen wir nachbestellen und woher kriegt man einmal in 30 Jahren in Verwendung stehend,

[00:22:54]  eine Fahne der Fidschi-Inseln. [Tobias schnaubt]

[00:22:57]  Lukas: Ja genau. Kostet ein Vermögen und braucht man einmal und nie wieder.

[00:23:03]  Aber wenn halt der Botschafter der Fidschi-Inseln kommt, dann muss irgendwo eine Fahne her.

[00:23:07]  Das ist Gott sei Dank erledigt.

[00:23:10]  Dann bin ich für den Schutz von historischen Kleindenkmälern in der Stadt zuständig.

[00:23:14]  Das sind auch so, was haben wir jetzt, da sind 200 Kapellen und Bildstöcke.

[00:23:20]  Dann bin ich neuerdings für die Subventionen im kirchlichen Bereich zuständig.

[00:23:27]  Also für Kirchensanierungen vor allem, und Erweiterungen.

[00:23:32]  Tobias: Du bist ja Sachverständiger?

[00:23:34]  Lukas: Ich bin Kirchtsachverständiger, aber nicht für die Stadt, sondern als Privatier sozusagen.

[00:23:42]  Für ein paar Bereiche Kirchtsachverständiger.

[00:23:45]  Und dann sind halt alle möglichen Dinge natürlich auch für das Goldene Dachl zu machen.

[00:23:50]  Und was macht man eigentlich noch so den ganzen Tag?

[00:23:53]  Tobias: Ausstellungen.

[00:23:54]  Lukas: Ausstellungen kommen dazu, was ich eigentlich fast zur Gänze aufgehört hab,

[00:23:59]  sind Tagungsteilnahmen, gibt es kaum mehr,

[00:24:03]  weiß nicht vor wieviel Jahren ich auf der letzten Tagung außerhalb Innsbrucks war.

[00:24:08]  Ist sicher zehn Jahre her.

[00:24:10]  Und dann gibt es natürlich so Dinge wie kleine Vorträge in Seniorenrunden.

[00:24:17]  Und so, das ist ja auch ganz nett, Abwechslungsreich, aber...

[00:24:20]  Tobias: Beziehungsweise selber die Gestaltung von...

[00:24:23]  Also wenn Buchpräsentationen und so weiter. Lukas: Ja, und ich mein die Abendveranstaltungen, die ja jetzt nach Corona eigentlich da nieder liegen, muss man ehrlich sagen,

[00:24:31]  weil sich das Publikum ein bisschen verlaufen hat im gesamten Kulturbereich.

[00:24:36]  Ich war kürzlich bei einer Lesung von zwei Autoren, die durchaus nicht unbekannt sind.

[00:24:46]  Und wir waren, glaube ich, zu siebt. Als Zuhörer, das tut natürlich sehr, sehr weh, vor allem den Autoren.

[00:24:56]  Wir kämpfen genauso mit... bei einer Buchpräsentation, dass Publikum ausbleibt.

[00:25:02]  Veranstaltungen machen wir derzeit auch sehr wenig, genau aus dieser Befürchtung.

[00:25:08]  Und ich weiß nicht, ob und wie sich das wieder einspielen wird und wie wir dagegen vorgehen könnten, dass Menschen nicht nur Podcasts hören,

[00:25:20]  sondern auch vielleicht ins Archiv gehen.

[00:25:23]  Tobias: Das war immer ideal für eine Wechselwirkung, dass die, die was die Podcast hören, dann zu uns ins Archiv kommen.

[00:25:30]  Lukas: Und dann Bücher kaufen.

[00:25:31]  Tobias: Und dann Bücher kaufen ja, vielleicht die Ausstellungen anschauen.

[00:25:35]  Lukas: Und wiederkommen.

[00:25:35]  Tobias: Und wiederkommen. Und wieder hören.

[00:25:37]  Und das sieht aus wie ein Teufelskreis.

[00:25:40]  Nein, Engelskreis. [beide lachen]

[00:25:42]  Lukas: Ich glaube, dass dir eher der Teufelskreis hängt.

[00:25:48]  Tobias: Ja, was will mal erwarten, wenn man aus dem Unterland kommt.

[00:25:52]  Lukas: Hm. Oder mich anschaut.

[00:25:53]  Tobias: Ja. [lacht] Oder mit dir eine Folge macht.

[00:25:55]  Lukas: Ja. Also das ist eben auch der Reiz dieser ganzen Tätigkeit, dass es eine solche Vielzahl von Sachen sind.

[00:26:03]  Tobias: Und die Abwechslung eben, weil ja nicht jeder Arbeitstag gleich ist.

[00:26:06]  Weil du weißt nicht, was auf dich zukommt.

[00:26:07]  Lukas: Keiner ist gleich.

[00:26:08]  Es kommen ja... da wird man im politischen Ausschüssen...

[00:26:14]  Dann ist man ja ein paar Gremien vertreten, ein paar Jurys immer wieder einmal.

[00:26:18]  Also es gibt so viele verschiedene Tätigkeiten, dass kein Tag ist wie der andere und vor allem [lacht kurz] auch kein Tag wirklich verhersehbar,

[00:26:27]  was alles, wer als nächster bei der Tür reinkommt.

[00:26:31]  Tobias: Ja, weil das ist nicht immer das, es ist zwar eine Konstante, aber halt eine, dass jemand bei der Tür reinkommt.

[00:26:38]  Aber was er will, was er braucht, das ist natürlich meistens unverhersehbar.

[00:26:44]  Und dann kann man ja sie skurilsten Anfragen daher manchmal.

[00:26:47]  Aber [lachr] es ist auch wieder wie gesagt, interessant und Abwechslung.

[00:26:51]  Weil selber auch ja natürlich seine Interessen hat, sage ich mal, privat, wie beruflich auch irgendwo.

[00:26:57]  Und man da ja gerade bricht dann oft mit seinen Interessen und irgendwas anders reinblickt, wo ich davor überhaupt auch selber gebe,

[00:27:05] ich auch offen zu, keine Ahnung gehabt habe.

[00:27:07]  Stattgeschichtlich, was weiß ich.

[00:27:09]  Und dann geht dann dieser Blick nach außen und dann verbreitet sie auch der eigene Sichthorizont irgendwo.

[00:27:16]  Lukas: Ja natürlich, man lernt was dazu.

[00:27:18]  Man sieht Dinge neu oder auch anders.

[00:27:21]  Wobei auf eins muss man schon ein bisschen achten.

[00:27:25]  Es gibt in jeder Familie so Familientraditionen, also Berichte, was der Opa oder die Oma oder sonst wer gemacht hat.

[00:27:31]  Da muss man natürlich auch immer aufpassen, dass man sich, dass man diese Sachen nicht ungeprüft, an dritte weiter gibt.

[00:27:39]  Also, dass, der Opa hat das und das gemacht und dann heißt der Herr X, der Herr Y hat das gemacht.

[00:27:45]  Das muss immer geprüft werden, wenn man sonst Gefahr läuft, sozusagen so Familienlegenden falsch weiterzugeben.

[00:27:54]  Das ist nicht ganz unproblematisch.

[00:27:57]  Und natürlich, wir treffen ja auch auf Charaktere aller Art.

[00:28:01]  Im Guten wie im weniger Guten, die einen auch ziemlich strapazieren.

[00:28:08]  Ich denke, mit gruseln ein bisschen an, wie der Adolf-Pichler-Platz umgebaut wurde,

[00:28:18]  gab es einen der Hauptbürger- und Bewegungsmenschen, der da sehr aktiv war.

[00:28:27]  Und der ist regelmäßig zu mir gekommen, um mir einerseits die Plakate zu bringen, die sie aufgehängt haben.

[00:28:35]  Was ja sehr schön ist, haben wir jetzt noch glaube ich sechs Ordner voll.

[00:28:38]  Und auf der anderen Seite war die sehr anstrengend und eigentlich immer so mehr, der minder stark betrunken.

[00:28:48]  Und das war dann immer ein sehr schwieriger Termin.

[00:28:56]  Und danach, dann musste man dann immer kräftig lüften.

[00:29:02]  Und so, also es gibt auch schwierige Fälle, mit denen man zu tun hat.

[00:29:07]  Der Betreffende ist leider dann auch kurz darauf an einer Leberzirrhose verstorben.

[00:29:12]  Und so, man hat das ganze Bandbreite durch.

[00:29:19]  Zu den schönsten Erinnerungen finde ich, es gibt so ein Buch über das Innsbruck Alltagsleben.

[00:29:29]  Und da ist ein Foto von einem Polizisten drauf.

[00:29:33]  Tobias: Also auf dem Cover?

[00:29:35]  Lukas: Auf dem Cover. Und dieser Polizist war ein französischer Besatzungssoldat.

[00:29:43]  Und dessen Sonn hat nichts ahnend vor ein paar Jahren in Innsbruck in einer Buchhandlung so umher gestöbert.

[00:29:50]  Und [lacht] sieht das Foto, seines Vater am Cover drauf.

[00:29:55]  Der war natürlich schon sehr, sehr, der hat sich wahnsinnig freit.

[00:29:58]  Und ja, es gibt einfach so.

[00:30:00]  Tobias: Und du, ist der bei dir noch auftaucht?

[00:30:02]  Lukas: Ja, er ist auftaucht. Und mit dem war ich lang in Kontakt.

[00:30:08]  War ja auch kein Kind mehr.

[00:30:10]  Also man erlebt im Laufe der Jahre schon interessante Personen und Persönlichkeiten.

[00:30:18]  Aber eben auch schön, wenn man einfach einem Volksschüler beim Quiz über die Altstadt einmal helfen kann.

[00:30:26]  [Lukas verändert die Stimme; redel kindlich] "Wie viele Schindeln hat das goldene Dachl? [Tobias lacht]

[00:30:30]  Da gibt es immer zum Schulschluss so Kindergruppen, die dann umherlaufen.

[00:30:34]  Tobias: Ja, die laufen immer mit diesen Schnitzeljagd.

[00:30:36]  Lukas: Ja genau, das Lustigste ist dann, wenn einer wiff genug ist und sagt, wir gehen ins Stadtarchiv.

[00:30:43]  Und haben dann vielleicht, weil man ihnen hilft, das Quiz relativ rasch erledigt.

[00:30:47]  Tobias: Ja, auf die Idee wäre ich als Kind...

[00:30:49]  Und vor allem, das sind ja meistens, was sind denn das?

[00:30:51]  Das sind ja keine Volksschüler oder?

[00:30:53]  Ich tue mir da so schwer, Kinder einschätzen.

[00:30:56]  Lukas: Jetzt waren sie eh schon länger nicht mehr, aber früher sind die immer gleich einmal da gewesen.

[00:31:00]  Tobias: Mhm, ich kann mich auch noch gut erinnern. Sind immer unten an der Kasse vom Museum aufgeschwappt und dann sind sie hinauf geschickt worden.

[00:31:06]  War eh witzig auch immer, irgendwie.

[00:31:08]  Was hätten wir sonst noch an Tätigkeiten und was erwähnenswert ist?

[00:31:13]  Lukas: Wir haben natürlich als Teil der öffentlichen Verwaltung sind wir nicht primär gewinnoptimiert und gewinnorientiert.

[00:31:21]  Und ich sehe ganz gezielt und ganz bewusst auch die Aufgabe für die öffentliche Hand, die viel zu wenig dafür tut, dass Menschen mit verschiedenen Behinderungen auch einen Job haben.

[00:31:38]  Und wir haben doch zu 30 Prozent Menschen mit mindestens 50 Prozentiger Behinderung.

[00:31:47]  Das halte ich für ganz wichtig.

[00:31:49]  Das sind auch alle von mir bewusst angestellt worden oder übernommen worden.

[00:31:55]  Das sind ja auch Leute, die aus dem Rathaus weg mussten, weg wollten, dabei.

[00:32:02]  Und ich glaube, dass das viel zu wenig in der öffentlichen Verwaltung oder in öffentlichen Betrieben gemacht wird, dass Menschen mit Behinderung im Rahmen ihrer Möglichkeiten eingesetzt werden.

[00:32:17]  Wir haben auch jemand mit 100 Prozent Behinderung und nach 20 Jahren hat die jetzt auch eine Assistenz bekommen.

[00:32:25]  Es relativiert den eigenen Blick auf die eigene Gesundheit.

[00:32:32]  Aber es ist auch für viele dieser Leute ein ganz wichtiger Teil ihres Lebens geworden.

[00:32:39]  Und es ist außerordentlich bedauerlich, dass es nicht mehr Stellen gibt, die solchen Leuten eine Chance geben.

[00:32:47]  Es funktioniert eh nicht immer.

[00:32:49]  Manchmal ist es auch nicht gegangen, aber die meisten dieser Projekte, Integrationsprojekte funktionieren glaube ich gut bis sehr gut.

[00:33:02]  Und was mich unendlich grantig macht dabei ist im Verwaltungsbereich werden die Menschen so behandelt, als wären sie voll einsatzfähig und sind aber aufgrund ihrer Behinderung nicht voll einsatzfähig.

[00:33:21]  Und dann hört man, du hast eh so viele Leute, du hast eh so viele Leute dazu bekommen, aber keiner sagt, dass die nicht voll einsatzfähig sein können oder nicht müssen.

[00:33:32]  Aber das ist ärgerlich, dass die also sozusagen im Dienstpostenplan, als gesunde gezählt werden, aber nicht ganz gesund sind.

[00:33:40]  Trotzdem würde ich keinen freiwillig hergeben, aber das halte ich schon für eine sehr, sehr wichtige und völlig unter schätzte Aufgabe der öffentlichen Verwaltung.

[00:33:53]  Auf der anderen Seite haben wir ja auch die Möglichkeit mit Praktikanten zu arbeiten, vor allem im Sommer.

[00:34:00]  Tobias: [leise] Stimmt, genau, das wollte ich auch ansprechen mit dem Praktikum.

[00:34:02]  Lukas: Und da ist die Verwaltung sehr, sehr großuügig uns gegenüber, dass wir sehr viele und auch über viele Monate haben können.

[00:34:14]  Tobias: Ich glaube heuer waren wir gleich vom Mai bis November eigentlich.

[00:34:19]  Lukas: Bis November und dann kommen noch die so Ausbildungspraktikanten dazu, die kommen dann auch noch.

[00:34:25]  Aber wir haben doch sehr viele gehabt und dafür sind wir sehr dankbar und ich glaube auch, dass die Praktikanten, die entweder im Studium stehen oder vor einer Studienwahl stehen, daraus auch sehr großen Gewinn ziehen können und sagen, das will ich studieren oder lieber doch nicht.

[00:34:43]  Tobias: Ja, weil wir haben ja gerade heuer einen Schwung, natürlich Studenten gehabt, mitten im Studium.

[00:34:50] Einige was am Studium-Anfang waren, die sind dann eben, was sind die, 19, 20 so was.

[00:34:55]  Aber wir haben natürlich auch eine, ich glaube, zwei Monate waren drin, wo wir dann eigentlich hauptsächlich Schüler gehabt haben.

[00:35:01]  Die war es halt, ich glaube, kurz vor der Matura stehen.

[00:35:04]  Das ist natürlich auch interessant, weil das ist auch für uns irgendwo ganz unterschiedlich, denn die Personen sind ja in einem ganz anderen Lebensabschnitt.

[00:35:13]  Aber es ist trotzdem... alle irgendwo quer durch interessant.

[00:35:16]  Lukas: Ja, und so quer durch, dass der älteste Praktikant, den wir je gehabt haben, war 58. [Tobias lacht]

[00:35:23]  Und heuer haben wir auch, die Claudia ist, 55, 55.

[00:35:30]  Tobias: Irgendsowas glaube ich. Ohne ihr da... [lacht] Lukas: Keine Ahnung...[beide reden durcheinander] Tobias: [lachend] Nicht dass ich danach eine Rückmeldung krieg. [lacht]

[00:35:38]  Lukas: Und fliegendes das Messer.

[00:35:41]  Aber es ist auch schön, wenn man Leute, die später ein Studium machen, dass die dann auch sozusagen erste fachliche Gehversuche machen können,

[00:35:52]  die ja mit einer ganz anderen Interessenslage studieren und dann auch nicht mehr das hauptberuflich machen wollen, sondern vielleicht begleitend.

[00:36:05]  Tobias: Und man muss ja sagen, ich sage ja, wenn man historisch arbeiten will, Arbeitsplätze sind ja auch immer nur überschaubar vorhanden.

[00:36:13]  Also natürlich gibt es mehrere Optionen, aber die großen Institutionen, wie jetzt das Stadtarchiv, das Landesarchiv, Landesmuseum, dann ist es dann eh schon relativ eng.

[00:36:25]  Lukas: Und Uni halt, ja.

[00:36:27]  Tobias: Ja, und Uni natürlich eh, klar.

[00:36:28]  Lukas: Also es heißt also, man kann eigentlich eh noch über Projekte oder sowas versuchen Fuß zu fassen.

[00:36:36]  Aber da sind natürlich Leute, die mit 40 oder was zu studieren beginnen, um das als Neigung zu machen,

[00:36:43]  haben den großen Vorteil, dass sie mit einer ganz anderen Lebenserfahrung dann arbeiten, als jemand, der noch nie in einem Büro gearbeitet hat oder so.

[00:36:54]  Also das ist schon auch für uns sehr hilfreich und auch diese Praktikanten, hoffe, dass uns das erhalten bleibt, dieses System, aber das ist schon was ganz wertvolles.

[00:37:08]  Tobias: Ja, vor allem für uns, so blöd es klingt, aber die nehmen uns so viel Arbeit auch ab, wo wir ja über das ganze Jahr hinweg, zum Teil einfach nicht mehr so in...

[00:37:18]  oder zumindest in dauerhaft so viel Zeit investieren können für Aufnahme oder Feinaufnahme von eben Fotoalben, Fotobestände, wo die einfach doch dann, die können wir hinsetzen,

[00:37:30]  die können dann im Monat plus/minus und immer ein bisschen abwechseln natürlich, aber an dem arbeiten, wo wir dann aber springen müssen, dann ist der Termin, der Termin,

[00:37:39]  den Luxus haben wir einfach zum Teil ja nicht mehr. Aber nur auf die Praktikanten seit wann, kannst du dich erinnern, seit wann, wir im Archiv oder,

[00:37:50]  ich mein, in der Stadt wahrscheinlich eh schon länger, aber diese Praxis mit, dass im Sommer ja wirklich viel ist, teilt sie auf, auf die Stadt.

[00:37:58]  Lukas: Und die wirklich vielen, wie wir sie jetzt die letzten Jahre haben, geht erst, würde ich sagen, vier, fünf Jahre zurück.

[00:38:06]  Es hat einmal einige Jahre gegeben, wo es überhaupt keine Praktikanten bei der Stadt gegeben hat, weil nur mehr die Söhne und Töchter von Magistardsmitarbeitern Praktika machen konnten,

[00:38:21]  oder halt das war dann ein fast ein bisschen Missbrauch des Praktikantentums, dass man da nur die eigenen Kinder untergebracht hat.

[00:38:30]  Und das ist dann, ich weiß jetzt nicht vor zehn, zwölf Jahren, dann irgendwann einmal abgedreht worden und dann hat man gesagt, das bringt eh nix und dann hat es ein paar Jahre keine gegeben,

[00:38:41]  aber jetzt gibt es wieder welche, wobei viele Dienststellen wollen gar keine, weil was zum Teil ja auch stimmt, bis die was können, sind sie wieder weg.

[00:38:52]  Tobias: Naja, ich denke mir gerade was so Rechtssachen betrifft oder?

[00:38:56]  Lukas: Ich weiß ja nix, aber auch wenn es nur normale Büroabwicklung ist, bis er weiß, was ein Dienstweg ist, ist er weg.

[00:39:04]  Das ist sicher ein Problem, bei uns gibt es ja nicht nur wahnsinnig wichtige Tätigkeiten, es gibt ja auch eine große Abstufung.

[00:39:16]  Es müssen ja auch das vorhin schon zitierte Fotoalbum, das muss ja auch einmal durchnummeriert werden, oder es muss einmal was gescannt werden oder... Tobias: Sortiert werden.

[00:39:26]  Lukas: Sortieren. Ganz simple, nach Datum sortieren arbeiten ist durchaus eine der häufigen Arbeiten, aber getan werden muss sie und wie du sagst, man muss ja dran bleiben können.

[00:39:38]  Wenn nix ist, oder auch einmal Dinge auf einem großen Tisch nebeneinander hinlegen können.

[00:39:43]  Das ist auch [lacht kurz auf] ein ganz wichtiger Punkt und da ist es natürlich fein, wenn man Helfer hat, die sich auch interessieren und die Spaß daran haben.

[00:39:54]  Tobias: Und vor allem die Rückmeldungen sind eigentlich, finde ich größtenteils auch von den Ferialien, also von den Praktikanten.

[00:39:59]  Was wir haben finde ich schon.

[00:40:01]  Die Negativen können immer schwierig zurück, aber ich kann mich nicht erinnern, dass jetzt große Beschwerden waren, nicht um uns selber auf die Schulter zu klopfen.

[00:40:11]  Aber wir haben halt einfach den Vorteil, dass wir ganz unterschiedliche Tätigkeiten haben, die auch nicht immer alltäglich sind.

[00:40:19]  Lukas: Wir haben aber auch ein paar, unter den fest Angestellten, ein paar jüngere Leute, also nicht nur so alte, wie du und die. [Tobias lacht]

[00:40:26]  Sondern ich mein, die werden aber, der Pascal ist...

[00:40:31] Tobias: Ende 30, glaube ich, Ende 90, nee, 90 sag ich schon, Ende 20.

[00:40:36]  Lukas: Ja, hätte ja so Mitte zur Mitte.

[00:40:39]  Glaube er ist mit dem Studium gerade fertig und so. Also ich empfinde eigentlich fast alle als Bereicherung für das Archiv auch als einfach so nicht nur für ihre Arbeit, sondern auch jeder hat ja wieder irgendein Wissen oder eine Erfahrung.

[00:40:58]  Das ist dann schon ein sehr hilfreiches Geschäft.

[00:41:01]  Tobias: Was wir vielleicht nicht haben und wo wir ja einmal ausweichen müssen, ist jetzt zum Beispiel, wenn es eine restauratorische Sachen ist.

[00:41:09]  Also wir haben jetzt keinen Fixen, das könnten wir vielleicht in der Stelle auch erwähnen. Wir haben keinen Fixen Restaurateur im Team.

[00:41:15]  Lukas: Wäre schön, ja.

[00:41:18]  Ist aber...

[00:41:20]  Tobias: Aber wir haben auch zu wenig, glaube ich, wahrscheinlich, oder?

[00:41:22]  Lukas: Nein, wir haben einen Papier-Restaurator, wir haben ein paar [unverständlich]

[00:41:27]  Haben wir keinen, werden wir auch keinen kriegen fürchte ich, da müssen wir auf freiberufliche Restauratoren, Restauratorinnen zurückgreifen, die es in vielen Bereichen gibt, aber leider nicht in allen.

[00:41:41]  Da muss man oft wirklich lang suchen, bis man wen findet.

[00:41:44]  Aber jetzt für Textil haben wir jetzt ein Projekt, die ganzen Textil-Sachen anschauen zu lassen.

[00:41:52]  Und sonst haben wir ein paar Papier-Restaurator:innen, die seit vielen Jahren laufend für uns kleinere Arbeiten abwickeln.

[00:42:01]  Tobias: Ich glaube, damit haben wir eigentlich eh die Arbeitsschritte glaub ich, die vielen Arbeitsbereiche mal ganz gut abgedeckt.

[00:42:08]  Wir könnten überlegen, ob wir im Nachhinein ja...

[00:42:11]  Lukas: Was vielleicht auch von Interesse sein könnte, ist die Frage, wie kommen Akten von der Baddgasse in die Feldstrasse und wodurch?

[00:42:20]  Tobias: Ja, kann man noch machen.

[00:42:22]  Lukas: Ja, weil natürlich, wir sitzen in der Baddgasse, und das Material liegt zu einem gewissen Teil in der Feldstrasse.

[00:42:31]  Wobei die Akten des täglichen Gebrauchs, Bau, Gewerbe liegen schon in der Baddgasse, aber dennoch muss man öfters was hin und her transportieren.

[00:42:41]  Und wir haben eine Ausschreibung gemacht für so Pendeltransporte, und wir haben einen fast schon zur Familie gehörenden Kleinstspediteur, also Einmannspedition.

[00:42:55]  Und das ist ein vertrauenswürdiger Mensch, der über ein Schleusensystem, wenn er außerhalb der Dienstzeit kommt, die Materialien hin und her transportieren kann.

[00:43:06]  Und das funktioniert eigentlich hervorragend, und wenn er Zeit hat und es ist was dringendes, dann springt er auch ein und sonst muss man halt auch einmal irgendwer sich aufs Fahrrad schwingen oder ähnliches.

[00:43:19]  Tobias: Und Transporte, was wir zum Teil dann auch wieder, wo wir ja schon mal geredet haben, zu, was heißt Landesarchiv Volks-... oder halt die Landesmuseen, übernimmt er auch für uns.

[00:43:29]  Lukas: Übernimmt zum Teil auch, wobei wir für [Tobias dazwischen: Es kommt drauf an] Lukas: ...Kunstobjekte haben wir holen wir verschiedene Fachspeditionen, Kunstspeditionen, das wird halt jedesmal noch Angebot gemacht.

[00:43:46]  Das ist ein Punkt, der auch ein bisschen zeigt, dass wir so eigentlich einen sehr guten Draht zu verschiedenen kleinen Firmen haben, also ob es jetzt die Buchbinder sind, ob es eine Einmannspedition ist.

[00:44:00]  Insofern sind wir wahrscheinlich eher eine dieser Stellen, die diese städtische Infrastruktur aufrecht erhalten, weil wenn wir und andere Bibliotheken nicht dem Buchbindern vor Ort Aufträge geben würden, würden bald keine Buchbinder mehr existieren, ist so auch schon schwierig genug.

[00:44:20]  Tobias: Vor allem, man darf jetzt nicht nur an die klassischen Bücher denken, sondern auch die Zeitungen, also wenn wir die TT [Tiroler Tageszeitung] zum Beispiel, weil wir sammeln ja die Alltageseitung, bis auch, natürlich, fortlaufend und die werden dann auch gesammelt übergeben und dann gebunden.

[00:44:33]  Lukas: Ja natürlich, ja. Oder auch Schachteln, spezielle... wir haben jetzt für Textilien ganz spezielle Schachteln gebraucht und auf Maß und die haben wir jetzt anfertigen lassen.

[00:44:42]  Und das ist auch wichtig, denke ich, dass man solche Berufe damit ja auch am Leben hält und wir kriegen genau das, was wir brauchen.

[00:44:54]  Das ist, glaube ich, auch so eine kleine Nebenfunktion, die man da hat.

[00:44:59]  Tobias: Ein Aspekt, was man aber mit dem Transport noch eingefallen ist, seit...

[00:45:05]  Ich mein, das hat sich natürlich auch wesentlich, also vereinfacht ist jetzt vielleicht falsch, aber früher haben wir ja bevor wir die Depot der Feldstrasse übernommen haben, sind wir ja mehr oder weniger verteilt gewesen auf die Stadt.

[00:45:15]  Wir haben eine Depot im Hofwaldweg, also quasi im Hötting oben. Lukas: Exlgasse. Tobias: Eins in der Exlgasse und dann haben wir ja noch [schnalzt mit der Zunge] gegenüber, also beim, wo heute das "Mustache" beziehungsweise das früher war es noch das "Kenzi" jetzt "Woosabi",

[00:45:32] haben wir ja auch einen Stock drüber noch Sachen aus... das war natürlich logistisch eigentlich ein Albtraum.

[00:45:38]  Lukas: Ja natürlich, weil die Sachen waren, alles war vollgestopft bis unter das Dach, es war

[00:45:42]  schrecklich, ich meine, es tentiert natürlich in der Feldstrasse auch dazu, dass es voll wird.

[00:45:48]  Tobias: Aber es ist an einem Platz, das ist ja schon mal der einzige Vorteil.

[00:45:50]  Lukas: Und vor allem auch

[00:45:51] [lacht kurz auf]

[00:45:52] der

[00:45:53] papierene Akt

[00:45:54] aus der Verwaltung

[00:45:55] wird ja immer

[00:45:55] weniger.

[00:45:56] Des

[00:45:57] trocknet ja

[00:45:57] aus, dieser

[00:45:58] Fluss.

[00:46:00] Und, das wird zwar noch dauern

[00:46:02] aber es wird tendenziell weniger.

[00:46:04] Und so ist die Feldstraße sicher ein

[00:46:06] riesiger Gewinn für uns.

[00:46:08] Um dem gesetzlichen Auftrag

[00:46:10] auch zu entsprechen.

[00:46:12] Und das tuen wir natürlich und tuen wir

[00:46:14] auch gerne, und ich glaub es ist überhaupt,

[00:46:16] im Gegensatz zu vielen anderen Berufen

[00:46:18] wo man sagt, da gehe ich halt rein und mach

[00:46:20] und geh dann am Abend wieder heim

[00:46:22] ist das ja bei uns doch eher

[00:46:24] eine Geschichte die man nur erfolgreich

[00:46:26] nur mit viel Neigung

[00:46:28] dazu machen kann.

[00:46:30] Und das ist glaube ich ein ganz großer Unterschied zu

[00:46:32] grad in der Verwaltung

[00:46:34] vielen Tätigkeiten,

[00:46:36] die relativ monoton sind.

[00:46:38] Dadurch, dass es so Abwechslungsreich ist

[00:46:40] und spannend ist, kann man

[00:46:42] auch, nur mit viel

[00:46:44] Eifer

[00:46:46] und Spaß an der Sache das machen.

[00:46:48] Und das geht halt dann nicht

[00:46:50] um 17 Uhr zu Ende, sondern das

[00:46:52] geht halt dann weiter. Und das ist

[00:46:54] eigentlich das, was es so schön macht, weil

[00:46:56] dann geht man halt am

[00:46:58] Wochenende spazieren und schaut sich

[00:47:00] des und jenes an, über das man recherchiert

[00:47:02] und das hat man in

[00:47:04] vielen anderen Bereichen nicht

[00:47:06] und das ist ein großer Segen.

[00:47:08] Tobias: Wichtige abschließende Frage

[00:47:10] Wie lange schätz du, oder wie lange

[00:47:12] meinst dauert es, bis irgendwer bei

[00:47:14] uns im Haus einen Staplerschein braucht

[00:47:16] um eben in der Feldstraße [lachend]

[00:47:18] die Aufgaben zu erfüllen.

[00:47:20] Lukas: Irgendjemand hat sogar einen Staplerschein. Tobias: [erstaunt] Echt?

[00:47:22] Ja, dann sind wir ja schon

[00:47:24] für die Zukunft gerüstet! Lukas: Nein, also

[00:47:26] ich mein, die Feldstraße wird

[00:47:28] jetzt, wenn nichts

[00:47:30] unvorhergesehenes passiert

[00:47:32] auch zunehmend voll werden

[00:47:34] wir haben allerdings noch Platzreservieren die

[00:47:36] wir sukzessive besetzen

[00:47:38]  werden, wenn wir es brauchen

[00:47:40] Keiner hätte je damit gerechnet, mit der Ameise

[00:47:42] Paletten herum zu führen.

[00:47:44] Für einen echten Stapler wird es noch dauern

[00:47:46] aber... Tobias: Es ist nicht unmöglich.

[00:47:48]  Lukas: Es ist... Nichts ist unvorstellbar.

[00:47:50]  Es ist nur unglaublich,

[00:47:52]  weil ich mir denke, wie das vor 25 Jahren

[00:47:54] ein kleines

[00:47:56] bescheidenes Unternehmen war.

[00:47:58]  Und jetzt fahren wir mit Paletten umher.

[00:48:00]  Also das ist schon was,

[00:48:02]  was ich irgendwie verblüffend empfinde.

[00:48:06]  Wie lange ich es noch mache,

[00:48:08]  wird man sehen.

[00:48:10]  Aber sicher keine [lachend] 25 Jahre mehr.

[00:48:12]  Aber

[00:48:14]  momentan macht es mir so viel Spaß, dass

[00:48:16] [längere Pause]

[00:48:18]  Aber es war schon anders auch. Aber

[00:48:20]  ja...

[00:48:22]  kommt man gerne wieder her.

[00:48:24]  Tobias: Musst du mir nicht sagen.

[00:48:26]  In diesem Sinne, danke Lukas, für deine Zeit.

[00:48:28]  Lukas: Ja gerne.

[00:48:30]  [Outro-Musik]

Mit vollem Einsatz!

Mit vollem Einsatz!

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Intro-Musik] Tobias: Hallo und Herzlich Willkommen zu einer neuen Folge von Archivwürdig, dem Podcast des

[00:00:18]  Innsbruckers Stadtarchivs. In unserer heutigen Folge sprechen wir über das Thema Feuerwehr.

[00:00:22]  Genau gesagt, ein wenig über die Feuerwehrgeschichte, das vergangene Jubiläumsjahr 2022 der Feuerwehren

[00:00:28]  und über die Ausstellung, welche im Rahmen dieses Jubiläums im Stadtmuseum zu sehen war.

[00:00:32]  Zu Gast sind mein Kollege aus dem Archiv Matthias Egger, der selbst Mitglied der Freiwilligen

[00:00:37]  Feuerwehr ist und Kurator der Ausstellung war, sowie Manfred Liebentritt, seines Zeichens

[00:00:42]  Sachgebietsleiter für Feuerwehrgeschichte beim Landesfeuerwehrverband Tirol. Die Folge wurde

[00:00:47]  bereits im Zuge der Ausstellung aufgezeichnet und ist jetzt über unsere Sendung hörbar und damit

[00:00:52]  zur Folge. Ja, lieber Matthias, lieber Manfred, danke für die Zeit,

[00:00:58]  dass ihr euch da heute mit mir hinsetzt und wir sprechen über das Thema Feuerwehr und Thema

[00:01:06]  Feuerwehr warum, weil wir ja heuer im Jahr 2022 mehrere verschiedene Jubiläen feiern. Und zwar

[00:01:15]  ist es einmal 165 Jahre Feuerwehrverband Tirol. Matthias: Soll ich es sagen? Tobias: Bitte! [lacht] Es war ja quasi die

[00:01:27]  Anspielung. Matthias: Also wir haben 150 Jahre Landesfeuerwehrverband Tirol, wir haben 125 Jahre Innsbrucker

[00:01:36]  Berufsfeuerwehr, wir haben 75 Jahre Gründung Bezirksfeuerwehrverband Innsbruck statt,

[00:01:41]  wir haben 25 Jahre Feuerwehr Oldtimer Club Innsbruck und wenn wir ganz zurückblicken auf die Gründungsphase

[00:01:48]  der Feuerwehr Innsbruck, dann hätten wir auch heuer 165 Jahre Feuerwehr der Stadt Innsbruck. Warum

[00:01:55]  wie ich das sag und das jetzt zuletzt sag, das älteste Jubiläum, darauf können wir dann

[00:02:00]  vielleicht hineingeben, weil es in der Feuerwehr Geschichte gewisse Zäsuren gegeben hat und

[00:02:04]  Brüche und deswegen. Tobias: Ich glaube, das können wir eh gleich. Warum eigentlich 165 Jahre, weil du gesagt hast,

[00:02:12]  wenn man es genau nimmt. Matthias: Ein bekannter Bundeskanzler hat mal gesagt, es ist alles sehr kompliziert, [lacht]

[00:02:17]  das gilt natürlich auch für die Feuerwehr. Gemeinhin wird eben gesagt 1857 der Franz Thurner,

[00:02:23]  ein Gebürtiger Sankt Nikolauser, der also die Feuerwehr Innsbruck gegründet hätte. Wir haben uns

[00:02:30]  das noch einmal gemeinsam angeschaut mit Manfred, mit dem Christoph Eichner, der auch wesentlich an

[00:02:36]  der Ausstellung beteiligt worden sind an die Quellen gegangen und haben eben uns gefragt, was hat

[00:02:41]  der Thurner eigentlich gegründet und haben dann gesehen, ja er gründet eine Rettungsabteilung. Das

[00:02:47]  heißt, es geht zunächst einmal noch nicht um das Löschen so sehr, sondern um das Retten

[00:02:50]  von Menschenleben und Wertsachen und er legt natürlich damit einen Grundstein für die Entwicklung

[00:02:56]  eines professionellen Feuerwehrwesens, das er ja auch auf seinen Reisen durch Deutschland kennen

[00:03:01]  gelernt hat. Es dauert dann aber ein paar Jahre, er hat auch das Glück, dass der Karl-Adam,

[00:03:06]  Adam Preuss wahrscheinlich den meisten ein Begriff. Karl-Adam ist Mitglied dieser Rettungsabteilung

[00:03:13]  und Karl-Adam wird im Innsbrucker Bürgermeister und als solcher macht auch er sich es zur Aufgabe

[00:03:19]  aus dieser Rettungsabteilung nun ein vollständiges "Brandwehrchor", wie er es nennt, zu gründen. Er

[00:03:26]  lässt einen Aufruf an die Innsbrucker, fordert sie auf dort einzutreten und dort skizziert

[00:03:30]  er dann auch ganz genau. Also wir haben zwar eine Rettungsabteilung, aber wir brauchen eine Schlauchmannschaft,

[00:03:35]  wir brauchen Ordnungsmannschaft, wir brauchen Steiger und so weiter, wir brauchen entsprechende

[00:03:39]  ausgestaltete Feuerwehr und das dauert dann bis 1864 und 1864 haben wir dann auch die erste Feuerwehrordnung

[00:03:48]  in der Stadt mit der also das Kommando am Brandplatz und auch die Aufgabe der Brandbekämpfung

[00:03:53]  als solche in die Hände der freiwilligen Feuerwehr gelegt wird. Und damit hätten 

Stadt trifft Land

Stadt trifft Land

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Intro-Musik] Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur vierten Folge von Archivwürdig, dem Podcast des

[00:00:18]  Innsbrucker Stadtarchivs. In dieser Folge spreche ich mit Gertraud Zeindl vom Tiroler

[00:00:22]  Landesarchiv. Im TLA ist Gertraud als Leiterin der Restaurierwerkstätte und Buchbinderei im Einsatz.

[00:00:28]  In unserem Gespräch, das wir vor Ort aufgenommen haben, sprechen wir über die Aufgaben des

[00:00:32]  Landesarchivs und wie unterschiedlich diese im Vergleich mit einem kommunalen Archiv sind.

[00:00:37]  Wir sprechen aber auch im Detail über Gertrauds Tätigkeiten und wofür sie im Landesarchiv alles

[00:00:42]  zuständig ist. Bevor wir in die Folge gehen, muss ich noch erwähnen, dass die Aufnahmenqualität ein

[00:00:47]  wenig schlechter als gewohnt ist. Mit dieser Bitte um Nachsicht gebe ich nun ab in die Folge.

[00:00:52]  Tobias: Gertraud, vielen Dank einmal erstens für die Zeit, dass du dich heute mit mir hinsetzt und mit mir

[00:00:59]  übers Landesarchiv sprichst. Fangen wir vielleicht so an, es steht zwar auf der Homepage natürlich

[00:01:04]  drauf, aber vielleicht dass wir es auch einmal mündlich machen, weil die Menschen

[00:01:07]  auch nicht immer auf die Homepage schauen, was das Landesarchiv überhaupt sammelt,

[00:01:11]  noch oder laufend dazu kommt und vielleicht aber auch was historisch gewachsen, im Landesarchiv, ist.

[00:01:16]  Gertraud: Genau. Also das Tiroler Landesarchiv sammelt nichts, weil es kein Museum ist, sondern ein Archiv.

[00:01:23]  Und das Tiroler Landesarchiv ist ein Verwaltungsarchiv. Und von dem her alles Schriftgut,

[00:01:30]  das in der Vergangenheit bis heute im Verwaltungsbereich das Land Tirol betrifft,

[00:01:37]  wird hier aufbewahrt, archiviert und zugänglich gemacht.

[00:01:43]  Tobias: Vielleicht dazu eh auch gleich, weil das habe ich natürlich auch angebracht, das ist nicht immer sofort

[00:01:48]  klar oder für die Menschen immer ersichtlich, auch der Zugang ins Landesarchiv natürlich kostenfrei,

[00:01:53]  grundsätzlich. Gertraud: Genau, also bei uns ist der Zugang kostenfrei, man muss sich nicht

[00:01:58]  einmal anmelden, sondern kann einfach zu den Öffnungszeiten zu uns in den Lesesaal kommen.

[00:02:03]  Und auch die Archivalien müssen nicht vorbestellt werden, sondern können wirklich im Lesesaal

[00:02:10]  direkt bestellt werden. Das dauert je nachdem, wie gerade die Frequenz ist, zwischen 10 Minuten

[00:02:16]  und 20 Minuten. Wenn wirklich einmal ein bisschen mehr los ist, dann dauert es halt ein wenig.

[00:02:22]  Aber ansonsten geht es wirklich sehr schnell in der Zeit, wo man sich anmeldet, mit dem Ausweis

[00:02:28]  ausweist und seine Form vorbringt. In der Zeit sind meistens die Bestellungen schon dann am Arbeitstisch.

[00:02:33]  Tobias: Ist es für euch einfacher, wenn man vorher, vorab schon per Mail einmal, eine grobe Anfrage schickt

[00:02:39]  und dass man gerne vorbeikommt, ist das hilfreich oder ist es weniger hilfreich?

[00:02:44]  Gertraud: Es ist sicher hilfreich, wenn man von weiter her kommt. Wenn man eine größere Anreise hat, ist es immer

[00:02:48]  zu empfehlen, sich vorab mit dem Archiv in Verbindung zu setzen. Und natürlich, wenn man jetzt eine

[00:02:54]  komplexere Fragestellung hat, wo man vielleicht auch gar nicht weiß, in welchen Beständen man

[00:02:59] im Tiroler Landesarchiv recherchieren kann oder soll, ist es sicher ganz gut, wenn man zuvor

[00:03:05]  mal eine E-Mail schreibt, um prinzipiell einmal abzuklären, ob das Tiroler Landesarchiv auch

[00:03:10]  das richtige Archiv ist. Da auch die richtigen Bestände zu finden sind. Und bei manchem Beständen,

[00:03:16]  wenn es jetzt um Personengeschichte geht, ist es manchmal auch ganz klug vorab, sich hier per E-Mail

[00:03:24]  zu melden, weil gewisse Recherche-Aufwände, man als Benutzerin oder Benutzer,

[00:03:30]  gar nicht selber machen kann, sondern einfach wirklich vorab von einem Mitarbeiter oder Mitarbeiterin.

[00:03:37] Tobias: Beziehungsweise vielleicht auch in einer anderen Dienststelle an dem Land, vor der Einsicht.,

[00:03:41]  weil für manche Akten sozusagen auch eine Genehmigung brauchen. Gertraud: Also das kommt jetzt wirklich drauf an.

[00:03:47]  Also da unterscheidet es jetzt wirklich ein bisschen. Das muss man jetzt wirklich sagen, es ist im

[00:03:52]  Landesarchiv einfach schon besser geklärt und besser geregelt. Aber das ergibt sich auch historisch

[00:03:58]  gesehen. Das Landesarchiv ist historisch schon viel länger als wirkliches Verwaltungsarchiv im

[00:04:05]  Betrieb und wird als solches gepflegt. Seit, und das muss man sich wirklich so auf der Zunge

[00:04:09]  zergehen lassen, seit Kaiser Maximilian ist es wirklich ein organisiertes Archivwesen. Und wenn

[00:04:15]  man das jetzt vergleicht mit dem Stadtarchiv, ist das einfach viel später anzusehen und deswegen

[00:04:19]  natürlich auch hier historisch gesehen, auch gar nicht so eingebettet. Prinzipiell ist es so,

[00:04:25]  dass das Landesarchiv, das Tiroler Landesarchiv auch immer darauf besteht, wenn Bestände

[00:04:30]  übernommen werden, dass die Rechte an den Beständen, an das Tiroler Landesarchiv übergeht. Das heißt,

[00:04:37]  also ist gelten natürlich gängige Datenschutz-, Personestandsgesetze, wenn notwendig und natürlich

[00:04:43]  auch die Schutzfristen, mit dem Archivgesetz, 30 Jahre. Darüber hinaus haben wir momentan wirklich

[00:04:49]  auch nur so ein bisschen [schnalzt mit der Zunge] ein Problemchen, das vom Bund her nicht ganz geklärt sind. Diese Frage ist,

[00:04:55]  sind die Justizakten und vor allem eben also was Landesgericht, Bezirksgerichte betrifft. Das ist

[00:05:02]  eigentlich die Zuständigkeit der Bund. Aber der Bund sagt natürlich zurecht, wir können nicht,

[00:05:07] aus den ganzen Bundesländern die Archivalien nach Wien einziehen. Wir hätten auch nicht die

[00:05:13]  große Freude, die Benutzer:innen auch nicht, wenn sie wegen jeder Anfrage dann nach Wien reisen

[00:05:17]  müssten. Also es ist logisch, dass wir das als Tiroler Landesarchiv übernehmen. Aber da ist die

[00:05:22]  Gesetzgebung momentan so, dass eben wirklich das Aktengut, wirklich seit 1918 noch Zuständigkeitshalber

[00:05:31]  bei den Behörden liegt und somit wirklich immer um Einsicht, Genehmigung,

[00:05:36]  angesucht worden muss. Es gibt noch ganz wenige Ausnahmen. Tobias: Des wird wahrscheinlich gar nicht

[00:05:40]  so oft auf der Fall sein oder sind, werden die doch relativ viel gebraucht. Gertraud: Doch. Tobias: Doch schon? Gertraud: Natürlich,

[00:05:44]  wenn man jetzt grad denkt, Landesgericht, natürlich auch Volksgericht. Die ganzen NS-Verfahren sind

[00:05:50]  über dieses Volksgericht gegangen und deswegen natürlich grad für die Zeitgeschichte ganz

[00:05:55]  ein wichtiger Bestand. Und es geht relativ leicht. Aber es ist trotzdem eine Hürde, die wir eigentlich

[00:06:02]  so nicht haben möchten. Das ist eigentlich auch so, dass die [unverständlich], um mit diesen Akten

[00:06:07]  arbeiten zu können, genau genommen eben nicht Zuständigkeitshalber gar nicht für das

[00:06:12] Tiroler Landesarchiv vorgesehen. Aber das würde bedeuten, dass man diesen Aktenbestand

[00:06:16]  gar nicht beabereiten oder recherchierbar wäre und da haben wir eine Einigung gefunden. Aber

[00:06:21]  das ist momentan noch so ein Prozess, aber der betrifft alle Bundesländer und von dem

[00:06:27] her das ist es ein Prozess, wo wir hoffen, dass wir auf eine Einigung kommen. Im Prinzip sind aber

[00:06:33]  alle Parteien natürlich gewillt, dass die Situation so bleibt, dass die Landesarchive

[00:06:38]  diese Justizakten übernehmen und auch im Endeffekt die Verwaltung und die Teilung übernehmen.

[00:06:44]  Tobias: Nachdem der Aktenbestand im Landesarchiv sehr umfangreich ist, ist jetzt vielleicht die

[00:06:49]  Untertreibung und auch, ja gerade umgebaut wird, für mehr Platz, da könnte man vielleicht dann

[00:06:54]  eher nur zu sprechen kommen kurz, was ich aber eigentlich nur fragen will ist, was ist jetzt,

[00:07:00]  sage ich jetzt mal, das meiste, was Private, wenn sie recherchieren, im Landesarchiv suchen.

[00:07:07]  Sind es schon, die aus der NS-Zeit über die Verwandten oder gibt es da irgendwo etwas,

[00:07:12]  wo man sagen kann, es wird wirklich häufig braucht, das ist sozusagen der Klassiker,

[00:07:19]  was angefragt wird, ist schon schwierig oder? Gertraud: Es ist auf alle Fälle natürlich schon,

[00:07:24]  Familiengeschichte, Familienforschung ist natürlich schon, gerade wenn du sagst,

[00:07:30]  Privatpersonen, das ist ein großes Thema. Alle die Bestände werden natürlich viel häufiger

[00:07:36]  angefragt als wie, also von Privatpersonen, als wie jetzt mittelalterliche Urkunde, also jetzt einfach

[00:07:42]  mal um da jetzt eine weite Schere [Tobias lacht] zu machen und natürlich auch, was der Familiengeschichte

[00:07:50]  sehr nahe liegt, die Besitzgeschichte. Das ist sicher auch ein Bestand der einerseits von

[00:07:56]  Privatpersonen einfach aufgrund der Familiengeschichte interessant ist, aber natürlich auch noch wie vor

[00:08:02] aus rechtlichen Gründen, wenn man an Servitute denkt. Tobias: Ich wollte grad sagen, ja.

[00:08:08]  Gertraud: Allen Bewirtschaftungen denk, Holzrechte, alles was Besitzgeschichte da betrifft, da ist

[00:08:14]  immer noch natürlich der erste Schritt zum Bezirksgericht, um im Grundbuch einschauen zu

[00:08:18]  halten, aber im Grundbuch ist dann sehr häufig der Verweis eben an das Grundbuch Anliegungsprotokoll,

[00:08:24]  das als Bindeglied zwischen den früheren Gerichtsprotokollen, oder Verfachbüchern,

[00:08:30]  wie es eben heißt, und dem Grundbuch eben dieser Link ist, das wird als erstes angefordert

[00:08:35]  und diese Archivalien befinden sich irgendwo in den Tiroler Landesarchiven.

[00:08:40]  Tobias: Die Verfachbücher sind aber noch nicht digitalisiert, gell?

[00:08:43]  Gertraud: Die Verfachbücher wurden in den 70er Jahren von den Mormonen mikroverfilmt.

[00:08:49]  Tobias [erstaunt]: Von den Mormonen? Gertraud: Genau. Ja.

[00:08:52]  Gertraud: Weil es war so, dass die Mormonen ja eben aus ihrer Glaubenshistorie her, ja,

[00:08:59]  dass Personengeschichte, Familiengeschichte ist ja Teil ihrer Religion, und sie hatten da Interesse,

[00:09:06]  eben auch die Kirchenbücher in Österreich, diesbezüglich zu mikroverfilmen.

[00:09:12]  In Tirol war es so, dass damals die Diözese Innsbruck und auch Salzburg dieser Verfilmung

[00:09:19]  nicht zugestimmt haben.

[00:09:21]  Und dann war es eben so, dass das Angebot gekommen ist oder die Anfrage an das,

[00:09:27]  Tiroler Landesarchiv gekommen ist, ob man nicht stattdessen die Verfachbücher verfilmen könnte,

[00:09:33]  weil die Verfachbücher natürlich auch sehr viele Personen und eben was die Besitzgeschichte,

[00:09:39]  betrifft natürlich viel Familiengeschichte auch beinhaltet.

[00:09:43]  Und diesbezüglich haben sie dann wirklich hier Verfilmungen gemacht.

[00:09:47]  Das ist gleich zur Erklärung, die Mikrofilme haben sich leider nicht zur Gänze erhalten.

[00:09:51]  Das ist leider ein großes Dilemma an dieser Geschichte.

[00:09:56]  Und zwar, geographisch gesehen, sind bei uns die Gerichtsprotokolle aufgestellt.

[00:10:00]  Also von Reutte, die ist zum Gerichts Sonnenburg, also bis nach Innsbruck hin,

[00:10:04]  gibt es die Verfilmungen von Innsbruck abwärts Richtung Osten, auch Osttirol, [Tobias: Ahja]

[00:10:11]  betreffend gibt es die Mikrofilme dann nicht mehr zur Gänze.

[00:10:17]  Was Osttirol betrifft, ist eigentlich eine Ausnahme, da haben wir ebenfalls Mikrofilme.

[00:10:20]  Aber man muss sich das jetzt auch auf der Zunge zergehen lassen.

[00:10:24]  Es sind über 12.000 Bänder, ein Band um fast zwischen 300 bis über 1.000 Blätter.

[00:10:32]  Also das ist jetzt alles zu digitalisieren,

[00:10:35]  das wäre vielleicht noch machbar, aber das dann zu organisieren und online zu stellen,

[00:10:39]  ist natürlich ein riesen Thema.

[00:10:42]  Und man muss auch sagen, vom Bestand her ist dieser Bestand in einem guten Zustand.

[00:10:49]  Es ist vor allem Hadernpapier, was da in Verwendung ist.

[00:10:52]  Also es ist das Risiko gering, dass dieser Bestand zerfällt.

[00:10:56]  Und da gibt es einfach andere Bestände, im Tiroler Landesarchiv, wo einfach das Medium,

[00:11:01]  auf das es gedruckt ist oder geschrieben ist, sehr viel schlechter ist.

[00:11:05]  Und da muss man einfach ansetzen.

[00:11:07]  Weil das werden wir über die Jahrzehnte nicht erhalten können.

[00:11:11]  Die Verfachbücher werden auch die nächsten Jahrhunderte.

[00:11:14]  Tobias: Uns auf jeden Fall überleben. Gertraud: Genau. [Tobias lacht]

[00:11:16]  Tobias:Du hast ja gerade angesprochen auch, dass die Diözese Innsbruck sowie Salzburg,

[00:11:22]  gegen die Verfilmung oder die Digitalisierung der Matrikenbücher.. Gertraud: Damals. Tobias: Damals nicht zugestimmt hat.

[00:11:30]  Ich weiß das ja und ich brauche sie auch hin und wieder.

[00:11:35]  Und ich gebe sie auch öfters an unsere Gäste, die was zum recherchieren kommen, weiter.

[00:11:40]  Dass die ja mittlerweile online stehen von alle Gemeinden in Tirol, Osttirol ja auch. Südtirol

[00:11:46] sind... auch? Gertraud: Mittlerweile. Tobias: Mittlerweile genau, ja.

[00:11:50]  Weißt du was da nachher die Änderung? War das einfach durch Führungsänderung in der Diözese?

[00:11:55]  Gertraud: Eigentlich gar nicht.

[00:11:57]  Es war damals natürlich auch, darf man nicht vergessen, eine ganz andere Zeit.

[00:12:01]  Dieses Zentrum der Mormenen, das war in Deutschland. Tobias: Mhm.

[00:12:05]  Gertraud: Es hat schon die Schwierigkeit damals bestanden, diese Mikrofilmgeräte überhaupt über die Grenze zu bringen.

[00:12:11]  Und das war sehr kompliziert. Tobias: Mhm.

[00:12:13]  Gertraud: Und ich glaube, im Endeffekt war das dann alles viel zu kompliziert.

[00:12:18]  Und man hat sich dann einfach auch von mormonischer Seite her dagegen entschieden.

[00:12:22]  Und hat dann eben gemeint, die Verfachbücher werden auch eine gute Quelle.

[00:12:26]  Zur gleichen Zeit hat natürlich die Mikroverfilmung der Küchenbücher vom Tiroler Landesarchiv

[00:12:32]  ausgehend schon stattgefunden.

[00:12:34]  Also, gerade was die Diözese Innsbruck... Das hat in den 1970er-Jahren begonnen.

[00:12:38]  Tobias: Weil ich eben auch schon vorher den Umbau angesprochen habe. Dass man vielleicht auf den noch kurz eingehen.

[00:12:43]  Derzeit. Wir nehmen jetzt auf, was haben wir für... Ende Mitte, Jänner [Dialekt für Januar],

[00:12:48]  ist ja noch großer Bau.

[00:12:50]  Der Lesesaal wird ja vergrößert. Die Speicher werden vergrößert.

[00:12:55] Sollen sind wir mal vielleicht so grundsätzlich, so kurze Eckpunkte,

[00:12:59]  was jetzt vor Umbau quasi der Stand ist von der Lagerfläche oder Füllfläche.

[00:13:04]  Und was danach möglich ist. Oder ist das überhaupt schon zum Eruieren?

[00:13:07]  Zum genau, oder nicht genau, aber halt ungefähr zum Festmachen.

[00:13:12]  Dass man sich mal vorstellen kann, was so ein Umbau mit sich bringt und wie viel mehr Platz ist.

[00:13:17]  Gertraud: Ja, genau.

[00:13:18]  Es ist eigentlich so geplant, dass eben genau wie du gesagt hast, es entsteht ein neuer Lesesaal.

[00:13:24]  Und es entsteht ein neues Archiv-Depot oder Archiv-Depot-Räumlichkeiten.

[00:13:31]  Und die bestehenden Archiv-Depots werden saniert.

[00:13:35]  Was klimatechnisch und ansonsten einfach auch architektonische Veränderungen betrifft.

[00:13:42]  Also das wird jetzt die nächsten Jahre passieren.

[00:13:44]  Als erstes eben geht es heuer [Dialekt für dieses Jahr] los.

[00:13:47]  Also die Baugrube ist ja schon seit letztem Jahr.

[00:13:50]  Die ersten Sanierungsmaßnahmen im Depot haben auch schon stattgefunden.

[00:13:54]  Weil aus baustatischen Gründen musste ein Teil unserer Depot-Rämlichkeiten unterstellt werden.

[00:14:00]  Das hätte bedeutet, dass man zu gewissen Archivalien gar nicht mehr zugekommen wäre.

[00:14:06]  Weil die Steher zwischen den Regalen stünden.

[00:14:09]  Und weil wir die Zugänglichkeit aber zu jeder Zeit eigentlich gewährleisten wollten,

[00:14:15]  haben wir uns dazu entschieden einen Teil des Bibliotheks-Depots,

[00:14:19]  das bisher noch in alter Manier aufgestellt war.

[00:14:23]  Und eben kein Rollregal-System, das ja sehr platzsparend ist, räumlich gesehen,

[00:14:28]  sondern stehende Regale bestanden hat, haben wir jetzt wirklich durch dieses neuere Rollregal-System

[00:14:35]  auf einen sehr kleinen Teil der Räumllichkeit, ja zurück drängen

[00:14:39]  ist jetzt das falsch Wort

[00:14:40]  aber sozusagen wirklich sehr viel Raum gewonnen,

[00:14:43]  um eben Archivbestände in diesen ehemaligen Bibliotheks-Räumlichkeiten unterzubringen,

[00:14:48]  die dann es gewährleistet haben, dass jetzt eigentlich alles zugänglich bleibt.

[00:14:54]  Und das war die Maßnahme, baustatisch, dass sie überhaupt mit dem Innenhof mit der Baugrube angefangen haben.

[00:15:02]  Das dann bis letztes Jahr im Dezember auf 14 Meter lang gewachsen.

[00:15:07] Tobias: Nicht wenig!

[00:15:08]  Gertraud: Genau, es ist ein richtiges großes Loch.

[00:15:10]  Und damit beginnen sie jetzt eben, also jetzt haben sie heute, wirklich heute, den Baukran aufgestellt.

[00:15:17]  Und jetzt beginnen sie wirklich mit der Bodenplatte.

[00:15:19]  Und jetzt wird der Speicher 6, also der sechste Speicherturm,

[00:15:24]  wird jetzt gebaut, der geht 3 Geschoße unterirdisch und 2 Geschoße oberirdisch.

[00:15:30]  Und im ersten Stock dieses Speicher 6 wird dann eben eine Brücke zum alten Gebäude geschaffen

[00:15:37]  und in dieser Brücke ist dann der neue Lesesaal.

[00:15:40]  Also das heißt, der Lesersaal ist dann zukünftig oberirdisch.

[00:15:43]  Und der bisherige Lesersaal, der ja unterirdisch ist, der wird zum Archivdepot.

[00:15:50]  Das wird eigentlich, der Speicher 6 ist natürlich schon ein großer Gewinn an Kapazitäten für das Archiv,

[00:15:57]  aber es muss natürlich auch viel Technik untergebracht werden.

[00:16:00]  Wenn man sich vorstellt, dass wirklich 6 Gebäude mit Klimatisierung, mit Elektronik und Technik ausgestattet werden müssen,

[00:16:11]  da braucht man schon relativ viel Technik-Räumlichkeiten. Und die werden jetzt im neuen Speicher untergebracht

[00:16:17]  und interessanterweise der größte Depotgewinn ist eigentlich der alte Lesesaal. [Tobias lacht]

[00:16:24]  Der zum Speicher, also mit den umliegenden Büroräumlichkeiten, Reproduktionswerkstätten usw.

[00:16:31]  wirklich zu einem Depot umgebaut werden, das ist eigentlich der größte Speicher so gesehen.

[00:16:37]  Tobias: Das heißt eigentlich jetzt grad die kleinen Dinge werden zu den richtigen Dingen dann.

[00:16:40]  Gertraud: Genau. Und das war eigentlich in der Ausschreibung, haben wir nie daran gedacht, den Lesesaal zu verändern.

[00:16:47]  Das war wirklich dann das Architekten-Team, die diese Idee vorgebracht haben

[00:16:52]  und ist eigentlich eine geniale Idee in dem Fall, weil eigentlich ein oberirdischer Lesesaal mit viel Fenster

[00:16:59]  und auch Licht und auch als Veranstaltungsraum, natürlich viel anders, also ganz anders genutzt werden kann,

[00:17:05] als wie bisher der Unteridische.

[00:17:07]  Tobias: Wie kann man sich vorstellen von jetziger Platzmenge zu welchem geht man hin?

[00:17:16]  Kann man das ungefähr festmachen?

[00:17:18]  Gertraud: Also, es ist immer schwierig, zum sagen. Also ich kann jetzt mal sagen, was unsere offizielle Antwort [ist],

[00:17:23]  dass das Tiroler Landesarchiv mehr als 30 Laufkilometer hat, das würde bedeuten,

[00:17:28]  also wenn ich in einer Höhe von 60, 70 Zentimeter unsere Archivalien platzieren würde,

[00:17:36]  käme ich bis nach Schwaz, also das ist so, das was unsere offizielle Angabe ist.

[00:17:41]  Genau wissen wir es natürlich nicht, weil einfach Bestände nicht immer in der Weise dort sind,

[00:17:47]  dass man das genau abmessen kann und auch ganz ehrlich gesagt, wir andere Arbeiten zu tun haben.

[00:17:53]  Tobias: Das heißt, der Speicher 6 ist ja eigentlich dann komplett ein neuer Zugewinn, ungefähr,

[00:18:00]  oder kann man sich... Ist schwer zum festlegen, gell?

[00:18:02]  Gertraud: Es ist wirklich so, dadurch dass wir sanieren.

[00:18:04]  Von dem her ist unsere Mammutaufgabe, die nächsten zwei Jahre dann,

[00:18:09]  die Archivalien so neu aufzustellen in den neuen Speichern,

[00:18:13]  dass Räumlichkeiten frei werden, damit man die sanieren kann

[00:18:18]  und alles in sich aber noch eine logische Abfolge erbringt.

[00:18:22]  Das ist die logistische Herausforderung.

[00:18:24]  Tobias: Und dass nichts verloren geht, in "Lost in Translation" sozusagen.

[00:18:27]  Gertraud: Genau.

[00:18:28]  Tobias: Oder Transition [engl. für Übergang] eigentlich, in dem Fall, nicht Translation [engl. für Übertragung].

[00:18:30]  Gertraud: In dem Fall unsere gerinngste Sorge, aber die logistische Herausfoderung ist wirklich so,

[00:18:34]  dass jetzt so zu berechnen, dass man weiß, in welchen Archivdepot,

[00:18:38]  welche Bestände untergebracht werden können, die auch logisch zusammengehören.

[00:18:43]  Weil ich kann nicht einmal da Landesgerichtsakten haben,

[00:18:46]  dann daneben Akten der Stadthalterei,

[00:18:49]  daneben die mittelaterlichen Urkunden, das macht keinen Sinn.

[00:18:51]  Tobias: Das macht keinen Sinn.

[00:18:52]  Ja, vor allem auch von der Aufbewahrung und von klimatischem Verhältnissen noch dazu.

[00:18:56]  Das ist ja... Als das muss man erzählen.

[00:18:58]  Und vielleicht das ist... Zeigt auch ganz gut,

[00:19:00]  [mit] welchen Sachen [man] als Archivar befasst ist,

[00:19:03]  man muss mehrere Dinge beachten, nicht nur einfach Platz,

[00:19:06]  aber eben Licht, Klima und so weiter.

[00:19:09]  Gertraud: Und die Provenienz, das Provenienz-Verhältnis also,

[00:19:12]  wie die Bestände zusammengehören sollen erhalten bleiben,

[00:19:15]  das ist die wichtigste Aufgabe.

[00:19:17]  Und da jetzt nichts auseinander zu reißen oder Bestände wirklich in sich in ihrer Ordnung zu beschädigen.

[00:19:22]  Und das ist die Herausforderung eigentlich.

[00:19:24]  Deswegen, wir wissen, dass sehr viele Akten außerhalb der Aufnahme

[00:19:29]  ins Tiroler Landesarchiv haben, also angefangen von den Polizeiakten

[00:19:35]  zu den Landeskliniken, Bezirksgerichte, aber eben auch wirklich die Behörden

[00:19:41]  in der Landesverwaltung, Bezirkshauptmannschaften, wo wir einfach...

[00:19:45]  Tobias: Müsst ihr auch den Akten nachlaufen. Ist das... [lachen].

[00:19:47]  Gertraud: Nein, nicht den Akten nachlaufen, wir sind in einem Aufnahme-Stop.

[00:19:50]  Tobias: Aha, Aufnahme-Stop sogar! Nein den...

[00:19:51]  Gertraud: Ja, das müssen wir. Wir können nicht mehr.

[00:19:53]  Wir können nicht aufnehmen, weil wir keinen Platz mehr haben.

[00:19:56]  Tobias: Vor allem jetzt mit Baustelle ist sowieso schwierig, ne?

[00:19:59]  Gertraud: Ja, auch davor.

[00:20:00]  Wir sind an den Grenzen unserer Kapazität

[00:20:02]  und wir können solche Bestände nicht übernehmen.

[00:20:04]  Deswegen lagern die jetzt eigentlich lange schon in externen Zwischenlagern

[00:20:09]  wirklich bei den Behörden oder bei den zuständigen Institutionen.

[00:20:12]  Tobias: Der Lukas hat in unserem Gespräch auch erwähnt, dass es ja alle Jahre,

[00:20:18]  zumindest beim Stadtarchiv, diese Grundsatzfrage gibt, braucht es das,

[00:20:23]  muss das sein, geht es nicht mit wenig auch.

[00:20:26]  Habt ihr beim Landesarchiv auch so eine... also nicht Probleme,

[00:20:30]  aber gibt es auch so eine Grundsatzdebatte, was wichtig ist,

[00:20:34]  wo man vielleicht einsparen kann, oder?

[00:20:36]  Gertraud: Du meinst jetzt budgetär?

[00:20:39]  Tobias: Ja, ja, schon. Gertraud: [unverständlich] Tobias: Nein, schon mehr budgetär, aber das von Seiten der Land...

[00:20:45]  ich glaube.... Ich denke von der Landesregierung, oder kommt das dann ob dann einmal gesagt wird,

[00:20:48]  nein, das ist nicht möglich, so viel Geld können wir nicht in dem Sinn hergeben

[00:20:53]  für Archivzwecke, sag ich jetzt einmal.

[00:20:56]  Gertraud: Nein, also das könnte ich jetzt bei uns nicht bestätigen,

[00:20:59]  weil wir haben ein ganz fixes Budget, das eigentlich auch anpassbar ist.

[00:21:06]  Wenn unsere Einnahmen passen, wenn wir die Statistik erfüllen,

[00:21:10]  dann gibt es die Probleme nicht.

[00:21:12]  Aber es ist natürlich schon ein Unterschied,

[00:21:15]  das Tiroler Landesarchiv ist eigentlich von der Struktur her ganz anders,

[00:21:19]  als wie jetzt das Stadtarchiv Innsbruck,

[00:21:21]  was erstens als kommunales Archiv auch andere Aufgaben zu erfüllen hat,

[00:21:26]  was gerade den ganzen Sammelbereich betrifft,

[00:21:29]  wo die Aufgabe eines Landesverwaltungsarchivs viel geringer ist.

[00:21:35]  Weil wenn wir jetzt auch mit anfangen würden zu sammeln,

[00:21:38]  dann gäbe es jetzt in Innsbruck drei Institutionen, die das machen,

[00:21:42]  das macht dann nicht Sinn. Tobias: Nein.

[00:21:44]  Gertraud: Es macht auch bei vielen Sachen, Fotobestände, die uns angeboten werden,

[00:21:48]  die geben wir bewusst an jene Stellen weiter,

[00:21:52] in Absprache natürlich mit den Abgebenden,

[00:21:55]  das an jene Stellen weiter, wo es mehr Sinn macht, wo es mehr gesucht wird,

[00:22:00]  und die auch besser da hingehend aufgestellt sind.

[00:22:02]  Wir müssen jetzt nicht als dritte Institution Fotos sammeln.

[00:22:06]  Und deswegen, aber als kommunales Archiv, ist es natürlich eine große Aufgabe.

[00:22:12]  Das ist so, und dem muss man auch gerecht werden,

[00:22:15]  und das ist natürlich schon ein finanzieller Aspekt.

[00:22:18]  Nicht alles wird einem geschenkt, manches muss man natürlich auch ankaufen

[00:22:22]  oder wird auch zum Kauf angeboten.

[00:22:25]  Und da weiß man auch als Kommunalarchiv, wenn ich das jetzt nicht nehme,

[00:22:29]  dann landet es wahrscheinlich schlussendlich an den Falschen, im privaten Besitz,

[00:22:34]  wo man dann nicht mehr zugreifen kann.

[00:22:36]  Und diesen öffentlichen Auftrag hat ein kommunales Archiv viel mehr.

[00:22:40]  Und natürlich auch, was das Stadtarchiv Innsbruck viel mehr macht,

[00:22:44]  ist sicher in diesem Digitalisierungsbereich. Das war immer schon, also schon wie ich im

[00:22:49]  Stadtarchiv, gearbeitet habe, immer ein großer Aufgabenbereich, den das Stadtarchiv natürlich

[00:22:55]  einfach auch wahrnehmen muss. Aber sie haben einfach auch die Bestände dafür. Tobias: Das stimmt ja. Gertraud: Fotos,

[00:23:00]  [unverständlich]. Fotos werden wir auf Dauer nicht halten können. Das ist ein Medium, das

[00:23:05]  verschwindet, das eh, gerade wenn man an Farbfotos denkt, mit jedem Jahr wird die Qualität

[00:23:12]  schlechter und irgendwann [unverständlich] dann muss man Sicherheitsdigitalisierung machen.

[00:23:17]  Und das ist ja auch super, dass das das Stadtarchiv wahrnimmt. Aber das kostet auch viel mehr Geld.

[00:23:23]  Tobias: Das kostet auch viel mehr Geld, weil wir es ja auch nicht mit den eigenen personellen Mittel

[00:23:28]  ja umsetzen können. Das müssen wir ja auch nach extern geben. Gertraud: Genau, das trifft jetzt nicht

[00:23:33]  das Stadtarchiv Innsbruck. Das ist dort kein Ausnahme, sondern wenn man im kommunalen

[00:23:37]  Archivbereich ist, egal ob in Tirol oder in Wien, das trifft alle gleich und da sind einfach die

[00:23:44] budgetären Anfängerung andere. Und das ist natürlich auch nicht so gut berechenbar.

[00:23:49]  Tobias: Es ist schwierig, weil man weiß ja nicht immer, was reinkommt oder wenn ein großer Bestand kommt,

[00:23:54]  das ist ja auch nicht immer, manchmal ist das planbar, das ja, aber nicht immer.

[00:23:58]  Gertraud: Genau, und wenn man in Jubiläen oder keine Ahnung was denkt, dann muss man dann auch

[00:24:03]  oft reagieren und da ist halt ein Kommunales Archiv oft mehr gefordert als wie jetzt das

[00:24:09]  Verwaltungsarchiv. Tobias: Weil du gerade vorher oder im Vorhinein mal kurz angesprochen hast,

[00:24:15]  den Lesesaal den Neuen, der was kommt und mit den Veranstaltungen. Im Landesarchiv werden

[00:24:20]  ja das öfteren Veranstaltungen gemacht. Hauptsächlich würde ich jetzt sagen Buchpräsentationen.

[00:24:24]  Gibt es sonst noch Anstaltungen, was vielleicht von Interesse sind, was nicht ganz so publik sind

[00:24:31]  immer oder oftmals nicht ganz so groß an die große Glocke gehängt werden.

[00:24:35]  Gertraud: Das stimmt, also das ist sicher auch ein bisschen ein Unterschied. Die Öffentlichkeitsarbeit im

[00:24:41] Tiroler Landesarchiv ist ganz anders gestaltet. Wenn es Buchpräsentationen gibt, dann ist es

[00:24:47]  meistens in Kooperation mit der Universität, auch mit dem Stadtarchiv Innsbruck, also mit anderen Institutionen.

[00:24:53]  Wirklich die Wenigsten sind wirklich jetzt Buchpräsentationen, wo wir die Initiatioren sind.

[00:25:00]  Und von dem her geht auch die Öffentlichkeitsarbeit meistens von jenen Institutionen aus.

[00:25:05]  Ansonsten haben wir interne Veranstaltungen im Lesesaal, egal ob es jetzt um die Schulung

[00:25:13]  zum Beispiel eben im Kommunalarchivbereich geht, wo wir vor Corona eigentlich immer

[00:25:18]  zumindest ein Modul im Lesesaal abgehalten haben und eben natürlich diverse Archivführungen oder

[00:25:28]  eben Vorträge. Aber das ist meistens für eine bestimmte Gruppe, aber es ist jetzt nicht wirklich

[00:25:35]  öffentlich. Tobias; Nachdem ich ja selbst schon in den Genuss dieses Archivkurses gekommen bin, würde

[00:25:41]  den eh vielleicht ganz kurz ansprechen, weil es ja für alle Gemeinden, also im Vorrang eigentlich

[00:25:48]  für die Gemeinden und für die Gemeindearchive zur Schulung des Personals ja angedacht ist.

[00:25:53]  Wir von der Stadt nehmen das natürlich Angebote auch gerne in Kauf oder nicht in Kauf,

[00:25:58]  wir nehmen das Angebot auch gerne wahr. Der wird oder ist ja immer jährlich veranstaltet worden glaub ich.

[00:26:03]  Gertraud: Bisher, ja. Tobias: Bisher genau. Bis vor Corona eben. Ich glaube, ich war noch...

[00:26:07]  Gertraud: Nein, es war immer jährlich. Tobias: Immer jährlich? Gertraud: Da hast du recht. Es war immer jährlich. Es war nur am Beginn haben wir ja für Reutte,

[00:26:14]  Also für den Bezirk Reute und den Bezirk Ostirol noch zusätzlich ein Kurs angeboten und mit

[00:26:20]  heuer machen wir mal eine Pause, weil wir das Gefühl gehabt haben, jetzt ist es mal eine gute,

[00:26:26]  gute Breitenwirkung. Die meisten Gemeinden, die ein Gemeindearchiv eingerichtet haben,

[00:26:32]  aufgrund des Archivgesetzes, haben auch von diesem Angebot Gebrauch gemacht und wir werden jetzt mal

[00:26:39]  ein Jahr pausieren, um zu schauen, ob dann... [Tobias dazwischen: Noch Nachfrage ist.] Gertraug: ...wieder Nachfrage ist. Tobias: Hat es Rückmeldungen

[00:26:45]  gegeben oder hat man gemerkt, da kommt jetzt aus den Gemeinden mehr Anfragen oder Fragen generell zu dem Archivwesen?

[00:26:53]  Tobias: Ja? Gertraud: Ja, auf alle Fälle. Sie nehmen uns jetzt natürlich schon auch aus Ansprechpartner wahr.

[00:26:58]  Und also gerade das Tiroler Landesarchiv und natürlich auch den Bernhard Mertelseder vom Bildungsforum. Also nehmen

[00:27:06]  sie uns wirklich als solche wahr und sie melden sich. Also ich kriege sehr viele Anrufe,

[00:27:10]  gerade was die Bestandserhaltung betrifft, einfach wo es um konkrete Fragestellungen geht, wenn

[00:27:17]  Archivbau oder Regalsysteme angekauft werden sollen und vor allem natürlich das Verpackungsmaterial.

[00:27:25]  Das ist eigentlich ein großes Thema, wo die meisten halt wirklich die Nachfrage haben, was wäre jetzt

[00:27:31]  für mich geeignet, wie kann ich überhaupt was aussuchen und wo bestellen. Das Angebot muss

[00:27:36]  ich aber auch zugeben, dass habe ich im Gemeindenarchivkurs auch immer sehr offensiv betrieben und

[00:27:41] einen immer darauf aufmerksam gemacht, weil diesbezüglich ist es ja viel einfacher, wir bestellen sehr viel

[00:27:47]  und haben da meistens einen guten Überblick, notgetrungen, und von dem her, wieso soll man das

[00:27:53]  Rad neu erfinden. Das muss man ja nicht. Tobias: Wir haben ja, muss man, Lukas hat es eh auch

[00:27:59]  schon angesprochen, wir haben ja generell, oder ich finde ja auf Stadtgebiet herrscht sowieso guter

[00:28:04]  Austausch zwischen den ganzen Institutionen, d.h. zwischen uns, zu der Stadt und Land,

[00:28:08]  sowie auch dem Ferdinandeum und die restlichen Archive. Es gibt ja gewisse, gewisse Kollegialität, ist ja

[00:28:14]  Gott sei Dank vorhanden. Gertraud: Ja genau. Es ist ja auch dadurch, dass man sich halt aus verschiedensten Ebenen ja auch kennt

[00:28:20]  irgendwie oder mal zusammengearbeitet hat. Ich glaube, das hat sich auch stark verändert. Es war doch,

[00:28:25]  es ist generell einfach diese Berufssituation. Es ist eigentlich, glaube ich, selten der Fall,

[00:28:30]  dass man mit einem Studium danach im Archiv beginnt und mit diesem Archiv in Pension geht und man

[00:28:36]  wechselt doch einfach dazwischen und irgendwie kennt man sich dann einfach. Und das macht es

[00:28:42]  auch leichter. Tobias: Auf jeden Fall. Gertraud: Es macht es auf alle Fälle leichter und der Austausch, kann ich mich

[00:28:47]  auch noch erinnern, wie ich im Stadtarchiv angefangen habe, jetzt direkt mit dem Tiroler Landesharchiv

[00:28:51] war damals für mich schwieriger, weil ich niemanden gekannt habe. Und dann ist es schon schwieriger,

[00:28:57]  wo setze ich an, wer ist jetzt die Ansprechperson. Und das erleichtert es einfach, wenn man... Tobias: Wenn man

[00:29:03]  wen kennt. Gertraud: Es ist so. Tobias: Es ist immer so. Für die Publikationen, wollte ich eigentlich sprechen,

[00:29:07]  das Landesharchiv gibt noch Publikationen heraus. Merkt man auch im Landesharchiv, dass die Publikationen

[00:29:14]  weniger vergriffen sind oder weniger... Oder dass der Kostenproduktions..., also diese, diese

[00:29:23]  Wiege zwischen Aufwand und Kosten und wie viel wirklich dann benutzt wird oder verwendet wird,

[00:29:30]  geht de auch sozusagen zurück. Gertraud: Also es ist eigentlich, das klingt jetzt ein bisschen komisch,

[00:29:36]  aber das ist für uns nicht relevant. Das ist aber eine ganz andere Schiene. Das Stadtarchiv Innsbruck

[00:29:43]  hat doch Reihen, die in relativer regelmäßigkeit erscheinen. Wir haben die Veröffentlichungen

[00:29:51]  des Tiroler Landesarchivs, wo wir keine Abstände, sondern so wie die Publikationen richtig und

[00:30:00]  wichtig erscheinen, so werden sie bei uns dann eben auch veröffentlich und publiziert. Und da geht

[00:30:06]  es aber vielmehr darum, eben ein Projekt zum Abschluss zu bringen, einem Projekt die Plattform

[00:30:11]  zu geben. Und da geht es prinzipiell um das und das Geld haben wir auch vorhanden. Und da muss ich

[00:30:16]  jetzt ganz ehrlich sagen, da ist der Wirtschaftsfaktor bei uns nebensächlich und der darf auch nebensächlich sein.

[00:30:23]  Tobias: Sondern mehr der Bildungsauftrag im Vordergrund. Gertraud: Genau. Aber das ist eine ganz andere Herangehensweise

[00:30:29]  und natürlich auch nicht mit dem Aufwand und mit der Professionalität betrieben wie im Stadtarchiv.

[00:30:34]  Also bei uns ist das wirklich einfach auch von anderem Anliegen. Um das jetzt nicht zu

[00:30:41]  schmählern. Tobias: Nein, nein, nein, gar nicht. Gertraud: Absolut nicht zu schmählern was im Tiroler Landesarchiv passiert. Tobias: Das war nicht

[00:30:47]  meine Intention. Gertraud: Das ist eine realistische Einschätzung und dadurch, dass ich einfach auch den Aufwand

[00:30:52]  kenne, der wirklich im Stadtarchiv Innsbruck da eben auch betrieben wird, und Gott sei Dank,

[00:30:58]  betrieben wird. Tobias: Eine letzte Sache noch zum allgemeinen Part sozusagen zum Landesarchiv. Gibt es

[00:31:04]  auch im Landesarchiv kuriose Archivalien, kuriose Bestände, sag ich jetzt mal, weil natürlich

[00:31:14]  wenn ich jetzt denke, du kennst natürlich die Bestände im Stadtarchiv auch gut, aber so zum

[00:31:16]  Beispiel an die Bürgermeistergeschenke gibt es da ein Pendant mit denLandeshauptmänner,

[00:31:20]  muss man dazu sagen, Landeshauptfrau hat es noch keine gegeben bisher. Aber gibt es so kuriose

[00:31:27]  Sachen, was dir quasi spontan einfällt? Gertraud: Also weniger eigentlich. Also so diese Realien oder

[00:31:35]  diese Sammlungen, die es im Stadtarchiv gibt, in der Masse gibt es bei uns nicht. Also bei uns ist

[00:31:41]  was so ganz kurioser ist, zum Beispiel gerade bei den Gerichtsakten, dass dann oft einmal,

[00:31:47]  gerade bei diesen Verbrechensakten, dann auch das Vorkommen kann, dass das Mordwerkzeug dabei liegt

[00:31:54]  oder bei sexueller Belästigung auch das Indiz der Unterwäsche beliegt. Das ist ganz spannend,

[00:32:02]  normalerweise werden die Gerichtsakten von solchen Sachen ja bereinigt, aber manche Sachen schlüpfen

[00:32:07]  dann doch doch, und die müssen wir natürlich auch irgendwie konservieren und archivieren. Das ist

[00:32:12]  dann kurios, aber diese Bestände werden dann auch nicht angefordert, die bewahren wir aufgrund

[00:32:20]  der Rechtsglüftigkeit. Und da hat halt der Weg nicht in die Reservatenkammer geführt, aber das

[00:32:27]  ist abgeklärt, aber das ist wirklich die Ausnahme. Tobias: [lachend] Ja. Gertraud: Das ist jetzt so wirklich was kurioses, was

[00:32:32]  mir einfällt, ansonsten sind wir eigentlich recht... Tobias: Ganz brav. Gertraud: ...langweiliges Verwätungsarchiv. Tobias: Ein braves langweiliges Verwaltungsarchiv.

[00:32:39]  Gertraud: Genau. Tobias: Wenn man im Netz schaut, im Internet, wirst du ja als Ansprechpartnerin eben für die

[00:32:46]  Restaurierungswerkstätte und Buchbinderei beschrieben oder halt angegeben. Jetzt hast du zu mir

[00:32:53]  ja schon in einem Vorgespräch gesagt oder im Vorhinein gesagt, dass das ja eigentlich nicht

[00:32:57]  ganz so stimmt. Magst du das kurz vielleicht erklären? Gertraud: Das Tiroler Landesarchiv ist in gewisse Fachbereiche

[00:33:03]  eingeteilt, was nach den Aufgaben geht, was ein Archiv zu leisten hat, das geht eben von der

[00:33:08]  Reproduktion über Lesesaal, die Übernahme, die Überlieferung, die Erschließung, natürlich

[00:33:15]  auch die Bibliothek und historisch gesehen war das die Bestandserhaltung, was man heute

[00:33:20]  drunter versteht, für die Restaurierungswerkstätte und Buchbinderei. Und die Begrifflichkeit ist

[00:33:26]  heute eben im Tiroler Landesarchiv immer noch so gängig und im Prinzip geht es eigentlich

[00:33:31] um die Bestandserhaltung. Es gibt eine hauseigene Restaurierwerkstätte, wo vier gelernte

[00:33:38]  Buchbinder:innen tätig sind, die eine restauratorische Weiterbildung erfahren haben, also alle vier

[00:33:45]  eben auch als Restaurator:innen tätig sind und dabei eben einerseits buchbinderische

[00:33:51]  Aufgaben übernehmen, was jetzt in einer Bibliothek anfällt, aber eben auch eben vor allem natürlich

[00:33:58]  die Restaurierung und die konservatorische Maßnahmen der Archivale betreffend. Mein Aufgabengebiet

[00:34:04]  ist es, ich bin keine Restauratorin, vor allem eben da dies zu leiten, zu organisieren, auch

[00:34:12]  zu organisieren welche Bestände werden durchgeschaut auf Mängel, wie erfolgt die Priorisierung,

[00:34:19]  wo werden restauratorische Maßnahmen ergriffen, wo konservatorische und eben auch welche Verpackungsmaterialien

[00:34:28]  darunter so die klimatischen Verhältnisse und eben auch einfach, dass man in alle Projekte

[00:34:33]  irgendwie eingebunden ist, weil auch die Erschließungsarbeit oder auch in der Überlieferung, wenn wir Akten übernehmen,

[00:34:41]  werden sie zuerst gesichtet, einerseits natürlich inhaltlich von der archivwürdigkeit her und der

[00:34:47]  zweite Punkt ist natürlich im Zustand. Verschimmelte Sachen oder sehr mitgenommene Sachen können

[00:34:55]  wir auch nicht in unsere Bestände übernehmen, da müssen davor Maßnahmen getroffen werden.

[00:34:59]  Und das ist so eigentlich das Aufgabengebiet.

[00:35:01]  Tobias: Triffst du die Entscheidung in Absprache mit dem Christoph Haidacher, also dem Leiter des

[00:35:05]  Landesarchivs, welche Archivmaterial... oder welche Bestände restauriert werden oder darfst du,

[00:35:14]  so blöd es jetzt klingt, das allein entscheiden oder wird es dann auf Empfehlung oder auf Vorschlag

[00:35:19]  von dir priorisiert sozusagen, wo es am sinnvollsten ist, gleich zu agieren?

[00:35:24]  Gertraud: Nein, da kann ich selbstständig agieren, ist auch glaube ich der Dr. Haidacher ganz froh, [lacht] dass man

[00:35:30]  da selbst agiert und nicht immer alles hinterfragt. Natürlich ist es logischerweise, dass man Sachen

[00:35:36]  diskutiert, dass man Sachen anspricht, gerade wenn es auch Fachbereichsübergreifend ist, also wenn es

[00:35:42]  die Erschließung betrifft oder in der Überlieferung betrifft, dass man da natürlich zusammenarbeitet,

[00:35:47]  aber im Prinzip ist es natürlich auch mein Aufgabe, das zu entscheiden und weil da einfach viel

[00:35:54]  Vorarbeit zu leisten ist, man kann jetzt nicht sagen, okay, ich bin sehr Mittelalter affin, deswegen würde

[00:36:01]  ich jetzt eigentlich lieber gerne die mittelalterlichen Bestände bearbeiten, was einfach von der Bestandserhaltung

[00:36:06]  eigentlich meistens widersinnig ist, weil die Sachen meistens sehr gut verpackt sind und einfach

[00:36:11]  vom Material her viel besser dauerhafter im Bestehen sind und deswegen widmen wir uns natürlich auch

[00:36:20]  jenen Beständen, die einfach aufgrund ihrer Materialien oder nicht Verpackung, auch das gibt es im

[00:36:27]  Tiroler Landesarchiv. Tobias: Das gibt es leider in jedem Archiv, aber es gibt ja, wie auch im Archivkurs,

[00:36:32]  es gelehrt wird, einen Idealzustand und es gibt einen Praktikabelen- und Ist-Zustand. Gertraud: Genau,

[00:36:38]  und natürlich ist der Idealzustand, wo wir alle hin möchten und das geht halt nur Step by Step [englf. für Schritt für Schritt]

[00:36:43]  und natürlich wäre es am besten, wenn man alles zur gleichen Zeit hat, des ist nicht drin.

[00:36:48]  Tobias: Von dem her ist ja das Prinzip ein bisschen ähnlich wie dann, wie es ja jetzt immer bei den Corona-Zeiten

[00:36:53]  ja eigentlich für die Krankheit... für die Krankenhäuser vorgeschrieben war, mit der Triage, wo wir ja auch schauen

[00:36:58]  müssen, wo ist es wichtiger schnell zu agieren, wo weniger, wo kann es noch ein bisschen dauern,

[00:37:03]  bis es eigentlich bearbeitet wird, oder? Könnte man das so...

[00:37:06]  Gertraud: So ist es auf alle Fälle. Also es gibt deswegen auch diese Schadenskataster oder Kataloge, wo man wirklich

[00:37:11]  einfach einen Überblick über die Bestände haben muss und auch über den Zustand und dann eben auch

[00:37:17]  priorisieren muss, okay, wenn jetzt ein Bestand nicht verpackt ist und sehr viele mechanische

[00:37:23]  Schäden hat, also heißt viele Eselsohren, Einrisse und es gibt einen Bestand daneben,

[00:37:29]  der vielleicht sogar verpackt ist, aber wo wirklich ein früherer Wasserschaden ins Archiv gekommen ist

[00:37:37]  und da wirklich der Schimmel vielleicht schon angesetzt hat oder zumindest das einmal schon

[00:37:41]  gewütet hat, da muss man priorisieren, da muss man dann sagen, okay, die mechanischen Schäden,

[00:37:46]  wenn ich jetzt den Bestand so liegen wir er ist, da verändert sich nicht so wenig, aber beim

[00:37:51]  Schimmel, da müssen wir jetzt ansetzen, weil es wird schlechter und schlechter. Und natürlich,

[00:37:55]  das hängt dann auch am Material. Wenn ich jetzt ein Holzschliffpapier aus dem 19. und 20.

[00:37:59]  Jahrhundert vor mir und wenn ich das angreif und es schon fast reißt, ist natürlich einfach zu

[00:38:06]  sagen, okay, da müssen wir was machen. Hingegen beim Harderpapier aus dem Mittelalter aus den Akten,

[00:38:12]  die vielleicht schmutzig sind, weil sie nicht Ideal aufbewahrt wurden, aber and und für sich,

[00:38:17] von der Haptig her schon einen guten Eindruck machen, ist natürlich die Priorität eindeutig

[00:38:22]  bei den jüngeren Archivaren an zu setzen, weil die wahrscheinlich nicht so lang überdauern

[00:38:27]  werden wie das sehr stabile, schon hunderte Jahre alte Papier aus dem Mitterlalter. Tobias: Das heißt, du machst

[00:38:34]  auch Sichtungen vor Ort dann in den Abteilungen oder fährst du auch zum Teil in die Gemeindenarchive,

[00:38:42]  oder ist, weil ich weiß, der Bernhard, der Mertelseder Bernhard, macht das ja sehr, sehr oft

[00:38:47]  und wenn gefragt wird. Betrifft dich das in dem Fall auch öfters oder ist das weniger? Gertraud: Mach ich auch.

[00:38:53]  Mach ich auch. Mach ich genauso, wenn es darum geht, eben wenn im Gemeindenarchiv einfach der Zustand

[00:38:59]  vielleicht nicht selbstständig abgeklärt werden kann von den Archivalien oder eben wie soll ich da

[00:39:05]  jetzt vorgehen mit dem ganzen Verpacken, da sprechen aber auch der Bernhard Mertelseder und wir

[00:39:11]  uns sehr gut ab, was geht eher in seine Richtung, wo kann er besser Auskunft erteilen und wo ist es

[00:39:18]  vielleicht besser, wenn wir hinfahren. Tobias: Diese Aufgabe machst du ja noch nicht immer, sag ich jetzt

[00:39:24]  einmal, im Stadtarchiv, oder warst du im Stadtarchiv, ich weiß nämlich zu wenig eigentlich, auch schon

[00:39:28]  für die Bestandserhaltung vorrangig zuständig oder war das dann wirklich erst durchs Landesarchiv?

[00:39:33]  Gertraud: Da wird jetzt der Lukas wahrscheinlich lachen, aber im Prinzip [lacht] war es, wie ich damals mit dem Lukas

[00:39:41]  also wir waren zu dritt im Archiv [schnalzt mit der Zunge] nachdem die Kollegin in Pension gegangen ist und da haben

[00:39:47]  wir es eigentlich schon so aufgeteilt gehabt. Der Lukas war natürlich für alles zuständig logisch,

[00:39:52]  aber er hat schon, jetzt wenn man von Bestände her geht, eine große Affinität zu den Fotobestände,

[00:39:58]  Grafikbestände, da kennt er sich einfach wahnsinnig gut aus und das hat auch Sinn.

[00:40:02]  Tobias: Macht er immer noch sehr gern, muss ich sagen. Gertraud: Ja, manches bleibt so. Der Kollege hat vor allem

[00:40:07]  die Bibliothek gehabt und so das alte Zeug [beide lachen]. Gertraud lachend: Wenn ich Lukas zittieren darf. Also was das Archiv betroffen hat,

[00:40:16]  da war, alles was Verwaltungsarchiv betroffen hat, das war eigentlich vor allem meine Zuständigkeit.

[00:40:21]  Und das war eigentlich das Tolle im Stadtarchiv, weil es war auch eine gute Schule, weil natürlich in

[00:40:27]  einem Kommunal-Archiv wäre ich nicht, bin ich nicht nur für die Bestandserhaltung zuständig,

[00:40:32]  sondern da muss man alles machen. Und das war natürlich schon toll, weil du hast eigentlich von

[00:40:37]  der Aktenübernahme bis, dass du sie ordnest, was ich Akten verpackt habe und dann die Beschriftung,

[00:40:44]  die Signierung des Archiv-Infomationssystems, also das ganze Einpflegen in die Datenbank und natürlich

[00:40:49]  dann auch die Bestandserhaltung, das war alles meine Aufgabe und deswegen habe ich natürlich da ein sehr

[00:40:56]  breites, ja learning by doing [engl. für Lernen durch Handeln]. Man hat sich sehr viel reinlesen müssen, weil es war natürlich

[00:41:02]  jetzt auch niemand da, der einem das genauso sagen hat können und auch niemand die Zeit gehabt hat.

[00:41:07]  Das war zu meiner Zeit so, es war auch das Stadtmuseum erst im Aufbau und es war einfach vieles

[00:41:13]  zu gleichen Zeit hat passieren müssen. Und das war eigentlich von dem her eine gute Schule, deswegen sage

[00:41:18]  ich auch immer, ohne die Zeit im Stadtarchiv wäre wahrscheinlich gar nie die Option gewesen, dass

[00:41:24]  sie mir die Stelle im Tiroler Landesarchiv angeboten hätten. Tobias: An dieser Stelle darf ich vielleicht

[00:41:28]  auch nochmal Danke sagen, weil wir greifen immer noch auf deine Arbeit zurück, vor allem was die

[00:41:32]  Urkunden und so weiter betrifft. Für deine Position oder für deinen beruflichen Zwecke wird es wahrscheinlich

[00:41:38]  ja viele Ausbildungsmöglichkeiten geben, Fortbildungen, Schulungen. Gibt es da sozusagen auch im

[00:41:44]  Erhaltungsbereich eine Community, die wo man sich austauscht oder so, wie bei den Archiv-Tage,

[00:41:51]  wo dann auch immer so Panels [engl. für Forum] sind, wo das Thema der Erhaltung vor allem im Vordergrund steht?

[00:41:57]  Gertraud: Ja, es gibt es natürlich. Das ist, also vor allem im Staatsarchiv ausgehend, die alle zwei Jahre da

[00:42:05]  wirklich eine Tagung organisieren, wo einerseits eben die Restaurierungszuständigen Menschen

[00:42:14]  in den Landesarchiven auch zusammenkommen, um sich auszutauschen, sind auch die Kommunalen

[00:42:20]  Archive dabei, soweit sie halt über wirklich Restaurierwerksstätten oder eben wirklich

[00:42:26]  Restauratorinnen oder Restauratoren verfügen, und dann natürlich eben auch die Angewandte, die hier eben auch ihre Professorinnen, Studierenden schickt, um eben an dieser Tagung einerseits Beiträge, aber eben auch zum Austausch, da kommt man sehr viel in den Austausch, das ist eben alle zwei Jahre. Und das organisiert immer das Staatsarchiv, da ist...

[00:42:50]  das ist eigentlich immer sehr interessant. Weil einfach, man merkt, okay, was läuft jetzt gerade in den anderen Archiven oder wo ist momentan da die Schwerpunktsetzung und man einfach immer sich selber und seine Arbeit, oder..

[00:43:05]  Tobias: Du meinst, dass man dann sieht, dass es anderen gleich geht, nicht gerade... Das habe ich öfters gemerkt, dass andere Archive, sei das das Grazer-Stadtarchiv, Wiener-Stadtarchiv, die haben dieselben Probleme wie wir, meistens. Gertraud: Ja genau. Tobias: Das ist was beruhigendes auch irgendwo.

[00:43:19]  Gertraud: Genau. Einerseits.. Und andererseits ist es natürlich eben, es gibt so Sachen, mit denen wir uns auch auseinandersetzen müssen, wenn man jetzt an dieses saure Papier denkt, also an diese Massenteuerungsvorgehen oder eben an den [unverständlich] denken, das sind Sachen, die wir bisher eigentlich umschifft haben, weil da einfach die restauratorische Methodik, nicht ganz ausgereift ist oder für uns, die Entscheidung noch nicht klar ist, in welche Richtung wir gehen.

[00:43:46]  Und da ist der Austausch sehr gut und das ist eigentlich gut, dass das alle zwei Jahre stattfindet.

[00:43:52]  Und ansonsten ist es halt wirklich so, dass wir im Austausch einfach mit den Restauratorinnen und Restauratoren in Innsbruck, Salzburg, da sind wir in einem regen Austausch.

[00:44:02]  Tobias: Eine abschließende Frage. Gibt es was, was du den Zuhörerinnen und Zuhörern mitgeben möchtest, über das Landesarchiv?

[00:44:10]  Gertraud: Ja genau, also das Tiroler Landesarchiv befindet sich in der Michael-Gaismair-Straße 1, nicht in der Badgasse.

[00:44:16]  Tobias: [lacht] Ja, stimmt, denn das ist des Öfteren schon vorgekommen, dass, "ah, sind wir da nicht im Landesarchiv".

[00:44:23]  Gertraud: Genau. Das ist sowas. Ansonsten natürlich, dass man mit jeder Frage zu uns kommen kann und uns auf alle Fälle auch telefonisch und schriftlich, wenn einfach die Anreise zu weit ist.

[00:44:36]  Aber der Lesesaal eigentlich jedem Interessierten offen steht.

[00:44:40]  Das ist auf alle Fälle unser Credo und das ist auch mit all der Digitalisierung uns nach wie vor wichtig, dass die Leute einfach auf die Orginale im Lesesaal in die Hand bekommen und mit den Orginalen arbeiten können.

[00:44:54]  Das ist ja eigentlich auch das Besondere im Archiv, was man im Museum oft durch Fensterscheiben oder Glas nur betrachten kann, kann man wirklich im Orginalen in die Hand nehmen.

[00:45:05]  Und ich glaube, das macht das Archiv aus.

[00:45:08]  [Outro-Musik]

Nicht nur Leben retten

Nicht nur Leben retten

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Intro-Musik] Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur mittlerweile 5. und somit vorletzten Folge von Archivwürdig,

[00:00:19]  dem Podcast des Innsbruckers Stadtarchivs. Dieses Mal spreche ich mit Ernst Pavelka vom

[00:00:24]  Archiv der Freiwilligen Rettung in Innsbruck. Gemeinsam reden wir über die Entstehung

[00:00:28]  des Archivs, was dort wie aufbewahrt wird und wie Ernst überhaupt zur Archivarbeit kam.

[00:00:33]  Darüber hinaus kommen wir auf die mögliche Zukunft eines Rotkreuz Museums in Innsbruck zu

[00:00:38]  sprechen und starten auch einen Aufruf an unsere Hörerinnen und Hörer. Und mit diesem kleinen

[00:00:45]  Vorgeschmack gebe ich nun ab in die Folge. Lieber Ernst danke, dass du dir Zeit

[00:00:50]  genommen hast, heute mit mir da zu sprechen über das und jetzt muss ich aufpassen,

[00:00:55]  das Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck. Und da ist für mich schon beim, ich habe ja im

[00:01:01]  Vorhinein natürlich ein kleines bisschen recherchiert, die Frage gewesen, eigentlich ist es ja das

[00:01:06]  Vereinsarchiv des Roten Kreuzes. Warum quasi dann nicht im Namen Archiv des Roten Kreuzes,

[00:01:13]  sondern Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck? Hat das einen speziellen Hintergrund?

[00:01:19]  Ernst: Naja, es ist das Archiv des Roten Kreuzes Innsbruck eigentlich. Wir haben in Tirol die Situation,

[00:01:25]  dass die Rotkreuz-Bezirkstellen alle autonome Vereine sind und der Landesverband

[00:01:32]  selbst auch. Und das ist also jetzt einmal das Archiv des Roten Kreuzes Innsbruck, wobei wir Rotes Kreuz

[00:01:37]  Innsbruck sagen, der korrekte aktuelle Vereinsname ist "Österreichisches Rotes Kreuz,

[00:01:41]  Freiwillige Rettung Innsbruck" abgekürzt ist einer der Namen, die der Verein in seiner Geschichte

[00:01:48]  gehabt hat. Die Namen haben sich immer wieder geändert. Also ab Gründung ist ursprünglich

[00:01:54]  gegründet worden als Rettungsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck am 12.04.1907,

[00:01:59]  ist dann 1925 aus der Feuerwehr ausgeschieden worden aus verschiedenen Gründen. Ab da haben

[00:02:06]  wir den Namen "Freiwillige Rettungsgesellschaft Innsbruck", der Name "Freiwillige Rettungsgesellschaft

[00:02:10]  Innsbruck", der zieht sich dann auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiter in unterschiedlichen

[00:02:16]  Varianten. Also zuerst "Freiwillige Rettungsgesellschaft Innsbruck", irgendwann kommt dann auch das

[00:02:21]  "Rote Kreuz" hinein, da gibt es einen Speeringnamen "Freiwillige Rettungsgesellschaft Innsbruck

[00:02:26]  Bezirksstelle Innsbruck Stadt"... [Lachen] Tobias: Ist nicht grad wirklich.. Ernst: ... Des Österreichischen Roten Kreuz des Landesverband Tirol".

[00:02:32]  Tobias: [lachend] Der liegt nicht wirklich auf der Zunge! Ernst: Da versteht man dann schon, dass man dann abkürzt, zunächst mit "Freiwillige Rettungsgesellschaft

[00:02:40]  Innsbruck" und ab 1975 haben wir dann "Freiwillige Rettungsgesellschaft Innsbruck Bezirksstelle

[00:02:46]  Innsbruck Stadt des Österreichischen Roten Kreuzes Landesverband Tirol" und seit 2006 "Österreichisches

[00:02:54]  Rotes Kreuz Freiwillige Rettung Innsbruck" also etwas knackigerer Name.

[00:02:58]  Und als Allgemeinbezeichnung des Vereins über all diese Epochen hinweg, kann man sagen "Rotes

[00:03:06]  Kreuz Innsbruck" das ist... Tobias: Das ist auch in Ordnung quasi, wenn man das so sagt quasi.

[00:03:11]  Ernst: Ja genau, das ist natürlich in Ordnung.

[00:03:13]  Tobias: Und jeder weiß was gemeint ist. Ernst: Und jeder weiß, was gemeint ist. Und es ist ja auch so, dass wir ja nicht nur Rettungsdienst

[00:03:20]  machen, obwohl es viele Jahre, sehr stark auch im öffentlichen Bewusstsein stehender Bereich

[00:03:25]  gewesen ist, aber andere Vereinsaufgaben auch noch im Sozialbereich und...

[00:03:30]  Tobias: Ich wollte gerade sagen, da fällt mir... Habe ich das richtig im Kopt, ist es nicht "Essen auf Rädern"

[00:03:34]  mittlerweile auch beim Roten Kreuz zum Teil?

[00:03:36]  Ernst: Essen auf Rädern war von Anfang an beim Roten Kreuz bis auf eine kurze Zeitspanne, wo es ein anderer Anbieter

[00:03:42]  gemacht hat, der das damals aber dann nicht so zur Zufriedenheit machen konnte, sodass es

[00:03:47]  dann wieder zum Roten Kreuz Innsbruck gegangen ist.

[00:03:50]  Ja ganz genau, also in Kooperation natürlich mit dem ISD [Innsbrucker Soziale Dienste].

[00:03:56]  Tobias: Ja genau, ich wollte gerade sagen, weil der ISD glaube ich macht das auch zum Teil.

[00:04:00]  Ernst: Ja der ISD macht, wir stellen Personal und Fahrzeuge.

[00:04:05]  Tobias: Gehen wir gar [lachen] nicht zu sehr auf die Rettung ein, sonst kommen wir heute glaube ich gar nicht weiter.

[00:04:10]  Jetzt haben wir das Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck.

[00:04:14]  Stellt sich natürlich die nächste Frage, was sammelt das oder wie ist der Sammelauftrag

[00:04:19]  an das oder welchen Sammelauftrag gibt es an das Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck?

[00:04:24]  Es ist ein Vereinsarchiv, das sollte man vielleicht vorausschicken im Unterschied jetzt zum Beispiel

[00:04:28]  zum Stadtarchiv, das ein kommunales Archiv ist und auch in der Verwaltung ja verankert ist.

[00:04:33]  Wenn ich jetzt sage, das Vereinsarchiv ist sozusagen auf freiwilliger Basis,

[00:04:37]  würdest du das so bestätigen oder würdest du sagen, das ist...

[00:04:41]  Ernst: Also das... Unser Archiv ist Jahrzehntelang auf freiwilliger Basis geführt worden.

[00:04:50]  Seine Wurzeln hat es ja schon in den 1970er Jahren bei meinem Vorgänger, beim Rudolf Stampfer,

[00:04:56]  der war Dienstleiter und Geschäftsführer, Stellvertreter dann,

[00:05:00]  ab dem Zeitpunkt, wo es auch eine Geschäftsführer gegeben hat, also 1989.

[00:05:07]  Und er hat schon angefangen, da Material zu sammeln, Dinge aufzubewahren

[00:05:13]  und hat versucht, ohne dass man das schon als Archiv bezeichnen könnte, jetzt im eigentlichen Sinn,

[00:05:18]  aber er hat sich um die Bewahrung von Dingen bemüht, die irgendwie aus dem Dienstbetrieb

[00:05:23]  des Roten Kreuzes Innsbruck entstanden sind.

[00:05:26]  Tobias: Das heißt, er hat das ehren...., also heute würde man sagen ehrenamtlich gemacht.

[00:05:31]  Ernst: Also neben seiner normalen, hauptberuflichen Tätigkeit.

[00:05:35]  Und man hat dann, 1991 ist das glaube ich gewesen, hat man dann Stelle...

[00:05:42]  Tobias: 91 habe ich mir niedergeschrieben, [beide reden durcheinander] [lachen]

[00:05:46]  Ernst: Er hat dann, eine Stelle als Archiv auch ausgeschrieben, es

[00:05:49]  haben sich dann, oder als Archivarin natürlich,

[00:05:52]  aber es haben sich dann zwei Herren gemeldet, die das dann noch einige Zeit gemacht haben.

[00:05:57]  Und 1997, glaube ich, [19]98, hat das dann der Rudi Stampfer wieder gemacht,

[00:06:04]  auch in ehrenamtlicher Funktion.

[00:06:07]  Also er war damals dann schon in Pension nicht.

[00:06:10]  Und ich habe eigentlich auch zunächst ehrenamtlich gestartet

[00:06:14]  und seit Mitte 2018, glaube ich, habe ich jetzt Dienstfreistellungen

[00:06:23]  innerhalb meiner hauptberuflichen Tätigkeit für das Archiv.

[00:06:27]  Also das war zunächst ein Archivtag und mittlerweile so zu 40 Prozent

[00:06:31]  auch für das Archiv angestellt bin, weil einfach der Arbeitsaufwand immer mehr gestiegen ist

[00:06:37]  durch gestiegene Anfragen, Projekte und so weiter,

[00:06:40]  was mit dem zunehmenden Interesse auch von Seiten unseres Vorstandes

[00:06:45]  und auch der Geschäftsführung an diesem Archiv zu tun hat.

[00:06:49]  Und mittlerweile sind so jetzt zwei Archivtage, die ich habe in der Woche

[00:06:53]  und daneben mache ich halt nur ein bisschen ehrenamtlich auch noch.

[00:06:57]  Tobias: Das heißt, weil du sagst, du, der Vorwands- oder 40 Prozent quasi deines Dienstes,

[00:07:04]  deine andere Verbindung zum Roten Kreuz ist?

[00:07:07]  Ernst: Ja, ich bin im Regelfahrdienst tätig, ich bin Sanitäter,

[00:07:10]  ich fahre hauptsächlich Krankentransporte und habe eben diese zwei Tage,

[00:07:15]  das ist immer Mittwoch Donnerstag, wo ich eine Dienstfreistellung habe,

[00:07:19]  dann für das, um meiner Archivtätigkeit auch nachzukommen.

[00:07:22]  Tobias: Darf ich noch fragen, wie du persönlich dich für die Archivarbeit interessiert hast?

[00:07:28]  Hast du durch Kontakt mit dem Herrn Stampfer zu dem gefunden

[00:07:32]  oder hast du gemerkt, da gibt es was? Oder?

[00:07:34]  Ernst: Ich habe zum Rudi Stampfer davor eigentlich nur wenig Kontakt gehabt,

[00:07:39] ich habe einmal Kontakt gehabt,

[00:07:41]  weil ich relativ am Beginn meiner Tätigkeit beim Roten Kreuz Innsbruck

[00:07:44]  ein bisschen dort in der Pressestelle herum geschaftelt habe, muss man sagen [Tobias lacht].

[00:07:49]  Also ich habe der Beiträge für die Mitgliederzeitung geschrieben

[00:07:52]  und einmal für die Homepage oder zweimal, da habe ich eigentlich einmal oder zweimal mit ihm Kontakt gehabt,

[00:08:00]  weil es da um Fotos gegangen ist für irgendeinen Beitrag. Gefragt worden

[00:08:07]  bin ich aber eigentlich 2010 vom damaligen Bezirksfreiwilligen-Koordinator,

[00:08:13]  ob ich da, weil sich der Rudi Stampfer zurückziehen wollte aus der Archivtätigkeit,

[00:08:19]  ob ich das übernehmen möchte.

[00:08:22]  Und dann habe ich gesagt, das muss ich mir noch überlegen nicht, [Tobias lacht]

[00:08:27]  und dann habe ich Rudi [lachend] angerufen und habe gefragt, wie das denn ist

[00:08:32]  und wie groß der Zeitaufwand ist.

[00:08:34]  Ja, und Rudi hat gesagt, ja, das Archiv hat den Vorteil,

[00:08:38]  dass es einem eben nicht davon läuft [beide lachen].

[00:08:40]  Tobias: Das kann ich bestätigen.

[00:08:42]  Die Archivalien sind geduldsam.

[00:08:45]  Ernst: Die Archivalien sind geduldsam. Aber man hat dann je mehr Aufgaben man dann für das Archiv übernimmt,

[00:08:51]  wenn es dann auch in den Bereich ein bisschen der Öffentlichkeitsarbeit hineingeht, nicht.

[00:08:55]  Wenn es im Bereich von Medienarbeit hineingeht, also Vorbereitung für irgendwelche Facebook-Postings

[00:09:01]  und andere Dinge macht, dann aber doch natürlich zeitliche Vorgaben,

[00:09:06]  die man dann in irgendeiner Weise versuchen muss einzuhalten, nicht.

[00:09:09]  Und gerade da ist also dann auch der Arbeitsaufwand natürlich gestiegen.

[00:09:13]  Tobias: Das denke ich mir, ja.

[00:09:15]  Ernst: Und es ist auch immer mehr geworden, was ich dann eigentlich gemacht habe.

[00:09:20]  Da ist schon, wenn dann natürlich Sachen wie die Festschrift zum Beispiel 2017 reinkommen,

[00:09:26]  also dann bleibt im Grunde alles andere, was mit eigentlich archivarischer Tätigkeit zu tun hat

[00:09:33] also, das ganze Inventarisierungs-Tätigkeiten nicht, die Verzeichnung, Erschliessung und so weiter,

[00:09:39]  das bleibt natürlich dann alles liegen, die Bearbeitung von Archiv-Eingängen.

[00:09:43]  Tobias: Was kann man sich denn vorstellen, was bei dir, also

[00:09:46]  nicht bei dir persönlich natürlich, sondern ich mein damit natürlich im Archiv lagert.

[00:09:50]  Sind das, ich sage jetzt einmal salopp gesagt, Einsatzberichte, sind das nur Schriftstücke,

[00:09:56]  sind das auch Realien, also was weiß ich, ein Helm oder eine Ausrüstung oder sowas?

[00:10:04]  Ernst: Also es umfasst ein sehr, sehr breites Spektrum eigentlich.

[00:10:08]  Wir haben relativ viel Schriftgut aus dem Verhaltungsbetrieb.

[00:10:11]  Wir haben allerdings auch Fotografien, historische Fotografien natürlich und Realien natürlich auch,

[00:10:16]  also ganze Reihe von Gegenständen aus allen möglichen Bereichen, also aus dem Rettungs- und Krankentransportdienst,

[00:10:24]  aus dem Katastrophenschutzwesen, aus dem Ausbildungswesen und so weiter.

[00:10:29]  Die Geschichte des Roten Kreuzes Innsbruck, auch die Geschichte des Rettungswesens eigentlich,

[00:10:34]  ist eine sehr durchwachsene, komplexe Geschichte, weil da alle möglichen Formen von Geschichten

[00:10:40]  wenn man das so sagen kann, hineinfallen.

[00:10:43]  Also man hat da Medizingeschichte drin, man hat da Stadtgeschichte drin über die Gebäude, die wir errichtet haben,

[00:10:50]  aber auch Betriebe, die wir geführt haben, also das Rote Kreuz Innsbruck hat seit 1928,

[00:10:55]  also Betriebswirtschaftliche Tradition, wenn man so sagen kann, das hat verschiedene Gründe gehabt damals,

[00:11:00]  und Technikgeschichte, nicht, alles, was man da ganze Leitstellen wesen, was mit Kommunikationstechnik zu tun hat.

[00:11:07]  Dann natürlich eine Geschichte von Entwicklung von Uniformen, solche Dinge, nicht. Ausbildungsgeschichte,

[00:11:13]  das fällt da alles, das fällt da alles hinein, also es ist da relativ komplex,

[00:11:18]  also man könnte im Grunde ein technisches Museum aus sowas machen zum Beispiel,

[00:11:23]  und natürlich wie bestimmte Abläufe stattfinden, wie kommt ein Rettungsauto zum Patienten,

[00:11:30]  wie ist da der ganze Weg. Angefanen von der Meldung, wie hat das zu Beginn des Rettungsdienstes in Innsbruck ausgesehen.

[00:11:36]  Wie haben da die Meldungen stattgefunden, wie ist dann der ursprünglich Pferdewagen, das Pferdegespann,

[00:11:45]  oder wie sind die ersten Kraftwagen ausgefahren, oder wie hat man auch ein Auto alarmieren können,

[00:11:53]  wenn es draußen war, bevor man Sprechfunk gehabt hat,

[00:11:56]  also diese ganzen organisatoren Sachen, wie sind Patienten transportiert worden überhaupt,

[00:12:02]  hat es da schon Tragen gegeben oder und so weiter, solche Dinge einfach,

[00:12:06]  das fällt da alles in die Geschichte hinein und aus all diesen Geschichten,

[00:12:12]  fällt halt da Material an dann, nicht, für das Archiv oder ist angefallen.

[00:12:16]  Tobias: Wie kommst du dann an dein Archivgut?

[00:12:19]  Gibt es bei der Rettung eine Art Regelung, dass gewisse Schriftstücke dann ins Archiv kommen zu dir

[00:12:27]  oder musst du proaktiv um die Schriftstücke sozusagen ringen?

[00:12:31]  Ernst: Also eine Regelung in dem Sinn haben wir aktuell noch nicht.

[00:12:35]  Ich bin seit Längem dabei, eine auszuarbeiten,

[00:12:37]  wo man dann einfach sagt, das ist etwas, was ein bestimmtes Alter hat,

[00:12:41]  sagen wir älter als 20 oder älter als 30 Jahre,

[00:12:44]  ist auf jeden Fall dann in den Archiv kommen soll, was so Verwaltungsakten betrifft, da ist es so,

[00:12:50]  es wird immer noch in irgendwelchen Büros irgendwo irgendetwas gefunden,

[00:12:54]  was Gegenstände betrifft, oft im [unverständlich]-Keller oder so,

[00:12:57]  wenn dort wieder aufgeräumt wird, da tauchen dann wieder Sachen auf,

[00:13:00]  die bekomme ich dann, oder mittlerweile ist es so, dass da jetzt schon die Dienstführer,

[00:13:07]  oder wer auch immer das dann findet, proaktiv auf mich zukommt

[00:13:11]  und fragt, ob ich das haben will oder mir das einfach reinstellt.

[00:13:14]  Tobias: Das heißt, es spricht sich schon herum, dass es dich gibt? [lacht]

[00:13:16]  Ernst: Ja genau. Also es hat sich mittlerweile herumgesprochen.

[00:13:19]  Dass [beide lachen] mich gibt. Ich bekomme es auf diese Art und Weise nicht.

[00:13:24]  Wenn mir irgendetwas auffällt, dann schaue ich schon auch proaktiv, dass ich das bekomme.

[00:13:29]  Also wenn irgendwelche neuen Sachen jetzt im Dienstbetrieb,

[00:13:32]  auftauchen zum Beispiel, wo ich mir denke, das könnte für das Archiv interessant sein,

[00:13:38]  auch wenn es ein neuer Gegenstand ist, nicht, aber in 20 Jahren ist das ein historischer Gegenstand,

[00:13:43]  der dann auch eventuell eine historische Quelle für irgendetwas ist.

[00:13:46]  Dann schaue ich natürlich, dass ich mir da in irgendeiner Weise da was sichern kann.

[00:13:49]  Das war jetzt im Zuge der Covid-Pandemie, ist das durchaus gehäuft vorgekommen,

[00:13:53]  weil ich da Dinge gesammelt habe, die da neu hinzugekommen sind.

[00:13:57]  Tobias: Was habt ihr da zum Beispiel jetzt durch die Covid-Pandemie gesammelt?

[00:14:01]  Ernst: Ja Masken, diese Stabelen [Dialekt für Stäbchen] für die Covid-Abstriche zum Beispiel.

[00:14:07]  Aber ich sammel dann auch zum Beispiel die verschiedenen SOPs, die dann herausgehen,

[00:14:13]  also die "Standard Operating Procedures" [engl. für Standardvorgehensweise] für den Rettungs- und Krankentransportdienst,

[00:14:17]  also wie man sich dann entsprechend zu verhalten hat.

[00:14:20]  Da gibt es entsprechende Algorithmen, wie das abzulaufen hat.

[00:14:23]  Also solche Dinge, was da über E-Mail dann von Seiten des Bezirks Rettungskommandos, bzw. Rettungskommandanten verschickt wird in diesen Dingen.

[00:14:32]  Und ich versuche, die Dinge dann auch gleich irgendwie zu dokumentieren.

[00:14:36]  Tobias: Damit es für die Nachwelt leicht zu verstehen ist dann.

[00:14:39]  Ernst: Ganz genau. Das ist so die Art und Weise nicht.

[00:14:42]  Und dann kommt natürlich Material auch von ehemaligen Rettungsmitgliedern oft.

[00:14:47]  Die haben oft noch Fotos zu Haus, die haben oft aber auch Schriftstücke,

[00:14:51]  oft irgendwelche Funktionäre ehemalige Abteilungskommandanten.

[00:14:55]  Die haben oft noch Dinge daheim, die in ihrer aktiven Zeit, in ihren Funktionen angelegt haben,

[00:15:01]  weil die natürlich dann oft interessante historische Quellen sind.

[00:15:04]  Es gibt einen Fach im Sekretariat für das Archiv, da liegt dann auch oft irgendetwas drin.

[00:15:09]  Manchmal weiß man doch gar nicht, von wem das ist.

[00:15:12]  Tobias: [lachend] Hat auch seine Probleme, wenn man das nicht weiß.

[00:15:14]  Ernst: Und manchmal weiß man auch gar nicht, was es genau ist [lachen]

[00:15:17]  [lachend] Das ist dann manchmal ein bisschen schwierig.

[00:15:21]  [lachend] Ich bin dann immer sehr dankbar, wenn dann irgendein Zettel dabei ist, wo eine Notiz drauf ist, von wem es ist.

[00:15:26]  Weil man dann im Ernstfall natürlich auch anrufen kann und fragen kann... Tobias: Was hat's mit dem auf sich? [lacht]

[00:15:32]  Ernst: Was hat's jetzt mit dem auf sich?

[00:15:34]  Wie gesagt, dass dann oft auch möglicherweise, wenn Funktionäre verstorben sind,

[00:15:39]  dass man von Angehörigen dann, wenn da jetzt noch irgendeine Uniform oder so,

[00:15:46]  von dem zu Hause ist, wenn die die zurückgeben, dass das dann ins Archiv geht.

[00:15:50]  Das sind so ungefähr die Wege, wie ich zu dem Material komme.

[00:15:54]  Tobias: Eine wichtige Frage, was wir bis jetzt, ich glaube, ich habe es bei jeder Folge noch bisher gestellt,

[00:16:01]  ist, wer überhaupt [räuspert sich] Zugang hat zu den Archivalien oder zum Archiv, sagen wir so,

[00:16:07]  ist das auch zugänglich für private Personen oder ist es jetzt nur ausschließlich,

[00:16:12]  oder im Vordergrund nur für Mitglieder der Rettung zugänglich?

[00:16:16]  Ernst: Also zugänglich in dem Sinne, also dass man da jetzt einfach reingehen kann.

[00:16:21]  Also das ist auch für Mitglieder der Rettung grundsätzlich nicht der Fall.

[00:16:27]  Also zugänglich ist es einmal natürlich grundsätzlich für mich, dann für die Dienstführer,

[00:16:32]  die sind so mittlere Führungsebene, Dienstführer ist der Offizier vom Dienst,

[00:16:36]  der für den Dienstbetrieb zuständig ist, der muss natürlich auch überall hineinkommen.

[00:16:41]  Und alles was aufwärts Dienstführer ist, also die kommen da grundsätzlich hinein,

[00:16:46]  aber drunter natürlich nicht, damit da nicht irgendeiner irgendwie mal was raustragen kann

[00:16:51]  und dann irgendeiner reingeht und schauen wir mal was da drin ist und solche Dinge.

[00:16:55]  Also das ist dann schon per Schloss

[00:16:58]  abgesichert. Aber grundsätzlich ist es so, dass wenn jemand eine Anfrage an unser

[00:17:02]  Archiv stellt und es dann etwas wäre, zum Beispiel was jetzt noch nicht

[00:17:09]  digitalisiert wäre, dann würde ich dem natürlich auch die

[00:17:13]  Möglichkeit eröffnen, da dann hineinzuschauen, dass wir haben

[00:17:16]  einmal einen Kameraden gehabt, der 2018 einen Diplomarbeit geschrieben hat,

[00:17:20]  Mastararbeit über die Geschichte des Rettungswesens in Innsbruck, der hat

[00:17:26]  sehr viel mit unserem Archiv gearbeitet und der hat dann natürlich auch einen

[00:17:31]  Schlüssel bekommen, der hat dann auch da eigenständig was tun können drin.

[00:17:35]  Also diese Möglichkeit habe ich ihm gegeben und ich habe ihm dann natürlich mit

[00:17:39]  Informationen weitergeholfen, wo er da irgendwas finden kann, aber in dem

[00:17:43] ist das ein Spezialfall gewesen, Mitglied bei uns, und dass er eine Diplomarbeit schreibt und

[00:17:47]  da kann man das dann eventuell auch schon so machen, wenn man da jetzt das

[00:17:52]  Vertrauen hat, dass das dann korrekt gemacht wird und nachdem der auch

[00:17:55]  Geschichte studiert hat natürlich. Tobias: Dann kann man davon ausgehen, der hat

[00:17:58]  ein bisschen einen Umgang mit dem... einen Respekt mit den Archivalischen Stücken.

[00:18:02]  Ernst: Ja genau. [lachen] Tobias: Hofft man zumindest [beide lachen].

[00:18:06]  Ernst: Ja, es war auch so. [lacht] Tobias: Nein eh. Ernst: Und man ist ja dann auch froh, wenn es eine

[00:18:10]  wissenschaftliche Produktion gibt zu dem Thema, weil besonders viel gibt es da

[00:18:14]  bis lad noch nicht. Also das ist... Tobias: Damit der Aufruf an die zukünftigen

[00:18:19]  Historiker und Historikerinnen. Es gibt noch viel im [lachend] Rettungswesen zu erforschen.

[00:18:24]  ErnstL Ja, es ist tatsächlich so. Es ist die Quelllage auch oft nicht so wahnsinnig

[00:18:28]  gut. Also es ist wirklich ein großes interessantes Phänomen.

[00:18:33]  Tobias: Das heißt, um das noch mal zu summieren, wenn Außenstehende von der Rettung oder

[00:18:38]  in der Rettung und nicht automatisch Zugang haben, Idealfall per E-Mail oder per

[00:18:42]  Telefon. Ich werde dann in [den] Shownotes die Website verlinken, das

[00:18:48]  Wiki vom Archiv. Kann man sich dann bei dir melden quasi.

[00:18:50]  Ernst: Ja, passt gut. Oder man ruft bei der allgemeinen Nummer

[00:18:54]  von Roten Kreuz Innsbruck an und die leiten es dann sowieso an mich weiter.

[00:18:58]  Und ich bearbeitete dann entsprechend die Anfrage.

[00:19:01]  Tobias: Wenn eine Anfrage bei dir ankommt, verlangt ihr Kosten für die Bearbeitung einer Anfrage.

[00:19:07]  Hängt es damit zusammen wie umfangreich oder wie selbstständig dann jemand,

[00:19:12]  was recherchieren kann?

[00:19:14]  Ernst: Tun wir nicht.

[00:19:15]  Ernst: Tun wir nicht. Also bislang verlangen wir da nichts.

[00:19:19]  Wobei es schon manchmal natürlich Anfragen gibt, externe Anfragen, wo es einen gewissen

[00:19:25]  Recherchaufwand gibt. Viele Anfragen kommen ja auch von Intern nicht.

[00:19:29]  Da natürlich auf keinen Fall nicht. Aber es ist eine ganze Reihe von externen Anfragen,

[00:19:34]  wo manchmal dann doch ein gewisser Recherchaufwand da ist.

[00:19:38]  Aber auch da verlangen wir nichts.

[00:19:42]  Ich versuche mir dann immer ein bisschen eine Grenze zu setzen, wo ich mir sage... Tobias: Was ist

[00:19:46]  schaffbar, was ist nicht schaffbar. Ernst: Jetzt lasse ich es. Und Informationen, die ich bis

[00:19:51]  dahin erhoben habe, die schicke ich dann raus.

[00:19:55]  Aber es ist dann oft auch so, dass gerade solche Sachen dann manchmal ein bisschen liegen bleiben

[00:20:01]  und ich bitte die Leute einfach ein bisschen um Geduld.

[00:20:03]  Weil ich das... Tobias: Weil du ja immerhin nur mit 40 Prozent da.

[00:20:07]  Ernst: Ja eben gena. [lacht] Tobias: Wenn du Dienstzeit ja sozusagen auch für das Opfern kannst.

[00:20:10]  Also Opfern ist jetzt der falsche Begriff, aber halt aufwenden kannst.

[00:20:13]  Ernst: Ja, ganz genau. Es sind ja dann oft, wenn von extern irgendwelche Anfragen kommen, das sind ja dann oft Sachen, wo irgendwelche

[00:20:21]  Vorfahren von den Leuten bei der Rettung Innsbruck gewesen sind.

[00:20:25]  Und da geht es dann darum, dass man irgendwelche Bilder von denen findet oder die dann oft

[00:20:30]  irgendwas wissen wollen.

[00:20:32]  Ein bisschen was zur Funktionsgeschichte oder so.

[00:20:35]  Und da ist natürlich manchmal weiß man dann auch nicht so genau, wie die Leute

[00:20:39]  ausgesehen haben.

[00:20:40]  Also da muss man dann auch mal schauen, dass man vom Anfragenstelle vielleicht

[00:20:44]  einmal ein Foto her kriegt, dass man ein Vergleichsfoto hat.

[00:20:47]  Aber das heißt dann, gerade bei Fotos, man muss natürlich Fotos durchschauen.

[00:20:51]  Und das ist halt auch ein zeitlicher Aufwand auch.

[00:20:55]  Tobias: Was ich auch noch ansprechen wollte, ich... mir ist es bekannt, weil du bei uns ja im Archiv

[00:21:01]  öfters auch recherchiert hast oder wahrscheinlich auch noch wirst.

[00:21:05]  Ihr veröffentlicht es ja manchmal in "Innsbruck informiert", so, ich weiß gar nicht, was

[00:21:10]  war denn der letzte Beitrag?

[00:21:12]  Ehm.

[00:21:13]  Lass mich überlegen. Ernst: Was war der Letzte?

[00:21:14] Schauen wir mal..

[00:21:15]  Deswegen denke ich mir. Ernst: Warte, ich stehe gerade auf der Leitung. [Tobias lacht]

[00:21:18]  Ernst: Ah, der Samaritarinnen Chor genau.

[00:21:20]  Tobias: Ah ja. Ernst: Samaritarinnen Chor, eine ganz spannende Geschichte.

[00:21:24]  Also Frauen und Frauenrollen in der Geschichte, der Roten Kreuzes in Innsbruck und Tirol.

[00:21:30]  Tobias: Nein, ich wollte das jetzt eigentlich aus dem Grund auch erwähnen, dass man sieht, es ist nicht

[00:21:35]  nur intern die Arbeit, sondern es wird auch noch extern die Archivarbeit getragen.

[00:21:40]  Das finde ich immer wichtiger zum hervorbringen.

[00:21:42]  Und vielleicht macht es jetzt bei manche Hörerinnen und Hörer bei uns so an, ah, stimmt, da habe

[00:21:47]  ich ja schon mal was gelesen in "Innsbruck informiert". [lacht]

[00:21:49]  Ernst: Das ist ja so ein bisschen ein gang in die Öffentlichkeit, den ich so 2015/2016 betrieben

[00:21:56]  habe.

[00:21:57]  2016 ist das Wiki angelaufen.

[00:21:59]  Das war schon gezielt, dass ich ein bisschen was hinaustragen wollte.

[00:22:03]  Und gerade jetzt zum Beispiel beim historischen Wiki ist es eben so, dass mir an dem Konzept

[00:22:08]  vom Wiki sehr gut gefallen hat, dass man da alles mit allem verknüpfen kann, drin gell.

[00:22:12]  Also man kann dann die verschiedenen Seiten untereinander verlinken und das hat mir bei dem

[00:22:17]  Konzept richtig gut gefallen.

[00:22:18]  Man kann relativ schnell, relativ leicht auch etwas hineinstellen, als wenn man da jetzt eine

[00:22:23]  sehr starre Webseitenstruktur hätte.

[00:22:26]  Tobias: Kannst du da, bei der... bei diesem Wiki auf, also, das ist ja auch natürlich ein administrativer Auffand.

[00:22:32]  Kannst du da auf Ressourcen von der Rettung zurückgreifen.

[00:22:35]  Wird dir da da etwas zur Verfügung gestellt an Ressourcen über die Rettung, für technische Sachen

[00:22:39]  auch?

[00:22:40]  Ernst: Ja, das läuft über die IT-Abteilung vom Landesverband Tirol.

[00:22:43]  Also auf welchem Server jetzt ganz genau das weiß ich nicht, aber es ist

[00:22:48]  innerhalb der IT-Infrastruktur der Rettung Innsbruck, soweit ich weiß, über die IT-Infrastruktur

[00:22:54]  vom Landesverband Tirol.

[00:22:56]  Das ist einerseits das Wiki. Andererseits gibt es

[00:22:58]  das von mir verwendete Archiv-Informations-System.

[00:23:00]  Also zur Katalogisierung der Achivalien.

[00:23:03]  Das ist "Access to Memory".

[00:23:05]  Das läuft ebenfalls auf einem Server beim Landesverband Tirol und wird dort auch technisch gewartet.

[00:23:11]  Also diese Möglichkeiten habe ich, und natürlich über unsere IT-Abteilung, wir haben ja keine eigene

[00:23:15]  IT-Abteilung, die das dann jeweils in die Wege leitet, was dann zu machen wäre, wenn

[00:23:21]  da was zu machen wäre.

[00:23:22]  Manchmal passiert das auch, wo es dann einmal abstürzt oder so, wie das funktioniert.

[00:23:28]  [lachen] Tobias: Das betrifft uns genauso manchmal. [lachen]

[00:23:32]  Das ist, glaube ich, universell.

[00:23:34]  Ernst: Ja, aber da greife ich definitiv auf die Ressourcen zurück, der Rettung Innsbruck.

[00:23:39]  Tobias: Das ist dann schon fein, dass man eigentlich doch eine große, und das muss man schon,

[00:23:42]  ich mein, die Rettung ist natürlich auch ein großer Verein.

[00:23:44]  Sei das jetzt auch wenn sie ja in die einzelnen Bünder ja dann aufgeteilt ist, aber es ist ja doch ein

[00:23:48]  großer Schirm.

[00:23:49]  Weil ich jetzt grad das Ansprich das Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck, ist das einzige Archiv,

[00:23:54]  was die Rettung in dem Sinn hat oder gibt es in anderen Bundesländern auch ähnliche noch?

[00:23:58]  Nur aus Interesse jetzt von mir. Ernst: Also da habe ich keinen wahnsinnig guten Überblick, was Tiroler Bezirksstellen betrifft, weiß

[00:24:06]  ich dass Schwaz da ein bisschen was macht, was das für einen genauen Umfang hat, weiß

[00:24:11]  ich allerdings nicht, dass es da historisches Material auch in anderen Bezirksstellen geben

[00:24:17]  wird, ohne dass man da einen wirklichen Archivbetrieb hat.

[00:24:20]  Also davon gehe ich aus und da bin ich mir sicher, dass das so ist, was andere Landesverbände

[00:24:26]  betrifft, da weiß ich, dass das in Kärnten etwas gibt.

[00:24:29]  Salzburg, die haben auch ein Rot-Kreuz-Museum in Salzburg.

[00:24:33]  Wien, Rotes-Kreuz weiß ich jetzt gar nicht.

[00:24:37]  Die Wiener Rettung hat sowas, also die Wiener Berufsrettung.

[00:24:40]  Die haben auch ein Rettungsmuseum in der Rettungsstation in Hernals, dann in Vorarlberg in Frastanz,

[00:24:50]  glaube ich, gibt es ein Rettungsmuseum.

[00:24:52]  Also es gibt da schon, in wie fern, die jetzt da ein Archiv als Backup Einrichtung

[00:24:59]  oder so haben, das enzieht sich jetzt meiner Kenntnis, aber da, aber es gibt schon... Tobias: Überregional

[00:25:05]  Bestrebungen da zu sammeln, scheint es.

[00:25:07]  Ernst: Ja, also es ist offensichtlich irgendwie. [lachen]

[00:25:09]  Wie gut die dann aufgestellt sind oder so.

[00:25:13]  Tobias: Wollen wir auch gar nicht urteilen. Ernst: Das weiß ich jetzt nicht genau. Da kann ich jetzt ehrlich schön

[00:25:18]  wenig dazu sagen.

[00:25:19]  Tobias: Jetzt haben wir schon ein bisschen auch über Museen gesprochen.

[00:25:22]  Ich habe auf der Wiki-Seite gesehen, dass es Bestrebungen gibt, ein Rot-Kreuz-Museum

[00:25:28]  Innsbruck zu eröffnen oder zu planen.

[00:25:32] Kannst du uns da ein bisschen was erzählen wie, nur grob, wie da der derzeitige Stand ist oder wie da die

[00:25:40]  Überlegungen sind?

[00:25:41]  Ernst: Naja, solche Ideen, dass man etwas ausstellt, die hat man ja dann gleich einmal, wenn man da natürlich

[00:25:47]  entsprechend Gegenstände hat, wo man über die man etwas nach außen kommunizieren kann

[00:25:52]  über die Geschichte.

[00:25:53]  Weiß gar nicht wann da die ersten Ideen gekommen sind, aber, wohl das ist ein Projekt, mit

[00:25:59]  dem ich eigentlich jetzt selber schon seit 2013 so ein bisschen schwanger gehe.

[00:26:04]  Der aktuelle Stand ist, es wird ja einen Neubau der Rettungswache geben. Wir sind jetzt gerade bei

[00:26:10]  Umzugsplanungen in Ausweichquartiere.

[00:26:12]  Aktueller Stand ist allerdings, dass man eigentlich einen solidären Standort für

[00:26:17]  so ein Museum suchen.

[00:26:19]  Ich kann jetzt insofern noch nicht so wahnsinnig viele dazu sagen, weil das alles im Moment

[00:26:25]  Tobias: In der Schwebe hängt. Ernst: In der Such- und Planungsphase ist.

[00:26:28]  Sich dinge auch sehr schnell auch wieder ändern, also alles was wir jetzt sagen könnte in

[00:26:33]  einer Woche schon wieder absolet sein.

[00:26:35]  Aber... Tobias:  Bzw. wenn die Folge rauskommt, dann ist wahrscheinlich schon wieder alles alter Hut.

[00:26:40]  Ernst: Genau. Wir sind auf der Suche nach einem Standort, so weit kann man das sagen.

[00:26:45]  Und wo wir etwas präsentieren ist, wir haben in mehreren Lehrsälen 4 Vitrinen stehen,

[00:26:51]  in denen wir Gegenstände kontextualisiert präsentieren.

[00:26:55]  Tobias: Wo stehen diese Vitrinen noch einmal, entschuldigung?

[00:26:57]  Ernst: In Lehrsälen bei uns.

[00:26:58]  Tobias: Ah, in der Rettung, in der Wache.

[00:26:59]  Ernst: Ja genau. Die sind extra so konzipiert worden, dass es immer so autonome Informationskästen

[00:27:06]  sind, wo man, wo man einerseits die Vitrine hat, dann gleich dazu hinten eine

[00:27:10]  Texttafel drauf und das Ganze auch noch rollbar ist.

[00:27:13]  Weil in so einem Lehrsaal [lacht] einer Rettungswache, da finden natürlich auch Übungen statt.

[00:27:21]  Und da muss man dann manchmal diese Vitrinen auch verrücken, eventuell einmal in einer

[00:27:25]  anderen Lehrsaal verfrachten und so weiter.

[00:27:28]  Wenn sie einem Platz wegnehmen, also das ist extra so konzipiert worden, dass das Ganze

[00:27:33]  sehr flexibel einsetzbar ist.

[00:27:35]  Tobias: Ist dieser Lehrsaal öffentlich zugänglich?

[00:27:37]  Ernst: Es sind mehrere Lehrsäle.

[00:27:39]  Tobias: Sind die öffentlich zugänglich?

[00:27:41]  Also, wenn ich jetzt vorbeispazieren würde an der Rettungswache?

[00:27:44]  Ernst: Also so beim Vorbeispazieren nicht, aber es kommen Leute von außerhalb hinein, wenn

[00:27:49]  wir bei ersten Hilfe-Kursen zum Beispiel, weil wir bieten erste Hilfe-Kurse an

[00:27:52]  für die Führerscheinkurse, aber auch so in verschiedensten Varianten.

[00:27:57]  Also da gibt es ganze Reihe von Kursen für die Bevölkerung.

[00:28:00]  Auch da kommen dann natürlich auch Leute von außen hinein und ansonsten natürlich die

[00:28:05]  internen Schulungen und Veranstaltungen.

[00:28:07]  Tobias: Beziehungsweise das Wiki dient ja, in dem Sinne als derzeitiges Museum.

[00:28:12]  Ernst: Ja, ganz genau.

[00:28:13]  Also in diesem Wiki gibt es ja auch ein Online-Museum, wo ich in unregelmäßigen Abständen, Engstände

[00:28:19]  oder auch andere Archivalienfotos präsentiere.

[00:28:23]  Leider sehr hoher Recherche-Aufwand, sodass ich das jetzt [lacht] ein bisschen zurückstellen musste.

[00:28:30]  Aber es wird sicherlich wieder etwas kommen, jetzt der letzte Gegenstand, war glaube ich

[00:28:34]  von September 2022, aber es wird wieder etwas kommen. [beide lachen]

[00:28:39]  Tobias: Gibt es ja zumindest Hoffnung. Ernst: Gibt es einen Unfangreichen historischen Abschnitt, wo man dann halt auch entsprechende Informationen

[00:28:46]  kriegt, wo ich versuche, die Schwebe zu erhalten zwischen noch einer halbwegs guten Lesbarkeit

[00:28:51]  und Zugänglichkeit und dann doch hinreichend detaillierte Informationen.

[00:28:55]  Tobias: Was ich jetzt am Anfang noch vergessen habe zu fragen, wie viele Räumlichkeiten hast

[00:29:01]  du derzeit zur Verfügung oder wie, dass man sich ein bisschen vorstellen kann, wie welchen

[00:29:06]  Ausmaß, welche Größe, dein Archiv oder nicht dein Archiv, [lachend] muss ich aufpassen, sondern

[00:29:10]  das Archiv natürlich der Freiwilligen Rettung Innsbruck hat.

[00:29:13]  Ernsz: Ja, also aktuell gibt es zwei Depots.

[00:29:16]  Das eine ist in einem ehemaligen Zivilschutzraum, das sind wir 2013 glaube ich hinuntergezogen,

[00:29:23]  ursprünglich war das Archiv in einem Hinterzimmer von der Buchhaltung untergebracht.

[00:29:27]  Und durch Zunehmende Archiv-Eingänge ist es halt einfach zu klein geworden, hat

[00:29:32]  dann nach einem anderen Raum gesucht.

[00:29:34]  Man ist dann auf diesen Zivilschutzraum gekommen und seit 2018 oder 2019 gibt es einen

[00:29:41]  zweiten Raum, der durch die Teilungen einer ehemaligen Kegelbahn entstanden ist.

[00:29:46]  Es gab bei uns im Keller gab es eine Kegelbahn.

[00:29:48]  Tobias: Die gibt es nicht mehr?

[00:29:50]  Ernst: Die gibt es nicht mehr. Tobias: Ach schade. Ernst: Die gibt es nicht mehr, die ist in zwei Räume geteilt worden und der eine Raum ist jetzt

[00:29:56]  ein Mannschaftsraum für die Mitglieder und der andere Raum steht dem Archiv zur Verfügung

[00:30:02]  und da hätte eigentlich so ein kleiner archivarischer Austellungsbereich auch in einem Teil dieses Bereichs,

[00:30:09]  der dem Archiv zur Verfügung stehen soll.

[00:30:11]  Das ist dann leider wegen eines Einbruchs von Feuchtigkeit auf Eis gelegt worden. [lacht]

[00:30:17]  Tobias: Gibt es dann.. Also bist du derzeit mit deiner Größe schon wieder am Limit oder? Ernst: Ja! Tobias: Ja. Und gibt es Potenzial, dass auch

[00:30:25]  da die Archivräumlichkeiten wachsen mit vielleicht einer neuen Wache?

[00:30:29]  Ernst: Ja. Also es ist geplant in einer neuen Wache, dass da entsprechende Archivdepots, wo dann auch

[00:30:36]  die entsprechenden klimatischen Bedingungen für die Lagerung entstehen sollen und wir

[00:30:41]  werden ja innerhalb dieses Jahres auch in einem Ausweichquartier übersiedeln müssen wegen

[00:30:46]  des projektierten Neubaus, der seinen Abriss auch der Wache mitbringen wird und in diesem Ausweichquartier

[00:30:53]  wird dann auch ein bisschen mehr Platz zur Verfügung stehen, als es jetzt der Fall ist.

[00:30:57]  Man versucht es halt dann alles doch ein bisschen zu schlichten. [lachen]

[00:31:00] [lachend] Dass halt doch irgendwie irgendwie noch geht.

[00:31:04]  Tobias: Ernst, gibt es von deiner Seite irgendwas, was du gerne anbringen möchtest oder unseren

[00:31:08]  Hörerinnen und Hörern mitgeben möchtest über die Rettung oder das Rettungsarchiv.

[00:31:13]  Haben wir irgendwas ausgelassen, was wichtig ist?

[00:31:16]  Ernst: Im Großen und Ganzen glaube ich, haben wir das Wichtigste eigentlich besprochen.

[00:31:22]  Ja, vielleicht in Anschluss, dies ist ein sehr spezifischer Aufruf noch einmal, in Anschluss

[00:31:28]  auf meinen letzten Beitrag in "Innsbruck informiert" über [den] Samariterinnen Chor.

[00:31:33] Vielleicht kann man kurz dazu was sagen, worum... Tobias: Wir können gerne auf diesen Beitrag eingehen, wenn du magst.

[00:31:38]  Ernst: Eben ist ist... Es ist wirklich eine Sensation. Es ist im Jahr 1934 von der damaligen Vizepräsidentin des Landesvereines

[00:31:48]  vom Roten Kreuz für Tirol, wie es damals geheissen hat, ein Kurs für weibliche Samariter,

[00:31:55]  wie es geheißen, Samariter, altartümmliche Bezeichnung für den Sanitäter oder für den Ersten Helfer,

[00:32:00]  initiiert worden, der hat im Juli [19]34 begonnen. Es hat ein ganz starkes Interesse gegeben,

[00:32:05]  an Frauen an diesem Kurs teilzunehmen. Man hat die Teilnehmerzahl dann auf 50 beschränken müssen.

[00:32:11]  Und sein tut es so, dass man leider doch sehr wenig weiß über dieses Samariterinnen Chor,

[00:32:20]  das sich dann gebildet hat. Und das also bei großen Veranstaltungen, bei Ambulanzen,

[00:32:27]  bei Übungen und so weiter, dann auch mitgemacht hat. Es gibt immer wieder auch Zeitungsberichte

[00:32:32]  von Damen, die diese Ausbildung dann auch gemacht haben, wenn sie als Erstehelferinnen

[00:32:37]  irgendwo interveniert haben, privat und so weiter. Wenn also irgendjemand aus der Bevölkerung

[00:32:44]  weiß, dass irgendeine Vorfahrin von ihm möglicherweise Teil dieses Samariterinnen Chors gewesen ist

[00:32:52]  und da möglicherweise vielleicht Fotos oder irgendwelches anderes Material hat,

[00:32:57]  dass damit irgendwie in Verbindung steht, wäre ich sehr, sehr dankbar, wenn er sich bei uns

[00:33:02]  beim Archiv melden könnte. Ich würde gerade in diesem Bereich sehr, sehr gerne weiter recherchieren können.

[00:33:09]  Tobias: Ich glaube, da können wir generell den Aufruf starten nochmal, wenn jemand zu Hause von der

[00:33:14]  Verwandtschaft, von Bekanntschaft, Fotos eben oder sonstige Dinge, was in Verbindung mit der Rettung stehen

[00:33:20]  oder mit dem Rotem Kreuz, gerne einfach beim Ernst melden. Ich werde wie gesagt die Infos verlinken

[00:33:27]  in den Show Notes und damit danke ich Ernst. Danke für deine Zeit nochmal und hoffen wir,

[00:33:35]  dass es Rückmeldungen gibt, oder?

[00:33:37]  Ernst: Hoffen wir das ist das Beste, ja. [beide lachen] Ich sage ganz herzlichen Danek Tobi.

[00:33:40]  [Outro-Musik]

Die sogenannte Subkultur

Die sogenannte Subkultur

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Intro-Musik] Tobias: Hallo und herzlich willkommen zur sechsten und damit letzten planmäßigen Folge von Archivwürdig,

[00:00:19]  dem Podcast des Innsbrucker Stadtarchivs. Zum Abschluss unserer Staffel spreche ich mit

[00:00:23]  Albrecht Dornauer, kurz Albi, über das Subkulturarchiv der Stadt Innsbruck. Im

[00:00:28]  Lauf des Gesprächs gehen wir darauf ein, wie dieses Archivprojekt zustande kam, was überhaupt

[00:00:33]  alles zur Subkultur zählt, wie und was das Archiv sammelt und auch wie man sich als Privatperson

[00:00:39]  beteiligen kann. Das und noch viel mehr erwartet euch in der Folge, die jetzt beginnt.

[00:00:44]  Tobias: Albi, danke für deine Zeit, die du mir heute schenkst, für eine wahrscheinlich letzte Folge in

[00:00:52]  unserer Staffel, aber vielleicht auch die beste. Was weiß man? Albi: Wer weiß. Tobias: Ich habe dich eingeladen, weil

[00:00:58]  du [Husten im Hintergrund] gemeinsam mit dem Maurice Kuma, das Subkulturarchiv oder das Archiv der Subkulturen, nein wie heißt

[00:01:05]  der offizielle Titel? Albi: Der Name, der auf dem ersten Konzept gestanden ist, was wir geschrieben haben,

[00:01:10]  das geheißen "Archiv it", so wie "Archivier es", als Aufforderung an verschiedenste Leute ihre

[00:01:18]  Schubladen zu öffnen und alles herauszukramen, im besten Fall selbst zu archivieren und uns die

[00:01:24]  Daten zu schicken oder einfach uns die physischen Dinge zu übergeben und wir archivieren sie. Und

[00:01:30]  aus dem "Archiv it" ist dann irgendwann als Untertitel geworden, das "Subkulturarchiv der Stadt Innsbruck",

[00:01:36]  nachdem wir am Anfang auch beim Land Tirol angefragt haben um Unterstützung und Förderung

[00:01:43]  und dann erklärt worden ist, dass aufgrund unserer Hobby archivalischen Tätigkeit die Datensicherheit

[00:01:50]  fehlt und sie uns nicht unterstützen können und insofern ist dann eben draus das "Subkulturarchiv

[00:01:58]  der Stadt Innsbruck" geworden. Auch wenn natürlich diese Grenzen, es ist schwer zu definieren,

[00:02:06]  jetzt dann einfach zu sagen, das ist jetzt außerhalb des Stadtgebiets von Innsbruck, das hat mit

[00:02:11]  Innsbruck nichts mehr zu tun, weil... Tobias: Das streut sich ja sowieso, oder? Also ich mein die Beteiligten,

[00:02:17]  oder was heißt die Beteiligten, das ist ja meistens vernetzt. Albi: Natürlich und ich meine jeder ist dann

[00:02:24]  in Innsbruck zum Studieren oder in Innsbruck für eine Veranstaltung oder in Innsbruck auf einer

[00:02:30]  Veranstaltung von jemandem anderen und so weiter, also man kann da ja jetzt nicht künstlerisch oder

[00:02:35]  anders aktiven Menschen aus Völs oder aus Hall sagen, tut mir leid [Tobias lacht] ja ist leider total unwichtig,

[00:02:44]  was du machst. Tobias: [lachend] Aufgrund der Grenze, die was da drüben übern Inn drüber ist, können wir dich

[00:02:48]  leider nicht dazu nehmen. Albi: Ganz genau. Tobias: Sorry. Aber geht nicht. Albi: Na eben, also dieses... In der Zwischenzeit

[00:02:55]  ist es bei unserem Projekt eigentlich so, dass man... Es existiert jetzt seit fast zehn Jahren, also

[00:03:01]  2014 haben wir, also 2013, haben wir uns zusammengetroffen und zusammengefunden und 2014 war dann

[00:03:12]  eigentlich das erste Mal, dass wir irgendwie öffentlich aufgetreten sind, nicht als Verein,

[00:03:20]  sondern am Anfang eigentlich als Arbeitsgemeinschaft, weil wir irgendwie auch diesen Titel noch ganz

[00:03:25]  lustig gefunden haben, weil die Arbeitsgemeinschaft ist ja abgekürzt, ARGE, und dann waren wir die "Arge

[00:03:32]  Subkultur", [Tobias lacht] was wir eigentlich ganz lustig gefunden haben, so als Auftritt nach außen. Also und in

[00:03:41]  der Zwischenzeit ist es so, dass man jetzt nach zehn Jahren Subkulturarchiv eigentlich in der

[00:03:47]  Diskussion sind, ob man nicht den Namen zur Subarchiv ändern sollen, weil einerseits reflektiert

[00:03:54]  halt der Begriff der Subkultur jetzt nicht den Status quo, manche Sachen beginnen als Subkultur,

[00:04:01]  werden dann Populärkultur oder auch manche Kunstarten sind einfach nicht mehr Subkultur,

[00:04:09]  50 Jahre später. Sie waren es wahrscheinlich zu dem Zeitpunkt, wo sie begonnen haben, aber jetzt

[00:04:15]  in der heutigen Zeit ist es es einfach nicht mehr und damit ist unsere Diskussion halt auch, ob

[00:04:21]  man dieses, diese Subkultur ist natürlich ein Teil unseres Sammlungsgebiets, aber genauso ist

[00:04:28]  Jugendkultur, Gamekultur, Avangardkultur und auf gewisse Weise auch Populärkultur, weil wenn was

[00:04:34]  als Subkultur anfängt, wie sagen wir jetzt einmal Jazz. Jazz in die 50er, 60er Jahre war was Verruchtes

[00:04:42]  und Wildes und heutzutage ist es... Tobias: Ist es massentauglich, ich mein es ja Mainstream. Albi: Genau, ist es komplett

[00:04:48]  massentauglich, ist es. Einfach eine ganz normale Populärkultur geworden und deswegen gleich wenig

[00:04:54]  wie davor wenn diese Grenze zwischen Innsbruck und Völs oder die Grenze zwischen Innsbruck und Hall

[00:04:59]  gleich wenig macht es jetzt viel Sinn zu sagen, naja Jazz bis 1977 war Subkultur und ab 1978 ist

[00:05:11]  das Populärkultur das interessiert uns jetzt nicht mehr, sondern das ist ja auch eigentlich

[00:05:16]  interessant, wenn man sieht wie sich so Sachen die am Anfang in kleinen Szenen begonnen haben,

[00:05:24]  dann auf einmal zu was komplett normalen, also einfach da entwickeln, weil das ja eigentlich

[00:05:32]  normal mehr zeigt wie wichtig diese Protagonisten und Protagonistinnen vom Anfang an sind, ohne

[00:05:39]  die das ganze einfach bei uns gar nie ankommen oder gar nie angefangen hätte, weil es gibt sicher

[00:05:46]  auch genug internationale Kulturphänomene die einfach in Tirol nie angekommen sind, weil es

[00:05:54]  einfach niemanden gegeben hat der das... Tobier: Getragen hat quasi. Albi: Ja, der das getragen hat, der das verbreitet hat und was weiß ich was und

[00:06:01]  auch unter die Leute gebracht, weil gerade eben vor Internet-Zeiten war der Informationsfluss durch

[00:06:10]  persönliche Kontakte... Tobias: Mundpropaganda. Albi: So durch Mundpropagande, und persönliche Kontakte, und persönlichen Austausch und wenn einfach niemand niemanden mitgebracht hat aus der

[00:06:21]  weiten Welt, dass es jetzt was weiß ich Popart gibt, dann hat es das einfach auch nicht geben. [lacht]

[00:06:28]  Tobias: Wie denn auch nicht? Albi: Wie denn auch. Ja genau, vorher hätte man denn wissen sollen, was es alles gibt.

[00:06:34]  Tobias: Vor allem wenn wir jetzt denken, wenn ich sage jetzt einmal 60er/70er, in Tirol kulturmäßig,

[00:06:38]  da ist halt die heilige Kuh ne das klassische, über Volksmusik und da ist eh schon alles andere schon fast,

[00:06:46]  in dem Sinn Sub- oder Nische. Albi: Genau. Tobias: Da bleibt ja schon gar nicht mehr viel über, eigentlich.

[00:06:51]  Albi: Nein eben, genau und ich meine es ist ja auch natürlich so, dass in der Zwischenzeit das ganze

[00:06:57] ja auch einfach anders gesehen wird. Also früher wurde es halt, wie soll ich sagen, dass man als

[00:07:03]  ältere Generation, der jüngeren Generation gewisses Unverständnis gegenüber bringt, das heißt ja so

[00:07:09]  schön, dass die Jungen irgendwas richtig machen, wenn es die Alten nicht mehr verstehen. Nur in der

[00:07:14]  Zwischenzeit sind halt die Jungen, [Tobias lacht] die damals was anders gemacht haben, sind halt jetzt [beide gleichzeitig] die Alten.

[00:07:21]  Wo jetzt halt wieder die Jungen da sind und irgendwas machen, was die Alten nicht verstehen.

[00:07:25]  Also dabei... Tobias: Ja, TikTok Videos. Albi: TikTok Videos oder eben online Follower [engl. für Folger] sammeln, das ist was, was jemand der wahrscheinlich in

[00:07:35]  die 60er Jahre kulturarbeit gemacht hat, ja... Tobias: Wobei ich geb es ja offen zu, selbst TikTok ist bei

[00:07:43]  mir immer noch nicht, nicht wirklich. Ich weiß um was es geht klarerweise, aber angekommen ist es bei

[00:07:47]  mir eigentlich auch nicht. Albi: Ja. Tobias: Aber vielleicht kommt es vielleicht noch. Albi: Genau. [lachen] Du, ich finde immer wenn es

[00:07:54]  irgendwas gibt, man muss ja nicht alles verstehen, also das ist ja, ich finde das ja nur gut, wenn es

[00:08:01]  Sachen gibt... Tobias: Geht ja gar nicht anders. Albi: ...die ich nicht verstehen und wo junge Leute irgendwie weiß ich nicht, eine eigene Sprache und

[00:08:11]  eigene Codes und so weiter. Wir waren genauso und wahrscheinlich unsere Eltern gegenüber ihren

[00:08:17]  Eltern genauso und das ist einfach eine ganz natürliche Sache in der Jungenkultur. Aber auf

[00:08:25]  jeden Fall ist halt die Wahrnehmung und so weiter und auch die Diskussion und alles drüber. Natürlich

[00:08:33]  heutzutage viel breiter wie vor 50, 60 Jahren, weil einfach in der Zwischenzeit ja klar ist, dass

[00:08:40]  auch Jugendkultur und Subkultur Gesellschafts verändernd ist oder weil, ich mein sonst wird es

[00:08:46]  heute immer noch keine Männer mit langen Haaren geben und keine Frauen die Hosen anhaben und

[00:08:54]  Tobias: Klassiker ja. Albi: Und so weiter oder. Das sind halt alles, ich mein das sind sehr, sehr profane Beispiele,

[00:09:00]  aber wenn es nicht diese erste Generation geben hat, die gesagt haben sie schneiden sich jetzt die Haare

[00:09:05]  nicht mehr oder sie ziehen jetzt Hosen an, auch wenn es unweiblich ist, dann wäre das wahrscheinlich

[00:09:14]  nie normal geworden. Tobias: Ja, und weil es jetzt... ja eben selber gerade in dieser Doku da auf, ich mache jetzt

[00:09:21]  nicht Werbung, aber auch auf Amazon gesehen habe, es hat auch in die 70er eben schon die Bewegungen

[00:09:25]  gegeben von Frauen, die BHs zu verbrennen und nicht mehr zu tragen. Also es kommt wieder,

[00:09:30]  aber man sieht das wiederholt, also was heißt wiederholt sich, aber das ist teilweise immer noch aktuell,

[00:09:35]  auch wenn es vor 50 Jahren schon mal ein Thema war. Albi: Genau, also es ist ja auch so, dass jetzt eben

[00:09:41]  gewisse... Tobias: Rekurrierende Phänomene sind zum Teil. Albi: Ja. Tobias: Weil sie auch vielleicht aber auch in der Zwischenzeit

[00:09:48]  auch nicht gelöst, also was heißt gelöst... Albi: Genau. Tobias: Aber noch nicht beantwortet sind... Albi: Es ist halt immer noch nicht eine abgeschlossene, eine abgeschlossene

[00:09:56]  Entwicklung oder so. Und man kann das sowieso nie ganz sagen, weil... Tobias: Wer entscheidet, wann so was

[00:10:03]  abgeschlossen ist, ist ja das. Albi: Genau, genau. Tobias: [unverständlich] oder nicht? Albi: Ganz genau. Auf jeden Fall bei unserem

[00:10:09]  Archiv, das ja jetzt seit, glaube ich, 2017 ja auch Teil des Stadtarchivs ist, also vor allem

[00:10:19]  die haptischen Gegenstände, die wir erhalten, wir sammeln ja vor allem digital und sind ja

[00:10:24]  prinzipiell ein Digitalarchiv, wo unser Ziel ja prinzipiell das war, einfach alle Sachen

[00:10:31]  die bei den Leuten in den Schubladen liegen, das alles zu digitalisieren und einfach öffentlich zu

[00:10:38]  machen, sodass es einfach eine Sammlung gibt, wo man jederzeit drauf zugreifen kann, wo man

[00:10:44]  damit arbeiten kann und wo einfach Zeug zusammenkommt, wie hat das jemand einmal so schön beschrieben:

[00:10:51]  Sammeln ist, das Vereinen von Gegenständen, die davor nicht vereint waren,

[00:10:56]  in dem Fall sammeln wir einfach alles, was in den verschiedensten Schubladen der Innsbrucker und

[00:11:04]  Innsbruckerinnen und außerhalb... Tobias: Und in den Kellern. Albi: In den Kellern, in den Dachböden. Tobias: Sonst am Ende dem

[00:11:10]  Schimmel oder dann dem Reißwolf. Albi: Genau. Oder hingegeben werden und auf gewisse Weise sehe

[00:11:18] ich das so, dass es natürlich schon, ich mein, wenn man sich denkt, so eine Veranstaltung Anfang der 70er

[00:11:26]  Jahre für ein sehr spezielles Thema, da kann man davon ausgehen, dass halt bei den meisten

[00:11:32]  Veranstaltungen ein Grüppchen, eine Handvoll Leute dort war. Und ich sage jetzt dann mal,

[00:11:39]  Werbematerial, wie jetzt Flyer oder Plakate, zu einer Veranstaltung zu finden, wo halt vielleicht

[00:11:47]  20 Leute vor 50 Jahren waren, ist... [Tobias lacht] Tobias: Das ist bescheiden. Albi: Der Kreis, wo man da was finden kann,

[00:11:58]  ist klein und ich sage jetzt einmal, dass man ein Buch oder einen Tonträger aufbewahrt, ist ja

[00:12:04]  irgendwie verständlich, dass man das nicht entsorgt nach dem ersten Mal hören oder dem

[00:12:10]  ersten Mal lesen. Aber dass man ein Plakat oder... Tobias: Dass man es überhaupt schon sammelt, das Plakat.

[00:12:17]  Albi: Genau. Weil, Veranstaltung vorbei weg damit. Das hat seinen Zweck getan. Tobias: Oder die Eintrittskarten.

[00:12:24] werden ja auch. Ich mein, es gibt zwar schon immer so Fables, wo man so Eintrittskarten sammelt, aber ich mein, behälst

[00:12:30]  du die für 20, 30 Jahre auf, ja eher nicht. Albi: Genau. Tobias; Also wenn ich jetzt an mich selber denke, ich habe schon eine

[00:12:34]  Zeit lang auch eben von Urlauben halt vor allem, die Eintrittskarten so gesammelt, aber irgendwann

[00:12:39]  habe ich dann auch im Nachhinein gesehen wäre ich jetzt auch wieder froh, aber dann halt wegschmissen. Albi: Ja.

[00:12:43]  Ja. Und ich meine, bei vielen Leuten ist das natürlich auch immer... Es ist natürlich immer

[00:12:48]  auch Frage des Lagerplatzes und ich meine, ich habe mit einem Musiker beispielsweise mal ein

[00:12:55]  Interview gemacht, der hat gesagt, er ist in seinem Leben 28 Mal umgezogen. [Tobias lacht] Und ich meine, wenn wahrscheinlich

[00:13:02]  reichen zwei Umzüge und die Kiste mit den Flyern und Eintrittskarten landet im Altpapier, weil

[00:13:12]  ich meine, wenn man immer am gleichen Ort wohnt, vielleicht findest du einen Platz im Keller,

[00:13:17]  im Dachboden. Aber wenn du halt öfter umziehst, irgendwann landet sie... Tobias: Da braucht es keinen. Wie heißt

[00:13:23]  sie? Die Marie K.. Kondo? Albi: Marie Kondo, ja. Tobias: Ja, genau. Die braucht es dann nicht einmal bei 28 mal umziehen.

[00:13:28]  Ich glaube, da geht es automatisch dann. [lach] Albi: Da kann man dann ihr Tipps geben. Tobias: Ja, wahrscheinlich. Es gibt

[00:13:35]  ja eine Website zum Subkulturarchiv. Ich werde die dann eh auch in die Show Notes denke ich verlinken.

[00:13:40]  Stark im Vordergrund sind auf der Website die Orte der Subkultur sozusagen. Kannst du vielleicht

[00:13:48]  noch einmal kurz da dazu sagen, was dazu sagen, weil das ist etwas, was wir im Stadtarchiv zum Beispiel

[00:13:53]  ja nicht weniger wichten. Es ist auch nicht richtig, weniger wichtig, aber das ist bei uns nicht ganz

[00:13:59]  so greifbar. Aber ich glaube, beim Subkulturarchiv ist der Ort wirklich noch zentraler als wie vielleicht

[00:14:03]  bei uns. Albi: Ganz prinzipiell haben wir Orte, Personen und Gruppen und sowas wie Medien,

[00:14:11]  ganz allgemein. Also Medien mit Magazinen, Zeitschriften und so weiter. Tobias: Schallplatten.

[00:14:16]  Albi: Schallplatten. Ich sage jetzt einfach einmal, vielleicht könnten wir sagen Veröffentlichungen,

[00:14:20]  wo irgendjemand oder ein Gruppe sich zusammenschließt und entweder einen Tonträger,

[00:14:27]  ein geschriebenes Heft. Tobias: Flyer eben. Albi: Eben. Genau. Also wo man dann aus der Gruppe in die Öffentlichkeit tritt

[00:14:34]  oder so, das eben Medien. Und natürlich dann eben Personen und Gruppen und eben Orte und bei uns die

[00:14:41]  Orte waren halt einfach für uns so wichtig, weil die halt für viele Leute bedeutet haben, sie

[00:14:49]  können sich zum ersten Mal der Öffentlichkeit zeigen. Gleichzeitig sehen sie dort Sachen,

[00:14:56]  die wieder sie beeinflussen in ihren Arbeiten. Also einfach Orte als Orte des Austauschs,

[00:15:05]  sowohl mit jetzt anderen Kulturformen, mit anderen interessierten Szene-Angehörigen oder was weiß

[00:15:13]  ich was, wo man einfach einen intellektuellen Austausch hat. Aber genauso, dass wenn jetzt,

[00:15:19]  ich sage jetzt einmal unter Anführungszeichen, ein "Hobbymaler", wie es wahrscheinlich in der Zeitung

[00:15:23]  stehen wird, dann zum ersten Mal eine Ausstellung macht, dann ist es für ihn ja auch auf gewisse Weise

[00:15:30]  das erste Mal setzt er sich eigentlich einer Kritik oder halt... Tobias: Er macht sich verwundbar. Albi: Er

[00:15:37]  macht sich verwundbar, aber genauso kriegt er das Lob und genauso bestärkt ihn das, in dem weiterzumachen.

[00:15:46]  Und gerade deswegen sind für uns halt diese Orte so wichtig, weil einfach sowohl für die lokale

[00:15:54]  Szene als auch für internationale Einflüsse, die von außen nach Innsbruck oder nach Tirol kommen,

[00:16:02]  wenn es diese Orte nicht geben wird, wird es einfach nicht ankommen. Also sowohl braucht es diese

[00:16:09]  Orte, dass jetzt die, ich sage jetzt einmal, die Locals irgendwie einen Platz haben, um zu präsentieren,

[00:16:16]  an was sie eigentlich die ganze Zeit arbeiten, weil wenn es das nicht gibt, dann arbeitet man nur

[00:16:22]  im stillen Kämmerlein vor sich hin. Tobias: Im Hinterzimmer oder im Privatzimmer. AlbI: Genau, und alles läuft nur

[00:16:29]  privat. Und ich meine, es gibt sicher Leute, die Kunst nur für sich privat machen, aber die meisten

[00:16:38]  Leute haben doch ein gewisses Sendungsbewusstsein und wollen ja andere Leute erreichen, egal ob das

[00:16:44]  jetzt Musiker oder Bands, Schriftsteller, künstlerisch tätige Leute. Also die meisten wollen ja und gerade

[00:16:53]  in einer Zeit, wo die Gesellschaft vielleicht noch ein bisschen traditioneller und verkrusteter

[00:16:58]  waren, ist ja oft, wie sagt man, das geschaffene Werk irgendwie, eine Antwort auf die Gesellschaft oder so.

[00:17:07]  Tobias: Und vor allem, ich glaube, da geht es ja auch nicht immer darum, in dem Sinn berühmt zu werden, sondern

[00:17:11]  einfach nur aufzuzeigen, für andere, es gibt auch noch Gleichgesinnte, also es gibt eine Art "Safe Space" [engl. für sicherer Raum].

[00:17:17]  Albi: Genau, und ich denke mal, in der heutigen, also in Innsbruck hat es nie übermäßig viele Räume

[00:17:24]  gegeben, einfach aus dem Grund, dass es halt einfach so eng bebaut ist und dass es keine wirklich

[00:17:30]  alten Industriebetriebe gibt, wo dann jetzt viel Leerstand wäre, wenn das dann zumacht. Also in

[00:17:38]  Innsbruck, es war immer irgendwie, es hat immer nur ein paar Orte gegeben und deswegen war uns halt

[00:17:44]  wichtig, so auf die Art, wenn es schon nur einfach ein paar Orte gibt, dann waren diese Orte immer so auf

[00:17:52]  die Art Misch-Orte. Es waren nie Orte, wo jetzt nur Musik ist. Also wenn man zum Beispiel denkt an den

[00:17:59]  Jazz-Salon in der Schneeburggasse, was halt eigentlich in den 60er Jahren dann dort als Jazz-Club

[00:18:09]  Innsbruck so halt begründet worden ist, das heißt zwar Jazz-Club, aber da waren genauso Lesungen

[00:18:17]  aus Büchern, da hat es einen Galeriebereich gegeben, wo lokale Künstler und Künstlerinnen

[00:18:22]  ausstellen haben können und das war prinzipiell an fast allen Orten so und ist es teilweise bis

[00:18:29]  heute noch so. Also auch im Treibhaus gibt es Theater, gibt es Cabaret, gibt es Konzerte, gibt es ab und zu

[00:18:35]  Lesungen und so weiter und früher war das noch einmal viel normaler, dass sich wenn es, sage ich mal,

[00:18:43]  Hausnummer in der ganzen Stadt gleichzeitig drei bis vier Veranstaltungsorte gibt, natürlich sind

[00:18:51]  es dann auch Treffpunkte, wo sich einfach kulturinteressierte Leute aus verschiedensten

[00:18:57]  Richtungen treffen und sich austauschen. Tobias: Jetzt wäre da zum Beispiel die Bäckerei auch so ein Kulturort.

[00:19:02]  Albi: Jetzt ist die Bäckerei ein perfektes Beispiel. Früher war es zum Beispiel eben das Utopia als

[00:19:08]  Beispiel, da waren auch alle Kulturrichtungen waren dort vertreten, im Bierständel, genauso Lesungen,

[00:19:14]  Konzerte, Workshops, was auch immer, oder. Und deswegen waren uns eben diese Orte so wichtig,

[00:19:21]  weil gerade in einer kleineren Stadt, wie sie Innsbruck ist, diese Orte halt einfach so Schnittpunkte.

[00:19:28]  Tobias: Und wahrscheinlich auch größere Bedeutung haben, oder?

[00:19:31]  Albi: Ja.

[00:19:31]  Tobias: Als wie zum Beispiel, nehmen wir jetzt, weil es ja nicht so weit weg ist, München, Wien. Ich mein da ist es ja um

[00:19:35]  einiges größer und da wird es ja allein wegen den Einwohner ein breiteres Spektrum geben ne.

[00:19:38]  Albi: Genau so. Aber eben in einer Stadt wie Innsbruck, wo es nie übermäßig viele Räume gegeben hat,

[00:19:44]  waren die Räume halt einfach immer wichtige Orte des Austauschs, wo halt auch eben, wie soll

[00:19:51]  ich sagen, die weite Welt hergekommen ist, wo sich aber die Locals untereinander aus verschiedensten

[00:19:56]  Richtungen getroffen und ausgetauscht haben. Und deswegen waren für uns diese, ich sage jetzt

[00:20:05]  einmal, Orte der Öffentlichkeit, wo man halt aus dem stillen Kämmerlein in die Öffentlichkeit tritt,

[00:20:12]  eben sehr... ein zentraler Punkt oder so. Und ja, in der Zwischenzeit haben wir doch von sehr vielen

[00:20:20]  dieser Orte sehr viele Veranstaltungsprogramme digitalisiert und aufbereitet, so dass man

[00:20:30]  fast schon einen kompletten Veranstaltungskalender über den Zeitraum der frühen 60er bis ein

[00:20:38]  bisschen nach 2000 eigentlich schon erstellen könnte. Also das früher oder später wird es

[00:20:44]  kommen, aber eben, also ich sage jetzt einmal, die Programme sind von sehr vielen Orten schon

[00:20:52]  ganz gut dokumentiert. Also das kann man auch auf unserer Webseite sich anschauen, was ist dort

[00:20:58]  gelaufen an was für einem Tag. Also das... Tobias: Ich glaube, dann ist es ziemlich cool, wenn sich jetzt jemand,

[00:21:04]  was das hört, denkt, ich bin doch in die 70er da auf einer Party gewesen, aber ich kann mich nicht mehr

[00:21:09]  erinnern, was da gespielt hat. Ich mein, jetzt kommt man wieder nachschauen, vielleicht. Albi: Jetzt kann man wieder nachschauen,

[00:21:14]  man muss es ganz grob ein... Tobias: Eindämmen können. [lacht] Albi: Eindämmen können. Also [lacht], nein, aber unser Ziel ist ja auch

[00:21:23]  das längerfristig schon, all diese Daten, die wir gesammelt haben und das sind jetzt wahrscheinlich an

[00:21:30]  die 30 bis 40.000 in der Zwischenzeit, wo halt Flyer, Fotos, Plakate, Magazine, Tonträger,

[00:21:38]  digitale Sachen, Zeitungsausschnitte, was weiß ich was, dass das prinzipiell alles miteinander,

[00:21:46]  wie sagt man... Tobias: verknüpft wird. Und zusammengefügt wird. Albi: Und zusammengefügt wird, so dass man dann

[00:21:52]  Tobias: Alles an einem Platz hat und.. Albi: Genau. Tobias: Und im Idealfall, ja. Albi: Und das durchsuchen kann und alles daher kommt und

[00:22:00]  ich mein, nächstes Jahr haben wir unser 10-Jahres-Jubiläum. Vielleicht ist bis dahin unsere Datenbank fertig

[00:22:06]  und es gibt dann auch schon Ideen für eine grafische Umsetzung, wo man dann auf einer Webseite sich in

[00:22:15]  irgendeiner Timeline durch die Stadtgeschichte klicken kann und einfach schauen kann, was ist zu

[00:22:21]  welcher Zeit, aus welchem Genre, wo passiert. Tobias: Quasi so, wie die Punkte auf der Stadtkarte,

[00:22:28]  wo man dann weiß, da... Albi: Genau, prinzipiell schwebt es uns so vor, nur ist dafür eben essentiell,

[00:22:35]  dass wir eine Datenbank haben, die die Sachen dann auch miteinander verknüpfen kann.

[00:22:41]  Das ist jetzt nicht so, dass wir diese ganzen 40.000 Sachen natürlich da vor Ort lagernd haben.

[00:22:48]  Aber alles, was haptisch da ist ...

[00:22:54]  Tobias: Ja, weil haptisch vor allem vorhanden sind glaube ich ja doch eben die Zeitungsausschnitte.

[00:22:59]  Albi: Die Zeitungsausschnitte sind ja prinzipiell im TT.

[00:23:01]  Tobias: Ja, ja, ja.

[00:23:02]  Albi: Die sind ja da.

[00:23:04]  Tobias: Ja, quasi da.

[00:23:05]  Aber natürlich die Schallplatten, also es gibt ja bei uns in der Feldstraße ja einen Subkulturraum.

[00:23:10]  Albi: Das ist der Raum mit der Sammlung Subkultur.

[00:23:13]  Ist gefüllt mit Aktenordnern, voll mit Programmen, Flyern und so weiter.

[00:23:19]  Es gibt zwar Planschränke, voll mit Plakaten.

[00:23:23]  Tobias: Es gibt die Schallplatten.

[00:23:25]  Albi: Es gibt die Tonträger, also Schallplatten, CDs, Kassetten, die eigentlich auch schon alle digitalisiert sind.

[00:23:31]  Wir haben in der Zwischenzeit auch ein paar Archive übernommen, wie beispielsweise das Archiv von der TKI.

[00:23:38]  Das ist der Dachverband der freien Kulturinitiativen.

[00:23:41]  Wir haben einen Teil des Archivs vom Z6 übernommen.

[00:23:45]  Also es gibt verschiedenste so Initiativen, die eigentlich auch ganz dankbar sind,

[00:23:50]  wenn wir uns ihrem, wie sagt man, ihrer Vergangenheit annehmen.

[00:23:55]  Weil es ist ein aufwand, sich darum zu kümmern.

[00:23:58]  Die meisten Initiativen haben eben mit ihrem Tagesgeschäft mehr wie genug zu tun,

[00:24:02]  das am Laufen zu halten und das zu finanzieren und Angebot zu machen,

[00:24:08]  egal ob jetzt Jugendliche oder Konzertprogrammen oder was weiß ich was.

[00:24:12]  Aber die meisten haben eigentlich keine Kapazitäten wirklich,

[00:24:17]  gerade wenn die Initiativen schon länger bestehen, das eigentlich aufzuarbeiten.

[00:24:22]  Und da [zieht das a ganz lang]... Tobias: Seid ihr dankbarere Ansprechpartner.

[00:24:26]  Albi: Da sind wir dankbarere Ansprechpartner, genau.

[00:24:29]  Und natürlich, wenn man ein Archiv von einer Initiative übernimmt,

[00:24:33]  da kommen natürlich auch noch einmal mehr Unterlagen, die in die Tiefe gehen,

[00:24:38]  wie wenn man jetzt nur von Besuchern dieser Initiative die Unterlagen erhält.

[00:24:43]  Weil natürlich da halten wir dann interne Protokolle und...

[00:24:48]  Tobias: Man weiß ja nicht, mit welchen Problemen oder sonst,

[00:24:50]  sei es gegenüber der Verwaltung oder sonst wem,

[00:24:54]  oder die Anreiner, was da ja auf einen zu kommt,

[00:24:57]  bei solchen Veranstaltungen [unverständlich].

[00:24:59]  Albi: Aber es gibt es eben auch aus allen Richtungen.

[00:25:01]  Jetzt als Beispiel im Treibhaus gibt es eigentlich kein haptisches Archiv mehr.

[00:25:06]  Da ist es in der Zwischenzeit fast so, dass wir in der Zwischenzeit viel mehr gesammelt haben,

[00:25:13]  wie sie eigentlich noch überhaben aus ihrer eigenen Geschichte

[00:25:17]  und da geht es dann halt wieder fast in die andere Richtung.

[00:25:20]  Also dass das, was wir zusammengetragen haben,

[00:25:23]  für die eigentlichen Urheber dessen dann wieder interessant wird.

[00:25:29]  Tobias: Also es ist sozusagen der Austausch, es ist nicht so, dass ihr dann,

[00:25:33] ich ned wie sagen, nie wieder was hergibt,

[00:25:35]  aber dass ihr trotzdem im engen Kontakt bleibt,

[00:25:37]  auch wenn ihr das jetzt übernommen habt.

[00:25:39]  Albi: Genau, natürlich.

[00:25:41]  Und ganz prinzipiell ist es ja so, dass jetzt wir das ja dann nicht verstecken,

[00:25:46]  sondern der Plan ist ja, das zugänglich zu machen.

[00:25:51]  Also dass wir da wirklich, und wir bekommen immer wieder Anfragen,

[00:25:55]  gerade von Leuten, die auf der Uni über irgendwas schreiben

[00:25:58]  oder die für igrendwie journalistisch arbeiten.

[00:26:02]  Und die sind halt total dankbar, weil sie halt meinen,

[00:26:05]  es ist die einzigen Sachen, die sie halt dazu irgendwo gefunden haben,

[00:26:10]  waren dann auf unserer Seite oder so.

[00:26:14]  Tobias: Zugänglichkeit, weil du es gerade angesprochen hast.

[00:26:17]  Das ist grundsätzlich für jeden zugänglich oder Auskunft

[00:26:22]  und Kosten Fragezeichen.

[00:26:25]  Und am besten wahrscheinlich per Mail oder?

[00:26:28]  Albi: Na, Kosten, prinzipiell gratis.

[00:26:31]  Aber wie soll ich sagen, also Anfrage, ja, per Mail.

[00:26:35]  Also als erstes würde ich mal empfehlen, Google-Anfrage [Tobias lacht]

[00:26:40]  mit unserer Webseite, weil vielleicht kommt da eh schon die Antwort.

[00:26:46]  Und dann würde ich mal sagen, wenn man jetzt da auf der Webseite

[00:26:50]  gar nichts dazu findet, ist es vielleicht unwahrscheinlich,

[00:26:55]  dass man dann, also es gibt schon mehr Daten natürlich,

[00:26:58]  wie auf der Webseite Präsenz sind.

[00:27:02]  Auf dann hoffentlich dieser neuen Webseite,

[00:27:06]  die mit der Datenbank verknüpft ist,

[00:27:08]  werden dann wirklich alle Sachen dargestellt, die wir haben.

[00:27:13]  Aber für den Moment ist, glaube ich, einfach das, was man auf der Webseite sieht,

[00:27:17]  prinzipiell das, womit man in der Öffentlichkeit arbeiten kann.

[00:27:21]  Das ist auch schon viel.

[00:27:22]  Und wenn man dann eine ganz genaue Anfrage hat,

[00:27:26]  dann ist es wahrscheinlich am einfachsten, uns zu schreiben

[00:27:29]  und sich einfach mit uns einmal auf einen Kaffee zu treffen

[00:27:33]  und dann schaut man weiter.

[00:27:35]  Tobias: Beziehungsweise man kann ja auch schon mal beim Stadtarchiv einmal anfangen,

[00:27:38]  weil wir haben... überschneiden uns zu einem gewissen Teil,

[00:27:41]  haben wir ja Sachen, was eigentlich ins Subkulturarchiv auch fallen würde.

[00:27:46]  Also vor allem jetzt natürlich auf städtischem Gebiet ist, ist eh klar.

[00:27:50]  Ich hätte noch, weil mir ist jetzt noch eingefallen,

[00:27:52]  sollte wir noch auf die Ausstellung noch, die was war.

[00:27:54]  Albi: Ah ja.

[00:27:55] Tobias: Einmal eingehen.

[00:27:56]  Albi: Ja, genau, vielleicht könnte man noch ganz am Anfang,

[00:27:58]  weil du hast... ich mein, ich weiß, dass wir da jetzt an einem anderen Punkt sind,

[00:28:02]  gerade von unserem Gespräch, aber am Anfang,

[00:28:05]  weil du gesagt hast, ich mach das Archiv mit dem Maurice,

[00:28:09]  wir sind, es gibt auch noch einen Dritten.

[00:28:11]  Also beim Subkulturarchiv sind wir, sagen wir mal,

[00:28:14]  ein Kernteam von drei, der Maurice und der Sheps.

[00:28:19]  Der Sheps ist der, der unsere Website gebastelt hat,

[00:28:21]  und der sich vor allem mit Magazinen und Zeitschriften beschäftigt

[00:28:26]  und so ein bisschen unsere Scan-Maschine im Hintergrund ist.

[00:28:31]  Der Maurice beschäftigt sich vor allem mit den Bereichen

[00:28:35]  Jugendkultur, Jugendzentrumsgeschichte, Jugendarbeit,

[00:28:39]  aber auch mehr, ich würde jetzt einmal sagen,

[00:28:42]  mehr ins Soziopolitische hinein,

[00:28:44]  und ich komme eigentlich eben mehr aus der Musik

[00:28:48]  und habe mich damit halt mehr um die lokale Musikgeschichte gekümmert.

[00:28:53]  Also das war so das Trio, mit dem wir angefangen haben,

[00:28:56]  aber wir haben natürlich aus allen Bereichen Leute,

[00:29:00]  die jetzt beispielsweise für unsere Website,

[00:29:03]  die uns halt einfach einmal so einen kurz Überblickstext,

[00:29:07]  über Literatur, über Theater, über Jazz in Tirol,

[00:29:14]  und so weiter. einfach Leute, die zu diesen Bereichen in der Vergangenheit

[00:29:19]  schon geforscht haben, die unser Projekt super finden,

[00:29:22]  und die uns dann prinzipiell mit, ab und zu mit Texten oder mit Daten

[00:29:27]  oder mit anderen Sachen unterstützen.

[00:29:30]  Und ganz prinzipiell, nachdem ich ja schon erwähnt habe,

[00:29:34]  wir waren am Anfang eigentlich die Arbeitsgemeinschaft,

[00:29:37]  Subkultur, also die ARGE-Subkultur, wollten wir das eigentlich

[00:29:42]  auch so gestalten, dass es eigentlich eine relativ offene,

[00:29:46]  lose Struktur ist, dass einfach prinzipiell jeder und jede,

[00:29:50]  die sich berufen fühlt, jetzt zu irgendeinem Thema,

[00:29:54]  egal ob das jetzt, was weiß ich, im öffentlichen Raum

[00:29:59]  oder über Theater oder egal was, also wir sind prinzipiell

[00:30:05]  eine offene Gruppe, wo, wenn jemand,

[00:30:09]  ein Thema hat, das er gerne bearbeiten wird,

[00:30:12]  es ist so, ich meine jetzt beispielsweise über Theater,

[00:30:15]  ich komme nicht aus dem Theaterbereich, und ich bin mir sicher,

[00:30:18]  wenn jemand aus dem Theaterbereich kommt, da viele Leute

[00:30:22]  kennt in diesem Netzwerk und sagt, er oder sie würde jetzt gern

[00:30:26]  das bearbeiten, wir stehen mit offenen Armen da und sagen,

[00:30:30]  bitte nur zu, also wir sammeln das natürlich mit,

[00:30:34]  wenn irgendwo irgendwas daherkommt, aber um das jetzt

[00:30:39]  natürlich schwerpunktsmäßig zu bearbeiten,

[00:30:42]  wäre es natürlich immer super, wenn man irgendwelche Experten

[00:30:46]  oder Expertinnen aus den verschiedenen Bereichen hat,

[00:30:49]  die sich dann halt dem annehmen, aber das...

[00:30:52]  Tobias: Man kann es ja nicht erzwingen.

[00:30:54]  Albi: Man kann es nicht erzwingen. Und wenn es passiert, ist es super, und wenn es nicht passiert,

[00:30:57]  dann sammeln wir das halt einfach nur so nebenbei mit.

[00:31:00]  Und vielleicht kommt irgendwann jemand,

[00:31:03]  der oder die sich dann berufen fühlt, oder das halt einfach gern

[00:31:07]  aufarbeiten wird, oder was auch immer, oder.

[00:31:10]  So lange sammeln wir einfach alles mit und...

[00:31:14]  Tobias: Eben, weil alles sammeln, es geht uns ja gleich, geht sowieso nicht, auch.

[00:31:18]  Albi: Genau. Ich sag alles sammeln, geht schon, aber alles bearbeiten geht nicht.

[00:31:22]  Tobias: Das ist wieder ein Punkt, ja [lacht]

[00:31:24]  Albi: Also das ist, also so mal einfach, ich denke einfach mal alles,

[00:31:27]  was daherkommt zu digitalisieren, das ist glaube ich schon möglich,

[00:31:32]  aber das dann alles zu bearbeiten und so weiter,

[00:31:37]  da muss man dann halt irgendwo den Fokus hinsetzen und ja...

[00:31:43]  Tobias: Durch unsere Kooperation, also unsere, so im dem Fall jetzt,

[00:31:47]  Stadtarchiv und Subkultarchiv, ist es ja auch zu einer Ausstellung gekommen,

[00:31:51]  die war jetzt vor...

[00:31:53]  Albi: 2017 war das...

[00:31:55]  Tobias: Ist das schon so lange her wieder?  

[00:31:57]  Albi: 2017 war eben die Ausstellung, "Wir hier".

[00:31:59]  Tobias: Die sehr gut angekommen ist muss man sagen,

[00:32:01]  das ist glaube ich auch mit einer von den bestbesuchtesten,

[00:32:03]  glaube ich. Ich hoffe, ich sage nichts falsches aber...

[00:32:05]  Albi: Nein, ich glaube, so wie mir das erzählt worden ist,

[00:32:08]  war das eine der absolut bestbesuchtesten,

[00:32:10]  Ausstellungen.

[00:32:12]  Wir haben dann ja gemeinsam ja sogar diesen Tiroler Museumspreis

[00:32:15]  für diese Ausstellung bekommen.

[00:32:17]  Und ich glaube, das war...

[00:32:19]  Ich mein, das war damals eh auch da, wie soll ich sagen,

[00:32:22]  das war nach 3, 4 Jahren von unserer Sammlungstätigkeit

[00:32:27]  und das war eigentlich auf gewisse Weise der Startschuss

[00:32:33]  von der engeren Zusammenarbeit vom Stadtarchiv

[00:32:37]  mit dem Subkultarchiv, weil eigentlich wir da ja halt

[00:32:41]  einfach die ersten 2, 3 Jahre wirklich gesammelt haben

[00:32:45]  und digitalisiert haben und dann uns mit dem Lukas Morscher

[00:32:49]  getroffen haben und der halt total begeistert war,

[00:32:53]  welche Art von Daten wir da eigentlich zusammengetragen haben.

[00:32:57]  Tobias: Ja, weil bei uns auch der Fokus einfach viel mehr auf das...

[00:33:00]  Also wir sammeln ja auch nicht nur das Verwaltungsschriftgüt,

[00:33:03]  sondern wir haben ja wirklich einen breiten Sammelauftrag

[00:33:06]  oder halt den Sammlwunsch, auch das Allgemeinleben,

[00:33:09]  das kulturelle natürlich einfach zu fassen, so gut es geht.

[00:33:12]  Albi: Nein, eben, und der Lukas hat damals einen sehr schönen Satz gesagt

[00:33:16]  und das war, man muss die Subkultur sammeln,

[00:33:19]  weil die Hochkultur sammelt sich eh selber

[00:33:22]  und er muss alles sammeln, was sein Vorgänger verdammt hat.

[00:33:25]  Tobias: Das stimmt, ja.

[00:33:27]  Albi: Weil der von...

[00:33:28]  Tobias: Alte Schule.

[00:33:29]  Albi: Ja, Alte Schule [Tobias dazwischen: So blöd es klingt] und die Alltagskultur,

[00:33:32]  für ihn halt keine Kultur war.

[00:33:34]  Tobias: Das gibt es ja auch in der Geschichtswissenschaft.

[00:33:37]  Es gibt lange Zeit die Geschichte von oben

[00:33:39]  und die Geschichte von unten und diese Geschichte, also

[00:33:41]  unter Anführungszeichen von oben und unten.

[00:33:43]  Albi: Eben. Und diese, ich glaube, das ist auch dieser geänderte Kulturbegriff,

[00:33:49]  der einfach heutzutage ein kompletter anderer ist,

[00:33:53]  wie in die 70er, 80er Jahre.

[00:33:55]  Und damit versteht man eh, dass man das nachsammeln muss.

[00:33:59]  Aber auf eine gewisse Weise muss man auch schauen,

[00:34:02]  dass einem nicht das Gleiche wieder passiert,

[00:34:04]  weil genau jetzt ist es halt mit den ganzen Sachen,

[00:34:07]  die nur im Internet sind.

[00:34:08]  Also wie sammelt man die Gegenwart,

[00:34:10]  ist auch meiner Meinung nach eine spannende Frage,

[00:34:13]  damit nicht in 20, 30 Jahren man dann wieder da steht

[00:34:17]  und sich fragt, was war eigentlich 2020?

[00:34:20]  Niemand hat irgendwelche Facebook-Events gespeichert,

[00:34:24]  niemand hat irgendwelche Webseiten gespiegelt.

[00:34:28]  In 30 Jahren steht man dann da und hat

[00:34:31]  nix, Leere von jetzt, obwohl...

[00:34:34]  Tobias: [lachend] Wobei 2020 ja nicht ganz uninteressant war.

[00:34:37]  Albi: Eben. Gerade 2020 war kein uninteressantes Jahr für...

[00:34:42] eben. Tobias: Für alles.

[00:34:44]  Albi: Also es ist ja, glaube ich, so ein allgemeines Ding,

[00:34:47]  dass man oft archivarisch irgendwie immer ein bisschen nachher dran ist.

[00:34:53]  Tobias: Ja. Auf jeden Fall.

[00:34:54]  Albi: Man ist halt nicht im... gleich am Moment.

[00:34:57]  Tobias: Man ist nicht mit dem Finger...

[00:34:59]  Also schon irgendwo, weil man lebt ja doch in der Jetztzeit,

[00:35:02]  aber die Sammelding, das kommt doch zwar zusammen,

[00:35:05]  aber man bearbeitet dann die Sachen, was wir jetzt...

[00:35:08]  Wir haben ja auch eine Corona-Sammelung.

[00:35:10]  Die bearbeiten wir nicht sofort.

[00:35:12]  Zuerst müssen wir mal zuerst sammeln, und dann wird das erst in einem nächsten

[00:35:14]  Schritt ja dann auch mal bearbeitet.

[00:35:16]  Das geht nicht immer sofort, sobald das reinkommt.

[00:35:19]  Das wird sogar ein bisschen liegen.

[00:35:21]  Albi: Ja, ja

[00:35:22]  Jetzt gehen wir noch mal zurück zur Ausstellung.

[00:35:25]  Tobias: Ja. Albi: Also die Ausstellung, die wir da 2017 im Stadtarchiv gemacht haben,

[00:35:29]  die hat auch ja verschiedene Aspekte des kulturellen Lebens,

[00:35:34]  beinhaltet.

[00:35:36]  Also da waren ja Magazine ausgestellt.

[00:35:39]  Es hat ein[en] interaktive[n] Stadtplan gegeben, wo man so gesehen hat,

[00:35:44]  wo welche Orte wann in etwa waren.

[00:35:47]  Es waren Flugblätter, die auf verschiedensten Demos und Veranstaltungen

[00:35:52]  in die 70er-Jahre verteilt worden sind.

[00:35:55]  Und dann hat es eine lange Wand eben geben mit Audio- und Videobeispielen

[00:36:00]  und verschiedenste Plakate, viele Siebdruckplakate,

[00:36:06]  aber dann eben auch ein paar aus der neueren Zeit, zu den verschiedensten Konzert-

[00:36:11]  und Veranstaltungsorten oder so.

[00:36:14]  Und ja, das war eine relativ runde Sache.

[00:36:20]  Aufgrund dessen dann das Interesse und die Resonanz

[00:36:25]  hat uns halt dann da natürlich auch noch einmal sehr bestärkt darin,

[00:36:29]  da halt natürlich weiter zu machen.

[00:36:32]  Tobias: Kannst du dich Erinnerung, ist durch die Ausstellung dann irgendwie

[00:36:35]  mehr Zulauf mit Personen gekommen, die was dann gesagt haben, hey, ich habe da auch noch was daheim.

[00:36:40]  Albi: Ja, es hat schon ein paar Sachen gebracht.

[00:36:42]  Wir haben da ja dann auch in der Ausstellung, ich glaube,

[00:36:46]  einmal in der Woche, am Freitag Nachmittag war prinzipiell immer jemand von uns dort,

[00:36:51]  so als Bürozeitenmäßig, als Ansprechpartner.

[00:36:56]  Und da sind natürlich dann schon immer wieder Leute, daher gekommen einerseits

[00:36:59]  halt für irgendwelche Informationen zu irgendwelchen Ausstellungspunkten.

[00:37:06]  Aber es sind auch Leute kommen, die uns halt Fotos gebracht haben.

[00:37:10]  Ich glaube, es ist jetzt keine ganz große Sache, da hergekommen,

[00:37:15]  aber es sind vereinzelt so kleine Sammlungen kommen.

[00:37:18]  Und was natürlich es schon gebracht hat, war, dass viele Leute,

[00:37:23]  die jetzt, sage ich mal, größere Sammlungen gehabt haben,

[00:37:27]  mit dieser Ausstellung halt bestärkt worden sind, darin,

[00:37:31]  dass wir das auf die Art ernst meinen.

[00:37:34]  Und nicht nur der Hobbyraum irgendwas, Nostalgie aus der Jugend oder so.

[00:37:41]  Sondern also, das hat dann im Nachhinein schon von dem her was gebracht,

[00:37:46]  dass halt Leute einfach sich gedacht haben, hey, jetzt haben es die Ausstellung,

[00:37:50] und ich hätte schon auch noch was daheim.

[00:37:52]  Und sie haben es uns zwar nicht dort vor Ort vorbeigebracht,

[00:37:55]  aber dann halt ein halbes Jahr später oder so,

[00:37:57]  weil sie halt oft braucht man ja ein bisschen Zeit, bis man auf den Dachboden kommt.

[00:38:03]  Tobias: Sollen wir vielleicht noch über deine Recherche-Tätigkeit,

[00:38:07]  was du ja zeitweise bei uns im Stadtarchiv machst, in die Zeitungen sprechen?

[00:38:11]  Albi: Genau, also meine... Also über die Zeitungsrecherche kann man natürlich auch gerne reden.

[00:38:16]  Die Zeitungsrecherche war bei mir mein Corona-Programm,

[00:38:20]  dass ich mir gedacht habe, ich lies einfach in einer Zeit,

[00:38:25]  wo man niemanden persönlich treffen soll, setze ich mir in irgendein Eck

[00:38:29]  und werte mal die ganzen alten Zeitungen aus,

[00:38:31]  weil das natürlich ja auch auf gewisse Weise zeigt,

[00:38:37]  wie die Kunstkultur junge Leute in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden

[00:38:44]  und wie über sie diskutiert wird und wie über ihre Werke und ihre Werte

[00:38:50]  und was weiß ich was, wie das in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird

[00:38:54]  und in Tirol, wie jeder weiß gibt es prinzipiell medial nur eine Öffentlichkeit

[00:38:59]  und die heißt TT, aber wenn es natürlich noch ein paar andere Zeitungen gegeben hat,

[00:39:03]  aber deswegen habe ich einfach einmal in der Tiroler Tageszeitung,

[00:39:06]  die glaube ich damals noch 91%-Marktanteil gehabt hat,

[00:39:11]  wie ich irgendwo gelesen habe, wo ich einfach einmal die TT ausgewertet habe,

[00:39:17]  von 1960 bis 1990 und man muss ja auch sagen,

[00:39:22]  dass auch in diesen Zeiten in der TT sehr interessante Beilagen teilweise sind.

[00:39:28]  Also gerade, wenn man sich denkt, diese Horizontzeitung,

[00:39:32]  die einfach ein Kulturblätter, da die Tiroler Tageszeitung waren

[00:39:36]  oder in den 80er-Jahren hat es dann immer mit dem "Helli-Pop" die Szene-Seite gegeben,

[00:39:42]  wo einfach wirklich unbekannte kleine Bands, Woche für Woche, präsentiert worden sind,

[00:39:49]  an einem fixen [Dialekt für fest] Tag immer auf einer Seite.

[00:39:52]  Und ich meine natürlich gibt es dann Artikel über jetzt beispielsweise die großen Konzerte,

[00:39:58]  die halt im Eis-Stadion waren, von jetzt Tina Turner bis Rolling Stones und so weiter,

[00:40:03]  Tobias: [lauter] Status Quo! Albi: Status Qui, alles. Also und allein für das ist natürlich die TT schon eine gute Quelle.

[00:40:10]  Sie erscheint sechstage die Woche, durchgängig bis heute

[00:40:16]  und es stehen zwar viele Sachen nicht drinnen,

[00:40:20]  aber es ist dann doch auch immer wieder überraschend, auch in der Vergangenheit,

[00:40:24]  was dann doch drinnen steht. Und prinzipiell ist das ja natürlich,

[00:40:28]  wenn sich dann die Sachen mischen mit, man hat ein Plakat zu einem Konzert,

[00:40:34]  man hat vielleicht irgendwelche Fotos von dem Konzert

[00:40:39]  und dann hat man noch einen Artikel, der das Konzert ankündigt

[00:40:43]  und eine Kritik danach, was das Konzert bespricht,

[00:40:47]  dann finde ich, hat man diesen einen Abend schon ganz gut archiviert.

[00:40:52]  Also und man kann sich irgendwie ein Bild machen, was damals passiert ist

[00:40:56]  und jetzt gerade bei größeren Sachen gibt es das,

[00:41:01]  aber beispielsweise man findet dann auch irgendwelche Artikel in der Zeitung.

[00:41:06]  Die sind vier Zeilen lang, von, ich weiß nicht, 1968 oder 1969,

[00:41:11]  irgend sowas mit die wiener Jungschriftstellerin Elfriede Jellinek,

[00:41:16]  liest heute Abend da und da und das ist halt einfach drei Zeilen

[00:41:21]  [Tobias lacht kurz] und man denkt sich, ja genau, also es ist auch interessant,

[00:41:24]  wenn man dann solche Sachen halt irgendwie findet, die natürlich aus heutiger Sicht,

[00:41:30]  damals war das eine Randnotiz, aber aus heutiger Sicht weiß man, das ist auch

[00:41:34]  da ist dann doch...

[00:41:37]  Tobias: Damals Subkultur jetzt, Main.. mehr wie Mainstream, ne?

[00:41:40]  Albi: Genau. Und einfach um diese Basis Recherche, der Tiroler Tageszeitung zu machen,

[00:41:45]  bin ich da eben viel im Stadtarchiv gesessen und habe knapp 10.000 Zeitungen

[00:41:50]  durchforstet und abfotografiert und gescanned und...

[00:41:56]  Tobias: Ausgewertet.

[00:41:57]  Albi: Und ausgewertet, ja.

[00:41:59]  Tobias: Nachdem wir eh schon zeitlich relativ weit vorgeschlitten sind,

[00:42:01]  ich mache immer gern zum Schluss noch eine kleine, so wie ein,

[00:42:05]  was man noch den Hörer:innen mitgeben.

[00:42:07]  Albi: Den Hörerinnen...

[00:42:09]  Tobias: Hörerinnen und Hörern auch natürlich, beiden.

[00:42:11]  Albi: Genau, den Hörerinnen und Hörern mitgeben,

[00:42:15]  was kann man ihnen mitgeben. Jeder noch so uninteressant ausschauende Flyer...

[00:42:22]  Tobias: Ist vielleicht interessant für euch.

[00:42:24]  Albi: Ist vielleicht interessant für uns.

[00:42:26]  Ganz allgemein, wir freuen uns immer über interessante Geschichten

[00:42:30]  aus der Vergangenheit, über Artefakte von, wenn es nur Eintrittskarten sind.

[00:42:38]  Tobias: Jetzt fällt mir eh auch nur grad, weil du ja grad sagst,

[00:42:41]  interessante Geschichten aus der Vergangenheit, macht ihr so was wie Zeitzeugengespräche

[00:42:44]  auch oder habt ihr so was in...

[00:42:46]  Albi: Na ja, Zeitzeugengespräche.

[00:42:48]  Also ganz allgemein, wir haben schon sehr viele Interviews geführt.

[00:42:51]  Bei uns ist es um die Information gegangen, nicht um die Sendbarkeit. Tobias: Ja.

[00:42:56]  Albi: Sondern die meisten Gespräche, die wir aufgenommen haben,

[00:42:59]  sind in irgendwelchen Caféhäusern, wo es immer mega laut klappert,

[00:43:02]  Tobias: Kennen wir auch [lacht] Albi: Im Hintergrund und die Kaffeemaschine zischt und was weiß ich was.

[00:43:06]  Tobias: Und der Kellner dreimal fragt darfs noch was sein?

[00:43:08]  Albi: Genau, darfs noch was sein. Aber prinzipiell, wenn es nur um den Informationsgehalt des Gesprächs geht,

[00:43:15]  also wir haben das ja meistens um einfach nachzuhören für einen Text oder so.

[00:43:19]  Also wir arbeiten ja prinzipiell nicht audiovisuell,

[00:43:22]  sondern wir haben ja ein monatlicher Kolumne im 20er.

[00:43:26]  Also da scheinen halt 10 Mal im Jahr Artikel von uns

[00:43:29]  und auch aufgrund dessen sind auch schon einige Sachen an uns herangetragen worden,

[00:43:37]  weil halt der 20er ist dann doch recht verbreitet im Stadtgebiet und auch im Rest von Tirol.

[00:43:43]  Tobias: Wollte ich gerade sage, Ist ja ganz Tirol, ja.

[00:43:45]  Albi: Da kriegen wir immer wieder Rückmeldungen wie super, das und das und das

[00:43:50]  und eben auch Leute, die sich bei uns melden, dass sie eben noch Material haben.

[00:43:57]  Also das ist...

[00:43:58]  Tobias: Und von dem her, also wie gesagt, noch einmal, wenn was daheim rumschwirrt

[00:44:02]  und vielleicht doch mal wieder auf den Dachbodnen oder in den Keller gehen,

[00:44:05]  die alten Koffer durchschauen, die alten Kisten durchschauen,

[00:44:08]  wenn mysteriöse Flyer dabei sind, Subkulturarchiv ist immer interessiert.

[00:44:12]  Albi: Also eben, ganz prinzipiell Flyer, Plakate, Magazine, Zeitschriften, Flugzettel, Fotos, CDs,

[00:44:25]  Schallplatten, Musikkassetten, Video, VHS-Kassetten.

[00:44:31]  Ich glaube nicht, dass es übermäßig viele lokal produzierte VHS-Kassetten gibt,

[00:44:36]  aber eben auch Videos und ganz prinzipiell bis in die Gegenwart.

[00:44:41]  Ich appeliere auch natürlich an alle Leute, wenn sie ihre Handyfotos speichern beispielsweise,

[00:44:49]  wenn ganz klar kulturelle Events dabei sind, ja, wir sammeln auch digital

[00:44:55]  und sind prinzipiell an allem interessiert und wenn es gute Geschichten sind, dann umso mehr.

[00:45:04]  Vielen Dank.

[00:45:07]  [Outro-Musik]

Bonusfolge: Stiftsarchiv Wilten

Bonusfolge: Stiftsarchiv Wilten

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Intro-Musik] Tobias:Hallo und herzlich willkommen zur ersten Bonusfolge von Archivwürdig, dem Podcast

[00:00:19]  des Innsbruckers Stadtarchivs. Heute spreche ich mit Miriam Trojer, der Leiterin des Stiftsarchiv Wilten.

[00:00:24]  Gemeinsam sprechen wir unter anderem darüber, was das Stiftsarchiv überhaupt ist,

[00:00:29]  was man dort findet und wie man dort recherchiert. Zusätzlich sprechen wir ein wenig über den

[00:00:34]  Arbeitsalltag und wie Miriam zur Arbeit in einem Ordensarchiv kam. So viel zu diesem

[00:00:39]  kleinen Überblick und nun in die Folge. Liebe Miriam, danke, dass du heute Zeit hast und mit mir

[00:00:46]  und unseren Hörer:innen quasi was über das Stiftsarchiv Wilten zu erzählen.

[00:00:52]  Miriam: Danke für die Einladung. Tobias: Ja, bitte. Vielleicht fangen wir so gleich an, weil viele Zuhörerinnen

[00:01:00]  und Zuhörer vielleicht mit dem Stiftsarchiv nicht vertraut sind. Die wissen zwar das Stift in

[00:01:04]  Wilten, vielleicht eben nur, dass das den Hof... nein also, sagt man... ist ein Hofladen. Nein es ist ein... Miriam: Klosterladen. Tobias: Klosterladen,

[00:01:11]  so gibt und das Schnaps gebrannt wird, aber vielleicht vom Archiv wenig wissen. Vielleicht

[00:01:17]  wenn du uns mal kurz erzählst, was denn das Stiftsarchiv ist und was das ein bisschen

[00:01:22]  vielleicht beinhaltet. Miriam: Ja, also, das Stift Wilten, wie du sagst, kennt eh jeder im Umkreis von

[00:01:29]  Innsbruck kennt das Stift Wilten. Man kennt den Klosterladen, man kennt vielleicht den Schnaps.

[00:01:35]  Das Stiftsarchiv gibt es eigentlich seit das Stift existiert, das heißt,

[00:01:40]  aus dem 12. Jahrhundert. Und ein Archiv ist im Prinzip nichts anderes als eine Dokumentation und

[00:01:48]  die Ansammlung der Geschichte, der Institution, der es angehört. Und so ist es auch mit dem

[00:01:55]  Stiftsarchiv. Es existiert seit der Gründung des Stiftes und wurde gepflegt und gehegt,

[00:02:01]  oft besser, oft schlechter, im Laufe der Jahrhunderte und hat Gott sei Dank bis heute überlebt und

[00:02:10]  deswegen können wir auf einem beträchtlichen Bestand an geschichtsträchtigen Urkunden,

[00:02:16]  Akten, Objekten zurückblicken und das ist das Archiv letzten Endes. Tobias: Wächst das Archiv weiter?

[00:02:25]  Ist es... also die Frage, ob es ein abgeschlossenes Archiv ist oder? Miriam: Nein, es ist kein historisches Archiv,

[00:02:32]  wie man es nennt, also nicht abgeschlossen. Einige Bestände sind natürlich abgeschlossen,

[00:02:37]  aber es wächst tagtäglich weiter, weil das Stift ja selber noch existiert und lebt und arbeitet.

[00:02:43]  Also die Arbeiterkommentualen werden natürlich dokumentiert. Die Arbeiterverwaltung, die Verträge,

[00:02:48]  das wird alles irgendwann archiviert und kommt zu uns ins Archiv. Deshalb wächst es stetig weiter.

[00:02:56]  Tobias: Müsst ihr an die Archivmaterialien noch mal oder nachhaken, dass ihr an die Materialien kommt?

[00:03:03]  Ist es einfach, wissen die, also man sollte vielleicht noch sagen, im Stift leben ja noch die Chorherren,

[00:03:11]  sind ja eigentlich eine Gruppe aus wie viele sind es derzeit? Miriam: 22 und 6 wohnen im Stift. Genau.

[00:03:19]  Tobias: Kommt man da leicht [lachend] sag ich mal unter Anführungszeichen an die Materialien, wissen die, dass ihr da seid

[00:03:25]  und für das zuständig seid, wie ist da generell der Kontakt zwischen die im Kloster

[00:03:32]  lebenden und euch quasi im Kloster arbeiten? Nicht, dass die im Kloster lebenden nicht auch arbeiten,

[00:03:38]  also das will ich gar nicht sagen. Miriam: [lacht kurz auf] Ja, also sie wissen, dass wir hier sind und sie wissen zu 60 Prozent,

[00:03:47]  welche Arbeit wir machen. Wir kommen zu unseren Archiv Archivalien mal schneller, mal weniger schnell,

[00:03:55]  wo wir immer natürlich die erste Anlaufstelle sind, sind die Nachlässe. Das ist klipp und klar,

[00:04:00]  aber bis dato ist dem irgendwie nie so viel Gewicht beigemessen worden, die Archivalien

[00:04:08]  wirklich abzugeben. Das war dann eher schon so Klassiker, ich glaube, das kennt jeder Archivar

[00:04:13]  und jede Archivarin der Mülleimer der Institution. [Tobias lacht kurz auf] Egal, ob man das dann im Archiv

[00:04:19]  dann letztendlich wirklich aufbewahrt oder nicht. Also, wir sind derzeit dabei oder es ist unser

[00:04:26]  größerer Plan in nächster Zukunft, im sogenannten "Records-Management" tätig zu werden. Also, das ist

[00:04:33]  im Archivarsgebrauch ein natürlich bekannter Begriff. Das heißt, die Verwaltung in der Schriftgutbehandlung

[00:04:40]  zu beraten und schon vorher einzugreifen, dass wir erstens nicht so viel Arbeit haben, dass wir

[00:04:46]  nicht die ganzen Kontoauszüge aus die 80er-Jährigen kriegen, weil die brauchen wir einfach nicht. Wir

[00:04:51]  brauchen die Bilanzen, zum Beispiel und dass wir nicht wirklich alles selber machen, sondern dass

[00:04:57]  da auch gewisses Bewusstsein dadurch entsteht, was... für was das Archiv da ist, werden wir so einen

[00:05:03]  Aktenplan entwerfen, den gibt es für die Verwaltung nur intern, aber nicht für das Archiv. Und das

[00:05:12]  ist jetzt unsere große Aufgabe. Ist ein Riesenaufgabe. Und das Erste, was jeder Archivar

[00:05:18]  und jede Archivarin machen muss und das Wissen der Archivare und Archivarinnen eh, ist die Sensibilisierung

[00:05:24]  der eigenen Arbeit, weil die meisten wissen eigentlich gar nicht, was man macht und was die

[00:05:29]  eigentlichen Aufgaben sind. Meistens denkt man halt, ja, da liegen die alten Sachen rum. Und wenn ich

[00:05:35]  etwas nicht mehr braucht, dann gebe ich es ins Archiv. Das ist aber sehr selektiv. Tobias: Im Idealfall

[00:05:39]  geben sie es ans Archiv. Miriam: Im Idealfall. Das ist sehr selektiv aber dieser Wahrnehmung und auch die

[00:05:44]  eine selektive Auswahl dann. Und wir haben natürlich Vorgaben, die wir uns natürlich auch selber

[00:05:53]  machen durch unser Fachwissen. Wir bewerten die Archivalien und sagen dann, das kommt ins Archiv

[00:05:59]  und das brauchen wir nicht mehr. Und diese Bewertung für das sind wir angestellt, aber das ist den

[00:06:05]  den Chorherren natürlich nicht bewusst. Für das haben Sie keinen Einblick in die Arbeit eines

[00:06:08]  Archivars und einer Archivarin. Für das brauchen sie ja Fachpersonal. Und unsere Aufgabe und die

[00:06:16]  ist glaube ich wichtiger als der Umgang selber mit den Archivalien ist die Sensibilisierung der

[00:06:21]  Chorherren. Damit sie wissen, behaltet es bitte auch die Predigten auf. Das ist ein Teil eures

[00:06:26]  Charismas, was es jeden Tag nach außen tragt oder ich brauche jetzt nicht jede Hochzeitsdankeskarte an

[00:06:35]  den Priester und 1.000 Fotos von der Hochzeit von außen stehenden. Aber es wäre fein, wenn ich

[00:06:40]  vielleicht ein Foto von einem Konventausflug hätte. Also das sind zwei Paar Schuhe und meistens

[00:06:46]  kriegen wir aber ersteres und nicht letztes [schmunzelt] [Tobias lacht kurz] Miriam: Und da müssen wir noch sehr viel Arbeit machen.

[00:06:51]  Tobias: Die Sensibilisierung, ich meine das kenne ich auch gut. Das ist bei uns in der Stadt so,

[00:06:56]  das ist sicher auch beim Land so. Miriam:I ch glaube, das ist überall so. Tobias: Also von dem her sitzt ihr

[00:07:02] nicht allein im Boot und auch bei uns ist es gerade quasi ein bisschen eine Umstellung,

[00:07:06]  was Aktenablage betrifft, weil wir jetzt auch viel oder vermehrt jetzt in der Zukunft eigentlich

[00:07:14]  auch digital ablegen. Ist digital ablegen, ist im Stift wahrscheinlich noch nicht so das Thema,

[00:07:20]  oder? Miriam: [seufzt] Bis dato nicht. Gehört aber alles zu diesem Records Management und Aktenplan dazu. Ich habe

[00:07:29]  das schon in meiner letzten Arbeit gemacht und werde das jetzt auch machen. Weil da ist natürlich

[00:07:35]  auch enge Zusammenarbeit auch mit der Verwaltung nötig. Wir haben uns jetzt zumindest mal technisch

[00:07:40]  darauf vorbereitet. Tobias: Ich wollte gerade fragen, weil technische Voraussetzungen... Miriam: Genau. Also das ist noch nicht

[00:07:44]  ganz ausgereift und wir haben mal so eine Zwischenlösung. Wir haben einen eigenen kleinen Server. Wir

[00:07:50]  tüfteln gerade mit unserern Itlern an einer, ich hasse dieses Wort, langfristigere Lösung, [beide lachen]

[00:07:57]  langzeit Archivierung, da sind wir noch weit weg. Aber es gibt für eine so kleine Institution und im

[00:08:05]  Vergleich zu einer Stadt oder einem Land sind wir natürlich eine kleine Institution noch keine

[00:08:10]  Generallösung und deshalb arbeiten wir einfach mit den einfachsten Mitteln mit Aktenablagen,

[00:08:21]  digitalen Explorer, ganz einfach. Allerdings natürlich in Archivierformat. PDFA nennt man es zum Beispiel.

[00:08:29]  Es gibt so verschiedene Formate. Und da haben wir noch sehr viel Arbeit auch vor uns bis dato ist es eine

[00:08:37]  reine Ablage der Verwaltung. Ich versuche das schon ein bisschen vorzubereiten. Aber schauen wir

[00:08:45]  mal, was die Zukunft bringt diesbezüglich. Also, wir sind dran und es dauert. Tobias: Du hast vorhin schon angesprochen,

[00:08:53]  so ein bisschen grob, was ihr im Archiv verwart. Vielleicht, dass wir da noch mal ein kleines bisschen darauf

[00:08:58]  eingehen. Du hast schon, ich glaube, das prominenteste Beispiel sind sicherlich die Urkunden.

[00:09:03]  Miriam: Definitiv. Tobias: [lachend] Ja. Die... ihr habt sie ja, glaube ich, moment, die Abschrift, glaube ich habt ihr,

[00:09:11]  von der Abtretung der rechten Innseite. Oder? Ich habe es jetzt nicht mehr auswendig im Kopf.

[00:09:18]  Miriam: Ja, also du meinst die, wir nennen sie die Stadt-Urkunde. Tobias: Ja, es ist... Miriam: Es ist, weil die Gründungsurkunde

[00:09:25]  der Stadt oder diese Abtretungsurkunde, das Original existiert ja nicht mehr,

[00:09:30]  weder in der Stadt bei euch noch bei uns.Tobias: Nein, [lachend] eben. Miriam: Aber wir sind in der glücklichen Lage,

[00:09:36]  dass wir die zeitnaheste Abschrift haben und das ist jetzt, also da plappere ich jetzt nur den

[00:09:44]  Forschern nach. Tobias: Passt gut. Miriam: Da hängt ein Siegel dran und dieses Siegel soll offenbar von der Originalurkunde

[00:09:50]  stammen. Deshalb wird sie die Stadt-Urkunde, das ist das nächste, am Original, was man hat und

[00:09:59]  deswegen ist sie so prominent, gerade für die Stadt Innsbruck und da wird eben diese Abtretung

[00:10:04]  der Rechte... auf der... Tobias: Auf die rechte Innenseite quasi. Miriam: Danke [lacht]. Tobias: Vom Stift Wilten an.. Miriam: An Berthold, den Dritten, abgetreten, noch längerem

[00:10:17]  hin und her [Tobias lacht kurz] und das war der Anfang von Innsbruck, wie wir es heute kennen und der Anfang einer

[00:10:26]  jahrhundertelangen Streit Sache [Tobias lacht] zwischen Stift Wilten und Innsbruck. Tobias: Also wir streiten nicht, wir zwei. Miriam: Nein,

[00:10:32]  wir streiten nicht. Tobias: Außer vielleicht, wenn es um die Urkunde kommt, müssen wir vielleicht noch einmal

[00:10:36]  reden, ob die nicht auch wieder [lachend] überschrieben werden soll. Miriam: Da könnt ihr lange streiten, die gebe ich nicht her [lacht].

[00:10:41]  Tobias: Die Urkunden habe ich aber gesehen, ist ein großer Teil von... Also ihr habt das glaube ich

[00:10:47]  extern digitalisieren lassen oder habt ihr sie im Haus digitalisieren lassen? Miriam: Es ist im Haus

[00:10:51]  digitalisiert worden, aber da gibt es dieses Projekt Monasterium, die kommen mit dem Equipment

[00:10:57]  und digitalisieren vor Ort. Also gemacht haben nicht wir es, also es war noch vor meiner Zeit,

[00:11:01]  aber das haben nicht wir gemacht. Die Achivare damals haben die Stücke ausgewählt und dann...

[00:11:07]  Tobias: Das heißt, das ist ein Auswahl an den Urkunden, was... Miriam: Genau, das sind 3.000 und wir sagen immer

[00:11:13]  Urkunden, aber das stimmt nicht, das sind eigentlich nicht nur Urkunden, eigentlich nur ein kleiner Teil.

[00:11:17]  Das ist die altgenannte Urkundenreihe, wir haben es jetzt umbenannt. Das ist jetzt Urkunden und

[00:11:23]  wichtige Einzelakten, weil da eigentlich großteils Einzelakten und nicht Urkunden dabei sind. Und

[00:11:30]  Monasterium digitalisiert ja vor allem mittelalterliche Urkunden. Die Zeitspanne ist ein bisschen

[00:11:36]  ausgeweitet nach oben geworden, also ich glaube bis ins 17. Jahrhundert gehen da die Urkunden

[00:11:41]  auch rauf, auch bei anderen Institutionen. Und bei uns gibt es teilweise sogar Pläne aus

[00:11:49]  dem 18. Jahrhunderts digitalisiert worden und die sind jetzt auch auf dieser Seite zu finden.

[00:11:53]  Und diese Auswahl sind 3.000 Stücke, also knapp 3.000 Stücke, die jetzt eben digital... Tobias: Und gratis online

[00:12:02]  zur Verfügung stehen. Miriam: Genau. Tobias: Habt iht eigentlich, das ist jetzt zwar ein bisschen abseits vom Digitalisieren,

[00:12:09]  aber sind durch die Fliegerangriffe in den 40, also [19]43 glaube ich haben sie dann begonnen,

[00:12:18]  sind im Stift, oder Stift ja auch, aber beim Archiv oder Bestände des Archivs durch

[00:12:25]  Bombenschäden in Mitleidenschaft gezogen worden? Miriam: Soweit wir wissen, kaum. Also da haben wir großes

[00:12:35]  Glück gehabt, also der gesamte Schneidergang, damals war das ja schon in der Richtung,

[00:12:43]  das Archiv, bin ich mir nicht ganz sicher, das war wahrscheinlich noch nicht da, aber

[00:12:47]  mir merken in den Bestände keine Fehlstellen, also größere, wo man sagt okay, das ist jetzt

[00:12:56]  wirklich, das muss aus diesen Bombenangriffen, also das Resultate sein, die Fehlstellen, die

[00:13:05]  wir haben, die gehen quer durch die Zeit, das müsste sehr zufällig sein, also ich gehe jetzt

[00:13:10]  nicht davon aus und ich wüsste jetzt auch in der Geschichte, in der Geschichtsaufarbeitung nicht,

[00:13:15]  dass das Archiv in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Wir wissen, dass die Bibliothek sehr

[00:13:20]  schwer bombardiert war, aber auch da ist es eigentlich der Raum selber stehen geblieben,

[00:13:26]  die Bücher auch. Viel ist ja weggeschafft worden, das Wichtigste, das hat man ja in einer Nacht-

[00:13:31]  und Nebelaktion teilweise nach Stams und in andere Orte verbracht und Wilten hat natürlich

[00:13:38]  einen großen Nachteil gehabt, dass es mitten in der Stadt war, neben dem Bahnhof, das ist natürlich...

[00:13:42]  Tobias: Was natürlich eine großes Ziel war. Miriam: Ja. Und es gibt diesen Ausspruch, es ging ein, wie heißt der,

[00:13:47]  ich mein, das ist jetzt nur nachgesprochen, es ging ein Flüstern durch die Gänge oder durch die Klausur,

[00:13:53]  wir sollten alles packen und abhauen, so in die Richtung und das ist am Tag vor der Schließung,

[00:13:59]  dann letztendlich auch gewesen, also sie haben es gewusst und haben schon vorher Vorbereitungen

[00:14:03]  getroffen und ich glaube, dass sie schon vieles einfach aus... Tobias: In Sicherheit gebracht haben.

[00:14:10]  Miriam: Genau. Deshalb merken wir jetzt kaum Fehlstellen, also ob jetzt manche Sachen zerstört worden

[00:14:17]  sind, die weniger wichtig waren, das kann man im Nachhinein ganz schwer rekonstruieren, es gibt

[00:14:23]  natürlich etliche Fehlstellen, das merkt man an den alten Repertorien und so weiter, ob die jetzt,

[00:14:30]  wenn die weg gekommen sind, ist quasi nicht zu eruieren. Tobias: Aber wie seid ihr, also ist alles,

[00:14:36]  was im Archiv ist, so zu sagen erfasst oder ist... Natürlich nicht, gell. Also ich wüsste glaube

[00:14:43]  ich kein Archiv was wirklich alles, was im Besitz ist, schon erfasst ist glaube ich.

[00:14:48]  Miriam: Es kommt immer drauf an, was man unter Erfassung. [Tobias lacht] Tobias: Du meinst, wissen ob es da ist, oder [lacht].

[00:14:52]  Miriam: Genau. Nein, also grob erfasst haben wir alles, aber wir sind jetzt dahinter gekommen,

[00:15:00]  diese bekannte berühmte Urkundenreihe, da hieß es immer, das ist die am besten Erschlossene.

[00:15:05]  Ja, dem ist nicht so. Wir sind jetzt bei der Schätzung 50% erschlossen, weil da immer die

[00:15:16]  letzten Jahrzehnte einfach was dazugelegt worden ist, was passend dazugefunden worden ist.

[00:15:21]  Also wenn wir jetzt die... Es sind alles so Laden zu bestimmten Themen, also und dann gibt es diese

[00:15:28]  Lade, keine Ahnung, fahre Hötting und da ist dann einfach alles reingestopft worden und es hieß

[00:15:36]  immer, es ist alles erfasst, erschlossen in Repertorien, Findbüchern und in unserer Datenbank.

[00:15:46]  In der Datenbank ist am wenigsten drin, das wissen wir jetzt auch erst seit Kurzem, weil man muss

[00:15:53]  ja darauf vertrauen, was die Vorgänger einem erzählen und erklären und jetzt haben wir noch

[00:16:03]  einen großen Fundus von einem ehemaligen und sehr bekannten Archivar von Stift Wilten,

[00:16:08]  dem Fritz Steinecker, das ist ein ehrenamtlicher Archivar über Jahrzehnte gewesen, der ist in

[00:16:15]  den 90er Jahre, also bis in die 90er Jahre herauf und der vier Schreibtische im alten Archiv besessen

[00:16:23]  oder das waren immer schon die Steinecker-Schreibtische, seit ich da bin [lachen] und bei der Ausräumung vom

[00:16:29]  alten Archiv haben wir mal die Schubladen dazu aufgetan und da sind Aktenberge dahergekommen,

[00:16:37]  die wir jetzt derzeit sortieren, leider Gottes ist vieles in Mitleidenschaft gezogen worden,

[00:16:45]  also viel ist verschimmelt natürlich, das liegt einfach in den Laden drin über Jahrzehnte und

[00:16:51]  jetzt versuchen wir uns gerade einen Überblick zu schaffen, aber das sind genau die Bestände,

[00:16:54]  die mir, vom Gefühl her, seit ich das Archiv kennen, gefehlt haben, das sind die Akten.

[00:16:59]  Viele Abtakten, Briefverkehr, solche Dinge, wo wir einfach Fehlstellen in den Jahrzehnte haben,

[00:17:07]  die seien vermutlich da drin und das ist jetzt noch sehr viel Arbeit, also nein,

[00:17:12]  erschlossen haben wir lange noch nicht alles, aber wir können schon sagen, dass jetzt rein vom

[00:17:18]  Gesamtbestand, also vom Gesamtarchiv großteils erschlossen ist, wir wissen was da ist, circa.

[00:17:24]  Tobias: Du hast jetzt eh schon öfters von "uns" gesprochen oder von "wir", vielleicht sollte man an der Stelle

[00:17:30]  auch mal kurz den Team erwähnen, weil du bist ja natürlich nicht... du bist ja natürlich in der

[00:17:34]  leitenden Position, aber du hast natürlich noch helfende Hände bei dir... Miriam dazwischen: Ja Gott sei Dank! Tobias: ... sollen wir die mal gerade

[00:17:40]  oder..., dass wir dir mal kurz namentlich nennen und so. Miriam: Ja, sehr gerne, also wir sind ein Team von

[00:17:46]  vier Archivarinnen und Archivaren und einer Bibliothekarin, die ist jetzt frisch dazu gekommen

[00:17:54]  letzte Woche und zwar der Dienstälteste ist ein bekannter Innsbrucker Historiker, der Professor

[00:18:04]  Helmut Gritsch, der arbeitet in seiner Pension immer noch für das Stift und kümmert sich vor allem

[00:18:12]  um die Regästen der Monasteriums Urkunden, er korrigiert die und so, dann ist der Magister

[00:18:21]  Dieter Liebmann auch mein Stellvertreter, der seit über acht Jahren fürs Stift arbeitet im Archiv

[00:18:28]  und der kümmert sich um alles [lacht kurz] Tobias: Hab ich auch schon mitbekommen. [beide lachen] Miriam: Und dann die Frau Daniela Runk, Master, die aus der Karenz zurück

[00:18:43]  gekommen ist, schon vor meiner Zeit im Stift gearbeitet hat, allerdings für die Kunstinventarisierung

[00:18:51]  ist aber eigentlich Archivarin und hat auch ein Praktikum bei mir früher mal genossen, also

[00:19:00]  ich kenne sie schon seit Langem und kümmert sich derzeit vor allem um die Nachlässe und dann noch

[00:19:05]  die Bibliothekarin, die Gott sei Dank jetzt die Bibliothek hoffentlich bald in vollen Ausmaßen

[00:19:12]  übernimmt. Tobias: Über die will ich eh noch dann vielleicht ganz kurz, dass wir das noch anschneiden, bevor wir das aber machen,

[00:19:16]  noch ein Punkt, den ich bei die... wenn wir über die Archive geredet haben, auch immer angesprochen

[00:19:23]  haben, wer hat denn Zutritt zum Archiv. Darf jeder vorbeikommen, also grundsätzlich jeder

[00:19:29]  vorbeikommen zum Recherchieren, ist es überhaupt vielleicht interessant für jedermann, jeder

[00:19:33]  frau und natürlich der Punkt ist... mit dem Archivbesuch oder mit Recherche, sind Kosten

[00:19:39]  verbunden, das ist eine große Frage. Miriam: Also zu uns kann jeder kommen, der ein, es steht so in der

[00:19:46]  Archivordnung berechtigtes Interesse vorzeigen kann, das bedeutet aber jeder, der einfach

[00:19:52]  sich für unsere Bestände interessiert, forschen will. Es ist auch interessant, also wir haben ein sehr

[00:19:58]  breites Publikum. Das geht von Familien-

[00:20:02]  Forschung natürlich bis ganz viele Kronisten der umliegenden Dörfer, vor allem unserer

[00:20:07]  inkorporierten Faren. Aber auch viele Wissenschaftler der Universität in jeglicher

[00:20:14]  Sparte, also von Theologie bis Geschichte bis Kunstgeschichte. Da ist immer, also ist alles

[00:20:20]  dabei und wir sind ganz ein normales Archiv, allerdings immer mit dem Titel "Privatarchiv",

[00:20:26]  das darf man nie vergessen. Wenn jemand zu uns kommt, dann wird es genehmigt, dass der

[00:20:32]  Einsicht bekommt in gewisse Bestände, aber wir hätten theoretisch auch das Veto Recht. Das heißt,

[00:20:40]  wir könnten auch sagen nein, weil es eben rein rechtlich ein Privatarchiv ist, aber wir arbeiten

[00:20:47]  für das öffentliche Interesse. Wir möchten das ja weiterhin auch das Archiv nach außen tragen,

[00:20:54]  aber wir möchten es auch weiterhin befüllen können und Gott sei Dank und wahrscheinlich

[00:20:58]  bin ich die einzige, die das so sieht, gibt es die ZDSGVO von 2018 [Tobias lacht], denen Privatarchiven

[00:21:05]  auferlegt. Sie dürfen weiterhin als Archiv arbeiten, aber nur wenn sie dem öffentlichen Interesse

[00:21:11]  zur Verfügung stehen, das heißt, wir müssen öffnen und das finde ich eigentlich eine gute

[00:21:16]  Lösung. Tobias: Allerdings ja. Miriam: Sonst dürfen wir eigentlich die Sachen nicht archivieren, sondern wir müssten sie schreddern.

[00:21:21]  Tobias: Ja, vernichten. Weil du das Veto Recht oder die Zusage, liegt es bei dir oder liegt es dann beim Prio?

[00:21:28]  Miriam: Beim Prio  liegt es nicht, wenn dann beim Abt. Also ich bin einzig und allein dem Abt und

[00:21:34]  nicht dem Prio unterstellt. Das Archiv ist Abtsache. Der Abt hat immer ein Veto Recht, allerdings hat er natürlich

[00:21:42]  die Aufgaben, Rechte und Pflichten an mich abgetreten als Leiterin des Archivs. Das heißt,

[00:21:48]  das erste Veto Recht habe ich. Wenn ich mal bei manche Sachen nicht sicher bin, dann frage ich beim

[00:21:54]  Abt nach, wenn es sensiblere Themen sind und so weiter. Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Man

[00:22:01]  hat ja diese Schutzfrist von 50 Jahren haben wir. Da gibt es immer so Grauzonen, das kennt jeder.

[00:22:08]  Tobias: Grad für Forschung oftmals. Miriam: Grad für Forschung, grad für, wenn es jetzt zum Beispiel um Biografien

[00:22:13]  bekannter Persönlichkeiten geht, dann kann man ja Ausnahmen machen. Diese Ausnahmen, das entscheidet

[00:22:19]  nur der Abt. Also das würde ich auch niemals machen. Das wäre mir zu gefährlich. Aber grundsätzlich

[00:22:25]  habe ich auch das Veto Recht. Tobias: Und sollt man sich am besten vorab per Telefon, per Mail melden bei

[00:22:33]  euch? Miriam: Unbedingt. Weil wir sind zwar grundsätzlich gut besetzt, aber nicht immer. Wir haben mehrere

[00:22:40]  Aufgabengebiete und wir sind trotzdem ja vier Leute im Archiv sind, quasi nur ein One-Person-Archiv

[00:22:48]  gefühlt. Das heißt, das ist immer also auf Terminanfrage. Ansonsten müssen wir leider,

[00:22:56]  Gott, dass wenn jemand an der Pfote auftaucht, das passiert immer, immer wieder müssen wir sie

[00:23:01]  wirklich wegschicken, weil wir müssen die Arbeitszeit einteilen. Wir haben jetzt kein

[00:23:07]  riesen Lesesaal, wo fixe Aufsichtspersonen sind. Das heißt, wir müssen für diese Person, für diesen

[00:23:13]  Benutzer und wollen auch dann da sein. Und das geht nur, wenn man sich die Zeit auch freischaufelt.

[00:23:18]  Genau. Und deswegen muss man sich vorher anmelden, per Telefon, per E-Mail, über das Kontaktformular

[00:23:25]  von der Homepage. Da gibt es einen Benutzerantrag schon runter zu laden, dass man das im Vorfeld

[00:23:31]  schon mitnehmen kann, wenn man möchte und sonst halt vor Ort ausfüllen. Die Archivordnung und

[00:23:36]  die Benutzerordnung ist auch online, kann man sich alles einsehen. Man weiß, auf was man sich einlässt. Tobias: [lachend] Auf was man sich einlässt.

[00:23:42]  Und entstehen mit dem Besuch Kosten oder wäre das dann was, wo man sagt, wenn wir für was drucken

[00:23:50]  oder darf man bei euch fotografieren? Miriam: [hustet kurz] Bei uns darf man fotografieren für den Eigengebrauch.

[00:23:57]  Für Publikationen wird natürlich ein Reproansuchen noch gefordert. Kosten entstehen keine. Wir

[00:24:05]  machen das wirklich absolut kostenfrei. Wir sind allerdings beim überlegen bei Digitalisierungen,

[00:24:13]  wenn es jetzt von uns gefordert wird, bei größeren Umfängen, einfach dass man vielleicht was verlangen.

[00:24:21]  Tobias: Es wird nicht die Würze. Miriam: Es wird... Nein, also wir möchten uns nicht bereichern [lacht]. Es ist auch nicht Sinn der Sache.

[00:24:29]  Es ist vielleicht vorher ein bisschen anders umgekommen, aber wir sind schon dafür da,

[00:24:36]  dass die Forschung, die Interessierten bei uns offene Türen einrennen. Es ist unser größter

[00:24:43]  Wunsch, dass dieses Archiv wirklich gut besucht ist. Und das wird es in der Zwischenzeit auch sehr gut, muss ich sagen.

[00:24:48]  Tobias: Haben wir schon geredet vorher ja. Ich war fast, naja schockiert nicht, aber ich war begeistert, dass es so sehr genutzt wird.

[00:24:55]  Miriam: Ja. Man muss immer dazusagen. Ich glaube, es ist immer gut besucht gewesen. So wenn

[00:25:01]  ich aus die Benutzerstatistiken anschaue und so ist es im Verhältnis zu anderen Ordensarchiven,

[00:25:06]  die ich kenn, man muss aber auch dazu sagen, das hängt mit den Beständen zusammen. Stift Wilten ist,

[00:25:12]  gerade für Innsbruck, einfach unglaublich. Tobias: Man kommt fast nicht herum. Miriam: Nein, man kommt nicht nur

[00:25:19]  fast, man kommt nicht herum. Und jegliches historisches Thema im Umfeld von Innsbruck hängt mit dem Stift

[00:25:26]  zusammen, weil dem Stift einfach alles gehört hat. Das heißt, das geht vom Bergisel bis Patscherkofel

[00:25:31] bis Höttingen und natürlich die Gründung der Stadt Innsbruck, die ganzen Felder

[00:25:39]  rundherum bis ins Sellreintal rein. Da ist das natürlich Forschungsfeld riesig. Und es ist

[00:25:46]  einfach eines, wenn nicht das älteste Archiv in Tirol. Das muss... Tobias dazwischen: Ja, das stimmt. Miriam: ...man sich auch auf der Zunge

[00:25:54]  zergehen lassen. Deswegen ist es nun mal einfach im Interesse, also im Fokus von Forschung. Und

[00:25:59]  das ist auch schön. Und jetzt natürlich mit diesem neuen Archiv ist es auch leichter, ins Archiv zu

[00:26:07]  kommen. Früher war es noch mal schwieriger, weil die Gegebenheiten einfach nicht da waren. Also,

[00:26:12]  man hat keinen Benutzeraum gehabt, man hat kaum Personal gehabt. Es ist schwierig gewesen. Und

[00:26:17]  jetzt ist alles ganz klipp und klar geregelt. Und deswegen fühlen wir uns fast wie ein öffentliches

[00:26:21]  Archiv. Tobias: Ja, eben. Ich war ja ein Gast der Eröffnung des neuen Archivs. Was eh ein gutes Stichwort wieder

[00:26:29]  ist, also du liefest mir eh immer die guten Stichworte, dass wir vielleicht eben noch über

[00:26:33]  dieses neue Archiv reden. Davor war es ja im Schneidergang hauptsächlich alles. Also,

[00:26:39]  es ist jetzt schwierig zu erklären [Miriam hustet im Hintergrund], für die Hörerinnen und Hörer was nicht vertraut

[00:26:44]  sind. Von dem her vielleicht doch einfach mal zu einem Archivbesuch kommen. Aber ihr seid

[00:26:50]  von der Größe an, von den Räumlichkeiten doch, um einiges... Miriam: Um einiges ist weit untertrieben. Wir sind

[00:26:58]  von 30 Quadratmeter auf 220 Quadratmeter aufgestiegen [lacht]. Tobias: Also, das ist eine beachtliche Menge. Miriam: Ja, genau. Das war

[00:27:05]  dringend nötig. Ja, also die alten Archivräumlichkeiten, das war ein Doppelraum, sagen wir es mal,

[00:27:11]  plus ein mini Büro. Sind, wie du gesagt hast, sind im ehemaligen Schneidergang. Das ist so im Nord-Trakt

[00:27:20]  und Nord-Ost-Trakt. Tobias: Da wo man dann... Man sieht ja da auf die Obstbäume raus, glaub ich. Miriam: Genau. Tobias: Vielleicht dass dann vielleicht bei den Leuten

[00:27:27]  ein bisschen? Miriam:  Da sieht man Richtung Osten raus, Richtung Obstbäume, Richtung Unterland. Und da war

[00:27:33]  früher in den oberen Stockwerken die praktische Volksschule, glaube ich, hieß die. Die ist seit

[00:27:38]  eineinhalb Jahren nicht mehr drin. Und das ist quasi auf der Seite, wo das Tourismuskolleg auch ist,

[00:27:43]  also in die Richtung, damit man sich das vorstellen kann Richtung Nordkette. Und in diesem

[00:27:49]  Schneidergang waren eben ein 30 Quadratmeter großer Raum. Voll gepfärscht mit Archivalien und eben noch

[00:27:59]  dazu ein kleines Büro. Und das war eben klar, das platzt aus allen Nähten schon des längerem,

[00:28:05]  man hat noch Lösungen gesucht. Und der Abt selbst hat die Lösung dann gefunden, im ehemaligen

[00:28:12]  Besinnungszentrum, an der gegenüberliegenden Seite, an der Südseite des Stiftes. Also das

[00:28:19]  Besinnungszentrum war immer schon von außen zugänglich. Da waren so Gruppen von außen,

[00:28:24]  die Seminare abgehalten haben und so weiter. Und das waren die idealen Räumlichkeiten im

[00:28:31]  Erdgeschoss. Genau. Tobias: Und wie lange war jetzt da die Planung und Umbauphase? So ungefähr?

[00:28:37] Miriam: Ja, also die ursprüngliche Planung war schon vor meiner Zeit, also 2020,

[00:28:45]  circa schon vorher, 2019/20 begonnen. Der Wunsch war schon weit aus länger da. Dann

[00:28:52]  hat man mich hinzugeholt eben aus diesem Grund und zwar im März 2021. Und da hat man eigentlich

[00:29:01]  ziemlich postwendend, sobald ich über die Pläne drüber geschaut habe und ein bisschen

[00:29:07]  den Architekten beraten habe, eigentlich angefangen zu bauen. So im Sommer 2021,

[00:29:12]  glaube ich, war das. Und letzten Endes, also umgezogen sind wir [im] Mai 2022, das heißt reine

[00:29:20]  Basisbauzeit, sage ich mal, war ein Jahr plus/minus. Aber wir sind natürlich nicht ins fertige Nest

[00:29:27]  gezogen. [Tobias lacht] Wir mussten umziehen, weil auf der Schneider-Trakt-Seite auch Umbauten geplant waren.

[00:29:34]  Und deswegen mussten wir raus. Das ist natürlich nicht optimal, aber wir haben es

[00:29:39]  irgendwie gelöst. Und wenn ich jetzt sage, mit der Eröffnungsfeier ist alles auf Punkt und

[00:29:46]  Beistrich gegangen, dann war ich das sehr ernst. Also den Tag davor sind noch Folien gekommen,

[00:29:50]  und also da sind wir fertig. Zwei Jahre, das würde ich sagen. Tobias: Ist ja eh eine sportliche Zeit?

[00:29:55] Miriam: Ja, man muss sagen, es ist kein Neubau, es ist eine Adaptierung der Räumlichkeiten,

[00:30:01]  aber trotzdem. Also es waren sehr schwierige Zeiten, das wissen wir alle, gerade in der

[00:30:06]  Baubranche, Corona-Baubranche, das war ein Wahn-Sinn im Nachhinein. Und trotzdem für das ist

[00:30:13]  es sehr schnell gegangen, finde ich. Tobias: Und es schaut auch sehr gut aus, als ich war ja, wie

[00:30:16] gesagt eh, schon vor Ort, und auch bei der Öffnungsfeier. Also die Räumlichkeiten sind spitze. Muss ich sagen.

[00:30:22] Miriam: Finde ich auch, danke schön. Ich nehme das als Kompliment ans Stift weiter. Tobias: [lachend] Ja natürlich! [beide lachen]

[00:30:26] Tobias: Ich wollte noch auf die Bibliothek kurz... dass wir vielleicht noch ganz kurz eingehen,

[00:30:32]  weil ich finde... also sie ist sehr schön, erstens anzuschauen. Zweitens ist sie ja doch, sehr umfangreich

[00:30:37]  auch. Sollen wir die vielleicht noch kurz, kurz so in Stichpunkten einmal erwähnen, um was es sich

[00:30:44]  handelt und was da so ein bisschen da ist. Miriam: Ja, also Stift Wilten besitzt eine klassische barocke Stiftsbibliothek.

[00:30:51]  Also dieser Bau stammt aus dem 18. Jahrhundert, also Anfang des 18. Jahrhunderts. Wir haben jetzt

[00:30:58]  erst recherchiert, 1712 ist der erste Bibliothekar engagiert worden, ein Chorherr damals. Das stimmt

[00:31:05]  so circa aus der Zeit. Die barocke Stiftsbibliothek besteht aus einem großen barocken Prunksal,

[00:31:14]  der natürlich nicht mit den Prunksälen in Admund oder anderen Klöstern, Stiften im Osten

[00:31:23]  Österreichs mithalten kann. Aber für die Größe des Stiftes ist er sehr schön und sehr,

[00:31:30]  also auch sehr einladend und sehr klassisch finde ich. Ja und noch ein zweiter Raum das

[00:31:36]  sogenannte "Bibliothek a minor". Die kleine historische Bibliothek, das ist so der Vorraum und wir besitzen

[00:31:43]  auch eine moderne Bibliothek. Zwei eigentlich. Eine Handbibliothek für den Konvent, der ist nicht

[00:31:48]  zugänglich und eine ganz normale Bibliothek mit moderner Ausstattung. Insgesamt befinden

[00:31:58]  sich in der Stiftsbibliothek um die 20.000 Bände und mit der modernen können wir auf die 60.000

[00:32:04]  circa. Tobias: Betreut die eine neue Kollegin dann die komplette Bibliothek oder nur Teile? Miriam: Ja,

[00:32:10]  die komplette Bibliothek ist eine riesen Aufgabe für eine Teilzeitstelle, aber sie hat ja mich

[00:32:17]  Gott sei Dank auch noch, also ich leite Bibliothek und Archiv, mache das organisatorische, aber ich

[00:32:22]  bin keine ausgebildete Bibliothekarin, deshalb habe ich eine dringend benötigt und die ist

[00:32:29]  mir jetzt auch zugeteilt worden, Gott sei Dank, und eben seit letzter Woche ist sie im Dienst. Jetzt

[00:32:33]  macht sie es auch mal erst vertraut, weil es ist natürlich eine riesen Aufgabe. Leider ist die

[00:32:39]  Stiftsbibliothek zwar immer zu besichtigen gewesen und aber man hat inhaltlich und

[00:32:45]  konservatorisch eigentlich gar nichts getan in den letzten 40 Jahren. Die letzte Restaurierung der

[00:32:51]  Kriegsschäden war die Bibliothek '83 eröffnet oder '87 wieder eröffnet, also einiges gemacht

[00:32:59]  war natürlich und seitdem ist sie vor sich hingeschlummert. Das sieht man auch, wenn man

[00:33:05]  genauer hinschaut oder ein Kenner, Staubschichten, ein bisschen Schimmel, ein bisschen das, ein

[00:33:12]  bisschen das, kaputte Bücher und natürlich ist das ein großer Fokus, das die Frau Strimmer jetzt

[00:33:18]  egen wird, dass die barocke Stiftsbibliothek wieder im alten Glanz erstrahlt, im wahrsten

[00:33:25]  Sinne des Wortes. Also da geht es ans Eingemachte mit Staubsaugen und allem drum und dran und

[00:33:32]  gleichzeitig betreut sie die moderne Bibliothek. Wobei man sagen muss, wir haben jetzt nicht so einen

[00:33:36]  großen Zuwachs, also wir haben einen Sammlungsschwerpunkt, werden das Konzept ein bisschen neu definieren

[00:33:44]  für die Bibliothek, wir werden den Sammlungsschwerpunkt ein bisschen kleiner machen, "Wildinencia",

[00:33:49]  "Premonstratensia", also vom Orden "Tirolensien", wir haben eine unglaubliche schöne Tirolensensammlung,

[00:33:56] [unverständlich] war den Chorherren immer schon wichtig und die gesammelten Lernschriften, da sind sie immer

[00:34:01]  sehr stolz drauf [Tobias schmunzelt] und ja und theologische Fachliteratur wird halt noch zukünftig gesammelt, aber

[00:34:10]  sonst wirklich nur wo Wilten erwähnt wird quasi. Wir möchten sie auch dann öffentlich zugänglich

[00:34:16]  machen, wie eine normale Bibliothek mit Ausleihe und so weiter, aber das steht noch... Tobias: Ist dann in der

[00:34:23]  Zukunft angedacht. Miriam: Das ist in der Zukunft genau. Tobias: Machen wir noch, wir sind eh schon recht weit fortgeschritten,

[00:34:27]  aber zum Abschluss noch sozusagen vielleicht noch ein bisschen auf deinen beruflichen Werdegang,

[00:34:34]  du hast schon gesagt du bist seit März 2021? Miriam: Genau, ja, da habe ich noch beratend... Tobias: Oder da war

[00:34:41]  der Wechsel sozusagen. Miriam: Genau. Tobias: Weil du warst davor ja noch woanders, wo ich dich auch schon mal kennengelernt

[00:34:46]  habe, aber das ist mir dann auch erst wieder eingefallen, wie dann im Stift dann im Wilten

[00:34:51]  auf Besuch war, nämlich , ich darfs vorwegnehmen, du warst vorher bei den Kapuzinern im Archiv.

[00:34:57]  Miriam: Ja genau. So ist es und das ist eine lange Zeit. Ja, also zu meinem beruflichen Werdegang. Ich bin

[00:35:05]  Historikerin, ich habe Geschichte studiert, Kunstgeschichte und Archivwissenschaft und habe dann drei Jahre

[00:35:11]  auf der Uni als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet und dann kam der Ruf nach außen,

[00:35:16]  hatte ich sehr großes Glück und bin zu die Kapuziner gewechselt. Die haben damals eine Provinzarchivarin

[00:35:23]  oder eigentlich eine Archivarin gesucht und man hat sich dann für mich entschieden und innerhalb kürzester

[00:35:30]  Zeit bin ich nicht nur Archivarin gewesen, sondern Provinzarchivarin, da habe ich dann viel mehr

[00:35:36]  Rechte gehabt, ich war auch die Einzige, das war ein  One-Women-Archiv [engl. für Ein Frau Archiv] wirklich und Kulturgutverwalterin,

[00:35:42]  also das ist, das heißt die Schatzkammer habe ich verwaltet und nicht nur in Innsbruck, sondern eben

[00:35:47]  die gesamte Provinz, das ist eigentlich ein großes Feld gewesen mit 16 lebenden Klöstern,

[00:35:52]  die gesamte Provinz hat damals Österreich und Südtirol umfasst, da liegen die Archive teilweise

[00:35:57]  eben noch in die einzelnen Klöster und insgesamt glaube ich waren es 30 Liegenschaften, die noch

[00:36:02]  den Kapuzinern in irgendeiner Weise gehört haben oder beziehungsweise damit zu tun gehabt haben

[00:36:07]  und die habe ich dann eben Archiv- und Kunstwerktechnisch betreut, Inventare erstellt und so weiter.

[00:36:15]  Tobias: War für dich das ein Ordensarchiv immer schon am Radar, dass das etwas ist, was dich interessiert

[00:36:22]  oder ist das zufällig gekommen?

[00:36:25]  Miriam: [seufzt] Das ist eine schwierige Frage, ich kann mich gar nicht erinnern.

[00:36:30]  Tobias: Könnte man sagen, es war eine göttliche Fügung. [lacht]

[00:36:33]  Miriam: Ja, ich hätte eine kleine persönliche Geschichte, das hat meine Mama vor ein paar Jahren, hat sie mir

[00:36:40]  das dann erzählt, anscheinend als ich kleines Mädchen war, hatte ich zwei Berufswünsche,

[00:36:47]  Nonne und Indiana Jones. [Tobias lacht] Und sie hat gesagt, durch meine Arbeit bei den Kapuzinern hätte

[00:36:54]  ich alles vereint und damals bin ich dann irgendwie ins Grübeln gekommen und habe mir gedacht,

[00:37:01]  ja, das hat sich gefügt.

[00:37:02]  Ich hätte jetzt nie von mir gesagt, ich möchte unbedingt in einem Ordensarchiv natürlich,

[00:37:07]  wenn man in die Richtung studiert und gerne in ein Archiv möchte, ist ein Ordensarchiv

[00:37:11]  immer was Spannendes.

[00:37:12]  Ich hätte mir vielleicht nicht die Kapuziner ausgesucht, weil ich war eher immer im Mittelalter

[00:37:16]  verankert und das gibt es bei den Kapuzinern einfach nicht.

[00:37:20]  Aber jetzt im Nachhinein muss ich sagen, ich würde nie wieder irgendwo anders arbeiten.

[00:37:26]  Also ich liebe es in einem Ordensarchiv zu arbeiten, weil die Aufgaben für sehr vielseitig

[00:37:31]  sein, ich mein, es wird im Stadtarchiv genauso sein und weil ich das familiäre so genieße.

[00:37:38]  Also ich genieße das in diesen kleineren Rahmen zu agieren und trotzdem so etwas wertvolles

[00:37:45]  zu hüten, ist eigentlich die perfekte Kombi, muss man sagen.

[00:37:49]  Und man hat einfach auch das Gefühl, man macht was Besonderes, ich weiß nicht.

[00:37:55]  [lachend] Keine Ahnung.

[00:37:56]  Klingt jetzt vielleicht überheblich... Tobias: Nein, nein! Miriam: ... aber so meine ich es gar nicht, also irgendwie für

[00:38:01]  mich persönlich.

[00:38:02]  Tobias: Eben, was für dich persönlich ist, das geht für dich persönlich und was die

[00:38:05]  anderen denken, kann uns Wurscht sein.

[00:38:07]  Miriam: [lachend] Genau so ist es.

[00:38:08]  Tobias: Zum Abschluss, ich habe gerne immer die Frage gestellt, ob wir unseren Hörerinnen oder

[00:38:12]  Hörern noch etwas auf den Weg mitgeben wollen, zum, in dem Fall natürlich Stiftsarchiv.

[00:38:18]  Miriam: Also eine Einladung, das Stiftsarchiv zu besuchen, spreche ich immer sehr gern aus.

[00:38:26]  Und auch die Scheu davor, sich nicht zu melden, weil man vielleicht das Gefühl hat, man hat

[00:38:33]  zu wenig da zu suchen.

[00:38:35]  Aber die meisten wissen nicht, dass man, dass jede... jegliche Sparte von Volksschülern

[00:38:42]  bis Pensionisten aus dem Seniorenheim findet irgendwas, was einen interessiert in dem Archiv.

[00:38:49]  Und das habe ich in meiner Karriere jetzt des öftern auch gesehen.

[00:38:54]  Ich habe einmal eine Gruppe, das werde ich nie vergessen, HTL Schüler bei mir gehabt,

[00:39:00]  16-jährige Burschen, die nur mit Auto-Cut arbeiten und ich habe ihnen, habe mir gedacht, was

[00:39:06]  zeige ich denn denen?

[00:39:07]  Und ich habe ihnen einfach alte Pläne gezeigt und die waren hellauf begeistert.

[00:39:12]  Und so versuchen wir, also wir geben auch Führungen und Einblick in die Archivarbeit

[00:39:17]  und das Spektrum ist so groß von alten Urkunden bis alten Schriften.

[00:39:22]  Und das interessiert sowieso die Leute, finde ich immer sehr.

[00:39:25]  Und das aber adaptiert von Kinder bis Erwachsene quer Beet durch.

[00:39:31]  Und deswegen keine Scheu einfach melden, wir freuen uns, unser Reich zu zeigen.

[00:39:36]  Tobias: Sehr gut.

[00:39:37]  Dann denke ich, haben wir da einen schönen Schluss und sag nochmal, danke Miriam für

[00:39:42]  deine Zeit, die du mir gespendet hast und teu teu teu für die Zukunft.

[00:39:47]  Miriam: Danke schön.

[00:39:48]  [Outro-Musik]

Bonusfolge: 60-Jahr-Jubiläum der Städtepartnerschaft mit Freiburg

Bonusfolge: 60-Jahr-Jubiläum der Städtepartnerschaft mit Freiburg

Stadtarchiv Innsbruck

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Transkript

[00:00:00] [Intro-Musik] Tobias: Hallo und herzlich willkommen zu einer weiteren Bonusfolge von Archivwürdig, dem Podcast

[00:00:19]  des Innsbrucker Stadtarchivs.

[00:00:20]  Nachdem wir heuer das 60-Jahr-Jubiläum der Städtepartnerschaft zwischen Innsbruck

[00:00:24]  und Freiburg feiern, darf natürlich eine Podcastfolge zu diesem Thema nicht fehlen.

[00:00:28]  Mit meinem Kollegen Joachim Burgschwendner spreche ich über die Entwicklung dieser gegenseitigen

[00:00:32]  Beziehung, wie die Partnerschaft mit Grenoble damit in Verbindung steht und was man mit

[00:00:36]  solchen Partnerschaften überhaupt bewirken wollte.

[00:00:39]  Nach diesem kleinen Überblick geht es auch schon direkt los.

[00:00:42]  Ja, lieber Joachim, wir feiern heuer 60 Jahre Städte-Partnerschaft mit Freiburg.

[00:00:50]  Jetzt könnte man ja sich als Hörerin oder Hörer die Frage stellen, warum überhaupt

[00:00:57]  Freiburg, wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass man sich mit Freiburg zu einer Städte-Partnerschaft

[00:01:03]  durchringt.

[00:01:04]  Wir haben, diesbezüglich heuer [Dialekt für dieses Jahr] ja auch eine Veröffentlichung von unserer eigenen Schriftenreihe, den "Zeitraum Innsbruck" Band

[00:01:12]  17, der was dann ab, auf jeden Fall ab September dann erhältlich sein wird.

[00:01:19]  Und in diesem Band hast du einen Beitrag, der sich genau mit dieser Frage beschäftigt,

[00:01:25]  warum überhaupt Freiburg bzw. Grenoble ist ja dann auch noch dabei bei diesem Beitrag

[00:01:31]  und vielleicht, dass du uns einleitend schon in diese Folge ein bisschen erklärst, wie

[00:01:38]  man, oder wie es dazu kam, dass man mit Freiburg dann in späterer Folge, also in 1963, eine

[00:01:46]  Städtepartnerschaft einging.

[00:01:48]  Joachim: Ja, also zunächst kann man sich natürlich die Frage stellen, warum überhaupt der Städtepartnerschaft

[00:01:55]  da können wir als jetzt spätgeborene zurückblicken auf die unmittelbare

[00:02:04]  Nachkriegszeit, die wahrscheinlich einige der Hörer und Hörerinnen auch noch lebhaft

[00:02:11]  in Erinnerung haben, aber so für die, die es vielleicht nicht so präsent haben, muss

[00:02:15]  man sich vergegenwärtigen, dass zu dieser Zeit, also Anfang der 50er, späte 40er, der

[00:02:23]  zweite Weltkrieg ja unmittelbar zurückliegt mit all den furchtbaren Erfahrungen, diese

[00:02:32]  Wunden, die der Krieg mit sich gebracht hat, also die Zerstörungen, die Vertreibungen,

[00:02:38]  das menschliche Leid, das ist ja unmittelbar spürbar überall und die Frage ist dann,

[00:02:46]  wie tut man weiter, wie bewegt man sich vorwärts?

[00:02:49]  Und da ist wenige Jahre eben nach Kriegsende kommen erste Bestrebungen auf, dass sich

[00:02:57]  zum Beispiel niederländische Städte verpartnen einerseits mit den Befreiern, z.B. aus Großbritannien

[00:03:06]  oder den USA oder Kanada und andererseits dann auch versuchen Verbindungen mit dem früheren

[00:03:12]  Besatzer, dem früheren Feind aufzunehmen.

[00:03:15]  Und das Gleiche ist dann auch der Fall zwischen deutschen und britischen US-amerikanischen

[00:03:22]  und französischen Städten, dass sich da einfach ab 1947 zunächst lose Freundschaften

[00:03:30]  bilden, die dann schrittweise formalisiert werden.

[00:03:34]  Und einer dieser Schritte ist dann, dass 1951 Bürgermeister von deutschen und französischen

[00:03:41]  Städte, den Rat der Gemeinden Europas, also seit 1984 Rat der Gemeinden und Regionen

[00:03:48]  Europas gegründet haben, um eben grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene zu fördern.

[00:03:56]  Der Bürgermeister von Lyon Eduard Hérriot hat einmal gesagt, wenn ich mich mit einem englischen

[00:04:04]  und deutschen Bürgermeister unterhalte, sehe ich, dass wir dieselben Sorgen haben.

[00:04:09]  Das heißt, das war das Ziel, die Grenzen, die ja damals noch ganz andere Bedeutung

[00:04:15]  gehabt haben, als das jetzt der Fall ist, zu überschreiten und da zusammenarbeiten.

[00:04:20]  Tobias: Genau, weil ich mein EU gibt es ja in dem Sinne noch nicht.

[00:04:25]  Die EWG ist ja auch, glaube ich, erst später dann gegründet worden, wenn ich das jetzt nicht

[00:04:30]  ganz falsch im Kopf habe.

[00:04:31]  Aber nehmen wir den Fall Innsbruck, ob es da schon auch in den Fünfzigern sozusagen

[00:04:36]  auf, also, Bestrebungen gegeben hat, weil man gesehen hat, es gibt den Trend von aufkommenden Städte-

[00:04:42]  Freundschaften noch, gibt es da auch schon was in Innsbruck?

[00:04:45]  Joachim: Es ist eine spannende Frage und soweit ich jetzt sehen habe können, ist bis 1961 nichts

[00:04:53]  dokumentiert.

[00:04:54]  Also 1961, im Frühjahr, kommt zunächst die Anfrage von Grenoble und kurz danach die

[00:05:03]  Anfrage von Freiburg zu einer Städtepartnerschaft, die dann im Stadtsenat behandelt wird.

[00:05:09]  Interessant dabei ist ja, dass der Bürgermeister Alois Lugger in diesem Zusammenhang erklärt,

[00:05:16]  ich zitiere ihn: "Alle Monate kommen einige Ansuchen an Innsbruck.

[00:05:20]  Es ist eine beliebte Stadt.

[00:05:23]  Wir haben uns jahrelang zurückhaltend gezeigt".

[00:05:26]  Das heißt, in diesem Aufkommen in den 1950ern der vermehrten Städtepartnerschaft wäre

[00:05:32]  also wohl durchaus die Möglichkeit gewesen für Innsbruck, da auch Partnerschaften zu

[00:05:37]  schließen.

[00:05:38]  Eben aber erst 1961 kommt dann offensichtlich ein Umdenken, dass man dann doch aktiv teilnehmen

[00:05:45]  möchte.

[00:05:46]  Tobias: Joachim, du hast uns ja gesagt, 1961 gibt es von Grenoble zuerst die Anfrage und kurze

[00:05:52]  Zeit später von Freiburg.

[00:05:54]  Wir feiern heuer Jahr, aber nur die 60 Jahre von Freiburg.

[00:05:59]  Und die Unterzeichnung von Freiburg war auch vor Grenoble.

[00:06:02]  Gibt es da Gründe, warum sie das... also warum es da diesen zeitlichen Rückfall, oder wie man sagen soll, von der Unterzeichnung oder von der Partnerschaft mit Grenoble

[00:06:13]  gibt und Freiburg quasi nach vorher war, obwohl Freiburg ein bisschen später [lacht kurz] quasi angefragt hat

[00:06:19]  und Grenoble ja eigentlich früher?

[00:06:22]  Oder ist es schwierig zu fassen?

[00:06:24]  Joachim: Es ist schwierig zum fassen.

[00:06:26]  Letztendlich glaube ich, ist es ein Zufall, dass sich die Dinge so ergeben haben, wie sie sich

[00:06:31]  ergeben haben.

[00:06:32]  Es ist eine sehr parallele Entwicklung zu erkennen und 1962 deuten eigentlich auch die Planungen,

[00:06:43]  die immer zwischen beiden Städten separat ablaufen, was auch ein bisschen interessant

[00:06:48]  ist, weil Freiburg zu diesem Zeitpunkt schon universitäre Verbindungen mit Grenoble hat.

[00:06:54]  Das wäre jetzt aus der Rückschau irgendwie sehr naheliegend gewesen.

[00:07:00]  Da könnte man doch gleich eine Dreifeier machen, was ja 1963 im Juli in Innsbruck auch

[00:07:09]  passiert.

[00:07:10]  Die Partnerschaftsfeier in Innsbruck ist eine Feier zu der Freiburg und Grenoble eingeladen

[00:07:17]  werden, wobei sich aber nur Innsbruck mit beiden Städten verpartnert.

[00:07:22]  Und was den zeitlichen Ablauf betrifft, die Partnerschaftsfeier in Freiburg mit Innsbruck

[00:07:30]  findet schon im Mai statt.

[00:07:32]  Wo also eine Innsbrucke Delegation nach Freiburg fährt und die Partnerschaftsfeier in Grenoble wäre

[00:07:39]  für den Herbst geplant gewesen.

[00:07:42]  Das heißt, es war schon gedacht, alles 1963 abzuschließen.

[00:07:46]  Letztendlich ist die Feier in Grenoble dann auf 1964 verschoben worden, weshalb man also

[00:07:54]  die Partnerschaft mit Grenoble sowohl 1963 als 1964 als Datum feiern könnte.

[00:08:01]  In unserem Fall feiern wir also jetzt 2023 das 60-Jahr-Jubiläum mit Freiburg und dürfen

[00:08:10]  uns wahrscheinlich dann freuen, in einem Jahr die Partnerschaft mit Grenoble zu feiern.

[00:08:17]  Tobias: Sprechen wir aber vielleicht nur jetzt wirklich über den Ablauf.

[00:08:20]  Wie, also die Zeit zwischen den ersten Kontaktaufnahmen, die ja beide von den Partnersstädten kommen,

[00:08:28]  nicht von Innsbruck, bis es dann eben zu diesen Planungen und zu diesen Festakten 1963

[00:08:35]  kommt.

[00:08:36]  Joachim: Genau, also die Reaktion im Stadtsenat war auf beide Anfragen sehr positiv.

[00:08:42]  Man hat von Beginn an die Gemeinsamkeiten erkannt und positiv aufgenommen.

[00:08:49]  Das war in beiden Fällen, dass es Universitätsstädte waren, also das war sehr wichtig.

[00:08:53]  Im Fall von Grenoble war dann die Gemeinsamkeit, dass sie quasi auch eine Hauptstadt der Alpen

[00:09:01]  ist, wie eben Innsbruck auch, und dass sie sich gerade auf eine Bewerbung für die Olympischen

[00:09:06]  Spiele vorbereitet hat, die zu diesem Zeitpunkt Innsbruck ja schon für 1964 bekommen hat.

[00:09:13]  Das heißt Innsbruck war da auch in der Vorbereitungsphase auf die Spiele, was, glaube ich, eines der Punkte

[00:09:21]  war, warum Grenoble interessiert an dieser Partnerschaft war.

[00:09:25]  Und vielleicht interessierter war daran als Innsbruck.

[00:09:28]  Und was Freiburg betrifft, da können wir sicher noch detaillierter dann darüber sprechen,

[00:09:34]  war vor allem also einerseits die gemeinsame Sprache und auch eine gemeinsame Geschichte.

[00:09:39]  Also das ist so das Beginn, merkt man schon sehr stark, dass sich Innsbruck grundsätzlich

[00:09:47]  recht positiv dazu äußert, dass man das verfolgen will.

[00:09:50]  Eine Toppriorität dürfte dann letztendlich eben nicht gewesen sein, wie man an dem langen

[00:09:57]  Verlauf bis zum Abschluss hin erkennt.

[00:09:59]  Und dieser Ablauf weist einige Parallelen auf, aber auch ein bisschen Unterschiede.

[00:10:09]  Inkürze ist es so, dass mit Grenoble sehr rasch, nämlich schon im Juli 1971, sich der

[00:10:18]  erste persönliche Kontakt stattfindet.

[00:10:20]  Der Universitätschor ist in Innsbruck und gibt einige Vorführungen.

[00:10:24]  Und damals wird auch schon in der Presse verlautbart, dass das erste Zeichen für diese entstehende

[00:10:32]  Städtepartnerschaft ist.

[00:10:33]  Also es wird da schon bekannt gemacht.

[00:10:36]  Und dann passiert sehr lange nichts.

[00:10:40]  Also oft, ein halbes Jahr, so schaut es aus den Quellen aus, keine Kommunikation.

[00:10:46]  Und es wird dann aus Grenoble nachgefragt, wie geht es jetzt weiter und dann schleppt

[00:10:52]  sich sozusagen die Kommunikation bis Ende 1962 so dahin.

[00:10:59]  Mit Freiburg ist es so, dass es zu Beginn 1961 noch weniger passiert, aber dafür findet

[00:11:07]  im Sommer 1962 ein Treffen statt, wo also Vertreter des Magistrats in Freiburg nach

[00:11:15]  in Innsbruck kommen, um halt quasi eine Arbeitssitzung und definiert früher, wie soll denn diese

[00:11:21]  Partnerschaft ausschauen.

[00:11:23]  Aber auch da ist es so, dass zwischen den Kommunikationsstücken immer wieder lange Pausen

[00:11:31]  stattfinden.

[00:11:32]  Manchmal ist es die Sommerpause, dann kommt dazu, das betrifft beide Städte, dass im

[00:11:39]  Herbst 1962 Gemeinderatswahlen und Nationalratswahlen stattfinden.

[00:11:45]  Tobias: Weil du die Kommunikation angesprochen hast, gab es da bestimmte Personen, die die Kommunikation

[00:11:51]  oder die Kommunikation forciert haben, läuft es über irgendwelche offiziellen Kanäle.

[00:11:58]  Oder wie kann man sich das vorstellen, dass überhaupt diese Kommunikation stattgefunden

[00:12:02]  hat.

[00:12:03]  Joachim: Ja, also vielleicht auch noch erklärend,

[00:12:06]  ich habe vor allem mit Kommunikation gearbeitet.

[00:12:10]  Wir haben im Stadtarchiv aus den Beständen des Kulturamts fünf Kartons, die sich speziell

[00:12:16]  mit den Städtepartnerschaft in den 1960er Jahren beschäftigen und das betrifft vor allem

[00:12:22]  die Kommunikation, also den Briefverkehr, z.B.

[00:12:26]  Innsbruck, Freiburg.

[00:12:28]  Das heißt, vieles, das wohl im Hintergrund stattgefunden hat, ist in diesen Kartons nicht

[00:12:34]  enthalten.

[00:12:35]  Das könnte man vielleicht dann in zehn Jahren einen tieferen Schnitt noch einmal setzen, ob

[00:12:42]  man an anderen Orten noch Quellen findet, auch wie sich die Geschichte anhand der Freiburger

[00:12:47]  Archivquellen vielleicht darstellt.

[00:12:49]  Und in diesem Schriftverkehr ist also eine der maßgeblichsten Personen, was jetzt sage,

[00:12:56]  das Geschäft betrifft, der amtsführende Stadtrat Arthur Heidel, der sehr viel Kommunikation

[00:13:02]  durchführt und sonst auch vor allem der Bürgermeister Alois Lugger.

[00:13:07]  Tobias: Man könnte also sagen, es ist mehr personenbasierte Kommunikation als wie jetzt über Dienststellen

[00:13:14]  oder ist das zu salopp ausgedrückt?

[00:13:17]  Joachim: Von der Zuständigkeit her würde ich dir da dazustimmen und im Fall von Grenoble ist es auch so, dass

[00:13:24]  offensichtlich der Alois Lugger und der [unverständlich] aus Grenoble, die Hauptproponenten auch

[00:13:32]  waren bei Treffen des Rats der Gemeinden Europas getroffen haben.

[00:13:36]  Also da ist auch im Briefverkehr einmal die Formulierung von "unserer Freund".

[00:13:41]  Also da dürften auch die persönlichen Beziehungen eine Rolle gespielt haben.

[00:13:46]  Aber ja, in der Anbahnung geht es zunächst vor allem auf der politischen Ebene in die

[00:13:52]  Anbahnung.

[00:13:53]  Tobias: Gehen wir einen Schritt weiter.

[00:13:54]  Wir gehen schnurstraxt auf das Jahr 1963 zu.

[00:13:59]  Wir kommen sozusagen in die [lachend] heiße Phase der bevorstehenden Städte-Partnerschaft.

[00:14:04]  Du hast vorher ja erzählt, es ist lange Brach gelegen oder die Kommunikation liegt lange

[00:14:09]  Brach und dann geht es ja dann auf einmal schnell.

[00:14:11]  Also relativ.

[00:14:12]  Gibt es da, hast du da aus den Quellen oder irgendwo herauslesen können, warum auf einmal

[00:14:20]  da Tempo in die ganze Sache kommt?

[00:14:22] Joachim: Ja ein Grund war sicher, dass im Jänner 1963 der Stadtrat in Freiburg offiziell beschließt,

[00:14:33]  die Städtepartnerschaft durchzuführen, etwas, was ja in Innsbruck auch schon

[00:14:39]  länger in Aussicht gestellt hat. Das heißt, damit war einmal in Freiburg ein Beschluss vorhanden.

[00:14:48]  Und zu dieser Zeit ist auch erkennbar, dass man jetzt dann ein Treffen, das auch immer wieder

[00:14:56]  hinausgeschoben wurde, anvisiert für den Februar und passenderweise hat auch Grenoble angefragt,

[00:15:03]  bezüglich ein Treffen und den Februar ins Spiel gebracht. Das heißt, es findet dann Mitte

[00:15:08]  Februar eine Fahrt vom Arthur Heidel und vom Vizebürgermeister Ferdinand Obenfeldner

[00:15:15]  statt, zunächst nach Freiburg und dann weiter nach Grenoble, wo dann die Details besprochen werden.

[00:15:23]  Interessanterweise findet der Beschluss des Gemeinderats in Innsbruck erst einen Monat später

[00:15:30]  statt. Das heißt, der Gemeinderat in Innsbruck hat die Städtepartnerschaft dann beschlossen.

[00:15:35]  Also eigentlich alles schon irgendwie beschlossen war. Tobias: So halb unter Dach und Fach war. Joachim: Genau. Die Frage ist,

[00:15:42]  ob man dann irgendwie noch zurück hätte können und dementsprechend ist auch das Protokoll dazu

[00:15:48]  eher knapp. Tobias: Du hast gesagt, die Reise ist zuerst nach Freiburg und dann nach Grenoble gegangen.

[00:15:55]  Haben die beiden zukünftigen Städtepartner von einer, also haben die von ihrem Glück gewusst,

[00:16:01]  dass Innsbruck mit beiden relativ zeitgleich eine Partnerschaft eingeht? Joachim: Das müsste wohl zur

[00:16:09]  Sprache gekommen sein. Aus dem Schriftverkehr geht es nicht hervor. Also es wird in den Schreiben

[00:16:16]  dann nicht formuliert. Wir kommen zu euch und wir fahren dann weiter nach Grenoble. Also im

[00:16:22]  Schriftverkehr ist es strickt getrennt und kommt eigentlich nicht zur Sprache. Das ist wie gesagt

[00:16:27]  aufgrund der schon existierenden Beziehungen Freiburg und Grenoble ist sehr überraschend.

[00:16:33]  Tobias: Jetzt hat das Treffen stattgefunden in Freiburg und Grenoble. Der Gemeinderat hat sein OK gegeben

[00:16:41]  für die Unterzeichnung der, oder für die Partnerschaften mit beiden Städten. Aber es braucht natürlich

[00:16:48]  dazu auch einen formalen Festakt, weil ohne das ist es ja sehr für nicht gültig und vor allem,

[00:16:54]  es ist ja auch darum gegangen auch die Öffentlichkeit mit einzubeziehen. Also es ist ja nicht unwichtig

[00:16:59]  gewesen auch das öffentlich zu feiern, diese Partnerschaften. Kannst du uns vielleicht noch

[00:17:05]  ein bisschen was und wir bleiben jetzt bei den Feierlichkeiten in Innsbruck zu dem Festakt

[00:17:11]  sagen, was passiert ist, was gemacht worden ist? Joachim: Genau grundsätzlich gibt es also immer zwei Festakte

[00:17:20]  an jedem Ort einen. Es ist dann eben so, man hat sich auf einen gemeinsamen Text für die

[00:17:27]  Partnerschafts-Urkunde geeinigt. Der Ort, an dem die Feier stattfindet, der übernimmt dann die

[00:17:36]  Ausführung. Es gibt dann auch ein Exemplar dieser Urkunde und das wird dem Gast mitgegeben. Das

[00:17:43]  heißt, wir hier in Innsbruck haben die Urkunde, die Freiburg im Mai 1963 angefertigt hat und uns

[00:17:51]  mitgegeben hat und Freiburg hat die Urkunde, die wir im Juli 1963 angefertigt haben und ihnen mitgegeben

[00:17:59]  haben. Genau, bezüglich dem Ablauf ist es dann so, dass jeweils eine Abordnung von in etwa 70

[00:18:08]  Personen oder sagen wir so 70 Funktionären plus möglicherweise Partnerinnen in die jeweils andere

[00:18:16]  Stadt fährt. Das so zu gendern entspricht eigentlich auch den Tatsachen, weil die Funktionäre waren

[00:18:23]  mit ganz, ganz, ganz wenigen Ausnahmen die Männer und haben dann ihre Ehefrauen möglicherweise

[00:18:29]  mitgenommen. Also das ist schon sehr auffallend, wie stark männlich dominiert da die Funktionen in der

[00:18:37]  Zeit sind. Wie du schon gesagt hast, war das Ziel auch immer die Bevölkerung einzubinden. Das heißt,

[00:18:44]  es ist auch explizit darauf verwiesen worden, dass man nicht den gesamten Gemeinderat mitnehmen

[00:18:50]  kann, sondern auch Platz für eben Vereine und Vereinigungen frei halten sollte. Was auch gemacht

[00:18:58]  worden ist, da muss man dazusagen, also von diesen 60 Personen sind in etwa zwei Drittel

[00:19:03]  entweder Gemeinderat, Stadtrat, Stadtverwaltung und die restlichen 18 Personen so in etwa sind dann

[00:19:14]  Pressevertreter, Universität, Geistliche und jetzt so kann man zum Beispiel, das heißt,

[00:19:23]  nicht jetzt Sportvereine oder Musikvereine in dem Sinn, sondern schon sehr institutionalisiert.

[00:19:32]  Wobei man dazu sagen muss, um wieder auf den Ferdinand Obenfeldner zu sprechen zu kommen,

[00:19:38]  der war auch Vorstand beim IRC [Abk. Innsbruck Rotary Club] und als solcher hat er schon innerhalb der Besprechungen für

[00:19:46]  die Städtepartnerschaft ins Gespräch gebracht, ob man mal ein Freundschaftsfußballspiel

[00:19:52]  organisieren kann. Das heißt, es ist nicht ganz nachvollziehbar, welche anderen Funktionen die

[00:19:58]  städtischen Vertreter noch gehabt haben und wo man auf dem Bereich der Musik oder sonst

[00:20:04]  die kulturell auch gleich Verbindungen knüpfen konnte. Da müsste man, glaube ich, sehr in die

[00:20:10]  Tiefe gehen, die einzelnen Personen sich anschauen, die Funktionen versuchen herauszufinden, um

[00:20:15]  das fassen zu können. Tobias: Das heißt, da gäbe es noch Potenzial für weitere Forschungswege?

[00:20:23]  Joachim: Es gibt sehr viel Potenzial. Dieser Beitrag, den ich verfasst habe, handelt jetzt speziell die Anbahnung

[00:20:34]  und den Abschluss der Städtepartnerschaft. Einige andere Beiträge befassen sich mit Spezialthemen,

[00:20:41]  wie den Bürgermeistergeschenken, wie den Benennungen von Orten, einzelne Personen, die Universität,

[00:20:49]  aber gerade jenes, wie die Städtepartnerschaft gelebt worden ist. Auch dazu haben wir einen

[00:20:58]  Beitrag, der sich mit dem Rettungswesen beschäftigt, aber wie es im Sport aussieht, wie es in der

[00:21:05]  Musik aussieht, da wären noch viele, glaube ich, Themen, wo man sich insbesondere die 1960er Jahre gut

[00:21:13]  anschauen könnte, weil da die Quellen relativ gesammelt in diesen Sonderbeständen aufliegen.

[00:21:21]  Tobias: Machen wir noch mal einen Schritt zu der Unterzeichnung der Urkunde zurück. Hat es da ein

[00:21:30]  größeres Rahmenprogramm gegeben, wie lange hat sich das erschreckt? Waren das mehrere Tage?

[00:21:37]  Waren das vielleicht sogar Festwochen? Wie hat man das ausgesehen?

[00:21:41]  Joachim: Im Fall von Innsbruck sind es zwei Tage, der 6. und der 7. Juli. Und sowohl bei den offiziellen

[00:21:51]  Akten als auch bei den Besuchen ist es immer ein reichhaltiges Programm. Es gibt die Arbeitssitzungen

[00:22:00]  und die Festakte, also in Innsbruck auch eine Sondergemeinderats-Festsitzung. Und daneben

[00:22:09]  spielt das Rahmenprogramm natürlich eine wichtige Rolle, weil die Zeitpunkte oder die Aktivitäten

[00:22:16]  sind, wo man die andere Stadt kennenlernt und dann auch persönliche Beziehungen zu knüpfen.

[00:22:24]  Wenn man sich das Programm in Innsbruck ansieht, dann haben wir einerseits schon jetzt klassisches

[00:22:29]  touristisches Programm, wir haben aber auch einen Besuch im Wasserwerk Mühlau, einen Besuch

[00:22:37]  auf der noch in Bau befindlichen Europa Brücke, den Besuch der Olympia Sportstätten, also

[00:22:44]  Themen, die jetzt gerade für städtische Vertreter von Interesse sind, weil es halt Themen sind

[00:22:50]  wie Energie, wie Sport, wie Verkehr, wo man vielleicht auch Impulse mitnehmen kann in

[00:22:56]  die eigene Stadt.

[00:22:57]  Tobias: Nachdem wir ja heuer insbesondere Freiburg feiern, vielen ist ja wahrscheinlich die

[00:23:03]  Verbindung von Innsbruck und Freiburg nicht ganz so bekannt, denn es gibt ja, und das

[00:23:10]  erwähnst du in deinem Beitrag auch, doch viele Parallelen oder eine schon länger vorhandene

[00:23:17]  Verbindung der beiden Städte.

[00:23:18]  Vielleicht, dass wir uns da nochmal kurz einhaken und da nochmal gezielt ein bisschen auf

[00:23:23]  diese historische Verbindung eingehen.

[00:23:25]  Joachim: Genau. Beide Städte sind in etwa gleich alt und sind kurz nacheinander zum Habsburger

[00:23:33]  Reich gekommen.

[00:23:34]  Tirol bekanntlich 1363, das Breisgau 1368 und Freiburg war zunächst der Hauptort

[00:23:44]  bzw. dann auch die offizielle Hauptstadt aus der habsburgischen Besitzungen namens Vorderösterreich, die auch

[00:23:52]  ein Zeit lang von Innsbruck aus administriert worden sind.

[00:23:57]  Es hat dann auch persönliche Verbindungen in dieser Zeit geben, eh, zu dieser Zeit, also es

[00:24:01]  sind 450 Jahre, ab dem 14.

[00:24:04]  Jahrhundert bis 1806, wo also ja bekanntermaßen Tirol zu Bayern gekommen ist und das Breisgau

[00:24:12]  zu Baden.

[00:24:13]  Die Tirol-Bayrische Episode war kürzer, die Breisgauer war dann von mehr Bestand,

[00:24:19]  das heißt damit endet diese Verbindung, die aber im Stadtbild von Freiburg sehr sichtbar

[00:24:28]  ist.

[00:24:29]  Das war ein Thema, das dann in dieser Begründung für die Städtepartnerschaft auch immer

[00:24:35]  wieder angeführt worden ist, also wo man überall das Erbe der habsburgischen Zeit

[00:24:41]  sieht.

[00:24:42]  Also sehr nett ist zum Beispiel in Anbahnung der Städtepartnerschaft, wird aus Freiburg

[00:24:48]  ein Adressbuch an Innsbruck geschickt mit dem Ziel, dass man sich Vereine oder mögliche

[00:24:55]  Partner da schon ansehen kann.

[00:24:57]  Es wird aber dann auch darauf verwiesen, dass es eine ganze Reihe von Straßennamen gibt,

[00:25:04]  die Verbindung Widerspiegeln, wachhalten unter anderem eben eine Maria Theresienstraße,

[00:25:10]  eine Kaiser-Josef-Straße, eine Andreas-Hofer-Straße, eine Maximilian-Straße und das Fazit der Freiburger

[00:25:16]  war dann, Sie sehen lieber Herr Kollege, dass Sie sich bei Ihrem hoffentlich nicht mehr

[00:25:21]  allzu fernen Besuch in Freiburg wie zu Hause fühlen können.

[00:25:25]  Also diese historische Verbindung war ein wichtiges Argument für die Partnerschaft mit Freiburg.

[00:25:32]  Diese Verbindung Innsbruck-Freiburg hat sich auch in historischer Zeit auf universitärer

[00:25:39]  Ebene abgespielt.

[00:25:40]  Vor der Gründung der Universität Innsbruck 1669 war Freiburg also einer der wichtigsten

[00:25:48]  Universitätsorte für Tiroler Studierende.

[00:25:51]  Tobias: In deinem Beitrag sprichst du ja auch noch von einer ganz speziellen oder einer gezielten

[00:25:57]  personellen Verbindung.

[00:25:58] Wer ist denn diese historische Person, die vielleicht auch in Innsbruck nicht mehr so

[00:26:02]  bekannt ist und wie steht da die Verbindung zwischen Innsbruck und Freiburg mit dieser

[00:26:07]  Person?

[00:26:08]  Joachim: Im Grunde sind es mehrere Personen.

[00:26:11]  Es ist ganz klar, wenn es Studierenden-Austausch gibt, wenn es Handels-Austausch gibt, wenn es

[00:26:16]  Administrativen Austausch zwischen Tirol und der Breisgau gibt, dann beinhaltet der immer

[00:26:23]  auch Personen. Genannt werden, meistens drei Personen, nämlich dass im 18.

[00:26:27]  Jahrhundert einmal ein Innsbrucker Bürgermeister in Freiburg war.

[00:26:32]  Umgekehrt, dass während der Zeit Andreas Hofer's Kasimir Schumacher, ein Freiburger Bürgermeister,

[00:26:39]  in Innsbruck war.

[00:26:40]  Dazu findet sich dann auch ein Beitrag in unserem Band speziell.

[00:26:44]  Und die dritte Person, die sehr prominent hervorsticht ist Georg Hauger, der 1809 im Freiburger

[00:26:54]  Jungmännerchor mitgekämpft hat und der maßgeblich daran beteiligt war, dass die Gebeine von Andreas

[00:27:02]  Hofer aus Mantua nach Innsbruck gekommen sind.

[00:27:05]  Und letztendlich sind dann auch die sterblichen Überreste von Hauger 1935 nach Innsbruck überführt

[00:27:14]  worden und er liegt jetzt in der Hofkirche in der Nähe von Andreas Hofer begraben.

[00:27:19]  Tobias: Dann stelle jetzt noch eine letzte Frage, was war denn überhaupt das Ziel dieser Städtepartnerschaft?

[00:27:26]  Was hat man denn damit eigentlich verfolgt?

[00:27:28]  Joachim: Das Ziel war, den grenzüberschreiteten Austausch zu fördern.

[00:27:33]  In manchen Fällen, so wie bei den Feiern, ist es auch mit finanziellen Mitteln einhergegangen.

[00:27:41]  Üblicherweise war es da so, dass der Gast die Reise zahlt und der Gastgeber die Unterkunft

[00:27:51]  und das Programm.

[00:27:52]  Es war aber explizit dann eigentlich vorgesehen in Zukunft, dass also es nicht das Ziel ist,

[00:28:00]  größere Mittel in diese Partnerschaft zu investieren, sondern es geht vor allem darum,

[00:28:05]  Kontakte herzustellen, dass also verschiedene Vereine sich selbst etwas organisieren und

[00:28:11]  man wird natürlich dann einen Empfang organisieren oder ein Programm organisieren, aber im

[00:28:16]  großen und Ganzen geht es darum, dass sich also die Bürgermöglichkeiten finden, grenzüberschreitend

[00:28:22]  zu vernetzen, sich gegenseitig zu besuchen.

[00:28:26]  Und es gibt auch Beispiele, wo das also sehr gut, sehr langwierig funktioniert hat.

[00:28:31]  Nicht unbedingt, weil jetzt die Partnerschaft unbedingt gelebt werden musste, sondern weil

[00:28:38]  es auf der Hand lag, dass man zum Beispiel zum Skifahren in die Region liegt und das

[00:28:43]  passt dann gut in die Partnerschaft hinein.

[00:28:45]  Tobias: Dann sage ich danke, Joachim, für deine Zeit, für das Verfassen des Beitrages, stellvertretend

[00:28:51]  für die ganzen Leserinnen und Leser.

[00:28:53]  [Outro-Musik] Und wer übrigens Interesse an unseren Band hat, der ist dann natürlich bei uns über

[00:28:59]  den Webshop des Stadtarchivs zu finden.

[00:29:01]  [Musik]

S'Vorwort

Stadtbibliothek meets Pop.Kultur.Literatur – im Podcast der Stadtbibliothek reden die Bibliothekarinnen Pia und Christina und die Young-Hosts Michelle und Jacqueline miteinander und mit ihren Gästen über literarische Popkultur, wobei natürlich Bücher und Lesen im Mittelpunkt stehen. Zwischendurch gibt es nach dem Motto „Kurz und Schmerzlos“ Interviews mit AutorInnen, die in der Stadtbibliothek zu Gast sind.

Teilen Sie uns gerne Ihre Meinung oder Themenwünsche zum Podcast  „S’Vorwort" mit unter: post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at.

Die Folgen beinhalten eine Übersetzung in Textform (Transkript). Diese Übersetzung erfolgt durch Übertragung von Dialekt auf Hochdeutsch.

Teatime: Winter Wonder Special

Teatime: Winter Wonder Special

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

Modularisierte Stimme: Vorsicht! Der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.

[Intro-Musik] [Soundbite: weihnachtliches Schlittengeräusch]

Jaci: #00:00:26‑3# Michelle, ab wann fängst du so an, Weihnachtslieder hören? Wann fängt es bei dir an?

 

Shelly: #00:00:36‑2# Juli. [beide lachen] 24. Juli. Dann ist es nur mehr ein Monat hin.

 

Jaci: #00:00:39‑0# Ein Monat?

 

Shelly: #00:00:40‑1# Ein Monat? Ein halbes Jahr wollt ich sagen. [lacht]

 

Jaci: #00:00:42‑9# Deswegen befassen wir uns mit Büchern, nicht mit Mathematik. Hallo, aber ich finde es immer sehr witzig bei der Michelle, weil wirklich dann je näher Weihnachten kommt, desto ich möchte nicht sagen fanatisch, aber euphorischer wird sie mit Weihnachten …

 

Shelly: #00:00:57‑5# Du kannst es ruhig als Fanatismus bezeichnen. Ist total in Ordnung.

 

Jaci: #00:01:00‑7# Es ist noch gesunder Fanatismus. Wenn es das gibt, und ich meine, wir haben schon bei der. Ich darf an die Klassikerfolge erinnern, die wir gemacht haben. Wo du im September schon gesagt hast: Happy crisis.

 

Shelly: #00:01:15‑0# Merry crisis.

 

Jaci: #00:01:16‑7# Merry crisis. Und das ist auch das Motto dieser dieser Folge. Nein, Spaß. Genau. Und passend zu unserer Weihnachtsfolge haben wir uns auch einen Tee gemacht. Natürlich für die kalte Jahreszeit. Shelly, was gibt es denn bei dir?

 

Shelly: #00:01:30‑1# Ich habe einen Pfefferminztee, weil in Zuckerstangen ist auch Pfefferminz drin. [lacht]

 

Jaci: #00:01:36‑0# Ich finde das persönlich sehr weit hergeholt, aber okay.

 

Shelly: #00:01:38‑8# Ich hab nichts anderes da.

 

Jaci: #00:01:40‑4# Bei mir gibt es Kaminzauber.

 

Shelly: #00:01:42‑7# Kaminzauber, mh. Der mit Rum? [beide lachen]

 

Jaci: #00:01:47‑0# Shelly. Ich bin in der Arbeit. Natürlich ohne.

[Soundbite: Tee einschenken, Tasse klirrt, genüsslich trinken]

Shelly: #00:01:56‑0# Kling Glöckchen, Klingelingeling und herzlich willkommen zum Vorwort. [beide lachen] Dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck. Heute sind wir weihnachtlich unterwegs. Denn wenn ihr die Folge hört, sind es nur noch ein paar Tage bis Weihnachten und dementsprechend haben wir uns heute auch ein weihnachtliches Thema überlegt. Gerade fährt der Zug vorbei. Ich hoffe, den hört man nicht.

 

Jaci: #00:02:19‑6# Wir haben heute Locationwechsel machen müssen. Passend zur hektischen Jahreszeiten ist bei uns heute auch alles sehr hektisch und wir nehmen nicht an unserem gewohnten Ort auf.

 

Shelly: #00:02:30‑6# So, jetzt wo der Polarexpress auch vorbeigezogen ist, können wir weitermachen. Und zwar wird uns die Jacqueline jetzt erklären - Entschuldigung, die Jaci jetzt erklären …

 

Jaci: #00:02:40‑3# Ich war gerade so, Mama? [beide lachen]

 

Shelly: #00:02:43‑1# Worum es heute in der weihnachtlichen Podcastfolge geht.

 

Jaci: #00:02:46‑7# Genau. Und zwar haben wir uns gedacht, an Weihnachten kommen mehrere gute Dinge zusammen, aber doch zwei der schönsten Dinge im Jahr. Und zwar Weihnachtsmusik, also Weihnachtslieder und Bücher. Ähm, weil man zu Weihnachten. Also ich persönlich und ich glaube die Shelly auch als Bibliotheksmitarbeiter und lesende Personen bekommt man immer Bücher geschenkt. Das finde ich immer sehr schön. Ähm, und dann haben wir uns gedacht, wie kann man diese zwei Dinge verbinden? Und wir haben uns gedacht, wir machen ein Christmas-Song-Raten und das haben wir uns gedacht machen wir so, dass jeder von uns eine Zeile oder eine Stelle aus einem Weihnachtslied zitiert. Es werden englische Weihnachtslieder hauptsächlich sein bei mir. Ich weiß nicht, wie es bei der Shelly ist. [Shelly: Ja, bei mir auch.] Wir wissen die Lieder von den anderen nicht. Wir lesen eben diese Stelle vor und empfehlen ein Buch, das eben uns entweder an dieses Lied erinnert, das mit dem Lied zu tun hat oder irgendwie einfach zum Vibe von diesem Buch, zu diesem Lied passt. Das müssen jetzt nicht, oder es sind glaube ich, keine Weihnachtsbücher wirklich, weil da kenne ich nicht so viele. Genau. Und aus diesen zwei Hinweisen, also aus dem Zitat, aus dem Lied und der Buchempfehlung müssen wir erraten, um welches Weihnachtslied es sich handelt.

 

Shelly: #00:04:08‑3# Ganz genau. Bei mir sind es tatsächlich nur Weihnachtsbücher.

 

Jaci: #00:04:12‑1# Echt, oder? Okay, bei mir kein einziges. [Shelly: Echt nicht?] Ich kenne keine Weihnachtsbücher außer „Christmas Carol“.

 

Shelly: #00:04:18‑8# Na, dann bin ich gespannt, was du mir erzählst. Wer mag denn anfangen?

 

Jaci: #00:04:22‑3# Fang du an!

 

Shelly: #00:04:23‑2# Okay, also mein erstes ist, glaube ich relativ einfach. Ich werde bei meiner Songtext-Stelle ein Wort immer auslassen, weil das würde es verraten.

 

Jaci: #00:04:34‑1# Okay.

 

Shelly: #00:04:34‑9# Und ich lese das jetzt mal nicht rhythmisch vor, weil ich glaube, sonst erkennst du es auch.

 

Jaci: #00:04:40‑0# Das habe ich auch schon geübt, dass ich es nicht rhythmisch vorlese, weil ich dann weiß man es gleich und ich finde, das soll dann so der Joker sein, wenn man nicht drauf kommt, dass man es dann rhythmisch vorliest, dass man dann draufkommt. Okay.

 

Shelly: #00:04:49‑6# Okay. Also ich lese es jetzt auf Englisch vor: „You are a mean one. You really are a heel. You‘re as cuddly as a cactus. You are as charming as an eel. You are a bad banana with a greasy black peel. You are a monster, your heart is an empty hole. Your brain is full of spiders, you've got garlic in your soul.“

 

Jaci: #00:05:15‑7# Oh mein Gott. Okay.

 

Shelly: #00:05:17‑3# Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Lied nicht kennst, aber -

 

Jaci: #00:05:22‑4# [schnalzt mit der Zunge] Ah, rude! Was ist die Buchempfehlung?

 

Shelly: #00:05:24‑8# „Küsse für den Weihnachts-Grinch.“ [beide lachen] Es ist eine Neuerscheinung von Bärbel Muschiol. Die ist jetzt am 4. Dezember erst rausgekommen. Habe ich gesehen. Genau. Und du hast es zwar nicht erraten, aber ich spiele auf den Grinch an! Ich habe da eine Zeile aus dem Original von Dr. Seuss von 1957.

 

Jaci: #00:05:50‑5# Da gibt es ein Lied?

 

Shelly: #00:05:51‑7# Da gibt es ein Lied. Ja, es ist. Ja, es ist. Ja, ich glaube, sogar, im Grinch Movie kommt es vor.

 

Jaci: #00:05:59‑4# Okay.

 

Shelly: #00:06:00‑2# Und willst du die Zeile auf Englisch oder auf Deutsch hören? Ich hätte beides rausgesucht.

 

Jaci: #00:06:06‑2# Nein, auf Englisch.

 

Shelly: #00:06:06‑9# Auf Englisch. Okay, also das fasst eigentlich ziemlich zusammen, worin es dann in meiner Buchempfehlung geht. Der Grinch beginnt nämlich so: „The Grinch hated Christmas, the Christmas season. Now, please don't ask why. No one quite knows the reason. It could be his head wasn't screwed on just right. It could be perhaps that his shoes where too tight. But think that the most likely reason of all may have been that his heart was two sizes too small.“ [Jaci: Ohhh.] Ja. Also wir alle kennen ja den Grinch und seine Charakterisierung. Und das hat sich die gute Bärbel Muschiol zum Vorbild genommen. Und in „Küsse Für den Weihnachts-Grinch“ geht es um Folgendes: Es geht um die Lena. Die lebt in Hollyridge. Das ist eine kleine, verschneite Stadt. Und diese kleine Stadt feiert Weihnachten größer als alles andere im Jahr. Also Weihnachten ist der Mittelpunkt des Jahres. Das Highlight. Sie liebt Weihnachten. Allerdings kommt es kurz vor Weihnachten in ihrer Wohnung zu einem Rohrbruch und sie muss über die Feiertage spontan umziehen. Und ausgerechnet Jonah Hale, der wortkarge Holzarbeiter, [Jaci prustet] der am Rande des Winterwaldes wohnt, nimmt sie bei sich auf. Er hasst alles, was mit Weihnachten zu tun hat. Und deshalb ist sein Spitzname in dieser Kleinstadt auch der Weihnachts-Grinch.

 

Jaci: #00:07:37‑8# Lass mich raten. Sie küsst dann ihn. [beide lachen]

 

Shelly: #00:07:41‑6# Eben. Da haben wir wieder den Trope „forced proximity“ und „enemies to lovers“. Weil sie sich sehr konträr sind. Es gibt hitzige Wortgefechte, und sie streiten eigentlich am Anfang nur. Nur allmählich lernen sie sich dann auch besser kennen und es entsteht gegenseitiges Verständnis. Und dann kommt es zu einem Kuss, der alles verändert. [Jaci: Awww.] Jonahs Mauern reißen ein. Er hat in der Vergangenheit einiges durchlebt und seine Vergangenheit holt ihn im Zuge der Geschichte auch wieder ein, denn die Exverlobte steht plötzlich wieder vor der Tür. Und das bringt natürlich wahnsinnige Komplikationen mit sich, die die Lena und Jonah überwinden müssen.

 

Jaci: #00:08:24‑7# Mein Gott, was da alles passiert. [Shelly: So unvorhersehbar.] [beide lachen] Klingt gar nicht einfach, als hätte man den Plot von einem Hallmark Movie niedergeschrieben.

 

Shelly: #00:08:35‑5# Bald wird es verfilmt.

 

Jaci: #00:08:38‑4# Sehr gut. Danke. Ich habe das Lied nicht gekannt. Ich werde es mir dann im Anschluss oder ich habe es nicht bewusst wahrgenommen als eigenständiges Weihnachtslied. Also ich habe den Film schon öfters gesehen. Wahrscheinlich kenne ich es dann schon, aber ich werde es mir danach nochmal anhören. Okay, ich hab die Sache ein bissi anders. Also meine Liedzeile ist … also wirklich nur eine Zeile.

 

Shelly: #00:09:00‑9# Oha, okay. [Jaci lacht]

 

Jaci: #00:09:03‑0# ich habt die Shelly schon im Vorhinein vorgewarnt, dass es schwierig ist, meine Lieder zu erraten. [lacht] [Shelly: Toll.] Aber das ist jetzt wirklich leicht. Die Textzeile ist: „Over the hills we go, laughing all the way.“

 

Shelly: #00:09:21‑5# Ja.

 

Jaci: #00:09:22‑7# Und meine Buchempfehlung? – Shelly: Jingle Bells. - Ja, genau, ja! [lacht]

 

Shelly: #00:09:24‑8# Ja.

 

Jaci: #00:09:26‑1# Das ist das Leichteste, hab ich mir eben gedacht, wenn ich da mehr nehm, es ist einfach 90 % dieses Liedes: [singt] „Jingle Bells, Jingle Bells.“ Deswegen hab ich mir nur eine Zeile rausgepickt. Was eben bei allen anderen auch. Das ich wirklich nur eine Zeile mir rausgepickt hab wo der Titel nicht vorkommt. Also sei gespannt auf was noch kommt. Aber meine Buchempfehlung dazu wär „Anne of Green Gables“. [Shelly: Oh, nett!] Weil ich mir gedacht habe, wenn man sich dieses Lied so vorstellt. Man fährt durch den weihnachtlichen Wald in einem Schlitten und die Glöckchen klimpern und. Und eben diese Freude, was in diesem Lied zum Ausdruck kommt, finde ich, wäre genau das, was eben einem die Anne von „Anne of Green Gables“ fühlen wird, eben dieses durch den winterlichen Wald. Und sie hat so eine blühende Fantasie und so eine Lebensfreude, dass ich mir gedacht habe so, ihr wird dieses Lied gefallen. [lacht] Deswegen ist das meine Buchempfehlung zu dem zu dem Song. Also ich habe ein bisschen anderen Zugang gehabt als du mit dem Buchempfehlungen, aber. Ich habe -

 

Shelly: #00:10:20‑6# Ich find das aber cool, dass man so verschiedene…

 

Jaci: #00:10:22‑6# Ja, aber man fühlt es eben irgendwie, wenn man ein auf vielen Games mag und ihre Fantasien mag man Jingle Bells. Das ist so.

 

Shelly: #00:10:28‑9# Ja, genau. [lacht]

 

Jaci: #00:10:29‑1# Genau. Goes hand in hand.

 

Shelly: #00:10:33‑2# Ja, cool. Ich bin sehr stolz auf mich, dass ich das erraten habe. [Jaci lacht] Dann bin ich jetzt gespannt. Also, du wirst wahrscheinlich eher das Buch erraten als den Song bin ich mir jetzt relativ sicher. Ich muss wieder ein Wort rausnehmen, weil das wieder zu viel verraten würde. Aber schauen wir mal. [räuspert sich] Also: „I met a men named [M-hm] south of Camden High with calloused hands stood at this land and no one dared walk by. His heart was hard and sharp is flint. His door was lined with locks. As lonesome as in oyster and as greedy as a fox.“

 

Jaci: #00:11:15‑7# Es ist sehr poetisch, aber es ringt noch keine bell bei mir. Sag einmal die Buchempfehlung dazu. Vielleicht komme ich dann drauf.

 

Shelly: #00:11:24‑9# Nein, ich lese nur das erste vor und dann glaube ich weißt du es. „I met a men named Ebenezer south of Camden High.“

 

Jaci: #00:11:34‑7# [lacht] Ja genau, dann hat’s irgendwas mit „Christmas Carol“ zu tun. Aber ich kenne das Lied glaube ich, auch wieder nicht. Was hörst du für nischige Weihnachtslieder?

 

Shelly: #00:11:40‑5# Ja, alles. Hallo. Also, erstens ist es ein Lied von Pentatonix, das „Bah Humbug“ heißt. Und es geht um den Ebenezer Scrooge. Und als Vorbild habe ich da das 1843 erschienene „The Christmas Carol“ von Charles Dickens genommen. Wir kennen es alle. Wir wissen, wer Ebenezer Scrooge ist. Und dann habe ich ein bisschen recherchiert, ob es da ähnliche Bücher gibt, weil ich wollt das unbedingt in dem Podcast haben. Und habe entdeckt, dass 2021 ein Graphic Novel auf den Markt gekommen ist. Geschrieben hat Lee Bermejo. Ich hoffe, ich habe das jetzt richtig ausgesprochen. Ich habe gerade gegoogelt. Und zwar „Batman Noel“. In diesem Comic. Also in diesem Graphic Novel ist Batman quasi die Scrooge Figur. Es spielt in einer sehr düsteren Weihnachtszeit in Gotham und Batman ist erschöpft, verbittert, zunehmend gnadenlos und fast herzlos. Also eben genau die Charakterisierung, die man auch dem Ebenezer Scrooge zuschreibt. Er begegnet dann im Laufe des Graphic Novels drei Geistern aus seiner Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Also die verkörpern das und sieht, wie seine Härte andere Menschen und Gotham schädigen. Also er hat. Diese Geister sind quasi besiegte Gegner, die er im Laufe der Jahre gehabt hat. Und er wird mit einer düsteren Zukunft von sich selbst konfrontiert. Und dann erkennt er, dass Mitgefühl und Menschlichkeit nicht verloren gehen darf. Und dieser Graphic Novel ist visuell sehr beeindruckend. Die ganze Bildsprache und das und das habe ich voll cool gefunden, dass die Quasi Christmas Carol auf Batman umgeschrieben haben.

 

Jaci: #00:13:27‑6# Ja, sehr cool. Aber ich finde es generell auch cool bei Christmas Carol, weil es da so viele verschiedene Fassungen gibt. Wir haben letztes Jahr glaube ich auch in der Weihnachtsfolge drüber geredet, dass es auch ein Micky Mouse Christmas Carol gibt.

 

Shelly: #00:13:41‑6# Und ein Barbie Christmas Carol.

 

Jaci: #00:13:43‑7# Stimmt, und das findet man finde ich, eben ganz witzig, dass das eben auch für junges Publikum dann eben oder für anderes Publikum dann immer wieder umgemünzt wird. Und weil die die Botschaft dahinter ja nichts ist, was irgendwie verjährt, so.

 

Shelly: #00:13:58‑2# Nein, gar nicht. Und Weihnachten ist einfach die Zeit, wo alle Herzen auftauen.

 

Jaci: #00:14:01‑1# Ja. [beide: Awww.] Merkt man, dass wir zwei Weihnachten mögen?

 

Shelly: #00:14:06‑9# Vielleicht ein bisschen.

 

Jaci: #00:14:09‑1# Gut. Meine nächste. Also, mein nächstes Lied ist das Lieblingsweihnachtslied von meinem Papa. [lacht] Wegen, also ja, egal, ich sag nichts mehr dazu. Es sind jetzt vier Zeilen für dich. Es wird vielleicht ein bisschen leichter. „I know it's too late. The world would be a better place. If we could keep the spirit more than one day in the year send a message loud and clear.“

 

Shelly: #00:14:34‑8# Das ist von John Lennon. Nein?

 

Jaci: #00:14:39‑2# Meine Buchempfehlung dazu wäre „The Ballad of Song Birds and Snakes“, also von Suzanne Collins. Das ist eine der ersten Nachgeschichten oder Vorgeschichten von „Die Tribute von Panem“ und einfach, weil ich eben diesen Song sehr rebellisch finde und weil eben einfach die letzte Zeile da war jetzt: „Send a message loud and clear“. Es hat diesen…

 

Shelly: #00:15:06‑7# … „Something About Christmas Time“…

 

Jaci: #00:15:08‑4# „Christmas Time“.

 

Shelly: #00:15:09‑6# Ja, „Christmas Time“. Aber von wem ist es?

 

Jaci: #00:15:10‑9# Bryan Adams!!

 

Shelly: #00:15:12‑1# Ja, stimmt.

 

Jaci: #00:15:13‑4# Es ist so cool.

 

Shelly: #00:15:14‑5# Es ist voll schön.

 

Jaci: #00:15:15‑7# Ich mag das auch so gerne. Und Bryan Adams ist der Lieblingssänger von meinem Papa. [lacht] Das ist das Einzige, was ich dann im Auto spielen darf. Aber eben deswegen. Es erinnert mich sehr an „Ballad of Songbirds und Snakes“, weil es eben ein bisschen rebellisch ist. Es ist ein bisschen rockiger als andere Weihnachtslieder und zeigt eben auch diesen Wunsch, was Lucy Gray irgendwie auch hat im Buch so dieses „harmony more than one day in a year“. Also das, was sie eigentlich auch machen will. Sie will eigentlich, dass alle in Frieden leben und dass alle Menschen gleich sind. So irgendwie. Und eben auch dieses „I know it's too late“, wie es anfängt. Das ist schon so iconic, weil sie weiß auch es ist zu spät, oder? Und ich habe mir so vorstellen können. Also wer Lucy Gray als Figur kennt, weiß, sie singt ja auch. Und wie sie eben dann im Distrikt 12 am Markt sitzt und dieses Lied singt. Da macht das. Passt schon.

 

Shelly: #00:16:04‑8# Ach ja, stimmt. Ma toll.

 

Jaci: #00:16:07‑8# Gell? [beide lachen]

 

Shelly: #00:16:09‑0# Okay, dann mein letzter Song/Buchtipp. Muss ich mich sehr zusammenreißen, dass ich das gut rüberbring. Weil du erkennst es sicher gleich. Das ist nämlich das Einfachste. Und wenn du es nicht kennst, dann bin ich sehr enttäuscht.

 

Jaci: #00:16:29‑9# Oh je. Kein Druck.

 

Shelly: #00:16:33‑1# Kein Druck. Also: „Sweet dreams of holly and ribbon; mistakes are forgiven and everything is icy and blue and you’d be there to.“ [Pause] Sie überlegt. Sie hat gerade auf Pause gedrückt. Sie überlegt. Sie schummelt. [lacht]

 

Jaci: #00:16:50‑4# Aber ich kenne das Lied. Ich kenne genau die Zeilen.

 

Jaci: #00:16:57‑3# [singt leise vor sich hin]

 

Jaci: #00:17:01‑3# Nein …

 

Shelly: #00:17:03‑3# War das YMCA? Was? [lacht]  Ich geb dir noch fünf Sekunden.

 

Jaci: #00:17:09‑7# [gestresst] Oh mein Gott nein, ich weiß es …

 

Shelly: #00:17:12‑1# [zählt von 5 runter] Wow. Und du nennst dich Swifty?

 

Jaci: #00:17:23‑8# „Christmas Tree Farm“? – Shelly: Ja! – Meina, ich wusst ich kenn’s! Das ist gemein.

 

Shelly: #00:17:28‑6# [lacht] I’m sorry. Das ist nicht gemein. Das war voll leicht.

 

Jaci: #00:17:32‑0# [singt] In my heart there’s a Christmas tree farm ... [Shelly lacht laut]

 

Shelly: #00:17:35‑7# Das Lied heißt „Christmas Tree Farm“, ist von der Taylor Swift. Und mein Buch heißt „The Christmas Tree Farm“ [beide lachen] von Lori Gilmore. Das ist der dritte Band aus der Dream Harbour-Reihe.

 

Jaci: #00:17:50‑7# Oh, Lori Gilmore. Die magst du ja. Das ist auch Cinnamon Spice Café …

 

Shelly: #00:17:54‑3# Ja, genau. „Pumpkin Spice Café“ und das ganze, was ich gelesen habe. Wir haben es auf Libby. Das hat echt angeboten und ist echt toll. Also für alle, die es lesen möchten, es gibt’s auf Libby. Gut. Also. „Christmas Tree Farm“, Lori Gilmore, Kira North kauft die heruntergekommene Weihnachtsbaumfarm in der kleinen Küstenstadt Dream Harbour und möchte ein nachhaltiges Selbstversorgerinnenleben führen. Und so sieht sie das nämlich immer auf Social Media. Man kennt das ja. Die so auf ihren Cottages leben Cottage Core-Lifestyle. Wir produzieren alles selber. Wir sind unabhängig von der Gesellschaft. Wir sind aus dem System ausgestiegen. So, so, in die Richtung wäre das gegangen. Sie möchte unabhängig von ihrer Familie sein, weil sie hat das Gefühl, dass sie noch nie etwas für sich selbst geschaffen hat. Ihre Eltern sind sehr wohlhabend. Sie hat eine Zwillingsschwester. Und die Zwillingsschwester, die hat immer alles für sie geregelt, weil die Kira war mehr so rebellisch und ihre Schwester hat sie immer so ein bisschen geerdet und hat sie Schwierigkeiten herausgezogen. Und genau diese Schwester, diese Verräterin, hat jetzt geheiratet. Wie kann sie nur? Und ist nach Dänemark gezogen. Und das trifft die Kira sehr. Aber sie möchte natürlich nicht, dass ihre Schwester das weiß, weil sie wünscht dir nur das Beste und versteckt es dann, bis sie das ihr ziemlich schlecht geht und dass sie ziemlich struggelt. Denn obwohl sie jetzt diese Farm gekauft hat, hat sie jetzt nicht wirklich eine Lebensgrundlage, weil dieses Haus ist uralt und sie hat jetzt all das Geld, was sie gehabt hat aus ihrem Trust Fund hat sie ausgegeben und jetzt steckt sie in Schwierigkeiten. Sie muss jetzt diese Weihnachtsbaumfarm, die sie gekauft hat, auch wieder betreiben, obwohl sie das nicht wollte. Sie ist nämlich der totale Weihnachts-Grinch. Also, sie hasst alles, was mit Weihnachten zu tun hat. Aber irgendwie muss sie an Geld kommen. Und hinzu kommt, dass das Haus, in dem sie wohnt, sehr alt ist und renovierungsbedürftig ist. Sie trifft dann auf Bennett, das ist der Bruder der lokalen Coffeeshopbesitzerin, die wir aus Band eins schon kennen. [beide lachen] Das ist genau der Ben, und der ist auf Besuch. Das ganze Monat über bei seiner Schwester und der hat einen sehr ausgeprägten Helferkomplex. Und der muss immer jedem helfen. Dem gefällt das. Und die Kira ist so das perfekte Opfer für ihn quasi. [lacht] Er kommt immer, er kommt immer vorbei und versucht seine Hilfe ihr aufzuzwingen. Und erst ist es ihr überhaupt nicht recht. Sie will ja selbstständig sein, aber der lässt einfach nicht nach. Und genau sie nimmt dann gezwungenermaßen die Hilfe an und da kommen sich die beiden dann immer näher. Die beiden beginnen sich einander zu. Also sie verstehen einander langsam. Sie sind beide auf ihre eigene Weise einsam. Und dann? Ja, wer wissen möchte, wie es ausgeht, muss es selber lesen. Ich bin gerade dabei, deshalb verrate ich jetzt nicht mehr. Aber es ist. Es ist sehr toll. Es ist sehr weihnachtlich und sehr harmonisch.

 

Jaci: #00:21:00‑3# Klingt auch wie ein Walmart Movie. [lacht] [Shelly: Ja, volle.] Walmart? Hallmark.

 

Shelly: #00:21:05‑5# Walmart Movie. [beide lachen] Okay, das waren meine.

 

Jaci: #00:21:14‑5# Danke Michelle. Sehr schön. Ich möchte mich noch bei allen Swifties entschuldigen, dass ich den Song nicht erkannt haben. Ich bin sehr enttäuscht von mir. Ich werde mir demnächst aus dem Swifty-Dasein zurückziehen. [beide lachen] Na, alles okay. Alles okay. Gut, dann komme ich mit meinem letzten jetzt. Oder mein letztes, was mit Michelle erlaubt hat. Ich habe noch drei andere vorbereitet. Je nach Zeit können wir da vielleicht noch reinhören. Oder vielleicht kann man noch eins machen. Ich habe mir echt viel Mühe gegeben. [Shelly: Ja, passt.] Okay. Also, mein Drittes wäre: „The moon and the stars seem aweful cold and bright. Let's hope the snow will make this Christmas right.“

 

Shelly. #00:21:56‑9# Boah.

 

Jaci: #00:21:58‑7# Jawoll! [lacht]

 

Shelly: #00:22:00‑1# Da bin selbst ich jetzt überfragt.

 

Jaci: #00:22:02‑4# Also wenn ich es melodischer sagen würde, würdest du glaub ich gleich mal drauf kommen. Meine Empfehlung dazu wäre „A Court of Frost in Starlight“ von Sarah J. Maas. [Shelly, lachend: Oh, toll!] Ja, also das ist die Novella, also Band vier von der „A Court of Thornes and Roses“-Reihe. Und jeder, der mich kennt, weiß, ich liebe sie und deswegen darf sie natürlich an Weihnachten auch nicht fehlen.

 

Shelly: #00:22:25‑4# Wir verweisen an dieser Stelle auf unser ACOTAR-Special, was man im Sommer abgedreht haben.

 

Jaci: #00:22:30‑0# Genau. Genau. Und dieses Lied. Also wenn ihr dann den Titel sag, wenn man das Lied kennt, finde ich einfach total, dass es zum Rhys passt in dieser Novella. Weil das ist ein sehr erleichtertes Lied. Es ist so: Hach, endlich ist Weihnachten und. Und er kann es mit seinen Lieben und seinen Freunden feiern. Also.

 

Shelly: #00:22:56‑2# Ich weiß immer noch nicht, was das für ein Lied ist.

 

Jaci: #00:22:59‑0# Er denkt sich „Gott sei Dank ist Weihnachten“.

 

Shelly: #00:23:01‑6# „Thank God it’s Christmas!“

 

Jaci: #00:23:02‑8# „Thank God it's Christmas“ von Queen!

 

Shelly: #00:23:05‑3# [gleichzeitig] Ist das von John Lennon?

 

Jaci: #00:23:06‑8# Nein das ist Queen!

 

Shelly: #00:23:07‑7# Queen?

 

Jaci: #00:23:08‑5# John Lennon ist „War is Over“.

 

Shelly: #00:23:10‑1# Ja, das hab ich die ganze Zeit gedacht.

 

Jaci: #00:23:12‑0# Es ist nicht alles John Lennon. [Shelly: Entschuldigung.] Aber eben auch dieses „thank God it's Christmas“. Es könnte so Rhys sein, wie er in Valerys ist. Und es ist dieses Weihnachts/Winterfest, was sie eben auch feiern. Da ist also Gott sei Dank ist Weihnachten. Ich finde das ganz toll. Da hab ich mir gedacht, das wär genau das, was was passen würde.

 

Shelly: #00:23:32‑1# So eines hab ich jetzt noch erlaubt. [Jaci: Yay!] Eines darf die Jaci noch machen, sonst kommen wir über die Zeit. [beide lachen]

 

Jaci: #00:23:38‑6# Okay, das sind wieder vier Zeilen und da lasse ich jetzt auch gesangstechnisch was weg. Weil sonst erkennt man das glaube ich gleich. [Shelly, lachend: Okay.] Okay. [räuspert sich]: „I found what I was looking for, a love that is meant for me, a heart that is mine completely, knocked me right o,f my feet. Und dann kommt, glaube ich, „right here it‘s Christmas“ oder sowas. Also das ist ein Weihnachtslied, aber.

 

Shelly: #00:24:06‑2# Ja, ich kenne es.

 

Jaci: #00:24:08‑9# Meine Buchempfehlung dazu wäre „Red, White und Royal Blue“ von Casey McQuisten, weil es eben auch eine ganz große und unerwartete Romanze ist. Und dieses „I found what I was looking for, a love that’s mine for me“ Und eben dieses „knocked me right off my feet“.

 

Shelly: #00:24:26‑2# Kelly Clarkson?

 

Jaci: #00:24:28‑7# [begeistert] Ja! Oh, mein Gott. Michelle, du bist.

 

Shelly: #00:24:30‑4# Ich bin so gut.

 

Jaci: #00:24:31‑4# Die Königin der Weihnachtslieder. [singt die Strophe]

 

Shelly: #00:24:43‑1# Ich weiß aber nicht, wie es heißt.

 

Jaci: #00:24:44‑8# „Underneath the Christmas tree“.

 

Shelly: #00:24:46‑1# „Underneath the Christmas tree“!

 

Person 5: #00:24:47‑3# [singt] Right here, beautiful sea, sun is shining at the capital city.

 

Shelly: #00:24:53‑5# Ich hoffe, irgendwer hört zu und gibt dir einen Plattenvertrag. [Jaci lacht]

 

Jaci: #00:24:58‑7# Es ist sehr schwer für mich, dass sie die Lieder nicht mitsingen darf. Das ist mir jetzt erlaubt worden. Michelle, ich ziehe meinen Hut vor dir. Du hast mit oder ohne wenig Hilfe - das macht Sinn, denk drüber nach, mit wenig ohne Hilfe - es geschafft, alle meine Lieder zu erraten. Chapeau!

 

Shelly: #00:25:15‑0# Danke. Wie gesagt, ich habe seit Juli….

 

Jaci: #00:25:18‑5# Ja, genau. Die Michelle übt schon lange. Genau, mit diesen Inspirationen für Leselektüre. Weihnachtlich und unweihnachtliche Leselektüre und auch Weihnachtsliedern, in die man jetzt vielleicht reinhören möchte oder muss, weil man sie nicht erkannt hat an meinem Gesang [lacht] entlassen wir euch jetzt in die Weihnachtszeit.

 

Shelly: #00:25:39‑4# Genau. Jetzt würde es uns natürlich brennend interessieren, welche Weihnachtslieder ihr gern hört oder welche weihnachtlichen Bücher ihr gerne lest. Also gerade ich bin da sehr offen für Empfehlungen [beide lachen] und das könnt ihr uns gerne entweder unter post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at schreiben oder ihr haltet die Augen ein bisschen offen wenn die Podcastfolge online geht und schaut's auf unseren Instagram-Account, der heißt stadtbibliothek.innsbruck. Vielleicht findet ihr da eine kleine Umfrage und da seid ihr herzlich eingeladen mitzumachen.

 

Jaci: #00:26:17‑5# Wir wünschen Frohe Weihnachten.

 

Shelly: #00:26:19‑4# Und Merry Crisis.

 

Jaci: #00:26:20‑5# Merry Crisis und wir hören uns im nächsten Jahr. Vielen Dank fürs Zuhören.

[Soundbite: weihnachtliches Schlittengeräusch]

[Outro-Musik]

Christina: #00:26:54‑9# S‘Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. #00:27:02‑1#

Weitere Infos

Was darf über die Feiertage auf keinen Fall fehlen? Richtig! Gute Musik und gute Bücher. Und deshalb haben sich unsere Hosts Shelly und Jaci für die heutige Folge etwas ganz Besonderes ausgedacht: Weihnachtslieder-Raten!

Wie bitte, was?

Also: Shelly und Jaci zitieren eine Zeile aus einem bekannten Weihnachtslied und lassen die andere raten, um welchen Song es sich handelt. Und damit das ein bisschen besser klappt, helfen sie sich mit jeweils einem passenden Roman zum Lied auf die Sprünge. Die Vibes viben, wie man so schön sagt.

Sind Sie vielleicht sogar schneller im Erraten der Songs als unsere Hosts? Egal ob Sie mitraten oder einfach nur entspannt die Folge genießen: heute wird’s festlich, und neben lustigem Ratespaß gibt’s einen Haufen Buchempfehlungen, mit denen Sie es sich daheim gemütlich machen können. Da ist für jedeN was dabei. Shelly, Jaci und das restliche Team der Stadtbibliothek Innsbruck wünschen ein besinnliches Jahresende und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Sie haben weihnachtliche Lesetipps für Shelly oder einen Plattenvertrag für Jaci? Schreiben Sie uns auf Instagram (stadtbibliothek.innsbruck) oder post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at.

Viele der besprochenen Bücher gibt’s auch in der Stadtbibliothek.

Jetzt nachhören: Teatime Das große ACOTAR-Special!

Sound Effect by Krzysztof Szymanski from Pixabay

Winter Wonder Special-Playlist:

  • You’re A Mean One, Mr. Grinch von Tyler, the Creator
  • Jingle Bells
  • Bah Humbug von Pentatonix
  • Christmas Time von Bryan Adams
  • Christmas Tree Farm von Taylor Swift
  • Thank God It’s Christmas von Queen
  • Underneath the Christmas Tree von Kelly Clarkson
Literarische Entstehungsgeschichten: Elena Ferrante vs. Mopsa Sternheim

Literarische Entstehungsgeschichten: Elena Ferrante vs. Mopsa Sternheim

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[modulierte Stimme] Vorsicht! Der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.

[Intro-Musik]

Christina: #00:00:21‑8# (...) Fängst du jetzt an, oder.- Pia [lacht]: Ja, ich fange an! - Hallo und herzlich willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck. Mein Name ist Christina – Pia: und ich bin die Pia - und wir sind heute wieder für euch da mit den Literarische Entstehungsgeschichten, wo die Pia und ich uns gegenseitig und euch eine spannende, interessante, lehrreiche literarische Entstehungsgeschichte erzählen, wie der Name sagt. Das heißt, wir schauen uns Autor*innen von verschiedenen Jahrhunderten an, das können ganz moderne sein oder auch welche, die schon viele hunderte Jahre alt sind und erzählen ein bisschen über deren Leben oder auch wie ein spezielles Werk oder Oeuvre entstanden ist - und ihr könnt am Ende abstimmen, jeder Folge, auf Instagram, welche Entstehungsgeschichte euch besser gefallen hat. Jetzt muss ich leider eine Richtigstellung am Anfang machen, nämlich hat, ich glaube, dass ich letzte Folge behauptet habe, dass ich gewonnen hätte mit der Entstehungsgeschichte. Das war aber …

 

Pia: #00:01:32‑4# Ach ja, stimmt ja. Fake News.

 

Christina: #00:01:35‑9# Extrem Fake News. Ich weiß nicht, wie ich zu der Annahme gelangt bin. Wenn ich mich recht erinnere, hat es mir irgendjemand so zugeschossen. Aber es hat nie gestimmt. [beide lachen]

 

Pia: #00:01:47‑9# [lachend] Weil es wahrscheinlich zu 99,999 % in allen anderen Fällen so war, dass du gewonnen hast.

 

Christina: #00:01:53‑3# Stimmt gar nicht. Die davon hast auch du gewonnen.

 

Pia: #00:01:55‑1# Ah, echt? Ok.

 

Christina: #00:01:55‑8# Wir müssen die Ergebnisse nochmal zusammentragen und dann werden wir in der nächsten Entstehungsgeschichten-Folgen so ein finales Aufrechnen machen, weil die Gewinnerin, so haben wir das vereinbart wird der Verliererin einen Tee schenken [zögert], nein, du wolltest …

 

Pia: #00:02:10‑9# [lachend] Nein, die Verliererin, die Verliererin muss ja einen Tee schenken. Das macht ja keinen Sinn.

 

Christina: #00:02:15‑9# Schreibt uns doch bitte auf post.tadtbibliothek@innsbruck .gv.at. Wie herum wir das machen sollen. Weil ich bin der Ansicht, das hat auch ein lieber Kollege von uns immer so gemacht. Wenn man eine Wette verliert, muss der Gewinner dem Verlierer den Wetteinsatz zahlen.

 

Pia: #00:02:36‑2# Das finde ich, macht keinen Sinn. [lacht] Aber ihr dürft entscheiden. Ihr dürft entscheiden.

 

Christina: #00:02:41‑4# Und jedenfalls in der Folge passiert dann die Preisverleihung. [lacht] Genau. Und du hast also die Jane Austen gemacht?

 

Pia: #00:02:49‑8# Genau.

 

Christina: #00:02:50‑2# Ja, Und ich habe die Geschwister Bronte erzählt. Die Brontes haben 24 % der Stimmen erhalten, und Applaus, 76 % der Stimmen und damit der Sieg der letzten Folge geht an dich, liebe Pia.

 

Pia: #00:03:03‑8# Ganz bestimmt, weil sie Jubiläumsjahr gehabt hat.

 

Christina: #00:03:06‑3# Wahrscheinlich ja. Und dann war ja auch die Elsemarie Maletzke bei uns zu Gast, sowohl in der Stadtbibliothek als auch in einem Kurz und Schmerzlos-Interview. Also vielleicht hast du da einen Rückenwind gehabt. Gratuliere.

 

Pia: #00:03:18‑4# Juhu! Endlich! [beide lachen]

 

Christina: #00:03:21‑7# Genau. Und jetzt fängst du an und beehrst uns mit deiner nächsten Geschichte.

 

Pia: #00:03:27‑3# Genau. Unsere Geschichte nimmt ihren Anfang in den 1990er Jahren in Italien. Neapels Straßen summen vom Motorroller zwischen alten Palazzi und bunten Wäscheleinen mischt sich der Duft von frischem Brot und Rauch aus Pizzerien. Politische Skandale erschüttern Rom, Während junge Menschen zwischen Aufbruch, neuer Musik und alten Traditionen ihren Weg suchen. Also ich glaube, das kann man sich so richtig gut vorstellen.

 

Christina: #00:03:52‑6# Sehr atmosphärisch.

 

Pia: #00:03:53‑7# Ja [lacht]. In diese Stimmung taucht eines Tages ein Manuskript auf von einer literarischen Stimme, die sofort fesselt, aber niemand weiß, wer es verfasst hat. Das Buch erscheint anonym unter einem inzwischen weltweit bekannten Pseudonym: Elena Ferrante. Von der hat bestimmt jeder schon mal gehört, wenn man auch noch nie etwas von ihr gelesen hat. Aber den Namen kennt man. Leser*innen weltweit sind fasziniert und irritiert. Es gibt keine Lesungen, keine Fotos, nur Briefe und schriftliche Interviews. „Bücher brauchen keine Autoren, um zu leben“, schreibt Ferrante einmal. Mit jedem neuen Roman wächst das Rätsel. Die neapolitanische Saga, die Geschichte von Lila und Elena, erobert die Welt. Das ist eigentlich das Bekannteste, was sie geschrieben hat.

 

Christina: #00:04:48‑2# Das ist der erste Roman, „Meine geniale Freundin“, oder?

 

Pia: #00:04:51‑7# Ja, genau das ist diese Reihe für die, die es noch nicht wissen: Die Reihe handelt von zwei Mädchen aus einem ärmeren Viertel in Neapel in den 50er Jahren. Von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter begleiten wir ihre Freundschaft, Loyalität und das Ringen um Bildung, Liebe und Selbstbestimmung. Die Bücher spiegeln nicht nur ihre persönlichen Schicksale wider, sondern auch den sozialen und politischen Wandel in Neapel und in Italien über mehrere Jahrzehnte. Millionen Leserinnen verschlingen diese Bände. Doch während die Figuren immer lebendiger werden, bleibt die Autorin selbst im Schatten. Wer ist also Elena Ferrante? Also da gibt es sehr viele Spekulationen. Einige vermuten, dass sich Marcella Marmo, eine Professorin an der Universität Neapel, hinter dem Pseudonym verbirgt, ist allerdings inzwischen verstorben. Das heißt, dadurch, dass noch weiter geschrieben wird, ist es wahrscheinlich eher nicht der Fall. Eine weitere Theorie wurde 2016 von dem Journalisten Claudio Gatti aufgestellt, der Finanztransaktionen und Grundbucheinträge analysiert hat und dann zum Schluss gekommen ist, dass es sich um Anita Raja, eine Übersetzerin, handeln muss. Der Journalist wurde übrigens dann sehr kritisiert für seine, für seine Verletzung der Privatsphäre.

 

Christina: #00:06:11‑1# Ich wollte gerade sagen, das ist schon ziemlich weit. Dafür, dass …  Ich mein, die will ja anonym bleiben.

 

Pia: #00:06:17‑1# Ja, eben. Das ist der Sinn des Ganzen, oder? Aber auch aus der Enthüllungsmethode ist dann nicht wirklich was geworden, weil man ist nicht wirklich schlauer draus geworden, ob sie ist oder nicht. Und man hat auch wirklich alles probiert. Computerlinguistik, Linguist*innen haben sogar den Sprachstil von Ferrante analysiert. Dadurch gerät dann zum Beispiel auch der Schriftsteller Domenico Starnone, das ist der Mann von dieser Übersetzerin, ins Visier der Forschung, weil anscheinend haben seine Texte eine große Ähnlichkeit mit Ferrante. Aber bis jetzt ist die Identität der Autorin immer noch ein Rätsel. Die Öffentlichkeit hat sehr viele Vermutungen angestellt. Vielleicht ist es ein Kollektiv, das da zusammenschreibt. Vielleicht ist es eine Frau, die für einen Verlag arbeitet und deswegen vielleicht die Identität schützen will. Oder auch eben ein Mann, der keine öffentliche Aufmerksamkeit haben will. Jede Theorie entfacht neue Debatten. Doch der Vorhang bleibt bis jetzt zumindest, Stand heute [lacht], geschlossen. Vielleicht findet man mehr raus. Irgendwann. Aber vielleicht liegt genau darin auch das Geheimnis. Elena Ferrante ist nicht nur eine Person, sie ist eine literarische Idee. Wir wissen nur zwei Dinge über sie: dass sie aus Neapel stammt, was ja Sinn macht, wenn sie über Neapel schreibt. Und dass sie nicht hauptberuflich Schriftstellerin ist. Am Ende wissen wir immer noch nicht, wer sie ist. Trotz zahlreicher Theorien bleibt ihre wahre Identität unklar. Die Autorin selbst hat mehrfach gesagt, dass ihre Anonymität ein bewusster Teil ihres künstlerischen Schaffens ist und dass die Identität der Autorin für das Verständnis vom Werk eigentlich nicht entscheidend und wichtig ist.

 

Christina: #00:08:00‑9# Interessant mit dem Autor*innen-Kult, der ja da auch gern …

 

Pia: #00:08:05‑6# Betrieben wird.

 

Christina: #00:08:06‑4# … von den Verlagen auch betrieben wird, um Exemplare zu verkaufen und sie entzieht sich dem.

 

Pia: #00:08:13‑4# Komplett. Aber wer weiß, vielleicht sitzt sie jetzt gerade irgendwo in Neapel, schreibt am nächsten Roman und trinkt einen guten italienischen Kaffee.

 

Christina: #00:08:20‑9# Liebe Grüße aus Innsbruck. [beide lachen]

 

Pia: #00:08:25‑7# Ja, genau das ist meine Geschichte, eigentlich über eine Person, von der wir nichts wissen. [beide lachen]

 

Christina: #00:08:31‑9# Sehr gut ausgesucht. Also, danke. Das war eine spannende Geschichte. Also, ich muss sagen, dass ich hoffe, dass wir nie erfahren, wer sie ist. Oder er. Aber ehrlich, ich sage jetzt, ich bleibe jetzt bei der sie. Ähm. Ich feier sie da eher voll, dass sie dass sie sich dem einfach entzieht, weil Recht hat sie. Es täte nicht jedem Werk ungut, wenn man es besser von seinem Schaffter [beide lachen] – [Christina hüstelt: J.K. Rowling] trennen könnte. [beide lachen] Aber das ist jetzt gar nicht so gemeint. Ich finde es einfach cool, dass sie da so beharrt. Und ich finde es eher ein bisschen übergriffig, dass nicht nur die Leute, dass man, dass man das ein bisschen an detektivischen Spürsinn das ausleben muss. Das kann ich schon irgendwie nachvollziehen. Aber dass man das dann auch mit Namen, mit Namen um sich wirft und das öffentlich macht für die eigene Aufmerksamkeit, finde ich schon eher problematisch, weil die Frau will ja offensichtlich nicht bekannt werden. Dafür gibt’s ja Pseudonyme.

 

Pia: #00:09:37‑8# Ja und dann auch und dann vor allem auch wirklich, also die Privatsphäre komplett missachtet und dann eben Transaktionen analysiert. Also das ist dann natürlich schon sehr übergriffig. Aber es ist faszinierend, dass gerade in der heutigen Zeit eigentlich so ein Geheimnis noch gewahrt werden kann. Weil gerade heutzutage mit Social Media und alles ist online und digital, dass das der Verlag und die Autorin oder die Autorinnen oder was nicht. Ich weiß nicht, wer es ist. [lacht] Das immer noch schaffen im Geheimen zu bleiben ist faszinierend.

 

Christina: #00:10:10‑8# Und irgendwie eine Ausnahme. Also ja, zeichnet sich ja dadurch aus, dass es so eine Ausnahme-Sache ist, dass es fast nicht mehr gibt, weil es diese viele Verlage hängen es ja an den Leuten auf.

 

Pia: #00:10:23‑6# Pseudonyme gibt es schon, aber oft weiß man dann, das ist dann oft eh schon ein Bestsellerautor, Bestsellerautorin, aber nimmt dann halt einfach einen anderen Namen her. Oft bei den Krimis ist es irgendwie so, das ist dann ein bisschen spannenderer  Name ist.

 

Christina: #00:10:35‑5# Das machen ja Autor*innen bewusst, weil so diese Genrewechsel sind ja sehr schwierig in der Literaturlandschaft und da hilft es, wenn der eine Name nicht mit dem anderen verknüpft ist. Jetzt, da, hier, Wer hat es? Der Der Sebastian Fitzek zum Beispiel.

 

Pia: #00:10:52‑9# Ja genau.

 

Christina: #00:10:53‑4# Hat das bewusst nicht gemacht.  Er schreibt ja ganz berühmterweise Thriller, schreibt aber auch … [zögert] Ist schon der Fitzek, oder?

 

Pia: #00:11:01‑0# Ja, genau.

 

Christina: #00:11:01‑7# Dieser ist „kein Krimi“ oder „kein Thriller“, schreibt er dann auf, auf dem Buchumschlag.

 

Pia: #00:11:07‑0# Dann ein bisschen damit gespielt wird.

 

Pia: #00:11:09‑3# Eben ganz klassisch J.K. Rowling erwähnt. Die hat ja auch dann das Pseudonym Robert … hilft mir [lacht].

 

Christina: #00:11:17‑1# Galbraith. Ich weiß nicht, wie man es ausspricht.

 

Pia: #00:11:18‑3# Aber das ist ja auch und sie war ja schon bekannt. So ist es ja nicht. Aber da wird ja dezidiert damit gespielt, dass man sagt okay, ich will für meine Erwachsenenkrimis einen anderen Namen haben, weil sonst denken die Leute Ah, das ist für Kinder.

 

Christina: #00:11:30‑8# Ja, genau. Aber da ist man relativ schnell drauf gekommen und offensichtlich hat sie es nicht so gut versteckt wie wie die Elena Ferrante. Beim Stephen King, der hat eine Weile unter dem Pseudonym Richard Stark geschrieben. Einige Romane, und da hat man eigentlich fast von Anfang an gewusst, dass es er ist, weil es da sehr … auch durch so ein Sprachmodul vielleicht gejagt geworden ist. Das ist jetzt aber schon sehr viel länger her. Ich weiß nicht, ob es das schon in den 90er und davor gegeben hat. Und ja. Interessant. [lacht leise] Also ich habe eine Autorin mitgenommen mitgebracht, die man vorher noch nicht gekannt hat. Also man kannte die Person, aber dass sie ein … sie hatte noch kein Buch veröffentlicht und ist also sozusagen eine Person, die aus der Anonymität hervortreten konnte, dank den Bemühungen eines [Pause] Bibliothekars. [Pia: Uhhh.] Ich muss euch warnen, mein die Recherchepferde sind heute ein bisschen mit mir durchgegangen. [beide lachen] Die Entstehungsgeschichte könnte auf der etwas längeren Seite sein, aber ich verspreche, sie ist extrem spannend. Und wenn es zu lang wird, dann mache ich im Schnitt [schnalzt mit der Zunge] das raus. [beide lachen] Also es geht um die Entstehungsgeschichte von Mopsa Sternheims „Im Zeichen der Spinne“. In der Landesbibliothek Oldenburg steht ein unscheinbarer Koffer. Der gehört zum Nachlass des Kunsthistorikers Gert Schiff, der über Umwege über New York nach dessen Tod wieder in Oldenburg und schließlich dann eben in der Landesbibliothek gelandet ist. In dem Koffer liegen ganze Packen aus Papier, nämlich voller klein beschriebener loser Blätter, [im Dialekt] die so zsammenpacktelt worden sein. Das Ganze wirkt so chaotisch, dass der Koffer, so erzählt die damalige Bibliotheksleiterin Corinna Roeder - vielleicht ist sie auch im Moment noch Bibliotheksleiterin, das weiß ich jetzt gerade leider nicht -so wurde der Koffer erst einmal wieder zugemacht. [lacht]

 

Pia: #00:13:48‑1# Okay.

 

Christina: #00:13:49‑8# Aber erst Jahre später, da war er schon in der Pension, nimmt sich der damalige stellvertretende Bibliotheksleiter Rudolf Fietz dieser Hinterlassenschaft an, nämlich gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Geisteswissenschafterin Gisela Niemöller. Beginnt er, diese Blätter in mühsamer Kleinarbeit zu sichten. Und was auf den ersten Blick wie ein Papierchaos aussieht, entpuppt sich als das, was man literarisch ohne Übertreibung eine Sensation nennen kann. Es ist das Manuskript des einzigen Romans von Mopsa Sternheim, das jahrelang als verschollen galt. Und da die ganze Zeit in diesem Koffer in der Oldenburger …

 

Pia: #00:14:30‑8# Den einfach niemand aufgemacht hat.

 

Christina: #00:14:32‑6# Aufgemacht haben se ihn ja schon. [Pia lacht]

 

Pia: #00:14:33‑9# Aber einfach liegen lassen.

 

Christina: #00:14:35‑8# Aber ich meine, das kennt man ja von daheim. Wenn man die Sachen nicht gleich einordnet, die Rechnungen. [beide lachen]

 

Pia: #00:14:41‑5# Dann bleibt halt einfach mal stehen. Okay.

 

Christina: #00:14:44‑6# Mach ich morgen. [beide lachen] Fietz und Niemöller beschließen, das Werk zu retten. Sie rekonstruieren den Text über zwei Jahre hinweg, wirklich Satz für Satz, müssen die Papiere auch wirklich in die Reihenfolge bringen und ordnen. Und aus all diesen verschiedenen Versionen, die es da gab, und den Notizen, denen die Mopsa Sternheim dazu geschrieben hat. Im Oktober 2025, also wirklich erst vor kurzem, war es dann endlich soweit. Die Landesbibliothek Oldenburg stellt den Roman „Im Zeichen der Spinne“ erstmals der Öffentlichkeit vor. An dem Buch hat das hat an dem hat das wurde von der Mopsa Sternheim quasi fertig geschrieben vor fast 70 Jahren und zu ihren Lebzeiten konnte das eben dann nicht erscheinen. Wer war jetzt aber diese Mopsa Sternheim? Die heißt den bürgerlichen Namen - Mopsa ist natürlich ein Kosename - im bürgerlichen Namen heißt die Dorothea Elisabeth Sternheim, wurde 1905 in Oberkassel bei Düsseldorf geboren. Ihre Mutter war Thea Sternheim. Die war eine deutsche Autorin, deren Tagebücher, die sie über 70 Jahre lang geführt hat, heute als Zeitdokument gelten und im Deutschen Literaturarchiv in Marbach vorliegen. Der Vater, das war Carl Sternheim, der gilt als einer der wichtigsten Bühnenautoren der 20er -Jahre. Den Carl mögen wir nicht so sehr.

 

Pia: #00:16:11‑9# Okay.

 

Christina: #00:16:14‑5# Die Mopsa und ihre ganze Family - also die Eltern waren auch relativ bekannt, auch da zu Lebzeiten. Die haben ziemlich interessante und ziemlich turbulentes und exzessives Leben. Lebensgeschichte ist super interessant. Das habe ich natürlich jetzt alles nicht dabei, aber das war wahnsinnig faszinierend. Sie wächst jedenfalls in einem hochkulturellen Milieu auf. In ihrem Elternhaus hängen Gemälde von van Gogh und Renoir. Künstler*innen und Politiker*innen gehen ein und aus. Schon früh ist sie umgeben von Kunst und Literatur. Sie ist laut einem ihrer Hauslehrer hochbegabt. Trotz diesem auch des großbürgerlichen Luxus, in dem sie aufwächst, fehlt es dem Haushalt aber an Geborgenheit und Kontinuität. Sie war Opfer sexualisierter Gewalt von Seiten ihres Vaters. Genau ein Umstand, den sie auch im Roman, wenn nicht verarbeitet, auf jeden Fall anschneidet. In den 1920er-Jahren arbeitete sie als Bühnen-und Kostümbildnerin. Auch sehr cool. Unter anderem für die Stücke ihres Vaters und für die jungen Autor*innen Klaus und Erika Mann.

 

Pia: #00:17:26‑7# Ah.

 

Christina: #00:17:27‑3# Weil. Mit denen war sie eng befreundet.

 

Pia: #00:17:29‑9# Ah, cool.

 

Christina: #00:17:30‑5# Ja, schon, gell? [beide lachen, Pia: Nicht schlecht.] Es geht weiter: Mit 21 Jahren hat sie eine sehr intensive, aber leider unglücklich endende Affäre mit dem - der nächste problematische Mann in dieser Erzählung - 19 Jahre älteren und damals bereits berühmten Dichter Gottfried Benn.

 

Pia: #00:17:50‑3# Ah ja.

 

Christina: #00:17:51‑4# Sagt der dir was? Ich hab den noch nie ... Ich habe den. Vielleicht bin ich zu ungebildet, aber mir sagt er nichts.

 

Pia: #00:17:56‑2# Doch, der sagt mir was. 19 Jahre älter. Okay, das ist ein Unterschied.

 

Christina: #00:17:59‑7# Und zwar war er für sie die große Liebe. Sie war sehr beeindruckt von seinem Schreiben. Von seinem Intellekt. Aber sie für ihn nur eine unter vielen.

 

Pia: #00:18:10‑2# Okay.

 

Christina: #00:18:11‑4# Und diese Affäre war wirklich ein prägendes – und ich würde jetzt mal meine subjektive Einschätzung - traumatisierendes Erlebnis für sie, dieses Enden auch der Affäre. Es gibt auch einen nachgewiesenen Suizidversuch, der glücklicherweise nicht erfolgreich war. Auch das ist in diesem Roman, der ist stark autofiktional geprägt, ein Thema. Als dann 1933 die Nationalsozialisten an die Macht gekommen sind, geht die Mopsa ins Exil nach Paris. Dort schließt sie sich der Resistance an, schreibt antifaschistische Texte und arbeitet in Exilnetzwerken und ein kleines Tidbit, das ich sehr spannend gefunden habe: Sie wurde wohl auch unter Anwendung von Gewalt um die Herausgabe von Informationen versucht, dass man Informationen aus ihr herausbringt. Aber das ist nicht gelungen. Das steht. Das stand auf Wikipedia dabei und ich hab mir gedacht Boah, also das ist so ein trockener Wikipedia-Artikel, aber dahinter steht schon interessantes Leben. 1943 wird sie dann auch verhaftet, von der Gestapo gefoltert. Das würde dann das wäre dann auch das und sie wird dann wurde dann auch in mehrere Lager gebracht, unter anderem ins Konzentrationslager Ravensbrück. Das hat sie überlebt, war aber dann Zeit ihres restlichen Lebens schwer traumatisiert davon.

 

Pia: #00:19:36‑6# Verständlicherweise.

 

Christina: #00:19:37‑7# Nach dem Krieg lebt sie wieder in Paris, kämpft um Entschädigungszahlungen und beginnt mit der Arbeit an „Im Zeichen der Spinne“. Kurzes Aside: Das Zeichen, damit ist das Hakenkreuz gemeint. Das Zeichen der Spinne steht fürs Hakenkreuz. Sie arbeitet fast zwei Jahrzehnte an diesem Roman, erkrankt aber im Winter 1953 an Krebs und stirbt dann im Jahr darauf mit nur 49 Jahren. Ihr Freund, der Kunsthistoriker Gert Schiff, von dem haben wir ganz am Anfang schon gehört, bot das Manuskript dem Rowohlt Verlag an, der den Text aber ablehnte mit der Begründung, dass es zu fragmentarisch sei. Das Manuskript verschwindet dann in seinem Nachlass. Das habe ich auch schon erzählt. Der zieht dann nach New York, und dann ist es da mal eine Weile in New York, für ein paar Jahre, und dann stirbt er. Sein Nachlass kommt wieder nach Oldenburg zu seiner Familie, und irgendwann taucht es dann dort auf und dann bringen die das in die Landesbibliothek nach Oldenburg.

 

Pia: #00:20:44‑2# Interessant.

 

Christina: #00:20:44‑7# Wahnsinn, oder?

 

Pia: #00:20:45‑6# Es hat eine ziemliche Reise hinter sich.

 

Christina: #00:20:47‑4# Aber wie! Und es war. Das ist ja nicht wie heute, wo das auf der Cloud liegt und passt [Pia lacht], sondern das war das einzige Manuskript.

 

Pia: #00:20:54‑0# Es ist faszinierend, dass das überdauert hat. Eigentlich, ohne dass das jetzt noch mal ins Wasser gefallen ist oder so, also bei unseren Wasserschäden, die man teilweise haben, dann deshalb. [beide lachen]

 

Christina: #00:21:09‑3# Bei uns in der Bibliothek hätt’s nicht so lang gehalten. [beide lachen] Wer es nicht weiß, wir haben schon, wir haben schon einen größeren Wasserschaden gehabt vor ein paar Jahren und hoffen, dass das nie wieder passiert. Im Wallstein Verlag ist es dann eben 2025 erschienen. Damit sind wir wieder im Heute angelangt und eben in der kommentierten und mit einem ausführlichen Nachwort versehenen Version, die auch diese Überlieferungsgeschichte beinhaltet. Worum geht es „Im Zeichen der Spinne“? Ich würde euch jetzt einfach, damit man auch weiß was ist das Buch, einfach nur den Verlagstext kurz vorlesen. Und zwar: [liest] „Vivian liebt das Nachtleben, die Kunst und ihre Freiheit. Die Nächte verbringt sie in den queeren Künstlerkreisen in Berlin. Während draußen die Weltwirtschaftskrise tobt“, - also zwanziger und dreißiger Jahre. – „Sie verliebt sich unglücklich in einen wesentlich älteren Dichter. Die Affäre endet und Vivian versucht, sich das Leben zu nehmen.“ - Man sieht autofiktionale Übereinstimmungen. – „Sie überlebt knapp und trifft die Entscheidung für ein emanzipiertes Leben. Doch dann geht sie ein Verhältnis mit Michael ein. Ein Künstler, der wie sie auf der Suche nach seinem Platz in der Welt ist. Als Vivian schwanger wird, muss sie neue Pläne für ihr Leben fassen. Zeitgleich übernehmen die Nationalsozialisten die Macht.“ - Und dann geht es weiter mit dem Verlagstext: „Mopsa Sternheim erzählt, was es für eine Frau der 1920er und 30er Jahre bedeutet, wenn sich einer traumatisierten und desillusionierten Gesellschaft ein männlicher Gewaltkult erneut Bahn bricht.“ - Und hier hab ich mir nur gedacht: Hm, sounds familiar. – „In expressionistischer, reduzierter Sprache schildert die Autorin anhand der Biografien von Vivian und Michael die verheerenden machtpolitischen und gesellschaftspolitischen Dynamiken am Anfang des 20. Jahrhunderts.“ - Und der Verlag wirbt auch damit, wie hochaktuell das Thema nach wie vor ist. Und ich finde, es gibt durchaus erschreckende Parallelen zur heutigen Zeit, wenn man sich das mal anschaut. Für alle, die sich jetzt fragen: Was heißt denn jetzt expressionistisch? Das ist eine Strömung in der Literatur. Jetzt ganz grob gesagt zwischen 1905 und 1925 war sie am stärksten vertreten. Es geht dabei um neue Darstellungsformen in der Literatur, die dann stark von Emotionen und dem Ausdruck subjektiver Wahrnehmung geprägt sind, auch Großstadt und das Individuum in der Großstadt. Solche Motive werden auch behandelt. Jetzt mal ganz grob. Natürlich ging es dann auch viel um den Ersten Weltkrieg. Grundsätzlich ist das Buch die Sensation, war mehr der Fund. Das Buch wurde somit mit durchwachsenen Rezensionen begrüßt. Also es ist. Die Süddeutsche schreibt zum Beispiel, dass die Mopsa Sternheim endlich aus dem Schatten ihrer berühmten Eltern treten kann. Die taz sagt, wie kompromisslos und schwer der Text auch ist. Also das ist auch wirklich keine leichte Lektüre. Sehr stilistisch. Andere finden es zu … theatralisch, mit viel zu viel Pathos und sehr, sehr pathetisch und sehr zugespitzt. Die Mopsa selber war übrigens eine sehr selbstkritische und analytische Person und Denkerin. Die hat ja auch an dem Roman quasi 20 Jahre herumgewerkelt und ihn dann immer noch nicht so richtig zusammengefasst gehabt. Sie war sich also auch der Schwächen vom Roman durchaus bewusst. Zitat aus dem taz Artikel, aus dem ich vorhin zitiert habe. „Mein Buch ist zu konstruiert, zu gewusst und kitschig. Pathetisch immer, oft solennel.“ Das habe ich nicht gewusst, was das Wort heißt, das habe ich nachschauen müssen. Das heißt „feierlich“, „ernst“, „würdevoll“. Also ich nehme an, sie kritisiert es ist zu ernst, nimmt sich selber zu ernst, das Buch. War ihre eigene Kritik.

 

Pia: #00:25:22‑7# Aber interessant, dass sie sich selber dann auch so eingeschätzt hat. Weil wenn dann wirklich die Rezensionen waren, es ist zu pathetisch und sie sagt Ja, es ist zu pathetisch. Es ist schon interessant.

 

Christina: #00:25:31‑6# Es beginnt mit dem Jahr 1914, mit einer Beschreibung von einer Kriegsgesellschaft. Stimmt, es ist diese Beschreibung, grad die kursiven sind sehr pathetisch, aber auf der anderen Seite war das ja dieser Expressionismus auch. Und es ist sehr eindrücklich.

 

Pia: #00:25:50‑2# Ja, und mit ihrer Vorgeschichte kann man verstehen, warum sie es so geschrieben hat, woher es kommt.

 

Christina: #00:25:58‑7# Weil sie hat es ja nach ihren ganzen Erlebnissen auch nach Ravensbrück immer wieder umgeschrieben. Genau. Trotz der gemischten Rezensionen eben, die sagen, es könnte ein bisschen schwer zugänglich sein, ist sicher nicht mehr so im Stil der heutigen Zeit auch geschrieben, wird das Buch durch die Bank weg als lesenswerter Roman bezeichnet. Es ist auch einfach wieder so ein Lautwerden einer Stimme. Das ist eine jüdische Frau im frühen 20. Jahrhundert. Die, die die KZs überlebt hat und künstlerisch war und queer. Sie hatte auch Verhältnisse mit Frauen. Sie war auch drogenabhängig. Das habe ich gar nicht erwähnen können, weil das so – also schmerztablettenabhängig - weil es so eine interessante Lebensgeschichte ist. Und die Stimme wird halt gehört und solche Umstände. [seufzt] Deswegen Entschuldigung, dass das jetzt so lang geworden ist. Das war jetzt die Entstehungsgeschichte aus einem Koffer in der Oldenburger Landesbibliothek. Ich bin froh, dass es den Roman gibt und ich bin noch froher, dass wir den natürlich in der Stadtbibliothek Innsbruck zur Ausleihe haben und wenn es nach mir geht, auch immer haben werden. [beide lachen]

 

Pia: #00:27:09‑5# Das ist sehr spannend. Danke für die für die Entstehungsgeschichte. Sehr interessant. Noch nie von der Frau gehört. Wieder was Neues gelernt.

 

Christina: #00:27:17‑3# Absolut ja. Ich habe erst von ihr gehört, weil, als ich den Roman bestellt habe, in der Verlagsvorschau, habe ich das gelesen. Dann kam er auf unsere Liste. Und dann habe ich den bestellt und dachte Wow, okay, das ist schon irgendwie cool. Das muss ich euch allen erzählen. [lacht]

 

Pia: #00:27:35‑9# Da ist auch die Geschichte dahinter ist ja auch so interessant. Nicht nur wie sie es geschrieben hat, sondern wie lange es gedauert hat, bis es zur Veröffentlichung kommt. Also es ist spannend, und Bibliothekar*innen waren involviert.

 

Christina: #00:27:47‑1# Ja also er ist Bibliothekar, und die Frau ist Geisteswissenschafterin. [Pause] Ja. [unentschlossene Pause]

 

Pia: #00:27:54‑4# Was machen wir jetzt? [beide lachen] Ja, dann sagt es uns, wie es euch gefallen hat. Welche hat euch vor allem besser gefallen? – Meine ist natürlich viel besser, muss ich jetzt mal sagen. [lacht]

 

Christina: #00:28:09‑0# Ich habe Bedenken, dass meine zu lang war, aber ich habe mich nicht beherrschen können.

 

Pia: #00:28:12‑1# Nein, das verstehe ich. Da war ja auch viel mehr Lebensgeschichte dahinter, muss man sagen. Bei der Ferrante kann man ja eigentlich nur sagen: Wir wissen nichts. [beide lachen]

 

Christina: #00:28:20‑7# Hallo. Meine Entstehungsgeschichte ist: wir wissen nichts. [lacht]

 

Pia: #00:28:25‑6# Genau. Ja, aber sagt uns eure Meinung gern per Email über post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at oder auf Instagram.

 

Christina: #00:28:37‑4# Mit dem Handle stadtbibliothek.innsbruck. Da wird es dann auch wie immer eine Abstimmung geben und ihr könnt natürlich aber auch per E-Mail abstimmen. Wir berücksichtigen alle Stimmen, die eintreffen bis zur nächsten Aufnahme.

 

Pia: #00:28:50‑5# Genau. Und wir hoffen, es hat euch gefallen. Es war was Interessantes dabei und wir hören euch beim nächsten Mal.

 

Christina: #00:28:57‑7# Genau. Schönes Lesen.

[Outro-Musik]

Pia: #00:29:25‑7# S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, die im Audiokanal der Stadt Innsbruck. #00:29:32‑6#

Weitere Infos

Vom sonnigen Neapel und der Suche nach der wahren Identität der Bestsellerautorin Elena Ferrante, bis hin zum Manuskript des einzigen Romans der Bühnenbildnerin Mopsa Sternheim, das viele Jahrzehnte in einem einfachen Koffer überdauert hat, um schließlich von einem pensionierten Bibliothekar gefunden und zur Veröffentlichung gebracht zu werden: auch in dieser Folge gibt es wieder zwei faszinierenden Geschichten aus der Welt der Literatur!

Viele der besprochenen Bücher gibt’s auch in der Stadtbibliothek.

Kurz und Schmerzlos mit … Rebekka Endler

Kurz und Schmerzlos mit … Rebekka Endler

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:07] [modulierte Stimme] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. 

[00:00:07] Boris liest: Rebekka Endler,

[00:00:08] "Witches, Bitches, It-Girls:

[00:00:12] Wie patriarchale Mythen uns bis heute prägen".

[00:00:15] Rowohlt 2025.

[00:00:20] Das Patriarchat ist kein Mythos.

[00:00:23] Bestsellerautorin Rebekka Endler macht sich in ihrem neuen Buch auf die Suche nach den Ursachen des Patriarchats

[00:00:29] und geht der Frage nach, welche misogynen Mythen bis heute unser Denken und Handeln bestimmen.

[00:00:37] "Witches, Bitches, It-Girls" ist eine anekdotische Spurensuche, die durch die lange Menschheitsgeschichte führt.

[00:00:44] Rebekka Endler blickt dabei in den Maschinenraum des Patriarchats, beschäftigt sich mit der Kanonisierung in der Kunst, mit der Epoche der Romantik, mit der sogenannten "Normalität" und mit feministischen Wellen, mit Cancel Culture und Transfeindlichkeit und fragt, was bringt so viele Frauen heute noch dazu, von einem rettenden Märchenprinzen zu träumen?

[00:01:08] Warum werben sogenannte Trad Wives für ein Leben als Hausfrau und Mutter?

[00:01:14] Was steckt hinter der Mami-Bloggerwelle und welche Funktion haben Frauenbilder wie Witches, Bitches und It-Girls?

[00:01:24] Humorvoll, schlagfertig und kämpferisch

[00:01:28] zeigt Rebekka Endler, wie wir alle das Patriarchat Tag für Tag am Laufen halten und wie wir es dennoch verändern können, wenn wir das System dahinter verstehen und angreifen.

[00:01:54] [Intro-Musik] Boris: Hallo und herzlich willkommen zurück beim "Vorwort: Kurz und Schmerzlos", heute mit Rebekka Endler und mein Name ist Boris Schön.

[00:02:04] Ja Rebecca, schön, dass du da bist.

[00:02:06] Rebekka Endler: Ja, danke für die Einladung.

[00:02:09] Boris: Wie immer würde ich dich bitten, als erstes dich kurz vorzustellen.

[00:02:13] Rebekka Endler: Ja, ich heiße Rebekka.

[00:02:16] Ich bin von Haus aus Journalistin, eigentlich ursprünglich Sozialwissenschaftlerin, schreibe inzwischen Bücher und mache einen Podcast zusammen mit meiner Freundin und Kollegin Annika Brockschmidt.

[00:02:30] Ich könnte jetzt eigentlich noch sagen, wie der heißt.

[00:02:32] Das wäre ja noch besser. [lacht]

[00:02:33] Also der heißt "Feminist Shelf Control".

[00:02:37] Und darin sezieren wir unsere Gegenwart auf patriarchale Muster, insbesondere in Bezug auf die Liebe und die Romantik.

[00:02:52] Allerdings besprechen wir auch seit geraumer Zeit ... Artikel, Podcasts, die uns aufregen, gerade in diesem Bezug.

[00:03:02] Ja.

[00:03:02] Boris: Jetzt hast du als Erstes gesagt, Journalistin oder journalistische Arbeit.

[00:03:07] Ich habe auf deiner Website gefunden, aber ich weiß nicht, wer aktuell dieser Satz ist.

[00:03:11] Rebekka Endler: Die ist sehr veraltet, die Website. [lacht]

[00:03:12] Boris: Ja, ich habe mir das ein bisschen gedacht, weil dein aktuelles Buch, glaube ich, gar nicht so wirklich auftaucht.

[00:03:16] Rebekka Endler: Die ist extrem

[00:03:16] stiefmütterlich von mir behandelt.

[00:03:18] Ja, das stimmt.

[00:03:19] Was steht denn da?

[00:03:20] Boris: Da steht "Rebekka Endler, Journalistin und so".

[00:03:24] Rebekka Endler: Ja. [lacht]

[00:03:26] Ja, weil ich tatsächlich, wenn ich sage, ich bin Journalistin, dann ist es was, woran ich lange gearbeitet habe.

[00:03:31] Allerdings habe ich jetzt keine klassische journalistische Ausbildung oder ein Volo, sondern ich bin Quereinsteigerin aus der Wissenschaft, dann so langsam Stück für Stück in den Journalismus gewechselt, weil mir das ein großes Anliegen war bzw.

[00:03:46] ich als Wissenschaftlerin gemerkt habe, dass die Kommunikation von Forschungsergebnissen, so das ein Großteil der Gesellschaft sie nicht nur verstehen kann, sondern auch was damit anfangen kann,

[00:04:03] etwas ist, wo wir... Verbesserungsbedarf haben.

[00:04:07] Deshalb würde ich auch sagen, schreibe ich, in Deutschland klingt das immer so sehr abwertend, aber tatsächlich stehe ich komplett dahinter, populärwissenschaftliche Bücher, weil ich glaube, dass Wissenschaftskommunikation etwas enorm Wichtiges ist, gerade in Zeiten von Desinformation.

[00:04:24] Und die Aufgabe, ja, teilweise dann doch recht... dröge akademische Studien so aufzuarbeiten, dass wir sie verstehen und dass wir auch daraus eine politische Meinung gewinnen können, finde ich extrem wichtig.

[00:04:45] Und das ist etwas, wo ich denke, das kann ich und deswegen mache

[00:04:49] ich das. [lacht]

[00:04:51] Boris: Auch als Podcast.

[00:04:52] Rebekka Endler: Genau, also, ja, ja.

[00:04:53] Ich würde gar nicht so sehr, also für mich unterscheidet sich Bücher schreiben oder Podcast machen

[00:04:59] nicht sehr, weil es erst mal an erster Stelle steht, die Recherche, die wissenschaftliche Auseinandersetzung damit und dann daraus quasi, ja, meine Metapher ist ein bisschen vielleicht ekelerregend, aber ich sehe mich dann eher wie so eine Vogelmutter, die dann daraus verdauliche Kleie

[00:05:20] macht. [beide lachen] 

[00:05:22] Die Nährstoffe so aufarbeitet, dass möglichst viele, denn das ist das Ziel, etwas damit anfangen können.

[00:05:30] Boris: Jetzt

[00:05:31] habe ich eine Frage, die eigentlich eher so eine Meta-Ebene zu dem Podcast darstellt.

[00:05:36] Erstens, du bist ja nicht nur, du machst ja nicht nur den Podcast, du bist ja auch sehr oft zu Gast in Podcasts, so wie jetzt auch hier gerade.

[00:05:45] Was mich interessieren würde, wie du das siehst, es ist ja so, also diese Podcast gibt es ja eigentlich schon ziemlich lange und wir sind auch ungefähr gleich alt, aber mir kommt vor, die hats schon ganz lange gegeben, so seit den 2000ern oder Mitte 2000 auf jeden Fall, aber die haben jetzt so einen totalen Durchbruch.

[00:06:01] Oder kommt das nur mir so vor?

[00:06:03] Oder wie siehst du das?

[00:06:04] Rebekka Endler: Ja, was wir sehr, sehr lange hatten, ist diese Podcasts, die aufwendig produziert waren.

[00:06:12] Als ich angefangen habe, Radio zu machen, da war unser Traum...

[00:06:15] Wir wollten alle entweder "Radio Lab" oder "This American Life" machen, was produzierte, gebaute Beiträge sind, die enorm aufwendig sind und Geld und Zeit und auch sehr viel Know-how kosten.

[00:06:28] Und die sind so ein bisschen aus der Mode, sag ich mal, geraten.

[00:06:32] Wir haben das immer noch.

[00:06:33] Boris: Entschuldigung, aber das ist

[00:06:33] ein bisschen featureartig dann?

[00:06:35] Rebekka Endler: Genau.

[00:06:36] Wir haben in Deutschland dann halt so Feature.

[00:06:39] Also, man geht raus, als Reporterin, Reporter zeichnet seine O-Töne auf, zeichnet seine Atmo auf und dann kommt das Storytelling oben drüber.

[00:06:47] Das sind Geschichten, die wirklich durch mehrere Redaktionsschleifen laufen.

[00:06:52] Das weiß ich, weil ich da auch herkomme.

[00:06:54] Also, das ist ursprünglich das, wie ich in den Journalismus gekommen bin, ist über Produktion von Hörstücken, die fast schon Hörspiele sind, nicht?

[00:07:06] Und ich glaube, dass dann durch tatsächlich die Allgegenwart von nicht nur Podcast, sondern Podcast-Equipment, Mikrofone, die in guter Qualität sehr, sehr erschwinglich geworden ist, dann, was wir auch wieder so abwertig so Laber-Podcasts nennen, dann so langsam Einzug erhalten haben und dass viele dann gemerkt haben, dass das auch ein guter Weg ist, der einfach weniger Zeit kostet, also wirklich nicht in der Recherche, sondern in der Produktion, um Wissen zu vermitteln.

[00:07:34] Und da viele von uns besser... Dinge verstehen oder leichter konsumieren können, wenn wir sie hören, weil auch die Kunst oder die Fertigkeiten Bücher zu lesen, die anspruchsvoll sind,

[00:07:49] das ist nicht was, was allen Menschen gegeben ist, was auch sehr viel Übung erfordert.

[00:07:54] Und dass deswegen das Podcast als Medium der Wissensvermittlung über das Gespräch auch was ist, was deswegen zunehmend an Wert gewonnen hat.

[00:08:04] Aber ich sehe das auch positiv, weil das schließt einander ja nicht aus.

[00:08:10] Boris:Es ist nur so viel, dass man ... suchen muss, was man quasi haben

[00:08:13] will.

[00:08:13] Rebekka Endler: Ja, es ist auch sehr, sehr viel Müll.

[00:08:15] Auf jeden

[00:08:15] Fall.

[00:08:16] Also das ist ja das: Die Tatsache, dass jeder Hinz und Kunz sich ein Mikro kaufen kann, heißt natürlich auch, dass jeder sich bemüßigt fühlt, dann irgendwelche Unwahrheiten in den Äther zu ballern, ohne dass dem von irgendeiner redaktionellen Sicht Einhalt irgendwie geboten wird.

[00:08:32] Das ist gleichzeitig natürlich auch ein großes Problem.

[00:08:35] Aber da wir im Journalismus auch eine sehr hohe Eintrittshürde haben,

[00:08:40] also es ist nicht so, dass in Volos die Gesellschaft irgendwie abgebildet wird, sondern es ist ein großes Privileg überhaupt, das machen zu können, was nicht allen Personen gegeben ist,

[00:08:51] begrüße ich das erst mal, dass durch diese neue Technik so eine Demokratisierung von Reichweite stattgefunden hat und dass da sehr viel Mist dabei ist, das ist irgendwie ein Problem.

[00:09:04] Aber auch da, es gibt halt auch sehr, sehr viele Leute, die eben keine klassische Ausbildung haben, die sehr gutes Programm, um jetzt mal so ein älteres Wort zu nennen, machen.

[00:09:13] Und das finde ich super.

[00:09:14] Boris: Während du gesprochen hast, ist mir gerade eingefallen, würdest du das eigentlich ein bisschen gleichsetzen mit dem, was Blogs waren oder sind?

[00:09:21] Rebekka Endler: Ja, ich glaube, ja genau.

[00:09:22] Also das sind ja Demokratisierungen von... von wegen Reichweite und Menschen zu erreichen, hat natürlich dazu, also es fing mit den Blogs an und parallel dazu haben wir eben auch im Audio und auch im Video, weil es gibt ja auch über eben Plattformen wie YouTube und Co.

[00:09:40] Video-Essays, die teilweise auch extrem gut sind und ein sehr hohes akademisches Level haben, aber in der Aufarbeitung sich eben an ein sehr junges Publikum richten.

[00:09:50] Das sind auch Leute, die früher niemals so viele Leute erreicht hätten, ohne diese Wege, genau.

[00:09:57] Boris: Jetzt vom Blog sozusagen rüber zu deiner schreibenden Tätigkeit, du hast ja als erstes... ist es dein erstes Buch gewesen, also außerhalb des wissenschaftlichen Bereichs, "Das Patriarchat der Dinge"?

[00:10:11] Rebekka Endler: Ja.

[00:10:11] Boris: Und das war ja ein großer Erfolg, war ja so ein Bestseller, oder ist das...

[00:10:15] Rebekka Endler: Es ist... das geworden. Es erschien in der Pandemie.

[00:10:20] Was für viele Autor*innen

[00:10:23] ein großes Unglück ist, dass die Bücher in der Pandemie erschienen. Bei mir,

[00:10:28] dadurch, dass mich ohnehin niemand kannte, waren die Erwartungen auch sehr gering an dieses Buch. [beide lachen]

[00:10:33] Allerdings war es thematisch, hat das so komplett den Nerv der Zeit getroffen, da in der Pandemie eben Geschlechterungerechtigkeiten, gerade in der Berufswelt, aber auch in der ... Familien und Aufteilungen im Privatleben, so dermaßen eklatant geworden sind, dass in der Gesellschaft schon, also ich habe quasi mit dem Buch von einer Sensibilisierung profitiert, die sich in den Monaten davor dann angebahnt hat. 

[00:11:04] Oder anders formuliert, die Tatsache, dass wir uns... in der Pandemie schon gefühlt in ein Backlash bewegt haben, was Geschlechtergerechtigkeit angeht, hat dazu geführt, dass mein Buch besseren Absatz gefunden hat, als das ursprünglich von uns irgendwie angedacht war.

[00:11:25] Ich meine, das war sehr schön für mich.

[00:11:27] Aber das ist halt wie mit dem Buch jetzt auch.

[00:11:29] Ich schwimme auf einer Erfolgswelle, die aber dem geschuldet ist, dass es immer schlimmer wird.

[00:11:37] [lachend] Und ich somit eine der wenigen quasi linken Feministinnen bin, die davon zumindest beruflich profitiert.

[00:11:48] Absurd, aber das ist so.

[00:11:50] Boris: Die Frage, die sich da auch für mich stellt, ist man das erste Buch, war ja sozusagen so ein bisschen Überraschung, wie du gerade das dargestellt hast.

[00:11:57] Wie war das dann für dich im Prozess, wie du das zweite Buch geschrieben hast?

[00:12:01] Ich meine, du hast den Verlag gewechselt.

[00:12:04] Rebekka Endler: Das lag

[00:12:04] darin, dass ich weiter mit meiner Lektorin arbeiten wollte.

[00:12:07] Boris: Und die hat den Verlag gewechselt?

[00:12:08] Rebekka Endler: Die war freie Lektorin.

[00:12:10] Also auch das ist so ein Pandemie-Ding.

[00:12:12] Ich wollte zu Dumont gehen.

[00:12:15] Und dann war das aber so, dass in der Pandemie meine eigentliche Lekturen viel zu viel zu tun hatte und mit dem Projekt dann einfach aus Zeitgründen nicht konnte und sie dann eine freie Lektorin damit beauftragt hat.

[00:12:26] Diese Zusammenarbeit war für mich so ein absoluter Glücksgriff.

[00:12:31] Ulrike Ostermeyer ist eine Frau, die dadurch, dass sie einer anderer Generation angehört hat als ich,

[00:12:38] also älter ist und so ein fundiertes Wissen über alles hat,

[00:12:42] eine Person, mit der ich mich auch viel gerieben hatte, aber die mir wie keine andere dann auch gesagt hat, wenn ich mich verrannt hatte.

[00:12:48] Und diese Zusammenarbeit, die war für mich auch einer der Gründe, warum das Buch das geworden ist, was es geworden ist.

[00:12:56] Und deswegen wollte ich unbedingt das zweite, also es ist ja wie ... eigentlich bei einer Band.

[00:13:00] Wenn eine Band ein erstes Album rausbringt und es ein Erfolg ist, dann hat man so "curse of the second album", das dauert dann meistens.

[00:13:07] Und die Leute müssen sich irgendwie, weil man kann ja nicht das gleiche nochmal neu machen, aber andererseits darf man jetzt auch nicht das Rad komplett neu erfinden, denn dann will es auch niemand mehr haben.

[00:13:15] Und deswegen hat das auch so lange gedauert.

[00:13:18] Das waren drei Jahre und eigentlich war ein anderthalb geplant.

[00:13:21] Aber die Zeit, die dazwischen vergangen ist, die war auch ganz wichtig.

[00:13:26] um eben, weil ich mir dann überlegte hatte, von dem Alltagdesign, also das erste Buch drehte sich um so hauptsächlich - nicht nur - aber so haptische Dinge wollte ich eigentlich erklären, warum ist das eigentlich so?

[00:13:36] Und deswegen dieser Storytelling-Angle.

[00:13:39] Und gleichzeitig ist aber in den drei Jahren so viel passiert, auch so viel Schlimmes.

[00:13:43] Und deswegen hat das lange gedauert.

[00:13:44] Aber ich war bei Dumont hochzufrieden und das war dann eher der Zufall, dass Ulrike dann bei Rohwolt eine Anstellung gefunden hat und ich deswegen mitgewechselt bin.

[00:13:55] Das ist der einzige Grund.

[00:13:57] Boris: Ist, glaub ich, das allererste Mal, dass ich diese Variante oder diesen Grund für einen Verlagswechsel gehört habe.

[00:14:04] Rebekka Endler: Das

[00:14:04] ist gar nicht so unüblich.

[00:14:05] Boris: [lacht] Ja, ich denke mir gerade, aber es ist irgendwie, es werden immer andere Geschichten erzählt kommt mir vor.

[00:14:09] Rebekka Endler: Ich glaube, wenn man eine Person gefunden hat, der man so wirklich vertraut und wo man sich auch verstanden fühlt und mit der man gut arbeiten kann und die auch wirklich, die schleift mich auch, also die ist jetzt nicht großzügig bei allem, was ich mache, sondern die schenkt mir ganz unverblümt auch reinen Wein ein, wenn ich Quatsch geschrieben habe und teilweise beispielsweise wenn über ältere Frauen ihrer Generation geschrieben hab, dann hat sie mir gesagt, du scherst du alle über einen Kamm.

[00:14:34] Wenn ich das mit deiner Generation machen würde, würdest du ausrasten.

[00:14:37] Recht hatte sie.

[00:14:38] Also wenn man so eine Person gefunden hat, dann lässt man die ja nicht mehr gehen.

[00:14:42] Das ist ja auch klar.

[00:14:44] Boris: Na klar, super.

[00:14:45] "Witches, Bitches, It-Girls", es liegt da vor mir.

[00:14:48] Und das ist auch der Grund, warum du heute Abend in einer Stadtbibliothek auf die Bühne steigen wirst und mit Laura Volker,

[00:14:55] die ein Teil des CGI ist, mit dem wir kooperieren, die Moderation übernehmen wird.

[00:15:00] Also seit einiger Zeit stelle ich ja allen meinen Gästen immer die Frage, wie sie den Zusammenhang von KI als Chance und Risiko für ihre berufliche Tätigkeit so einschätzen.

[00:15:13] Hab da inzwischen, muss ich dazu sagen, auch schon ein sehr breites Spektrum an Antworten bekommen.

[00:15:18] Aber bitte, was ist deine Einstellung zu dem Ganzen,

[00:15:23] deine Hoffnungen und deine Sorgen?

[00:15:25] Rebekka Endler: Also ich sehe das sehr kritisch gerade was den Einsatz von KI in Bereich von sowohl Bücherschreiben als auch Podcast angeht.

[00:15:37] Bei vielen Dingen, also gerade bei Podcast,

[00:15:40] erleichtert es vieles, weil diese automatischen Transcripts, also quasi Verschriftlichung des Podcasts, ist wichtig für die Barrierefreiheit, macht es sehr viel einfacher zu zitieren.

[00:15:51] Also da bin ich Freundin von, das finde ich gut.

[00:15:55] Aber gerade bei Büchern, also was die KI beispielsweise, wenn ich meinen Namen eingebe, dann teilweise ausgespuckt hat, was die Anzahl meiner Kinder und Partnerschaften angeht.

[00:16:07] Also das ist so hahnebüchen, das es,

[00:16:10] ja ärgerlich ist.

[00:16:11] Und was ich auch problematisch finde ist, dass sich viele auch tatsächlich Journalist*innen relativ wenig Gedanken machen

[00:16:21] in meiner Zunft über die ethischen Gesichtspunkte von KI und wem die eigentlich gehören und was auch für eine riesen Umweltverschmutzung und Verschleudung ist und die Inhalte ja nun auch wirklich fehlerhaft sind, weil die Sachen, die eingespeist werden, auch äußerst fehlerhaft sind.

[00:16:39] Also ich glaube... Man könnte KI für sehr viele sehr gute Dinge nutzen, die unser aller Leben und ich meine wirklich das Allgemeinwohl besser machen würden, aber das sind nicht die Bereiche, in denen KI im Moment eingesetzt wird.

[00:16:53] Und gerade, auch gerade was Covergestaltung angeht, arbeiten ja auch die ersten Verlage mit Agenturen zusammen, die KI-generierte Cover machen.

[00:17:02] Also warum lassen wir KI Jobs machen, die begehrt sind, die Menschen, kreativ sich ausleben können und die wahnsinnig gerne von Menschen erledigt werden.

[00:17:13] Wenn wir KI auch Dinge erledigen lassen könnten, die niemand von uns gerne macht.

[00:17:18] Also ich rede da beispielsweise vom Gesundheitssystem.

[00:17:23] Da gibt es schwierige logistische Sachen, die mit Planungen und Modellen zu tun haben.

[00:17:27] Das könnte man alles auf KI auslagern, um eine bessere Versorgungssicherheit in Krankenhäusern zu garantieren.

[00:17:34] Aber stattdessen lassen wir Covergestaltung von KI machen.

[00:17:37] Ich verstehe das nicht, das finde ich fürchterlich.

[00:17:40] Boris: Vollkommen, ja.

[00:17:40] Rebekka Endler: Das war

[00:17:41] jetzt nur ein kleiner Rundumschlag.

[00:17:42] Ich könnte jetzt auch anderthalb Stunden ... Ich verteufle nicht die Technik an sich, aber ich bin auch keine Freundin davon.

[00:17:51] Und gerade, ich spreche zum Beispiel auch meine eigenen Hörbücher.

[00:17:55] Und ich weiß, dass meine Stimme schon geklont wurde.

[00:17:57] Und dann ist das die Frage, ob ich beim nächsten Buch das noch selber sprechen darf.

[00:18:01] Oder ob man einfach meine geklonte Stimme nehmen darf.

[00:18:04] Ja, also ... Dieser ganze juristische Rattenschwanz, der da auch noch dran hängt und für den es keine ausreichende Regulierungen gibt, das ist ja noch mal ein ganz anderes Fass, was da aufgemacht wird.

[00:18:14] Boris: Ja.

[00:18:16] Die allerletzte Frage, wie immer, hast du einen Buchtipp für unsere Zuhörer*innen?

[00:18:22] Rebekka Endler: Also ich lese jetzt gerade von Fikri Anil Altintas "Zwischen uns liegt August".

[00:18:29] Und finde es ein sehr, sehr schön, sehr berührend erzähltes Buch über eine Frau, seine Mutter, die ihrer Familie langsam entschwindet und der Sohn, wie er quasi ihren Werdegang nacherzählt und das Familienleben und so.

[00:18:46] Das ist ein Buch, was ich jetzt gerade lese und was mich sehr berührt.

[00:18:50] Boris: Vielen herzlichen Dank.

[00:18:52] Rebekka Endler: Sehr gern.

[00:19:18] [Outro-Musik] Boris: S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Weitere Infos

Wissenschaftskommunikation ist der Soziologin Rebekka Endler ein großes Anliegen. Und zwar verständlich für alle. Sie sieht viele Vorteile von Podcasts in der Wissensvermittlung. Mit Boris unterhält sie sich übers Podcasten (Rebekka hat darin viel Erfahrung, denn sie selbst betreibt den Podcast „Feminist Shelf Control“ mit ihrer Freundin und Kollegin Annika Brockschmidt).  

In ihrem Buch „Witches, Bitches, It-Girls“ beschäftigt Rebekka sich mit Geschlechtergerechtigkeit. Sie spricht mit Boris über den Backlash, der seit der Corona-Pandemie stattgefunden hat. Und sie teilt ihre Ansichten über Künstliche Intelligenz: Warum lassen wir die KI Jobs machen, die Menschen gerne machen – und nicht welche, die niemand gern macht?

„Witches, Bitches, It-Girls“ von Rebekka Endler (Rowohlt 2025) finden Sie hier.

Rebekkas Buchtipp: „Zwischen uns liegt August“ von Fikri Anil Altintas (C.H. Beck) gibt's hier.

Feminist Shelf Control – den Podcast finden Sie hier.

Viele der besprochenen Bücher gibt’s auch in der Stadtbibliothek.

Teatime Tropes: Dark Academia

Teatime Tropes: Dark Academia

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[Stimme moduliert] Vorsicht! Der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.

[Intro-Musik]

Jaci: #00:00:21‑6# (...) Hallo und herzlich willkommen zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck und zu unserem monatlichen Format Teatime. Mein Name ist Jaci und neben mir sitzt meine bezaubernde Kollegin, die Shelly. Und weil es heute wirklich kalt ist, ich finde heute ist da wirklich erste eis-eiskalte Tag.

 

Shelly: #00:00:39‑4# Voll. Wie ich gekommen bin, waren die Scheiben von den Autos eingefroren.

 

Jaci: #00:00:42‑3# Also mein Papa hat heute in der Früh eiskratzen müssen und ich habe sowohl Mütze als auch Handschuhe schon beim Radlfahren gebraucht und dann liegen so Blätter am Boden und es ist so mystisch in der Früh, wenn es noch dunkel ist und man freut sich schon auf den Tee, den man sich dann zur Tea Time macht. Und deswegen haben wir ein sehr passendes Thema heute, finde ich. Und zwar Dark Academia. Und wir reden gerade vom Tee. Shelly, was hast du heute für einen Tee dabei?

 

Shelly: #00:01:11‑7# Meinen classic and sophisticated cup of black tea. [schmunzelnd]

 

Jaci: #00:01:15‑8# Very nice. Mit Zitrone oder Milch? – Shelly: Ohne alles.  – Jaci: Ohne alles? Respekt. [Shelly lacht]

 

Shelly: #00:01:21‑0# Was trinkst du?

 

Jaci: #00:01:26‑2# Ich habe mir heute, weil es eben so kalt ist und ich den Winter nicht mag, einen Gute Laune-Tee gemacht. Ein Früchtetee.

 

Shelly: #00:01:32‑2# Ah ja. Schön.

[Soundbite: Tee einschenken, Tasse klirren, genüssliches Trinken]

 

Shelly: #00:01:41‑0# Also, ihr habt euch schon lange gewünscht, dass wir die Dark Academia-Folge abdrehen. Und heute ist es soweit. Heute kommen wir dazu. Und heute ist der Vibe auch da. [lacht]

 

Jaci: #00:01:51‑3# Yaaay.

 

Shelly: #00:01:52‑7# Genau. Und für diejenigen, die sich noch nie mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Was ist Dark Academia? Ich habe mal einen Artikel der Vogue durchgelesen, die das ganz gut auf den Punkt bringt. Und zwar ist Dark Academia „die Ästhetik, die sich an der intellektuellen Elite zur Jahrhundertwende orientiert.“ Und weil mich die Jaci vorher schon gefragt hat, was für eine Jahrhundertwende [Jaci lachend: Es gibt viele!], die vom 19. auf das 20. Jahrhundert. Genau. Es enthält romantische und viktorianische Einflüsse und auch Gothic-Elemente, weil sonst wäre es ja nicht „dark“. [beide lachen] Gibt ja auch die Light Version mittlerweile, „Light Academia“ und die ist halt viel weniger dunkel. [lacht]

 

Jaci: #00:02:42‑8# Es gibt auch Green Academia.

 

Shelly: #00:02:44‑6# Ach schon?

 

Jaci: #00:02:45‑2# Ja.

 

Shelly: #00:02:46‑8# Die ist dann grün? [kurze Pause] Okay, wir haben gerade noch mal nachgeschaut, was Green Academia ist [lacht].

 

Jaci: #00:02:54‑8# Genau Green Academia ist mehr eben so naturverbunden wie schon das „green“ weg gibt und mehr so auf Natur Studies [sic] und Botanik und sowas und mehr „whimsical“ auch irgendwie so ein bisschen mehr so Hexen ,Cottage Core hexenmäßig.

 

Shelly: #00:03:13‑7# Oh cool, okay. Aber zurück zu Dark Academia. Und zwar ist es eben nicht nur. Eine Lebensweise oder ein Lifestyle, der sich in der Mode oder so niederschlägt, sondern eben auch in der Literatur. Und gerade in der Literatur gibt es viele Autor*innen, die sie dem quasi verschreiben. Und es kommen immer wieder ganz tolle Dark Academia-Bücher raus, Serien raus. Und jetzt gibt es sogar in manchen Buchhandlungen schon eigene Kategorien für Dark Academia. Wir könnten uns eigentlich auch überlegen, ob man das nicht verschlagworten. Oder vielleicht ist es sogar schon so, müsste man mal mit der Lektoratsleitung reden.

 

Jaci: #00:04:02‑3# Ich glaube, das haben wir ehrlich gesagt schon, weil es eben schon ein sehr langer Trend ist. Es ist jetzt auch nichts, was in den letzten Jahren erst entstanden ist. Es gibt natürlich immer wieder Phasen, wo mehr publiziert wird von solchen Genres oder solchen Richtungen. Also seit 2018/19 poppen wieder mehr Bücher auf, aber es war nie ganz weg und es ist eben ein Trend, der sich schon seit Jahrzehnten eigentlich irgendwie durchschlägt.

 

Shelly: #00:04:29‑8# Das hat etwas sehr Nostalgisches. Ein bisschen retro. [lacht]

 

Jaci: #00:04:34‑0# Genau. Es ist ein sehr gemütliches Genre, oder man liest es irgendwie gern. Und deswegen, weil es eben so ein gemütliches Ding hat, passt es aber auch so gut zum Herbst. Und deswegen kommt es ja auch irgendwie. Jedes Jahr im Herbst kommt sie, dann kommt die Ästhetik. Also dieses Ausleben quasi dieser dieses Lifestyles kommt dann im Herbst wieder. Eben mit der Mode und so was. Und dann sieht man es auch mal wieder auf Instagram, weil dann eben mehr wieder die Karohosen rausgeholt werden und die Röckchen und die Pulloverchen und die süßen Schals und Mützchen. Und dann wieder. Und auch mit diesem: das College fängt an, die Uni fängt an, dann geht es wieder mehr in diese Richtung Dark Academia finde ich von der Stimmung her.

 

Shelly: #00:05:17‑6# Also die typischen Motive von Dark Academia Literatur sind ja zum einen Bildung und Wissensdrang, also diese gewisse Obsession mit Anhäufung von Wissen in Philosophie, Kunst, Sprache. Der Bezug auf Klassik passt auch zur letzten Folge, die man aufgenommen haben zu den Klassikern. Dass die auch im Herbst wieder so boomen, greift, glaube ich ineinander. Wer Klassik liest, liest wahrscheinlich auch Dark Academia. Oder wer Dark Academia liest, liest wahrscheinlich auch Klassik. Ich glaube, das ist so eine Wechselwirkung. Man hat in den Büchern immer dieses Streben nach intellektueller Erleuchtung und die Universität ist immer sehr romantisiert, finde ich. Der Tempel des Geistes und auch gleichzeitig aber auch manchmal der Ort des Verderbens. Also diese gewisse Ambivalenz, die es da gibt, auch moralische Ambivalenz und Schuld. Also Figuren überschreiten ganz oft ethische Grenzen, und das auch oft im Namen der Kunst, der Wahrheit, der Wissenschaft. Genau. Es geht da ganz viel um Tod, Verfall und Dekadenz. Also es gibt so eine gewisse Faszination für den Tod, für das Morbide, für die Vergänglichkeit, so ein bisschen ein Vantias-Motiv. Und das wird aber alles irgendwie sehr ästhetisiert. Dieses Leid, diese Melancholie, diese das Schöne im Untergang. Und da gibt es auch oft so Parallelen zur Romantik und zum fin de siècle.

 

Jaci: #00:06:48‑3# Was ist denn das für ein tolles Wort?

 

Shelly: #00:06:52‑2# Fin de siècle? Das ist das Ende des Jahrhunderts, also ein Jahrhundert geht zu Ende und ein neues beginnt. Dieser diese quasi. Zum einen voll traurig, weil es zu Ende geht und zum anderen voll excited, dass was neues beginnt.

 

Jaci: #00:07:11‑9# Sehr toll. Kannte ich nicht. Schön.

 

Shelly: #00:07:15‑0# Habe ich an der Uni gelernt. [beide lachen] – Jaci: Academia - Genau. Und eben diese typischen klassischen Bezüge. Die antike Mythologie, die Sprachen, die alten toten Sprachen, Latein, Altgriechisch, die Philosophie. Es wird oft zitiert, aus klassischen Texten oder Symbole übernommen.

 

Jaci: #00:07:38‑6# Genau. Und ich finde, dass die Uni da eben so gut reinpasst, weil die Uni ja eben einerseits natürlich dieser Ort des Wissens ist, wo das vermittelt wird, diese Academia Teil quasi und andererseits. Es werden aber meistens eben bekannte Unis verwendet oder sind oft das Setting oder eben fantastische Orte, die aber an diese alten Unis angelegt sind, also Oxford, Cambridge, Harvard usw., wo einfach so viel Geschichte schon in diesen Orten selbst ist, wo eben schon große Denker auch in diesen Wänden gelebt und gelehrt und gelernt haben und wo aber eben einfach dieser Ort des Wissens schon so tragend und so markant ist, dass man schon allein, wenn man da reingeht, auch als Leser, wenn man reingeht, schon Wissen darüber hat und Erwartungen hat und einfach schon das Setting einfach quasi stimmt. Und was mir auch aufgefallen ist bei ganz vielen Büchern, dass es zeitlos irgendwie ist, dass bei vielen Werken nicht erwähnt wird, wann sind die eingeordnet? Quasi die könnten in der Jetztzeit quasi spielen und es hat einfach niemand quasi ein Handy, weil es nicht viel am Handy sind oder sowas. Es könnte aber auch in die 1950er irgendwie oft sein, weil du einfach nicht viel Eckpunkte manchmal kriegst. Wann ist es was passiert? Welche Medien und sowas gibt es, weil es eben so oft auf dieses Setting von der Uni begrenzt ist, dass man von der Außenwelt irgendwie oft gar nicht so viel mitkriegt.

 

Shelly: #00:09:08‑8# Ja, voll der Mikrokosmos, oder?

 

Jaci: #00:09:10‑4# Genau. Genau das eben. Die eigene Welt der Uni und Academia schon ist. Was natürlich dann auch dieses Gefühl von Obsession oder so was und dass es Wissen ist Wichtigste ist quasi. Und dieses Streben danach, dass das so das Wichtigste ist und was in der Welt so passiert, ist eigentlich nicht so wichtig. Das ist so das, was ich dann oft für Eindrücke dann habe von den Büchern. Positiv eigentlich, weil ich finde es immer ganz spannend eben. Und wie bei vielen anderen Genres oder Tropes gibt es natürlich aber auch Momente, in denen Dark Academia nicht alleine steht, wo es eben mit anderen Formen vermischt, wo es eben so Mischformen von Genres gibt. Gerade zum Beispiel mit Dark Fantasy haben wir auch gerade gemeint, es gibt ganz viele Fantasybücher, die an einer Universität oder Akademie oder sowas spielen, wo dann aber eben zum Beispiel der Fantasyanteil einfach überwiegt und dann so das Dark Academia einfach so ein bisschen in den Hintergrund rückt. Also zum Beispiel mir fällt da „Fourth Wing“ ein, einfach das ja okay spielt an einer Akademie. Es geht auch ums Lernen. Sie sind zusammengepfercht, aber sie reiten dann halt Drachen. Also das ist dann halt, das überwiegt dann halt einfach irgendwie dieser Fantasyanteil und zum Beispiel auch beim neuen „Alchemised“ von SenYinLu, das ist auch es geht irgendwie um Bildung und um die Alchemisten, die gelehrt und gelernt haben. Aber es ist irgendwie doch zu fantasymäßig, als dass man es als reines Dark Academia ansehen könnte.

 

Shelly: #00:10:42‑7# Ja, und gerade „Alchemised“ war ja, bevor es jetzt als „Alchemised“ erschienen ist, eine Fanfiction von Harry Potter. Also da geht es ja in der Vorlage um Hermine und um Draco, wo sich da dann eine Liebesgeschichte entwickelt zwischen ihnen. Und da ist ja Harry Potter nicht so ausgegangen, wie es in den originalen Büchern war, sondern da hat Voldemort quasi gewonnen und dann ist ein sehr dunkles Zeitalter angebrochen. Ja genau. Und Harry Potter würde ich auch schon. Also ganz klar Fantasy, aber auch mit Dark Academia Elementen.

 

Jaci: #00:11:26‑9# Auf jeden Fall.

 

Shelly: #00:11:27‑9# Würde ich das so einordnen, auch wenn ich sagen muss, gerade die ersten Bücher sind überhaupt nicht Dark Academia Da ist halt Wow. Kinder kommen an der Schule für Zauberei und je weiter man liest, desto dunkler wird es dann.

 

Jaci: #00:11:43‑9# Finde ich eben auch. Und ich habe auch bei manchen Reviews und bei manchen Blogs und sowas online gelesen, dass gerade viele sagen, wenn man mit Harry Potter angefangen hat und mit dem aufgewachsen ist, dass man jetzt eben sehr gerne Dark Academia liest, dass das so quasi die Anfangsdroge irgendwie war für dieses Genre [Shelly lacht], dass wenn man mit dem angefangen hat, immer irgendwie nett gefunden hat, wenn sie eben in der in der in der Schule sitzen und lernen müssen und dann Hausübungen machen vorm Kamin und sowas. Dass, wenn man das eben so gern gemacht hat, dass man jetzt eben dann gern Dark Academia liest.

 

Shelly: #00:12:16‑2# War das für dich so? War Harry Potter dein Einstieg in die Dark Academia Welt?

 

Jaci: #00:12:21‑1# Ich glaube tatsächlich nicht. Weil Harry Potter aber auch erst mit 16 gelesen habe, glaube ich. Ich kann meinen Einstieg ins Dark Academia auch gar nicht wirklich festmachen. Ich glaube, es sind einfach immer einzelne Elemente, die dann irgendwo durchkommen, wo eben manche Bücher nicht rein Dark Academia sind, aber man dann halt merkt, okay, mich interessiert aber genau dieser Aspekt von der Geschichte, so dieses Lernen und diese moralischen Fragen eben auch. Und ich glaub so das erste Mal, wo mir das so richtig aufgefallen ist, dass mir das Spaß macht, ist „The Picture of Dorian Gray“ von Oscar Wilde. [Shelly: Oh ja.] das habe ich ganz, ganz toll gefunden und das hat mich auch sehr früh geprägt in meinem Lesen und würde ich auch. Ich glaube nicht, dass es rein Dark Academia ist, aber ich glaube, es ist ein sehr großer Vertreter und auch einer der Klassiker, der das für mich repräsentiert.

 

Shelly: #00:13:17‑5# Ja, aber gerade auch ich glaube, dann wird. Also wenn Oscar Wildes „Dorian Gray“ reinfällt, dann würde ich auch sagen „Frankenstein“. [Jaci: Ja, doch.] mit dieser Exzentrik und diesen Professor, der so obsessiv ist und diese, dieses Monster da erschafft vor lauter Wissbegierigkeit und.

 

Jaci: #00:13:41‑6# Auf jeden Fall das Wissen, was er gehabt hat, noch nicht gereicht hat und er über die Grenzen des Leben und Tod, also über diese Grenze sogar überschritten hat.

 

Shelly: #00:13:50‑8# Moralisch verwerflich?

 

Jaci: #00:13:51‑9# Moralisch sehr verwerflich. Sehr viel Tod auch und sehr viel Leid und finde ich schon auch eine Form der Dark Academia, würde ich sagen. Und wenn man dann bei Klassikern gerade auch sind, finde ich „Sherlock Holmes“ ist schon auch. Ist zwar nicht wirklich in einem akademischen Setting per se, aber dadurch, dass er so viel Wissen hat und so viel ähm Weisheit irgendwie auch schon teilweise, dass er schon diese Akademiker irgendwie ist, ohne jemals wirklich akademisch sein zu müssen. Aber ich finde schon, dass es auch diesen Vibe gibt und auch mit dem Moralischen, dass er sein Wissen oder seine Fälle dann oft über das Wohl von anderen Menschen stellt und fragwürdige Entscheidungen trifft. Das finde ich schon auch, dass das reinpasst.

 

Shelly: #00:14:40‑5# Ja, stimmt, aber es nehmen ja dann die Dark Academia Bücher, die jetzt rauskommen, ja ganz oft Bezug auf die Klassiker.

 

Jaci: #00:14:47‑7# Auf jeden Fall.

 

Shelly: #00:14:48‑4# Ja, also ich denke mal, das sind so diese Urwerke, die irgendwie den Grundstein legen für diese Ästhetik in der Literatur. Jetzt bin ich mir nicht ganz sicher. Kann ich es darin einordnen oder sehe ich es als Vorwerk oder als Vorlage?

 

Jaci: #00:15:03‑2# Ja, also das kann man glaube ich oft einfach an bei vielen Sachen nicht festmachen. Es ist so wie „Herr der Ringe“ eindeutig für uns Fantasy ist, aber eigentlich so die Mutter aller Fantasybücher war und so immer noch Elemente davon zu finden sind. Ich weiß jetzt nicht, ob es so ein krasses Vorbild wirklich in Dark Academia gibt, aber eben wie du sagst, einzelne Werke, die einfach den Grundstein gelegt haben. Einfach so? Ja, genau. Und wo ich auch sagen muss, das ist mir bei der Vorbereitung aufgefallen ein Klassiker, bei dem ich schon sagen würde, er wäre Dark Academia ist „Faust“ von Goethe. „Faust, der Tragödie erster Teil“ finde ich schon sehr Academia. Er strebt so sehr nach Wissen, dass er sogar einen Pakt mit dem Teufel eingeht, um mehr zu erfahren und in die Hölle zu reisen und in den Himmel. Und das finde ich. Und dadurch eben so viele Menschen dann leiden. Weil er Wissen haben will und moralisch ganz viel falsch läuft. [lacht] Ich finde schon, dass - hot take - aber „Faust“ ist Dark Academia.

 

Shelly: #00:16:09‑5# She said what she.

 

Jaci: #00:16:10‑3# Aber natürlich gibt es neben dem „Faust“ und auch noch modernere Bücher, die wir als Dark Academia sehen. Und wir haben zwar vorher gesagt, es ist kein neuer Trend, aber wir finden jetzt gerade sind wir gerade wieder in einer höheren oder in einer Zeit, wo wieder mehr produziert wird in dem Thema, in dem Genre. Und da haben wir uns natürlich gefragt: Woher kommt es, dass es jetzt gerade wieder beliebter ist? Und mein meine Einsicht ist, dass es eine gewisse so wie viele Bücher man liest, die um dem Alltag zu entfliehen. Und ich finde Dark Academia macht es eben so, dass das moderne Leben nicht wirklich eine Rolle hat. Also eben wie vorher gesagt, es ist irgendwie zeitloser. Es gibt kein Social Media, es ist kein Hustle und Bustle. Es ist irgendwie ruhiger, die Außenwelt spielt weniger eine Rolle. Alle sind irgendwie entspannter und es geht wirklich nur um das Wissen, um das Sein, was man auf diesem Campus irgendwie hat. Aber es ist trotzdem noch real oder realistischer, als wie jetzt Fantasy. Weil Fantasy, da ist klar, dass man dem Leben entkommt, weil man nicht so wirklich auf einen Drachen treffen wird in Tirol aber eben Dark Academia. Also das könnte man sehr bald auch leben, weswegen die Ästhetik zum Lifestyle glaube auch so beliebt ist, weil man es leicht adaptieren kann. Also es ist eher akzeptiert, wenn ich mit meinem Caro Rock rumlaufe, als wie das Schwert auf dem Rücken geschnallt habe.

 

Shelly: #00:17:36‑2# Ja, stimmt, das ist so semi Eskapismus. [beide lachen]

 

Jaci: #00:17:39‑1# Genau. Und ihr habt auch ein Zitat in einem Blogbeitrag der von Wallflower Journal. Die hat geschrieben: „Dark Academia isn‘t a fastfood burger. It's a four course meal.“ Also eben Dark Academia braucht Zeit. Es ist jetzt nicht dieses dieser 200 Seiten Roman, den man im Sommer gerne an einem Tag liest. Man muss sich wirklich oft die Zeit für das nehmen, weil es auch eben oft dicke Bücher sind. Es sind schwere Themen, es sind eben oft moralische Sachen, die man dann selber auch überdenken muss oder sowas.

 

Shelly: #00:18:13‑0# Eben diese ganzen komplexen Einflüsse von von der Klassik. Zitate. Oft sind in anderen Sprachen Zitate drin, Latein und Altgriechisch eben. Und wenn du es wirklich gewissenhaft liest, dann googelst du das nach, was das jetzt heißt. Ja und klar, man liest da teilweise drüber, aber wenn man sich die Zeit nimmt, dann hat man mehr vom Buch.

 

Jaci: #00:18:38‑5# Ja, da gebe ich dir tausend prozentig recht und gleichzeitig eben viele Sachen muss man googeln. Aber ich finde es auch das Tolle an Dark Academia oft. Man liest es ja auch oft, wenn man entweder selber diesen Campusflair erleben möchte oder schon erlebt hat. Und wenn man dann eben oft Sachen, die man selber in der Uni gelernt hat, dann in so einem Buch liest oder Autoren wiedererkennt, Zitate erkennt, Anspielungen versteht, das ist so eine Belohnung, also ein rewarding thing, wenn man das dann versteht, so ein gutes Gefühl, dass man sich denkt, ich bin auch Teil der Academia Bubble [lacht], so irgendwie. Und dennoch ist es aber eben anstrengend zu lesen, weil man eben alles verstehen muss, weil man auch alles verstehen möchte. Und ja, das sind ganz viele Ebenen in diesen Büchern, die es so spannend macht, die zu lesen.

 

Shelly: #00:19:28‑7# Ja, aber ich muss ganz ehrlich sagen jetzt eine kleine Kritik am Genre [lacht, Jaci: Uhhh.] Ich habe eine Phase gehabt nach der Matura, da habe ich, da habe ich von Dark Academia gelebt. Alles, was ich geschaut habe, war Dark Academia. Mein ganzes Pinterest Board war nur Dark Academia. Mein Kleiderkasten habe ich versucht auf Dark Academia umzuräumen, ist aber auch mit Geld verbunden und das hatte ich damals nicht und in this economy sowieso nicht [beide lachen]. Und eben ganz viel Dark Academia gelesen. Und mein Wunsch war so groß, an die Uni zu gehen. Ich wollte das Leben, ich wollte, ich wollte dieses Girl sein, das sie mit ihrer Ledertasche und ihren ihren da so Tweedröcken und den tollen Mänteln so im Herbst ganz romantisch durchs Laub geht, an die Uni und brilliert. [Jaci: Ja?] Und ich bin so desillusioniert worden [lachend], wie ich angefangen habe zu studieren. Es ist nicht alles immer so, wie es in den Büchern steht. Das müssen wir, müssen wir vielleicht an der Stelle anmerken. Aber das ist auch nicht die Funktion von diesem Genre.

 

Jaci: #00:20:42‑2# Genau. Und man muss halt auch dazu sagen, es sind meistens amerikanische oder englischsprachige Werke. Und da ist das Schulsystem auch anders. Ich glaube schon, dass die Uni drüben auch viel anders da funktioniert als sie bei uns.

 

Shelly: #00:20:54‑2# Also sie haben viel schönere Gebäude, gerade in England und so. Ich mein … Geiwi-Turm?. Wow.

 

Jaci: #00:21:02‑9# Ach, ein bisschen lokaler Humor. [lacht] So, wir spannen den Bogen wieder zurück zum Literarischen. Wir haben vorher über die Klassiker geredet und auch schon Anfangswerke quasi, die wir als Dark Academia sehen. Aber Shelly, was ist ein neuerer Titel, den du als Dark Academia sehen würdest oder der du sagst, wie die das Genre einfach gut repräsentiert?

 

Shelly: #00:21:30‑7# „Neuerer“? Muss es in den 2000ern sein?

 

Jaci: #00:21:34‑5# Nein, genau deswegen. Ich weiß genau, was für ein Buch jetzt kommt. Deswegen „neuerer“.

 

Shelly: #00:21:40‑1# [lacht] 1989 „Der Club der toten Dichter“. Also „Dead Poets Society“ von Nancy H. Kleinbaum war für mich eines der Werke, wo ich mich in das Genre verliebt habe. Und ja, was soll ich sagen? Die meisten kennen es. „Club der toten Dichter“ repräsentiert in gewisser Form auch dieses Genre und es ist einfach herrlich. [lacht]

 

Jaci: #00:22:10‑4# Das passt. Das ist genug. Mehr müssen wir nicht wissen. [beide lachen] Die meisten kennen es wahrscheinlich durch die Verfilmung mit Robbie Williams.

 

Shelly: #00:22:18‑7# Robin Williams. [Jaci: Ups. Hoppala.] [beide lachen]

 

Jaci: #00:22:24‑6# Die meisten kennen es wahrscheinlich durch die Verfilmung mit Robin Williams. Einfach ein super Film Und ich brauche danach immer zwei, drei Werktage, um mich wieder von dem zu erholen.  

 

Shelly: #00:22:34‑0# Mich macht das so fertig, ja.

 

Jaci: #00:22:34‑8# Ja, also deswegen auch wieder. Es ist kein Fastfood Burger. Es ist ein „four course meal“ mehr, weil man danach auch tagelang danach noch an die Geschehnisse der Werke denkt.

 

Shelly: #00:22:45‑4# Für dich? Was ist ein moderneres, was dir …?

 

Jaci: #00:22:49‑9# Ich bin ein bisschen besser von der, von der Zeit. Ich bin 1992 „The Secret History“ von Donna Tartt.

 

Shelly: #00:22:56‑3# Ganze drei Jahre jünger, ha. [lacht]

 

Jaci: #00:22:58‑3# Ja, also, das Buch habe ich, muss ich gestehen. Jetzt zur Vorbereitung für den Podcast gelesen. Einfach, weil es für viele eben als das Werk für das moderne Dark Academia-Genre quasi gesehen wird. Und ich war begeistert. Es hat ja auch 560 Seiten. Also man ist dann auch ein Zeitchen dran und es sind auch so ganz bibeldünne Seiten in der Ausgabe, die ich gelesen habe und ich war einfach verzaubert. Es ist eben genau dieses Setting, es ist eine amerikanische Uni und es ist irgendwie immer Herbst oder Winter. Es wird irgendwie nie warm und [Shelly lacht] und alle haben irgendwie hübsche Brillen und lange dramatische Mäntel und das Setting wird einfach 1A geschaffen. Und was da halt auch ganz wichtig ist, ist, was im Academy Setting natürlich oft der Fall ist, was auch bei „Dead Poets Society“ der Fall ist. Diese Figur des Professors ist auch ganz wichtig, der eben Einfluss auf seine Schüler auch hat und der als wichtige Figur dann oft im Vordergrund steht. Und „The Secret History“ von Donna Tartt hat es da einfach für mich geschafft diese Balance zwischen Wissen und „Wissen ist Macht“ darzustellen, aber auch gleichzeitig eben zu zeigen an der ganzen anderen Uni sind diese Leute in dieser Gruppe absolut absurd, weil sie eben so realitätsfern sind. Und es ist dieser Gruppe schon auch irgendwie klar. Oder einem der der der Hauptfigur in der Gruppe schon klar. Mit diesem Abschluss wird sie nicht viel oder wird er nicht viel erreichen irgendwie danach. Also er reflektiert schon darüber so er macht es jetzt, weil es ihn interessiert und er in diesen circle hineingezogen wurde. Aber danach weiß er nicht, ob er wirklich einen Job hat und was er danach wirklich macht. [lacht] Und das finde ich auch ganz witzig, dass sie das dann selber wieder so bis sie reflektiert hat. So ja, Dark Academia ist toll, Wissen ist toll, aber was macht man danach eigentlich damit? [lacht] Und das war ja und die moralischen Dinge, was da passieren, möchte ich nicht genau näher sagen, weil das ist ein bisschen ein Spoiler. Aber es geht auch viel um Tod, Verderben, Sucht auch usw. Es ist ein grandioses Buch, habe ich gefunden und für mich auch sehr ein Grundstein für das Genre.

 

Shelly: #00:25:19‑3# Mir hat es auch gut gefallen, aber ich habe das schon vor ein paar Jahren gelesen, wie es ganz groß auf Tiktok war. Ich war jetzt gerade etwas erstaunt, dass es schon 1992 released worden ist, weil ich dachte, das wäre jünger.

 

Jaci: #00:25:34‑4# Ja, aber es ist auch eines der Werke, an dem ich jetzt auch gemerkt habe, dass es zeitlos ist, weil es könnte in den Neunzigern spielen, weil es gibt eben kein Social Media, es gibt Radios, es gibt Fernseher, aber es könnte auch genauso gut jetzt spielen einfach in einer Gruppe Jugendlicher, die einfach kein Handy haben, weil man auch vor der Außenwelt einfach so wenig mitbekommt und nicht weiß, haben die anderen Handy? Das interessiert uns nicht. Es geht nur um unsere Gruppe und die können so gut auch im Jetzt leben. [Shelly: Stimmt.] Deswegen ist es ein zeitloses Buch.

 

Shelly: #00:26:02‑8# Ein zeitloses Genre. Natürlich gibt es jetzt noch Unmengen an Titel, die man euch jetzt runterrattern könnten, aber ich würde vorschlagen, wir schreiben das einfach zusammen, schauen was man in der Bibliothek haben und würden das euch dann runter in die Shownotes schreiben, dann könnt ihr da nachschauen. [Jaci: Genau.] So und dann würde ich sagen, das war die Dark Academia-Folge.

 

Jaci: #00:26:29‑4# Schön war's.

 

Shelly: #00:26:30‑2# Schön war's. Ja, wir haben uns sehr gefreut. [lacht]

 

Jaci: #00:26:34‑3# Ich glaube, man hat gemerkt, das Thema liegt uns am Herzen. Es ist ein Genre, in dem wir uns auch beide wohlfühlen. Und wir sind gespannt auf eure Eindrücke.

 

Shelly: #00:26:41‑8# Genau! Schreibt uns doch unter post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at. eure Meinung zum Podcast, zu Dark Academia, was für Dark Academia-Bücher würdet ihr uns empfehlen zu lesen? Und genau, wir melden uns dann bald wieder mit einer neuen Folge der Teatime und wünschen bis dahin schönes Lesen.

 

Jaci: #00:27:07‑1# Viel Spaß!

[Outro-Musik]

[Christina] #00:27:34‑6# S‘Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. #00:27:41‑8#

 

Weitere Infos

Shelly und Jaci schauen sich die Ursprünge des beliebten Subgenre Dark Academia an, sprechen darüber, warum jahrhundertealte Lesesäle und dunkle Universitätshallen so beliebt sind, und geben unzählige Leseempfehlungen – da ist selbst für alteingesessene Dark Academia-Fans noch was Neues dabei. Leisten Sie unseren Hosts Gesellschaft bei ihrer Reise durch das Genre. Leseinspiration garantiert.

Viele der besprochenen Bücher gibt’s auch in der Stadtbibliothek.

Kurz und Schmerzlos mit … Elsemarie Maletzke

Kurz und Schmerzlos mit … Elsemarie Maletzke

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:07] [Boris liest] Elsemarie Maletzke: "Jane Austen: Eine Biografie" (Schöffling, 2025). Jane Austen: Die Stille? Die Heitere? Als Autorin hat sie sich stets bedeckt gehalten, "by a lady" stand auf den Büchern und tatsächlich - schreibt ihre Biografin

[00:00:31] Elsemarie Maletzke - trat sie eher als Tante, denn als Schriftstellerin in Erscheinung und man wünschte, es wären in ihrem Leben ein paar Neffen und Nichten weniger und ein paar Romane mehr erschienen.

[00:00:47] Ihre Familie überlieferte sie uns als friedfertige Jungfer und schnitt alles aus ihren Briefen heraus, was auf das Gegenteil verwiesen hätte.

[00:00:56] So wurde auch ihr Werk als ungefährlich und von kultiviertem Witz geschätzt.

[00:01:02] Aber Austen war kein zahmes Huhn, das in seinem literarischen Vorgärtchen pickte, sondern das eleganteste satirische Talent des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts.

[00:01:15] Zweihundertfünfzig Jahre nach ihrer Geburt ist sie populärer denn je.

[00:01:19] Weltweit erleben "Pride and Prejudice", "Sense and Sensibility" oder "Emma" Millionenauflagen,

[00:01:28] werden für Kino und TV-Serien adaptiert und erleben neue mediale Blüten.

[00:01:34] Mit Feingefühl und Humor zeichnet Maletzke das Bild einer Autorin, die mit leichter Hand das scheinbar widersprüchliche verband: Scharfe Beobachtung und zartes Verstehen, Komödie und Drama, Wortwitz und Moral.

[00:02:08] [Intro-Musik] Boris: Hallo und herzlich willkommen zurück beim "Vorwort:

[00:02:11] Kurz und Schmerzlos".

[00:02:13] Heute mit Elsiemarie Maletzke und mein Name ist Boris Schön.

[00:02:19] Ja, Frau Maletzke, schön, dass Sie hier sind.

[00:02:22] Wie alle unsere Gäste, würde ich Sie bitten, sich zuerst kurz vorzustellen.

[00:02:29] Elsemarie Maletzke: Mein Name ist Elsiemarie Maletzke.

[00:02:30] Ich bin Journalistin und Autorin.

[00:02:33] Ich schreibe viel über Reise.

[00:02:37] In letzter Zeit schreibe ich auch Gartenkrimis.

[00:02:40] In den letzten zehn Jahren sind drei erschienen.

[00:02:45] Mein Hauptwerk sind eigentlich Biografien.

[00:02:48] Ich habe über die Schwestern Bronte geschrieben, über Jane Austen, über Maude Gonne, über Elizabeth Bowen und noch einige mehr.

[00:02:57] Das ist so mein Gebiet.

[00:02:59] Boris: Ich würde ganz gerne als erstes vielleicht ein bisschen so auf die persönliche Berufsgeschichte von Ihnen eingehen.

[00:03:07] Sie haben ja quasi Ihr Leben lang eigentlich mit Schreiben oder durchs Schreiben gelebt, haben ja journalistisch, glaube ich, geschrieben, dann auch Reiseführer.

[00:03:17] Elsemarie Maletzke: Es sind keine Reiseführer, es sind Reisebücher eigentlich mit Essays über das Land, also meistens viel über Irland, England.

[00:03:28] Aber es sind keine Bücher, nach denen man Sehenswürdigkeiten angucken kann.

[00:03:34] Boris: Oder den Restaurant-Tipp bekommt.

[00:03:35] Elsemarie Maletzke: Nein, gar nicht.

[00:03:36] Das überlebt sich so schnell. [lacht leise]

[00:03:38] Boris: Und jetzt wollte ich einfach mal fragen, wie kam es dazu, dass Sie sagen, schreiben, das ist mein Beruf?

[00:03:46] Elsemarie Maletzke: Ich bin einfach von der Schule abgegangen und habe ein Volontariat bei einer deutschen Lokalzeitung angefangen.

[00:03:52] Ein Kopfblatt der Rheinzeitung.

[00:03:57] Als ich Redakteurin war, war mir das nicht mehr so ganz recht

[00:04:01] und dann habe ich bei der satirischen Zeitschrift "pardon" damals, das war die erste satirische Zeitschrift nach dem Krieg, wurde ich angestellt und habe dort gearbeitet.

[00:04:14] Ich bin kein großes satirisches Talent, ich habe als Text-Redakteurin gearbeitet und das war der Sprung von der Provinz nach Frankfurt. '68.

[00:04:27] Das war schon ein guter Move.

[00:04:30] Boris: Okay. [beide lachen leise]

[00:04:32] Und das heißt, die haben auch einfach einen Talent mitgebracht und es hat ihnen Spaß gemacht.

[00:04:38] Elsemarie Maletzke: Ja, ich habe eben in der Lokalredaktion, muss man ja nun über alles schreiben. [Boris lacht]

[00:04:43] Und als ich dann zu "pardon" gegangen bin, da wurde es dann doch ein bisschen spezieller ... Reportagen.

[00:04:49] Und ich hatte einen sehr guten Chef vom Dienst, der mir noch sehr viel beigebracht hat.

[00:04:58] Also in der Lokalredaktion wird man eigentlich ins kalte Wasser geworfen und es wird eigentlich nur darauf geachtet, ist es richtig, was die Frau schreibt.

[00:05:08] Und bei "pardon" habe ich dann doch ein bisschen mehr die Feinheiten des Gewerbes kennengelernt.

[00:05:13] Boris: Sie haben ja jetzt "pardon" erwähnt, aber Sie haben ja auch für die "Titanic" geschrieben, habe ich zumindest gelesen, "das endgültige Satire-Magazin".

[00:05:23] Ich war ja da früher mal selber Abonnent.

[00:05:25] Jetzt habe ich einfach die Frage, wie war das?

[00:05:27] Die "Titanic", ist das lustig, dann dort zu arbeiten? [lachend]

[00:05:33] Elsemarie Maletzke: Das ist inzwischen eine ganz andere Generation, die das macht.

[00:05:37] Aber es war sehr gut.

[00:05:39] Und all die Freunde, die ich heute noch in Frankfurt habe, die habe ich eigentlich bei "Titanic" kennengelernt.

[00:05:44] Und das sind Beziehungen, die gut gehalten haben.

[00:05:49] Und es waren gute Jahre.

[00:05:56] Boirs: Jetzt noch eine Frage.

[00:05:57] Ich weiß nicht, ob Sie die beantworten können oder wollen.

[00:06:00] Die "Titanic" war ja auch immer berühmt für ihre Cover-Stories sozusagen.

[00:06:06] Können Sie sich erinnern, gab es da ein besonderes Cover, eine besondere Headline, die Sie in Ihrer Zeit, wo Sie für die "Titanic" gearbeitet haben, an das Sie sich noch erinnern können?

[00:06:18] Elsemarie Maletzke:  Da fällt mir als erstes ein Titelblatt von F.K.

[00:06:21] Wächter ein: "Der Papst

[00:06:24] und ein Schaf". [beide lachen]

[00:06:26] Dafür gab es auch heftigen Gegenwind und auch eine Anzeige.

[00:06:31] Ich will da jetzt nicht ins Detail gehen ... [beide lachen lauter]

[00:06:36] Das war eben auch das Gute an "Titanic".

[00:06:40] Man war einfach unverschämt.

[00:06:41] Man hat sich alles getraut.

[00:06:43] Was man sich heute wahrscheinlich ... Nein, die jungen Leute machen das natürlich anders wieder.

[00:06:48] Aber es sind wirklich sehr heftige

[00:06:52] Titel dabei gewesen.

[00:06:53] Sexistisch, rassistisch.

[00:06:55] You name it.

[00:06:56] Sie haben es gemacht. [lachend]

[00:06:57] Ja.

[00:06:59] Boris: Und dann sind Sie ja irgendwie, so wie ich das jetzt interpretieren würde, müssen Sie sich irgendwie in Großbritannien verliebt haben.

[00:07:10] England, Irland.

[00:07:11] Elsemarie Maletzke: Es war

[00:07:11] Irland.

[00:07:12] Ich habe ein Jahr in Dublin gelebt und habe Sprachunterricht gegeben, weil ... Weil ich als Journalistin da natürlich keinen Fuß in die Tür gekriegt habe, als Korrespondentin oder so.

[00:07:26] Und ja, dieses Jahr war, das war '74, war auch ein gutes Jahr.

[00:07:32] Ja.

[00:07:32] Boris: Und prägend dann.

[00:07:33] Elsemarie Maletzke: Ja, ja.

[00:07:34] Auch, ja, was die Sprache angeht, fand ich immer großartig.

[00:07:39] Boris: Sie haben 1989 eine Biografie zu den Bronte-Schwestern veröffentlicht und 1997 zu George Eliot und

[00:07:41] sind heute hier zu Gast in der Stadtbibliothek anlässlich des 250. Geburtstags von Jane Austen mit der Biografie, die Sie über Sie geschrieben haben.

[00:08:00] Was fasziniert Sie an diesen Autorinnen?

[00:08:04] Elsemarie Maletzke: Mich hat in erster Linie erst mal das neunzehnte Jahrhundert interessiert, weil das war ein... Ein Umbruch, wie  er Jahrhunderte vorher nicht geschehen ist, sind die großen Erfindungen gemacht worden, allein die Dampfmaschine.

[00:08:20] Es sind große industrielle Umwälzungen passiert.

[00:08:26] Und Männer haben damals ein hochinteressantes Leben geführt und Frauen weniger.

[00:08:32] Und das hat mich nun besonders gereizt, denn Frauen wurden immer ... Also im neunzehn Jahrhundert natürlich,

[00:08:40] achzehnten, Jane Austen noch viel mehr,

[00:08:43] waren sehr, sehr eingeschränkt.

[00:08:45] Und Frauen, die so klug und tapfer und resilient waren wie die Brontes, Austen, George Eliot später.

[00:08:56] Dieses Leben hat mich mehr interessiert, als das, was Männer damals geschaffen haben. [lacht]

[00:09:02] Boris: Also sozusagen auch ein politisches Interesse an der Zeit.

[00:09:06] Ein Gesellschafts...

[00:09:07] Elsemarie Maletzke: Ja, ein gesellschaftspolitisches Interesse.

[00:09:11] Boris: Jetzt hat meine Kollegin mir gesagt, dass Jane Austen, ich verfolge das ja gar nicht so, anscheinend derzeit auf Booktok ein großes Comeback feiert.

[00:09:22] Ohne dass wir jetzt weiter auf Booktok eingehen, aber die Frage, die ich mir stelle und die ich auch Ihnen stelle, was macht denn die Jane Austen so zeitlos?

[00:09:30] Haben Sie da eine Idee?

[00:09:33] Elsemarie Maletzke: Das kann ich

[00:09:33] für junge

[00:09:35] Menschen, kann ich das... kaum beantworten.

[00:09:37] Ich kann es nur von mir aus sagen, das ist vielleicht eine Sehnsucht, dass in diesen rüpelhaften Zeiten, dass man sich doch ein bisschen nach Anstand, nach Diskretion zurücksehnt, nicht unbedingt nach Nachtöpfen und Kutschfahrten. [Boris lacht]

[00:09:53] Das sind alle solche ... so Beiwerk.

[00:09:57] Aber so wie Menschen damals miteinander umgegangen sind, das ist ein... Ton und ein... sind Umgangsformen, die wir uns heute kaum noch vorstellen können.

[00:10:07] Aber diese... diese Zugewandtheit und diese Aufmerksamkeit und diese Rücksicht, die gerade Jane Austen in ihren Romanen feiert. [lacht kurz]

[00:10:21] Ich glaube, das ist eine zeitlose... eine zeitlose Tugend, die heute auch gerne noch angenommen wird.

[00:10:30] Boris: Jetzt haben Sie ja... sehr intensiv mit denen auseinandergesetzt, aus dem vorher genannten Interesse an den Frauen dieser Zeit, hat sich da durch diese Auseinandersetzung dann eigentlich ihr Blick auf sie verändert, ihre Wahrnehmung oder, wissen Sie, wie ich meine, wenn man sich lange mit einem Thema auseinandersetzt oder mit einer Person... ?

[00:10:48] Elsemarie Maletzke:  Auf Jane Austen jetzt speziell? Nein, kaum.

[00:10:54] Man weiß nicht... so furchtbar viel über sie.

[00:10:57] Man mutmaßt eine Menge.

[00:10:59] Man weiß nicht, war sie glücklich, war sie unglücklich.

[00:11:02] Ich denke, sie war glücklich im Schreiben.

[00:11:04] Ihre Familienverhältnisse können wir uns heute kaum noch vorstellen, wie sie ... Sie war in erster Linie Tochter, Schwester, Tante, Haushaltsvorstand.

[00:11:17] Und das sind Sachen, die wir heute kaum noch nachfühlen können.

[00:11:23] Und wie sie... trotzdem dieses Talent entfaltet hat und trotz aller möglichen Einwände und Einsprüche und dauerndem Umziehen, wie sie ihr Talent entfaltet hat und wie großartig sie ist.

[00:11:40] Das ist mir im Laufe der Zeit dann schon aufgegangen.

[00:11:45] Boris: Jetzt, wenn man nochmal zu diesem Aspekt kommt, dass junge Frauen auch so begeistert sind und immer noch Jane Austen lesen oder

[00:11:53] entdecken ...

[00:11:56] Ist es die Romantik bei ihr?

[00:11:57] Ist das ein Thema, das da mitschwingt oder was könnte da noch so ein Grund sein?

[00:12:05] Elsemarie Maletzke: Ich glaube nicht, dass Jane Austen eine Romantikerin ist.

[00:12:08] Sie hat einen sehr kühlen, rationalen Blick auf ihre Mitmenschen gehabt und auch auf ihre Romanfiguren.

[00:12:16] Und sie ist eine große Moralistin.

[00:12:20] In ihren Romanen bekommt jede Frau den Mann, den sie verdient.

[00:12:25] Also Elizabeth Bennet bekommt Mr.

[00:12:27] Darcy natürlich.

[00:12:29] Aber ihre Schwester Lydia, die schreckliche Fehler begeht und sich wirklich an einen Hochstapler, einen Schwindler wegwirft, die bekommt ihn am Ende auch und man weiß, dass das eine furchtbare Ehe werden wird.

[00:12:44] Und auch die Paare,

[00:12:47] die älteren Paare in ihren Romanen, da gibt es sehr unglückliche Verbindungen.

[00:12:55] Es sind schauerliche Eltern dabei, es sind unglückliche Frauen dabei.

[00:13:00] Man muss aber auch bedenken, dass Frauen damals überhaupt keine Wahl hatten.

[00:13:06] Sie konnten kaum ihr eigenes Geld verdienen, es sei, wenn sie waren eine bekannte Autorin.

[00:13:12] Sie konnten nicht allein verreisen, sie konnten keine Wohnung nehmen, sie konnten nicht mal allein zum Friseur gehen.

[00:13:20] Ja, sie waren eigentlich darauf angewiesen, sich zu verheiraten.

[00:13:25] Und wenn man also in Stolz und Vorurteil eine Mrs.

[00:13:28] Bennet, die eine sehr komische und groteske Figur ist, wenn man versteht, dass die Frau fünf ihrer Töchter unter die Haube bringen muss,

[00:13:38] weil sonst, also es kommt Mr.

[00:13:40] Collins, der wahre Erbe, und wird diese Frauen irgendwann auf die Straße werfen, wenn der Vater gestorben ist.

[00:13:47] Und dann versteht man auch, dass diese bizarre Figur eigentlich auch eine tragische Figur ist.

[00:13:55] Und da gibt es sehr viele Anspielungen und Verbindungen, die Austen in ihren Romanen so gesponnen hat.

[00:14:03] Boris: Also auch die volle Härte der damaligen Zeit schwingt mit.

[00:14:07] Elsemarie Maletzke: Sie wird das nicht als Härte verstanden haben, denn es gab für Frauen keine Alternative.

[00:14:12] Entweder sie blieben unverheiratet zu Hause und haben den alten Vater oder die alte Mutter versorgt.

[00:14:20] Oder sie haben endlich, endlich eine gute, hoffentlich eine gute Partie gemacht.

[00:14:26] Und Austen, die ohne Vermögen war, ebenso wie ihre Schwester, hatte keine guten Karten.

[00:14:34] Boris: Mhm. Ohne gute Mitgift.

[00:14:36] Elsemarie Maletzke: War nicht viel zu holen.

[00:14:39] Boris: [schmunzelnd] Also keine Schmonzetten, die die Frau Austen geschrieben hat.

[00:14:42] Elsemarie Maletzke: Ganz und gar nicht.

[00:14:47] Boris: Gut, ich bin schon sehr gespannt auf den heutigen Abend und stelle Ihnen jetzt noch zwei kurze Fragen.

[00:14:54] Und zwar die eine Frage, wie sieht es denn mit weiteren Buchprojekten bei Ihnen aus?

[00:14:59] Elsemarie Maletzke: Im Frühjahr kommt ein neues Buch. [lacht]

[00:15:02] Es ist ein Gartenkrimi, aber es ist... nicht von der harten Sorte.

[00:15:08] Das heißt "Das Haus mit den sieben Gärten", soll im Februar erscheinen.

[00:15:14] Boris: Und der Täter ist aber nicht der Gärtner. [Pause]

[00:15:18] [lacht] Sie verraten nichts. - Elsemarie Maletzke: [lacht] Es wird nichts verraten.

[00:15:23] Boris: Ja und dann, wie bei allen unseren Gästen, würde ich Sie gerne zum Abschluss noch um eine Leseempfehlung für unsere Zuhörer*innen bitten.

[00:15:32] Elsemarie Maletzke: Ich bin heute durch Innsbruck gelaufen und bin in der Wagnerschen Buchhandlung gelandet.

[00:15:38] Und die haben eine große Auswahl an schönen Krimis.

[00:15:42] Und ich bin ein großer Fan von Fred Vargas, der französischen Autorin.

[00:15:47] Und da habe ich mir "Jenseits des Grabes" gekauft und hab an Inn gesessen und habe gelesen in der Sonne.

[00:15:56] War sehr schön.

[00:15:57] Boris: Ja,

[00:15:57] klingt toll. [beide lachen]

[00:15:59] Danke Ihnen vielmals für das Gespräch und ich freue mich auf den Abend.

[00:16:37] Elsemarie Maletzke: Danke. [Outro-Musik] [Boris: S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.]

Weitere Infos

Jane Austen würde dieses Jahr ihren 250. Geburtstag feiern. Zu diesem Anlass lädt die Stadtbibliothek Innsbruck ihre Biografin Elsemarie Maletzke ein, um ihr Buch „Jane Austen: Die Biografie“ (Schöffling & Co.) vorzustellen.

Frau Maletzke arbeitet neben dem Verfassen zahlreicher Biografien (unter anderem auch über die Brontë-Schwestern) auch als Reisejournalistin und war unter anderem für die Satirezeitschriften „pardon“ und „Titanic“ tätig. Mit Boris spricht sie über ihr Interesse am England des 19. Jahrhunderts und darüber, warum Jane Austen auch heute noch so viele LeserInnen findet.

„Jane Austen“ von Elsemarie Maletzke bei Schöffling & Co. finden Sie hier.

Viele der besprochenen Bücher gibt’s auch in der Stadtbibliothek.

Kurz und Schmerzlos mit … Isabella Straub

Kurz und Schmerzlos mit … Isabella Straub

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Weitere Infos

Schon seit jungen Jahren weiß Isabella Straub um die Kraft der Literatur. Trotzdem war es für sie viele Jahre lang unvorstellbar, einen Roman zu schreiben. Spontan nimmt sie dennoch an einem Kurzgeschichtenwettbewerb teil und wird in einem von Sibylle Berg herausgegeben Sammelband veröffentlicht. Seither ist die österreichische Autorin mit vielen Ehrungen und Preisen für ihr literarischen Schaffen ausgezeichnet worden, unter anderem war sie 2024 Stadtschreiberin von Hamburg.

In ihrem Gespräch mit Boris geht sie auf ihren Werdegang ein, spricht über den Vorteil von Pseudonymen in einem Literaturbetrieb, in dem Unterhaltungs- und Hochliteratur oft Hand in Hand gehen. Außerdem teilt sie ihre Meinung dazu, wie Künstliche Intelligenz schon jetzt auf Teile des Buchmarktes wirkt und wie sie das Thema KI in ihrem neuen Roman (da heißt das Modell „Mandy“) selbst bearbeitet hat.

„Nullzone“ von Isabella Straub bei Elster & Salis finden Sie hier.

Viele der besprochenen Bücher gibt’s auch in der Stadtbibliothek.

Literarische Entstehungsgeschichten: Jane Austen vs. die Geschwister Brontë

Literarische Entstehungsgeschichten: Jane Austen vs. die Geschwister Brontë

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Transkript

[00:00:21] [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.[moduliert]

[00:00:22] [Intro-Musik] Christina: Hallo und herzlich Willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:27] Mein Name ist Christina

[00:00:29] Pia: Und ich bin die Pia

[00:00:30] Christina: Und heute sind wir wieder zurück mit den literarischen Entstehungsgeschichten.

[00:00:34] Und wie immer möchten wir uns am Anfang der Folge bei euch bedanken, dass ihr abgestimmt habt, weil es ist ja ein Versus-Format, das heißt die Pia und ich haben jetzt auch beschlossen, dass wir uns um den Sieg batteln.

[00:00:53] Wer am Ende des Jahres mehr Stimmen hat, ja Pia, haben wir eigentlich schon einen Wetteinsatz ausgemacht.

[00:01:02] Pia: Also ich bin dafür, dass der Wetteinsatz sehr niedrig ist.

[00:01:06] Aus überhaupt nicht eigennützigen Gründen.

[00:01:09] Ja sicher Tee.

[00:01:10] Christina: Ich glaube Tee haben wir gesagt.

[00:01:11] Eine Packung Tee.

[00:01:13] Passend dann zur Tea-Time in Ehren.

[00:01:16] Zu Ehren von der Tea-Time mit der Shelly der Jacqueline.

[00:01:19] Ja, weil der Zwischenstand, ich trau's mich gar nicht sagen, ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin, bescheiden dabei zu bleiben.

[00:01:27] Magst du vielleicht sagen, in unserer letzten Folge, das waren die literarischen Entstehungsgeschichten, Gregory Maguire versus Elizabeth Barrett Browning, welche der Geschichten da gewonnen hat.

[00:01:39] Pia: Ja, natürlich wieder deine. [Lachen]

[00:01:42] Ich bin ja immer noch der Meinung, dass du irgendwas nicht ganz ...

[00:01:44] stimmt,

[00:01:45] mit rechten Dingen zugeht. Christina: Fake-News Fake-News.

[00:01:47] Pia: Aber sie hat schon wieder gewonnen, die Christina mit der Elizabeth Barrett Browning.

[00:01:50] Es war aber auch eine sehr interessante Geschichte, muss man sagen.

[00:01:53] Christina: Danke, du hast mich nämlich auf die Geschichte gebracht, also ...

[00:01:56] Pia: Ja, ich hab sie, aber ich hab sie nicht vorgetragen.

[00:01:59] Das ist der wichtigste Teil.

[00:02:02] Das ... Ja.

[00:02:04] Das heißt du auch schon wieder gewonnen, Frechheit.

[00:02:06] Christina: Jetzt bin ich schon Führung, gell?

[00:02:07] Pia: Ja,

[00:02:08] eben, extrem.

[00:02:09] Also, ich muss irgendwann jetzt einmal aufholen.

[00:02:11] Christina: In kürze werden wir das dann hoffentlich auch festhalten mit den Zahlen, damit wir genau wissen, wie es steht immer.

[00:02:18] Wie bei Sport ist es dann, habe ich gehört.

[00:02:21] Und dann sehen wir dann am Ende des Jahres, wer die Gewinnerin ist.

[00:02:25] Und deswegen auch müsst ihr wieder in dieser Folge abstimmen.

[00:02:30] Pia: Genau.

[00:02:30] Wir wissen ja schon, für wen ihr wählts.

[00:02:32] Pia: Oh je.

[00:02:34] Ja dann, Christina, fang du mal an.

[00:02:38] Leg los.

[00:02:38] Christina: Alles klar.

[00:02:40] Die heutige Folge für die literarischen Entstehungsgeschichten ist... für die gibt es einen ganz besonderen Anlass übrigens.

[00:02:46] Wir haben am 21.10. die Elsemarie Maletzke mit ihrer Jane Austen Biografie zu Gast.

[00:02:57] Deswegen wissen wir heute schon, was wir gegenseitig präsentieren, nämlich Wir sprechen heute über die wohl beliebtesten englischen Schriftstellerinnen des neunzehnten Jahrhunderts.

[00:03:11] Das sind Trommelwirbel, [Trommelwirbel]

[00:03:17] Pia: Jane Austen und

[00:03:19] Christina: die Geschwister Bronte.

[00:03:22] Übrigens, wer Pia und mich kennt und uns auch schon ein bisschen länger hört, weiß, wo unsere Vorlieben liegen, gell, Pia?

[00:03:30] Pia: Ja, ich mag beide, also alle, in dem Fall sind ja nicht nur zwei, aber ich mag alle.

[00:03:35] Christina: Den Branwell auch.

[00:03:38] Aha!

[00:03:38] Pia: Na, den kenn ich noch nicht.

[00:03:41] Christina: Genau.

[00:03:42] Auch heute möchte ich euch wieder die literarische Entstehungsgeschichte angenehm mit Ambiente präsentieren.

[00:03:50] Ihr wisst, in meiner Geschichte, nachdem ihr auch immer für mich stimmt, vielen Dank, dürft ihr euch zurücklehnen, euch ein Heißgetränk eurer Wahl holen.

[00:03:59] Das geht jetzt im Herbst sowieso besonders gut.

[00:04:04] Wir befinden uns in einem abgelegenen Dorf im Norden Englands Anfang des neunzehnten Jahrhunderts.

[00:04:14] Der Ort heißt Hayworth.

[00:04:18] In Hayworth steht nämlich ein Pfarrhaus am Rand der Willen und der Windumtosten Moore von Yorkshire, in dem vier Geschwister zusammen aufwachsen.

[00:04:29] Charlotte, Branwell, Emily und Anne Bronte.

[00:04:34] Charlotte ist 1816 geboren. Im Ein-Jahres-Rhythmus folgen Branwell und Emily.

[00:04:43] 1820 kommt Anne zur Welt.

[00:04:47] Ihre Mutter und die zwei ältesten Schwestern sind früh gestorben.

[00:04:52] Der Vater, ein Pfarrer, ist viel beschäftigt.

[00:04:55] Aufgezogen werden die Kinder von ihrer Tante Elizabeth Branwell.

[00:05:01] Es ist die Schwester der verstorbenen Mutter und die fördert die Kinder auch.

[00:05:08] Ganz viel.

[00:05:10] Charlotte und Emily beispielsweise ermöglicht sie längere Aufenthalte in Brüssel.

[00:05:16] Was für die Zeit.

[00:05:18] Pia: Sicher teuer war wahrscheinlich,

[00:05:20] oder?

[00:05:21] Christina: Fand ich irgendwie bemerkenswert.

[00:05:23] Im Haushalt der Brontes brodelt es vor Fantasie.

[00:05:28] Der Funke kam 1826 als der Vater Patrick Bronte seinem Sohn Branwell ein set winziger hölzerner Soldaten schenkte.

[00:05:39] Keiner konnte ahnen, dass diese kleinen Figuren der Beginn mehrerer literarischer Karrieren einleiten würde, die die Weltliteratur verändern sollten.

[00:05:49] Die Geschwister gaben den Soldaten Namen, machten sie zu Helden und Schurken, verliehen ihnen Stimmen.

[00:05:56] Bald entstanden ganze Reiche, angeführt von Königen, voller Intrigen waren sie, voller Kriege und Liebesdramen.

[00:06:04] Das Besondere daran, die Geschwister entwickelten diese Welten über Jahrzehnte weiter.

[00:06:11] So schrieben sie zum Beispiel Geschichten, Gedichte und fiktive Zeitungsberichte in winzigen selbstgebastelten Büchern, die so klein sind, dass man sie nur mit einer Lupe lesen kann.

[00:06:23] Diese Miniaturbücher oder Little Books sind etwa drei bis fünf Zentimeter groß und inzwischen berühmt.

[00:06:32] Man kann sie sich zum Beispiel im Bronte Parsonage Museum Hayworth heute noch anschauen.

[00:06:40] Sie enthalten Geschichten wie The History of the Young Man, eine frühe Erzählung über die Spielzeugsoldaten oder auch Branwells Blackwood Magazine, eine erfundene Zeitschrift voller Rezensionen und Nachrichten aus einer der Fantasiewelten, die die Geschwister erschaffen haben.

[00:06:58] Oder The search after happiness, geschrieben nur mit einem P, also mit einem P zu wenig Hapiness, von der Charlotte Bronte.

[00:07:08] Und im Impressum steht, hat sie geschrieben mit der Hand, "printed by herself and sold by nobody".

[00:07:18] [Lachen] Pia: Also schon sehr Selfaware, das Ganze.

[00:07:21] Christina: Ja

[00:07:21] schon.

[00:07:22] Und von denen gibt es auch Bilder im Internet.

[00:07:28] Ich werd in den Show Notes auf die Seite vom Bronte Parsonage Museum verlinken, dann kann man sie sich selber mal zumindest auf den Bildern anschauen.

[00:07:43] Warum die Bücher jetzt so klein waren, das kann heute nur noch gemutmaßt werden.

[00:07:48] Literaturwissenschaftlerinnen gehen davon aus, dass es zum einen an der Papierknappheit lag, denn Papier war teuer und die Brontes waren ja keine reiche Familie.

[00:08:00] Außerdem gibt es Hinweise in Charlottes Briefen, in denen sie andeutet, dass die Büchlein nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollen, als also Teil dieser Spiel- und Fantasiewelt zwischen ihren Geschwistern war, die sie nur für sich behalten wollten.

[00:08:18] Diese Fantasiewelt bestand aus den beiden fiktiven Reichen, Angria oder Angria und Gondal.

[00:08:26] Die Geschwisterpaare Charlotte und Branwell haben zusammen an Angria fabuliert, eine Welt wie ein Abenteuer-Roman voller exotischer Landschaften, Soldaten und einer gehörigen Portion Drama.

[00:08:40] Emily und Anne dagegen schufen Gondel, eine nordische, melancholische Welt geprägt von ungestümen Heldinnen und tragischen Schicksalen.

[00:08:50] Angria entstand zuerst.

[00:08:52] Charlotte und Branwell waren unzertrennlich und fütterten einander mit Ideen.

[00:08:57] Ihr Angria war inspiriert von wahren Begebenheiten, die sie aus der Zeitung entnahmen, aber eben auch von Abenteuer, Romanien und großen Heldenfiguren der Zeit.

[00:09:06] Eine Hauptfigur war etwa Arthur Wellesley, das ist der Herzog von Wellington gewesen, der im echten Leben in Waterloo zum Beispiel über Napoleon gesiegt hat.

[00:09:18] Im Reich von Angria wurde er zum unsterblichen Helden und Herrscher Achtung über die Kolonie in Afrika.

[00:09:28] Nach heutigen Begriffen wäre dieser fiktiver Wellsley wohl eher der Schurke der Geschichte.

[00:09:37] Aber Charlotte und Branwell sind im England des neunzehnten Jahrhunderts aufgewachsen.

[00:09:44] Das war die Hochzeit des englischen Kolonialismus und Großmachtstreben.

[00:09:51] Daher diese Art von... war das ein Held für sie.

[00:09:56] Die Charlotte jedenfalls schrieb später fast wehmütig über Angria, dass sie in einer Welt lebte, die so real war, wie das tägliche Leben, nur schöner.

[00:10:09] Emily und Anne dagegen schufen Gondal.

[00:10:12] Während Angria an Kolonialfantasien und Zeitungsromanen hing, war Gondal wilder und persönlicher.

[00:10:20] Es war ein Reich von Inseln im Raum Norden mit einem Klima so stürmisch.

[00:10:24] wie die Herzen seiner Bewohner. [Lachen]

[00:10:29] Hier regierten stolze Königinnen.

[00:10:32] Unbezähmbar und leidenschaftlich.

[00:10:34] Eine von Emilys Hauptfiguren war die Königin Augusta Geraldine Almeda, eine Frau, die Intrigen schmiedete, Kriege führte, Gefangenschaft erlitt, doch nie ihren Stolz verlor.

[00:10:46] Anne dichtete von tragischen Liebesgeschichten und vom unausweichlichen Schicksal.

[00:10:51] Und meiner Meinung nach... würden Anne und Emily heute als Vorreiterinnen der Romantasy.

[00:10:58] Des Romantasygenres gelten.

[00:11:00] Pia: Das

[00:11:00] klingt schon sehr danach.

[00:11:04] Christina: Schade ist, dass die Prosa-Texte von Gondal fast vollständig verloren gegangen sind.

[00:11:10] Was erhalten geblieben ist, sind vor allem die Gedichte, die sie geschrieben haben.

[00:11:16] Ich meine vor allen Dingen Emily, die zeigen die Intensität.

[00:11:21] dieser Welt, das wie düster und stürmisch und emotionsgeladen das war.

[00:11:26] Und ein Kritiker hat einmal geschrieben, dass Gondal die Keimzelle von "Wuthering Heights" war und dass man darin schon ganz viel von was Emily Bronte von der Stimmung den Ursprung finden kann.

[00:11:43] Und daran sieht man schon, dass diese Fantasiewelten kein bloßes Kinderspiel waren.

[00:11:47] Sie waren für die Vier eine literarische Werkstatt, ein Übungsfeld, in dem die Bronte Geschwister Figur und Psychologie Dramatik und Stil ausprobieren konnten.

[00:11:57] Charlotte übt hier ihre komplexen Heldinnen, die später in "Jane Eyre" auftauchen.

[00:12:03] Emily entwickelt in Gondal die dunkle, leidenschaftliche Atmosphäre von "Wuthering Heights", Anne fand in ihren Gondal Gedichten die Stimmen von Frauen, die sich gegen gesellschaftliche Zwänge auflehnten.

[00:12:14] Ganz wie in "The Tenant of Wildfell Hall" oder "Agnes Gray".

[00:12:18] Und auch der Branwell, der sich selber als Schriftsteller und Künstler verstanden hat, der aber nie den Bekanntheitsgrad  seiner Schwestern erreicht hat, war, wie man auch an diesen Miniaturbüchern merkt, ein ganz wichtiger Mitgestalter dieser Welten.

[00:12:36] und seine frühen Texte zeugen davon, wie ernst die Geschwister diese eigene Welt nehmen.

[00:12:42] Die vier Geschwister sind leider relativ früh gestorben, anders als lange behauptet allerdings nicht alle an Tuberkulose, das war nachweislich Anne, sondern an Nierenversagen, Branwell, der starker Alkoholiker war, Pneumonie, die Emily, die unbehandelt geblieben ist und die Unfähigkeit, Nahrung zu sich zu nehmen und bei sich zu behalten, der Charlotte.

[00:13:11] Die drei Schwestern haben Zeitlebens unter Pseudonymen veröffentlicht und im Eigenverlag.

[00:13:19] Pia: Im Eigenverlag, das hab ich gar nicht gewusst, das finde ich cool.

[00:13:22] Nämlich Cura, Alice und Acton Bell.

[00:13:26] Und noch einmal, ich hab die Romane schon erwähnt, aber damit man sie noch mal zuordnen kann, weil man das manchmal ganz gern verwechselt.

[00:13:33] Und die Anne auch nicht so bekannt ist wie Charlotte und Emily.

[00:13:39] "Jane Eyre" von der Charlotte, "Wuthering Heights" oder auf Deutsch, "Sturmhöhe" von der Emily und "Agnes Gray" und "The Tenant of Wildfell Hall", zu Deutsch "Die Herrin von Wildfell Hall" von Anne.

[00:13:54] die sich auch zu lesen lohnt.

[00:13:58] Und erst fünfzig Jahre nach ihrem Tod, 1899, erschien die Werkausgabe der drei Schwesten unter ihrem bürgerlichen Namen.

[00:14:10] Das war dann in dem Verlag in New York.

[00:14:12] Pia: Das heißt aber von Branwell ist nie was veröffentlicht worden?

[00:14:16] Okay.

[00:14:17] Christina: Branwell hat ein relativ bekanntes Porträt.

[00:14:21] von sich und seinen Schwestern gemalt.

[00:14:24] Wenn man auf Wikipedia geht, ist es das Bild, das da drinnen ist.

[00:14:28] Und zwar, das hat er 1834 fertig gestellt. Ursprünglich sah man die Geschwister von Links nach Rechts Anne, Emily, Branwell und Charlotte. Er hat sich dann später übermalt und jetzt ist da nur noch so zwischen den Schwestern eine Säule zu sehen.

[00:14:44] Pia: Ah und das war er?

[00:14:45] Christina: Ja das war er. Da war er.

[00:14:48] Pia: Ist auch irgendwie interessant, oder?

[00:14:50] Christina: Ja, total.

[00:14:51] Pia: Gerade die Person, die weniger bekannt ist, dann gedacht hat, na jetzt mal ich mir raus.

[00:14:54] Christina: Und das habe ich angenommen.

[00:14:56] Ich habe dann gelesen, dass er es gemacht hat, weil er sich hässlich gefunden hat auf den Bild.

[00:15:00] Pia: Ah, okay.

[00:15:01] Christina: Ja.

[00:15:02] Aber ich hätte erst das angenommen, dass er vielleicht gemerkt hat, dass er nicht so erfolgreich ist wie sie.

[00:15:07] Also, zurück zu dem Bild von den vier Kindern im Pfarrerhaus in Hayworth, draußen der Wind, das Moor, drinnen sitzen sie über diesem winzigen Büchlein.

[00:15:19] Sie flüstern sich Intrigen zu, entwerfen Königinnen und Schlachten und Liebesdramen.

[00:15:24] Und was als so ein Kinderspiel begann, war der Ursprung von einer ganz großen Literatur, über die wir heute noch reden, die wir heute noch lesen, die in den Kanon-Einzug gefunden hat.

[00:15:35] Und ohne diese hölzernen Soldaten kann man vielleicht sagen, die der Vater, 1826 den Kindern geschenkt hat, gäbs vielleicht kein Jane Eyre und keine Sturmhöhe und keine Agnes Gray und was auch... und alle anderen Romane.

[00:15:50] Und ... ich finde das ist richtig, richtig schön was man machen kann aus quasi nichts.

[00:15:58] Also du hast ... sie haben nur Zeit gebraucht und Fantasie und wahrscheinlich ein bisschen Förderung und diesen Willen ganz tief in die eigene Welt einzutauchen.

[00:16:08] Und das hat mich sehr schwer beeindruckt.

[00:16:10] Und das ist das Ende meiner Geschichte.

[00:16:14] Pia: Applaus, Applaus!

[00:16:15] Ich finde, das ist interessant.

[00:16:17] Die habt eben noch nie was von Branwell gehört gehabt.

[00:16:18] Deswegen, das war sehr interessant.

[00:16:19] Christina: Gell,

[00:16:20] ich auch nicht, bevor ich angefangen habe, weil ich wusste, dass du über Jane Austen redest ...und ich hab aber gedacht, aber wen nehm ich von die Bronte Schwestern?

[00:16:29] Es ist sehr unmöglich, die Entscheidung zu treffen.

[00:16:31] Und dann haben wir ... Ich

[00:16:32] Pia: Weil sie ja auch als eine Einheit wahrgenommen werden. Eben man sagt auch immer immer die Bronte Schwestern.

[00:16:35] Christina: Genau.

[00:16:37] Ja, total, hat mich hat total fasziniert.

[00:16:39] Ich verlinke auch gerne diesen Wikipedia-Eintrag mit dem Bild, weil es sich so ein bisschen volle spannend, dass er sich da wieder raussagemalt

[00:16:45] hat.

[00:16:46] Pia: Ja.

[00:16:47] Christina: Okay, Pia, jetzt bin ich sehr gespannt auf deine Geschichte.

[00:16:49] Ich freue mich sehr.

[00:16:51] Pia: Das heißt, wir wissen nicht schon, worum es bei mir geht.

[00:16:54] Jane Austen.

[00:16:57] Stellt euch England Ende des achtzehnten Jahrhunderts vor.

[00:17:00] Große Landhäuser, feine Bälle.

[00:17:03] Endlose Gespräche, über Stand und Vermögen und natürlich Heiratsaussichten.

[00:17:10] Und mitten in dieser Welt kommt 1775 in einem kleinen Dorf ein Mädchen zur Welt, Jane Austen.

[00:17:17] Jane wächst in einer sehr großen Familie auf, acht Kinder und ein Vater, der übrigens auch Pfarrer ist.

[00:17:22] Also irgendwie lustig, dass gerade die Pfarrers Kinder da so literarisch in diese Richtung gehen.

[00:17:28] Christina: Aber meinst du, das ist weil die... wahrscheinlich viel schreiben und lesen so frühes Bildungsbürgertum.

[00:17:34] Pia: Ja, und ich glaube auch, dass halt einfach viele Bücher in dem Fall im Haus sind.

[00:17:38] Und ich glaube, das macht halt schon einen Unterschied, wenn man den Zugang zu der Literatur hat oder vielleicht will man dann auch selber produzieren und was draußen machen.

[00:17:46] Jane Austen's Schwester Cassandra wird die engste Freundin fürs Leben.

[00:17:50] Schon als Teenager schreibt Jane kleine Theaterstücke und Geschichten, also auch sehr ähnlich wie bei dem Brontes.

[00:17:56] Christina: Es gibt diese Kurzgeschichte mit Elf, richtig?

[00:17:58] Die kannst du heute noch lesen.

[00:17:59] Pia: Ja,

[00:17:59] genau, da gibt es aber einige.

[00:18:00] Also die Juvenelia, Juvenelia, ich weiß nicht, wie man es genau ausspricht, aber da gibt es ein paar Frühwerke.

[00:18:06] Aber nicht etwa rührselige Romane schreibt sie, sondern bissige Parodien.

[00:18:10] Sie macht sich über die großen Roman-Heldinnen ihrer Zeit lustig.

[00:18:14] Ihr Witz ist also schon damals spürbar und Jane beobachtet.

[00:18:19] Auf Bällen!

[00:18:20] Beim Tee trinken, mit Nachbarn oder auf Reisen nach Bath.

[00:18:24] Überall schaut sie den Leuten genau zu.

[00:18:26] Diese Beobachtungen fließen später in die Romane ein.

[00:18:30] Ihre Figuren, stolze Gentleman, lebhafte Heldinnen, berechnende Mütter, wirken so echt, weil sie direkt aus dem Leben gegriffen sind.

[00:18:40] Anfangs schreibt sie nur für den privaten Kreis, oft auf kleinen Zetteln, die sie anscheinend sehr schnell beiseite gelegt hat, wenn jemand den Raum betreten hat.

[00:18:49] Nicht mögen, wenn Leute sie dabei erwischt haben.

[00:18:52] Christina: Aber ja, eigentlich wieder wie die Charlotte mit ihren Miniaturbüchern, wo sie eigentlich gar nicht wollte, dass die Öffentlichkeit davon erfährt.

[00:18:58] Pia: Ja.

[00:18:59] Aber veröffentlichten, das ist für die Frauen damals natürlich unvorstellbar.

[00:19:04] Doch 1811 wagt sie dann mit Hilfe des Bruders, also auch wieder ein Bruder, der da involviert ist, mit ihres Bruders Henry den Schritt.

[00:19:12] "Sense and Sensibility" auf Deutsch, "Verstand und Gefühl".

[00:19:16] Auf dem Titelblatt steht allerdings nur "by a lady".

[00:19:21] Kein Name, keine Aufmerksamkeit, aber der Roman findet LeserInnern.

[00:19:26] Zwei Jahre später kommt dann der große Durchbruch mit, Trommelwirbel, "Pride and Prejudice" natürlich.

[00:19:33] "Stolz und Vorurteil".

[00:19:34] Die Geschichte von Elizabeth Bennet und Mr.

[00:19:37] Darcy, wie alle kennen sie, ein Liebesroman natürlich, aber auch eine spitze Satire auf Stand und Vorurteile der Gesellschaft.

[00:19:46] Das Tragische daran, Jane verdient eigentlich fast nichts.

[00:19:50] Sie verkauft die Rechte für grad mal hundertzehn Pfund.

[00:19:54] Heute wären es ungerechnet ungefähr neuntausend siebenhundert Pfund.

[00:19:58] Ihr Verleger hat stattdessen fast vierzigtausend Pfund in heutigen Geld gemacht.

[00:20:03] Also ein klassisches Beispiel.

[00:20:06] Der Autor liefert und der Verlag verdient.

[00:20:10] Weitere Romane folgen, "Mansfield Park", "Emma" und nach ihrem Tod dann "Northanger Abbey" und "Persuasion".

[00:20:17] Keine Kriege, keine politischen Intrigen, sondern das tägliche Drama von Liebe, Ehe, Moral und menschlichen Schwächen.

[00:20:25] Und genau das macht die Bücher eben so stark.

[00:20:28] Sie zeigen, dass die kleinen Entscheidungen genauso spannend sein können wie die großen bombastischen Schlachten.

[00:20:35] Leider bleibt ihr wenig Zeit.

[00:20:38] 1817 mit nur 41 Jahren stirbt Jane Austen.

[00:20:42] Auf ihrem Grabstein wird sie vor allem als tugendhafte Tochter und Schwester geerrt.

[00:20:47] Von ihrer literarischen Größe und Schaffen steht damals gar nix.

[00:20:51] Als sie starb wusste kaum jemand, wer die Lady hinter den Romanen überhaupt war.

[00:20:57] Erst ihr Bruder Henry macht die Autorinnenschaft öffentlich, als er die Post-Homme Veröffentlichung von Northanger Abbey und Persuasion betreut.

[00:21:06] Die Gesellschaft der Regency Area hat nicht wirklich erkannt, welchen Schatz sie da verloren haben.

[00:21:11] Man sah in Austen nur eine Autorin kleiner häuslicher Geschichten, aber nicht die scharfe Analytikerin einer ganzen Epoche.

[00:21:19] Zu Lebzeiten bekam sie also nicht wirklich sehr viel Lob, aber ein Lob hat sie willkommen von Sir Walter Scott.

[00:21:25] Der schrieb damals im Quarterly Review über Emma und pries diese namenlose Autorin als Meisterin des modernen Realistischen Romans.

[00:21:33] Später erkennt die Welt, dass hinter den anonymen Romanen einer der größten Erzählerinnen England steckt.

[00:21:39] Heute mehr als zweihundert Jahre später sind die Geschichten lebendig wie eh und je.

[00:21:44] Sie werden ja auch immer wieder verarbeitet.

[00:21:46] Da haben wir euch schon mal drüber geredet.

[00:21:48] Ob als großer Kinofilm, gerade gibt es zum Beispiel wieder eine Neuverfilmung von Verstand und Gefühl, die wird gerade neu verfilmt.

[00:21:55] Christina: Schon wieder?

[00:21:55] Pia: Ja, schon wieder.

[00:21:58] Oder es gibt auch Serien, zum Beispiel.

[00:22:00] Kommt auch wieder eine neue Netflix-Verfilmung von Stolz und Vorurteil raus.

[00:22:04] Oder sogar, es gibt ja auch moderne Varianten.

[00:22:06] Zum Beispiel Bridget Jones ist ja auch eine moderne Variation von Stolz und Vorurteil.

[00:22:12] Christina: Stimmt.

[00:22:13] Pia: Genau, das heißt, die bleibt eigentlich zeitlos.

[00:22:15] Heute feiern wir eben den zweihundertfünfzigsten Geburtstag von Jane Austen.

[00:22:20] Christina: Nicht heute.

[00:22:21] Pia: nicht heute aber heuer.

[00:22:22] Christina: Heuer.

[00:22:24] Pia: Heuer feiern wir den zweihundertfünfzigsten Geburtstag von Jane Austen eben auch in der Stadtbibliothek mit der Veranstaltung am 21.Oktober.

[00:22:33] Christina: Auf die freue ich mich auch schon sehr, weil ich glaube nämlich, dass die Frau Maletzke, da die totale Expertin ist, sie hat nämlich auch über die Brontes, ist schon Biografien geschrieben.

[00:22:42] Pia: Ja.

[00:22:43] Also ich bin schon sehr gespannt und freue mich da schon auf.

[00:22:46] Genau.

[00:22:47] Das war die Geschichte von Jane Austen.

[00:22:49] Und lustig, weil es gibt sehr viele Parallellen zu den Brontes-Schwester.

[00:22:52] Christina: Absolut, mit dem Pfarrersvater.

[00:22:54] Pia: Ja, dass sie so früh angefangen hat.

[00:22:58] Auch dieses Okay, ja, ich kann nicht veröffentlichen, weil ich bin eine Frau, oder?

[00:23:02] Das ist ja bei beiden gleich.

[00:23:03] Christina: Typisch

[00:23:04] auch für die Zeit.

[00:23:06] Danke, liebe Pia, für die spannende Geschichte.

[00:23:09] Und ich finde auch, dass die Brontes ganz anders sind, ganz anders schreiben, als jetzt die Jane Austen.

[00:23:20] Pia: Ich finde Romantik

[00:23:21] ist sicher bei beiden vorhanden.

[00:23:24] Christina: Ja, das satirische, hätte jetzt Sturmhöhe, denke ich drüber, Jane Eyre.

[00:23:30] Pia: Das ist

[00:23:30] eine andere Richtung, aber die Romantik schon für die Landschaftsbeschreibungen, so hat man schon auch ein bisschen dabei bei beiden.

[00:23:37] Also man merkt, dass es in der gleichen Zeit, aber um die gleiche Zeit

[00:23:42] auch.

[00:23:42] Christina: Literarische Epoche auch, ja ja, logisch.

[00:23:45] Pia: Aber jetzt nicht unbedingt genau die gleiche Richtung.

[00:23:48] Christina: Und beide jung angefangen einfach so in ihrer Fantasie, also beide Gruppen bei.

[00:23:53] Pia: Ich sag

[00:23:54] sogar schon die ganze Zeit beide, obwohl es mehrere Leute sind, die da gleichzeitig produziert haben.

[00:23:58] Christina: Ja.

[00:23:59] Und das muss dann halt auch ein sehr kreativ für Umgebung gewesen sein für die Kinder, dass sie sich das so ausleben haben dürfen.

[00:24:06] Das ist schon toll.

[00:24:07] Pia: Ja, und eben vor allem auch Frauen, oder?

[00:24:08] Weil das ja in der damaligen Zeit wirklich nicht Gang und Gebe war.

[00:24:11] Christina: Jane Austen ist ja unverheiratet geblieben, gell?

[00:24:14] Ja.

[00:24:17] Dann sagen wir danke für die Aufmerksamkeit, danke fürs Zuhören.

[00:24:20] Ihr könnt wie immer abstimmen auf Instagram unter stabibliothek.innsbruck, welche der beiden Entstehungsgeschichten euch besser gefällt.

[00:24:29] Wenn die...

[00:24:30] Pia: Jane Austen

[00:24:32] Christina: Schnitt, Cut raus. [Lachen]

[00:24:35] Wenn die... Abstimmung nicht mehr online sein sollte, dann könnt ihr uns auch gerne auch nachträglich noch eine E-Mail schreiben auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at.

[00:24:48] Auch das berücksichtigen wir natürlich.

[00:24:51] Und ihr könnt uns darüber auch gerne schreiben, wenn ihr euch besonders für eine Autorin, einen Autor interessiert oder euch fragt, wie ein Buch eigentlich zustande gekommen ist, dass wir gerne das für euch präsentieren sollen.

[00:25:04] Das machen wir sehr gerne.

[00:25:07] In dem Fall wünschen wir euch ein schönes Lesen.

[00:25:11] Und wir hören uns das nächste Mal.

[00:25:46] Pia: Tschüss! [Outro-Musik]

Weitere Infos

Pia und Christina haben wieder eure Lieblingsrubrik mitgebracht: Die Literarischen Entstehungsgeschichten.

In Vorbereitung auf die Lesung von Elsemarie Maletzke, die am 21. Oktober 2025 mit ihrer Jane-Austen-Biografie in der Stadtbibliothek zu Gast ist, steht die heutige Folge ganz im Zeichen großer englischer Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts. Christina beschreibt die kreative Kindheit der Brontë-Geschwister und gibt Einblicke in deren frühes literarisches Schaffen. Pia dagegen widmet sich Jane Austens Leben und Werk.

Sie können abstimmen, welche Geschichte Ihnen besser gefallen hat. Oder vielleicht interessieren Sie sich für eine Entstehungsgeschichte und Christina oder Pia sollen sie recherchieren und erzählen: Schreiben Sie uns auf Instagram (stadtbibliothek.innsbruck) oder post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at.

  • die „Little Books“ der Geschwister finden Sie hier
  • zur Website des Bronte Parsonage Museum geht's hier
  • Wikipedia-Artikel mit Branwell’s Portrait und (gelöschtem) Selbstporträt gibt's hier

Veranstaltungstipp:

Elsemarie Maletzke – Jane Austen. Eine Biografie
in der Stadtbibliothek Innsbruck
21. Oktober 2025 ab 19 Uhr
Alle Veranstaltungen sind kostenlos

Viele der besprochenen Bücher gibt’s auch in der Stadtbibliothek.

Teatime: Kanon versus Content

Teatime: Kanon versus Content

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:21] [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermerhten Bibliotheksbesuchen führen. [Intro-Musik]

[00:00:22] Shelly: Boah, hast du schon gesehen, wie viele Neuverfilmungen von Klassiker in der Weltliteratur jetzt bald herauskommen?

[00:00:28] Also teilweise sind die wirklich, wirklich hochkarätig besetzt.

[00:00:32] Ich sag nur, Tom Holland, Zendaya, Margot Robbie etc. [Jaci klatscht im Hintergrund]

[00:00:36] Die Klassiker scheinen wieder voll im Hype zum sein.

[00:00:39] Jaci:Ja, das ist voll cool, voll krass.

[00:00:41] Ich freu mich extrem.

[00:00:42] Und die meine Tom Holland und Zendaya in einem Film.

[00:00:46] I mean ... Come on. [klatscht einmal in die Hände]

[00:00:47] Shelly: Kann nur gut werden. [lacht]

[00:00:50] So, und was hast du dir heute wieder für einen Tee gemacht?

[00:00:53] Jaci: Passend zur heutigen Podcast-Folge habe ich mal einen wahren Klassiker [übertrieben betont] aus dem Tee Regal geholt. [Shelly: imitiert Paukenschlag]

[00:01:02] Es gibt heute englisch Breakfast-Tee bei mir.

[00:01:06] Bei dir?

[00:01:07] Shelly: Ich bin heut ganz crazy am Weg.

[00:01:10] Jaci: Sag nicht Kamille.

[00:01:11] Shelly: Nein, nicht Kamille.

[00:01:12] Es ist ...

[00:01:14] Bio-Früchte-Punsch. [lacht]

[00:01:16] Weil ... es ist September.

[00:01:18] Jaci: Punsch? Aha.

[00:01:18] Shelly: Also, I don't want to overreact, but: Merry Christmas. [beide lachen, Soundbite: Tee einschenken, umrühren, genüsslich trinken]

[00:01:31] Jaci: Hallo und herzlich willkommen zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck und zu unserem monatlichen Format Teatime mit Shelly und Jaci.

[00:01:39] Bei uns dreht sich alles um Popkultur, Literatur und vor allem auch Trends

[00:01:43] die gerade auf Bookstergram und Booktok kursieren.

[00:01:47] Und heute haben wir uns ein Thema rausgesucht, das jedes Jahr im Herbst einfach wieder aktuell wird, und zwar das Thema "Klassiker".

[00:01:54] Also Klassiker der Weltliteratur.

[00:01:56] Und wir stellen uns heute die Frage, was Klassiker zu Klassikern macht, warum sie noch immer so beliebt sind und wieso sie eben auf Instagram in unserer Bubble immer wieder neu auftauchen.

[00:02:08] Und deswegen unser catchy Titel heute.

[00:02:11] Und weil das aber ein sehr kompliziertes Thema sein kann mit den ganzen Begriffen, die wir heute einführen, hat die Queen der Definitionen Shelly uns einige Erklärungen rausgesucht und erklärt uns jetzt mal Begriffe.

[00:02:24] Shelly: Exakt.

[00:02:25] Also, wir müssen uns jetzt mal überlegen, wovon reden wir, wenn wir von Klassikern bzw.

[00:02:32] Klassiker der Welt Literatur reden.

[00:02:35] Und ich hab mir mal da jetzt drei Begriffe ausgesucht aus dem World Wide Web.

[00:02:40] Und zwar starten wir mit dem Begriff "klassische Literatur":

[00:02:46] Das war ein bisschen magere Ausführung, aber sie haben geschrieben: "Buch, das als vorbildlich oder besonders bemerkenswert gilt."

[00:02:53] Jaci: Genau, und also diesen Begriff "klassische Literatur" kürzen wir ab und sagen doch nur Klassiker.

[00:02:58] Shelly: Genau, wenn wir von Klassiker reden.

[00:03:00] Genau.

[00:03:01] Dann "Weltliteratur" und dann muss ich jetzt ein bisschen weiter ausholen:

[00:03:05] " [...] sind Werke, die über nationale und regionale Grenzen hinweg große Verbreitung gefunden haben und die gleichzeitig als für die Weltbevölkerung bedeutsam erachtet werden."

[00:03:17] Martin Wieland verwendet den Begriff erstmals, versteht darunter allerdings die Literatur für den "homme du mond", also den "Mann von Welt".

[00:03:28] Ich glaub da sind wir uns alle einig, dass es nicht mehr ganz zeitgemäß ist?

[00:03:34] Goethe greift an den Begriff auf und versteht darunter "die Literatur der Franzosen, Italiener, Deutschen, Engländer und Schotten, die aus einem übernationalen kosmopolitischen Geist heraus geschaffen wurde."

[00:03:48] Genau.

[00:03:49] Auf jeden Fall sehr westlich geprägt das Ganze.

[00:03:54] Jetzt kann man überlegen, ist "Weltliteratur" kann man den Begriff "Welt" verwenden, weil die Welt besteht aus mehr als dem Westen.

[00:04:03] Genau, und dann habe ich nur rausgesucht den "Kanon der Literatur" aus dem griechischen Kanon für "Regel, Maßstab, Richtschnur", eine Zusammenstellung derjenigen Werke in der Literatur, die einen herausgehobenen Wert haben, beziehungsweise "eine wesentliche Norm setzende und zeitüberdauernde Stellung haben," die denen zugeschrieben wird.

[00:04:26] Also Jackie, wie siehst du das Ganze?

[00:04:31] Wie nimmst du

[00:04:32] die Darstellung auf Social Media war, was verändert sie da für dich?

[00:04:36] Weil du bist ja Profi, du hast Literatur studiert.

[00:04:40] Ist es dasselbe, was in deinem Studium vorkommen ist, was du jetzt auf Instagram siehst oder?

[00:04:47] Jaci: Ja, ich mein, also was man sagen kann, was sich natürlich verändert hat, ist eben die Rezeption der Werke, da sie eben auf Instagram, Bookstagram, was auch immer ganz anders eben rezipiert werden.

[00:04:58] Weil der Text an sich, also dieses ... der physische Text und was geschrieben ist, der verändert sich ja nicht, aber alles drumherum dann eben.

[00:05:07] Also die Bücher bekommen ja die neuen Cover, dass sie hübsch ausschauen.

[00:05:11] Sie werden dadurch ästhetischer gemacht und bekommen eben ganz andere Wahrnehmung, weil sie ja vor allem anders ausschauen.

[00:05:17] Sie bekommen auch eben neue Paratexte, das heißt eben die Vorwörter, werden anders.

[00:05:22] Die Leute verbinden viel mehr, vielleicht damit, weil es einfach neuere Autor*innen oder wichtige Personen sind, die die Vorwörter schreiben und es dadurch ganz anders dann eingeführt wird in diese Texte.

[00:05:35] Und dadurch werden sie eben in einen ganz neuen Kontext gerückt finde ich, wenn das eben ganz anders erklärt wird.

[00:05:41] Aber ich finde jetzt der Begriff der Klassiker, also der Texte selber und das auch eben die Bücher, wie du vorhin gesagt hast, was besonderes Bemerkenswerte sind, das verändert sich nicht.

[00:05:53] Aber eben vielleicht kann man einfach so sagen, dass durch diese ganzen anderen Darstellungen und Auffassungen von den Texten sich so eigener, kleiner Kanon dann eben bildet, dass man, dass man den Begriff dann auch wieder aufnehmen eben.

[00:06:06] Und das dann einfach die ganze Zusammenstellung vielleicht von den Klassikern ändert, aber nicht die Texte an sich.

[00:06:12] Shelly: Also, dass du meinst, dass auf Instagram und Co.

[00:06:15] nicht der Kanon der klassischen Weltliteratur quasi... promotet wird oder dargestellt wird, sondern dass sich da in der Bubble in dieser Booktok und Bookstagram-Bubble

[00:06:28] ein eigener Social Media-Klassiker-Kanon bildet.

[00:06:33] Jaci: Ein bisschen, ja.

[00:06:34] Also gerade so irgendwie, es geht auch sehr viel um Ästhetik und hat die Geschichte, Text, was Ästhetisches? Sind, die Cover ästhetisch? Und so was.

[00:06:44] Und kann man das irgendwie nachleben, passt das so in das ... romantische Schema oder das Academia-Schema, was man selber ausleben möchte.

[00:06:53] Shelly: Also man pickt sich quasi raus, was gerade zum Vibe passt.

[00:06:56] Jaci: Ja, so ungefähr, ja.

[00:06:58] Und ich glaube, dass es da immer auch in jeder Insta-Bubble eigene Kanon gibt.

[00:07:03] Shelly: Es gibt nicht

[00:07:03] die eine.

[00:07:05] Jaci: Genau, es gibt diesen romantischen Klassiker-Kanon irgendwie.

[00:07:08] Es gibt diesen Dark Academia-Kanon.

[00:07:11] Es gibt den... Cozy-Kanon, wo dann eben Werke drinnen sind wie "Little Women" und "Anne of Green Gables" und sowas, wo es dann wirklich um die, um das romantisierte Landleben, da auch irgendwie geht.

[00:07:22] Also ich glaube, dass da jede Bubble eben sich das selber zusammensucht, was sie dann irgendwie präsentiert wird.

[00:07:29] Shelly: Ich habe da letztens auf TikTok Buchempfehlungen bekommen, aber ganz spezifisch eine TBR, wir wissen ja alle, was eine TBR ist mittlerweile. [beide schmunzeln]

[00:07:38] Das ist der "Hot Girl Intellectual Horror-TBR". [lacht]

[00:07:42] Jaci: Oh mein Gott.

[00:07:43] Okay, da haben sie alles reingepackt. [lacht]

[00:07:45] Also da wirst du Jane Austen zum Beispiel nicht finden.

[00:07:47] Jaci:Na eben,

[00:07:47] eben.

[00:07:47] Shelly: Aber es

[00:07:48] ist sehr von Klassikern geprägt.

[00:07:49] Also "Dracula", was haben wir da noch?

[00:07:51] Jaci: Oscar Wilde.

[00:07:52] Shelly: Oscar Wilde, genau.

[00:07:54] "The Picture Dorian Gray."

[00:07:55] Jaci: Brontë.

[00:07:57] Shelly: "Wuthering Heights".

[00:07:58] Jaci:Obviously.

[00:08:00] Shelly: Also diese ganzen Klassiker haben bestimmte "feels", die sie vermitteln

[00:08:07] oder die wir da raus lesen.

[00:08:10] Und es wird mehr nach dem kategorisiert als nach, "du bist ein Klassiker der Weltliteratur und du nicht".

[00:08:18] Jaci: Ich glaube ja, ich glaube eben genau, vielleicht ist das auch wichtig, was du das sagst, dass es weniger darum geht, was für ein ... Wert das Buch in der Gesellschaft bisher gehabt hat irgendwie ...

[00:08:29] Ich mein, dadurch sind sie natürlich bekannt geworden.

[00:08:31] Aber ich glaube, auf Bookstagram geht es dann weniger darum:

[00:08:34] Oh, das ist ein Klassiker und das musst du deshalb lesen.

[00:08:39] Weil es ein Klassiker ist, also mit diesem Titel als "Klassiker" irgendwie betitelt worden ist und mehr eben darum, hey, das ist also ganz banal

[00:08:46] daher gesagt, das ist ein gutes Buch, es hat Ästhetik, es passt zu unserem Vibe und deswegen müssen wir es lesen.

[00:08:52] Shelly: Ja, bin ich d'accord damit, so nimm ich es auch wahr. [beide lachen]

[00:08:56] Jaci: Ja,

[00:08:56] fix.

[00:08:57] Shelly: Ist eben aber ganz was anderes, als wenn ich jetzt... In der Schule von der Leseliste, "Die leidendes jungen Werthers" hingepfeffert krieg und da ein Portfolio schreiben muss und da ein Referat halten muss, als wenn ich eben auf Booktok durchscrolle und dann eben diese Empfehlung bekomme und da die ganze Meme-Kultur drum herum.

[00:09:17] Es ist ja Wahnsinn, was teilweise Memes aus diesen Klassikern entstehen.

[00:09:23] Und das ist sicher ganz eine andere Rezeption als damals.

[00:09:27] Als es erschienen ist.

[00:09:28] Jaci: Es ist viel weniger streng, es ist freier und jeder kann sich irgendwie ein bisschen selber rauspicken auch, was man aus dem Klassiker mitnimmt, weil in der Schule ist einfach ganz klar vorgegeben, was man liest und was man dabei empfinden soll irgendwie.

[00:09:41] Und da gibt es ja schon die vorgefertigten Leselisten mit Anhang, was man sagen darf und was nicht.

[00:09:46] Shelly: Mit

[00:09:46] Arbeitsblättern und Fragen, die du beantworten musst.

[00:09:49] Jaci: Genau.

[00:09:50] Shelly: Nur diese Antwort ist richtig, nur wenn du das mit einbringst.

[00:09:53] Und auf Social Media ist es viel zwangloser.

[00:09:55] Und in den Kommentarspalten ist so doll zum Anschauen, wie diesen Menschen dann über dieses Buch kommunizieren und zueinander finden.

[00:10:04] Aber es hat sicher nichts Wissenschaftliches an sich, keine Analyse, keine Wissenschaftliche.

[00:10:09] Jaci: Nein, es ist eben ungezwungen einfach alles.

[00:10:11] Und ich meine, was da halt auch reinspielt, ist, dass es mittlerweile nicht nur Bücher sind.

[00:10:18] Sondern dass es ja der ganze Franchises schon irgendwie gibt.

[00:10:21] Also nehmen wir wieder Jane Austen.

[00:10:22] Das ist nicht nur mehr ein Buch, ein Werk.

[00:10:26] Das ist ja ein ganzes Imperium an Büchern, Serien, Filmen, eben wie du gesagt hast, Memes.

[00:10:32] Also der Handflex oder sowas. [Shelly lacht leise]

[00:10:34] Das ist jeder Jane Austen Fan weiß, was mit dem Handflex gemeint ist.

[00:10:37] Und das ist ein ganzes Vorbild eigentlich schon an... Weiß nicht, an Lebensstilen, keine Ahnung, wie das genau sagen soll.

[00:10:49] Und das ist einfach auch das, was dann Social Media halt einfach gut macht, dass man sich da freier austauschen kann, dass man alles mit einbeziehen kann und dass es eben nicht nur um diese ... wie Goethe das gesehen hat mit Weltliteratur und nicht nur mit diesem staubigen alten Schema quasi, was man auch noch in der Schule oft mitbekommt, anschauen kann, sondern eben großflächiger, freier und ... damit auch finde ich ein bisschen ... ... intimer mit dem Werk dann auch.

[00:11:17] Shelly: Ja, in gewisse Aspekte ... ... lebst du sicher mehr hinein.

[00:11:22] Jaci: Ja, ich meine ... wir dürfen natürlich jetzt auch nicht ... Social Media da nur in den Himmel loben, weil ich glaube, ganz oft geht es auch wirklich nur um die ästhetischen Buchcover und dass viele Bookstagrammer und Booktoker*innen  die Bücher präsentieren, weil sie hünsch ausschauen.

[00:11:37] Und man weiß ja auch nie haben die Personen das gelesen, haben sie es nicht gelesen.

[00:11:41] Shelly: Ja.

[00:11:42] Jaci: Diese Seite gibt's natürlich auch auf Social Media.

[00:11:45] Shelly: Sie lassen sich wahnsinnig gut ins Szene setzen.

[00:11:48] Also sie passen eben genau zu diesem ... "Oh, das Wetter wird jetzt kälter, wir haben Herbst."

[00:11:54] Dark Academia-Zeit.

[00:11:56] Ich geh in die Stadt mit meinem tollen Trenchcoat, meinen tollen Schuhen und meiner tollen Tasche, wo ich meinen Klassiker natürlich dabei habe.

[00:12:04] Und dann geh ich ins Café, bestellen wir meinen Pumpkin Spice Latte.

[00:12:07] Und dann lese ich da meinen Klassiker

[00:12:09] und oh, dann mache ich aber nur Instagram Story, weil's grad passt.

[00:12:12] Jaci:Genau, weil bei allen tollen Seiten, die wir jetzt aufgezählt haben und wie wir sagen, es ist weniger elitär fast.

[00:12:19] Also das hat jetzt auch wieder ein sehr aufgeladener Begriff.

[00:12:22] Shelly: Ja,

[00:12:23] aber ich geb dir recht.

[00:12:24] Jaci: Genau, und das ist halt das, was ich an Bookstagram so schätze.

[00:12:27] Aber genau so gibt es natürlich die Seite, die sich als sehr intellektuell dann plakatiert quasi, weil sie eben Klassiker lesen.

[00:12:34] Shelly:Ja.

[00:12:35] Jaci: Die dann eben sagen, ja, aber die Romance-Bubble quasi, also alle Bücher, die ... Die "anderen" lesen also ganz viel Anführungszeichen

[00:12:42] mache der grad weil das ist ja "mindere" Literatur die gibt's dann genauso auf Bookstagramm und so

[00:12:47] was die eben sagen "ja aber ich lese jedes Jahr wieder Oscar Wilde weil ich bin intellektuell."

[00:12:52] Das gibt's natürlich auch.

[00:12:53] aber wir zwei habe ich das Gefühl wir sind mehr in der positiven Bubble wo alle offen sind und wir alle einfach offen über das reden können weil es eben wichtig ist dass die Bücher Spaß machen.

[00:13:10] Shelly: Die Hemmschwelle ist, finde ich, durch Social Media viel geringer geworden.

[00:13:13] Man traut sich eher, jetzt einen Klassiker zu lesen, als wenn das immer so das riesen Ding vor dir steht im Regal der Oscar Wild zum Beispiel.

[00:13:24] Oder was wollte ich schon lang lesen?

[00:13:26] "Moby Dick" und ich trau mich nicht drüber.

[00:13:28] Jaci: Ja, ja.

[00:13:28] Shelly: So.

[00:13:29] Jaci: Das stimmt.

[00:13:30] Die Hemmschwelle wird auf jeden Fall geringer gemacht und es ist zwangloser und man hat einen an schwellenfreieren Zugang irgendwie zu dem.

[00:13:39] Dadurch, dass es halt irgendwie gleichaltrige Menschen auch lesen.

[00:13:43] Shelly: Ja,

[00:13:46] genau.

[00:13:47] Jaci:Die Frage ist jetzt aber eben, warum funktioniert das Ganze auf Instagram so gut?

[00:13:51] Also warum wollen Leute die Bücher lesen?

[00:13:54] Warum ist es immer noch so aktuell und die Klassiker noch immer so tief verbreitet in der Bubble?

[00:14:02] Shelly: Ich glaube, es hängt vor allem auf Social Media mit diesem gewissen People Cult zusammen.

[00:14:07] Also... Ich folge einer Booktokerin, Bookstagrammerin, die ich sympathisch finde, die ich gerne schaue, von denen ich schon viele Rezensionen mir angeschaut habe und bin doch eher bereit, da eine Empfehlung von ihr zu lesen oder von ihm zu lesen, als wenn es jetzt irgendeine fremde Person zu mir sagt und sagt, "das müssen Sie lesen."

[00:14:31] Und es ist auch, hat viel damit, glaube ich, zum tun mit der Community in dieser Bubble.

[00:14:37] Also... Die Gespräche rund um die Werke in den Kommentarspalten ist ein recht angenehmes Gesprächsklima.

[00:14:47] Und natürlich möchte ich auch die Memes rund um diese netten Klassiker verstehen. [Jaci lacht]

[00:14:55] Trotz der ganzen Meme-Kultur, die wirklich sehr, sehr lustig und toll ist meiner Meinung nach, geht es ja vor allem doch um das Buch, um den Inhalt und diese Bücher,

[00:15:08] diese Klassiker, sind ja wirklich lesenswert.

[00:15:11] Sie bieten ja einen Mehrwert.

[00:15:13] Was ist in deiner Meinung nach dieser Mehrwert, woraus besteht der?

[00:15:17] Jaci:Genau.

[00:15:17] Und ich meine, der Mehrwert ist ja auch der Grund, wieso sie immer noch auch im Schulsystem noch so verankert sind.

[00:15:23] Also das hat ja absolut alles seine Berechtigung, dass man sie immer noch lesen kann, soll, muss, darf.

[00:15:30] Und ich finde es einfach total faszinierend

[00:15:31] immer, also der Mehrwert, den ich immer daraus ziehe, ist das man gewisse Motive oder eben wie wir es auch nennen die Tropes und die Handlungsmuster,

[00:15:40] immer wieder in diesen Klassikern findet und dann lernt eben quasi wo kommen diese ganzen Muster her die man beim Lesen

[00:15:47] meistens gar nicht mehr so wahrnimmt weil man sich schon so gewöhnt ist.

[00:15:50] aber irgendwo in einem Werk hat das ja ein Ursprung.

[00:15:53] Gehen wir wieder zu Jane Austen wenn wir sagen "Pride and Prejudice" [dt. "Stolz und Vorurteil"] mit Mr Darcy und Elizabeth ist ja die enemies-to-lover story schlechthin, da hat es quasi

[00:16:03] für viele angefangen.

[00:16:05] Daher nehmen ja viele romance novels noch immer

[00:16:08] die Vorbildfunktion auf und greifen diese diesen Trope eben auf.

[00:16:14] Und neben diesen ganzen Tropes werden so viele gesellschaftliche Themen, die einfach immer noch relevant sind und die jeder Mensch durchlebt aufgegriffen.

[00:16:23] Also sei es:

[00:16:24] Liebe, Tod, Hass, Verzweiflung und einfach eben auch Unterdrückung oder sowas.

[00:16:30] Was jeder auch heute noch durchleben kann oder manchmal auch muss, wird dann auch dort ein Stück weit verarbeitet und das zeigt aber eben auch, wie sich die Gesellschaft vielleicht entwickelt hat oder auch eben nicht entwickelt hat.

[00:16:44] Man lernt dann einfach ganz viel über den Verlauf von gesellschaftlichen Problemen vielleicht und auch vom Kontext, in dem das Buch geschrieben wurde.

[00:16:54] Was einfach total spannend ist, dann eben zu sehen, okay, wie lese ich das jetzt?

[00:16:59] Wie war das damals verankert?

[00:17:01] Und ich finde, dass da einfach ganz viel Mehrwert ist bei Klassikern.

[00:17:06] Und was ich persönlich auch oft finde, ist, dass wenn ich einen Klassiker lese, dann fällt mir ganz oft auf, wie schön er geschrieben ist und wie viel mir Sprache da oft früher noch mehr gespielt worden ist.

[00:17:17] Das passiert heute in vielen Werken noch immer.

[00:17:19] Don't get me wrong.

[00:17:20] Aber in vielen, das haben wir in unserer Trope-Folge ja gesagt, in vielen Büchern, gerade eben so Romance-Büchern oder sowas, geht es nur darum, welchen Trope kann ich aufnehmen und weniger um die schöne Sprachmelodie oder sowas.

[00:17:33] Und das finde ich, merke ich persönlich beim Lesen von Klassikern auch viel.

[00:17:38] Shelly: Weil wir vorher gerade gesagt haben, es gibt quasi diesen eigenen Social-Media-Kanon an klassischer Literatur, welche Titel würdest du sagen

[00:17:50] gehören da rein oder was

[00:17:51] in welcher Bubble befindest du dich?

[00:17:54] Was wird dir reingespielt in den Feed?

[00:17:57] Jaci: Ich meine, wir haben sie jetzt schon mehrmals erwähnt in dem Podcast, aber The Queen of Classics herself, Jane Austen ist halt überall.

[00:18:05] Shelly: Allgegenwärtig. [beide schmunzeln]

[00:18:06] Jaci: Sie ist wirklich überall.

[00:18:09] Oscar Wilde ist ganz groß, finde ich auch, und sein bekanntestes Werk eben "The Picture of Dorian Gray."

[00:18:16] Die Bronte-Sisters mit "Jane Eyre" oder "The Wuthering Heights" sind einfach auch allgegenwärtig.

[00:18:23] Im Herbst jetzt eben auch mehr wieder mit dem Gruseln und sowas kommt "Frankenstein" wieder sehr oft von Mary Shelley oder "Nineteen Eighty-Four" von George Orwell.

[00:18:32] Und dann gibt es natürlich auch solche Klassiker, die es ganze Jahr bekannt sind und die einfach immer gut sind, so "The Great Gatsby" von F. Scott Fitzgerald, "Orlando" von Virginia Woolf.

[00:18:46] Oder auch eben die "schweren" Klassiker quasi eigentlich, wo wir eben gesagt haben, wo der Zugang erleichtert wird zu Dostojewski, "White Nights" [dt. "Weiße Nächte"] oder Crime and Punishment [dt. "Verbrechen und Strafe"].

[00:18:57] Und

[00:18:59] das ist eben meine Bubble.

[00:19:01] Und was ich aber dann schon auch oft seh, was aber eben grad nicht so mein Vibe dann oft ist, ist eben Charles Dickens, Shakespeare, Sylvia Plath oder Flaubert oder Dumas, die kommen alle vor.

[00:19:12] Also das ist eben... Sehr groß eigentlich der Kanon.

[00:19:16] Shelly: Ja, dein Feed ist ja total personalisiert.

[00:19:19] Also der Algorithmus, der spielt ja genau das rein, was du gerne magst.

[00:19:22] Aber so grundsätzlich kann man sagen, das sind schon die großen Vertreter auf Social Media.

[00:19:30] Jaci: Genau,

[00:19:32] genau.

[00:19:33] Shelly: Ja, voll interessant.

[00:19:34] Und ganz viele von denen, die du jetzt erwähnt hast, wie wir am Anfang schon gesagt haben, neue Literaturverfilmungen, sind einige Titel dabei.

[00:19:44] Also, zum Beispiel, hast du jetzt gerade nicht gesagt, aber ein Klassiker, den jeder kennt von Homer, die "Odyssee".

[00:19:53] Wird neu verfilmt.

[00:19:55] Regie führt Christopher Nolan.

[00:19:58] Jaci: Crazy

[00:19:58] einfach.

[00:19:59] Shelly: Einfach Batman-Trilogie [Jaci lacht]

[00:20:01] Und jetzt Odyssee.

[00:20:04] Genau, der Cast.

[00:20:05] Jaci: Der Odysseus im Cape. [beide lachen]

[00:20:06] Shelly: Geil.

[00:20:08] Der Cast, beeindruckend: Robert Pattinson, Matt Damon, Tom Holland, Zendaya, Anne Hathaway und weitere.

[00:20:16] Und der Release ist angesetzt, jetzt habe ich nur für Deutschland herausgefunden, im Juli 2026.

[00:20:23] Dann Emily Bronte "Wuthering Heights", also "Sturmhöhe".

[00:20:28] Regie für Emerald Fannell.

[00:20:31] Das Cast ist unter anderem Margot Robbie und Jacob Elordi.

[00:20:35] Und Release ist angesetzt für Februar 2026 in den US, keine Ahnung, ob es da dann eine Verschiebung gibt in Europa.

[00:20:43] Jaci: Auf den Film bin ich so gespannt, da ist jetzt gerade der Trailer rausgekommen. - Shelly: Schrecklich!

[00:20:48] Jaci: Ich bin positiv gestimmt.

[00:20:50] Ich weiß, du bist da ganz anders.

[00:20:52] Aber

[00:20:53] das wird spannend, glaube

[00:20:54] ich.

[00:20:54] Shelly: Wir gehen den gemeinsam und dann werden wir diskutieren drüber.

[00:20:57] Jaci: Wir werden berichten.

[00:20:59] Shelly: Dann weiter.

[00:21:01] Ich hoffe, es bricht mir nicht

[00:21:02] mein Herz, ich bin Jane Austen Number One Fan überhaupt. [lacht]

[00:21:06] Und "Pride and Prejudice" wird neu aufgelegt als Serie auf Netflix.

[00:21:12] Mit dem Cast, der mir eigentlich ganz gut gefällt.

[00:21:14] Olivia Coleman als Mrs.

[00:21:17] Bennett. [lacht ungläubig]

[00:21:19] Jaci: So cool.

[00:21:19] Shelly: Bin gespannt.

[00:21:21] Emma Corrin kennt man auch von "The Crown", hat die Diana verkörpert, als Elizabeth.

[00:21:26] Und da ist aber der Release noch nicht bekannt.

[00:21:29] "Sense and Sensibility" auch von Jane Austen.

[00:21:31] Release Ende 2026.

[00:21:35] "Frankenstein" von Mary Shelley, von Guillermo del Toro, der Regie führt, der Cast ist wieder, Jacob Elordi, Mia Goth, Christoph [englische Aussprache], also Christoph Waltz [deutsche Aussprache], Entschuldigung, ist ja, Oscar Isaac, der hat bei "Dune" mitgespielt, David Bradley, der hat den Finch bei Harry Potter gespielt, den Hausmeister, [Jaci: Oh!] und Charles Dance, der hat den... Vater von den Lannister-Geschwistern bei "Game of Thrones" gespielt.

[00:22:06] Releases für den 7.11.25 auf Netflix

[00:22:10] angesetzt.

[00:22:10] Also doch bald. [lacht]

[00:22:14] Genau.

[00:22:14] Jaci: Ja, also wie man vielleicht auch bei meinen Reactions merkt, ich bin ein großer Fan von Buchverfilmungen.

[00:22:21] Vor allem seit ich gelernt habe, die Bücher dann von den Filmen ein bisschen zu trennen und dass man eben nicht alles ganz getreu verfilmen kann.

[00:22:28] Was du glaubst noch alleine musst bei "Wuthering Heights". [lacht]

[00:22:30] Shelly: Excuse

[00:22:31] you. [beide lachen]

[00:22:33] Aber eben, ich freu mich einfach sehr.

[00:22:35] Und ich hab einfach in den letzten Jahren so viele gute Buchverfilmungen gesehen.

[00:22:40] Also, "Little Women" von 2019  jetzt mit Florence Pugh und Timothee Chalamet - Shelly: Emma Watson. - Jaci:

[00:22:46] Yeah, genau, Saoirse Ronan.

[00:22:49] Absolut guter Film.

[00:22:50] Oder auch letztes Jahr "Der Graf von Monte Christo" in den Kinos.

[00:22:55] Und eine meiner absoluten Lieblingsfilme in meiner Jugend waren "Die drei Musketiere."

[00:23:01] Der Film, der es mit Orlando Bloom, Christoph Waltz und Luke Evans verfilmt worden ist, der war ja auch legendär.

[00:23:07] Also ich freue mich drauf.

[00:23:09] Shelly: Wir freuen uns.

[00:23:10] Jaci: Schauen wir mal, was wird.

[00:23:11] Shelly: Was wird.

[00:23:12] Und vor allem motiviert es mich auch, endlich bei meiner TBR weiterzulesen, da wir ja auch ein paar Klassiker draufstehen.

[00:23:19] Zum Beispiel eben "Wuthering Heights" von Emily Bronte, wo jetzt dann der Film rauskommt.

[00:23:23] Und ich glaub, bis dahin sollte ich es schaffen.

[00:23:26] Jaci: Auf jeden Fall.

[00:23:27] Vor allem, wenn ich dir so im Nacken sitz.

[00:23:30] Und mein TBR-Buch, was noch offen ist, mein Klassiker, ist "Little Man" von Louisa May Alcott.

[00:23:37] Also das Sequel quasi zu "Little Women".

[00:23:41] Wird leider nicht verfilmt, aber vielleicht kann ich das ja in die Wege leiten, wenn es mir gut gefällt.

[00:23:45] Und

[00:23:46] damit wollen wir uns fürs Zuhören ganz recht herzlich bei euch bedanken.

[00:23:51] Und euch motivieren uns euer Feedback auf Instagram oder auch bei E-Mail zukommen zu lassen. - Shelly: post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at - Jaci: Danke Michelle.  

[00:24:02] Und wir freuen uns, wenn ihr das nächste Mal wieder dabei seid.

[00:24:40] Shelly: Tschüss! [Outro Musik] [Christina: S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.]

 

Weitere Infos

Faszination klassische Literatur: Bookstagram und Booktok sind voll davon. Warum ist das eigentlich so? Unter welchen Kriterien wählen die Mitglieder der Communities die Klassiker-Lektüren? Welche Klassiker haben das Potential, viral zu gehen und warum? Und was haben all die Memes damit zu tun? In der heutigen Folge der Teatime beschäftigen sich Jaci und Shelly mit diesen Fragen und mehr. Außerdem empfehlen die beiden ein Starterpaket mit niederschwelligen Klassikern für alle, die nach der nächsten Leseempfehlung suchen.

Außerdem: Kommende Literaturverfilmungen, die Sie auf keinen Fall verpassen sollten.

Das Teatime-Klassiker-Starterpaket für Bibliophile und alle, die’s werden wollen:

  • Verstand und Gefühl, Jane Austen
  • Das Bildnis des Dorian Gray, Oscar Wilde
  • Jane Eyre, Charlotte Brontë
  • Wuthering Heights, Emily Brontë
  • Frankenstein, Mary Shelley
  • 1984, George Orwell
  • Der große Gatsby, F. Scott Fitzgerald
  • Orlando, Virginia Woolf
  • Weiße Nächte, Fjodor Dostojewski

Viele der besprochenen Bücher gibt’s auch in der Stadtbibliothek.

Literarische Entstehungsgeschichten: Gregory Maguire vs. Elizabeth Barrett Browning

Literarische Entstehungsgeschichten: Gregory Maguire vs. Elizabeth Barrett Browning

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00] [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert

[00:00:06] Pia: [lachend] Die gefälschten Umfragen.

[00:00:09] Christina: Wie bitte was?

[00:00:10]  Hallo ...

[00:00:11] Pia: Fake News.

[00:00:12] Christina: Tsch.

[00:00:13] Pia: Ja. [Intro-Musik]

[00:00:14] Christna: Hallo und herzlich willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:34]  Mein Name ist Christina - Pia: und ich bin die Pia - und heute haben wir wieder zwei literarische

[00:00:38]  Entstehungsgeschichten für euch, wo der Clou ist, das Pia und ich, weil ich jeweils

[00:00:43]  eine Entstehungsgeschichte eines berühmten literarischen Werkes oder Oevres vorstellen,

[00:00:48]  euch und uns gegenseitig, aber normalerweise nicht wissen, was die andere Person hat.

[00:00:56]  Die Pia weiß diesmal aus verschiedenen organisatorischen Gründen [beide lachen, wen ich habe.

[00:01:03]  Genau, aber ich weiß nicht, wenn du ausgewählt hast, Pia.

[00:01:06] Bin schon sehr gespannt.

[00:01:07] Pia: Schauen wir mal.

[00:01:08] Christina: Bevor Pia mit ihrer Geschichte anfängt, darf ich noch das Ergebnis der letzten Abstimmung

[00:01:14]  verkünden.

[00:01:15]  Erstens einmal vielen herzlichen Dank an alle Zuhörerinnen und Zuhörer da draußen, die

[00:01:20]  mit solchen geschmacklichen Feinsinn abgestimmt haben.

[00:01:25]  Und Stephen King mit "Carrie" hat 70% der Stimmen erhalten und "The Vampyr" von John Polidori

[00:01:33]  hat 30% der Stimmen erhalten und damit möchte ich sagen, gehe ich [lacht, Pia stimmt ein] in Führung.

[00:01:42] Pia: Frechheit.

[00:01:43]  Schau wie sie sich einschleimt bei den Leuten und sich auch noch bedankt dafür, dass alle

[00:01:47]  sie wählen. [lacht]

[00:01:48] Christina: Ja, ich rede mit euch direkt und die Pia redet über euch.

[00:01:51] Pia: [lacht] Ja, genau.

[00:01:52] Christna: Das ist schon der Unterschied.

[00:01:53] Pia: Ja, das ist der Unterschied.

[00:01:54]  Ja, das stimmt.

[00:01:55] Christina: [lacht leise] Ja, also, mal schauen, ob du aufholst, dann lassen wir dich einmal anfangen.

[00:02:00] Pia: Also…

[00:02:01] Christina: Wobei, Entschuldigung, ich muss noch, was ich dazu sagen will, zu unseren Abst--, ich

[00:02:08]  hätte nicht gedacht, dass ich gewinne, hätte gedacht, dass fix die John Polidori-Geschichte

[00:02:14]  gewinnt.

[00:02:15]  Die hat mir nämlich von unseren beiden, mir persönlich hat die John Polidori besser

[00:02:18]  gefallen.

[00:02:19] Pia: Ja, aber "Carrie" ist viel bekannter.

[00:02:20] Christina: Ist es nur das? Weil gerade das Unbekannte ist das Interessante.

[00:02:24] Warum?

[00:02:25] Pia: Ja, wir haben vielleicht beim Abstimmen denken sich die Leute, denn Stephen King ist so cool.

[00:02:29]  Von Polidori hat noch keiner was gehört.

[00:02:31] Christina: Dann mach ich jetzt nur noch Stephen King, glaube ich.

[00:02:34] Pia: Genau. [beide lachen]

[00:02:35] Christina: Okay, schieß los.

[00:02:36] Pia: Meine Entstehungsgeschichte, da geht es um "Wicked" von Gregory Maguire.

[00:02:40]  Die Welt von der Zauberer von Oz faszinierte Leser*innen und Zuschauer*innen seit der

[00:02:45]  Veröffentlichung von L. Frank Baums Roman im Jahr 1900 und natürlich der berühmte Verfilmung

[00:02:51]  von 1939.

[00:02:52]  Doch während die Geschichte von Dorothy und ihren Gefährten Generationen verzauberte,

[00:02:57]  fragte sich ein Mann, ob es nicht doch eine andere tiefere Wahrheit hinter den Märchen

[00:03:02]  gab.

[00:03:03]  Dieser Mann war Gregory Maguire.

[00:03:05]  Es begann mit einer Frage: Was, wenn die böse Hexe des Westens gar nicht böse war.

[00:03:10]  Seit Kindheitstagen hatte Maguire "Der Zauberer von Oz" gekannt, das Leuchten der smaragdgrünen

[00:03:15]  Stadt, den goldenen Glanz des Weges, die klare Trennung zwischen Gut und Böse, Dorothy

[00:03:20]  die Heldin, der Zauberer ein Schwindler, die Hexen, eine von ihnen lieblich, die andere

[00:03:26]  eine schreckliche gefürchtete Kreatur, aber was, wenn die Geschichte falsch erzählt worden

[00:03:31]  war?

[00:03:32]  In den frühen 1990er Jahren, in einer Welt, die sich mit neuen Fragen über Identität

[00:03:37]  und Gerechtigkeit und Moral auseinandersetzte, begann Maguire tiefer zu graben.

[00:03:42]  Er durchsuchte alte Märchen, Mythen und Legenden und immer wieder begegnete ihm dasselbe Motiv.

[00:03:48]  Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben.

[00:03:51]  So fragte er sich, ob es auch ausreichen könnte, eine Person als Böse zu bezeichnen, um eine

[00:03:56]  selbst erfüllende Prophezeiung auszulösen.

[00:03:59]  Während Maguire zu Beginn des Golfkriegs in London arbeitete, war er von seiner eigenen

[00:04:03]  Reaktion auf eine Zeitungsüberschrift überrascht,

[00:04:06] die Saddam Hussein mit Adolf Hitler verglich.

[00:04:08]  In einem Interview sagte er: Ich hatte eine instinktive Reaktion, allein aufgrund des Wortes

[00:04:13] 'Hitler'.

[00:04:14]  Mein Verstand wurde für einen Moment für eine Welle der Panik überrollt, ausgelöst durch

[00:04:19]  ein einziges Wort.

[00:04:20]  Ich begann mich dafür zu interessieren, wie wir Worte benutzen, um unsere Kräfte für

[00:04:24]  den Kampf zu mobilisieren."

[00:04:26]  Maguire, der bis dahin ausschließlich Kinderbücher geschrieben hat, wollte diesen Gedanken

[00:04:30]  ausarbeiten.

[00:04:31]  Zuerst wollte er ein Buch über Hitler schreiben, er fühlte sich aber nicht wohl dabei und

[00:04:35]  entschloss sich für eine Figur, die ihm bereits in seiner Kindheit Angst gemacht hatte.

[00:04:39]  Er fragte sich, wie entsteht eine Böse in einer Welt, die Helden und Schurken klar trennt?

[00:04:45]  Und so begann er, eine alternative Version der bekannten Geschichte zu entwerfen.

[00:04:49] Christina: Eine Villain-Origin-Story.

[00:04:51] Pia: Genau. Aus der Sicht derjenigen, die in "Der Zauberer von Oz" zu Antagonistin erklärt wurde, die

[00:04:56]  böse Hexe des Westens.

[00:04:58]  So entstand in seinem Kopf eine neue Figur, eine junge Frau mit grüner Haut, die sich

[00:05:02]  nirgends einfügen konnte, eine Frau, die nicht in schwarz und weiß dachte, eine Frau, die

[00:05:07]  ihre Stimme erhob und dafür von der Welt verstoßen wurde.

[00:05:10]  Ihr Name war Elphaba.

[00:05:12] Christina: ... Alfafa?

[00:05:13] Pia:El-pha-ba.

[00:05:14] Christina. Elphaba.

[00:05:17]  Warte, dazu komme ich noch.

[00:05:19]  Was also, wenn die böse Hexe des Westens gar nicht böse war?

[00:05:22]  Was, wenn sie in Wahrheit eine missverstandene Figur war, deren Geschichte nie erzählt wurde?

[00:05:27]  Maguire wollte eine vielschichtige Figur schaffen, die mehr als nur eine eindimensionale Gegenspielerin

[00:05:32]  ist.

[00:05:33]  Er gab ihr eine Hintergrundgeschichte, Emotionen, Motive und einen Namen.

[00:05:38]  Inspiriert von L. Frank Baum, dessen Initialen LFB - Christina: Ohhhhh .... - sich zu Elphaba umformen ließen, gab

[00:05:48]  ihr eine Identität, jenseits des Schreckensbildes, das die ursprüngliche Geschichte gezeichnet

[00:05:53]  hatte.

[00:05:54]  Seine Version von Oz wurde düsterer, komplexer und politischer.

[00:05:59]  Der Zauberer war zum Beispiel auch inspiriert von Richard Nixon. [Christina lacht überrascht auf.]

[00:06:02]  Oder? - Christna: Das ist gut.

[00:06:06] Pia: Statt einer simplen Gut gegen Böse-Erzählung entfaltet es sich eine Geschichte über Vorurteile,

[00:06:12]  Macht, Moral und den Wunsch nach Akzeptanz.

[00:06:15] Elphaba wurde nicht als Böse geboren, sie wurde von einer Gesellschaft, die sie nicht

[00:06:19]  verstand, dazu gemacht.

[00:06:20]  1995 veröffentlichte Maguire dann "Wicked: The Life and Times of the Wicked Witch of the

[00:06:25]  West".

[00:06:26] Christina: Übrigens, kann man ganz kurz darauf eingehen, wie "Wicked Witch of the West", wie gut diese

[00:06:32]  Alliteration einfach ist.

[00:06:33] Pia: Genial, oder?

[00:06:34] Christina: Ja.

[00:06:35] Pia: Der Roman fand eine treue Leserschaft, besonders unter Erwachsenen, die mit "Der Zauberer von

[00:06:39]  Oz" erwachsen geworden ... äh ... die mit "Der Zauberer von Oz" aufgewachsen waren.

[00:06:44]  Nun aber eine reifere und tiefgründigere Perspektive auf die Geschichte suchten.

[00:06:48] "Wicked" wurde zu einem Bestseller und begründete eine ganze Buchreihe "The Wicked Years", die

[00:06:54]  die Welt von Oz aus neuen Blickwinkeln erforschte.

[00:06:57]  Doch der eigentliche Durchbruch kam als das Buch für die Bühne adaptiert wurde.

[00:07:02]  Stephen Schwartz, ein Komponist sah in Maguires Werk einer anderen Art von Musik.

[00:07:07]  2003 erhob sich die Hexe auf einer Bühne am Broadway in die Lüfte und wurde zu einem

[00:07:11]  der größten Musical-Erfolge aller Zeiten.

[00:07:14]  Die Geschichte von Elphaba und Glinda, ihren gegensätzlichen Persönlichkeiten, ihrer

[00:07:18]  Freundschaft und ihrem Schicksal bewegten Millionen von Menschen.

[00:07:21] Christina: Wer ist jetzt Glinda?

[00:07:22] Pia: Das ist die gute Hexe.

[00:07:24] Christina: Ah, danke.

[00:07:25]  Ich hab das schon lange nicht mehr gelesen, deswegen.

[00:07:28] Pia: "Wicked" war kein einfacher Roman mehr, es war ein Phänomen, eine neue Legende und vielleicht

[00:07:32]  sogar die richtige Geschichte von Oz.

[00:07:34]  Gregory Maguires "Wicked" ist mehr als nur eine Nacherzählung, es ist eine Geschichte über

[00:07:38]  Außenseiter, über die Frage, wer entscheidet, was gut und böse ist und darüber, wie sich

[00:07:43]  Legenden von der Realität unterscheiden können.

[00:07:46]  Maguires verwandelte eine alte Geschichte in etwas völlig Neues und schuf damit eine

[00:07:50]  moderne Ikone der Fantasy-Literatur: Elphaba, die grüne Hexe.

[00:07:54]  Genau.

[00:07:55]  Und zur Feier des Tages singt uns jetzt die Cristina noch "Defying Gravity", oder? [Christina räuspert sich theatralisch, Pia lacht]

[00:08:01] Christina: Ja, und es war natürlich auch der Moment für Ariana Grande endlich als Schauspielerin

[00:08:11]  durchzubrechen.

[00:08:12] Pia: Ja.

[00:08:13] Christina: Coole Entstehungsgeschichte.

[00:08:14]  Applaus, Applaus. [Soundbite: großer Applaus]

[00:08:17] Pia: Dankeschön.

[00:08:19]  Dankeschön.

[00:08:21] Christina: Sehr interessant. Pia: Und jetzt ist die Christina dran und ich muss jetzt schon mal vorschicken, also natürlich

[00:08:30]  jetzt nicht für die nächste Geschichte wählen, gell Leute, also es müsste auch ein bisschen

[00:08:34]  auf meiner Seite stehen, Dankeschön. [Soundbite: Booh]

[00:08:36]  Und mit diesen, mit diesen aufwundernden Worten ... [lacht]

[00:08:42] Christina: Ich möchte noch sagen, dass in der Postproduktion letztes Mal deine Geschichte als einzige Geschichte

[00:08:49]  Soundeffekte hatte.

[00:08:50] Pia: Oh ja. Also das muss jetzt auch positiv loben, die Christina hat sich das sehr ins Zeug gelegt. [Soundbite: vereinzeltes Klatschen]

[00:08:54] Christina: Hast du dir die angehört?

[00:08:56] Pia: Ja habe ich ja.

[00:08:57]  Also super Effekte.

[00:08:58] Christina: Wie waren die Effekte?

[00:08:59]  Genial.

[00:09:00]  Danke.

[00:09:01]  Hat wunderbar gepasst. [beide lachen]

[00:09:02] Christina: Da bin ich echt über mich hinausgewachsen.

[00:09:07] Pia: Ja wirklich.

[00:09:08] Christina: Okay, ich bringe mit die Entstehungsgeschichte von den Gedichten, also eigentlich ist es

[00:09:15]  ein Oeuvre von der englischsprachigen Dichterin Elizabeth Barrett Browning und falls ihr jetzt

[00:09:26]  denkt, wer ist das? Genau.

[00:09:28]  Das ist der Punkt dieser ganzen Geschichte.

[00:09:30]  Stellt euch Folgendes vor: Eine Frau, gefeiert, verehrt, aber eingesperrt.

[00:09:38]  Elizabeth Barrett Browning ist 1806 geboren und war eine der bekanntesten Dichterinnen

[00:09:47]  des viktorianischen Zeitalters.

[00:09:49]  Ihre Gedichte sprechen von Liebe, Schmerz und der Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Also dein

[00:09:58]  üblicher Taylor-Swift-Song. [Pia lacht leise]

[00:10:00]  Ihr Alltag spielt sich in einem abgedunkelten Londoner Zimmer ab. Sie ist krank, kontrolliert

[00:10:09]  vom Vater und abgeschnitten von der Welt, wie es leider und sicherlich sehr, sehr vielen

[00:10:15]  Frauen in dieser Zeit gegangen ist.

[00:10:18]  Sie war zwar körperlich geschwächt, aber ihr Geist, ihr Denken und ihre Stimme waren

[00:10:25]  ungebrochen.

[00:10:26]  Eines Tages erhält sie dann einen Brief, und zwar von dem jungen Dichter Robert [betont] Browning. Ooooh. [Pia lacht]

[00:10:33]  Und falls ihr jetzt denkt, hm, dieser Nachname ist ja der gleiche Nachname, den die Elizabeth

[00:10:39]  Barrett hat, richtig, es ist dahin läuft die Geschichte.

[00:10:44]  Dieser Brief war ein Fan-Brief, der war voller Bewunderung und, vielleicht, Liebe ... Fragezeichen.

[00:10:52]  Er schreibt ihr: "Ich liebe Ihre Ferse von ganzem Herzen, liebe Miss Barrett."

[00:10:58]  Was dann folgt, ist mehr als nur ein literarischer Austausch. [Christina: Wohoo!, beide lachen]

[00:11:02] Pia: Und da jetzt auch den Soundeffekt reinhauen ... Christina: Wenn ich ihn finde. [Soundbite: Pfeifen]

[00:11:10] Zwischen den beiden beginnt ein Dialog, wie es ihn nur selten gegeben hat bzw. der reiht sich in die großen Liebesbriefe aller

[00:11:17]  Zeiten ein. Es ist leidenschaftlich, intellektuell und voller Achtung. Über 570 Briefe schreiben

[00:11:25]  sie füreinander. Und das Beste, diese Briefe wurden digitalisiert. Das heißt, die kann man auch

[00:11:31]  heute noch nachlesen und zwar alle davon. Es ist schon ziemlich cool, man kann also richtig die

[00:11:37]  die ganze Beziehung nachverfolgen, wie sie so sich ergeben hat. Die Elizabeth und der Robert,

[00:11:45]  die heiraten dann heimlich. Und zwar gegen den Willen der Familie, sehr Romeo und Julia. Auch

[00:11:51] ein bisschen gegen die Konvention, weil eigentlich gibt es ja Absprachen und das Liebesheiraten

[00:11:57]  sind die viktorianischen Zeitalter meines Wissens nach noch komplett unüblich. Richtig, Pia?  

[00:12:01] Pia: Da wird eher "eloped". Da haut man dann ab und heiratet. - Christina: Genau, so wie in Jane Austen. - Pia: Genau.  

[00:12:11] Christina: Und das ist aber immer schlecht. - Pia: Also finanziell zumindest oft schlecht auch. - Christina: Ja, genau. Deswegen ist

[00:12:16]  es sehr unkonventionell, was die beiden da gemacht haben. Sie fliehen nach Italien, wie viele große

[00:12:21]  Dichter und Dichterinnen dieser Zeit und damit auch in ein neues Leben. Und diese Geschichte

[00:12:28]  wirkt ja schon wie der Beginn eines großen Romans, finde ich. In Italien schreibt Elizabeth dann ihr

[00:12:33]  berühmtestes Werk und das wäre nämlich "Sonnets from the Portuguese". Das ist ein Zyklus von

[00:12:40]  44 Liebessonetten, die bis heute zu den Bewegensten der Weltliteratur zählen. Berühmt ist vor allen

[00:12:49]  Dingen und davon hast du mir erzählt, Pia, das Sonnet 43, dass ich bis dahin nämlich auch nicht

[00:12:55]  gekannt habe. Ich darf zitieren: "How do I love thee? Let me count the ways I love thee to the depth

[00:13:03]  and breath and height my soul can reach." Habe ich alle "th" hingekriegt? - Pia: Ja. [beide lachen] Christina: Das Gedicht geht

[00:13:12]  weiter und endet dann mit einem Vers, der über den Tod hinaus reicht: "And if God choose I shall

[00:13:18]  but love thee better after death." Elizabeth starb 1861 in den Armen ihres Ehemannes,

[00:13:26]  während der Jahre ihrer Ehe übertraf ihr literarischer Ruf den ihres Dichter Ehemanns

[00:13:33]  auch bei weitem. Als sie Anfang 30 war, wurde sie bereits viel gelesen und rezensiert. Ab Mitte

[00:13:43]  40 war sie sogar international bekannt. Sie war zum Beispiel einer der ersten weiblichen Nominierten

[00:13:49]  für Großbritanniens Poet Laureat, eine große Ehre für jeden Literaturschaffenden. Aber nominiert

[00:13:57]  ist nicht gewonnen und es sollte dann noch 159 Jahre dauern, bis die erste Frau wirklich Poet Laureat,

[00:14:03]  Großbritanniens geworden ist das erste Mal. Eine totale Vorreiterin. [Pia: Ja.] Sie hat sich auch

[00:14:10]  eine sehr engagierten Schriftstellerin entwickelt, die durch ihre Werke das britische Bewusstsein für

[00:14:16]  soziale Themen wie Kinderarbeit, Vergewaltigung und die amerikanische Abschaffung der Sklaverei

[00:14:22]  veränderte. Zu den Schriftsteller*innen, die sie beeinflusste, gehörten Emily Dickinson,

[00:14:28]  Thomas Carlisle, Christina Rossetti, Rudyard Kipling, Oscar Wilde und Virginia Woolf. Aber es ist

[00:14:36]  leider bittere Ironie, dass Elizabeth Barrett Browning später fast vergessen worden ist. Mit

[00:14:42]  40 Jahren hat Elizabeth den jüngeren und weniger etablierten Dichter Robert dann geheiratet,

[00:14:47]  also wo sie zusammen abgehauen sind. Sie war dann schon 40. Nach und nach stellte dessen Ruf ihren

[00:14:53]  eigenen aber bald in den Schatten und dann etwa 70 Jahre nach ihrem Tod, wurde ihr Werk weitgehend

[00:14:59]  aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt, trotz ihres großen Erfolges davor. Der Broadway-Erfolg

[00:15:06]  "The Barretts of Wimpole Street" von 1931 und dessen Film- und Fernsehadaption prägten das Bild der

[00:15:12]  romantisch verliebten Dichterin, also so quasi "die Frau an seiner Seite". - Pia: Genau, ja. - Christina: [stöhnt genervt] I hate how this goes. [beide lachen] Unter

[00:15:22]  anderem durch dieses Bild von Barrett Browning, schrieben 1973 die Kritikerredakteure der Oxford

[00:15:28]  Anthology auf Englisch Literature -übrigens allesamt Männer - [Pia: Natürlich] - und ich zitiere: [sarkastisch] "Ms. Barrett war

[00:15:35]  mit dem besten Dichter ihrer Zeit durchgebrannt. Ihr langes Gedicht 'Aurora Leigh'" - das ist übrigens

[00:15:42]  1856 erschienen und im Gegensatz zu dem, was dieser Kritikerschnösel da sagt, extrem empfehlenswert, -

[00:15:49] "wurde zwar sogar von Ruskin bewundert, ist aber sehr schlecht. Auch die berühmten 'Sonetts from the

[00:16:00] Portuguese' sind ziemlich schlecht. Mrs. Brownings Begeisterungen bereiten ihrem Mann viel Ärger."

[00:16:08]  Zitat Ende. Pia: Frechheit. - Christina: Ein, möchte man sagen, harsches Urteil. Ich meine, Geschmack ist

[00:16:16] subjektiv. Aber ein klares Beispiel dafür, dass die von Frauen verfasste Literatur sehr oft und auch

[00:16:23]  auf sehr subjektive Weise klein gemacht worden ist. Elisabeth rückte dann leider immer mehr

[00:16:32]  in den Hintergrund und wurde dann immer nur noch als Randfigur im Erfolg ihres Mannes wahrgenommen,

[00:16:39]  der, by the way, mir aber auch nichts gesagt hat. [beide lachen] - Pia: Gerechtigkeit, zumindest da. - Christina: Aber ihre

[00:16:49]  Geschichte, zum Glück, endet hier nicht. Denn durch die feministische Literaturwissenschaft der

[00:16:54]  1960er und 70er wurde sie wiederentdeckt und ihr literarische Schaffen neu bewertet. Und dieser

[00:17:01]  Bewegung haben wir es auch zu verdanken, dass jetzt auch wieder eine neue Strömung von Literatur von

[00:17:07]  Frauen verlegt wird, wiederentdeckt und verlegt wird. Und wir wissen heute, Elisabeth war sicherlich

[00:17:14] nie nur die Frau von Robert Browning. Er war ihr Fan, also ist eine große Dichterin und das war

[00:17:22]  meine Geschichte. Ich finde ... Also mich regt die Geschichte mehr auf als alles andere. Ich weiß

[00:17:28]  nicht, wie es euch geht, aber das ist für mich so eine Entstehungsgeschichte, die ja fast schon irgendwie

[00:17:33]  so als ob so ein Deckel drauf gemacht wird über diese Stimmen. - Pia: Ich kann es nachvollziehen. Es ist vor allem

[00:17:42]  frustrierend, weil sie damals eigentlich so im Vordergrund stand und so bekannt war und so

[00:17:47]  berühmt und so viel Anerkennung genossen hat und dann immer wieder, also mit der Zeit immer wieder

[00:17:53] verloren gegangen ist, dieses Wissen. Und man sich im Grunde auch ein bisschen so über sie

[00:17:58]  lächerlich gemacht hat, über diese "amortisierte Dichterin, die ja eh nur Liebesgedichte schreibt".

[00:18:04]  Es ist dann ja gut, dass man eben in den 60er und 70er Jahren nachher dann ein bisschen

[00:18:07] Gegenbewegung entstanden ist und auch diese Texte wieder in den Vordergrund gerückt sind.

[00:18:12] Christina: Absolut. Wobei, man muss auch dazu sagen, dass es auch äußerst mühsam ist, dass jede Generation von Frauen,

[00:18:18]  die weibliche Literatur neu entdecken muss. Das passiert ja immer wieder. Ich habe zwar gesagt,

[00:18:26]  die haben den Weg bereitet, aber gleichzeitig entdecken wir jetzt auch wieder Literatur von Frauen,

[00:18:32]  die in den 60er und 70er Jahren wieder entdeckt worden ist, die es aber nie in den Kanon schafft.

[00:18:36]  Und das ist so... [Pia: Frustrierend.] Ja, man arbeitet, wie Sysyphos sich den Berg hoch und wird dann halt immer

[00:18:44]  wieder von ... zurück gedrückt. - Pia: Aber das ist ja auch gut: Wir haben ja auch eine Klassikabteilung und da

[00:18:50]  haben wir jetzt auch wieder neuere ... äh, ältere Texte, aber neu aufgelegt und das sind die Klassikerinnen,

[00:18:57]  wie wir sie immer nennen. Also das ist auch super. Und da ist auch viel ... - Christina: Das hat in der anglophonen Welt

[00:19:03]  angefangen, dass da wieder viel neu verlegt wird und es geht jetzt richtig auch in der

[00:19:08]  deutschsprachigen Verlagslandschaft ... Haymon, der in Innsbruck ansässige Verlag hat

[00:19:15]  jetzt auch, ich glaube, Haymon Herstory, das ist auch in Bezug auf diesen Begriff "history"

[00:19:24]  als "his story", "seine Geschichte" und "her story", also im Sinne von wer macht die Geschichtsschreibung,

[00:19:29]  wer beschließt, was kanonisiert wird und so weiter. Und die bringen jetzt eben... Die haben

[00:19:35]  dieses Jahr auch einen ersten Text wieder neu aufgelegt und das ist einfach toll, auch wenn es

[00:19:40]  so ein ansässiger Verlag sich da diesen Raum nimmt und es macht. Zum Glück. - Pia: Zum Glück, ja. Aber es

[00:19:48]  waren zwei tolle Geschichten, sehr interessant, etwas Älteres und etwas Neueres. - Christina: Ja, sehr aktuell

[00:19:54]  deines, gell? Mit der Alfafa. - Pia: Elphaba [Pia lacht] - Christina: Elphaba. Und der Glenda. - Pia: Glinda. - Christina: Wenn wir alle Bücher lesen

[00:20:05]  oder alle Werke über die wir gegenseitig reden, dann wissen wir viel mehr danach, weil ich habe

[00:20:11]  das nie gelesen. "Zauberer von Oz" schon, also den ersten Band, aber jetzt nicht die neue... - Pia: Aber ich

[00:20:18]  glaube, dass die Romanvorlage sehr wenige gelesen haben. Ich glaube, die meisten kennen es

[00:20:22]  wirklich übers Musical und die wenigsten wissen überhaupt, dass es eine Romanvorlage gibt.

[00:20:25] Christina: Ist sehr jetzt dann neu herausgekommen, weil eben Ariana Grande mitgespielt hat in diesem großen

[00:20:31]  Film. - Pia: Ja. Wir hoffen, dass euch unsere Geschichten gefallen haben. Natürlich hoffe, dass meine

[00:20:38]  euch ein bisschen mehr gefallen hat, aber das schauen wir dann noch. [lacht] Diesbezüglich könnt

[00:20:43] ihr natürlich gerne abstimmen online, wieder auf Instagram auf stadtbibliothek.innsbruck. Aber

[00:20:49]  natürlich möchten wir auch gerne eure Empfehlungen hören. Vielleicht habt ihr eine tolle Entstehungsgeschichte

[00:20:53]  für uns. Die könnt ihr uns natürlich auch schicken auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at und wir hören

[00:21:00]  uns dann wieder beim nächsten Mal. - Christina: Und erfahren, für wen ihr abgestimmt habt. Bis dahin, schönes Lesen. Pia: Tschüss! [Outro-Musik]

[00:21:31] [Pia spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem

[00:21:38]  Audiokanal der Stadt Innsbruck. Outtakes: Christina: [bemüht] "If God chose, and if God chose, I shall, I shall, I shall, and if God

[00:21:56]  chose, I shall, but love thee better than death."

 

Weitere Infos

Pia und Christina haben wieder eine Lieblingsrubrik mitgebracht: Die Literarischen Entstehungsgeschichten.

In der heutigen Folge überraschen sich die beiden wieder mit einer jeweils vorbereiteten Entstehungsgeschichte eines Romans beziehungsweise Oeuvres. Der Clou: Die beiden wissen nicht, welche Geschichte die andere vorbereitet hat.

Während Pia diesmal in die Welt von Oz und der nicht-so-bösen Hexe des Westens entführt, stellt Christina die (beinahe) in Vergessenheit geratene englische Dichterin Elizabeth Barrett Browning vor. Tauchen Sie ein hinter die Kulissen großer Literatur.

Sie können abstimmen, welche Geschichte Ihnen besser gefallen hat. Oder vielleicht interessieren Sie sich für eine Entstehungsgeschichte und Christina oder Pia sollen sie vortragen: Schreiben Sie uns auf Instagram (stadtbibliothek.innsbruck) oder post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at.

Briefe von Elizabeth Barrett Browning (Gutenberg-Project) finden Sie hier.

Viele der besprochenen Bücher gibt’s auch in der Stadtbibliothek.

Kurz und Schmerzlos mit … Hans Platzgumer („What Goes Up Must Come Down“)

Kurz und Schmerzlos mit … Hans Platzgumer („What Goes Up Must Come Down“)

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:07]  Boris: [liest] Hans Platzgummer: "What Goes Up Must Come Down:

[00:00:12]  Kleine Geschichte der Popmusik", Bahoe Books 2025.

[00:00:18]  Pop, das sind auch immer Geschichten vom Streben himmelwärts und von jenen Abstürzen,

[00:00:24]  von Triumph und Niederlage.

[00:00:26]  Pop, das sind Lebensgefühl, Traum und Weltanschauung, von Generationen von Fans und Stadien mit

[00:00:34]  Menschenmassen verinnerlicht.

[00:00:35]  Die Pop-Geschichte ist an Personen und Kombos, Genres und Gegengenres so reich bestückt,

[00:00:45]  wie der Nachthimmel mit Sternen, die aufleuchten und verlöschen.

[00:00:49]  Was aufsteigt, so lautet die ehene Regel, muss auch wieder absinken.

[00:00:54]  "What Goes Up Must Come Down" nähert sich der Geschichte der Popmusik aus radikal

[00:01:01]  subjektiver Perspektive.

[00:01:03]  Politik, Ökonomie, Alltag sind Teil dieses Buchs, weil Pop längst als Anschauungsmodell

[00:01:11]  und Warnsignal für viele andere Bereiche gelten darf.

[00:01:15]  Jeder und jede ist in Pop und durch Pop irgendwie zu Hause.

[00:01:20]  "What Goes Up Must Come Down" erzählt von einem Lebensgefühl, von Provokation und

[00:01:27]  Rebellion und auch darüber, wie Popmusik als Motor für so Vieles im 21.

[00:01:34]  Jahrhundert allmählich in Stottern gerät. [Intro-Musik]

[00:01:50]  Boris: Hallo und herzlich willkommen zurück beim "Vorwort: Kurz und Schmerzlos", heute mit Hans

[00:01:59]  Platzgumer und mein Name ist Boris Schön.

[00:02:03]  Hans, schön, dass du da bist.

[00:02:06]  Hans Platzgumer: Hallo, danke für die Einladung, freue mich, hier zu sein.

[00:02:08]  Boris:Ich würde dich wie alle unsere Gäste gerne bitten, dich kurz vorzustellen.

[00:02:13]  Hans Platzgumer: Ja, mein Name ist, hast du schon gesagt, Hans Platzgumer, geboren bin ich hier in dieser

[00:02:18]  Stadt, im Stadtteil Hötting vor 55 Jahren und dann habe ich sehr schnell angefangen,

[00:02:27]  Musiker zu werden und ab Ende des letzten Jahrhunderts habe ich dann zu schreiben vermehrt angefangen

[00:02:39]  und deshalb bin ich heute Autor und auch noch ein bisschen Musiker.

[00:02:44]  Ich habe inzwischen 8 Romane und 6 andere Bücher geschrieben und auch echt viele Alben veröffentlicht.

[00:02:55]  Boris: Danke dir. Du bist ja heute hier mit deinem neuen Buch in der Stadtbibliothek, das heißt

[00:03:03]  "What Goes Up Must Come Down", ein Songtitel von einem The Alan Parsons Project-Song, also

[00:03:11]  du korrigierst mich jetzt und sagst, da gibt es noch andere Songs, die genau gleich heißen,

[00:03:14]  oder das war jetzt meine Assoziation?

[00:03:15]  Hans Platzgumer: Da gibt es, ich glaube es gibt 3, 4 vielleicht sogar mehr Songs, die so heißen, tatsächlich

[00:03:21]  habe ich mich aber auf keine von diesen Songs, die so heißen, bezogen, sondern auf den Song,

[00:03:25]  den glaube ich die allermeisten Leute damit verbinden, der aber nicht so heißt, sondern

[00:03:30]  "Spinning Wheel" heißt von Blood, Sweat & Tears, der im gleichen Jahr, wo ich auf die Welt gekommen

[00:03:36]  bin, 1969 an der Spitze fast aller Charts war und mit dieser Textzeile losgeht: [singt] ~ What

[00:03:45]  goes up, must come down ~, deshalb kennt man eigentlich unter diesem Titel, eigentlich

[00:03:50]  heißt aber "Spinning Wheel".

[00:03:51]  Boris: Der war auch ganz lang, ich weiß nicht, ob es diese Cabaret-Sendung noch gibt, oder

[00:03:55]  gab es eine Cabaret-Sendung, wo der immer als Trailer eingespielt wurde, das war damals,

[00:03:58]  so bin ich auf diesen Song gekommen, [Hans lacht] aber ein anderes Thema, genau der Untertitel dieses

[00:04:04]  Buches ist kleine Geschichte der Pop-Musik und du hast ja eh schon kurz umrissen in

[00:04:11]  deiner Vorstellung, die Frage ist ein bisschen, was verbindet denn dich und die Pop-Musik?

[00:04:17]  Ich meine du hast gesagt, du hast angefangen, Gitarre zu spielen, du hast am Konservatorium

[00:04:22]  glaube ich studiert, wenn ich das richtig auf Wikipedia nachgelesen habe.

[00:04:26]  Hans Platzgumer: Ja, ja und dann bin ich ganz früh nach Wien und habe dann in Wien Musik studiert, aber

[00:04:31]  mit der Pop-Musik verbindet mich eigentlich fast seitdem ich denken kann, alles, bin

[00:04:38]  durch Pop-Musik sozialisiert worden, zuerst durch meine älteren Brüder und dann immer

[00:04:45]  mehr da in den hiesigen Kulturzentren, davor war es die MK, da haben wir schon unsere erste

[00:04:51]  Band angefangen, mit elf schon das erste Konzert gehabt, mit vierzehn schon das größte

[00:04:56]  Konzert gehabt, nämlich hier in Innsbruck auf der Bergiselschanze, haben wir einen Bandwettbewerb

[00:05:02]  gewonnen damals und haben als Vokope zu Gianna Nannini als überhaupt erste Band auf der,

[00:05:08]  auf der im Skisprungareal Bergisel auftreten dürfen, vor über 30.000 Zusehern, das war

[00:05:17]  schon sehr aufregend damals, war auch mein größtes Konzert bis heute, [lacht] seitdem "What

[00:05:24]  goes up must come down", bin ich "down gekommen", habe aber doch schon über 2.000 Konzerte

[00:05:31]  auf der ganzen Welt gespielt, ja auch lange in Amerika gelebt und so weiter und deshalb

[00:05:37]  war das alles immer mit Musik, ich habe die ganze Welt mit Musik kennengelernt und alles

[00:05:43]  gelernt, über Pop-Musik mehr gelernt, als ich in der Schule gelernt habe und so hat

[00:05:50]  sich das mein ganzes Leben lang entlang verschiedener Musikstile und Bands entwickelt und dann

[00:05:58]  war es nur irgendwann logisch, dass ich ja als Schriftsteller seit über 20 Jahren

[00:06:04]  bekannter bin eigentlich als Musiker, aber viele kennen doch meine quasi Vergangenheit

[00:06:09]  oder mein Musikerdasein auch und dann war das irgendwie naheliegend, weil ich ja

[00:06:16]  so viel Essays schreibe, dass ich als Essayist auch mal über die Pop-Musik was schreibe und

[00:06:23]  dann ist mir das dieser Text eingefallen.

[00:06:25]  Boris: Jetzt habe ich eine Frage, die ich ein bisschen eigentlich auf ein Gespräch beziehe, die mir

[00:06:30]  jetzt gerade im Kopf gekommen ist, und zwar mit Christian Fuchs, der ja auch das "House

[00:06:34]  of Pain" macht, der hat gesagt, seine musikalische Tätigkeit ist eigentlich aus reinem Fantum

[00:06:40]  entstanden.

[00:06:41]  Ist das bei dir so oder ist, weil du vorher gesagt hast, für dich war Pop-Musik oder

[00:06:45]  Pop-Kultur war ja ganz relevant und dann hast du angefangen, ein Teil davon zu sein.

[00:06:49]  Ist das auch aus einem Fantum heraus oder?

[00:06:52]  Hans Platzgumer: Nein. Da sind wir offensichtlich ganz anders.

[00:06:54]  Fantum spielt bei mir eigentlich überhaupt keine Rolle, ich bin eigentlich ein ganz schlechter

[00:06:58]  Fan, ich bin eigentlich kein [betont] Fan von irgendwas, sondern[Boris, lachend: Sehr gut.] - tatsächlich, also es geht mir, ich

[00:07:05]  bin Fan von verschiedenen Momenten der Pop-Musik oder Momenten der Literatur oder der Kunst

[00:07:12]  von verschiedenen künstlerischen Werken, aber kein durchgehender Fan von einer bestimmten

[00:07:19]  Band zum Beispiel oder von einem bestimmten Musiker, Musikerin, oder Schiffstellerinnen,

[00:07:24]  Genre, ich liebe eigentlich alle Genres gleich, ich habe da keine speziellen Vorlieben,

[00:07:31]  natürlich irgendwie Vorlieben hat man natürlich immer, aber ich finde überall Sachen, die

[00:07:38]  mich begeistern, faszinieren und die ich echt, wo es es gibt in allen Richtungen so große

[00:07:45]  Momente in der Kunst, wo sie dich aushebelt und dir den Boden unter den Füßen wegreißt

[00:07:52]  und das sind die Sachen, die ich liebe, aber ich, das passiert wahnsinnig selten, dass

[00:07:59]  das von ein und demselben Künstler oder Künstlerin dann dieses Kunststück öfter

[00:08:06]  gelingt. Insofern bin ich ein schlechter durchgehender Fan, aber immer total beeinflusst von Kunst

[00:08:16]  und Musik im Speziellen. - Boris: Eine der Bands, soweit ich das jetzt verstanden hätte, bei

[00:08:23]  der du fast schon wahrscheinlich am längsten in Summe dabei bist, sind "Die Goldenen Zitronen",

[00:08:27]  da bist du immer noch aktives Mitglied, habe ich das richtig im Kopf oder ist das? - Hans Platzgumer: Ja,

[00:08:31]  es gab dann mal ein Ausstiegsverbot, [lacht] aber ich bin ein inaktives Mitglied, also bin

[00:08:37]  jetzt kurz ein bisschen dabei gewesen, aber ein Schläfer bin ich da. - Boris: Die Sache ist ja

[00:08:45]  mit diesen "Goldenen Zitronen", ich bin mir nicht ganz sicher, wie das unsere Zuhörerinnen

[00:08:48]  und Zuhörer so einschätzen, weil die ja teilweise natürlich ganz andere Generation sind als

[00:08:53]  du oder ich. Das ist ja so ein bisschen eine Sache gewesen im deutschsprachigen Raum,

[00:08:59]  dass "Die Goldenen Zitronen" so ein Teil davon oder ein bisschen ein Vorspiel waren von

[00:09:04]  dieser Hamburger Schule, wie man das nennt, wo ja dann so Bands wie "Tocutronic", "Die Sterne",

[00:09:09]  Musiker wie Rocko Schamoni oder auch "Blumfeld" und ähnliche herausgekommen sind.

[00:09:14]  Jetzt auch in Anbetracht dieses Buches über die Popmusik, wie ist denn für dich diese

[00:09:21]  ganze deutsche Phase so retrospektiv, hast du deine Meinung dazu, ein Bild, dass du das

[00:09:27]  verändert hat? - Hans Platzgumer: Ich war ja Teil der Hamburger Schule, weil ich nach Amerika, bin ich nach

[00:09:32]  London kurz gegangen und dann eben über "Die Goldenen Zitronen" nach Hamburg, das war

[00:09:37]  dann 1996. Und das ist genau diese Zeit dann gewesen, wo dann [unverständlich] und diese ganze so

[00:09:45]  genannte Hamburger Schule aufgekommen ist und dann habe ich ja auch die "Tocutronik" produziert

[00:09:51]  und da waren alle ein Klündel, sind alle zusammengehängt. Also ... bin nach wie vor eng befreundet

[00:09:59]  mit den ganzen Protagonisten und Protagonistinnen. Aber in diesem Kontext zu meinem Popmusik-Buch

[00:10:12]  spielt die deutsche Musik an sich wenig Rolle, sondern mir geht es viel größer um die gesamte

[00:10:18]  Entwicklung und den Lauf der Popmusik allgemein von der Nachkriegszeit bis jetzt und was

[00:10:27]  da alles, was die alles bewirkt hat. Mir geht es eigentlich mehr um den gesellschaftlichen

[00:10:31]  Einfluss und den politischen Einfluss, den sie natürlich in Hamburg auch gehabt hat.

[00:10:37]  Das war ja auch eine sehr politisch motivierte Szene. Aber man kann jetzt nicht sagen, dass

[00:10:43]  die Hamburger Schule eine eigene Stilrichtung gewesen war, die weltprägend war für den

[00:10:51]  Lauf der allgemeinen Popmusik. Ich rede auch schon eher in größeren Begriffen, also Bebop,

[00:10:56]  Rock'n'Roll, Soul, R&B, Punk, Rave, Techno. Das sind die Entwicklungen, die mich interessiert

[00:11:04]  haben und die wirklich großen weltweiten Jugendbewegungen. Mit der deutschen Musik

[00:11:11]  ist es immer so eine Sache, dass die eigentlich immer auf einem deutschsprachigen Raum begrenzt

[00:11:14]  bleibt und deswegen da ihre Wichtigkeit hat. Aber das gibt es natürlich in jedem Land. In Frankreich

[00:11:22]  gibt es viele tolle Musik, die aber eigentlich nur in Frankreich Leute kennen und natürlich

[00:11:27]  im spanischen Raum und natürlich jetzt in Afrika oder Brasilien ist es noch einmal ein ganz

[00:11:31]  anderer Kosmos. Aber ich bin schon eher von diesen angloamerikanischen Phänomenen ausgegangen,

[00:11:41]  die ja trotzdem auch uns alle hier, auch in Österreich, ganz stark beeinflusst haben.

[00:11:48]  Boris: Ich habe noch eine Frage zu deinem, bevor ich noch ein bisschen ins Literaturbereich

[00:11:53]  auch komme. Das habe ich nur gehört und ich wollte fragen, ob das stimmt. Ich habe die

[00:11:59]  Geschichte gehört, da gibt es eine Zeitschrift, oder es gab eine Zeitschrift, "The Guitarplayer".

[00:12:02]  Und angeblich warst du der einzige Österreicher,

[00:12:07]  der jemals da unter den Top-Gitarrenspielern der Welt aufgetaucht ist. [Hans lacht] Stimmt diese Geschichte so oder ist das...

[00:12:14]  Hans Platzgumer: Das weiß ich ehrlich gesagt nicht, ich habe so Gitarrenmagazine irgendwie nie gelesen, aber ich habe damals als [zögert]

[00:12:21]  wichtiger Gitarist gegolten, was eher Zufall war, weil ich nie der große Virtose war, aber man hat halt zum

[00:12:31]  gewissen eigenen Stil und als so etwas kann man das... Also ich wurde auch von der "Spex" Gitarrengott genannt, so das war mir ... [zögert, Boris lacht]

[00:12:38]  Aber ich war auch viel zu jung eigentlich, das hat mir zwar geschmeichelt, aber gleichzeitig irgendwie auch alles ein bisschen den Kopf verdreht

[00:12:45]  und irgendwie war's auch Quatsch, aber, ja, es sind schon gewisse Sounds bei meiner Gitarre rausgekommen, die teilweise ziemlich einzigartig waren.

[00:12:59]  Ja, damit hat sie es aber auch schon. Und dann hat sie mich auch irgendwann nicht mehr interessiert.

[00:13:05]  Ab Mitte der 90er hat mich die Gitarre überhaupt nicht mehr interessiert, weil da ist dann auch so Elektronik aufgekommen,

[00:13:16]  dann hat "Massive Attack" glaube ich, ihr Album rausgebracht und dann hat man den ersten Atari-Computer gehabt.

[00:13:23]  Es war da alles viel, viel, viel interessanter, als wie ständig dieses Sechseitenklampfe da irgendwie zu bedienen. [Boris lacht]

[00:13:30]  Und ich habe die E-Gitarre dann... Ich habe es auch fast irgendwie für meine Begriffe zu gut gekonnt.

[00:13:37]  Nämlich in dem Sinn, dass es mir langweilig war, ich habe es in die Hand genommen und es ist sofort irgendwie, war's irgendwie...

[00:13:45]  Also, ich habe das schon spannend gefunden, wenn man einfach Sachen so in einer Anfang-Euphorie mit so einem Anfänger-Enthusiasmus macht,

[00:13:54]  das konnte ich mit der Gitarre dann nicht mehr machen, dann habe ich ganz viele andere Instrumente,

[00:13:58]  großteils lang nur elektronische, aber dann auch alles Mögliche. Vor ein paar Jahren habe ich ganz viel am Cello gemacht,

[00:14:04]  obwohl ich nie Cello gelernt habe. Aber das ist irgendwie spannend.

[00:14:09]  Das Spannende in der Musik ist ja irgendwelche Sounds zu erzeugen, mit denen Stimmungen und Atmosphären zu erzeugen.

[00:14:15]  Und das können die billigsten, einfachsten, kaputten Instrumente sein.

[00:14:21]  Oder natürlich auch ein ganz teure Konzertflügel für 500.000 Euro. [lacht]

[00:14:29]  Boris:Und wenn du sagst, die Gitarre war dir dann irgendwann langweilig.

[00:14:32]  Wie du ja vorhin schon gesagt hast, du schreibst ja auch schon lange Literatur oder Essays, Romane.

[00:14:39]  Ist das was, wo immer was Neues passiert dann für dich?

[00:14:42]  Oder hast du da auch mal das Gefühl, du bist schon in der Routine?

[00:14:45]  Hans Platzgumer: Ja, es ist ein bisschen anders, aber ich habe halt Gitarre wirklich sehr früh angefangen mit fünf oder so.

[00:14:54]  Das heißt, ich habe quasi im Aufwachsen, schon diese Gitarre in der Hand gehabt und habe ... das war halt für mich so.

[00:15:01]  Also hat man sich gar nicht mehr gewundert.

[00:15:03]  Das war so ganz normal, wie man zwei Ohren hat, hat man eine Gitarre auch.

[00:15:08]  Und zur Literatur bin ich dann erst, habe ich erst 1999 angefangen zu schreiben.

[00:15:14]  Das heißt, mit 30 und da ist man dann natürlich schon deutlich reifer und reflektierter als, wie mit fünf, sogar ich.

[00:15:23]  Und man hat dann automatisch irgendwie einen anderen Zugang dazu.

[00:15:30]  Boris: Mehr Distanz, oder?

[00:15:32]  Hans Platzgumer: Distanz [zögert] ja, ja.

[00:15:36]  Boris:Also hätte ich jetzt so für mich gesagt ...

[00:15:38]  Hans Platzgumer: Es ist ja sowieso was anderes. Man kann natürlich das alles sehr vergleichen, die ganzen Künste.

[00:15:42]  Aber Musik machen und Literatur schreiben ist schon was anderes auch.

[00:15:48]  Und dann natürlich im Feinen gibt es auch noch die Unterschiede.

[00:15:51]  Es ist auch ein Essay zu schreiben, was anderes als ein Roman zu schreiben.

[00:15:55]  Und das sind dann schon immer, ich mag schon wahnsinnig gern immer Herausforderungen und irgendwie neue Sachen und so Visionen nachzuspüren.

[00:16:05]  Und irgendwas Neues zu entdecken, das mir vorkommt, das ist noch nie in der Form gemacht worden.

[00:16:12]  Irgendwo so ein bisschen Pionierarbeit zu leisten.

[00:16:15]  Und da hat man dann halt hin und wieder eine bestimmte künstlerische Vision.

[00:16:19]  Und dann jagt man der nach. Und das ist das Tollste und Befriedigendste am Künstlerdasein überhaupt, wenn man so etwas größerem Nachspüren kann.

[00:16:30]  Und das dann vielleicht auch erreicht.

[00:16:33]  Und das ist natürlich in der Literatur bei so Romanen, bei jedem Roman dann von Neuem eine neue ...

[00:16:42]  Ich schreibe auch nicht immer dieselben Romane, sondern das sind auch schon sehr unterschiedliche Herangehensweisen, teils große, teils kleine.

[00:16:52]  Boris:Eine Sache, die ich jetzt schon seit einiger Zeit immer meine Gäste frage, ist das Thema - oder ansprechende - ist das Thema KI.

[00:17:00]  Und da gibt es auch sehr unterschiedliche Einschätzungen, inwieweit diese Artificial Intelligence, künstliche Intelligenz sich auswirken wird auf -  

[00:17:08]  und in deinem Fall muss ich jetzt schon fragen, Musik wie auch Literatur. Wie schätzt du das für dich ein? Hat das eine Relevanz oder?

[00:17:15]  Hans Platzgumer: Also, man könnte jetzt da ewig lang darüber reden, die ganze Popmusikgeschichte ist immer vorangetrieben worden durch technische Entwicklung.

[00:17:26]  Also die ganze Popmusik und dadurch auch die ganze Gesellschaft, weil die Popmusik wie ein Motor für die gesellschaftliche Entwicklung war,

[00:17:33]  die ist zuerst heraus angefangen von immer besseren Mikrofonen, so dass im Jazz dann plötzlich Bebop entstanden ist, weil man plötzlich Solisten hörte oder Gesangstechnik, Gesänger sind ganz anders geworden.

[00:17:46]  Dann sind die Gitarrenverstärker aufgekommen, sind die viel lauter worden und plötzlich haben die "Kings" dann - Rock entstanden.

[00:17:53]  Und das ist dann natürlich die Synthesizer. Und so ist es immer weitergegangen.

[00:17:58]  Und bis hin zur elektronischen Musik, wo dann Audio-Recording und das alles mit Computern und dadurch ist, hat sich das immer wahnsinnig, also ohne das gäbe es die musikalische Entwicklung gar nicht.

[00:18:11]  Insofern würde man jetzt vielleicht denken, künstliche Intelligenz ist wieder so ein Schub.

[00:18:16]  Das ist aber etwas anderes, glaube ich, weil künstliche Intelligenz ja keine neue irgendwie Technologie, es ist ja auch der Ausdruck irgendwie falsch.

[00:18:26]  Das ist ja eigentlich nur ein Datensammeln und ein Datenauswerten, mehr ist es ja nicht.

[00:18:30]  Das heißt, es wird nichts Neues irgendwie erschaffen, sondern es ist nur faszinierend, wie schnell und wie viel Datenmenge da irgendwie etwas herausspuckt oder etwas analysiert oder zusammenfasst.

[00:18:47]  Insofern ist es ein wahnsinnig praktisches Tool.

[00:18:50]  Jetzt ist es immer auch bei der Literatur. Es ist für viele Sachen praktisch, auch unheimlich und macht die Sachen schwieriger und undurchsichtiger.

[00:19:00]  Aber es ist keine künstlerische Innovation, es ist kein künstlerischer Schub.

[00:19:08]  Ich habe es auch schon mehrfach probiert, mit KI irgendwie versuchen, etwas literarisch Vernünftiges irgendwie zu schreiben oder sowas, aber da kommt wirklich nur Dreck dabei raus, da kommt nur Müll dabei raus.

[00:19:21]  Man kann dann in den Müll natürlich vielleicht irgendwie verwenden.

[00:19:24]  Das ist ja auch in der Popmusik ganz oft so gewesen, dass eigentlich in der Technik die besten Anschübe für Innovationen in der Musik waren immer die, wo in der Technik was schief gelaufen ist

[00:19:36]  und das dann so verwendet worden ist, wie es eigentlich nicht geplant war.

[00:19:40]  Da gibt es von Roland zum Beispiel, wo die in den Anfang 80er Jahren haben sie so ein Bass-Synthesizer auf den Markt geworfen, der eigentlich dazu geplant dafür geplant war, dass er die Bass-Gitarre eins zu eins ersetzt.

[00:19:54]  Es ist völlig in die Hose gegangen, weil es klingt null wie ein echter Bass, aber genau dadurch, dass es so daneben gegangen ist, hat er so einen ganzen neuen Musikstil irgendwie, nämlich "Acid House" erschaffen.

[00:20:08]  Und das sind die spannenden Sachen und deshalb müsste man wahrscheinlich, das versuchen eh schon dauernd überall Leute, die KI irgendwo dort hinzubringen, wo sie Fehler macht und vielleicht über diese Fehler irgendwas passieren.

[00:20:23]  Andererseits haben natürlich alle verständlicherweise Angst, wenn die KI Fehler macht, sieht man ja was dann dabei rauskommt.

[00:20:30]  Und der, wo KI eigentlich verwendet wird, ist eigentlich nicht der künstlerische Bereich, sondern wo sie, glaube ich, wirklich Sinn macht, ist der medizinische und Rüstungsbereich.

[00:20:42]  Und da will man natürlich nicht, dass sie Fehler macht, weil da sind Fehler tödlich oder vielleicht sogar wirklich Menschenleben auslösched.

[00:20:52]  Im Künstlerischen ist das ganz was anderes und da finde ich KI keine inspirierende und irgendwie zukunftsweisende Technik.

[00:21:02]  Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass da irgendwie was draus wird, dann müsste sich weiter verändern, aber vielleicht kommt irgendwas dazu, dass sie dann wieder spannend macht.

[00:21:11]  Boris: Ja, vielen Dank für deine ganzen Antworten. Zum Abschluss bitte ich dich jetzt noch um den literarischen Tipp für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer.

[00:21:21]  Hans Platzgumer: Ach so, [räuspert sich] so literarische Tipps sind immer schwierig, weil es hängt immer von den Büchern, mit Musik ist es gleich, die man in einer gewissen Dings liest.

[00:21:37]  Und dann später ist man vielleicht wieder enttäuscht. Es hängt auch ganz viel mit der Erwartungshaltung immer ab.

[00:21:45]  Deshalb versuche ich eigentlich auch nie wirklich andere Kritiken vorher zu lesen.

[00:21:51]  Und das Beste ist, wenn einem der Zufall plötzlich irgendwie ein Buch in die Hände spielt, das einen dann aushebelt.

[00:22:01]  Das ist mir so lustigerweise [lacht] wirklich so gegangen, dass ich bei so einem Altpapiercontainer irgendwie Altpapier entsorgt habe und dann ist da so ein schäbiges, wirklich nicht schön aussehendes Taschenbuch daneben gelegen.

[00:22:16]  Hat jemand hingelegt, der schon, oder die schon wollte, dass es vielleicht gefunden wird. Dann habe ich es mal mitgenommen und habe dann lesen angefangen.

[00:22:27]  Und das hat mir unfassbar gut gefallen. Ein französischer, ich glaube, es ist aus den 80er Jahren oder etwas später sogar, französischer Schriftsteller Philippe Claudel.

[00:22:39]  Auf Deutsch, das war im Rowohlt-Verlag, in einer deutschen Übersetzung, hat es geheißen "Die grauen Seelen".

[00:22:45]  Und ich wusste nichts von diesem Buch, außer dass das Cover wirklich schwach war, hat wirklich gar nicht einladend ausgesehen.

[00:22:52]  Aber man hat es dann schon mal in der Hand gehabt und reingelesen und ich konnte nicht mehr aufhören.

[00:22:56]  Das zu lesen, es ist eine dermaßen gut gestrickte, gut gebaute Geschichte.

[00:23:02]  Man merkt es ja bei Büchern ist es immer ganz wichtig, ob man der Autorin oder dem Autor vertraut oder nicht.

[00:23:11]  Also, dass der jetzt, oder die jetzt, was im Schilde führt, dass sich irgendwie im Endeffekt irgendwie einlöst.

[00:23:18]  Das Schlimmste ist ja, wenn Bücher das nicht einlösen oder da ist man schon lieber, sie probieren es gar nicht erstmal.

[00:23:24]  Aber dieses Buch legt viel hin und löst irgendwie alles ein, wahnsinnig atmosphärische Geschichte, kann ich empfehlen.

[00:23:33]  Boris: Ja, vielen herzlichen Dank. Ich freue mich schon sehr auf den heutigen Abend [Hans: Ich auch! lacht] und danke, dass du unser Gast bist.

[00:23:39]  Hans Platzgumer: [lachend] Danke.

[00:23:55]  [Outro-Musik] [Boris spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Boris spricht]

Weitere Infos

Vom Spex-Magazin einst als Gitarrengott bezeichnet, heute Literat und Essayist: Hans Platzgumer, im Innsbrucker Stadtteil Hötting geboren, ist Musiker und Schriftsteller. Mit elf Jahren spielt er sein erstes Konzert, mit 14 Jahren tritt er mit seiner Band auf der Innsbrucker Bergisel-Schanze vor 30.000 ZuschauerInnen auf. Über 2.000 Konzerte hat er seither weltweit gespielt und zahlreiche Alben veröffentlicht. Neben der Musik ist er vor allem als Schriftsteller bekannt: acht Romane und sechs weitere Bücher hat er bereits veröffentlicht.

Sein neues Buch „What Goes up Must Come Down“ ist benannt nach dem Song „Spinning Wheel“ der Band Blood, Sweat & Tears, der 1969, dem Geburtsjahr des Autors, die Charts angeführt hat. Entsprechend autobiografisch ist diese Abhandlung mit der Popmusik für Hans Platzgumer, er habe die Welt immer schon durch die Musik erlebt, Fan sei er aber nie gewesen. Das Buch befasst sich mit dem gesellschaftlichen, auch politischen Einfluss, den die anglo-amerikanische Popmusik seit der Nachkriegszeit auf das Zeitgeschehen ausübt. „Die Popmusik“, so Platzgumer, „war immer schon Motor für die gesellschaftliche Entwicklung“.

Beim Gespräch mit Boris geht es ums Musik machen und Literatur schreiben, um (Pop-)Musik und dem Künstlerdasein, und auch darum, wie sich Künstliche Intelligenz auf Musik und Literatur auswirken werden (oder auch nicht).

Hans Platzgumers Literaturtipp: „Die grauen Seelen“ von Philippe Claudel (aus dem Französischen von Christiane Seiler)

Hier geht's zur Website der Band DIE GOLDENEN ZITRONEN.

Viele der besprochenen Bücher gibt’s auch in der Stadtbibliothek.

Buchbesprechung: “Ja, Nein, Vielleicht“ von Doris Knecht

Buchbesprechung: “Ja, Nein, Vielleicht“ von Doris Knecht

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00] [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.

[00:00:07] Christina: Pia, das Buch in einem Satz.

[00:00:09] Pia: "Ja, Nein, Vielleicht" lesen, ist wie ein paar Stunden mit der besten Freundin verbringen.

[00:00:13] Christina: Unterschreib ich. [Intro-Musik]

[00:00:29] Christina: Hallo und herzlich willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:33]  Mein Name ist Christina - Pia: und ich bin die Pia -

[00:00:36] Christina: und heute sprechen wir über das Buch "Ja, Nein, Vielleicht" von Doris Knecht.

[00:00:41]  Das ist im Hanser Verlag 2025 erschienen und uns freundlicherweise vorab zur Rezension

[00:00:48]  vom Verlag zur Verfügung gestellt worden über Netgalley.

[00:00:51]  Die Autorin ist die Doris Knecht, die kennen viele von euch sicher.

[00:00:55]  Geboren ist sie 1966 in Vorarlberg.

[00:00:58]  Und sie ist Journalistin und Schriftstellerin.

[00:01:01]  Worum geht es denn im Roman, Pia?

[00:01:03] Pia: Die Erzählerin, Schriftstellerin, glücklicher Single Mitte 50, ehemals alleinerziehende Mutter,

[00:01:08]  eines erwachsenen Zwillingspaars, hat ein Problem.

[00:01:11]  Ein schwerer Fall von Parodontitis.

[00:01:13]  So beginnt Knechts "Ja, Nein, Vielleicht".

[00:01:15]  Ein Roman, der im Alltäglichen verhaftet ist und darüber die großen und kleinen Fragen des Lebens aufwirft.

[00:01:21]  Schwester Paula lädt sich in die kleine Stadtwohnung der Erzählerin ein.

[00:01:25]  Die beste Freundin Theresa heiratet bald.

[00:01:27]  Die Zwillinge sind längst selbstständig und dann taucht Friedrich auf.

[00:01:31]  Das ist ein ehemaliger Geliebter aus Jugendtagen.

[00:01:34]  Nun selbst quasi geschieden, mit Kindern im Teenie-Alter.

[00:01:38]  Eine Beziehung bandelt sich an und die Erzählerin, sie hat sich mit der Frage konfrontiert,

[00:01:42]  ob sie ihre späte Freiheit aufgeben möchte.

[00:01:45]  Christina, wie hat's dir gefallen?

[00:01:48] Christina: Mir persönlich hat der Roman sehr gut gefallen.

[00:01:51]  Die Erzählerin ist gut 20 Jahre älter als ich.

[00:01:54]  Was mir aber total entgegenkommt, um so die eigene Perspektive zu erweitern.

[00:02:01]  Das liebe ich immer an Literatur, dass man auch andere Erfahrungswerte erfahren darf.

[00:02:07]  Außerdem hat mir sehr gut gefallen, dass es ist ja nach wie vor leider relativ selten,

[00:02:13]  vielleicht im deutschsprachigen Raum, jetzt wo ich so drüber nachdenke,

[00:02:17]  ein bisschen weniger selten, dass es eine Protagonistin mittleren Alters ist.

[00:02:28]  Sie ist ja schon über 50 und so ein bisschen wie in Hollywood,

[00:02:32]  dass das dann oft nicht die Protagonisten sind und schon gar nicht die Frauen

[00:02:36]  und das hat man dann auch noch mal sehr imponiert.

[00:02:39]  Es gab eine kleine Sache, das haben wir in der Inhaltsangabe schon besprochen,

[00:02:45]  die mich gestört hat, nämlich die Zahnprobleme beim Anfang vom Roman.

[00:02:50]  Das habe ich so ein bisschen als, das ist oft so eine Metapher für älter werden oder für unterschwellige Probleme.

[00:02:58]  Ich habe das so oft schon als Metapher in anderen Romanen gelesen oder in anderen Texten,

[00:03:05]  dass es mir bisschen abgegriffen erschienen ist.

[00:03:07]  Da bin ich so drüber gestolpert, dass ich so die ersten, was waren es eigentlich nur fünf Seiten,

[00:03:15]  und ich dachte, das ist schon bemüht.

[00:03:18]  Das war im Weg für mich, ich bin dann total froh, dass ich es ja für unsere Besprechung heute sowieso gelesen habe.

[00:03:25]  Ich bin dann da drüber gekommen, es waren wirklich nur fünf Seiten

[00:03:28]  und dann bin ich total aufgegangen in diesen freundlichen, jovialen Ton von der Erzählerin.

[00:03:36]  Die hat mich so mitgenommen, da war es wirklich fein, mit der Zeit zu verbringen.

[00:03:40]  Wie hat es dir gefallen?

[00:03:42] Pia: Mir hat es auch sehr gut gefallen, lustiger weise habe ich die Zahnprobleme,

[00:03:46]  die Zahnprobleme haben die Figur für mich sympathisch gemacht.

[00:03:49]  Ich habe selber chronische Zahnprobleme, deswegen habe ich da richtig mitfühlen können.

[00:03:53]  Christina: Identifiziert

[00:03:54] Pia: Genau.

[00:03:55]  Am Anfang habe ich auch den Eindruck gehabt, es geht ums Älterwerden und darum die wiedergefundene Liebe.

[00:04:01]  Grad weil auch, die Umgebung in einem sehr maroden Zustand beschrieben wird,

[00:04:06]  da gibt es Risse im Schornstein, fehlende Dachziegel und dann taucht eben dieser Friedrich auf.

[00:04:11] Christina: In ihrem Haus meinst du, oder?

[00:04:12] Pia: Ja, genau.

[00:04:13] Christina: Das Haus am Land.

[00:04:14] Pia: Und dann taucht der Friedrich auf und es wird suggeriert, ach da könnte jetzt mehr passieren.

[00:04:17]  Doch das ist im Grunde dann alles ein Irrtum, aber da kommen wir dann noch dazu.

[00:04:22]  Schreibstil hat man auch sehr gut gefallen, der Roman plätschert sehr gemütlich dahin, ohne je langweilig zu werden.

[00:04:28]  Und man merkt eben oft gar nicht, wie weit man schon im Buch ist, weil es sich eben so leicht und flüssig lesen lässt.

[00:04:35]  Genau.

[00:04:36]  Und ich glaube dann sind wir eh schon beim Teil, wo wir ein bisschen mehr über die Erzählung oder über den Roman reden.

[00:04:42] Christina: Genau.

[00:04:43]  Und jetzt würde man nämlich, das war jetzt so eine erste Vorab, so ein Eindruck von unserer Seite für alle, die es jetzt schon lesen gehen möchten.

[00:04:50]  Wir können es wirklich nur empfehlen.

[00:04:52]  Aber liebe Leserinnen, liebe Hörerinnen und Hörer, wenn ihr dranbleiben möchtet, wir steigen jetzt ein bisschen tiefer in die Analyse des Romanes ein.

[00:04:59]  Das heißt, wir schauen uns den Text so ein bisschen genauer an, reden so ein bisschen über was darin vorkommt.

[00:05:05]  Vielleicht erfahrt ihr da noch einmal mehr, ob sich der Roman für euch zu lesen lohnt.

[00:05:11]  Und relativ am Ende werden wir dann über den Schluss und deswegen über Spoiler reden.

[00:05:17]  Das werden wir dann aber vorab ankündigen, damit alle diejenigen, die Spoiler frei lesen wollen, dann die Folge pausieren oder beenden können.

[00:05:28]  Ja, die Erzählform ist ja wichtig, ist eine Ich-Erzählerin und die bleibt namenlos.

[00:05:38] Pia: Genau, die hat keinen Namen. Da kriegt man eben die Idee, dass es eben autofiktional sein könnte. Es gibt einen Hinweis aufs Geburtsdatum das da recht gut übereinstimmt mit der Autorin selbst.

[00:05:49] Christina: Und zwar hat die Erzählerin gesagt, dass sie am gleichen Tag Geburtstag hat oder vier Tage nach Ingeborg-Bachmann-Geburtstag hat.

[00:05:57]  Und dann habe ich das schnell gegoogelt. Wann hat denn Doris Knecht Geburtstag, weil da hatte ich schon so die erste...

[00:06:02]  Das war der erste Moment, wo ich dachte, hm, ist das autofiktional. Und dann war es gleiches Jahr mindestens.

[00:06:10] Pia: Genau, dann gibt es diese Figur John im Roman und John ist auch ein Name, den sie auch bei ihren eigenen Romanen selber verwendet hat, zum Beispiel bei "Gruber geht".

[00:06:22]  Heißt der Protagonist schon John Gruber. Das heißt eben, man hat da so das Gefühl, okay, das kann vielleicht autofiktional zugehen.

[00:06:30] Es ist nicht genau die Autorin, aber zumindest sind ein paar Referenzen da, dass man die Idee bekommt, es könnte sich um sie handeln.

[00:06:38]  Die Figur ist ja auch selber Schriftstellerin.

[00:06:41] Christina: Das ist wichtig genau. Das spielt dann auch in einen anderen Kunstgriff hinein, den der Text macht, nämlich neben so autofiktionalen Elementen eben, wie du gesagt hast,

[00:06:52]  dass sie der Geburtstaghinweis ist, dass sie selber auch Schriftstellerin ist und dass sie, also die Erzählerin im Text,

[00:07:03]  als Schriftstellerin immer Romane zu schreiben scheint, in denen die Protagonisten oder die Figuren John heißen und dass sie das jetzt wieder macht,

[00:07:12]  ist dann, das ist dann noch einmal eine andere Ebene, nämlich eine metafiktionale Ebene. Plötzlich

[00:07:17] werden wir so, im Lesen habe ich gedacht hoch, was ist jetzt los, da werden wir so aus dem Text herausgehoben,

[00:07:23]  weil plötzlich wird uns klar beim Lesen dieses Romans, dass die Schriftstellerin Protagonistin den Text, den wir gerade lesen, für uns zum Lesen schreibt.

[00:07:34]  Also das ist das Projekt, an dem sie gerade arbeitet und sie sagt dann auch immer mal wieder, jetzt schreibe ich noch ein bisschen am Roman weiter

[00:07:41]  und dann wird so nach und nach aber auch erst klar, dass das der Roman ist, an dem sie gerade schreibt.

[00:07:46] Pia: Genau, sie macht dann immer so Kommentare oder sagt, sie hat jetzt was abgeändert.

[00:07:49]  Ah, der Friedrich wird sich so jetzt nicht verhalten, wie diese Figur, deswegen hat sie das jetzt nochmal anders gemacht.

[00:07:54] Christina: Genau. Und eigentlich soll sie halt eben diesen Kumpel John, der ist im Text, ist das ihr Kumpel

[00:08:00]  und da sinniert sie auch drüber, dass es wahrscheinlich, also der Verlag, die Verlegerin hätte es lieber, wenn sie den raus schreibt,

[00:08:10]  weil der hat irgendwie nicht so richtig eine narrative Verwendung für, was der Roman vielleicht sein könnte.

[00:08:17]  Nämlich ist Fragezeichen, ist es ein liebes Roman und so.

[00:08:20]  Und dann sinniert sie, mache ich den weg, weil der passt eigentlich von der Logik nicht hinein.

[00:08:27]  Würde ich jetzt eigentlich sogar auch widersprechen, rein auf Textebene.

[00:08:30]  Ich finde der John passt genau rein, aber für das, was der Text dann sagt, aber ja.

[00:08:35]  Und das spielt sich so, außerdem Pia ist dir das aufgefallen, es gibt auch total viele intertextuelle Referenzen.

[00:08:43]  Das heißt, sie spricht zum Beispiel über Ingeborg Bachmann, also die Erzählerin schaut sich ein Doku an über die Ingeborg Bachmann

[00:08:50]  und sie sinniert dann so bis sie über deren Beziehung mit Max Frisch, die berühmte,

[00:08:56]  und auch da wie Ingeborg Bachmann da so bisschen, wie die Erzählerin sich vorstellt,

[00:09:01]  dass sie da Ambiguität gezeigt hat in dieser Beziehung.

[00:09:05]  Und dass es halt auch so ein Freiraum braucht für Frauen, um zu sein und zu schaffen.

[00:09:10]  Und sie hat diesen Freiraum auch, also die Ich-Erzählerin.

[00:09:14]  Und so, und will sie da jetzt einen Mann, also den Friedrich, hereinlassen in diesen Raum oder nicht?

[00:09:21]  Und irgendwie verarbeitet sie das dann auch über solche Sachen?

[00:09:24]  Das ist dann eben diese Intertextualität, das habe ich dann auch überraschend und gut gefunden.

[00:09:30] Pia: Genau, aber das ist nicht das einzige Thema, also einerseits die Liebesgeschichte ist natürlich schon auch ein Thema,

[00:09:36]  aber es kommen natürlich auch andere Themen vor, Freundschaft, Älterwerden, haben wir ja auch schon erwähnt mit den Zähnen.

[00:09:42] Das Patriarchat, Frauenbild und Frau sein in der Gesellschaft.

[00:09:46]  Toxische Maskulinität, psychische Gewalt in Beziehungen, die ist aber nur angedeutet.

[00:09:53]  Und auch eben späte Freiheit, das ist auch das, was dann wieder mit der Liebesgeschichte zusammenhängt.

[00:09:59]  Genau, und die kommen alle ein bisschen vor. Es gibt verschiedene Erzählstränge.

[00:10:04]  Einerseits eben die Liebesbeziehung, potenzielle Liebesbeziehung mit Friedrich,

[00:10:08]  die Hochzeit der besten Freundin, der Theresa, die Zahnprobleme und die Schwester.

[00:10:15]  Die taucht eben dann auch auf und tut sich bei ihr in der Wohnung einsetzen und geht nicht mehr weg.

[00:10:22]  Und sie kriegt sie nicht los und wir wissen aber nicht genau, was da los ist.

[00:10:25]  Genau, das sind die vier Erzählstränge und an denen handelt sie sich ein bisschen ab.

[00:10:31] Christina: Über 40 Kapitel macht sie das.

[00:10:35] Pia: Genau.

[00:10:36] Christina: Also der Roman ist relativ kurz. Wie viele Seiten hat er?

[00:10:38]  Jetzt haben wir das nicht notiert, aber ich glaube es waren 230 oder so in dem Dreh.

[00:10:44]  Und es hat halt 40 Kapitel.

[00:10:46]  Und wie du sagst, diese vier Stränge sind so das, was es durchweht.

[00:10:53]  Wie viele Fäden, die sich so miteinander verwebt, immer mal wieder.

[00:10:56]  Aber in den 40 Kapiteln geht es eben so nach und nach um diese Themen.

[00:11:01]  Während sie sich so, also sie, die Ich-Erzählerin, sich so durch ihren Alltag und ihr Leben bewegt.

[00:11:08] Pia: Genau.

[00:11:10] Christina: Weißt du, was ich dazu fand? Pia: Was denn?

[00:11:12]  Dass der Text ist so leichtgängig und im Übrigen auch sehr, sehr sommerlich

[00:11:23] dass man überliest, wie geschickt der aufgebaut ist und mit diesen ganzen literarischen Spielarten

[00:11:33] umgeht. Das ist, das hat mich so, also ich fand, wie ist es in dir da gegangen? Ich fand

[00:11:41]  es so verblüffend, dass ein vermeintlich leichtgängiger Text, der sich auch wirklich leichtgängig

[00:11:49]  liest, solchen Tiefgang hat, wenn man ein bisschen hinschaut, weil wir haben eben

[00:11:54]  von all diesen hohen Begriffen jetzt geredet, oder? Die kommen aus der Literaturwissenschaft. Wir haben

[00:11:59] geredet von Intertextualität, von Metatextualität. Was noch? Pia: Von auch komplizierteren Themen,

[00:12:09] toxische Maskulinität, Christina:  Autofiktionalität. Und das merkt man, aber Pia: und sie verarbeitet das alles

[00:12:17] in eigentlich einer sehr kurzen Spanne auch. Christina: Und so leichtgängig, und da ist diese Ich-Erzählerin,

[00:12:24]  die so jovial, freundlich, humorvoll, bisschen trocken ist, also so wie wir das jetzt beschrieben

[00:12:30]  haben, klingt das so, als wäre das so ein hochgestochener schwieriger Text, oder so. Es

[00:12:35] ist wirklich leicht Pia: einfach zu lesen. Christina: Ja, so fein. Pia: Wie gesagt, das fließt so dahin. Christina: Hab

[00:12:42]  ich noch nie erlebt. Hast du das schon mal, hast du schon mal einen Roman gelesen, wo

[00:12:46]  du dann nach drauf kommen bist, wie konstruiert er eigentlich ist und wie viele verschiedene

[00:12:51] Pia:  Ja, jemand bei Virginia Woolf oder sowas, das auch drum geht, okay, ich spaziere jetzt

[00:12:54]  durch die Stadt und Dinge passieren. Und es ist schon so ein bisschen in diese Richtung.

[00:12:59] Christina: Weißt du was? Ja, Virginia Woolf, das ist in guter..., also Frau Knecht. Weißt du, warum du,

[00:13:08]  weil du Virginia Woolf sagst, gell. Weil die Ich-Erzählerin lebt ja in diesem Haus am

[00:13:14]  Land und es ist da, wo sie als Alleinerziehende ihre Zwillinge großgezogen hat. Die sind aber

[00:13:20]  inzwischen erwachsen und ausgezogen und jetzt hat sie dieses Haus für sich allein. Und sie

[00:13:26]  ist Schriftstellerin und der ganze Roman dreht sich um die Frage, ist ihre Autonomität,

[00:13:33]  was sie will, oder ist also zwischen dieser Sehnsucht nach Paarbeziehung, nämlich den

[00:13:38]  Friedrich und dieser Autonomität, die sie sich erarbeitet hat, nachdem sie ihre Kinder

[00:13:43]  als Alleinerziehende durchs Leben gebracht hat. Was ist, was ist, was will sie? Ja, nein,

[00:13:48]  vielleicht, will ist sie Friedrich? Ja, nein, vielleicht, will ist sie allein bleiben? Ja,

[00:13:51]  nein, vielleicht. Und dieses Haus habe ich dann so gedacht, das ist wie, es gibt dieses,

[00:13:57]  die Virginia Woolf hat dieses super berühmte Essay geschrieben. "Ein Zimmer für sich allein",

[00:14:01] "A Room of One's Own", wo es im Grunde darum geht, dass Frauen Freiraum brauchen, um sich

[00:14:08]  künstlerisch zu entfalten. Mehr als Freiraum, sie brauchen andere Sachen auch noch. Aber es

[00:14:12]  ist so, bisschen geht es halt darum. Und dieses Haus, das sie auch so verortet beschrieben hat mit

[00:14:22]  diesem See, wo sie hingeht, mit diesem Sommer, das dann ja auch mit dem Haus passiert ja dann

[00:14:28] noch was. Das hat mich so dran erinnert, an "ein Zimmer für sich allein" von Virginia Woolf,

[00:14:34]  meinst du, das war auch absichtlich? Pia: Das kann schon sein. Aber eben, wie du gesagt hast so leicht

[00:14:39] flapsiger Ton, Mrs. Dalloway und so, da denke ich schon auch dran eben,

[00:14:42]  man spaziert durch die Stadt und Dinge passieren, aber es ist nichts Großartiges passiert.

[00:14:46] Christina: Absolut, absolut. In Mrs. Dalloway ist die, ich habe dieser Roman war auch deswegen so berühmt,

[00:14:54]  weil die Ich-Erzählerin schmeißt eine Party und geht dann durch die Stadt, um die Blumen für

[00:14:59]  diese Party zu kaufen. Und es war in dem sogenannten Stream-of-Consciousness geschrieben. Ich würde

[00:15:04]  jetzt das nicht hundertprozentig vergleichen, das ist nicht eins zu eins, aber es hat schon ein paar

[00:15:09]  Elemente davon, auch dieses Moderne, dieses vermeintlich Moderne. Pia: Das Alltagsleben, das

[00:15:15] einfach passiert. Christina: Und das feministisch auch macht. Pia: Ja. Christina: Voll interessant Pia!

[00:15:21] Pia: Und da sind wir jetzt, glaube ich, dann beim Spoiler-Teil. Ja. Also alle, die jetzt nicht wissen

[00:15:27]  wollen, wie der Roman ausgeht, die nicht gespoilert werden wollen, bitte ausschalten oder

[00:15:32]  Pause drücken, weil jetzt kommen wir in den Spoiler-Bereich. Am Schluss vom Roman gibt es eben,

[00:15:37]  es gibt dieses Haus, das sie am Land hat und da gibt es dann starke Regenströme, starker Regen

[00:15:43]  und es wird alles überflutet. Und sie hat Panik und weiß nicht was tun und in der Panik ruft sie

[00:15:50]  dann halt den Friedrich an, um sich Hilfe zu holen und der Friedrich lässt sie hängen. Aber das ist

[00:15:56]  nicht das Ende der Geschichte. Es endet auch nicht tragisch, weil sie hat ja noch andere Leute. Sie

[00:16:01]  hat ihre Freundin, sie hat Bekannte, Verwandte, Nachbarn, ihre Kinder und die kommen zur Hilfe

[00:16:07] und retten sie im Grunde am Schluss. Christina: Und das war so ein schönes, bejahendes Ende, habe ich gefunden.

[00:16:16] Pia: Und auch toll, dass es eben nicht der Fokus ist. Okay, ich brauche einen Mann, damit er mich aus einer

[00:16:24]  Katastrophe retten kann. Nein, weil man hat andere Leute auch. Und ja, es ist trotzdem positiv

[00:16:33] geendet, ein Happy End, aber eben nicht in einer Liebesbeziehung. Christina: Genau. Und also der Roman geht

[00:16:41]  sehr erwachsen mit eben dieser Frage um, geh ich, nachdem ich schon mehrere Liebesbeziehungen hinter

[00:16:49]  mir habe, manche davon auch schlecht, gehe ich dann wieder darauf ein. Und sie hat halt dieses, also

[00:16:54]  das Pendelt immer zwischen der Sehnsucht nach dieser Paarbeziehung und nach der, dass sie sich

[00:17:03]  eigentlich alleine auch total wohl fühlt, aber dass sie natürlich nicht im eigentlichen Sinne

[00:17:07]  allein sein möchte. Also wer will denn schon allein allein sein, oder? Und dann sagt der Roman und

[00:17:12]  das habe ich dann immer, ich habe immer mit gekreuzten Fingern gelesen, bitte 

[00:17:17] lass es keine Liebesroman sein. Und das war es ja dann nicht. Und das war so schön. Dazu

[00:17:24]  passend, übrigens eine kleine Buchempfehlung von der Beatrice Frasl, des Sachbuch "Entromantisiert

[00:17:32]  euch". Das ist auch dieses Jahr, 2025, im Haymon Verlag erschienen. In dem Buch stellt die Beatrice

[00:17:41]  Frasl die These auf, dass heteronormative Paarbeziehungen im Grunde ähnlich wie, also

[00:17:51]  wie dieses Argument schafft die Ehe ab. Und auch diese, diese romantisierende Propaganda von

[00:18:01]  Filmen und so, und Serien und Bücher, nichts weiter, als das ist, Propaganda, um Frauen

[00:18:07]  dahingehend zu sozialisieren, dass sie sich das dann wünschen, nämlich eine heteronormative

[00:18:11]  Paarbeziehung, in der sie dann aber wieder das dann für das Patriarchat als Ganzes als Unterjochungsinstrument dient.

[00:18:19] [lachen] Und jetzt habe ich, dieses Sachbuch habe ich vorher gelesen, deswegen war für mich sofort klar,

[00:18:27]  wo ich den Titel "Ja, nein, vielleicht" und dann habe ich Friedrich dann ja mal Pia: Alles nur nicht

[00:18:33]  das. Wo ich es gelesen habe, habe ich mir schon während des die ganze Zeit, ich habe eben

[00:18:36]  auch die Befürchtung gehabt, dass es so endet. Es wird aber immer schon ein bisschen angedeutet,

[00:18:41]  weil es wird schon gesagt, ah, das hat ihr jetzt nicht gepasst, was der Friedrich jetzt

[00:18:44]  gemacht hat oder was der Friedrich jetzt gesagt hat. Und dann denkt man sich, ah, vielleicht

[00:18:51] doch nicht. Christina: Ah, das war so schön. Genau. Ja, schönes Buch mit Happy End, sommerlich,

[00:19:01]  unser Fazit Pia. Pia: Unser Fazit ist, dass trotz der eigentlich dichten Themen der Roman nie

[00:19:06] an Leichtfüßigkeit verliert, gefallen wird er vielen. Unserer Meinung nach ist es ein

[00:19:11]  Selbstläufer und wir möchten ihn auch spezifisch Leserinnen von Mareike Fallwickl und Eva

[00:19:17] Reisinger empfehlen. Christina: Genau, und zwar deswegen, weil das oft die sind die, also Millenials

[00:19:22] und jünger, die dann eher diese Autorinnen lesen vielleicht. Lasst bitte, solltet nicht

[00:19:29]  sowieso schon selber darauf kommen sein, die Doris Knecht nicht links liegen, das ist

[00:19:34]  ein toller Roman. Für jedes Alter. Und zum guten Schluss, bevor wir uns verabschieden,

[00:19:40]  möchten wir euch noch zwei Leseempfehlungen geben von Romanen, die uns privat gerade gut

[00:19:47]  gefallen haben. Zuletzt gelesen habe ich von der Holly Gramazio "The Husbands" auf Deutsch

[00:19:54] "Ehemänner" ins Deutsche übersetzt von Babette Schröder. Der Roman wurde auf Deutsch schon

[00:20:00]  2024 veröffentlicht. Das heißt, manche kennen ihn vielleicht schon. Es ist trotzdem eine

[00:20:06]  große Empfehlung. Es ist im Grunde Tinder aber mit real life-Ehemännern. Single Lauren

[00:20:11]  kehrt vom Junggesellinnen Abschied ihrer besten Freundin zurück und findet in ihrer Wohnung

[00:20:15]  einen fremden Mann. Der behauptet ihr Ehemann zu sein. Eigentlich ist sie doch gar nicht

[00:20:20]  verheiratet, aber es stellt sich schnell heraus, dass ihr Dachboden Ehemänner produziert.

[00:20:26]  Der ist also magisch und sie kann diese aber auch wieder dahin zurückschicken, wenn es

[00:20:30]  jetzt mit dem Mann nicht zufrieden ist. Wenn sie das aber macht, kommt gleich ein Neuer

[00:20:34]  herunter und so probiert sich Lauren dann durch die Ehemänner. Das ist witzig, ein bisschen

[00:20:40]  skurril, aber sehr kurzweilig und eine Super Strandlekteure. Pia: Klingt auf jeden Fall unterhaltsam.

[00:20:46] "The Storyteller's Death" von Ann Dávilla Cardinal. Da geht es um Isla, deren Leben nach dem Tod

[00:20:52]  ihres Vaters ins Wanken gerät. Jeden Sommer verbringt sie den Sommer bei Verwandten in

[00:20:57]  Puerto Rico. Mit 18 stirbt dann die Großmutter und Isla entdeckt eine besondere Gabe. Die

[00:21:03]  Geschichten ihrer verstorbenen Cuentistas, den GeschichtenerzählerInnen ihrer

[00:21:07]  Familie, werden durch sie zum Leben erweckt und wiederholen sich immer wieder vor ihren

[00:21:11]  Augen. Als sie aber eine Vision eines ungelösten Mordes erhält, wird klar,

[00:21:16]  entweder sie löst das Rätsel und beendet die Wiederholungen oder die Geschichten kosten

[00:21:21]  sie das Leben. Es ist ein Mix aus Mystery und bewegender Familiengeschichte und zeichnet dabei

[00:21:26] die Atmosphäre von Puerto Rico sehr zu empfehlen. Christina: Boah, klingt auch sehr gut. Solltet ihr nicht

[00:21:32]  in den Urlaub fahren können, holen Puerto Rico sich ins Haus, auf den E-Reader. Genau.

[00:21:37]  Gut, damit möchten wir uns bedanken für eure Aufmerksamkeit. Gerne könnt ihr uns schreiben,

[00:21:43]  wie hat euch "Ja, Nein, Vielleicht" von der Doris Knecht gefallen? Gibt es Wünsche, Bücher,

[00:21:47]  die wir für euch besprechen sollen? Dann schreibt ihr uns auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at.

[00:21:55]  Gerne könnt ihr uns auch auf Instagram eine DM schießen. Wir sind zu finden unter dem

[00:22:01]  Handel stadtbibliothek.innsbruck. Ja Pia, dann sagen wir schönes Lesen und wir hören uns hoffentlich

[00:22:10]  bald wieder. Pia: Bis zum nächsten Mal! [Outro-Musik]

[00:22:38] [Pia liest] Das Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem

[00:22:44]  Audio-Kanal der Stadt Innsbruck.

Weitere Infos

In ihrem neuen Format besprechen Pia und Christina aktuelle österreichische Gegenwartsliteratur. Hier finden Sie die aktuellsten Romane von neuen und bekannten Stimmen der österreichischen Literaturlandschaft.

In dieser Folge sprechen die beiden über Doris Knechts aktuellen Roman „Ja, nein, vielleicht“, erschienen 2025 bei Hanser. 

Verlagsangabe:

Raffiniert und bissig schreibt die Bestsellerautorin Doris Knecht über das Leben als Frau, über Freundschaft und über Sinn und Unsinn der romantischen Liebe.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlt sie sich wieder frei: Die Kinder sind ausgezogen, in ihrem Dasein zwischen Großstadt und Landleben breitet sich Ruhe aus. Doch dann wird ihre Wohnung von ihrer Schwester besetzt, es droht ihr ein Zahn auszufallen und sie wird mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert. Während sich das eher marginale gesundheitliche Dilemma zu einer kleinen existenziellen Krise auswächst, trifft sie im Supermarkt einen Mann von früher wieder: Friedrich. Eine Begegnung, die sie vor eine Frage stellt, mit der sie sich eigentlich nicht mehr beschäftigen wollte: Ist sie bereit für eine weitere Liebesbeziehung? Oder besser gesagt: Ist sie bereit, ihr gutes Leben zu teilen, ihre innere Zufriedenheit zu riskieren, schon wieder? Ein moderner Roman über das Leben als Frau, der das ewige Primat der romantischen Liebe infrage stellt – unverbittert, witzig, lebensklug.

Viele der besprochenen Bücher gibt’s auch in der Stadtbibliothek.

Teatime: Diese romantischen Beach Reads müsst ihr gelesen haben!

Teatime: Diese romantischen Beach Reads müsst ihr gelesen haben!

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00] [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:06] [Intro-Musik] Shelly: Hallo und herzlich willkommen beim Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck

[00:00:26]  und heute wieder zu einer neuen Folge der Teatime. Heute geht es um Beach Reads.

[00:00:32]  Ich habe eine Karaffe mit Eistee vorbereitet und weil ich natürlich viel zu spät aufgedenkt

[00:00:39]  habe [Jaci lacht] und der jetzt nicht so lange im Kühlschrank war, wie ich eigentlich erwartet hatte, ist

[00:00:47]  es jetzt ein lauwarmer Eistee, was ich aber total passend findet, weil er schmeckt so,

[00:00:52]  als hätte man den Eistee am Strandkiosk gekauft, sich dann ins Buch vertieft und vergessen,

[00:00:59]  dass man den Eistee gekauft hat und jetzt ist es so ein viel authentischeres, lauwarmes Eistee-Erlebnis.

[00:01:05] Jaci: I love it. [Soundbite: Tee einschenken, Klirren, Umrühren, genussvoll trinken]

[00:01:06]  Genau, also heute zum Thema Beach Reads und die muss sagen, wir haben unsere Listen heute

[00:01:19] ein bisschen verglichen und ich war total überrascht. Ich glaube, das ist eine der ersten Podcastfolgen,

[00:01:24]  wo auf unserer Bücherliste keine einzige smutty Romance drauf ist, also kein Steam. Und ich habe

[00:01:32]  mir gedacht, schau, wir werden erwachsen. This is what I call character development. [Shelly lacht] Da war ich so,

[00:01:37]  wow, [Jaci lacht] es hat nur ein halbes Jahr gedauert, aber jetzt sind wir endlich da.

[00:01:42]  Ich habe mir überlegt, was ist Sommerlektüre so für mich, also was sind die idealen Beach Reads?

[00:01:51]  Und eben einfach was, was leicht ist, also vom Thema her relativ leicht, beziehungsweise leicht zu

[00:01:58]  lesen oder einfach auch packend geschrieben. Also, ich packe da keine Bücher, die einfach nicht

[00:02:05]  spannend geschrieben sind, auch wenn jetzt nicht mordsmegaviel passiert, wenn es jetzt nur Romance Novels

[00:02:10] oder sowas sind, aber es muss einfach wirklich gut geschrieben sein. Also von diesem

[00:02:14]  fluffy Summer Romance, also einfach diese leichte Sommerlektüre oder sowas, ja, aber es muss

[00:02:20]  die Gute sein. Wenn es mich nicht packt, dann schlafe ich lieber am Strand, also wie das ich lese. [Shelly lacht]

[00:02:25]  Und eben auch nicht zu dick, das finde ich auch immer ganz wichtig, weil wenn man dann irgendwie

[00:02:30]  am Strand liegt und mit einer Hand das Buch halten muss und den schlaft  langsam so der Arm ein,

[00:02:33]  das ist nicht fein. - Shelly: Ja, und muss ja in den Koffer auch reinpassen. - Jaci: Genau, stimmt, stimmt. Es muss

[00:02:39]  mindestens drei Bücher pro Woche, finde ich, in einen Koffer passen und deswegen ist es auch natürlich

[00:02:46]  ganz wichtig, dass sie nicht so dick sind. So, und dann habe ich meine gute Freundin,

[00:02:50]  ChatGPT, gefragt, [beide lachen] nach ihrer Definition für Sommerlektüre und da hat sie viele gute

[00:02:56]  Antworten mir gegeben, aber ich möchte ein Zitat besonders hervorbringen und zwar: "Gute

[00:03:02]  Sommerlektüre ist wie ein Gespräch mit einer klugen Freundin: unterhaltsam, manchmal tiefgündig,

[00:03:09] aber nie anstrengend." Süß, oder? [beide lachen] Also, ich war ganz begeistert von dem. - Shelly: [lachend] Wo hat sie jetzt das her? - Jaci: Ja, da war sie

[00:03:17]  auf einmal ganz philosophisch am Weg, aber ich lieb es, ich finde es ganz toll. - Shelly: Ja, ist nett,

[00:03:21] aber stimmt auch. - Jaci: Ja, möchtest du der Definition von Sommerlektüre noch was hinzufügen oder

[00:03:27] hat ChatGPT alles gesagt? - Shelly: ChatGPT spricht mir aus der Seele. [beide lachen] - Jaci: Sehr gut. Und dann würde

[00:03:35]  ich einfach gleich mit meiner ersten Sommerlektüre anfangen und wie vielleicht schon ein paar

[00:03:41]  vermutet haben über von dem Titel der heutigen Podcastfolge Beach Reads, haben wir als erstes

[00:03:47]  Buch "Beach Read" von Emily Henry und zwar haben wir die deutsche Version gelesen, die Übersetzung

[00:03:56]  ist "Verliebt in deine schönsten Seiten". Könnte man jetzt streiten, ob das gut übersetzt ist als

[00:04:02]  Titel oder nicht. Ich habe es nicht einmal gefunden bei uns in der Bib, weil ich auch nicht unter

[00:04:06]  diesem Titel gesucht habe. Genau, also ich war ein bisschen überrascht davon, aber habe mir dann das

[00:04:12]  Buch ausgeliehen und die Shelly hat es auch gelesen, damit wir beide vorbereitet sind auf

[00:04:15]  diese Folge. Und ich gebe ganz kurz einen Inhalt, also eine Inhaltszusammenfassung und zwar geht es in

[00:04:24]  dieser romantischen Komödie um die junge Autorin January Andrews, die nach dem Tod ihres Vaters

[00:04:31]  in dessen Altes Strandhaus an einem See zieht, um ihre Schreibblockade zu überwinden, weil sie

[00:04:37]  muss ein neues Manuskript abgeben. Dort trifft sie, also auf ihren früheren College-Rivalen August-

[00:04:43]  August, oh Gott, [Shelly, lachend: Augustus?], dort trifft sie auf ihren früheren College-Rivalen Augustus 'Gus' Everett,

[00:04:51]  der zufällig eben ihr Nachbar ist und der ist auch Autor, aber schreibt ganz zynische

[00:04:57]  und ernste Literatur. Beide haben eben eine Schreibblockade und beide kommen nicht mit ihren

[00:05:02]  Manuskripten voran und haben dann, gehen dann sozusagen eine Wette ein und wollen sich gegenseitig

[00:05:08]  helfen und tauschen dann ihre Genres. Also Gus muss dann einen Liebesroman schreiben und January

[00:05:15]  muss dann höhere, tiefgehendere Literatur sozusagen schreiben. Und während dieser Herausforderung

[00:05:22]  helfen sie sich gegenseitig bei der Recherche für das jeweilige Genre des Anderen und kommen

[00:05:27]  sich dabei näher. Zuallererst möchte ich mir kurz aufregen über die Namen der beiden Protagonisten. [beide lachen]

[00:05:33] Shelly: Jetzt kommt's. - Jaci: [lacht] Weil, ich hab das gelesen, ich hab angefangen und da war ich so: January und Augustus und ich so:

[00:05:39] einfach "Januar" und "August". Es gibt so viele Namen und vielleicht hat die Autorin das wahnsinnig

[00:05:45] unterhaltsam gefunden, dass eben beide nach einem Kalendermonat benannt worden sind. Aber

[00:05:49]  ich hab das so lächerlich empfunden. Da war ich so ... [macht genervtes Geräusch] - Shelly: Ich hab das überhaupt nicht gecheckt mit dem Augustus, [Jaci: Das war so lustig!]

[00:05:55] bis du das gesagt hast, weil Augustus ist doch eher ein gängigerer Name als January. Aber

[00:06:03] jetzt wo du's ... - Jaci:  Ja, das habe ich ... Dann nenn ihn doch einfach "Will" oder irgendetwas.

[00:06:09] Shelly: [lacht] David. - Jaci: Aber irgendetwas. Und da war ich ein bisschen genervt von dem am Anfang. Aber nachdem sie immer

[00:06:13]  nur Gus nennt, dann war ich so, ja okay, dann merk ich's nicht so oft. Und dann war ich okay damit,

[00:06:18] aber ... war ich fein mit, aber ... - Shelly: Und die meisten nennen ihn ja Everett, beim Nachname. - Jaci: Ja,

[00:06:23]  die Coolen. Ich muss gestehen, also auch in der weiteren Liste jetzt als Sommerdektüre-Empfehlungen,

[00:06:29] neben "Beach Read" würde ich auch "Funny Story" oder "Booklover" von Emily Henry empfehlen. Die haben

[00:06:34]  mir auch beide sehr gut gefallen. Die habe ich auch beide vor "Beach Read" gelesen und auch im

[00:06:38]  englischen Original. Und "Beach Read" eben, also "Verliebt ihn deine schönsten Seiten", war

[00:06:43]  jetzt das erste deutsche Buch quasi, was ich von ihr gelesen habe in der Übersetzung. Und ich

[00:06:48]  finde die Übersetzung war für mich oft sehr holprig. Also da habe ich oft das Problem mit der

[00:06:52]  Übersetzung gehabt, dass gewisse Sachen einfach für mich nicht flüssig übersetzt worden sind.

[00:06:58]  In meinem Gefühl, weil ich eben Emily Henry als gute englische Autorin kenne. Aber eben für

[00:07:04]  ein Strand perfekt, es plätschert so vor sich hin. Es ist so ein bisschen "banter" [Deutsch: "rumalbern", "necken"]. Also die zwei Figuren

[00:07:09]  haben so ein bisschen Chemie und ein bisschen Love-Hate-Relationship. Also es ist, glaube ich,

[00:07:13]  schon auch, kann man sagen, enemies-to-lovers ein bisschen. Also eben, weil January Gus als ihren

[00:07:20]  College-Rivalen halt so irgendwie sieht. Und da ist dann eben ein bisschen Spannung drinnen. Und eben,

[00:07:25]  es ist so Kleinstadt-Flair, und ein bisschen eben Sommerflair, weil sie am Strand, in ihrem

[00:07:28]  Strandhaus wohnen. Und ein bisschen emotionale Tiefe kriegen wir eben dadurch, dass January

[00:07:33]  ihren Vater verloren hat und dessen Tod verarbeiten möchte, muss und eben auch beide ganz viele

[00:07:41]  Sachen in ihrer Vergangenheit erlebt haben, die sie dann eben gemeinsam mit diesem Projekt quasi

[00:07:46]  verarbeiten. Ja. Wie hat dir das Buch gefallen, Shelly? - Shelly: Ja, ganz gut. Also ich bin eben so nicht

[00:07:53]  so einverstanden mit der Weise, wie man es übersetzt hat und hab's auch eher als dann teilweise

[00:07:58]  unangenehm empfunden. [beide lachen] Die Dialoge dann, die Jaci hat, [Shelly lacht laut] hat Post-its reingeklebt bei jeder Stelle,

[00:08:08] wo sie beim Lesen gecringet hat und gefühlt auf jeder Seite gibt's ein Post-it. [lacht] - Jaci: Wart ich zähl sie kurz,

[00:08:15] warte. [kurze Pause] Okay, also es sind 24 Post-its im Buch. Das Buch hat 350 Seiten, also man kann sich jetzt

[00:08:24]  ausrechnen, wie viele Prozent ich davon ein bisschen schlimm gefunden haben. Aber man muss

[00:08:27]  auch verteidigen. Ich hab eine Stelle hervorgehoben mit einem andersfarbigen Post-it. Und darin hat

[00:08:33]  January einen Monolog geführt, um Frauenliteratur zu verteidigen, weil eben Augustus als

[00:08:41] sehr renommierter Autor immer ihre Liebesromane so ein bisschen in Dreck zieht. Gerade am Anfang ist

[00:08:46]  er halt so, das ist halt so quasi ein bisschen "Schund". Und sie verteidigt es dann halt inbrünstig da und hat

[00:08:52]  dann echt einen guten Argument eben für die Frauenliteratur. Und das hat mir gut gefallen.

[00:08:56]  Da war ich so: Go Girl. - Shelly: Ich glaub, da hat Emily Henry gesprochen. [lacht] - Jaci: Ja. Ich glaub, dass das sehr

[00:09:02]  frustrierend ist als Frau in der Buchbranche, wenn man eben quasi macht ganz viele Anführungszeiten,

[00:09:08] "nur" Liebesromane schreibt, dass man da eben einfach nicht so wertgeschätzt wird.

[00:09:12] Man merkt's ja auch aus Leserinnen. Wenn man eben sagt, man liest Liebesromane, dann wird halt so,

[00:09:17]  ja, okay. Aber ist das wirklich Lesen so quasi? - Shelly: Ja. Aber es ist eines der beliebtesten Genres?

[00:09:24] Jaci: Genau. Nicht ohne Grund ist bei uns auch die Belletristik-Abteilung die größte. Nicht

[00:09:28]  ohne Grund gehen diese Bücher bei uns auch so gut. Ja, sie sind hervorragend. - Shelly: Moving on. [beide lachen] Also

[00:09:38]  meine erste Beach Read-Empfehlung ist die Trilogie von Jenny Han, "The Summer I Turned Pretty",

[00:09:44] "Der Sommer, als ich schön wurde". [lacht] Wir haben das in der Bibliothek in Englisch und auf Deutsch.

[00:09:50]  Und diese Reihe besteht da eben, wie gesagt, aus drei Teilen. "The Summer I Turned Pretty",

[00:09:55]  "It's not Summer Without Wou" und "We'll Always have Summer". Und im Mittelpunkt der Handlung

[00:10:00]  steht Isabelle, Belly, Conklin, die jeden Sommer mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in

[00:10:06]  das Strandhaus der befreundeten Familie Fisher fährt. Die Mütter, die sind beste Freundinnen

[00:10:11]  und auch die Belly und ihr Bruder verstehen sich sehr, sehr gut mit den Brüdern der anderen

[00:10:15]  Familie Conrad und Jeremiah Fisher. Und Belly hatte immer schon, also seit sie denken kann,

[00:10:22]  einen Crush auf den älteren Bruder Conrad. [schmunzelt] Doch dieser hat sie nie so richtig wahrgenommen,

[00:10:29]  zumindest mal nicht als Love Interest, weil sie ist doch ein paar Jahre jünger und

[00:10:33]  immer noch ein Kind gewesen und er war aber immer ein guter Freund für sie. Und in dem Sommer,

[00:10:39]  als sie dann 16 wird, ändert sich dann einiges, vor allem also mal in Bezug auf den Titel. Sie

[00:10:45]  wird unter Anführungszeichen "schön". Ich finde den Titel nicht, ich finde den ein bisschen schrecklich,

[00:10:51] "The Summer I Turned Pretty", weil sie war ja davor nicht hässlich. [lacht] - Jaci: Hat sie einfach davor eine Brille

[00:10:59] gehabt? - Shelly: Ja. Und eine Zahnspange, glaub ich. - Jaci: [macht ein angeekeltes Geräusch] Ich hasse diesen Trope: "Das Mädchen nimmt die Brille ab und ist hübsch."

[00:11:06]  Das regt wie so auf! - Shelly: Ja, find ich auch. Also "schön" unter Anführungszeichen, sie wird halt eben einfach

[00:11:12]  erwachsen und die Umgebung, besonders eben dann die Brüder, nehmen sie dann auf eine ganz andere Weise

[00:11:18]  wahr. Und dann entwickelt sich eben so eine Dreiecksdynamik zwischen Belly und den beiden

[00:11:23]  Fisher-Brüdern, zwischen Conrad und Jeremiah. Und diese Dreiecksbeziehung beschäftigt dann die

[00:11:29]  ganzen drei Bände. Die Themen sind erste Liebe, Coming of Age, Familie, Dreiecksbeziehung, Trauer

[00:11:36]  und Verlust. Und das ist eher geeignet für ein jüngeres Lesepublikum, so zwischen 12 und 18

[00:11:44]  ist gestanden. Und wer "To all the Boys I've loved before" gerne gelesen hat, auch von derselben

[00:11:49] Autorin, den wird das wahrscheinlich auch gefallen. Und ich finde es halt, es ist extrem seicht. Also

[00:11:54]  wirklich, das ist sehr, sehr leichte Lektüre bis auf die Krankheit von der einen Mutter. Das gibt

[00:12:02] dem Ganzen wieder ein bisschen Tiefe. Aber ich finde es total nett geschrieben. Ich habe es gelesen,

[00:12:08]  ich war so 20 oder so und habe mich so ein bisschen zurückversetzt in meine "Jugend" [lacht]

[00:12:15] in Anführungszeichen. Und also ja, genauso war es doch total unangenehm, cringy, einfach einfach

[00:12:23]  Teenie sein war doch so schlimm und so schön gleichzeitig. Und das gibt halt so richtig

[00:12:27] Nostalgie, diese Reihe, finde ich. Hast du es du gelesen? - Jaci: Ich habe es im ersten Teil gelesen, aber

[00:12:33]  auch im Deutschen, also die deutsche Übersetzung. Aber ich habe es lassen müssen. Also ich habe es dann

[00:12:39]  fertig gelesen, das Buch, weil man dachte, ja, ich muss wissen, was der Hype ist. Weil es gibt dann

[00:12:44]  ja auch Serien, [Shelly: Genau.] es gibt auch eine Amazon-Serie. Aber wir haben wirklich gedacht, also diese Protagonistin

[00:12:50] ist mir so auf die Nerven gegangen, die so naiv und unfähig und unselbstständig. - Shelly: Die ist 16! - Jaci: Ja,

[00:12:57]  ich war mit 16 nicht so. Vielleicht kann ich ihm deswegen überhaupt nicht mit dem irgendwie was

[00:13:01]  anfangen, aber auch sie kommuniziert überhaupt nicht. Und das hat mich einfach so aufgeregt,

[00:13:05]  aber ich habe es letztens Jahr gelesen. Also ich war einfach vielleicht auch zu alt dann schon. Es ist

[00:13:09] gute Stranddektüre, wenn man nicht nachdenken will. - Shelly: Ja, genau. - Jaci: Wenn man nur fürs Drama da ist.

[00:13:14] Shelly: Sie sind auch sehr dünn, die Bücher, 200 bis 300 Seiten jeweils, hat man gleich mal durch. Und es ist

[00:13:19] einfach nett. Und das soll sie ja sein, die Stranddektüren. - Jaci: Mein nächstes Buch, bzw. meine nächste Autorin,

[00:13:26]  die ich abgöttisch lieb, ist Taylor Jenkins Reid. Also für mich eine wunderbare Autorin. Kennt man

[00:13:33]  hauptsächlich oder berühmt geworden ist sie, glaube ich, durch "The Seven Husbands of Evelyn Hugo"

[00:13:38]  und auch "Daisy Jones and the Six". Und ebenfalls beides gute Bücher. Was ich jetzt aber als

[00:13:44]  Stranddektüre sehr empfehlen kann, ist ein Buch, das 2022 erschienen ist, "Carrie Soto is Back".

[00:13:51]  Und ich habe das gelesen und ich war so überrascht, dass es mir so gut gefallen hat,

[00:13:58]  weil ihre anderen Bücher eben in "Husbands of Evelyn Hugo" geht es um eine Schauspielerin,

[00:14:02]  in "Daisy Jones and the Six" geht um eine Rockband. Und in "Carrie Soto is Back" geht es um eine

[00:14:08]  Tennis-Spielerin. Und Tennis interessiert mich null oder ich habe Tennis noch nie wahrgenommen,

[00:14:14]  als Sport der mich interessiert. Aber das Buch war so gut [Shelly lacht leise] und da war ich so, oh mein Gott, Tennis.

[00:14:20]  Wer hätte es gedacht? Kurze Inhaltsangabe. Carrie Soto ist eine der größten Tennis-Legenden aller

[00:14:26]  Zeiten, ehrgeizig, fokussiert und berüchtigt für ihren kompromisslosen Willen zu gewinnen.

[00:14:32]  Nach ihrer spektakulären Karriere zieht sie sich dann eben Anfang 30 zurück und als dann aber

[00:14:38]  eine neue vielversprechende Spielerin auf dem Platz tritt und droht, all ihre Rekorde zu brechen,

[00:14:44]  denkt sich die Carrie so, na geht gar nicht und Carrie Soto kommt dann eben für ein Comeback

[00:14:49]  zurück, also Carrie Soto is Back. Das Buch ist einfach so gut, es ist so spannend, also so jeder

[00:14:58]  Punkt den sie macht oder nicht macht, ist so gut beschrieben und man fiebert wirklich mit ihr auf

[00:15:03]  diesem Platz mit und es ist auch total süß, weil ihr Vater ist ihr Coach und es wurde eben von ihrer

[00:15:10]  Kindheit auf so erzählt, ihr Papa war halt auch eine Tennis-Legende und hat dann eben, seit sie laufen

[00:15:17]  kann, ist sie quasi am Platz und dann hast du die Beziehung von ihnen ist halt so richtig gut

[00:15:21]  beschrieben worden und über die Jahre und mit dem Erfolg dann und sie ist wirklich so eine coole

[00:15:26]  Figur, also sie ist wirklich dermaßen rücksichtslos, aber auf eine coole Empowerment-Methode und es ist

[00:15:36]  auch eben so, sie ist in Interviews und so total unnahbar und keiner mag sie, jeder findet sie unsympathisch,

[00:15:40]  aber halt so, also es spielt so in den 70er, 80er Jahren und da war es halt einfach so als Frau,

[00:15:47]  du musst halt lachen und sie beschreibt auch immer die anderen Tennis-Spielerinnen, sind halt groß,

[00:15:51]  blond, schlank und kriegen halt die ganzen Model-Verträge und lachen halt da und in die Kamera und

[00:15:55]  winken ins Publikum, aber gewinnen halt nicht so viel, aber dadurch sind sie halt irgendwie bekannt weil sie

[00:15:59] hübsch sind, und sie ist halt so die beste in dem, was sie macht und geht auf den Platz, macht alle fertig

[00:16:05]  wieder und lacht kein einziges Mal. Und sie kriegt dann auch einen eigenen Titel. Also in den Medien

[00:16:11]  wird sie dann auch nur "The Battle Axe", also die Kampf-Axt. Ja, also die Schlacht-Axt, so

[00:16:17]  irgendwie genannt. Und das ist halt sehr passend. [Shelly lacht] Oh ja. Und das ist wirklich ein grandioses Buch,

[00:16:22]  total spannend eben. Und dadurch, dass es eben irgendwie gibt es mir auch Sommer-Vibes, weil

[00:16:28]  halt dauernd ist gutes Wetter, weil sie dauernd draußen irgendwie trainieren und dann fahren sie

[00:16:32]  eben zu den Australian-Openings, French-Openings, US-Open und so was. Also sie reisen auch viel

[00:16:37]  und dadurch hat es halt irgendwie so ein bisschen ein Sommer-Flair. Sie redet auch ganz viel

[00:16:41]  Spanisch immer mit ihrem Vater. Die werden auch nicht übersetzt, die Sätze. Also ganz oft weiß

[00:16:45] ich dann einfach nicht, was passiert, weil die kann kein Spanisch [lacht]. Aber das hat mir dann auch so ein

[00:16:48]  bisschen Urlaubsflair geben, so "ohhh, Spanien" [beide lachen]. - Shelly: Ich versteh nix. - Jaci: Aber es gefällt mir,

[00:16:55]  was du sagst. Genau, also es war dann einfach wirklich hervorragendes Buch und ich kann es

[00:17:01]  mal empfehlen. Und ich habe gerade ein Interview gelesen mit Taylor Jenkins Reid und Serena Williams,

[00:17:07]  die Tennis-Legende unserer Zeit, möchte das Buch produzieren als Fernsehserie [Shelly zieht den Atem ein] und ist jetzt

[00:17:13] Executive Producer und möchte ihm die Serie machen, was ich so genial finde, weil halt

[00:17:19]  sie, die Einzige auf der Welt ist, glaube ich, die Carrie Soto versteht und das richtig quasi

[00:17:25] als Serie rüberbringen könnt. - Shelly: Cool, mega. - Jaci: Voll toll. - Shelly: Ich hab das Buch jetzt auch gerade zu Hause,

[00:17:29] du hast es mir ja empfohlen. Und wenn ich es dann gelesen habe, dann schauen wir die Serie [lacht]. - Jaci: Sehr cool.

[00:17:34] Shelly: Mein nächster Beach Read ist von der sehr bekannten Emily Henry, die wir heute schon gehört haben. [beide lachen]

[00:17:42] "Happy Place", ist übrigens im Deutschen nicht übersetzt im Titel, sondern heißt auch einfach

[00:17:48] "Happy Place". Haben wir auch in der Bib, aber auf Deutsch. Es ist eine Contemporary Romance und

[00:17:55]  ein Feel Good Drama und es geht um Harriet und Winn. Die beiden sind seit dem College DAS Traumpaar.

[00:18:02]  Mittlerweile sind sie aber seit einem halben Jahr getrennt. Haben das allerdings im Umkreis noch

[00:18:10]  nicht erzählt, also gehen alle noch davon aus, dass sie nach wie vor zusammen sind und glücklich

[00:18:14]  sind. Und in ihrer Freundesgruppe ist es eben seit Jahren Tradition, dass sie eine Woche im

[00:18:21]  Sommer gemeinsam auf eine Hütte in Maine fahren, wo sie sich dann ein paar Tage einfach von der

[00:18:26]  Realität verabschieden und das Leben in vollen Zügen gemeinsam genießen. Und diese Hütte wird

[00:18:32]  allerdings bald verkauft und es ist der letzte gemeinsame Urlaub, den sie dort verbringen können.

[00:18:37]  Und deshalb entscheiden sich Harriet und Winn, ihren Freunden während dieses Urlaubs weiterhin

[00:18:42]  vorzuspielen, dass sie ein Paar sind, um den Vibe nicht zu killen, sozusagen [lacht], also dass es einfach

[00:18:49] nicht komisch wird. Und sie müssen sich sogar ein Bett teilen. - Jaci: "There is only one bed!" - Shelly: One bed-

[00:18:57] Trope lässt grüßen. [Shelly lacht, Jaci macht begeistertes Geräusch] Die Frage, die man sich als Leserin dann stellt, wie lange wird es dauern,

[00:19:04]  bis sie merken, dass sie immer noch ineinander verliebt sind. [beide: Oooooh.] Die Themen sind Liebe, Freundschaft,

[00:19:12]  Second Chance, Lebenswege und emotionale Reife. - Jaci: Ja, ich lieb Second Chance. Shelly: Ja ich auch, voll nett. - Jaci: Ach, muss ich sofort lesen. - Shelly: Die Zielgruppe

[00:19:20]  ist sein erwachsene Leser*innen und Leser*innen, die gerne Second Chance Romance lesen, also

[00:19:26]  du [beide lachen]. Emily Henry-Fans, die eben auch die Bücher "Beach Read", "People We Meet on Vacation" und "Book

[00:19:34] Lovers" und so gemocht haben, für die ist es dann was. - Jaci: Sehr schön. - Shelly: Und es ist eben eine Sommerlektüre,

[00:19:41]  weil es eben darum geht, dass sie in den Urlaub fahren gemeinsam. Das ist absolut DIE Definition. [lacht]

[00:19:47] Jaci: Love it. Genau, ich habe dann noch zwei auf meine Liste und zwar ist eines "The Pairing" von Casey McQuiston,

[00:19:57]  haben wir auch in der Bib. Und Casey McQuiston kennt man vielleicht von "Red, White und Royal Blue", [Shelly: Ohhh.]

[00:20:02]  das war ihr erster bekannter Roman. Und "The Pairing" hat mir auch exzellent gut gefallen. Darum geht es

[00:20:09]  um zwei bisexuelle Expartner, die sich nach Jahren zufällig auf derselben europäischen Food und

[00:20:16]  Wine Tour wiederfinden. Und zwar sind sie Expartner deswegen, was sie sich vier Jahre davor dazu

[00:20:23]  entschieden haben, gemeinsam auf Urlaub zu fahren, also sie waren ein Paar, sind in Urlaub gefahren und

[00:20:27]  haben sich dann auf dem Weg, also im Flugzeug, nach Europa getrennt und haben dann beide die Reise

[00:20:32]  eben nicht antreten können und haben beide einen Gutschen bekommen und lösen diesen Gutschen

[00:20:36] dann beide zufällig eben vier Jahre später [Shelly macht überraschtes Geräusch] für dieselbe Tour wieder ein. - Shelly: Ach, süß. - Jaci: Ja, eben auch wieder

[00:20:42]  Second Chance Romance. Spoiler [beide lachen], es bandelt sich wieder was an und es ist einfach, also es geht um

[00:20:50]  Theo Flowerday und Kit Fairfield, das sind ja Iconic Names. Theo ist Sommelier*in und Kit ist

[00:20:59] Konditor und dadurch haben sie eben beide diese Liebe für Essen und Trinken und machen eben diese

[00:21:04]  gemeinsame Food und Wine Tour durch Europa. Und es ist einfach so cool, weil sie halt in so viele

[00:21:09]  europäische Städte einfach fahren, also sie fangen in Paris an und fahren in durch Frankreich und

[00:21:15]  dann durch Italien auch viel und es ist einfach so cool, weil man eben so dieses Sommergefühl von

[00:21:20]  all diesen Städten, also jede Stadt individuell total gut kennenlernt und mir kommt eben vor die

[00:21:24]  Autorin war wirklich an diesen Orten und hat wirklich jede Gasse beschrieben und es ist

[00:21:29]  einfach so cool und auch die Leute, die sie kennenlernen und das Essen was sie eben essen und sie haben

[00:21:34]  dann auch in dieser Tour eben um sich gegenseitig zu beweisen, dass sie übereinander hinweg sind,

[00:21:39]  haben sie eine Wette am Laufen, also wer quasi mehr flirtet oder mehr quasi Dates an Land zieht,

[00:21:46]  gewinnt halt. [Shelly: Ach Gott!] Und relativ schnell merken sie dann so, ja okay, aber die Einzigen, die sie eigentlich

[00:21:51] daten wollen, sind sie selber, aber sie können sich das beide nicht eingestehen und es ist

[00:21:56]  herrlich eben, also perfekt für den Strand, perfekt für den Sommer, also ich habe es hervorragend

[00:22:00] gefunden. - Shelly: Ja, hört sich gut an, das will ich auch lesen. - Jaci: Ja, ich kann ich nur empfehlen. - Shelly: Dann mein vorletzter

[00:22:07]  Tipp ist von Carly Fortune, "Fünf Sommer mit dir", man kennt es eher unter dem englischen Titel,

[00:22:15]  "Every Summer After". Wir haben das auf Deutsch und als E-Book. Es ist ebenso eine Contemporary

[00:22:23]  Romance, Coming of Age und Second Chance Love, und es geht um Persephone "Percy" Fraser. Diese fährt

[00:22:32]  jeden Sommer mit ihrer Familie in ein Ferienhaus am See in Barry' Bay, das liegt in Kanada. Dort

[00:22:38]  lernen sie dann den Nachbarsjungen Sam Floreck kennen und es entwickelt sich über mehrere

[00:22:44]  Sommer hinweg eine intensive Freundschaft und eine tiefe Verbundenheit zwischen den beiden,

[00:22:50]  die später dann zur ersten großen Liebe wird. Und dann fast forward, irgendwas ist in der

[00:22:56]  Vergangenheit schief gelaufen, denn als Erwachsene haben sie dann keinen Kontakt mehr miteinander.

[00:23:01]  Und erst als dann Percy vom Tod von Sam's Mutter erfährt, kehrt sie zurück und an den See und

[00:23:09]  muss sich ihre Vergangenheit stellen und auch den Gefühlen, die nie ganz verschwunden sind. Die

[00:23:16]  Handlung springt zwischen der Vergangenheit, also den gemeinsamen verbrachten Sommer und der Gegenwart

[00:23:20]  hin und her und es enthüllt sich nach und nach, was wirklich passiert ist, wie es zu diesem Bruch

[00:23:25]  kam. Genau, die Themen sind erste große Liebe, Freundschaft, Verlust und Reue und Vergebung,

[00:23:32]  ebenso wie Coming of Age, Second Chance und Nostalgie und Sommeratmosphäre [Jaci lacht], weil man eben

[00:23:39]  diese Rückblicke zu den Sommern hat, die sie gemeinsam verbracht haben. Es hat was sehr

[00:23:43] Nostalgisches, was sehr Gemütliches und es bringt voll das Sommerfeeling rüber. - Jaci: Ja cool. - Shelly: Und das

[00:23:50]  Zielpublikum sind eben erwachsene Leser*innen, die Fans von emotionalen Romanen mit Tiefe sind,

[00:23:56]  weil das geht wirklich schon eher in die Tiefe dieser Roman. Das ist jetzt nicht so was,

[00:24:01]  was so seicht dahin plätschert, aber ich finde trotzdem perfekt als Sommerlektüre.

[00:24:06] Jaci: Sehr viel Second Chance-Romance bei uns heute, oder? [lacht] -Shelly: Ja! Scheinbar ist Sommerlektüre "Second Chance". - Jaci: Sommer, Zeit der Vergebung... [lacht] Mein

[00:24:13]  letztes Buch ist auch eher für ein jüngeres Lesepublikum, beziehungsweise für Fans

[00:24:17]  von Märchen, heißt "The Girl Who Fell Beneath the Sea", zu Deutsch, "Das Mädchen, das in den Wellen

[00:24:24]  verschwand", von Axie Oh. Der Roman ist in der koreanischen Mythologie, glaube ich, verankert und

[00:24:31]  die Autorin selber ist aus Korea eben und und es ist eben sehr märchenhaft erzählt. Es geht um die

[00:24:37]  junge Min, oder Minjee. Sie wächst in einer Welt auf, in der der König der Meere regelmäßig ein

[00:24:43]  Opfer fordert, um das Land eben vor Unheil zu bewahren. Und als eben Minjees kleiner Bruder als

[00:24:50]  Opfer ausgewählt wird, opfert sie sich statt ihrem Bruder und steigt eben in das Reich des

[00:24:55]  Meereskönigs hinab, also eben deswegen "The Girl Who Fell Beneath the Sea". Und versucht dann eben dort,

[00:25:02] ihren Bruder zu retten und eben die ganzen Opfer zu stoppen und es ist dann eine eben, sie steigt dann

[00:25:07] in eine sehr geheimnisvolle Welt, voller Götter, Geister und ganz wie magische Kreaturen, aber es

[00:25:12]  ist eben total spannend und nett irgendwie erzählt und hat eben voll den Märchencharakter, weil eben

[00:25:18]  so viele Sachen passieren, die man irgendwie aus der Kindheit kennt, so von die ganzen Regeln,

[00:25:22]  was es in Märchen gibt und Tiere reden und es ist alles mystisch und total eine coole Welt. Und ich

[00:25:29]  möchte gar nicht zu viel verraten, weil es dann eben einfach sehr spannend ist von Anfang an eben.

[00:25:32]  Und ja, kann ich nur empfehlen als tolles Märchenbuch quasi so irgendwie. - Shelly: Cool, so kleine Fantasy-Geschichte.

[00:25:39] Jaci: Und eben koreanische Mythik ist auch mal was anderes, als zum Beispiel die Greek Mythology oder so was,

[00:25:45]  da haben wir mal ein bisschen Abwechslung drin. - Shelly: Stimmt, weil mit dem kommt man nicht so in

[00:25:48] Berührung sonst. - Jaci: Genau, ja. - Shelly: Okay, dann noch meine letzte Empfehlung ist "The Strawberry Patch Pancake

[00:25:57] House" [beide lachen]. - Jaci: [lachend] Seit Wochen hör ich nur von diesem Roman von der Shelly. - Shelly: Hör auf jetzt, stimmt gar nicht! Also

[00:26:05]  der ist von Laurie Gilmore und ist Teil der Dream Harbor-Reihe, der hat mittlerweile fünf Bände,

[00:26:11] "The Pumpkin Spice Café", "Cinnamon Bun Bookstore", "The Christmas Tree Farm", "The Strawberry Patch Pancake

[00:26:17]  House" eben und "The Gingerbread Bakery", der erscheint, by the way, erst am 11.09. Und dann ist schon ein

[00:26:25]  sechstes Buch angeteasert worden, Dream Harbor Book 6, [lachend] da wird aber das Cover erst released.

[00:26:31] Die Jaci lacht. - Jaci: [lachend] Es ist so nett. - Shelly: Also, es geht in "The Strawberry Patch Pancake House" um Archer

[00:26:41]  Bear, der ist ein renommierter Haubenkoch und tourt durch die besten Küchen der Welt. Zuletzt

[00:26:46]  war er in Paris und erfährt dort, dass er eine fünfjährige Tochter in Dream Harbor hat. Mit

[00:26:52]  ihrer Mutter hat er nämlich eine kurze lockere Beziehung geführt, die waren beide in der

[00:26:56]  Gastronomie eben tätig und diese hat ihm aber nie etwas von der gemeinsamen Tochter Olive erzählt.

[00:27:04]  Ihre Mutter stirbt dann leider Gottes und Archer zieht dann "vorübergehend", in Anführungszeichen,

[00:27:11]  nach Dream Harbor, um seine Tochter kennenzulernen und die Verantwortung ihm zu übernehmen. Und

[00:27:17]  da war er schon hin und weg vom Archer, [Jaci lacht] weil man dachte, what a man. Er hat es nicht gewusst und er

[00:27:22]  lässt alles stehen und liegen für diese kleine fünfjährige Olive und zieht zu ihr, übernimmt Verantwortung.

[00:27:28]  That's what I call a man. So [räuspert sich]. Olive ist natürlich total verstört, sie trauert um ihre Mutter und

[00:27:35]  jetzt soll sie auch noch mit einem fremden Mann, der ihr Vater ist, den sie aber noch nie davor

[00:27:40]  gesehen hat, zusammen wohnen. Und Archer beschließt dann, er braucht eine Nanny, die mit ihnen in

[00:27:46]  das angemietete Haus zieht [Jaci zieht scharf die Luft ein] und sich um Olive kümmert, während er das alte Diner der Hafenstadt

[00:27:53] aufpeppeln möchte. - Jaci: [im Singsang] I smell romance! - Shelly: Iris Fraser ist Yoga-Lehrerin in Dream Harbor und hat eine Geschichte mit

[00:28:04]  kurzlebigen Jobs. Sie steckt in finanziellen Schwierigkeiten und kann sich ihre Wohnung

[00:28:09]  nicht mehr leisten und deshalb bewirbt sie sich eben um die Stelle als Olives Nanny, weil dann

[00:28:15]  eben die Wohnung gleich im Package-Deal enthalten ist und das würde viele ihre Probleme lösen. Und

[00:28:20]  sie wickelt dann die Kleine mit ihrer chaotischen, aber doch liebenswürdigen Art um den Finger und

[00:28:27]  nicht nur die Tochter ist hin und weg von ihr, sondern auch der frisch gebackene Vater. [beide machen schwärmerische Geräusche] Wir

[00:28:33]  haben die Themen Single Dad, Found Family, Verlust und Trauerbewältigung, Slow Burn und das fällt

[00:28:41]  etwas aus unserem Character Development vom Anfang heraus, dass es nicht spicy ist. Es ist

[00:28:46] ein bisschen spicy. Ich würd so sagen, so zwei von fünf Chilis. - Jaci: [lacht] Okay, okay. Nein, das ist eben das. Aber

[00:28:54]  ich habe nur das Charakter Development gemeint, dass es nicht NUR quasi um smut geht, dass es auch

[00:29:00]  wirklich tiefgehende Themen hat. - Shelly: Ja, es passt perfekt. Es ist Contemporary Romance

[00:29:07]  für ein eher erwachsenes Lesepublikum und Fans von Stories mit emotionaler Tiefe, aber an gewissen

[00:29:13] Brise an Humor. Es ist wirklich echt witzig geschrieben. - Jaci: Vielleicht muss ich doch lesen. - Shelly: Ich

[00:29:19]  glaube auch, ja. - Jaci: Okay. - Shelly: Generell diese ganze Serie um Dream Harbor ist einfach Cozy Romance eins nach

[00:29:24]  dem anderen. Das "Pumpkin Spice Café" würde ich im Herbst lesen. Das ist cool. Dann gibt es noch

[00:29:29] "Christmas Tree Farm". Das habe ich jetzt noch nicht gelesen, weil da warte ich auf November, Dezember.

[00:29:33] Jaci: Ja, ich finde es nur so lustig, weil es einfach eins zu eins klingt wie der Plot von den Hallmark

[00:29:37]  Christmas Movies. [beide lachen] Also nur im Buchform oder im Sommer. - Shelly: Ich finde die Autorin Laurie Gilmore,

[00:29:46]  ich glaub die ist irgendwie Fan für die Gilmore Girls, weil Laurie kannst zusammensetzen

[00:29:51]  aus Lorelei und Rory, was ja die Protagonistinnen dieser Serie sein. - Jaci: Cool. - Shelly: Und es ist eben auch so cozy

[00:29:57] series. - Jaci: Ja, auf jeden Fall. - Jaci: Ja, ja. Okay, cool. Eine hervorragende Summer Beach Read-Liste haben

[00:30:04]  wir da. Ich bin ganz begeistert. Ich freue mir jetzt schon auf die Lektüre deiner empfohlenen Bücher.

[00:30:09] Super. - Shelly: Wir werden alles gegenseitig lesen [beide lachen]. - Jaci: Nach dem Sommer dann das große Bashing,

[00:30:16]  ob es uns gefallen hat. - Shelly: Aber wenn es unser TBR auch noch weiterlesen. Ach so, übrigens, Update. Wir

[00:30:21] haben jetzt beide "A Little Life" fertig und wir sind nicht bereit darüber zu reden. - Jaci: Nein, also wir

[00:30:27]  brauchen mindestens noch bis Dezember, bis wir das verarbeitet haben. - Shelly: Ja. - Jaci: Gut, dann können wir uns

[00:30:31] derweil noch mit fluffy Sommerbüchern ablenken. Falls ihr noch mehr Sommerempfehlungen braucht,

[00:30:38]  weil wir euch nicht genug gegeben haben, heute, wo der Podcast online kommt, also am 17.07. kommt

[00:30:44]  auch unseren Literatur-Newsletter, den unser lieber Kollege aus der Belletristik immer macht,

[00:30:49]  mit weiteren Empfehlungen eben für die Sommerlektüre. Und genau, da könnt ihr auch gern reinschauen.

[00:30:55] Shelly: Spoiler, da ist heute auch erstmals einer von der Jaci dabei. - Jaci: Hallo! [beide lachen] Bisschen Eigennutzwerbung 

[00:31:01]  machen. Spoiler, es geht immer ein Emily Henry-Book. [beide lachen] Genau. Und sonst auch gern vorbeischauen

[00:31:08] bei uns auf Instagram, stadtbibliothek.innsbruck. Wenn ihr Feedback habt oder uns weitere

[00:31:15]  Empfehlungen geben wollt oder ein Buch gelesen habt und eure Meinung dazu abgeben wollt,

[00:31:20]  könnt uns gerne gerne eben auf Instagram schreiben oder auch per E-Mail ... - Shelly: post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at.

[00:31:28] Jaci: Genau. Ich hab diesen Werbeblock am Ende doch nie gemacht. [beide lachen] Genau. Und dann bedanken

[00:31:33]  wir uns fürs Zuhören und freuen uns aufs nächste Mal. Tschüssi. [Outro-Musik]

[00:32:01] Pia spricht: SVorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem

[00:32:07]  Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Kurz und Schmerzlos mit … Hanno Millesi (“Zur Zeit der Schneefälle”)

Kurz und Schmerzlos mit … Hanno Millesi (“Zur Zeit der Schneefälle”)

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:07]  Boris: "Zur Zeit der Schneefälle". Sonderzahl 2025.

[00:00:14]  Im Zentrum von Hanno Millesis Roman "Zur Zeit der Schneefälle" klafft ein Loch eines,

[00:00:22]  das auf unerklärliche Weise die Wand des Wohnzimmers des Protagonisten Rainer durchlässig werden lässt.

[00:00:30]  Niemand scheint für seine Entstehung verantwortlich zu sein.

[00:00:36]  Auch kein Mitglied, der auf der anderen Seite wohnenden Familie Nolde.

[00:00:42]  Sämtliche Beteiligten zeigen sich vom plötzlichen zerbröseln der gewohnten Barriere dermaßen verblüfft,

[00:00:50]  dass ihnen erst mal nichts Besseres einfällt, als den Schaden zu kaschieren,

[00:00:56]  anstatt etwas über seine Ursache herauszufinden oder in gar zu beheben.

[00:01:02]  Mit dem fortschreitenden Verfall der Wohnzimmerwand wird auch der Zustand der Überforderung immer intensiver.

[00:01:11]  Bald ist da im Grunde nur noch ein Loch, das Einblicke in beide Richtungen erlaubt.

[00:01:17]  Mit dieser vermeintlich einzigen Abweichung vorn Normalzustand einer schwindenden Wand erzeugt Hanno Millesi

[00:01:26]  eine Erzählersituation, die wie nebenbei Einsichten in gegenwärtige gesellschaftliche Zustände ermöglicht.

[00:01:35]  Rainer, der gerade eine Trennung hinter sich hat und sich beruflich eine Auszeit nimmt,

[00:01:41]  versucht beständig, sich eine tragfähige Einschätzung seiner surrealen Gegenwart zu erhalten.

[00:01:48]  Er tut dies, indem er anhand seines Nachrichten-Konsums die wirklichen Probleme von den Scheinbaren zu unterscheiden versucht.

[00:01:58]  Die zunehmende Unfähigkeit, sich ein adäquates Bild der näheren Umgebung zu machen,

[00:02:04]  wird so durch die unsichere Weltlage noch weiter irritiert,

[00:02:09]  obwohl die Warnbedrohungen denkbar weit entfernt anmuten.

[00:02:14]  Hanno Millesi, so unaufgeregtes wie unterhaltsames Kammerspiel steuert zielsicher auf eine Klimax zu,

[00:02:23]  in der sich die individuelle Unfähigkeit, sich ein Bild von einer überkomplexen Welt zu machen,

[00:02:30]  lustvoll mit gesellschaftlichen Problemlagen vermischt, mit Vereinzelung, dem Schwinden der Korrektive

[00:02:38]  und der überfordernden Flut an Informationen.

[00:02:41]  Zur Zeit der Schneefälle ist eine fein gezeichnete Parabel auf die Überforderung im digitalen Biedermeier unserer Gegenwart. [Intro-Musik]

[00:03:04]  Boris: Hallo und herzlich willkommen zurück beim "Vorwort Kurz und Schmerzlos", heute mit Hanno Millesi

[00:03:11]  und mein Name ist Boris Schön. Ja, Hanno, schön, dass du da bist.

[00:03:16]  Ich würde dich als erstes wie immer unsere Gäste kurz bitten, dich vorzustellen.

[00:03:21]  Hanno Millesi: Hallo, grüß dich Boris. Hallo, alle, die zuhören. Mein Name ist Hanno Millesi.

[00:03:27]  Ich bin Schriftsteller und lebe in Wien.

[00:03:31]  Boris: Ich fang jetzt quasi mit einem Sprung in deine Biografie an und sage jetzt, du kommst ja eigentlich mehr aus dem Themenbereich Bildende Kunst

[00:03:44]  und hast dich dann irgendwann für die Literatur entschieden. Stimmt das so oder wie kann man das sagen?

[00:03:50]  Hanno Millesi: Ich würde es nicht unbedingt zu sagen. Ich komme aus dem Bereich künstlerische Arbeit grundsätzlich.

[00:03:58]  Ich habe mich tatsächlich als sehr junger Mensch zunächst mal für Film begeistert, allerdings dabei auch schon eher, sagen wir mal, den künstlerisch avancierten Film.

[00:04:08]  Bin ich als Schüler schon mal drauf gekommen, habe dann im Laufe meiner jugendlichen Zeit mal die Entscheidung getroffen,

[00:04:16]  irgendwas mit Kunst zu machen und habe mich für alle Kunstformen interessiert, auch inklusive Musik, bildende Kunst und tatsächlich schon auch Literatur.

[00:04:26]  Und habe dann, als ich 18 war, beschlossen, Kunstgeschichte zu inskribieren, weil ich halt die Möglichkeit hatte zu studieren

[00:04:35]  und dann nicht recht wusste, was ich jetzt gerade sonst mache, also was ich sonst für ein spezifisches Thema wählen sollte

[00:04:41]  und habe dann das so alles Mögliche ausprobiert und bin dann schon eigentlich relativ bald bei der Literatur gelandet,

[00:04:48]  weil das halt die Kunstform war, die mir am ehesten zu entsprechen schien, sage ich mal.

[00:04:55]  Ich interessiere mich aber nach wie vor für alle anderen Kunstformen und beziehe daraus tatsächlich, weil du thematisch gesagt hast,

[00:05:03]  beziehe tatsächlich sowas wie Motive oder bestimmte Inspiration-Situationen aus anderen Kunstformen.

[00:05:11]  Und außerdem habe ich noch eine zweite Schiene neben der Literatur, die ich vielleicht nicht mit demselben Enthusiasmus,

[00:05:18]  aber durchaus auch sehr ernst betreibe, nämlich dass ich Collagen anfertige, die ich so eine Art, als eine Art Bildtextarbeit sehe, wo das ein bisschen zusammenfließt.

[00:05:29]  Also mich interessieren zum Beispiel Bilder. Und Bilder kommen

[00:05:32]  tatsächlich in meine Literatur denke ich schon immer wieder vor, wird mir auch so bestätigt.

[00:05:37]  Ich werde daran erinnert, sagen wir mal, dass es immer wieder so Situatiostableau, hat das unlängst jemand genannt,

[00:05:43]  sozusagen in meinen Erzählungen, wo ich dann so wie stehenbleibe und Dinge beschreib sozusagen, die man dann als bildnerisch sehen kann.

[00:05:51]  Aber es ist halt schon Literatur, es ist für mich eher ein Motiv, es ist schon eine andere Herangehensweise,

[00:05:56]  als man jetzt in Malerei oder Skulptur, oder so einsetzen würde.

[00:06:03]  Boris: Worin unterscheidet sich denn für dich das Wesentliche zwischen Literatur als Kunst und bildnerischer Kunst zum Beispiel?

[00:06:14]  Hanno Millesi: Also eigentlich im Material, das Material in Literatur ist Sprache und in den jeweiligen bildnerischen Formen kann es übrigens auch Sprache theoretisch sein,

[00:06:24]  da wird es auch zusammenfließen, aber es kann halt eben auch mal eine Reihe sein, oder Objektkunst oder Skulptur.

[00:06:31]  Ich sehe eher, für mich ist das sozusagen eine sehr ähnliche Arbeit, ein sehr ähnliches Wollen,

[00:06:39]  dass sich aber unterschiedlicher Materialien bedient und diese Materialien bedingen dann wieder eine andere Herangehensweise.

[00:06:46]  Und so sage ich mal, sagen wir das Handwerkliche bei verschiedenen ja auch nicht bei allen Kunstformen.

[00:06:52]  Es gibt auch die Konzeptkunst zum Beispiel, wo auch übrigens dann Text eine genauso große Rolle spielt,

[00:06:58]  wie in der Literatur, wenn auch anders eingesetzt wird.

[00:07:01]  Also ich sehe es eigentlich nur im Material.

[00:07:04]  Boris: Jetzt bist du mit deinem, sagen wir aktuellen Kunstwerk, deinem neuesten Buch, bist du zu Gast in der Stadtbibliothek,

[00:07:11]  heute Abend auf der Bühne, „Zur Zeit der Schneefälle“ heißt der neue Roman.

[00:07:16]  Dein wievieltes Buches, das ungefähr?

[00:07:19]  Hanno Millesi: Da erwischt du mich auf dem falschen Fuß, aber da du ungefähr gesagt hast, würde ich sagen,

[00:07:25]  es ist so ungefähr der fünfte Roman und es gibt dazwischen, gab es auch immer wieder mal so kleine Erzählbände oder so.

[00:07:32]  Boris: Wie lange kann man sich vorstellen, dass du an einem Buch sitzt, bis du es geschrieben hast?

[00:07:36]  Hanno Millesi: Es ist ein bisschen unterschiedlich, also grundsätzlich bin ich ein Vielarbeiter, also ich arbeite sehr viel,

[00:07:44]  und sehr lange, beziehungsweise nicht unbedingt lange, aber ich arbeite an sehr viel Material für ein Buch

[00:07:48]  und verwendet dann vielleicht nur 40% davon für die endgültige Fassung, das ist so eine Form,

[00:07:54]  der, das ich Dinge erst mal schreiben muss, um sie dann auch wieder wegstreichen zu können und sie anders zu machen sozusagen.

[00:08:03]  Und grundsätzlich würde ich sagen, dass ich mich so zwei Jahre mit dem Thema auseinandersetze.

[00:08:10]  Es gibt allerdings schon welche, die ein bisschen schneller funktionieren

[00:08:14]  und andere, die ein bisschen komplexer sind und ein bisschen, die auch zum Beispiel abhängen müssen,

[00:08:19]  wo dann mal ganz gut ist, das mal ein paar Monate liegen zu lassen und sich dann das wieder vorzunehmen,

[00:08:25]  einfach auch um eine gewisse Distanz zu bekommen. Und es gibt solche, die so in einem durchgezogen werden.

[00:08:32]  Das kann es schon sein, das kann man aber nicht wirklich, also ich jedenfalls nicht planen, das ist manchmal so,

[00:08:37]  das liegt am Motiv oder an der Situation, die man sich gestellt hat.

[00:08:41]  Manchmal kommt das so ganz recht schnell aus einem raus und manchmal verlangt es doch ein bisschen so Überlegungen

[00:08:47]  und muss dann wieder umgebaut werden, da wären wir bei der Architektur zum Beispiel, die da auch wieder so eine Rolle spielt,

[00:08:53]  wie wird das so zusammengesetzt und nicht wo kommt man rein und wo ist ein Notausgang oder wo kann man raus schauen

[00:09:01]  und wo kann man die Tür zu machen.

[00:09:03]  Boris: Jetzt sitzt du ja gerade bei mir im Podcastgespräch und der Podcast ist ja auch ein digitales Medium.

[00:09:10]  Prinzipiell in deinem Buch geht es ja um ein Loch, das in einer Wand auftaucht.

[00:09:17]  Und dann steht, also ohne die Handlung ist da noch weiter erläutern zu wollen,

[00:09:23]  aber dann steht auf der Verlagsseite, steht, "Zurzeit der Schneefälle" ist eine fein gezeichnete Parabel

[00:09:31]  auf die Überforderungen im digitalen Biedermeier unserer Gegenwart.

[00:09:36]  Und jetzt wollte ich dich einfach fragen, erstens mal.

[00:09:38]  Wie gefällt dir selber diese Formulierung? Findest du das stimmig? Was ist für dich ein digitaler Biedermeier?

[00:09:43]  Ich habe das schon so ein bisschen recherchiert, aber was verbindest du damit so? Auch emotional vielleicht?

[00:09:49]  Hanno Millesi: Also der Satz stammt nicht von mir, aber ich finde es ist halt so ein Versuch, etwas nicht ganz unkomplexe Story zusammenzufassen.

[00:09:58]  Und interessant finde ich ihn. Mir klingt da schon was an und ich finde, dass Biedermeier schon einen ganz guten Begriff.

[00:10:04]  Wir wollen das jetzt nicht das zu sehr strapazieren, das ist historische, aber sagen wir das Klischee, das wir mit dem Biedermeier manchmal verbinden,

[00:10:10]  das sich zurückziehen in seine eigenen vier Wände.

[00:10:14]  Dieses Loch in einer Wand zwischen zwei Wohnungen steht sozusagen im Mittelpunkt des Geschehens in meinem Buch.

[00:10:28]  Und es gibt allerdings auch einen Plot, der sozusagen eine fast schon ja rätselhafte Geschichte,

[00:10:36]  eine Geschichte, wo es um, und ich möchte jetzt auch nicht spoilern oder so, wo es um ein verschwundenes Bild geht und das wird sich dann irgendwie...

[00:10:42]  Und diese Story, dieser Plot ist sozusagen ausgekoppelt aus dem Geschehen meiner Protagonisten,

[00:10:49]  den verfolgen sie selbst über die Medien.

[00:10:52]  Dem bekommen sie mit was sozusagen zunächst mal Nachrichtensendungen, später dann Websites oder Newsgroups,

[00:10:58]  über dieses Phänomen, über diese Geschichte ihnen kolportieren.

[00:11:03]  Sie sind auch abhängig davon, was sie da für Informationen bekommen.

[00:11:07]  Sie sind abhängig davon, ob das die offiziellen Nachrichten sind oder dann immer mehr so dubiosere Seiten werden.

[00:11:14]  Und in diesem Fall sind meine Protagonisten dieser Story gegenüber so ähnlich wie wir Leser den Protagonisten in meinem Buch gegenüber sind.

[00:11:23]  Nicht wir verfolgen da auch etwas mit, was jemand ihnen erzählt.

[00:11:26]  Und das ist im Digitalen.

[00:11:28]  Und so finde ich diese Formulierung, dass das digital ist eigentlich so was funktioniert als Außenwelt.

[00:11:33]  Das ist das, was geschieht auf der Welt, was diese Menschen in ihren Wohnungen sitzend halt mitkriegen.

[00:11:39]  Und insofern finde ich diesen Satz, ich könnte solche Sätze nicht machen, aber das, ich verwende Sprache ja auch anders.

[00:11:46]  Und ich finde ihn nicht unokay.

[00:11:48]  Boris: Er bringt eine gewisse Plastizität in das.

[00:11:51]  Hanno Millesi: In gewisser Weise.

[00:11:52]  Und es ist halt tatsächlich schwierig, das zusammenzufassen.

[00:11:54]  Das muss ich ehrlich zugeben.

[00:11:55]  Also weil es wird ja meistens diese zweite Geschichte ein bisschen weggelassen,

[00:12:00]  weil es im Mittelpunkt stehen halt diese Protagonisten, die mit diesem Phänomen Loch in ihrer Wohnzimmerwand zu kämpfen haben,

[00:12:07]  also zwischen zwei Wohnungen wohl gemerkt, sonst wäre es nicht so schlimm oder so merkwürdig

[00:12:11]  und würde nicht so viele Veränderungen in ihrem Alltagsleben auslösen.

[00:12:15]  Und diese zweite Geschichte spielt sich so, die ist so wie ausgekoppelt.

[00:12:18]  Das war auch die Idee in der in der Struktur, dieses Buches, das sozusagen die, ich möchte das nicht sagen Krimihandlung,

[00:12:24]  aber sowas ähnliches, dieser Spannungs-Suspense-Plot wird sozusagen auf eine andere Ebene gehoben.

[00:12:31]  Nämlich auf eine digitale verschoben.

[00:12:34]  Und so.

[00:12:36]  Und das ist nicht so leicht.

[00:12:38]  Ist mir auch wieder immer wieder aufgefallen, wenn man mich fragt, worum geht es in dem Buch,

[00:12:41]  dann muss ich auch so, ja, und dann darfst du nicht vergessen, es gibt eine zweite Ebene.

[00:12:44]  Und so gesehen finde ich das ganz gut zusammengefasst.

[00:12:47]  Boris: Also im Roman ist es ja so, dass Rainer, der Protagonist würde ich jetzt sagen,

[00:12:54]  eben seine Nachrichten ja aus dem Radio und aus dem Fernsehen zu einem gewissen Teil bekommt.

[00:13:01]  Jetzt stellt sich für mich so mit dieser, mit dieser Thematik, da zu Hause zu sein,

[00:13:06] und mit Informationen versorgt zu werden.

[00:13:08]  Kommt dir vor, dass durch die Menge an Informationen, die man aus der ganzen Welt die ganze Zeit bekommt,

[00:13:14]  auch so diese Kategorie, dass man zum Beispiel beim Smartphone ständig so eine Eilmeldung bekommen kann.

[00:13:21]  Man muss sich schon einstellen, aber ständig gibt es Eilmeldungen.

[00:13:24]  Dass das den Sinn für die Realität verändert?

[00:13:28]  Hanno Millesi: Ich glaube, dass es den Sinn für die Realität verändert.

[00:13:33]  Das glaube ich schon.

[00:13:35]  Es ist ja auch eine neue Facette von Realität dazugekommen, sozusagen.

[00:13:39]  Und ich, das übrigens diese Überlegung in welchen Realitäten wir uns befinden,

[00:13:45]  ist ein wesentliches Thema meiner grundsätzlichen Arbeit.

[00:13:48]  Es kommt immer wieder vor, weil ich auch zum Beispiel künstlerische Arbeit

[00:13:53]  auch als eigene Realität parallel zur realen Realität auffasse.

[00:13:58]  Und ich will ja da, ich erfinde ja da auch eine neue Realität oder eine parallele Realität,

[00:14:03]  in der ich was erzielen möchte, damit Leute in der realen Realität das lesen

[00:14:08]  und dann vielleicht da irgendwelche Schlüsse ziehen oder irgendwas da, sich dabei denken.

[00:14:11]  Also ich glaube das schon, ich glaube allerdings, dass das tatsächlich immer weitergehen wird

[00:14:16]  und so ein Prozess ist, der nie aufhören wird.

[00:14:20]  Und ich kann das nicht skeptisch sehen, für mich ist es eine Evolution, das passiert so.

[00:14:26]  Dass es dann so Suchtfaktoren gibt, das glaube ich natürlich schon.

[00:14:31]  Und das ist auch so und da empfinde ich mich durchaus auch als anfällig dafür,

[00:14:36]  dass man dann so, ich kenn das ein bisschen, dass man dann so, da das halt immer verfügbar ist,

[00:14:41]  dann auch immer wissen will und dann jetzt mal das versäumt und ohje.

[00:14:44]  Weißt du, das kann ich mir, ich bin jetzt kein so ein richtiger Junkie, was das betrifft,

[00:14:49]  aber ich kann mir das schon sehr gut vorstellen.

[00:14:51]  Und ansatzweise verspür ich das auch und das wird natürlich krass ausgenutzt von Nachrichtenanbietern sozusagen.

[00:15:00]  Boris: Das heißt aber, du bist jetzt kein Zukunft-Skeptiker.

[00:15:03]  Würde ich jetzt daraus hören wollen vielleicht?

[00:15:07]  Hanno Millesi: Nein, also was das betrifft eher nicht.

[00:15:12]  In meiner künstlerischen Arbeit, würde ich das jetzt nicht sagen, ich bin da eher ein Beobachter

[00:15:18]  und stell halt gewisse Überlegungen an, wo gewisse Dinge hinführen könnten.

[00:15:24]  Und wer das jetzt als Warnung auffasst, das kann da schon drinstecken,

[00:15:29]  aber das ist jetzt nicht von mir mein Thematik, dass ich jetzt von so was ausgehe,

[00:15:34]  sondern ich eröffne so eine Art Spiel.

[00:15:36]  Und dieses Loch in der Wand ist ja auch so, z.T. entstehen ja so, dass man sich einmal die Situation wie eine Spielanleitung stellt.

[00:15:44]  Was passiert jetzt eigentlich, wenn das wäre, wenn da so ein bisschen absurde Situation in sehr geordnete Lebensverhältnisse eintritt?

[00:15:52]  Was könnte da jetzt alles passieren?

[00:15:54]  Das weiß ich am Anfang ja auch noch nicht genau und dann geht das los.

[00:15:57]  Und dann kommen da eben absurde, zum Teil witzige, zum Teil auch, weil sich Intimität verletzende, zum Teil Verlegenheitssituationen und problematische Dinge tun sich mitunter ein paar unangenehme Dinge.

[00:16:11]  Aber es gibt natürlich auch positive Aspekte dabei und das sehe ich dann auch und das liegt dann da.

[00:16:16]  Und wenn es dann tatsächlich zu einem Text wird, muss jeder selber auch, glaube ich, sich drin finden,

[00:16:22]  ob wovor er jetzt da, womit er da Probleme hätte oder was wie auch mein Protagonist, was ihm da auch eigentlich gefallen könnte, nicht dran unter gewissen Umständen.

[00:16:31]  Boris: Die Frage nach der Zukunft führt auch noch zu einer Frage, die wir relativ vielen Autorinnen und Autoren inzwischen schon gestellt haben.

[00:16:39]  Und zwar, wie schätzt denn du ein, dass das Thema AI - künstliche Intelligenz - sich auf die Literatur auswirken wird?

[00:16:47]  Hanno Millesi: Es ist ein Thema, über das man sehr viel spricht natürlich und sich immer wieder Gedanken macht und neue Facetten hört.

[00:16:53]  Ich glaube, also jetzt aus den letzten Gesprächen auch so, was ich dann dazu mir gedacht habe, ich bin ein bisschen zu dem Schluss gekommen, dass ich glaube, dass die weh,

[00:17:03]  dass was die künstliche Arbeit ausmacht, von einer künstlichen Intelligenz nie ersetzt werden kann, weil sie einfach so stark mit Fehlern und mit Absurditäten arbeitet,

[00:17:16]  dass das für meine Begriffe nicht reproduzierbar ist. Ich meine, es können täuschend ähnliche Dinge gemacht, aber das passiert ja auch schon.

[00:17:23]  Die Gefahr, die ich eher sehe, könnte sein, dass die Rezipienten, sprich Leser, Leserinnen oder Rezipienten von Kunstwerken sich so an die,

[00:17:33]  eine massentaugliche Ästhetik gewöhnen, dass sie sich sowieso lieber von einer künstlichen Intelligenz bedienen lassen.

[00:17:40]  Das könnte problematisch sein. Aber das, was immer Kunst war, glaube ich, kann eine künstliche Intelligenz nie adäquat reproduzieren.

[00:17:50]  Boris: Vielen Dank für das Gespräch. So, lieber Hanno, und jetzt würde ich dich zum Abschluss noch, wie immer, um einen Literaturtipp bitten.

[00:17:58]  Hanno Millesi: Sehr gerne. Ich habe zwei Bücher gerade. Ich lese immer so ein belletristisches Buch und dann auch so ein Sachbuch oder historisches Buch.

[00:18:06]  Das belletristische wäre mein Tipp von Andrea Winkler, "Mitten am Tag", jetzt auch im Frühjahr erschienen.

[00:18:17]  Und das sozusagen Sachbuch, in dem Fall eine Autographie, Thurston Moore, Frontman der Band Sonic Youth, hat kürzlich seine Autographie herausgegeben,

[00:18:31]  "Sonic Life", das sehr empfehlenswert. Boris: Ja, vielen Dank, lieber Hanno, das war ein tolles Gespräch.

[00:18:38]  Und ich freue mich schon auf den heutigen Abend auf der Bühne. Ich bedanke mich auch.

[00:18:42]  [Outro-Musik]

[00:19:06]  [Boris spricht] S‘Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Literarische Entstehungsgeschichten: Stephen King vs. John

Literarische Entstehungsgeschichten: Stephen King vs. John

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:07]  [Intro-Musik] Christina: Hallo und herzlich willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:27]  Mein Name ist Christina -

[00:00:29]  Pia: Und ich bin die Pia -

[00:00:30]  Christina: Und heute sind wir wieder zurück mit den literarischen Entstehungsgeschichten,

[00:00:34]  dem Format, wo Pia und ich uns gegenseitig eine spannende Entstehungsgeschichte zu einem Roman

[00:00:40]  oder Oeuvre erzählen über einen Autor oder eine Autorin.

[00:00:43]  Und ihr könnt am Ende abstimmen, welche der Geschichten euch besser gefällt.

[00:00:48]  Pia, warum schaust du auf die Uhr während ich rede? [beide lachen]

[00:00:51]  Pia: [lachend] Hey, das hätte jetzt keiner gemerkt.

[00:00:55]  Sorry, ich wollte schauen, wie spät es ist.

[00:00:57]  Christina: Es ist nämlich Freitag um vier Uhr.

[00:01:00]  Pia: Man merkt's. [beide lachen]

[00:01:02]  Aber wir werden es überleben.

[00:01:05]  Willkommen auch von mir.

[00:01:07]  Und ich darf verkünden, wer gewonnen hat bei der letzten Entstehungsgeschichte.

[00:01:12]  Achtung Trommelwirbel, die Christina hat gewonnen.

[00:01:15]  Wieder mal. [Christina: Yay!]

[00:01:17]  Chrisitna:Ich möchte mich bedanken bei allen, die auf Instagram unter stadtbibliothek.innsbruck abgestimmt haben.

[00:01:24]  Da hat nämlich die ... findet die Abstimmung immer statt nach Ausstrahlung unserer Folge.

[00:01:30]  Ist das dann immer für - ich glaub - 12 oder 24 Stunden möglich.

[00:01:34]  Ich habe hier die genauen Zahlen:

[00:01:36]  Nämlich Bram Stoker hat 75 Prozent der Stimmen erlangt.

[00:01:42]  Und JM Barrie, die Entstehungsgeschichte von Pia, 25 Prozent.

[00:01:47]  Pia: Frechheit, eine Frechheit.

[00:01:49]  Ich glaub ja, dass du da irgendwas machst. [lacht]

[00:01:51]  Christina: Was soll ich da machen?

[00:01:53] Ich hab nicht einmal einen Instagram-Account.

[00:01:55] Pia: [lacht] Ja ja, schauen wir mal ...

[00:01:57] Christina: Das ist, weil ich es so

[00:01:59] dramaturgisch aufgebaut habe.

[00:02:02]  Du hast mich noch ausgelacht.

[00:02:04]  Aber euch, liebe Zuhörerinnen und Zuhörern, hat es gefallen.

[00:02:07]  Das dachte ich mir schon.

[00:02:09]  Wer fängt denn an?

[00:02:11]  Pia: Damit darfst du anfangen.

[00:02:14]  Christina. Jetzt fühl ich mich in der Bringschuld, das wieder so spannend zu machen.

[00:02:18]  Ich weiß nicht, ob ich dem gerecht werden kann.

[00:02:21]  Meine Entstehungsgeschichte, die ich heute mitgebracht habe,

[00:02:24]  handelt von dem Roman "Carrie" von Stephen King.

[00:02:28]  Damit wir uns auskennen, habe ich gedacht,

[00:02:31]  bringe ich einmal zur Abwechslung eine kurze Inhaltsangabe für "Carrie"mit.

[00:02:35]  Für alle, die es noch nicht gelesen haben.

[00:02:38]  Oder die, die es schon lange nicht mehr gelesen haben.

[00:02:41]  Aber "Carrie" ist natürlich ein sehr ikonischer Stoff.

[00:02:44]  Es ist erstveröffentlicht am 5. April 1974 in den USA.

[00:02:48]  Ein Horror-Roman, aber auch so ein bisschen eine Coming-of-Age-Geschichte,

[00:02:53]  die man in deren Ausgang niemanden wünschen kann.

[00:02:57]  Die deutsche Erstausgabe ist 1977 erschienen im Wilhelm-Heyne-Verlag.

[00:03:04]  "Carrie" erzählt die Geschichte von der 16-jährigen Carrie White,

[00:03:07]  die in einer amerikanischen Kleinstadt aufwächst.

[00:03:10]  Schüchtern, sozial isoliert und unter der Kontrolle ihrer streng religiösen Mutter.

[00:03:15]  Nach Jahren des Mobbings entdeckt sie, dass sie telekinetische Kräfte besitzt.

[00:03:20]  Als sie beim Abschlussball öffentlich gedemütigt wird,

[00:03:24]  setzt sie ihre Kräfte ein mit katastrophalen Folgen.

[00:03:28]  Wir kennen alle die ikonische Szene mit dem Schweineblut.

[00:03:31]  Pia: Die kennen sogar ich und ich habe den Film nie gesehen, [lacht] aber die Szene kenn ich.

[00:03:36]  Christina: Würdest du dir den anschauen, den Film oder den Roman lesen?

[00:03:43]  Pia: Eher den Roman lesen, ich bin bei Horrorfilmen sehr schlecht, muss ich sagen.

[00:03:47]  Christina:Weil der Roman ist, ich glaube, heute, also es ist ein Horror-Roman,

[00:03:51]  der aber auch sehr viele psychologische Elemente enthält

[00:03:55]  und auch eine Portion Gesellschaftskritik, dieses typische Highschool-Mobbing-Ding.

[00:04:02]  Und es war Kings erster veröffentlichter Roman und sein literarischer Durchbruch.

[00:04:08]  Aber wie ist es dazugekommen?

[00:04:11]  Stephen King war ein zurückhaltender, eher schüchterner Junge.

[00:04:15]  Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf, in einem Haushalt ohne Vater.

[00:04:20]  Der hatte die Familie verlassen, als King noch klein war.

[00:04:23]  Seine Mutter schlug sich mit mehreren Jobs durch, das Geld war knapp.

[00:04:28]  Aber Bücher gab es im Haushalt immer.

[00:04:31]  King entdeckte früh seine Leidenschaft fürs Schreiben,

[00:04:34]  zuerst Kurzgeschichten, dann kleine Heftromane, die er an seine Mitschüler*innen verkaufte.

[00:04:39]  Jede Geschichte, die er an eine Zeitschrift schickte, kam zurück.

[00:04:44]  Die Absagebriefe warf er aber nicht weg.

[00:04:47]  Ganz im Gegenteil:In seinem Zimmer hämmerte er berühmterweise einen dicken Nagel an die Wand,

[00:04:53]  an dem er jede einzelne Ablehnung aufhing.

[00:04:56]  Mit der Zeit bog sich der Nagel unter dem Gewicht.

[00:05:00]  Später sagte er, dass er auf einen Bolzen hätte umsteigen müssen, [Pia lacht leise] weil es viele Ablehnungen kam.

[00:05:06]  1973 ist King 25 Jahre alt.

[00:05:10]  Er lebt mit seiner Frau Tabitha in einem kleinen Wohnwagen in Hermon , Maine.

[00:05:16]  Zwei kleine Kinder und wenig Geld.

[00:05:18]  Er unterrichtet Englisch an der High School und jobbt nebenbei in einer Wäscherei.

[00:05:24]  Der Ort, an dem er schreibt, ist ein beengter Wandschrank.

[00:05:28]  Darin steht ein schlichter Stuhl, auf den er ein Brett gelegt hat: seine Schreibunterlage.

[00:05:34]  Die Schreibmaschine ist alt, sein Ziel: Irgendwann genug zu verdienen, um allein vom Schreiben zu leben.

[00:05:41]  Eines Abends kommt ihm eine Idee.

[00:05:44]  Ein Mädchen mit übernatürlichen Kräften.

[00:05:47]  Außenseiterin, unsicher, religiös-fanatisch erzogen.

[00:05:52]  Und dann ein grausames Ereignis, das alles verändert.

[00:05:56]  Aber King kommt nicht recht voran in den Buch.

[00:05:59]  Die Perspektive des Mädchens irritiert ihn, das Thema fühlt sich für ihn sehr fremd an.

[00:06:04]  Er schreibt drei Seiten, dann reißt er sie ab von der Schreibmaschine erknüllt sie und wirft sie in den Papierkorb.

[00:06:10]  Am nächsten Tag findet Tabitha das erknüllte Manuskript im Papierkorb.

[00:06:15]  Und sie liest es und ist sofort wie elektrisiert.

[00:06:19]  Sie ist diejenige, die das Potenzial der Geschichte erkennt.

[00:06:22]  Statt Kritik bringt sie Hilfe.

[00:06:25]  Bücher über Frauenrollen zum einen,

[00:06:27]  Gespräche auch über ihre eigenen Erfahrungen als Schülerin.

[00:06:31]  Sie ermutigt ihn, weiterzuschreiben.

[00:06:34]  Nicht zuletzt, weil sie spürt, dass in dem Buch etwas steckt,

[00:06:37]  dass sich von seinen bisherigen Versuchen unterscheidet.

[00:06:40]  King nimmt den Faden wieder auf.

[00:06:43]  Er schreibt "Carrie" in wenigen Wochen fertig.

[00:06:46]  Als der Roman dann abgeschlossen ist, schickt er das Manuskript an verschiedene Verlage.

[00:06:50]  Und wieder hagelt es Absagen.

[00:06:53]  Mehr als 30 Absagen [Pia: Oje.] kriegt er für "Carrie".

[00:06:56]  Aber er bleibt immer weiter dran.

[00:06:59]  Und dann endlich sagt Double Day, zeigt Interesse und sagt zu.

[00:07:04]  Und der Vorschuss beträgt 2.500 Dollar.

[00:07:08]  Das ist auch damals nicht super viel, aber mehr als bei jedem anderen Text zuvor.

[00:07:14]  King ist erleichtert, aber erst einmal nicht besonders euphorisch.

[00:07:19]  Die große Wende kommt dann Monate später, als sich ein Taschenbuchverlag

[00:07:24]  die Rechte an "Carrie" sichert für 400.000 Dollar.

[00:07:28] Pia: Nicht schlecht.

[00:07:30]  Christina: Ja. Und das ist eine unfassbare Summe für den 25-jährigen Autor,

[00:07:34]  der in diesem kleinen, im Grunde Trailerpark wohnt.

[00:07:38]  Pia: Da haben sich die Absagen dann doch rentiert.

[00:07:41]  Christina:King erfährt die Nachricht telefonisch, als er gerade in der Schule ist beim Arbeiten.

[00:07:45]  Als er auflegt, ist er ganz blass, wie er erzählt und fühlt sich ganz benommen.

[00:07:49]  Er fährt nach Hause, findet Tabitha in der Küche und sagt nur:

[00:07:53]  "Wir sind raus." [Pia lacht kurz]

[00:07:55]  Und meint damit, dass raus aus dem Wohnwagen, aus dem Geldmangel, aus diesem Leben.

[00:08:00]  Und für sie beide beginnt damit auch ein neues Leben.

[00:08:03]  Der Erfolg, das weiß man glaub ich auch von Stephen King, hat aber auch Schattenseiten. Bei ihm kommen

[00:08:09]  mit dem Geld, Alkohol, Tabletten und exzessives Schreiben.

[00:08:13]  Stichwort "The Shining", was er teilweise auch sehr autobiografisch verarbeitet.

[00:08:20]  Und Jahre später wird King über diese Zeit dann offen reden.

[00:08:24]  Deswegen weiß man auch davon über seine Sucht, seine Ängste und diesen Kontrollverlust, den er nach "Carrie" erlebt hat.

[00:08:31]  Aber eben auch über die Rolle, die seine Frau gespielt hat,

[00:08:35]  einmal, als sie "Carrie" ... ihn ermutigt hat "Carrie" weiterzuschreiben,

[00:08:39]  als auch später, als er dann fast alles verloren hätte an seine Sucht.

[00:08:44]  Dieser Durchbruch begann also, das ist einer der größten Genre-Autoren der heutigen Zeit.

[00:08:50]  Jeder hat mindestens von Stephen King gehört.

[00:08:53]  Seine Romane werden in alle möglichen Sprachen der Welt übersetzt.

[00:08:57]  Aber es hat angefangen damit, und das finde ich total cool,

[00:09:01]  dass seine Frau in diesem Wohnwagen das Papier wieder aus dem Papierkorb zogen hat

[00:09:07]  und ihn ermutigt hat und ihn dann von sich und ihrer eigenen Perspektive erzählt hat,

[00:09:14]  wodurch sie ihm ermöglicht hat, "Carrie" zu schreiben.

[00:09:18]  Genau, und das ist die Entstehungsgeschichte zu "Carrie" von Stephen King.

[00:09:24]  Pia: Richtig cool, habe ich nicht gewusst.

[00:09:26]  Ich habe von King ja nie was gelesen, deswegen sehr interessant für mich.

[00:09:29]  Und ich finde es auch lustig, dass er gerade das dann eigentlich wegschmeißen hat wollen,

[00:09:33]  obwohl er schon so viele Absagen bekommen hat, und das war genau dann das, was funktioniert hat.

[00:09:37]  Christina:Hast du das echt nicht gekannt?

[00:09:38]  Pia:Nein, überhaupt nicht.

[00:09:39]  Christina:Für mich war das so profan, jeder kennt die Carrie-Geschichte. [lacht]

[00:09:42]  Pia: [lacht] Nein, ich nicht.

[00:09:44]  Christina: Ja, super.

[00:09:45]  Okay, Pia, was hast du mitgebracht für uns?

[00:09:48]  Weil ich weiß ja nicht, ich bin echt gespannt.

[00:09:51]  Pia: Also, heute gibt es einen Faktencheck.

[00:09:54]  Christina: Okay.

[00:09:55]  Weil du hast bei der [Christina atmet erschrocken ein] letzten Entstehungsgeschichte behauptet,

[00:09:59]  dass Bram Stoker das Fundament für den modernen Vampir geschaffen hat.

[00:10:03]  Und dir widersprech ich heute.

[00:10:05]  Christina: Ohhhh, spannend.

[00:10:07]  Pia:Der moderne Vampir ist nämlich nicht 1897, das ist wo "Dracula" entstanden ist,

[00:10:13]  sondern bereits 80 Jahre zuvor entstanden.

[00:10:17]  Es war eine düstere und stürmische Nacht im Jahr 1816.

[00:10:21]  Am Genfersee in der prächtigen, aber abgeschiedenen Villa Diodati

[00:10:25]  versammelten sich einige der brilliantesten

[00:10:27]  und skandalösesten Geister ihrer Zeit. - Christina: Geister? - Pia: Ja. [zögert] Nein, nicht Geister Geister, aber ... - Christina: Sagt man das so? - Pia: Ja.

[00:10:37]  Christina: Okay, "Geister ihrer Zeit". - Pia: Die Natur selbst schien sich gegen sie verschworen zu haben. Ein Vulkanausbruch

[00:10:44]  in Indonesien hatte den Himmel über Europa verdunkelt. Die Tage waren grau, die Nächte

[00:10:50]  unnatürlich kalt. In der Villa umgeben von Regen und Blitzgewitter, saßen Lord Byron, Percy

[00:10:58]  Bysshe Shelley, Mary Shelley, Claire Clairmont, das ist Marys Stiefschwester und ein junger Mann,

[00:11:04]  den die Geschichte fast vergessen hätte. - Christina: [zieht scharf die Luft ein, aufgeregt] Oh mein Gott, das ist so spannend. Ich kenne die

[00:11:11]  Mary Shelley-Frankenstein-Entstehungsgeschichte, aber nicht das, was jetzt kommt. Okay, ich bin

[00:11:16]  ganz aufgeregt. - Pia:Und das war John William Polidori. - Christina: Wer? - Pia: Genau. [beide lachen] Polidori war Arzt, ein

[00:11:24]  ehrgeiziger, aber oft unterschätzter Mann, der als Leibarzt des berühmten Lord Byron diente.

[00:11:30]  Klug, belesen, aber gefangen im Schatten seines charismatischen Arbeitgebers. - Christina:  Obviously. - Pia: Ja,

[00:11:37]  doch in dieser Nacht, jetzt hätte ich gerne bitte so Soundeffekte [Soundeffekt: Donnerschlag] [beide lachen, Christina: düdüdümm!] sollte er etwas erschaffen,

[00:11:49]  dass ihn für immer unsterblich machen würde. In jener Nacht [Soundeffekt: Donnerschlag] [Pia lacht, Christina wieder: düdüdümm!]

[00:11:53]  schlug Byron vor, dass jede, jeder eine eigene Schauergeschichte schreiben sollte.

[00:12:05]  Byron selbst begann einen Fragment über einen geheimnisvollen Vampir. Doch er ließ es

[00:12:11]  unvollendet. - Christina: Ohhh, aber darf ich eine Zwischenfrage stellen, wie ist er auf den Vampir kommen? Weiß man das?

[00:12:19]  Pia: Das weiß man nicht. Es war einfach nur so, okay, schreiben wir mal alle. Und er hat, also Vampire waren

[00:12:25]  vorher ja auch schon in Volksmärchen vorhanden. Und eben er hat dann Anfang mit diesem Fragment,

[00:12:31]  hat es eben begonnen. Über diesen geheimnisvollen Vampir, hat es aber unverlendet lassen. Und

[00:12:37]  Polidori hat dann dieses Fragment genommen als Inspiration und es weiterentwickelt.

[00:12:42]  Während Mary Shelley also an einer Idee arbeitete, die später zu Frankenstein werden sollte,

[00:12:48]  begann Polidori eine Geschichte, die ihn selbst überdauern würde: "The Vamprye", mit "y" geschrieben

[00:12:54]  in dem Fall. Die Atmosphäre in der Villa war übrigens nicht nur von Sturm und Dunkelheit

[00:12:59]  geprägt. Die Gruppe hat auch Laudanum, ein Opiumpräparat, das in jener Zeit als Schmerzmittel

[00:13:05]  und Rauschmittel verbreitet war, konsumiert. Ihre Gespräche wurden fieberhaft. Die Vorstellung

[00:13:10]  Bilder. In dieser Mischung aus Melancholie, Exzess und kreativer Euphorie entstand eine neue Art

[00:13:16]  des Grauens. [Chrisitna: Uhhhhhh ...] So, und jetzt hätte ich jetzt gerne, [lacht] da hätte ich jetzt bitte gerne so ein fieses Gelächter

[00:13:22]  oder so. - Christina: Wenn ich das letztes Mal keine Geräusche hatte, um meiner Geschichte zu helfen,

[00:13:28]  wirst du auch diesmal ohne Auskommen müssen. [beide lachen] - Pia: Frechheit. [Soundbite: fieses Gelächter]

[00:13:31]  Polidoris Vampir war anders als die unheimlichen, aber oft animalischen Kreaturen der alten Volksmärchern.

[00:13:44]  Er war ein aristokratischer Verführer. Blass, charismatisch, ein Wesen, das in feinen Gesellschaften

[00:13:51]  verkehrte und dennoch tödlich war. Dieser Vampir wirkte in vielerlei Hinsicht wie

[00:13:55]  einee literarische Version von Byron selbst. - Christina: [ungläublig] Von Byron? - Pia: [zustimmend] Mh-hm. - Christina:  Hat er was übrig gehabt, der Arzt

[00:14:01]  für Byron? - Pia:Das sind die Gerüchte. - Christina: Aha. Schau, wie ich das genau schon erörter hab ...

[00:14:07]  Pia: Das hast du den Subtext sofort erkannt. [beide lachen] - Christina: Ah, schön.

[00:14:10]  Pia: Doch wer war dieser Lord Byron, der als Vorlage für den ersten literarischen Vampir galt?

[00:14:15]  Christina:  [ungläublich] Lord Byron war die Vorlage für den ersten literarischen Vampir?! - Pia: Angeblich.

[00:14:20]  Christina: Ja, also mein Kopf explodiert, das ist so cool. - Pia: Lord Byron war nicht nur ein gefeierter Dichter,

[00:14:27]  sondern auch einer der umstrittensten Persönlichkeiten seiner Zeit. Er galt als exzentrisch, unverschämt

[00:14:33]  und unwiderstehlich. Seine Affären sorgten für Empörung, er hatte zahllose Liebschaften

[00:14:39]  mit verheirateten Frauen, jungen Männern und angeblich sogar mit seiner eigenen Halbschwester

[00:14:44]  Augusta Leigh. Die Gerüchte um diese Beziehung erschütterten die britische Gesellschaft. Eine

[00:14:50]  seiner Liebhaberinnen bezeichnete ihn als, Achtung, ich zitiere, "mad, bad and dangerous to know".

[00:14:57]  Christina:Oh mein Gott, okay. [Pia lacht] So kann man sich natürlich auch eine Image aufbauen.

[00:15:02]  Pia: Ja, ich hoffe, das ist auf seinem Grabstein drauf. - Christina: Der literarische Bad Boy.

[00:15:06]  Pia: Das ist genial. Byron lebte ausschweifend, sammelte Feinde und ließ sich von keiner Konvention

[00:15:13]  aufhalten. Schlussendlich wurde er zum gesellschaftlichen Außenseiter. 1816, das ist das Jahr, in dem

[00:15:19]  er an den Genfersee geflohen ist, war das Jahr, in dem er endgültig England verließ und

[00:15:24]  nach seiner skandalösen Trennung von seiner Frau und den immer lauter werdenden Vorwürfen

[00:15:30]  über seine Lebensweise und eventuell der Homosexualität, blieb ihm kaum eine andere Wahl. Er war also

[00:15:36]  ein Mann, der alles nahm, was ihm das Leben bot und sich damit selbst in Gefahr brachte.

[00:15:40]  Vielleicht erkannte Polidori genau das in ihm, einem Mann, der sich selbst als unverhaltsam

[00:15:45]  sah, dessen Anziehungskraft gleichzeitig eine Warnung war. Polidori hatte mit seiner Geschichte

[00:15:50]  aber nicht nur eine neue Art von Vampir geschaffen, er hatte den Grundstand für eine ganze Genre

[00:15:55]  gelegt. 1819, drei Jahre nach dem Sommer in der Villa,

[00:16:00]  erschien "The Vampyre" erst in einer Literaturzeitschrift, doch es gab ein Problem, die Geschichte

[00:16:04]  wurde fälchlicherweise Lord Byron zugeschrieben.

[00:16:07]  Christina: [schnalzt mit der Zunge] Der hat doch schon alles. - Pia: Genau, finde ich auch. Der Verleger Henry Colburn hat erkannt,

[00:16:15]  was das für ein kommerzielles Potenzial hat, wenn Byron eben sowas schreiben würde, gerade

[00:16:22]  auch durch die ganzen Skandale um ihn halten. Polidori war empört, sowohl er als auch Byron

[00:16:27]  haben sich bemüht, die wahre Autorenschaft klarzustellen, doch die Verwirrung hielt sich

[00:16:32]  hartnäckig. Viele glaubten noch lange, dass Byron der Verfasser sei, zum Beispiel nannte

[00:16:37]  niemand geringerer als Johann Wolfgang von Goethe die Erzählung Byrons bestes Produkt.

[00:16:41]  Christina: [bedauernd] Ah, ja, da ist er Fake News aufgesessen, der Johann Wolfgang von.

[00:16:47]  Pia: Polidori selbst hat wenig von dem literarischen Erfolg gehabt, er hat mit finanziellen Schwierigkeiten

[00:16:54]  und Depressionen gekämpft. 1821 verstarb er mit nur 25 Jahren.

[00:16:58]  Christina: Oh Gott.

[00:16:59]  Pia: Die Umstände seines Todes sind nicht geklärt, im offiziellen Bericht heißt es, er sei an

[00:17:04]  natürlichen Ursachen gestorben, es wird aber vermutet, dass er Suizid begangen hat.

[00:17:09]  Polidori mag früh gestorben sein, seine Geschichte aber überlebte. "The Vampyre" legt den Grundstein

[00:17:15]  für spätere Vampirgeschichten von Bram Stokers "Dracula" bis zu den modernen Vampirgeschichten

[00:17:20]  unserer Zeit, da kommen jetzt wieder deine glitzenden Vampire von vor ...

[00:17:24]  Christina: [empört] "Meine" glitzenden Vampire, ich habe mit denen genau gar nichts zu tun. [Pia lacht]

[00:17:27]  Pia: Du warst letzte Mal so begeistert davon. [lacht] Was als harmlose Schreibspiel an einem verregneten

[00:17:32]  Sommerabend begann, veränderte die Literatur für immer.

[00:17:35]  Während Mary Shelleys Frankenstein zur Ikone des Schauerromans wurde, war es Polidori,

[00:17:40]  der das Bild des eleganten, tödlichen Vampirs schuf, eine Figur, die bis heute überlebt.

[00:17:45]  Christina:Wow, also ich bin von den Socken. Danke, ich fühle mich gefactchecked.

[00:17:52]  [lacht] Erfolgreich.

[00:17:53]  Pia:Erfolgreich.

[00:17:54]  Na, aber ich find's schon interessant.

[00:17:57]  Ihr es auch nicht gewusst, mit dem Lord Byron, eben dass er da die Vorlage war.

[00:18:01]  Christina:Aber das hat man jetzt Lust gemacht, irgendwie so mehr über Love Byron und so zu lesen.

[00:18:06]  Das ist immer witzig, wenn so Bad Boys ...

[00:18:09]  Pia:Aber der Spruch ist doch genial, oder?

[00:18:11]  "Mad, bad and dangerous and dangerous to know." [lacht]

[00:18:14]  Christina:Ja, das ist Imagebildung, Mann. [beide lachen]

[00:18:16]  Pia:Ja, die haben das damals schon gewusst.

[00:18:18]  Christina:Ja, das ist der James Dean der viktorianischen Literaturlandschaft.

[00:18:23]  Pia: [schmunzelnd] Genau.

[00:18:24]  Christina: In dem Zusammenhang, wie gesagt, kenne ich immer nur die Entstehungsgeschichte von "Frankenstein".

[00:18:31]  Ich finde, dieses Vampirding muss so untergegangen sein.

[00:18:36]  Pia: Ich hab auch eben damals nur gewusst, dass Mary Shelley das in diesem Schreibwettbewerb,

[00:18:39]  sozusagen geschrieben hat, aber nie das eben damals auch die erste literarische

[00:18:45]  Vampirgeschichte rausgekommen ist.

[00:18:46]  Christina: Und da solltest du wirklich denken, dass man das mit erwähnen kann, also witzig, also

[00:18:50]  wirklich interessant.

[00:18:51]  Ja, ich glaub, woah, diesmal, da werde ich mich schwer tun, hast du wirklich nichts liegen

[00:18:59]  gelassen dramaturgisch heute.

[00:19:00]  Pia: Schauen wir mal, vielleicht, vielleicht macht ja wieder die Christina irgendwas mit ihren

[00:19:04] Posts.

[00:19:05]  Christina:Das sind haltlose Unterstellungen, ja, die möchte ich im offiziellen Rahmen völlig

[00:19:09]  von mir weisen.

[00:19:10]  Pia: [lacht] Schauen wir mal.

[00:19:11]  Christina:Also ihr könnt natürlich wieder abstimmen für die Entstehungsgeschichte, die euch besser

[00:19:17]  gefallen hat, die ihr spannender gefunden habt oder informativer oder die ihr vielleicht

[00:19:21]  einfach noch nicht kanntet.

[00:19:23]  Macht das bitte auf Instagram, auf stadtbibliothek.innsbruck und wenn da die Abstimmung nicht mehr laufen

[00:19:31]  sollte, könnt ihr natürlich auch auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at uns eure Favoriten schreiben.

[00:19:41]  Wir werden nämlich alle Ergebnisse mit einbeziehen und ich weiß nicht, ist, wenn das jetzt so

[00:19:45]  weitergeht, am Jahresende müssen wir uns dann noch einmal was für den Verlierer überlegen.

[00:19:50]  Pia: Oh Gott, muss ich jetzt Angst haben ... [lacht]

[00:19:52]  Christina:Ja, oder was Schönes.

[00:19:54]  Pia:Das find ich fast besser.

[00:19:56]  Christina: Ja, dass die Verliererin muss der Gewinnerin einen Tee geben ...

[00:20:03]  Pia:Das glaube ich kann ich verschmerzen.

[00:20:06]  Christina: Oder ein Kuchen. [beide lachen]

[00:20:08]  Ja, danke fürs Zuhören.

[00:20:10]  Wir wünschen euch noch ein schönes Lesen und sagen bis zum nächsten Mal.

[00:20:13]  Vergesst nicht uns zu abonnieren, wenn ihr keine Folge mehr vom Vorwort verpassen wollt.

[00:20:18]  Tschüss.

[00:20:19]  Pia: Tschüss. [Outro-Musik]

[00:20:20]  [Pia spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil

[00:20:49]  Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Pia spricht]

 

Kurz und Schmerzlos mit … Dirk Kurbjuweit (“Nachbeben”)

Kurz und Schmerzlos mit … Dirk Kurbjuweit (“Nachbeben”)

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:07]  [Intro-Musik] Boris: Hallo und herzlich willkommen zurück beim "Vorwort: Kurz und Schmerzlos". Heute mit Dirk

[00:00:28]  Kurbjuweit und mein Name ist Boris Schön. Dirk Kurbjuweit, schön, dass Sie da sind. Darf ich

[00:00:35]  Sie als erstes bitten, sich kurz vorzustellen? - Dirk Kurbjuweit: Ja, vielen Dank für die Einladung. Freue

[00:00:40]  mich, dass ich hier sein darf. Ja, ich bin Journalist, das ist mein Hauptberuf und da bin

[00:00:47]  ich Chefredakteur vom "Spiegel", dem deutschen Nachrichtenmagazin und lebe in Hamburg und

[00:00:54]  in Berlin. Dann habe ich noch einen zweiten Beruf und der ist Schriftsteller. Ich habe

[00:00:59]  zehn Romane geschrieben, Theaterstück, Drehbücher. - Boris: Sie sind ja schon sehr lange im Journalismus

[00:01:05]  tätig. Also ich habe jetzt nur so mit einer Grobrecherche mindestens 35 Jahre oder mehr. [Dirk Kurbjuweit: Ja.]

[00:01:11]  Darf ich Sie fragen, so ganz allgemein, wie hat sich denn diese Berufstätigkeit oder

[00:01:18]  der Beruf durch die Jahre verändert? Er hat sich extrem verändert durch die digitalen

[00:01:23]  Medien, durch das Internet. Beim "Spiegel" zu sein hieß früher, bei einem Nachrichtenmagazin,

[00:01:31]  einem Wochenmagazin zu sein mit einem Wochenrhythmus. Das heißt, wir hatten viel Zeit für Recherchen

[00:01:37]  und auch Zeit zum Schreiben. Heute haben wir eben auch eine Website, die eigentlich das

[00:01:43]  Zentrum ist mittlerweile von unserem Verlag und das ist ja sehr schnell, schnellerer

[00:01:48]  Journalismus und das ist ganz anders als früher. Gleichwohl haben wir immer noch Bereiche,

[00:01:54]  in denen wir das Alter auch bewahren, in denen wir unseren Leuten Zeit geben für die Recherche

[00:01:59]  für das Schreiben, aber insgesamt würde ich sagen, ist der journalistische Alltag viel

[00:02:04]  dichter und viel schneller geworden. - Boris: Das heißt aber, setzen Sie da unterschiedliche

[00:02:09]  Techniken ein, ob es für das Printmedium ist oder für das digitale Medium? Also nehmen

[00:02:14]  Sie sich mehr Zeit für das Printmedium immer noch und es ist dann tiefergehend, kann man

[00:02:18]  das so unterscheiden oder ist das gar nicht so die...

[00:02:21]  Dirk Kurbjuweit: Generell gilt bei uns die Strategie "Digital First", also das ist schon, wie gesagt, das

[00:02:26]  Zentrum, das Wichtigste, aber wir haben eigentlich zwei Pfade, die wir verfolgen. Das eine ist

[00:02:31]  Tempo und der andere heißt Tiefe und Tempo ist vor allem die Devise für die Seite und

[00:02:39]  Tiefe ist die Devise für das Heft, aber es geht auch sozusagen umgekehrt, dass wir natürlich

[00:02:45]  auch tiefe Texte auf der Seite haben und generell kommt alles, was ins Heft für das

[00:02:51]  Heft gemacht wird, auch auf die Seite.

[00:02:53]  Jetzt ergänzend dazu, dass es ja eine digitale Variante gibt: Wie gehen Sie denn damit um,

[00:02:58]  dass mir vorkommt, dass immer mehr klassische Medien von vielen Menschen nicht mehr genutzt

[00:03:04]  werden, sondern die sich anders informieren und da kann man dann immer so ein bisschen

[00:03:09]  dieses Thema mit den Fake News noch reinbringen und unseriöse Quellen oder nicht klar recherchierte

[00:03:15]  Quellen ... Wirkt sich das auch aus auf die journalistische Tätigkeit oder sagen Sie sozusagen, wir machen

[00:03:21]  unser Ding und wer das konsumiert, der kriegt Qualität und wie kann man sich das vorstellen?

[00:03:27]  Dirk Kurbjuweit: Ja, erst einmal ja, also wer uns liest, der bekommt Qualität, aber wir müssen natürlich

[00:03:33]  auch da sein, wo die Leserinnen und Leser sind und gerade bei den Jüngeren sind das halt

[00:03:38]  die sozialen Netzwerke und deshalb haben wir auch Auftritte bei Instagram, bei TikTok,

[00:03:44]  jetzt neuerdings auch WhatsApp und so und wir berichten auch dort und natürlich, wie

[00:03:51]  Sie sagen, ist das auch ein Bereich in der Fake News, gerade die Netzwelt, und da halten

[00:03:58]  wir dagegen und sagen hier informiert euch bei uns, wir recherchieren gründlich, wir haben

[00:04:05]  Fact Checker und auf unsere Informationen könnt ihr euch verlassen.

[00:04:09]  Boris: Sie haben mir vorhin schon gesagt, Sie sind der Chefredakteur des "Spiegels", jetzt, wie

[00:04:14]  kann man sich diese Tätigkeit vorstellen? Sie werden ja nicht nur Texte schreiben, Sie

[00:04:17]  werden ja auch sehr viel koordinativer Arbeit, Blattlinie oder was sind da die Bereiche,

[00:04:22]  die Sie da alle ...?

[00:04:25]  Dirk Kurbjuweit: Schreiben, das ist tatsächlich die kleinere Aufgabe für mich mittlerweile, sondern ich muss eine

[00:04:29]  große Redaktion leiten, 600 Leute arbeiten dort und mein Tag beginnt natürlich mit Lektüre

[00:04:37]  und dann folgt eigentlich eine Konferenz der nächsten und wir haben so eine Morgenkonferenz,

[00:04:42]  wo wir die Themen des Tages besprechen und dann gibt es natürlich viele Treffen, wo wir

[00:04:48]  eben solche Dinge besprechen, wie Strategien, wie machen wir weiter, auch Blattlinie, wie

[00:04:55]  verhalten wir uns zu bestimmten Entwicklungen und der Tag ist von morgens bis abends sehr,

[00:04:59]  sehr dicht und es sind vor allem Begegnungen mit Menschen, Konferenzen, Einzelgespräche,

[00:05:04]  eigentlich kann man sagen, dass ich von morgens bis abends rede und zuhöre, das ist mein

[00:05:10]  Job.

[00:05:11]  Boris: Sie sind ja heute bei uns im Haus, weil Sie das Innsbrucker Prosa-Festival, die 23.

[00:05:16]  Ausgabe mit Ihrer Lesung eröffnen.

[00:05:18]  Jetzt, wenn Sie sagen, Ihr Tag ist so voll, Sie sind ja Schriftsteller, wie Sie auch

[00:05:24]  gesagt haben, wann schreiben Sie dann?

[00:05:25]  Ist das eine Wochenend-, Nachts- oder Urlaubstätigkeit oder wie kann man sich das vorstellen?

[00:05:31]  Dirk Kurbjuweit: Ja, als Chefredakteur komme ich natürlich nicht so oft dazu, klar, aber ich nehme mir manchmal

[00:05:37]  Abende, an denen ich schreibe.

[00:05:41]  Für mich ist das, verstehen meine Kollegen manchmal nicht, weil für mich ist dieses

[00:05:45]  Schreiben auch eine Form von Erholung, weil der "Spiegel"-Alltag ist sehr, sehr intensiv

[00:05:51]  und ist für mich nicht so leicht, abends da raus zu kommen und Erholung zu finden.

[00:05:56]  Und wenn ich aber in eine Romanwelt überwechsel, dann kann ich mich erholen, weil ich in einer

[00:06:02]  anderen Welt bin.

[00:06:03]  Da ist der Spiegel sehr, sehr

[00:06:04]  fern, denke nicht mehr daran, was am Tag passiert ist

[00:06:07]  oder am nächsten Tag kommen wird, sondern ich lebe

[00:06:10]  mit meinen Figuren in der Romanwelt und dabei

[00:06:13]  kann ich mich sehr gut erholen und dann mache ich

[00:06:15]  ein, zwei Mal im Jahr eine Klausur für ein, zwei

[00:06:18]  Wochen und da lebe ich dann komplett in dieser Romanwelt

[00:06:22]  und so kann ich das eigentlich ganz gut miteinander

[00:06:24]  vereinbaren. - Boris: Jetzt sagen Sie, dass es eine Art

[00:06:28]  der Erholung ist von Ihrer Tätigkeit, aber ich

[00:06:31]  kann mir es kaum vorstellen, wenn Sie so viel

[00:06:33]  berufstätig sind im Journalismus, dass dann

[00:06:35]  nicht auch ein Einfluss vielleicht auf Themen

[00:06:37]  oder auf Ideen oder Ähnliches von der, ich

[00:06:41]  weiß nicht, kann man vom Brotberuf sprechen

[00:06:44]  vielleicht im Verhältnis zum schriftstellerischen

[00:06:48]  Beruf. Gibt es da einen Einfluss?

[00:06:52]  Dirk Kurbjuweit: Ganz sicher. Für mich ist der Journalismus

[00:06:55]  eigentlich die Nabelschnur zur Welt. Über den

[00:06:58]  Journalismus werde ich sehr direkt versorgt mit

[00:07:01]  Informationen, mit dem was eben in der Welt

[00:07:05]  passiert und das beeinflusst mein Denken

[00:07:07]  ganz stark und aus diesem Denken entstehen

[00:07:11]  oft auch Romane. Also viele meiner Romane

[00:07:13]  haben eben auch als Hintergrund, als Untergrund

[00:07:17]  politische Themen der Zeit und insofern würde ich

[00:07:21]  sagen, dass mein Nebenberuf als Schriftsteller

[00:07:25]  schon stark geprägt ist auch von meinem

[00:07:28]  journalistischen Beruf. - Boris: Wenn man jetzt biografisch

[00:07:30]  noch mal ganz zurückgeht, war beides von

[00:07:32]  Anfang an da oder gab es da eine Reihenfolge

[00:07:35]  erst journalistisch dann Romanen, Schriftsteller

[00:07:39]  oder eben abgesehen von dem was sie veröffentlicht

[00:07:41]  haben, tendenziell schreibt man ja vielleicht

[00:07:44]  literarisch und lange bevor dann die erste

[00:07:46]  Veröffentlichung kommt?

[00:07:47]  Dirk Kurbjuweit: Ja, es gab einen Wechsel. Also ich habe eigentlich

[00:07:51]  angefangen sozusagen mit literarischen Versuchen

[00:07:54]  schon als Schüler am Gymnasium, habe ich

[00:07:56]  Kurzgeschichten geschrieben, ich hatte da eine

[00:07:58]  frühe Leidenschaft für Literatur, dann habe

[00:08:02]  ich mich aber nicht so richtig getraut

[00:08:04]  Schriftsteller zu werden, das schien mir irgendwie

[00:08:06]  zu groß, zu fern irgendwie auch, bin jetzt auch

[00:08:11]  nicht gerade vor einem Bücherregal aufgewachsen,

[00:08:14]  also das war schon eine ferne Welt für mich

[00:08:17]  und ja, ich war aber auch politisch interessiert,

[00:08:20]  also bin ich dann Journalist geworden und dann

[00:08:23]  so mit Ende 20 habe ich dann so all mein Mut

[00:08:26]  dann zusammen gerafft und hatte dann auch

[00:08:28]  würde die journalistische Arbeit sicherlich auch

[00:08:31]  Selbstvertrauen geworden und dann habe ich es

[00:08:34]  riskiert den ersten Roman zu schreiben.

[00:08:36]  Boris: Was macht denn für sich einen guten Roman aus?

[00:08:40]  Dirk Kurbjuweit: Es muss ein Sog entstehen und das mein ... damit

[00:08:43]  meine ich nicht sozusagen eine äußere Spannung

[00:08:45]  im Sinne von Krimi oder andere Spannung,

[00:08:49]  sondern einfach ein Sog, das man eintaucht,

[00:08:52]  hoch vor allem in eine Sprachwelt

[00:08:54]  und in eine, die Welt sozusagen sieht durch die Augen

[00:08:58]  des Schriftstellers, der Schriftstellerin

[00:09:00]  und das so ein so reinzieht, ein Sog entfacht,

[00:09:05]  dass man da nicht mehr raus will, dass man wie

[00:09:08]  in so einem Strudel dann immer weiter getrieben wird

[00:09:11]  und das ist für mich gute Literatur, daran

[00:09:14]  erkenne ich es, bin ich in dem Sog und fällt es mir

[00:09:17]  schwer, das Buch zuzuklappen oder nicht, aber wie gesagt,

[00:09:20]  es hat mit Spannung überhaupt nichts zu tun,

[00:09:22]  sondern nur mit Sprache, mit Sichtweisen,

[00:09:25]  mit Sprachbildern.

[00:09:26]  Boris: Jetzt haben wir sozusagen erfahren,

[00:09:30]  Ihren Berufsalltag, dann wann Sie schreiben,

[00:09:33]  wann lesen Sie denn dann noch?

[00:09:35]  Dirk Kurbjuweit: Ja, ich lese gern auf Reisen, weil ich Ihnen wieder auch

[00:09:40]  Reise noch und dann würde ich mal sagen, die

[00:09:44]  die letzte halbe Stunde oder manchmal auch Stunde

[00:09:49]  des Tages ist für mich für Literatur, für Lesen

[00:09:52]  reserviert, also ich mag eigentlich nicht einschlafen,

[00:09:55]  ohne noch in einem Roman gelesen zu haben.

[00:09:58]  Boris:Und das im Bett mit einem Hardcover oder am Tisch

[00:10:02]  ... oder mit einem E-Reader oder ... ?

[00:10:05]  Dirk Kurbjuweit: Also in einem E-Reader benutze ich gar nicht, also ich

[00:10:08]  möchte schon dieses Buch haben, auch Haptisch haben,

[00:10:11]  möchte auch das Umschlagen der Seiten hören und das

[00:10:16]  ... ist für mich auch ein sinnliches Erlebnis, ein

[00:10:19]  ein gebundenes oder ein gedrucktes Buch.

[00:10:21]  Also ja, ich leg mich ins Bett mit, ja oft mit einem Hardcover

[00:10:26]  und lese dann, bis ich so müde bin, dass es nicht weitergeht. [Boris lacht]

[00:10:31]  Boris:Ja, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

[00:10:33]  Zum Schluss wie immer, meine Frage, haben Sie ein Buch,

[00:10:36]  das Sie unseren Zuhörer*innen empfehlen können?

[00:10:39]  Dirk Kurbjuweit: Ja, ich habe gerade den Roman "Die Midaq -Gasse"

[00:10:43]  von Nagib Mahfuz gelesen, ein ägyptischer

[00:10:47]  Schriftsteller in Literaturnobelpreis gewonnen hat

[00:10:52]  und den ich bislang nicht gelesen hatte und da ist genau

[00:10:54]  das passiert. Nach drei Seiten war dieser Sog da,

[00:10:58]  ich war da drin in dieser Well, dieser Gasse in

[00:11:03]  in der Altstadt von Cairo in den 40er-Jahren

[00:11:06]  und es gibt gar nicht so eine durchgehende Handlung,

[00:11:09]  es gibt Geschichten von den Bewohnern dort und

[00:11:13]  das habe ich atemlos gelesen und dann auch zu lange

[00:11:17]  nachts, dann bin ich halt ein bisschen müder am Morgen,

[00:11:20]  aber da war der so ganz, ganz stark und das kann ich

[00:11:24]  einem Zuhörerinnen und Zuhörern empfehlen.

[00:11:27]  Boris: Ja, vielen herzlichen Dank, dass Sie zu Gast waren

[00:11:29]  und ich freue mich jetzt schon auf den heutigen Abend

[00:11:32]  mit Ihnen auf der Bühne.

[00:11:33]  Dirk Kurbjuweit: Ich freue mich auch, danke.

[00:11:35]  [Outro-Musik] [Boris spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen,

[00:12:05]  dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Boris spricht]

Teatime: „Das Lied des Achill“, „Die Stille der Frauen“ und weitere Greek Mythology-Must-Reads

Teatime: „Das Lied des Achill“, „Die Stille der Frauen“ und weitere Greek Mythology-Must-Reads

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:06]  [Intro-Musik] Shelly: Hallo und herzlich willkommen beim Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck

[00:00:26]  und heute wieder bei einer neuen Folge von der Teatime.

[00:00:29]  Mein Name ist Shelly und gegenüber von mir sitzt meine liebe Kollegin, die Jaci.

[00:00:34]  Jaci, griechischer Bergtee.

[00:00:38]  Jaci: Ja.

[00:00:39]  Shelly: Auch als griechisches Eisenkraut bekannt, wird schon seit der Antike von Hirten als

[00:00:44]  Tee getrunken, hast du das gewusst?

[00:00:46]  Jaci: Nö.

[00:00:47]  Es handelt sich nicht um eine Tee-Mischung, sondern um ein Kraut aus der Familie der

[00:00:52]  Lippenblütler.

[00:00:53]  Jaci: Lippenblütler.

[00:00:54]  Shelly: Das haben Schafhirten anno dazumal schon als Bergtee getrunken, also als Schlummertrunk

[00:01:03]  und das hat eine beruhigende Wirkung und die Herkunftsregionen, also in seinen Herkunftsregionen

[00:01:11]  setzt man das auch in der Volksmedizin noch ein, bei Erkältungen oder Magenproblemen.

[00:01:17]  Jaci: Sehr spannend.

[00:01:18]  Ihr kennt Eisenkraut nur von "The Vampire Diaries", wo das als Abwehr gegen Vampire benutzt

[00:01:23]  wird. [lacht]

[00:01:24] Shelly: Was trinkst du heute? Eisenkraut? [Jaci lacht]

[00:01:26]  Jaci: Bei mir gibt es heute Lemon and Ginger Tea.

[00:01:29]  Shelly: Und bei mir gibt es, was gibt es bei mir?

[00:01:33]  "Deine Gelassenheit".

[00:01:34]  Jaci: Also quasi griechischer Bergtee zur Gelassenheit.

[00:01:38]  Shelly: Stimmt, zur Beruhigung.

[00:01:40] [Jaci schnalzt mit der Zunge; Soundbite: Tee wird eingeschenkt, umgerührt, Schluck getrunken]

[00:01:41]  Shelly: So, und was geht es denn heute, Jaci?

[00:01:51]  Jaci: Wie die Shelly uns schon mit ihrem tollen griechischen Bergtee einen passenden Einstieg

[00:01:57]  ermöglicht hat, geht es heute um Greek Mythology Retellings, das heißt Neuerzählungen griechischer

[00:02:04]  Mythologien und die liebe Shelley hat immer eine Definition für uns rausgesucht.

[00:02:08]  Shelly: Natürlich haben wir das.

[00:02:10]  Die Neuinterpretationen von griechischer Mythologie auf Englisch "Greek Mythology Retelling", so,

[00:02:18]  sind eine literarische Gattung, in der Geschichten aus der klassischen griechischen Mythologie

[00:02:23]  neu erzählt werden und entweder in einen modernen oder einen futuristischen Kontext gesetzt

[00:02:29]  werden.

[00:02:30]  Jaci: Genau.

[00:02:31]  Und angefangen hat diese ganze griechische Mythologie mit The Man Himself: Homer.

[00:02:37]  Shelly: The Man oder [Anm. d. Red.: grammatikalisch Mehrzahl] The Man, wir wissen das nicht, Homer ist da ein bisschen der schwammige Figur

[00:02:44]  in der Geschichte.

[00:02:45]  Jaci: Stimmt.

[00:02:46]  Da gibt es die berühmte homerische Frage, die sich nur darum dreht, wer Homer war, ob

[00:02:50]  es ihn wirklich gegeben hat, weil es alles ziemlich unlogisch ist, dass ein Mann die "Ilias" und

[00:02:57]  die "Odyssee" geschrieben hat, weil die beiden Werke eigentlich so ungefähr 200 Jahre auseinander,

[00:03:02]  glaube ich, angesetzt werden und niemand wirklich so alt werden könnte.

[00:03:07]  Aber ich meine, das waren die Griechen, da war ja vieles anders noch. [Shelly schmunzelt]

[00:03:10]  Aber genau.

[00:03:11]  Aber wie genau hat es denn angefangen?

[00:03:14]  Die Shelly hat da auch noch ein paar Hintergrundinformationen für uns.

[00:03:17]  Shelly: Genau.

[00:03:18]  Also, Homer hat, wie gesagt, diese zwei Epen unter anderem geschrieben.

[00:03:22]  Er hat dann, glaube ich, noch so Poesie und so Gedichte verfasst, also Lobgesänge an

[00:03:30]  die Götter.

[00:03:31]  Aber mit diesen Epen ist er halt berühmt worden, [beide lachen] weiß nicht wie man da sagen soll ...

[00:03:37]  Genau.

[00:03:38]  Und das ist eben die "Ilias" und die "Odyssee".

[00:03:40]  Und er hat aber in der "Ilias" und der "Odyssee" diese ganze Götterwelt, die griechische Götterwelt

[00:03:48]  nicht erfunden, sondern sie quasi in den literarischen und kulturellen Mainstream integriert.

[00:03:54]  Er hat eine einigermaßen kohärente Darstellung zusammengeführt, also hat den Göttern auch

[00:04:04]  Charaktereigenschaften gegeben, sie sind ja sehr vermenschlicht bei Homer, was ja ziemlich

[00:04:09]  einzigartig ist bei der Religion.

[00:04:13]  Man würde jetzt nicht in anderen Religionen Charaktereigenschaften so menschliche ihnen

[00:04:19]  zuschreiben.

[00:04:20]  Jaci: Was ich immer so cool finde, wenn man das weiß, die "Ilias" besteht ja aus 24 Gesängen

[00:04:27]  und Gesänge heißen sie auch deswegen, weil das ganz am Anfang bevor es natürlich verschriftlich

[00:04:32]  worden ist, weil es damals unsere heutige Schrift und Bücher in dem sie nicht gegeben hat,

[00:04:37]  ist das alles mündlich vorgetragen worden von Sängern.

[00:04:40]  Und das finde ich total imposant, wenn man sich immer vorstellt, wie dick die "Ilias" als

[00:04:46]  Buch bei uns ist, wie viel Text die da früher auswendig lernen haben müssen und wie

[00:04:51]  lang das gedauert haben muss, das waren auch mehrere Abende dann immer, deswegen ist auch

[00:04:55]  oft in den Büchern das so Cliffhanger-mäßig, dass quasi die Leute am nächsten Abend wiederkommen

[00:05:00]  zum Zuhören.

[00:05:01]  Aber das finde ich einfach so cool, wenn man sich vorstellt, wie das damals alles quasi

[00:05:05]  angefangen hat.

[00:05:06]  Shelly: Schauspieler, dazumal ist was sicher kein einfacher Job.

[00:05:11]  Genau jetzt habe ich nur einen kleinen Überblick, wie diese Götterwelt denn überhaupt aufgebaut

[00:05:17]  ist.

[00:05:18]  Wir haben einmal diese zwölf Olympia, also die zwölf olympischen Götter, die am Olymp

[00:05:23]  auf diesem Berg oben sitzen und auf die Menschen runterschauen.

[00:05:26]  Da haben wir den Zeus, den Göttervater, seine Frau, die Hera, die Göttin der Ehe und der

[00:05:33]  Familie, Poseidon der Gott des Meeres, Demeter, die Göttin der Ernte und der Landwirtschaft,

[00:05:40]  Athene, die Göttin der Weisheit, der Strategie und des Krieges, Apollo, der Gott des Lichts, der

[00:05:45]  Musik, der Künste und der Prophezeiung, Artemis, die Göttin der Jagd, der Natur,

[00:05:50]  der Wildtiere, Ares, der Gottes des Krieges, Aphrodite, die Göttin der Liebe und der Schönheit, Hephaistos,

[00:05:57]  der Gottes des Feuers, der Schmiedekunst und der Technik, Hermes, der Götterbote, Hestia,

[00:06:03]  die Göttin des Herdfeuers und des häuslichen Lebens.

[00:06:06]  Also das sind einmal die zwölf Hauptgötter, die ja eine große Rolle spielen in der "Ilias" und

[00:06:13]  in der "Odyssee" und dann gibt es noch die Primordialgötter, die repräsentieren die

[00:06:20]  grundlegenden Kräfte des Universums und existieren seit den Anfängen der Welt.

[00:06:26]  Also die legen irgendwie so die Grundlage für alles, was danach gekommen ist.

[00:06:30]  Das ist Chaos, Gaia, Uranos, Tartaros und Eros und dann gibt es so die Titanen, Kronos,

[00:06:39]  der Zeus, ist ja zum Beispiel aus dem Kopf des Kronos emporgekommen?

[00:06:45]  Jaci: Na, Kronos hat Angst gehabt, dass Zeus ihn stürzt und hat ihn deswegen gegessen und die Gaia hat

[00:06:49]  ihn dann, glaube ich, wieder gerettet und hat ihn dann quasi aus Kronos rausgezogen wieder.

[00:06:55]  Shelly: Ja, stimmt.

[00:06:56]  Jaci: Die Athene ist aus den Gedanken des Zeus erschienen, so war das.

[00:06:59]  Shelly: Ja, so war das, genau.

[00:07:00]  Und vor den Olympischen Göttern eben die Titanen, Kronos, Rheia, Okeanos, Hyperion,

[00:07:05]  [unverständlich] und kann ich nicht aussprechen, Mnemosyne, [Jaci: Ja, klingt richtig.], und dann gibt es eben

[00:07:15]  noch weitere Götter und Gottheiten und eben auch Halbgötter und Helden, sowie Heracles

[00:07:20]  oder Hercules, wie man es aus der Disney-Adaption kennt, [lacht] Perseus, Achilles [betont] und Theseus.

[00:07:28]  Genau.

[00:07:29]  Und warum habe ich Achilles jetzt so betont, wollen wir schon mal ein Foreshadowing machen?

[00:07:33]  Jaci: Darf ich ganz kurz, du hast einen Gott jetzt, glaube ich, vergessen, weil er nicht

[00:07:37]  zu den Olympischen Göttern gehört, Hades, ist der Gott der Unterwelt.

[00:07:40]  Shelly: Ja, der ist bei den weiteren wichtigen Götter und Gottheiten.

[00:07:43]  Jaci: Okay, eben weil der ist ja quasi ein Bruder eigentlich von Zeus und Poseidon, also gehört

[00:07:47]  eigentlich schon zu den Olympischen Göttern, ist aber eben quasi Herr der Unterwelt, deswegen

[00:07:51]  wohnt er nicht am Olymp, aber trotzdem ist er recht wichtig.

[00:07:54]  Shelly: Ja, und dann gibt es ein Dionysos, Hekate, Asklepios.

[00:07:59]  Nike und Eros, die ich auch noch nicht genannt habe, aber die natürlich auch wichtig sind.

[00:08:03]  Nur die Folge sollte nicht länger als eine halbe Stunde dauern ... [lacht]

[00:08:05] Jaci: Tschuldigung.

[00:08:06]

[00:08:07]  Wir haben jetzt quasi schon 10 Minuten aufgenommen und nur über die Götter geredet. [lacht]

[00:08:10]  Die Frage, die man sich jetzt natürlich stellt, wenn man jetzt alles weiß mit den

[00:08:15]  Göttern und so, das ist natürlich mega kompliziert, sich das alles anzueignen und das alles zu

[00:08:19]  wissen und dann stellt man sich die Frage, wieso faszinieren uns dann diese Mythen bis

[00:08:25]  heute eigentlich?

[00:08:26]  Wenn es eigentlich recht kompliziert ist und recht strukturiert abläuft, alles, weil

[00:08:30]  wenn man eine Sache dann quasi nicht weiß, blickt man oft gar nicht mehr durch.

[00:08:34]  Was ich für mich mir rausgedacht habe, wieso die so noch immer so faszinierend sind und

[00:08:41]  warum sie jetzt eben auch neu erzählt werden, ist, dass das Leser*innen eben erlaubt, diese

[00:08:46]  altbekannten Geschichten, die man eben vielleicht schon aus Kindheit oder sowas kennt, mit einem

[00:08:51]  frischen Blick jetzt zu betrachten, also man wächst ja quasi auch mehr auf und dann interessiert

[00:08:56]  eine wie die andere Mythen und man schafft es dann eben mit gerade mit den Neuerzählungen

[00:09:03]  diese Geschichten in neues Licht zu rücken.

[00:09:06]  Und was jetzt auch eben ganz ein großer Trend ist im Zusammenhang mit Greek Mythology Retellings

[00:09:13]  ist auch feministische Neuerzählungen, wo eben dann marginalisierte Stimmen in den

[00:09:17]  Vordergrund kommen.

[00:09:18]  Also jetzt nicht nur Frauen, sondern eben auch Helden und Götter, die eben in Vergessenheit

[00:09:23]  geraten sind oder auch einfach Götter von Gruppen, die jetzt ... zum Beispiel die Nymphen,

[00:09:29]  die waren damals nicht so angesehen und da kommen jetzt auch wieder mehr Stimmen, einfach

[00:09:32]  auch als marginalisierte Gruppe.

[00:09:34]  Diese Neuerzählungen verbinden dann auch eben klassische Bildung sozusagen mit moderner

[00:09:41]  Literatur, was dann eben auch einfach einen interessanten Mix bietet und es ist einfach

[00:09:46]  auch spannend zu lesen und zu sehen wie sich ein Mythos verändert, wenn er eben an unsere

[00:09:51]  Zeit entweder angepasst wird oder aus unserer neuzeitlichen Perspektive einfach erzählt

[00:09:56]  wird.

[00:09:57]  Und falls sich viele jetzt denken, ja okay, denn Trend gibt es ja schon lange, da haben

[00:10:02]  alle recht.

[00:10:03]  Also das ist jetzt kein neuer Trend, der jetzt nur wegen Instagram oder sowas kommen ist.

[00:10:08]  Diesen Trend der Neuerzählung gibt es schon seit Jahrhunderten, Jahrtausenden.

[00:10:12]  Also wir wissen ja alle, dass auch die Römer Götter haben die den Griechen sehr ähneln.

[00:10:17]  Also da hat sie dann quasi ein bisschen angefangen schon.

[00:10:19]  Shelly: Genau.

[00:10:20]  Also ihr habt da einen ganz [betont] groben Überblick über diese immer wiederkehrende Faszination

[00:10:27]  mit der griechischen Mythologie mir rausgeschrieben und wie du schon gesagt hast, beginnend bei

[00:10:32]  den Römern.

[00:10:33]  Das waren ja die Fan-Girlies-and-Boys-Number-1 von den Griechen [beide lachen] und die haben ja eigentlich

[00:10:40]  diese Götterwelt 1 zu 1 kopiert und haben denen nur andere Namen gegeben.

[00:10:44]  Die Dichter von der Goldenen Latinität, ich sag einmal Cicero, Ovid, Vergil, haben auch

[00:10:51]  diesen Stoff aufgegriffen und nachdem die Römer nicht mehr Thema waren, kam man ins

[00:11:00]  Mittelalter und da gerät aber der griechische Stoff tatsächlich größtenteils in Vergessenheit

[00:11:05]  zumindest in Westeuropa und wird vor allem eher im byzantinischen Osten und in der arabischen

[00:11:14]  Welt noch thematisiert.

[00:11:17]  Genau.

[00:11:18]  Die Renaissance ist ja bekannt als die Wiedergeburt der Antike und da haben eben Humanisten

[00:11:24]  wie Petrarca oder Erasmus haben diese Originaltexte studiert und diese griechischen Mythen prägen

[00:11:33]  in dieser Zeit auch die Kunst, die Malerei, die Literatur, also den großen Einfluss

[00:11:38]  darauf.

[00:11:39]  Dann können wir weiter zur Aufklärung, Klassizismus, da gilt die griechische Antike als das Ideal

[00:11:48]  von Schönheit, Vernunft und Harmonie, es gibt quasi sowas wie einen Griechenkult und

[00:11:54]  da wird dieser griechische Stoff eben auch erstmals übersetzt und neu inszeniert.

[00:11:58]  Dann gehen wir weiter in die Moderne, genau, da wird jetzt dieser Stoff auch neu interpretiert

[00:12:07]  aber vor allem auch kritisch aufgegriffen und griechische Tragödie werden neu inszeniert,

[00:12:13]  modernisiert und teils auch politisch interpretiert und die Jaci und ich haben letztens einen

[00:12:22]  Filmeabend bei mir zu Hause veranstaltet, [Jaci: Reine Recherchezwecke.], rein aus Recherchezwecken [Jaci lacht]

[00:12:28]  haben wir uns Troy vom Regisseur Peterson angeschaut von 2006, [Jaci: 2004], 2004 ist der rausgekommen genau,

[00:12:38]  mit Brad Pitt in der Hauptrolle [Jaci jubelt leise im Hintergrund, lacht] als Achilles, also als Achilles und Recherchezwecke deshalb,

[00:12:47]  weil wir uns ein bisschen mit dem auseinandersetzen wollen, wie ist die "Ilias" in dieser Verfilmung

[00:12:54]  interpretiert und natürlich nicht, weil Brad Pitt die meiste Zeit oberkörperfrei rumläuft. [lacht]

[00:13:00]  Jaci: [tut erstaunt] Was?

[00:13:01]  Genau, und weil wir uns in ein paar Minuten gleich auf "Song of Achilles" fokussieren

[00:13:09]  wollen, den Roman und deswegen eben wollten wir uns näher mit Achilles auseinandersetzen.

[00:13:16]  Shelly: Ganz genau.

[00:13:17]  Jaci: Genau, ganz kurz noch eben nach ... Dankeschön, für deine tolle Aufzählung von der gesamten

[00:13:23]  Literaturgeschichte der griechische Mythologie, vielleicht noch was jetzt näher an uns ist

[00:13:28]  jetzt als die Renaissance, was vielleicht viele auch kennen, sind die Neuerzählungen

[00:13:34]  von Auguste Lechner, vor allem im Österreichischen/Tiroler Kontext, glaube ich, die hat eben

[00:13:41]  alte Stoffe neu erzählt, eben zum Beispiel die "Odyssey" von 1961, "Hercules" auch, 1977,

[00:13:48]  die "Ilias" 1973 und was aber auch, glaube ich, viele kennen zum Beispiel auch "Die Nibelungen"-Sage

[00:13:53]  hat sie neu erzählt. Und die kennen dann auch viele eben noch aus Schulzeiten von

[00:13:59]  damals. Bei unserer Generation jetzt mehr bekannt ist die "Percy Jackson"-Reihe. Die ist 2005 rauskommen.

[00:14:07]  Shelly:Aber nicht von dieser Autorin, wo du gerade gesagt hast? - Jaci: Na Percy Jackson ist von Rick

[00:14:14]  Riordan. Genau, die ist 2005 rauskommen und das kennen dann viele mehr von uns. Sorry,

[00:14:19]  das war gerade. Also nicht Auguste Lechner hat "Percy Jackson" geschrieben, [beide lachen] sondern eben Rick Riordan.

[00:14:25]  Und das ist 2005 rauskommen. Ich hab die jetzt nicht mit zwölf gelesen, aber ganz viele

[00:14:31]  von meinen Freundinnen haben die eben damals mit zwölf dann gelesen und die hat dann in unserer

[00:14:35]  Generation die Greek Mythology Retellings so ein bisschen angekurbelt wieder. Und dann eben auch

[00:14:40]  Filme wie im "Troy", was wir gesagt haben von 2004. Oder auch der Disney-Film "Hercules" hat die

[00:14:45]  Shelly schon gesagt. Oder auch zum Beispiel der Film "Immortals" mit Henry Cavill von 2011.

[00:14:51]  Weiß nicht, ob du den kennst? - Shelly: Nein, aber Stichwort Henry Cavill hat mich schon gecatcht. [lacht] - Jaci: Also für

[00:14:56]  Recherchezwecke nur zu empfehlen. Wir sehen eben, die griechische Mythologie ist schon immer neu

[00:15:04]  erzählt worden, beziehungsweise aufgegriffen worden. Es hat die Menschheit schon immer fasziniert,

[00:15:08]  was damals passiert ist. Und ich meine, das kann man jetzt auch hinterfragen. Für uns ist es jetzt

[00:15:13]  auch reines Entertainment natürlich. Früher, war das auch Entertainment, oder haben die Leute das

[00:15:18]  früher wirklich auch als geschichtliche, also als faktuale Geschichte irgendwie gesehen?

[00:15:24]  Shelly: Glaub ich schon. - Jaci: Also eben, weil das finde ich natürlich wahnsinnig schwierig, weil früher

[00:15:28]  die Leute natürlich auch an diese Gottheiten geglaubt haben. Und das für die dann quasi

[00:15:32]  nicht wie für uns jetzt so Sagen und Mythen sind, sondern vielleicht eben faktuale Geschichten,

[00:15:38]  die vielleicht sogar passiert sind. Vor allem, weil ja auch es gibt ja Ruinen,

[00:15:43]  die auf Troja hinweisen. Also wo vermutet wird, dass das die Stadt Troja war oder eben, dass da

[00:15:50]  wirklich ein Krieg war und so was. Und ich meine, das kann man ja auch nicht absprechen. Es kann ja

[00:15:55]  natürlich auch sein, dass dieser "Homer", also ich mache gerade Anführungszeichen bei Homer, [lacht]

[00:15:59]  die Person des Homers von einem Krieg gehört hat, aber natürlich dann die ganze Geschichte

[00:16:04]  rundherum gesponnen hat. Aber das sprengt den Rahmen dieser Podcast-Folge. Vielleicht müssen

[00:16:10]  wir eine eigene Folge zu Homer machen. Genau, weil wir wollten uns eigentlich fokussieren auf

[00:16:15]  Neuerzählungen und würden jetzt anfangen mit der "Song of Achilles" von Madeline Miller.

[00:16:21]  Und der Roman ist 2011 erschienen und der hat dann eben nach "Percy Jackson", glaube ich,

[00:16:29]  würde ich jetzt so behaupten, erneut die Retellings, vor allem jetzt eben in der Young

[00:16:34]  Adult- und Jugendbuch-Literatur wieder groß angekurbelt. - Shelly: Aber vor allem durch Booktok und

[00:16:41]  Bookstargram. Das war vor ein paar Jahren erst und immer wieder ist es eines der Booktok-Bücher,

[00:16:48]  die man gelesen haben muss. - Jaci: Genau, also der Roman ist ganz, ganz groß auf Bookstagram und

[00:16:55]  Booktok und überall. Und wenn man den eigentlich nie gelesen hat, hat man eigentlich nichts auf

[00:16:59]  diesen Plattformen zu suchen, [beide lachen, Shelly lacht empört] wird einem so eingeredet. Das ist nicht meine Aussage, aber mir kommt

[00:17:04]  eben vor, wenn man das nicht gelesen hat, dann sind alle so, ja okay, was machst du dann auf

[00:17:08]  dieser Plattform? Weil es wirklich, er überall ist, überall, der Roman und meiner Meinung nach auch

[00:17:14]  verdient. Es ist ein sehr, sehr gute Roman, deswegen reden wir auch heute drüber. Und ich würde

[00:17:19]  ganz kurz erklären, worum es in dem Roman geht. Und zwar ist es ein historisch-mythologischer Roman,

[00:17:27]  der die Geschichte der griechischen Helden Achilles und Patroklos aus der "Ilias" eben von Homer neu

[00:17:33]  erzählt. Und zwar wird das ganze erzählt außer Sicht von Patroklos. Und wir folgen eben dem

[00:17:40]  Protagonisten. Er ist ein schüchtener Prinz, der von seinem Vater ins Exil geschickt wurde, nach

[00:17:45]  dem er aus Versehen einen Jungen umgebracht hat. Und er wächst dann zusammen mit Achilles eben in

[00:17:53]  dessen Heimat Pythia auf. Genau. Und Achilles war schon von Kindheit auf einer der schönsten

[00:18:01]  und jungen, also schönsten jungen Krieger, die es gibt. Also er ist schon immer für seine Schönheit und

[00:18:07]  für seine, also für seine Begabung für den Kampf quasi gefeiert worden. Und die wachsen eben dann

[00:18:14]  gemeinsam auf. Es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden und später dann

[00:18:19]  auch eine Liebesbeziehung. Und als der Trojanische Krieg ausbricht, folgen beide eben dem Ruf zum

[00:18:25]  Kampf und ziehen nach Troja. Und Achilles erfüllt dort eben seinen Schicksal als großer Krieger.

[00:18:31]  Und Patroklos muss eben mit ansehen, wie Ruhm, Ehre und Stolz quasi Achilles ein bisschen zerstören.

[00:18:40]  Und eben die Freundschaft der beiden und die Liebesbeziehung, der beiden leidet dann sehr

[00:18:43]  drunter. Und es ist ganz, ganz tragisch. Vor allem, wenn man eben die Mythologie kennt,

[00:18:49]  weiß man ja, dass beide sterben. [lacht] Also man weiß, es nimmt kein gutes Ende. Und dieser Roman hat

[00:18:56]  meiner Meinung nach auch so einen großen Erfolg, weil er einfach genau den Zahn der Zeit getroffen hat,

[00:19:00]  damit, dass er Sachen neu erzählt hat und aber eben gleichzeitig eine homosexuelle Beziehung

[00:19:06]  zwischen Achilles und Patroklos erzählt hat. Und für diese Beziehung ganz viele sind ja

[00:19:12]  gegen das, also ganz viele "Ilias"-Fans, sag ich mal, sind gegen diese Liebesbeziehung. Aber selbst

[00:19:19]  in der "Ilias" wird dauernd erwähnt, wie nah Achilles und Patroklos sich doch sind. Und da wird

[00:19:24]  schon zwischen allen gemunkelt eigentlich, ob da nicht mehr als nur Kameradschaft zwischen den

[00:19:28]  beiden ist. Weil sie quasi wie, wie, also eine Person sich oft bewegen und so was. - Shelly: Und es war ja

[00:19:35]  in der griechischen Antike jetzt nichts Besonderes, nichts Aufsehenerregendes, wenn zwei Männer

[00:19:42]  eine Beziehung führen. - Jaci: Und der Roman nicht auch ... abgesehen davon, dass er eine homosexuelle

[00:19:51]  Liebesbeziehung erzählt, hinterfragt aber eben auch die Strukturen der "Ilias". Gibt allen Figuren

[00:19:56]  mehr Tiefe, auch eben Nebenfiguren oder sowas. Und Patroklos zum Beispiel auch viel mehr Tiefe.

[00:20:01]  Hinterfragt eben die Struktur in der damaligen Zeit und auch den Begriff des Helden für

[00:20:07]  die ...  Also das ist so, Achilles wird nicht mehr als der Held gefeiert, der er in der "Ilias" ist,

[00:20:13]  weil er einfach stark vermenschlicht auch wird in dem Roman, was nichts Negatives ist. Ich finde

[00:20:18]  das total positiv. Genau, du hast schon Roman auch gelesen. Was hast du da mitgenommen oder was sind

[00:20:25]  so die Sachen, die dir noch am meisten in Erinnerung geblieben sind? - Shelly:Ich glaube, was mir so gefallen

[00:20:31]  hat an dem Roman ist, wie du schon gesagt hast, der Achilles ist so vermenschlicht dargestellt worden

[00:20:37]  und hinterfragt so ein bisschen das Heldenbild, was er ja in der "Ilias", was die "Ilias" so geprägt hat.

[00:20:43]  Und ich glaube, das kommt daher, dass wir in dem Roman "Song of Achilles" auch mitlesen

[00:20:50]  können, wie Achilles aufwächst. Das ist also in der "Ilias", von wo mehr bist du ja gleich mitten in

[00:20:56]  Krieg und das ist alles dieser Kriegschauplatz und es geht viel um diese Streitigkeiten zwischen

[00:21:04]  den handelnden Figuren. Und eben in "Song für Achilles" hast du diesen Adoleszenz-Prozess,

[00:21:12]  den verfolgst du, das Erwachsen werden vom Achilles, die Beziehung zu Patroklos und man

[00:21:18]  hat einen ganz anderen Zugang finde ich zur Figur. Und das hat mir schon gefallen. - Jaci: Ja, auf jeden Fall,

[00:21:23]  weil man dann irgendwie ihn als Charakter mehr versteht und auch diesen Zwiespalt,

[00:21:29]  den er in sich hat zwischen "ich will eigentlich leben" und "glücklich sei ich mit den Menschen,

[00:21:33]  den ich lieb", aber gleichzeitig auch dieses innere Streben nach Ruhm und Anerkennung. Und wenn du

[00:21:39]  eben von klein auf so erzogen wirst und als dieser Halbgott gefeiert wirst, dann ist es, also da hat

[00:21:44]  man dann eben einen Gottkomplex. Also wie die beide das beide Figuren lernen, sie sind

[00:21:49]  dann beim Zentaur Chiron und den kennen eben auch viele von der "Percy Jackson"-Reihe, wo er auch als

[00:21:55]  Lehrer fungiert und er bildet die beiden sozusagen in seiner Heimat am Mount Pillion, bildet er die

[00:22:03]  aus und da sind sie eigentlich ganz abgeschieden von der Welt und eigentlich total friedsam und

[00:22:08]  wachsen so einem Wald auf und lernen mit der Natur umzugehen. Und dann ist so der harte Cut zum

[00:22:13]  Krieg und ich finde Roman geht eben mit dem ganzen Thema total gut um und man merkt dann eben und

[00:22:19]  man versteht Achilles mit seiner Persönlichkeit, einfach irgendwie besser finde ich. Das

[00:22:24]  hat er ganz toll gemacht. Und ein Roman, der für mich das ähnlich gut gemacht hat, ist "The Silence of

[00:22:31]  the Girls" vom Pat Barker. Hast du den gelesen? [Shelly: Nein.] Also über den bin ich auch vor ein paar Jahren gestolpert,

[00:22:38]  der ist 2018 erschienen und ich habe auch mal eine Masterarbeit jetzt gerade drüber geschrieben,

[00:22:44]  deswegen bin ich so deep in diesem "Greek Mythology" gerade drinnen und da kriegt man und das ist

[00:22:51]  Roman, der aus der Sicht der Briseis, also der Sklavin erzählt wird, die Achilles sich zur

[00:22:56]  Bettfrau nimmt oder ihm geschenkt wird und da wird eben auch Achilles näher beschrieben, nicht

[00:23:03]  von Kindheit auf, also wirklich nur von dem Moment an, wo Briseis ihn kennen lernt, aber auch diese

[00:23:09]  Freundschaft zwischen Patroklos und Achilles ist ganz ganz ganz ganz wichtig in "The Silence of

[00:23:14]  the Girls" und die Briseis ist in "Song of Achilles" eine Nebenfigur, also sie ist eine gute

[00:23:20]  Freundin dann irgendwann von Patroklos, obwohl sie für ihn Gefühle hat, aber sie ist auch da eine

[00:23:26]  recht wichtige Figur, aber jetzt nicht so tiefgehend jetzt und bei "The Silence of the Girls" ist sie

[00:23:32]  wirklich die Hauptfigur und das ist auch eine der besten feministischen Neuerzählungen griechischer

[00:23:37]  Mythologie meiner Meinung nach, weil da wirklich auf das Leiden der Frauen in dem Camp auch so

[00:23:43]  eingegangen wird, also es wird nicht nur von den tollen Kriegern erzählt und wie die alle umbringen

[00:23:50]  und was alles so toll ist, sondern wirklich die Frauen, wie die leiden, wie die tagtäglich

[00:23:55]  hungern, vergewaltigt werden, den Männern ausliefert sind und auch ganz ein toller, starker Roman, der

[00:24:02]  das eben so neu erzählt. Und an feministischen Neuerzählungen gibt es viele, die was in dieser

[00:24:08]  Tradition eben sind, zum Beispiel jetzt ganz bekannt auch "Stone Blind", der ist jetzt, also

[00:24:15]  "Stone Blind" von Natalie Haynes ist dieser und der erzählt die Geschichte von Medusa, dem auch

[00:24:25]  eine ganz meiner Meinung nach missverstandene Figur der Mythologie ist oder es gibt noch, es

[00:24:32]  gibt noch "Ariadne", eben zum Beispiel auch "Ariadne" oder "Elektra" auch von Jennifer Saint. und da werden

[00:24:42]  einfach Frauenfiguren, die in der Mythologie zwar vorkommen, aber entweder als Nebenfigur in

[00:24:48]  die Geschichte des Mannes fungieren oder als Eroberungen von Männern oder die entführt worden

[00:24:54]  sind von männlichen Helden, die kriegen dann eben ihre eigene Geschichte, wie es ihnen quasi mit dem

[00:24:59]  Schicksal geht. - Shelly: Genauso wie bei "Circe" von Madeleine Miller, das geht auch in die Richtung. - Jaci: Genau, also

[00:25:04]  Madeleine Miller hat nicht nur das "Song of Achilles" geschrieben, sondern auch "Circe", den habe

[00:25:08]  ich jetzt persönlich nicht gelesen. - Shelly: Ich schon. Lies den, der ist super. - Jaci: Ja, aber eben ganz, ganz

[00:25:13]  wichtig eben, dass diese unterdrückten Frauenfiguren neu erzählt werden und eben finden wir ganz

[00:25:19]  toll, ich liebe diesen Trend, es gibt ja zigtausende kommt vor mittlerweile, also jede weibliche

[00:25:25]  Figur aus der Mythologie, sei es eben Medusa oder Medea jetzt auch, Hera, Clymenestra, Andromache,

[00:25:34]  also alle weiblichen Figuren aus der "Ilias" oder aus anderen Mythen haben ihre eigene Geschichte

[00:25:39]  bekommen und ich finde es so wichtig und so toll, dass man eben diesen Figuren eine Stimme gibt,

[00:25:44]  weil es einfach so viel mehr Tiefe in diese Mythen gibt und es werden jetzt nicht nur, also das

[00:25:50]  sind jetzt nicht nur Romane, wo dann quasi die Frauenfiguren gefeiert werden und die Männer

[00:25:54]  gehasst werden, sondern die Männerfiguren bekommen auch mehr Tiefe, sie bekommen mehr

[00:25:58]  inneren Konflikt und Gefühle und es wird einfach auch mehr hinterfragt von allen eigentlich auch,

[00:26:05]  was die Götter quasi in solchen Situationen machen und wieso die Götter so und so eingreifen. Ganz

[00:26:11]  tolle Thematik und ich finde, es bringt auch ganz viel, wenn man solche alten Strukturen neu denkt

[00:26:19]  und neu umstrukturiert, [Shelly: Ein bisschen aufbricht.], genau, aufbricht und aufzeigt, hey, das war damals schon falsch und

[00:26:26]  vielleicht eben auch noch parallel, traurigerweise, parallel zu heutigen Zeiten noch sieht mit

[00:26:30]  Strukturen, die man eben damit auch aufbrechen kann und ich finde das auch sehr empowering als

[00:26:36]  junge Frau so was zu lesen und eben auch ganz wichtig, dass die neuen Generationen solche

[00:26:40]  Bücher auch lesen können. - Shelly: Also unser Fazit, wir lieben griechische Mythologie [Jaci lacht] und Greek Mythology

[00:26:48]  Retellings. [Jaci: Ja!] Schreibt uns doch gerne eure Meinung zu Greek Mythology und den Retellings, was ihr

[00:26:55]  da schon gelesen habt, was ihr uns empfehlen könnt, gerne in die DMs bei Instagram, das ist

[00:27:01]  stadtbibliothek.innsbruck oder ihr schreibt eine Mail an post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at. Wir

[00:27:10]  würden uns freuen, wir antworten gerne. - Jaci: Danke fürs Zuhören. [Outro-Musik]

[00:27:18]  [Pia spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und teilt der Stadtstimmen, dem

[00:27:44]  Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Pia spricht]

Kurz und Schmerzlos mit … Martin Walker („Déjà-vu“)

Kurz und Schmerzlos mit … Martin Walker („Déjà-vu“)

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert] Boris: [liest] Martin Walker, "Déjà-vu", der 17. Fall für Bruno, Chef de police, Diogenes 2025.

[00:00:19]  Bruno erholt sich noch von einer Schussverletzung, als ein geheimnisvoller Fund sein Interesse

[00:00:25]  weckt. Bei einem verfallenen Schlösschen wird ein Grab mit drei Skeletten gefunden,

[00:00:31]  offenbar aus dem Zweiten Weltkrieg. Ist es im idyllischen Saint-Denis zu Kriegsverbrechen

[00:00:37]  gekommen? Bruno begibt sich auf Spurensuche in dunkle Zeiten, doch auch in der Gegenwart

[00:00:44]  wird er dringend gebraucht. Internationale Besucher müssen mit Köstlichkeiten aus dem

[00:00:49]  Périgord bewirdet werden und die malerische Vesère schwillt zu einem reißenden Strom an,

[00:00:57]  der ganz Saint-Denis in Gefahr bringt. [Intro-Musik]

[00:01:00]  Boris: Hallo und herzlich willkommen zurück beim "Vorwort: Kurz und Schmerzlos", heute mit Martin

[00:01:21]  Walker und mein Name ist Boris Schöhn. Ja, lieber Herr Walker, schön, dass Sie da sind.

[00:01:29]  Martin Walker: Danke für Ihre Einladung, es ist immer interessant, ein Podcast zu tun.

[00:01:35]  Boris: Diesmal auf Deutsch. Ich würde Sie bitten, als erstes, wie alle unsere Gäste, dass

[00:01:41]  Sie sich ganz kurz vorstellen. - Martin Walker: Ich bin Autor. Ich schreibe Roman über ein kleiner Ecke

[00:01:49]  von Frankreich, der heißt Périgord, und ich schreibe Krimi und ich war Journalist

[00:01:56]  vor vielen Jahren, für eine britische Zeitung, "The Guardian". Ich war Korrespondent in

[00:02:00]  Moskau, Vereinigten Staaten, wenn ich war Junge in Afrika, in Mittelost, ich habe wunderschön

[00:02:10]  Moment gesehen, ich habe schreckliche Kirege gesehen und nun ich schreibe Krimi, Cookbook,

[00:02:19]  und wohnen in einem wunderschönen Ecke, [Boris lacht] eine kleine Ecke von Paradise [in English] in Frankreich.

[00:02:25]  Boris: Sie haben schon gesagt, Sie waren Journalist, wann sind Sie auf die Idee gekommen, Literatur

[00:02:30]  zu schreiben? - Martin Walker: Ich habe immer Bücher geschrieben, zuerst

[00:02:34]  ich begann mit Bücher über Politik in Großbritannien, dann Bücher über Internationale Beziehungen und

[00:02:41]  so und dann, weil ich war in Moskau, ich habe dann erste Buch über Michail Gorbatschow

[00:02:45]  geschrieben und dann habe ich ein Buch geschrieben, eine Geschichte von

[00:02:50]  [unverständlich] und dann ein Buch über Bill Clinton, dann ein Buch über die amerikanische Geschichte

[00:02:56]  und so weiter und nach dieser sehr seriös, ein bisschen langweilige Bücher, ich habe mein

[00:03:04]  ersten Roman geschrieben, "Schatten an der Wand", aber zwar, es war im Périgord, in dieser Ecke

[00:03:11]  von Frankreich, aber ohne Bruno, ohne es ist nicht ein Krimi, es war diese Ecke, was

[00:03:17]  vor ein Gesellschaft könnte dieses Meisterwerk von der Lascaux Höhle machen, das war vor

[00:03:24]  18.000 Jahren und auch diese, diese Tal auch im Sommer von '44, der ein Krieg zwischen

[00:03:33]  der Résistance und der deutsche Panzer einsetzt, so, das war mein erste Fiktion.

[00:03:43]  Boris: Und wie sind Sie dann zu Bruno gekommen und zu der Idee, Krimiss zu schreiben?

[00:03:50]  Martin Walker: Weil ich habe im Périgord ein sehr gut Freund gefunden und er war der Lehrer von Tennis

[00:03:57]  und war wie für alle die Kinder, er war Jäger, er war Feinschmecker, er war ein wunderschön

[00:04:04]  Koch und er war unser Dorfpolizist und wir sind sehr, sehr gut befreundet, wir haben

[00:04:12]  zusammen Tennis gespielt vor vielen Jahren, ich habe gehilft, dass, er war Trainer für

[00:04:20]  die Jungen, ich habe gehilft mit das und er ist gestorben, sehr, sehr jung, sehr tragisch,

[00:04:27]  aber nun, ich bin der Vice-President von der Rugby-Gemeinschaft in unserer Region und

[00:04:35]  Sie sehen von meiner gebrochene Nase, dass ich habe selbst wirklich gespielt und so, es

[00:04:42]  ist schön, dass ich etwas vor seinen Erinnerungen, meine Erinnerungen, über Piero, Piero heißt.

[00:04:50]  So tun und es ist eine, ich bin sehr glücklich, ich habe einen wunderschön, sauberen Ort

[00:05:00]  gefunden, nicht nur mit so viele Geschichten, nicht nur mit wunderschön Wein, mit wunderschön

[00:05:05]  Essen, aber sehr, sehr, sehr freundlicher Nachbarn.

[00:05:10]  Boris: Sie sind jetzt schon länger, zumindest ein gewissen Teil des Jahres im Périgord.

[00:05:16]  Wie würden Sie denn die Menschen im Périgord beschreiben?

[00:05:19]  Martin Walker: Ja, ich bin drei Monate im Jahr auf Lesetour in Deutschland, in Frankreich,

[00:05:28]  in anderen Ländern auch, weil heute das ist mein Pflicht wie ein Schriftsteller, das mehr

[00:05:35]  man muss, Werbung machen von Roman.

[00:05:40]  Aber mein erster Reise im Ausland, ich hatte 13 Jahre war in Frankreich und das war in

[00:05:50]  Paris, ich war ein Exchange (Anm. Red.: Austauschschüler), ich war mit einer französischen Familie vor drei Wochen und

[00:05:56]  ihr Sohn kam bei uns vor drei Wochen und es war wunderschön, ich war fasziniert.

[00:06:03]  Es gibt diese Aroma im Metro, ich erinnere mich, mein erster Geschmack von französischem

[00:06:11]  Kaffee, mein erster Croissant usw.

[00:06:13]  Ich dachte [ruft aus] Mein Gott, wie schön die Leute leben hier!

[00:06:18]  Boris: Haben Sie damals noch in Schottland gelebt?

[00:06:21]  Martin Walker: Ja, ja.

[00:06:22]  Und Schottland ist wunderschön, aber kein Croissant. [Boris lacht]

[00:06:27]  Boris: Ja, es ist jetzt so, Sie sind heute in der Stadtbibliothek in Innsbruck, um Ihren neuen,

[00:06:36]  den neuesten Fall, der auf Deutsch erschienen ist, von Bruno zu präsentieren.

[00:06:40]  Es ist jetzt schon das siebzehnte Fall.

[00:06:41]  Wie kommen Sie immer wieder auf neue Ideen, um diese Krimis weiterzuführen?

[00:06:47]  Weil siebzehn Fälle sind ja schon recht viele, also ...

[00:06:49]  Martin Walker: Ja, ich weiß nicht, warum diese Ideen kommen, aber sie kommen immer.

[00:06:53]  Ich höre etwas, ich denke etwas so.

[00:06:57]  In dieser Roman, wir beginnen mit einem Grab, von, ja man findet einen Toten aus dem Zweiten

[00:07:05]  Weltkrieg.

[00:07:06]  In der Roman, die ich schreibe heute, es ist etwas zu tun mit Wolfen, weil wir haben noch

[00:07:13]  einmal in Frankreich Wölfe.

[00:07:15]  Und das ist sehr, das ist viel, viel Angst für die Leute, die haben Schafe.

[00:07:23]  Aber wir stehen vor einem Equilibrium in der Ökologie, vielleicht die Wölfe sind

[00:07:31]  natürlich auch in unserer Landschaft.

[00:07:33]  So, das ist ein Thema auch.

[00:07:37]  So, es gibt immer etwas interessant, dass ich sehr, euch höre.

[00:07:42]  Und da ich habe eine Idee vor einem neuen, vor einem ganz neuen Roman.

[00:07:48]  Boris: Man sagt über Thomas Mann, den Schriftsteller, dass er Sachen immer gefunden hat, als

[00:07:54]  erfunden hat.

[00:07:55]  Sind Sie auch jemand, der eher seine Stoffe findet, als sie er findet?

[00:07:59]  Martin Walker: Ich bin kein Thomas Mann.

[00:08:01]  Ich kann kein "Zauberberg". [Boris lacht]

[00:08:04]  Das war der Titel, ja, "Zauberberg".

[00:08:08]  So, was ich finde, ist, dass Leid ist immer interessant.

[00:08:16]  Es gibt immer Suprise.

[00:08:17]  Und von Interessant und Suprise, man kann immer einen Roman schreiben.

[00:08:23]  Boris: Nun, schreiben Sie ja immer über das Périgord.

[00:08:27]  Gibt es im Périgord so viele interessante Informationen, dass Ihnen da der Stoff nicht

[00:08:33]  ausgeht?

[00:08:34]  Martin Walker: Für mich ist es sehr leicht.

[00:08:36]  Im Périgord haben wir so viel.

[00:08:38]  Wir haben Mittelalter-Schlösser, wir haben einen großen Krieg zwischen Protestanten und

[00:08:43] Katholiken.

[00:08:44]  Wir haben den Zweiten Weltkrieg als Gegenstand.

[00:08:49]  Wir haben prehistorische Leute.

[00:08:51]  Wir haben Julius Caesar, Charlemagne und so weiter.

[00:08:56]  Ich habe so viele Ideen und wir haben wunderschönen Wein und sehr, sehr gut Essen.

[00:09:05]  Ich denke, dass ein Mann, der schreibt zum Beispiel über ein kleiner Ort in Schottland,

[00:09:13]  vielleicht hat er nicht so viele Themen interessant zu folgen.

[00:09:19]  Aber jeder Roman ist ein bisschen über Mensch, über Männer und Frauen, Kinder.

[00:09:29]  Und das ist ohne Zeit, das ist ohne Geografie, weil was wir haben ist andere Männer, andere

[00:09:39]  Frauen, andere Leute in unser Leben.

[00:09:41]  Und das ist was kommt, was das man findet in jedes Roman.

[00:09:45]  Boris: Jetzt habe ich noch eine Frage.

[00:09:46]  Sie haben es ja vorher schon gesagt, Sie machen ja immer eine relativ umfangreiche

[00:09:51]  Lesereise.

[00:09:52]  Sie lesen an vielen Orten, präsentieren an vielen Orten Ihr Buch.

[00:09:55]  Sie haben vorher schon gesagt, Sie müssen Marketing machen oder das Buch bewerben.

[00:10:00]  Aber ist das der einzige Grund oder mögen Sie es einfach gerne rausgehen mit Ihren Büchern

[00:10:07]  und sich in verschiedenen Orten präsentieren und mit Leuten reden oder was sind die Gründe?

[00:10:13]  Martin Walker: Wenn man schreibt, man ist ganz, ganz, ganz allein.

[00:10:17]  So für mich Gelegenheit, meine Leser ein bisschen kennenzulernen, ist immer eine wunderschöne

[00:10:24]  Gelegenheit.

[00:10:25]  Und ich finde, dass ihre Reaktionen sind sehr wichtig für mich.

[00:10:31]  Ihre Fragen sind sehr wichtig.

[00:10:33]  Und auch es ist immer interessant, ein neues Stadt, neue Leute, neue Gebäude zu sehen

[00:10:42]  und so.

[00:10:43]  Es ist wunderschön.

[00:10:44]  Ich schreibe jedes Jahr einen Roman [Boris lacht] und dann habe ich drei Monate Lesetour in den Vereinigten Staaten,

[00:10:51]  in Deutschland, in Österreich, in Frankreich.

[00:10:56] Wunderschön.

[00:10:57]  Besser als Arbeit. [lacht]

[00:10:58]  Boris: Ja, ich denke es mir.

[00:11:00]  Vor allm, Sie können ja die Früchte Ihrer Arbeit schon genießen. [beide lachen]

[00:11:03]  Jetzt habe ich noch eine Frage zum, weil ich glaube, Sie sind ja ein Mensch, Sie haben

[00:11:09]  es ja schon öfter gesagt, der gerne isst.

[00:11:11]  Gibt es ein Lieblingsgericht?

[00:11:13]  Martin Walker: Ja, mein "letztes Abendessen", [Boris lacht] mein beliebtestes Abendessen beginnt mit Foie Gras und dann

[00:11:23]  nach Foie Gras eine kleine Suppe mit Griebi.

[00:11:30]  Griebi ist "Mushrooms", wie sagt man euch, ich vergesse ...

[00:11:37]  Boris: Pilze.

[00:11:38]  Martin Walker: Und dann Venison, das ist Rehfleisch und am Ende Creme brûlée und ein bisschen Käse

[00:11:47]  vom [unverständlich] gemacht bei meinem Freund Stephan.

[00:11:51]  Boris: Das klingt gut, ja.

[00:11:52] Da komm ich auch. [lacht]

[00:11:53] Martin Walker: Und Wein auch. [beide lachen]

[00:11:54]  Boris: Ja, vielen herzlichen Dank für dieses Gespräch.

[00:11:57]  Lieber Martin Walker, danke, dass Sie hier sind.

[00:12:00]  Vielen herzlichen Dank.

[00:12:01]  Martin Walker: Thank you. [Outro-Musik]

[00:12:02]  [Boris spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen,

[00:12:32]  dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Boris spricht]

Buchbesprechung: „Nincshof“ von Johanna Sebauer

Buchbesprechung: „Nincshof“ von Johanna Sebauer

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:07]  Pia: Das Buch in einem Satz, Christina, wie würdest du das beschreiben?

[00:00:11]  Christina: Okay, "Nincshof" zu lesen ist wie sich die Flugreise über den Atlantik nach Stars Hollow zu sparen.

[00:00:18]  Pia: Bringt das Ganze ziemlich auf den Punkt.

[00:00:20]  Christina: Findest du?

[00:00:21]  Ja, finde ich. [beide lachen]

[00:00:22]  [Intro-Musik] Christina: Hallo und herzlich willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:42]  Mein Name ist Christina.

[00:00:43]  Pia: Und ich bin die Pia.

[00:00:44]  Christina: Und heute geht es los mit unserer Buchbesprechung.

[00:00:48]  Wir sprechen heute über "Nincshof" von Johanna Sebauer.

[00:00:52]  Das ist erschienen im DuMont-Verlag im Jahr 2023.

[00:00:57]  Ich schaue nämlich gerade wieder Gilmore Girls.

[00:01:01]  Daher kommt die Anspielung für alle, die es noch nicht wissen.

[00:01:04]  Das ist von diesem Skurrilitätsfaktor ... natürlich, das eine spielt in einem US-amerikanischen Dorf.

[00:01:10]  Irgendwo in Massachusetts, das ist auch fiktiv.

[00:01:12]  Das andere spielt irgendwo in Österreich.

[00:01:15]  Ich würde unterstellen im Burgenland. [Pia lacht]

[00:01:17]  In deinem fiktiven Dorf im Burgenland.

[00:01:20]  Aber kommt hin.

[00:01:23]  Pia: Ja, ähnlicher Vibe.

[00:01:25]  Christina: Magst du uns vielleicht für unsere Zuhörer*innen die Inhaltsangabe erst einmal geben, damit wir alle auf dem selben...

[00:01:31]  Sicher natürlich, aber vielleicht zuerst zu Frau Sebauer selber.

[00:01:36]  Christina: Gute Idee. [lacht]

[00:01:37]  Pia: Die ist 1988 geboren, eine österreichische Schriftstellerin.

[00:01:41]  Im Burgenland aufgewachsen, daher kommt das Burgenland.

[00:01:44]  "Nincshof" ist ihr Debütroman, 2023 wie du sagtest im DuMont-Verlag erschienen.

[00:01:50]  Und erzählt die Geschichte eines Dorfes irgendwo in Österreich, das vergessen werden möchte.

[00:01:55]  Es liegt an der österreich-ungarischen Grenze und hat sich nie wirklich mit der modernen Welt angefreundet.

[00:02:01]  Es gibt in dem Buch drei Männer, den Bürgermeister, den Valentin und den über hundertjährigen SippSepp.

[00:02:07]  Und die verfolgen einen sehr ungewöhnlichen Plan.

[00:02:10]  Sie wollen das Dorf gründlich aus dem kollektiven Gedächtnis löschen, so dass die Welt es vergisst.

[00:02:15]  Ihre Motivation ist die Sehnsucht nach absoluter Ruhe und Freiheit und unbehelligt von Touristen, Internet und den Zwängen der Zeit zu sein.

[00:02:23]  Aber da brauchen sie Unterstützung.

[00:02:25]  Und da finden sie die alte Erna Rohdiebl, von der sie glauben, dass sie das Freiheitsgefühl im Blut hat. [lacht]

[00:02:31]  Erna hält die Idee zwar für Unsinn, doch ist auch an irgendjemand ein bisschen neugierig.

[00:02:36]  Und schließt sich dann diesen selbsternannten Oblivisten an.

[00:02:40]  Und diese Oblivisten setzen ihren Plan konsequent um.

[00:02:43]  Es werden Straßenschilder entfernt, Seiten aus Bibliotheksbüchern gerissen.

[00:02:47]  Das geht ganz und gar nicht, finden wir natürlich.

[00:02:49]  Internetseiten werden verschwunden [lacht], man wird dort unerwünschte Besucher verkraulen.

[00:02:55]  Radfahrer werden zum Beispiel mit komischem Gestank in die Flucht geschlagen.

[00:03:00]  Also ja, da geht es dann schon ziemlich zu.

[00:03:02]  Alles scheint nach Plan zu laufen, bis neue Bewohner in der Stadt auftauchen.

[00:03:07]  Christina: Die Zuagroastn!

[00:03:08]  Pia: Ja, genau. [lacht]

[00:03:09]  Die Filmmemacherin Isa Bachgasser und ihr Irrziegenzüchter, ihr Mann,

[00:03:15]  das Silvano Mezzaroni.

[00:03:17]  Christina: [in schlechtem Italienischen Dialekt] Silvano Mezzaroni.

[00:03:18]  Pia: Genau. [lacht]

[00:03:19]  Und die sorgen für Unruhe, denn die haben ihre eigenen Vorstellungen, was man denn mit "Nincshof" machen soll.

[00:03:24]  Und so nimmt ein sehr turbulenter Sommer seinen Lauf.

[00:03:27]  Christina: Genau, und das ist ja auch totaler sommerliches Buch für mich.

[00:03:31]  Pia: Ja, total.

[00:03:32]  Wie hat es dir denn gefallen?

[00:03:35]  Wie ist es dir dabei gegangen, Christina, wo du das Buch gelesen hast?

[00:03:39]  Christina: Also ich finde, es ist ein sehr erbauliches Buch.

[00:03:42]  Es macht gute Laune und es ist wunderbar skurril, deswegen die Anspielung auf Stars Hollow vorhin.

[00:03:48]  Es ist sehr witzig geschrieben, ironisch und aber auch warmherzig und das habe ich sehr mögen.

[00:03:55]  Deswegen habe ich das Buch wirklich sehr genossen.

[00:03:58]  Es war teilweise sehr absurd.

[00:04:00]  Und dann aber wiederum auch geerdet, weil gefühlt kennen wir so ein kleines Dorf in Österreich alle ein bisschen.

[00:04:08]  Ich habe mir dann gedacht, [amüsiert] ich kenne nicht nur so einen Dorf, ich wohne in einem solchen Dorf in Österreich. [Pia lacht]

[00:04:15]  Und wie die Erna Rohdiebl habe ich mir auch schon mal im Sommer gedacht, ich würd gerne,

[00:04:19]  ganz am Anfang vom Roman, möchte sie sich ja reinschleichen in das Schwimmbecken,

[00:04:25]  in den Swimmingpool ihrer Nachbarnin, die auf Urlaub ist.

[00:04:29]  Und hey, wer kennt es nicht, richtig? [beide lachen]

[00:04:32]  Und ich finde ja, dass am besten die Art von Regionalroman ist,

[00:04:38]  wenn sie Land und Leute gekonnt nachzeichnen.

[00:04:42]  Und das gelingt dem Text.

[00:04:44]  Aber gleichzeitig habe ich sie ein bisschen als romantisiert empfunden, romantisiert-überzeichnet, möchte ich sogar sagen.

[00:04:50]  Das macht aber in dem Fall die Beobachtungen umso schlagkräftiger.

[00:04:55]  Und die Figuren, es ist jetzt eine ganze Weile her, dass ich es gelesen habe vor der Aufnahme.

[00:05:01]  Die Figuren leben noch mit mir, also die trage ich noch mit mir rum und das ist immer ein gutes Zeichen.

[00:05:08]  Genau, und das ist mit - [amüsiert] eine meiner Lieblingsstellen war es, wo dann die Oblivisten dann der Gemeinde-Website an den Kragen gegangen sind. [lacht]

[00:05:18]  Das kommt einem dann schon sehr bekannt vor. [lacht]

[00:05:23]  Pia: Da gibt es ein paar solche Szenen, wo man sich kaputt lacht mit den Figuren und über die Figuren.

[00:05:28]  Christina: Damit die Leute sich noch einmal auskennen, welche Figuren die wichtigsten sind, die Erna Rohdiebl, das ist die Alteingesessene.

[00:05:36]  Und ich würde jetzt mal grob sagen auf unsere Protagonistin, oder?

[00:05:40]  Pia: Ja, der größte Teil vom Roman spielt irgendwie, also man sieht es durch ihre Augen, ein bisschen.

[00:05:45]  Sie wird dann eben auch involviert in das Ganze und hat dann aber auch eben mit diesen, wie hast du gesagt, die Zuagroastn? - Christina: Die Zuagroastn. [beide lachen]

[00:05:50]  Pia: Hat dann auch mit den Zuagroastn zu tun.

[00:05:53]  Christina: Die Zuagroastn, das sind die Isa Bachgasser und der Silvano Mezzaroni.

[00:05:58]  Die Eheleute aus Wien, sie ist Dokumentarfilmemacherin, was natürlich ein bisschen den Oblivisten wiederum zuwiderläuft.

[00:06:06]  Und dann noch der Bürgermeister, der keinen Namen hatte, das ist "der Bürgermeister".

[00:06:10]  Der SippSepp, der schon so alt ist, dass keiner mehr weiß, wie alt er eigentlich ist.

[00:06:15]  Und dann der Valentin, der sozusagen in diesem Oblivisten-Trio die jüngere Generation darstellen soll.

[00:06:22]  Das war ein relativ junger Mann.

[00:06:25]  Was ist dir denn aufgefallen an dem Text?

[00:06:28]  Pia: Also mir hat es total sehr gut gefallen. Es war extrem unterhaltsam, unterhaltlich.

[00:06:33]  Christina: Unterhaltlich?

[00:06:34]  Pia: Unterhaltlich. [lacht]

[00:06:35]  Christina: Gibt es das Wort?

[00:06:36]  Pia: Gibt es das Wort? Ja, das finden wir dann auch raus. [lacht]

[00:06:38] Das googeln wir dann.

[00:06:40]  Es geht natürlich, so wie man das bei der Zusammenfassung auch schon liest, es geht, oder hört, da geht es ja wirklich auch um die Frage nach dem Vergessen und die Freiheit, die dieses Vergessen mit sich bringt.

[00:06:52]  Während die moderne Welt nach Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit und Vernetzung strebt, geht "Nincshof" dann den entgegengesetzten Weg, die wollen eben vergessen werden und sie rühmen sich damit vergessen zu werden.

[00:07:03]  Die Oblivisten, diese drei Herren da eben und die Frau Rohdiebl, die glauben, dass wahre Unabhängigkeit nur dann erreicht wird, wenn niemand mehr von ihnen weiß.

[00:07:13]  Was meinst du, Christina? [lacht]

[00:07:15]  Was ist deine Reaktion auf den Oblivismus? Für mich ... Also das hat das Ganze irgendwie skurriler, lustiger und humoriger gemacht.

[00:07:23]  Christina: Volle. Also es ist ja schon sehr märchenhaft dargestellt und es soll auch witzig sein.

[00:07:28]  Da kommen wir später noch drauf, ob das dann funktioniert oder nicht.

[00:07:32]  Aber ich glaube, dass das der Wunsch, dass sich ins Private zurückzuziehen in diesen turbulenten Zeiten, die ist ja auch was, was inzwischen grundsätzlich viel beobachtet ist.

[00:07:41]  Also das ist, das ist, was ich gut hab nachvollziehen können.

[00:07:44]  Und auch diese allgemeine Beobachtung, diese Rückzug ins Private, der gerade einfach stattfindet,

[00:07:52]  ich finde, das greift der Roman auf, aber eben auf eine sehr charmant-ironische Weise, das hätte er ja ganz anders machen können.

[00:08:00]  Das hätte in eine ganz andere, düstere Richtung gehen können.

[00:08:04]  Und das hat der Text aber eben nicht gemacht.

[00:08:07]  Und in diesem skurrilen Ton, von dem wir ja schon so viel reden, liegt für mich auch so ein Kommentar über den Aberwitz von diesem Vorhaben.

[00:08:15]  Das heißt, es nimmt so ein bisschen vorweg, wie unmöglich das natürlich eigentlich ist.

[00:08:20]  Darin liegt ja der so ein bisschen das Absurde.

[00:08:23]  Und die möchten diese alte Zeit zurück,

[00:08:27]  die Bewohner eben gerade unsere drei Oblivisten; die Erna, schwingt ja so ein bisschen mit, habe ich das Gefühl.

[00:08:34]  Die ist mehr unsere "Augen".

[00:08:36]  Die wollen vor dem Internet sein, vor dem Trendradfahren.

[00:08:40]  Sie regen sich ja so wunderbar über die Rennradelfahrer auf.

[00:08:44]  Da muss ich auch lachen, weil ich wohne auch neben einer Straße, wo sehr viele Rennradfahrer den Berg hinaufhecheln. [beide lachen]

[00:08:51]  Heutzutage wäre es wahrscheinlich Gravel-Bike.

[00:08:54]  Und ich finde, dass die österreichische Literatur sich sehr oft, gerade die neueren Romane, also, die Romane, die ich zuletzt gelesen habe,

[00:09:04]  sich mit diesem Spannungsfeld zwischen Tradition und eben Tourismus im weiteren Sinne oder eben auch was, in dem Fall auch Technologie so ein bisschen bewegen.

[00:09:15]  Und dann aber, wie Tradition auch vermarktet wird, weil "Nincshof" ist ja irgendwie auch so ein Tourismusgebiet [zögert] -

[00:09:23]  Ist es nicht im eigentlichen Sinne, sondern es ist mehr so ein Ausflugsziel in dem Fall?

[00:09:29]  Pia: Ja, ein Durchfahrtsgebiet und halt Natur erleben dort in der Nähe.

[00:09:32]  Nicht Nincshof an sich als Dorf, aber halt die Umgebung drum herum.

[00:09:36]  Christina: Genau, wo die Radelfahrer halt immer durchfahren, weil man da so schön, weil es die Strecke so fein hergibt.

[00:09:41]  Was es dann aber, das macht den Roman für mich so sympathisch, weil was es dann aber heißt, in so einem Gebiet zu leben und wie sich das dann anfühlt,

[00:09:48]  wenn man vielleicht auch ein bisschen aus dem eigenen Lebensumfeld oder aus dem eigenen Rhythmus und Groove so ein bisschen gedrängt wird.

[00:09:54]  Als Innsbrucker*in kann man das vielleicht auch noch einmal ganz anders nachvollziehen, wo man, man geht in gewisse Lokale nicht oder man geht halt - Pia: In die Altstadt. [lacht] Da vermeidet man gewisse Sachen.

[00:10:04]  Christina: Ja, man geht nicht in die Altstadt.

[00:10:06]  Genau. Und, wie gesagt, der Ton nimmt für mich eben vorweg, "nein, man kann das natürlich nicht machen, man kann nicht zurück in die gute alte Zeit", was auch immer das sein soll.

[00:10:18]  Und das macht aber den Wunsch darüber nicht weniger nachvollziehbar und ... es menschelt.

[00:10:25]  Pia: Was ich halt auch noch interessant gefunden habe an dem Ganzen, dass es aber auch so, obwohl es eben dieser unter Anführungszeichen "Heimatroman" ist und dieses alte Dorf mit so alteingesessenen Bewohnern,

[00:10:35]  hat es dann doch mit so Normen und Traditionen gebrochen.

[00:10:38]  Eben, Nincshof bricht da ein bisschen mit gängigen Konventionen. In der Gesellschaft bei uns ist es ja generell, gilt das Vergessen oft als etwas Negatives,

[00:10:46]  man möchte in Erinnerung bleiben, auch für die Nachwelt und Spuren hinterlassen.

[00:10:50]  Aber "Nincshof" stellt das prinzipiell ein bisschen auf den Kopf. Aber auch eben in anderen Aspekten muss man sagen, spielen sie ein bisschen mit die traditionellen Rollenbilder.

[00:10:58]  In Nincshof ist es zum Beispiel gängig, dass der Name des Mannes nicht weitergegeben wird, sondern der der Frau, ergänzt aber mit dem Suffix "-er".

[00:11:07]  Das heißt, in Erna Rohdiebls  Familie sind es dann nicht die Rohdiebls, sondern die Rohdieblers. Ihr Mann heißt dann Ferdinand Rohdiebler, nach ihr.

[00:11:17]  Das fand ich recht interessant, dass "Nincshof" hiermit eine neue Tradition schafft und das aber komplett selbstverständlich für alle Nincshofer ist.

[00:11:25]  Im Gegenteil dazu hat man dann eben diese moderne Filmemacherin, die Frau Bachgasser, diese vermeintlich moderne Frau, die ein bisschen ein komischer Kauz ist, [lacht]

[00:11:34]  weil sie das nicht gleich versteht und dieses alteingesessene System nicht verstehen will.

[00:11:39]  Was war deine Reaktion auf die Umkehrung von gesellschaftlichen Mustern?

[00:11:44]  Christina: Mir ist das gar nicht so aufgefallen. Ich habe schon gefunden, dass die Erna Rohdiebl, die ja übrigens auch eine sehr alte, ungewöhnlich alte Protagonistin ist, was auch einmal erfrischend war,

[00:11:59]  die habe ich als, also, "emanzipiert" empfunden, ohne dass ich mir beim Lesen gedacht habe, "Ah, die ist aber voll, die ist ja voll die Emanze."

[00:12:08]  Sondern die hat einfach gemacht, was sie gewollt hat. Das war irgendwie schön. [lacht]

[00:12:15] Pia: Sie hat einfach ihr Ding gemacht.

[00:12:17]  Christina: Ja, genau. Zum Beispiel:

[00:12:18]  Das ist auch, habe ich ja schon gesagt, beginnt der Roman, sie bricht im Sommer in den Garten der verreisten Nachbarn ein und ist so freiheitsliebend und geht dann einfach so mit dem Flow und macht sich da nichts draus. [amüsiert]

[00:12:31]  [beide lachen] Ja, das, aber so, mir ist es mit die Rollenbilder gar nicht so aufgefallen. Hast du das Gefühl gehabt, dass der Roman das kommentiert hat?

[00:12:42]  Pia: Ich habe schon ein bisschen das Gefühl gehabt, dass eben die Leute aus Wien, die ja so modern sind und so und eben gerade durch diese Sicht von der Bachgasser, die eben so modern dargestellt wird.

[00:12:53]  Christina: Als Frau meinst du jetzt? - Pia: Als Frau, genau.

[00:12:55]  Dann kommt sie da rein und auf einmal ist es umgedreht und ihr kommt es ganz komisch vor und ihr weiß nicht, was sie damit anfangen soll.

[00:13:01]  Christina: Was genau ist umgedreht?

[00:13:03]  Pia: Dass die Nachnamen von den Frauen kommen und nicht von die Männer beim Verheiraten.

[00:13:11]  Das ist so etwas, wo man schon gemerkt hat, okay, es ist ein älteres Dorf und das sind gewisse Traditionen, aber das heißt nicht, weil es alt ist, ist es dann in dieses patriarchale System eingegliedert.

[00:13:21]  Christina: Es war sozusagen die Intention vom Text mehr zu suggerieren, auch wenn es, also es ein Dorf ist, heißt es nicht, dass es hinterwäldlerisch sein muss.

[00:13:33]  Pia: Genau.

[00:13:36]  Christina: Wie du sagst, um mit den Konventionen zu brechen, oder ich würde sogar eher sagen mit diesen Vorurteilen, oder?

[00:13:39]  Also "in Wien ist man so aufgeklärt in der großen Stadt, aber hinten im Dorf geht es ganz anders zu" und das war ja, das hat das ein bisschen gebrochen.

[00:13:50]  Pia: Ja, absolut.

[00:13:52]  Und "Nincshof" spielt ja auch bewusst mit der Frage, was wirklich ist und was nicht.

[00:13:57]  Du hast ja schon erwähnt, die Irrziegen, die bei der Geburt leuchten, diese Feigen, was nicht immer sie ausspricht, muss ich sagen.

[00:14:05]  Christina: Pusza?

[00:14:06] Puszafeigenschnapps, ich hab mir nämlich das Hörbuch angehört, das hat auch seine Vorteile. [beide lachen]

[00:14:10]  Pia: Die gibt es nur dort angeblich oder eben der uralte SippSepp, der ist über 100.

[00:14:15]  Also vieles scheint erfunden, doch das ist eigentlich egal.

[00:14:19]  Die Geschichte selbst wird zur Wahrheit, weil sie erzählt wird.

[00:14:23]  Die Macht des Erzählens wird eben auch angesprochen.

[00:14:26]  Wir haben auch schon gesagt, die Isa Bachgasser ist ja Filmemacherin, die will auch Sachen weitergeben und gegen das vergessen arbeiten.

[00:14:34]  Und bezüglich Realität, die Figuren wirken oft fast wie Figuren oder Gestalten aus einer Legende, fast als ob sie nicht nur reine Personen sind.

[00:14:42]  Christina: Was das diesem Überzeichneten kommt.

[00:14:46]  Pia: Genau, die stehen dann eben auch oft für Ideen oder Haltungen und oft werden die Namen der Figuren komplett genannt.

[00:14:53]  Also meistens ist es so, dass dann von der "Isa Bachgasser", nicht nur von der "Isa", die Rede ist oder eben immer von der "Erna Rohdiebl".

[00:15:00]  Ja, das ist auch sehr interessant.

[00:15:03]  Christina: Es schafft so eine Distanz zu den Figuren, die Comedy, also die Komik darin dann nochmal verschärft dadurch.

[00:15:13]  Pia: Ja.

[00:15:14]  Hast du von Anfang an gewusst, dass die Irrzigen [Christina lacht] und der Schnaps erfunden sind?

[00:15:19]  Oder hat sie dich reingelegt, die Frau Sebauer? [lacht]

[00:15:22]  Christina: Also, ich habe ja gedacht, dass ich mich einfach einmal wieder in so typischen österreichischen G'schichtln nicht auskenne. [Pia lacht]

[00:15:30]  Und bei den Irrzigen war mir schon klar, dass da nichts leuchtet.

[00:15:35]  Also, dass die Ziegen grundsätzlich nicht leuchten, egal wie irre sie sind, das wusste ich.

[00:15:40]  Aber der Text, und da hast du recht, transportiert diese Absurditäten mit so einer Trockenheit.

[00:15:46]  Pia: Und Selbstverständlichkeit.

[00:15:48]  Christina: Selbstverständlichkeit.

[00:15:50]  Und aber auch wiederholt und wiederholt.

[00:15:52]  Man muss sich vorstellen, wie der Silvano Mezzaroni sich da hineinsteigt in seine Irrziegenzucht.

[00:15:57]  Und die Isa Bachgasser es dann in ihrem Kopf kommentiert und da so voll davon genervt ist.

[00:16:01]  Und wie dann auf einmal die Erna Rohdiebl daher kommt und das halt aus ihrer Perspektive auch noch einmal kommentiert.

[00:16:06]  Und dann hast du plötzlich ... passiert was mit dir.

[00:16:09]  Also, mir ist es zumindest so gegangen.

[00:16:11]  Und ich weiß von zumindest einer anderen Person auch: Da sind wir dann beide, das war die Person,

[00:16:16]  einer liebe Nachbarin, der ich das Buch erfolgreich empfohlen habe.

[00:16:20]  Dann sind wir beide am Bahngleis gestanden und haben gesagt, "Hey, hast du geschaut, gibt es Irrzigen wirklich?"

[00:16:25] [beide lachen]

[00:16:27]  Und ich habe gesagt, "ich glaube nicht, aber ich habe das Bedürfnis gehabt zu googeln".

[00:16:32]  Und dann, ich glaube irgendwann habe ich es nochmal gegoogelt, es gibt keine Irrzinge.

[00:16:35]  Okay, wir wissen, es gibt keine Irrzinge! Aber da war es, das war so, ja, hätt ja sein können.

[00:16:40]  Pia: Ich hab mir auch gedacht - du weißt eh, ich kenn mich mit Tieren sowieso nicht aus, und dann war ich so,

[00:16:43]  ja, ja, die wird es schon irgendwo geben da in den Anden oder fragen mich nicht. [lacht]

[00:16:48]  Aber ich habe es nicht großartig hinterfragt, aber am Anfang werden sie nur als Irrzigen erwähnt,

[00:16:52]  aber nicht näher darauf eingangen?

[00:16:54]  Habe ich so das Gefühl gehabt, zumindest und dann aber, wo sie dann eben dann ist angefangen,

[00:16:59]  dass es komisch geworden ist, dieses Viech und irgendwann war es so, okay, na, da kann irgendwas nicht stimmen. [amüsiert]

[00:17:03]  Christina: Es ist immer absurder geworden und das hat sie eigentlich, also der Text baut es total geschickt auf,

[00:17:09]  von es ist noch realitätsnah zu, es wird immer skurriler.

[00:17:15]  Und das macht es auch dann so ein bisschen so cool, aber beim Puszafeigen-Schnapps,

[00:17:20]  bei dem hätte man, könnte man würde ich argumentieren, sagen,

[00:17:25]  vielleicht ist das ja eine burgenländische Geheimspezialität oder so.

[00:17:28]  Pia: Von denn niemand weiß, ja. [lacht]

[00:17:30]  Christina: [amüsiert] Von der ich nichts weiß, genau, so wie es Zirbenkissen in Tirol.

[00:17:34]  Pia: Genau, das ist ja auch nur erfunden ... [lacht]

[00:17:36]  Christina: Aber das nimmt es natürlich auch so ein bisschen auf die Schippe.

[00:17:39]  Pia: Ja, genau, eben.

[00:17:43]  Man spielt ein bisschen mit dieser Frage nach der Wahrheit

[00:17:45]  und letztlich stellt "Nincshof" nicht nur die Frage, ob man sich aus der Welt tilgen kann,

[00:17:51]  sondern auch, ob es überhaupt drauf ankommt, was denn wirklich ist.

[00:17:56]  Die Geschichte selbst schafft eine eigene Realität

[00:17:59]  und das Erzählen allein hat schon eine gewisse Wirkung erzielt.

[00:18:03]  Was wahr ist und was erfunden, verliert ein bisschen an Bedeutung.

[00:18:07]  Da die Geschichte eben an sich steht.

[00:18:10]  Am Anfang war ich da so ein bisschen so, "Nein, das ist ja wichtig, ob die Sachen tatsächlich passiert sind oder nicht."

[00:18:14]  Und irgendwann im Laufe der Geschichte denkt man sich,

[00:18:17]  "aber sie sind so charmant, die will ich gar nicht wissen, ob sie echt waren oder nicht."

[00:18:21]  Das ist gar nicht mehr so relevant für mich.

[00:18:24]  Und deswegen war das Buch für mich fast so eben moderner Heimatroman.

[00:18:27]  Nach dem Motto, man kann sich die Heimat auch modern denken.

[00:18:31]  Wie war das für dich?

[00:18:33]  Christina: Also ich finde, im Kontext von so einem netten Roman,

[00:18:39]  der natürlich die Intention hat, märchenhaft zu sein,

[00:18:43]  spielt die Wahrheit natürlich überhaupt gar keine Rolle. [lacht]

[00:18:46]  Und dann lässt man sich da drauf diese Art von Mythenbildung auch ein.

[00:18:49]  Wobei, falls die Frage im Raum steht, ist Wahrheit wichtig, dann ja, [beide lachen]

[00:18:54]  unabhängig von Fiktion.

[00:18:57]  Aber es gibt sehr, sehr viele Anti-Heimatromane in der österreichischen Literaturlandschaft.

[00:19:03]  Und zu gutem Recht gibt es viele Dinge, die aufgearbeitet gehören,

[00:19:07]  und kritisiert gehören.

[00:19:08]  Und da kommen dann oft eben auch Dorflandschaften nicht gut weg.

[00:19:12]  Und "Nincshof" macht es aber eben nicht.

[00:19:14]  Ich habe das Gefühl auch aus diesem,

[00:19:16]  sich gegen den Anti-Heimatroman stemmen.

[00:19:20]  Das ist so ein liebevoller Umgang mit diesem Stadt-Land-Gefälle.

[00:19:26]  Und ja, und aber auch gleichzeitig natürlich ganz unkritisch und unpolitisch, schon.

[00:19:36]  Aber das, ich finde, kann man dem Roman wunderbar verzeihen,

[00:19:39]  weil es einfach so, einfach so liebevoll ist.

[00:19:43]  So, Pia, wir sind am Ende unserer Buchbesprechung angelangt.

[00:19:50]  Was ist denn unser Fazit?

[00:19:53]  Pia: Für uns beide, glaube ich, ist es durch und durch empfehlenswert,

[00:19:56]  vor allem eben als Debüt.

[00:19:58]  Man hat liebevoll leicht überzogene Figuren mit vielen skurrilen Eigenheiten.

[00:20:04]  Die werden da so wunderbar perfekt gezeichnet.

[00:20:05]  Der Humor ist liebevoll und absurd.

[00:20:08]  Ufert aber nicht aus.

[00:20:10]  Es ist eine warmherzige Lektüre, leichtgängig und auch nicht substanzlos, für uns.

[00:20:15]  Also vielleicht die perfekte Sommerlektüre.

[00:20:18]  Genau. - Christina: Ja, cool. Also ich habe keine Sekunde des Romans,

[00:20:21]  den ich mit dem Roman verbracht habe bereut, muss ich sagen.

[00:20:24] Ist immer ein gutes Zeichen.

[00:20:26]  Pia: Na, ich wollte immer weiterlesen.

[00:20:28]  Christina: Übrigens auch das Debüt von der Johanna Sebauer, gell?

[00:20:30]  Pia: Eben, genau.

[00:20:33]  Christina: Das muss man auch nochmal sagan. Also, ich freu mich schon extrem, wenn sie einen neuen Roman rausbringt.

[00:20:35]  Ja, und bevor wir jetzt abschließen, haben wir uns noch gedacht,

[00:20:41]  wir haben ein paar Lesenempfehlungen zusammengetragen,

[00:20:44]  Sachen, die wir gerade so nebenher noch am Lesen sind.

[00:20:47]  Pia, magst du anfangen?

[00:20:49]  Pia: Etwas, was wir das letzte Mal erwähnt haben,

[00:20:52]  bei unseren "Entstehungsgeschichten", da haben wir über "Dracula" geredet.

[00:20:55]  Und dann habe ich so Lust drauf gehabt

[00:20:57]  und habe wieder angefangen, "Dracula" von Bram Stoker zu lesen.

[00:20:59]  Aber nicht regulär, wie man sonst so liest. [lacht]

[00:21:02]  Sondern über "Dracula Daily", das ist ein Newsletter,

[00:21:06]  wo man die Briefe und die Zeitungsausschnitte des Briefromans in Echtzeit,

[00:21:10]  also wie im Roman bekommt.

[00:21:12]  Da bekommt man halt alle ein paar Tage so eine Mail.

[00:21:14]  Es ist ein bisschen eine andere Art einen Klassiker zu lesen.

[00:21:16]  Aber ich habe es charmant gefunden.

[00:21:18]  Vor allem in so kleinen Happen ist es dann auch recht leicht verdaulich.

[00:21:20]  Christina: Und das läuft gerade, oder?

[00:21:22]  Pia: Genau, es läuft gerade.

[00:21:24]  Christina: Ist kostenlos?

[00:21:26]  Pia: Ist kostenlos, genau. Der Jonathan ist gerade irgendwo im Schloss.

[00:21:28]  Aber ihm kommt es schon komisch vor. [lacht]

[00:21:31]  Christina: Und dann ist es dann auch ein Tag für Tag mit,

[00:21:32] kriegst du so einen "Brief" vom Jonathan -

[00:21:34]  Jonathan Harker ist der Protagonist in "Dracula".

[00:21:36]  Oder vielleicht ist Dracula der Protagonist in "Dracula". [beide lachen]

[00:21:38] Pia: Genau.

[00:21:40] Christina:Cool.

[00:21:42]  Pia: Und du? Was liest du gerade?

[00:21:44]  Christina: Gelesen habe ich "Hunchback" von der Sao Ichikawa,

[00:21:49]  das ist eine japanische Autorin.

[00:21:51]  Da handelt es sich um eine Novelle,

[00:21:54]  die sich mit der Sichtweise der körperlich schwer beeinträchtigten Protagonistin

[00:22:00]  auseinandersetzt.

[00:22:01]  Da geht es um Autonomie und Sexualität, auch in der Behinderung.

[00:22:04]  Und auch um das Thema, so ein bisschen mehr nebenher,

[00:22:07]  Pflegenotstand im Industrieland Japan.

[00:22:10]  Das ist ja auch für uns ein aktuelles Thema.

[00:22:13]  Es hat sich auch sehr viele Parallelen gelesen.

[00:22:17]  Wie gesagt, ein sehr, sehr kurzes Buch.

[00:22:19]  Die japanische Autorin hat angeborene Myopathie.

[00:22:22]  Und das war dann irgendwie so ein,

[00:22:27]  im amerikanischen Raum sagt man, "own voices"-Roman.

[00:22:30]  Habe ich noch nie gelesen von einer Autorin,

[00:22:33]  die diese Krankheit auch hat.

[00:22:36]  Und die aus ihrer Sichtweise literarisch schreibt.

[00:22:40]  Und das war ein totales Leseerlebnis.

[00:22:43]  Es ist wirklich kurz.

[00:22:45]  Ich finde, ehrlich gesagt, jeder, jeder, jeder sollte das lesen.

[00:22:48]  Und das hat auch den renommierten Akutagawa-Literaturpreis in Japan gewonnen.

[00:22:54]  Steht auf der Longlist vom International Booker Prize.

[00:22:56]  Das ist ein großer Preis in Großbritannien.

[00:22:59]  Wow, also es ist schräg.

[00:23:03]  Es bläst einen weg, weil man die Perspektive und die Emanzipiertheit,

[00:23:11]  mit der da geschrieben wird, nicht unbedingt ... sicher nicht jeder gewohnt ist.

[00:23:17]  Pia: Es klingt interessant.

[00:23:19]  Und die japanische Literatur ist ja sowieso im Moment sehr in.

[00:23:23] Muss man sagen.

[00:23:24]  Christina: Und es ist aber kein Wohlfühl-Roman.

[00:23:26]  Das möchte ich vorweggenehmen. [beide lachen]

[00:23:28]  Kein Buchladen mit Katze.

[00:23:30]  Pia: Ja, dann sagen wir Danke fürs Zuhören.

[00:23:33]  Und freuen uns schon, wenn ihr beim nächsten Mal wieder dabei seid.

[00:23:36]  Christina: Bitte denkt drauf, uns zu abonnieren, wenn ihr keine Folge mehr verpassen wollt.

[00:23:41]  Schreibt uns eure Meinung zu "Nincshof" auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at.

[00:23:48]  Da könnt ihr uns auch gerne Themenwünsche hinterlassen.

[00:23:52]  Auch für alle anderen Formate im Vorwort.

[00:23:56]  Und ihr könnt uns, erreicht uns auch über Instagram stadtbibliothek.innsbruck.

[00:24:01]  Schönes Lesen wünschen wir.

[00:24:03]  Pia: Tschüss!

[00:24:05]  [Outro-Musik]

[00:24:28]  [Pia spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck

[00:24:31]  und Teil der Stadtstimmen,

[00:24:33]  dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Pia spricht]

Kurz und Schmerzlos mit … Thomas Arzt

Kurz und Schmerzlos mit … Thomas Arzt

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.[moduliert]

[00:00:06]  Boris: "Das Unbehagen" erschienen 2025 im Residenz Verlag.

[00:00:14]  Das Unbehagen nimmt uns mit auf eine Reise unter die dünne Haut der Zivilisation und in eine überwältigende Natur.

[00:00:24]  Ein diffuses Unbehagen ist es, dass den Lehrer Lorenz Urbach mehr und mehr befällt, eine politische Unzufriedenheit, eine Überforderung, ein Übertruss.

[00:00:37]  Plötzlich bricht eine ungekannte Aggression aus ihm heraus. Er gerät in eine Schlägerei und verliert den Boden unter den Füßen.

[00:00:47]  Als Berichte über ein blutrünstiges Tier auftauchen, das in den Alpen sein Unwesen zu treiben scheint, werden in Lorenz alte Erinnerungen wach.

[00:00:58]  Die Medien spekulieren. Ist es ein Wolf oder vielleicht doch ein Mensch?

[00:01:04]  Und Lorenz denkt an seine Jugendfreundin Theresa, die Außenseiterin, die Aussteigerin, die immer schon Gewaltbereite.

[00:01:14]  Er bricht zu einer einsamen Wanderung in die Berge auf, setzt sich die Naturgewalten aus, auf der Suche nach dem Ungeheuer da draußen und dem Ursprung der Gewalt in sich.

[00:01:42]  [Intro-Musik] Boris: Hallo und herzlich willkommen zurück beim Vorwort: Kurz und Schmerzlos. Heute mit Thomas Arzt und mein Name ist Boris Schön.

[00:01:52]  Ja Thomas, schön, dass du da bist. Darf ich dich, wie alle unsere Gäste, als erstes einmal bitten, dich kurz vorzustellen?

[00:01:59]  Thomas: Ja, hallo, danke für die Einladung. Ich bin Thomas, Thomas Arzt, geboren 1983, mein Vierziger liegt hinter mir. Schreiben war immer Teil meines Lebens, war aber nie geplant, dass ich tatsächlich irgendwie so was beruflich mache.

[00:02:18]  Und habe in Wien studiert, viel Verschiedenes, Theater-, Film- und Medienwissenschaft, unter anderem und war immer im Schauspielhaus Wien und da hat mir so die Theaterbegeisterung gepackt.

[00:02:32]  Ich hab mich beworben für einen Workshop, einen Schreibworkshop und habe mein erstes Drama dort entwickelt und das hat einen Preis bekommen, das Hans-Gratzer-Stipendium und dann wurde Grillenparz 2011 im Schauspielhaus Wien aufgeführt und seitdem darf ich vom Schreiben leben und bin sehr froh damit.

[00:02:55]  Ich schreib vor allem für Theater, für Radio und hatte auch immer den Wunsch, Prosa zu schaffen, das ist für mich eher so die Langstrecke, der Marathon und das habe ich dann erstmals 2021 dann für mich jedenfalls vollendet mit dem Roman "Die Gegenstimme" und der war, was echt toll war, bei Innsbruck liest dann als Buch ausgewählt,

[00:03:21]  da war ich seit langem in Innsbruck bei diesen Lesungen und habe die noch in sehr guter Erinnerung und nun ist ein zweiter Roman entstanden und deswegen bin ich heute hier, darf aus dem "Unbehagen" lesen.

[00:03:34]  Boris: Also wie du bereits gesagt hast, warst du 2022 in Innsbruck mit deinem ersten Roman bei der Aktion "Innsbruck liest" und da werden ja 10.000 Bücher in der Stadt verteilt, das ist schon eine, würde ich sagen, recht öffentlichkeitswirksame Literaturaktion und was kannst du dich noch erinnern aus der Zeit?

[00:03:56]  Hast du noch besondere Erinnerungen? Hat es Momente gegeben, die vielleicht noch so manchmal aufploppen oder so?

[00:04:03]  Thomas: Na ja, es geht um die direkte Begegnung mit den Menschen, das ist schon toll, weil die bekommen ja Gegenwartsliteratur vorgesetzt, das ist ja ungewöhnlich, es geht jetzt nicht um einen breitenwirksamen Bestseller, sondern da ist was mit dem man sich auseinandersetzen muss.

[00:04:18]  Der Roman thematisiert ein ernstes Thema, es geht um Nationalsozialismus und diese Anschlussabstimmung 1938, ich erzähle halb eine Familiengeschichte, eine Dorfgeschichte, war auch ein politischer Vorgang und da war diese Signierstunde, glaube ich, in der Shopping Mall und ich war nicht darauf gefasst, wie viele Menschen davon wussten, dass es das Buch gibt, dass man zu mir kommen kann und weil ich eine Familiengeschichte erzähle, erzählt dann jeder auch

[00:04:47]  seine Familiengeschichten, von damals, wie das war, ich muss mal den Opa und die Oma fragen oder ich muss selbst mal schauen und dann auch so ablehnende Dinge: Da war doch ein Mann, ich glaube der hat das einfach so, vokativ von der Ferne einfach so gesagt, [im Dialekt] "mit dem Buch kannst du da nur den Oasch auswischen" und das ist halt toll, dass man diese Begegnungen hat und dann gleich wieder drauf jemanden, der,

[00:05:16]  das total inspirierend findet und wichtig, dass über die Vergangenheit erzählt wird, da ist schon, glaube ich, das Einzigartige in Österreich, dass man so eine ganze Stadt damit erreicht eigentlich und Innsbruck hat glaube ich eine gute Größe, das ist wirklich so, dass es ein Stadtgespräch kurzmal war.

[00:05:39]  Boris: Du hast vorhin schon gesagt, dass du ja hauptsächlich als Dramatiker arbeitest und hast schon gesagt, der Roman ist für dich ein bisschen die Langstrecke, aber trotzdem noch einmal, wie unterscheidet sich da bei dir die Herangehensweise oder wann kommt dir vor, du hast jetzt plötzlich ein Stoff oder ein Thema, wo du sagst, jetzt würde ich einen Roman draus machen und kein Theaterstück vielleicht oder kein Hörspiel.

[00:06:05]  Thomas: Ich hatte früh den Eindruck, es liegt am Stoff, ich glaube, es ist eine Entscheidung bei mir mittlerweile, ich habe mich einfach in der Dramatik sehr gut wohlgefühlt, zu Hause gefühlt, das ist auch ein Handwerk, das man sich erarbeitet und wenn man dann über einen Stoff stolpert, den Thema hat, Figuren vor sich hat, dann spiele ich das im Kopf schon durch, es ist dann meistens natürlich ein Hollywood-Film und man hofft, dass man ein Drehbuch schreiben kann, dann macht man auch das, was pragmatisch ist und das ist das, was ich mir auch sehr gut gemacht habe,

[00:06:34]  und ich habe das mit den Menschen zusammen mit, die man zusammenarbeiten kann und da waren auch viele Theater, mit denen ich gut in Verbindung bin.

[00:06:44]  Ich habe dann die Stoffe mitgenommen, dort hin und irgendwann dachte ich, es gibt ja diese eher private Familiengeschichte, aus dem dann "Die Gegenstimme" wurde und ich habe das für mich entschieden, das will ich keinem Theater geben, weil ein Theaterstück ein unfertiger Text ist, der wird erst auf der Bühne fertig durch den Prozess.

[00:07:03]  Ich wollte was machen, das ich mit mir ausmache und da war diese persönliche Familiengeschichte richtig, als Einstieg für eine längere Prosa und mittlerweile habe ich das gefühlt, ich verstehe das besser und sehe nun die Figuren, rumwandeln und die Themen mehr prosaisch angehaucht, als früher dramatisch vielleicht, als Situation.

[00:07:26]  Es ist eine Lust, glaube ich, auch, die man hat. Ich habe sehr viel Theater und sehr viel Stücke über Vergangenes gemacht und jetzt habe ich für mich entschieden, ich will was über Gegenwart schreiben und ich will mir mehr Zeit lassen.

[00:07:39]  Vom Erzählfaden hat es schon ein anderes Tempo und einen anderer Atem. Ich habe eine Ahnung von etwas und eine dringliche Frage, das ist der Schreibanlass. Etwas hält mich wach, ich will was lösen und durchschreiben nicht nur für mich persönlich, sondern auch für etwas, was die Gesellschaft eventuell betreffen könnte.

[00:08:00]  Dann ist es für mich ein Text, den ich veröffentlichen möchte und ich habe so eine Ausgangssituation, mit der ich starte. Und dann ist es eine Suchbewegung und das kann ich ganz gut aufschlüsseln.

[00:08:19]  Wenn ich die ersten Seiten vor mir habe, dann merke ich, da hin führt es. Und wenn dieser Punkt nicht kommt, dann ist es auch nur zu wage. Dann verwerfe ich das auch und trage das noch weiter mit mir rum. Es ist so etwas wie ein Initialfunke, der wohin führt und eine Intuition, dass das eigentlich eine gute Geschichte werden könnte, aber meistens weiß ich nicht, wie es ausgeht.

[00:08:43]  Boris: Und ist das am Schluss, wenn du sagst, du das Gefühl hast, es ist fertig, ist es dann ein Bild, das du hast oder ist es eine Lösung auf eine Frage oder ein Thema? Weißt du, wie ich meine?

[00:08:54]  Thomas: [lacht leise] Also würde ich sagen, es ist unterschiedlich. Ich hatte schon, glaube ich, Momente, wo ich dachte, das habe ich jetzt gut abgearbeitet. Vielleicht ist das nicht unbedingt der beste Text, weil er zu geschlossen ist. Es gibt dann sehr viele Fragezeichen öfters am Ende.

[00:09:09]  Also meistens führt mich ein Text dann wieder woanders hin. Es ist dann eher so, man hat das Gefühl, man hat das für sich fertig erzählt, auch wenn man nicht ganz am Punkt ist. Aber ich gebe das jetzt ab, weil ich schon wieder woanders bin.

[00:09:24]  Jeder Text hat nicht unbedingt das gleiche schlüssige Ende für mich.

[00:09:30]  Boris: Eben zu "Das Unbehagen", den zweiten Roman von dir zu kommen, der hat ja, wie du, glaube ich, schon vorher gesagt hast, spielt ja eher in der Gegenwart. Das ist ja kein historisches Thema.

[00:09:42]  Ich würde jetzt mal sagen, vielleicht auch dem Titel entsprechend so ein bisschen eine unbehagliche Atmosphäre. Da würde mich interessieren, wenn du sagen mal über die Gegenwart schreibst und es wird dann so ein bisschen dunkel das Ganze, so wie mir das erschienen ist beim Lesen.

[00:10:01]  Hast du das Gefühl, dass die Gegenwart ein bisschen dunkel ist?

[00:10:05]  Thomas: Ja, man ist letztens nicht vom Tisch wischen, dass man sie mit Fragen auseinandersetzt, mit denen ich dachte, dass ich das nicht werde.

[00:10:16]  Also die uns ja auch sehr vergangen vorkman, über Krieg zu reden. Und wenn man dann, ich habe zwei kleine Kinder und bin immer

[00:10:26]  versucht, dann die Welt zu erklären, weil die Fragen kommen.

[00:10:27]  Also wenn sie im Radio was hören, weil sie uns hören, als Eltern, die wir etwas reden,

[00:10:32]  weil sie in der Zeitung Bilder sehen sehen oder auch Konflikte dann auch im Kindergarten

[00:10:35]  schon Thema sind, "bist du für Israel oder Palästina, welche Flagge findest du besser?"

[00:10:40]  Fragen die Kinder untereinander.

[00:10:42]  Also bist du mit Weltpolitik beschäftigt.

[00:10:44]  Das verfinstert den Horizont manchmal.

[00:10:48]  Für mich fatal. Darum ist das Schreiben und Versuch, das was Erhellendes zu finden.

[00:10:55]  Und "Das Unbehagen" ist schon ein Wandel durch eher düstere, depressive Räume.

[00:11:05]  Es geht auch um Träume, um Albträume und den Versuch, die Gegenwart irgendwo anzupacken,

[00:11:12]  irgendwie zu beschreiben und dadurch vielleicht etwas mehr gewappnet zu sein

[00:11:17]  vor dem was was kommen kann.

[00:11:19]  Also der Protagonist geht nicht ganz zerrüttet heraus.

[00:11:22]  Es geht schon um Abgründe anhand von Begegnungen, die da in seiner Gebirgswanderung eigentlich dann hat.

[00:11:34]  Ich versuch, Optimist zu bleiben. [lacht leise]

[00:11:37]  Boris: Jetzt einfach ein geografischer Aspekt deiner beiden Romane, der "Gegenstimme"

[00:11:45]  und von "Das Unbehagen" ist, dass beide in Tirol zumindest zu einem gewissen Teil spielen.

[00:11:52]  Jetzt habe ich ehrlich gesagt nicht so einen Überblick über deine gesamten Theaterstücke, um die geografisch zu verorten. [amüsiert]

[00:12:00]  Aber wie kam es dazu? War das ein Zufall?

[00:12:02]  Warst du vielleicht bei "Innsbruck liest"

[00:12:04]  sogar in Innsbruck und hast du gedacht, "ha, das gehe ich ein bisschen wandern,

[00:12:07]  jetzt könnte ich dann noch ein Buch mit dem Tiroler Bergen schreiben" ...

[00:12:11]  Nein, es gibt...

[00:12:12]  Also nicht mit dem Tiroler, aber du weißt was ich meine.

[00:12:14]  Thomas: Ich habe eine zufällig schöne Verbindung mit dieser Stadt.

[00:12:18]  Dass mich die "Gegenstimme" hierher führt, wusste ich nicht.

[00:12:21]  Ich wollte die Geschichte des Bruders meiner Oma recherchieren.

[00:12:25]  Und mir war das nicht mehr so geläufig, dass er eben in Innsbruck damals studiert hatte, kurz vor dem Anschluss 1938.

[00:12:32]  Und dann ging es dann um Innsbruck von damals.

[00:12:35]  Und ich war mit meiner Frau eineinhalb Jahre hier.

[00:12:39]  Meine Frau hat hier an ihre Doktorarbeit geschrieben.

[00:12:43]  Und wir haben hier gelebt und die Stadt kennengelernt.

[00:12:48]  Und es waren schon intensive Eindrücke.

[00:12:51]  Und auch, wir waren viel wandern.

[00:12:54]  Und ich habe damals an einer Kurzgeschichte geschrieben, die eigentlich Auslöser für diesen Roman dann war, für "Das Unbehagen".

[00:13:00]  Und das hat mit den Bergen zu tun und mit der Rohheit und Grobheit von Figuren, von Sprache.

[00:13:08]  Und mit Mythen, die man den Alpen zuschreibt.

[00:13:13]  Das ist ein schönes Spiel, sich dann Dinge auszudenken.

[00:13:17]  Und als ich jetzt wieder dran saß, habe ich wieder dieses Innsbruck sehr genau vor mir gehabt eigentlich.

[00:13:23]  Und bin dann extra noch mal hergefahren, um nachzuwandern, was ich da schreibe, um nicht alles ...

[00:13:28]  Also manches ... ich wollte die Topografie dieser Wanderung, bis zu einem gewissen Punkt konkret erzählen können.

[00:13:37]  Und mir ist ... ein paar Dinge sind mir entfallen gewesen, darum bin ich die Routen nachgegangen.

[00:13:42]  Boris: Es ist ja auch überhaupt ein sehr, sehr plastisches Buch, finde ich.

[00:13:46]  Also die Orte sind sehr plastisch, die Figuren sind sehr plastisch, finde ich wirklich.

[00:13:49]  Also das ist eine riesen Lesempfehlung hier auch nochmal für unsere Zuhörer*innen.

[00:13:53]  Es hat so viele Elemente, auch Spannungselemente.

[00:13:59]  Ich finde, eines der tollsten Bücher, die ich den letzten Jahren lesen durfte.

[00:14:04]  Thomas: [lacht] Danke.

[00:14:06]  Boris: Jetzt kommen wir noch zu einem ganz anderen Thema.

[00:14:09]  Das ist so ein bisschen ein Dauerbrenner.

[00:14:12]  Und wir versuchen da so, die ein bisschen Einschätzungen zu bekommen von den Autorinnen und Autoren, die wir einladen.

[00:14:18]  Das Thema künstliche Intelligenz und Literatur.

[00:14:24]  Ich stelle es jetzt ganz neutralen Raum.

[00:14:27]  Hast du dazu eine Meinung, siehst du ein Risiko, siehst du eine Bereicherung?

[00:14:32]  Thomas: Ich unterschätze sie ständig, diese Algorithmen.

[00:14:38]  Bauchgefühl sagt immer "wegschieben und hat nichts mit mir zu tun".

[00:14:42]  Und auch das Gefühl "Kunst ist Kunst".

[00:14:45]  Aber Künstlichkeit und Kunst hat schon sehr viel miteinander zu tun.

[00:14:50]  Also es beginnt jetzt damit, dass die Apparate, mit denen ich arbeite, also die Textverarbeitungsprogramme

[00:14:57]  es automatisch anbieten.

[00:14:59]  Und ich derzeit daran schalte, dass ich diesen Co-Piloten deaktiviere.

[00:15:04]  Und dann ist er schon da und dann habe ich schon Dinge probiert und gemerkt, naja, das ist in dem Fall schon noch sehr überschaubar

[00:15:17]  und berechenbar, was hier angeboten wird an Textsorten und Wortwahl.

[00:15:23]  Das ist ja, die Kunst schreibt sich ja über das Erwartbare drüber.

[00:15:29]  Damit lässt sie noch kein guter Roman schreiben.

[00:15:33]  Ich weiß auch nicht ob er für eine Überarbeitung mit Algorithmen,

[00:15:36]  ob das wirklich in nächster Zukunft funktionieren wird, weil die Fehleranfälligkeit darin besteht ...

[00:15:43]  Derzeit habe ich das Gefühl, wie eine gute Geschichte erzählt werden soll, gewisse Punkte zu erfüllen hat.

[00:15:53]  Und ich habe meinen Roman zum Beispiel zusammenfassen lassen von der KI.

[00:15:59]  Und da wurde dann absichtlich Fehlleistungen eingebaut, damit die Logik funktioniert.

[00:16:06]  Weil scheinbar die Conclusio des Romanes nicht eindeutig war.

[00:16:10]  Und dann behauptet die KI Falsches, damit die Conclusio eine dementsprechend richtige sein soll.

[00:16:18]  Ich habe auch versucht ein Libretto-Beginn über die Mitte der KI zu schreiben, weil ich es ausprobieren wollte.

[00:16:26]  Und dann merkt man, wo die Reimschemen herkommen und wie uninteressant es schnell wird.

[00:16:32]  Also für das, was ich gerade mache, glaube ich, sehe ich noch keine Gefahr.

[00:16:37]  Ich weiß aber, im Journalismus ist es schon so, dass Textsorten die KI erledigt, viel viel schneller,

[00:16:44]  aus dem Überarbeitungsprozesse sehr viel schneller gehen; im akademischen Bereich, Übersetzungsarbeiten.

[00:16:51]  Das verbessert viel wahrscheinlich, es professionalisiert sehr viel, es beschleunigt wieder sehr viel.

[00:16:58]  Ich bin am Abwarten und muss noch mehr wissen darüber, es wird mich irgendwann weggerationalisieren.

[00:17:06]  Boris: Glaubst du das?

[00:17:07]  Thomas: Davon bin ich eigentlich überzeugt.

[00:17:10]  Ich hoffe, dass ich dann nicht mehr davon abhängig bin von diesem Betrieb, von diesem Kunstbetrieb.

[00:17:20]  Aber es kann schon sein, dass sich der Betrieb verändert.

[00:17:23]  Also das ist ja immer so, dass die Techniken verändern, die Kulturen.

[00:17:28]  Und das, was von Kunst erwartet wird, kann sich verändern, auch in politischen Umständen.

[00:17:33]  Und das ist ja, das ist großer Luxus, was wir gerade haben, dass Freiheit der Kunst zugestanden wird.

[00:17:39]  Und Abweichung von der Norm, vielleicht in 30 Jahren, wird von der Kunst erwartet.

[00:17:46]  und ist ja auch so von Geldgebern, dass sie das leisten zu leisten hat, was die Norm ist und die KI macht das besser.

[00:17:53]  Boris: Vielleicht ist es ein bisschen, ich habe mir das gerade so überlegt, ein bisschen wie das Synthesizer, der dann aufgetaucht ist.

[00:18:00]  Und dann natürlich, aber die Idee kam es so, weil ich mir gedacht habe, da ist dann eine Premiere von einem Theaterstück.

[00:18:07]  Und dann sagt man, so in Anwesenheit, des Verfassers, der Verfasserin, das ist das Programm XY, sitzt da in der ersten Reihe.

[00:18:14]  Also weißt du, wie ich meine, so ein Synthesizer ist ja auch so ein Gerät, wo man alles rausholen kann irgendwie.

[00:18:19]  Aber da braucht man zumindest noch einen Menschen, der daran rumdreht.

[00:18:23]  Thomas: Ja, es ist sicher etwas, womit etwas gemacht wird. Es ist ja also perfomativ betrachtet, ist es natürlich großartig, man speist ein, man sieht live was rauskommt.

[00:18:37]  Das kann sehr parodistisch glaube ich, sein. Aber es kann auch eben das Dystopische schon irgendwie erahnen lassen.

[00:18:47]  Also man kann schon produktiv damit umgehen.

[00:18:49]  Aber es gibt auch sehr viele, die dieses weitaus besser verstehen. In meinem konkreten Bereich ist es derzeit noch fern und wahrscheinlich ist es dann ganz schnell da, und ich habe es übersehen. [lacht leise]

[00:19:00]  Boris: Ja, vielen Dank. Und zum Abschluss unseres kurzen Gesprächs würde ich dich dann noch bitten, wie immer einen Literaturtipp für unsere Hörerinnen und Hörer zu geben.

[00:19:12]  Thomas: Ich lese gerade etwas, was ich viel früher lesen hätte sollen. Aus den 1980ern: Margaret Atwood, "Der Report der Magd", "The Handmaid's Tale".

[00:19:27]  Eine erschreckende Zukunftsvorstellung, so bizarr und so groß. Und es saugt mich gerade richtig rein.

[00:19:37]  Es ist ein Klassiker letztlich bereits, aber erzählt auch sehr viel über politische Vorgänge, wie sie gerade jetzt passieren, autoritäre Systeme, die Überhand nehmen und wie man darin gefangen sein kann.

[00:19:51]  Und diese Magd, die ich ausbrechen will. Toller Roman.

[00:19:56]  Boris: Dann sage ich herzlichen Dank und ich würde sagen, heute, nach dem Gespräch, haben wir jetzt dann einen positiven Abend auf der Bühne in dieser vielen unklaren Dunkelheit, die vielleicht da draußen ist.

[00:20:10]  Dankeschön, dass du da bist und da warst.

[00:20:12]  Thomas: [lacht leise] Danke dir.

[00:20:14]  [Outro-Musik]

[00:20:38]  [Boris spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Boris spricht]

Teatime: unsere DNF-Liste (Did not finish)

Teatime: unsere DNF-Liste (Did not finish)

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:06]  [Intro-Musik] Shelly: Ich habe jetzt vorher gerade im Regal stehen sehen: einen Kamillentee, und hab so lachen müssen,

[00:00:26]  weil kennst du dieses Meme, wo steht "Still a gangster, I whisper to myself as I drink my chamomile tea with a heating pad on my back". [beide lachen]

[00:00:34]  So fühl ich mich jeden Tag. [lacht]

[00:00:38]  Jaci: Das ist sehr akkurat. - Shelly: Aber was hast du denn für einen Tee?

[00:00:42]  Jaci: Okay, ich hab heute einen ganz guten Tee, den mir die liebe Shelly geschenkt hat.

[00:00:45]  Und zwar "Tante Trudels Apfelstrudel", ein Früchtegewürztee.

[00:00:50]  Shelly: Und schmeckt er?

[00:00:51]  Jaci: Sehr gut, ja, ich bin ganz begeistert.

[00:00:53]  Shelly: Ich hab heute zur Beruhigung Lavendel-Zitronenverbene.

[00:00:57]  Jaci: Du hast gerade angefangen zu arbeiten und musst dich jetzt schon beruhigen?

[00:01:00]  Shelly: Ja. - Jaci: Okay, fair.

[00:01:02]  [Soundbite: Tee einschenken, umrühren, genüsslich einen Schluck davon trinken] Jaci: Hallo und herzlich willkommen zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:01:14]  Mein Name ist Jaci, mir gegenüber sitzt meine bezaubernde Kollegin, die Shelly.

[00:01:18]  Und wir machen heute eine weitere Folge der Teatime.

[00:01:23]  Shelly: Jaci, um was geht's denn heute in der Folge der Teatime?

[00:01:28]  Jaci: Heute beschäftigen wir uns mit dem Thema des DNF.

[00:01:33]  Und das bedeutet "Did not finish" und mit unserer Liste, die wir dazu angelegt haben.

[00:01:39]  Genau, und die habe eine kleine Definition wieder herausgesucht.

[00:01:42]  Ich bin die Queen der Definitionen.

[00:01:44]  Und das Redaktionsnetzwerk Deutschland, kurz RND,

[00:01:49]  hat in dem Artikel "Book Haul, Mary Sue, OTP" alle wichtigen Booktook-Begriffe einfach erklärt.

[00:01:56]  Die DNF beschrieben und da steht:

[00:02:00]  "Manche Bücher können ihre Leser*innen einfach nicht begeistern.

[00:02:04]  Wenn sie es nicht einmal bis zum Ende durchlesen, markieren sie es entsprechend als "DNF - did not finish".

[00:02:10]  Genau, und da haben wir uns heute ein paar herausgesucht, unsere persönlichen DNFs.

[00:02:15]  Jaci: Ganz kurze Anmerkung, der Arbeitskollege hat mich darauf hingewiesen,

[00:02:20]  dass der Begriff des DNFs auch im Sport benutzt wird.

[00:02:23]  Shelly: Echt?

[00:02:24]  Falls jemand nicht über die Finishing Line oder sowas kommt, dann ist es auch ein "did not finish", ein DNF.

[00:02:29]  Shelly: Ah, okay. - Jaci: Fun fact.

[00:02:31]  Shelly: Das kannst du eigentlich in sämtlichen Lebensbereichen anwenden, nicht?

[00:02:34]  Jaci: Ja, sehr gut.

[00:02:36] Shelly: Universalbegriff. [beide lachen]

[00:02:39]  Jaci: So, tschuldigung, fahre fort.

[00:02:41]  Shelly: Okay, genau, Jaci, wie entscheiden wir eigentlich, ob ein Buch lesenswert ist oder nicht?

[00:02:47]  Jaci: Genau, also es ist natürlich eine sehr individuelle Entscheidung für jeden Lesenden,

[00:02:53]  aber ich persönlich gebe mir immer so 100 Seiten

[00:02:57]  und wenn mich nach 100 Seiten das Buch einfach nicht abholt, dann lese ich es eigentlich nicht weiter.

[00:03:03]  Und an welchen Merkmalen mache ich das eben fest, dass es mich quasi abholt

[00:03:08]  oder eben nicht abholt, also was quasi meine Book Icks wären beim Lesen,

[00:03:13]  die mich davon abhalten würden, es weiterzulesen.

[00:03:16]  Eben zum Beispiel, wenn ich den oder die Protagonist*in nicht mag,

[00:03:22]  also einfach, wenn ich wirklich beim Lesen mir denke, Oida, so unsympathisch und so [macht verärgertes Geräusch]

[00:03:29]  Und man kann einfach nichts nachvollziehen, was die Figur macht, das regt mich immer total auf

[00:03:34]  und dann kann ich nicht weiterlesen.

[00:03:36]  Das ist natürlich anders bei Romanen, wo du genau weißt, dass der Autor oder die Autorin das drauf anlegt,

[00:03:41]  dass du die Figur nicht magst.

[00:03:43]  Dann hat das ja einen höheren literarischen Wert quasi

[00:03:45]  und dann kann man das ja oft irgendwie, dann liest man das auch ganz anders.

[00:03:49]  Also wie wenn es eigentlich ein liebenswörter Charakter ist, aber einfach so schlecht geschrieben ist,

[00:03:53]  dass einfach keinen Spaß macht, dem zu folgen.

[00:03:55]  Dasselbe ist eben beim Schreibstil auch, wenn es einfach so schleppend dahingeht,

[00:03:58]  dass ich mir denke, nein, das tut einfach nicht, dann lese ich es nicht weiter.

[00:04:03]  Und eins ist auch, das hat mir meine Mama gelehrt,

[00:04:07]  wenn man das Buch zumacht und man an die Geschichte weiter denkt, dann beschäftigt es einen,

[00:04:12]  dann muss man es weiterlesen, aber wenn man es zumacht und man nicht mehr an das Buch denkt,

[00:04:16]  dann passt es einfach nicht.

[00:04:19]  Und dann lese es auch nicht weiter.

[00:04:22]  Genau.

[00:04:23]  Shelly: Ja, das ist bei mir eigentlich genauso.

[00:04:25]  Ich weiß, wenn es voll zäh dahingeht und wenn es nicht weitergeht.

[00:04:31]  Wenn ich keine zehn Seiten in der Stunde schaffe, dann weiß ich, maybe not for me.

[00:04:36]  Jaci: Und vor allem auch das bisschen dieses Lese ich dieses Buch, weil es mich gerade glücklich macht?

[00:04:41]  also macht es mir gerade glücklich dieses Buch zu lesen?

[00:04:43]  Oder lese ich es nur, weil es hat halt eine Freundin empfohlen und die sagt, es ist gut?

[00:04:47]  Oder boah, ich hab es halt gekauft, also jetzt muss ich es schon lesen.

[00:04:51]  Oder boah, jetzt habe ich es extra aus der Bib heimgeschleppt, jetzt muss ich es schon lesen oder sowas.

[00:04:55]  Oder macht es einfach wirklich glücklich?

[00:04:57]  Das find ich auch oft wichtig zu unterscheiden.

[00:05:00]  Shelly: Man muss ja nicht durchzwingen durch das Buch. Man kann es doch einfach bleiben lassen.

[00:05:05]  Jaci: Genau.

[00:05:06]  Wie meine Mama immer sagt: "Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher".

[00:05:09]  Shelly: Woah.

[00:05:10]  Jaci: Meine Mama ist eine sehr weise Frau.

[00:05:11] Shelly: Eine weise Frau, ja.

[00:05:12]  Jaci: Ja.

[00:05:13]  Shelly: Okay, dann würde ich sagen, gehen wir rein in unsere DNFs.

[00:05:16]  Jaci: Das erste Buch, das auf meiner DNF-Liste ist,

[00:05:19]  mit dem ich auch sehr viele schwierige Emotionen verbunden habe,

[00:05:22]  ist "Verbrechen und Strafe" oder auch "Schuld und Sühne" von Dostojewski.

[00:05:28]  Ich habe das für die Uni lesen müssen, theoretisch zweimal.

[00:05:34]  Und habe es auch zweimal angefangen und bin beim ersten Mal bis Seite 120 gekommen.

[00:05:39]  Beim ersten Mal und beim zweiten Mal bis Seite 130. [lacht]

[00:05:43]  Also es hat leider beides Mal sich nicht bewährt für mich.

[00:05:48]  Für die, die den Roman nicht kennen:

[00:05:51]  Es ist von dem russischen Autor Fjodor Dostojewski.

[00:05:54]  Und wir folgen in einem Roman dem jungen armen Studenten Rodion Raskolnikow in St. Petersburg.

[00:06:02]  Und dieser plant und verübt ein Verbrechen.

[00:06:06]  Er ermordet die Pfandleiherin Aljona Iwanowa, um ihr Geld zu stehlen.

[00:06:12]  Und bringt dann aber irgendwie aus Versehen dann auch ihre Schwester Lisaweta um.

[00:06:16]  Und das passiert auf den ersten 20 Seiten gefühlt.

[00:06:19]  Und dann geht es den ganzen restlichen Roman um Raskolnikovs Schuldgefühle und seine Angst

[00:06:25]  eben mit dem Verbrechen. Er stellt sich ganz viele moralische und philosophische Fragen.

[00:06:30]  Und er wird von der Polizei verfolgt und trifft unterschiedliche Leute.

[00:06:34]  Aber man befindet sich eigentlich nur in seinem Kopf mit seinen Schuldgefühlen.

[00:06:38]  Und das ist auch das, was mich einfach fertig gemacht hat.

[00:06:42]  Weil eben, es Aufregende passiert quasi unter den ersten 50 Seiten.

[00:06:46]  Und dann geht es los, dass nur noch sein innerer Monolog und er dann dauernd Fieber und fiebert vor sich hin.

[00:06:53]  Und mich hat es einfach erstens ein bisschen verstört, dass er so denkt, wie er denkt.

[00:06:59]  Zweitens auch verwirrt, weil ihn einfach eben nicht nachvollziehen können, wo seine Gedanken herkommen.

[00:07:04]  Und ich habe ihn einfach so unsympathisch gefunden, dass man mir dachte, reiß die doch einfach zusammen. [Shelly schmunzelt]

[00:07:10]  Und eben, dass das einfach, es passiert für mich einfach zu wenig, als dass man denkt, okay, das lohnt sich das zu lesen.

[00:07:15]  Ich habe mir auch ganz viele Zusammenfassungen durchgelesen, damit ich eben für den Unikurs [lacht] weiß, worum es geht.

[00:07:20]  Aber ich habe dann eben auch bei der Zusammenfassung beschlossen, es hätte sich nicht gelohnt, weiterzulesen.

[00:07:26]  Und ich habe eben gar keine Freude am Lesen dieses Buches gehabt.

[00:07:29]  Und ich habe es auch beim ersten Mal zur Professorin in der Uni sogar gesagt, dass ich es nicht fertig gelesen habe [lacht] weil es mir nicht gefallen hat.

[00:07:35]  Und habe es aber eben ein bisschen begründen können.

[00:07:37]  Genau, und alle anderen im Unikurs haben es aber ganz toll gefunden.

[00:07:40]  Und "Nein, dass die Psyche des Menschen so gut dargelegt worden ist" und ich hab mir gedacht, nein, man verfolgt einfach so die Gedanke von einem Irren.

[00:07:47]  Und nein, war nicht meins.

[00:07:49]  Shelly [schmunzelnd]: Das ist interessant, weil ich habe das auch das für den selben Unikurs lesen müssen, ich habe es voll geil gefunden.

[00:07:54]  Weil es nicht so die normale Kriminalgeschichte ist, wie man sonst immer liest.

[00:08:00]  Es passiert am Anfang, man weiß, wer es war.

[00:08:03]  Und dann dieser ganze psychische Prozess, der ihn so fertig macht, voll cool.

[00:08:07]  Aber schau, so sind die Geschmäcker verschieden. - Jaci: Nein, leider.

[00:08:10]  Shelly: Okay, wo wir gerade bei Klassikern sind, ich habe auch einen.

[00:08:14]  Und zwar "Wutherin Heights", also "Sturmhöhe" von Emily Bronte. [Jaci zieht scharf die Luft ein]

[00:08:20]  Du bist schockiert.

[00:08:22]  Jaci: Ja.

[00:08:23]  Shelly: Okay. - Jaci: Eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe. [beide lachen]

[00:08:26]  Shelly: Ah, das ist ja eine sehr konträre Folge dann.

[00:08:30]  Okay, also kurze Zusammenfassung: "Wuthering Heights" von Emily Bronte erzählt die tragische Liebesgeschichte zwischen Heathcliff, einem verstoßenen Waisenjungen, und Catherine Earnshaw.

[00:08:42]  Ihre unerfüllte Liebe führt zu einer Spirale aus Rache, Hass und Leid, die zwei Familien über Generationen hinweg zerstört und erst in der nächsten Generation findet sich Hoffnung auf Versöhnung.

[00:08:55]  Und der Roman ist düster, leidenschaftlich und ein Klassiker der Weltliteratur.

[00:09:00]  Jaci: Amen.

[00:09:01]  Shelly: [lacht] Amen.

[00:09:02]  Genau.

[00:09:03]  Ich habe am Ende meiner Schullaufbahn kurz vor der Matura angefangen, ganz viel englische Klassiker zu lesen, weil ich habe angefangen mit "Pride and Prejudice" von Jane Austen.

[00:09:14]  Und das ist mein all-time favorite book ever.

[00:09:17]  Ich liebe das.

[00:09:18]  Ich könnte es jeden Tag lesen.

[00:09:21]  Ich liebe es!

[00:09:22]  Und habe dann auch von einer anderen Bronte-Sister, von der Charlotte, "Jane Eyre" gelesen und das habe ich auch richtig gut gefunden.

[00:09:29] Dann habe ich mir gedacht: Hm, gebe ich der Emily auch eine Chance.

[00:09:33]  Aber ich bin nicht einmal bis zu den ersten 100 Seiten gekommen, weil mir die Sprache zu komplex war.

[00:09:41]  Mein Englisch war noch nicht so ausgereift.

[00:09:44]  Und es war so zach zum Lesen, ich habe jedes zweite Wort nachschauen müssen von diesem alten Englisch, diese Ausgabe gleicht mehr einem Vokabelbuch als einem Roman. [lacht]

[00:09:53]  Und das war mir einfach zu anstrengend.

[00:09:55]  Und ja, ich habe dann nie wieder probiert es zu lesen. [lacht]

[00:10:00]  Kann nicht mit meinem eigenen Scheitern umgehen.

[00:10:03]  Jaci: Vielleicht müssten wir einen Pack schließen.

[00:10:05]  Ich lese nochmal "Verbrechen und Strafe" und du nochmal "Wuthering Heights".

[00:10:09]  Shelly: Ja, von mir aus.

[00:10:10] Können wir machen. [beide lachen]

[00:10:11]  Genau, deshalb, nie fertig lesen.

[00:10:15]  Jaci: Also ich bewege mich jetzt weg von den Klassikern und gehe zu einem Jugendbuch-Roman.

[00:10:21]  Und zwar "Crave" von Tracy Wolff.

[00:10:24] Shelly: Kenne ich nicht.

[00:10:25]  Jaci: Nein? Also "Crave" ist eine ganze Reihe.

[00:10:27]  Ihr weiß gar nicht mehr, wie die nächsten Bände heißen.

[00:10:29]  Und ich fasse jetzt kurz den Inhalt zusammen, vom ersten Teil.

[00:10:34]  Und zwar nach dem Unfalltod beider Eltern verschlägt es Grace ins kalte Exil.

[00:10:40]  Denn sie muss nach Alaska in das geheime Internat ihres Onkels, den sie nicht wirklich kennt.

[00:10:46]  Dort geht es nicht mit rechten Dingen zu.

[00:10:49]  Und die Schüler sind alle ganz mysteriös.

[00:10:52]  Vor allem der junge, dunkle Jaxon, den man mit X schreibt.

[00:10:56]  Jaxon Vega.

[00:10:58]  Zudem sich Grace auf unerklärliche Weise hingezogen fühlt,

[00:11:01]  trotz aller Warnungen, dass sie in seiner Nähe nicht sicher ist. [Shelly lacht leise im Hintergrund]

[00:11:06]  Doch Jaxon hat seinen Ruf nicht umsonst.

[00:11:09]  Je näher sie und der unwiderstehliche "Bad Boy" einander kommen [schmunzelnd], desto größer wird die Gefahr für Grace.

[00:11:17]  Ja, also vielleicht merkt man schon, wie ich den Inhalt vorgelesen habe, [lacht]

[00:11:21]  ich habe mir beim Lesen, also ich glaube, ich habe nur zwei oder drei Kapitel gelesen.

[00:11:25]  Und dann habe ich mir gedacht, um Himmels Willen.

[00:11:28]  Wie viel Klischees kann ein Roman bedienen?

[00:11:31]  In der ersten Seite sterben ihre Eltern.

[00:11:34]  In der zweiten Seite geht sie ins Exil.

[00:11:37]  In der dritten Seite kommt sie in dieses mysteriöse Internat, von dem noch nie jemand gehört hat.

[00:11:42]  Und auf der vierten Seite, während der Rundführung durch das Internat,

[00:11:46]  trifft sie auf diesen Jaxon-Typen.

[00:11:49]  Und der erste Satz, den er zu ihr sagt: [verstellt Stimme] "Halt dich von mir fern." [Shelly lacht]

[00:11:53]  Bevor er überhaupt weiß, wer sie ist, und ich so:

[00:11:57]  Das ist ein bisschen heftig.

[00:11:59]  Und dann habe ich mir gedacht, nein, es interessiert mich eigentlich nicht, wie es ausgeht.

[00:12:02]  Spoiler: Sie verlieben sich dann ineinander.

[00:12:05]  Shelly: Nicht wahr, wirklich?

[00:12:07]  Jaci: Ja. Und ich habe aber von Anfang an gewusst, was passieren wird.

[00:12:10]  Und Bücher mit Klischees können gut sein.

[00:12:13]  Es gibt viele YA-Bücher, die ich auch gern lese, auch wenn sie alle Klischees bedienen.

[00:12:18]  Aber das war mir zu viel.

[00:12:20]  Also das war einfach in den ersten drei Kapitel schon so dermaßen zu viel.

[00:12:25]  Vor allem, weil das Schreibstil einfach auch so plump und nicht schön geschrieben.

[00:12:30]  Und nicht irgendwie, dass sagt wenigstens eine schöne, poetische Sprache oder sowas.

[00:12:34]  Es war dermaßen plump und obvious einfach geschrieben, ich musste aufgeben.

[00:12:40] Shelly: Okay, verstehe ich.

[00:12:42]  So wie du es gerade erzählt hast, verstehe ich dich. [beide lachen]

[00:12:43]  Jaci: "Unwiderstehlicher Bad Boy."

[00:12:46]  "Halt dich fern von mir." [beide lachen]

[00:12:49]  Shelly: Okay, mein nächstes:

[00:12:51]  Maybe a shocker.

[00:12:53]  George R. R. Martin, "Das Lied von Eis und Feuer".

[00:12:57]  Also die Buchreihe zu "Game of Thrones", die HBO-Serie, die wir alle lieben.

[00:13:03]  Die epische Fantasiebuchreihe erzählt von Machtkämpfen, Intrigen und Kriegen zwischen

[00:13:08]  Adelshäusern im fiktiven Reich Westeros und während sich die Familien um den eisenden

[00:13:13]  Thron streiten, wächst im Norden eine uralte Bedrohung durch die weißen Wanderer heran.

[00:13:18]  Gleichzeitig erhebt sich im Exil den Daenerys Targaryen, die mit ihren Drachen Anspruch

[00:13:22]  auf den Thron erhebt.

[00:13:24]  We know the story.

[00:13:25]  Sie ist so gut, so gut.

[00:13:28]  Aber leider habe ich es nur bis zum dritten Buch geschafft und habe danach nicht mehr weitergelesen.

[00:13:34]  Weil erstens sind die Dinger so dick, so unfassbar dick.

[00:13:39]  Jaci: Sie zeigt gerade ungefähr 20 cm mit ihren Fingern, dass wir das alles sehen.

[00:13:44]  Shelly: Genau, so dick, so viele Wörter, so viele Buchstaben.

[00:13:48]  Es ist mir einfach ab dem dritten Buch zu steil geworden.

[00:13:53]  Ich war auch irgendwie 13, wie ich das gelesen habe. [lacht]

[00:13:56]  Kann man sich jetzt auch darüber streiten, ob das ein angemessenes Alter ist.

[00:13:59]  Ich habe parallel die Serie dazu geschaut und habe gewusst, was passiert.

[00:14:04]  Und dann war es mir den Aufwand nicht mehr wert, das Buch zu lesen, wo ich doch eh weiß,

[00:14:09]  was passiert, weil es dann einfach mühsam geworden ist.

[00:14:12]  Aber die Storyline, die Serie und die Bücher, sie sind ja gut.

[00:14:17]  Sie sind wirklich gut.

[00:14:19]  Nur habe ich dann irgendwie die Lust dran verloren.

[00:14:23]  Die Serie habe ich fertig geschaut.

[00:14:25]  Wir reden nicht über die zwei letzten Staffeln.

[00:14:27]  Jaci: [ungläubig] Die beiden letzten Staffeln?

[00:14:30] Shelly: Ja, ich hab die vorletzte und letzte nicht gut gefunden.

[00:14:33]  Jaci: Das fangen wir jetzt nicht an.

[00:14:35]  Diese Büchse der Pandora öffnen wir jetzt nicht.

[00:14:38]  Ganz kurz noch zu "Game of Thrones":

[00:14:40]  Ich habe es auch mit 16/17 gelesen.

[00:14:43]  Und ich habe alle gelesen.

[00:14:45]  Du hast recht, es hat sich für mich auch nicht gelohnt, es weiterzulesen.

[00:14:50]  Weil ich finde, die Serie einfach wirklich alles gut, wichtige herausfiltert,

[00:14:55]  dass einfach nichts verloren geht, was es nicht braucht wirklich.

[00:14:59]  Und deswegen haben die Romane für mich, wenn ich eben die Serie auch schaue,

[00:15:03]  keinen Mehrwert gehabt.

[00:15:05]  Und ich muss einfach sagen, mir hat der Schreibstil auch nicht so imponiert.

[00:15:10]  Also ich weiß nicht, was es ist.

[00:15:12]  Es liest sich gleich irgendwie wie "The Witcher".

[00:15:15]  Also die "Witcher"-Reihe.

[00:15:17]  Und es ist einfach irgendwie so ein bisschen langweilig, schleppend.

[00:15:21]  Ich sage das ganz, ganz ungern, weil ich beide Serien und beide Autoren ganz bewundernswert finde

[00:15:26]  und wirklich Welten geschaffen worden sind, die ganz, ganz toll sind.

[00:15:29]  Aber man merkt einfach irgendwie oft, dass es schon ältere Werke sind,

[00:15:34]  die einfach nicht mehr vor allem aber auch nicht meinem Geschmack dann einfach entsprechen.

[00:15:37]  Also da gebe ich dir ganz recht.

[00:15:39]  Es sind keine einfachen Bücher.

[00:15:41]  Vor allem mit 13 habe ich schon sehr früh die zu lesen.

[00:15:44]  So viel zu "Game of Thrones".

[00:15:46]  Mein letztes Buch, hat ich jetzt näher eingehe,

[00:15:49]  habe ich gerade vor kurzem, also vor ein paar Monaten oder sowas, DNF'd.

[00:15:53]  Und zwar ist es "A Study in Drowning" von Ava Reid.

[00:15:57]  Und das Buch habe ich schon ganz, ganz lang auf Bookstagram verfolgt

[00:16:01]  und war dann eigentlich begeistert und wollte es eigentlich wirklich lesen.

[00:16:04]  Und es ist dann in der Bibliothek zurückgekommen und dann habe ich mir gedacht,

[00:16:08]  "Gut, dann schnapp ich es mir gleich".

[00:16:10]  Aber habe es dann auch unter 100 Seiten lassen müssen,

[00:16:13]  weil ich einfach nicht klar gekommen bin.

[00:16:16]  Kurz zum Inhalt: Es geht um die junge Effie.

[00:16:19]  Und deren größter Traum ist es, Literatur zu studieren,

[00:16:22]  was ihr aber in, oder an der Literatur in dieser Fantasy Welt nicht gestattet ist.

[00:16:28]  Es dürfen nur Männer Literatur studieren.

[00:16:30]  Sie studiert dann Architektur.

[00:16:32]  Und ist natürlich in beidem mega begabt.

[00:16:35]  Sie erhält dann eben die einmalige Chance durch ihre Universität

[00:16:38]  und darf eben als Architekturstudentin das Anwesen

[00:16:42]  ihres verstorbene Lieblingsautors renovieren.

[00:16:45]  Und dort trifft sie dann auf den mysteriösen Preston,

[00:16:50]  der eben ein Literaturstudent ist und eben Literatur studieren darf

[00:16:54]  und der eben den Nachlass des Autors quasi zusammenfasst oder zusammenführt.

[00:16:59]  Und die beiden stoßen dann irgendwie auf Sagen über einen Elfenkönig,

[00:17:05]  während sie in dieser ganz düsteren Gegend halt sind.

[00:17:09]  Also es ist der südlichste Punkt des Kontinents.

[00:17:12]  Und da ist nur Nebel und nur Grauer und Schauer und ganz furchtbar.

[00:17:15]  Effi kann eben diesen Preston von Anfang an nicht ausstehen

[00:17:18]  und beide versuchen dann die Geheimnisse des Anwesens irgendwie zu erkunden.

[00:17:23]  Und es klingt eigentlich eben prinzipiell cool und düster ein bisschen,

[00:17:26]  aber es war mir dann auch irgendwie zu gezwungen mysteriös und gruselig,

[00:17:31]  weil so viel Nebel war, dass man es schon gar nicht mehr aushalten konnte.

[00:17:35]  Es waren einfach so viele Zufälle, die da zusammenkommen sind,

[00:17:39]  dass sie dann wirklich als ganz junge Studentin gar ein Anwesen renovieren darf,

[00:17:44]  weil sie so talentiert ist und so viel Glück hat.

[00:17:47]  Sie war irgendwie ein bisschen eingebildet, weil sie eben gesagt hat, sie ist so brillant,

[00:17:51]  sie sollte Literatur studieren dürfen irgendwie.

[00:17:53]  Und ich verstehe das, dass es sie aufregt, dass sie es nicht darf als Frau, also da bin ich voll bei ihr.

[00:17:59]  Aber sie war einfach so unnahbar für mich.

[00:18:02]  Und es war dann einfach irgendwie zu gezwungen,

[00:18:05]  dieses zu gezwungen einsam, zu gezwungen düster,

[00:18:08]  das ist ja doch ein ganz schlechtes Verhältnis zu ihrer Mutter,

[00:18:10]  was sie nicht versteht, weil einfach alle miteinander mal reden sollten.

[00:18:13]  Aber ja, eben ... Shelly: Frustrierend.

[00:18:16]  Jaci: Es war sehr frustrierend, ja.

[00:18:18]  Es war sehr gezwungen einfach alles.

[00:18:20]  Deswegen leider musste ich es lassen.

[00:18:22]  Shelly: Deshalb dreimal nein. [lacht]

[00:18:24]  Jaci: Ja, ich habe heute leider kein Foto für dich.

[00:18:27]  Shelly: Gut, dann zu meinem letzten, wo ich jetzt ein bisschen weiter ausholen muss,

[00:18:31]  weil es so ein bisschen sehr spezifisch ist.

[00:18:33]  Und zwar die Hebammen-Saga von Sabine Ebert,

[00:18:36]  das ist eine historische Romanreihe, umfasst fünf Bücher.

[00:18:40]  Und ich habe beim vierten Band "Der Fluch der Hebamme" aufgehört zu lesen.

[00:18:44]  Kurz zum Inhalt:

[00:18:46]  Die historische Romanreihe begleitet die junge Marthe,

[00:18:49]  eine kluge Hebamme im 12. Jahrhundert,

[00:18:52]  eine sehr junge Hebamme,

[00:18:54]  die nach einem dramatischen Vorfall aus ihrem Dorf fliehen muss.

[00:18:57]  Sie schließt sich einem Siedlerzug an, der vom Ritter Christian geführt wird,

[00:19:01]  und hilft beim Aufbau von Christiansdorf. [lacht]

[00:19:04]  Ja, aber das ist historisch belegt.

[00:19:07]  Christiansdorf, das zum späteren Freiberg wird.

[00:19:10]  Inmitten politischer Umbrüche, Intrigen und Kämpfe,

[00:19:13]  behauptet sie sich als Heilerin und starke Frau

[00:19:15]  in einer von Männern dominierten Welt.

[00:19:18]  Genau.

[00:19:20]  Und diese Reihe gibt halt spannende Einblicke in das mittelalterliche Leben.

[00:19:24]  Voll gut geschrieben, voll gut ausgeführt,

[00:19:28]  ich habe das mit 13 lesen. [lacht verschämt]

[00:19:31]  Ich war sehr früh reif, okay?

[00:19:33]  Jaci: Mit 13 habe ich noch meine Freundin Connie gelesen.

[00:19:36]  Shelly: Ja, sorry. [lacht]

[00:19:38]  Also, eben, ich war noch sehr jung,

[00:19:40]  und dadurch hat mich dieser historische Kontext,

[00:19:42]  die politischen Intrigen und so eher weniger interessiert,

[00:19:45]  was heutzutage natürlich wesentlich spannender für mich wäre.

[00:19:48]  Aber ich war voll gecatcht von dieser Liebesgeschichte zwischen Marthe

[00:19:51]  und Christian, die sich da entwickelt hat, die Hebamme und der Ritter.

[00:19:54]  [verzückt] Oh Gott, es war so toll. [Jaci lacht]

[00:19:56]  Es war so toll!

[00:19:58] Shelly: [voller Verzückung] Warte kurz, ich muss mich kurz sammlen ...

[00:20:03] Jaci: [lachend] Brauchst du eine Minute?

[00:20:05]  Shelly: Auf jeden Fall an dieser Stelle eine riesige, riesige Spoilerwarnung.

[00:20:10]  Wer die Bücher lesen möchte, wir haben sie nicht in der Bibliothek habe ich geschaut,

[00:20:14]  der sollte jetzt vielleicht abdrehen.

[00:20:16]  Der Christian stirbt [Jaci zieht scharf die Luft ein] im dritten Teil der Reihe.

[00:20:22]  Er stirbt und das auf eine sehr, sehr hinterhältige Weise.

[00:20:26]  Und ich kann mich noch genau an den Tag erinnern,

[00:20:29]  an dem ich diesen dritten Teil ausgelesen habe.

[00:20:31]  Es war ein Sommertag.

[00:20:34]  Ich war zu Hause, ich habe Ferien gehabt,

[00:20:36]  und es hat geregnet, das weiß ich noch, ziemlich stark geregnet sogar,

[00:20:40]  es war Gewitter.

[00:20:42]  Und ich habe an diesem Tag auch noch mit meiner Mama gestritten,

[00:20:45]  und dann habe ich auf mein Zimmer gehen müssen,

[00:20:47]  und habe dann nicht mehr herausgehen dürfen.

[00:20:49]  Aber war mir in dem Moment auch ganz recht,

[00:20:51]  weil ich wollte sowieso meine Ruhe haben und ich wollte lesen.

[00:20:54]  Und dann sitze ich da so nichts ahnend in meinem Schaukelstuhl

[00:20:57]  und wartet darauf, dass sich Ritter Christian

[00:21:00]  wieder mal aus einer brenzlichen Lage befreit,

[00:21:02]  weil der Typ hat echt ein Talent,

[00:21:04]  der ist immer in so lebensgefährlichen Situationen gewesen,

[00:21:07]  hat sich aber immer irgendwie herausgewunden aus dem,

[00:21:10]  und ich bin so fest davon ausgegangen,

[00:21:12]  dass es wieder gut ausgeht,

[00:21:14]  weil ich war ja erst beim dritten Teil der Reihe von fünf Teilen.

[00:21:18]  Und wer lässt bitte eine Hauptfigur,

[00:21:21]  die noch dazu die große Liebe der Protagonistin ist,

[00:21:24]  [empört] mitten in der Reihe sterben?

[00:21:28]  Da baue ich über drei Bücher diese epische Love Story auf,

[00:21:32]  und dann ... [seufzt schwer, Jaci lacht] Das hat mich so, also ich war so nicht vorbereitet auf das,

[00:21:38]  und ich habe Rotz und Wasser geheult.

[00:21:41] Ich war so fertig,

[00:21:43]  mein Schluchzen muss so laut gewesen sein,

[00:21:45]  dass mein Mama dann ins Zimmer gekommen ist

[00:21:47]  und voll das schlechte Gewissen gehabt hat,

[00:21:49]  weil sie geglaubt hat ich weine so wegen ihr. [Jaci wirft ein: Meina!]

[00:21:51]  Aber sie war mal in dem Moment so egal. [lacht]

[00:21:54]  Jaci: Es ging nur um Christian!

[00:21:57]  Shelly: Ja, auf jeden Fall war der Tag dann für mich gelaufen,

[00:22:00]  und Mama hat die Reihe auch gelesen und wollte mir noch überzeugen,

[00:22:04]  dass ich doch weiterlesen soll,

[00:22:06]  weil "die Marthe wird auch ohne Christian noch sehr glücklich,

[00:22:09]  und es geht noch ganz gut aus", aber ich war so beleidigt. [Jaci macht ein bedauerndes Geräusch]

[00:22:12]  Ich habe sogar den vierten Teil angefangen, wie gesagt,

[00:22:15]  aber ich habe den dann abgebrochen, weil ich mir gedacht habe: Nein!

[00:22:18]  Und ich werde diese Reihe auch niemals fertig lesen.

[00:22:21] So! ... Jetzt wo ich darüber rede,

[00:22:23]  merke ich, wie sehr es mich immer noch beschäftigt

[00:22:25]  nach zehn Jahren. [beide lachen]

[00:22:27]  Aber ja, das ist mein DNF.

[00:22:29] Jaci: Ja es tut mir sehr leid ...

[00:22:31]  dass diese Folge dich so aufwühlt.

[00:22:33]  Shelly:Es wühlt mich sehr ... mein Puls ist gerade voll in die Höhe geschossen. [lacht]

[00:22:35]  Jaci: Das ist viel schlimmer als bei mir,

[00:22:37] und "Verbrechen und Strafe". [beide lachen]

[00:22:39]  Shelly: Ja, aber so ist das.

[00:22:41]  Manche Bücher nehmen uns einfach mit.

[00:22:43]  Jaci: Sie lösen Emotionen aus. [Shelly seufzt]

[00:22:45]  Shelly: Gibt es eigentlich ein Buch,

[00:22:49]  was du lieber nicht gelesen hättest, wo du dich durchgequält hast?

[00:22:55]  Jaci: Viele.

[00:22:57]  Also die Top 3, die ich jetzt nennen könnte,

[00:23:01]  wären zum Beispiel "The Cruel Prince" von Holly Black,

[00:23:05]  da habe ich die ganze Reihe gelesen,

[00:23:07]  weil ich wissen wollte, was der Hype ist.

[00:23:09]  Bis zum Ende habe ich nicht verstanden, was der Hype ist. [Shelly: Okay.]

[00:23:13]  Schrecklich, hat mir gar nicht gefallen.

[00:23:15]  Dann "Yellow Face" von R.F. Kuang.

[00:23:19]  Also diesen Bestseller.

[00:23:21]  Schrecklich, also habe ich mir gar nicht gefallen,

[00:23:23]  das Buch habe ich ganz, ganz schlimm gefunden.

[00:23:25]  Und "Verity" von Colleen Hoover.

[00:23:29] Shelly: [lacht überrascht] Ja! - Jaci: Schrecklich.

[00:23:31]  Ich hab das zwar in einem Tag gelesen, also ich hab nur einen Tag gebraucht,

[00:23:33]  aber ich hätte diesen Tag gern wieder zurück. [beide lachen lauthals]

[00:23:37]  Könnte noch mehr sagen, aber...

[00:23:39]  Shelly: Es sprengt jetzt den Rahmen.

[00:23:41]  Jaci: Es sprengt den Rahmen.

[00:23:43]  Shelly:Wir könnten da Folgen machen, Bücher,

[00:23:45]  die wir nie lesen hätten sollen, wollen.

[00:23:47] Weil ich hab da bei mir stehen,

[00:23:49]  ein ganzes Genre, und zwar "Dark Romance". [Jaci: Ach!]

[00:23:53]  Ich habe reingelesen und war so verstört

[00:23:57]  und so angeekelt, dass ich es bleiben hab lassen ...

[00:24:01]

[00:24:03]  Okay, vielleicht, wenn ihr Interesse an einer Folge "Dark Romance" habt,

[00:24:07]  dann müssen wir uns ein bisschen besser vorbereiten.

[00:24:09]  Dann schreibt uns das, post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at

[00:24:15]  oder innsbruck...

[00:24:17]  ne, "stadtbibliothek.innsbruck" auf Instagram.

[00:24:19]  Und lasst es uns wissen, wenn euch das interessiert.

[00:24:23]  Und ansonsten würde ich sagen,

[00:24:27]  schreibt uns gerne, was eure DNFs sind.

[00:24:30]  Das würde uns auch sehr interessieren.

[00:24:32]  Jaci: Und welche der Bücher wir noch mal probieren sollten,

[00:24:34]  außer die Hebammen-Saga. [lacht]

[00:24:36]  Shelly: Nein, das machen wir nicht.

[00:24:38]  Jaci: Aber falls ihr uns sagt, das Buch war gar nicht so schlecht,

[00:24:40]  vielleicht solltet ihr doch durchbeißen und es lesen,

[00:24:42]  schreibt es uns auch.

[00:24:43]  Wir sind ja nicht so.

[00:24:44]  Genau, in dem Sinne, danke vielmals fürs Zuhören,

[00:24:47]  und wir hören uns beim nächsten Mal.

[00:24:49]  Tschüss.

[00:24:50]  [Outro-Musik]

[00:25:13]  [Pia spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck

[00:25:17]  und Teil der Stadtstimmen,

[00:25:19] dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Pia spricht]

Innsbruck liest-Special: im Gespräch mit Autorin Valerie Fritsch

Innsbruck liest-Special: im Gespräch mit Autorin Valerie Fritsch

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:07]  Boris: "Zitronen" von Valerie Fritsch ist 2024 bei Suhrkamp erschienen.

[00:00:15]  August Drach wächst in einem Haus am Dorfrand auf, dass Hölle und Paradies zugleich ist.

[00:00:22]  Der Vater von sich und dem Leben enttäuscht, misshandelt seinen Sohn,

[00:00:27]  Zärtlichkeit hat er nur für die Hunde übrig.

[00:00:30]  Trost findet August bei seiner Mutter, die ihn liebevoll umsorgt.

[00:00:35]  Doch als der Vater die Familie verlässt, verwandelt sich die Zuwendung der Mutter.

[00:00:40]  Sie mischt August heimlich Medikamente ins Essen, schwächt das Kind, macht es krank.

[00:00:46]  Von seiner Pflege verspricht sie sich Aufmerksamkeit und Bewunderung.

[00:00:51]  Erst Jahre später gelingt es August, sich aus den Fängen der Mutter zu befreien.

[00:00:56]  Ein unabhängiges Leben zu führen, erste Liebe zu erfahren.

[00:00:59]  Doch wie lernt ein erwachsener Mensch das Rätsel, einer Kindheit zu lösen,

[00:01:04]  in der Grausamkeit und Liebe untrennbar zusammengehören?

[00:01:08]  Wie durchbricht er den Kreislauf von Lügen und Betrügen?

[00:01:12]  Und was passiert, wenn sich dieser Mensch Jahre später an den Ursprung des Schmerzes zurückwagt?

[00:01:21]  [Intro-Musik]

[00:01:35]  Hallo und herzlich willkommen zurück beim Vorwort "Kurz und Schmerzlos".

[00:01:41]  Heute mit Valerie Fritsch und mein Name ist Boris Schön.

[00:01:46]  Ja, Valerie. Schön, dass du da bist.

 

Freut mich sehr.

[00:01:49] 

 

Valerie:

Ja, danke für die Einladung.

[00:01:51]  Boris: Wie immer würde ich dich als erstes bitten, dich kurz vorzustellen.

[00:01:55] 

 

Valerie:

Das ist ganz simpel. Ich bin Valerie und ich bin Schriftstellerin. [Boris lacht leise]

[00:01:59]  Boris: Du bist ja die diesjährige Innsbruck-Liest-Autorin und ich frag dich jetzt einfach:

[00:02:05]  Hast du von der Aktion vorher schon mal gehört oder war das komplett neu für dich?

[00:02:09] 

 

Valerie:

Tatsächlich kannte ich das aus anderen Städten, weiß nicht woher.

[00:02:12]  Dass es Innsbruck auch macht, wusste ich nicht.

[00:02:14]  Und als ich dann die Mail bekommen habe, habe ich mich sehr altmodisch gefreut

[00:02:19]  und war überrascht und fand es sehr schön, dass ich das sein darf.

[00:02:23]  Hast du das Gefühl, du bist eine Autorin, die für eine Auflage in einer kleinen Stadt für 10.000 Bücher

[00:02:29]  oder empfindest du dich als Autorin für so eine Aktion?

[00:02:32]  Ich weiß nicht, ich habe mir das immer so gedacht. Wie empfindet man das?

[00:02:35]  Also gibt es Autoren, die sich dafür nicht bereit empfinden

[00:02:38]  oder nicht das richtige Genre schreiben oder die falsche Geschichte?

[00:02:42]  Ich fand es überraschend, weil es doch ein komplizierter anspruchsvoller Text ist.

[00:02:46]  Der auch sich mit diesem Gewaltthema in sehr vielen verschiedenen Schattierungen befasst.

[00:02:51]  Deswegen fand ich es eigentlich eine recht mutige Wahl für so ein großes Verteilprogramm.

[00:02:55]  Und auch besonders schön, dass man sich das zutraut und auch den Lesern, den potentiellen, und den Leserinnen zutraut.

[00:03:01]  Boris: Ja, das finde ich auch toll, ja.

[00:03:03]  Ich finde es sehr gut, dass sich die Jury dieses Jahr sich für dich entschieden hat.

[00:03:09]  Gestern war ja schon die Auftaktveranstaltung und heute, du kommst jetzt gerade von einer Signierstunde.

[00:03:16]  Wie waren da so die ersten Eindrücke für dich in Innsbruck jetzt mit den Leserinnen und Lesern?

[00:03:21]  Valerie:

Sehr schön, es war ganz lebhaft und voller Resonanz.

[00:03:24]  Viele Menschen sind danach noch gekommen und haben mir ihre eigenen Geschichten erzählt.

[00:03:29]  Teilweise ganz heimlich hinter der Hand, ihre eigenen Gewalterfahrungen, Sachen, die ihnen passiert sind.

[00:03:35]  Und das ist immer ... sind Momente großer Vertraulichkeit, die dann ganz plötzlich, obwohl man sich ja fremd ist,

[00:03:41]  eigentlich entstehen durch so ein Buch oder durch so eine Aktion, durch so eine Öffentlichkeit.

[00:03:45]  Und das ist immer besonders schön eigentlich, weil es so unvermutet ist, das man Platz hat in dieser Welt dafür.

[00:03:51]  Boris: Du hast in einem Gespräch, ich weiß nicht mehr, ich glaube auf der Buchmesse oder so, ich habe mir es in einem Podcast angehört,

[00:03:59]  hast du gesagt, dass du dich eigentlich versucht hast, dem Thema Gewalt zu nähern oder diesem Phänomen Gewalt zu nähern,

[00:04:05]  weil sie die so selber so fremd war [Valerie macht ein zustimmendes Geräusch], sag ich jetzt mal vermutenderweise.

[00:04:11]  Also die eine Frage, was hast du dabei herausgefunden?

[00:04:14]  Und die andere Frage, wie hat sich das dann auf dieses Buch ausgewirkt?

[00:04:17]  Valerie: Ja, tatsächlich war der Ausgangspunkt, dass Gewalt und die ubiquitäre Gewalt überall passiert,

[00:04:24]  etwa ständig liest man es in der Zeitung,

[00:04:26]  und immer sagt man den schönen Satz: "Das kann ich mir gar nicht vorstellen", dass das passiert oder dass das jemand macht.

[00:04:32]  Deswegen hatte ich das Gefühl, es ist mir so fremd und fern und ich muss mich dem irgendwie annähern, damit ich es besser verstehe.

[00:04:38]  Und dann habe ich begonnen, Stück für Stück, also mit Fachliteratur, und dann

[00:04:41]  mit diesen sehr, sehr vielen Gesprächen mit Betroffenen, mit den Gewaltopfern, mit den Gewalttätern und den Mördern,

[00:04:48]  Stück für Stück, soweit man das eben kann, es ist ja immer nur eine Annäherung dem nahe zu rücken.

[00:04:55]  Und schlussendlich hatte ich natürlich kein Verständnis für die Tat, aber ich habe es besser verstanden.

[00:05:00]  Die vielen Geschichten und die Essenzen davon haben mir irgendwie mehr über Gewalt erzählt

[00:05:06]  und auch über unsere Gesellschaft und auch über die Sprachlosigkeit und wie viele Menschen auch Liebe mit Gewalt verwechseln,

[00:05:13]  ist mir erst danach richtig klar geworden.

[00:05:16]  Und der schönste Satz ... oder "der schönste Satz", der [betont] schrecklichste Satz, der praktischste Satz dazu, was ist Gewalt

[00:05:22]  und warum passiert Gewalt? "Gewalt ist häufig eine praktische Lösung für ein unpraktisches Problem."

[00:05:28]  So haben mir das die Mörder beschrieben.

[00:05:31]  Boris: Entschuldige die Frage, ich hoffe, sie ist okay, aber hat es dich auch verändert dieser Prozess?

[00:05:35]  Valerie: Er hat mich auf jeden Fall angerührt, er hat mich nicht losgelassen.

[00:05:41]  Gerade auch in anderen Recherchen, die ich in den letzten Jahren oder im letzten Jahrzehnt gemacht habe,

[00:05:47]  ist man immer wieder gut ausgestiegen, auch wenn es trotzdem intime Themen waren, aber man hat eine gewisse Distanz behalten.

[00:05:53]  Das war mir in dieser Recherche gar nicht möglich, weil man sitzt mit Menschen zusammen, die plötzlich tagelang oder Nachmittage lang

[00:06:00]  auf engstem Raum, die ihren schlimmsten Schmerz erzählen oder die größte Verzweiflung ihres Lebens,

[00:06:06]  Geschichten, die eigentlich nicht anschlussfähig sind, weil keiner kennt sie.

[00:06:09]  Und wenn dann eine Frau, die gegenüber sitzt, die einen Femizidversuch überlebt hat und dir darüber berichtet,

[00:06:16]  dann kann man da nicht mehr zurücktreten.

[00:06:18]  Und tatsächlich sind mir einige meiner GesprächspartnerINNEN, vor allem nicht nur als journalistischer,

[00:06:25]  schriftstellerische, professionelle Gesprächspartner, Interviewpartner, übergeblieben, sondern auch als Freunde zugewachsen.

[00:06:32]  Da konnte man diese Grenze nicht mehr aufstellen und ich wollte es auch nicht.

[00:06:36]  Und ich habe mir immer gedacht, sie sollen in meinem Leben bleiben und wenn man ihnen auch irgendwie noch hilfreich sein kann,

[00:06:41]  dann will ich das auch machen. Und dann scheiße ich auch diese ganze Distanz. [lacht]

[00:06:46]  Boris: Das Berufliche, das dann zum Privaten wird, ein bisschen?

[00:06:49]  Valerie: Das ist mir in dem Fall wirklich passiert, aber ich denke auch im schönsten Sinne, wenn man sich dann auch angreifen lässt davon, ja.

[00:06:58]  Boris: Jetzt nochmal zurückzukommen auf die, also quasi nach diesem Rechercheprozess.

[00:07:03]  Wie ist es dann losgegangen mit dem Buch?

[00:07:05]  Hast du dann im Zuge diese Recherche eine Geschichte für dich im Kopf gehabt oder wie kann ich mir das vorstellen?

[00:07:12]  Valerie: Ich wollte im Rechercheprozess, war mein erklärtes Ziel, ein bisschen klüger zu werden natürlich.

[00:07:17]  Irgendwie näher heranzurück, mehr davon zu verstehen.

[00:07:22]  Und in dem Punkt, wo ich dann das Gefühl habe, ich habe ein bisschen was davon erfasst und bin der Essenz ein bisschen näher gerückt,

[00:07:27]  beginne ich dann zu schreiben.

[00:07:29]  Und baue aus den vielen, vielen kleinen wahren Geschichten oder Teilgeschichten und Baustücken, eine fiktionale Geschichte.

[00:07:37]  Und das ein bisschen wie ein Tetris-Spiel der Wahrheit, die dann zusammengebaut wird.

[00:07:40]  Stück für Stück beginne ich dann zu schreiben und irgendwann tritt der große Wahnsinn ein und ich

[00:07:46]  bin fertig und das ist dann auch gut so. [lacht leise] - Boris: Und hast du dann das Gefühl, du hast so, du spürst

[00:07:50]  es richtig so, jetzt ist es gesagt? Jetzt ist es gesagt, ja das weiß ich ganz genau. Da spürt

[00:07:56]  man jetzt kullert der letzte Satz aus einem raus, keiner zu viel, keiner zu wenig. Da muss man ja

[00:08:01]  immer aufpassen. Ich habe es eher gern knapp. Ich sage lieber, im Zweifelsfall zu wenig als

[00:08:06]  zu viel und das weiß ich dann auch ganz genau und das ist dann auch erleichternd, wenn man merkt,

[00:08:11]  man hat das Ende erreicht davon, jahrelange Arbeit, in der man sich so viel mit diesem Thema

[00:08:17]  beschäftigt hat. Gewalt hat sozusagen jahrelang meinen Alltag und auch den von meiner Familie

[00:08:22]  dominiert im Gespräch und dann war das vorbei und das ist auch ein guter Moment und auch ein

[00:08:27]  gespenstischer, weil ein bisschen vermisst man es, glaube ich, weil man ja so tief eingedrungen

[00:08:31]  in diese Materie. - Boris:Da habe ich jetzt zwei Fragen noch dazu. Die eine ist dann so, wie ist es für

[00:08:36]  dich dann dieser Moment, wenn du das Buch sozusagen aus deinen Händen gibst und weiß nicht oder lesen

[00:08:43]  während des Prozesses schon Leute das Buch oder ist das so, weißt du wie ich meine, dass du so,

[00:08:47]  wie du jetzt sagst, du beschäftigst dich jahrelang mit etwas und dann ist es fertig und [Valerie, zeitgleich: Dann

[00:08:52]  muss man es hergeben] und dann kriegt man ja, ich weiß nicht, hast du dann freust du dich auf die

[00:08:56]  Resonanz oder hast du Angst, dass die vielleicht oder wie ist das, ist das ein durchwachsendes Gefühl?

[00:09:02]  Das ist ein durchwachsenener Prozess. Also während des Schreibens liest nur mein Mann als Erstleser immer

[00:09:07]  wieder Teile mit. Meine Lektorin bekommt es eigentlich erst am Schluss, wenn ich fertig bin

[00:09:11]  und wenn dann wirklich ein Buch fertig ist und rausgeht und publiziert wird und diese

[00:09:16]  Schnittstelle in die Öffentlichkeit stattfindet, ist es natürlich immer eine große Preissgabe,

[00:09:20]  wo man nicht weiß, was einem passiert. Das kann sehr grausam sein. Auch das größte

[00:09:26]  Lob kann grausam sein, wenn man immer so in der Öffentlichkeit steht und man ist eben einfach ...

[00:09:31]  da auch so eine Form der Ausgeliefertheit als Autor, wenn alles drin steckt und dann wird

[00:09:36]  befunden, ob das gut oder schlecht oder genau oder ungenau ist. In dem Fall war es aber ganz

[00:09:42]  speziell, weil mir so viele Menschen ihre intimen Geschichten erzählt hatten. Da war mein größtes

[00:09:47]  Anliegen, dass sich diese Leute, auch wenn sie nur in einem Halbsatz irgendwie ihre eigene Geschichte

[00:09:52]  oder ihren eigenen Schmerz entdecken, dass die sich gut repräsentiert fühlen, dass die finden,

[00:09:58]  ich habe präzise gearbeitet, dass die sich drin erkannt fühlen und das war mir sehr wichtig.

[00:10:03]  Das hat wunderbar funktioniert und so war das größte Kompliment bei diesem Buch auch nicht die

[00:10:08]  Kritik im Feuilleton, sondern dass in Österreich viele Kindergewaltschutzzentren begonnen haben,

[00:10:14]  dieses Buch auch in ihre Fachlektüre aufzunehmen, weil sie gefunden haben, es ist so ein gutes

[00:10:20]  Schlüsselloch, um in solche Gewaltgeschichten und von gewaltgeprägten Kindheiten ganz nahe

[00:10:25]  hineinzuschauen. Und das hat mich wirklich gefreut. - Boris: Hattest du schon mal die Erfahrung,

[00:10:31]  dass du einen Text geschrieben hast und er ist nie fertig geworden und du hast du das Gefühl,

[00:10:35]  gehabt, das funktioniert nicht oder hast du bis jetzt alle deine Schreibprozesse für dich

[00:10:39]  immer abschließen können? - Valerie: Ja, natürlich passiert das. Das weiß man auch ganz genau,

[00:10:43]  weiß man, dass das nichts ist. [lacht] Das ist ein Blödsinn, der nicht funktioniert und dann muss man es

[00:10:47]  schonungslos und einfach ohne zurückzuschauen löschen. - Boris: [lacht] In den Schredder. - Valerie:  In den Schredder,

[00:10:54]  weg damit, runterspülen, nie wieder dran denken, auch nicht aufheben, denke ich. Da muss man sich

[00:10:59]  wirklich total davon verabschieden. Das wird einfach nicht besser, wenn es nicht funktioniert.

[00:11:04]  Boris: Noch mal um auf das Gewaltthema zurückzukommen. Ich habe ja immer so ein bisschen das Gefühl,

[00:11:10]  dass Gewalt doch männlich ist. - Valerie: Ja. - Boris: Würdest du das ... - Valerie: Nicht nur, aber ich fürchte überwiegend

[00:11:17]  stimmt es. Also die Zahlen und Fakten sagen, die meisten schweren Gewaltdelikte, in häuslicher

[00:11:23]  Gewalt und überhaupt auch in Tötungsdelikten gehen von Männern aus. Das heißt nicht,

[00:11:27]  dass es nicht auf gewalttätige Frauen gibt, das möchte ich gar nicht sagen, aber es ist in der

[00:11:31]  Proportionalität eine ganz ganz andere. - Boris: Und trotzdem hast du ja jetzt in dem Buch schon eine Frau,

[00:11:38]  eine Mutter, die ja auch Gewalt verübt. Also wenn man also eine andere Motivation heraus,

[00:11:43]  war dir das wichtig, dass du dir gedacht hast, da muss auch ein weiblicher Teil drin sein?

[00:11:47]  Valerie: So habe ich es gar nicht angelegt. Mich hat dieses Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom eigentlich

[00:11:52]  vor allem deswegen interessiert, weil es so wunderbar exemplarisch ist für die Verwechslung von

[00:11:58]  Gewalt und Zuneigung. Also von Gewalt und Zärtlichkeit, von Gewalt und Liebe. Das ist eine ganz perfide

[00:12:03]  Form dieses Sich-Kümmerns. Und das schaut aus wie die große Liebe, wie die große Bekümmerung. Und

[00:12:10]  eigentlich ist es eine ganz ganz gemeine Form von Gewalt, damit dieses Kümmern erst stattfinden

[00:12:15]  kann. Und das wird, glaube ich, sehr, sehr oft in ganz verschiedenen Beziehungskonstellationen

[00:12:20]  oft auch zwischen Männern und Frauen in romantischen Beziehungen verwechselt. Dass das eine zum

[00:12:24]  anderen führt und das eine das andere verdeckt und das eine das andere rechtfertigt. Und so fand

[00:12:30]  ich es sehr exemplarisch und wollte in dem Buch generell ganz viele verschiedene Formen von

[00:12:34]  Gewalt-Phänomenen. Von A bis Z, von klein bis groß, von exotisch bis normal, irgendwie ein bisschen

[00:12:40]  beleuchten. - Boris: Was im Roman hier auch auftaucht und eigentlich finde ich eine so eine wichtige Rolle

[00:12:46]  spielt, sind ja Hunde. Wie bist du auf die Hunde gekommen? - Valerie: Ja, ich bin generell eine große Tierliebhaberin.

[00:12:53]  Ich würde am liebsten mit ganz vielen Tieren leben und kann auch keinem Tier widerstehen.

[00:12:57]  Das hat mich sehr beschäftigt. All diese Tiergeschichten natürlich haben Tiere mit ihren Hundenblicken

[00:13:03]  und ihrem Verständnis. Und das ist so leicht sie zu lieben. Viele Menschen, die mit

[00:13:07]  Menschen Probleme haben, stürzen sich ja dann ganz aufs Tieren. Und das fand ich sehr schön

[00:13:12]  einzubetten eigentlich in dieses Zärtlichkeitsphänomen. Man sagt ja auch immer "böse Menschen brauchen

[00:13:19]  Hunde, die sie heimlich lieben". - Boris: Ja, vielen Dank für deine Antworten und auch die Einblicke

[00:13:27]  in dieses Buch sozusagen von außen. Ich kann es ja allen nur empfehlen zu lesen und es sind vielleicht

[00:13:34]  noch ein paar Exemplare vom Innsbruck liest-Buch unterwegs. Sonst muss man es sich von wem anderen

[00:13:39]  ausleihen oder dann doch noch mal kaufen gehen. Und würde gerne zum Schluss wie immer dich darum

[00:13:45]  bitten, dass du einen literarischen Tipp oder einen Buchtipp für unsere Zuhörerinnen und

[00:13:50]  Zuhörer gibst. - Valerie: Ich habe gerade begonnen zu lesen, ich bin noch nicht fertig, aber es ist wunderschön,

[00:13:56]  sehr verdichtet, auf Englisch: "Orbital" von Samantha Harvey. Der letztejährige [Anm. d. Red.: Men] Booker Prize. Und ich habe gerade nachgeschaut,

[00:14:05]  es gibt es auch in der Übersetzung, da heißt es "Umlaufbahnen". Ein ganz schmales Büchlein über

[00:14:09]  einen Tag im Weltraum. Sehr, sehr poetisch, sehr, sehr dicht, sehr tiefgreifend. Es springt einem

[00:14:16]  wenn man Sprache liebt und für große Gedanken direkt ans Herz, kann ich allen die so was mögen

[00:14:21]  sehr, sehr, sehr empfehlen. - Boris: Ja, vielen herzlichen Dank. Und ich freue mich schon auf die heutige

[00:14:27]  Veranstaltung, die wir dann noch haben im botanischen Garten. Und hoffe, die Aktion klingt

[00:14:31]  spannend aus, so wie sie angefangen hat. - Valerie: Ich freue mich auch. - Boris: Danke dir. [Outro-Musik]

[00:14:35]  [Boris spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen,

[00:15:05]  dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Boris spricht]

Kurz und Schmerzlos mit … Dr. Thomas Nußbaumer

Kurz und Schmerzlos mit … Dr. Thomas Nußbaumer

Stadtbibliothek Innsbruck

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[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:07]  [Intro-Musik] Boris: Hallo und herzlich willkommen zurück beim Vorwort "Kurz und Schmerzlos",

[00:00:28]  Heute mit Thomas Nußbaumer und mein Name ist Boris Schön.

[00:00:33]  Ja, Thomas, schön, dass du da bist.

[00:00:36]  Thomas: Hallo.

[00:00:37]  Boris: Hallo.

[00:00:38]  Ich würde dich als erstes kurz bitten, dich vorzustellen.

[00:00:42]  Thomas: Ja, mein Beruf ist Volksmusikforscher oder wie das Neuhochdeutsch heißt: Ethnomusikologe.

[00:00:49]  Ich bin in der Funktion am Innsbrucker Standort der Universität Mozarteum Salzburg tätig

[00:00:57]  und meine Aufgabenbereiche sind Feldforschung zur musikalischen Tradition hauptsächlich im Alpenraum,

[00:01:04]  aber auch darüber hinaus, Veranstaltung von Symbosien, von Konzerten, und Publikationen.

[00:01:12]  Boris: Die vielleicht ganz banale Frage, wie kamst du zu dieser Tätigkeit?

[00:01:18]  Ich habe Musikwissenschaft studiert und habe das Glück gehabt, zu einer Zeit Musikwissenschaft zu studieren,

[00:01:26]  wo man davon ausgegangen ist, dass man sich für alle möglichen Felder der Musik interessieren sollte

[00:01:35]  und bin dann zunächst einmal historisch geprägt gewesen, aber dann dank Manfred Schneider,

[00:01:46]  ein sogenanntes Akademiker-Training, Anfang der 90er-Jahre am Tiroler Volksliedarchiv absolviert,

[00:01:53]  bin dort mit spannenden Tonaufnahmesammlungen von Volksmusik aus Osttirol und Südtirol in Kontakt gekommen

[00:02:05]  und habe dann sehr bald einmal eigene Feldforschungen unternommen und wurde dann am Mozarteum angestellt in der Funktion auch.

[00:02:15]  Das hat mich eben interessieren begonnen.

[00:02:19]  Boris: Und Feldforschung bedeutet, du bist quasi vom Stanzlabend, oder ich weiß nicht, das wird keine Tiroler Musikkategorie sein vielleicht,

[00:02:28]  bis zum musikalischen Abend irgendwo unterwegs oder besuchst auch Umzüge oder wie kann man sich das vorstellen?

[00:02:37]  Thomas: Im Grunde genommen alles, ja.

[00:02:40]  Das beginnt mit der Kontaktaufnahme mit sogenannten Überlieferungsträger*innen und Menschen, die traditionelle Musik machen und Lieder singen

[00:02:53]  und umfasst Interviews bei denen zu Hause, wo dann auch musiziert wird,

[00:03:01]  bis hin zu Aufnahmesitzungen, wo mehrere Musizierende zusammenkommen,

[00:03:08]  natürlich auch die Dokumentation von öffentlichen Veranstaltungen und ein besonderes Steckenpferd ist ja die Fasnacht,

[00:03:16]  und zwar eben die Fasnacht als musikalisches und klangliches Ereignis

[00:03:21]  und da ist praktisch alles, was zur Feldforschung gehört vom Einzelinterview bis zum großen Umzug enthalten.

[00:03:28]  Boris: Inwieweit ist denn Authentizität in diesem Bereich eine relevante Kategorie,

[00:03:34]  oder gibt es da authentisch/nicht authentisch oder wie kann man das einstufen, weil du vorher,

[00:03:38]  ich habe jetzt ein Begriff vergessen, Bewahrer, glaube ich, oder?

[00:03:43]  Thomas: Überlieferungsträger, ja.

[00:03:45]  Boris: Überlieferungsträger genannt hast.

[00:03:48]  Thomas: Ja, das mit der Authentizität ist natürlich so eine Sache.

[00:03:54]  Ich meine, Authentizität gibt es rein objektiv betrachtet gar nicht.

[00:04:00]  Das ist eine subjektive Kategorie, wenn man sie auf Kultur oder in dem Fall auf Volksmusik anwendet.

[00:04:07]  Im Grunde genommen ist alles authentisch, was Menschen machen.

[00:04:12]  Authentizität als Qualitätsmerkmal ist aber etwas, was sozusagen von bottom up gesetzt wird.

[00:04:22]  Es gibt also Deutungsinstanzen, zum Beispiel im Volksmusikpfleger oder manchmal auch Forscher

[00:04:27]  die sagen ja, die und die Tradition ist alt und authentisch und die andere ist weniger wertvoll,

[00:04:32]  weil sie jung ist.

[00:04:33]  Das sind alles subjektive Kriterien.

[00:04:35]  Ich versuche aber da, objektiv vorzugeben.

[00:04:39]  Boris: Ist das dann sozusagen anhand von Zeitzeugen oder woran kann man das festmachen,

[00:04:43]  ob etwas ein altes Brauchtum ist oder ein neuerer Brauch?

[00:04:48]  Wenn es letztes Jahr aufgetaucht ist, dann ist es vielleicht sichtbarer,

[00:04:54]  aber ob was seit, in welchen Kategorien wir da sprechen,

[00:04:58]  200, 300 Jahren schon existiert oder seit 30 Jahren oder so,

[00:05:01]  oder wo sind da die Grenzen oder woran macht man das fest?

[00:05:05]  Kann man das so sagen überhaupt?

[00:05:07]  Thomas: Grundsätzlich geht man bei solchen Fragen ja historisch vor.

[00:05:10]  Man schaut, welche Quellen gibt es für bestimmte Stücke oder für bestimmte Traditionen

[00:05:17]  und sehr oft sind es im Bereich der Volkskultur mündliche Quellen.

[00:05:23]  Das heißt, man hat schriftlich sehr wenig.

[00:05:27]  Man interessiert sich ja eigentlich für Volksmusik und Volkskultur erst seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts.

[00:05:35]  Das heißt, was vorher war, entzieht sich zum Teil auch der heutigen Begrifflichkeit.

[00:05:41]  Und im Grunde genommen ist Tradition etwas Wandelbares.

[00:05:45]  Also die Lieder, die man 1820 gesungen hat,

[00:05:50]  als Joseph Sonnleithner im Jahr 1819 so eine große Sammelaktion in ganz Österreich initiiert hat,

[00:05:58]  unterscheidet sich völlig von dem, was man um 1900 gesungen hat oder was man heute singt.

[00:06:05]  Auch die Darbietungsweise für Musik verändert sich.

[00:06:10]  Das kann man sehr gut am Vergleich historischer Tonaufnahmen mit heutiger Praxis ermessen.

[00:06:17]  Also Tradition verändert sich und darf sich auch verändern.

[00:06:21]  Was vielleicht immer ein wichtiger Punkt ist bei Traditionen, sie knüpfen oft an Vorhergehendes an,

[00:06:28]  aber es gibt immer wieder mal innovative Schübe, es gibt auch komplette Änderungen und das ist spannend.

[00:06:34]  Boris: Ich meine ich hab da jetzt für mich so ein Bild, z.B. Krampusumzüge, die auch musikalisch oft schon eher so mit etwas technoider Musik unterlegt sind.

[00:06:43]  Das ist natürlich eher eine neuere Entwicklung, hätte ich jetzt als Laie gesagt. [lacht]

[00:06:47]  Aber kann mir vorstellen, dass natürlich viele innovative Sachen passieren und das Ganze sich durchmischt.

[00:06:53]  So wie es in der Ethnologie generell ein Thema ist, woher kommen Sachen und wie verlaufen sie und wo kommt es neu dazu?

[00:07:01]  Thomas: Die Grenzen zwischen sogenannter "Volkskultur" und sogenannter "Hochkultur" und sogenannter "Popkultur" sind ja fließend.

[00:07:10]  Das sind ja eigentlich Kategorien, die sich in unseren Köpfen manifestiert haben, aber in der Praxis bezieht man Anleihen von überall her.

[00:07:19]  Und es macht ja durchaus Sinn, dass man Heavy Metal zum

[00:07:23]  Kampus-Umzug spielt. Man will ja etwas ganz Wildes und Lautes darstellen und was

[00:07:28]  eignet sich da besser. - Boris: Jetzt habe ich auf der Website des Mozarteums gesehen,

[00:07:32]  dass du auch die Musik der Old Order Amish in Iowa beforscht hast und

[00:07:40]  dokumentiert hast. Jetzt erstens einmal, wer sind überhaupt die Old Order Amish?

[00:07:44]  Thomas: [korrigiert Aussprache] Amish - Boris: Amish. Tschuldigung. Ja. Und wie kam es dazu? - Thomas: [lacht] Ja, das wäre jetzt

[00:07:51]  fast eine sehr lange Geschichte, aber nur ganz kurz. Also die Old Order Amish - oder Amischen -

[00:07:56]  sind eine religiöse Gruppe, die kommen aus der Täufer-Bewegung, die ja so um 1520

[00:08:09]  entstanden ist. Die Amischen gibt es aber erst seit 1693, benannt sind sie nach

[00:08:14]  Jakob Amman, das war ein Schweizer, also aus dem

[00:08:19]  Kanton Bern, der diese Gruppe irgendwie mit seinen Ideen

[00:08:25]  geformt hat. Amish gibt es heute nur noch in Nordamerika, speziell in den USA.

[00:08:31]  Ihr Kennzeichen ist, dass sie keinen elektrischen Strom zu Hause verwenden, also

[00:08:38]  nicht am öffentlichen Stromnetz sind, dass sie anstatt mit Autos, mit Baggies

[00:08:42]  durch die Gegend fahren, dass sie die Telekommunikation vermeiden, dass sie

[00:08:47]  schmucklos einheitlich gekleidet sind. Also sie folgen ganz konsequent der Bibel

[00:08:54]  und dem Gebot jede Form von Luxus zu vermeiden. - Boris: Und wie kam es dazu, dass du die

[00:09:00]  beforscht hast? - Thomas: Na, ich habe einen Kollegen in Iowa, der war damals Professor an der

[00:09:05]  Iowa State University in Ames, Jin Tao, und den habe ich eigentlich kennengelernt

[00:09:09]  durch meine Feldforschung zum Thema Volksmusik und Nationalsozialismus. Und

[00:09:15]  er hat mich aber eigentlich damals 2005 nach Iowa eingeladen, weil dort ein

[00:09:21]  Carnival-Symposiun war. Also ich habe dort über "Carnival in der Alps" referiert.

[00:09:27]  Und er hat mir dann, also sozusagen vor dem Symposium, auf ein paar hundert

[00:09:32]  Kilometer weiter in den Südosten entführt, wo er mit Amischen seit Jahrzehnten

[00:09:37]  zusammenarbeitet, weil die sprechen ja bei Pennsylvania-Deutsch. Das ist ein weiteres

[00:09:42]  sehr wichtiges Merkmal. Und er war eben Professor für German Language und hat

[00:09:47]  immer seine Studierenden dort hinbracht, damit sie sehen, dass man nicht nach

[00:09:52]  Deutschland fahren muss, um Deutsch zu hören, sondern dass das quasi von der

[00:09:56]  Haustür hat. Und er hat sie überreden können oder überzeugen können, dass sie

[00:10:01]  sich von mir beim Singen aufnehmen lassen. Also wir haben weltweit die meisten

[00:10:07]  amischen Tonaufnahmen, weil normalerweise lassen sich die ja nicht aufnehmen.

[00:10:12]  Und im Moment entsteht gerade ein Buch drüber. - Boris: Und wie klingen die Gesänge? Ist das

[00:10:18]  klassisch, oder wie kann man sich das vorstellen? - Thomas: Ja, also das sind sehr

[00:10:22]  melismatische Gesänge. Das heißt also pro Wortsilbe sehr viele Töne, bis zu

[00:10:28]  neun, manchmal sogar zwölf Töne. Und die Tradition beruht eigentlich auf der

[00:10:34]  protestantischen Choral-Tradition. Das heißt, es sind also melismatisch

[00:10:38]  gesungene Choräle, die sehr sehr langsam gesungen werden. Deshalb

[00:10:45]  bezeichnen die Amischen das auch aus langsame Weisen. Und die bilden aber

[00:10:50]  einen Kontrast zu den "Fast Tunes". Also das sind dann deutsche amerikanische

[00:10:55]  englische, geistliche Lieder. Und natürlich gibt es dort auch den Volkslieder, Kinderlieder,

[00:11:01]  Wiegenlieder. Also wir haben seit 2005 in mehrere Exkursionen sehr viel davon

[00:11:09]  aufgenommen und viel Material gesammelt. - Boris: Ja, sehr spannend. Jetzt bist du heute zu

[00:11:14]  Gast in der Stadtbibliothek, weil wir einen Abend haben wo es um das Thema "Hymnen"

[00:11:19]  geht. Es geht auch um anlässlich eines Buches "O du mein Österreich" um die

[00:11:24]  Landeshymne in Österreich. Für dich als Ethnologe, wenn ich die Frage so

[00:11:29]  stellen darf, was haben denn Hymnen in der heutigen Zeit für eine Bedeutung oder

[00:11:35]  für eine Relevanz? Weil mir kommt es als Laie immer vor, es ist eher was aus der

[00:11:39]  Vergangenheit. - Thomas: Ja, das ist immer eine sehr merkwürdige Sache mit den Hymnen.

[00:11:44]  Zu meinem großen Erstaunen habe ich von einem Vorfall in Niederösterreich

[00:11:48]  gelesen, im Dezember letzten Jahres, also Dezember 2024. Dort wurde einem

[00:11:54]  Ukrainer nachträglich die österreichische Staatsbürgerschaft wieder

[00:11:58]  aberkannt, weil er sich geweigert hat bei der Verleihungsfeier die österreichische

[00:12:04]  Bundeshymne zu singen. Die Argumentation war offensichtlich, könne er sich also

[00:12:11]  mit Österreich nicht identifizieren an, mit unseren Werten nicht und so weiter

[00:12:15]  und deshalb sei eben da, sofort die Staatsbürgerschaft abzuerkennen.

[00:12:20]  Wenn ich andererseits dran denkt, Bundeshymnen nimmt man wahr bei Sportübertragungen,

[00:12:25]  bei Fußballländerspielen, da stehen die da, manche singen, manche singen falsch mit,

[00:12:31]  manche singen richtig mit. Ja, es erzeugt im Moment halt so ein Gefühl von

[00:12:36]  Gemeinschaft, von nationaler Gemeinschaft, also Patriotismus. Das ist

[00:12:41]  eigentlich so irgendwo der Zweck von Bundeshymnen, auch Landeshymnen, wobei

[00:12:48]  natürlich ja immer die Frage ist, wer sich davon angesprochen fühlt.

[00:12:54]  So eindeutig ist ja das überhaupt nicht. - Boris: Jetzt wären wir am Schluss unseres Gesprächs

[00:13:01]  und ich wollte noch fragen, hast du ein Buch, das du unseren Zuhörer*innen empfehlen

[00:13:07]  kannst? - Thomas: Ja, ich habe ein Buch, das wird immer wieder als schwer lesbar

[00:13:14]  klassifiziert und es gibt viele, die sich nicht darüber trauen, weil das so dick ist

[00:13:20]  und es hat auch zwei Bände und es ist ein Roman, der nie fertig gestellt wurde.

[00:13:28]  Boris: [lacht] Ich habe schon eine Vermutung. - Thomas: Es ist "Der Mann ohne Eigenschaften". [Anm. d. Red.: von Robert Musil]

[00:13:31]  Boris: Sehr gut, ja, es ist ein tolles Buch. Es gibt in Innsbruck einen Buchhändler,

[00:13:36]  den [Name unverständlich], der sagt, er hat es schon zweimal gelesen.

[00:13:41]  Thomas: Kann ich nachvollziehen, weil es ist wirklich, es ist faszinierend.

[00:13:46]  Man wird in diese Geschichten hineingezogen und ich denke, es passt da irgendwie zu dem Thema

[00:13:52]  Hymnen als nationale Symbole. Es geht ja eigentlich, ich meine, der Roman steht

[00:13:58]  halt einfach irgendwo für so ein bestimmtes Österreich-Bild, das man hat.

[00:14:02]  Es ist da sehr viel von Mentalität oder von dem Spirit einfach drin.

[00:14:06]  Boris: Ja, Thomas, vielen Dank für das Gespräch. Danke, dass du Zeit gehabt hast

[00:14:10]  und ich freue mich auf den heutigen Abend. - Thomas: Danke auch, Boris.

[00:14:36]  [Boris spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen,

[00:14:42]  dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Boris spricht]

Teatime: Das Reich der Sieben Höfe von Sarah J. Maas

Teatime: Das Reich der Sieben Höfe von Sarah J. Maas

Stadtbibliothek Innsbruck

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[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:06]  [Intro-Musik] Shelly: Boah, also heute bin ich echt langweilig am Weg.

[00:00:23]  Ich hab vergessen mir einen speziellen guten Tee einzupacken

[00:00:27]  und hab mir jetzt im Pausenraum noch einen gesuchten, hab nur Schwarztee gefunden.

[00:00:31]  Was trinkst denn du?

[00:00:33]  Jaci: Bei mir gibt es heute ein fruchtiges Bärchen.

[00:00:36]  Shelly: [beide lachen] Ein fruchtiges Bärchen.

[00:00:38]  Jaci: Manchmal brauche ich einfach einen Früchtedee der ballert.

[00:00:42]  Shelly: Ah gut, das kann ja heiter werden heiter werden heute. [beide lachen] [Soundbite: Tee wird eingeschenkt, Tasse klirrt, Tee wird getrunken]

[00:00:54]  Shelly: Hallo und herzlich willkommen beim Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck

[00:00:59]  und heute wieder bei einer neuen Folge der Teatime, in der Jaci und ich

[00:01:04]  über Internetkultur rund um das Thema Literatur reden.

[00:01:08]  Und schon mal vorab kann ich spoilern, ihr werdet heute nicht viel von mir hören in dieser Folge,

[00:01:14]  denn es wird uns heute hauptsächlich die Jaci durch die Folge führen,

[00:01:18]  weil wir gehen heute ein Herzensprojekt von ihr an.

[00:01:21]  Um was geht's denn heute, Jaci?

[00:01:23]  Jaci: Heute ist der Tag aller Tage, [Shelly lacht] denn heute geht es um ein ganz besonderes Thema.

[00:01:30]  Heute geht es um "A Court of Thornes and Roses", meine Lieblingsbuchreihe von Sarah J. Maas.

[00:01:36]  Shelly: Zu Deutsch? - Jaci: "Das Reich der sieben Höfe". Wir ignorieren die schlechte Übersetzung. [lacht]

[00:01:42]  Wir werden uns heute mit dem englischen ... also wir werden "A Court of Thornes and Roses", den Titel benutzen,

[00:01:47]  bzw. die Abkürzung "ACOTAR" - für die Kenner.

[00:01:52]  Shelly: Ich zähle mich ja mittlerweile auch zu den Kennern.

[00:01:55]  Also diese Reihe, "Das Reich der Sieben Höfe", kennt ihr vielleicht schon von unserer TBR-Folge.

[00:02:02]  Und die stand ja ganz weit oben bei mir, die dieses Jahr lesen wollte.

[00:02:07]  Und wir haben jetzt Ende März und ich kann stolz behaupten, ich hab sie im Februar schon gelesen gehabt, alle.

[00:02:15]  [Jaci klatscht, ruft, "Barvo"] Applaus!

[00:02:17]  Ja, also ich bin bereit für diese Folge.

[00:02:21]  Jaci: Perfekt, ich auch.

[00:02:23]  Es tut mir jetzt schon leid, wenn ich lange Monologe halte, [lacht] Shakespeare-esque lange Monologe.

[00:02:29]  Aber die Shelly ist heute da, um mich einzubremsen und das wird toll.

[00:02:33]  Shelly: Was ist denn überhaupt dein Hintergrund mit dieser Buchreihe?

[00:02:37]  Warum bist du da so obsessed?

[00:02:39]  Jaci: Ich kann den genauen Punkt nicht festmachen, wieso ich so verrückt nach der Reihe bin oder wieso ich sie so gern mag.

[00:02:47]  Ich habe sie mit 16 angefangen zu lesen und da war es einfach eine der ersten Fantasy-Reihen, die mich einfach gepackt hat.

[00:02:58]  Also ich habe von der Autorin eine andere Reihe gelesen gehabt, "Throne of Glass" heißt die.

[00:03:03]  Und die ist eben für jüngere Leser*innen und die "ACOTAR"-Reihe ist dann eben schon für ältere, also YA eben, also für Young Adults, für junge Erwachsene eben.

[00:03:15]  Und ich habe mich einfach in die Figuren, die Charaktere verliebt und war einfach von Anfang an verzaubert von der Welt.

[00:03:23]  Und ich bin dann eben älter geworden und die Figuren sind älter geworden und es war dann einfach so ein Wachsen mit den Figuren.

[00:03:30]  Und [schmunzelnd] ich habe dann auch meine Bachelorarbeit drüber geschrieben über den Entwicklungsprozess der Protagonistin.

[00:03:37]  Und was einen fantasischen Entwicklungsprozess oder Coming of Age-Prozess habe ich es auch genannt in der Arbeit, eben von einem normalen sozusagen nicht fantasischen unterscheidet.

[00:03:48]  Und Spoiler darum werden wir auch ein bisschen reden, dass ich mein Fachwissen einbringen kann.

[00:03:54]  Genau, aber ich weiß nicht genau, woher meine Obsession gekommen ist, aber ich bin sehr froh, dass ich die liebe Shelly dazu motivieren, zwingen oder überreden konnte, die Reihe zu lesen.

[00:04:06]  Und freue mich jetzt auf die Folge. Ich bin sehr nervös, weil ich mich sehr auf die Folge freue.

[00:04:12]  Ich bin euphorisch nervös, wenn das Sinn macht.

[00:04:15]  Genau, ich würde jetzt die Shelly fragen, wie es ihr beim Lesen der Reihe gegangen ist. Also was ist dein erster Eindruck gewesen von der Reihe?

[00:04:25]  Okay, also ich muss gleich vorab sagen, ich habe sie auf Deutsch gelesen, weil wir sie in der Bibliothek auf Deutsch haben, sowohl als Buch und als E-Book.

[00:04:36]  Ich habe da ein bisschen abgewechselt, was halt gerade verfügbar war, weil die wird sehr, sehr oft ausgeliehen, diese Reihe.

[00:04:42]  Jaci: Zu Recht.

[00:04:43]  Shelly: Da habe ich mich mit einem gebattled, [beide lachen] der hat immer vor mir ausgeliehen und ich habe dann warten müssen.

[00:04:49]  Der erste Teil "Das Reich der Sieben Höfe". Wie heißt der erste Teil?

[00:04:54]  Jaci: "Dornen und Rosen".

[00:04:55]  Shelly: "Dornen und Rosen", genau. Ja. War okay.

[00:05:01]  Ich habe mir während dem Lesen gedacht, boah, wäre ich jetzt so 13, 14 Jahre alt, das würde mich so abholen.

[00:05:08]  Aber jetzt mit meinen 23 Jahren war es doch eher so nett, mal so für zwischendurch reingestreut, passt schon, ist lieb.

[00:05:20]  Und dann habe ich schon zur Jaci gesagt, ja, ist jetzt nicht so meins.

[00:05:25]  Und dann hat die Jaci gesagt, warte ab, fang mal mit dem Zweiten an.

[00:05:30]  Jaci: Also der zweite ist meiner Meinung nach der beste Teil, ist auch eines meiner absoluten Lieblingsbücher.

[00:05:35]  Ich weiß, man darf in einer Reihe eigentlich niemanden bevorzugen, aber das zweite Buch ist einfach gut.

[00:05:40]  Und ich finde, sie werden einfach immer besser, weil die Autorin eben einfach für mich mitgewachsen ist mit der Reihe.

[00:05:46]  Und sich einfach total evolved hat vom Worldbuilding her, also vom Aufbau der Welt.

[00:05:51]  Ganz toll.

[00:05:53]  Ich bin froh, dass du es weitergelesen hast.

[00:05:55] Shelly: Ja, ich auch. Nein, wirklich.

[00:05:56]  Also ab dem zweiten Buch ist dann dahingegangen mit mir.

[00:05:59]  Das Worldbuilding, wie du sagst, das war so viel glaubhafter, so viel authentischer, also so authentisch wie ein Fantasybuch sein kann.

[00:06:07]  Und das war dann echt wirklich ein schönes Leserlebnis.

[00:06:11]  Über den vierten Teil können wir uns streiten.

[00:06:15]  Das ist das umstrittenere Buch aus der Reihe.

[00:06:18]  Es ist wesentlich dünner als alle anderen, das hat irgendwie nur so knapp 400 Seiten, glaube ich.

[00:06:23] Jaci: Nicht einmal.

[00:06:24]  Shelly: Nicht einmal, gell?

[00:06:25]  Und "this could have been an e-mail". [lacht]

[00:06:28]  Jaci: Nein!  - Shelly: Das hätte einfach ... da ist nichts passiert da drinnen.

[00:06:33]  Das war so voll nett zum Lesen, so voll süß und cute, so ein bisschen auf Weihnachten und nett.

[00:06:40]  Aber da ist einfach nichts passiert.

[00:06:41]  Das hätte man sich voll sparen können. [lacht]

[00:06:43]  Jaci: Okay, okay.

[00:06:44]  Ja, ich verstehe das Argument, aber ich verstehe es auch nicht.

[00:06:48]  Genau, ich fasse jetzt nochmal ganz kurz zusammen, was die Reihe ist für die Zuhörer*innen, die die Reihe nicht kennen.

[00:06:55]  Aber gleich vorweg, wir werden viele, viele, viele Spoiler hier in dieser Folge haben.

[00:07:00]  Also wenn jemand die Reihe nicht kennt und sie aber noch lesen möchte und ein ungespoilertes Leserlebnis haben möchte,

[00:07:07]  dann jetzt abschalten, ihr wurdet gewarnt.

[00:07:10]  Aber wir werden heute einfach über alles sprechen, was eben in allen Bändern passiert und uns nicht nur auf den ersten beschränken.

[00:07:17]  Genau.

[00:07:18]  Die "ACOTAR"-Buchreihe besteht eben aus vier Romanen und einer Novelle, wobei es in den ersten drei Romanen und eben der Novelle um Feyre geht.

[00:07:29]  Und im letzten Band dann um ihre Schwester Nesta.

[00:07:33]  Shelly: [lacht] Das hat sich gereimt: Schwester - Nesta.

[00:07:36]  Jaci: Genau.

[00:07:37]  Und auf dieser Reihe eben mit diesen vier Romanen und einer Novelle passiert eben dieses ganze, die ganze Folge jetzt eben.

[00:07:45]  Dieses "ACOTAR" bezieht sich eben auf all diese Bände, was ich gerade gesagt habe.

[00:07:49]  Wir gehen eben ein bisschen davon aus, dass die Zuhörer*innen, die jetzt zuhören, die Story kennen, weil es eben ein ACOTAR-Special ist und man sich dann besser zurechtfindet.

[00:07:58]  Ich werde ganz kurz zusammenfassen, worum es geht in der Reihe, gerade dass man ein Gefühl hat, dass man alle wieder am selben Stand sind.

[00:08:05]  Wir folgen in den ersten drei Romanen und der Novelle, der Feyre, die zu Beginn des ersten Romans 19 Jahre alt ist.

[00:08:12]  Feyre lebt mit ihren beiden älteren Schwestern Nesta und Elain im Reich der Menschen, das an das Land Prythian grenzt und in diesem Land leben keine Menschen, sondern die magischen Fae, oder Fae.

[00:08:26]  Fae sind eben unsterbliche Wesen, die wunderschön und magisch sind und nichts mit den Menschen zu tun haben eigentlich.

[00:08:33]  Und Feyre tötet, mehr oder weniger aus Versehen, ein Fae in Gestalt eines Wolfes und muss zur Strafe dann ihre Heimat verflassen und eben ihrer Familie und nach Prythian ziehen quasi, wo sie am Frühlingshof wohnt.

[00:08:48]  Bei einem der sieben High Lords, der heißt Tamlin, oder Tamlin.

[00:08:53]  Und Tamlin ist eben der Herr des Frühlings in diesem Reich.

[00:08:57]  Es gibt sieben Höhe in dem Reich, aber das ist jetzt nicht weiter relevant für unsere Story.

[00:09:03]  Es gibt einfach sieben Reiche, die in Prythian sind.

[00:09:05]  Und wichtig ist aber, dass Menschen und Fae sich hassen, weil es vor 100 Milliarden Jahren ungefähr einen Krieg gegeben hat, wo Menschen gegen Fae gekämpft haben.

[00:09:14]  Und deswegen ist auch das Reich immer total in des Reichs der Menschen und des Reichs der Fae, wobei eben die Menschen eine tiefe Ablehnung gegen die Fae haben.

[00:09:22]  Feyre hasst eben, aufgrund dieses Hasses, den sie seit klein auf eingebürgert bekommen hat, alle Fae und aus dessen Folge dann auch Tamlin.

[00:09:32]  Aber Spoiler, es ist eine romantische, also es ist ein Roman, also sie verliebt sich im Laufe des ersten Bandes dann in Tamlin und er auch in sie.

[00:09:40]  Und das Problem ist dann aber, dass Prythian von einer tyrannischen Herrscherin eingenommen worden ist, seit 50 Jahren oder sowas.

[00:09:50]  Und die heißt Amarantha und diese möchte Tamlin für sich.

[00:09:54]  Und Feyre muss dann in drei Prüfungen antreten quasi, um ihre Liebe zu Tamlin zu beweisen und aber gleichzeitig die ganze Prythian zu retten mit ihren 19 Jahren.

[00:10:06]  Shelly: Darf ich kurz einschmeißen? - Jaci: Ja.

[00:10:08]  Shelly: Das hat mich voll an die Hunger Games erinnert.

[00:10:11]  Jaci: Echt? - Shelly: Ja voll.

[00:10:12]  Das hat mich voll in den Vibe gegeben mit diesen Wurm, gegen den sie dann gekämpft hat und diese Arena und andere Leute schauen zu.

[00:10:20]  Jaci: Okay, ja, okay. Verstehe ich ein bisschen.

[00:10:23]  Shelly: Also wer die Hunger Games mag, für den ist glaube ich das auch etwas.

[00:10:28]  Jaci: Ich glaube dann ist es aber nicht brutal genug.

[00:10:30]  Es ist halt eine Fantasy-Reihe und Hunger Games ist halt Sci-Fi.

[00:10:34]  Shelly: Ja, stimmt.

[00:10:35]  Jaci: Aber sie kämpft um ihr Leben und stirbt bei jeder Sekunde fast die ganze Zeit.

[00:10:40]  Und weil sie eben die ganze Zeit fast stirbt, geht sie einen Deal mit dem Highlord der Nacht ein und zwar Rhysand.

[00:10:49]  Lassen wir das mal kurz auf der Zunge ergehen. Rhysand.

[00:10:51] [Shelly seufzt theatralisch: "Herrlich."]

[00:10:53]  Jaci: Der eben auch eine der sieben Highlords ist, der mächtigste möchte man hinzufügen.

[00:10:58]  Und der hilft Feyre eben Amarantha zu besiegen, doch dabei stirbt Feyre.

[00:11:03]  Und mit der Magie der sieben Highlords wird sie aber wieder zum Leben zurück erweckt, aber als Fae.

[00:11:09]  Also ist dann kein Mensch mehr.

[00:11:11]  Und da endet der erste Band.

[00:11:14]  Im zweiten Band versucht Feyre dann ihre ganzen dramatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

[00:11:19]  Und ist dann auf einmal mit Tamlin verlobt, der eben nach Amarantha wieder freigekommen ist.

[00:11:23]  Und sie merkt aber, ihr neuer Fae-Körper hat, also da findet sie sich gar nicht mehr zu Recht.

[00:11:30]  Sie hat auf einmal Kräfte, von denen sie nichts weiß.

[00:11:32]  Und Tamlin versucht aber gleichzeitig sie einzusperren und sie total zu behüten, weil sie jetzt eben quasi so eine Zielscheibe am Rücken hat.

[00:11:40]  Weil sie jetzt die Retterin von ganz Prythian auf einmal geworden ist.

[00:11:43]  Und bevor die Hochzeit stattfinden kann, hat Feyre also während der Hochzeit eigentlich, sie geht den Gang zum Altar hinunter.

[00:11:51]  Und da hat sie einen Nervenzusammenbruch.

[00:11:53]  Und da rettet sie dann Rhysand eben, der Highlord der Nacht, rettet sie dann von dieser Hochzeit, bringt sie an seinen Hof.

[00:12:00]  Wo die Feyre dann lernt, mit ihren Kräften umzugehen und mit ihrem Leben als Fae.

[00:12:06]  Und halt immer wieder zu Tamlin zurückkehrt, aber immer sich mehr von ihm weg entfremdet.

[00:12:11]  Und er sie dann schlussendlich total unterdrückt und einsperrt sogar im Haus.

[00:12:16]  Woraus Rhysand und sie dann befreit.

[00:12:19]  Und dann ist für Feyre eigentlich der Schlussstrich mit der Beziehung zu Tamlin passiert.

[00:12:23]  Und sie lebt halt bei Rhysand am seinem Hof.

[00:12:27]  Und zwischen den beiden steht dann eine Freundschaft, während sie ihre Fähigkeiten trainieren.

[00:12:32]  Und sie kommen auch drauf, dass sie beide dieselben Ziele für die Zukunft von Prythian und dem Reich der Menschen haben und auf ein gemeinsames Ziel quasi hinarbeiten.

[00:12:41]  Und in dieser Zusammenarbeit kommen sie, also merkt Feyre, wie sehr sie zu Rhysand hingezogen wird.

[00:12:48]  Und kommt dann eben viel zu spät im Roman drauf, dass er ihr Seelenverwandter, ihr "Mate" ist.

[00:12:56]  Und der zweite Teil endet dann mit dieser neuen Beziehung, die sie eingehen und tragischen politischen Ereignissen, in denen auch eben Feyres Schwestern auf einmal wieder entwickelt sind, die eben beide Menschen eigentlich sind.

[00:13:08]  Und es gibt eben dieses feindliche Königreich von Hybern.

[00:13:13]  Und die fangen quasi dann an Streit mit Prythian an und entführen Feyres Schwestern.

[00:13:18]  Und die werden dann durch magische und ganz tiefgehende Ereignisse, die wir jetzt nicht näher erläutern, auch zu Fae, also gleich wie die Feyre.

[00:13:26]  Im dritten Band ist dann eben dieser Krieg, der im zweiten anfängt.

[00:13:30]  Im dritten Band wird der quasi dann gekämpft und Spoiler: Sie gewinnen. Yay! [beide lachen]

[00:13:35]  Und die Novelle ist dann eben, also die Novelle ist das, was die Shelly gesagt hat, was eine E-Mail sein könnte.

[00:13:42]  In der Novelle erlebt man dann quasi einige kurze Wochen nach dem Krieg, in dem sich quasi das Land und auch unsere Figuren eben von dem Krieg erholen und total nett ein Fest feiern.

[00:13:55]  Und es ist ganz toll.

[00:13:57]  Und ich weiß nicht, was die Shelly dagegen hat.

[00:13:59]  Aber es geht endlich allen gut.

[00:14:01]  Alle leben.

[00:14:02]  Shelly: Ich hab nichts dagegen. Ich sag nur ...

[00:14:04] Jaci: Es ist ganz toll.

[00:14:06]  Shelly: Das hätte ein Zusatzkapitel sein können.

[00:14:08]  Jaci: Nein.

[00:14:09]  Shelly: Okay.

[00:14:10]  Jaci: Im vierten Band geht es dann eben um Feyres Schwester Nesta und wie die eben quasi ihre Traumata mit dem Krieg und ihrem Fae-Werden verarbeitet.

[00:14:21]  Und die dann auch quasi wie die Feyre im zweiten Teil einen Prozess der Selbstfindung und so was durchlebt.

[00:14:28]  So, jetzt haben wir ... das war jetzt so relativ kurz.

[00:14:30] Shelly: Ja ...

[00:14:31] Gut zusammengefasst.

[00:14:32] Ich kenne mich aus. [beide lachen]

[00:14:33]  Genau.

[00:14:34]  Wir werden heute über die Figuren Feyre und Nesta sprechen hauptsächlich, aber eben auch über Rhysand, Tamlin und einige Namen, die auch noch fallen werden, sind eben Elain, die dritte Schwester und Cassian und Azriel, die beiden besten Freunde sozusagen von Rhysand.

[00:14:53]  Und wir werden jetzt eben hauptsächlich über die zwei, ich nenne sie mal die zwei weiblichen Hauptrollen eben sprechen, auf die sich die Romane fokussieren, eben Feyre und Nesta und ihre Entwicklungsprozesse. Ganz kurz über die toxische Beziehung von Tamlin und Feyre und toxische Beziehungen im Allgemeinen, im YA-Genre eben, wieso die so beliebt sind und was sie eben ausmacht.

[00:15:14]  Und als letzten Punkt, falls wir Zeit haben, würde ich noch gerne auf eingehen, wie eben das unterschiedliche Leseerlebnis ist, wenn man jetzt wie ich mit den Figuren aufwächst oder wie du es einfach später liest.

[00:15:26]  Without further ado, lasst uns beginnen. [beide lachen leise]

[00:15:30]  Jaci: Kommen wir zuerst zu Feyre und ihre Entwicklung. Shelly, wie hat sich Feyre für dich im Laufe der Romane verändert? Also was sind so Eckpunkte, bei denen dir ein großer Sprung in ihrer Entwicklung aufgefallen ist?

[00:15:45]  Shelly: Also anfangs habe ich sie als sehr, sehr jung wahrgenommen. Also wie du jetzt gerade vorher erklärt hast, sie war 19 im ersten Band, das habe ich scheinbar überlesen.

[00:15:56]  Das war mir nicht klar. Ich hätte sie jünger geschätzt tatsächlich. Was glaube ich aber auch daran liegt, dass die Autorin das irgendwie verdeutlichen wollte, wenn sie ein Mensch ist und wenn sie zur Fae wird.

[00:16:09]  Weil sobald diese Verwandlung passiert ist, habe ich sie als viel erwachsener wahrgenommen. Also sie war, wie sie diesen Handel quasi wohlzogen hat und noch Prythian zum Hof des Frühlings gekommen ist,

[00:16:24]  da war sie doch sehr unschuldig und sehr hilflos auch und hat das alles über sich ergehen lassen müssen, mehr oder weniger.

[00:16:35]  Man hat aber schon gemerkt, dass sie einen ziemlich starken Willen dann auch auf der anderen Seite wieder hat und ständig versucht, abzuhauen und zurück ins Reich der Sterblichen zu kommen, zu ihrer Familie.

[00:16:48]  Man hat schon sehr ihre Charakterzüge, die starken erkennen können, die sie dann nach der Verwandlung total ausgemacht haben.

[00:16:58]  Jaci: Man muss ja auch dazu sagen, am Anfang vom ersten Teil, sie ist die jüngste der drei Schwestern und die erste Szene ist ja, wie sie

[00:17:10]  im Wald, im Winter im Wald sitzt und darauf wartet, dass irgendwie ein Reh oder

[00:17:13]  irgendein ein Wild vorbei geht, dass sie quasi Abendessen haben. Und sie ist

[00:17:18]  die Alleinversorgerin der Familie, ihr Vater kann aufgrund einer Verletzung

[00:17:21]  nicht mehr arbeiten und sie muss für alle sorgen und alle behandeln sie aber

[00:17:25]  schlecht. Und eben das ist eben das Paradox am Anfang, weil sie so stark

[00:17:29]  wirkt und so selbstständig, aber eben total naiv irgendwie am Anfang ist und

[00:17:34]  eben sehr kindlich, was ich darauf schiebe, dass sie zu früh erwachsen werden

[00:17:38]  hat müssen auch, dass sie früh ihrer Mutter verloren hat und dann immer

[00:17:43]  für alle verantwortlich war. Aber sie ist trotzdem selbstständig, aber ich verstehe

[00:17:47]  genau, was du eben sagst, sie wirkt am Anfang nicht wie 19. Also sie könnte

[00:17:51]  eben auch 16, 17 oder so was sein und ich finde eben auch, dass sie dann aber

[00:17:55]  schon vor ihrer Verwandlung, wenn sie sich quasi in Tamlin verliebt, da finde

[00:18:01]  sie wächst sie auch schon, weil sie irgendwie selbstsicher wird und mehr vom

[00:18:06]  Leben irgendwie versteht und es ist sehr organisch auch ihre Beziehung

[00:18:11]  zueinander irgendwie, dass sie beide aneinander wachsen irgendwie kommt mir vor,

[00:18:15]  dass beide ihren Hass eben für den anderen irgendwie überwinden, also

[00:18:18]  Enemies-to-Lovers eigentlich quasi, aber irgendwie richtig gut ausgeführt.

[00:18:23]  Shelly: Es hat sehr natürlich gewirkt, es war nicht so plakativ, das muss jetzt

[00:18:28]  passieren, sondern es hat sich so fließend - so fließend war das. Also ich habe es ihnen voll abgenommen

[00:18:33]  im ersten Roman. "Feyre und Tamlin, that's it".

[00:18:36]  Jaci: Ja, eben genau. Also man glaubt ja wirklich an ihre Liebe und ich finde dann eben

[00:18:41]  auch die Prüfungen von Amarantha, dass sie da quasi den Ernst des Lebens

[00:18:47]  irgendwie kennenlernt, obwohl sie eben davor schon so viel durchmachen

[00:18:50]  hat müssen, aber das dann die Momente, wo sie auf einmal merkt, okay, mir ist es

[00:18:54]  davor eigentlich eh gut gegangen und jetzt muss ich gegen so einen Wurm kämpfen,

[00:18:58]  der mich umbringt, eigentlich ist es davor doch gut gewesen und diese

[00:19:02]  Verzweiflung, die sie da auch spürt, finde ich kann man auch gut nachvollziehen und

[00:19:06]  ihre ganzen Gefühle. Ich finde es ist das sehr transparent für die Leser*innen und auch ihre

[00:19:11]  Verwandlung eben diesen Schock, den sie da empfindet, diese ... sie freut sich einerseits

[00:19:16]  am Leben zu sein, aber andererseits hasst sie eben die Fae eigentlich und

[00:19:19]  wollt halt eigentlich nie im Leben was mit ihnen zu tun haben und auf einmal ist sie

[00:19:23]  selber Fae, also das mit ihrer Downward Spiral diese dann zu Beginn des

[00:19:29]  zweiten Teils vor allem hat, finde ich ganz gut ausgeführt. Also diese

[00:19:34]  Entwicklung zu "Ich bin ein Mensch, ich muss bei denen leben, ich komme mit ihnen klar,

[00:19:37]  bin in einen verliebt, okay", aber dann wieder dieser Setback quasi zu "jetzt bin ich

[00:19:43]  selber irgendwie Fae", also das habe ich auch ganz gut empfunden. - Shelly: Es war halt so

[00:19:49]  diese Endgültigkeit oder, die sie dann so getroffen hat, dass sie jetzt wirklich

[00:19:53]  mit ihrem menschlichen Leben abgeschlossen hat und dass sie nicht mehr zurück kann?

[00:19:57]  Ich glaub, das war auch noch so ... - Jaci: Dass sie quasi jetzt endgültig in Prythian angekommen ist und

[00:20:02]  nie wieder ins Reich der Menschen zurück kann. Und im gleich wie im ersten

[00:20:07]  Teil, wie ich diese organische Beziehung zwischen Tamlin und Feyre war irgendwie

[00:20:11]  wahrgenommen habe, habe dann auch eben die Entwicklung zwischen Rhysand und Feyre

[00:20:15]  empfunden, dass die sehr eben wirklich zuerst mag sie nicht wirklich und er

[00:20:21]  hilft ihr aber trotzdem die ganze Zeit und dass eben auch dieses zuerst Freunde

[00:20:26]  werden und Verbündete irgendwie, ohne dass da irgendwas Sexuelles oder

[00:20:32]  irgendwas Romantisches ist. Es ist ein ganzer tiefes Vertrauen, was die aufbauen,

[00:20:36]  weil sie einfach wissen, okay, Feyre hat unter Amarantha gelitten und der Rhysand war

[00:20:42]  aber auch 50 Jahre dann quasi ihr Sklave und hat auch extrem gelitten und das

[00:20:47]  verbindet die beiden eben und sie entdecken dann gemeinsam wie stark sie sind

[00:20:51]  und wie schön die Welt halt quasi ist und dass es sich halt quasi lohnt weiter

[00:20:56]  zu machen und ich hab das Buch ganz toll einfach gefunden mit ihrer

[00:21:00]  Entwicklung, wie sie dann eben aus diesem Loch rauskommt, aber ohne eben quasi

[00:21:04]  dass ein Mann sie rettet im romantischen Sinne, sondern dass sie eben einfach

[00:21:10]  Freundschaften findet, also Rhysand und seine Gruppe vor allem und daran eben

[00:21:16]  sich selber wiederfindet, trotz ihrer Verwandlung. - Shelly: Ja vor allem Rhysand hat

[00:21:22]  ihr wirklich sämtliche Freiheiten dann gelassen, also der er hat sie nicht

[00:21:27]  eingesperrt, hat sie nicht unterschätzt, hat ihr voll viel allein zugetraut und

[00:21:33]  das hat sie in dem Moment, also in dieser Zeit, wo sie dann vom Tamlin weg ist,

[00:21:38]  der sie so eingesperrt hat, so untermannt hat, das hat sie gebraucht und da hast

[00:21:44]  wirklich gemerkt die beiden, die verstehen einander, die können einander

[00:21:49]  das geben, was sie brauchen und da hat man aber noch nicht gewusst, dass sie

[00:21:55]  tatsächlich seelenverwandt sind. Können wir ein bisschen auf diesen

[00:21:57]  "mating bond" eingehen? - Jaci: Gern, ja, gerne. Eben, also Sarah J. Maas, die Autorin, ist

[00:22:02]  bekannt dafür, dass sie eben in jeder ihrer Reihen diesen Begriff der

[00:22:07]  Seelenverwandten einbaut und das ist vor allem eben bei den Fae, dass eben die Idee ist,

[00:22:12]  dass jeder oder dass viele Fae eben quasi ein Gegenstück haben, diesen "mate", wo

[00:22:18]  eben quasi die Seelen einander anrufen quasi, weiß ich nicht wie man, oder dass

[00:22:22]  da einfach eine ganz tiefgehende Verbindung ist ... - Shelly: Ein unsichtbares Band, was dann quasi

[00:22:28]  zueinander findet und das spüren die dann auch körperlich dieses Band.

[00:22:32]  Jaci: Genau und in den meisten Fällen sind das dann eben so ganz tolle Liebesgeschichten

[00:22:37]  wie Feyre und Rhysand, wo es von Anfang an einfach Freundschaft gibt und eben

[00:22:42]  Vertrauen und Anziehung auch ganz viel, es ist ganz viel Chemie auch zwischen den

[00:22:47]  beiden, aber es gibt dann auch eben Seelenverbindungen, die nicht funktionieren,

[00:22:52]  also wo zwei Menschen verbunden werden, die einfach gar nicht zueinander passen.

[00:22:56]  Das war bei Rhysands Eltern so zum Beispiel, das ist eben ein sehr einnehmendes Ding

[00:23:02]  eigentlich. Ich finde aber, dass bei denen zwei es eben von Anfang an nicht das

[00:23:07]  einzige war, was sie verbunden hat, sondern eben zuerst ganz wichtig für mich

[00:23:11]  diese Unterlage war, das ist mir immer ganz wichtig bei Romanen und bei

[00:23:15]  romatischen Beziehungen, dass da eine Unterlage ist quasi auf der was

[00:23:19]  passieren kann und dann kommen die Gefühle, weil dieses "ich seh dich und ich liebe dich

[00:23:23]  sofort" finde ich ganz seltsam immer und bei eben, bei denen zwei war es einfach dieses

[00:23:29]  tiefgehende Vertrauen zuerst und dann ist erkannt worden - oder dann die Feyre erkannt

[00:23:33]  "oh, okay, er ist mein Seelenverwandter". - Shelly: Wobei Rhysand das ja schon gewusst hat.

[00:23:38]  Jaci: Genau, also Rhysand hat es von dem Moment an gewusst, wo Feyre eine Fae geworden ist, aber er

[00:23:45]  hat es halt nicht gesagt, also er war einfach ganz neutral für sie da und hat

[00:23:49]  auch am Anfang, wo Tamlin und Feyre noch zusammen waren, hat auch eben diese

[00:23:53]  Beziehung unterstützt, einfach weil er es beste für Feyre wollte.

[00:23:57]  Shelly: Bei der Nesta ist es ja eigentlich auch ganz ähnlich, bei der Schwester von der

[00:24:01]  Feyre, die hat auch sehr traumatische Erlebnisse gehabt, eben durch die

[00:24:07]  ungewollte Verwandlung zur Fae und den daraus resultierenden Lebenswandel quasi.

[00:24:12]  Wie ist es da mit ihr und Cassian dann gewesen? Es ist ja ähnlich.

[00:24:17]  Jaci: Genau, also er hat es glaube ich auch länger vermutet und auch länger dann gewusst, aber

[00:24:22]  er hat ihr auch den Freiraum geben quasi selber zu entscheiden, weil er einfach

[00:24:28]  auch gewusst hat, dass in letzter Zeit bei ihr viele Lebensentscheidungen für sie

[00:24:31]  getroffen worden sind und was ich einfach total gut find bei eben Cassian und

[00:24:36]  Nesta und aber auch bei Rhysand und Feyre: die Männer bringen der Frau quasi bei

[00:24:41]  selbstständig zu leben und eben auch sich zu verteidigen, weil Tamlin zum

[00:24:47]  Beispiel wollte Feyre beschützen und hat sie einsperrt und die anderen Männer

[00:24:50]  wollen sie auch beschützen ihre Frauen, aber bringen bei wie sie sich selber

[00:24:55]  verteidigen können und sich selber beschützen können und Cassian und

[00:24:59]  Nesta, da merkt man schon mehr Chemie finde ich von Anfang an, also wie bei Feyre und Rhysand,

[00:25:03]  aber es ist auch ganz langsam und schüchtern dieses Kennenlernen für

[00:25:11]  die Nesta vor allem dieses Vertrauen aufbauen, was ganz ganz wichtig ist, dass

[00:25:15]  sie ihr Trauma auch verarbeiten kann und dann eben auch, es geht dann auch nicht

[00:25:21]  hauptsächlich darum, dass sie jetzt wieder alles im Butter ist in ihrem Leben, weil

[00:25:25]  sie einen Mann kennengelernt hat und eben das finde ich eben macht Sarah J. Maas

[00:25:31]  eigentlich recht gut in dieser Reihe, dass es nicht nur um die Liebe geht, dass es um

[00:25:35]  so viel mehr geht im Leben. - Shelly: Sondern um Selbstfindung und dass gerade die

[00:25:41]  weiblichen Charaktere mehr auf sich selbst vertrauen können, die Stärke

[00:25:46]  finden sich selbst zu verteidigen, wissen wer sie dann sind und auch als

[00:25:53]  Heldinnen dann da stehen. - Jaci: Genau und ich meine einfach die Entwicklung, die die

[00:25:59]  Charaktere durchmachen, eben Feyre als ganz unschuldige, naive, 19-Jährige irgendwie

[00:26:04]  und dann zu dieser Herrischerin eigentlich, die gute Entscheidungen trifft, aber

[00:26:09]  immer noch lernt und sich selber verteidigen kann und im Leben steht und

[00:26:13]  seien wir mal ganz ehrlich, Nesta, ich habe sie gehasst in den ersten Büchern [Shelly: Ja, ich auch.], also

[00:26:17]  die war echt so eine kratzbürstige Person und richtig schrecklich einfach immer zu Feyre,

[00:26:23]  hat sie nur runter gemacht, hat nie irgendwas gemacht und in ihrem

[00:26:28]  Roman, wie man sie kennenlernt und wie sie selber einsieht, was für

[00:26:32]  Person sie ist, aber auch die Erklärungen quasi geliefert werden, wieso sie so ist,

[00:26:36]  wie sie ist. Das hat mich auch total geflasht und nach dem letzten Buch

[00:26:40]  wo ich mir gedacht habe, okay, sie ist eigentlich eine gute Figur, also sie ist

[00:26:43]  ein richtig starker Charakter, so viel mehr als eben diese ungute Person, die

[00:26:47]  man immer in ihr gesehen hat. - Shelly: Da stimme ich dir voll dazu, also dieses Buch hat so

[00:26:51]  viel Insights dann geliefert und es ist, finde ich, auch teilweise hochpsychologisch.

[00:26:57]  Jaci: Ja. - Shelly: Es ist auch auf jeden Fall kein Buch, was

[00:27:02]  ich jetzt jüngeren Lesern empfehlen würde. Es ist gut, dass es das letzte

[00:27:06]  Buch der Reihe ist, wenn man einfach das ganze, den ganzen Hintergrund einfach

[00:27:12]  schon gelesen hat und es besser versteht, aber ja, ich finde es ist total

[00:27:18]  gut ausgeführt, total schön geschrieben und ich habe einfach so mitgefiebert die

[00:27:23]  ganze Zeit. Ich glaube, es ist definitiv mein zweitliebstes Buch, weil das

[00:27:29]  zweite Teil ist ungeschlagen, der ist einfach toll [Jaci lacht leise], aber der fünfte ist auch so super.

[00:27:34]  Jaci: Ja, es ist eben ganz wichtig, dass du sagst, dass du das letzte Buch nicht für

[00:27:39]  jüngere siehst, weil das ist auch das spannende an der Buchreihe, die ist

[00:27:43]  eben wie ich vorher gesagt habe, angefangen, hat sie als YA, also als Young Adult Literature

[00:27:47]  und ist dann aber eben aufgrund des letzten Buches und den steigenden,

[00:27:52]  dramatischen Thematiken und aber auch vom sexuellen Content her

[00:27:56]  das letzte Buch dann als Adult gekennzeichnet worden. Also es ist

[00:28:00]  eigentlich die ersten vier Bänder werden als YA gesehen, aber das letzte dann als

[00:28:04]  Adult-Literatur und ich finde, sprich die man auch für diesen Prozess,

[00:28:11]  den wir gesagt haben, dass man mit den Büchern aufwächst, weil ich eben das mit

[00:28:15]  16/17 Lesen angefangen habe und jetzt 24 bin und jetzt ganz anders im

[00:28:20]  Leben stehe, ganz andere Sachen erlebt habe schon und eben die Bücher aber mir

[00:28:23]  immer noch genau das liefern, was ich lesen will, was ich erfahren habe, was

[00:28:28]  ich für mich verarbeiten kann und was aber auch irgendwie das Erwachsenwerden

[00:28:33]  widerspiegelt. - Shelly: Du hast ja dann teilweise noch warten müssen bis die Bücher

[00:28:39]  rauskommen, gell?. - Jaci: Ja! - Shelly: Ich meine, man muss dazu sagen, die Reihe ist nicht vollständig, es fehlt noch

[00:28:44]  ein Buch, aber da weiß man nicht, wann es rauskommt.

[00:28:47]  Jaci: Die Autorin schreibt gerade noch den letzten oder den nächsten

[00:28:51]  Band, ich glaube es kommen noch zwei Bücher, sind geplant. - Shelly: Noch zwei?! [zieht scharf die Luft ein]. - Jaci: Eben weil es jetzt

[00:28:55]  eben in den ersten drei oder vier Büchern um Feyre gegangen ist.

[00:28:58]  Jetzt um Nesta, fragen sie alle, geht es dann im nächsten Buch um die Elain, also um die

[00:29:02]  dritte Schwester, was aber alle, also ich bin nicht begeistert davon, weil ich sie

[00:29:06]  als extrem langweilige Figur empfinde, aber ich traue eben Sarah J. Maas zu, dass sie

[00:29:11]  sowie Nesta uns als gute Figur verkauft hat dann und wir dann einfach ihren

[00:29:15]  Prozess erlebt haben und sie jetzt ganz anders sehen, sie das auch bei Elain

[00:29:18]  schaffen könnt. - Shelly: Ja, das denke ich auch. Vor allem weil im letzten Band, also im

[00:29:23]  vorerst letzten Band, im fünften Teil, ja das so angeteasert worden mit Elain

[00:29:26]  und Azriel, also dem dritten Freund von Rhysand und Cassian. - Jaci: Eben und vor allem

[00:29:34]  weil sich auch so eine Dreiecksbeziehung wieder anbahnt, weil die Elain eben

[00:29:39]  die dritte Schwester, mit Lucien, der ex-beste Freund von Tamlin, seelenverwandt ist.

[00:29:46]  Also die sind "mates", die zwei, aber Elain hat das Band noch nicht akzeptiert und

[00:29:52]  sie bandelt eben irgendwie mit Azriel an und deswegen ist das so eine ganz

[00:29:55]  spannende Dynamik dann auch, was eben gut Stoff für einen weiterer Romane

[00:30:00]  geben würde. Aber wir sind gespannt. - Shelly: Ja, kommen wir noch mal kurz zurück auf das Thema

[00:30:06]  toxische Beziehungen in vor allem Jugendliteratur und wieso es so

[00:30:13]  verherrlich dargestellt wird und warum es so gut funktioniert in diesem Genre.

[00:30:19]  Jaci: Genau, weil also die Beziehung zwischen Tamlin und Feyre ist hochgradig

[00:30:25]  toxisch, auf das kommt man aber erst im zweiten Teil und ich muss auch

[00:30:30]  gestehen: Ich habe die Bücher schon mehrere Male gelesen und immer wieder

[00:30:35]  im ersten Teil passiert es mir aber, dass ich mich in Tamlin verlieb. Also jedes mal

[00:30:38]  wieder falle ich für ihn und bin so, aber ist schon toll, obwohl mir dann eben

[00:30:43]  beim Wiederlesen die ganzen toxischen Elemente aber auch schon im ersten

[00:30:47]  Teil natürlich auffallen und ich bin dann der Meinung eben, dass es gut

[00:30:51]  funktioniert, weil man am Anfang ignoriert man es irgendwie und dann ist

[00:30:55]  es einfach eine nette Liebesgeschichte und wenn es dann eben zu diesem offensichtlich

[00:30:59]  toxischen kommt, dann merkt man es und ist so "oje" und dann findet man es natürlich

[00:31:03]  hoffentlich nicht toll. Was ich aber glaube, was den Trope ausmacht, ist, dass jede

[00:31:08]  toxische Beziehung in den meisten Romanen dann ein Happy End findet und zwar mit

[00:31:14]  einer neuen Person, die eben viel viel besser ist als diese alte Person. Das ist

[00:31:18]  jetzt eben bei Feyre und Tamlin die toxische Beziehung geht in die Brüche

[00:31:23]  und Feyre lernt quasi mit dem umzugehen, lernt es zu verarbeiten, findet dann

[00:31:27]  Rhysand und hat dann ein Happy End. Aber das gibt es natürlich auch bei -

[00:31:30]  mir fällt eben zum Beispiel Colleen Hoover ein mit "It Ends With U"s, wo die

[00:31:35]  Protagonistin in einer toxischen Beziehung ist und das zwar schon den Hauptteil

[00:31:40]  des Romans ausmacht, aber es quasi dann eigentlich nur darum geht, dass sie es

[00:31:44]  verarbeitet und wie sie mit dem klarkommt und dass sich dann quasi ein Happy End

[00:31:48]  anbahnt mit einer neuen Person und ich glaube, dass dieses, dass das das ist,

[00:31:54]  was diesen Trope so beliebt macht, diese Entwicklung der Personen selber danach

[00:32:00]  und die Möglichkeit eines anderen Happy Ends. - Shelly: Also dass man quasi wegen dem

[00:32:05]  Happy End einfach hinnimmt, was davor war. Darüber hinwegsieht, weil es

[00:32:12]  dann eh gut ausgangen ist. - Jaci: Ja, das ist wie bei Enemies-to-Lovers. Niemand liest

[00:32:17]  es für den Enemies-Teil, alle lesen es damit sie danach dieses jetzt Liebespaar haben

[00:32:21]  können und das Enemies nehmen sie halt hin, weil sie wissen danach kommt die

[00:32:25]  Liebesbeziehung. - Shelly: Ja, ich glaube das ist ganz

[00:32:29]  schlüssig [lacht]. - Jaci: Das war mein Gedanke zu toxischen Beziehungen [lacht]. Ja, aber eben das glaube ich

[00:32:34]  ist eben auch bei der Reihe einfach gut gelungen und ja, wir sind dann einfach

[00:32:38]  froh, dass Feyre gelernt hat und gewachsen ist. Dann wollen wir uns

[00:32:42]  bedanken fürs Zuhören. Wir hoffen es hat euch genauso viel Spaß gemacht wie uns.

[00:32:47]  Wir hoffen, wir haben die, was es noch nicht gelesen haben, jetzt dazu motiviert,

[00:32:50]  "ACOTAR" zu lesen. - Shelly: Wer das tun möchte und das auf Deutsch kann das bei uns in der

[00:32:55]  Stadtbibliothek machen. Wir haben sowohl die Bücher als auch die E-Books auf

[00:33:00]  Deutsch. Wir haben auch alle andere Buchreihen von Sarah J. Maas.

[00:33:03] Falls wir jetzt alle dazu überredet haben alles zu lesen, so wie die

[00:33:07]  liebe Shelly jetzt auch "Throne of Glass" angefangen hat. - Shelly: Ja. [Jaci lacht]. Bin beim zweiten

[00:33:10]  Buch. - Jaci: Dann danke Shelly, dass du mit mir über meine Liebungsbuchreihe

[00:33:13]  geredet hast. - Shelly: Ach, sehr gerne. - Jaci: Es war mir eine Freude. - Shelly: Bei Fragen, Wünschen,

[00:33:17]  Anregungen gerne an post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at oder auf

[00:33:23]  Instagram: stadtbibliothek.innsbruck. Einfach eine DM, ein Kommentar.

[00:33:28]  Ein Follow. - Jaci: Wir freuen uns über eure Empfindungen zu "ACOTAR". - Shelly: Und folgt uns

[00:33:35]  gerne auf Spotify oder anderen Kanälen, wo ihr unseren Podcast hört. - Jaci: Vielen Dank.

[00:33:40]  Ciao!

[00:33:42]  [Outro-Musik]

[00:34:04]  [Pia spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil

[00:34:10]  der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Pia spricht]

Kurz und Schmerzlos mit ... Liliana Dagostin

Kurz und Schmerzlos mit ... Liliana Dagostin

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:07]  Boris: Hallo und herzlich willkommen zurück beim Vorwort "Kurz und Schmerzlos".

[00:00:27]  Heute mit Liliana Dagostin und mein Name ist Boris Schön.

[00:00:32]  Ja, Lili, schön, dass du da bist.

[00:00:35]  Lili: Danke Boris für die Einladung.

[00:00:37]  Boris: Freut mich sehr.

[00:00:38]  Ich würde dich als erstes kurz bitten, dass du dich ein bisschen vorstellst.

[00:00:41]  Lili: Also mein Name ist Liliana Dagostin.

[00:00:45]  Ich werde aber Lili genannt und ich freue mich auch über diese Kurzform, die mir sehr lieb ist.

[00:00:50]  Ich arbeite für den Österreichischen Alpenverein, leite dort die Abteilung Raumplanung und Naturschutz. Seit geraumer Zeit.

[00:00:56]  Seit 12 Jahren. Bin eine Wahlinsbruckerin, komm ursprünglich aus Südtirol,

[00:01:02]  aber bin schon sehr lange in Innsbruck nach dem Studium, hier, wie man landläufig sagt, hängen geblieben.

[00:01:09]  Boris: Du warst ja bei uns auf der Bühne anlässlich der Buchpräsentation des Bildbandes zum Platzertal.

[00:01:15]  Als Vertreterin des Alpenvereins für das anschließende Gespräch.

[00:01:19]  Ich möchte auch heute ein bisschen zu dem Thema Alpenverein mit dir sprechen.

[00:01:27]  Was sind denn da so die Aufgaben und beziehungsweise,

[00:01:32]  worin besteht dann deine Zuständigkeit innerhalb des Alpenvereins dann nochmal im Speziellen?

[00:01:36]  Lili: Vielleicht für die Hörerinnen und Hörer,

[00:01:39]  ganz kurz nochmal der Hinweis darauf:

[00:01:42]  Also ich arbeite für den Hauptverein des Österreichischen Alpenvereins.

[00:01:47]  Wir sind in der Nähe des Tivoli, also in der Olympiastraße, ansässig, dort ist unser Sitz.

[00:01:54]  Viele von Ihnen kennen vermutlich die Sektion Innsbruck in der Meinhardtstraße,

[00:01:59]  also die ist unsere größte Sektion in Tirol.

[00:02:03]  Der Alpenverein funktioniert so, wir haben 193 Sektionen, die über ganz Österreich verteilt sind,

[00:02:10]  und dann gibt es eben den Headquarter, die Zentrale, und dort bin ich beschäftigt.

[00:02:15]  Es gibt verschiedene Abteilungen und Zentralstellen bei uns im Haus,

[00:02:20]  und einen Teilbereich, den der alpinen Raumplanung und des Naturschutzers, den habe ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen zu verantworten.

[00:02:29]  Was sind unsere Zuständigkeiten?

[00:02:31]  Wir haben natürlich in erster Linie die Ausbildung unserer Funktionär*innen.

[00:02:36]  Jede Sektion im Alpenverein hat auch eine Person, die für den Naturschutz zuständig ist.

[00:02:41]  Die versuchen wir natürlich auszubilden, damit sie auch gutes Rüstzeug in die Hand bekommen,

[00:02:46]  um diese wichtige Tätigkeit im Verein auszuüben.

[00:02:50]  Der Naturschutz ist Satzungsauftrag im Alpenverein.

[00:02:53]  Wir haben aber natürlich auch einige Projekte, wie zum Beispiel ein sehr schönes,

[00:02:58]  wo wir auch mit der Stadt Innsbruck zusammenarbeiten, ein Bergwaldprojekt, ein Freiwilligenprojekt,

[00:03:03]  also für alle Menschen, die Lust haben, sich handfest für den Einsatz in der Natur eine Woche Zeit zu nehmen

[00:03:10]  und sich einfach dem Bergwald, dem Schutzwald, wie wir ihn hier in Innsbruck haben, zu widmen.

[00:03:15]  Wir haben aber natürlich auch Projekte, die darauf abzielen, dass wir uns im Naturraum,

[00:03:21]  indem wir nicht alleine sind, naturverträglich bewegen.

[00:03:24]  Was natürlich aus unserer Sicht die Synthese aller unserer Bemühungen im Bereich der alpinen Raumordnung darstellt,

[00:03:31]  ist das Projekt der Bergsteigerdörfer.

[00:03:33]  Das ist keine Erfindung von der Lili Dagostin, das war der Peter Haßlacher, der [unverständlich] der alpinen Raumordnung,

[00:03:40]  der gemeinsam mit dem Roland Kals überlegt hat, welche Orte es im Alpenraum noch gibt,

[00:03:46]  an denen man Bergsteigen kann wie früher.

[00:03:48]  Und für uns passt dieses Projekt einfach wunderbar, wirklich als Fortsetzung für alle Bemühungen im Grunde, die wir haben.

[00:03:56]  Sie sind jetzt gerade auch für Innsbruckerinnen und Innsbrucker, auch gut zu erreichen.

[00:04:00]  Wir haben ja doch einige auch im Wipptal bis zum Gschnitztal.

[00:04:05]  Wir haben natürlich das Sellraintal, wir haben Vent.

[00:04:08]  Also es gibt einige auch von hier raus zu erreichen, aber sie sind natürlich österreichweit und mittlerweile im ganzen Alpenraum verbreitet.

[00:04:16]  Also von dem her ein ursprünglicher Ort, der immer ein bisschen abseits geblieben ist von einer anlagenbezogenen touristischen Entwicklung,

[00:04:25]  wo es immer um höher, schneller und weiter gegangen ist, zu einem etwas beschaulichereren Alpintourismus.

[00:04:32]  Und das ist natürlich so ein Herzensanliegen von uns.

[00:04:35]  Das, wie gesagt, versucht alle, also die Philosophie des Alpenvereins zu einer alpinen Raumentwicklung,

[00:04:43]  die auch im Einklang steht mit der Natur so auf den Punkt zu bringen.

[00:04:47]  Und der Punkt ist dann eben das eigentliche Bergsteigerdorf.

[00:04:50]  Das sind so die Themen, die wir in der Abteilung zu begleiten haben und die die positiven Themen sind.

[00:04:59]  Wir haben aber sonst natürlich auch sehr viele konfliktträchtigere Themen, wie es zum Beispiel die alpine Raumordnung ist,

[00:05:07]  wenn es zum Beispiel darum geht, Skigebietsgrenzen zu definieren, auch das "immer mehr und immer größer und immer höher und immer weiter" zu hinterfragen.

[00:05:17]  Das machen wir natürlich sehr gerne und sehr, ich glaube auch sehr überzeugend,

[00:05:23]  das ist natürlich auch jener Bereich, weshalb der Alpenverein sich dem Naturschutz widmet und wie er auch in die Satzung gekommen ist.

[00:05:31]  Also es ging zu einem sehr frühen Zeitpunkt vor über 100 Jahren bereits darum,

[00:05:35]  ob es nicht genug sei an Erschließungen, an Verkehrstechnischen, an Skitechnischen, an Touristischen in erster Linie.

[00:05:45]  Boris: Vor über 100 Jahren schon.

[00:05:46]  Lili: Vor über 100 Jahren. An Verkehrstechnischen, Touristischen und auch Energiewirtschaftlichen.

[00:05:52]  Und das ist ja auch der Grund, weshalb ich neulich bei euch zu Gast war.

[00:05:57]  Boris: Das heißt, dieser ganze Bereich mit der Raumordnung ist sozusagen, wie kann man sich das vorstellen,

[00:06:03]  habt ihr da einen Plan, wo man sich das anschaut, wo sind bereits Grenzen gesetzt oder wo würdet ihr Grenzen ziehen

[00:06:09]  oder wie kann man ... Ich kann mir da da drunter so als Laie jetzt nicht ganz konkret was vorstellen.

[00:06:14]  Lili: Also an sich arbeitet man natürlich immer mit einem Plan und je nachdem welches Thema wir angehen,

[00:06:20]  schauen wir uns an, welche Bereiche günstig sind, welche weniger günstig sind.

[00:06:26]  Für den Alpenverein, dessen Zuständigkeit im Grunde ober der Waldgrenze beginnt,

[00:06:32]  ist es natürlich immer die Nutzung des alpinen Raum und dort geht es natürlich zum Beispiel um eine energiewirtschaftliche Entwicklung.

[00:06:41]  Jetzt zum Beispiel beschäftigt uns die Frage, wo kann es eine Windkraftnutzung geben oder wo eben nicht.

[00:06:49]  Aus unserer Sicht ist es natürlich so, im alpinen Bereich sollte aus unserer Sicht aufgrund der vielfältigen Probleme,

[00:06:57]  die mit dieser Schließung einhergehen oder mit dieser Nutzung einhergehen, eine sehr zurückhaltende.

[00:07:03]  Also sollte die Haltung eine sehr zurückhaltende sein.

[00:07:06]  Wir haben allerdings auch den Anspruch an uns selbstkritisch zu sein

[00:07:11]  und hinterfragen natürlich unseren eigenen Bedarf auch an Ressourcen,

[00:07:16]  weshalb das natürlich schon eine komplexe Gemengenlage ist, die dann auch intensive Diskussionen innerhalb des Vereins,

[00:07:23]  aber natürlich auch mit Interessengruppen außerhalb des Vereins bedingen oder mit sich bringen.

[00:07:28]  Boris: Jetzt bin ich neulich einmal drüber gestolpert, dass es diese Begrifflichkeit der Wegefreiheit bei uns gibt.

[00:07:33]  Es scheint ja jetzt nicht etwas Exklusives in Österreich zu sein, aber schon eher eine besondere Situation.

[00:07:38]  Es haben ja nicht alle Länder oder auch nicht einmal alle Länder in Europa.

[00:07:42]  Kannst du uns das ein bisschen erläutern, was das Thema ist?

[00:07:46]  Lili: Sehr gerne und danke auch für den Hinweis, denn diesen Bereich hätte ich jetzt tatsächlich vergessen.

[00:07:51]  Obwohl er eigentlich ein großer Bereich unserer Tätigkeit ist. Was ist diese Wegefreiheit?

[00:07:57]  Also, kurz zusammengefasst besteht die Wegefreiheit darin, dass wir uns in bestimmten Bereichen

[00:08:04]  zu Erholungszwecken frei bewegen dürfen.

[00:08:08]  Das umfasst in erster Linie die freie Routenwahl, das heißt ich entscheide wohin ich gehe

[00:08:14]  und es gibt dann eben auch das Wegegebot, also wenn es dann zum Beispiel aus naturkundlichen,

[00:08:20]  aus militärischen oder aus jagdfachlichen Gründen eben eine Notwendigkeit gibt, auf Wegen zu bleiben,

[00:08:26]  aber das ist tatsächlich so ein Austarieren, in das wir uns immer einbringen.

[00:08:31]  Auch das ist Teil der alpinen Raumordnung, die wir vorhin angesprochen haben.

[00:08:35]  Es geht also darum, dass man versucht verschiedene Nutzungen in ein und demselben Raum auch ausleben zu dürfen.

[00:08:44]  Das beste Beispiel und auch das wichtigste Beispiel, das wir in Österreich haben, ist das Forstgesetz.

[00:08:50]  Zu einem sehr frühen Zeitpunkt, 1975, wurde auf Betreiben von Bruno Kreisky für jedermann im Wald,

[00:08:59]  also im Anwendungsbereich des Forstgesetzes, kurz im Wald, das Recht verankert, sich zu Erholungszwecken zu bewegen.

[00:09:06]  Es sind sehr viele Nutzungen nicht davon umfasst, zum Beispiel das Reiten, das Radfahren,

[00:09:11]  aber zum Beispiel das Skitourengehen, wie auch das Klettern oder eben grundsätzlich das Betreten,

[00:09:19]  das steht jedermann, und zwar unentgeltlich, zu Erholungszwecken frei.

[00:09:25]  Und wenn wir es so sehen wollen, dann ist dieser gemeinsame Raum für alle Menschen zugänglich,

[00:09:32]  damit sie dort Kraft und

[00:09:34]  Erholung schöpfen können und das ist eben auch Auftrag des Alpenvereins für diese Möglichkeit einzustehen.

[00:09:39]  Das beginnt beim Naturschutz, bei dem Erhalt von Landschaften und Lebensräumen und ändert eben tatsächlich dann in der Aufrechterhaltung von Wegen,

[00:09:48]  weil wir in einem Bereich unterwegs sind, der uns nicht alleine gehört, wo wir auch respektvoll unterwegs sein wollen.

[00:09:53]  Boris: Wir sind ja gerade am Weg Richtung Frühling und die Wandersaison taucht sozusagen am Horizont bereits auf.

[00:10:01]  Jetzt ist meine Frage, wenn man das Recht hat, sich zu bewegen, hat man ja im besten Falle auch selbst auferlegte Verpflichtungen, die Natur zu schützen, respektvoll umzugehen.

[00:10:11]  Gibt es da Tipps, Tricks deinerseits zu dem Thema nachhaltiges Wandern oder ressourcenschonende Nutzung in den Bergen?

[00:10:21]  Lili: Sehr schöne Frage, danke dafür. An sich sehen wir das genauso. Der erste Zugang zu einem ressourcenschonenden Verhalten ist schon der, dass wir in Wintern wie diesen, wenn dann wenig Schnee liegt oder gar kein Schnee liegt,

[00:10:41]  nicht versuchen zwangsläufig irgendetwas zu finden, wo man trotzdem die Wintersportgeräte ausnutzen kann, sondern dann einfach mit Bergschuhen auf den Berg geht.

[00:10:53]  Also das ist mal das erste. Die zweite Frage, die wir natürlich immer haben, ist die der Mobilität.

[00:11:00]  Innsbruck ist natürlich gesegnet. Wir haben rundherum schöne Berge, die auch leicht erreichbar sind.

[00:11:06]  Wir haben ein sehr gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz, aber nicht alle sind in dieser Gunstlage.

[00:11:12]  Aber trotzdem bei der Mobilität können wir dann zum Beispiel schon beginnen, wenn es darum geht, ressourcenschonend unterwegs zu sein.

[00:11:19]  Wir alle wissen, dass unsere persönliche Mobilität der größte CO2-Treiber ist in unserem Verhalten, wenn es um Erholungs[unverständlich] geht.

[00:11:27]  Das heißt, dort laden wir ein, einfach uns mal die Frage zu stellen, nicht wohin will ich, sondern wohin komme ich, und zwar ausgehend von den Möglichkeiten, die ich vor Ort habe, aufgrund der öffentlichen Erreichbarkeit.

[00:11:42]  Wozu wir immer einladen, ist ein Bewusstsein zu entwickeln für Naturräume und dafür, dass wir im Naturraum nicht allein sind.

[00:11:50]  Dazu haben wir sehr viele Empfehlungen zusammengefasst in einer Kampagne, die nennt sich "Respekt am Berg", wo wir versuchen, auch aufklärend tätig zu sein und zu sagen, auch Wildtiere haben ihre Notwendigkeiten.

[00:12:05]  Wir sind in einem Bereich, den wir uns mit Wildtieren teilen. Es ist nicht richtig, dass Wildtiere in den Hintergrund gedrängt werden.

[00:12:14]  Es ist allerdings auch für uns Menschen extrem wichtig, dass wir einen Schutzwald schützen, dass wir erkennen, dass ein Schutzwald vor Ort uns in unseren Siedlungen schützt.

[00:12:26]  Auch da sind Aspekte, die wir versuchen, einzubringen, immer als Empfehlung, nie als Verbot.

[00:12:32]  Wir gehen davon aus, dass Menschen sehr viel selbstbestimmter handeln werden, wenn sie dazu eingeladen sind, wenn sie versuchen zu verstehen, anstatt dass ihnen Verbote oktroyieren, wie sie sich zu verhalten haben.

[00:12:47]  Vielleicht noch ein Punkt zur Wegefreiheit. Ich habe vorhin nur den Bereich des Waldes angesprochen, also den Anwendungsbereich des Vorsgesetzers.

[00:12:55]  Wir gehen natürlich davon aus, dass wir auch alpines Ödland, alpines Gelände betreten dürfen, was natürlich für den Alpenverein immens wichtig ist.

[00:13:03]  Im Grunde gibt es zwei Bundesländer, die sind Tirol und Niederösterreich, die auch für Bergsteigerinnen und Bergsteiger relevante Bereiche haben, die kein eigenes Gesetz haben, das diese freie Betretbarkeit regelt.

[00:13:18]  In anderen Bundesländern haben wir sie seit den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts.

[00:13:23]  Boris: Jetzt habe ich dazu eine kleine Ergänzungsfrage.

[00:13:26]  Wenn du sagst, dass es schon einmal ressourcenschonend sein  sollte, wie man überhaupt auf den Berg kommt, dann habe ich als Beispiel aus meinem Freundeskreis immer wieder die Sache, dass die Leute sagen, ich habe mir ein E-Bike gekauft, da lege ich locker schon 50, 70 Kilometer zurück, bis ich dann dort bin, wo ich überhaupt auf den Berg will.

[00:13:46]  Dann fahre ich natürlich jetzt nicht, sozusagen, stopp ich nicht unten, sondern fahre noch auf den Berg so weit rauf mit dem E-Bike, wie es mir möglich ist.

[00:13:53]  Dann wandere ich auf den Gipfel oder ähnliche Szenarien, auch im Sinne dieses Freizeitsport.

[00:13:59]  Wie man es ja in Tirol auch kennt, dass man schnell mal noch zum Feierabend oder am Samstagvormittag, bevor man dann zum Familienessen kommt, noch schnell auf den Berg muss.

[00:14:08]  Das "muss" soll jetzt nicht negativ sein, aber ... Ist ja eine tolle Sache.

[00:14:13]  Jetzt meine Frage, es ist ja überhaupt so, dass der Bereich der Radfahrer einfach am Berg mehr und mehr zunimmt.

[00:14:19]  Wie seht ihr das von Seiten des Alpenvereins? Beziehungsweise gibt es da Regulativien oder müsste es mehr geben?

[00:14:28]  Ist da auch das freiwillige Verhalten der richtige Weg?

[00:14:32]  Lili: Was du ansprichst, Boris ist jetzt wirklich jener Aspekt, jener Bereich, indem auch der Alpenverein als großer alpiner Verein mit einem Bergsportauftrag und einem Naturschutzauftrag, natürlich auch einen Jugend- und Hüttenauftrag, aber Bergsport- und Naturschutzauftrag feststellt, dass er zwei Seelen in seiner Brust hat.

[00:14:52]  Das beginnt genau beim Mountainbiken und endet beim E-Mountainbiken. Da hat es vor zwei, drei Jahren eine längere vereinsinterne Auseinandersetzung gegeben, die letztlich dazu geführt hat, dass wir sagen im Alpenverein, wir sind nach wie vor ein Verein, der einsteht für Bergsportarten, die eine Bewegung aus eigener Kraft vorsehen.

[00:15:17]  Das heißt, wir sagen ja zum Mountainbiken, sagen allerdings kein vollständiges Ja zum E-Mountainbiken, weil wir sagen, die Bewegung sollte aus eigener Kraft erfolgen.

[00:15:28]  Was wir schon machen, ist, dass wir Menschen, die den richtigen Umgang mit einem Mountainbike erlernen wollen, zu uns kommen können und wir schließen auch jene nicht aus, die mit einem E-Mountainbike kommen, weil auch das gelernt sein will, auch wenn es zum Beispiel um Flurschäden geht, auch um Beeinträchtigungen geht, wir schließen sie nicht aus, aber wir bewerben sie nicht aktiv.

[00:15:54]  Das war jetzt so die salomonische Lösung, die wir gefunden haben, aber grundsätzlich steht der Alpenverein für die Bewegung aus eigener Kraft.

[00:16:02]  Und da ist es uns eigentlich dann auch einerlei, ob eine motorunterstützte Hilfe eine mit Verbrennungsmotor oder mit Elektromotor ist.

[00:16:12]  Boris: Ja, Lili, vielen Dank für diesen, wie ich finde, sehr spannenden Einblick in deinen Arbeitsbereich, aber auch die Aktivitäten des Alpenvereins.

[00:16:20]  Und ich glaube, es ist ja eine sehr komplexe und vielschichtige Materie, die ihr da zu bearbeiten habt, mit der ihr euch auseinandersetzt.

[00:16:27]  Lili: Fad wird uns selten.

[00:16:29]  Boris: [lacht] Denke ich mir, ja.

[00:16:30]  Zum Schluss, wie immer bei unseren Gästen, würde ich dich auch noch bitten, einen Literaturtipp für unsere Zuhörer*innen zu geben.

[00:16:37]  Lili: Sehr gerne.

[00:16:38]  Ich würde dann tatsächlich auch schon fast in eigener Sache einen Literaturtipp für die Hörerinnen und Hörer dieses Podcasts teilen wollen.

[00:16:48]  Wir haben ja neulich ein Buch vorgestellt, einen Bildband über das Platzertal, der natürlich auch mit inhaltlichen, also fachlichen, aber sehr persönlichen Schilderungen des Naturfotografen Sebastian Frölich auch bereichert wurde.

[00:17:07]  Und dieser Bildband soll aufzeigen, welchen Schatz das Platzertal darstellt, für jene, die es nicht wissen, das Platzertal könnte hinter einer Staumauer verschwinden, die die Tiroler Wasserkraft plant zu errichten, um Strom aus erneuerbarer Energie zu erzeugen, also eine Wasserkraftanlage dort zu errichten.

[00:17:28]  Also es könnte dem Platzertal ein ähnliches Schicksal drohen wie dem Längental, das derzeit hinter dem Kühtai verbaut wird, umgestaltet wird.

[00:17:38]  Und dann habe ich natürlich ein persönliches Buch, das mir sehr am Herzen liegt, das ich auch sehr gerne verschenke.

[00:17:45]  Ich verschenke im Übrigen sehr gerne Bücher, aber das ich wirklich sehr gerne verschenke und von dem ich auch weiß, dass es hier in der Stadtbibliothek ist, derzeit nicht,

[00:17:53]  es ist verliehen worden. Das ist ein Buch von Marco Balzano, eines italienischen Schriftstellers, der eigentlich über Sütirol schreibt, obwohl er kein Sütiroler ist, aber ich habe selten ein so einfühlsames Buch über die Geschehnisse in Südtirol, die auch die Südtiroler Bevölkerung geprägt haben, gelesen.

[00:18:14]  Das heißt, "Io resto qui" auf Italienisch. Also "Ich bleibe hier". Ich kann es nur sehr, sehr herzlich empfehlen, auch mal zu lesen.

[00:18:25]  Boris: Vielen herzlichen Dank für diese zwei Tipps noch zum Abschluss und danke für das Gespräch.

[00:18:31]  Lili: Ich danke für die Einladung.

[00:18:33]  [Outro-Musik]

[00:18:56]  [Boris spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Boris spricht]

Literarische Entstehungsgeschichten: JM Barrie vs. Bram Stoker

Literarische Entstehungsgeschichten: JM Barrie vs. Bram Stoker

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:06]  [Intro-Musik] Christina: Hallo und herzlich willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek

[00:00:26]  Innsbruck. Mein Name ist Christina -

[00:00:28] Pia: Und ich bin die Pia -

[00:00:29]  Christina: und wir freuen uns, uns auch endlich wieder zurückzumelden und das Podcastjahr mit den bei euch sehr beliebten

[00:00:38]  Entstehungsgeschichten einzuläuten.

[00:00:41]  Dabei haben Pia und ich jeweils die Entstehungsgeschichte eines berühmten Romans oder Werks recherchiert

[00:00:48]  und überraschen uns gegenseitig damit.

[00:00:50]  Und am Ende entscheidet ihr, welche Entstehungsgeschichte war spannender.

[00:00:55]  Dazu könnt ihr dann einfach auf Instagram abstimmen oder uns eine E-Mail auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at schreiben.

[00:01:05]  Auch sonst muss man jetzt einmal im Vorhinein sagen, hat sich im Vorwort ja so einiges getan.

[00:01:10]  Wir haben zwei Mitstreiterinnen gewonnen, die jetzt fix beim Podcast dabei sind.

[00:01:16]  Das sind die Shelly und die Jaci, die einmal im Monat in ihrer Teatime den Tea spillen

[00:01:21]  und euch über alle literarischen Entwicklungen aus dem World Wide Web auf dem Laufenden halten.

[00:01:27]  Auch hat es und wird es heuer wieder viele tolle Gäste geben, die uns in der Rubrik "Kurz

[00:01:34]  und Schmerzlos mit ..." von unserem Kollegen und Veranstaltungsorganisator Boris interviewt werden.

[00:01:41]  Dieses Jahr zu Gast waren bereits die feministische Künstlerin Katharina Cibulka, bekannt aus dem "Solange"-Projekt,

[00:01:47]  Paul Scheibelhofer von der Universität Innsbruck, der sich auf Geschlechter- und Männlichkeitsforschung

[00:01:53]  spezialisiert, Eva Biringer, die ihr superspannendes Buch "Unversehrt: Frauen und Schmerz"

[00:01:59]  in der Stadtbibliothek vorgestellt hat und das ja gerade auch in aller Munde ist, das Buch,

[00:02:05]  sowie das Thema, sowie der beliebte FM4-Moderator Christian Fuchs,

[00:02:10]  den viele von euch sicher von der dortigen Kultsendung "House of Pain" kennen.

[00:02:14]  Ihr hört, es geht rund bei uns im Vorwort.

[00:02:17]  Auch die Pia und ich haben uns dieses Jahr was Besonderes überlegt.

[00:02:21]  Neben den beliebten Entstehungsgeschichten kehren wir zurück zu unseren Wurzeln und sprechen über - sicher - Romane.

[00:02:28]  Aber nicht irgendwelche.

[00:02:30]  Ihr dürft euch auf Buchbesprechungen junger österreichischer Autor*innen freuen.

[00:02:34]  Bald auf Sendung gehen unsere Besprechungen des humorvollen Romans

[00:02:38]  "Nincshof" von Johanna Sebauer (Stichwort: Irrziegen),

[00:02:43]  sowie das wunderbar giftige "Arsen" von Maria Hofer.

[00:02:47]  Also lasst euch überraschen und inspirieren.

[00:02:51]  Okay, jetzt geht es aber los Pia mit den Entstehungsgeschichten.

[00:02:55]  Wer fängt denn an heute?

[00:02:58]  Pia: Ich weiß es nicht.

[00:02:59]  Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wer es letzte Mal angefangen hat und wer es letzte Mal den Schluss gemacht hat.

[00:03:04]  Christina: Was machen wir jetzt?

[00:03:06]  Pia: Schere, Stein, Papier?

[00:03:07]  Christina: Okay, eins oder drei?

[00:03:10]  Pia: Eins, oder?

[00:03:12]  Christina: Na okay. [beide lachen]

[00:03:13] Warte.

[00:03:15]  Ich muss kurz überlegen.

[00:03:16] [unisono] Schere, Stein, Papier!

[00:03:19]  Christina: Dang it. [beide lachen] - Pia: Also habe ich jetzt gewonnen, dass ich am Schluss mache oder am Anfang?

[00:03:23]  Das ist jetzt die Frage, oder?

[00:03:25]  Christina: Das haben wir jetzt nicht ausgemacht.

[00:03:26]  Pia: Ich fange an.

[00:03:27]  Christina: Okay, also für alle die jetzt nicht, ihr Zuhörer*innen da draußen habt es ja jetzt nicht gesehen.

[00:03:32]  habt ihr jetzt nicht gesehen.

[00:03:33]  Ich hatte einen Stein, die Pia hatte ein Papier und hat mich damit Haus hochgeschlagen.

[00:03:38]  Pia: Als Bibliothekarin muss das sein.

[00:03:41]  Christina: Welche Entstehungsgeschichte hast du uns mitgebracht?

[00:03:43]  Pia: Das verrate ich noch nicht. [lacht]

[00:03:45]  Ich fange einfach mal an erzählen.

[00:03:47]  Ich habe ein bisschen geschummelt, aber das erfahren wir dann ja noch.

[00:03:53]  Also: Unser Auto wird am 9. Mai 1860 in Schottland geboren.

[00:03:58]  Dort wuchs er als das neunte von zehn Kindern auf.

[00:04:02]  Er war ein kleines Kind, aber zog bereits im jungen Alter mit seinem Erzähltalent Aufmerksamkeit

[00:04:08]  auf sich.

[00:04:09]  Ich hoffe, wir haben nicht den gleichen. [lacht]

[00:04:10]  Christina: Nein, ich habe schon gerechnet.

[00:04:12]  Pia: Okay.

[00:04:13]  Christina: Weil den Roman über den ich rede, der ist wenige Jahre später erschienen.

[00:04:17]  Pia: Okay, jetzt bin ich gespannt.

[00:04:19]  Als mein Auto sechs Jahre alt war, starb es sein älterer Bruder David?

[00:04:23]  Nein, oder?

[00:04:24]  Christina: Keine Ahnung, so tief hab ich nicht in die Geschichte, in die Familie hinein recherchiert.

[00:04:28]  Pia: Oh Gott. [beide lachen]

[00:04:29]  Ich hoffe, wir haben nicht das Gleiche.

[00:04:31]  Christina: Wir sind wirklich gespannt.

[00:04:33]  Pia: Ich habe keine Ahnung, was du hast.

[00:04:35]  Christina: Wir können nicht den gleichen haben.

[00:04:36]  Wir haben das ja heute schon  ...

[00:04:37]  Pia: Okay, ja dann.

[00:04:38]  Als er sechs Jahre alt war, starb es sein älterer Bruder David -

[00:04:41]  -d as war der Liebling der Mutter -

[00:04:43]  bei einem Schlitzschuhunfall am Tag vor seinem 14. Geburtstag.

[00:04:46]  Die Mutter war natürlich am Boden zerstört und der Autor -

[00:04:51]  unser Autor - hat versucht, Davids Platz einzunehmen, indem er sogar seine Kleidung getragen hat

[00:04:56]  und auf dieselbe Art und Weise pfiff wie er.

[00:04:59]  Einmal hat das Zimmer betreten und hat gehört, wie sie gesagt hat: "Bist du das?"

[00:05:04]  Und 1896 hat er dann in der Biografie seiner Mutter geschrieben:

[00:05:09]  "Ich dachte, sie sprach mit dem toten Jungen und ich sagte mit einer kleinen, einsamen

[00:05:13]  Stimme, nein, es ist nicht er, es bin nur ich."

[00:05:15]  Das war ein einschneidendes Erlebnis für ihn. Barries Mutter ...

[00:05:20]  [entsetzt] Jetzt habe ich schon verraten. [Christina lacht]

[00:05:22] Christina: Ich weiß immer noch nicht wer es ist.

[00:05:24] Pia: Du weißt immer noch nicht wer es ist?

[00:05:26] Christina: [verwirrt]: Perry?

[00:05:27] Pia: Psst! [Christina lacht]

[00:05:28]  Seine Mutter fand Trost in der Vorstellung, dass ihr toter Sohn für immer ein Junge bleiben

[00:05:32]  würde, der niemals erwachsen werden und sie verlassen könnte.

[00:05:35]  Und das ist schon ein Hinweis in welche Richtung es geht für die, die die Geschichte schon

[00:05:39]  kennen.

[00:05:40]  Christina: Ahhh, jetzt weiß ich's.

[00:05:41]  Pia: Ja.

[00:05:42]  Der Autor und seine Mutter unterhielten sich gegenseitig mit Geschichten aus ihrer Kindheit

[00:05:46]  und Büchern wie Robinson Crusoe.

[00:05:48]  Christina: Das erklärt so vieles, was in dieser Geschichte vorkommt.

[00:05:52]  Pia: [lacht] Ja.

[00:05:53]  Er war ein eifriger Leser und fand Gefallen an sogenannten Penny Dreadfuls.

[00:05:57]  Wer das nicht kennt, das ist das britische Pendant zum Groschenroman im Grunde.

[00:06:02]  Wobei der Groschenroman etwas allgemeiner ist.

[00:06:05]  Penny Dreadfuls haben auch immer so einen schaurigen oder fuchteinflößenden Charakter.

[00:06:09]  Also im Deutschen wird man so sagen "Gruselheftchen" oder so.

[00:06:13]  Er schloss ein Literaturstudium auf der Universität von Edinburgh ab und hat anfangs als Journalist

[00:06:19]  gearbeitet und schlussendlich seine erste Geschichte über die Kindheit seiner Mutter

[00:06:24]  in einer Zeitung veröffentlicht.

[00:06:25]  Und da durfte er dann eine Serie draus machen.

[00:06:28]  Das heißt, der Sprung zum Schreiben war geschafft.

[00:06:31]  Und er hat dann auch begonnen Theaterstücke zu schreiben.

[00:06:33]  Und damit fliegen wir zum zweiten Stern rechts und dann geradeaus bis zum Morgen, weil die

[00:06:38]  Person, über die ich spreche, ist der JM Barrie und seine Figur Peter Pan.

[00:06:43]  Die Figur des Peter Pan taucht zum ersten Mal im Roman "The Little White Bird" (dt. "Kleiner weißer Vogel")

[00:06:48]  auf aus dem Jahr 1902.

[00:06:50]  Das ist eigentlich ein erwachsenden Roman habe ich herausgefunden.

[00:06:53]  Das heißt, er war eigentlich nicht für Kinder gedacht, sondern für Erwachsene.

[00:06:57]  Es geht um den vereinsamten Captain W., der sich mit dem Jungen David anfreundet und

[00:07:02]  mit ihm fantasievolle Abenteuer im Kensington Park erlebt und erfindet.

[00:07:06]  Und unter anderem eine dieser Geschichten handelt von Peter Pan.

[00:07:10]  Das bedeutet, die Peter Pan-Geschichte war eine Geschichte in einer Geschichte, also Teil

[00:07:15]  einer Rahmenerzählung.

[00:07:16]  Das kennt man vielleicht aus so berühmten Werken wie "Tausend und eine Nacht", wo die

[00:07:20]  Scheherazade jede Nacht am Märchen erzählen muss, um zu überleben.

[00:07:24]  Und hier ist die Rahmengeschichte der Captain W.

[00:07:27]  Und diese Geschichte wird dann immer wieder mit so kleinen, fantasievollen Geschichten

[00:07:30]  unterbrochen.

[00:07:31]  Die Kapitel, in denen Peter Pan vorkommt, wurden dann eben später als separates Kinderbuch

[00:07:35]  veröffentlicht mit dem Namen "Peter Pan in Kensington Gardens".

[00:07:39]  Und das ist das Buch, das wir gerade neu in der Bibliothek haben[lacht] und daher bin ich auf diese

[00:07:44]  Geschichte gekommen.

[00:07:45]  Christina: Da hast du mir noch das Comic gezeigt. [lacht leise]

[00:07:47]  Pia: Ja, genau.

[00:07:48]  Christina: Weil wir haben das auch als Graphic Novel.

[00:07:49]  Pia: Genau.

[00:07:50]  Das haben wir neu bekommen und deswegen habe ich mir gedacht, das wäre jetzt doch - Christina: [schnalzt mit der Zunge] Ach, da hätte

[00:07:55]  ich ja echt drauf kommen können.

[00:07:56]  Wir haben jetzt die ganze Zeit so gezittert, dass wir die gleiche Geschichte haben, weil

[00:08:01]  ich hab auch einen Klassiker.

[00:08:02]  Aber es ist nicht so ...

[00:08:03]  Pia: Und dann auch noch aus der gleichen Zeit.

[00:08:05]  Christina: Jaaaa, wie gesagt, meiner Meinung nach war da ... nicht ganz gleiche Zeit.

[00:08:09]  Pia: Okay.

[00:08:10]  Ja, aber deswegen bin ich darauf gekommen.

[00:08:11]  Deswegen habe ich ein bisschen geschummelt, weil es ist bekannter als Kinderroman, aber

[00:08:16]  angefangen hat es als Erwachsenenroman.

[00:08:18]  Die Freundschaft zwischen den Figuren im Buch, also zwischen Captain W. und dem jungen

[00:08:22]  David, passiert auch auf echten Begebenheiten.

[00:08:25]  Barrie befreunderte die Familie Llewelyn Davies, bestehend aus den Eltern Arthur und Sylvia.

[00:08:30]  Sylvia war übrigens die Tante von Daphne du Maurier.

[00:08:33]  Christina: [zieht scharf die Luft ein] Cool, ich lieb Daphne du Maurier!

[00:08:36]  Pia: Genau, man kennt sie vielleicht, das ist die Frau, die "Rebecca" geschrieben hat.

[00:08:40]  Christina: So ein guter Roman liest sich heute noch, als wäre es gestern geschrieben.

[00:08:44]  Unglaublich toll.

[00:08:45]  Pia: Genau, das heißt, die waren mit denen verwandt und sie haben fünf Söhne gehabt.

[00:08:49]  Und zusammen mit diesen fünf Söhnen hat Barrie dann die Geschichten erfunden.

[00:08:52]  Christina: Ah.

[00:08:53]  Pia: Und die dienten auch als Inspiration für Peter Pan, unter anderem auch für die verlorenen Jungs.

[00:09:00]  Christina: Aber auch so ähnlich wie ... erinnert mich jetzt sehr an "Alice im Wunderland" und den Lewis

[00:09:04]  Carroll, der ja auch in dem Boot da gesessen hat und mit den Kindern sich die Geschichten

[00:09:08]  ausgedacht hat.

[00:09:09]  Genau, da gibt es die Alice Liddell, glaube ich, hat sie geheißen.

[00:09:12]  Und das war auch die Inspiration dafür.

[00:09:15]  Genau.

[00:09:16]  Aber zurück zu Peter Pan.

[00:09:18]  Die Figur des Peter Pan wurde erfunden um zwei der Buben, George und Jack, zu unterhalten.

[00:09:23]  Barrie erzählte ihnen, um sie zu amüsieren, dass ihr kleiner Bruder Peter fliegen könnte.

[00:09:28]  Er behauptete, Babies seien Vögel, bevor sie geboren werden und Eltern würden Gitter an

[00:09:33]  den Fenstern der Kinderzimmern anbringen, um die Kinder davon abzuhalten, davon zu fliegen.

[00:09:38]  Also auch sehr außergewöhnlich. [beide lachen skeptisch]

[00:09:40]  Und aus dieser Idee entstand dann die Geschichte eines kleinen Jungen, der tatsächlich davon

[00:09:44]  geflogen ist.

[00:09:45]  Und so ist Peter Pan entstanden.

[00:09:47]  Christina: Also heute, wenn ich die Entstehungsgeschichte höre, würde ich eher an Beginn einer True

[00:09:52]  Crime-Doku glauben, als...

[00:09:54]  Pia: Oder einem Horrorfilm. [lacht]

[00:09:55]  Christina: Ja, schon ein bisschen, oder?

[00:09:56]  Pia: Klingt doch auch so.

[00:09:57]  Christina: Aber was macht der?

[00:09:58]  Du kannst doch keinem Kind erzählen, dass sein Bruder fliegen kann.

[00:10:02]  Was ist, wenn sie es testen?

[00:10:04]  Pia: Dann würde die Geschichte anders ausgehen. [lacht]

[00:10:07]  Die Familie hat offensichtlich Gitter vor die Fenster gehabt, aber wow.

[00:10:11]  Pia: Kann auch schlecht ausgehen, ja.

[00:10:13]  Christina: Also Peter Pan selber finde ich ja total nett. [beide lachen]

[00:10:16]  Pia: Barrie hat diese Familie, die Llewelyn Davies-Familie auch finanziell unterstützt und hat sich

[00:10:23]  dann schlussendlich auch um die Jungs gekümmert [Christina, unglaubig: Was?] und wurde ihr Vormund, nachdem die Eltern

[00:10:28]  beide verstorben sind.

[00:10:29]  Christina: Okay, war der irgendwie verwandt mit denen?

[00:10:32] Pia: Nein, gar nicht.

[00:10:33]  Die Eltern sind dann beide gestorben, ich glaube, zuerst der Vater und die dann die Mutter

[00:10:36]  und dann hat er sich um die Jungen gekümmert.

[00:10:38]  Und diese Beziehung zur Familie und zu den Kindern war eben die Inspiration für diesen

[00:10:44]  Roman "Kleiner weißer Vogel".

[00:10:47]  Peter Pan ist dann aber über den Roman hinausgewachsen.

[00:10:50]  Barries bekanntestes Werk wurde das Theaterstück "Peter Pan or the Boy Who Wouldn't Grow Up" (dt. "Peter

[00:10:56]  Pan oder der Junge, der nicht erwachsen werden wollte").

[00:10:58]  aus dem Jahr 1904 und später wurde das dann 1911 in einen Roman adaptiert, "Peter Pan

[00:11:06]  and Wendy" (dt. "Peter Pan und Wendy").

[00:11:08]  Und das sind die Werke, die man kennt auch heute noch.

[00:11:13]  Das ist die Geschichte von Wendy Darling und ihren Brüdern, die von Peter Pan, einem Jungen

[00:11:16]  der niemals erwachsen wird ins magische Nimmerland mitgenommen werden und dort erleben sie lauter

[00:11:21]  Abenteuer mit den verlorenen Jungen, kämpfen gegen den bösen Captain Hook, treffen auf

[00:11:27]  Feen, Meerjungfrauen und Piraten.

[00:11:29]  Was auch interessant ist, ist das Urheberrecht der Geschichte.

[00:11:33]  J.M.

[00:11:34]  Barrie hat das Urheberrecht zu seinen Peter Pan-Werken, nämlich dem Kinderkrankenhaus

[00:11:39]  Great Ormond Street Hospital überlassen.

[00:11:41]  Allerdings wurde Peter Pan in Europa 2007 gemeinfrei.

[00:11:46]  Aber im Vereinigten Königreich gibt es den Copyright Designs and Patterns Act und der

[00:11:52]  sorgt dafür, dass das Krankenhaus immer noch davon profitiert, dass ihm J.M.

[00:11:58]  Barrie ihnen dieses Urheberrecht übergeben hat.

[00:12:01]  Christina: Klingt für mich sehr fair.

[00:12:03]  Pia: Genau.

[00:12:04]  Und in der Bibliothek haben auch mehrere Peter Pan-Geschichten, natürlich die Kinder-Versionen

[00:12:08]  als Buch, als E-Book und als Tonie, aber auch jetzt eben die Originalgeschichte bei den

[00:12:14]  Comics "Peter Pan in Kensington Gardens".

[00:12:16]  Das ist der erste literarische Auftritt von Peter Pan und den gibt es eben bei uns bei

[00:12:20]  der Erwachsenenabteilung bei den Klassikern [Anm. d. Redaktion: bei den Graphic Novels]

[00:12:22]  Und wer es gern gruselig hat, wir haben ja schon ein bisschen erwähnt,

[00:12:27]  es kann auch gruselig werden bei Peter Pan.

[00:12:29]  Und wir haben die "Chroniken von Peter Pan" von Christina Henry, (dt. "Albtraum im Nimmerland").

[00:12:36]  Das ist in der Fantasy-Abteilung bei den Erwachsenen bei uns, aber gibt es auch als E-Book oder

[00:12:40]  bei den E-Audiobüchern.

[00:12:41]  Das ist eine Neuerzählung von Peter Pan, wo er der Bösewicht ist.

[00:12:45]  Das ist ein Mix aus Horror und Fantasy.

[00:12:47]  Genau.

[00:12:48]  Das war es von mir und die Geschichte, wie Peter Pan entstanden ist. [Christina applaudiert im Hintergrund. Christina: Applaus, Applaus!]

[00:12:54]  Christina: Ja, total spannend.

[00:12:56]  Pia: Ich habe es interessant gefunden, weil gewisse Sachen habe ich gewusst.

[00:13:01]  Das mit dem Urheberrecht zum Beispiel, aber andere Sachen wie...

[00:13:04]  Christina: Aber ich glaub - entschuldige - dass das mit Urheberrecht ganz viele Leute einfach nicht wissen -

[00:13:08]  Ich hab das nicht gewusst, und ich kann mir auch vorstellen, dass das unsere Zuhörer*innen,

[00:13:10] dass das denen auch neu ist.

[00:13:12]  Ich find das echt - also es ist jetzt so, dass Klassiker irgendwann "auslaufen" und man die auch

[00:13:16]  verwenden kann. Das sehen kann man zum Beispiel auch jeder von euch kann jetzt Geschichten über

[00:13:21]  Sherlock Holmes schreiben und die dann veröffentlichen und auch monetarisieren. Also nicht Fanfiction,

[00:13:26]  sondern richtig Geld damit scheffeln. Aber ich finde es halt gut, dass die Profite von der Geschichte

[00:13:34]  noch diesem Krankenhaus zu Gute kommen. Pia: Ja, ich finde das auch. Finde ich super. Und ich finde

[00:13:39]  es ist super, dass die UK da hergeht und sagt, okay, wir verzichten auf das, ihr könnt

[00:13:42]  das sozusagen verwenden, wie ihr wollt. Ich finde es super. Ja, genau, das war meine

[00:13:48]  Geschichte. Ich hoffe, es hat euch gefallen. Es war ein bisschen interessant. Vielleicht haben wir

[00:13:51]  was Neues erfahren. Christina. Jetzt bin ich gespannt, was von dir kommt. - Christina: [räuspert sich] Ich habe mir besonders

[00:14:01]  große Mühe gegeben, weil sie schließlich ein Wettbewerb, es sehr spannend zu gestalten.

[00:14:06]  Pia: [lacht] Oh je, was kommt jetzt. - Christina: Ja, also setzt euch gemütlich hin, lehnt euch zurück, schnappt euch einen Tee,

[00:14:15]  einen Kaffee oder macht es die Augen zu und lasst euch entführen zu Geburt eines Mythoses.

[00:14:22]  Weil apropos gruselig, ich überstrapaziere den Spannungsbogen lieber nicht gleich so sehr.

[00:14:29]  Es handelt sich um die Entstehung von Bram Stokers "Dracula". - Pia: Ah, okay, daher der Grusel. [lacht] - Christina: Aber auch

[00:14:38]  19. Jahrhundert, da waren wir schon in der Nähe voneinander. Malt euch folgende Szene aus:

[00:14:44]  Es ist eine stürmische Nacht in London irgendwann im Jahr 1890. Bram Stoker, ein irischer Theatermanager

[00:14:53]  und Gelegenheitsautor, liegt in seinem Bett, den Magen schwer von einem späten Abendessen.

[00:15:00]  Doch dann geschieht es. Ein Traum packt ihn mit kalter Hand. [beide lachen]

[00:15:04]  Pia hat mich noch nie ausgelacht in all den Jahren, in denen ich sie kenne. [Pia lacht im Hintergrund weiter. "Entschuldigung."]

[00:15:11]  Okay, ihr genießt euren Tee, ignoriert die Pia, bleibt zurückgelehnt.

[00:15:18]  Bram Stoker ist gepackt vom Traum mit der kalten Hand. Vor ihm steht ein bleicher Adliger mit

[00:15:25]  feurigem Blick - also im Traum - und um ihn herum drei geisterhafte Frauen mit spitzen Zähnen.

[00:15:31]  Sie beugen sich über den jungen Mann. Doch der Adlige stoppt sie mit einem einzigen Satz: [in ominöser Stimme]

[00:15:36]  "Dieser Mann gehört mir." Stoker schreckt hoch, sein Herz rast, sein Geist ist hellwach. Noch in

[00:15:43]  der selben Nacht notiert er sich die Szene in sein Notizbuch. Was er damals noch nicht weiß,

[00:15:48]  dies ist der erste Funke eines Romans, der das Horrorgenre für immer verändern wird.

[00:15:53]  Dracula ist geboren. Kapitel Eins: "Recherche in den Schatten":

[00:15:58]  Doch Stoker schreibt nicht einfach drauf los. Er ist ein Mann der Recherche. Und diese führt

[00:16:06]  ihn im Sommer 1890 in die kleine englische Hafenstadt Whitby. Dort in einer unscheinbaren

[00:16:12]  Bibliothek stößt er auf ein Buch über die Geschichte der Walachei. Ein Name springt ihm ins Auge:

[00:16:18]  Draculea. Das ist der Beiname eines walachischen Fürsten aus dem 15. Jahrhundert. Vlad III.,

[00:16:25]  auch genannt Vlad der Pfähler. Ein Mann, der seine Feinde aufspießt und tausende von Menschen

[00:16:30]  im blutigen Kriegen niedergemetzelt hat. In einer Fußnote liest Stoker, dass Draculea in der alten

[00:16:36]  Sprache nicht nur "Sohn des Drachen" bedeutet, sondern aus dem rumänischen Wort "Drac" abgeleitet,

[00:16:44]  auch "Teufel". Ein Lächeln zieht sich über Bram Stokers Gesicht. Sein Vampir hat soeben

[00:16:51]  seinen Namen gefunden. - Pia: Du machst das sehr szenisch. Also man kann das bildlich vorstellen. [beide lachen leise]

[00:16:57]  Christina: Doch nicht nur die Geschichte Vlads fließt in den Roman ein. Stoker taucht tief in die

[00:17:06]  europäische Folklore ein, liest von untoten Wesen, die des Nachts umherstreifen, von Knoblauch

[00:17:12]  Kreuzen und Pfählen ins Herz. Er nutzt die Werke der schottischen Schriftstellerin Emily Gerard,

[00:17:17]  die siebenbürgische Legenden dokumentierte. Siebenbürgen ist auch als Transylvanien bekannt

[00:17:24]  und ist eine Region im Zentrum Rumäniens. Bei Stokers Recherchen fällt ihm ein Name

[00:17:29]  besonders ins Auge: Nosferatu, ein alter Begriff für einen Vampir. So glauben zumindest die Bauern.

[00:17:37]  Bram Stoker kombiniert Fakten mit Fantasie, historische Schreckensgestalten mit dunklen

[00:17:42]  Mythen. Sein Dracula wird keine bloße Adaption der Geschichte Vlads III.,

[00:17:47]  sondern eine ganz eigene schreckliche Figur. Ein untoter Graf mit hypnotischer Macht,

[00:17:53]  der in einem abgelegenen Schloss haust und in die Metropole London reist, um sich am Blut

[00:17:58]  der Lebenden zu laben. Kapitel zwei: "Der Roman nimmt Gestalt an.": [Pia lacht leise]

[00:18:02]  Sieben Jahre dauert es, bis Stoker seinen Roman fertiggestellt hat. Er schreibt zwischen

[00:18:10]  seinen Verpflichtungen als Theatermanager oft nachts, manchmal bis zur Schöpfung.

[00:18:15]  "Dracula" ist ungewöhnlich strukturiert, keine einfache Erzählung, sondern eine Sammlung

[00:18:20]  von Tagebucheinträgen, Briefen und Zeitungsartikeln. Diese Form gibt dem Roman einen dokumentarischen

[00:18:26]  Charakter. Als sei das Grauen wirklich geschehen.

[00:18:30]  Pia: Da gibt es doch, gibt es das nicht jährlich, dass man da mitlesen kann mit dem Buch?

[00:18:34]  Christina: Gibt es das?

[00:18:35]  Pia: Ja, ich glaube da gibt es online oder vielleicht haben sie das zum Jubiläum gemacht. Ich weiß

[00:18:38]  nicht ob es letztes Jahr oder vorletztes Jahr war, aber da habe ich was gelesen,

[00:18:41]  dass man diese Tagebucheinträge und die Briefe, die drinnen sind, wirklich an den Tagen lesen

[00:18:46]  kann, an denen es im Jahr passiert ist und dann so zum Ende vom Buch kommt sozusagen.

[00:18:50]  Christina: Wow, das ist eigentlich voll eine nette Idee.

[00:18:52]  Pia: Aber eben, ich weiß nicht ob sie das jährlich machen oder ob das nur eine Aktion war.

[00:18:56]  Christina: Schließlich, im Mai 1897 hält die Welt "Dracula" in den Händen. Die Reaktionen? Gespalten.

[00:19:04]  Einige loben den Roman für seine dichte Atmosphäre, andere kritisieren ihn als zu grausam. Doch

[00:19:10]  was Stoker nicht ahnt: Seine Schöpfung ist unsterblich. - Pia: [lacht] Oh mein Gott, ba-dum-ts!

[00:19:18]  Christina: Kapitel drei: "Das Erbe eines Blutsaugers" [Pia lacht leise]

[00:19:23]  Stoker selbst erlebt den großen Ruhm nicht mehr. Doch sein Vampir wird weiterleben.

[00:19:28]  "Dracula" gelangt 1922 mit Nosferatu zum ersten Mal auf die Leinwand, allerdings ohne Stokers Namen.

[00:19:34]  Seinen Witwe Florence zieht deshalb vor Gericht und lässt fast alle Kopien des Films zerstören.

[00:19:39]  Aber der Mythos lässt sich nicht mehr auslöschen.

[00:19:42]  1931 erhebt sich Dracula erneut. Diesmal gespielt von Bela Lugosi in der legendären Universalverfilmung.

[00:19:51]  Der schwarze Umhang, der hypnotische Blick: Lugosi prägt das Bild des Vampirs für Generationen.

[00:19:57]  Später, das ist 1958, wird Christopher Lee dem Blutsauger eine bedrohlich erotische Note verleihen

[00:20:04]  und schließlich wird Dracula zur Ikone der Popkultur.

[00:20:07]  Heute, mehr als 125 Jahre nach der Erstveröffentlichung, ist Dracula allgegenwärtig. Unzählige Adaptionen,

[00:20:15]  Filme, Serien und Bücher basieren auf dem Werk. Bram Stokers Vampir ist das Fundament

[00:20:20]  aus dem jedes moderne Vampirbild ruht. Und so bleibt Graf Dracula unter uns, in den Schatten

[00:20:29]  unserer Albträume, in den dunklen Ecken unserer Fantasie oder aber auch sonnenglitzernd [Pia lacht] in Robert

[00:20:36]  Pattinson-Memes im Internet. Bram Stoker erschuf nicht nur einen Roman, er schuf eine Legende und

[00:20:43]  vielleicht, ganz vielleicht, wenn es Nacht wird und der Wind um die Häuser pfeift,

[00:20:47]  dann hört ihr ein leises Kratzen an euren Fenstern und ihr fragt euch: Ist das Edward

[00:20:54]  Cullen, der mir wieder beim Schlafen zuschauen will? [beide lachen] Ohne Spaß, Dracula ist, haha, nicht tot zu kriegen.

[00:21:04]  Es gibt ja jetzt auch den im Jänner in den österreichischen Kinos gestartet, ein Film von

[00:21:09]  Regisseur Robert Eggers, "Nosferatu: der Untote" und ich ... in den Kinos ist er schon und ich habe

[00:21:19]  jetzt gelesen, es soll für 2025 einen weiteren Dracula-Film geben. - Pia: Schon wieder? - Christina: Wenn es stimmt,

[00:21:25]  "Dracula: A Love Tale" von Luc Besson. Genau. Ja, das ist meine Geschichte. Wie fandet

[00:21:35]  ihr meine Geschichte? Pia? - Pia: Wie gesagt, sehr szenisch, also die Aufteilung auf Kapitel,

[00:21:40]  da habe ich nichts anzumerken. [beide lachen] Ja, Dracula kenne ich ein bisschen mehr aus dem Studium, weil ich

[00:21:47]  über Horrorliteratur ein Seminar gehabt habe, von dem her das meiste kenne ich in dem Fall schon,

[00:21:54]  aber es sind sicher ein paar interessante Sachen dabei, auch für Leute, die es vielleicht noch

[00:21:58]  nie gelesen haben. Es ist schon ein bisschen dickerer Roman, das sind die Leute vielleicht gar nicht

[00:22:03]  gewohnt oder denken auch nicht, dass es vielleicht so dick ist, gerade bei so einem Klassiker,

[00:22:07]  bei so einem Alten, wo man sich denkt, ah, es ist eh nur die gleiche Geschichte, das ist kurz

[00:22:11]  einmal erzählt, aber es ist ... eben, und es hat auch diese lustige - lustige? - hat auch diese interessante

[00:22:16]  Form von Tagebuch einträgen. Ich habe es eigentlich recht flüssig zum Lesen gefunden damals im

[00:22:21]  Studium, muss ich sagen, dadurch, dass man immer sich so von Eintrag zu Eintrag hangelt,

[00:22:25]  das ist dann gleich einmal gelesen. - Christina: Ich habe irgendwie ... ich mag Horrorromane ja voll gern und

[00:22:31]  wo ich "Dracula" das erste Mal gelesen habe, also erst mal in die Hand genommen habe ich gedacht,

[00:22:35]  es wird, ist halt in einer normalen Prosaform geschrieben und war dann entsetzt, wo ich festgestellt

[00:22:40]  habe, das sind so Tagebucheinträge, weil sowas mag ich überhaupt nicht, also Briefromane,

[00:22:44]  Ramenerzählungen. - Pia: Siehst du, gerade das habe ich spannend gefunden! - Christina: Ich finde es furchtbar,

[00:22:48]  weil ich habe immer, die dann sind die Kapitel recht kurz und dann, also das mag ich grundsätzlich

[00:22:53]  daran nicht, dann springt das so und dann bist du jedes Mal in einer anderen Figur. - Pia: Das macht es doch

[00:22:58]  spannend! [lacht] - Christina: Ja, eben, mir gibt es nichts. Ich bleibe lieber bei einer Person. Ich mag den Perspektivenwechsel

[00:23:03]  null. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum keine Fantasyromane

[00:23:07]  mag. - Pia: Ja, George R.R. Martin ist halt dann nix für dich wahrscheinlich. [beide lachen] - Christina: Weil jedes Mal, wenn gerade

[00:23:12]  drinnen bist, gehst du zu jemand anderen und irgendwie keine Ahnung. Was ich zum Beispiel

[00:23:17]  noch nicht gewusst habe, ist, dass er so viel auch von einer der schottischen Schriftstellerin,

[00:23:24]  der Emily Gerard, sich davon so inspirieren hat lassen. Es war mir nicht klar, ich hab die

[00:23:29]  ganze Geschichte mit dem Vlad. III auch gewusst. Ich glaube, von allen Entstehungsgeschichten

[00:23:33]  ist auch "Dracula" einer der bekannteren. Wenn man so weiß, oh, da hat es einmal einen Fürsten

[00:23:37]  geben und irgendwie so hat man das so auf dem Schirm ein bisschen. Aber das habe ich zum

[00:23:41]  Beispiel gar nicht gewusst und auch, dass mit der Folklore ist vielleicht ganz interessant,

[00:23:45]  dass das eben rumänische Folklore ist und dass die Vampirgestalt so eine alte Gestalt ist. Und übrigens:

[00:23:52]  Nicht, dass ich das noch vergesse: Der Roman "Carmilla" -  Pia: [wirft ein] Sheridan La Fenu, glaube ich,

[00:23:57] bin mir jetzt nicht mehr sicher wie man das ausspricht. - Christina: [lacht] Danke Pia. Der ist ja vor "Dracula" veröffentlicht worden,

[00:24:02]  sogar. Oder? Das war davor. - Pia: Genau und es hat dann aber noch mal ganz, ganz, ganz früher, aber

[00:24:09]  eine Kurzgeschichte, glaube ich, "The Vampyr" aber mit "y" geschrieben. Der Vampyr, keine Ahnung. [lacht] Das

[00:24:16]  war noch mal, glaube ich, das war die erste auf Englisch. Das ist eigentlich auch eine interessante

[00:24:21]  Entstehungsgeschichte. Das wäre vielleicht mal was für ein anderes Mal. Ich sage nicht mehr. [beide lachen]

[00:24:25]  Christina: Passt. Dann weiß ich, wer die nächste Vampir-Entstehungsgeschichte macht. Und dann "Twilight". [beide lachen]

[00:24:30]  Ja, also ihr wisst, ihr dürft abstimmen, welche der beiden Geschichten hat euch besser gefallen.

[00:24:37]  Ja, meine wunderbar szenisch vorgetragene, in Kapitel eingeteilte und euch zu Tee auffordernde

[00:24:45]  Geschichte ohne da jetzt irgendwie subjektiv was - Pia: Eine Frechheit! - Christina: Oder Pias Geschichte. [beide lachen] - Pia: Das geht

[00:24:53]  ja gar nicht. - Christina: Also lasst euch da ganz unbeeinflusst. Stimmt ab. Das geht auf Instagram, auf

[00:24:59]  stadtbibliothek.innsbruck oder oder per mail an post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at. Und wenn

[00:25:10]  euch gefällt, was ihr hört, dann vergesst nicht uns zu abonnieren. So habt ihr immer im Blick,

[00:25:14]  wenn eine neue Folge erscheint und ihr unterstützt zudem unabhängige und werbefreie Inhalte. Wir

[00:25:21]  freuen uns von euch zu hören. Sind sehr gespannt, werden uns das Ergebnis dann in der nächsten,

[00:25:26]  unserer nächsten Folge - das heißt -  bekannt geben, wenn wir "Nincshof" besprechen, richtig, Pia? - Pia: Ja,

[00:25:32]  genau. Ich habe es schon gelesen. Ich sage noch nichts. - Christina: Irrziegen! [beide lachen] - Pia: Genau. - Christina: Ich kann eins ... ein Spoiler:

[00:25:39]  Hat dir der Roman gefallen? - Pia: Ja. - Christina: Ja, mir auch. [lacht] Er ist fantastisch. Also freut euch da drauf. Wir freuen

[00:25:46]  uns von euch zu hören. Das habe ich schon gesagt und bis bald. - Pia: Tschüss. [Outro-Musik]

[00:25:49]  [Pia spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek

[00:26:18]  Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

[00:26:22] [Pia spricht]

Kurz und Schmerzlos mit ... Iris Wolff

Kurz und Schmerzlos mit ... Iris Wolff

Stadtbibliothek Innsbruck

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[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:07]  [Intro-Musik] Boris: Hallo und herzlich willkommen zum Vorwort "Kurz und Schmerzlos" heute mit Iris Wolff

[00:00:28]  und mein Name ist Boris Schön. Liebe Frau Wolf, schön, dass Sie da sind.

[00:00:33]  Iris Wolff: Danke.

[00:00:34]  Boris: Ich würde Sie als erstes bitten, dass Sie sich vielleicht kurz vorstellen.

[00:00:38]  Iris Wolff: Das bin ich lange nicht mehr gefragt worden. Das erinnert einen an so Runden, wo man dann

[00:00:45]  da sitzt und sich der Reihe nachvor stellt. Also vielleicht: Geburtstag 1977, in Hermannstadt

[00:00:53]  aufgewachsen und 1985 dann nach Deutschland gekommen mit der Familie. Ich habe ein geisteswissenschaftliches

[00:01:01]  Studium hinter mir mit verschiedenen Fächern, hatte nie einen Plan, was ich damit machen soll.

[00:01:06]  Bin dann Literaturvermittlerin geworden am Deutschen Literaturarchiv in Marbach und bin dann zum

[00:01:13]  Schreiben gekommen und heute bin ich hier mit den "Lichtungen". Das ist mein fünfter Roman.

[00:01:18]  Boris: Ja, vielen Dank. Die Geisteswissenschaften zu studieren und nicht wissen, wo man damit hin will,

[00:01:23]  das ist ein bisschen ein Klassiker der Geisteswissenschaften, aber sie wurden ja auch, glaube ich, nicht erfunden,

[00:01:28]  damit man weiß, wo man hin will.

[00:01:30]  Iris Wolff: Es erschien mir immer merkwürdig, ein Weg zu gehen, der so vorhersagbar ist, also etwas Sicheres zu nehmen,

[00:01:37]  weil ich denke, man weiß ja gar nicht, wo die Sicherheit liegt. Und das andere ist, man sollte schon bei seinen

[00:01:44]  Talenten bleiben, bei so etwas Wichtigem wie dem Beruf, weil man einfach so viel Zeit damit verbringt.

[00:01:49]  Boris: Das finde ich auch ja. Sachen, die einem Spaß machen, sind wichtig, was man damit sein Berufsleben füllt.

[00:01:55]  Wie Sie schon gesagt haben, Sie sind mit Ihrem neuen Roman "Lichtungen", oder Ihrem aktuellen Roman,

[00:02:00]  muss man eigentlich sagen, er ist jetzt circa ein Jahr alt, heute zu Gast in der Stadtbibliothek.

[00:02:05]  Und Sie haben es zwar schon ein bisschen angedeutet, aber die Frage, wie sind Sie denn zur Schriftstellerin geworden?

[00:02:13]  Iris Wolff: Es gab eine sehr entscheidende Reise nach Siebenbürgen, da war ich so Mitte 20.

[00:02:19]  Und ich habe zum ersten Mal verstanden, dass das ganz viel mit meiner Identität oder Prägung oder Herkunft zu tun hat.

[00:02:28]  Ich habe das ganz lange weggesperrt und dachte dann, weil ich ja so eine Romanleserin bin,

[00:02:33]  das wäre doch eine gute Idee, das in einem Roman zu verarbeiten.

[00:02:38]  Also warum ist die deutsche Minderheit ausgewandert aus Siebenbürgen?

[00:02:42]  Was hat es mit meiner Familie gemacht? Was hat es mit mir gemacht, als Kind zu gehen aus einer vertrauten Umgebung?

[00:02:49]  Und dieser Roman, das war so ein Experiment.

[00:02:53]  Und sechs Jahre habe ich gebraucht, bis er fertig war, dann habe ich noch mal ein Jahr gebraucht,

[00:02:58]  bis ich einen Verlag gefunden habe, den Otto-Müller-Verlag in Salzburg.

[00:03:01]  Und wenn man einen Roman geschrieben hat, dann denkt man, das hat ja funktioniert, mache ich doch den nächsten.

[00:03:06]  Und so ging das immer ein Stück weiter.

[00:03:09]  Ich bin ganz froh, dass mich das Leben an diesem Platz geführt hat, weil ich den Eindruck habe, da kommt so viel zusammen,

[00:03:15]  was ich mag und was ich kann und was mich auch herausfordert.

[00:03:19]  Boris: Eine Besonderheit von Ihrem letzten Roman ist ja, dass er rückwärts erzählt wird.

[00:03:25]  Jetzt würde mich interessieren, worin bestand denn für Sie da oder gab es Herausforderungen dadurch beim Schreiben?

[00:03:32]  Iris Wolff: Ich würde es nie wieder machen.

[00:03:34]  Das muss ich ganz klar sagen.

[00:03:36]  Das war so eine Herausforderung, das erzählerisch so hinzubekommen, wie ich mir das vorgestellt habe im Kopf.

[00:03:42]  Das ist ja immer ein Riesenunterschied, wie sich Dinge in unserem Kopf zeigen, diese Welt, also dreidimensional in einem Leben,

[00:03:48]  wie wir uns bewegen, die Erzählerichtung rückwärts.

[00:03:51]  Das war für mich so klar.

[00:03:53]  Aber es sozusagen in Sprache zu fassen, ist immer die Herausforderung.

[00:03:57]  Und auch so, dass Leserinnen und Leser da reinkommen, also sich in diese rückwärts Bewegung fallen lassen,

[00:04:03]  weil das will man ja auch nicht, dass das zu kompliziert wird oder zu herausfordernd.

[00:04:11]  Es soll schon anspruchsvoll sein.

[00:04:14]  Ich finde, Literatur darf uns animieren, mitzudenken und mitzumachen und darf auch Leerstellen haben, die uns einladen,

[00:04:22]  uns dazu in Beziehung zu setzen zu einem Text.

[00:04:25]  Aber es soll auch so ein Hineinfallen sein.

[00:04:28]  Man soll sich auch dem Text überlassen können.

[00:04:30]  Und die Herausforderung war zum Beispiel, wenn die Protagonisten in ihrer Jugend zum ersten Mal einen Ort entdecken,

[00:04:38]  wie das Wirtshaus von Milena und Camille, dann muss ich diesen Raum ja so beschreiben, wie die Figuren ihn das erste Mal sehen.

[00:04:45]  Aber die Leserinnen und Leser, die gehen zum ersten Mal an einem ganz anderen Punkt in diesen Raum.

[00:04:50]  Also muss ich ja Redundanzen vermeiden.

[00:04:52]  Ich darf den nicht zweimal auserzählen.

[00:04:54]  Also was liegt auf den Tischen, welche Decken, wie ist der Raum dekoriert.

[00:04:59]  Ich muss also so eine Balance finden im Erzählen.

[00:05:03]  Und das war wirklich die Herausforderung, es anders zu verweben.

[00:05:07]  Boris: Sie ist auch beim Lesen sehr spannend.

[00:05:09]  Es sind immer wieder rätselhafte Momente, kam mir vor, beim Lesen.

[00:05:14]  Und dann klären die sich natürlich mit der Zeit dann wieder auf.

[00:05:17]  Es war sehr spannend für mich auch, der Leseprozess.

[00:05:21]  Iris Wolff: Man muss mehr bei so einer Art zu erzählen über Motive arbeiten.

[00:05:25]  Also so Wiedererkennungsmotive.

[00:05:27]  Etwas wird angedeutet und das Vertrauen muss bei den Lesenden da sein.

[00:05:32]  Das wird mir bei oder zugegebener Zeit erklärt, wird es mir gezeigt.

[00:05:38]  Aber am Anfang sind es eben nur Hinweise und Andeutungen.

[00:05:42]  Boris: Jetzt würde mich interessieren, nachdem Sie ja schon, wie Sie gerade auch dargestellt haben,

[00:05:48]  wie Sie auch technisch arbeiten müssen, damit das funktioniert

[00:05:53]  am Ende ein Buch, das so konstruiert ist.

[00:05:57]  Wie ist denn Ihre Schreibroutine?

[00:05:59]  Arbeiten Sie da nach Bürozeiten, Ihre Bücher ab?

[00:06:04]  Oder wie kann man sich das vorstellen?

[00:06:06]  Iris Wolff: Das erste ist, dass ich mir lange Zeit lasse.

[00:06:09]  Also, dass ich mich

[00:06:13]  nicht hetze, dass ich nicht zu früh Abgabetermine vereinbare, weil ich finde, man muss erst mal

[00:06:16]  schauen, wie der Stoff sich entwickelt, in welche Richtung er geht. Ich mache mir auch ganz wenig

[00:06:22]  Pläne für meine Figuren oder für die Handlung und deswegen brauche ich erst mal Zeit, das ist

[00:06:27]  wichtig. Dann gibt es Phasen, da läuft es gut das Schreiben und Phasen, da muss man warten, weil man

[00:06:33]  nicht weiß, wie die Geschichte weitergeht, da braucht man noch so eine Hilfestellung von außen oder

[00:06:37]  irgendwas, was das Leben einem zuspielt, dass man weiß, in welche Richtung geht es. Und ich bin schon

[00:06:43]  der klassische Morgensschreibende. Also aufstehen, keine Nachrichten schauen, sich nicht in E-Mails

[00:06:51]  zerfransen und sonstigen Verführungen nachgehen, die einen vom Schreibtisch weglocken, weil es gibt

[00:06:57]  die immer. Und dann versuche ich wirklich, diese Zeit zu nutzen bis zwölf und die Geschichte voranzutreiben.

[00:07:04]  Am Nachmittag ist dann eher so was wie Überarbeitung oder Recherche möglich für mich. Dann gibt es

[00:07:12]  natürlich auch große Unterbrechungen, wenn man auf Lesereise ist. Es gibt Autorinnen und Autoren,

[00:07:17]  die können wunderbar auf Lesereise schreiben. Ich kann es nicht, ich habe den Laptop zwar dabei,

[00:07:22]  aber am besten kann ich zu Hause schreiben. - Boris: Sie sind ja zu uns ins Haus gekommen,

[00:07:28]  eigentlich vermittelt über den Büchereiverband Österreich. Ich weiß es nicht, ob

[00:07:34]  das stimmt, aber Markus Feigl hat dann gemeint, sie hätten eine, also sie würden Bibliotheken

[00:07:40]  sehr gerne mögen. Jetzt stelle ich die Frage, stimmt das [Iris Wolff lacht leise] und was mögen sie an Bibliotheken gerne?

[00:07:45]  Iris Wolff: Ich habe meine ganz frühen Leseerfahrung in Deutschland, die haben wirklich viel mit Bibliotheken

[00:07:49]  zu tun. Diese Möglichkeit, dass einem so viel zur Verfügung steht, was man ausleihen kann,

[00:07:56]  das war so wunderbar und ist es bis heute. Jetzt hat es sich ein bisschen verlagert,

[00:08:03]  zum selber haben wollen, einfach weil Anstreichungen möglich sind und ich die Bücher, die mich prägten,

[00:08:10]  auch immer bei mir haben will, aber die schönsten Leseerlebnisse in der Jugend und dem

[00:08:18]  Aufwachsen, die haben ganz viel mit Bibliotheken zu tun und das wird man nie vergessen. Ich habe

[00:08:25]  irgendwann auch vor, ich weiß noch nicht wann es passt und geschieht, dass ich Bibliotheken auch mal

[00:08:31]  literarisch sozusagen ein Denkmal setze. Das habe ich noch nicht gemacht. In "Die Unschärfe der Welt"

[00:08:37]  da gibt es ja den Bene, den Buchhändler und der sagt, man muss Bücher unbedingt besitzen und

[00:08:43]  das stimmt nicht. Man kann Bücher schon auch leihen. [lacht leise] - Boris: Künstliche Intelligenz ist so in aller

[00:08:47]  Munde zurzeit und ich habe von vielen Menschen, die in der Kreativbranche, wenn wir das mal so

[00:08:53]  nennen und da die Literatur miteinschließen, so ein bisschen die Angst verspürt, dass das

[00:08:59]  mittelfristig einem die Arbeit wegnehmen kann. Wie sehen Sie das jetzt speziell auf die Literatur

[00:09:04]  bezogen? - Iris Wolff: Ich glaube im Feld der Übersetzung ist es ziemlich gefährlich. Das sieht man ja jetzt schon,

[00:09:10]  in welche Richtung das geht. Was die Literatur betrifft, habe ich nicht so große Angst. Auch

[00:09:16]  was die Kunst angeht, auch Bildende Kunst auch nicht, weil ich denke, ja natürlich, das würde

[00:09:20]  funktionieren. Das wäre vielleicht auch unterhaltsam, aber hat man wirklich Interesse an etwas, was nicht

[00:09:26]  ein Mensch, ein anderer Mensch, der ein Leben hat, der fühlt, der sich zur Welt in Beziehung setzt,

[00:09:32]  hat man da wirklich Interesse daran? Ich bezweifle es. Deswegen habe ich auch keine große Furcht.

[00:09:37]  Ich bin schon neugierig, wie das unser Leben verändert. Also ich weise es nicht ganz von mir,

[00:09:45]  aber im Feld der Literatur, also für mich wäre es nicht spannend, einen Text zu lesen, wo kein

[00:09:52]  Mensch dahinter steht, wo auch keine Begegnung möglich ist, vielleicht im echten Leben irgendwann.

[00:09:56]  Boris: Ich habe auch die Moderation des heutigen Abends mal kurz testhalber durch ChatGPT gejagt und

[00:10:02]  haben mir danach gedacht, die funktionieren wahrscheinlich prinzipiell, ist aber nicht

[00:10:05]  meine Moderation. Das wäre dann auch so ein bisschen, also da fehlt das Gefühl dann halt komplett.

[00:10:10]  Iris Wolff: Ja und vor allem, Sie können dann spontan auf der Bühne entscheiden, in welche Richtung wollen

[00:10:15]  Sie eigentlich gehen? Wollen Sie tiefer ein Thema verfolgen oder nochmal irgendwo die Ränder

[00:10:21]  abklopfen? Das ist ja auch so, dass was im Augenblick entsteht. Das versagt man sich ja sonst.

[00:10:27]  Boris: Ja absolut. Ja vielen Dank für diese Einblicke. Jetzt wollte ich zum Abschluss Sie noch fragen ...

[00:10:33]  oder um einen Literaturtipp bitten für unsere Leser*innen. - Iris Wolff: Ich entscheide mich hier für ein

[00:10:39]  Gedichtband, den ich letztes Jahr entdeckt habe. Eine US-amerikanische Autorin, Mary Oliver,

[00:10:45]  die schreibt so wunderbare Gedichte, dass ich mich unendlich langsam durch diesen Gedichtband

[00:10:54]  bewege. Der heißt, "Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben". Im Englischen,

[00:11:02]  glaube ich hat es einen ganz anderen Titel, das hat der Verlag für die deutsche Ausgabe

[00:11:06]  gewählt. Ich habe es mir inzwischen auch auf Englisch besorgt und lese es so parallel. Das sind

[00:11:11]  wirklich Einladungen, ein wenig mehr im Augenblick anzukommen und das Leben wertzuschätzen,

[00:11:19]  auch in der Verbindung vor allem mit der Natur. Da ist so eine große Dankbarkeit

[00:11:24]  drinnen in diesem Buch, was alles Lebendige anbelangt und das sind ganz wertvolle Impulse

[00:11:31]  und auch eine unglaublich klare unprätentiöse Sprache, die die Autorin hat. - Boris: Lyrik zum

[00:11:39]  Genießen. - Iris Wolff: Genau. - Boris: Ja, vielen herzlichen Dank für das Gespräch und ich freue mich schon auf das Gespräch

[00:11:45]  heute Abend mit Ihnen auf der Bühne. - Iris Wolff: Sehr gerne.

[00:11:48]  [Outro-Musik] [Boris spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen,

[00:12:18]  dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Boris spricht]

 

Teatime: Book Icks

Teatime: Book Icks

Stadtbibliothek Innsbruck

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[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert

[00:00:07]  [Intro-Musik] Jaci: Hallo und herzlich willkommen zum "Vorwort", dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck

[00:00:27]  und zu unserem monatlichen Format "Teatime". Heute wieder mit Shelly und Jaci.

[00:00:33]  Und wie sich das bei einer richtigen Tea Time gehört, haben wir uns beide einen Tee gemacht.

[00:00:39]  Shelly, was gibt es denn bei dir für einen Tee?

[00:00:41]  Shelly: Bei mir gibt es heute "Waldbaden" mit Pfefferminz, Rosmarin und Kiefernsprossen.

[00:00:49]  Frag mich nicht, was Kiefernsprossen sind, aber es schmeckt auch ziemlich nach Wald.

[00:00:53]  Jaci: Bei mir gibt es ganz klassisch einen English Breakfast Tea. Leider ohne Milch oder Zitrone, weil ich beides nicht da habe.

[00:00:59]  Man nimmt, was man kriegen kann. Genau, dann steht unserer Tea Time ja nichts mehr im Wege

[00:01:04]  und wir können über unser heutiges Thema sprechen. Unser heutiges Thema sind die "Book Icks".

[00:01:10]  Aber Shelly, was sind denn Book Icks?

[00:01:20]  Shelly: Das Oxford Dictionary hat "Ick" als Ausruf, "an expression of disgust", also ein Ausruf von Ekel.

[00:01:29]  Bei einem "Ick" geht es also um einen Gemütszustand, der aber nicht immer leicht zu fassen ist.

[00:01:35]  Beziehungsweise kann man den nicht so gut erklären.

[00:01:38]  Manche Dinge oder Verhaltensweisen, die stoßen uns aus unerführendlichen Gründen einfach ab

[00:01:44]  und wir haben uns dann quasi den "Ick" eingefangen.

[00:01:49]  Online wird das Phänomen auch mit dem Konzept von "Cringe" in Verbindung gebracht, was vielleicht noch geläufiger ist.

[00:01:55]  Und hierbei geht es ebenfalls um eine körperliche Reaktion, aber eher aus Fremdscham heraus.

[00:02:00]  Der "Ick" hat seinen Ursprung im romantischen Kontext, nämlich wenn man während der Datingphase, also wo man noch nicht fix zusammen ist,

[00:02:09]  von einem Moment auf den anderen das Interesse an einem, einer potenziellen Partner*in verliert

[00:02:17]  und mittlerweile wird es eben in den sozialen Medien, aber auch für andere Dinge verwendet,

[00:02:22]  sprich Jobs, Serien, Mahlzeiten, Situationen oder Kleidung.

[00:02:27]  Und fast alles kann den "Ick" hervorrufen.

[00:02:30]  Es ist eine starke Antipathie gegenüber einer Sache.

[00:02:33]  Und in unserem Fall eben heute gegenüber Büchern und alles, was in dem Kontext damit zu tun hat.

[00:02:42]  Jaci: Okay, mein erster "Ick" ist, wenn auf dem Cover, vor allem bei Fantasy-Reihen,

[00:02:49]  bei Romanen ist es mir noch eher egal, bei Fantasy-Reihen, wenn sie reale Personen auf das Cover drucken.

[00:02:57]  Also wenn auf dem Cover keine, nicht nur die Strift ist und irgendwie schöne Farben,

[00:03:02]  sondern wirklich ein Foto von einer realen Person quasi, weil mir dann total weggenommen wird, wie ich mir die Person vorstelle.

[00:03:09]  Shelly: Stimmt, gerade bei Fantasy ist das so wichtig, weil es meistens nicht ganz menschliche Wesen sind, gell?

[00:03:15]  Jaci: Eben, die sind dann entweder immer so wunderschön und keine Ahnung was und dann regt es mich immer so auf, wenn da echte Personen am Buch sind.

[00:03:22]  Weil dann wird mir jegliche Kreativität genommen und die Person schaut auch nie so aus, wie ich es mir vorstelle

[00:03:28]  und dann bin ich immer recht verärgert, wenn das ist.

[00:03:32]  Shelly: Hast du ein konkretes Beispiel?

[00:03:34]  Jaci: "Throne of Glass" von Sarah J. Maas, da hat die erste deutsche Ausgabe, die ich mir damals - in der Buchhandlung habe ich die gesehen - hab sie gekauft

[00:03:43]  und die war aber so dermaßen hässlich, es tut mir leid, weil da wirklich einfach reale Person drauf war, die absolut nicht wie die Hauptperson ausgeschaut hat

[00:03:51]  und das hat mich wahnsinnig gestört.

[00:03:54]  Mittlerweile gibt es eine überarbeitete Cover-Version mit einer gemalenen Figur, die ich schon besser finde.

[00:04:00]  Oder jetzt auch, "Das Reich der Sieben Höfe", die deutschen Ausgaben haben ja auch eine Person auf dem Cover, finde ich auch schrecklich.

[00:04:07]  Shelly: Und dazu noch dieser durchsichtige Umschlag, wo das drauf gedruckt ist.

[00:04:12]  Jaci: Don't even get me started. [beide lachen]

[00:04:14]  Shelly: Wir sehen, wir kommen langsam rein.

[00:04:17]  Mein erster Ick, den ich mir aufgeschrieben habe, ist, wenn auf dem Cover eines Buchs der Sonderpreis [Jaci stöhnt genervt] von 15 Euro abgedruckt ist und nicht nur als Sticker drauf geklebt wurde,

[00:04:32]  das habe ich ganz oft, wenn ich Bücher bestelle und dann eben einarbeite, dann will ich immer versuchen, das runter zu kratzen und dann ist es einfach aufgedruckt, so 3D-mäßig.

[00:04:41]  Wie kommt man auf die Idee?

[00:04:44]  Jaci: Da tut sich jemand was an mit dem Cover-Design und dann ... Shelly: Und dann zerstörst du das mit diesem Sticker, der keiner ist!

[00:04:51]  Jaci: Mein nächstes ist, glaube ich auch sehr, ich glaube, das kennt jeder, jeder, der schon einmal eine Buchreihe gelesen bzw. gekauft hat, kennt das.

[00:05:00]  Und das ist, wenn man die Reihe hat 6 Teile und ab dem 5. ändern sie auf einmal irgendwie die Größe des Buchs, die Farbe des Buchs oder irgendetwas anderes.

[00:05:15]  Also wenn dann irgendwie die ersten 3 Teile klein sind, und das 5. oder 4. dann auf einmal groß oder sowas, [Shelly: Schrecklick. ] eben genau, das ist eben Größe oder auch Farbe vom Buchrücken.

[00:05:26]  Das ist entweder es muss alles zusammenpassen oder es muss verschiedene Farben haben, jedes Buch aber.

[00:05:32]  Also können nicht die ersten 4 weiß sein und dann wird es auf einmal blau, weil dann ist mein Herzchen zerstört, weil ich meine eine Bücherregale im Regenbogen sortiere.

[00:05:43]  Und entweder die Reihe steht nicht beieinander, so gar nicht oder ... oder, was ... das geht nicht.

[00:05:50]  Shelly:Okay, also bei dir macht die Farbe viel aus, ich sehe es schon. Dann bleiben wir doch gleich bei dem Thema. Mein nächster Ick ist vielleicht ein bisschen kontrovers, weil ich einige kenne, die das voll feiern.

[00:06:01]  Jaci: Oh, oh, ich weiß, was kommt.

[00:06:03]  Shelly: Farbschnitte.

[00:06:05]  Jaci: Ach, so toll!

[00:06:06]  Shelly: Ich hasse es.

[00:06:08]  Jaci: Nein, ich finde es so toll.

[00:06:09]  Shelly: Ich habe da mehrere Gründe dafür.

[00:06:12]  Jaci: Erläutere.

[00:06:13]  Shelly: Ich erläutere.

[00:06:14]  Also, erstens, es widerstrebt meinem Urinstinkt die Bücher verkehrt herum ins Regal zu stellen.

[00:06:24]  Und das wäre aber der einzige Grund, wo ich mir einreden lassen würde, dass ein Farbschnitt Sinn macht.

[00:06:32]  Aber dadurch, dass ich gerne meine Bücher so hinstelle, dass sie mir den Rücken zuwenden, [Jaci lacht im Hintergrund] weil da ja auch ein Titel und so drauf steht, was nicht ganz unwesentlich ist beim Buch.

[00:06:43]  Verstehe ich das Konzept eines Farbschnitzes nicht.

[00:06:46]  Man sieht es ja nicht.

[00:06:48]  Und wenn man es liest, sieht man es auch nicht, weil man hat das Buch aufgeschlagen.

[00:06:53]  Warum?

[00:06:54]  Warum?

[00:06:55]  Ich verstehe es nicht.

[00:06:56]  Nein.

[00:06:57]  Und [Jaci lacht] bevor du jetzt was sagst, wie toll das ist, es macht das Buch ...

[00:07:01]  Bücher werden sowieso schon teurer, es macht das Buch umso teurer.

[00:07:05]  Und jetzt stell dir vor, du bist gerade Newcomer, möchtest eigene Bücher veröffentlichen, die Leute fahren voll auf Farbschnitte ab, kaufen gefühlt nur noch Farbschnitte und Special Editions,

[00:07:17]  finde mal einen Verlag, der dich als Newcomer in einem Farbschnitt auflegt.

[00:07:23]  Du brauchst eine gewisse Auflage, eine größere, damit sich das rentiert.

[00:07:29] Jaci: Darf ich etwas sagen? [beide lachen]

[00:07:31]  Ich trau mich gar nicht.

[00:07:33]  Shelly: Nein ... ja ok, sag. Bitte.

[00:07:34]  Überzeug mich vom Gegenteil.

[00:07:37]  Jaci: Okay. Wenn du ein Buch kaufst, achtest du dann aufs Cover?

[00:07:41]  Shelly: Ja.

[00:07:42]  Jaci: Ist dir ein schönes Cover wichtig?

[00:07:45] Shelly: [zögerlich] Jein.

[00:07:46]  Aber das siehst du auch nicht, wenn du es liest.

[00:07:49]  Und du siehst auch nicht, wenn es im Regal ist, aber du weißt, dass es da ist.

[00:07:53]  Und das macht dich glücklich, wenn's hübsch ist?

[00:07:56]  Shelly: Ja, schon.

[00:07:58]  Jedes Buch braucht ein Cover, nicht jedes Buch braucht einen Farbschnitt.

[00:08:04]  Jaci: Ich finde es persönlich sehr toll, aber einfach weil ich hübsche Bücher extrem wertschätz,

[00:08:09]  weil früher Bücher, also ich finde den früheren 2000er Buchcover waren einfach nicht hübsch.

[00:08:14]  Und ich finde mittlerweile auch durch Aufkommen von Bookstagramm und Booktok,

[00:08:18]  wird einfach viel mehr Wert wieder gelegt, wie Bücher ausschauen, eben vom Cover.

[00:08:22]  Und ich finde die Farbschnitte machen es aber schon irgendwie nochmal besonderer.

[00:08:26]  Ich finde es einfach so eine Liebe nochmal zum Detail, der ich einfach total toll finde.

[00:08:30]  Ich verstehe deine Begründungen, mit man sieht es nicht, wenn es quasi im Regal ist oder so was.

[00:08:35]  Aber man weiß, dass es da ist.

[00:08:38]  Und wenn man dann irgendwie eben, wenn man es mitnimmt, wenn man Fotos macht,

[00:08:41]  wenn es einfach nur da liegt, wenn man es zwischen dem Lesen oder so was,

[00:08:44]  ich finde, es gibt mir schon sehr viel Genugtuung, wenn dann ein hübsches Buch da liegt.

[00:08:49]  Aber es wird teurer, da gebe ich dir recht.

[00:08:51]  Aber ich bin auch die Person, die von meinem Liebungsbuch vier verschiedene Ausgaben gekauft hat,

[00:08:54]  weil sie hübsch sind.

[00:08:56] Shelly: Ja ich auch. [beide lachen]

[00:08:58]  Aber es ist keins mit Farbschnitt dabei.

[00:09:00]  In meinem Regal steht kein einziger Farbschnitt.

[00:09:02]  [erschrocken] Lüge, Lüge.

[00:09:04]  Jaci: Ich hab nur eins mit goldenen Seiten, ist das ... ?

[00:09:06]  Shelly: Ja, das ist auch meins, deshalb.

[00:09:08]  Aber es ist in einem Schuber drinnen, die Sherlock Holmes in Miniatur.

[00:09:11]  Jaci: Ah, okay.

[00:09:13] Shelly: Mit Bibelseiten, so dünn.

[00:09:15]  Und ja, die haben einen Farbschnitt, okay.

[00:09:17]  Jaci: Okay, okay.

[00:09:19]  Eins meiner Icks, an dem ich sehr arbeite, einfach weil ich viel meine Bücher auch verleihe.

[00:09:22]  Und ich bin schon viel besser geworden.

[00:09:24]  Früher haben Freunde, Freundinnen ganz viel Angst gehabt, meine Bücher auszuleihen.

[00:09:27]  Weil sie Angst hatten, dass sie sie zu sehr kaputt machen.

[00:09:29]  Und ich sie nicht mehr zurücknehme, und sie sie mir zurückkaufen müssen. [lacht]

[00:09:32]  Ist nur einmal vorkommen.

[00:09:34]  Ich arbeite sehr daran, ein Ick ist die Rillen am Buchrücken von Taschenbüchern.

[00:09:40]  Die finde ich ganz schlimm.

[00:09:42]  Es zeigt dir nur, dass ein Buch gelesen worden ist.

[00:09:45]  Also es ist ja nichts Schlimmes.

[00:09:47]  Es ist keine Beschädigung vom Buch.

[00:09:49]  Aber es stört mich immens, wenn sie im Regal stehen, um diese Rillen da zu sein.

[00:09:53]  Und ich habe schon sehr viele Bücher gelesen, die ich nur zum Drittel aufgemacht haben,

[00:09:57]  um zu vermeiden, dass Rillen kommen.

[00:09:59]  Aber die Rillen sind trotzdem da gewesen.

[00:10:01]  Shelly: Ja, verstehe ich, habe ich früher auch so gesehen.

[00:10:04]  Mittlerweile setzte ich das ein bisschen im Vergleich zu einem Menschen, der altert.

[00:10:10]  Der bekommt auch Falten und ich finde Falten sehr schön. [Jaci: Ohhhh, schön.]

[00:10:12]  Und zeigt schon einen tollen Leben mit vielen Gefühlsregungen.

[00:10:17]  Jaci: Ja, okay.

[00:10:19]  Eben, es ist ein Ick, an dem ich arbeite, weil ich weiß, dass er blöd ist.

[00:10:23]  Weil ein Buch muss Rillen haben, damit man es lesen kann.

[00:10:26]  Aber es ist nicht schön und es nervt mich.

[00:10:32]  Shelly: Dann musst du jetzt Farbschnitte kaufen und stellst es verkehrt herum ins Regal. [Jaci lacht]

[00:10:37]  Und dann kann das nicht passieren.

[00:10:38]  Jaci: Zwei Fliegen mit einer Klappe.

[00:10:40]  Shelly: Oh ja, so toll.

[00:10:41]  Mein nächster Ick, wenn die, boah, es gibt, wer auch immer sich das ausgedacht hat [Jaci lacht], es

[00:10:48]  gibt Formate bei Büchern, da ist die Coverseite bei Paperback, also bei Taschenbuchformaten.

[00:10:55]  Die Coverseite kürzer als der Rest, die ganzen restlichen Seiten, sogar die, wie nennt man

[00:11:04]  die andere Hintercoverseite von einem Buch?

[00:11:07]  Jaci: Die letzte ... das hintere Cover? Keine Ahnung ... Shelly: Der Hintern vom Buch. [beide lachen]

[00:11:12]  Genau, das hat die exakt selbe Länge wie die Seiten, nur die erste Seite, die Coverseite

[00:11:19]  ist kürzer.

[00:11:20]  Bei "They Both Die at the End" von Adam Silvera ist es auch bei unserer Ausgabe, die

[00:11:24]  wir in der Bibliothek haben.

[00:11:25] Finde ich auch ganz ganz sinnlos.

[00:11:27]  Ich hab noch einen, der passt zu deinem Sticker oder Nichtsticker am Cover.

[00:11:33]  Das ist, wenn ich in eine Buchhandlung gehe und ein Buch mir anschau und den Inhalt lesen

[00:11:38]  möchte und der Preis, den die Buchhandlung noch mal extra drüberklebt oder sowas, über

[00:11:44]  dem Inhalt klebt und ich dann den Inhalt nicht lesen kann.

[00:11:47] Shelly: Hinten, am Buchrücken?

[00:11:48]  Jaci: Ich weiß, da kann es Buch nix dafür, vielleicht ist es Buchhandlungs-Ick, aber stört mich,

[00:11:53] stört mich extrem.

[00:11:54]  Shelly: Wenn Enemies zu schnell zu Lovers werden, wenn dieser Slow Burn so abgehackt wird und

[00:12:03]  man plötzlich das totale Feuerwerk hat, das mag ich nicht, dann Cartoon-Covers für

[00:12:09]  Spicy Books, für Erotikbücher, zum Beispiel "Icebreaker".

[00:12:13]  Jaci: Sehr irreführend.

[00:12:15]  Shelly:Ja.

[00:12:16]  Jaci: Das ver-romantisiert alles sehr und verharmlicht.

[00:12:20]  Shelly: Verharmlost.

[00:12:21]  Jaci: Verharmlost, genau.

[00:12:22]  Shelly: Dann extrem lange Kapitel in einem Buch, mag ich gar nicht.

[00:12:26]  Jaci: Stimmt.

[00:12:27]  Shelly: Bin ich nicht geduldig genug dafür und ich bin eine Person, die von Kapitel zu Kapitel

[00:12:32]  lesen.

[00:12:33]  Das heißt, wenn ich auch schon voll dringend aufs Klo muss, ich lese das Kapitel noch

[00:12:36]  fertig.

[00:12:37]  Jaci: Ganz schlecht, wenn man sagt, vorm Einschlafen liest und noch sagt ein Kapitel noch, wenn

[00:12:42] es dann hundert Seiten sind. - Shelly [gleichzeitig]: Bist dann drei Stunden beschäftigt.

[00:12:43]  Jaci: Vor allem schläft man dann ein und dann weiß ich nicht mehr, was passiert ist.

[00:12:46]  Mein Gehirn kann das nur abschließen, wenn es Kapitel abgeschlossen ist.

[00:12:49]  Darf ich auch noch zu den Tropes, mir gerade noch einen Privater eingefallen, den ich

[00:12:53]  offensichtlich nicht hinschrieben habe.

[00:12:55]  Aber das ist eben, wenn der Inhalt des Buches nur Tropes sind.

[00:12:58]  Also wenn das einzige Interessante an einem Buch ist, dass es Tropes sind.

[00:13:02]  Shelly: Wenn man das voll ausschlachtet.

[00:13:05]  Jaci: Genau.

[00:13:06]  Also wenn jetzt eben, wenn es "Enemies-to-Lovers" ist und was nichts anderes passiert, außer

[00:13:10]  diese "Enemies-to-Lovers"-Geschichte.

[00:13:11]  Ich finde ein Trope, also abgesehen davon ein Buch sollte immer mehrere Tropes haben,

[00:13:16]  aber es sollte auch irgendwas haben, was dann quasi gerechtfertigt ist, dass da eine Geschichte

[00:13:21]  passiert, was nicht dieses Enemies-to-Lovers oder Second-Chance-Romance oder irgendeines

[00:13:27]  dieser Romance-Tropes vor allem ist.

[00:13:28]  Also das finde ich immer ganz, ganz störend. [Shelly macht zustimmende Geräusche]

[00:13:30]  Shelly: Ja, ein Trope ist kein Genre.

[00:13:32]  Jaci: Genau, das ist sehr richtig.

[00:13:34]  Trope allein macht noch keinen Inhalt aus.

[00:13:36] Shelly: Nein. Das kann nicht das ganze Buch stemmen.

[00:13:39]  Jaci: Ja, das richtig.

[00:13:40]  Eines hat mich wahnsinnig stört, wenn ich Bücher kaufe oder Bücher mir anschaue und

[00:13:46]  hinten kein Inhalt steht, sondern nur diese Blurps, dieses "Best Book This Year" X/Y-Autorin

[00:13:56]  oder einfach dieses "Stunning" oder irgendwas, das überhaupt nichts über das Buch aussagt.

[00:14:00]  Wo ich mir aber denke, ich will wissen worum es geht und da musst du dich auf die Suche des Inhalts

[00:14:04]  begeben, ob das jetzt auf der ersten Seite steht oder im Buch irgendwo oder keine Ahnung wo du den

[00:14:10]  Inhalt her haben sollst. - Shelly: Klappentext.

[00:14:11]  Jaci: Ja, genau, ja.

[00:14:12]  Und das nervt mich immer wahnsinnig, wenn da nur Blurps stehen.

[00:14:14]  Auch sehr nervig, finde ich das,

[00:14:18]  das ist vor allem bei Jugendbuchreihen, wenn eben eine Fantasy-Reihe ist, aber wenn ich als

[00:14:23]  Bibliokarin in meiner Arbeitsfunktion zum Regal gehe und jemand fragt, "können Sie mir

[00:14:29]  den zweiten Teil von dieser Reihe geben" und ich dann intensiv dieses Buch auseinandernehmen

[00:14:34]  muss, um herauszufinden, welcher Teil das ist.

[00:14:37]  Shelly:Ja, voll nervig.

[00:14:38]  Jaci: Wenn es dann einfach irgendwo stehen kann, so, zweiter Teil der Reihe.

[00:14:40] Shelly: [unverständlich]

 [00:14:42]  Jaci: Irgendwas.

[00:14:43]  Ihr hätt gern irgendwas.

[00:14:44]  Shelly: Aber das ist so oft, vor allem bei den historischen Romanen habe ich oft das Problem bei der Beratung,

[00:14:48]  dass ich echt dann mit dem Büchen in der Hand zur Info gehe und das nachschauen muss im System.

[00:14:54]  Jaci: Bitte an alle Publishing Houses und so weiter, schreibt irgendwo bitte die Zahlen hin.

[00:15:00]  Shelly: Ja, bitte.

[00:15:01]  Das stört die Ästhetik nicht,

[00:15:02]  welcher Band das ist.

[00:15:04]  Danke.

[00:15:05]  Ich habe noch eins.

[00:15:07]  Das ist aber sehr bibliotheksspezifisch.

[00:15:10]  Ich weiß gar nicht.

[00:15:11]  Das versteht man, glaube ich, nicht, wenn man nicht in einer Bücherei arbeitet.

[00:15:13]  Und das ist, wenn die Bücher so dünn sind und wir unsere Systematik draufkleben, also

[00:15:19]  die Erkennung, die wir haben, damit wir das Buch im Regal finden.

[00:15:22]  Shelly: Das weiße Bickerl unten.

[00:15:24]  Jaci: Genau, wo eben die Systematikgruppe draufsteht, also das Regal, wo es stehen muss und auch

[00:15:28]  immer die Signatur.

[00:15:29]  Und wenn das Buch so dünn ist, dass man das aber nicht erkennt und das Buch dann rausziehen

[00:15:34]  muss aus den anderen Büchern und schauen muss, was da steht.

[00:15:38]  Extrem nervig, wenn man ein Buch sucht oder wenn man aufräumt.

[00:15:41]  Shelly: Beim Alphabetisieren.

[00:15:42]  Jaci: Ganz schlimm.

[00:15:43] Shelly: Gebe ich dir vollkommen recht.

[00:15:45]  Dazu passend, wenn die Bücher zu groß sind für unsere Regale, [Jaci stöhnt genervt] wenn wir sie quer reinschieben

[00:15:53]  müssen.

[00:15:54]  Das sind alles so Kleinigkeiten.

[00:15:56]  Wir haben so richtig absolut keine anderen Probleme als diese kleinen ... [beide lachen]

[00:16:00]  Aber ja, das sind halt einfach diese Sachen, wenn du tagtäglich damit konfrontiert wirst.

[00:16:05]  Das geht da irgendwann auf die Nerven.

[00:16:07]  Jaci: Genau, und das waren jetzt eben unsere privaten Icks.

[00:16:10]  Und wir haben uns noch, oder ich habe mir angeschaut, was sind die gängsten Icks, was

[00:16:17]  es auf Booktok gibt.

[00:16:19]  Oder wie ich es jetzt nach dieser Folge nenne: "Icktok".

[00:16:23]  Shelly: [lacht leise] Ist sie vorher gerade drauf gekommen, hat sie voll gefreiert.

[00:16:26]  Jaci: Seit 30 Minuten wart ich drauf, diesen Witz zu bringen. [Shelly immitiert Trommel]

[00:16:29]  Danke, danke, danke.

[00:16:32]  Danke für ihr Lachen.

[00:16:33]  Ich hör's durch die Podcastkanäle

[00:16:35] höre ich es durch.

[00:16:36]  Und da waren die gängigsten Icks:

[00:16:38]  Diese ganz bekannte "She is not like the other girls".

[00:16:43]  Shelly: Pick me, pick me.

[00:16:44]  Eben genau diese Pick me-Girls und dieses "Nur weil sie brünett ist, ist sie nicht wie

[00:16:48]  die anderen Mädchen" und vielleicht hat sie sogar noch eine Brille auf, weil dann ist

[00:16:51]  sie ja direkt "exotisch".

[00:16:52]  Shelly: Beschreibst du dich gerade selbst?

[00:16:54]  Jaci: Ja. [beide lachen]

[00:16:55]  Dich auch. - Shelly [lachend]: Stimmt!

[00:16:56]  Eben das, also dieser Trope, dieses "She is not like the other girls"-Trope, das Schwangerschafts-Trope,

[00:17:05]  den hassen anscheinend alle.

[00:17:06]  Ich hab da keine persönliche Aversion dagegen, aber ich seh an deinem Gesichtsausdruck, du

[00:17:12]  schon.

[00:17:13]  Shelly: Weil es dann so erzwungen ist, finde ich.

[00:17:15]  Wenn es dann ein Happy End gibt, dann nur, weil ein Kind da ist.

[00:17:18]  Jaci: Das ist das nächste, was dann alle nervt, ist dieses Happy Ending.

[00:17:22]  Aber Happy End nur, wenn alle in einer Beziehung sind, alle haben ein Kind und alle sind verheiratet

[00:17:26]  und alle sind generell nur glücklich, vor allem alle Frauen, wenn sie einen Mann haben.

[00:17:29]  Ein Ick, dem ihr auch sehr zustimmen muss, ist "Obsessive Male Characters" und damit sind

[00:17:36]  eben gemeint, diese geradezu besessenen "Alphamänner" werden sie auch oft genannt. - Shelly: Ugh.

[00:17:42]  Jaci: Es gibt Bücher, wo das noch gut ausgeführt ist und dann gibt es Bücher wie in der "Twisted

[00:17:49]  -Reihe", die ich gerade gelesen hab, wo es nicht gut gemacht ist, wo es wirklich, wo

[00:17:53]  du dir denkst, woher kommt diese Besessenheit, wo es wirklich schon fast krankhaft ist.

[00:17:57]  Und das Letzte ist dann noch eben, wie du vor euch schon gesagt hast, wenn Figuren sich

[00:18:02]  zu schnell verlieben.

[00:18:03]  Also wenn eben, gerade bei Enemies-to-Lovers, das Enemies nicht begründet ist und die Liebe

[00:18:08]  viel zu schnell kommt.

[00:18:09]  Meistens eben durch diese "Obsessive Male Characters", weil die sich auf die Frauen schmeißen

[00:18:14]  und das ist dann immer ganz schwierig.

[00:18:17]  Eben, das war auf "IckTok" [beide lachen] die meist genannten Icks.

[00:18:22]  Das war es dann mit unseren Icks.

[00:18:25]  Vielleicht hätten wir noch einen kleinen Disclaimer am Anfang machen sollen, dass wir Bücher

[00:18:28]  wirklich gern haben, [beide lachen] weil es jetzt wirklich so ein Buchshaming war.

[00:18:33]  Irgendwie, wir mögen Bücher sehr gerne, Bücher sind ganz toll.

[00:18:37]  Es gibt ihm nur vereinzelte Sachen, die uns manchmal stören, aber es ist okay.

[00:18:41]  Wir haben sie trotzdem lieb.

[00:18:42]  Shelly: Es ist ja mit allem so, was man gerne hat.

[00:18:45]  Jaci: Genau.

[00:18:46]  Shelly: Es nervt dann auch ein bisschen.

[00:18:47]  Jaci: Das stimmt.

[00:18:48]  Grad zum Schluss noch eine kleine Sache.

[00:18:49]  Shelly, wie geht es dir mit deinem TBR?

[00:18:51]  Shelly: Puh, also ich bin schwer beschäftigt.

[00:18:54]  Aktuell bin ich beim fünften Band von "Das Reich der Sieben Höfe" [Jaci: Uhh!] der Reihe.

[00:19:00]  Also ich bin bald fertig, [Jaci: Uhhh!] bin da gerade so bei Seite, ich weiß nicht, 800 irgendwas.

[00:19:04]  Jaci: [zieht scharf die Luft ein] Das ist ja wirklich bald fertig.

[00:19:06]  Shelly: Also beim E-Book sind es über 1000 Seiten.

[00:19:08]  Jaci: Oh mein Gott.

[00:19:09]  Shelly: Und ich bin fast fertig mit "A Little Life".

[00:19:14]  Da fehlen mir nur mehr so 200 Seiten.

[00:19:16]  Jaci: [zieht scharf die Luft ein] Puh.

[00:19:17]  Shelly: Und ich bin auch gerade dabei beim zweiten Teil von "Throne of Glass".

[00:19:22]  Jaci: Okay, dann bist du ja voll dahinter, dein TBR zu lesen.

[00:19:26]  Ich bin stolz auf dich, Shelly.

[00:19:28]  Shelly: Danke.

[00:19:29]  Wie geht es dir?

[00:19:30]  Jaci: Ich habe noch nichts gelesen von meinem TBR.

[00:19:32]  Aber ich habe von der Ana Huang nicht die "King of Wrath"-Reihe, sondern die "Twisted"

[00:19:37]  -Reihe gerade gelesen.

[00:19:38]  Shelly: Mhm.

[00:19:39]  Jaci: Ich werde mir die Nähe dazu äußern, außer dass die letzten Tropes die "IckTok" nicht

[00:19:43]  mag, alle darin vorkommen, dass lasse ich jetzt so im Raum stehen.

[00:19:46]  Aber ich habe wirklich vor, sobald ich alles gelesen, was ich in der Bibliothek ausgeliehen

[00:19:51]  habe, "A Little Life" anzufangen.

[00:19:53]  Also es kann sich nur noch um Monate handeln.

[00:19:55]  Shelly: Mhm.

[00:19:56] Jaci [schmunzelnd]: Und dann fang ich's an.

[00:19:57]  Uns wird natürlich auch brennend interessieren, was euch am meisten am Lesen, an Büchern,

[00:20:04]  an Literatur stört, was eure Book Icks sind.

[00:20:07]  Da könnt ihr entweder uns auf Instagram schreiben, "stadtbibliothek.innsbruck" oder eine

[00:20:16]  E-Mail an post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at.

[00:20:21]  Und sonst schaut einfach mal bei Instagram vorbei.

[00:20:24]  Vielleicht findet ihr ja eine kleine Umfrage zu den Icks - Jaci [lachend]: Oder Inspirationen für Icks.

[00:20:30]  Shelly: [lacht] Oder Inspirationen für Icks.

[00:20:32]  Jaci: Wir bedanken uns recht herzlich fürs Zuhören.

[00:20:36]  Wünschen ein Ick-freies Lesen weiterhin.

[00:20:38]  Shelly: Und hören uns in der nächsten Tea Time wieder.

[00:20:41]  Jaci: Ja, wir freuen uns.

[00:20:42]  [Outro-Musik] [Pia spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck

[00:21:11]  und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Pia spricht]

Kurz und Schmerzlos mit … Christian Fuchs (House of Pain)

Kurz und Schmerzlos mit … Christian Fuchs (House of Pain)

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [Stimme moduliert] [Intro-Musik]

[00:00:07]  Boris: Hallo und herzlich willkommen zurück beim "Vorwort - Kurz und Schmerzlos".

[00:00:27]  Heute mit Christian Fuchs. Mein Name ist Boris Schön.

[00:00:31]  Lieber Christian, schön, dass du da bist.

[00:00:33]  Christian: Hallo, ja, ich freu mich auch sehr.

[00:00:34]  Boris: Ich würde dich als erstes ganz kurz bitten, dich einmal vorzustellen.

[00:00:37]  Christian: Ja, also Christian Fuchs, Journalist, Musiker, Fan von Popkultur im Allgemeinen, bin quasi Gründungsmitglied von FM4,

[00:00:47]  mach dort schon sehr lang die Sendung "House auf Pain", also die Rock-Sendung auf FM4,

[00:00:51]  mit einem sehr breiten Spektrum von Musik, aber alles sehr rockorientiert.

[00:00:56]  Und auch seit einigen Jahren mit meiner Kollegin Pia Reiser zusammen den "Film Podcast",

[00:01:00]  der jetzt zum erfolgreichsten Filmpodcast gewählt wurde von der FM4-Community überhaupt im deutschen Sprachraum.

[00:01:07]  sehr stolz bin. Und genau, ich habe auch sehr, sehr viele Bands,

[00:01:11]  früher mit hater Musik begonnen, "Fetish 69", war so Industrial Rock.

[00:01:15]  "Bunny Lake" war eine sehr erfolgreiche Elektropopband und seit einigen Jahren "Die Buben im Pelz",

[00:01:21]  mit sechs Musikern gemeinsam, oder ich bin das sechste Mitglied,

[00:01:25]  Wiener Lied-Versionen von Lurid Songs oder auch inspiriert davon

[00:01:30]  und eine eigene Band noch, ein Solo-Projekt, das heißt "Black Palms Orchestra",

[00:01:35]  das ist auch sehr, sehr filminspiriert im weitesten Sinn.

[00:01:39]  Boris: Wie du ja schon gesagt hast, du bist ja auch Gründungsmitglied sozusagen von FM4,

[00:01:43]  das heißt, der unter Anführungszeichen "Brotberuf" ist schon Radiomoderator, kann man das so sagen?

[00:01:48]  Christian: Das ist auch definitiv mein Brotberuf, also ich war früher auch noch freiberuflich

[00:01:52]  für sehr viele Printmedien tätig, aber das ist jetzt mein Hauptberuf.

[00:01:56]  Was ich vergessen habe, vielleicht noch erwähnen, seit kurzem auch im FM4-Kontext Autor,

[00:02:01]  habe ein Filmbuch mit meinen persönlichsten FM4-Film-Rezensionen veröffentlicht,

[00:02:06]  "Das Glühen im Dunkeln", das ist noch dazugekommen, aber ja, Journalist.

[00:02:10]  Boris: Jetzt stelle ich mir einfach mal die ganz banale Frage, wenn ich mir vorstelle,

[00:02:14]  du hast einen Vollzeitsjob bei dem Radiosender, du hast nebenbei Bandprojekte,

[00:02:18]  du schreibst ein Buch, wie viele Stunden die Woche arbeitest du?

[00:02:22]  Christian: Viel zu viel, also das ist vielleicht ein persönliches Hauptproblem.

[00:02:26]  Ich bin jetzt gar kein Workaholic, das würde man mir vielleicht unterstellen,

[00:02:30]  im Gegenteil, ich bin auch gern faul, aber es ist wenig Zeit fürs Faulsein,

[00:02:35]  also diese ganzen Aktivitäten schlucken schon sehr, sehr viel Zeit.

[00:02:40]  Boris: Und woher kommt der Antrieb, hast du immer die Energie hast sozusagen,

[00:02:44]  um diese ganzen Projekte weiterzutreiben? Es kommen ja auch immer wieder neue Sachen,

[00:02:48]  es ist nicht so, dass du quasi in deinen Schienen dahin fährst und fertig, also...

[00:02:52]  Christian: Manches wird an mich herangetragen, also da kommen ja irgendwie Angebote dann

[00:02:56]  oder Vorschläge von anderen Leuten, die ich schwer ausschlagen kann, weil sie so attraktiv sind.

[00:03:01]  Dann gibt es natürlich eben den FM4-Job, also der "Film Podcast" alleine verschluckt

[00:03:06]  vielleicht so zwei bis drei, definitiv Abende pro Woche, aber manchmal auch Tage,

[00:03:11]  weil ich da sehr, sehr viel vor recherchiere und mich vorbereite.

[00:03:15]  "House of Pain" wird mit Kolleg*innen gemeinsam gemacht, also das ist jeden Mittwoch,

[00:03:21]  eine verschiedene Person, mit der ich co-moderiere und die stellen die Musik zusammen,

[00:03:25]  weil dafür zusätzlich hätte ich wirklich keine Zeit mehr und die bringen auch ganz neuen,

[00:03:29]  frischen Input rein und ja, auch aus Fan-tum eigentlich. Also Film ist vielleicht so der Bereich,

[00:03:34]  wo ich immer noch glühender Fan bin. In anderen Bereichen ist es jetzt vielleicht ein bisschen zurückgegangen

[00:03:39]  oder überlasse ich anderen, aber ich lese Filmzeitschriften, Filmblogs, freue mich auf neue Filme, also...

[00:03:45]  Boris: Würdest du sagen, dass wenn das Fan-tum ein bisschen auf die Seite geht, die Professionalität kommt?

[00:03:51]  Christian: Also das versuche ich schon auszubendeln total, weil so reines Fan-tum dann als Journalismus funktioniert nicht,

[00:03:57]  finde ich, das ist auch wichtig. Also ich arbeite mit sehr vielen Leuten zusammen

[00:04:01]  und "House of Pain" sind, wenn man jetzt alles zusammenrechnet, vielleicht zehn Personen,

[00:04:05]  würde ich jetzt sogar sagen aufs Monat gerechnet. Und es ist sehr, sehr wichtig, dass die auch

[00:04:10]  einen einerseits ein bisschen selbstironischen Ansatz haben, weil Rockmusik oder Metalmusik ist auch etwas toternstes

[00:04:16]  und das wollen wir nicht in der Sendung. Und auf der anderen Seite auch diesen objektiven

[00:04:22]  - unter Anführungszeichen "journalistischen" Ansatz auch reinbringen. Also das reine Fan-tum,

[00:04:27]  wo man halt nur so huldigt seinen Ikonen, das will ich nicht und das wollen wir nicht.

[00:04:32]  Boris: Ja, das ist wahrscheinlich dann auch für die Außenstehenden nicht besonders spannend, denke ich mir ...

[00:04:36]  Christian: Total. Und auch so ein Nerd-tum, wo dann zwei Nerds sitzen, ob weiblich oder männlich, und dann abnerden

[00:04:42]  und alle anderen müssen zuhören. Die Leute gehören eingebunden natürlich und die Zuhörer*innen

[00:04:49]  und ja, dieses Nerd-tum und Fan-tum muss auch ein bisschen in Grenzen gehalten werden.

[00:04:54]  Boris: Ja, du hast schon erwähnt die Sendung "House of Pain", das ist auch der Grund, warum du heute da bist.

[00:04:58]  Das ist ja, sagen wir mal, für mich persönlich jetzt als Veranstalter im Haus, ein glücklicher Zufall,

[00:05:05]  dass sich das so ergeben hat. Und ich glaube, das ist aber heute auch das erste Mal,

[00:05:10]  dass ihr quasi "House of Pain" auf eine Bühne live in den Raum bringt.

[00:05:14]  Christian: Total, also so eine Sound-Lecture gab es noch nie, was es gab zu den Anfangszeiten,

[00:05:19]  das ist dann irgendwann einmal nicht mehr passiert, zu den Anfangszeiten gab es so "House of Pain"-Discos

[00:05:23]  oder so Abende, wo wir aufgelegt haben, wo die Musik gespielt wurde, aber so etwas in diesem Sinne wie heute hier ist komplett neu für uns.

[00:05:32]  Boris: Es nimmt ja quasi einen Aspekt musikalisch aus "House of Pain" heraus.

[00:05:37]  Es sind ja mehrere Genre, die da zusammen treffen, wie du schon gesagt hast.

[00:05:40]  Heute geht es um Metal, die Geschichte des Metal. Ich freue mich da auch schon sehr, wird sicher sehr spannend.

[00:05:46]  Ich möchte auch auch ganz kurz noch erwähnen, also wer da noch auf der Bühne steht,

[00:05:49]  das ist der Paul Kraker, der Gast auch bei dir oft ist und auch bei Ö1 als Nachrichtensprecher arbeitet

[00:05:56]  und die Medina Rekic, die selber Musikerin ist und auch verschiedene Bandprojekte hat.

[00:06:02]  Christian: Ja, also ein sehr international erfolgreiches Projekt, die "White Miles",

[00:06:05]  das war ja vielleicht auch der erfolgreichsten Tiroler Rock-Bands überhaupt,

[00:06:09]  weil sie aktiv waren und die "Slicky Nerves" ist ja eine aktuelle Band, also ist da sehr aktiv

[00:06:15]  und das ist auch wichtig, dass da Menschen aus der Szene dazukommen.

[00:06:19]  Also es gibt dann auch die Sonja, Sonja Maier, die hat eine Band aus "Baits", so eine sehr erfolgreiche Punkband.

[00:06:25]  Auch die steckt in der Szene drinnen, kennt die Leute, geht zu Konzerten, spielt Shows.

[00:06:30]  Also diese Angebundenheit ist wichtig, weil mich verschluckt dann oft der Film.

[00:06:34]  Ich habe da gar keine Zeit, um mir so viel anzuschauen.

[00:06:37]  Boris: Jetzt ist es ja so, dass du selber, wie du auch schon vorher gesagt hast, selber mehrere Bands hast

[00:06:41]  und auch welche hattest, du bist aber eigentlich kein Musiker, oder? Oder ist das falsch?

[00:06:46]  Christian: Nein, ich bin totaler Autodidakt.

[00:06:49]  Ich möchte mich nicht... also mittlerweile, glaube ich, darf ich mich vielleicht vorsichtig so bezeichnen,

[00:06:54]  nach so vielen Jahren, ich habe angefangen, ohne singen zu können, also ich habe wirklich am Anfang nur gebrüllt

[00:07:00]  von meiner ersten Band, bin auch inspiriert von diesem Punk-Ethos, also von diesem Punk-Spirit.

[00:07:08]  Also man geht auch auf die Bühne und probiert es, auch Bands wie "Einstürzende Neubauten" zum Beispiel,

[00:07:13]  wo glaube ich erst später echte Musiker dazukamen haben mich da sehr inspiriert.

[00:07:17]  Und es ist über die Jahre, ich würde mich jetzt schon in diese Richtung einreihen,

[00:07:22]  aber ich kann immer noch kein Instrument spielen, ich kann immer noch keine Noten.

[00:07:25]  Ich bin glaube ich bei meinen anderen Projekten oft so etwas wie Kurator, also ich kenne sehr viel Musik,

[00:07:30]  ich könnte glaube ich Musik sogar produzieren, ohne dass ich jetzt weiß, wie am Mischpult jeder Knopf funktioniert.

[00:07:36]  Das gehört glaube ich, habe ich, aber ich bin totaler Autodidakt, ja.

[00:07:40]  Boris: Was ein fast durchgehendes Element dieser Bands ja auch ist, ist, dass es immer Cover-Versionen von bekannten Pop-Songs,

[00:07:48]  du hast vorhin Lou Reed erwähnt, aber ich denke mir auch bei der "Neigungsgruppe" zum Beispiel, damals, Lana Del Rey-Cover und ähnliches.

[00:07:56]  Worin steckt denn für dich das Geheimnis in einer guten Cover-Version?

[00:08:00]  Christian: Ich glaube die gute Cover-Version macht sich den Song komplett zu eignen.

[00:08:04]  Also es gibt jetzt auch ein aktuelles Album zum Beispiel von "Soap&Skin" mit Covers,

[00:08:09]  also wo man eigentlich die Originale teilweise gar nicht mehr erkennt oder vielleicht auch vergisst beim Hören.

[00:08:14]  Es verbeugt sich einerseits, also ich finde respektlose Cover-Versionen unnötig,

[00:08:19]  verbeugt sich einerseits von dem Original, aber gleichzeitig entsteht etwas völlig Neues

[00:08:23]  und mir passiert es immer wieder, wenn man das dann wirklich einstudiert hat, wenn man das im Studio aufnimmt, wenn man das live spielt,

[00:08:28]  ich vergesse darauf, dass es von wem anderen ist.

[00:08:31]  Also die Songs werden auch so sorgfältig ausgewählt, dass das irgendwie musikalisch und textlich passen muss

[00:08:36]  und dann wird es irgendwie ein eigener Song, man vergisst das, also ich bin jetzt auch in ein Projekt involviert,

[00:08:41]  weil ich nicht genug Bands habe, das heißt "Der Kleine Tod", mit einer Musikerin und Kulturaktivistin aus Los Angeles,

[00:08:50]  die Berit Gilma und da wurde ein Cover jetzt unlängst gemacht von "Modern Talking".

[00:08:55]  "You're My Heart, You're My Soul", so ein 90er-Jahre Discohit, der weltweit unglaublich erfolgreich war

[00:09:01]  und wir haben einen Begräbnissong daraus gemacht, also unglaublich

[00:09:05]  langsam, wahnsinnig düster und traurig und ich denke da beim Hören überhaupt nie an "Modern

[00:09:11]  Talking" eigentlich mehr, obwohl Dieter Bohlen die Tantiemen kriegt. - Boris: Ich stelle jetzt einfach

[00:09:14]  die Frage: Wirklich 90er-Jahre, ich hätte den Dieter Bohlen Ende der 80er-Jahre ... Christian:  Oder

[00:09:19]  vielleicht war, vielleicht habe ich mich sogar getäuscht bei der Einordnung, vielleicht ist

[00:09:22]  das Stück eher aus den späteren 80ern kann sein. - Boris: [lacht] Das sind Details, ja. Ist mir nur

[00:09:28]  gerade so eingefallen beim, das Bauchgefühl hat gesagt, Dieter Bohlen ist schon älter als ...

[00:09:33]  Christian:  Vielleicht ist das so, ich glaube sogar zu den späteren 80ern, das stimmt ja. - Boris: Jetzt eine

[00:09:41]  interessante Sache finde ich, die nochmal, um auf FM4 zurückzukommen, die eine Sache ist die,

[00:09:47]  FM4 ist jetzt 25 Jahre alt, nein stimmt nicht, oder? - Christian: FM4 wird jetzt im Januar 30 Jahre alt. - Boris: Wie war

[00:09:56]  das damals die Gründung dieses Radiosenders? - Christian: Sehr, sehr spannend, also FM4 hat wirklich viele,

[00:10:01]  viele verschiedene Phasen durchlaufen und im Grunde war es ja so, dass Ö3 umgebaut wurde zu

[00:10:07]  einem Formatradio, das bis heute ist und so das Flaggschiff vom ORF irgendwie auch jetzt kommerziell,

[00:10:13]  und FM4 hat am Anfang bestanden aus den ganzen Außenseiter*innen, die bei Ö3 gearbeitet haben.

[00:10:20]  Da gab es verschiedene Sendungen, die so jugendkulturell und popkulturell waren und diese Sendungen

[00:10:23]  wurden alle rausgestrichen, weil es nicht mehr in das Formatradio gepasst hat. Da hat sich ein

[00:10:27]  wilder Haufen sehr gegensätzlicher Menschen getroffen und nicht gleich am Anfang war sie

[00:10:32]  Chefin, aber dann halt jahrzehntelang am Monika Eigensperger, als Chefin hat es halt zusammengehalten

[00:10:37]  mit dem Spirit und ja, sind die unterschiedlichsten Welten kollidiert und so und das ist auch

[00:10:42]  angetrieben worden von diesem auch Spirit dieser Independent / Alternative Rock-Szene damals. Jetzt

[00:10:48]  hat sich alles sehr, sehr verändert durch Streaming, durch die Gen Z und ihre Musikansätze,

[00:10:53]  also es wurde ja ganz was anderes, aber damals war das so richtig dieser Indie-Rock-Spirit.

[00:10:58]  Boris: Was mir auch aus später klar geworden ist bei FM4 und da wollte ich dich fragen,

[00:11:02]  ist das schon immer ein Bestandteil gewesen, dass ja quasi neben dem Radiosender ja auch

[00:11:06]  auf der Webseite von FM4 wirklich viel Content auch ist. Es sind viele Texte, es ist so wie du

[00:11:11]  auch vorher gesagt hast, die Filmkritiken, es gibt aber auch, was weiß ich, rund um den "Wortlaut",

[00:11:17]  diesen Kurzgeschichten-Wettbewerb usw. Es gibt ja einfach wahnsinnig viel textliche,

[00:11:22]  journalistische Tätigkeit, das ist ja schon ein bisschen ein besonderes Phänomen bei einem

[00:11:26]  Radiosender oder ist das? - Christian: Nein, da war FM4 Pionier, weil der Sender das schon,

[00:11:30]  ab 2000 ging diese Online-Präsenz los, weil der Sender das sehr multimedial immer gesehen hat

[00:11:36]  und ich glaube das ist ja die Zukunft des Radios, ich bin gar kein Radiotheoretiker,

[00:11:39]  aber was man so mitbekommt, geht das da auch in Bereiche, wo sehr viel Videoclips dann mitspielen,

[00:11:44]  wo das auch optisch bespielt wird und also alle möglichen Medien quasi. Am Anfang gab es ja

[00:11:49]  auch, es gab zum Beispiel Lesereisen, wo FM4-Redakteur*innen herumgereist sind und aus

[00:11:54]  ihren Lieblingsbüchern vorgelesen haben, also es war auch noch Literatur mit eingebunden,

[00:11:59]  alles was jetzt Popkultur im weitesten Sinn ausmacht und auch noch Politik und soziale

[00:12:03]  Themen, das war immer schon multimedial gedacht. - Boris: Und auch durchaus ein kritischer Radiosender?

[00:12:08]  Christian: Ja, also im Rahmen natürlich, also der mir auch sehr wichtig ist im Rahmen des ORF, also im Rahmen des

[00:12:15]  ORF-Gesetzes auch kritisch schon, aber natürlich jetzt auch ... "objektiv", das ist ein Wort, das halte ich

[00:12:22]  auch in der Filmkritik nicht aus, weil vom Subjektiven von diesen persönlichen Zugängen

[00:12:26]  lebt ja auch FM4, aber also das ORF-Gesetz spielt schon eine Rolle und das ist jetzt nicht Meinungsmache in

[00:12:32]  dem Sinn, also wenn einfach viele Themen kritisch beleuchtet, ja. Eins kann ich dazu sagen,

[00:12:36]  der Bildungsauftrag, das klingt immer so spröde, dieses Wort, aber das ist was mir persönlich

[00:12:41]  irrsinnig wichtig ist, auch im "House of Pain", also Bildungsauftrag heißt dann, wenn wir ein Band

[00:12:46]  wie "Black Sabbath" spielen und junge Menschen kennen das vielleicht gar nicht, dass wir erklären,

[00:12:49]  wer sind die und woher kommen die. So wurde ich auch gebildet, also für mich war das auch sehr

[00:12:55]  zentral jungen Jahren und das ist eigentlich für mich was sehr wichtig ist. - Boris: Da habe ich mir ja

[00:13:00]  gestehe ich jetzt quasi ein bisschen was ja geklaut vom ORF auch, also es ist ja auch für meine

[00:13:05]  Veranstaltungen, es ist mir immer wichtig, dass man sozusagen auch eine Bildungsveranstaltung hat,

[00:13:11]  das kann entweder eine allgemein bildende Veranstaltung sein, aber es kann eben auch sein,

[00:13:14]  dass man einfach zu einem bestimmten Thema, zu einem bestimmten Anlass, zu einer Publikation

[00:13:20]  dann dementsprechend auch einfach mehr Informationen erfährt und ja auch das in der Stadtbibliothek.

[00:13:25]  Christian: Auf jeden Fall, also Bildung muss ich sagen ist für mich ein extrem zentraler Begriff,

[00:13:29]  da bin ich auch sehr streng, also ich bin sogar so streng wenn Leuten dann auf Facebook oder

[00:13:33]  irgendwo Postings machen in einer Fantasiesprache oder halt komplett ignorieren, alles sprachlich,

[00:13:39]  was so vor sich geht, da bin ich recht streng, weil ich also für mich ist das ein zentraler Begriff

[00:13:44]  und wenn die jetzt uncool geworden ist in gewisses Szenen, "Nein, Bildung ist nicht so wichtig",

[00:13:47]  sehe ich komplett [unverständlich]. - Boris: Jetzt habe ich noch eine Quantitätsfrage. Jetzt passt gestern in

[00:13:53]  Innsbruck mit deinem Buch, das du vorhin schon erwähnt hast, "Das Glühen im Dunkeln", bei

[00:13:58]  einer Buchpräsentation im Kult, das fand ich auch sehr toll, weil es auch so ein ja auch ein

[00:14:04]  Kulturort in Innsbruck ist, der ganz einen besonderen Charakter hat. Heute bist du auf der Bühne mit

[00:14:11]  "House of Pain". Wie viele Auftritte hast du so im Jahr, alles in allem? - Christian: Das kann ich jetzt gar nicht

[00:14:18]  so zusammenfassen, es ist auf jeden Fall weniger geworden, weil da rechne ich die Musik schon mit, also

[00:14:22]  es gab Phasen, da hatte ich glaube ich noch ein bisschen mehr Energie, weil ich noch jünger war. Es gab Phasen, wo ich wirklich

[00:14:27]  zwei Bands hatte die voll aktiv waren, also wirklich auch getourt sind, plus die Radioarbeit, plus noch

[00:14:34]  damals Printmedien. Es ist mir jetzt schon ein bisschen too much, aber ja, ich kann das jetzt gar nicht in

[00:14:39]  Zahlen zusammenfassen, aber es kommt dann immer was rein, also auch spannende Vorträge oder Lesungen,

[00:14:44]  noch zusätzlich, es ist schon recht viel. - Boris: Hast du denn noch Energie, um dir selber Sachen anzuschauen

[00:14:50]  an Abenden, dass du auf Konzerte gehst? Das Kino gehst du natürlich zwischendurch, das ist klar oder?

[00:14:54]  Christian: Das Kino sehe ich in Pressevorführungen, die sind absurderweise immer in der Früh, die sind so um neun

[00:15:01]  oder neun Uhr dreißig, da sehe ich sehr arge Filme um die Zeit, die dann den ganzen Tag irgendwie nachhallen.

[00:15:06]  Ja, also Kino ist auf jeden Fall noch wichtig, also ich geh auch zu Filmfestivals und schau mir

[00:15:10]  da Sachen an. Konzerte werden immer weniger, muss ich ganz ehrlich sagen, also dadurch, dass ich am

[00:15:16]  nächsten Tag ja dann auch wieder einen langen Tag, wo ich viel machen muss und funktionieren muss,

[00:15:20]  es ist weniger geworden, da bin ich sehr sorgfältig beim Selektieren geworden.

[00:15:24]  Boris: Nur die wichtigsten? - Christian: Ja, also früher - Boris: Für dich wichtig. - Christian: Ich war früher so fanatisch, also wenn

[00:15:28]  jetzt zwei coole Bands in Wien gespielt haben, an einem Abend muss ich natürlich beide sehen,

[00:15:32]  bin hingehetzt zur zweiten Band auch noch, das ist vorbei. Also ich muss auch sagen, dass die Musik

[00:15:37]  generell, also nicht die eigene, aber grundsätzlich Musik ein bisschen ins Hintertreffen geraten

[00:15:41]  ist, weil es geht nicht, dass man up to date ist in allen Bereichen, man kann sich nicht zerreißen

[00:15:46]  und ich versuche halt filmisch komplett am Punkt zu bleiben und filmisch alles zu verfolgen, was so

[00:15:52]  passiert oder vieles zu verfolgen und das geht sich nicht aus, dann geht Literatur und Musik halt

[00:15:57]  ein bisschen ins Hintertreffen manchmal. - Boris: Ja, also ich denke, wir haben, glaube ich, einen guten Eindruck

[00:16:02]  bekommen, wer Christian Fuchs ist, danke vielmals dafür. - Christian: Vielen Dank. - Boris: Zum Abschluss habe ich immer

[00:16:07]  die Frage, hast du einen Buchtipp noch für unsere Zuhörer*innen? - Christian: Ja, ich habe einen Sachbuchtipp,

[00:16:13]  also ich komme auch durch diese ganzen Aktivitäten immer seltener zu Romanen, ein Genre, dass ich

[00:16:18]  liebe, ein Bereich, den ich liebe, aber der halt sehr selten geworden ist, aber Sachbücher auf jeden Fall

[00:16:23]  noch, es gibt ein Buch von einem deutschen Kulturtheoretiker Jens Balzer, der hat schon viele

[00:16:28]  Bücher geschrieben, der irgendwo zwischen Politik und Popkultur angesiedelt ist, und der hat ein Buch geschrieben

[00:16:33]  das heißt "After Woke", und "woke" ist ja so ein ganz zentraler Begriff geworden, von rechter politischer

[00:16:38]  Seite so ein Hassbegriff, in der linken Szene zerstreiten sich die Leute wegen diesem Begriff und

[00:16:44]  Jens Balzer hat einen interessanten Zugang, weil er eigentlich aus dieser Woke-Bewegung kommt und die

[00:16:49]  grundsätzlich interessant findet oder gut findet auch oder auch diese ganze politische Korrektheit, aber

[00:16:55]  das Ganze ist jetzt too much geworden sozusagen und er kritisiert die Auswüchse auch in Bezug

[00:17:00]  jetzt auf politische Situationen, Weltweit und Gazakrieg und so, wo sich alle zerfleischen

[00:17:05]  gegenseitig und er versammelt sozusagen die schlimmsten Auswüchse und versucht dann aber auch,

[00:17:10]  und es ist sehr selten, weil wir es in einer so dystopischen Zeit, positive Momente zu finden,

[00:17:15]  wie könnte man das weiterentwickeln, damit nicht alle die ganze Zeit streiten und damit man

[00:17:19]  nicht diesen Begriff komplett Rechtsradikalen überlässt, also er versucht so ein bisschen

[00:17:23]  utopistisch und mit einem positiven Spirit diesen Begriff zu durchleuchten, aber gleichzeitig

[00:17:27]  zu kritisieren, dass es da jetzt ein paar Leuten die Sicherung gehaut hat. [lacht]

[00:17:31]  Boris: Ja super, vielen Dank.

[00:17:33]  Christian: Dankeschön.

[00:17:34]  Dankeschön.

[00:17:35]  Boris: Ich freu mich auf den heutigen Abend und ... - Christian: Ich freue mich auch sehr.

[00:17:37] Boris: Danke dir.

[00:17:38]  [Outro-Musik]

[00:18:01]  [Stimme Boris] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem

[00:18:07]  Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Stimme Boris]

Teatime: TBR für 2025

Teatime: TBR für 2025

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:25]  [Intro-Musik] Shelly: Hallo und herzlich willkommen zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:30]  Und heute zu der ersten Folge der Tea Time. Mein Name ist Shelly - Jaci: und mein Name ist Jaci -

[00:00:36]  und in der Tea Time sprechen wir monatlich über Internetkultur, Trends und Phänomene rund um das Thema Buch, Literatur, Lesen und wir trinken dabei Tee.

[00:00:46]  Jaci: Also basically was wir in der Arbeit immer machen. [lacht] Shelly: Genau.

[00:00:50]  Jaci: Und worum geht es heute in unserer ersten Tea Time? Wir haben uns zu Beginn des Jahres überlegt, was wollen wir dieses Jahr lesen?

[00:00:59]  Also was sind die Bücher, die wir uns für dieses Jahr vorgenommen haben auf unserer Liste?

[00:01:04]  Und deswegen hat es für uns einfach nur Sinn gemacht, eine Folge zu unserem TBR zu machen.

[00:01:10]  Für die, die sich jetzt fragen, was ist ein TBR, hat die liebe Shelly eine Definition herausgesucht.

[00:01:15]  Shelly: Also TBR, Englisch ausgesprochen, oder SUB ["Sub"]: der Stapel ungelesener Bücher oder eben dieses TBR: To be read,

[00:01:25]  bezeichnet die Liste an Büchern, die ungelesen im Bücherregal stehen oder auf dem eReader warten.

[00:01:31]  Und das kann man sich jetzt vorstellen, also wirklich physisch als Stapel von Büchern, der entweder am Nachkastel steht oder eben sonstwo im Regal.

[00:01:42]  Und das müssen nicht nur Bücher sein, die man bereits gekauft hat, das können auch Bücher sein, die man aus der Bibliothek ausgeliehen hat oder von Freunden geborgt hat.

[00:01:51]  Und da hofft man, dass man diese schafft sie zu lesen, bevor man sie zurückgeben muss oder bevor man neue Bücher kauft. [Jaci lacht]

[00:02:00]  Habe ich persönlich noch nie zusammengebracht, dass ich die ganzen Bücher lese, die ich habe, bevor ich etwas Neues habe.

[00:02:07]  Aber mit dem Ausleihen funktioniert es ein bisschen besser, weil ich weiß, ich muss das retournieren.

[00:02:12]  Jaci: Genau.

[00:02:13]  Und ich habe mir selber den Druck, das ist wirklich fertig lesen.

[00:02:16]  Und wie [lacht] ich das herausgesucht habe, diese Definition, weil wir das ein bisschen professionell aufziehen wollen, bin ich dann auch auf, du kennst das sicher, Urban Dictionary gestoßen.

[00:02:28]  weil ich mir gedacht habe: TBR ist doch eher vom Internet geprägter Begriff und so moderne Jugendbegriffe sucht man gerne mal auf Urban Dictionary.

[00:02:38]  Und auf Urban Dictionary gibt es einen Eintrag zu TBR, die nicht die "To be read"-Liste bezeichnet, sondern "Taco to Breath"-Ratio. [Jaci lacht]

[00:02:48]  Also wie viele Tacos man in einem Atemzug verschlingen kann.

[00:02:53]  So als kleines Schmunzelschmackler zum Anfang, aber ich habe mir gedacht, hau ich das noch rein.

[00:02:57]  Jaci: [lachend] Das wäre ja voll ein cooles Thema [unverständlich].

[00:03:01]  Shelly: "Taco to Breath"-Ratio, echt.

[00:03:03]  Jaci: Okay, das wird unser Selbstexperiment in der Mittagspause.

[00:03:06]  Shelly: Genau.

[00:03:07]  Aber um das soll es heute nicht gehen, wir reden wirklich über die Bücher, die wir lesen wollen.

[00:03:12]  Jaci: Genau.

[00:03:13]  Und dann kommt vielleicht auch die Frage auf, wenn man diese ganzen Bücher überall in der Wohnung verstreut liegen hat oder sie noch in der Bibliothek oder gar in der Buchhandlung stehen.

[00:03:23]  Wie hat man da einen Überblick, was man lesen möchte?

[00:03:27]  Und ich persönlich habe auf Goodreads, das ist quasi Instagram für Buchliebhaber, wo man seinen Leseerfolg tracken kann und seine eigenen Bücherregale quasi anlegen kann, Bücher, die man gelesen hat.

[00:03:42]  Oder Bücher, die man eben lesen möchte.

[00:03:45]  Das ist dann die "Want to Read"-Liste und die ist bei mir ellenlang.

[00:03:50]  Also ich weiß gar nicht, wie lange ich da scrollen muss, bis ich am Ende dieser Liste bin.

[00:03:54]  Und zusätzlich zu dem habe ich dann eigentlich immer, wenn ich in die Buchhandlung gehe und mir nicht alle Bücher kaufen kann, die mich interessieren, mache ich immer Fotos von diesen Büchern und habe dann ein eigenes Album auf meinem Handy.

[00:04:08]  Oder Hunderte Fotos, Büchern, die ich auch gerne lesen würde. [lacht]

[00:04:13]  Und so versuche ich mir einen Überblick zu schaffen.

[00:04:16]  Aber es ist nicht leicht und die Arbeit in der Bibliothek mit noch mehr tollen Büchern macht es nicht leichter.

[00:04:21]  Shelly: Ja, das stimmt.

[00:04:22]  Jaci: Wie hast du den Überblick, Shelly?

[00:04:24]  Shelly: Ich habe keinen Überblick. [lacht]

[00:04:26]  Ich habe keinen Überblick eigentlich.

[00:04:29]  Ich habe jetzt nur für diese Folge - richtig unauthentisch eigentlich -

[00:04:32]  Ich habe das nur für diese Folge jetzt einmal so zusammengeschrieben, was so on top of my head war.

[00:04:36]  Und habe es aber dafür finde ich recht strukturiert zusammengefasst und denke, das könnte ich eigentlich weiterführen, weil so habe ich tatsächlich einen Überblick, was ich lesen möchte.

[00:04:45] Jaci:Ich empfehle dir sehr Goodreads, das ist wirklich gut.

[00:04:48]  Shelly: Ja, oder ich, [Jaci lacht] gerade was die Bücher der Bibliothek betrifft, mache ich mir gerne diese Merklisten in unserem OPAC.

[00:04:56]  Jaci: Ja, das stimmt ja.

[00:04:57]  Shelly: Und wo ich vor allem meine Inspiration herbekomme, sind vor allem unsere Verlagsvorschauen und aber auch TikTok und Bookstagram, also Booktok und Bookstagram.

[00:05:10]  Da habe ich halt auch dann noch die Neuerscheinungen seiner späteren Stunde, nicht Stunde [Jaci lacht], Minute, die ich dann vorstellen werde.

[00:05:19]  Aber so habe ich es jetzt tatsächlich erst mal nach Genre sortiert, so ungefähr.

[00:05:25]  Jaci: So organisiert bin ich nicht.

[00:05:27]  Shelly: Tja.

[00:05:28]  Jaci: Tja. [Shelly lacht]

[00:05:29]  Diese Möglichkeit gibt mir Goodreads nicht.

[00:05:31]  Okay, und wir wollen heute über, also wir haben es versucht, einzugrenzen, aber als Leseratten ist es natürlich sehr schwer, Bücher zu begrenzen.

[00:05:42]  Weshalb wir jetzt unsere Top 5 rausgesucht haben von unserer TBR-Liste, die wir versuchen wollen, 2025 zu lesen, plus die Neuerscheinung, die wir uns am meisten in 2025 freuen.

[00:05:58]  Shelly: Plus die Empfehlung, [Jaci lacht] die die Jaci zum Schluss hat.

[00:06:01]  Jaci: Genau, also unsere TBR-Liste wird noch länger nach dieser Folge, aber wir freuen uns.

[00:06:08]  Shelly: Wir freuen uns.

[00:06:09]  Schauen wir mal, was wird.

[00:06:10]  Jaci: Was wird!

[00:06:11]  Genau, bitte, Shelly.

[00:06:13]  Fang doch an.

[00:06:14]  Shelly: Also mein Genre, wo ich am meisten Buch TBR stehen habe, ist tatsächlich das Fantasy-Genre.

[00:06:25]  Und da bist du ziemlich Mitschuld [Jaci jubelt, lacht] oder eigentlich Schuld dran, weil die Jaci hat mir vor ein paar Wochen, das war noch 2024, hast du mir empfohlen bzw. mir auferzwungen -

[00:06:38] Jaci: [gleichzeitig] Seit ich dich kenne empfehle ich dir das. [lacht]

[00:06:41]  Shelly: Ja, bis jetzt habe ich dich ignoriert. [Jaci lacht]

[00:06:43]  Und jetzt habe ich mir gedacht, ich gebe Fantasy nochmal eine Chance, weil ich bin eigentlich sonst nicht so gut zurechtgekommen mit Fantasy, weil mir das Worldbuilding irgendwann zu steil wird meistens.

[00:06:55]  Aber sie hat gesagt, wenn du mit Fantasy einen sanften Einstieg haben willst, dann lies "Das Reich der Sieben Höfe" von Sarah J. Maas.

[00:07:02]  Gesagt, getan, ich bin mittlerweile beim dritten Buch und diese Reihe steht auf meiner TBR für 2025, weil ich sie natürlich fertig lesen möchte.

[00:07:11]  Und weil ich gerade auf das vierte Buch warten muss, oder aufs dritte, nee, aufs vierte Buch warten muss, habe ich parallel mit "Throne of Glass" angefangen.

[00:07:21]  Eine andere Serie von Sarah J. Maas, die mir ans Herz gelegt wurde von der lieben Kollegin.

[00:07:26]  Und genau, also diese zwei Fantasy-Reihen sind auf meiner TBR.

[00:07:31]  Jaci, möchtest du nicht ganz kurz erklären, worum es geht, weil du hast ja mich auch herumgekriegt.

[00:07:36]  Jaci: Also ganz kurz, weiß ich nicht, ob das geht.

[00:07:38]  Shelly: Doch, das geht.

[00:07:39]  Jaci: Das ist übrigens auch die Buchreihe, die meine Bachelorarbeit geschrieben habe.

[00:07:43]  Also ich könnte Stundenlang drüber reden.

[00:07:45]  Aber in Kurzfassung, es ist eben ein YA, also für Jugendliche oder Young Adults eigentlich, eine Fantasy-Reihe, in der die Welt, in der das spielt, in zwei Teile aufgeteilt ist,

[00:07:59]  in die Welt der "Fae", das sind so elbenmäßige, unsterbliche, wunderschöne, magische Geschöpfe und eben die Menschen - langweilig. [Shelly lacht]

[00:08:11]  Und es passiert eigentlich dann im ersten Band, dass eine junge Frau, namens Feyre, die im Reich der Menschen wohnt, also sie ist ein Mensch,

[00:08:21]  in dem das Reich der "Fae" kommt durch unglückliche Zufälle und dann in diesem Reich lebt und ihre ganzen Vorurteile überwinden muss, dass sie eigentlich damit aufwachsen ist,

[00:08:31]  dass sie als Mensch die "Fae" hassen muss.

[00:08:33]  Und im Laufe des Bandes, also ist es eine romantische Geschichte, es ist jetzt kein Spoiler, das merkt man innerhalb der ersten 100 Seiten,

[00:08:39]  verliebt sie sich halt in einen "Fae" und wird dadurch halt in ganz viele Abenteuer und Prüfungen und Schicksalsschläge verwickelt.

[00:08:46]  Und ja, das ist das erste Buch. Und die zweiten, dritten, vierten, fünften Bände werden dann noch besser und es lässt einem nicht mehr los.

[00:08:54]  Shelly: Das stimmt. Also, ich war erst skeptisch am Anfang beim ersten Buch, da hab ich mir gedacht, boah, wäre ich jetzt 13, dann würde mich das voll abholen,

[00:09:02]  aber mittlerweile bin ich doch 10 Jahre älter und habe mir gedacht, hm, weiß ich jetzt nicht,

[00:09:06]  jetzt bin ich beim dritten Buch und denk mir, that's the sh-!

[00:09:09] That's what I wanna read. [beide lachen]

 [00:09:13]  Jaci: Genau. Darf ich kurz einsteigen, weil ich auch eine Fantasy-Reihe habe die ich

[00:09:18] lesen möchte dieses Jahr? - Shelly: [gleichzeitig] Voll gern, bitte.

[00:09:19]  Jaci: Leider bin ich noch nicht ganz auf diesen Zug aufgesprungen. Und zwar ist es "Fourth Wing" von der Rebecca Yarros und ich hab den ersten und auch den zweiten Band schon daheim in dem Regal stehen,

[00:09:31]  aber ich hab's noch nicht geschafft sie zu lesen und ich weiß jetzt nicht genau, worum es geht, weil ich mir nicht spoilern möchte immer bei den Büchern,

[00:09:38]  aber ich weiß, dass Drachenreiter darin vorkommen und dass die Hauptfigur, ich glaub, sie heißt Violet, auf so ein magisches College kommt und dort eben zur Drachenreiterin ausgebildet wird.

[00:09:50]  Und ich bin sehr bereit, also ich freue mich drauf.

[00:09:53]  Und eben der erste Band "Fourth Wing", "Iron Flame", ist der zweite Band und der dritte Band dessen Name ich jetzt nicht weiß, ich glaub "Onyx Storm" [beide gleichzeitig] der ist jetzt gerade erst rausgekommen,

[00:10:04]  ich glaub letzte Woche ... Shelly: 21.

[00:10:06]  Ja, das kenn ich, weil dann bin ich mit der Kollegin letzte Woche in der Mittagspause zur Buchhandlung gegangen und hab ich den mit ihr gekauft.

[00:10:14]  Jaci: Ja, eben und sie bewirbt es jetzt bei mir, die neue Kollegin, dass ich das lesen muss und wie gesagt, es steht auf meiner TBR für dieses Jahr.

[00:10:22]  Shelly: Ja, perfekt. Du hast gesagt, Drachenreiter, Stichwort, ich hab auch noch in der Fantasy ein Buch, das ich fertiglesen möchte, bin halb durch,

[00:10:32]  hab es dann irgendwie vor Monaten liegen lassen, weil es echt ein bisschen kompliziert worden ist, ihr werdet wahrscheinlich neu anfangen müssen.

[00:10:38]  Das ist "The Priory of the Orange Tree", also ich glaub "Das Kloster des geheimen Baumes" zu Deutsch.

[00:10:45]  Und da geht es darum, dass ein riesiger Drache aus der Vergangenheit droht, die Welt erneut heimzusuchen und um diese Gefahr abzuwenden,

[00:10:52]  müssen die Reiche aus dem Westen und dem Osten trotz ihrer unterschiedlichen Weltanschauungen an einem Strang ziehen.

[00:10:58]  Und das es kein leichtes Unterfangenen. Während im Westen alle Drachen verachtet werden und die Königsfamilie im Zentrum des Glaubens steht,

[00:11:06]  werden im Osten die Drachen als göttliches Wesen verehrt. Also da gibt es eine gewisse Diskrepanz.

[00:11:11]  Und das halt die Frage: Kann es gelingen, diese Reiche zu vereinen?

[00:11:16]  Und ich habe das gerade sowas von abgelesen. [lacht]

[00:11:19]  Jaci: Das klingt sehr kompliziert.

[00:11:22]  Shelly: Das ist total kompliziert. Die Namen sind sehr kompliziert. Dieses World Building ist brutal und es ist ein enorm dickes Buch.

[00:11:30]  Also ja, mal schauen, ob ich es schafft, aber es ist auf jeden Fall ein Vorsatz für mir, dass ich das endlich fertiglesen,

[00:11:36]  damit ich es dann in meinem Regal verstauen kann und nie wieder anschauen muss.

[00:11:39]  Jaci: Viel Glück.

[00:11:40]  Shelly: Danke.

[00:11:41]  Jaci: Ich hab auch ein ganz, ganz dickes Buch auf meiner Liste.

[00:11:44]  Und das ist "A Little Life" von Jana ...

[00:11:48] Hanya Yanagihara.

[00:11:51]  Das tut mir sehr leid, dass ihr das gerade so schlecht ausgesprochen habt.

[00:11:54]  Aber eben "A Little Life", das mit von unserer anderen Kollegin auch schon seit ich sie kenne ans Herz gelegt wird.

[00:12:01]  Und ich habe das Buch auch von ihr ausgeliehen daheim seit zwei Jahren jetzt.

[00:12:05]  Ich verspreche, du kriegst es bald wieder, wenn ich es gelesen habe!

[00:12:08]  Und ich weiß nicht genau, worum es geht.

[00:12:11]  Ich weiß, dass es ein extrem trauriges und tragisches Buch ist,

[00:12:15]  dass es um vier Freunde geht, die nach dem College, nach New York ziehen, während des College, fürs College.

[00:12:23]  Die Shelly liest es gerade, also sie könnt da grad mehr Infos geben.

[00:12:27]  Aber ich weiß nicht, wie tief wir da gehen, es ist ein sehr dickes Buch.

[00:12:30]  Shelly: Es ist ein sehr dickes Buch und ich bin seit, ich glaube, eineinhalb Jahren dabei, es zu lesen.

[00:12:35]  Es ist, also ich glaube, es schlägt sämtliche Trigger an, die man anschlagen kann.

[00:12:40]  Es ist, also ich habe gelesen, "es begibt sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann

[00:12:46]  und bricht dabei immer wieder zum hellen Licht durch".

[00:12:49]  Also es ist wirklich, wirklich tragisch dieses Buch.

[00:12:53]  Es heißt "A Little Life" und "Ein wenig Leben".

[00:12:56]  Und handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York,

[00:13:00]  die sich am College kennen gelernt haben.

[00:13:02]  Und im Mittelpunkt der Handlung steht Jude St. Francis.

[00:13:06]  Er ist brillant, enigmatischer [beide lachen] beim Ablesen verlesen ...

[00:13:12]  Und ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe.

[00:13:15]  "Ein aufopfernd, liebender und zugleich innerlich zerbrochene Mensch.

[00:13:20]  Und immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen."

[00:13:26]  Und es ist halt echt so, es gibt dann im [unverständlich], diese Handlung ist eigentlich sehr chronologisch.

[00:13:31]  Nur gibt es dann immer wieder Zeitsprünge in Judes Vergangenheit.

[00:13:35]  Was da teilweise passiert ist, das ist so, also ich bin eigentlich in ein,

[00:13:39]  wenn ich es les gerade, dann bin ich in einer Tour am Heulen, weil es, weil ich es so schlimm finde.

[00:13:44]  Aber es ist gleichzeitig auch so, so unfassbar poetisch und schön geschrieben,

[00:13:49]  dass es dann auch wieder nicht weglegen möchte.

[00:13:51]  Aber ich brauche dann immer wieder ein paar Monate Pause dazwischen,

[00:13:54] weil ich es einfach nicht aushalte.

[00:13:55]  Also das ist echt, das habe ich noch nie gehabt mit einem Buch.

[00:13:57]  Und ich will es echt fertig lesen, ob das heuer passiert.

[00:14:00]  Ich habe es jetzt einmal auf mein TBR getan, [Jaci lacht] aber ich will mich da nicht dazu zwingen,

[00:14:04]  weil es mir echt mitnimmt.

[00:14:05]  Jaci: Ja.

[00:14:06]  Na eben, ich habe auch eben gehört, dass es einen sehr mitnimmt und habe gedacht,

[00:14:08]  ich muss da im richtigen Lebensabschnitt sein, dass es mir wirklich gut geht quasi,

[00:14:13]  dass es mich nicht zu sehr runterzieht.

[00:14:15]  Das war auch dieses Jahr ... ich schreibe meine Masterarbeit fertig, bin mit dem Studium fertig,

[00:14:18]  dann habe ich mir gedacht, da geht es mir gut, da kann ich das dann lesen.

[00:14:21]  Shelly: Ja, es ist definitiv kein Buch, was man jedem empfehlen kann,

[00:14:25]  vor allem nicht, wenn du die Person nicht kennst.

[00:14:27]  Das hat auch die Kollegin gesagt, da muss man aufpassen.

[00:14:30]  Jaci: Aber ich freue mich auf.

[00:14:32]  Also, ich werde leiden, aber ich werde mich darauf freuen, wie es in Harry Potter so schön heißt.

[00:14:37]  Gut, und dann habe ich ... erst von zwei Büchern gesprochen,

[00:14:42]  fünf wollten wir durchreden.

[00:14:44]  Dann ganz kurz noch, ein anderes Buch, was ich noch lesen möchte,

[00:14:47]  ist eben "The Secret Service of Tea and Treason" von India Holton.

[00:14:52]  Und ich habe von dieser Autorin letztes Jahr ein Buch gelesen,

[00:14:56]  das heißt "The Lady of Wisteria Society". [red. Anm.: "The Wisteria Society of Lady Scoundrels"]

[00:15:00]  Und das ist aber herrlich lustig gewesen.

[00:15:03]  Da geht es um Hexen, die sich aber nicht als Hexen bezeichnen,

[00:15:06]  sondern als Piraten und mit ihren Häusern rumfliegen.

[00:15:08]  Und es klingt extrem abstrakt, aber es ist so lustig. [Shelly lacht]

[00:15:12]  Und das hat extrem viel britischen Humor und dafür bin ich immer zu haben.

[00:15:16]  Und in diesem zweiten Buch, das ich jetzt eben von ihr lesen möchte,

[00:15:19]  geht es um zwei Spione, also eine weibliche Spionin und einen männliche Spion,

[00:15:24]  die gemeinsam an einer Sache arbeiten

[00:15:28]  und dabei eben Piraten, Hexen und auch eine falsche Hochzeit überwinden müssen,

[00:15:35]  um eben die Queen zu retten.

[00:15:38]  Und das ist extrem dramatisch, glaube ich, und ich freue mich sehr auf

[00:15:41]  dieses Buch, weil es glaub ich sehr erheiten wird. Vielleicht lese ich das nach "A Little Life",

[00:15:44]  dass es mir besser geht. [lacht] Ein Klassiker hat es auch auf meine Liste geschafft. Und zwar

[00:15:51]  "Little Men" von Louisa May Alcott. Das ist der Nachband von oder der zweite Teil, oder

[00:15:57]  ich weiß nicht, wie man das, die Nachgeschichte von "Little Women" von der selben Autorin. [Shelly: Nein, wirklich?]

[00:16:01]  Wo es um die Töchter von Joe March, wie es nun jetzt Joe Bear geht, die am Ende von

[00:16:10]  "Little Women" heiratet, diesen Professor. Und eben diese Schule eröffnet für junge,

[00:16:15]  für Jungs und Mädchen. Und eben da geht es dann um ihre zwei Söhne und wie die halt in dieser

[00:16:22]  Schule sind und wie deren Leben dann ist. Und ihr habt das nicht gewusst, dass es dieses Buch gibt,

[00:16:26]  habe es in einer Buchhandlung zufällig gesehen und war ganz begeistert und ich liebe "Little Women".

[00:16:31]  Und deswegen muss ich das jetzt auch lesen, in diesen zweiten Teil. Weil, das gibt es nicht,

[00:16:35]  dass man von dem nichts hört, dass... Hast du das gewusst? - Shelly: Nein, ich habe das nicht gewusst.

[00:16:38]  Ich liebe auch "Little Women", das ist ein richtiges Comfort Book, finde ich. Und hey,

[00:16:42]  du musst mir sagen, wie das war. Weil wenn es gut ist, les ich es auch.

[00:16:45]  Was ich noch auf meiner TBR stehen habe, ist, ich möchte ein bisschen mehr in das Krimi-Genre eintauchen,

[00:16:53]  weil einfach viele Leute kommen und sich beraten lassen möchten zum Thema Krimi und es ist immer

[00:16:58]  ein bisschen, wenn man es dann selber nicht gelesen hat ... und ... da möchte ich eben ein bisschen ... zumindest

[00:17:03]  die Bekannten, dass ich mich da ein bisschen besser auskennen. Und zwar möchte ich anfangen jetzt

[00:17:09]  mit Fitzek, soll es erst ein Neues herausgekommen und das hat mir ein bisschen fasziniert, weil das

[00:17:13]  Cover so cool ist. - Jaci: [in ominöser Stimme] "Das Kalendermädchen". - Shelly: "Das Kalendermädchen". Und da geht es um... also darum,

[00:17:21]  dass ein, vor elf Jahren ein Baby adoptiert wurde, Alma heißt die, und die Umstände dieser

[00:17:28]  Adoptionen sind etwas mysteriös, denn es gibt, also diese Umstände werden streng unter Verschluss

[00:17:35]  gehalten in der Adoptionsakte und es steht aber vermerkt, dass bei Identität der Eltern

[00:17:40]  darf unter keinen Umständen ans Licht kommen, denn der Mutter droht Todesgefahr. Und jetzt ist es aber

[00:17:47]  so, dass dieses Kind, die Alma, lebensgefährlich erkrankt und dringend eine Knochenmarkspende braucht

[00:17:53]  und ihre Adoptivmutter Olivia Rauch ist dann auf der verzweifelten Suche nach den biologischen Eltern

[00:18:01]  und stößt dabei auf [eine auf] Gewaltverbrechen spezialisierte Psychologin und auf die Legende vom Kalendermädchen.

[00:18:07]  Also eine junge Frau, die sich einst zur Weihnachtszeit in ein abgeschiedenes Häuschen im Frankenwald

[00:18:13]  zurückgezogen hatte und die dort von einem Psychopathen heimgesucht wurde, der sind zwang,

[00:18:18]  einen Adventskalender des Grauns zu öffnen. Also da gibt es dann scheinbar einen Zusammenhang.

[00:18:23]  Ich habe es noch nicht gelesen. Ich werde es lesen, wann das passiert, keine Ahnung, vielleicht

[00:18:27]  so Oktober, November, wo es ein bisschen schauriger wird, die Stimmung, das ist jetzt kein Sommerlektüre

[00:18:32]  für mich, muss ich sagen, das muss ich jetzt bis jetzt timen. - Jaci: Oh Gott, das klingt schrecklich. Ich glaube,

[00:18:36]  da habe ich schon Angst, wenn ich das nur so höre. Das geht mir gar nicht. Ich habe noch

[00:18:40]  ein letztes Buch vergessen. Oh, dann habe ich meine Fünfe voll und das ist "King of Wrath" von der Ana Huang

[00:18:46]  und das ist eine ganze Reihe mittlerweile, da auch der sechste Band kommt, dieses Jahr raus, ist gerade

[00:18:51]  rausgekommen und ich glaube, es ist keine zusammenhängende Geschichte, soweit ich das gesehen habe.

[00:18:58]  Es geht, glaube ich, immer um das selbe Prinzip. Es sind Romance Novels bzw. Steamy Romance Novels,

[00:19:07]  werden sie dann auch genannt. Es geht im ersten Band um einen Billionär in Amerika, der gezwungen wird,

[00:19:16]  die Tochter oder die Erbin eines großen Konzerns zu heiraten wegen Bestechnung und keine Ahnung,

[00:19:22]  was alles. Also es ist dieses "Forced Engagement", was ein sehr beliebtes Trope ist, also diese

[00:19:29]  "gezwungene Verlobung". Die beiden haben sich noch nie getroffen und treffen dann eben immer wieder bei

[00:19:36]  irgendwelchen Galen oder so aufeinander und wissen, sie sind verlobt, aber kennen sich nicht wirklich

[00:19:40]  und dann geht es eben darum, wie sie sich kennenlernen und ich weiß nicht, ob sie dann heiraten oder nicht,

[00:19:45]  also ich bin gespannt. Aber es wird auf jeden Fall heiß hergehen, glaube ich. Und vielleicht lese

[00:19:51]  ich das auch nach "A Little Life". Ich glaube, damit geht es mir auch besser. - Shelly: [lacht] Die Reihe möchte

[00:19:56]  ich eigentlich auch anfangen. Musst mir dann sagen, wie sie ist. - Jaci: Ja. - Shelly: Gut und einen habe ich noch, einen Klassiker

[00:20:04]  und zwar "Dracula" von Bram Stoker, weil ich letztens im Kino war und "Nosferatu" geschaut habt.

[00:20:10]  Jaci: Oh Gott. - Shelly: Hast du das gewusst, dass Nosferatu eigentlich Dracula ist? - Jaci: Ja. - Shelly: Und dass es nur der Name

[00:20:18]  ist, der verändert wurde, der Schauplatz, wo spielt. Und ich glaube, Zeit oder ist die Zeit sogar

[00:20:24]  gleich. Irgendwas, er hat nur sehr dezente Änderungen vorgenommen, der Regisseur und hat sich dann

[00:20:28]  auch einem Gerichtsprozess stellen müssen, weil die Nachkommen von Bram Stoker total aufwasch

[00:20:36]  gemacht haben und gesagt haben, das ist irgendwie, ja, okay, das hat was mit Copyright zu tun. [Jaci lacht]

[00:20:41]  Und sie haben tatsächlich auch gewonnen und es haben vom ersten Nosferatu-Film eigentlich alle

[00:20:47]  Kopien verbrannt werden müssen. Also sie haben ein paar gerettet und deshalb gibt es den Film jetzt noch.

[00:20:52]  Jaci: Okay. - Shelly: Und es geht, so, "Dracula ist die berühmteste literarische Gestaltung des Vampirstoffs und der Anwalt

[00:21:02]  Jonathan Harker entdeckt auf Graf Draculas Schloss in Transsylvanien, dass dieser nachts als Vampir sein

[00:21:09]  Unwesen treibt. Harker folgt Dracula nach England, wo der Graf neue Opfer sucht darunter,

[00:21:14]  Harkers Verlobte Minna." Und Fun Fact, Bram Stoker wollte erst diese Geschichte um Dracula nicht

[00:21:21]  in Transsylvanien spielen lassen, sondern in der Steiermark. - Jaci: [lacht] Okay. - Shelly: Hat sich dann umentschieden.

[00:21:28]  Aber ich finde die Steiermark ist auch ein recht guter Schauplatz für das. - Jaci: [lacht] Finde ich auch ziemlich gruselig, ja.

[00:21:32]  Shelly: Ja, vor allem, weil du kannst so drei Stunden in eine Richtung fahren und du bist immer noch im

[00:21:36]  Nix. - Jaci: Da bist dann ein paar mal im Burgenland ...

[00:21:39]  Shelly: Noch gruseliger. [beide lachen]

[00:21:43]  Nein, hey, hör auf da Bundesland shamen! - Jaci: [lachend] Das hast du jetzt gesagt.

[00:21:48]  Genau. Okay, "Dracula" ist auch cool. Ich kenne nur diesen Film mit Luke Evans. Ich sehe Leere

[00:21:55]  in deinen Augen. - Shelly: [lacht] Ich weiß gerade nicht, wer Luke Evans ist.

[00:21:59]  Jaci: Gaston bei "Schöne und das Biest" in der Neuverfilmung. - Shelly: Entschuldigung!

[00:22:06]  Jaci: Okay, dann sind wir schon ziemlich weit vorgeschritten in unserer Folge. Ich würde ganz, ganz kurz einfach nur

[00:22:12]  noch die Titel von zwei, drei Neuerscheinungen, die wir lesen wollen, dass die Leser- also die Zuhörer*

[00:22:18] innen einen Plan haben, was kommt und was wir machen wollen. Okay, ich habe einen Titel von Emily

[00:22:26]  Henry, eine recht bekannte Autorin mittlerweile, die zum Beispiel "Clovers" oder "Happy Place" und

[00:22:38]  ihr nächstes Buch heißt eben "Great Big Beautiful Life" und es geht um zwei Autoren, die sich treffen

[00:22:46]  und es ist auch immer ein Romance Novel, also das ist bei Emily Henry einfach immer mit viel Witz

[00:22:50]  erzählt, kommt am 22. April raus und dann gibt es eins, das einfach vom Titel,

[00:22:57]  mich sehr angesprochen hat und das heißt "Medievally Blonde", also mittelalterlich Blond,

[00:23:02]  sozusagen, von Kate Jacobs und es geht um eine Prinzessin, die nicht gerettet wird von einem

[00:23:10]  Prinzen und deswegen beleidigt ist quasi und auf eine Militärakademie geht, damit sie sich selbst

[00:23:15]  verteidigen kann und es wird als Neuerzählung von dem Film "Legally Blonde". - Shelly: [lacht] Medievally Blonde.

[00:23:23]  Jaci: Genau. Und das finde ich sehr toll und deswegen freue mich auf dieses Buch, es kommt am 15.

[00:23:28]  07. raus. Ja, und das Cover schon auch ganz toll aus, also genau. Diese zwei Tipps noch von mir,

[00:23:34]  Shelly bitte. - Shelly: Und ich war wie vorher schon angeteasert auf Booktok und Bookstagram unterwegs und

[00:23:41]  habe mich mal ein bisschen informiert, was gerade so die gehypten Neuerscheinungen dieses Jahr sein

[00:23:46]  werden und bin auf zumal "Onyx Storm" gestoßen, eben das von Rebecca Yarros, die diese Fourth Wing-Serie

[00:23:55]  schreibt, da ist jetzt eben wie schon gesagt am 21. Jänner der dritte Band erschienen. Dann von

[00:24:03]  Ali Hazelwood, die auch "The Love Hypothesis" geschrieben hat, also "Die theoretische Unwahrscheinlichkeit

[00:24:09]  von Liebe", bringt ein neues Buch raus im Februar, das ist bald eben hab jetzt nicht genau jetzt den Tag aufschrieben

[00:24:15]  im Februar, [Jaci: Das reicht uns.], und das heißt "Deep End", "Die unausweichliche Unanständigkeit von Liebe".

[00:24:22]  Okay, es ist eine Sports Romance, es geht um eine Turmspringerin Scarlett, die schwer verletzt war,

[00:24:30]  ihr Sprung beim letzten oder so, keine Ahnung so genau, habe ich das noch nicht herausgefunden, [Jaci lacht]

[00:24:34]  die ist sehr traumatisiert dadurch und ist auch der Meinung, sie hat keine Zeit für Beziehungen,

[00:24:39]  sie lernt dann den Lucas kennen, der ist ein Schwimmass von Stanford und es ist irgendwie

[00:24:47]  schwammig beschrieben finde ich, es ist ein Arrangement, dass sie eingehen, dass beiden irgendwie

[00:24:53]  zugute kommt und dadurch begeben sie sie dann in einem gefährlichen Strudel, ein Liebstrudel,

[00:25:00]  und es wird steamy wie noch nie, es war gleich der erste Satz in der - Jaci: Sofort auf meinem TBR. [lacht] - Shelly:

[00:25:08]  Genau, steamy geht es weiter mit Ana Huang, die Jaci hat schon gesagt, sie möchte das Buch

[00:25:16]  "King of Wrath" lesen von ihr und jetzt im März kommt der fünfte Band dieser "King of"-Reihe raus

[00:25:21]  und zwar, also die Ana Huang ist by the way die Autorin der "Twisted"-Reihe, wenn du die kennst,

[00:25:28]  die ist sehr, sehr viral gegangen und eben diese "King of"-Reihe behandelt thematisch die sieben

[00:25:35]  Todsünden. - Jaci: Ahhh! - Shelly: Ja. Envy (Neid) ... - Jaci: Pride, ja, okay jetzt macht das Sinn, oh danke. Shelly: Also die

[00:25:42]  personifizierten Todsünden [Jaci: Voll cool.] Genau, das kommt im März, wie schon gesagt. Dann Lauren Asher,

[00:25:50]  das ist die Autorin der "Dreamland Billionaires"-Reihe, sagt dir nichts, echt nicht? Das ist auch so "erotic"

[00:25:57]  Genre ... ah, irgendwie ist das nur smut merk ich gerade [Jaci lacht] ... I'm sorry, aber ich habe noch was anderes.

[00:26:04]  Auf jeden Fall geht es in den Dreamland Billionaires um Milliardärs-Erben, denen also

[00:26:12]  ein Imperium gehört, das mich beim Lesen, also das Dreamland-Imperium, was mich beim Lesen sehr

[00:26:18]  an Disneyland und Disney erinnert hat [Jaci lacht] und eben drei Brüder und denen ihre Love-Geschichten, also

[00:26:27]  ihre Beziehungen und das ist sehr steamy und es ist halt mal nett zum Zwischendurchlesen,

[00:26:33]  mir hat es ganz gut gefallen. - Jaci: Das ist die Sommerlektüre vor Sebastian Fitzek. [lacht] - Shelly: Ja das ist die Sommerlektüre, und da kommt im August das Book

[00:26:42]  3 raus, also der dritte Band in der Reihe. So, weiter geht es mit Suzanne Collins, man kennt sie

[00:26:49]  von den "Hunger Games", also "Die Tribute von Panem" und da kommt jetzt im März das Buch "Sunrise on

[00:26:56]  the Reaping" raus, spielt auch in der "Hunger Games"-Welt und erzählt die Geschichte vom Maymitch, also

[00:27:03]  wir kennen ja "A Ballad of Songbirds in Snakes", was glaube ich vor letztes Jahr oder letztes Jahr

[00:27:07]  rauskommen ist, was die Geschichte von Snow erzählt und jetzt ist Haymitch an der Reihe. - Jaci: Haymitch ist, also

[00:27:13]  das spielt alles vor "Tribute von Panem", grad das man das chronologisch einordnen kann und Haymitch ist

[00:27:18]  in den Tribute von Panem der Trainer von Katniss und Peeta während ihren Spielen, also dass man weiß,

[00:27:25]  wer das ist. - Shelly: Zu guter Letzt, was ich noch rausgesucht habe, was sehr gehypt wird gerade schon, ist von

[00:27:30]  Taylor Jenkins Reid, die Autorin von "The Seven Husbands of Evelyn Hugo" und "Daisy Jones in The Six",

[00:27:37]  weil das sehr bekannt auf Booktok gewesen - Jaci: Und sehr beliebt bei mir [lacht] - Shelly: Ich habe die "Husbands" auch

[00:27:44]  gerne gemocht. Genau und das neue Buch von ihr heißt "Atmosphere" erscheint im Juni und es spielt in

[00:27:52]  den 1980er-Jahren und thematisiert wird das Space Shuttle Programme. "Die Professorin für Physik

[00:27:59]  und Astronomie Joan folgt im Aufruf der NASA, einer der ersten Frauen im All zu sein, beginnt dann diese

[00:28:06]  Ausbildung zu Astronautin" und es geht dann eigentlich um Freundschaften in dieser Gruppe von Männern

[00:28:13]  und Frauen, die da dann zu Astronauten und Astronautinnen ausgebildet werden. Dann passiert

[00:28:20]  irgendwas und alles wird ganz auf einen Schlag anders, was ich in der Rezension entnommen habe und

[00:28:25]  es muss ganz ganz toll werden. - Jaci: Sehr toll. Ja Taylor Jenkins Reid schreibt immer hervorragende Bücher,

[00:28:30]  also ich freue mich sehr. Genau, also sehr gute Empfehlungen, Shelly von dir. Danke vielmals

[00:28:34]  für deine intensive Recherche. - Shelly: Sehr gerne. Es hat Spaß gemacht. - Jaci: Wie wir uns freuen können,

[00:28:38]  sehr toll. Und wir werden dann einfach im Laufe des Jahres sehen, wie viel wir wirklich lesen von

[00:28:46]  unserer ellenlangen Liste. Die Idee wäre, dass wir am Ende des Jahres wieder eine Folge machen,

[00:28:53]  wo wir quasi Revue passieren lassen, welche Bücher wir von der Liste gelesen haben. Wir versuchen

[00:28:59]  natürlich einige davon zu lesen, damit wir dann nochmal genauer darüber reden können und ob

[00:29:04]  sie uns gefallen haben. Genau und auch in folgenden Podcast-Folgen gerne drauf hören, ob einige der

[00:29:11]  Bücher, die wir dort dann besprechen, vielleicht von dieser Folge von unserem TBR bekannt vorkommen.

[00:29:16]  Shelly: Und somit kennst ihr jetzt unsere TBR, ihr wisst genau, was wir dieses Jahr lesen werden möchten.

[00:29:25]  Hoffentlich wollen, hätten vorhaben, hätten. Aber uns würde natürlich brennend interessieren,

[00:29:31]  was lest ihr so dieses Jahr, was habt ihr euch vorgenommen und deshalb hüpft rüber zu Instagram.

[00:29:37]  Da gibt es heute, wenn die Folge online geht, eine Umfrage und an der könnt ihr sehr gerne

[00:29:43]  teilnehmen und uns mitteilen, was eure Bücher dieses Jahr sind, was ihr lesen möchtet und ja,

[00:29:51]  einen kleinen Austausch. Wir werden das dann posten, Inspirationen sammeln, ins [unverständlich] packen.

[00:29:56]  Jaci: Genau und wenn jemand keine Inspirationen hat, dann bitte gerne unseren Literatur-Newsletter

[00:30:03]  abonnieren, wo ihr alle zwei Monate Buchempfehlung bekommt von unseren lieben Kollegen und genau,

[00:30:10]  wenn ihr Bücher habt, die ihr lesen wollen würdet, aber wir sind nicht in der Bibliothek haben,

[00:30:15]  gibt es auch das Vorschlagsbuch. - Shelly: Genau, das liegt bei uns an der Sachbuchinformation, also das für

[00:30:23]  die Erwachsenenmedien und oben in der Kinderinformation liegt das für die Kindermedien und da könnt

[00:30:28]  ihr einfach reinschreiben, was ihr glaubt, was eine Bereicherung für unsere Bibliothek wäre.

[00:30:33]  Jaci: Genau und dann wird das eventuell angekauft und dann könnt ihr es auch wirklich von eurem TBR

[00:30:37]  streichen und lesen. Genau, in diesem Sinne bedanken wir uns recht herzlich fürs Zuhören.

[00:30:41]  Bitten eurem Mitarbeiter bei der Umfrage auf Instagram, weil wir sehr gespannt sind und

[00:30:46]  wir hören uns beim nächsten Mal. Tschüss! [Outro-Musik]

[00:30:48]  [Pia spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen,

[00:31:18]  dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Pia spricht]

Kurz und Schmerzlos mit ... Eva Biringer

Kurz und Schmerzlos mit ... Eva Biringer

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [Stimme moduliert] [Intro-Musik]

[00:00:07]  Boris: Hallo und herzlich willkommen zurück beim "Vorwort - Kurz und Schmerzlos" heute mit Eva Biringer.

[00:00:28]  und mein Name ist Boris Schön. Ja Eva, schön, dass du da bist. Darf ich dich mal bitten, dich kurz vorzustellen?

[00:00:35]  Eva: Gerne, danke, dass ich da sein kann. Ich bin Eva Biringer, ich lebe in Wien und Berlin und bin Autorin und Journalistin.

[00:00:44]  In meiner journalistischen Tätigkeit schreibe ich über Reisen und Essen und Bücher, also schöne Sachen.

[00:00:51]  In meinen Büchern, das ist jetzt mein zweites, gerade erschienen, beschäftige ich mich eher mit schwierigen Themen.

[00:00:58]  Also am ersten ging es um Alkoholmissbrauch bzw. Abhängigkeit um eine eigene Geschichte und in meinem neuen Buch geht es um Frauen und Schmerz.

[00:01:07]  Boris: Mit deinem neuen Buch "Unversehrt" bist du ja auch heute bei uns zu Gast und es findet dann heute Abend um 19 Uhr

[00:01:14]  eine Veranstaltung statt in Kooperation mit Wissenschaft und Verantwortlichkeit, einem Verein mit dem wir schon länger zusammenarbeiten.

[00:01:21]  Darf ich dich mal fragen, seit du jetzt mit dem Buch unterwegs bist, wie geht es dir so? Was kriegst du für Feedback?

[00:01:28]  Was hattest du für Veranstaltungen?

[00:01:31]  Eva:Das ist jetzt glaube ich die vierte oder fünfte Veranstaltung. Die Premiere war in Berlin, dann war ich in Hamburg,

[00:01:39]  zwei Lesungen in Wien, dann ist es die fünfte. Ja, es ist wie beim ersten Buch, es ist natürlich schön, wenn es dann in die Welt entlassen wird

[00:01:48]  und auch wenn es schon wieder so gefühlt ewig her ist, dass ich es geschrieben habe und bisher sehr gutes Feedback bekommen.

[00:01:55]  Vor allem von Frauen, muss ich ehrlicherweise sagen, ich freue mich auch wenn es Männer lesen, aber es fühlen sich doch eher Frauen angesprochen.

[00:02:01]  Also sowohl Frauen, die mir bei Instagram schreiben oder E-Mails schreiben, als auch die nach der Veranstaltung zu mir kommen

[00:02:08]  und viele haben Schmerzgeschichte zu erzählen, also sei es jetzt Endometriose oder eine andere chronische Schmerzkrankheit

[00:02:16]  oder "nur" in Anführungszeichen Periodenschmerzen und viele sagen dann so: "Ich weiß was du meinst.

[00:02:22]  Also auch ich fühle mich nicht ernst genommen von meiner Ärztin oder von meinem Arzt und mich in meinem Schmerz nicht gesehen."

[00:02:27]  Also scheinbar trifft es schon einen Nerv.

[00:02:30]  Boris: Was war damals der ausschlaggebende Grund, dass du dir gedacht hast, du schreibst dein Buch über das Thema Frauen und Schmerz?

[00:02:36]  Eva: Erst hatte es nicht den feministischen Fokus, den es jetzt hat. Erst habe ich mich mit Schmerz an sich beschäftigt,

[00:02:43]  weil ich selber eine hartnäckige Sehnenscheidenentzündung hatte und gemerkt habe, wie sehr Schmerz in den Alltag eingreift,

[00:02:49]  auch wenn es jetzt keine super schlimmen Schmerzen waren, aber doch so, dass es mich eingeschränkt hat.

[00:02:56]  Dann wollte ich auch die Geschichte meiner Großmutter erzählen, die fast ihr Leben lang unter Schmerzen ohne erkennbaren Ursprung gelitten hat,

[00:03:04]  die auch nicht ernst genommen wurden und so hat sich das dann zusammengefügt.

[00:03:09]  Also Schmerz als Phänomen, als biologisches Phänomen, aber dann eben mit diesem feministischen Zugang.

[00:03:15]  Boris: Mir kommt ja vor, das Thema ist jetzt halt so ein paar Jahren, fängt das an so mehr in der Öffentlichkeit auszutauchen, oder?

[00:03:22]  Eva: Ja, auf jeden Fall. Also angefangen habe ich zu recherchieren und schreiben vor, na ja, eineinhalb Jahren wahrscheinlich.

[00:03:31]  Und jetzt in letzter Zeit sehe ich immer mehr das Thema. Klar ist natürlich auch die Brille, die ich jetzt sozusagen trage, also mein Blick.

[00:03:39]  Aber ich glaube schon, dass das Thema mehr und mehr in der Gesellschaft ankommt, was ja auch total wichtig ist.

[00:03:43]  Und gleichzeitig zum Beispiel meine Lektorin wollte erst, dass wir die Endometriose rausstreichen,

[00:03:48]  weil sie meinten: "Ach, das ist doch schon so bekannt, ist doch kein Thema mehr", so ungefähr.

[00:03:52]  Und selbst da stelle ich fest, dass viele nicht wissen, was Endometriose ist.

[00:03:56]  Boris: Du hast ja vorhin schon gesagt, das ist dein zweites Buch und sonst arbeitest du ja auch als, oder vor allem als Journalistin.

[00:04:03]  Wie ist das für dich so? Hast du da, ist eines von den zwei, die Tätigkeit, die dir mehr Freude bereitet oder die du spannend erfindest?

[00:04:12]  Oder bewegt sich das auf Augenhöhe? Wie kann man sich das vorstellen?

[00:04:15]  Eva: Auf Augenhöhe und ich glaube, das soll auch so bleiben, weil mir so Thema so schnell langweilig. [lacht]

[00:04:21]  Das heißt wenn ich jetzt nur ... Also nur journalistisch arbeiten, habe ich ja lange gemacht, das ist in Ordnung.

[00:04:26]  Aber selbst da habe ich ja so vielfältige Themenfelder.

[00:04:30]  Ich würde jetzt nicht nur über Essen schreiben wollen, ich würde auch nicht nur über Hotels oder auch nicht nur über Bücher,

[00:04:36]  obwohl ich das auch liebe, schreiben wollen.

[00:04:38]  Und gleichzeitig wenn ich mich nur mit diesen doch sehr schweren Themen beschäftige,

[00:04:43]  also zum Beispiel, vor allem jetzt beim neuen Buch, da hat es mich echt runtergezogen teilweise, was ich da so alles erfahren habe,

[00:04:49]  und ja, dachte, oh Gott, das ist alles so schrecklich.

[00:04:52]  Also das andere wiederum ist dann ein schöner Ausgleich.

[00:04:55]  Und ja, ich würde das als gleich wichtig beurteilen und auch so weiterhin machen wollen.

[00:05:01]  Boris: Ist es für dich ein anderer Prozess, wenn du an ein Buch herangehst, ein Buchprojekt, als wenn du ein Artikel schreibst?

[00:05:09]  Oder gibt es da, hast du da andere Herangehensweise? Der Schreibprozess ist ja doch, denke ich mal, zumindest länger an einem Buch? [lacht]

[00:05:17]  Eva: Ja.

[00:05:18]  Ich überleg gerade, ob ein Buch einfach ein sehr langer Artikel ist.

[00:05:22]  Also ich glaube, bei einem Roman wäre es komplett anders, habe ich noch nie versucht, dadurch, dass ich Sachbücher schreibe,

[00:05:28]  ähnelt die Recherche schon der eines Textes.

[00:05:31]  Gleichzeitig gibt es auch in beiden meiner Bücher autobiografische Anteile, die wiederum ja frei geschrieben sind.

[00:05:38]  Also das dann eher so ein freies Schreiben.

[00:05:41]  Ich genieße es schon am Buchschreiben, dass ich mal so alles andere ausblenden kann,

[00:05:47]  weil sonst besteht mein Job schon auch sehr viel aus Organisation. E-Mails und Sachen organisieren und Reisen planen.

[00:05:54]  Und mag ich gerne, aber umgekehrt finde ich es auch total schön, wenn einfach mal nur ein Projekt auf dem Tisch liegt, sozusagen,

[00:06:01]  und ich mich aus allem anderen mehr oder weniger rausziehen kann.

[00:06:05]  Boris: Nicht auf mehreren Baustellen gleichzeitig, so schön formuliert. [Eva lacht]

[00:06:09]  Du hast ja vorhin kurz gesagt, dass du auch über Gastronomie schreibst, also Gastrokritik.

[00:06:14]  Ich habe da ganz basale Fragen, aber - [Eva, lacht: Bitte, ja.] - suchst du die Lokale aus, die du testest,

[00:06:19]  oder kriegst du da redaktionell Vorschläge oder wie funktioniert so was?

[00:06:24]  Eva: Testen tu ich nur in Berlin für die Berliner Zeitung.

[00:06:27]  Das sind eigentlich immer meine eigenen Vorschläge. Nicht jeder wird

[00:06:31]  genommen, aber die meisten eigentlich schon. Und andere Texte sind dann eher

[00:06:37]  Portraits über Köchinnen, Köche oder irgendwelche Trendgeschichten. Und bei

[00:06:43]  Reisegeschichten, die oft auch einen kulinarischen Aufhänger haben, kommen die

[00:06:47]  Ideen eigentlich auch fast immer von mir. Also ich bin da schon glücklicherweise sehr

[00:06:52]  frei in der Auswahl. Und ja, es ist ein Traumjob, auf jeden Fall. [lacht]

[00:06:55]  Weil das ist sicher vielleicht auch eine nächste Frage gewesen wäre.

[00:06:58]  Boris: [beide lachen] Wär sie's gar nicht. Aber, nein, meine nächste Frage wäre eigentlich eher die, wie kann man

[00:07:03]  sich das vorstellen? Bestellst du einmal quer durch die Speisekarte? Oder gehst du

[00:07:07]  fünfmal hin? Oder wie läuft das? - Eva: Ja, lustigerweise habe ich genau darüber

[00:07:13]  einen Text kürzlich für die Berliner Zeitung und für den Standard geschrieben.

[00:07:16]  Wie das geht, so wie man als Gastrokrisikerin überlebt.

[00:07:22]  So ungefähr. Also, also muss ich sagen, ich mache das zum Glück nicht, also jeden Tag

[00:07:26]  sowieso nicht und auch nicht jede Woche. Also das konzentriert sich dann doch sehr

[00:07:29]  auf Berlin. Das heißt, es ist dann so geballt dort. Und in Wien koche ich eigentlich

[00:07:34]  fast immer selber und ja auch ganz anders als wenn ich essen gehe. Und wenn ich

[00:07:39]  essen gehe, dann nehme ich mir eigentlich immer jemanden mit, wenn es geht. Und dann, ich

[00:07:45]  muss sagen, dass ich da recht strikt bin. Also die Auswahl treffe ich. [lacht] Das heißt, es ist

[00:07:50]  auch immer pescetarisch, also kein Fleisch. Und ja, ich sag auch oft so

[00:07:56]  möglichst viel, also lieber kleinere Portionen, dass wir viel probieren können.

[00:08:00]  Wir nehmen die Reste auch immer mit, weil das ist mir schon auch wichtig, dass dann

[00:08:03]  nicht irgendwie groß Food Waste anfällt. Ja, und ansonsten einfach durchprobieren.

[00:08:08]  Boris: Die kleineren Portionen würden ja aber dann bedeuten, dass sie vielleicht sogar

[00:08:12]  schon wissen, dass du jetzt zum Testen hier bist. Ich habe also dieses Bild im

[00:08:16]  Kopf von "Brust oder Keule" mit Louis de Funès, der dann da irgendwie für den [unverständlich]

[00:08:20]  quasi da so agentenmäßig auftritt. So kann man sich das nicht vorstellen, oder?

[00:08:25]  Eva: Ja, ich klebe mir keine Bärtchen .. ankleben eh nicht, aber ... [Boris lacht]

[00:08:29]  Also ich glaube wirklich, dass Leute Verkleidung teilweise haben,

[00:08:33]  aber es ist so famous bin ich jetzt nicht. Also ich reserviere jetzt auch nicht

[00:08:40]  unter falschem Namen oder so. - Boris: [lacht] Für Meier. - Eva: Ich glaube so arg ist es dann doch nicht.

[00:08:47]  Ich kann mir schon vorstellen, dass manche dann auch checken, allein weil ich

[00:08:51]  mit meiner riesen Kamera komme und irgendwie so ein bisschen Aufstand ... [lacht]

[00:08:55]  Was heißt Aufstand? Aber so 1000 Sonderwünsche ... "Und können wir bitte dies, und das."

[00:08:59]  Dass vielleicht manche schon denkt, das ist zumindest ein Bloggerin.

[00:09:03]  Aber ja, so einen Kopf machen wir da eigentlich nicht drum.

[00:09:06]  Boris: Da ist vielleicht das Internetzeitalter dann ganz angenehm, weil es so viele Leute

[00:09:10]  gibt über so viele Sachen berichten, dass es dann vielleicht nicht bei diesen

[00:09:12]  Fokus gibt. - Eva: Voll. Und ich muss auch sagen, vor allem in Berlin sind es auch auf

[00:09:16]  Presse-Dinner, ehrlich gesagt. Also was auch, wo auch dann natürlich Kolleg*innen

[00:09:20]  hingehen und wo völlig klar ist, die Person ist von der Zeitung und die von

[00:09:24]  dem Medium. Also ja, so top secret ist es nicht.

[00:09:28]  Boris: Wie du ja vorher auch schon gesagt hast, du hast ja einen Artikel im Standard geschrieben.

[00:09:31]  Ich habe dann auch gelesen, über die unterschiedliche Lebenserwartungen von Gastrokritikern

[00:09:36]  zu Gastrokritikerinnen. Jetzt meine Frage: Wie geht es denn gesundheitlich

[00:09:41]  Severin Corti als der Standard-Testesser? - Eva: [lacht] Sehr gute Frage. Ich kenne ihn nicht

[00:09:47]  persönlich, muss ich zu meiner Schande gestehen. Ich möchte ihn unbedingt mal

[00:09:50]  kennenlernen. Also wenn du das hörst Severin Corti, bitte, bitte, bitte sag, wann wir

[00:09:54]  essen gehen. Ich glaube, er ist total witzig und ich höre immer, dass er sehr viel

[00:09:58]  bestellt. Also ich glaube, er bestellt wirklich so die ganze Karte. Wie viel

[00:10:01]  er davon isst, keine Ahnung, ob er sich auch Doggy Bags geben lässt. Wir wissen es

[00:10:06]  leider nicht. Vielleicht finde ich es raus und dann reiche ich die Info nach. [lacht]

[00:10:10]  Boris: Also ich habe mir heute ein Foto von ihm im Internet angesehen. Er wirkt so

[00:10:13]  gesundheitlich relativ stabil auf den Foto. [lacht] - Eva: Ja, ich glaube schon. Also auch gut, der geht

[00:10:19]  sich öfter essen, testen, also Restaurant testen als ich. Aber ich glaube, so wie

[00:10:24]  dieser New York Times-Gastrokritiker, der ja damals der Aufhänger für den

[00:10:28]  Artikel war, also ich glaube so extrem betreibt es niemand, der dann teilweise

[00:10:31]  in zwei Restaurants am Abend war und fast jeden Tag die Woche. Klar, dass man

[00:10:36]  daran zugrunde geht. Also das würde ich aber auch nicht wollen, da hätte ich

[00:10:39]  keine Freude mehr an meinem Job. - Boris: Ja, denke ich mir.

[00:10:44]  Ja, danke, die zehn Minuten sind eh schon vorbei. Zum Schluss habe ich wie immer

[00:10:49]  eine Frage. Hast du eine Literatur- oder einen Buchtipp für unsere Zuhörer*innen,

[00:10:53]  den du übergeben kannst? - Eva: Unbedingt. Also erst mal möchte ich auch noch eine

[00:10:58]  Lanze für Bibliotheken brechen, weil ich werde immer oder oft komisch ... weißt heißt

[00:11:02]  komisch, aber irritiert oder überrascht angesehen, wenn ich sage, dass ich mir

[00:11:06]  immer alles ausleihe. Also ich denke, das ist doch der beste Deal der Welt. Ja, du hast

[00:11:10]  einen Ausweis und es ist jedes Buch zu bestellen und kannst es wochenlang haben.

[00:11:15]  Also ich liebe Bibliotheken und gehe da ganz oft hin. Und mein, ich habe zwei

[00:11:19]  Buchtipps mitgebracht. Einmal von Ruth-Maria Thomas, das lese ich jetzt gerade,

[00:11:24]  "Die schönste Version". Da geht es um Partnerschaftsgewalt, also ein total

[00:11:30]  wichtiges Buch in Romanform. Auch sehr, ja, trifft einen, also mich trifft es ziemlich

[00:11:35]  auf eine sicher nachhaltige Art und ich glaube, es ist ein total

[00:11:39]  wichtiges lesenswertes Buch. Und dann von Teresa Bücker "Alle_Zeit", das ist ein

[00:11:45]  Sachbuch, in dem es um die Zeitpolitik geht. Also das Zeit eben nicht gleichverteilt

[00:11:52]  ist in unserer Gesellschaft oder ein sehr politisch aufgeladenes Thema ist.

[00:11:56]  Auch wieder mit einem recht feministischen Zugang, dass Frauen generell

[00:12:00]  weniger über ihre Zeit verfügen können als Männer, Mütter noch mehr als kinderlose

[00:12:04]  Frauen und so weiter. Also es ist ein total ja, Augenöffnendes Buch, was einen

[00:12:09]  sicher auch noch lange begleiten wird. - Boris: Ja, vielen herzlichen Dank und ich freue

[00:12:13]  mich jetzt schon sehr auf den heutigen Abend und auf ein spannendes Bühnengespräch.

[00:12:18]  Eva: Ich mich auch. Danke fürs Dasein.

[00:12:19]  [Outro-Musik]

[00:12:43]  [Boris spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der

[00:12:49]  Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Boris spricht]

Kurz und Schmerzlos mit ... Paul Scheibelhofer

Kurz und Schmerzlos mit ... Paul Scheibelhofer

Stadtbibliothek Innsbruck

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[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [Stimme moduliert] [Intro-Musik]

[00:00:07]  Boris: Hallo und herzlich willkommen zurück beim "Vorwort - Kurz und Schmerzlos", heute mit Paul Scheibelhofer.

[00:00:29]  Mein Name ist Boris Schön. Paul, super, dass du da bist. Paul: Hallo.

[00:00:35]  Boris: Als erstes würde ich dich einfach mal bitten, dass du dich kurz vorstellst.

[00:00:40]  Paul: Ja, ich bin Assistenzprofessor am Institut für Erziehungswissenschaft der Uni Innsbruck

[00:00:47]  und da im Bereich Kritische Geschlechterforschung zuständig.

[00:00:51]  Und nochmal fokussierter ist das Thema, mit dem ich mich die meiste Zeit beschäftige, Männer, Männlichkeiten,

[00:00:59]  jung, alt, Väter in unterschiedlichsten Lebenslagen.

[00:01:03]  Boris: Auf der Website von der Universität ist gestanden, dass du im Bereich der kritischen Männlichkeitsforschung

[00:01:09]  und Väterforschung unter anderem tätig bist. Jetzt stellt sich für mich einfach die ganz banale Frage,

[00:01:16]  was heißt das jetzt genau? - Paul: Ja, da sind viele verwundert, dass es das auch gibt.

[00:01:22]  Die kritische Männlichkeitsforschung geht mal davon aus, dass wir immer noch nicht in einer Gesellschaft leben,

[00:01:29]  wo Männer und Frauen gleichberechtigt sind, sondern dass Männer mehr Macht, mehr Ressourcen,

[00:01:35]  auch in unserer Gesellschaft haben als Frauen.

[00:01:38]  Und sie fragt jetzt, wie wirkt sich dieses Ungleichverhältnis auf Männer aus, auf ihr Leben, auf ihre Wünsche, ihre Ziele,

[00:01:47]  auf ihre Ideen davon, was es bedeutet, ein Mann zu sein, aber auch in die andere Richtung fragen wir,

[00:01:53]  wie das, was die Männer tun, diese ungleichen Geschlechterverhältnisse stärken und reproduzieren oder vielleicht auch verändern können.

[00:02:03]  Boris: Also es geht hier nicht nur um den Mann als Täter, sondern auch um die Probleme, die ein Mann durch seine Männlichkeit hat?

[00:02:11]  Paul: Ja, also leider ist es schon so, wenn wir uns zum Beispiel das Thema Gewalt anschauen, dass Männer doch überdurchschnittlich oft als Täter vorkommen.

[00:02:20]  Aber das ist ein Aspekt der sozialen Realität und die ist sehr breit gefächert, wenn wir uns Geschlechterverhältnisse anschauen.

[00:02:27]  Nein, es geht auch darum, warum zum Beispiel T-Shirts von Jungs öfter die Tiere bedruckt haben, die auf die Jagd gehen

[00:02:36]  und die T-Shirts von Mädchen öfter die Tiere bedruckt haben, die Gejagte sind.

[00:02:41]  Also es geht darum zu verstehen, wie funktioniert das eigentlich, dass wir zum Mann werden in dieser Gesellschaft.

[00:02:48]  Und da sind wir oft Täter in manchen Belangen, aber eben auch Opfer, manchmal Mitspieler,

[00:02:54]  und manchmal sind wir aber auch Sand in Getriebe, halten uns überhaupt nicht an die Regeln, die so gelten für Männer und da wird es dann auch spannend.

[00:03:02]  Boris: Kannst du in irgendeiner Form kurz definieren was "Männlichkeit" ist?

[00:03:06]  Oder ist es das ganze Spektrum, das du jetzt da ein bisschen auch angerissen hast schon?

[00:03:10]  Paul: Also ich würde sagen, es gibt keine grundsätzliche Eigenschaft, die typisch männlich ist, jetzt per se.

[00:03:23]  Die ganze moderne Forschung zeigt eigentlich, dass wir nicht in den Körpern irgendwie auf die Suche gehen können

[00:03:32]  und da die eine klare Seite an Eigenschaften haben, DAS bedeutet "Männlichkeit".

[00:03:38]  Und wenn wir den Körper nicht als die Antwort haben, was bedeutet eigentlich "Männlichkeit", dann sind es eigentlich wir Menschen, wir als Gesellschaft.

[00:03:48]  Das heißt, was es bedeutet, ein Mann zu sein, das ist das, was wir als Gesellschaft definieren.

[00:03:55]  Das ändert sich, das ist nicht zu jeder Zeit gleich, zum Beispiel wenn wir unsere eigenen Großväter uns anschauen, deren Männlichkeitsnormen, deren Ideen, was ein Mann zu sein hat,

[00:04:05]  unterscheidet sich ja in der Regel von uns.

[00:04:08]  Also offensichtlich in einer Menschheitsgeschichtlich recht kurzen Periode von sagen wir mal 50 bis 70 Jahren, gibt es da schon recht viel Veränderung.

[00:04:16]  Also ist es wohl die Gesellschaft, die sagt, was männlich ist und was nicht.

[00:04:21]  Und da gibt es schon ein paar Eigenschaften, die immer wieder kehren, also sowas wie eher aktiv als passiv, eher selbstsicher als zweifelnd.

[00:04:32]  Deswegen auch eher nicht Hilfe suchend, sondern eher man-splainend, anderen die Welt erklärend.

[00:04:38]  Also da gibt es schon Eigenschaften, die wir immer wieder finden, in Büchern, in Texten, in Theaterstücken, in Filmen.

[00:04:46]  Da sieht man, was wir derzeit meinen, was Männer so ausmacht.

[00:04:49]  Boris: Jetzt habe ich da eine Frage:

[00:04:51]  Du bist ja heute Abend bei uns auf der Bühne der Stadtbibliothek zu Gast im Zuge der Präsentation des "Solange"-Projekts von Katharina Cipulka.

[00:05:02]  Und ergänzt ihr sozusagen diesen Part von männlicher Perspektive.

[00:05:09]  Bei dem Projekt von ihr geht es ja quasi um das Erreichen von Gleichheit.

[00:05:15]  Wie kann die Männlichkeitsforschung da beitragen?

[00:05:19]  Kann sie Sachen besser erklären, Lösungsvorschläge anbieten?

[00:05:24]  Paul: Ja, ich glaube schon. Wir können einerseits diese Strukturen uns anschauen, die dazu führen, dass sich so wenig und so langsam nur ändert.

[00:05:37]  Oder teilweise sogar Rückschritte.

[00:05:39]  Also es hat gerade der Rechnungshof ausgerechnet, dass die eh schon sehr geringe Anzahl von Männern, die in Karenz gehen,

[00:05:48]  dass das im Vergleich zu 2020 - damals waren knapp unter 5 Prozent 2020 -, dass das noch mal zurückgegangen ist.

[00:05:56]  Also wir können mit unseren Theorien darüber, was Männlichkeit ausmacht und was dann auch abgelehnt wird, zum Beispiel unbezahlte Arbeit mit Kindern,

[00:06:07]  das passt halt offensichtlich immer noch nicht in unser Bild von

[00:06:11]  was ein erfolgreicher Mann so tut den ganzen Tag und die ganze Nacht. Also unsere Theorien können

[00:06:16]  glaube ich einerseits uns Hinweise geben, warum ändert sich da so wenig und so langsam und

[00:06:23]  da hilft es schon einen fokussierten Blick auf Männer zu richten. Trotzdem mit den Theorien der

[00:06:29]  Geschlechter und Forschung und der feministischen Forschung, aber da wurde oft verständlicherweise

[00:06:34]  nicht so klar auf Männer geschaut und was wir aber auch versuchen können ist herauszufinden,

[00:06:41]  ja wo gibt es Veränderungen, wo gibt es denn um beim Beispiel zu bleiben so etwas wie "Caring

[00:06:46]  Masculinity", also eine Männlichkeit, die sich gerade nicht durch Konkurrenz, Abwertung etc.

[00:06:51]  sondern durch Sorge, Pflege, Solidarität auszeichnet. Das heißt wir können glaube ich schon auch in

[00:06:56]  der kritischen Männlichkeitsforschung diese Wege aufzeigen, wo Veränderungen passieren und

[00:07:04]  vielleicht auch unterstützen diese Prozesse halt zu stärken. - Boris: Jetzt habe ich noch eine persönliche

[00:07:13]  Frage, wie bist du auf das Thema gekommen oder wie hast du dich für diese ... weil du musst ja irgendwie

[00:07:18]  studiert haben bevor du begonnen hast es zu unterrichten, wie war deine biografische Geschichte

[00:07:24]  dazu? - Paul: Ja also irgendwie bin ich fast zufällig während dem Soziologiestudium in die Geschlechterforschung

[00:07:32]  reingerutscht. Das hat begonnen Ende der 90er-Jahre und damals waren alle Seminare eigentlich

[00:07:39]  Frauenforschung, wenn es um Gender Studies ging. Das habe ich aber trotzdem extrem interessant

[00:07:46]  gefunden und nach ein paar Jahren habe ich aber gemerkt, dass meine meistens weiblichen

[00:07:52]  Mitstudentinnen, die hatten dann noch so einen Benefit, der mir gefehlt hat und zwar diese

[00:07:57]  persönliche Involviertheit und ich kann mich erinnern, da war ich gerade auf Auslandsjahr in Amsterdam

[00:08:03]  und ich weiß sogar noch welches Buchgeschäft, da habe ich mich mal auf den Weg gemacht und

[00:08:08]  habe mir gedacht, gibt es eigentlich irgendwie Geschlechterforschung mit Fokus auf Männer? Und

[00:08:12]  natürlich gibt es das, wenn man danach sucht und ich habe mir das dann im Selbststudium eigentlich

[00:08:16]  beigebracht, weil meine ganze Studienzeit gab es keine einzige Lehrveranstaltung zum Thema

[00:08:21]  Männlichkeit und habe es dann eigentlich begonnen zu unterrichten, ohne es jemals selbst besucht

[00:08:27]  zu haben und da hat sich glücklicherweise ein bisschen was geändert mittlerweile und

[00:08:33]  ja, freue mich da auch, ein Teil davon zu sein, dass die Männlichkeitsforschung mittlerweile auch

[00:08:38]  ein bisschen breiter auf den Universitäten unterrichtet wird. - Boris: Gab es im Zuge deiner Forschungstätigkeit

[00:08:45]  oder deines Anlesens an Wissen einmal so einen wirklichen "Wow, Aha"-Effekt wo du gedacht hast,

[00:08:51]  darüber habe ich so nie nachgedacht? - Paul: Ich glaube, das ist echt oft passiert. Also ich

[00:08:59]  finde gerade die Geschlechterforschung, wenn wir uns darauf einlassen, dann lässt sie uns nicht

[00:09:04]  kalt und man geht aus so einer Auseinandersetzung mit Geschlechterforschung, im besten Fall nicht

[00:09:10]  als die gleiche Person raus, wie man hineingegangen ist. Das ist anders als wenn ich irgendwie Texte

[00:09:15]  über geografische Phänomene, was weiß ich was, lese, denke ich mir mal. Also zumindest bei mir ist es so,

[00:09:24]  dass es oft Momente gegeben hat, die so eine Mischung dann oft sind aus, vielleicht ein

[00:09:31]  bisschen ertappt werden. "Aha, das habe ich gar nicht so erkannt." Da bin ich vielleicht auch selbst

[00:09:36]  Teil von irgendwelchen im Endeffekt eigentlich problematischen Strukturen und aber auch dann oft so,

[00:09:45]  na ja, das ist vielleicht so ein bisschen pathetisch, aber so auch befreit werden von solchen Selbstverständlichkeiten.

[00:09:53]  Also diese grundsätzliche Perspektive, dass die Art, wie wir leben, nicht selbstverständlich ist,

[00:10:01]  dass wir das eigentlich produzieren, diese Grundbeobachtung, die hat mich irrsinnig vom

[00:10:10]  Sessel gehauen. Ich hatte die ganze Zeit schon während meiner Jugend diese Vermutung, dass

[00:10:19]  diese Welt nicht so sein muss und dass dann aber in so einer soziologischen Perspektive mit

[00:10:26]  Fokus auch auf Geschlecht auch so gezeigt bekommen: "Nein, das lässt sich anders machen." Das war auf

[00:10:35]  vielen Ebenen beeindruckend und das ist ein andauernder Prozess, das herauszufinden,

[00:10:43]  was das eigentlich alles bedeutet. - Boris: Ja, Paul, danke vielmals für diese total

[00:10:47]  spannenden Informationen und dieses Gespräch. Zum Abschluss habe ich wie immer die Frage,

[00:10:52]  hast du ein Buch, das du unseren Zuhörer*innen empfehlen kannst? - Paul: Ja, also wenn man sich mit

[00:10:59]  Männlichkeit auseinandersetzen möchte, dann empfehle ich derzeit das Buch "Warum

[00:11:04]  Feminismus gut für Männer ist" von Jens van Tricht. Das ist ein toller Aktivist, der in

[00:11:11]  Amsterdam super Dinge macht, um irgendwie progressive Männlichkeiten voranzubringen

[00:11:17]  und der hat viel seines Wissens, was er sich angeeignet hat, aber auch das, was er im

[00:11:24]  Zuge dieser ganzen Workshops, die er da seit Jahren macht und anderen Projekten irgendwie so

[00:11:29]  generiert hat dieses Wissen, hat er zusammengefasst in diesem teilweise witzigen, teilweise auch

[00:11:34]  bestürzt machenden und wirklich gut zu lesenden Buch "Warum Feminismus gut für Männer ist". - Boris: Vielen herzlichen Dank

[00:11:42]  auch für diesen Tipp und ich freue mich auf eine spannenden Abend heute. - Paul: Danke. [Outro-Musik]

[00:12:12]  [Boris spricht] Das Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem

[00:12:18]  Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Boris spricht]

Kurz und Schmerzlos mit ... Katharina Cibulka

Kurz und Schmerzlos mit ... Katharina Cibulka

Stadtbibliothek Innsbruck

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[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchung führen. [Stimme moduliert] [Intro-Musik]

[00:00:07]  Boris: So, hallo und herzlich willkommen zurück beim "Vorwort - Kurz und Schmerzlos".

[00:00:28]  Heute mit Katharina Cibulka. Ja, Katharina, schön, dass du da bist.

[00:00:33]  Katharina: Danke für die Einladung Boris.

[00:00:35]  Boris: Mein Name ist, wie du meinen Vornamen bereits schon erwähnt hast, Boris Schön.

[00:00:39]  Und ich würde als erstes dich einmal bitten, dich ganz kurz vorzustellen.

[00:00:44]  Katharina: Mein Name ist Katharina Cibulka. Ich bin bildende Künstlerin und Filmemacherin.

[00:00:50]  Ich bin eine Innsbruckerin, wieder zurückgekehrt nach vielen Jahren in Wien und im Ausland.

[00:00:57]  Ich bin jetzt hier wegen dem Projekt "Solange".

[00:01:00]  Boris: Genau, und da haben wir heute Abend dann auch das Vergnügen,

[00:01:04]  auch wenn der Podcast erst nach dieser Veranstaltung ausgestrahlt wird,

[00:01:08]  die ich gemeinsam mit Tina Themel auf der Bühne der Stadtbibliothek begrüßen zu dürfen.

[00:01:14]  Und ihr präsentiert im Zuge dessen das Buch "Let's Go Equal - Das Solange-Projekt".

[00:01:21]  Und das ist also eine Art "Werkschau" dieser Arbeit, kann man das so sagen?

[00:01:26]  Katharina: Genau, das Solange-Buch ist entstanden nach 28 Solange-Netzen.

[00:01:31]  "Solange" ist ein partizipatives feministisches Kunstprojekt

[00:01:36]  und wir bespielen Gerüste auf Baustellen mit Netzen, die sowieso dort hängen würden.

[00:01:44]  Und da sticken wir feministische Sätze hinein.

[00:01:48]  Und die beginnen eben immer mit "Solange ..." und enden mit "... bin ich Feminist.", "... bin ich Feministin."

[00:01:54]  Boris: Ich denke mir, viele unserer Zuhörer*innen werden das Projekt kennen.

[00:01:58]  Es ist ja schon sehr international inzwischen auch präsentiert worden.

[00:02:04]  Was ist denn für dich so das Kernziel des Projekts oder wie kam es zu der Idee, das zu machen?

[00:02:11]  Katharina: Also das Kernziel ist auf alle Fälle Gleichberechtigung.

[00:02:14]  Ich finde nach so vielen Jahrhunderten sollten Männer und Frauen und alle Geschlechter sich auf Augenhöhe begegnen.

[00:02:22]  Und ich verstehe es wirklich nicht, warum das so schwierig sein soll.

[00:02:25]  Und dafür setze ich mich ein.

[00:02:27]  Und dieses Projekt geht darum, dass wir einfach Menschen sensibilisieren wollen, da wo es eben noch keine Gleichberechtigung gibt.

[00:02:35]  Boris: Das heißt, in der Theorie gesprochen könnte es einmal einen Punkt in der Zukunft geben, wo das Projekt nicht mehr notwendig wäre.

[00:02:43]  Katharina: Das wäre sozusagen das große Ziel.

[00:02:45]  Es gibt einen internationalen Report, der jedes Jahr sozusagen schaut, wie viele Jahre es noch dauert.

[00:02:54]  Und wir waren schon mal bei 103 Jahren [Boris lacht], und nach Corona

[00:02:58]  sind wir jetzt wieder auf 148 Jahre hinauf.

[00:03:01]  Also so lange wird es noch dauern.

[00:03:04]  Und wenn ich mir zu die Situation weltweit anschaue und schon diesen Backlash erlebe,

[00:03:09]  wird es wahrscheinlich noch viel länger dauern.

[00:03:14]  Und deshalb setze ich mich noch umso mehr dafür ein, dass wir unsere Rechte behalten.

[00:03:20]  Boris: Jetzt neben dem Risiko, dass du vielleicht den Erfolg, den du dir wünschst, dieses Projekt im Sinne des gesellschaftlichen Wandels nicht mehr erleben wirst,

[00:03:32]  aber hättest du gedacht, dass das Projekt zumindest jetzt in der Gegenwart so erfolgreich ist, in der Wahrnehmung und in der...

[00:03:39]  Also eben, es ist sehr oft präsentiert worden schon und geht international die Runde.

[00:03:43]  Katharina: Also am Anfang habe ich mit der Idee begonnen und natürlich überhaupt nicht gedacht, dass das so einen großen...

[00:03:49]  So ein Impact hat, eine so große Wirkung hat und auch so eine großen Breitenwirksamkeit.

[00:03:54]  Ich habe halt in Innsbruck mit einem Netz begonnen, in einem kleinen Projekt.

[00:03:59]  Und habe schon gleich gemerkt, dass es viele Menschen bewegt.

[00:04:03]  Und für viele so eine Art Projektionsfläche ist im öffentlichen Raum.

[00:04:07]  Weil ich denke, wir alle spüren, dass da irgendwas nicht stimmt und dass das eigentlich unfair ist.

[00:04:13]  Die Frauen spüren es sowieso und die Männer, würde ich sagen, spüren auch, dass da irgendwas nicht passt.

[00:04:18]  Die einen versuchen sich zu verändern, die anderen versuchen, die alte Ordnung zurückzubekommen.

[00:04:24]  Also es ist eine Spannung da und für das waren diese Netze gut, weil die hängen im öffentlichen Raum und sind für viele Projektionsfläche.

[00:04:32]  Und ich denke, deshalb werden wir jetzt so viel eingeladen, eben international inzwischen, weil es ein rießen Thema ist.

[00:04:39]  Boris: Du hast ja vorher schon gesagt,

[00:04:41]  dass es im Moment noch wieder länger dauern sollte nach diesen Jahren, bei diesen ganzen Rückschritten,

[00:04:48]  die auch gesellschaftlich passieren, obwohl man ja versucht, voranzukommen.

[00:04:52]  Gibt es Sachen über die du lachen kannst in dem Zusammenhang oder ist es eine ernste Angelegenheit?

[00:04:57]  Katharina: Na eigentlich, zurzeit ist mir eher zum Weinen zumute.

[00:05:00]  Also ich denke mir jetzt auch mit der Wahl oder Wiederwahl von Trump mit auch all den

[00:05:06]  Wahlergebnissen hier in Österreich sieht man schon, dass da eine ganz starke, konservative

[00:05:12]  Welle über uns schwappt und das macht mich wirklich sehr, sehr betroffen.

[00:05:15]  Vor allem für die junge Generation, weil ich denke, dass die sehr schwierig haben werden,

[00:05:21]  weil die jungen Frauen sehr empowert sind aufgrund der letzten Jahrzehnte und auch sehr

[00:05:29]  gebildet sind und die lassen sich nicht mehr zurück drängen.

[00:05:32]  Und ich denke mal für die jungen Männer wird es schwierig Frauen zu finden, weil

[00:05:38]  wenn die sich nicht verändern und mit der Zeit gehen, dann werden sie vielleicht allein bleiben

[00:05:45]  und das tut mir für die jungen Männer auch sehr leid.

[00:05:47]  Boris: Ja, wir sind gespannt, wie sich die Zukunft entwickeln wird.

[00:05:51]  Hoffentlich zum Guten.

[00:05:53]  Katharina: Natürlich, ich bin ja totale Optimistin, von dem her.

[00:05:57]  Schau ich auch immer auf das, was sich bewegt und ich sehe auch sehr viele junge Menschen,

[00:06:03]  die wirklich da große Vorbilder sind jetzt auch für mich und die da schon andere Wege

[00:06:10]  gehen.

[00:06:11]  Boris: Eine ganz andere Frage, aber die ein bisschen für mich jetzt auch nahe liegt:

[00:06:16]  Du bist ja selber auch Leserin in der Stadtbibliothek in Innsbruck.

[00:06:20]  Was ist für dich wichtig an Bibliotheken beziehungsweise, was ist vielleicht wichtig

[00:06:26]  für dich an der Stadtbibliothek?

[00:06:27]  Das ist ja auch kein ganz altes Projekt.

[00:06:30]  Das gibt es ja auch erst seit 2018.

[00:06:31]  Katharina: Also ich habe gerade heute mit meinem Mann darüber gesprochen, dass das schon ein unglaublich

[00:06:36]  toller Raum wurde für alle und nicht nur als Raum für die Bücher ist, sondern auch

[00:06:42]  für viele, viele Menschen, die hier sitzen und lesen und wenn man vorbei geht, sieht man

[00:06:46]  immer, dass da einfach viel los ist und auch viele junge Menschen hier studieren und lernen.

[00:06:51]  Und ich denke, das ist wirklich gut aufgegangen, diese Idee und für mich sind Bibliotheken

[00:06:58]  sowieso ein unendlicher, rießengroßer Schatz an Wissen und auch wenn wir online oder im

[00:07:06]  Digital, in der Di-... ja online so viel abrufen können, ein Buch in der Hand zu haben, ist

[00:07:10]  schon ganz was Besonderes und deshalb bin ich auch ganz glücklich, dass wir jetzt eben diese

[00:07:14]  Wertschau haben und dieses Buch haben.

[00:07:17]  Mein Buch "Let's Go Equal", weil dieses Projekt ist ja sehr viel mehr, das heißt, es hängt

[00:07:23]  ja nur "so lange", so lange eine Baustelle da ist und ist dann weg und meine große Befürchtung

[00:07:29]  war, wenn ich einmal in ein paar Jahren aufhör, ist nichts mehr da von dem Projekt.

[00:07:33]  Und deshalb ist ein Buch einfach ein ganz schönes Dokument von all diesen unendlichen verrückten

[00:07:40]  Geschichten, die wir erlebt haben in den letzten sechs Jahren.

[00:07:43]  Boris: Ja, jetzt habe ich noch eine letzte Frage für unsere Zuhörer*innen.

[00:07:47]  Hast du einen Tipp, ein Buch, das du besonders gerne magst oder das du empfehlen kannst?

[00:07:54]  Katharina: Ja klar, ein ganz aktuelles Buch von Franziska Schutzbach zum Beispiel, das heißt "Die Revolution

[00:08:03]  der Verbundenheit": Wie weibliche Solidarität die Gesellschaft verändert und das ist wirklich

[00:08:10]  ein ganz schönes Buch, würde ich mal sagen, und zwar deshalb, weil es darum geht, wie

[00:08:17]  wir Frauen uns wieder mehr solidarisieren dürfen und nicht immer die Frage stellen

[00:08:23]  sollen, wie holen wir die Männer ins Boot, sondern eher wie holen wir die Frauen ins

[00:08:26]  Boot.

[00:08:27]  Weil die großen gesellschaftlichen Veränderungen sind immer dann passiert, wenn sich

[00:08:31]  einfach viele Frauen zusammengetan haben.

[00:08:33]  Und das ist für mich ein ganz schöner Gedanke, dass wir Frauen da uns jetzt auch einfach zusammen

[00:08:40]  tun dürfen.

[00:08:41]  Boris: Ja, vielen Dank fürs Gespräch.

[00:08:43]  Ich freue mich auf die heutige Veranstaltung und ja ... Katharina: [schmunzelnd] Let's go equal.

[00:08:49]  Danke.

[00:08:50] [Outro-Musik]

[00:08:51]  [Boris spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem

[00:09:19]  Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Boris spricht]

Warum mögen wir eigentlich Tropes (Weihnachten)?

Warum mögen wir eigentlich Tropes (Weihnachten)?

Stadtbibliothek Innsbruck

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[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [Stimme moduliert]

[00:00:07]  Jaci: Christmas edition, take one.

[00:00:10]  [singt] ~ We wish you a merry Christmas, we wish you a merry Christmas, we wish you a merry Christmas and a happy new year. ~

[00:00:19]  Shelly: Wunderschön. Jaci: Danke. Shelly: Das kann die Christina als Intro verwenden.

[00:00:22]  Jaci: [lacht] Willkommen bei unserer Folge, die vollständig in meinem Gesang stattfindet.

[00:00:26] Shelly: Ja, unbedingt. [lautes Lachen]

[00:00:28] [Intro-Musik] Shelly: Hallo und herzlich willkommen beim Vorwort, den Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:48]  Mein Name ist Shelly und gegenüber von mir sitzt die Jaci und heute wird es weihnachtlich.

[00:00:55]  Das nehmen wir als Anlass, um über Literatur und Film über Weihnachten zu sprechen.

[00:01:04]  Also wie ist dieses traditionelle Fest immer schon verarbeitet worden in der Literatur, im Film.

[00:01:13]  Es ist quasi zum Trope geworden und hat sie was verändert?

[00:01:18]  Wenn ja, was hat sie verändert in dieser Zeit und was ist in der Quintessenz gleichgeblieben?

[00:01:24]  Jaci: Genau. Shelly: Und dann gehen wir einfach mal rein. [Jaci lacht]

[00:01:27]  Wir haben überlegt, was uns als erstes einfällt, wenn wir über Weihnachtsliteratur nachdenken.

[00:01:35]  Und da sind wir beide zu dem Schluss gekommen es ist eigentlich "Eine Weihnachtsgeschichte" von Charles Dickens.

[00:01:42]  Die kennt jeder und die ist erstmals veröffentlicht worden am 19.12.1843.

[00:01:50]  Jaci: Perfektes Marketing-Team, dass das zur Weihnachtszeit rauskommen ist.

[00:01:55]  Shelly: Ja.

[00:01:56]  Jaci: Schon damals.

[00:01:57]  Shelly: Immer schon gewusst, wie man das gut verkauft. [lacht]

[00:01:59]  Und es ist erschienen unter dem Originaltitel "A Christmas Carol in Prose: Being a Ghost Story of Christmas".

[00:02:06]  Jaci: Ein langer Titel.

[00:02:08]  Da weiß man gleich, worum es geht. [lacht]

[00:02:10]  Shelly: Ja, eben. Genau.

[00:02:14]  Jaci: Und ich bin vor allem auf diese Geschichte gekommen, nicht durch das Originalbuch, das habe ich tatsächlich noch nie gelesen.

[00:02:23]  Shelly: Echt nicht?

[00:02:24]  Jaci: Nein.

[00:02:25]  Sorry, vielleicht mache ich das, weil wir haben es bestimmt im Sortiment.

[00:02:29]  Shelly: Ich habe es in meiner Privatbibliothek.

[00:02:30]  Jaci: An meinem Bibliotheks-Wichtel. [beide sprechen durcheinander]

[00:02:34]  Ich habe keine Ausgabe daheim, also das wäre eine Wichtel-Idee. [lacht]

[00:02:37] Kleine Side-Info, unter den Mitarbeitenden findet wieder ein Weihnachtswichteln statt, und wer auch immer Jaci gezogen hat,

[00:02:45]  sie möchte bitte gerne von Charles Dickens die "Christmas Carol" haben. [beide lachen]

[00:02:48]  Jaci: Genau.

[00:02:49]  Aber jetzt, Spaß beiseite.

[00:02:52]  Ich kenne die Geschichte vom "Christmas Carol" durch eine Barbie-Verfilmung.

[00:02:57]  Und das ist eigentlich das selbe Prinzip, nur mit Frauen.

[00:03:01]  Also die Barbie ist Ebenezer Scrooge und wird von drei Geistern heimgesucht und kommt dann eben drauf, dass Weihnachten doch ganz toll ist und so weiter.

[00:03:09]  Und dadurch kenne ich die Geschichte. [lacht]

[00:03:11]  Und dann habe ich vor ein paar Jahren den Original oder die erste Verfilmung wirklich geschaut und die ist ja mega gruselig.

[00:03:17]  Also ich finde die nicht sehr weihnachtlich, [lacht] da hab ich sehr Angst gehabt.

[00:03:21]  Aber ich verstehe den Sinn der Geschichte und Barbie hat das auch super umgesetzt.

[00:03:27] Shelly: Ja, finde ich auch total. [Jaci lacht]

[00:03:29]  Es gibt ja unzählige Adaptionen von dieser Geschichte.

[00:03:34]  Also die ist quasi Ground Base für alles Weihnachtliche, was in den Jahren danach gefolgt ist.

[00:03:43]  Ich glaube, es gibt sogar eine Mickey Mouse-Verfilmung.

[00:03:46]  Jaci: Ja, stimmt.

[00:03:48]  Ist da nicht Donald [Duck] sogar ein Geist?

[00:03:51]  Ich weiß es nicht.

[00:03:52]  Shelly: Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nicht mehr,

[00:03:53]  wer "redemptet" wird ... [Pause]

[00:03:56]  Jaci: Das müssen wir jetzt kurz googeln, das kann ich jetzt nicht auf mir sitzen lassen.

[00:04:00]  Okay, es gibt tatsächlich, das war nicht nur ein Hirngespinst der Shelly, es gibt "Mickey's Christmas Carol",

[00:04:07]  wo der Dagobert Duck der Ebeneza Scrooge ist oder der,

[00:04:12]  ma, jetzt hab ich den Name schon wieder verloren - Scrooge McDuck -

[00:04:15]  und die Geschichte bleibt dann auch dieselbe und er wird dann eben auch von drei Weihnachtsgeistern

[00:04:22]  in Form von Jimmy Cricket, Willy the Giant und den Weasels heimgesucht.

[00:04:31]  Also, das klingt sehr unterhaltsam, es dauert nur 26 Minuten. [lacht]

[00:04:35]  Shelly: Ah, das sind diese typischen Kurzgeschichten von Disney.

[00:04:40]  Jaci: Sehr nett, gut.

[00:04:41]  Ich bin froh, dass ihr das jetzt auch gelernt habt.

[00:04:43]  Shelly: Das kannst heuer gleich mal anschauen.

[00:04:45]  Jaci: Genau, das wird dann meine neue "Christmas Carol"- Erfahrung.

[00:04:48]  Die ist hoffentlich nicht so gruselig [lacht] wie das Original.

[00:04:51]  Genau, eine andere Geschichte, die ich auch immer sehr weihnachtlich finde, die auch durch Barbie kenne,

[00:04:57]  ist "Der Nussknacker".

[00:04:58]  Da ist ja der Originalroman von E.T.A. Hoffmann, den ich auch noch nie gelesen habe,

[00:05:06]  wieder einmal Schande über mich.

[00:05:07]  Shelly: Ich glaube, ich habe ja auch nie gelesen.

[00:05:08]  Jaci: Dann fühl ich mich nicht ganz so schlecht.

[00:05:10]  In der gibt es ja auch zahlreiche Verfilmungen auch und anderen eben von Barbie.

[00:05:15]  Und das berühmte Ballett, ich glaube, das kennen die meisten, die es aus Ballett einfach kennen.

[00:05:22]  Shelly: Ja, also ich hätte als erstes ans Ballett gedacht.

[00:05:27]  Jaci: Nicht an Barbie? Shelly: Nein. [beide lachen]

[00:05:29]  Aber ich habe ihn angeschaut.

[00:05:31]  Jaci: Gott sei Dank, den hätte ich dir sonst leihen müssen.

[00:05:34]  Der ist bei mir in der meiner Heimatbibliothek.

[00:05:37]  Shelly: Und was sind so die Go-To-Christmas-Romane und Filme, die du jedes Jahr ausnahmslos anschauen musst?

[00:05:49]  Jaci: Also Romane habe ich da eigentlich recht wenig.

[00:05:52]  In meiner Recherche habe ich jetzt herausgefunden, dass "Little Women"  von Louisa May Alcott,

[00:05:58]  "Little Women", als Weihnachtsnovel quasi gesehen wird.

[00:06:02]  Da gibt es auch eine Weihnachtsszene, die für mich aber jetzt nicht den ganzen Roman ausmacht,

[00:06:07]  aber ist ein super Roman, den kann man immer lesen.

[00:06:10]  Und sonst gibt es natürlich ganz viele neuzeitige Romane, die einfach Weihnachten als Thema aufnehmen,

[00:06:21]  hauptsächlich romantische, also romantische Komödien als Buch.

[00:06:27]  Also gibt es extrem viele.

[00:06:29]  Also wenn man da, wenn man das googelt, da kommen hunderttausende Titel, wo ich auch noch keinen gelesen habe, glaube ich.

[00:06:37]  Aber da gibt es dann so "Schneeflockenträume".

[00:06:40] Shelly: Ist das Karen Swan?

[00:06:42]  Jaci: Ja, als ob du das kennst.

[00:06:44]  Shelly: Ja, ich les die immer! [beide lachen]

[00:06:46]  Jaci: Wie cool.

[00:06:48]  Es gibt "Kein Winter ohne dich" von Emily Stone oder "Schneeglitzernd verliebt" von Karin Lindberg,

[00:06:57]  "Prickelnd und Weihnachtszauber", Sammelband 4 in 1.

[00:07:02] Shelly: Weißt du wie viele es da gibt?

[00:07:04]  Jaci: [lacht] Nein. Shelly: [amüsiert] Schaust du grad auf Google und nicht im Littera-Katalog? Jaci: Ja!

[00:07:09]  "Dich hatte ich nicht auf dem Wunschzettel".

[00:07:11]  Mein persönlicher Favorit, das klingt herrlich. Shelly: Toll.

[00:07:14]  Jaci: Genau, jetzt gibt es ganz, ganz viele Romane.

[00:07:17]  Und das Lustige bei diesen Romanen, auch wenn wir die meisten nicht gelesen haben,

[00:07:22]  trauen wir uns doch zu behaupten, dass sie meistens nach dem selben Prinzip ablaufen.

[00:07:29]  Shelly: Das da wäre?

[00:07:32]  Dass meistens es gibt uns einen Weihnachtsmuffel, der oder die nicht an den Zauber von Weihnachten glaubt.

[00:07:41]  Shelly: Also OG Ebenezer Scrooge?

[00:07:43]  Jaci: Genau, genau.

[00:07:45]  Und dann treffen diese Personen auf einen Weihnachtsliebhaber.

[00:07:50]  Der oder die dann den Zauber von Weihnachten beibringt quasi und zeigt, wie schön es eigentlich ist.

[00:07:58]  Und in diesem Prozess werden diese beiden Personen, die meistens verfeindet sind oder sich nicht mögen,

[00:08:04]  also haben wir wieder Enemies-to-Lovers, [lacht] falls jemand unsere alten Podcastfolgen kennt.

[00:08:11]  Momente, wo dann eben, aber die sich dann im Prozess des Weihnachtszaubers verlieben.

[00:08:18]  Das ist meine These, dass das eigentlich immer gleich ist.

[00:08:23]  Shelly: Ja, quasi Weihnachten ist der beste Liebestrank.

[00:08:28]  Jaci: Genau. Also es schneit, Kaminfeuer, Wein, Rentiere, immer sind irgendwo Kinder, die begeistert von Weihnachten sind.

[00:08:41]  Shelly: Wenn sie den Zauber dann übertragen, dass die Jungs einen Zauber von Weihnachten verloren haben.

[00:08:46]  Jaci: Schön, schön, schön. Heimelige Gefühle kommen da auf.

[00:08:50]  Die meisten Romanen laufen dann nach diesem Prinzip auch ab.

[00:08:56]  Und im Zusammenhang mit diesen Romanen gibt es ja auch das bekannte Phänomen,

[00:09:01]  das jeder der Netflix hat, glaube ich, kennt, und zwar die Hallmark Movies.

[00:09:07]  Shelly: Ich glaub das die auf Netflix gar nicht so präsent sein. Jaci: Doch.

[00:09:10]  Shelly: Schon? Weil ich schaue die immer auf Amazon.

[00:09:13]  Jaci: Also ich hab nur Netflix und da ist dann zur Weihnachtszeit hunderttausend Filme mit dem selben Cover. [lacht]

[00:09:20]  Und eine persönliche Anekdote, meine Mama und ich, haben immer zur Weihnachtszeit einen Tag,

[00:09:26]  wo wir nur Kekse backen den ganzen Tag und da schauen wir den ganzen Tag nur solche Filme.

[00:09:32]  Und es gibt nichts Unterhaltenderes, weil du dann am Ende des Tages nicht mehr weißt,

[00:09:36]  welcher Film welcher war, weil in allen dasselbe passiert.

[00:09:39]  Shelly: Ja, das stimmt.

[00:09:40] Jaci: Das ist herrlich.

[00:09:41]  Für die, die Hallmark Movies nicht kennen oder nicht mit diesen Phänomen bekannt sind,

[00:09:47]  habe ich eine Definition rausgesucht.

[00:09:49]  [räuspert sich] "Der Hallmark Film ist ein Genre der für das Fernsehen produzierte romantischen Komödie,

[00:09:56]  das mittlerweile so allgegenwärtig ist, dass der Begriff Hallmark Film erweitert wurde

[00:10:02]  und nun jede Fernsehfilm mit ähnlichem Ton oder ähnlicher Ästhetik umfasst,

[00:10:08]  unabhängig davon, ob er vom Hallmark Channel produziert wurde oder nicht."

[00:10:13]  Also es hat wirklich alles begonnen beim Hallmark Channel, einem amerikanischen TV-Sender,

[00:10:19]  die diese Filme produziert haben.

[00:10:21]  Weil mittlerweile, weil eben alle Filmen auf diesen Filmen passieren und dieselbe Handlung haben,

[00:10:26]  heißen alle Weihnachtsfilme, die so ablaufen, "Hallmark Movies".

[00:10:30]  Shelly: Das heißt, die haben ein ganz neues Genre geprägt.

[00:10:33]  Jaci: Genau.

[00:10:34] Shelly: Boah, zach.

[00:10:35]  Jaci: Und ich bin froh drum. Ich freue mich jedes Jahr auf die neuen Filme.

[00:10:38] Shelly: Uh! Jaci: Uh?

[00:10:40]  Shell: Ich habe was gehört.

[00:10:41]  Ich weiß nicht, ob das stimmt.

[00:10:42]  Es kann jetzt sein, dass das Fake News sind, aber ich habe gelesen auf Social Media.

[00:10:46]  Jaci: [beide lachen] Verlässliche Quellen.

[00:10:48]  Shelly: Dass jetzt ein Hallmark-Movie produziert werden soll,

[00:10:51]  der auf der Love Story von Taylor Swift

[00:10:55]  und ihrem aktuellen Partner, wie heißt der ...

[00:10:57]  Jaci: Nein, Travis Kelce ... Shelly: Genau, Travis Kelce produziert werden soll.

[00:10:59]  Also, Popstar ständig auf Tour, größter Popstar überhaupt,

[00:11:05]  verliebt sich in ... Jaci: In den Footballer. -  Shelly: Genau.

[00:11:07] [Jaci seufzt]

[00:11:08]  Shelly: Schwierigkeiten, Schwierigkeiten, Schwierigkeiten,

[00:11:11]  zum Schluss Happy End unterm Tannenbaum.

[00:11:13]  Jaci: [schwärmzt] Ah, wie toll!

[00:11:15]  Ja, okay, dann bin ich wieder dabei.

[00:11:17]  Das klingt perfekt, da war ich schon wieder dabei.

[00:11:19]  Da haben sie mich schon wieder gekriegt mit Taylor Swift

[00:11:22]  und Weihnachtsding.

[00:11:24] Shelly: Find ich auch interessant,

[00:11:26]  dass da so aktuelle Themen in das Genre einbezogen werden.

[00:11:29]  Jaci: Aktuelle Themen, ja.

[00:11:31]  Ich finde es nur sehr schade,

[00:11:33]  ich habe noch keinen queeren Hallmark-Movie gesehen.

[00:11:36]  Shelly: Stimmt. - Jaci: Also es ist immer sehr heteronorm.

[00:11:38]  Das ist immer ... - Shelly: Sehr traditionell gehalten.

[00:11:40]  Vielleicht auch weil christliches traditionelles Fest und so.

[00:11:44]  Jaci: Ja, aber ...

[00:11:45]  Wir sind im 21. Jahrhundert.

[00:11:47]  Shelly: Ja, bin da ganz bei dir. - Jaci: Also ...

[00:11:49]  Hallmark, falls du zuhörst:

[00:11:52]  Wir wollen einen queeren Hallmark-Movie.

[00:11:54] [Jaci lacht]

[00:11:55]  Ähm ...

[00:11:56]  Und wie laufen diese Filme ab?

[00:11:58]  Genauso wie ich vorher erwähnt hat mit den Romanen.

[00:12:01]  Nur gibt es da meistens noch spezifischere Abläufe

[00:12:05]  als wie bei den Romanen.

[00:12:07]  Und zwar ist es meist ...

[00:12:09]  Ich erzähle das jetzt aus der Perspektive von den meisten Filmen.

[00:12:13]  Es gibt es auch mit "Gender reversed".

[00:12:15]  Also ich erzähle es jetzt so, dass eine Frau in einer Großstadt Karriere macht

[00:12:18]  und ganz groß rauskommt.

[00:12:20]  Und dann von ihrer Firma aber in ein kleines Dorf sozusagen geschickt wird.

[00:12:26]  Um dort irgendwie die Wirtschaft anzukurbeln

[00:12:28]  oder ein Projekt durchzuführen.

[00:12:30]  Und das ist dann sehr oft ...

[00:12:32]  Ähm ... auch das Heimatdorf dieser Person. [lacht]

[00:12:35]  Ähm ... und die kehren dann heim.

[00:12:37]  Und finden entweder ihre Highschool-Liebe wieder.

[00:12:41]  Oder einen Witwer mit Tochter.

[00:12:45]  In denen sie sich dann verlieben.

[00:12:47]  Das Problem ist, dass das Projekt, die die Businessfrau hat,

[00:12:50]  meistens den Ruin des Unternehmens der Person darstellt,

[00:12:55]  in die sie sich verliebt.

[00:12:57]  Also meistens ist so, "wir bauen ein neues Einkaufszentrum.

[00:13:00]  Und es ist blöderweise genau da, wo der gut aussehende Witwer

[00:13:04]  seine Weihnachtsbaumfarm hat." [Shelly kichert]

[00:13:06]  Und dann nur die niedergemacht.

[00:13:09]  Aber nachdem sie sich dann verliebt und über diesen Witwer

[00:13:13]  oder Highschool-Liebe wieder daran erinnert wird,

[00:13:16]  wie schön Weihnachten ist.

[00:13:17]  Also, wieder diesen Weihnachtsmuffel meets Weihnachtslover.

[00:13:21]  Ähm ... kommt sie drauf, dass doch die Weihnachtsbaumfarm

[00:13:26]  viel besser ist als ihre große Corporate-Firma.

[00:13:29]  Shelly: Und das Familie und Liebe viel wichtiger ist als Karriere.

[00:13:32] Jaci: Genau, genau.

[00:13:34]  Und dann bleibt sie meistens in dem Dorf

[00:13:36]  und lässt ihre Karriere zurück.

[00:13:38]  Ende.

[00:13:40]  Shelly: Ein bisschen antifeministisch, nicht?

[00:13:43]  Jaci: Ganz problematisch diese Filme auf so vielen Schichten. [beide lachen]

[00:13:48]  Aber so laufen die meisten Filme ab, muss ich sagen.

[00:13:52]  Manchmal wird noch ein Prinz reinschmissen,

[00:13:55]  dass es dann so irgendwie königliche Weihnacht ...

[00:13:58]  Genau, royale Weihnachten oder so was.

[00:14:01]  Aber es spielt sich meistens in einem kleinen Dorf ab

[00:14:03]  und Frauen aus der Großstadt kommen in das kleine Dorf

[00:14:06]  und verlieben sich in Weihnachten.

[00:14:08]  Also, das ist ... - Ja, das ist ja. That's the gist.

[00:14:10]  Mehr gibt's nicht. Das ist alles. [lacht]

[00:14:13]  Shelly: Man weiß genau, worauf man sich ein, dass man selbst nennt.

[00:14:16]  Das ist einfach toll, ich lieb das. - Jaci: Super.

[00:14:18]  Man hat dann zwar das Gefühl man schaut viermal denselben Film,

[00:14:21]  aber macht nichts. Das ist schön.

[00:14:24]  Comfort Movies heißt das dann, oder? - Shelly: Ja, genau.

[00:14:26]  Und ich glaub, das ist das, was sich verändert hat

[00:14:29]  in dieser Zeitspanne von "Christmas Carol" bis zu Hallmark-Movies.

[00:14:34]  Es ist einfach sehr vorhersehbar geworden.

[00:14:36]  Jaci: Ja, und sehr romantisiert.

[00:14:39]  Bei Ebeneza Scrooge ist ja Familie wichtig und so.

[00:14:42]  Und so.

[00:14:44]  Und bei den neueren ist es aber eher dieses "Die große Liebe".

[00:14:48]  Und sehr romantisch alles.

[00:14:50]  Niemand hat kalt, es ist wunderschön.

[00:14:52]  Shelly: Ja, das wäre auch irgendwie sehr unsexy gewesen,

[00:14:55] hätte Ebeneza Scrooge so ein Love Interest gehabt. [Jaci lacht]

[00:14:57] Das hätte ich ihnen nicht abgekauft. [beide lachen]

[00:14:59]  Jaci: Dickens would be "empört".

[00:15:01]  [Lachen]

[00:15:04]  Genau.

[00:15:05]  Aber ...

[00:15:07]  Man merkt, wir schauen die Filme gerne,

[00:15:09]  aber wir wissen, dass sie nicht die besten Qualitätsfilme sind.

[00:15:13] Shelly: Um das geht es nicht. Es geht ums Feeling. [lacht]

[00:15:15]  Jaci: Aber es gibt dafür noch andere Filme,

[00:15:17]  die man zu Weihnachten immer gut schauen kann.

[00:15:20]  Und das sind einerseits die klassischen Weihnachtsfilme,

[00:15:23]  wie "The Grinch".

[00:15:25]  Shelly: Übrigens auch ursprünglich eine Erzählung.

[00:15:28]  Jaci: Ja. Hab ich auch nicht gewusst.

[00:15:30] [beide sprechen durcheinander]

[00:15:33] Shelly: ... als PDF.

[00:15:35]  Jaci: [seufzt] Ich muss noch so viel lesen, bevor Weihnachten kommt.

[00:15:38] Ähm ...

[00:15:40]  Oder "The Holiday" mit Cameron Diaz und Kate Winslet.

[00:15:43]  Shelly: Das ist mein Lieblingsfilm. Jude Law!

[00:15:45]  Jaci: Oder ... wie heißt der mit ...

[00:15:48]  Shelly: Love Actually? - Jaci: Love Actually, genau.

[00:15:51]  Oder "Kevin Allein zu Haus" oder "Kevin Allein in New York".

[00:15:54]  Ultimative Weihnachtsfilme für mich.

[00:15:57] Shelly: "Santa Claus" 1,2,3,4.

[00:15:59] "Weihnachtsmann und Co. KG."

[00:16:01] [Jaci seufzt]

[00:16:02]  Die OG-Serie.

[00:16:03]  Jaci: Jedes Gen-Z-Mitglied kennt "Weihnachtsmann und Co. KG"

[00:16:06]  Shelly: Ich glaub sogar die Millennials. - Jaci: Ich hoff's.

[00:16:08]  Und dann gibt's auch Filme, die eigentlich nix mit Weihnachten zu tun haben.

[00:16:13]  Aber die trotzdem jeder zu Weihnachten schaut.

[00:16:15]  Shelly: Immer im Programm laufen, wenn du durchsabst.

[00:16:18]  Du klickst immer auf dieselben Filmen.

[00:16:20]  Jaci: Im Dezember gibt es nichts anderes als die Sissi-Filme.

[00:16:23]  Österreichischer Klassiker.

[00:16:25] Romi Schneider.

[00:16:27]  Super.

[00:16:28]  "Drei Haselnüsse ist für Aschenbrödel".

[00:16:30]  Banger, wirklich. Also dieses Lied.

[00:16:33]  Verfolgt mir dann immer bis in den Schlaf.

[00:16:35]  Und auch die Harry Potter-Filme gehören für viele zu den Klassikern

[00:16:39]  zur Weihnachtszeit dazu.

[00:16:41]  Shelly: Ja, weil es ist halt immer ein Schuljahr.

[00:16:44]  Und da sind immer Weihnachten auch dabei.

[00:16:46]  Zumindest in den ersten Teilen.

[00:16:48]  Jaci: Die ersten fünf sind noch sehr weihnachtlich.

[00:16:50]  Ich glaub, ab dem sechsten geht's bergab.

[00:16:53]  Aber ... also nicht bergab im Sinne der Story.

[00:16:56]  Super Filme, aberbergab im Sinne der Fröhlichkeit.

[00:16:59]  Genau, aber eben gehört auch wahrscheinlich zum Ding

[00:17:02]  "Comfort Movie".

[00:17:04]  Das ist was, was an Weihnachten ganz wichtig ist.

[00:17:06]  Und was uns hier die ganzen Filme und auch Ebeneza Scrooge

[00:17:09]  auch vermitteln, wie wichtig Wohlfühlen zur Weihnachtszeit ist.

[00:17:13]  Dieses Gefühl von Heimeligkeit, Wärme, Familie.

[00:17:17] Shelly: Es darf dich nicht wahnsinnig geistig anstrengen.

[00:17:20]  Jaci: Genau, genau.

[00:17:22]  Ich bin gestresst genug durch die Weihnachtszeit.

[00:17:24]  Da helfen diese Filme und Geschichten einfach,

[00:17:27]  an den Zauber von Weihnachten zu erinnern.

[00:17:30]  An die Dinge, die wichtig sind.

[00:17:32]  Shelly: Und es ist auch was generationenübergreifendes

[00:17:34]  das was verbindet, weil es sind dieselben Filme,

[00:17:37]  die mein Mama schon geschaut, als Kind.

[00:17:40] [sprechen gleichzeitig]

[00:17:42]  Also meine Mama und ich schauen auch immer der "Grinch".

[00:17:44]  Das ist auch so unser Ding.

[00:17:46]  Das hat aber jeder, oder jeder schaut am 25. meistens eben

[00:17:50]  "Kevin allein Zuhaus" oder "Kevin allein in New York",

[00:17:53] weil der einfach im ORF läuft.

[00:17:55]  Das ist so jeder kennt das, oder?

[00:17:58]  Das ist auch Tirol und Niederösterreich ... [beide lachen]

[00:18:01]  Kindheitserfahrungen.

[00:18:03]  Shelly: So, jetzt wisst ihr ganz viel über unsere Weihnachtsfavoriten.

[00:18:07]  Und uns wird natürlich auch interessieren,

[00:18:09]  was eure Go-to-Weihnachtsfilme und Weihnachtsromane

[00:18:15] ... Bücher ... weiß der Himmel ... sind.

[00:18:17]  Das könnt ihr uns gerne schreiben.

[00:18:19]  Entweder per Mail an post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at

[00:18:22] oder

[00:18:24]  auf Instagram, da heißen wir

[00:18:26] "stadtbibliothek.innsbruck".

[00:18:28]  Jaci: Genau.

[00:18:30]  Shelly: Falls ihr Inspirationen braucht,

[00:18:33]  wenn ihr was Neues ausprobieren wollt,

[00:18:35]  könnt ihr euch gerne bei uns in der Bibliothek umschauen.

[00:18:38]  Gerade in der Weihnachtszeit würde ich mein Auge offen halten

[00:18:41]  auf unseren Ausstellungen.

[00:18:43]  Wir werden sicher das eine oder andere Weihnachtsbuch ausgestellt werden.

[00:18:47]  Ihr könnt's bei unseren DVDs schauen,

[00:18:49]  was es da an Weihnachtsfilmen gibt.

[00:18:51]  Ihr könnt's auf unseren Streamingdienst schauen,

[00:18:54]  ob es vielleicht Weihnachtsfilme auf Filmfriend gibt,

[00:18:56]  wo ich sehr davon ausgeht, dass es sie gibt.

[00:18:58]  Jaci: Ja, es gibt sehr viele.

[00:19:00]  Mein persönlicher Favorit: "Elmo rettet Weihnachten".

[00:19:02]  Shelly: Elmo? Von der Sesamstraße?

[00:19:04]  Jaci: Ja. Shelly: [lacht] Süß.

[00:19:06]  Genau.

[00:19:08]  Und der unseren Literaturtipps-Newsletter

[00:19:10]  erhalten hat und gelesen hat,

[00:19:13]  vom November genau, den letzten,

[00:19:15]  der jetzt rausgegangen ist.

[00:19:17]  Wir nehmen das ganze Entspur früher auf,

[00:19:19]  der ist ein bisschen für uns noch nicht so lange her. [beide lachen]

[00:19:21]  Der hat schon gesehen,

[00:19:23]  dass unsere Bibliothekar*innen

[00:19:25]  einen unserer Literaturtipps haben sie herausgesucht.

[00:19:28]  Der heißt "Frau Helbing und die tödlichen Weihnachtsplätzchen"

[00:19:32]  von Eberhard Michaely.

[00:19:34]  Und da geht's, das ist so eine Art Miss Marple. [beide lachen]

[00:19:37]  Eine deutsche Miss Marple.

[00:19:39]  Also eine Rentnerin,

[00:19:41]  die hobbymäßig Mordfälle löst

[00:19:43]  und aber immer selber in Gefahr kommt.

[00:19:45]  Und in diesem Buch,

[00:19:47]  also in diesem Buch,

[00:19:50]  also in diesem Fall,

[00:19:52]  spielt sie bei einem Theaterstück mit,

[00:19:54]  was dann zu Weihnachten aufgeführt werden soll.

[00:19:56]  Und hinter den Kulissen gibt's bei den Proben immer Kekse,

[00:19:59]  die die Mitspielenden quasi mitbringen.

[00:20:02]  Auch darunter die Frau Helbing,

[00:20:04]  die da Kekse mitbringt.

[00:20:06]  Und dann stirbt, aber leider Gottes,

[00:20:08]  der Direktor des Theaterstücks.

[00:20:11]  Und dann wird sogar die Frau Helbing verdächtigt.

[00:20:13]  Und deshalb nehmen sie das Ganze in die Hand und löst den Fall selbst.

[00:20:17]  Jaci: Das klingt ja gut.

[00:20:19]  Muss ich mir jetzt ausleihen, bevor ihr das jetzt alle nach unserer Podcastfolge lesen wollt.

[00:20:23]  Shelly: Ich glaub, das ist schon ausgeliehen.

[00:20:25]  Jaci: [seufzt] Ah, ich reservier's einfach. Shelly: Ich kann's dir reservieren.

[00:20:27]  Jaci: Danke, Shelly. Danke.

[00:20:29]  Genau, in diesem Sinne

[00:20:32]  wünschen wir noch eine ruhige Vorweihnachtszeit.

[00:20:36]  Viel Glück bei den Besorgungen und der Weihnachtshektik.

[00:20:39]  Shelly: Kein Stress.

[00:20:41]  Jaci: Genau, es wird noch alles gut.

[00:20:43]  Wenn man runterkommen muss, die Stadtbibliothek

[00:20:46]  bietet ganz viel im stressfreien

[00:20:48]  Alternativen.

[00:20:50]  Wir freuen uns auf die nächste Folge.

[00:20:53]  Wünschen frohe Weihnachten.

[00:20:55]  Und wir hören uns im nächsten Jahr.

[00:20:58]  Tschüss.

[00:21:00] [Jaci singt] ~ Jingle Bells, Jingle Bells

[00:21:02] Jingle all the way ~

[00:21:04]  [Outro-Musik] [Pia spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck

[00:21:31]  und Teil der Stadtstimmen,

[00:21:33]  dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Pia spricht]

Herbstlesefest: Das Grauen von Dunwich von H.P.

Herbstlesefest: Das Grauen von Dunwich von H.P.

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:06]  [Intro-Musik] Christina: Hallo und herzlich willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:27]  Mein Name ist Christina.

[00:00:28]  Pia: Und ich bin die Pia.

[00:00:29]  Christina: Und außerdem, willkommen zurück ein letztes Mal beim Herbstlesefest.

[00:00:34]  In fünf Folgen haben wir uns ganz dem Lesen verschrieben, uns selbst und untereinander Lesechallenges gestellt und diese in den Folgen für und mit euch besprochen.

[00:00:47]  Pia, worum geht es denn in der heutigen Folge, quasi unseren Grand Finale, wenn ich das so sagen darf?

[00:00:54]  Pia: Es geht um das "Grauen von Dunwich", "The Dunwich Horror".

[00:00:59]  Das ist eine Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft.

[00:01:03]  Und wir haben die illustrierte Version gelesen, und zwar von François Baranger.

[00:01:08]  Das Original, also die Kurzgeschichte, wurde 1929 im Magazin Weird Tales veröffentlicht, nur so als Info.

[00:01:14]  Christina: Und Pia, wie fandest du denn das Leseerlebnis?

[00:01:18]  Mit dieser illustrierten Ausgabe möchte man dazu sagen.

[00:01:22]  Pia: Also, ich bin ein bisschen zwiegespalten, was das angeht.

[00:01:26]  Einerseits ist es schon recht fein, Illustrationen zu haben und es ist eine sehr schöne Ausgabe.

[00:01:34]  Also, es ist ein bisschen ein Sammlerstück, das merkt man schon.

[00:01:37]  Also, da gibt es ja mehrere von dieser illustrierten Version von François Baranger.

[00:01:41]  Ich kann mir vorstellen, dass ich das im Regal hätte und das würde voll schön ausschauen.

[00:01:46]  Andererseits ist es zum Lesen nicht fein gewesen.

[00:01:49]  Also, ich weiß nicht, wie es dir gegangen ist, aber für mich war es Format zu groß.

[00:01:54]  Also, es ist ein sehr großformatiges Buch.

[00:01:56]  Es hat 26 x 35 cm.

[00:01:59]  Das heißt, da kann man sich schon vorstellen, okay, man hat da einen großen Tuscher in der Hand. [lacht]

[00:02:03]  Ist man vielleicht eher von der Kinderbibliothek gewöhnt, dass man da eben so ein Bilderbuch in der Hand hat.

[00:02:09]  Und das bin ich einfach nicht mehr gewöhnt, muss ich sagen.

[00:02:12]  Ich weiß nicht, wie es dir da gegangen ist.

[00:02:14]  Christina: Mir ist es ganz gleich gegangen. Ich habe es aufgeschlagen,

[00:02:17]  und dadurch, dass es so großformatig ist, ist die Illustration schon sehr atmosphärisch.

[00:02:22]  Und man taucht schon sehr da drin ein.

[00:02:24]  Das habe ich als Vorteil empfunden.

[00:02:26]  Aber genau das Gleiche.

[00:02:28]  Ich bin mir wirklich vorgekommen, als müsste ich nochmal mal lernen, Bilderbücher anzuschauen.

[00:02:32]  Weil man das wirklich, habe ich auch verlernt.

[00:02:34]  Und das ist mir mehr auf die Nerven gegangen, als dass es mir was gegeben hat.

[00:02:42]  Aus dem Grund, dass ich es auch nie mitnehmen konnte in den Bus.

[00:02:46]  Ich meine, es ist nicht dafür gedacht, dass man es unterwegs liest.

[00:02:49]  Das ist, wie du sagst, ein Sammlerstück.

[00:02:51]  Und vielleicht konnte ich es als das nicht so wertschätzen, was es war.

[00:02:56]  Und im Endeffekt, das muss ich jetzt hier auch gestehen,

[00:03:00]  bin ich wieder auf meine altbewährte Methode des Hörbuches übergegangen

[00:03:04]  und habe mir dann das - nicht besonders empfehlenswerte, meiner Meinung nach -

[00:03:08]  englische Hörbuch angehört.

[00:03:11]  Weil es einfach anders nicht gegangen wäre.

[00:03:13]  Ich habe die ganze Zeit das Gefühl gehabt, ich muss mir jetzt die Hände waschen.

[00:03:16]  Pia: Du quälst dich jetzt da durch dieses Buch durch. [lacht]

[00:03:17]  Christina: [lacht] Nein, ich wollte es nicht angreifen, weil es so wertvoll ist.

[00:03:21]  Pia: [lacht] Ich habe auch Angst gehabt beim Umblättern.

[00:03:23]  Ich war so: Nicht dass ich die Zeiten zerreiße.

[00:03:25]  Christina: Ja, und das braucht halt Übung.

[00:03:27]  Aber es war, glaube ich, einfach nur ungewohnt.

[00:03:31]  Das war es.

[00:03:32] Pia: Ja, ist uns glaub ich beiden gleich gegangen.

[00:03:34]  Christina: Witzig.

[00:03:36]  Es steht ja bei uns auch bei den Comics.

[00:03:38]  Weil es wirklich bei den Illustrationen so vordergründig sind.

[00:03:41]  Pia: Ja, bei den Romanen wird es keinen Sinn machen.

[00:03:43]  Da würde es, glaube ich, nie ausgeliehen werden.

[00:03:45] Christina: Ja, es hätte halt im Regal glaub ich keinen Platz.

[00:03:48]  Aber ich glaube schon, dass es ausgeliehen werden würde.

[00:03:51]  Ich glaube halt, einfach dass es von ... die Illustrationen spielen für die Geschichte,

[00:03:59]  die fast eine gleichwertige Rolle wie die Geschichte selber.

[00:04:03]  Und ich glaube, dass das ein Skill ist, den man erlernen muss.

[00:04:09]  Wir waren ja beide gespannt, wie wir dann mit der Geschichte umgehen in dem Kaliber.

[00:04:14]  Und das war dann, ja, also ich glaube wirklich,

[00:04:16]  dass wir am Anfang von so einer Lernkurve stehen.

[00:04:18]  Wir sollten auch einmal "Graphic Novels" oder so besprechen.

[00:04:20]  Pia: Ja, sicher.

[00:04:22]  Christina: Und dann schauen wir, ob wir da anders rein kommen ...

[00:04:24]  Pia: [lacht] Weiterkommen.

[00:04:26]  Christina:Und vielen von euch ist ja der Lovecraft

[00:04:29]  wahrscheinlich auch schon ein Begriff. Im Englischen gibt es da zum Beispiel den Ausdruck "Lovecraftian Horror".

[00:04:36]  Zu Deutsch sagt man auch gerne "kosmische Horror".

[00:04:40]  Der Lovecraft hat damit ein ganzes Subgenre in seinem Werk erschaffen.

[00:04:46]  Und dieses Werk zeichnet sich durch eine Atmosphäre von existenzieller Angst,

[00:04:52]  Unwissenheit und der Unermesslichkeit des Universums aus.

[00:04:56]  Die Kernmerkmale dieses Horrorstils sind eben eine gewisse kosmische Gleichgültigkeit

[00:05:03]  oder vielleicht auch so ein Nihilismus.

[00:05:07]  Ein Wahnsinn, der durch "zu viel" Wissen sozusagen entsteht.

[00:05:13]  Unzuverlässiger Erzähler kommt sehr gerne und oft vor.

[00:05:17]  Der Verlust von Menschlichkeit.

[00:05:20]  Es geht oft mehr um Atmosphäre als um Aktion oder Taten.

[00:05:27]  Und ein weiteres Thema sind das Unerklärliche und das Unbekannte.

[00:05:35]  So, aber wer war jetzt Lovecraft genau?

[00:05:39]  Pia: H.P. Lovecraft, Howard Phillips Lovecraft heißt das ganz genau.

[00:05:44]  Das war ein amerikanischer Schriftsteller und er hat diesen Cthulhu-Mythos erschaffen.

[00:05:49]  Und da geht es immer um Wesen, die heißen dann die großen Alten, die aus fernen Galaxien kommen.

[00:05:56]  Christina: Und das ist zum Beispiel so eines von diesen Beispielen,

[00:06:01]  wie sich Lovecraft mit diesem kosmischen Horror beschäftigt,

[00:06:04]  nämlich mit Wesen, denen die Menschen egal sind.

[00:06:08]  Pia: Genau. Und das ist aber dann weitergegangen,

[00:06:11]  weil nach ihm haben andere Autor*innen diesen Mythos in ihren eigenen Werken fortgeführt.

[00:06:16]  Beispiele dafür sind Andrzej Sapkowski, Wolfgang Hohlbein.

[00:06:20]  Christina: Und ich habe dazu zu sagen, ich habe Stephen King auch, aber das stimmt nicht ganz.

[00:06:25]  Stephen King war nur extrem inspiriert von Lovecraft und man findet zwar nicht den Cthulhu-Mythos in King,

[00:06:33]  aber er zieht sehr viel Inspiration aus den Werken von Lovecraft.

[00:06:39]  Pia: [lacht] Wir haben auch einige seiner Werke in der Bib, also von Stephen King und von Lovecraft in dem Fall.

[00:06:45]  Und zwar auffällig viele illustrierte Versionen.

[00:06:48]  Also zum Beispiel einige Comic-Adaptionen, wie zum Beispiel "Echo des Wahnsinns".

[00:06:53]  Da werden verschiedene Geschichten aus Lovecrafts Universum adaptiert,

[00:06:58]  oder auch "Providence" von Alan Moore, den kennt man vielleicht generell,

[00:07:02]  weil er so im Comic-Bereich so bekannt ist.

[00:07:04]  Der hat eine Neuinterpretation von Lovecrafts Werken geschaffen.

[00:07:08]  Dann haben wir auch Manga-Adaptionen, und zwar mehrere von Gou Tanabe,

[00:07:13]  von zum Beispiel "Berge des Wahnsinns", "Die Farbe aus dem All", "Der Hund und andere Geschichten",

[00:07:19]  "Der Außenseiter und andere Geschichten" und viele weitere.

[00:07:22]  Und ich habe das sehr interessant gefunden, dass gerade Lovecraft gern in Comic- oder Manga-Form dann adaptiert wird

[00:07:29]  und eben illustriert dargestellt wird.

[00:07:32]  Kann vielleicht auch daran liegen, dass man gern Horror darstellt.

[00:07:36]  Vielleicht führt das zu einem zusätzlichen Schockfaktor.

[00:07:39]  Ja, finde ich einfach interessant.

[00:07:41]  Christina:Aber Pia, weil findest du, dass die Illustrationen jetzt auf unser,

[00:07:48]  "Das Grauen von Dunwich", auf unseren Lesetext bezogen einen Mehrwert gebracht haben?

[00:07:52]  Weil für mich haben die eigentlich viel auch weggenommen.

[00:07:57]  Weil Lovecrafts Stil zeichnet sich ja eben auch durch dieses Unerklärliche und Unbekannte aus.

[00:08:04]  Und ich habe bei sowas dann immer den Eindruck, dass durch die Darstellung des Monsters

[00:08:10]  das Monster selbst an Schrecken verliert.

[00:08:13]  Pia: Ich finde auch. Das habe ich mir auch aufgeschrieben.

[00:08:16]  Man muss der Illustration zugutehalten, dass es sehr lange versteckt bleibt, das Monster.

[00:08:23]  Also man sieht nur so Andeutungen, man sieht nicht immer alles.

[00:08:26]  Aber im Text wird eigentlich nur angedeutet, ewig lang.

[00:08:29]  Und auch am Schluss, wo es beschrieben wird, ist es sehr viel noch offen eigentlich.

[00:08:36]  Und natürlich, in dem Moment, wo du es zeichnest, hat es eine eindeutige Darstellung.

[00:08:41]  Und ich hätte es mir schon, also wenn man nur die Worte gelesen hat, hätte ich es mir anders vorgestellt.

[00:08:46]  Einige der Sachen, die vorkommen.

[00:08:49]  Andererseits kann ich mir schon auch vorstellen, dass es ein einfacher Einstieg ist.

[00:08:53]  Weil gerade Leute, die sich vielleicht schwerer tun mit Lesen,

[00:08:57]  vielleicht ist es dann feiner, wenn man wirklich eine Illustration dabei hat.

[00:09:01]  Weil es vielleicht auch hilft und das vielleicht den Text auch auflockert, kann ich mir auch vorstellen.

[00:09:07]  Christina: Das kann sein.

[00:09:09]  Ich meine, wir sind ja inzwischen total geprägt von dieser Umgebung, die ... Wir wachsen mit Filmen auf, oder?

[00:09:20]  Und mit Bildern.

[00:09:23]  Und als Lovecraft das geschrieben hat, gab es sicher nicht dieses Ausmaß an Bildern und Filmen und Darstellungsmöglichkeiten.

[00:09:34]  Aber ich glaube, dass man sich, dass man als vielleicht ungeübte*r Leser*in gar nicht bewusst ist,

[00:09:41]  wie bereichernd es sein kann, Sachen nicht dargestellt zu sehen.

[00:09:45]  Und das ist meiner Ansicht nach auch eigentlich, worum es Lovecraft geht.

[00:09:52]  Deswegen ist es natürlich besonders ironisch.

[00:09:55]  Ich glaube schon, dass es so ein Drang ist von uns Menschen, dass wir was darstellen wollen.

[00:10:02]  Und dass wir das dann aufs Papier bringen wollen.

[00:10:04]  Aber eins der Merkmale von Lovecraft ist ja, dass ... Zu viel Wissen, dass das nicht aushaltbar ist.

[00:10:11]  Also zu viel Realität sozusagen, dass es eigene Grauen in sich birgt, oder?

[00:10:17]  Und es nimmt das Grauen dann weg, irgendwo.

[00:10:19]  Pia: Generell in der Geschichte bleibt er auch sehr viel unbeantwortet.

[00:10:22]  Und es lässt generell sehr viel Platz für Vorstellung.

[00:10:27]  Und das kann es auch um einiges schrecklicher machen, die Geschichte oder gruseliger.

[00:10:32]  Christina: Okay, aber, worum geht es in "Das Grauen von Dunwich" nun eigentlich ganz genau?

[00:10:38]  Und nur als kleiner Hinweis, da es sich hier um eine Kurzgeschichte handelt, werden wir das Ende diesmal verraten.

[00:10:45]  Pia: Also im "Grauen von Dunwich" entführt uns Lovecraft in die mysteriöse, düstere Kleinstadt Dunwich,

[00:10:52]  wie man vielleicht denken könnte, in Neuengland.

[00:10:55]  Dort lebt die Familie Whateley, Whateley [verschiedene Aussprachen] ich war meine ganz sicher, wenn man es auch ausspricht.

[00:11:01]  Christina: Im Hörbuch glaube ich haben sie ... Whateley.

[00:11:03] Pia: Whateley. Ja.

[00:11:05]  Und um diese Familie gibt es sehr viele Gerüchte.

[00:11:10]  Der sonderbare, der Wilbur Whateley, der unter sehr seltsamen Umständen geboren wurde

[00:11:17]  und sehr schnell zu einem bedrohlichen jungen Mann wird, verbirgt ein grauenhaftes Geheimnis,

[00:11:24]  das mit uralten kosmischen Mächten in Verbindung steht.

[00:11:28]  Und dann kommen natürlich noch merkwürdige Ereignisse und beunruhigende Geräusche in der Stadt dazu

[00:11:33]  und dadurch gerät Dunwich in einen Strudel von Horror und Entsetzen

[00:11:37]  und ein Kampf gegen das Unfassbare beginnt.

[00:11:40]  Christina: Und bevor wir jetzt genauer auf die Handlung einsteigen und dann auch sagen, wie wir es so gefunden haben,

[00:11:47]  könntest du Pia, unseren Zuhörer*innen vielleicht noch einen Überblick verschaffen

[00:11:51]  über die wichtigsten Personen, die in der Geschichte vorkommen, damit wir wissen, über wen wir reden?

[00:11:56]  Pia: Sicher natürlich. Es gibt einmal den alten Whateley.

[00:12:01]  Er wird als Zauberer bezeichnet und ist ein kompletter Einzelgänger in dieser Stadt.

[00:12:06]  Dann gibt es noch seine Tochter Lavinia, die ist ebenfalls eine Einzelgängerin und wird beschrieben

[00:12:13]  als unattraktiv und auch ständig als "Albino" und das wird öfter wiederholt.

[00:12:18]  Christina:Und da möchte wir hier einen kurzen Einwurf machen, dass ... Ich finde,

[00:12:24]  dass eine Person mit Albinismus da als Stilmittel herangezogen wird,

[00:12:29]  weil um beim Leser Horror zu evozieren, ist aus mehrere Gründen problematisch.

[00:12:35]  Es suggeriert zum Beispiel, dass Personen mit Albinismus in irgendeiner Form

[00:12:39]  in Anführungsstrichen "anders" oder "schlechter" wären.

[00:12:42]  Das ist natürlich völliger Schmarrn, aber wie bei vielen älteren Texten

[00:12:46]  muss man die in ihrer Zeit verorten.

[00:12:50]  Als Erinnerung der Text ist 1929 erschienen. Was aber wiederum nicht heißt,

[00:12:54]  dass man nicht auf die problematischen Elemente aufmerksam machen kann, ähnlich wie in der letzten

[00:13:01]  Folge, als wir über "Die Tote in der Bibliothek" von Agatha Christie und das Thema Slutshaming gesprochen

[00:13:06]  haben. Es sei außerdem dazu gesagt, dass die Lavinia die einzige Frau in diesem ganzen Cast,

[00:13:13]  ist und im Grunde nur dazu dient, dass Wilbur geboren wird, also den Plot zum Laufen zu

[00:13:20]  bringen und dann verschwindet sie mitten in der Geschichte auf "unerklärliche Weise". Tja. Pia: Zwanziger Jahre. Genau,

[00:13:29]  das ist die Lavinia und die hat daneben, wie du schon verraten hast, ein Kind, den Wilbur. Der hat

[00:13:36]  einen unbekannten Vater und ist auf mehrerlei Hinsicht außergewöhnlich. Er hat ein ziegenähnliches

[00:13:43]  Aussehen, er wächst sehr, sehr schnell für ein normales Kind und Hunde reagieren eigenartig und

[00:13:49]  negativ auf ihn und dann gibt es noch einen Haufen anderer Sachen. [beide lachen] Christina: Jedes Horror-Trope, das kann man sich denken.

[00:13:54]  Pia: Und dann gibt es dann noch den Henry Armitage. Der ist noch mal separat von der Familie, der hat

[00:14:00]  mit ihnen nichts zu tun, der ist Bibliothekar von einer Universitätsbibliothek und der kämpft

[00:14:06]  gegen dieses Grauen. Christina: Was für eine Überraschung, ich wusste nicht, dass da noch ein Bibliothekar

[00:14:09]  vorkommt, der dann am Ende den Tag rettet, muss man ja sagen. Pia: Für mich, ganz persönlich war

[00:14:17]  das jetzt das erste Mal, dass ich Lovecraft gelesen habe, ich glaube, dir geht es gleich. Und ich muss

[00:14:21]  aber sagen, ich hätte mir Lovecraft genauso vorgestellt. Für mich hat diese Kursgeschichte

[00:14:26]  irgendwie so mehrere Boxen abgehackt. Christina: Ja, ich stimme hier voll und ganz zu genau das, was ich

[00:14:31]  erwartet habe und habe mich auch, muss ich dazu sagen, so in so einer gewissen Intermedialität,

[00:14:37]  die das ja bezeugt, an ganz viele Horrorgames erinnert. Also die auch immer sehr Lovecraftitsch ... (?)

[00:14:44]  von dem inspiriert sind, ganz offensichtlich. Und das ist, ah, okay, er ist ja der Begründer

[00:14:51]  Und deswegen kommt mir das so bekannt vor. Und wenn wir davon reden, dass es uns so bekannt

[00:14:56]  vorkommt, aber was genau macht denn jetzt so einen typischen Lovecraft überhaupt aus? Pia: Also Sachen,

[00:15:02]  die uns aufgefallen sind, wären da einerseits die Atmosphäre, die ist sehr beklemmend und unheimlich

[00:15:07]  und es gibt generell eine düstere Stimmung. Das Setting haben wir auch schon erwähnt,

[00:15:11]  das ist in Neu-England, Dunwich, das ist ein sehr trostloses Gebiet, es ist verfallen, der Ort ist

[00:15:17]  isoliert und sehr sonderbare Bewohner*innen. Und das bezieht sich jetzt nicht nur auf diese Familie,

[00:15:23]  sondern generell werden alle schon als eigenartig bezeichnet [lacht] und dann noch diese Familie noch

[00:15:27]  mal mehr. Christina: Wer Silent Hill gespielt hat, weiß, wie die Atmosphäre in "Das Grauen von Dunwich" ist.

[00:15:34]  Pia:Dann generell diese Angst vor dem Unbekannten, das haben wir ja auch schon erwähnt. Es werden

[00:15:40]  sehr lange nur Andeutungen gemacht, das Grauen wird sehr spät beschrieben. Und auch am

[00:15:46]  Ende der Geschichte ist nicht ganz klar, woher diese großen Alten kommen, was das für Menschen,

[00:15:51]  Leute, Wesen sind und was genau das Grauen geschaffen hat. Ja. Christina: Pia, wie genau geht es denn aus?

[00:15:59]  Also dieser Wilbur ist ein, [seufzt] ich habe ja kurz gedacht, er ist Satan oder so wegen der Ziegengeschichte,

[00:16:08]  aber der stirbt ja dann auch. Übrigens, bei dem Versuch in die Bibliothek einzubrechen,

[00:16:13]  ich glaube, der wird von einem Wachhund gerissen, oder? Pia: Genau. Christina: Ich wusste nicht, dass es Bibliotheken

[00:16:18]  mit Wachhunden gibt, aber okay. Und da finden sie so ein bisschen raus, dass der so

[00:16:23]  entstellt ist. Aber kannst du uns ganz kurz teilhaben lassen, wie dann das Ende ist, damit wir wissen,

[00:16:30]  worüber wir jetzt reden? Pia: Also Wilbur stirbt und das Grauen ist im Grunde in seinem Haus gefangen.

[00:16:36]  Das ist ein komisches Wesen, das sehr viele Arme hat und eigenartig ausschaut. Das entkommt dann

[00:16:42]  und wütet im Grunde in dieser Gegend. Christina: Also so ein richtiges Monster, das sich über den Verlauf des

[00:16:50]  Plots quasi so ankündigt und der Spannungsbogen reißt am Ende und es wird klar, der bricht jetzt

[00:16:56]  aus diesem Haus aus und die Familie, die das versucht hat, geheim zu halten, da sind alle

[00:17:01]  tot oder verschwunden, die Whateleys, und jetzt ist dieses Grauen frei. Und wer ist derjenige,

[00:17:06]  der es bezwingen kann? Pia: Der Bibliotheker. [beide lachen] Christina: Ja, das wundert mich nicht. Sehr gute Wendung. Pia: Genau und

[00:17:13]  der kann es dann eben, der liest sich dann ins Tagebuch von Wilbur ein, merkt dann, wie man

[00:17:19]  den bezwingen kann. Christina: Aha, das heißt, die Macht des Lesens ... [lacht] Wie witzig ist

[00:17:27]  das denn bitte? Das Lovecraft, das transportiert, wir haben das wirklich nicht absichtlich ausgesucht.

[00:17:31]  Aber Leute, das zeigt ja mal wieder, dass Lesen ... Pia: [lacht] Wie wichtig Bibliotheken sind. Es ist halt

[00:17:36]  dieses, "die Macht des Wissens", die kann das Grauen dann bezwingen. Christina: [wirft ein] Recht hat er. Recht hat er. Pia: Unsere Helden

[00:17:42]  sind Bibliothekare und Professor von der Uni natürlich. [Christina lacht] Es ist allerdings muss

[00:17:48]  man eben auch sagen ein eindeutiger Fokus auf männliche Helden, männliche Heldentaten. Frauen,

[00:17:54]  wie du auch schon angedeutet hast mit der Lavinia, werden nur spärlich erwähnt, sie sind Nebenfiguren,

[00:17:59]  Opfer, wie Lavinia oder Augenzeuginnen, die das halt einfach sehen. Christina: Auch ironisch, weil der Großteil

[00:18:05]  heute in Bibliotheken arbeitenden Mitarbeiter ist eigentlich weiblich, oder? Pia: Ja. [lacht] Christina: Tja, wieder mal

[00:18:13]  unrealistisch, Herr Lovecraft. [lacht] Pia: Genau, und am Ende wird das Grauen besiegt, aber wie gesagt, wir wissen

[00:18:18]  nicht, woher es gekommen ist. Christina: Okay, und jetzt, wie fandest du das Ende? Ich sage gleich,

[00:18:27]  schon jetzt, wie ich es gefunden habe, nämlich mir war es zu offensichtlich und so konfrontativ.

[00:18:32]  Dieses Gut gegen Böse-Ding, das kenne ich zum Beispiel eben da, deswegen bin ich vorhin auch auf

[00:18:37]  Stephen King gekommen, von Stephen King auch. Und das ist mir, und ich habe mir immer vorgestellt,

[00:18:42]  dass es bei Lovecraft ein bisschen anders zugeht, weil es bei ihm so viel um das Unbekannte und

[00:18:50]  das Ungreifbare geht und um dieses Kosmische, der kosmische Horror besteht für mich darin,

[00:18:55]  dass etwas nicht bezwingbar ist. Aber das wurde dann damals bei der Veröffentlichung übrigens

[00:19:00]  auch schon kritisiert, weil es recht untypisch für Lovecraft auch sein soll. Wie gesagt,

[00:19:05]  wir wissen es tatsächlich nicht, weil wir nicht viel Lovecraft gelesen haben,

[00:19:08]  ist unser erster Lovecraft. Lovecraft selbst soll dazu gesagt haben, dass wann immer das Grauen,

[00:19:14]  wie in der Geschichte von Dunwich so allumfassend ist, es eine Konfrontation geben muss quasi

[00:19:22]  als Erklärung, warum sich das Grauen nicht über die ganze Welt ausbreitet. Und deswegen hat er

[00:19:27]  das auf dieser textuellen Ebene so verwendet. Er selbst war wohl ein großer Fan dieser Geschichte

[00:19:33]  und fand sie ganz, ganz, ganz fürchterlich und graueninduzierend für seine Leser. Wie ist es denn

[00:19:39]  dir ergangen? Pia: Ich kann seine Gründe verstehen. Es ist ja auch nur eine Kurzgeschichte, muss

[00:19:45]  man jetzt auch sagen, es ist jetzt kein Roman, wo man das weiter ausführen könnte. Aber er hat es ja auch

[00:19:50]  fortgeführt und eben, man muss jetzt auch sagen, das weiß ich natürlich nicht, wie es da weitergeht.

[00:19:54]  Christina: Was hat er fortgeführt? Pia: Diesen Mythos, der ist ja mehreren von seinen Werken. Christina: Also dieses

[00:20:02]  Monster, der hat einen Namen und wer von euch uns diesen Namen aussprechen kann, kriegt ein Shoutout. [beide lachen]

[00:20:10]  Pia: Genau. Christina: Oder der hat sehr viele Namen. Also der "Allwissende", oder der "Alleswisser" ... [lacht]

[00:20:17]  ok, jetzt trau ich mich nicht weiter ... [Pia lacht] aber der hat und der wird dann fortgesetzt. Das gibt dann,

[00:20:22]  dieses Wesen zieht sich durch ganz viele der Geschichten. Das ist das durch das

[00:20:28]  Cthulhu-Mythos, oder? Pia: Genau, die Alten generell kommen ja dann immer wieder vor.

[00:20:32]  Genau. Aber ich muss auch sagen, für mich war es zu klischee... Andererseits ist es natürlich auch

[00:20:40]  unterhaltsam. Das ist ein bisschen so wie wir das letzte Mal gesagt haben bei der Agatha Christie.

[00:20:44]  Wenn ich diesen Krimi-Roman lese, dann denke ich mir, okay, ich weiß ganz genau, was ich

[00:20:47]  erwarten kann. Und bei so einer Geschichte denke ich mir auch, okay, es ist eine Gruselgeschichte,

[00:20:51]  da kann ich mir auch genau das erwarten. Also einerseits ist es schon unterhaltsam gewesen,

[00:20:55]  es war nett zum Lesen. Ein bisschen gruselig. Christina: Das war es "nett" zum Lesen? Pia: Ja, ein bisschen gruselig.

[00:21:00]  Das ist ja auch manchmal nett. [lacht] Christina: Da fällt mir ein, Pia, dass du ja eigentlich gar keine

[00:21:04]  Gruselgeschichten magst, gell? Pia: Wobei ich sagen muss, für mich war das jetzt nicht so gruselig. Also es

[00:21:10]  ist gegangen. Es war jetzt nicht komplett angsteinflößend. Christina: Ich glaube, dass sind wir auch einfach

[00:21:15]  abgestumpft. Also dass wir, dass diese Legacy von ihm sicher weitergetragen hat, wie gesagt,

[00:21:23]  Intertextualität, Intermedialität. Pia: Und es waren ja die Zwanziger-Jahre, da hat sich ein bisschen was getan,

[00:21:29]  seitdem. Wir sind "Game of Thrones" und viel, viel schlimmere Sachen, wo das Blut nur so fließt.

[00:21:34]  Christina: Die Atmosphäre hat mich total beeindruckt. Ich fand es extrem atmosphärisch und er ist

[00:21:40]  meisterhaft darin, die aufzubauen. Aber was mir gefehlt hat, war so ein bisschen die psychologische

[00:21:52]  Tiefe. Pia: Das verstehe ich. Mich hat gestört, dass es so offen geblieben ist. Ich verstehe natürlich,

[00:22:00]  warum es offen lassen hat. Es ist nur eine Kurzgeschichte. Aber ich hätte gern gewusst,

[00:22:04]  was diese Alten sind, woher die kommen, warum da jetzt überhaupt dieser Wilbur entstanden ist.

[00:22:10]  Das sind alles Sachen, die nie beantwortet werden. Und das hat mich so gestört. Das wollte ich einfach

[00:22:15]  wissen. Und gleichzeitig muss ich auch sagen, ich war fast- Nicht, dass ich mich jetzt gefreut hätte,

[00:22:21]  dass die jetzt übernehmen, [lacht] die komischen alten Monster. Aber irgendwie war ich gespannt,

[00:22:25]  was passieren würde, wenn. Und das ist halt auch nie eingetroffen. Christina: Ich verstehe. Also dieses

[00:22:31]  Un... Ich glaube, er arbeitet damit, dass er Fragen auch unbeantwortet lässt. Aber das habe

[00:22:37]  ich auch schon am Anfang, wo sich dann so rauskristallisiert hat, wir werden wahrscheinlich

[00:22:41]  nicht erfahren, was mit Lavinia passiert ist. Und auf der einen Seite finde ich das beeindruckend.

[00:22:47]  Auf der anderen Seite, dass du es dir selber zusammenreimen musst, weil es respektiert,

[00:22:53]  den Leser und die Leserin in einem Maße, das ist teilweise ungewöhnlich für heutige Texte. Auf der

[00:23:00]  anderen Seite ist es natürlich auch frustrierend, wenn man sich gewisse Antworten wenigstens wünscht.

[00:23:04]  Aber da kann ich mir auch vorstellen, dass wir dann tiefer in den Cthulhu-Mythos eintauchen

[00:23:09]  müssten. Weil je mehr Informationen wir haben, egal wie vage die dann sein mögen, desto mehr können

[00:23:17]  wir unsere eigene Fantasie spielen lassen. Und das ist vielleicht ja genau das, worum es geht. Dem Lovecraft geht.

[00:23:20]  Ja, damit, Leute, endet heute das Herbstlesefest. Wir sind stolz,

[00:23:30]  dass wir in diesen fünf Folgen alle zwei Wochen einen Text gelesen haben. Und mit "wir"

[00:23:35]  meinen wir natürlich auch die Shelly und die Jaci, die da rege mitgemacht haben, die uns

[00:23:41]  Challenges gestellt haben, die für uns Sachen gelesen haben, Challenges, die wir ihnen gestellt haben.

[00:23:48]  Und da möchten wir uns auch jetzt ganz einfach mal bei euch bedanken, dass ihr das so rege mitgemacht

[00:23:53]  habt für alle eure Kommentare, für die Meinungen, die ihr uns per E-Mail meistens eigentlich geschrieben

[00:24:00]  habt. Und es ist schön, dass wir euch dazu zum Lesen einladen konnten und inspirieren konnten. Und

[00:24:06]  wir sind uns sicher, dass das nicht das letzte Mal bleiben wird, dass wir uns gegenseitig irgendwelche

[00:24:11]  Lesechallenges stellen und euch wieder einladen werden, mit uns zu lesen. Weil wie wir ja heute

[00:24:17]  erfahren haben, können Bibliothekar*innen ganz vieles, nämlich auch mythische, kosmische Monster

[00:24:24]  bezwingen. [beide lachen] Deswegen, genau. Pia: Ja, danke fürs Zuhören. Wenn ihr Lovecraft auch gelesen habt, könnt ihr

[00:24:34]  uns gerne eure Meinung schicken. Oder vielleicht habt ihr auch den noch nie gelesen und wollt

[00:24:39]  uns einfach die Meinung zu der Folge schicken. Freuen wir uns auch. Unter post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at

[00:24:47]  oder auf Instagram oder Facebook. Da freuen wir uns auf alle Fälle, wenn wir irgendetwas von euch

[00:24:54]  hören. Und wir freuen uns auch, wenn ihr beim nächsten Mal wieder einschaltet und zuhört. Tschüss.

[00:24:59]  Christina: Tschüss. Schönes Lesen. [Outro-Musik]

[00:25:01]  [Pia spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek

[00:25:31]  Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Pia spricht]

Herbstlesefest: Die Tote in der Bibliothek von Agatha Christie

Herbstlesefest: Die Tote in der Bibliothek von Agatha Christie

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [Stimme moduliert] [Intro-Musik]

[00:00:07]  Christina: Hallo und herzlich willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:27]  Ich bin die Christina - Pia: und ich bin Pia - und willkommen zurück zu unserer nächsten Folge des Herbstlesefests.

[00:00:34]  Was ist das Herbstlesefest? Die Hosts vom Vorwort stellen sich gegenseitig und, wenn ihr wollt, euch Zuhörer*innen eine Lesechallenge.

[00:00:43]  Wir haben dann zwei Wochen Zeit, das Buch zu lesen und mit euch in der Folge zu besprechen.

[00:00:49]  In der letzten Folge haben Shelly und Jaci über die Kurzgeschichte "Die Lotterie" von Shirley Jackson gesprochen.

[00:00:55]  Passend übrigens zu "Halloween", weil die Folge ist am 31.10. online gegangen.

[00:01:00]  Und falls ihr sie verpasst habt, könnt ihr sie ganz einfach nachhören.

[00:01:03]  Jedenfalls haben uns die beiden herausgefordert, den Roman "Die Tote in der Bibliothek" von der Queen of Crime, Agatha Christie, zu lesen.

[00:01:13]  Das ist natürlich ein echter Klassiker. Der ist 2024 erschienen in Neuauflage, im Atlantikverlag.

[00:01:21]  Allerdings in der damaligen Übersetzung aus dem Jahr, ich glaube, 2002.

[00:01:27]  Und ist auch in dieser Neuerscheinung bei uns in der Bibliothek zum Ausleihen verfügbar.

[00:01:32]  Übrigens ist es diesmal auch einer der Tipps in unserem brandneuen Literatur-Newsletter.

[00:01:38]  Also wenn ihr up to date bleiben wollt mit Empfehlungen von uns und von unseren Bibliothekar*innen im Haus, dann abonniert den doch einfach einmal.

[00:01:49]  Wir empfehlen da vor allen Dingen Literatur abseits der bekannten Bestsellerlisten.

[00:01:54]  Wobei, Pia, ich muss jetzt auch sagen, ich war schon ein bisschen enttäuscht zu erfahren, dass es sich bei dieser Toten in der Bibliothek, diese Bibliothek, das ist eigentlich eine private und gar keine öffentliche Bücherei.

[00:02:08]  Und zwar von dieser Aristoraktenfamilie, den Bantrys. Wie hast du das empfunden?

[00:02:14]  Pia: Ich war total überrascht, weil wo ich den Titel gläsen habe, ist erstens sofort auch an eine große Bibliothek gedacht.

[00:02:22]  Vor allem auch weil auf dem Cover von diesem Buch, das wir eben haben, da ist wirklich so eine riesige Bibliothek abgebildet mit so langen Regalen.

[00:02:32]  Also eben so wie man sich vielleicht eher öffentliche Bibliothek vorstellen würde.

[00:02:36]  Christina: Sieht fast das wie so ein Viadukt oder so, so kerker-, kellerartig mit sehr endlos hohen Regalen.

[00:02:43]  Pia: Genau, und ich habe nicht, also ich habe da überhaupt nicht daran gedacht, dass das eine private Bibliothek in irgendeiner Form sein könnte.

[00:02:50]  Christina: Sofort, weil mir war auch Bibliothek, das ist ja dann wie bei uns im Haus, aber derweil war es ja früher viel üblicher, dass Bibliotheken in Privatbesitz waren, eben gerade beim Adel oder bei reichen Familien.

[00:03:02]  Ende des 19. Jahrhunderts wurden zwar immer schon mehr und mehr Bibliothek öffentlich, aber irgendwie trotzdem,

[00:03:09]  die Vorstellung heutzutage noch, eine Privatbibliothek in dem Ausmaß zu haben, das ist ja zum Glück fast schon absurd, oder?

[00:03:21]  Pia: Ja, außer man ist vom Adel, aber bei uns gibt es das eigentlich nicht mehr.

[00:03:26]  Christina: Ja.

[00:03:27]  Pia, magst du mal für unsere Zuhörer*innen zusammenfassen, worum es denn in dem Buch überhaupt geht?

[00:03:34]  Pia: Das Buch heißt "Die Tote in Bibliothek", haben wir eh schon angesprochen.

[00:03:38]  Der Originaltitel heißt "The Body in the Library".

[00:03:41]  Es ist der 31. Kriminalromann von Agatha Christie, aber nur der zweite Miss Marple-Roman.

[00:03:47]  Also noch ziemlich neu ist die Miss Marple in diesem Buch, und ist 1942 erschienen.

[00:03:53]  Aber worum geht's?

[00:03:55]  Ist die große Frage.

[00:03:57]  In einem ruhigen englischen Landhaus scheint der Morgen, wie jeder andere zu beginnen.

[00:04:02]  Bis eine unerwartete Entdeckung des Hausmädchens, die die Idylle zerstört.

[00:04:06]  In der Bibliothek, der angesehenen Familie Bantry liegt eine Leiche, eine junge Frau,

[00:04:13]  auffällig gekleidet, aber völlig fremd.

[00:04:15]  Niemand weiß, wer sie ist oder wie sie dort hingekommen ist.

[00:04:18]  Für die Hausherrin, Mrs. Bantry ist es ein Schock und gleichzeitig ein Rätsel, das sie nicht mehr ruhen lässt.

[00:04:25]  Wer ist diese Frau?

[00:04:27]  Warum liegt sie ausgerechnet in dieser Bibliothek?

[00:04:29]  Zum Glück hat Mrs. Bantry eine Freundin, die neugierig und scharfsinnig ist.

[00:04:34]  Miss Marple.

[00:04:36]  Wenn Miss Marple tief in die Geheimnisse des Dorfes eintaucht, merkt sie schnell, dass nicht so umschuldig ist, wie es scheint.

[00:04:46]  Eine faszinierende und verwobene Geschichte voller unerwarteter Wendungen entfaltet sich.

[00:04:51]  Und jede Seite bringt Miss Marple dem Täter ein kleines Stückchen näher.

[00:04:55]  Also das ist jetzt unsere Zusammenfassung vom Buch.

[00:04:58]  Christina: Ja, woher hast du die Zusammenfassung, die klingt wie vor mir in einer Verlagsvorschau?

[00:05:01]  Pia: [lacht] Ja, ich habe ChatGPT verwendet, muss ich gestehen.

[00:05:04]  Christina: [lacht] Okay, weil das klingt so dramatisch.

[00:05:06]  Pia: Ja.

[00:05:08]  Ich wollte nicht die normale einfach runterkopieren, dann hab ich mir gedacht, ich hau das in ChatGPT rein, dann kommt schon was Besseres heraus.

[00:05:14]  Ja, also für die, die es gelesen haben oder vielleicht noch lesen möchten, es ist so klassischer "Whodunnit"-Fall.

[00:05:21]  Es ist begrenzte Zahl von Verdächtigen und es gibt logische Schlussfolgerungen, bis wir den Fall lösen können.

[00:05:27]  Und die Spannung liegt eindeutig am Mitraten mit den Polizisten und mit der Miss Marple und nicht unbedingt an der actionreichen Handlung.

[00:05:36]  Christina: Weil es gibt keine actionreiche Handlung.

[00:05:38]  Pia: Genau.

[00:05:39]  Christina: Das Witzigste, also viel ist, viel trägt auch der Humor auch einfach und so die spitzen Beobachtungen und Bemerkungen, die da mitfließen, oder?

[00:05:48]  Pia: Genau.

[00:05:49]  Christina: Zum Beispiel die Miss Bantry, die ja Freundin von der Miss Marple ist und die sich eigentlich voll freut über die Leiche, weil "ja mal endlich was passiert".

[00:05:59]  Aber gleichzeitig ist das irgendwie so abgründig oder? [lacht]

[00:06:02]  Weil es offensichtlich so gelangweilt ist von ihrem Leben, dass so eine Leiche irgendwie schon ein bisschen einen Schwung ...

[00:06:09]  Christina: Und das ist das ganze Dorf, also es sind alle irgendwie, "ah, es ist schockierend und das ist am Mord, aber gleichzeitig, ah, es ist Klatsch und Tratsch".

[00:06:16]  Christina: Ja, voll.

[00:06:17]  Das ganze interessant.

[00:06:19]  Christina: Das heißt, das ist auf jeden Fall was für alle Fans des klassischen Krimis.

[00:06:25]  Ich finde, das kann man auch dazu sagen, dass der Roman mit seinen 200 Seiten auch für jemanden, der noch nicht so viel Krimi-Erfahrung hat, aber gerne mal reinschnuppern würde, sehr gut geeignet ist.

[00:06:37]  So klassischer, britischer Kriminalroman.

[00:06:41]  Es ließ sich in zwei Tagen runter.

[00:06:43]  Es ist nicht so anspruchsvoll und ist aber sehr, also ich habe es sehr angenehm jetzt einmal empfunden, das halt auch so runterzulesen.

[00:06:51]  Wobei, hast du erraten, wer es war?

[00:06:54]  Wir werden es übrigens nicht verraten, wir verraten das Ende nicht, aber Pia, hast du erraten, wer es war?

[00:07:00]  Pia: Nein, also ich muss sagen, es wird jeder verdächtig gemacht durch die Geschichte.

[00:07:07]  Und es hat am Schluss für mich jetzt fast jeder sein können.

[00:07:11]  Also ich war jetzt nicht so, dass ich dann erraten habe - ich habe gewusst, dass diese Personen oder die Person verdächtig ist, dass da irgendwas nicht ganz stimmen kann.

[00:07:19]  Aber es hätte auch anders für mich ausgehen können.

[00:07:22]  Christina: Ich glaube, ich habe gerade wieder vergessen, wer es war.

[00:07:25]  Viele Leute lesen ja diese Bücher um eben mit zu raten. Das ist aber bei mir noch nie der Fall gewesen, also ich les schon hin und wieder mal so einen Krimi.

[00:07:35]  Aber ich frage mich - mir ist es immer viel zu anstrengend mit zu raten.

[00:07:38]  Ich denke dann nie drüber nach, sondern ich finde immer so die Meta-Elemente viel interessanter, weil so ein Kriminalroman ist ja ein literarisches Konstrukt und gibt - was natürlich jeder Roman ist -

[00:07:52]  aber gerade der Kriminalroman gibt sich ja solcher natürlich zu erkennen, weil er immer mit der gleichen Formel spielt.

[00:07:58]  Und wir haben hier schon mal eine Podcast-Folge über den klassischen britischen Kriminaloman gemacht.

[00:08:03]  Pia: Unsere beste Folge. Eine unserer besten Folgen übrigens.

[00:08:06]  Christina: Ja, die haben sie am aller liebsten gemacht. Das stimmt.

[00:08:08]  Die ist am besten angekommen und da haben wir die zehn Regeln von diesem Knox-Menschen, diesem britischen - [Pia wirft ein]: Theoretiker -  besprochen, was denn so ein Kriminalroman alles haben soll.

[00:08:21]  Und viele dieser Regeln bricht Agatha Christie auch dann regelmäßig.

[00:08:26]  Aber es ist halt irgendwie immer so eine Formel.

[00:08:29]  Und ich mich interessiert immer die Art, wie dann die Autoren mit dieser Formel spielen.

[00:08:34]  Und ich lese jetzt gerade einen, der dann noch, also die modernen heute erscheinenden britischen Kriminalromane ,

[00:08:43]  die wirklich ganz sich diesen klassischen Genre verschreiben, die spielen extrem mit dieser Meta-Formel.

[00:08:49]  Und ich lese eben gerade einen, der so ist. Und ich schreibe gerne wie Shownotes, wie der heißt, "West Heart Kill".

[00:08:55]  Genau, "West Heart Kill" ist es. Und den Autor schreibe ich dazu den Shownotes.

[00:08:59]  Aber ich war dann echt überrascht zu sehen, dass Christie auch so viele Meta-Elemente eingebaut hat.

[00:09:09]  Pia: Ja, aber total. Also sie ist sich selber so irgendwie das eigenen Genre schon so extrem bewusst.

[00:09:13]  Es fängt ja schon an wie im Titel, weil das ist ja das Klischee, "Die Tote in der Bibliothek".

[00:09:19]  Wie ist das ...  Erklär bitte unseren Zuhörer*innen warum das ein Klischee ist?

[00:09:23]  Ich glaube, das ist nicht ganz so...

[00:09:25] Für mich war es kein Klischee.

[00:09:27]  Pia: Ich hab's auch nicht gewusst, dass das ein Klischee ist. Ich weiß es nur, weil es im Vorwort gestanden ist.

[00:09:31]  Ich weiß nicht ob du auch eine Version gelesen hast mit Vorwort? Christina: Ja.

[00:09:34]  Pia: Agatha Christie erklärt im Vorwort, sie wollte schon immer mal ein Buch schreiben

[00:09:41]  mit einer Leiche in einer Bibliothek, weil das eben so das klassische Krimi-Klischee ist.

[00:09:47]  Ich hab dann auch danach gesucht, anscheinend gibt es das wirklich, dass eben oft die Leiche in der Bibliothek gefunden wird im Krimi.

[00:09:53]  Und sie wollt's aber ein bisschen umdrehen. Sie hat gesagt, sie wollt die Bibliothek klassisch machen.

[00:09:58]  Was interessant ist, weil es eine Privatbibliothek ist und für uns ist das wahrscheinlich keine klassische Bibliothek mehr.

[00:10:03]  Aber sie wollt die Leiche spannend und sensationell machen.

[00:10:07]  Also sie hat lange über dieses literarische Mittel nachgedacht, bevor sie es in die Tat umgesetzt hat.

[00:10:16]  Weil sie hat dann in einem Vorwort eben geschrieben, die Bibliothek muss eine streng konventionelle sein.

[00:10:21]  Die Leiche, der gegen eine ganz ungewöhnliche, sensationelle Leiche.

[00:10:24]  Das waren die Vorgaben, doch einige Jahre blieb es dabei und das Projekt gelangte nicht über ein paar Zeilen in einem Schulheft hinaus.

[00:10:31]  Also es hat sie ein paar Jahre gedauert, bis sie da angelangt ist, wo sie hinkommen wollte.

[00:10:36]  Und dann hat sie das eben geschrieben.

[00:10:38]  Christina: Aber was ich mich zum Beispiel in dem Zusammenhang auch frage, das mag, heute würde ich sagen, es ist vielleicht ein Trope

[00:10:45]  gewesen einmal in der Literatur, dass die Leichen immer in der Bibliothek gefunden werden.

[00:10:50]  Aber wieso Bibliotheken?

[00:10:54]  Pia: Das ist, also es gibt verschiedene Gründe dafür.

[00:10:58]  Aber ansonsten kann natürlich sein, dass es so ein Gegensatz ist.

[00:11:01]  Einerseits hast du die Bibliothek, dieser Ort der Ruhe, der Ordnung von intellektuellem Rückzug.

[00:11:07]  Und dann als Kontrast der Mord.

[00:11:10]  Die Leiche, der Lärm, das Durcheinander, etwas, das man sich nicht erklären kann.

[00:11:17]  Im Gegensatz zu dieser strengen, logischen Bibliothek.

[00:11:20]  Christina: Was ja auch diese Parallel zieht, zum Kriminalroman an sich, wo das Chaos durch den Mord ausbricht

[00:11:26]  und der Detektiv dann wieder Ordnung in das Chaos bringt.

[00:11:30]  Das ist ja eine der Theorien über Kriminalliteraturen.

[00:11:33]  Warum wir es so genießen, das zu lesen.

[00:11:36]  Weil wir immer eine handelnde Figur haben, die Ordnung zurück ins Chaos bringt und Regeln durchsetzt.

[00:11:42]  Pia: Und am Schluss alles einen Sinn macht.

[00:11:44]  Das ist irgendwie auch so ein bisschen parallel damit der Bibliothek.

[00:11:47]  Ja, und dann hast du uns da noch eine echt spannende Frage mit.

[00:11:50]  Die war nämlich, war die Leiche überhaupt so sensationell, wie die Agatha Christie sich das vorgenommen hat und im Vorwort auch deklariert hat.

[00:12:01]  Ich lese mal die Stelle vor, wo die Leiche gefunden wird.

[00:12:06]  "Doch auf dem Bärenfell vor dem Kaminen lag etwas Neues, Grelles,

[00:12:11]  Melodramatisches.

[00:12:13]  Ein knallig aufgemachtes, junges Mädchen.

[00:12:17]  Mit unnatürlich blondem, in kunstvollen Locken und Kringeln hochgetürmtem Haar.

[00:12:23]  Der schlanke Körper umschloss ein rückenfreies Abendkleid aus weißen, paillettenbesetztem Satin.

[00:12:30]  Das Gesicht war stark geschminkt.

[00:12:33]  Der Puder stach grotesk gegen die blauen Schwellungen ab.

[00:12:37]  Die Wimperntusche lag dick auf den verzerrten Wangen.

[00:12:40]  Das Scharlachrot der Lippen glich einer klaffenden Wunde.

[00:12:45]  Die Fingernägel waren blutrot lackiert.

[00:12:48]  Ebenso die Zehnnägel in den billigen silbernen Riemchenschuhen.

[00:12:53]  Eine vulgäre, aufgedonnerte Erscheinung höchst umpassend inmitten der soliden, altmodischen Gemütlichkeit von Colonel Bantrys Bibliothek."

[00:13:05]  Ja, also ich weiß jetzt nicht, wie du diese Beschreibung gefunden hast.

[00:13:11]  Aber die Art, wie Sie da über die Leiche sprechen, ist schon, ich sag's mal frei heraus, echt bedenklich.

[00:13:22]  Pia: Ja ... es war auch das -  Also, weil zuerst wird ja die Leiche nicht beschrieben.

[00:13:26]  Es ist ja so, dass es Dienstmädchen dann raufrennt, alle informiert.

[00:13:31]  Und die Mrs. Bantry dann im Grunde dann zur Miss Marple sagt, "ja, du wirst es dann schon sehen, warum sie so komisch ist oder warum sie so besonders ist.

[00:13:39]  diese Leiche und dann siehst du das" und das ist die Beschreibung. Und ich habe mir

[00:13:42]  ganz was anderes erwartet, was jetzt so sensationell an diese Leiche war.

[00:13:46]  Christina: Mindestens einmal ein Pantomime oder Clown oder irgendwas.

[00:13:49]  Pia: Kostüm oder sonst irgendwas.

[00:13:52]  Christina: Ein Dinosauros-Rex-Kostüm.

[00:13:54]  Pia: [lacht] So in der Richtung.

[00:13:56]  Christina: Aber im Grunde genommen, worauf es ja hinausläuft, ist, dass sie offensichtlich

[00:14:02]  für das Begreifen der dortigen Herrschaften obszön angezogen ist.

[00:14:08]  Zu sehr geschminkt, die Haare unnatürlich und offensichtlich so ein bisschen impliziert

[00:14:17]  auch zu wenig an.

[00:14:19]  Habe ich so ein bisschen mit rausgelesen, so mit dem Kleid und so, "rückenfreies Kleid".

[00:14:25]  Ja, also das geht ja dann irgendwie ... so sehr die Geschichte angenehm

[00:14:34]  zu lesen war, und viele Elemente so einen klassischen Kriminalroman widerspiegeln und man

[00:14:39]  das trotz dieser Elemente eigentlich ganz gut lesen kann, war ich da echt nicht begeistert

[00:14:45]  davon, wie sich das als Thema dann durchgezogen hat. Ich muss sagen, wo ich das gelesen habe,

[00:14:52]  habe ich mir gedacht, okay, vielleicht wird es dann noch einmal differenzierter dargestellt,

[00:14:58]  aber es wurde immer schlimmer.

[00:15:00]  Pia: Ja, ich habe auch gedacht, sie nimmt das jetzt her und dröselt es dann vielleicht nochmal

[00:15:06]  auf und zeigt eigentlich, okay, die Frau ist aber nicht so und das ist nicht so schlimm

[00:15:12]  und das ist gar nicht und das ist als lauter Vorurteil in diese Richtung.

[00:15:15]  Christina: Genau. Pia: Das hab ich mir erwartet, dass das jetzt kommt.

[00:15:17]  Christina: Als moderne Leser haben wir geglaubt, dass die Detektivfigur für uns diese erwartbare Arbeit

[00:15:22]  leistet, zu sagen, Slutshaming ist nicht okay.

[00:15:25]  Pia: Ja!

[00:15:26]  Christina: [lacht] Aber das ist nicht passiert.

[00:15:27]  Pia: Das ist das Gegenteil passiert, vor allem auch, weil am Anfang waren sie ja wirklich

[00:15:32]  sehr lange, muss man sagen, sind es ja nur die Polizisten und die Bantrys, die so drüber

[00:15:36]  reden, aber dann kommt eben irgendwann die Miss Marple daher und macht genau gleich weiter. [lacht]

[00:15:40]  Also sogar die eine Person, die an diese junge Frau geglaubt hat und sie als etwas Positives

[00:15:47]  gesehen hat, ändert am Ende in Grunde ihre Meinung.

[00:15:51]  Und das war dann irgendwie ein bisschen deprimierend, muss man sagen. [lacht]

[00:15:54]  Christina: Und man kann auch sagen, also so viel sei verraten, es passiert dann noch ein zweiter Mord.

[00:16:00]  Wenn jemand das jetzt nicht hören will, muss er mal für zwei Minuten vorspulen, an einem

[00:16:07]  jungen Mädchen.

[00:16:08]  Ich weiß gar nicht, wie alt die ist.

[00:16:09]  Mein Eindruck war so zwischen 14 und 16.

[00:16:12]  Pia: Schulmädchen auf jeden Fall.

[00:16:13]  Christina: Ja, genau.

[00:16:14]  Und der Polizist sagt dann und ganz klar, na ja, also er muss dann die Nachrichten,

[00:16:20]  die Eltern überbringen, auch wie sie gefunden worden ist.

[00:16:22]  Das ist schon sehr bestürzend und ich fand auch sehr explizit für einen Roman dieser

[00:16:30]  Zeit.

[00:16:31]  Wir reden da ja von den 40ern, oder?

[00:16:33]  Aber er sagt dann, muss das überbringen und danach denkt er sich so, na ja, dieses Mädchen,

[00:16:40]  das er gerade auf dem Foto sieht, das hat ja überhaupt nichts damit zu tun gehabt und

[00:16:43]  ist unschuldig.

[00:16:44]  Aber die Leiche, die in der Bibliothek gefunden worden ist, die hat es ja eigentlich nur

[00:16:51]  sie selber zu verschulden oder sich selber auch sich gezogen und da hab ich-.

[00:16:55]  Pia: Die hat es unter Anführungszeichen "verdient", weil die hat das ja herausgefordert.

[00:16:59]  Christina: Ja.

[00:17:00]  Und zwar, es ist ganz viel, das habe ich total krass gefunden.

[00:17:03]  Pia: Also der Satz hat mich so rausgenommen, weil ich war so, es war die ganze Zeit eben,

[00:17:08]  wie du sagst, das waren die ganze Zeit Kommentare von allen möglichen Figuren, das hat sich

[00:17:12]  durchgezogen.

[00:17:13]  Aber ich habe mir immer gedacht, ja okay, andere Zeit muss ich ein bisschen ignorieren, ist

[00:17:17]  halt so.

[00:17:18]  Und als der Satz gekommen ist war ich so, das kann jetzt nicht ihr Ernst sein, das ist ein Polizist.

[00:17:23]  Christina: Und das war, also da war halt dann klar, dass sich diese ganze Geschichte um das herumkonstruiert.

[00:17:28]  Im Endeffekt ist, also ist das keine Auflösung, sondern das ist die Begründung.

[00:17:34]  Und wir müssen da einfach ein bisschen vage bleiben, damit wir das Ende nicht verraten.

[00:17:39]  Aber das ist was, also mir hat das nicht gefallen.

[00:17:43]  Und da war ich auch enttäuscht von der Geschichte.

[00:17:46]  Und ich habe eben, also ich habe immer so gesucht und es gibt schon immer wieder so Gegenstöße.

[00:17:50]  Pia: Bei sehr vielen bleibt man bei den Vorurteilen.

[00:17:55]  Und das ist nicht nur auf die Frauen, bleibt nicht auf den Frauen hängen, sondern

[00:18:01]  auch dieser Unterschied zwischen Oberschicht und Unterschicht.

[00:18:04]  Weil denen das passiert im Grunde, also in der Bibliothek von denen, das sind die Bantrys

[00:18:09]  und das ist halt, die haben halt dieses Herrenhaus, das heißt, die haben auch Geld, die sind

[00:18:14]  vom Teil vom Gentry, also vom niedrigen Adel.

[00:18:16]  Und die anderen Figuren, die halt dann teilweise in der arbeitenden Klasse zu finden sind,

[00:18:24]  wie zum Beispiel der Tänzer oder der Filmemacher, die werden dann, auf die wird herabgesehen.

[00:18:31]  Also diese Vorurteile begrenzen sich nicht nur auf Frauen, sondern auch auf andere Schichten,

[00:18:37]  sagen wir es mal so.

[00:18:38]  Und das hat mich auch zum Beispiel dann extrem gestört, wo dann immer mehr zusammengekommen

[00:18:41]  ist gefühlt.

[00:18:42]  Christina: Und der ganze Plot und die ganze Auflösung, wie gesagt, strukturiert sich um das Miss

[00:18:51]  Marple dann im Endeffekt zwei und zwei zusammenzählt und in der Lage ist zu sagen, okay, aber diese

[00:18:57]  Ruby Keen, die der Tänzerin in diesem Hotel ist, das ist die Ermordete, die Leiche, die

[00:19:02]  gefunden wurde in der Bibliothek, die weiß eben nicht, wie man sich anzieht.

[00:19:07]  Pia: Und "sie ist ja von der Unterschicht und die wissen, die sind noch nie erzogen worden" im

[00:19:12]  Grunde.

[00:19:13]  Christina: Die Schlussfolgerungen, die sie halt anhand des Falls zieht, die sind eigentlich auch im Endeffekt

[00:19:17]  irrelevant, aber die hängen sich alle auf an dieser Idee von Ober- und Unterschicht.

[00:19:23]  Und das meinen wir mit "der Roman ist darum herum konstruiert".

[00:19:27]  Und da wird es natürlich, so easygoing dieses Leserlebnis ist,

[00:19:32]  - und man kann es auch super überlesen, ist es nicht -

[00:19:38]  aber da wird es dann schon, wenn man eigentlich jetzt, wo man genauer hinschaut, muss ich

[00:19:41]  sagen, ist ja eigentlich voll zach.

[00:19:43]  Pia: Wird man frustriert.

[00:19:44]  Christina: Würde ich sagen, würde ich doch nicht empfehlen. [Pia lacht]

[00:19:46]  Ja, ganz ehrlich.

[00:19:47]  Pia: Es ist immer noch ein Krimi, wie du gesagt hast, leicht zu lesen.

[00:19:50]  Die Struktur hilft extrem.

[00:19:52] Christina: Ja, man liest es durch.

[00:19:53]  Pia: Man kennt es.

[00:19:54]  Ah ja, wir haben einen "Closet Mystery", also es ist in dieser Bibliothek, die geschlossen

[00:19:59]  ist.

[00:20:00]  Wir wissen nicht, wie das passiert ist.

[00:20:01]  Wir haben unser "Cast of Characters" mit den verschiedensten potentiellen Motiven.

[00:20:07]  Und jetzt können wir losraten.

[00:20:09]  Und dann haben wir die Miss Marple, die ganz schnell und ganz klug schlussfolgert und

[00:20:13]  die es am Ende im Grunde löst.

[00:20:14]  Christina: Und das ist nicht zu blutig.

[00:20:16]  Es ist auch, das muss man ihm zu gut erhalten, also der Humor, der da mitschwingt, ist schon

[00:20:24]  auch gut.

[00:20:25]  Und da gibt es auch schon die eine oder andere Spitze gegenüber diesen Dorfbewohnern auch,

[00:20:31]  Miss Marple wohnt ja in dem Dorf St. Mary Mead.

[00:20:35]  Und sie ist deswegen so gut, weil sie als alte Jungfer so sehr ins Dorfleben integriert

[00:20:42]  ist.

[00:20:43]  Und das habe ich dann so überraschend neu-feministisch gefunden, jemandem so viel Macht

[00:20:49]  zu geben, für etwas, das so eine weiblich konnotierte Stellung ist.

[00:20:55]  Und sie ist genau für diese weiblich konnotierte Stellung so begabt, indem wan sie macht

[00:21:00]  und hat den Respekt dieser ganzen Polizei.

[00:21:03]  Und das habe ich dann schon wieder gut gefunden.

[00:21:04]  Und das ist auch charmant.

[00:21:06]  Pia: Also dieses Dorf und die Figuren, die sind ja auch lustig ein bisschen. Man kann sich ein bisschen drüber lustig machen. [reden übereinander]

[00:21:09] Christina: Absolut ein Buch seiner Zeit.

[00:21:12]  Da ist halt, dass da dies man dann halt in den Sachen so mit dem, wie sie da über diese

[00:21:18]  Ruby Keen sprechen, die Tote in der Bibliothek, dass es halt und wie sich der Fall aufzieht,

[00:21:24]  da kann man halt ein bisschen Anstoß finden.

[00:21:27]  Eine spitze Charakterisierung, die ich dann aber schon wieder sehr gut gefunden habe, ist

[00:21:32]  eine Nachbarin von Miss Marpel und die wird beschrieben: "Sie war eine Frau, die

[00:21:38]  sich unermüdlich um die Armen kümmerte, so sehr diese sich ihre Fürsorge auch zu entziehen

[00:21:43]  versuchten."

[00:21:44]  Pia: Ja, das habe ich auch gelesen, da habe ich mir gedacht,

[00:21:46] dass ist unterhaltsam. [beide lachen]

[00:21:47]  Christina: Und das ist halt auch wieder so, wo es schon auch gewisse Reflektiertheit für mich zu

[00:21:53]  erkennen war, was mich umso mehr gewundert hat, in welche Richtung es dann gegangen ist.

[00:21:57]  Aber mit Marpel selber kann also so viel sie vorkam, was ehrlich gesagt nicht so

[00:22:01]  viel war, war halt eine sympathische Figur, die halt jeder so, sie hat halt keinen Watson ...

[00:22:07] Pia: Hast du sie sympathisch gefunden?

[00:22:08]  Ich habe sie nicht so sympathisch gefunden.

[00:22:10]  Christina: Naja, sicher ... [Pia lacht] Sie hat halt, sie hat halt keinen Watson, sondern ihr Watson sind

[00:22:16]  quasi alle, also sowohl die Mrs. Bantry als auch diese ganzen Inspektoren, außer der

[00:22:22]  Slack, der Inspector Slack hat sie nicht toll gefunden, aber alle anderen singen da ihre

[00:22:28]  Lobeshymnen.

[00:22:29]  Und das ist halt, das ist eigentlich am meisten, was man von ihr mitkriegt.

[00:22:33]  Und wenn sie dann halt da ist, da wo sie das Kind verhört hat und dann hab ich mir gedacht

[00:22:38] ja schon zach eigentlich.

[00:22:39]  Pia: Aber das ist eher wegen ihrer Auffassungsgabe.

[00:22:42]  Ich finde, da sieht man eher, wie schnell sie schlussfolgern kann.

[00:22:45]  Aber ich finde sie als Figur war jetzt nicht so charmant.

[00:22:47]  Also, mit ihren Aussagen und so.

[00:22:49]  Christina: Sie ist nicht charmant, aber ich habe sie sympathisch gefunden, weil sie so - Pia: Weil sie so schnell und [unverständlich] war.

[00:22:55]  Ja, das schon.

[00:22:56]  Aber ich habe sie jetzt nicht so, ich habe die Miss Marple so eher nicht in Erinnerung.

[00:23:01]  Aber das ist wahrscheinlich auch, weil ich halt die Rutherford, nett und lustig in

[00:23:06]  Erinnerung, weil ich halt die Rutherford kenne, von den Filmen.

[00:23:09]  Das ist irgendwie für mich diese klassische Miss Marple Figur.

[00:23:13]  Aber anscheinend ist es auch so, habe ich dann gelesen, dass in den Büchern, in den späteren

[00:23:17]  Büchern, sie um einiges sympathischer wird und netter.

[00:23:20]  Christina: Aber das gefällt mir ja, dass sie nicht so dieses Großmütterliche hat.

[00:23:27]  Das hat sie nicht.

[00:23:28]  Und das hat mir halt irgendwie schon gefallen, weil sie irgendwie, sie sagt halt auch, wie

[00:23:33]  es ist.

[00:23:34]  Also sie, zum Beispiel, wenn die Mrs. Bantry sich dann irgendwelche Illusionen begibt und

[00:23:39]  sagt, wie toll sie das findet, dann durchschaut die Miss Marple das als eine ihrer Bewältigungsstrategie.

[00:23:44]  Und wenn das zu weit geht, dann sagt sie ihr das auch und so.

[00:23:48]  Und deswegen habe ich sie sympathisch gefunden, weil sie sagt, wie es ist, oder?

[00:23:52]  Alles in allem, weiß ich nicht ...

[00:23:54]  Mein Fazit unterhaltsames Buch, das hat man schnell durchgelesen, kann man gut ...

[00:23:58]  ... an den Strand wird man es jetzt im Moment nicht mehr mitnehmen, aber kann man gut jetzt

[00:24:04]  einmal vielleicht, wenn man länger irgendwo hinfahren muss im Zug oder so, kann man das

[00:24:09]  sehr gut lesen. Wie fandest du's denn?

[00:24:10]  Pia: Es ist auch schnell gelesen.

[00:24:12]  Und wie du gesagt hast, für mich, ich habe das in drei Stunden oder so was gelesen gehabt.

[00:24:16]  Und das geht wirklich ...

[00:24:17]  Christina: Was?! [lacht]

[00:24:18]  Ja, es ist recht flott gegangen, finde ich.

[00:24:20]  Christina: Was?

[00:24:21]  Das ist nicht ...

[00:24:22]  Du hast es nicht in drei Stunden gelesen gehabt, ich hab mindestens sechs Stunden gebraucht.

[00:24:24]  Pia: Doch, ich glaube, ich glaube, es waren drei Stunden.

[00:24:26]  Ich glaube schon.

[00:24:27]  Also ich habe das in einem Tag gelesen und das ist echt schnell gegangen.

[00:24:30] Christina: Wie schnell liest du denn? [beide lachen]

[00:24:31]  Pia: Aber ich finde, da hat eben diese Struktur geholfen.

[00:24:35]  Das muss man sagen.

[00:24:36]  Was mir eben nicht so gefallen hat, ist dieses Runterschauen auf andere Personen.

[00:24:40] Christina: Würdest du's empfehlen?

[00:24:43]  Pia: Also für Leute, die Krimis mögen und die klassische Krimis mögen, auf jeden Fall.

[00:24:47]  Christina: Ja, auf jeden Fall eins von diesen typischen Büchern, das man auf jeden Fall gelesen haben

[00:24:53]  kann.

[00:24:54]  Pia: Genau.

[00:24:55]  Christina: Ja.

[00:24:56]  Pia, und jetzt ist es Zeit, die was zu verkünden?

[00:25:01]  Pia: Ja, und jetzt müssen wir verkünden, was wir das nächste Mal lesen werden.

[00:25:05]  Christina: Wir dürfen es verkünden.

[00:25:07]  Pia: Wir dürfen verkünden, was wir das nächste Mal lesen werden.

[00:25:10]  Diesmal stellt uns niemand eine Aufgabe, sondern wir stellen uns selber die Challenge.

[00:25:15]  Ja, was lesen wir denn?

[00:25:18]  Christina?

[00:25:19]  Christina: Ja, und zwar haben wir uns für eine klassische Gruselgeschichte, vom, das würden wahrscheinlich

[00:25:26]  viele sagen, Begründer des Horrors entschieden, nämlich H.P. Lovecrafts "Das Grauen von Dunwich".

[00:25:32]  Und dabei haben wir das besonders große Vergnügen fürs Lesen die von François Baranger illustrierte

[00:25:39]  Ausgabe zu verwenden.

[00:25:41]  Also das ist wirklich ein Bilderbuch, für uns beide, der Einstieg in Lovecraft und deswegen

[00:25:48]  sind wir da besonders gespannt darauf, wie das mitsamt dieser schönen Illustrationen

[00:25:54]  auf uns wirken wird.

[00:25:56]  Ihr seid natürlich wie immer herzlich eingeladen, mit uns zusammen zu lesen.

[00:26:02]  Wir haben zwei Wochen Zeit für den letzten Teil unserer Lesechallenge und den letzten

[00:26:08]  Part unsere Herbstlesefestes.

[00:26:10]  Damit ihr wisst, was genau da auf euch zukommt:

[00:26:14]  Das Buch ist 1928 erschienen.

[00:26:16]  Das ist Teil der Erzählungen, die heute als - Pia hilf mir -

[00:26:21] Pia: Cthulhu -

[00:26:22]  Christina: Mythos bekannt sind. [beide lachen]

[00:26:24]  So, nun schreibt uns gerne, wie ihr die Tote in der Bibliothek fandet.

[00:26:29]  Das könnt ihr natürlich wie immer unter post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at oder auf Instagram (stadtbibliothek.innsbruck) oder Facebook.

[00:26:37]  Für heute verabschieden und wünschen schönes Lesen.

[00:26:43]  Christina: Tschüss. [Outro-Musik]

[00:26:44]  [Pia spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der

[00:27:14]  Stadtsstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Pia spricht]

Herbstlesefest Die Lotterie von Shirley Jackson

Herbstlesefest Die Lotterie von Shirley Jackson

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:06]  [Intro-Musik] Jaci: Hallo und herzlich willkommen zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:26]  Neben mir sitzt meine liebe Kollegin, die Shelly und ich bin die Jaci.

[00:00:31]  Und wir machen heute die dritte Folge im Zeichen des Herbstlesefestes bei uns in der Stadtbibliothek.

[00:00:40]  Letztes Mal haben unsere Kolleginnen die Christina und die Pia über das Buch "Pavillon 44" und Thomas Sautner geredet.

[00:00:48]  Shelly: Und zwar das Gewinnspiel, wie du gerade schon richtig gesagt hast, haben ja die Christina und die Pia in der letzten Folge das Buch von Thomas Sautner gelesen.

[00:00:59]  Und das haben wir ja auch verlost. Und bis heute war es möglich, dass man da einsendet.

[00:01:06]  Und danke für die zahlreichen Einsendungen. Wir werden jetzt im Laufe der nächsten Tage die Gewinnerin oder den Gewinner benachrichtigen.

[00:01:14]  Jaci: Genau. Und jetzt spannen wir euch nicht mehr länger auf die Folter.

[00:01:20]  Und ihr wisst es eh schon, wer die letzte Folge gehört hat, weiß, dass es heute um Shirley Jacksons "Die Lotterie" geht.

[00:01:28]  Da haben wir also das ganz große Los gezogen.

[00:01:32] Shelly: Badumm-tss.

[00:01:33]  Danke, danke. Die ganze Woche jetzt an diesen Witz gefeilt.

[00:01:37]  Shelly. So lustig.

[00:01:38]  Überhaupt nicht einstudiert oder so. [Jaci lacht]

[00:01:40]  Aber noch ein kurzer Fun Fact, den mir schon bereits vor der Lektüre aufgefallen ist, dass Shirley Jackson, also der Name der Autorin, quasi als "Shelly" und "Jackie" (Red.: Jaci) funktionieren könnte.

[00:01:55]  Also aus Shirley kann man "Shelly" machen und wenn ich mir dann das y ausleihe, kann man aus Jackson "Jackie" machen.

[00:02:01]  Und ich glaube, das ist ein Easter Egg, was die Christina und die Pia beabsichtigt haben.

[00:02:05]  Shelly: Bestimmt. Jaci: Genau. Und meine Verschwörungstheorien fallen jetzt an zu rollen.

[00:02:10]  Shelly: Ich bin absolut begeistert von deiner Kreativität.

[00:02:13]  Jaci: Danke, danke.

[00:02:14]  So, damit endet meine kreative Begrüßung, für die ich alle meine Gerhinzellen aufgewendet habe.

[00:02:20]  Und genau, Shelly, erzähl uns doch mal was über Shirley Jackson.

[00:02:25]  Shelly: Sehr gern.

[00:02:26]  Also, wie schon gesagt, die Autorin in der Kurzgeschichte heißt Shirley Jackson.

[00:02:30]  Im vollen Namen heißt sie Shirley Hardie Jackson.

[00:02:34]  Sie wurde geboren Anfang des 20. Jahrhunderts, eigentlich gar nicht.

[00:02:39]  Eigentlich 1916, das ist gar nicht mal so weit Anfang.

[00:02:42]  Aber gut, 1916. Gestorben ist sie schon 1965.

[00:02:47]  Und sie war verheiratet mit einem Literaturkritiker und Dozenten.

[00:02:53]  Der hieß Stanley Edgar Hyman.

[00:02:55]  Und der hat sie auch sehr unterstützt in ihrem eigenen Studium, weil sie hat trotz Ehe und vier Kindern dann auch noch studiert.

[00:03:03]  Und hat 50 Prozent ihres Lebens, das ist ein Zitat von ihr, für die Schreiben aufgewendet.

[00:03:09]  Aber für sie war immer klar, die Mutterrolle und die Rolle als Ehefrau steht an erster Stelle.

[00:03:14]  Und die Schreiben hat sie aber hinten angestellt.

[00:03:16]  Genau, für das hat sie aber ziemlich viel und ziemlich gut geschrieben.

[00:03:21]  Zum Inhalt von dem, was wir gelesen haben, "Die Lotterie".

[00:03:25]  Wie gesagt, eine Kurzgeschichte, die hat so um die 20 Seiten,

[00:03:28]  man ist gleich mal durch mit dem Ding.

[00:03:31]  Jaci: Genau, also ich hab das [räuspert sich] gestern erst gelesen.

[00:03:36]  Und war eben in einer halben Stunde, mit tiefer Lektüre in einer halben Stunde fertig.

[00:03:43]  Und ganz kurz eben, was passiert auf diesen 20 Seiten?

[00:03:48]  Shelly: Darf ich noch ganz kurz -

[00:03:50]  Jaci: Bitte. Shelly: Dich in die Pfanne hauen.

[00:03:52]  Jaci: Oh Gott.

[00:03:53]  Shelly: Ich hätte das Buch auch gerne gelesen.

[00:03:56]  Ich habe es mir nur leider vorlesen lassen als Audiobook.

[00:04:00]  Weil die gute Frau Jaci hat es mit in den Urlaub genommen.

[00:04:04]  Und wir haben nur ein Exemplar in der Bib gehabt. [Shelly lacht]

[00:04:06]  Jaci: Nein, nein, nein, nein, nein.

[00:04:08] Die Christina

[00:04:09]  hat zu mir gesagt, wir haben es auf Deutsch und auf Englisch.

[00:04:11]  Und ich hab es auf Deutsch genommen.

[00:04:13]  Und anscheinend ist es Englische aber nicht da, irgendwie. [beide lachen]

[00:04:17]  Ich nehme jegliche Schuldzuweisung von mir.

[00:04:21]  Ich kann nichts dafür.

[00:04:23]  Shelly: Okay.

[00:04:24]  Jaci: Ja, das tut mir trotzdem leid. Shelly [lacht]: Danke.

[00:04:26]  Jaci: Okay, zurück zum Inhalt.

[00:04:29]  Es beginnt alles in einer recht harmonischen, friedlichen, gar idyllischen Stimmung auf einem Dorfplatz.

[00:04:37]  In einem Dorf, zu dem wir keine näheren Informationen bekommen.

[00:04:42]  Wir wissen auch nicht, wo es spielt, also in welchem Land.

[00:04:45]  Es gibt eigentlich keine Zuschreibungen. Durch Recherche

[00:04:48]  habe ich herausgefunden, dass es sich um ein amerikanisches Dorf handelt.

[00:04:53]  Und eben alle sind sehr fröhlich eigentlich, bis eine schwarze Kiste auf diesen Dorfplatz gebracht wird.

[00:05:02]  Und man bekommt schon mit durch die Figuren, dass es, dass jetzt ein Ereignis kommt.

[00:05:08]  Und dass alle eben sich versammelt haben für dieses Ereignis.

[00:05:12]  Und dann wurde diese schwarze Kiste auf den Dorfplatz gebracht und alle werden auf einmal nervös.

[00:05:18]  Das würde diese Kiste eben für Unheil sorgen oder eben ein schlechtes Omen sozusagen sein.

[00:05:25]  Die Männer und Frauen stehen zusammen auf diesem Dorfplatz mit all ihren Kindern.

[00:05:32]  Und es gibt dann einen Mann, der diese, diese Zeremonie sozusagen leitet.

[00:05:37]  Das ist der Mr. Summers.

[00:05:40]  Genau. Und dieser Mr. Summers bringt ihnen diese Kiste und beginnt diese Zeremonie.

[00:05:46]  Wobei immer wieder von der Erzählstimme angemerkt wird, dass die Zeremonie sehr reduziert ist,

[00:05:53]  dass niemand eigentlich mehr genau weiß, was für Sätze man das sagt oder was für Lieder da gesungen werden.

[00:05:59]  Also es ist sehr reduziert worden.

[00:06:01]  Und es geht eigentlich nur noch um diese Kiste, die bei genauerem Hinsehen auch sehr schäbig ist.

[00:06:06]  Und sozusagen das ganze Ritual ein bisschen unter den Scheffel stellt, finde ich, meiner Meinung nach.

[00:06:12]  Und es werden dann eben Papierstreifen erwähnt, die in dieser Kiste sind, die dann vermengt werden.

[00:06:19]  Und dann müssen die Männer oder die älteren Söhne in der Familie eines dieser Zettelchen ziehen.

[00:06:25]  Die werden dann alle nacheinander aufgerufen, gehen hin, ziehen an Zettelchen und dürfen es aber nicht anschauen.

[00:06:31]  Erst nachdem alle gezogen haben, dürfen sie den Zettel dann anschauen.

[00:06:35]  Und dann kommt eben heraus, dass der Mr. Hutchinson das schlechte Los gezogen hat.

[00:06:42]  Shelly: Das weiß man nur nicht, dass das schlecht ist.

[00:06:44]  Wir haben keine Ahnung, was es eigentlich geht bei dieser Verlosung.

[00:06:46]  Jaci: Genau, man weiß es nicht.

[00:06:48]  Aber er hat eben einen Los, wo dann alle sofort eben alle anderen erleichtert sind.

[00:06:54]  Und seine Frau wird dann sofort panisch und sagt, dass das nicht fair abgelaufen ist,

[00:07:00]  dass ihr Mann nicht genug Zeit gehabt hat, für das Los, das auszuwählen.

[00:07:04]  Und der quasi von diesen Mr. Summers gedrängt worden ist.

[00:07:07]  Der Mr. Hutchinson mahnt seine Frau, leise zu sein und sagt, "Jetzt tu nicht so, das wird schon alles werden", sozusagen.

[00:07:14]  Und dann werden auch die drei Kinder von dem Ehepaar aus der Menge geholt, sozusagen.

[00:07:20]  Und alle fünf müssen dann nochmal ein Los ziehen.

[00:07:23]  Also alle Kinder, eines der Kinder ist so klein, dass ein anderer Mitbürger für das Kind ziehen muss.

[00:07:30]  Und am Ende hat dann eben die Tessi Hutchinson, also die Dame des Herrn, der gezogen hat, das schlechte Los.

[00:07:38]  Wird extrem panisch und alle anderen Mitbürger*innen aus dem Dorf holen sich Steine,

[00:07:47]  die von den Kindern am Anfang der Erzählung gesammelt werden, holen sich Steine und gehen auf diese Frau los.

[00:07:55]  So endet die Geschichte, dass eben alle sich auf sie stürzen quasi.

[00:07:59]  Und man leitet sich dann eben her, dass die Dame jetzt gesteinigt wird.

[00:08:03]  Shelly:Genau. Es wird nicht direkt ausgesprochen.

[00:08:07]  Oder schon? Also ihr habt es mal mit dem Englischen angehört.

[00:08:10]  Jaci: Ja, also ihr habt die deutsche Fassung gelesen.

[00:08:12]  Und da ist dann der letzte Satz, Moment.

[00:08:16]  "Es ist nicht fair, es ist nicht richtig, schrie Mrs. Hutchinson und dann stürzen sie sich auf sie."

[00:08:23]  Also so ist es, so endet die Geschichte und eben davor holen sich alle Steine, davon leite ich mir her, dass sie gesteinigt wird.

[00:08:31]  Shelly: Ja, genau. Das ist eben die kurze Zusammenfassung des Inhalts.

[00:08:37]  Und jetzt werde ich euch nur erzählen etwas über die Entstehungsgeschichte.

[00:08:42]  Und zwar ist diese Kurzgeschichte im Jahre 1948 das erste Mal erschienen.

[00:08:49]  Und zwar in diesem Kultmagazin "The New Yorker" und dann später erst in einem Sammelband,

[00:08:56]  der im Original heißt "The Lottery - Adventures of the Demon Lover".

[00:09:02]  Und das wurde dann 1989 erstmals ins Deutsche übersetzt.

[00:09:07]  Und da heißt es dann "Die Teufelsbraut - 25 Dämonische Geschichten". [beide lachen]

[00:09:12]  Ich liebe deutsche Übersetzungen, echt.

[00:09:17]  Jaci: Und ganz, darf ich noch kurz einbringen: bei Veröffentlichung der Geschichte hat die auch ganz viel negatives Feedback bekommen.

[00:09:26]  Also das ist nicht gut angenommen worden von den Leuten.

[00:09:29]  Shelly:Sie waren überhaupt nicht begeistert, es hat über 300 Leserbriefe gegeben, die direkt an die Shirley Jackson gingen.

[00:09:36]  Und nur 13 davon waren in einem freundlichen Ton gehalten. [Jaci lacht]

[00:09:41]  Ja, und meistens ist es in diesen Leserbriefen darum gegangen, dass die Leute total, also dass die Leute total verwirrt waren.

[00:09:49]  Alle wollten die Bedeutung der Geschichte wissen.

[00:09:52]  Sie waren sehr fahrig und sehr ungehalten in ihren Briefen.

[00:09:57]  Und es ist sogar so weit gegangen, dass die Union auf South Africa, also die Union, die Südafrikanische Union, diese Geschichte sogar verboten hat.

[00:10:07]  Also da hat es starke Zensuren gegeben bei dieser Geschichte.

[00:10:11]  Und die Shirley Jackson ist mit dieser Geschichte zu einer wichtigen Vertreterin der Slipstream Literature geworden.

[00:10:21]  Es ist eine literarische Strömung und Werke dieses Slipstreams befinden sich im Grenzbereich von realistischer Mainstream-Literatur und Science Fiction bzw. Fantasy-Literatur.

[00:10:37] Das hab ich gegoogelt.

[00:10:39]  Jaci: Super Recherche, Shelly. Danke vielmals. [beide lachen]

[00:10:42]  Sehr interessant, eben wir haben die Geschichte beide gelesen oder gehört. Was war dein Eindruck bei der Lektüre?

[00:10:52]  Also es fangt ja irgendwie so unschuldig an, fast idyllisch oder ... Jaci: Ja so märchenhaft irgendwie.

[00:10:58]  Shelly: Ja, voll.

[00:10:59]  Und Shirley Jacksons Stil ist ja ganz interessant eigentlich. Sie beschreibt ja so eigentlich offensichtliche oder scheinbare Abnormalitäten, als was ganz Normales.

[00:11:11]  Und deshalb kommt man erst im Laufe der Geschichte dann drauf, dass es eigentlich ziemlich "eerie" und düster wird.

[00:11:19]  Jaci: Genau, also mich hat es auch sehr überrascht, diese Wendung der Geschichte.

[00:11:25]  Ich hab mir zwar gedacht, dass irgendwas passieren muss, weil die Christina sehr gespannt war auf unsere Reaktion für die Challenge eben.

[00:11:36]  Und habt mir die ganze Zeit gedacht, was würde passieren, aber dadurch, das Lotterie mit sehr positiven Wörtern irgendwie konnotiert ist in meinem Kopf.

[00:11:45]  Also es ist eher so Gewinn und irgendwas Gutes passiert, wenn du in einer Lotterie gewinnst.

[00:11:50]  Dadurch war ich dann eben sehr gespannt, was passieren würde. Ich habe auf jeden Fall keine Steinigung erwartet, muss ich sagen.

[00:11:57]  Vor allem weil einfach die Atmosphäre sehr modern war oder zumindest moderner als ich es mir im Zeitalter der Steinigung, vorstelle.

[00:12:08]  Also es könnte jetzt, wann ist es geschrieben worden, 1948?

[00:12:13]  Es könnte in der Zeit spielen, es könnte aber auch so gut jetzt gerade spielen, also es ist eine eher zeitlose Erzählung.

[00:12:20]  Aber dennoch eben sehr verstörend, weil es eben immer aktuell sein könnte, und es Menschen geben würde, die das auch jetzt noch machen würden.

[00:12:30]  Shelly:Witzig, dass du das sagst, weil in diesen Leserbriefen, die sie bekommen hat, haben auch ganz viele Menschen gefragt, wo jetzt dieser Ort ist [Jaci lacht] und ob das ein Erfahrungsbericht ist und wo das nun so praktiziert wird.

[00:12:42]  Also das haben sie ihr echt abgekauft.

[00:12:44]  Jaci: Ja, also es ist eben sehr realistisch und ich kann mir eben auch vorstellen, dass es früher Sachen so gehandhabt wurden, auch.

[00:12:53]  Shelly:Ja, aber vielleicht als Strafe, aber doch nicht als Lotterie.

[00:12:56]  Jaci: Eben, eben.

[00:12:57]  Und das ist eben das, was mich beim nächsten der Geschichte so verwirrt hat.

[00:13:01]  Diese Zeremonie, was alle mit so viel Andacht durchführen, obwohl niemand mehr den Ursprung zu kennen scheint oder wirklich die Wahrheit hinter der Zeremonie oder wie die Tradition wirklich, oder das Ritual wirklich ablaufen sollte, also was gesagt werden sollte, das weiß irgendwie keiner mehr.

[00:13:20]  Und das ist dann für mich dieses Traditionen durchführen, obwohl man es eben nicht weiß, was es ist, wie wenn man unaufgeklärt in die Kirche geht und nur die Gebete nachsagt, aber nicht weiß, was man da eigentlich sagt.

[00:13:32]  Also das ist halt so.

[00:13:33]  Man muss Sachen irgendwie wissen und hinterfragen, damit man sich auch so meinen kann.

[00:13:38]  Und ich meine, man erfährt in der Geschichte auch, dass andere Dörfer dieses Ritual nicht mehr durchführen.

[00:13:46]  Also die haben das abgeschafft und gerade die ältesten Leute in dem Dorf, in dem wir eben die Geschichte mitkriegen,

[00:13:53]  sind ja ganz entsetzt, dass es abgeschafft worden sind.

[00:13:56]  Und einer sagt dann so quasi, ja, wenn man das Ritual abschaffen kann,

[00:14:00]  kann man ja gleich wieder in Höhlen wohnen, weil dann sehen wir ja nicht besser als Barbaren,

[00:14:05]  obwohl das, was hier bei dem Ritual passiert, das Barbarische ist.

[00:14:09]  Shelly [schnaubt]: Ja, eigentlich schon. Aber das ist eben dieses hirnlose Traditionen-Festhalten.

[00:14:14]  Jaci: Genau, und ich hab dann eben, ich hab da recherchiert und eben versucht,

[00:14:18]  Interpretationen zu finden für diesen Text oder Analysen,

[00:14:21]  weil ich einfach selber nicht klargekommen bin, dass mir so wenig Informationen kriegen,

[00:14:27]  dass wir eben als Lesende nicht wissen, wieso gibt es die Tradition,

[00:14:32]  wieso möchten die Bürger das weiterführen, wieso hängt man an diesem barbarischen Ritual fest,

[00:14:40]  obwohl man es eben nicht machen muss, wie jetzt eben andere Dörfer haben das abgeschafft.

[00:14:45]  Shelly: Das wurmt sich voll, oder? Jaci: Und das ist mich wahnsinnig, ich finde es total hinrissig,

[00:14:52]  dass ich mir denke, ich mach bei so was mit und ich weiß selber nicht, wieso ich das mach,

[00:14:58]  aber ich steinige jetzt einfach einmal eine Frau, weil die Traditionen das so von mir verlangen.

[00:15:03]  Shelly: "Weil wir es immer schon so gemacht haben". Jaci: Eben! "Und das war halt immer schon so und man hinterfragt die Traditionen nicht",

[00:15:08]  aber in anderen Dörfer, wo sich die Jungen durchsetzen, da ist es eben abgeschafft worden,

[00:15:14]  weil die Jungen, die möchten immer Sachen verändern und so, das ist schlimm, [beide lachen] Shelly: Wie können sie nur.

[00:15:20]  Jaci: Auf jeden Fall habe ich dann eben bei meinen Recherchen eben auch herausgefunden,

[00:15:25]  dass da natürlich einfach ganz viele gesellschaftskritische Sachen aufgewiesen werden sollen.

[00:15:30]  Also Shirley Jackson hatte natürlich einen tieferen Sinn hinter dieser Geschichte, den sie ausdrücken wollte.

[00:15:36]  Und es geht ihr ja eben hauptsächlich darum zu zeigen, wozu die Menschen in ihrem Inneren fähig sind,

[00:15:43]  also welches Böse quasi in jedem Menschen lauert, verbunden eben mit der Macht von Tradition und Ritualen

[00:15:52]  und eben auch die Macht der Gruppe, also die Anonymität, die man in der Gruppe hat und dieser Gemeinschaftszwang.

[00:16:00]  Also dass ein ganzes Dorf zusammenkommt und es dann quasi egal ist, wer den ersten Stein wirft,

[00:16:08]  weil es sowieso alle werfen und dann "bist nicht du schuld", das ist so, genau.

[00:16:14]  Und das ist glaube ich auch das, was viele Leute verstört, weil es eben so realistisch ist

[00:16:19]  und es eben aufzeigt, wozu eine Gemeinschaft fähig ist.

[00:16:24]  Shelly:Ja, und was noch dazu kommt, ist das Element des Zufalls mit dieser Lotterie, mit den Losen.

[00:16:32]  Jaci: Genau, da habe ich auch gelesen eben, weil diese Mrs. Hutchinson,

[00:16:36]  ich weiß nicht, ob ich den Namen richtig ausspreche, aber so, haben wir ihn gelesen - Shelly: Hutchinson, hab ich auch so. - Jaci:Ok.

[00:16:41]  Die dementiert den Ausgang dieser Lotterie und sagt eben, es ist nicht fair abgelaufen,

[00:16:50]  sie sagt nicht, dass das Ritual blöd ist und dass man das abschaffen sollte

[00:16:56]  oder dass es generell unfair ist, jemandem zu steinigen, sie stellt sich nur dagegen, dass es ihrer Familie passiert.

[00:17:02]  Shelly: Ja. Jaci: Und das ist ja auch irgendwie spannend, dass sie die Lotterie akzeptiert, aber eben nicht den Ausgang,

[00:17:09]  weil ihr ihr Leben halt mehr wert ist als diese Tradition, aber ein anderes Leben würde sie opfern für diese Tradition.

[00:17:17]  Shelly: Ja. Jaci:Und das hat mich dann auch so fertig gemacht, weil ich mir gedacht habe, wie kann man das gut finden,

[00:17:23]  diese Tradition, wenn man es dann selber nicht akzeptiert und eben nicht... Shelly:  stimmt, wie kannst du jemand,

[00:17:29]  wie kannst du jemand anderen dann steinigen, wo du selbst nicht hinnehmen würdest?

[00:17:34]  Jaci: Das war auch so eine Note, wo man gedacht hat, das weiß nicht, das ist keine runde Sache ...

[00:17:41]  ich meine, es ist auch eine super Geschichte, aber eben der ganze Ablauf in diesem Dorf macht micht so fertig,

[00:17:47]  nicht die Geschichte an sich, weil die Geschichte ist ja genial, aber eben einfach dieses Denken dieser Leute macht mich so narrisch,

[00:17:53]  ich kann es nicht anders sagen, es macht mich einfach narrisch, weil du genau weißt, wie es in diesen Köpfen von diesen Leuten vorgeht

[00:18:01]  und wie unüberlegt das das ist.

[00:18:04]  Shelly: Ja voll, es ist wirklich wirklich realistisch, also es ist sehr gesellschaftskritisch,

[00:18:09]  und es hält uns irgendwie so allen irgendwie den Spiegel vor.

[00:18:13]  Jaci: Genau, ja. Und ich meine, es ist dann auch in einer Analyse mit "Die Tribute von Panem" verglichen worden,

[00:18:21]  weil bei "Tribute von Panem", das ist eine Jugendbuchreihe von Suzanne Collins, da werden die Tribute eben aus jedem Distrikt in diesem Land eben gezogen,

[00:18:32]  also sie werden auch per Los ausgezogen, da ist es keine Lotterie, und da ist es ein Gerüst von, was von diesem diktatorischen Staat

[00:18:41]  auf die Menschen aufgezogen wird, dass eben Tribute gefordert werden, aber die werden dann in eine eigene Arena geschickt,

[00:18:49]  wo sich diese Tribute gegenseitig umbringen müssen und nicht von der Gesellschaft, in der sie wohnen.

[00:18:55]  Und ich glaube, das ist auch ein Punkt, das mir noch mehr verstört hat, dass es eben die Nachbarin und Ehefrau von vielen war,

[00:19:03]  und dass die Menschen, die sie kennen, sie umgebracht haben.

[00:19:06]  Und ich finde diesen Vergleich mit "Tribute von Panem" nicht wirklich passend, weil es eine ganz andere Mentalität ist.

[00:19:14]  Shelly: Das, und du hast schon gesagt, es war ein diktatorisches Staat, und die in dem Dorf haben sie es ja selbst so ausgemacht,

[00:19:23]  dass sie die Lotterie weiterführen, also die sind eigentlich nur durch die Tradition gezwungen, aber nicht von oben herab.

[00:19:31]  Jaci: Eben, weil man eben mitkriegt, dass es in anderen Dörfern nicht durchgeführt wird und denen aber keine Konsequenzen drohen.

[00:19:38]  Also genau, das ist der Vergleich. Mein persönlicher Vergleich war "Squid Game", die Serie Netflix-Serie, die war vor drei Jahren, glaube ich.

[00:19:48]  Shelly: Ich glaube, das war noch vor Corona, oder?

[00:19:50] Jaci: Während Corona, glaub ich. Shelly: Während Corona.

[00:19:52]  Jaci: Ja, Zeit ist ein Konstrukt. [Shelly lacht] Das war vor einigen Jahren diese erfolgreiche Netflix-Serie in der Leute, in eine Fernseh...

[00:20:03]  Also wie heißt es, in einen Wettbewerb gesteckt werden, indem sie andere Leute oder halt ihre Gegner umbringen müssen,

[00:20:11]  um quasi im echten Leben ihre Schulden loszuwerden.

[00:20:15]  Und das zeigt auch eben das Inneren im Menschen, wozu die Menschheit fähig ist.

[00:20:20]  Und da ist es zwar auch jetzt nicht eine Auslosung, aber einfach von der Brutalität dieser Serie und der Brutalität von der Mentalität der Leute

[00:20:29]  in diesem Szenario finde ich den Vergleich einfach ein bisschen passender, weil man da mehr diese harte Realität mit kriegt.

[00:20:38]  Shelly: Ja, aber sie werden doch an... Also das ist ein Jahr an, wo so Spielfiguren eigentlich von denen, die das Spiel quasi erfunden haben, oder?

[00:20:46]  Jaci: Genau, wenn auch wieder von oben...

[00:20:48]  Shelly: Ja, die sind auch wieder von oben...

[00:20:49]  ...herab gesteuert mehr oder weniger.

[00:20:50]  Jaci;Ist kein perfekter Vergleich, aber für mich spiegelt das mehr dieses "Deinen Nächsten umbringen".

[00:20:56]  Nicht wie bei "Tribute von Panem", jemanden, den du gar nicht kennst, so irgendwie.

[00:21:02]  Genau, weil was eben auch in einer Analyse gestanden ist, dass ja das Prinzip des Sündenbockes mit dieser Bestrafung, mit dieser Steinigung,

[00:21:11]  bei dieser Lotterie irgendwie genutzt wird, aber ich verstehe eben nicht,

[00:21:16]  und das hängt glaube ich auch damit zusammen, dass wir als Lesende nicht wissen, woher kommt das Ritual, weil vielleicht kommt es ja auch von diesen...

[00:21:23]  "Jemand muss bestraft werden für unsere Sünden".

[00:21:28]  Shelly: Ja, aber was für Sünden sind passiert?

[00:21:30]  Jaci: Das weiß man ja nicht.

[00:21:32]  Und das verstehe ich auch nicht, wie das Prinzip des Sündenbockes mit der Lotterie im Standpunkt, wo das in dieser Erzählung schon ist.

[00:21:41]  Man weiß nicht, wie es vorher war, wie das da zusammenspielt.

[00:21:45]  Shelly: Vielleicht war's früher eher so ein rituelles Opfer, was man gebracht hat, und weil niemand derjenige sein wollte, der jemanden auswählt, dass es dann die Loterie gegeben hat, aber dieser Background ist halt irgendwie verloren gegangen.

[00:21:54]  Jaci: Ja eben, man weiß es nicht. Ist es einfach gesellschaftlich entstanden, politisch, religiös? Man weiß es nicht.

[00:22:00]  In jedem Fall ist es ein hirnrissiges Ritual, meiner Meinung nach ... [lacht] Shelly [sarkastisch]:Was, ich find das total super.

[00:22:07]  Jaci: Es ist so verstörend, weil auch bei "Squid Game" und bei "Tribute vom Panem" jetzt, zum Beispiel, weil wir gerade das Vergleich hierher genommen haben, da sind keine Kinder beteiligt.

[00:22:18]  Und eben bei der Lotterie von Shirley Jackson - Shelly: Bei "Tribute vom Panem" deshalb nicht, weil ja die Schwester von ihr... sich opfern.

[00:22:24] Jaci: Ja, aber die sind mindestens 15, glaub ich. - Shelly: Ach so.

[00:22:27]  Jaci: Also, die müssen halt ein gewisses Alter erreicht haben, aber dieses Kind in der Lotterie, das kann doch nicht mal selber ein Los ziehen.

[00:22:35]  Also, das ist vielleicht drei Jahre alt, zwei, drei Jahre alt.

[00:22:38]  Shelly: Aber da ist ja dann wer einsprungen wird.

[00:22:40]  Jaci: Ja nur um das Los zu ziehen, nicht um die Strafe dann abzukriegen.

[00:22:43]  Shelly [überrascht]: Ach so?

[00:22:44]  Jaci: Ich glaube nicht, dass dann der Mann, der für das Kind gezogen hat, gesteinigt werden würde.

[00:22:50]  Ich glaube, dass dann das Kind...

[00:22:52] Shelly: Boah, zach.

[00:22:53]  Jaci:Eben!

[00:22:54]  Die drei Kinder haben dann gezogen, und am Ende hat man ja auch diesem kleinen Kind, der es nicht mal selber ziehen hat können, Kieselsteine in die Hand gegeben.

[00:23:02]  Das ist quasi auch auf seine Mutter wirft.

[00:23:05]  Und das ist ja so barbarisch alles.

[00:23:08]  Und noch dazu, das ist jetzt, glaube ich, ein ganz eigener Podcast wieder, es ziehen ja nur die Männer.

[00:23:15]  Das heißt, die Männer ziehen auch über das Los ihrer Frauen.

[00:23:18]  Es dürfen nicht mal die Frauen selber ziehen, um irgendwie ...

[00:23:22]  Es ist, es ist ja eine Glückssache.

[00:23:23]  Shelly: Es zieht das Familienoberhaupt. Jaci: Eben!

[00:23:25]  Shelly: Es ist entweder der Vater, und wenn es den nicht mehr gibt, das irgendeinen Grund, weil der das letzte Los gezogen hat ... Jaci: Und der ist dann der Sohn.

[00:23:30]  Shelly:Dann der Sohn, und der Sohn, und wann der nicht ist, dann die Frau.

[00:23:34]  Dann die Frau.

[00:23:35]  Das ist eben auch eine Frau zieht, und da sind alle so, "Hast du keinen Sohn, der für dich ziehen kann?"

[00:23:40]  Shelly: Ja, stimmt, das ist auch krass.

[00:23:41]  Da hat es mich auf, da haben wir auch gedacht, lass doch die Frau dann wenigsten selber ihr Glück herausfordern quasi.

[00:23:48]  Aber vielleicht bin ich zu...

[00:23:52]  Shelly:Emanzipiert.

[00:23:53]  Jaci [lacht]: So, völlig fertig von der Geschichte.

[00:23:56]  Ja.

[00:23:57]  Shelly:Ja.

[00:23:58]  Jaci: Man merkt, ich bin sehr... aufgebracht.

[00:24:00] Shelly: Zerrissen.

[00:24:02] Ich hab sie cool gefunden.

[00:24:03]  Ich hab sie echt cool gefunden, weil ich eben nicht weißt ...

[00:24:05]  Weil ich so viel nicht weiß.

[00:24:07]  Weil ich mir so viel selber zusammen spinnen muss ich in meinem Kopf.

[00:24:09]  Jaci: Ich mag solche Sachen, ich muss genau wissen, wie so was passiert.

[00:24:12]  Dann hinterfrage ich es viel zu viel, und dann lässt sie mich tagelang nicht los.

[00:24:16]  Also ich werde jetzt noch länger an diese Geschichte denken.

[00:24:19]  Shelly: Ja, aber das ist einfach Shirley Jackson.

[00:24:22]  In unserem Podcast haben ja Christina und Pia schon mal was für ein Shirley Jackson,

[00:24:26]  die in der letzten Staffel, und zwar "The Haunting of Hill House",

[00:24:29]  also "Spuk im Hill House", was auch Netflix verfilmt worden ist.

[00:24:33]  Und da ist es ja auch, dass du nicht genau weißt, okay, was passiert jetzt gerade.

[00:24:37]  Und das ist ein ganzer Roman, das war voll cool, ich hab den dann auch gelesen.

[00:24:40]  Jaci: Oh Gott, ja okay, vielleicht lese ich den auch.

[00:24:42] Aber okay, dann würde es mich auf aufregen. [beide lachen]

[00:24:44] Shelly: Ja, ist vielleicht eher nichts für dich.

[00:24:46]  Jaci: Ja.

[00:24:47]  Okay, auf jeden Fall, Christina und Pia, danke für diese Challenge.

[00:24:51]  Es war wirklich eine Challenge für mich. [lacht]

[00:24:54]  Geistig. [Shelly lacht]

[00:24:55]  Aber ein sehr gutes Buch.

[00:24:59]  Shelly: Und jetzt wollt ihr natürlich wissen, was ihr als nächstes lesen dürft.

[00:25:05]  Und da wir ja jetzt gerade die Halloween-Folge aufgenommen haben, - Jaci: Happy Halloween! -

[00:25:10] und es sehr gruselig war - ja, Happy Halloween, übrigens [lacht] -

[00:25:14]  oder wer die Nacht der Tausend Lichter feiert,

[00:25:17] fröhliches Lichter- [unverständlich]

[00:25:20] Jaci: Und auch bei den Hexen ist es jetzt - [unverständlich].

[00:25:22]  Shelly: Anyhow, auf jeden Fall, wollen wir es nur ein bisschen so gruselig halten.

[00:25:29]  Und deshalb werdet ihr eine Krimi lesen.

[00:25:33]  Und zwar von der Krimiautorin schlechthin, - [Jaci trommelt auf den Tisch]

[00:25:39]  und zwar Agatha Christie.

[00:25:42]  Und da werdet ihr sehr passend zu unserem Workplace lesen, [Jaci lacht]

[00:25:49]  und zwar "Die Tote in der Bibliothek". Jaci: Dum-dum-dum. [Shelly lacht]

[00:25:52]  Jaci: Und zwar die Neuauflage, die wir auch gerade eben druckfrisch,

[00:25:58]  sozusagen in die Bibliothek bekommen haben.

[00:26:01]  2024 jetzt neu erschienen, wo eben die Miss Marple,

[00:26:05]  eine der berühmtesten Detektivinnen von Christies Zeit,

[00:26:09]  und unserer Zeit wahrscheinlich auch eben einen Mordfall ermittelt.

[00:26:13]  Shelly: In einer Bibliothek.

[00:26:15]  Jaci: Mit dieser freudigen Lesechallenge lassen wir euch,

[00:26:19]  lieber Leser und Leserinnen,

[00:26:21]  und eben auch die Christina und die Pia in den Halloweenabend starten.

[00:26:26]  Und wir freuen uns auf die nächste Folge.

[00:26:29]  Shelly: Das tun wir. Viel Spaß beim Lesen.

[00:26:31]  Jaci: Danke fürs Zuhören.

[00:26:33]  [Outro-Musik]

[00:26:57]  [Pia spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck,

[00:27:01]  und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Pia spricht]

[00:27:05]

Herbstlesefest Pavillon 44 von Thomas Sautner

Herbstlesefest Pavillon 44 von Thomas Sautner

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchunen führen. [Stimme moduliert] [Intro-Musik]

[00:00:06]  Christina: Hallo und herzlich willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:27]  Ich bin die Christina - Pia: und ich bin die Pia - und ein doppeltes Willkommen zurück in unserer ersten Folge des Herbstlesefests,

[00:00:35]  erstens, und zweitens der Pia, die jetzt wieder dabei ist. Hi Pia. Pia: Juchuu! [lacht]

[00:00:39]  Christina: Schön, dass du wieder da bist.

[00:00:42]  Was ist denn das Herbstlesefest? Die Hosts vom Vorwort stellen sich gegenseitig und wenn ihr wollt, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

[00:00:52]  dann ist auch euch eine Lese-Challenge. Wir haben dann zwei Wochen Zeit, das Buch zu lesen und mit euch in der Folge zu besprechen.

[00:01:00]  Vor zwei Wochen haben die Shelly und die Jacuqeline uns die Herausforderung gestellt, Pavillon 44, den neuen Roman von Thomas Sautner zu lesen.

[00:01:10]  Bevor wir jetzt aber zur Besprechung vom Sautner Roman kommen, möchte ich euch an unser Gewinnspieler erinnern.

[00:01:16]  Denn noch bis zum 28.10. könnt ihr eine signierte Ausgabe des neuen Romans gewinnen.

[00:01:23]  Schreibt uns dazu einfach entweder eure Eindrücke zum Roman oder auch, warum ihr ihn lesen möchtet,

[00:01:29]  vielleicht auf die heutige Folge hin, auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at

[00:01:37]  oder auch gern auf Instagram unter dem Handle stadtbibliothek.innsbruck.

[00:01:42]  Der Roman wird dann unter allen Einsendungen verlost und die Person, die gewonnen hatte, von uns kontaktiert.

[00:01:49]  Die Teilnahme ist auf 18 Jahre. Also das wäre doch auch ein schönes Geschenk für einen Sautner-Fan, oder Pia?

[00:01:54]  Pia: Auf jeden Fall. [lacht] Die freuen sich da sicher drüber.

[00:01:58]  Ja genau, bei uns geht es um Pavillon 44 von Thomas Sautner. Für alle, die ihn noch nicht kennen,

[00:02:04]  Thomas Sautner ist ein österreichischer Schriftsteller aus Niederösterreich, spezifisch dem Waldviertel.

[00:02:10]  Wir haben einige Titel von ihm in der Bib. Wir haben zum Beispiel "Fuchserde", das wäre sein erster Roman.

[00:02:15]  Da geht es um [unverständlich] im Waldviertel oder auch "Der Glücksmacher", "Das Mädchen an der Grenze", "Die Erfindung der Welt",

[00:02:22]  "Nur zwei alte Männer" und viele andere.

[00:02:25]  Bei den Sachbüchern haben wir "Waldviertel steinweich", das ist ein literarischer Reiseführer für die,

[00:02:29]  die das Waldviertel ein bisschen mehr kennenlernen möchten.

[00:02:32]  Das ist bei den Reiseführern und zusätzlich haben wir natürlich noch ebooks von vielen seinen Büchern in der Onleihe bei uns digital.

[00:02:39]  "Pavillon 44" ist jetzt eben sein neuester Roman und um den geht es heute.

[00:02:44]  Also ich habe uns eine kleine Zusammenfassung mitgebracht.

[00:02:47]  "Pavillon 44" spielt in einer psychiatrischen Anstalt am Rande von Wien.

[00:02:52]  Um genau zu sein, im "Pavillon 44". [lacht]

[00:02:54] Christina: Mhm. Namensgebend.

[00:02:56]  Pia: Dieser Anstalt eben, das ist der Titel.

[00:02:58]  Der leitende Arzt ist Siegfried Lobel? Lobell?

[00:03:02]  Christina: Ich sage immer "Lobell" [betont 2. Silbe]. [beide lachen]

[00:03:04]  Pia: Ein bisschen französisch angehaucht.

[00:03:06]  Christina: "Lubbell." [beide lachen]

[00:03:09]  Pia: Durch seine Patient*innen will er mehr über die Welt, das Leben und sich selber erfahren.

[00:03:14]  Und gleichzeitig besucht aber auch eine Schriftstellerin den Pavillon,

[00:03:17]  weil sie ein Buch über ihn schreiben will.

[00:03:19]  Dann, Plot Twist, verschwinden aber zwei Patienten.

[00:03:23]  Und Lobell macht sich auf in die Wiener Innenstadt, um sich dort auf die Suche zu machen.

[00:03:30]  Dort findet er viele Verrückte, aber nicht seine Patienten.

[00:03:34]  Also das ist jetzt nur eine kleine Zusammenfassung.

[00:03:37]  Nur ein Teaser, wir bleiben spoilerfrei.

[00:03:39]  Christina: Das ist wichtig zu erwähnen.

[00:03:41]  Das heißt, für alle diejenigen von euch, die sich, die jetzt noch keine Zeit hatten

[00:03:46]  oder sich dieser Lese-Challenge noch nicht angenommen haben,

[00:03:49]  die können auch die Folge beruhigt anhören und danach loslesen.

[00:03:53]  Pia: Genau.

[00:03:55]  Christina: So, Pia, wer von uns hat denn das Buch für heute gelesen?

[00:03:59]  Pia: [lacht] Ich nicht.

[00:04:01]  Aber das ist immer die Christina fleißig.

[00:04:03]  [beide lachen] Deswegen habe ich jetzt Fragen für sie mitgebracht.

[00:04:05]  Die erste Frage ist natürlich, wie hat es gefallen?

[00:04:07]  Christina: Kurz zusammengefasst:

[00:04:09]  Gut.

[00:04:10]  Nächste Frage. [beide lachen]

[00:04:12]  Also es geht, wie du schon gesagt hast, um die Psychiatrie in der Baumgartener Höhe in Wien.

[00:04:17]  Und dort gibt es diesen Sondertrakt, den Pavillon 44 und in dem der Primar Siegfried Lobell,

[00:04:23]  dieser sogenannte Experte aus seinem Gebiet -

[00:04:26]  - das ist die Art von Experte, die auch dann einmal TV-Interviews gibt

[00:04:30]  oder von großen österreichischen Tageszeitungen zitiert wird als Experte. -

[00:04:34]  Pia: Ah, der landet im ORF. [lacht]

[00:04:36]  Christina: [lacht] Genau.

[00:04:38]  Der behandelt nämlich nicht nur irgendwelche Verrückten,

[00:04:41]  sondern außergewöhnliche Verrückte.

[00:04:43]  Die sammelt er so ein bisschen wie kleine Trophäen.

[00:04:46]  Die müssen dann schon immer was Besonderes an sich haben,

[00:04:49]  damit er sie in seinem Trakt dann auch behandeln möchte.

[00:04:52]  Am Ende des Romans fragt man sich, wie du auch schon so angedeutet hast,

[00:04:56]  dass der Inhaltsangabe "Wer ist denn eigentlich noch normal?"

[00:05:00]  Ich muss sagen, das ganze Buch ist in einem sehr flotten Tempo geschrieben

[00:05:04]  und es dreht immer mehr ab, sozusagen.

[00:05:07]  Also es ist auch lustig, situationskomisch finde ich auch

[00:05:10]  und das hat so einen verschmitzten Unterton, so einen Wiener Schmäh hätte ich gesagt.

[00:05:15]  Neben der Hautfigur des Primars Lobell geht es außerdem um die Schriftstellerin Aliza Berg.

[00:05:22]  Die kommt ins Pavillon 44 um ein Buch über den Lobell zu schreiben

[00:05:27]  und dann gibt es noch eine regelrechte Ansammlung von lustig-tragischen Figuren,

[00:05:32]  die sind alle ganz und gar liebevoll gezeichnet habe ich gefunden.

[00:05:37]  Unter anderem wäre da z.B. der Herr Dimsch,

[00:05:39]  der ist gleich eingangs des Romans nackt auf dem Dach eines Mausoleums aufzufinden,

[00:05:46]  wo er nachdem er mit dem Leichnam seines toten Kindheitsfreundes angestoßen hat,

[00:05:52]  von der Feuerwehr runtergerettet werden muss.

[00:05:55]  Es gibt die Cecilie Weisz, die ist seine ü-80erin, die Meerschweinchen aus dem Fenster schmeißt.

[00:06:00]  Und es gibt einen ungefähr dreißigjährigen Mann namens Jesus

[00:06:05]  und der hält sich auch für den Besagten.

[00:06:07]  Und so geht es dann dahin mit den Figurenensemble.

[00:06:10]  So was ist mir noch immer sehr lieb.

[00:06:13]  Pia: Das klingt nach einer lustigen Truppe.

[00:06:15]  Christina: Genau, also, lustig-tragisch, muss man schon sagen,

[00:06:18]  aber es ist schon was, was so, wenn man diese Art von absurdem Humor auch mag,

[00:06:27]  sehr genießen kann.

[00:06:29]  Pia: Also ich habe ja, wo ich die Zusammenfassung gelesen habe,

[00:06:32]  habe ich sofort an "Alice im Wunderland" denken müssen

[00:06:35]  und an den Spruch "We're all mad here".

[00:06:37]  Also "Hier sind wir alle verrückt" von der Grinsekatze.

[00:06:40]  Gehe ich recht in der Annahme, dass das Hauptmotiv ist,

[00:06:46]  dass wir alle irgendwie unter Anführungszeichen verrückt sind.

[00:06:49]  Und was mit dem ja auch ein bisschen zu tun hat,

[00:06:53]  die Darstellung der Patient*innen in "Pavillon 44", hat die deine Sichtweise

[00:06:57]  auf die psychischen Krankungen beeinflusst oder geändert?

[00:07:00]  Christina: Also zuerst zur ersten Frage, das ist schon, hast du richtig erkannt.

[00:07:05]  Das ist eines der Motive von dem Roman, fand ich auch.

[00:07:10]  Wobei "Pavillon 44" sich auch auf fast einer Meta-Ebene mit der Idee spielt,

[00:07:19]  was ist eigentlich Realität?

[00:07:21]  Bis man, wir kommen da später noch mal zu,

[00:07:24]  aber bis man sich selber nicht mehr so ganz sicher ist,

[00:07:26]  was ist da jetzt real, sowohl auf dieser narrativen Erzählebene im Roman,

[00:07:32]  also das wird schon wieder mit gespielt und es geht fast noch ein bisschen tiefer

[00:07:36]  als diese "Wir sind ja eigentlich alle verrückt"-Motiv.

[00:07:39]  Also aber damit ... an dem arbeitet er sich auf jeden Fall ab.

[00:07:42]  Auf eine sehr spannende, amüsante Weise.

[00:07:45]  Und ich glaube, die zweite Frage war, ob der Roman die Darstellung

[00:07:52]  von ... meine Sichtweise auf psychische Erkrankungen beeinflusst hat.

[00:07:56]  Das hat uns eine liebe Zuhörerin zugeschickt per E-Mail.

[00:08:00]  Also vielen Dank für die Frage.

[00:08:02]  Da muss ich sagen, nein, ich habe auch schon davor eine sehr differenzierte Sichtweise

[00:08:08]  auf psychische Erkrankungen gehabt.

[00:08:10]  Ich hatte auch während es schon teilweise fast die Medikamente oder so ein Alltag

[00:08:17]  in der psychiatrischen Anstalt, gerade so am Anfang ist mir das so vorkommen,

[00:08:20]  sehr realistisch geschildert worden ist, ist glaube ich das Spiel mit der Verrücktheit

[00:08:29]  und auch immer ein literarisches, weil es sich ja um literarische Figuren handelt.

[00:08:33]  Die Prämisse vom Roman, die wir ja schon gesagt haben,

[00:08:37]  diesen Normalitätsbegriff so infrage stellt.

[00:08:40]  Was bedeutet es normal zu sein?

[00:08:42]  In seinem Interview mit dem Boris letzte Folge hat der Thomas Sautner

[00:08:47]  davon gesprochen, dass "verrückt" eben auch "herausgerückt" nämlich bedeutet.

[00:08:51]  Und für mich habe ich das so verstanden, dass es um das Herausgerücktsein,

[00:08:54]  aus der Gesellschaft geht in den Roman, also von außen irgendwo hineinschauen.

[00:08:59]  Und das ist was, was mir dann auch sehr gut gefällt.

[00:09:02]  Denn oft kann man von außen am besten beurteilen, was gerade so los ist.

[00:09:06]  Da herrscht auch immer dieses Spannungsfeld zwischen dem Angepasstsein und dem Anderssein,

[00:09:12]  weil die Verrückten wären ja nicht in der Baumgartner Höhe,

[00:09:15]  wenn sie nicht irgendwie zu einem Maß unangepasst wären, wie der Herr Dimsch zum Beispiel,

[00:09:22]  dass der da so nakedei-isch [beide lachen] auf dem Mausoleum sitzt.

[00:09:26]  Das geht dann natürlich auch zu weit.

[00:09:28]  Aber diese Herausforderung und dieser Spannungsfeld fängt der Roman wahnsinnig gut ein

[00:09:35]  und auch wahnsinnig amüsant ein.

[00:09:37]  Und Thomas Sautner hat selber gesagt -

[00:09:41]  es ist eine Paraphrase, aber - dass ich Literatur oft und nützlich am Außenseiter abarbeiten kann

[00:09:45]  und kam mir auch vor, dass ihn das auch so ein bisschen zum Schreiben des Romans bewegt hat.

[00:09:53]  Pia: Was für Erwartungen hattest du an das Buch? Hast du gewusst, was auf dich zukommt oder warst du überrascht?

[00:09:58]  Christina: Vielleicht ist schon rausgekommen im Podcast und das gilt ja für dich auch so ein bisschen,

[00:10:05]  wir sind ja nicht so verortet in der österreichischen Literaturlandschaft, das haben wir ja schon einmal gestanden.

[00:10:11]  Ich habe jetzt einmal begonnen, Österreicher*innen zu lesen und ich stelle fest, dass mir die Erzählstimme,

[00:10:19]  und ich habe vorhin von diesem Schmäh gesprochen und ich finde, das ist jetzt Thomas Sautner,

[00:10:26]  der ist auch in Wien verortet und der Roman spielt auch in Wien, aber das gilt auch für andere Österreicher*innen, die ich gelesen habe:

[00:10:32]  So ein Schalk im Unterton ist da immer dabei und wenn ich jetzt einen Österreicher*innen in die Hand nehme,

[00:10:38]  einen Roman von einem Österreicher, einer Österreicherin geschrieben, dann erwarte ich mir diesem, ja, fast dieses Verschmitzte,

[00:10:46]  das da irgendwie in jedem dieser Romane immer mitschwang.

[00:10:50]  Nincsdorf [red. Anm: "Nincshof"] ist ein Beispiel oder ich habe jetzt auch, das ist jetzt auf dem Spiegelbestseller gelandet,

[00:10:55]  "Kleine Monster" gelesen von Jessica Lindt und so hart der Tobak ist ...

[00:11:03]  Pia: Man kann es nicht zu ernst nehmen, man muss es so ein bisschen...

[00:11:06]  Christina: Ja, also bei "Kleinen Monster", das ist schon eigentlich tragisch, es ist halt nur sehr schnell erzählt,

[00:11:13]  aber da ist vielleicht noch ein bisschen was anderes, aber es ist immer, es ist so,

[00:11:18]  vielleicht ist es halt nur der Dialekt, der es so heimlig macht [Pia lacht], ich weiß es nicht.

[00:11:22]  Das hat es auf jeden Fall erfüllt und das konnte man in der kompletten in der Erzählstimme von "Pavillon 44" total gut mit hören immer.

[00:11:32]  Und auch wusste ich ja, dass es sich mit dieser Fragestellung: "Was heißt Verrücktsein?" auseinandersetzt,

[00:11:38]  das hat es auch für mich fast wie erwartet, muss ich sagen, abgearbeitet.

[00:11:42]  Also ich habe nicht gewusst, wohin der Roman gehen wird und wie er endet, er endet sehr [lacht leise] unerwartet

[00:11:49]  und es wird wirklich so ein bisschen wie bei "Alice im Wunderland", also es ist auch gesellschaftskritisch,

[00:11:56]  was eigentlich diese Romane auch gerne und oft sind und auch diese Erwartung hat er für mich erfüllt.

[00:12:03]  Pia: Und was ist das Schreibstil? Hat dir der gefallen?

[00:12:06]  Weil es war ja dein erster Thomas Sautner, oder?

[00:12:09]  Christina: Also der Schreibstil, und wir haben einen Zuhörer gehabt, der hat uns geschildert,

[00:12:14]  wie er ... was ihm besonders gut am Sautner gefallen hat und er hat geschrieben, dass er sehr leichtgängig und angenehm zu lesen war.

[00:12:20]  Und dem kann ich nur voll und ganz zustimmen.

[00:12:23]  Ich persönlich habe allerdings diesen Perspektivenwechsel, den der Thomas Sautner genutzt hat,

[00:12:31]  zwischen dem Primar Lobell in der dritten Person und der Aliza Berg in der ersten Person nicht so gut gefallen.

[00:12:39]  Und was mir total gefallen hat [lacht leise], waren diese Dialoge und dann die Situationskomik, die einfach aus der Absurdität

[00:12:46]  mancher Situationen entstanden ist, wenn die zum Beispiel in der Visite alle vor dem Bett standen

[00:12:51]  und sich das dieser Moment dann entfaltet hat, wenn dann Jesus anfängt mit dem Lobell zu reden

[00:12:57]  und die ganzen Pfleger und so und die Aliza quasi als Schriftstellerin dabei stehen und das war schon,

[00:13:03]  das hat er schon sehr schön und treffend eigentlich eingefangen, weil es schon realistisch auch irgendwie ist

[00:13:11]  und ja auch oft die realistischen Sachen, die lustigsten sind, weil man sie einmal dargestellt sieht.

[00:13:16]  Pia: Und das Wichtigste oder einer der wichtigsten Sachen, die Hauptfigur, und die geht es ja eigentlich sehr viel in dem Roman,

[00:13:24]  was du jetzt so angeschnitten hast, was hältst du von ihm,

[00:13:27]  vom Primar Lobell? Ist er sympathisch, ist er eher so eine neutraler Figur oder unsympathisch vielleicht auch, man weiß es ja nicht?

[00:13:35]  Christina: Ja, also der Primar Lobell. - Pia: Oje. - Ich fand es schwierig ihn zu mögen.

[00:13:41]  Er ist faszinierend genug als literarische Figur und auch genau das, was er sein soll, besonders auch dann für was er dann steht am Ende.

[00:13:52]  Pia: Aber beste Freunde werdet ihr nicht. - Christina: Nein. - Und jetzt mal bei der Frage, ob es bestimmte Szene oder einen Moment geben hat,

[00:14:00]  der dir besonders im Gedächtnis geblieben ist und warum?

[00:14:04]  Christna: Also das ist die Cecilie Weisz, die ist glaube ich auch die Lieblingspatientin vom Lobell.

[00:14:10]  Das ist diese 84-Jährige, die behauptet aber steif und fest und ist davon überzeugt, dass die 16.212 Jahre alt ist,

[00:14:19]  die leidet unter einer bipolaren Störung, also das ist ihre Diagnose und hat außerdem epileptische Anfälle.

[00:14:27]  Aber diese epileptischen Anfälle hinterlassen ihr Gehirn so, da feuern die Neuronen dann so schnell, dass sie besonders kreativ ist.

[00:14:34]  Und das ist dann auch was der Lobell an ihr wertzuschätzen weiß.

[00:14:37]  In dem Moment habe ich so erkannt, okay das ist wie vieles in dem Roman,

[00:14:42]  ist das auch so diese Hochzeichnung von dieser literarischen Figur und "Was ist denn Kreativität überhaupt?"

[00:14:48]  Sie ist aber sozusagen sehr poetisch veranlagt, wurde eingewiesen und das ist jetzt mal die Lieblingsmoment.

[00:14:53]  Und zwar: Sie hat mit ihren Meerschweinchen die Nachrichten geschaut und dann nach ihrer Ansicht,

[00:15:01]  also ihrer Aussage haben die Meerschweinchen es dann nicht mehr ertragen, die Nachrichten zu sehen und haben sich dann einer nach dem anderen aus dem Fenster geworfen. [beide lachen kurz]

[00:15:08]  Also sie wurde eingewiesen, weil sie Meerschweinchen aus dem Fenster geworfen hat.

[00:15:13]  Ja, genau und das habe ich lustig gefunden. [beide lachen leise]

[00:15:16]  Pia: Die arme Meerschweinchen.

[00:15:18]  Christina: Und aber, den Spoiler, am Ende lebt sie im Erdgeschoss zusammen mit neuen Meerschweinchen und es geht allen gut. [beide lachen leise]

[00:15:26]  Pia: Ja, dann, okay.

[00:15:27]  Dann ist sie alles in Ordnung.

[00:15:29]  Pia: Wenn wir schon vom Ende vom Romane reden.

[00:15:32]  Wie hat die das Ende gefallen und was für ein Eindruck hat es Ende vom Roman bei ihr hinterlassen?

[00:15:37]  Wir bleiben spoilerfrei, aber so allgemein.

[00:15:40]  Christina: Also es gibt immer auch hinter vielen Kapiteln ein Postskriptum.

[00:15:44]  Das führt dann immer mehr in eine Meta-Ebene auch hinein.

[00:15:49]  Das mag ich grundsätzlich sehr.

[00:15:53]  Der Roman an sich endet sehr surreal, abgedreht fast schon.

[00:16:01]  Das mag ich auch und die Handlung ist, wird halt auch immer aberwitziger.

[00:16:06]  Irgendwann, man fragt sich dann am Ende und das sei verraten, was ist eigentlich noch real?

[00:16:12]  Auch man selber als Leserin oder als Leser.

[00:16:15]  Danach ist es aber auch schön, sich wieder zu erden mit einem weniger hinterfragenden Text.

[00:16:22]  Weil es sicher ein Text ist der, der es - so ein bisschen spitzbübisch - hinterfragt:

[00:16:27]  Was ist denn Verrücktsein und so.

[00:16:29]  Pia: Klingt sehr spannend.

[00:16:31]  Jetzt habe ich die Lust drauf, das Buch zu lesen.

[00:16:33]  Christina: Also ich muss auch sagen, das Buch war super.

[00:16:35]  Danke, Shelly und Jacqueline für "Pavillon 44" und die Herausforderung, das in zwei Wochen zu lesen.

[00:16:40]  Danke, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, an alle, die Fragen oder Kommentare geschickt haben und für das fleißige Mitlesen.

[00:16:48]  Und jetzt dürfen wir mit einem Trommelwirbel verkünden, Shelly, Jacqueline, spitzt die Ohren:

[00:16:54]  Ihr leset für den 31.10. ... Pia, was lesen sie?

[00:16:57]  Pia: Ihr lest "Die Lotterie" von Shirley Jackson.

[00:17:00]  Christina: Das ist eine Kurzgeschichte aus den 60er Jahren. Shirley Jackson ist eine US-amerikanische Schrittstellerin gewesen,

[00:17:06]  die, möchte man sagen, so mondänen Horror geschrieben hat oder viel aus dem mondänen Leben heraus.

[00:17:14]  Pia: Ja, man kennt sie von "Hounting of Hill House".

[00:17:18]  Das haben wir ja auch schon mal besprochen.

[00:17:21]  Das kennt man von Netflix.

[00:17:24]  Und jetzt eben, diesmal geht es aber nur einmal eine Kurzgeschichte.

[00:17:27]  Wir haben die natürlich auch in der Bibliothek.

[00:17:30]  Als Sammelband mit anderen dunklen Erzählungen [lacht], die kann man sich dann auch gerne ausleihen.

[00:17:37]  Christina: Und auch diesmal seid ihr wieder herzlich eingeladen mitzulesen.

[00:17:42]  Uns eure Anmerkungen, Fragen, Meinungen bis zur nächsten Folge zu schicken.

[00:17:48]  Das geht wie immer auf post.stabbibliothek@innsbruck.gv.at oder auf Instagram unter dem Handle "stadtbibliothek.innsbruck".

[00:17:59]  Und wenn ihr nicht zum Lesen kommt, ist das auch überhaupt gar kein Problem.

[00:18:03]  Ihr wisst, die Besprechungen sind wie immer spoilerfrei.

[00:18:08]  Und dann könnt ihr euch einfach von Shelly und Jaci inspirieren lassen, ob ihr auch Lust habt, "Die Lotterie" zu lesen.

[00:18:13]  Entweder ... Sie zum Beispiel bei uns in der Bibliothek auszuleihen.

[00:18:17]  Und denkt dran, noch bis zum 28.10. könnt ihr uns schreiben, warum ihr "Pavillon 44" gerne lesen möchtet

[00:18:25]  oder auch, was euch daran gefallen hat. Und dann könnt ihr eine signierte Ausgabe des Romans gewinnen.

[00:18:32]  Pia: Danke fürs Zuhören, danke fürs Mitlesen, danke für die vielen Kommentare.

[00:18:37]  Wir freuen uns aufs nächste Mal bzw. [lacht] Shelly und Jaci freuen sich mit euch aufs nächste Mal. Tschüss!

[00:18:45]  Christina: Schönes Lesen!

[00:18:47]  [Outro-Musik]

[00:19:10]  [Pia spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Pia spricht]

Kurz und Schmerzlos mit ... Thomas Sautner

Kurz und Schmerzlos mit ... Thomas Sautner

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [Stimme moduliert]

[00:00:06]  [Intro-Musik] Boris: Herzlich willkommen Thomas Sautner.

[00:00:23]  Thomas, es freut mich, dass du nach Innsbruck gekommen bist.

[00:00:26]  Und wie ich jetzt vorher erfahren habe, dass du allererste Mal in Innsbruck lesen wirst.

[00:00:32]  Thomas Sautner: Danke Boris, du hast den Bann gebrochen. Ich freue mich da zu sein. Danke für die Einladung.

[00:00:36]  Boris: Ja, vielleicht wirst du dann in Zukunft Stammgast werden in Innsbruck. Thomas Sautner: Das würde mich freuen.

[00:00:40]  Boris: Mich auch. Vielleicht als erstes für die Hörerinnen und Hörer von uns, die dich noch nicht kennen.

[00:00:47]  Magst du kurz was über dich erzählen?

[00:00:49]  Thomas Sautner: Nein. Boris: Nein?

[00:00:50]  Thomas Sautner: Also, es gibt ja Autoren, die reden gern über sich. Ich rede nicht einmal gern über Bücher, ehrlich gesagt.

[00:00:56]  Am liebsten hätte ich die Leserinnen und Leser lesen einfach und man muss überhaupt nichts weiter reden.

[00:01:01]  Boris: Das heißt, du freust dich auf den Vorleseteileseil des heutigen Abends.

[00:01:05]  Thomas Sautner: Toll für den Podcast, ge? [beide lachen]

[00:01:06]  Boris: Dann mache ich das jetzt andersrum und werde dich ganz kurz vorstellen.

[00:01:15]  Also, Thomas Sautner kommst aus dem Waldviertel, lebst aber auch in Wien.

[00:01:19]  Hast du jetzt, glaube ich, den neunten Roman geschrieben?

[00:01:22]  Thomas Saunter: Der zehnte.

[00:01:23]  Boris: Der zehnte ist es. Also, mit dem bist du heute auch angereist.

[00:01:26]  Pavillon, 44. Genau.

[00:01:29]  Und spielt in einer psychiatrischen Einrichtung.

[00:01:33]  Aber da möchte ich jetzt auch gar nicht mehr weiter darauf eingehen.

[00:01:35]  Das kann man dann selber lesen, das Buch, würde ich vorschlagen.

[00:01:38]  Beziehungsweise, falls dieser Podcast dann in der Zukunft ausgestrahlt wird,

[00:01:42]  wart ihr ja vielleicht schon bei der Veranstaltung, die heute Abend stattfindet.

[00:01:47]  Jetzt meine allererste Frage, die jetzt ganz, um einfach eine gewisse Plastizität

[00:01:53]  vielleicht da reinzubringen:

[00:01:55]  Was trinkst du, wenn du schreibst?

[00:01:57]  Thomas Sautner: Kaffee.

[00:01:59]  Ich habe es schon mit allem probiert natürlich.

[00:02:02]  Allen Mittelchen.

[00:02:04]  Kaffee ist noch immer am besten.

[00:02:06]  Notizen mache ich mir auch mit allen anderen Getränken.

[00:02:11]  Aber wirklich schreiben, konzentriert schreiben,

[00:02:14]  ist der alte Kaffee immer noch am besten.

[00:02:17]  Boris: Und das ist der French Press, Filter oder Siebträger?

[00:02:21]  Thomas Sautner: Das ist furchtbar schwarz und furchtbar viel. [beide lachen]

[00:02:24]  Boris: Klingt nach einem stabilen Magen.

[00:02:29]  Thomas Sautner: Ja, noch funktioniert es.

[00:02:31]  Boris: Sehr gut.

[00:02:33]  Thomas Sautner: Es ist ja so bei mir, dass ich immer wieder nachts aufwache

[00:02:36]  und früher habe ich mich darüber geärgert, dass ich dann nicht weiter schlafen kann.

[00:02:39]  Mittlerweile habe ich es als großen Vorteil erkannt.

[00:02:42]  Also ich wache so um zwei Uhr in der Nacht auf, richte mich sofort auf,

[00:02:47]  schallte das Licht an, mein Laptop steht neben mir und dann geht es los.

[00:02:51]  Und dann ist der Geist wunderbar frisch.

[00:02:53]  Da brauche ich noch nicht einmal Kaffee.

[00:02:55]  Und dann geht es wirklich gut, das Schreiben, und nach ein, zwei Stunden,

[00:02:58]  wird man wieder müde.

[00:03:00]  Und nach drei, vier Stunden wacht man wieder auf

[00:03:02]  und dann beginnt der zweite, sozusagen der zweite Morgen,

[00:03:05]  um sechs, sieben, acht.

[00:03:07]  Großartig.

[00:03:09]  Ein doppelter Beginn.

[00:03:11]  Boris: Das ist natürlich, dann, denk ich, aber auch ein Vorteil des Schriftstellerseins,

[00:03:14]  dass man sich natürlich die Zeit weitestgehend frei einteilen kann.

[00:03:17]  Thomas Sautner: Natürlich, der Partner daneben war wieder ein bisschen genervt.

[00:03:21]  Boris: [lacht] Er erinnert mich an diese Szenen von älteren Filmen,

[00:03:27]  wo irgendwelche Kommissare im Bett liegen

[00:03:29]  und dann immer dieses Festnetztelefon neben ihnen im Bett steht,

[00:03:32]  das da nachts schellt.

[00:03:34]  Thomas Sautner:Das Kiloschwere damals noch.

[00:03:36]  Boris:Ich habe jetzt eine Frage, ich sage es ganz ehrlich,

[00:03:39]  die hat mir meine Kollegin aufgeschrieben,

[00:03:41]  weil die das so interessieren würde.

[00:03:43]  Und da es so ein Thema ist, das ja auch gerade

[00:03:45]  durch eigentlich alle kreativen Berufsbereiche durchmarschiert.

[00:03:48]  Hast du Sorge, dass die künstliche Intelligenz

[00:03:52]  dich als Schriftsteller irgendwann obsolet macht?

[00:03:56]  Thomas Sautner: [lacht leise] Nein, vielleicht ist das ein Grund,

[00:04:00]  mehr sich Sorgen zu machen, dass ich mir überhaupt keine Sorgen mache. [Boris lacht]

[00:04:04]  Wenn es wirklich so wäre, dass die KI bessere

[00:04:07]  Romane schreibt, ja, dann braucht es mich eh nicht.

[00:04:09]  Dann soll es so sein.

[00:04:13]  Ich weiß nicht. Vielleicht bin ich da zu naiv, aber ich kann mir nicht vorstellen,

[00:04:16]  dass KI spannendere Romane schreibt,

[00:04:19]  als der Mensch. Wir haben das heute diskutiert, ein bisschen anders:

[00:04:23]  Man müsste die KI so programmieren,

[00:04:25]  dass sie eben nicht der menschlichen Programmierung folgt,

[00:04:29]  sondern eingeladen wird, frei zu denken.

[00:04:32]  Das wäre spannend,

[00:04:34]  aber ob das möglich wäre.

[00:04:37]  Und dann ist ja die philosophische Frage,

[00:04:40]  es gibt ja ernstzunehmende Leute, die selbst sagen,

[00:04:45]  wir selbst sind KI, also ein Musk oder so.

[00:04:50]  Und es gibt ja auch die wunderbare Untersuchung,

[00:04:55]  dass unsere Entscheidungen hundertstel Sekunden fallen,

[00:04:58]  bevor wir sie treffen.

[00:05:00]  Aber ich lasse das einfach einmal so stehen

[00:05:03]  auf deine Frage, ob die KI besser in Romane schreiben wird. Wenn ja, dann werde ich sie

[00:05:07]  lesen, wenn es wirklich besser sind. Boris: Die Frage, die ich mir jetzt gerade gestellt habe, ist dann,

[00:05:11]  wie es dann sein wird, wenn ich an einem regnerischen Tag in Innsbruck die KI vom Hotel abhole

[00:05:16]  um sie zur Abendveranstaltung zu begleiten. Thomas Sautner: Sie wird das einfordern, wenn sie dann so tickt wie wir.

[00:05:21]  Boris: Jetzt eine Frage, die doch noch ein bisschen in der Thematik deines aktuellen Romans sich bewegt.

[00:05:29]  Und zwar, hast du das Gefühl, du hast öfters mit Verrückten zu tun? Thomas Sautner:Ja, natürlich, sobald du

[00:05:37]  in den Spiegel schaust, beginnt es damit. Du wirst das heute noch erleben, ich verrat das jetzt nicht.

[00:05:44]  Du wirst das heute noch erleben bei der Lesung, eine kleine Aktion. Ja, wir alle sind verrückt,

[00:05:49]  oder? Und das ist auch gut so, wenn wir herausgerückt sind, damit "ver-rückt" sind,

[00:05:55]  weil wenn wir immer nur dort bleiben, wo wir sind, werden wir nichts lernen. Und gerade in der

[00:06:00]  Literatur sind die Außenseiter, also die Hinausgerückten aus der Szene, die die die

[00:06:06]  Szene beobachten können, nur deshalb, weil sie eben herausgerückt - also "ver-rückt" - sind. Boris: Ja, ja, das stimmt,

[00:06:14]  das ist eine spannende Aufgabe auch, wobei ich mich ja selber als Veranstalter ja auch vielleicht

[00:06:18]  ein bisschen verrückt empfinden würde, weil sonst hätte ich ja auch nicht die selektive Wahrnehmung,

[00:06:23]  die ich dann habe. Thomas Sautner: Also, auch nicht verrückt geht es nicht. Das ist vielleicht auch das, was uns von

[00:06:26]  KI unterscheidet. Wenn die KI programmiert ist, soweit ich das verstanden habe, dann macht

[00:06:32]  sie exakt das, wie sie programmiert ist. Wir sind natürlich als Menschen auch programmiert,

[00:06:37]  durch Genetik, durch Erziehung, aber dann überraschen wir uns doch immer sogar selbst. Das wird

[00:06:45]  der KI nicht passieren. Sie wird erstens keine Überraschungen liefern und schon gar nicht

[00:06:50]  wird sie merken, dass sie sich selbst überrascht. Erst dann wird sie bessere Romane schreiben.

[00:06:54]  Boris: Ja- Thomas Sautner: Entschuldige, weil, gerade beim Schreiben überrasch ich mich. Wenn ich nur das schreiben

[00:07:01]  würde, was ich vor hätte, wäre es ein furchtbar langweiliges Buch, dann wäre es ein Sachbuch,

[00:07:06]  im besten Fall. Aber es ist immer eine Überraschung, das Schreiben. Ich kann das auch jedem empfehlen,

[00:07:12]  muss nicht unbedingt publizieren, das Schreiben an sich ist ein wunderbares Instrument, um sich

[00:07:17]  selbst zu entdecken, um die Welt neu zu entdecken und erst durch den Prozess des Schreibens entstehen

[00:07:22]  Gedanken, entstehen Gefühle, die ohne diesen Prozess des Schreibens nicht entstehen würden.

[00:07:27]  Das ist wie so ein Zaubertrick von dem der Zauberer, nämlich in dem Fall wir Schriftsteller,

[00:07:32]  selbst nicht wissen, wie es funktioniert, aber es funktioniert. Boris: Es ist ja auch, wenn ich da

[00:07:36]  jetzt einen Gedanken von mir ergänzen darf, es ist ja auch so, wenn man selber irgendwo nicht weiter

[00:07:40]  kommt und spricht mit jemandem über das - monologisch - plötzlich kommen Lösungen.

[00:07:45]  Thomas Sautner: Oder, gerade vorher haben wir Mikro-Probleme, Mikroständer-Probleme, du hast deine

[00:07:50]  liebe Kollegin gebeten, ob sie uns helfen kann, sie ist hergekommen und während des

[00:07:55]  Herkommens hat es schon funktioniert. Boris: Jetzt wenn du beim Schreiben selbst überrascht wirst,

[00:08:00]  von dir, wann hast du das Gefühl oder passiert es immer wieder, dass du was schreibst und dann

[00:08:06]  liest du es und denkst: Wow, das war jetzt aber ein toller Satz, oder ... ? Thomas Sautner: Natürlich passiert das und

[00:08:11]  man darf nur nicht den Fehler machen, dann Minuten vergehen zu lassen und das noch einmal zu

[00:08:15]  lesen. [beide lachen] Jede Schriftstellerin, jeder Schriftsteller ist immer manisch und depressiv, natürlich, manisch, wenn man

[00:08:24]  kurz einmal glaubt, man hat was großartig Geniales geschrieben und depressiv, wenn man, wenn man

[00:08:28]  am nächsten Tag liest und drum ist es immer ein Arbeiten und Überarbeiten und wieder und

[00:08:34]  wieder überarbeiten, aber tatsächlich sind die Passagen, die Sätze, die Sentenzen am besten,

[00:08:41]  wo man am wenigsten getan hat, wo eben dieser Überraschungseffekt, dieses zweite Ich schreibt,

[00:08:47]  dann ist es gut und dann bleibt es auch gut nach mehrmaligem Kontrollieren und Lesen.

[00:08:51]  Boris: Wir sind schon fast am Ende der Zeit unseres "Kurz und Schmerzlos", man kann es auch "Kurz und

[00:08:58]  Bündig" nennen. Ich habe jetzt als letzte Frage noch die Frage, kannst du unseren Hörerinnen und Hörern

[00:09:05]  ein Buch empfehlen? Thomas Sautner: Also ich kann eigentlich alles von Richard Powers empfehlen, aber im Besonderen

[00:09:11]  vielleicht den Roman "Erstaunen". Sehr berührend, philosophisch großartig, habe ich mit Vergnügen

[00:09:17]  und Gänsehaut und großer Demut und Freude gelesen, sehr gut. Boris: Vielen Dank, Thomas, fürs Gespräch und

[00:09:23]  ich freue mich schon auf den heutigen Abend. Thomas Sautner: Ich mich auch, und auf viele Leserinnen und Leser

[00:09:28]  hoffentlich. Boris: Dankeschön. Thomas Sautner: Alles Liebe. [Outro-Musik]

[00:09:31]  [Boris spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen,

[00:09:59]  dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Boris spricht]

Auftakt HerbstLeseFest

Auftakt HerbstLeseFest

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

[00:00:07]  [Intro-Musik] Christina: Hallo und herzlich willkommen zurück zum Vorwort, den Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:28]  Mein Name ist Christina und die Pia kann heute leider nicht dabei sein.

[00:00:34]  Pia, wenn du das hörst, ganz liebe Grüße an dich.

[00:00:37]  Aber meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer, während Pias Abwesenheit natürlich extrem schade ist,

[00:00:43]  können wir jetzt einmal so ganz unter uns mal etwas Abwechslung ins Vorwort bringen.

[00:00:48]  Ihr kennt ja bereits die Shelley und die Jaci.

[00:00:52]  Die beiden haben bereits einige Folgen vom Vorwort gehostet

[00:00:55]  und jetzt haben sie der Pia und mir eine Lesechallenge gestellt und uns dazu herausgefordert.

[00:01:01]  Da können wir natürlich nicht nein sagen.

[00:01:03]  Wir setzen sogar noch eines drauf und rufen hiermit ganz offiziell das erste Podcast-Herbstlesefest aus.

[00:01:10]  Nur hier bei uns im Vorwort.

[00:01:12]  Was bedeutet das jetzt genau?

[00:01:14]  Im Oktober und November geht es bei uns literarisch zu.

[00:01:18]  Wir setzen uns gegenseitig literarische Challenges und lesen für -

[00:01:23]  und wenn ihr möchtet mit - euch Romane und besprechen sie dann in der darauffolgenden Episode.

[00:01:30]  Also, wir kündigen einen Roman in der Folge an, die ihr gerade anhört

[00:01:36]  und haben dann zwei Wochen Zeit hineinzuschmökern.

[00:01:40]  Die Folge da drauf nutzen wir, um uns zu besprechen, reden über den Roman,

[00:01:46]  geben Hintergrundinfos und interessante Fakten

[00:01:49]  und wenn ihr Lust und Laune habt, lest doch einfach mit.

[00:01:53]  Und weil es so viel lustiger für uns ist, werden die Hosts des Podcasts sich gegenseitig Lesechallenges setzen.

[00:02:01]  Wir lassen uns also überraschen und wissen bis zur Aufnahme der jeweiligen Folge gar nicht,

[00:02:06]  was wir mit euch als nächstes lesen.

[00:02:10]  Hören wir uns doch mal gemeinsam die Sprachnachricht an, die Shelley und Jaci uns hinterlassen haben:

[00:02:16]  [Beginn Sprachnachricht] Jaci: Hallo, liebe Christina, hallo, liebe Pia. Wir melden uns aus dem Off mit eurer Lesechallenge.

[00:02:24]  Shelly: Und zwar haben wir uns gedacht, da ja am 3.10., das ist er Donnerstag um 19 Uhr bei uns im Veranstaltungssaal,

[00:02:33]  die Lesung mit Thomas Sautner und seinem neuen Roman "Pavillion 44" stattfindet,

[00:02:39]  dass ihr euch da optimal darauf vorbereiten könnt und deshalb das Buch lesen könnt.

[00:02:44]  Jaci: Genau. [lacht] Also wir wünschen viel Spaß bei der Lektüre und wir hören uns in zwei Wochen. Shelly: Genau, viel Spaß. [Ende Sprachnachricht]

[00:02:51]  Das ist natürlich eine sehr gute Idee für eine Veranstaltung, die auch heute im Haus stattfindet.

[00:02:57]  Das heißt, heute ist der Tag, an dem der Podcast online geht, das ist der 3.10.

[00:03:02]  Bedeutet für alle Kurzentschlossenen in ins Prokundunggebung.

[00:03:07]  Damit ihr abschätzen könnt, ob ihr das Buch mit uns lesen möchtet,

[00:03:11]  schaut doch einfach in den Shownotes vorbei, dort findet ihr alle interessanten Fakten zu dem Buch,

[00:03:16]  mit Inhaltsangaben und worum es geht.

[00:03:19]  Ich freue mich sehr, danke Shelly und Jacqueline für die tolle Challenge.

[00:03:23]  Wenn ihr jetzt Lust bekommen habt, lest doch den Roman mit uns.

[00:03:27]  In zwei Wochen hören wir uns dann wieder und besprechen das Buch, was uns gefallen hat, was nicht so,

[00:03:33]  was es mit dem Titel auf sich hat und dann noch viele weitere Fun Facts rund ums Buch.

[00:03:37]  Ihr kommt nicht zum Lesen? Das ist egal.

[00:03:40]  Ihr könnt die Folge trotzdem mit genießen und euch inspirieren lassen.

[00:03:43]  Und dann vielleicht für das Buch, dass wir als nächstes zusammen lesen

[00:03:47]  und dann am Ende der nächsten Folge ankündigen werden.

[00:03:50]  Ihr habt das Buch gelesen oder lest es gar mit uns? Teilt uns eure Meinung mit

[00:03:56]  und unter allen Einsendungen haben wir einen ganz tollen Preis,

[00:04:00]  verlosen wir nämlich ein signiertes Exemplar von "Pavillon 44".

[00:04:04]  Schreibt uns dazu einfach auf Instagram

[00:04:07]  unter dem Handle "stadtbibliothek.innsbruck"

[00:04:11]  oder unter post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at.

[00:04:16]  Also, teilt uns eure Meinung.

[00:04:19]  Wir nehmen die in den Podcast mit auf und in unsere Diskussion über das Buch

[00:04:23]  und ihr habt die Chance ein signiertes Exemplar von "Pavillon 44" zu gewinnen.

[00:04:28]  Und, ein Vögelchen hat mir geflüstert, dass der Thomas Sautner

[00:04:33]  für ein kurzes Interview im Podcast zu hören sein wird.

[00:04:36]  Darauf sind wir natürlich besonders gespannt.

[00:04:38]  Damit bleibt mir nur noch euch ein gutes Lesen zu wünschen.

[00:04:42]  Vergesst nicht uns zu schreiben, wie es läuft.

[00:04:45]  Und wir hören uns in der nächsten Folge, in der wir "Pavillon 44" dann zusammen mit der Pia besprechen.

[00:04:51]  Tschüss und bis zum nächsten Mal. Schönes Lesen!

[00:04:54]  [Outro-Musik]

[00:05:16]  [Boris spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen,

[00:05:23]  dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Boris spricht]

 

Sprachenvielfalt und Sprachsensibilität in eurer Stadtbibliothek

Sprachenvielfalt und Sprachsensibilität in eurer Stadtbibliothek

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchung führen. [moduliert]

[00:00:07]  [Intro-Musik] Christina: Hallo und herzlich willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek

[00:00:25]  Innsbruck. Ich bin die Christina und die Pia ist zu diesem Zeitpunkt, oder dem Zeitpunkt dieser

[00:00:32]  Aufnahme bei einer wichtigen Fortbildung, nämlich zu den Neuerscheinungen, die rund um den Oktober

[00:00:38]  herauskommen für die im Oktober anstehende Frankfurter Buchmesse. In der letzten Folge haben

[00:00:45]  die Pia und ich unsere Sprachgeschichte mit euch geteilt und euch erzählt, warum wir beide

[00:00:49]  Englisch sprechen und dem ein oder anderen oder der ein oder der anderen hoffentlich ein paar

[00:00:56]  Inspirationen mitgegeben, wie man den Start in eine andere Sprache findet. In der heutigen Folge

[00:01:03]  wird es einmal mehr um das Thema Mehrsprachigkeit gehen, diesmal jedoch nicht nur aus persönlicher

[00:01:10]  Sicht, sondern aus kulturhistorischer und vor allen Dingen bibliothekspädagogischer Sicht. Wie

[00:01:17]  bereits angekündigt habe ich mir dafür extra Hilfe geholt, nämlich einer Expertin. Heute ist

[00:01:23]  unsere liebe Kollegin die Veronika bei uns. Veronika, herzlich willkommen im Podcast. - Veronika: Ja,

[00:01:29]  hallo. - Christina: Möchtest du dich unseren Zuhörer*innen vorstellen, wie vielleicht einmal sagen, was

[00:01:35]  deine Rolle bei uns im Haus ist? - Veronika: Ja, ich bin Bibliothekarin hier im Haus mit dem Schwerpunkt

[00:01:42]  Zielgruppenarbeit. Das ist für uns so ein ganz geläufiges Wort. Ich sage vielleicht ganz kurz,

[00:01:47]  was wir darunter verstehen. In der Bibliothek bieten wir ja nicht nur Medien zum Verleih an,

[00:01:54]  wir bieten auch alle möglichen Veranstaltungen und Angebote zum Mitmachen, zum Dabei sein,

[00:02:02]  zum Zuhören, zum Diskutieren, zum Lernen, zum Philosophieren für unser Publikum an,

[00:02:08]  zum Dabei sein für verschiedene Zielgruppen. Das sind einerseits Kinder und Jugendliche,

[00:02:14]  das sind aber auch Erwachsene, Menschen mit spezifischen Bedürfnissen, wie zum Beispiel Menschen

[00:02:19]  mit Deutsch als Zweitsprache, Senioren und Seniorinnen. Aber im Grunde gehört jeder und

[00:02:26]  jede zu irgendeiner unserer Zielgruppen. Und wir entwickeln da spezifische Angebote auf

[00:02:32]  verschiedenen Ebenen. Das ist eigentlich meine hauptsächliche Aufgabe hier im Haus. - Christina: Genau, und du machst

[00:02:40]  all diese schönen Sachen, zum Beispiel hat es, natürlich mit Hilfe von anderen Kolleg*innen,

[00:02:47]  die das auch fleißig organisiert haben, - den Viktor kennt ihr schon, der war ja schon bei uns im Podcast

[00:02:53]  auch - das "Sprachcafé" zum Beispiel gegeben. - Veronika: Ja, das ist eine Sache, die wir begonnen haben in

[00:03:02]  unserem Zielgruppen-Team vor, ich glaube, ja vor drei Jahren, der sogenannte Sprach-Aperitivo,

[00:03:10]  wo wir einmal im Jahr, immer im Herbst, im September dazu einladen, mit zu plaudern in einer

[00:03:19]  Sprache, die jedes Mal eine andere ist. Wir hatten bereits Italienisch zu Gast. Wir hatten letztes

[00:03:26]  Jahr eine englische Tea-Time und wir hatten jetzt diese Woche Eric Ginestet bei uns zu Gast,

[00:03:36]  der auf Französisch uns ganz genau erklärt hat, welchen Wein zu welchem Käse man trinken [Christina lacht leise]

[00:03:45]  sollte. Und das sind immer sehr nette Veranstaltungen, wo es einfach darum geht, die Scheu zu verlieren,

[00:03:52]  in einer anderen Sprache zu sprechen, sich einfach spielerisch darauf einzulassen. Und das wird

[00:03:58]  immer auch sehr gut angenommen. - Christina: Ja, für alle, die noch nicht dabei waren, es ist wirklich

[00:04:03]  eine ganz besondere Veranstaltung, die auch auf der Fläche stattfindet bei unserem Lesecafé. Es

[00:04:10]  gibt immer was Gutes zum Essen, zum Probieren, zum Verköstigen, weil Sprache geht ja auch durch

[00:04:15]  den Magen oder so ähnlich. - Vero: [amüsiert] Genau. - Und es ist eine herrliche Stimmung. Also haltet Ausschau nach dem nächsten

[00:04:21]  Sprach-Apero und das lohnt sich total. Es ist eine ganze gemütliche Angelegenheit, ja, jedes Mal so

[00:04:30]  bezaubernd, auch wenn wir im Dienst sind. Wir mögen diese Tage sehr, sehr gerne. Veronika,

[00:04:35]  du hast ja eine besondere Beziehung zur französischen Sprache. Ist das richtig? - Veronika: Ja, auch. Ich bin selber

[00:04:44]  in einer binationalen Familie aufgewachsen. Meine Mutter ist Belgerin und mein Vater war Österreicher.

[00:04:54]  Wir sind hier in Österreich, in Innsbruck aufgewachsen. Aber wir waren natürlich auch ganz oft in

[00:05:00]  Belgien bei meiner Großmutter und dort wurden immer mehrere Sprachen gesprochen. Einerseits

[00:05:07]  natürlich Flämisch. Flämisch ist die belgische Variante des Niederländischen und andererseits

[00:05:13]  auch Französisch und natürlich auch Deutsch. Meistens ist es ja so, dass niederländisch-sprachige

[00:05:19]  Menschen Deutsch sehr gut verstehen. Umgekehrt ist es nicht ganz so. Das hat was

[00:05:23]  mit dieser Lautverschiebung zu tun. Da könnten jetzt Sprachwissenschafter*innen,

[00:05:27]  könnten uns das jetzt ganz genau erklären, warum das so ist. Und diese Vielfalt der Sprachen,

[00:05:32]  das war eigentlich für uns Kinder, also mich und meine Schwestern, immer schon Normalität.

[00:05:39]  Auch die Situation, dass man am Esstisch sitzt mit der Verwandtschaft und nicht alles versteht.

[00:05:44]  Also meine Mutter und meine Tanten, die haben dann Niederländisch gesprochen am Tisch, das

[00:05:50]  haben wir so halb verstanden. Und immer, wenn es dann um etwas gehen sollte, was wir Kinder nicht

[00:05:56]  verstehen sollten, was nur für Erwachsene war, sind sie ganz plötzlich ins Französische

[00:06:01]  gewechselt. Das konnten wir damals als Kinder noch nicht. - Christina: Aha! -  Und immer, wenn er plötzlich Französisch

[00:06:06]  gesprochen wurde, dann wussten wir, okay, jetzt geht es um irgendwas ganz, ganz spannendes, [Christina lacht]

[00:06:11]  ganz was Interessantes, was wir nicht wissen dürfen. Und im Laufe der Zeit hat man doch das eine

[00:06:17]  oder andere verstanden. Aber diese Situation mehrerer Sprachen, die Situation einen Teil zu verstehen,

[00:06:27]  einen Teil nicht zu verstehen, das ist mir von Kindheit aus schon sehr vertraut. Ja. - Christina: Und ich

[00:06:33]  bin mir, ich kann mir vorstellen, dass das auch ein sehr nützliches Wissen ist, auch für deine Arbeit,

[00:06:39]  auch was die Arbeit an der Sprache und an den Sprachen betrifft. Die Pia und ich haben uns ja

[00:06:47]  letzte Folge darüber ausgetauscht, wie das ist eine Zweitsprache, wir haben es genannt,

[00:06:51]  zu "adoptieren". Und aus der sehr privilegierten Position heraus, das über den Bildungsweg

[00:06:56]  freiwillig zu machen in dem Land, wo wir eigentlich unsere Erstsprache sprechen,

[00:07:03]  wo unsere Erstsprache die Amtssprache ist und wo wir eigentlich eher suchen müssen,

[00:07:10]  um unsere "adoptierte Zweitsprache", also Englisch um uns zu haben, so ein bisschen. Deswegen,

[00:07:16]  was du gerade schilderst, ist ja dann eine ganz andere Situation. Wir haben ja sehr viele

[00:07:21]  Menschen, die in Österreich auch leben, die das nicht unbedingt freiwillig haben,

[00:07:27]  dass sie in diese Zweitsprache Deutsch eintauchen. Ja. - Veronika: Ja. Also ich glaube, generell mehrsprachig

[00:07:38]  aufzuwachsen oder im Laufe seines Lebens mit mehreren Sprachen zu leben, fördert auch

[00:07:47]  das Sprachbewusstsein ganz stark. Und ich glaube, man sieht das auch, wenn man jetzt die aktuelle

[00:07:54]  deutschsprachige Literatur nimmt, dann gibt es da ganz viele Autoren und Autorinnen, die Deutsch

[00:08:01]  als Zweitsprache haben und aber hervorragend auf Deutsch schreiben. Also wenn man jetzt zum Beispiel

[00:08:08]  den heurigen Bachmannpreisträger nimmt, Tijan Sila, übrigens ganz große Leseempfehlung.

[00:08:15]  Tijan Sila ist in Bosnien aufgewachsen und dann mit der Familie auch als Folge des

[00:08:22]  Bosnienkrieges nach Deutschland ausgewandert in seinen Jugendjahren und schreibt jetzt auf

[00:08:30]  Deutsch und im deutschen Sprachraum gibt es ja ganz viele Kulturschaffende, die Deutsch sich erst

[00:08:37]  sekundär, also als Zweitsprache angeeignet haben und jetzt sehr produktiv mit dieser Sprache umgehen.

[00:08:45]  Also Mehrsprachigkeit kann auch ein Kick sein quasi in die Kreativität und in einen sehr

[00:08:54]  bewussten, sehr reflektierten Umgang mit Sprache. - Christina: Du hast gesagt, es stärkt das Sprachverständnis und

[00:09:02]  ich finde, es stärkt auch die Empathie, weil Kommunikation verläuft ja auch nicht nur auf

[00:09:09]  sprachlicher Ebene natürlich und gerade wenn man in die Situation kommt, wo man sich vielleicht

[00:09:14]  sprachlich nicht versteht, lernt man umso besser andere Kommunikationsmodelle kennen.

[00:09:20]  Veronika: Absolut, ja und ich würde auch nur dazu sagen, jede Sprache hat ja auch eine andere, bringt eine

[00:09:31]  andere Kultur der Kommunikation mit sich. Man drückt sich anders aus. Es sind nicht nur andere

[00:09:38]  Wörter und eine andere Grammatik, es ist eine andere Art des sprachlichen Verhaltens. Also zum

[00:09:46]  Beispiel hat meine Mutter immer wieder erzählt, wie sie nach Österreich kam in den 60ern nach

[00:09:52]  Tirol in ein damals noch sehr traditionell geprägtes Tirol. Sie war wirklich eine Exotin quasi

[00:09:58]  als Ausländerin hier - war sie verwundert, wie wenig man eigentlich mit Kindern spricht. Also

[00:10:05]  wie sie war einen viel sprachlicheren Ausdruck, ein viel stärkeres Sprechen miteinander, ein

[00:10:16]  Einbetten in zärtliche Worte. Also wir wurden als Kinder wirklich eingepackt in ganz viel

[00:10:25]  sprachliche Liebkosung. Ich will jetzt mit sagen, dass man in Tirol nicht zärtlich mit Kindern ist!

[00:10:32]  Aber, es ist eine andere Art. Zum Beispiel im Flämischen gibt es diese sehr zärtlichen Verkleinerungsformen

[00:10:40]  von Namen. Also jeder Name wird irgendwie abgewandelt. Man ist nicht "Veronika", man ist

[00:10:49]  "Veronika-ke", oder "Veronique-kske" und so ist jeder wird so mit Zärtlichkeit benannt. Und das hat

[00:11:00]  ein ganz anderen Stellenwert. Und für sie war dieser eher rauer Ton bei uns, der ja auch eine

[00:11:06]  gewisse Ästhetik hat, das würde ich gar nicht absprechen, aber dieser eher raue Ton war für

[00:11:13]  sie sehr befremdlich am Anfang. Und so bringt jede Sprache, bringt ihre Kultur mit, des Miteinanders,

[00:11:19]  und da gibt es dieses wunderschöne Zitat von Walter Benjamin: "Jede Sprache teilt sich selbst mit."

[00:11:27]  Also jede Sprache ist nicht nur ein Medium, etwas zu transportieren, sondern jede Sprache hat auch

[00:11:33]  ihre eigene Botschaft, ihren eigenen Inhalt. Und ich glaube, egal ob man in einer Sprache

[00:11:42]  aufwächst, mehrsprachig aufwächst oder Sprache sich sekundär dann noch einmal aneignet,

[00:11:47]  einfach sich darauf einzulassen auf eine andere Sprache, birgt schon das Potenzial,

[00:11:55]  dass man die eigene Weltsicht ein bisschen vergrößert. Und deshalb ist es das Wert auf jeden Fall,

[00:12:02]  auch sich mit Sprachen auseinanderzusetzen. - Christna: Findest du das Sprache was mit Identität zu tun hat?

[00:12:09]  Veronika: Unbedingt. Unbedingt. Also es beginnt schon bei der Stimme. Man moduliert ja auch die Stimme anders,

[00:12:18]  wenn man es in einer anderen Sprache spricht. Sprache kommt ja auch, wenn man es mal ganz basal

[00:12:26]  sehen, aus dem Körper über unseren Stimmapparat. Sprache hat ganz viel damit zu tun, wer wir sind,

[00:12:34]  als wer wir auch gesehen werden wollen und was uns ausmacht. Und sehr viele Menschen, die migriert

[00:12:43]  sind und jetzt in einem anderen Ort, in einer anderen Sprache leben, beschreiben dann auch so diesen

[00:12:48]  Zeitpunkt, wenn sie beginnen, nach vielen Jahren in einer anderen Sprache, in einer neuen, erworbenen

[00:12:55]  Sprache zu träumen. Das ist dann auch oft so - zeigt dann so das tiefere Eintauchen in eine Sprache.

[00:13:05]  Und ein sehr schönes Beispiel, auch literarisch, wenn man sich das anschauen will, was Sprache mit

[00:13:11]  Identität zu tun hat, zum Beispiel Elias Canetti, der ja also ganz wichtiger, großer Autor des

[00:13:20]  20. Jahrhundert, der auf Deutsch geschrieben hat, der mit vier Sprachen aufgewachsen ist. Er ist ja in

[00:13:28]  Rustchuk [red. Anm.: heute Ruse] geboren. Das ist im heutigen Bulgarien in einer jüdischen Familie, einer sephardisch-jüdischen

[00:13:39]  Familie. Das heißt, die haben zu Hause Ladino gesprochen, die Sprache der sephardischen Juden

[00:13:45]  und Jüdinnen, waren dann aber auch von Bulgarisch umgeben, natürlich in der Umgebung, auch von

[00:13:52]  Türkisch, weil es noch durch das Osmanische Reich so geprägt war. Das war ja auch die Region,

[00:13:57]  war Teil des Osmanischen Reiches auch lange Zeit. Und seine Eltern haben aber miteinander nur

[00:14:04]  als Paar Deutsch gesprochen, ganz exklusiv. Die Kinder sollten es nicht verstehen. Und er hat dann

[00:14:12]  erst, wie sein Vater verstorben ist, von seiner Mutter Deutsch gelernt oder auf Deutsch geschrieben.

[00:14:17]  Und er hat dann aber später noch gesagt, dass zum Beispiel sein bulgarisches Kindermädchen,

[00:14:25]  hat ihm auf Bulgarisch Märchen erzählt. Und er hat dann später im Leben gesagt, er könnte jetzt

[00:14:30]  keinen Satz mehr

[00:14:32]  auf Bulgarisch sagen. Er würde die Sprache nicht mehr so herbringen, aber dieser Klang,

[00:14:37]  der Bulgarischen Märchen, die ihm sein Kindermädchen erzählt hat, dieser Klang, den hört er immer noch und

[00:14:47]  der beeinflusst auch sein literarisches Werk auf Deutsch. Also so lassen sich Sprachen auch nicht

[00:14:55]  wirklich so trennen. Jede Sprache, die in unser Leben tritt, beeinflusst auch unser Sprachgefühl,

[00:15:03]  unser Gefühl für Rhythmus, für Klangfarbe, für Sprachmelodie. Und ja, in der Literatur kann

[00:15:11]  man das sehr gut nachvollziehen. Aber es ist auch für uns alle, auch für die, die nicht schreiben,

[00:15:17]  etwas, was sehr wichtig ist in unserem Leben und dem wir auch mehr Aufmerksamkeit schenken sollten.

[00:15:23]  Christina: Mhm. Und vor allen Dingen auch die positive Aufmerksamkeit, die das eigentlich verdient. Im Vorgespräch oder

[00:15:31]  im Vorfeld unserer Aufnahme haben wir uns ja über ein paar Themen schon ausgetauscht und da hast

[00:15:39]  du auch gesagt, dass es kulturhistorisch eigentlich die Normalität war, mehrsprachig zu sein. Du hast

[00:15:47]  jetzt schon mehrere Beispiele genannt, also von -  wie viele Menschen, in dem Fall Literaten, du selber

[00:15:56]  eben auch mehrsprachig, also ganz selbstverständlich mehrsprachig aufgewachsen sind. Kannst du uns

[00:16:02]  da aus diesem kulturhistorischen Aspekt noch was sagen, weil heute hat man ja das Gefühl manchmal

[00:16:08]  im öffentlichen Diskurs, als wäre die Mehrsprachigkeit was Neues und eventuell sogar was Schlechtes,

[00:16:16]  was wir und ich glaube, dass du mir dazustimmen wirst, ja überhaupt nicht so sehen. Oder? - Veronika: Mhm, ja. - Und vielleicht

[00:16:24]  kannst du da was dazu sagen ... Veronika: Ja, also wenn man sich die Geschichte Europas jetzt genauer anschaut,

[00:16:30]  das Denken, das ein Staat eine Sprache hat, das ist ja eigentlich erst mit der Entstehung der

[00:16:42]  modernen Nationalstaaten, vor allem im 18. und 19. Jahrhundert entstanden. Wenn wir jetzt zum

[00:16:49]  Beispiel Frankreich als Beispiel nehmen. In Frankreich gab es viele Sprachen, viele regionale

[00:16:56]  Sprachen, Okzitanisch, Bretonisch, an der Grenze im Grenzraum zu den Niederlanden,

[00:17:04]  Flämisch, im Grenzraum zu Spanien, Katalanisch. Also da gab es viele Sprachen und es war auch

[00:17:14]  einfach dann irgendwann der politische Wille eine nationale einheitliche Sprache zu haben.

[00:17:20]  Und diese kleinen Sprachen, die regionalen Sprachen, die Minderheitensprachen,

[00:17:25]  wurden ja auch in einem, im weitesten Sinn, gewalttätigen Prozess eigentlich, ja, es wurde ihnen

[00:17:34]  einfach kein Platz mehr geboten. Und teilweise wurden solche Sprachen dann auch verboten in

[00:17:40]  dieser Entstehung der modernen Nationalstaaten. Und es gab einfach viele Regionen, die über die

[00:17:47]  Geschichte hinweg immer zweisprachig waren, wenn man zum Beispiel das Elsass nimmt, wo ja

[00:17:52]  Deutsch und Französisch immer präsent waren, aber auch wenn man Osteuropa nimmt,

[00:17:58]  wo viele Regionen mehrere Sprachen hatten. Und es natürlich auch immer politische Fragen waren

[00:18:03]  und auch das Ergebnis von kriegerischen Auseinandersetzungen war, welche Sprache sich wo durchsetzt.

[00:18:10]  Auch in Österreich haben wir ja Minderheitensprachen wie Kroatisch und Slowenisch und

[00:18:17]  denke mir moderne Demokratien heute zeichnen, kann man ja immer auch danach beurteilen,

[00:18:24]  wie gehen sie mit ihren Minderheitensprachen um. - Christina: Mhm. -  Es ist ja auch so ein Gradmesser für den Umgang

[00:18:32]  mit Vielfalt, wie viel Verschiedeneheit darf denn sein, darf denn auch normal sein? Und gerade in

[00:18:40]  Europa waren ja auch immer viele Leute insofern zweisprachig, zum Beispiel Latein war lange

[00:18:47]  Zeit die [betont] Sprache nicht nur der Religion, sondern auch der Wissenschaft. Bis ins 18. Jahrhundert wurde an

[00:18:54]  den Universitäten Latein als Sprache einfach auch gesprochen, später dann Französisch als Sprache

[00:19:00]  des Adels oder der Diplomatie, dann natürlich auch die Juden und Jüdinnen, die ja meistens auch eine

[00:19:07]  zweite Sprache, sei es Jiddisch, sei es Ladino mitgebracht haben und gepflegt haben. Also viel,

[00:19:15]  viel mehr Menschen waren mehrsprachig als wir das heute so glauben, dass früher alles so einheitlich

[00:19:23]  gewesen wäre. - Christina: Und unseren Zuhörerinnen ist vielleicht auch bereits aufgefallen, dass wir im

[00:19:30]  Podcast vor allem die Begriffe "Erst- und Zweitsprache" nutzen. Man nennt es ja aber doch noch

[00:19:38]  auch anders, gerade im Alltag. Wie stehst denn du zu den Begriffen "Fremdsprache" und "Muttersprache"?

[00:19:45]  Beziehungsweise: Warum entscheiden wir uns in Bibliothekskontext dafür, diese anderen Begriffe zu verwenden?

[00:19:56]  Ja, "Fremdsprache" ist natürlich mit diesem Wort "fremd" irgendwie behaftet mit so einer Bewertung,

[00:20:06]  mit die wir nicht so gerne verwenden. Deshalb sprechen wir eher von "Zweitsprache". Das Wort

[00:20:14]  "Muttersprache", ich finde, das gibt es viele verschiedene Ebenen. Einerseits hat es natürlich

[00:20:22]  auch was Schönes, die allermeisten von uns lernen ihre erste Sprache doch in der Kommunikation auch

[00:20:31]  mit ihrer Mutter oder mit jener Person, die diese Mutterrolle, ob das dann eine Frau oder ein Mann

[00:20:39]  ist, diese Mutterrolle auch einnimmt. Es zeigt auch, dass Sprache ja eingebettet ist in einer

[00:20:48]  soziale Beziehung, in dem Fall die erste, wichtigste kindliche Beziehung. Aber natürlich ist das Wort

[00:20:56]  "Muttersprache" auch irgendwo ideologisch aufgeladen, genauso wie das Wort "Heimat" ideologisch aufgeladen

[00:21:05]  ist. Ich glaube nicht, dass wir jetzt irgendwelche Wörter aus unserem Wortschatz komplett verbannen

[00:21:13]  müssen. Es geht darum, wie bewusst wie sie verwenden. - Christina: Es geht um achtsames Verwenden der Wörter. - Veronika: Genau. - Christina: Also

[00:21:20]  wir schließen die jetzt nicht unbedingt aus unserem Sprachgebrauch aus. Uns geht es darum,

[00:21:26]  achtsam mit all unseren Mitmenschen umzugehen. Und ich stimme dir da in allen zu, außer vielleicht

[00:21:32]  im Begriff "Muttersprache", weil für mich ist die, aber da hast du ja auch schon was dazu gesagt,

[00:21:38]  dass "Mutter" als Wort ideologisch aufgeladen ist, unabhängig von "Sprache". Aber ich glaube,

[00:21:45]  das wäre noch einmal ein eigener Podcast. - Veronika: Da könnten wir sehr viel darüber reden. Also das Thema

[00:21:51]  Mutter ist natürlich generell emotional, ideologisch, gesellschaftlich auch natürlich was Gender

[00:22:01]  betrifft unglaublich mit Bedeutungen aufgeladen. Aber das zeigt ja auch wieder das Interessante an

[00:22:06]  Sprache. Kein Wort steht für sich alleine, sondern bringt immer ganz viel Kontext mit sich. - Christina: Du hast

[00:22:15]  vorhin von einem, wie ich finde, plädiert für einen wertschätzenden Umgang mit verschiedenen

[00:22:22]  Sprachen, seien es die, ich nenn es jetzt mal grob "Amtsprachen" oder die "Hauptsprachen" in

[00:22:28]  einem Land oder die Minderheitensprachen. Und das ist auch etwas, das du in der Programmengestaltung

[00:22:36]  darzustellen versuchst. Und das erste woran ich da denke, ist das Bilderbuchkino. Das hat nämlich

[00:22:43]  eine Besonderheit. Welche ist das denn? - Veronika: Wir haben immer wieder für Kinder im Vorschulalter mit ihren

[00:22:52]  begleitenden Erwachsenen Veranstaltungen, die nennen sich dann Vorlesezeit oder Familienmatinee,

[00:23:00]  häufig mit einem Bilderbuchkino. Und die machen wir, nicht immer, aber doch in regelmäßigen

[00:23:08]  Abständen in mehreren Sprachen, zweisprachig, um auch die Situation zu schaffen, dass auf der Bühne

[00:23:16]  eine zweite Sprache gesprochen wird. Und das schafft noch einmal eine andere Ebene, also zu sehen,

[00:23:27]  auch für Menschen, die nicht Deutsch als Erstsprache haben. "Meine Sprache wird hier nicht nur akzeptiert",

[00:23:36]  irgendwie, oder respektiert, "sie wird auch auf die Bühne geholt." Das schafft noch einmal ein zusätzliches

[00:23:44]  Stück Wertschätzung für eine Sprache. Gleichzeitig gestalten wir das dann immer so, dass es in jeder,

[00:23:51]  auch für diejenigen, die diese Sprache dann nicht sprechen, auf Deutsch gut alles nachvollziehbar ist

[00:23:58]  und auch wenn man jetzt die andere Sprache nicht beherrscht, man alles versteht. Man ist dann aber

[00:24:05]  in der Situation, dass man nicht jeden einzelnen Satz, der auf der Bühne gesprochen wird, versteht.

[00:24:09]  Und diese Situation des Nichtverstehens einzelner Teile ist auch ganz wichtig im Hinblick auf das

[00:24:20]  Sprachbewusstsein. Wenn ich selber mal mich dieser Situation ausgesetzt habe, ich verstehe

[00:24:26]  irgendwas nicht, wie man es ja auch oft auf Reisen hat. Man ist umgeben vielleicht von Leuten und

[00:24:32]  man versteht einfach kein Wort. Das ist ja auch eine Situation der Unsicherheit. Aber sich dem

[00:24:38]  auszusetzen finde ich ganz wichtig. Weil es dann wieder eben, wie du vorhin auch erwähnt hast,

[00:24:45]  die Empathie stärkt, wie es anderen ergeht, wenn sie hier sind und vieles nicht verstehen. Und wir

[00:24:52]  wollen damit auch, dass was unser Credo ist in unserem Zielgruppenarbeits-Team ist, wir wollen ein

[00:24:59]  sprachenfreundliches Umfeld schaffen. Zu zeigen: "Ihr, die ihr zu uns in die Bibliothek kommt, ihr seid mit

[00:25:11]  all euren Sprachen hier willkommen." - Christina: Und dazu haben wir neben den Lesezeiten für die Kinder auch andere

[00:25:21]  Angebote, zum Beispiel die "Lesezeit in einfachem Deutsch", die von einer lieben Kollegin organisiert

[00:25:28]  wird. Das ist ohne Anmeldung für jeden, der seine Deutschkenntnisse verbessern will. Man kann

[00:25:34]  einfach vorbeikommen ab dem Niveau A2 bis zu, also A2/B1 grob. Aber wenn man sich nicht sicher ist,

[00:25:44]  einfach vorbeischauen und das Ganze auf sich wirken lassen. Wir haben natürlich dann noch Medien

[00:25:51]  zu Deutscher als Zweitsprache im Haus und zwar von der Vorschule weg, wirklich über alle Altersgruppen

[00:25:57]  hinweg bis zu den Erwachsenen hin. Auch da kann man einfach vorbeikommen und sich von uns helfen

[00:26:06]  lassen oder beraten lassen oder einfach nur was ausleihen. Und natürlich stehen auch alle anderen

[00:26:12]  Angebote in der Stadtbibliothek zur Verfügung. Und wir haben, wenn man dann dann mal vielleicht in einer

[00:26:18]  Erstsprache lesen will, durchaus auch Erstsprachebücher da auf verschiedenen Sprachen, sei es - wir haben

[00:26:25]  jetzt gesprochen über Französisch, äh Französisch, Spanisch, Englisch sowieso, haben wir ja letzte

[00:26:30]  Woche schon geklärt, aber auch Arabisch, Türkisch und Russisch. - Veronika: Ja, was ich auch noch betonen möchte

[00:26:40]  ist, dass in unserem Team, wir machen ja sehr viel Beratung auch für die Leute, die zu uns in die

[00:26:47]  Bibliothek kommen und wir bemühen uns - wir können natürlich nicht alle Sprachen abdecken, aber wir

[00:26:54]  haben doch einige Kolleginnen und Kollegen im Team, die in verschiedenen Sprachen beraten können,

[00:27:00]  auf Englisch natürlich, auf Französisch, auf Spanisch, wir haben einen Kollegen, der Arabisch spricht.

[00:27:06]  Also wir bemühen uns auch da - Christina: Italienisch. - Veronika: Italienisch, haben wir auch eine Kollegin natürlich, die Italienisch

[00:27:13]  als Erstsprache hat. Also wir bemühen uns auf vielen Ebenen, den Leuten da entgegenzukommen und auch

[00:27:20]  zu zeigen, dass wir da offen sind und auch wenn jemand kommt, wo wir die Sprache, also wo wir jetzt

[00:27:28]  niemanden im Team haben, der das sprachlich abdecken kann. Ja, wir haben immer noch Wege gefunden,

[00:27:36]  auch Leute zu unterstützen, dass sie das finden, was sie bei uns suchen und bei uns brauchen,

[00:27:43]  auch wenn es sprachliche Barrieren gibt, dass man da versucht entgegenzukommen. - Christina: Und mit diesem

[00:27:51]  schönen Schlusswort, Veronika, ich möchte mich ganz herzlich bedanken für deine Zeit, für deine

[00:27:57]  Expertise und für dieses sehr angenehme und informative Gespräch. - Veronika: Danke schön. - Christina: Dann verabschieden

[00:28:04]  wir uns heute vom Vorwort. Ihr schaltet einfach das nächste Mal wieder ein. Es geht spannend weiter

[00:28:10]  im Oktober. Schreibt uns, teilt uns doch mal eure Erstsprache mit, sollte die nicht Deutsch sein.

[00:28:17]  Ihr könnt das machen auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at oder auch gerne auf Instagram oder auf

[00:28:26]  Facebook. Bis dahin, alles Gute! [Outro-Musik]

[00:28:29]  [Pia spricht] Das Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek

[00:28:58]  Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Pia spricht]

Vorteile einer Zweitsprache - Unsere Erfahrungen mit Englisch

Vorteile einer Zweitsprache - Unsere Erfahrungen mit Englisch

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [Stimme moduliert]

[00:00:06]  [Intro-Musik] Christina: Hallo und herzlich willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:27]  Mein Name ist Christina - Pia: und ich bin die Pia -

[00:00:30]  Christina: Und nach einer kurzen krankheitsbedingten Pause sind wir jetzt wieder da

[00:00:35]  mit der nächsten Folge. Dieses Mal haben wir die nächsten zwei Folgen, also sowohl diese als auch die nächste, unter das Motto "Sprachen" gestellt. Gell Pia?

[00:00:46]  Pia: Ja genau.

[00:00:47]  Christina: Nachdem der September nämlich in der ganzen Stadtbibliothek im Zeichen des Themas "Sprache" steht,

[00:00:53]  befassen wir uns jetzt in den nächsten zwei Folgen damit. In der heutigen Folge weihen Pia und ich euch in unsere eigene Sprachgeschichte ein.

[00:01:03]  Und wir möchten euch auffordern, eure Erfahrungen mit Zwei- oder Mehrsprachigkeit auch sehr gerne mit uns zu teilen.

[00:01:11]  Wie immer könnt ihr uns dazu unter dem Hashtag #GemeinsamBesser auf Instagram unter dem Handle "stadtbibliothek.innsbruck" schreiben

[00:01:19]  oder aber auch sehr gerne eine Mail an post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at.

[00:01:28]  Schildert uns eure Erfahrungen und wir teilen sie dann miteinander und mit unseren anderen Zuhörerinnen und Zuhörern im Podcast.

[00:01:37]  In der nächsten Folge wird uns dann unsere liebe Kollegin Veronika besuchen.

[00:01:42]  Sie wird sich zwar dann selber natürlich noch vorstellen, aber so viel sei verraten:

[00:01:47]  Sie ist für viele Veranstaltungen und Projekte bei uns im Haus verantwortlich, ist selber zweisprachig aufgewachsen

[00:01:54]  und wird uns dann aus sowohl persönlicher sowie auch aus bibliothekspädagogischer Sicht Einblicke in die Vorteile von Mehrsprachigkeit geben.

[00:02:06]  Weil Pia, du bist ja nächste Woche auf Fortbildung, gell? Was machst du denn da Schönes?

[00:02:12]  Pia: Ja, ich bin am Wolfgangsee. Da geht es dann um Neuerscheinungen, spezifisch um die Frankfurter Buchmesse.

[00:02:21]  Was ist denn alles für neue Bücher gibt, nicht nur Romane, sondern auch Sachbücher und Kinder- und Jugendbücher.

[00:02:27]  Ich bin schon ganz gespannt.

[00:02:29]  Christina: Das glaube ich dir.

[00:02:30]  Ja, und jetzt wollen wir euch nicht länger auf die Folter spannen und wollen wir gleich auf unser heutiges Thema zu sprechen kommen, nämlich unsere Sprachgeschichte.

[00:02:37]  Wir glauben nämlich, dass die Sprachgeschichte von ganz vielen Menschen widerspiegelt und insbesondere wahrscheinlich auch einfach unserer Generation.

[00:02:46]  Wir haben uns ja irgendwann in der Vergangenheit schon geoutet. Pia, wir sind beide Millennials.

[00:02:51]  Ich so in der Mitte, du am unteren Rand.

[00:02:54]  Und ja, da gibt es natürlich gewisse Globalisierungstendenzen, wo man dann- ich kann's ja schon mal spoilern, verraten, Englisch lernt.

[00:03:06]  Pia: Ja, das geht glaube ich jedem und jeder so.

[00:03:09]  Christina: Vielen.

[00:03:10]  Pia: Ja, vielen.

[00:03:11]  In Österreich zumindest.

[00:03:14]  Christina: Und wir wissen ja, dass sehr, sehr viele von euch, lieben Zuhörerinnen und Zuhörern da draußen, auch mehrsprachig seid.

[00:03:21]  Und das hat vermutlich ganz verschiedene Gründe:

[00:03:25]  In eurer Familie werden mehrere Sprachen gesprochen oder ihr hattet eine Sprache in der Schule, die es euch besonders angetan hat.

[00:03:33]  Oder vielleicht habt ihr auch einfach beschlossen, euch ein neues Hobby zuzulegen und euch für einen Sprachkurs eingeschrieben,

[00:03:40]  vielleicht am Wifi oder online per App.

[00:03:43]  Bei mir war es in jedem Fall eine Mischung aus Bildungsweg und Interesse.

[00:03:50]  Meine Zweitsprache ist Englisch.

[00:03:55]  Also inzwischen kann ich auch sagen, dass ich Englisch fließend spreche, schreibe und auch verstehe.

[00:04:02]  Auch - oder [verfällt in starken Tiroler Dialekt] a wenn man beim Reden no die Tirolerin durchmerkt. [lacht]

[00:04:07]  Besonders, wenn wir uns unten mit internationalen Gästen unterhalten und man gerade aus einer deutschsprachigen Beratung kommt,

[00:04:18]  ist es immer ein bisschen schwierig, um zu switchen, oder?

[00:04:20]  Pia: Ja, ich finde auch, also ich kann eigentlich gut Englisch reden, aber in dem Moment bin ich dann immer so,

[00:04:25]  ich bin jetzt gerade nicht drauf eingestellt, Englisch zu reden.

[00:04:27]  Das ist manchmal zu schnell, dieser Switch.

[00:04:29]  Christina: [schmunzelnd] Und dann hör ich so den plattesten Dialekt in meinem Englisch.

[00:04:33]  Also eigens dafür studiert in "British English",

[00:04:36]  wo es ja extra Kurse und Seminare und Tests gab, ob man ja "British English" genug spricht.

[00:04:44]  [seufzt] Aber dann schaut man eine Staffel Bridgerton und dann geht es wieder. [beide lachen]

[00:04:50]  Bei mir ist es so, ich habe zwar auch noch ganz viele andere Sprachen gelernt,

[00:04:55]  bzw. angefangen zu lernen und lerne sie auch noch.

[00:04:59]  Aber Englisch ist die Sprache, bei der ich sagen würde, dass ich da so ziemlich auf dem Erstsprachenniveau bin inzwischen.

[00:05:06]  Und wie bei sehr vielen anderen und wie es sicher bei vielen von euch auch der Fall ist, gehört sie

[00:05:14]  und ganz unabhängig vom Sprachniveau, ganz selbstverständlich zu meinem Alltag.

[00:05:20]  Pia, wie ist es bei dir? Welche Sprache sprichst du, als, was ist denn deine Zweitsprache?

[00:05:29]  Pia: Also ich bin einsprachig aufgewachsen, wie du.

[00:05:33]  Aber das Lesen in anderen Sprachen war für mich auch immer Teil vom Lernprozess.

[00:05:38]  Ich finde, das hilft auch, dass man mehr in die Sprache hineinkommt, dass es Normalität wird.

[00:05:43]  Bei mir war es auch Englisch, wie eben so vielen anderen auch gegangen ist und geht.

[00:05:49]  Und bei mir waren es vor allem am Anfang Kinderbücher, die mir geholfen haben, dass ich reinkomme,

[00:05:54]  eben Harry Potter, die Percy Jackson, weil da einfach die Sprache doch ein bisschen, jetzt nicht simpler,

[00:06:02]  aber halt doch ein bisschen einfacher, ein bisschen kindergerechter ist und dann kommt man besser rein in das Ganze.

[00:06:07]  Ich habe es dann auch ein bisschen Französisch und Italienisch gelernt, aber das war gleich einmal vorbei.

[00:06:13]  Da habe ich auch ein bisschen in die Sprachen lesen angefangen, Der kleine Prinz zum Beispiel auf Französisch,

[00:06:18]  aber das war eher sehr zurückhaltend, sagen wir es mal so.

[00:06:23]  Und was ich auch ansprechen wollte ist, dass ich nicht nur die Sachen gelesen habe, um eben die Sprache zu lernen,

[00:06:29]  sondern auch angeschaut habe. Also für mich waren generell Medien auf Englisch dann sehr wichtig.

[00:06:34]  Ich habe zum Beispiel dann auch sehr, sehr viele Kinderfilme auf Englisch geschaut,

[00:06:38]  weil auch wieder das Gleiche, Kinderfilme halt einfacher als Erwachsenenfilme.

[00:06:42]  Vor allem die Disneyfilme, das wird halt alles in einem Studio aufgenommen und dann ist es halt nur einfacher zu konsumieren.

[00:06:48]  Das hat mir zum Beispiel total geholfen.

[00:06:50]  Christina: Das ist interessant, stimmt eigentlich, der Punkt mit: Alles, was im Studio aufgenommen wird, ist natürlich einfacher zu verstehen.

[00:06:57]  Pia: Genau, und da wollte ich auch nochmal darauf hinweisen, weil wir haben ja auch DVDs und Filme in der Bücherei,

[00:07:03]  sowohl vor Ort als DVD, aber auch digital zum Streamen auf Filmfriend.

[00:07:09]  Und Filmfriend hat sogar extra eine Collection zusammengestellt, wo es nur um Originalversionen geht,

[00:07:17]  was vielleicht auch recht interessant ist für unsere Zuhörer*innen.

[00:07:20]  Christina: Und bei Filmfriend kann man, Pia, glaube ich, auch die Sprache verstellen, ist das richtig?

[00:07:25]  Christina: Genau, also es gibt Originalversionen, es gibt auch Originalversionen mit Untertiteln,

[00:07:29]  aber man kann auch zwischen den Sprachen hin und her wechseln.

[00:07:32]  Bei uns bei DVDs vor Ort geht das natürlich auch.

[00:07:35]  Christina: Und es ist toll, dass wir einen riesigen Auswahl an Filmen für verschiedene Altersgruppen haben.

[00:07:41]  Das heißt, es gibt sowohl jetzt bei Filmfriend als auch vor Ort Kinderfilme, Jugendfilme und Filme für Erwachsene.

[00:07:51]  Und das ist dann eigentlich super.

[00:07:55]  Also wenn mich jemand fragt, wie soll - "Ich lernen gerade X/Y-Sprache, was soll ich machen?"

[00:08:00]  und dann sage ich auch immer auf jeden Fall auch Medien, also Konsum von, egal was in der Zielsprache.

[00:08:09]  Pia: Ja, weil das hilft einfach, man kommt dann einfach mehr in das Ganze rein.

[00:08:13]  Und in Englisch bin ich inzwischen auch soweit, dass es einfach zu meinem Alltag gehört,

[00:08:17]  und egal ob das jetzt ein YouTube-Video ist oder ein Film oder ein Buch, das ist egal,

[00:08:22]  aber da ist man einfach viel mehr reingekommen und es ist einfach Normalität geworden,

[00:08:26]  dass ich das einfach auch auf Englisch hören, lesen, schauen kann.

[00:08:29]  Christina: Und es gibt ja verschiedene Formen des Spracherwerbs und wir sind jetzt beide keine Expertinnen dafür,

[00:08:35]  aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, also einmal gibt es natürlich dieses recht verschulte Spracherwerbssystem,

[00:08:42]  besonders wenn man es dann in der Freizeit beim Sprachenlernen gar nicht mehr so eine große Rolle spielt.

[00:08:48]  Wir haben natürlich auch Sprachkurse da für verschiedene Sprachen, also ganz unterschiedliche Sprachen,

[00:08:54]  kann man bei uns dann auch aus sich ausleihen und lernen.

[00:08:57]  Das ist noch ganz klassisch dann didaktisch aufgebaut, mit verschiedenen Büchern auf verschiedenen Sprachniveau

[00:09:03]  und sogar noch mit CDs.

[00:09:06]  Aber wir alle kennen es ja auch, die die von uns sprachaffin sind und das auch einfach gerne mögen.

[00:09:12]  Da gibt es auch dann Apps und das ist dann was auch viel mit der sogenannten Gamification arbeitet.

[00:09:18]  Und dann ist es viel auch gar nicht mehr so verschult, sondern arbeitet sehr viel über das Belohnungssystem

[00:09:25]  und über diesen Spaß dran zu bleiben, weil es das Einzige, was man machen muss, ist ja nur üben, üben, üben.

[00:09:31]  Und das, was wir gerade beschrieben haben, die Methode, die gibt es eben auch und dass man sich einfach umgibt

[00:09:39]  mit der Sprache, so viel es nur geht.

[00:09:42]  Deswegen lernt man natürlich, wenn man ohne Sprachkenntnisse in irgendein anderes Land geht und dann ein halbes Jahr da ist,

[00:09:49]  dann kann man irgendwann die Sprache, vorausgesetzt, man hat niemanden da, der mit einem die Erstsprache spricht.

[00:09:56]  Pia: Man kommt nicht mehr aus, man muss es irgendwann noch mal ein bisschen, zumindest, mitkriegen.

[00:10:00]  Christina: Genau, und dann lernt man das irgendwie so durch, teilweise kommt es mir vor wie Osmose. [lacht]

[00:10:06]  Also ich sitze zum Beispiel, ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich sitze gar nicht mehr da und lerne so listenweise Vokabeln.

[00:10:13]  Da grauts mich richtig. Weil, ch habe dafür eine gamification-, also eine App, mit der spiele ich dann ein bisschen und dann macht es noch Spaß.

[00:10:20]  Pia: Ja, man holt sich das dann einfach so locker in den Alltag, das ist wie Candy Crush [lacht] aber halt für Sprachen.

[00:10:26]  Christina: Ja, genau. [Gelächter]

[00:10:28]  Pia, was ich dich noch fragen wollte, in welchem Alter hast du angefangen Englisch zu lernen?

[00:10:33]  Pia: Gute Frage, in der Volksschule, glaube ich, haben wir mit einem ganz einfachen Kurs angefangen, aber das war wirklich nur das aller Simpelste ...

[00:10:41]  Christina: Wie war das bei euch auch in der dritten Klasse?

[00:10:43]  Pia: Es kann sein, aber ich kann mir da ehrlich gesagt sehr schwer daran erinnern. [lacht]

[00:10:47]  Christina: Weil ich bin ja ein paar Jahre älter als du, bei mir war es auch in der Volksschulzeit.

[00:10:51]  Und ich weiß noch, dass es so in unserer Schule so ein in Anführungsstrichen "Pilotprojekt" gab für Kinder, die sich dafür interessieren,

[00:10:58]  dass man schon in der dritten Klasse anfing zu lernen.

[00:11:00]  Ich bin sicher, dass ist inzwischen Standard oder an vielen Schulen schon immer normal gewesen,

[00:11:05]  aber ich weiß noch, wie ich da gefragt worden bin, ob mich das interessieren würde.

[00:11:10]  Und das werde ich nie vergessen, wie dann plötzlich die Lehrerin statt "Apfel" "apple" draufgeschrieben hat.

[00:11:20]  Aber das Bild war es gleiche, nämlich das von einem Apfel.

[00:11:23]  Und ich habe dann so diese Idee, dass es für eine Sache an anderen Begriff gibt.

[00:11:30]  Pia, gleichzeitig: Begriff gibt. [beide lachen]

[00:11:31]  Christina: Ja, und da war schon so der erste Funke da, dass mir Sprachen Spaß machen,

[00:11:36]  weil es so der erste, winzige kleine Blick hinter den Vorhang von einer anderen Welt, so ein bisschen, oder?

[00:11:43]  Pia: Ja, es ist mir auch so gegangen. Aber ich kann mich nicht mehr drin, nicht genau dran erinnern, wann das war.

[00:11:50]  Ich weiß nur, wo ich das erste Mal Harry Potter auf Englisch gelesen habe,

[00:11:54]  da habe ich noch sehr, sehr viele Wörter googlen müssen.

[00:11:57]  Oder halt nicht googeln.

[00:11:59]  Nachschauen im Internet. [lacht]

[00:12:00]  Christina: Ich wollte gerade sagen, ich glaube nicht, dass es da ... Pia: ... oder Duden ... [beide lachen]

[00:12:03]  Pia: Aber... und eben, da habe ich mir halt auch Listen gemacht, weil ich die ganzen Sachen halt nicht gewusst habe.

[00:12:10]  Aber ich habe trotzdem teilweise einfach drüber gelesen oder weiter gelesen, weil irgendwann wird es sonst auch frustrierend.

[00:12:14]  Christina: Es gibt so, ich glaube, ich habe jetzt mal gelesen, wie gesagt, alles für den privaten Gebrauch,

[00:12:19]  aber, im besten Fall versteht man, ich glaube, es waren irgendwas zwischen 80 und 90 Prozent der Vokabeln, die auf einer Seite sind.

[00:12:27]  Und dann kann man anfangen, das Buch zu lesen.

[00:12:29]  Ist übrigens auch ein Rat, den ich komplett missachte, sondern ich fang auch einfach an das zu lesen und hoffe dann aufs Beste.

[00:12:36]  Pia: [lacht] Eben, mir ist es auch so gegangen. Und das war aber fasziniert, weil ich dann gelesen,

[00:12:39]  und ich weiß, dass es schon anstrengend war, das zu lesen, aber es hat mich einfach interessiert.

[00:12:42]  Das Buch und das Thema und daher habe ich weiter gelesen.

[00:12:46]  Und dann, Jahre später, habe ich es wieder gelesen und auf einmal habe ich gemerkt, wie einfach es ist. - Christina: Ja, genau.

[00:12:51]  Pia: Und das war der Moment, wo ich gecheckt habe, ach, okay, es geht auch.

[00:12:55]  Ich kann es ohne Probleme auf Englisch lesen.

[00:12:57]  Das ist super. Da hat man richtig seinen eigenen... also, man merkt, wie weit man vorankommen ist in der Sprache.

[00:13:03]  Christina: Ja, das ist so, so, so toll, weil es dauert, gefühlt ewig.

[00:13:07]  Und gerade wenn man da ein Buch liest und dann überhaupt sehr wenig versteht und es so anstrengend ist, kann es manchmal frustrierend sein.

[00:13:15]  Und dann zu sehen, dass wirklich es einfach ist, dranbleiben und es Interesse dazu führt, dass man es dann irgendwann kann.

[00:13:21]  Ich weiß nicht, war das bei dir auch so?

[00:13:23]  Ich habe auch, ein Grund, warum es bei mir auch Englisch war, abgesehen davon, dass ich mich recht früh in meinem Leben sehr schwer in diese Sprache verliebt habe,

[00:13:31] aus Gründen die ich gar nicht verstehe, ehrlich gesagt, war, dass bei mir damals Harry Potter noch geschrieben wurde.

[00:13:40]  Und das heißt, das nächste Buch bei mir war es, das vierte, ist zuerst auf Englisch herausgekommen -

[00:13:48]  - das ist das Fünfte, Entschuldigung -

[00:13:49]  das Fünfte ist erst auf Englisch herausgekommen und da kann ich doch jetzt nicht ein Dreivierteljahr warten ...

[00:13:54]  Das war noch bevor so ein Hit-Welterfolg wurde, dass es - das letzte Buch ist ja dann weltweit gleichzeitig veröffentlicht worden und all diese Sachen...

[00:14:02]  Also ich konnte das nicht abwarten und da hat es gar keine Wahl gegeben und das war eines der dickeren Bücher und genau das Gleiche, wie du gerade geschildert hast.

[00:14:10]  Pia: Mir ist es da genau gleich gegangen.

[00:14:12]  Das war auch ein Grund, warum ich dann gerne in Originalversion gelesen habe und darauf hingefiebert habe, weil ich einfach nicht warten wollte. [schmunzelt]

[00:14:19]  Ich glaube, das ist auch heute noch so, weil nun natürlich, außer du es sind so Mega-Bestseller-Welterfolge, kommen ja viele Medien erst später in den deutschen Sprachraum, logischerweise,

[00:14:30]  weil Übersetzer und Übersetzerinnen - Pia: Brauchen Zeit. - brauchen Zeit und es ist ja auch eine kreativ-literarische anspruchsvolle Arbeit, die dann ihre eigene Qualität mit sich bringt.

[00:14:42]  Aber nichtsdestotrotz ist es eine große Herausforderung, fremdsprachige Texte zu übersetzen und gerade Englisch ist so - ich glaub das könnt ihr auch alle nachvollziehen - ein riesiger Kulturraum, der auch so prägend ist für uns in Europa und auch in Österreich.

[00:15:02]  Pia: Und inzwischen auch im Internet. Die Sprache des Internets ist einfach Englisch, also zumindest [unverständlich] ...

[00:15:07]  in Europa, sagen wir es mal so. Christina: Aus unserer westliche Sicht ist es, ist es Englisch.

[00:15:12]  Stimmt, das war total der Vorteil, weil die Grenzen sich dann natürlich, also es gibt für das Englischsprachige Internet keine Grenzen und ich glaube, dass doch ganz viele, viele junge Leute heute deswegen einfach Englisch können,

[00:15:29]  weil sie sonst  aus ganz vielen Bereichen des Internets auch da gar keinen Zugriff hätten. Wobei es gibt natürlich, jetzt gibt es so langsam so die ganzen Übersetzungstools und so, aber es ist irgendwie trotzdem was anderes.

[00:15:44]  Pia: Es ist trotzdem was anderes. Aber da hast du jetzt eh etwas Interessantes angesprochen, weil börsenblatt.net hat letztens Jahr gerade ein Artikel rausgebracht,

[00:15:53]  der sagt, dass Englischsprachige Bücher in Deutschland immer beliebter werden, besonders bei jüngeren Generationen.

[00:16:01]  Und es liegt vor allem daran eben das, die Englischkenntnisse bei Jugendlichen immer besser sind, vor allem wegen diesen Online-Plattformen.

[00:16:08]  TikTok, Booktok, haben wir eh schon mal geredet. Und diese Plattformen fördern halt auch den Trend.

[00:16:15]  Und deswegen ist die Nachfrage nach englischen Originalausgaben immer gestiegen in den letzten Jahren und es führt zum Beispiel auch dazu, dass die auch auf den Beststellerlisten landen, [Christina, erstaunt: Ah!] also auch die englische Version landet bei uns auf die deutschsprachigen Bestsellerlisten,

[00:16:29]  zum Beispiel Prinz Harry, die Biografie oder von der Michelle Obama die Bücher.

[00:16:33]  Christina: Ah, das ist ja interessant. Also ich finde auch, dass, also jetzt merkt man es, den Buchhandel total an, dass der auf den Markt reagiert und dass es - also die Auswahl an Englischsprachiger Literatur ist so explodiert, in unserem Beispiel in Innsbruck.

[00:16:49]  Ich weiß noch, das weiß ich, dass es dir auch so gegangen ist, weil wir ab und zu zusammen durch die Buchhandlungen stöbern,

[00:16:58]  wir wissen immer genau, in welcher Ecke die Englischsprachigen Bücher sind und früher waren es halt wirklich die Ecken. Und das ist anders jetzt.

[00:17:04]  Pia: Das war ganz hinten in der Buchhandlung, wo wir immer hingang sind und das war nur ein Regal. [lacht]

[00:17:11]  Und ich muss noch zu meiner Schande gestehen, dass ich ganz lange bzw. einfach aus einem Müssen heraus, auch aus dem Bedürfnis heraus, relativ schnell die Sachen dann zu lesen, dass bei einem großen Online-Versandhandel -

[00:17:27] buuuuh - [Pia, lachend]: der namenlos bleiben soll. - Christina: [lacht] Der namenlos bleiben soll, weil er keine Werbung braucht - die Bücher bestellt hab. Aber weil es einfach keine, also ich habe nie irgendwo spontan gut reingehen können und da war genau das Buch da, auf das ich gerade Lust gehabt habe,

[00:17:41]  wenn ich das schnell haben wollte, dann habe ich es halt dort bestellt wegen den kurzen Lieferzeiten.

[00:17:47]  Ist mir auch genau gleich gegangen, in Buchhandlungen hast du nur die Klassiker bekommen.

[00:17:51]  Was auch interessant ist, aber das will man halt auch nicht immer lesen. [lacht]

[00:17:55]  Christina: Ja, man möchte einfach so "am Markt sein" sozusagen und es ist auch was wir definitiv merken in der Bibliothek, dass da die Nachfrage steigt oder die Selbstverständlichkeit, dass die Leute zu den Englischsprachigen Medien gehen.

[00:18:11]  Es ist jetzt, wir haben jetzt über Englisch geredet, natürlich, weil wir zwei unsere "auserkorene" anerlernte Zweitsprache ist einfach Englisch.

[00:18:21]  Es gibt ganz viele andere Zweitsprachen, die Veronika zum Beispiel, die nächste Woche zu Gast ist, hat Französisch, also ist Billingual aufgewachsen mit Französisch als zweite Sprache.

[00:18:35]  Und natürlich haben wir auch zum Beispiel französische Bücher oder italienische Bücher klar, also da würde ich etwas fehlen, weil wir keine italienischen hätten.

[00:18:49]  Pia: Oder Spanisch oder Russisch.

[00:18:51]  Ja, wir haben ganz, wir haben auch türkische und arabische Bücher.

[00:18:57]  Nur, bei manchen Sprachen ist es schwer, die zu beziehen, also dann tatsächlich Bücher in der Sprache zu erhalten, als egal ob Buchhändler oder Bibliothekare oder Buchhändlerinnen oder Bibliothekarinnen.

[00:19:13]  Und andere Sprachen sind einfach, da braucht es nicht so viele, weil da ist halt Englisch die Sprache.

[00:19:21]  Und dann ist es vielleicht noch als interessantes Pub-Quiz-Info zum guten Schluss.

[00:19:28]  Ca. 373 Millionen Menschen auf der Welt sprechen Englisch als Erstsprache.

[00:19:33]  Englisch, die Zahl erhöht sich, wenn man die Zweitsprache auch noch mit dazu nimmt, auf 1,5 Milliarden Leute.

[00:19:45]  Aber als Erstsprache ist es die drittgrößte Sprache auf der Welt nach Spanisch, also nach Mandarin und Spanisch.

[00:19:53]  Pia: Also das sagt schon einiges aus, oder? Das sind schon massive Zahlen.

[00:19:57]  Und wir haben halt immer die englischen Shows bekommen, nicht die Spanischen.

[00:20:00]  Pia: Ja.

[00:20:01]  Ich glaube, da merkt man halt schon den Einfluss der USA auf unsere Kultur.

[00:20:08]  Pia: Ja. Extrem.

[00:20:10]  Christina: Pia, als Schlusswort, gibt es denn Nachteile des Sprachenlernens?

[00:20:18]  Pia: Den gleichen Nachteil hast du auch aufgeschrieben, das weiß ich [lacht], wenn man da schon drüber geredet haben.

[00:20:23]  Das ist mir manchmal Wörter nicht einfallen in meiner eigenen Sprache, weil ich dann denke,

[00:20:27]  "Ah, dieses englische Wort ist einfach perfekt, ich würde das gern sagen."

[00:20:30]  Und vielleicht gibt es nicht ganz ein Äquivalent auf Deutsch.

[00:20:32]  Oder im Moment ist einfach das Deutsche ganz weg von meinem Gehirn.

[00:20:35]  Ich weiß nicht, was da passiert, aber das kann schnell mal sein. [lacht]

[00:20:39]  Christina: Das habe ich auch. Und am meisten stört mich das, wenn ich habe manche Gedankengänge oder Konzepte,

[00:20:45]  die ich habe, ich habe das auch so aus der Uni-Zeit.

[00:20:48]  Alles, was ich auf Englisch gelernt habe, kann ich mit dir besprechen auf Englisch.

[00:20:53]  Aber müsste ich es auf Deutsch übersetzen, fehlt mir auch vollkommen das Fachvokabular und solche Geschichten. [schmunzelt]

[00:20:57]  Das ist natürlich ein absolutes Luxusproblem.

[00:21:00]  Pia: [lachend] Viele andere negativ Sachen fallen mir jetzt nicht ein, muss ich sagen.

[00:21:03]  Christina: [lachend] Nein, das gibt es natürlich keine.

[00:21:05]  Sprachenlernen ist, finden wir, wunderschön.

[00:21:09]  Es ist ein tolles Hobby, es trainiert das Gehirn.

[00:21:12]  Und man kann jederzeit einsteigen.

[00:21:15]  Ich persönlich habe jetzt wieder entdeckt, für mich Französisch ein bisschen weiter zu machen.

[00:21:19]  Das lass sich dann immer mal liegen, dann hol ich es mir wieder her.

[00:21:22]  Hast du gerade irgendeine Sprache, die dich immer mal wieder so anlacht, berührt?

[00:21:27]  Außer Englisch muss ich sagen, also Französisch und Italienisch habe ich eine Schule gehabt,

[00:21:31]  aber das habe ich extrem vernachlässigt.

[00:21:33]  Also da müsste ich glaub ich ganz vorne anfangen. [lacht]

[00:21:36]  Christina: Genau, aber wenn ihr Englisch oder auch eine andere Sprache als Zweitsprache adoptieren wollt,

[00:21:44]  sozusagen, dann könnt ihr das machen.

[00:21:46]  Es gibt extrem viele Ressourcen, auch kostenlose Ressourcen, die ihr online finden könnt.

[00:21:51]  Sobald man sich in das Thema einarbeitet, weiß man recht schnell Bescheid.

[00:21:56]  Wenn ihr Hilfe braucht, dann kommt auch einfach bei uns in der Bibliothek vorbei.

[00:22:00]  Wir geben euch Tipps und Tricks mit an die Hand, wie man gut welche Kurse,

[00:22:04]  welche Sprachkurse man dann nehmen kann, mit welchen Büchern man anfangen sollte,

[00:22:08]  auf welchen Niveau man welche Bücher lesen kann.

[00:22:11]  Sowas wissen wir, da können wir euch gut helfen.

[00:22:14]  Pia, verabschiedest du den Podcast und fragst, stellst noch irgendeine Frage?

[00:22:20]  Pia: [Gelächter] Ja, danke fürs Zuhören.

[00:22:22]  Hat uns wie immer sehr gefreut.

[00:22:24]  Wir freuen uns auf die nächste Folge und auf die Veronika.

[00:22:28]  Wenn ihr uns eure Meinung zu Sprachen und eure eigene Sprachgeschichte erzählen wollt,

[00:22:36]  dann könnt ihr das gerne machen auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at

[00:22:42]  oder auf Instagram und Facebook.

[00:22:44]  Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal. Tschüss.

[00:22:48]  Tschüss.

[00:22:49]  Oder - äh - goodbye. [Gelächter]

[00:22:51]  [Outro-Musik]

[00:23:16]  [Pia spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck

[00:23:20]  und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Pia spricht]

Warum mögen wir eigentlich Tropes (Friends-to-Lovers)

Warum mögen wir eigentlich Tropes (Friends-to-Lovers)

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.

[00:00:06]  Jaci:  Jetzt geht es. Shelly:  Jetzt?

[00:00:08]  Jaci:  Jaaaa. Shelly:  Ist die SD-Karte

[00:00:09]  jetzt richtig drin.

[00:00:10]  Jaci:  SD Karte ist drin.

[00:00:11]  Shelly:  All righty.

[00:00:12]  Jaci:  Ja, hoffentlich funktioniert das jetzt alles so mit der Technik.

[00:00:15]  Shelly:  Ja, wir haben das nämlich heute selber aufgebaut. [lachen]

[00:00:17]  Jaci:  Ja. Genau, die SD-Karte ist drin.

[00:00:19]  Sonst wird uns die Christina ja voll auslachen, wenn wir es nochmal aufnehmen müssen. [lachen]

[00:00:23] Stell dir vor.

[00:00:25]  Shelly:  Okay, gut.

[00:00:27]  [Intro-Musik]

[00:00:42]  Jaci:  Dann hallo und herzlich willkommen zum Vorwort

[00:00:45]  dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:48]  Wer die Reise-Episode vor zwei, drei Wochen gehört hat,

[00:00:52]  der kennt uns schon.

[00:00:53]  Wir sind nämlich die Jacqueline

[00:00:55]  Shelly:  und die Shelly.

[00:00:57]  Jaci:  Genau, und wir dürfen heute den Podcast wieder übernehmen.

[00:01:00]  [schnalzt mit der Zunge] Und wir hoffen, man hört uns gut.

[00:01:03]  Es ist nämlich unten gerade noch die Grundreinigung voll im Gang.

[00:01:06]  Also der Staubsauger bläst unerlässlich oder saugt unerlässlich so.

[00:01:11]  Shelly:  Ich glaube dass der Teppich grundgereinigt wird, shampooniert und gesaugt.

[00:01:15]  Jaci:  Genau, also da ist alles im vollen Gang.

[00:01:17]  Und auch wenn wir eben geschlossen haben,

[00:01:19]  Schließwoche und Grundreinigung und alles eben,

[00:01:21]  sind wir nicht faul.

[00:01:22]  Also wir arbeiten auch voll.

[00:01:24]  Wir haben am Montag Regale geputzt und haben immer noch Muskelkater davon.

[00:01:27]  Shelly:  Ja.

[00:01:28]  Jaci:  Genau, und jetzt sind wir auch im Backoffice aktiv

[00:01:31]  und wir nehmen eben den Podcast auf,

[00:01:33]  damit das ja alles reibungslos weiterläuft im Podcast.

[00:01:36]  Shelly:  Ganz genau.

[00:01:37]  Jaci:  Und heute widmen wir uns einem ganz besonderen Thema wieder.

[00:01:41]  Shelly, worum geht es denn heute?

[00:01:43]  Shelly:  Heute reden wir wieder über Tropes,

[00:01:45]  also wiederkehrende Motive in der Literatur.

[00:01:49]  Da hast du vor ein paar Wochen schon mit der Christina eine Folge aufgenommen.

[00:01:53]  Und zwar ist da gegangen um "Enemies-to-Lovers".

[00:01:56]  Kannst du da kurz nochmal Revue passieren lassen,

[00:01:59] worum es da genau ging?

[00:02:00]  Jaci:  Genau, die Christina und ich haben diese Tropes-Serie sozusagen angefangen.

[00:02:04]  Und jetzt machen wir heute eben den zweiten Teil,

[00:02:06]  im ersten Teil ging es um "Enemies-to-Lovers".

[00:02:09]  "Enemies-to-Lovers" ist dann eben, wenn zwei Personen,

[00:02:11]  die sich eigentlich nicht mögen,

[00:02:13]  im Laufe eines Buches aber drauf kommen, sie mögen sich doch,

[00:02:16]  also sie sind dann doch so füreinander bestimmt und so weiter.

[00:02:19]  Und dann eben aus diesen "Enemies", also aus diesen Feinden,

[00:02:22]  dann eben die Liebende wird,

[00:02:24]  die dann meistens ein Paar dann auch werden.

[00:02:26]  Und dann haben wir uns auch unterhalten,

[00:02:28]  also über "The Cruel Prince" zum Beispiel von Holly Black

[00:02:31]  oder auch "Das Reich der Sieben Höfe" von Sarah J. Maas,

[00:02:34]  und haben das auch verfolgt,

[00:02:36]  woher die Tropes so kommen eigentlich im letzten Podcast.

[00:02:39]  Shelly:  Genau, weil eigentlich ist ja der Begriff "Trope",

[00:02:42]  ist eigentlich ein Überbegriff aus der Rhetorik

[00:02:45]  und fasst quasi so Klassen rhetorischer Figuren zusammen, eigentlich.

[00:02:50]  Jaci:  Genau, also daher kommt es ursprünglich

[00:02:52]  und wir haben das jetzt natürlich in unserer modernen Zeit adaptiert

[00:02:55]  auf Internet, Jugendsprache und also eben auch im Buchermarkt

[00:02:59]  wird es groß aufgenommen, schon jetzt.

[00:03:02]  Shelly:  Ganz genau, da gibt es eigene, so Abteilungen

[00:03:05]  mit Tropes: "Friends-to-Lovers", "Enemies-to-Lovers" und so weiter.

[00:03:09]  Und es ist eigentlich der gängige Sprech

[00:03:12]  auf den ganzen sozialen Plattformen,

[00:03:15]  sprich Instagram, Bookstagram, wo es eben um Bücher geht

[00:03:19]  und TikTok mit Booktok.

[00:03:22]  Genau.

[00:03:23]  Jaci:  Genau, und wir reden aber heute eben über "Friends-to-Lovers",

[00:03:26]  also das Gegenteil von "Enemies-to-Lovers",

[00:03:29]  wenn man das so sagen kann, wie eigentlich schon, ja?

[00:03:31]  Genau, wir wollten eben auch einen guten Kontrast machen,

[00:03:34]  aber ihr habt euch das Thema auch gewünscht.

[00:03:37]  Shelly:  Genau, es gab eine Umfrage auf Instagram,

[00:03:39]  da standen zur Auswahl "Dark Academia", "Fake Dating"

[00:03:44]  und eben "Friends-to-Lovers".

[00:03:46]  Und "Friends-to-Lovers" hat mit 40 Prozent,

[00:03:49]  nee, 45 Prozent klar gewonnen.

[00:03:52]  Genau, und deshalb nehmen wir das heute auf.

[00:03:54]  Jaci:  Genau, und da kommen wir eigentlich schon zum Haupt-

[00:03:57]  oder zu einer unserer Hauptfragen,

[00:03:59]  was ist denn jetzt eigentlich "Friends-to-Lovers"?

[00:04:01]  Wir wissen jetzt eben, was "Enemies-to-Lovers" sind

[00:04:03]  und "Friends-to-Lovers", eben das Gegenteil dann,

[00:04:06]  sind zwei Personen... Shelly:  die Freunde sind, die sich schon lange kennen,

[00:04:11]  so wie der Name auch schon sagt, "Friends-to-Lovers"

[00:04:14]  und sich eben im Laufe der Geschichte

[00:04:16]  oder im Laufe ihrer Freundschaft etwas näher...ahm ... annähern. [lachen]

[00:04:21]  Jaci:  Genau, und das kann dann eben entweder ganz plötzlich passieren,

[00:04:25]  dass beide Personen gleichzeitig realisieren,

[00:04:27]  oh, da ist doch mehr irgendwie.

[00:04:30]  Shelly:  Oder es fängt mit einer Person an

[00:04:34]  und es ist mehr so eine einseitige Geschichte am Anfang.

[00:04:38]  Jaci:  Die leidet dann sehr die Person... [lachen]

[00:04:40]  Shelly:  Oh ja, es ist generell sehr viel Leid und Drama

[00:04:43]  bei diesen Geschichten immer,

[00:04:45]  weil man will ja nicht die Freundschaft zerstören. [lachen]

[00:04:48]  Jaci:  Die Shelly sagt das in diesem Podcast noch öfters.

[00:04:51]  Shelly:  Ja [lachen]. Das ist so ein bisschen ein "Trigger" [engl. Auslöser] für mich.

[00:04:55]  Jaci:  Genau, aber eben grundsätzlich deswegen auch das Gegenteil

[00:04:59]  von "Enemies-to-Lovers",

[00:05:00]  weil die Personen sich eben schon länger kennen,

[00:05:02] und länger mögen und dann erst zu Liebenden werden.

[00:05:06]  Wir haben Beispiele mitgebracht

[00:05:09]  und wir sind überrascht, wie viele Beispiele wir eigentlich gefunden haben.

[00:05:12]  Wir haben uns jetzt auf Bücher natürlich speziell bezogen,

[00:05:15]  haben aber auch einige Serien gefunden, wo das natürlich auch vorkommt.

[00:05:20]  Und wir würden, gerade wenn wir jetzt über eine Serie,

[00:05:22]  was ja auch aber mit Büchern zu tun hat,

[00:05:25]  mit dem wohl beliebtesten Beispiel,

[00:05:27]  grad zur Zeit anfangen, und das ist "Bridgerton".

[00:05:30]  Da ist gerade die dritte Staffel rausgekommen,

[00:05:32]  falls das jemand nicht mitbekommen hat,

[00:05:34]  weil er unter einem Stein lebt. [lachen]

[00:05:36]  Shelly:  Die dritte Staffel, und ich muss sagen, das vierte Buch.

[00:05:41]  Jaci:  Genau, also basiert auf Romanen von... [Shelly wirft ein] Julia Quinn. Jaci:  Julia Quinn, dankeschön.

[00:05:46]  Und die Serie hat jetzt eben den vierten Band vorgegriffen,

[00:05:51]  sozusagen, und die dritte Staffel draus gemacht.

[00:05:54]  Und da geht es um Penelope Featherington und Colin Bridgerton,

[00:05:58]  die seit Jahren befreundet sind.

[00:06:00]  Und auf einmal, beziehungsweise Penelope ist eben...

[00:06:02]  ist das jetzt eigentlich ein Spoiler? Dürfen wir das jetzt eigentlich sagen?  Shelly:  Ja.

[00:06:05]  Jaci:  Ja ok. Penelope ist seit Jahr in Colin verliebt.

[00:06:09]  Shelly:  Man muss dazu sagen, die Bridgertons sind eine sehr hoch angesehene,

[00:06:14]  adelige Familie im London des 19. Jahrhunderts?

[00:06:18]  19. Jahrhunderts. Jaci:  Ja.

[00:06:20]  Jaci:  Genau, und Penelope verliebt sich eben in den älteren Bruder

[00:06:24]  ihrer besten Freundin, muss ich noch sagen,

[00:06:26]  mit dem sie aber auch selber befreundet ist.

[00:06:28]  Und dann schmachtet sie ihm immer nach.

[00:06:30]  Shelly:  Aber er... Jaci:  merkt es nicht... Shelly:  nimmt sie nicht wirklich als "Love Interest" [engl. Liebesobjekt] wahr.

[00:06:36]  Sie ist halt nicht so ein "Side-Character" [engl. Nebenfigur] für ihn,

[00:06:39]  weil sie ist immer mit der Eloise, der Schwester, unterwegs.

[00:06:42]  Aber im vierten Buch dann, wo es eben um die Penelope

[00:06:47]  und den Colin geht, ist es so, dass die Penelope plötzlich aufblüht.

[00:06:52]  Also von einer Saison zur nächsten ist sie plötzlich schlanker

[00:06:56]  und deshalb auch "hübscher", scheinbar.

[00:07:00]  Also das find ich so so blöd, dass sie das so...

[00:07:03]  Jaci:  Ja, das ist ja ein ganz eigenes Thema da wieder,

[00:07:05]  wenn wir jetzt anfangen mit: "Nur wenn du keine Brille hast und dünn bist,

[00:07:08]  kannst du hübsch sein."

[00:07:09]  Shelly:  Ja, aber gut, das ist jetzt gar nicht das Thema. Jaci:  Ja, das bereden wir dann wann anders.

[00:07:12]  Shelly:  Auf jeden Fall, plötzlich blüht sie auf,

[00:07:14]  vom Mauerblümchen zum Fast-Diamanten der Saison, kann man sagen.

[00:07:19]  Genau, und da realisiert dann der Colin plötzlich:

[00:07:22]  "Oh! Vielleicht mag ich sie ja doch etwas lieber als ich dachte."

[00:07:25]  Jaci:  Genau, ja.

[00:07:26]  Und das ist dann eben der berühmte "Friends-to-Lovers"-Moment,

[00:07:30]  den wir dann alle ganz gespannt erwartet haben,

[00:07:33]  weil alle es gewusst haben, außer den zwei. [lachen]

[00:07:36]  Also es war allen offensichtlich, außer eben diesen zwei Figuren.

[00:07:41]  Genau, und das ist eben das erste Beispiel,

[00:07:43]  was wir da haben von "Friends-to-Lovers".

[00:07:45]  Wir haben dann auch weiter eben gesucht

[00:07:48]  und da sind wir eben auch auf mehrere gekommen,

[00:07:50]  wo es für uns gar nicht so offensichtlich war,

[00:07:53]  dass es dieser Trope ist, sozusagen.

[00:07:55]  Also mir war es am Anfang nicht so klar.

[00:07:57]  Shelly:  Der Trope im Trope.

[00:07:59]  Jaci:  Genau, also mir war es dann nicht so klar,

[00:08:00]  aber wenn man darüber nachdenkt,

[00:08:01]  und diese Büche über war einfach schon seit Jahren kennt,

[00:08:04]  wurde es auf einmal eben bewusst, dass es dieser Trope ist.

[00:08:07]  Und das war für mich eben "Harry Potter".

[00:08:09]  Also Ron und Hermine sind ja eigentlich "Friends-to-Lovers".

[00:08:12]  [Beide gleichzeitig] Also sechs Jahre lang Jaci:  streiten sie sich

[00:08:14]  und sind einfach nur befreundet und es ist für beide nichts.

[00:08:17]  Oder halt immer wieder so gewisse Spannungen,

[00:08:20]  aber niemand sagt halt was.

[00:08:22]  Shelly:  Und sie waren auch noch zu jung.

[00:08:23]  Jaci:  Genau, sie waren zu jung.

[00:08:24]  Und ich mein, Hermine merkt es glaub ich früher

[00:08:26] als der Ron, gerade wie im sechsten Teil

[00:08:28]  mit Lavender Brown, wo sie dann so eifersüchtig wird und so.

[00:08:31]  Genau, am Ende...

[00:08:33]  also Spoiler, sie heiraten ja dann irgendwann.

[00:08:35]  Also sie werden dann wirklich "Lovers". [kichern]

[00:08:38]  Genau, das ist eigentlich so, wo man das gar nicht merkt,

[00:08:42]  dass es dieser Trope ist, weil es eben so bekannt ist.

[00:08:44]  Shelly:  Nein, weil es beide eben so diese Side-Characters sind,

[00:08:47]  weil es geht ja eigentlich um Harry Potter.

[00:08:49]  "The Chosen One" [engl. Der Auserwählte]. [Jacky wirft etwas Unverständliches ein] 'Tschuldigung! [lachen]

[00:08:51]  Jaci:  Ja, genau.

[00:08:56]  Shelly:  Was mir dann noch eingefallen ist,

[00:08:58]  so, habe in meinen Kindheitserinnerungen gestöbert,

[00:09:01]  ist "Bibi und Tina".

[00:09:03]  Und nicht Bibi und Tina als "Friends-to-Lovers",

[00:09:05]  sondern Tina und der Alexander.

[00:09:07]  Jaci:  Der Alexander.

[00:09:08]  Shelly:  Der Sohn des Grafen von Falkenstein.

[00:09:10]  Ah ja, genau.

[00:09:12]  Jaci:  Also das ist auch aus Kindheitstagen noch übrig geblieben.

[00:09:15]  Und ich habe dann auch ein bisschen noch drei Queer-Lovestories

[00:09:22]  auch eingefallen, die eben auch "Friends-to-Lovers" anwenden.

[00:09:25]  Das wohl Bekanntestes ist "The Song of Achilles".

[00:09:28]  Shelly:  Oh, ich lieb das Buch.

[00:09:30]  Jaci:  Achilles und Patroclus. [amerikanische Ausprache]

[00:09:31]  Oder Patroclus [deutsche Aussprache], wie man es auch sprechen will, ich weiß nicht.

[00:09:33]  Eben von jahrelang, also die wachsen gemeinsam auf,

[00:09:36]  sind Freunde und dann werden sie zu "Lovers".

[00:09:38]  Ganz tolle Geschichte.

[00:09:40]  Shelly:  Aber sind sie nicht sogar irgendwie verwandt

[00:09:43]  In der Ilias.

[00:09:44]  Jaci:  In der Ilias sind sie Cousins, glaube ich.

[00:09:46]  Aber [Jacky räuspert sich] Shelly:  Das wird da nicht so aufgegriffen.

[00:09:49] Jaci:  im eigentlichen [Roman] war das nicht so tragisch. [Lachen]

[00:09:51]  Genau, dann auch "Aristotle und Dante

[00:09:53]  Discover the secrets of the universe".

[00:09:55]  Das sind eben Aristotle und Dante,

[00:09:57]  die eine Queer-Lovestory anfangen,

[00:10:00]  und dann eben als "Friends" beginnen und als "Lovers" enden.

[00:10:03]  Shelly:  Wie heißt das Buch auf Deutsch?

[00:10:04]  Aristoteles und Dante erkunden die...?

[00:10:06]  Jaci:  "Entdecken die Geheimnisse des Universums" glaub ich.

[00:10:09]  Shelly:  Genau.

[00:10:10]  Jaci:  Haben wir auch in der Stadtbibliothek.

[00:10:12]  Und eins, was ich jetzt vor kurzem erst gelesen habe,

[00:10:14]  ist "If This Gets Out" und da gibt es die Charaktere Ruben und Zack,

[00:10:19]  die in einer Boyband gemeinsam sind.

[00:10:21]  Und Ruben, ja, Ruben ist homosexuell offen, genau.

[00:10:27]  Und verliebt sich eben in Zack.

[00:10:29]  Oder ist schon seit Jahren verliebt in Zack und Zack merkt's dann.

[00:10:32]  Shelly:  Aber Zack ist nicht homosexuell?

[00:10:34]  Jaci:  Er hat es nicht gewusst. Also er outet sich

[00:10:36]  dann als bisexuell. Shelly:  Ah, I see [engl. Ah ich sehe] Jaci:  Genau. Ist aber eben auch ganz spannend, eben wegen der Boyband-Dynamik noch. Also gute

[00:10:42]  Buchempfehlung, haben wir auch in der Stadtbibliothek, super Buch. Shelly:  Natürlich. Jaci:  Genau und dann haben wir noch

[00:10:46]  Klassiker gefunden, wo wir "Friends-zu-Lovers" gefunden sind und da war ich... Shelly:  Wo wir "Friends-to- Lovers"

[00:10:52]  gefunden "sind"? [lacht] Jaci:  Gefunden haben. [lachen] Jaci:  Zu viel Putzschaum eingeatmet, die Woche. [lachen] Shelly:  Genau, die ganzen Chlorgase. [lachen]

[00:11:01]  Jaci:  Genau, das war einmal Jane Austen's "Emma", wo eben Emma und Mr. Knightley. Es ist jetzt nicht eine

[00:11:09]  Freundschaft, wie wir sie kennen, dass man sagt eine innige, intime Freundschaft, aber für die

[00:11:13]  damalige Zeit kann man sie schon als Freunde bezeichnen. Shelly:  Was ist denn das Setting? Also Großbritannien

[00:11:19]  am Land? Jaci:  Genau, ja und Mr. Knightley ist eher so ein Bekannter ihres Vaters und besucht aber

[00:11:25]  eigentlich fast täglich ihren Vater... Shelly:  Adeliger. Jaci:  ...und sie, alle von recht gutem Haus und sie reden immer miteinander

[00:11:32]  [Shelly ] und er ist quasi ein Vertrauter. Jaci:  Genau, er ist halt immer da und ich würde sie schon für die

[00:11:37]  damalige Zeit als Freunde bezeichnen. Shelly:  Ja, sofern es die gesellschaftlich Umstände

[00:11:43]  halt zulassen. Jaci:  Und dann wird eben am Ende des Romans große Eröffnung: Sie lieben sich!

[00:11:49]  Ach, schön, schön. Shelly:  Aber damit hätte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet wie ich es gelesen hab. Jaci:  Ja, ich auch nicht, ja. Shelly:  Das war ein "unexpected turn" [engl. unerwartete Wendung] Jaci:  Großer Plot-Twist.

[00:11:55]  Jaci:  Und der zweite Klassiker, den wir gefunden haben, war... Shelly:  "Little Women" von Louise May Alcott.

[00:12:03]  Die Geschichte dreht sich ja um fünf Schwestern? Vier Schwestern, ah ja, "Pride and Prejudice" sind fünf Schwestern,

[00:12:10]  Entschuldigung, [lachen]. Vier Schwestern und die haben einen Nachbarn, der hat einen Enkel und ist der Teddy.

[00:12:20]  Und das ist eigentlich mehr so eine Side Story dann, das ist eigentlich nicht worum es eigentlich geht in dem Buch,

[00:12:26]  aber die kommen dann halt auch zusammen, die einer der Schwestern, die Amy und der Teddy,

[00:12:31]  obwohl der Teddy eigentlich... obwohl der Teddy ja eigentlich die Jo wollte! Jaci:  Die älteste Schwester?

[00:12:38]  Sie ist die älteste. Shelly:  Ja. Jaci:  Nein, die Meg ist die älteste. Shelly:  Ah ja, stimmt.

[00:12:44] [lachen] Müssen unsere Klassiker "straight" [engl. gerade] kriegen.

[00:12:46] Shelly:  Auf jeden Fall wollte der Teddy eben die andere Schwester ursprünglich, da hat es ein großes Drama gegeben und die Jo hat ihm gesagt,

[00:12:52]  "Nein, mir ist die Freundschaft wichtiger" und dann hat er die Amy genommen. [lachen]

[00:12:57]  Jaci:  Die Amy hat aber auch seit Jahren ein "Crush" [engl. eine Person, in die du verliebt bist oder für die du schwärmst]  auf ihn gehabt. [Shelly wirft ein] Das stimmt, ja. Jaci:  Also das war dann so ein bisschen "Penelope-Colin-Situation".

[00:13:04]  Ja, dann ja. Okay, und dann haben wir noch, gerade zum Abschluss noch, drei Serien, wo wir es gefunden haben.

[00:13:10]  Shelly:  Genau, und eine Serie/Buchreihe, "Summer I Turned Pretty".

[00:13:16]  Jaci:  Ah, genau, ja.

[00:13:17]  Shelly:  Das hast jetzt übersehen, weil du's so gern magst, gell?

[00:13:19]  Jaci:  Ja, Entschuldigung. [lachen]

[00:13:20]  Da kann die Shelly gern was dazu sagen.

[00:13:22]  Shelly:  Okay, gerne. Also, die Serie besteht aus drei Bücher und eben,

[00:13:28]  "The Summer I Turned Pretty", "Der Sommer als ich schön wurde" und es ist wieder so ganz klassisch,

[00:13:33]  das, unter Anführungszeichen, bitte mich jetzt nicht falsch verstehen, das "hässliche Entlein", zumindest wird's so dargestellt,

[00:13:40]  kommt in die Pubertät und wird "schön", [beide schnauben]. Jaci:  "Hence" [engl. somit], der Titel. [lachen]

[00:13:47]  Shelly:  Und die fährt immer mit ihrer Familie und einer befreundeten Familie an die Küste, in ein Strandhaus, was eben der anderen Familie gehört.

[00:13:57]  Und sie hat nur einen Bruder, die Shelly hat einen Bruder und die andere Familie hat zwei Söhne, Jeremiah und... Jaci:  Conrad, Shelly:  genau.

[00:14:07]  Und die Belly hat sich schon immer auf den Conrad, auf den älteren gestanden und hat sich aber nie was sagen getraut,

[00:14:16]  weil sie ist ja auch ein bisschen jünger und ist von ihm nicht wirklich als Frau wahrgenommen worden.

[00:14:21]  Und das ändert sich eben dann und dann gibt es halt Drama, weil der Jeremiah, der jüngere Bruder, die Belly auch ganz gerne mag. [Jacky zieht scharf die Luft ein] Shocking! [engl. Schock]

[00:14:31]  Shelly:  Und es ist hin und her zwischen den Brüdern und der Belly und das ist ganz, ganz toll.

[00:14:35]  Jaci:  Ja, das ist eigentlich fast mehr "Love Triangle" [engl. Liebesroman] oder, als ...Shelly:  Stimmt eigentlich. Jaci:  "Friends-to-Lovers"

[00:14:39]  Jaci:  Also, es tut mir leid, ich mag den Roman nicht, ich habe die Serie auch nicht geschaut, weil ich den Roman nicht gemocht habe

[00:14:44]  und war dann eben nicht ganz begeistert, wo man das in diesen Podcast aufgenommen haben. [lachen]

[00:14:49] Aber die Shelly findet's toll, deswegen.

[00:14:51]  Shelly:  Ich habe nicht gesagt "Ich find es toll".

[00:14:53]  Ich habe nur gesagt, es passt irgendwie rein und da können wir jetzt darüber diskutieren, ist es "Friends-to-Lovers",  ist es "Love Triangle", schließt das eine das andere aus?

[00:14:59]  Jaci:  Ja, stimmt, Tropes können auch überlappen.

[00:15:01]  Es gibt ja auch mehrere Tropes oft in einem Buch, also das ist eigentlich meistens so, ein Trope steht nie allein. [lacht] Shelly:  Ein Trope kommt selten allein.

[00:15:07]  Jaci:  Aber, also die Bücher haben wir auch alle in der Bib, deswegen haben wir ja auch gesagt, wir wollen ja natürlich euch Empfehlungen geben,

[00:15:14] die in der Bib dann eben verfügbar zu sein, damit ihr dann eben nachlesen könnt, ob wir... ob das was wir sagen stimmt.

[00:15:20]  Shelly:  Genau, genau.

[00:15:21]  Jaci:  Und ganz kurz noch eben auch zu den Serien, wo wir gesagt haben, drei Beispiele, einmal haben wir die wohl bekannteste Serie "Friends"

[00:15:28]  und da... Shelly:  Die haben wir nicht in der Bib. [lachen]

[00:15:31]  Jaci:  Leider, leider. Aber sie ist immer noch gut.

[00:15:34]  Und da gibt es eben Chandler und Monica, die im Laufe der Serie von "Friends" to "Lovers" werden

[00:15:39]  und da passiert es ganz plötzlich, also da hat niemand davor irgendwie Gefühle für den anderen, was recht erfrischend ist.

[00:15:43]  Shelly:  Wahrscheinlich schon, aber es wird halt nicht thematisiert. Es ist nicht so dieses "longing" [engl. Sehnsucht] , was du siehst,

[00:15:48]  diese Heimlichtuerei, das ist plötzlich so, dass der unter der Bettdecke auftaucht und alles so: [Shelly zieht scharf die Luft ein]

[00:15:54]  Überraschungsmoment.

[00:15:56]  Jaci:  Genau, eine Serie, wo es eigentlich von Anfang an klar ist, aber es ewig dauert bis beide draufkommen,

[00:16:01]  ist "Gilmore Girls", Lorelei und Luke.

[00:16:04]  Shelly:  Das hast du jetzt sehr aggressiv gesagt. [lachen]

[00:16:06] Jaci:  'Tschuldigung.

[00:16:07]  Soll ich es noch mal sagen? [lachen] Shelly:  Nein.

[00:16:08]  Jaci:  Genau, also sorry, das ist von Staffel 1 weg, ist das jedem bewusst und da ist man noch nur so, oh, wieso verstehen sie es nicht.

[00:16:16]  Genau, und auch gleicher Fall wie bei Luke und Lorelei ist "The Office" mit Pam und Jim.

[00:16:22]  Shelly:  Ja, aber da dauert's ja nur 3 Staffeln.

[00:16:24]  Jaci:  Das ist aber ewig, also wir kommen vor, das dauert ewig.

[00:16:27] Weil sie wissen's ja beide.

[00:16:29]  Shelly:  Ja, aber da kommen wir jetzt zu dem Punkt, der mir an dem ganzen Trope ein bisschen stört,

[00:16:34]  das ist dieses ewige unnötige Hinauszögern, bis man es dann fix macht, was dieses, "oh, ich bin so verliebt,

[00:16:43]  aber ich will unser Freundschaft nicht gefährden, wir sind schon so lange befreundet und bla, bla, bla".

[00:16:49]  Ja, verstehe ich bis zu einem gewissen Punkt, aber [lacht] die Freundschaft funktioniert ja dann sowieso nicht mehr sobald,

[00:16:56]  da Gefühle, also Gefühle vorhanden sind. Jaci:  Ja. Ja. Shelly:  Das ist dann nur noch verkrampft und komisch und verstehe ich nicht,

[00:17:05]  warum man dann nicht einfach Nägeln mit Köpfen macht, ganz ehrlich, was soll sein. [lachen]

[00:17:10]  Jaci:  Genau, also das ist jetzt ein Grund, wieso wir diesen Trope nicht mögen.

[00:17:14]  Die Shelly hat sich eben auf diese Seite gestellt. [lachen]

[00:17:18]  Shelly:  Ja, das ist meine Seite.

[00:17:19]  Jaci:  Ich muss sagen, es ist einer meiner Lieblingstropes. Also wenn in Büchern "Friends-to-Lovers" ist, dann freue ich mich immer drauf,

[00:17:26]  weil ich finde diesen Trope einfach total realistisch irgendwie und er ist meistens einfach wirklich gut gemacht,

[00:17:32]  dass man die fundierte Freundschaft spürt.

[00:17:35]  Das war auch beim letzten Podcast ein Punkt von mir, das bei "Enemies-to-Lovers" mir vorkommt,

[00:17:41]  dass die Feindschaft zwischen den Figuren nicht begründet ist oder mir einfach zu flach ist.

[00:17:47]  Also da ist für mich kein Grund, wieso da ein Hass ist.

[00:17:50]  Weil Hass, einfach so eine starke Emotionen ist, die irgendwie viel Begründung braucht.

[00:17:54]  Und Freundschaft ist einfach, wenn man gemeinsam aufwächst, wenn man jahrelang gemeinsam eben Zeit verbringt und eben eine Freundschaft aufbaut. Shelly:  Gemeinsame Hobbies hat

[00:18:00]  so Interessen.

[00:18:02]  Jaci:  Genau. Shelly:  Ja, ich verstehe. Jaci:  Das ist aber viel fundierter dann, das Gefühl, dieses Vertraute, was man zwischen diesen Charakteren dann hat.

[00:18:08]  Und das finde ich total angenehm, das ist total intim und irgendwie eben realistisch und auch greifbar,

[00:18:13]  dass es für mich glaubhaft ist, dass diese Freunde eben einfach so tief füreinander empfinden,

[00:18:18]  als Freunde, dass ihnen vielleicht was Romantisches draus wird.

[00:18:21]  Das finde ich einfach toll, also ich lese das einfach total gerne.

[00:18:24]  Shelly:  Also jetzt, wo wir so intensiv darüber reden, kriege ich fast Schmetterlinge im Bauch, wenn ich dich anschau.

[00:18:30] Jaci:  Shelly, stop! [lachen]

[00:18:32] Shelly:  Meinst nicht, dass da mehr draus werden könnt? [beide lachen]

[00:18:34]  Shelly:  Okay. Aber nein. Wir wollen ja unsere Freundschaft nicht aufs Spiel setzen, also lassen wir das lieber.

[00:18:42]  Jaci:  Nein. Nein Shelly.  Das belassen wir dabei.

[00:18:44]  Shelly:  Das glaube ich ja.

[00:18:45]  Jaci:   Sind gute Freunde.

[00:18:46]  Shelly:  Wir funktionieren gut als Freunde. [Lachen]

[00:18:48]  Geh dann kurz weinen.

[00:18:50]  Jaci:  Oder wir müssen jetzt Feinde werden. Uuuhh..

[00:18:52]  Shelly:  [lacht] Okay, zurück zum Thema.

[00:18:56]  Jaci:   Genau, also haben wir jetzt eben Punkte, wo die Shelly gesagt hat, wieso sie diesen Trope nicht mag.

[00:19:01]  Ich habe gesagt, wieso ich ihn mag.

[00:19:03]  Und aber ganz allgemein kann man dann auch noch sagen, die Faszination von diesem Trope kommt eben glaube ich daher, dass jeder Freunde hat und es dann jeder sich irgendwie romantisieren kann.

[00:19:14]  Dass es passiert, dass das einfach Lebensnah ist.

[00:19:18]  Shelly:  Jeder kann sich es vorstellen.

[00:19:20]  Jaci:   Genau, man hat eher einen Freund als ein Feind.

[00:19:22]  So, würde ich das jetzt mal sagen. Shelly:  Das stimmt.

[00:19:24]  Jaci:   Und dann ist es einfach realistischer für dich in deinem normalen Leben außerhalb der Romanen oder Serien, dass es eventuell passieren könnte.

[00:19:30]  Und ich glaube daher kommt viel die Faszination, gerade bei jungen Leuten glaube ich ganz viel.

[00:19:34]  Shelly:  Also, wir haben uns jetzt drüber unterhalten, was wir von "Friends-to-Lovers" halten.

[00:19:38]  Sehr konträre Meinungen teilweise. [lachen]

[00:19:41]  Jaci:  Zu dem Trope und zu Büchern, die diesen Trope ausführen.

[00:19:44]  Shelly:  Ja. So soll es ja sein.

[00:19:46]  Shelly:  Genau, und wenn ihr Vorschläge habt, Wünsche zu, also Tropes betreffend, oder auch generell was den Podcast betrifft, Themenvorschläge könnt ihr uns natürlich gerne schreiben:

[00:19:58]  Per Mail auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at oder auf Instagram, in den DMs oder auch Facebook.

[00:20:07]  Es wird jetzt, wenn diese Podcastfolge online geht, auch wieder eine Umfrage auf Instagram geben.

[00:20:14]  Da gibt es wieder drei Tropes zur Auswahl, weil wir möchten natürlich diese Serie fortsetzen, weil es uns sehr viel Spaß macht, darüber zu sprechen.

[00:20:21]  Jaci:  Wenn man es nicht merkt ... [beide lachen]

[00:20:23]  Shelly:  Genau, und da könnt ihr dann einfach wieder abstimmen, was in der nächsten Episode, also nicht die nächste die kommt, sondern die nächste Tropes-Episode dann besprochen werden soll.

[00:20:33]  Jaci:  Genau, wir freuen uns schon drauf.

[00:20:35]  Shelly:  Wir freuen uns sehr.

[00:20:36]  Schauen wir mal, was wird.

[00:20:37]  Jaci:  Was wird!

[00:20:38] [Outro-Musik]

[00:21:00] [Weibliche Stimme] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und

[00:21:07] Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Literarische Entstehungsgeschichten: J.R.R. Tolkien vs. Elly Conway

Literarische Entstehungsgeschichten: J.R.R. Tolkien vs. Elly Conway

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.

[00:00:07]  [Intro-Musik] Christina: Ja hallo und herzlich willkommen zum "S'Vorwort", dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck. Mein Name ist Christina.

[00:00:29]  Pia: Und ich bin die Pia.

[00:00:31]  Christina: Und wir sprechen heute wieder über eine bzw. über zwei Entstehungsgeschichten.

[00:00:37]  Das ist ein neues Format, das wir jetzt öfter präsentieren werden. Wir freuen uns darauf. Das war ursprünglich...

[00:00:44]  Pia, kannst du dich überhaupt noch an den Ursprung von den Entstehungsgeschichten erinnern?

[00:00:48]  Pia: Ja, wir haben damals online, ich glaube es war auf Instagram, nachfragt, ob jemand Ideen für Folgen hat, für weitere

[00:00:57]  und irgendwer, irgend ein anonymer Leser oder Leserin, hat gefragt, ob wir interessante Entstehungsgeschichten

[00:01:05]  oder spannende Entstehungsgeschichten vorstellen könnten. Und dann haben wir uns gedacht, oh, das klingt doch cool. Und dann haben wir es das erste Mal gemacht.

[00:01:13]  Christina: Und festgestellt, es gibt so viele tolle Entstehungsgeschichten von literarischen Werken.

[00:01:18]  Pia: Könnten ewig weitermachen. [lacht]

[00:01:20]  Christina: Und das macht auch total Spaß, weil das Besondere an dieser Folge ist das Format. Nämlich die Pia und ich kommen beide mit einer Entstehungsgeschichte an den Tisch.

[00:01:29]  Ich kenne meine Entstehungsgeschichte. Pia kennt die ihre, aber wir tauschen uns nicht vorher aus, welche Entstehungsgeschichte wer mitgebracht hat.

[00:01:37]  Und ihr könnt, wie das letzte Mal, wieder abstimmen.

[00:01:41]  Am Ende der Folge bzw. wenn die Folge ausgestrahlt wird, gibt es wieder auf Instagram eine Abstimmung.

[00:01:47]  Welche der Entstehungsgeschichten euch besser gefallen hat.

[00:01:51]  Und Pia, letztes Mal hat dann wider Erwarten der William Burroughs gewonnen.

[00:01:59]  Pia: Ja genau.

[00:02:00]  Also Drogen sind spannender als Mord, haben wir festgestellt. [lacht]

[00:02:04]  Christina: Ich hätte gedacht, bei dem True-Crime-Bonanza, das gerade vorherrscht in unserer Gesellschaft, dass du auf jeden Fall die besseren Karten hast.

[00:02:12]  Da war ich sehr überrascht.

[00:02:13] Pia: Hab ich einfach Pech gehabt. [lacht]

[00:02:15]  Christina: Ja, deine Geschichte hat letztes Mal verloren.

[00:02:17]  Wer weiß, vielleicht wird es diesmal anders.

[00:02:20]  Pia: Schauen wir mal. Ich habe eine tolle Geschichte mitgebracht. [lacht] Finde ich zumindest.

[00:02:22]  Christina: Okay, letztes Mal hast du angefa... eh

[00:02:24]  Letztes Mal habe ich angefangen.

[00:02:26]  Deswegen Bühne frei für dich, Pia und deine Entstehungsgeschichte:

[00:02:30]  Pia: Meine Geschichte beginnt in Oxford in den 1950er Jahren.

[00:02:34]  Christina, stelle dir vor, du bist Studentin in Oxford in den 1950er Jahren. Christina: Mhm. [lacht]

[00:02:40]  Pia: [lacht] Du kannst schon wirklich vorstellen, oder?

[00:02:43]  Der Krieg ist vorbei.

[00:02:44]  Es ist ein wirtschaftlicher Aufschung in Großbritannien und du besuchst Vorträge von ganz bekannten Wissenschaftlern.

[00:02:49]  Klingt schon recht gut, oder?

[00:02:51]  Christina: Klingt sehr gut.

[00:02:52]  Pia: [lacht] Einer deiner Professoren ist zwar ein renommierter Sprach- und Literaturwissenschaftler, hat aber ein fast nicht existentes Publikum bei seinen Vorlesungen.

[00:03:01]  Denn er nuschelt total und seine Vorträge sind deswegen kaum zu verstehen.

[00:03:05]  Das kommt aber in Wirklichkeit entgegen, denn damals haben Professoren, wenn es kein Publikum gegeben hat,

[00:03:12]  die Vorlesung einfach sausen lassen können und sind trotzdem bezahlt worden.

[00:03:16]  Christina: War das am Ende sein Trick?

[00:03:17]  Pia: [lacht] Genau.

[00:03:18]  Aber du bist ja interessierte Studentin, deswegen machst du so etwas nicht.

[00:03:22]  Und kommst trotzdem zu den Vorträgen über Geoffrey Chaucer und den Aufbau von Heldenreisen

[00:03:27]  und hinderst den Professor daran, seine Fantasie-Trilogie abzuschließen.

[00:03:31]  Christina: Ich glaube jetzt weiß ich's. Pia: Ich glaube du weißt schon, wer es ist. [lachen]

[00:03:33]  Pia: Verrat's uns.

[00:03:35]  Christina: J. R. R. Tolkien.

[00:03:37]  Pia: Ja, genau.

[00:03:38] Christina: Der hat geschnuschelt?

[00:03:39]  Pia: Extrem anscheinend. Christina: Ach. Ok.

[00:03:41]  Pia: Den hat man fast nicht verstehen können.

[00:03:43]  Christina: Das wusste ich nicht.

[00:03:44]  Pia: Also für die, die es nicht wissen, J. R. R. Tolkien ist der... DER britische Schriftsteller,

[00:03:48]  der die "Herr der Ringe"-Trilogie geschrieben hat.

[00:03:51]  Christina: Also ich glaube, Shakespeare ist DER britische Schriftsteller, aber dann... [Gelächter]

[00:03:55]  Pia: Nein, da ist es DER britische Theaterstückschreiber.

[00:04:00]  Christina: Stimmt. Entschuldigung.

[00:04:01] Pia: Vielleicht ist das nochmal was anderes. [lacht]

[00:04:03]  Und die Studentin hat es auch wirklich gegeben.

[00:04:06]  Die bei der Vorlesung.

[00:04:07]  Christina: Hieß die auch, Christine?

[00:04:08]  Pia: Nein. [lacht]

[00:04:09]  Aber du kennst sie.

[00:04:10]  Sie ist eine alte Bekannte aus dem Podcast.

[00:04:13]  Christina: Caroline Wahl.

[00:04:15]  [Pia lacht]. Christina: Nein, die ist zu jung. [lachen]

[00:04:17]  Pia: Diana Wynne Jones.

[00:04:19]  Christina: Oh, ja stimmt.

[00:04:21]  Das haben wir sogar noch erwähnt im Podcast.

[00:04:23]  Das, wo wir das aufgenommen haben mit "Das wandelnde Schloss".

[00:04:26]  Pia: Genau, das ist die Autorin von "Sophie im Schloss des Zauberers"

[00:04:29]  und "Howl's Moving Castle".

[00:04:31]  Und die war tatsächlich Tolkiens Studentin

[00:04:33]  und von der stammt auch diese Anekdote.

[00:04:35] Christina: [Schnalzt mit der Zunge] Oh, ist das nett.

[00:04:37]  Pia: Anscheinend war sie eine der wenigen Studenten,

[00:04:39]  die das wirklich ausgehalten haben,

[00:04:40]  weil er so, so schrecklich vorgetragen hat.

[00:04:43]  Und damit wären wir schon bei der Entstehungsgeschichte von

[00:04:46]  "Herr der Ringe". John Ronald Reuel Tolkien,

[00:04:49]  ich hoffe, ich sprich das richtig aus.

[00:04:50]  Christina: Wow.

[00:04:51] Pia:  - J. R. R. -

[00:04:52]  wurde 1892 geboren

[00:04:54]  und war bevor "Herr der Ringe" schrieb,

[00:04:56]  vor allem als Sprach- und Literatursenschaftler bekannt.

[00:04:59]  Er war eben sehr an Sprachen interessiert

[00:05:01]  und hat auch alte Mythen und Legenden total gemocht.

[00:05:04]  Zum Beispiel hat er ein totales Faible für "Beowulf".

[00:05:07]  Und deswegen findet man diese Elemente auch in seinen Texten wieder.

[00:05:11]  Der tatsächliche Entstehungszeitpunkt von "Herr der Ringe"

[00:05:14]  ist schwierig nachzuvollziehen.

[00:05:16]  Tolkien hat im ersten Weltkrieg gedient.

[00:05:19]  Unter anderem auch bei der Schlacht bei der Somme.

[00:05:21]  Und hat schon während der Zeit angefangen,

[00:05:23]  Gedichte und kurze Geschichten, die in

[00:05:25]  Mittelerde spielen verfasst.

[00:05:27]  Der erste Weltkrieg war natürlich ein total

[00:05:29]  einschneidendes Ereignis für ihn

[00:05:31]  und hat ihn beim Schreiben von "Herr der Ringe" auch beeinflusst.

[00:05:34]  Also viele sind davon ausgegangen,

[00:05:36]  dass eventuell der Zweite Weltkrieg

[00:05:38]  ein Einfluss war.

[00:05:39]  Und dass Sauron vielleicht eben für Stalin steht oder so.

[00:05:42]  Christina: Das habe ich auch schon mal gehört, die Theorie.

[00:05:44]  Pia: Aber er hat es damals demitiert und hat 1966

[00:05:47]  im Vorwort zur revidierten Ausgabe von "Herr der Ringe" geschrieben:

[00:05:50]  "Man muss in der Tat persönlich in den Schatten des Krieges geraten,

[00:05:54]  um zu erfahren, wie bedrückend er ist.

[00:05:56]  Aber im Laufe der Jahre scheint man nun oft zu vergessen,

[00:05:59]  dass es ein keineswegs weniger furchtbares Erlebnis war,

[00:06:02]  in der Jugend von 1914 überrascht zu werden,

[00:06:05]  als 1939, und in den folgenden Jahren vom Krieg betroffen zu sein.

[00:06:09]  1918 waren bis auf einen alle meine nächsten Freunde tot."

[00:06:13]  Tolkien hat sein Studium 1915 abgeschlossen

[00:06:16]  und hat deswegen seine wissenschaftliche Karriere

[00:06:19]  erst nach dem Krieg starten können.

[00:06:21]  Er behauptet, dass "Der Hobbit",

[00:06:23]  das ja seine erste Rormanveröffentlichung war,

[00:06:26]  plötzlich und ohne Planung begonnen hat,

[00:06:29] und zwar mitten in der Korrektur von einem Aufsatz.

[00:06:31]  Im Jahr 1930 oder '31.

[00:06:33]  Er hat damals diesen ersten Satz auf ein leeres Blatt Papier geschrieben:

[00:06:37]  "In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit."

[00:06:39]  Christina: Aber hat halt 15 Jahre vorher schon oder seit 15 Jahren,

[00:06:42]  das immer im Kopf mit sich getragen?

[00:06:44]  Pia: Genau.

[00:06:45]  "Der Hobbit" war an Kinder gerichtet

[00:06:48]  und wurde vom Verleger Stanley Unwin begutachtet.

[00:06:51]  Unwin war immer der Meinung,

[00:06:53]  dass Kinderbücher am besten von Kindern beurteilt werden sollten.

[00:06:56]  Deshalb hat er seine Manuskripte für ein kleines Taschengeld

[00:07:00]  immer seinen Kindern zur Einschätzung überlassen.

[00:07:02]  Die haben dann kurze Berichte verfasst.

[00:07:05]  Und auf Grundlage dieser Einschätzung sind dann die Bücher

[00:07:08] entweder veröffentlich worden, oder nicht.

[00:07:10]  "Der Hobbit" ging dann eben an seinen 10-jährigen Sohn,

[00:07:12]  Rayner Unwin,

[00:07:14]  der das Buch sehr mochte

[00:07:16]  und meinte "es werde allen Kindern im Alter von 5 bis 9 Jahren gefallen".

[00:07:19]  Christina: Wow [lachen] Pia: [lacht] das ist eine sehr gute Einschätzung.

[00:07:22]  Christina: Der ist schon der Verleger in zweiter Generation.

[00:07:24]  Pia: Ja, der hat damit nämlich auch dann auch "Herr der Ringe" rausgebracht.

[00:07:27] Christina: Ach! Pia: Ja. Dazu komme ich noch. [lacht]

[00:07:30]  Der Hobbit wurde daraufhin 1937 veröffentlicht

[00:07:34]  und war ein Erfolg.

[00:07:36]  Auf Wunsch des Verlages wurde Tolkien gebeten,

[00:07:38]  die Geschichte weiterzuschreiben.

[00:07:40]  Das hätte angeblich wieder ein Kinderbuch werden sollen,

[00:07:42]  aber ist dann doch nicht so gekommen

[00:07:44]  und es hat ein bisschen gedauert, bis die Fortsetzung rausgekommen ist.

[00:07:47]  Zwischendrin, in der Zwischenzeit, hat Tolkien 1939

[00:07:51]  den bekannten Vortrag "On Fairy Stories" gehalten.

[00:07:55]  Darin geht es um Märchen und fantastische Geschichten

[00:07:58]  als Literaturform

[00:08:00]  und davon sagen viele, dass es eben die Geburtstunde

[00:08:02]  der Fantasy-Literatur der modernen war

[00:08:04]  und damit Fantasy als eigenes Literaturgenre

[00:08:07]  ins Leben gerufen wurde.

[00:08:09]  Tolkien wird daher oft eben auch als Begründer

[00:08:12]  der Fantasy-Literatur genannt.

[00:08:14]  Man muss auch sagen, dass Fantasy-Literatur

[00:08:16]  damals nicht wirklich angesehen war,

[00:08:18]  vor allem in seinen akademischen Kreisen.

[00:08:20]  Tolkiens Kollegen haben sich oft lächerlich gemacht darüber

[00:08:23]  und ihn einscheinend immer gefragt,

[00:08:25]  "How is your Hobbit?"

[00:08:27]  Also:  "Wie geht es deinem Hobbit?"

[00:08:29] Christian: Es ist voll oft so, dass Leute belächelt werden

[00:08:31]  für was, was später total erfolgreich wird.

[00:08:33] Pia: Bis die Hauptrilogie "Herr der Ringe" dann veröffentlicht wurde,

[00:08:35]  hat es aber noch gedauert.

[00:08:37]  Einerseits liegt der Zweiter Weltkrieg dazwischen,

[00:08:40]  andererseits gab es ein Hin und Her mit dem Verlag

[00:08:42]  und so wurde der erst 1954/55 veröffentlicht

[00:08:46]  und zwar inzwischen von Reyna Unwin,

[00:08:48]  dem Verlegersohn, [lacht]

[00:08:50]  der halt genug war nun inzwischen. Christina: Wahnsinn!

[00:08:52] Pia: Und ungeplanterweise ist dieses Gesamtwerk

[00:08:54]  in drei Teilen veröffentlicht worden,

[00:08:56]  als Trilogie,

[00:08:58]  weil nach dem Weltkrieg die Papierkosten so hoch waren.

[00:09:00] Christina: Ach, das war eigentlich EIN Roman.

[00:09:04]  Das heißt, diese dicken "Ein-Roman-Ausgaben"

[00:09:07]  die es gibt und die man gar nicht halten kann, die

[00:09:09]  sind eigentlich die Form, wie es gedacht war. Pia: Genau.

[00:09:11] Christina: Wow, das würdest du heute nie durchkriegen.

[00:09:13] Pia: Überhaupt nicht. Christina:  Never [engl. nie]

[00:09:15] Pia: Das war dann einfach preiswerter

[00:09:17]  und deswegen hat es der Verlag so rausgebracht.

[00:09:19]  Es war nie als Trilogie geplant

[00:09:21]  und Tolkien hat sich immer gegen diese Bezeichnung gewehrt.

[00:09:24]  Also der mochte das gar nicht.

[00:09:26] Christina: Ach der mochte das nicht? Wie Stephen King mit "Shining" dem Film,

[00:09:28]  den hat der auch nicht gemocht, .

[00:09:30]  die Stanley-Kubric-Interpretation. 

[00:09:33] Pia: Ja, trotzdem so bekannt geworden. Christina: Pech! [Lachen]

[00:09:36]  Spätestens mit Peter Jackson ist

[00:09:38]  die Möglichkeit aus dem...

[00:09:40]  Also, das ist vorbei. Jeder wird's für immer ...

[00:09:42] Pia: Das ist DIE Trilogie.

[00:09:44] Christiana: Ja, das ist DIE Trilogie.

[00:09:46] Pia: "Die Trilogie sie zu knechten", meinst du? [lacht]

[00:09:49] Christina: Ja, genau. [lachen]

[00:09:51] Pia: Ja, genau. Und

[00:09:53] do ist "Der Herr der Ringe" entstanden.

[00:09:55]  Natürlich ist es nicht das Ende von Tolkiens Geschichte.

[00:09:57] "Herr der Ringe" wurde über 150 Millionen mal verkauft.

[00:09:59]  Gilt als eines der am besten verkauften Bücher.

[00:10:01]  Viele andere bekannte Werke und Unterhaltungsmedien

[00:10:04]  wurden von den Büchern inspiriert.

[00:10:06]  "Legend of Zelda", "Dungeon's and Dragon's" etc. etc. [lacht]

[00:10:09]  Und viele von Tolkiens Begriffen, zum Beispiel "Ork",

[00:10:12]  haben es auch ins Oxford English Dictionary geschafft.

[00:10:15]  Was ihm als Philologe und Sprachwissenschaftler

[00:10:17]  sicher gefallen hätte. [lachen]

[00:10:19]  Damit wir aber noch das Ende von Tolkiens Geschichte hören,

[00:10:22]  seine Frau Edith ist 1971 gestorben.

[00:10:25]  Er schrieb damals an seinen Sohn Christopher:

[00:10:27]  "Ich nannte Edith niemals Luthien,

[00:10:29]  die Figur zu der sie inspiriert hat.

[00:10:31]  Aber sie war die Quelle der Geschichte.

[00:10:33] die im Laufe der Zeit zum Hauptteil des Silmarillon wurde."

[00:10:36] Christina: [seufzt] Oh, ist das schön.

[00:10:38] Pia: "Sie wurde zuerst in einer kleinen Waldlichtung

[00:10:40]  voller Schierlinge in Ruess, Yorkshire, erdacht,

[00:10:42]  wo ich, 1917, für kurze Zeit das Kommando

[00:10:45]  über einen Außenposten der Hamba-Garnison hatte.

[00:10:48]  Und sie eine Weile bei mir leben konnte.

[00:10:50]  Damals war ihr Haar rabenschwarz, ihre Haut klar,

[00:10:53]  ihre Augen heller, als du sie je gesehen hast.

[00:10:56]  Und sie konnte singen und tanzen.

[00:10:58]  Aber die Geschichte ist schief gegangen.

[00:11:00]  Und ich bin übrig geblieben.

[00:11:02]  Und ich kann nicht vor dem unerbitterlichen Mandos fliehen."

[00:11:05]  Das ist das, was Luthien in der Geschichte getan hat für Beren.

[00:11:08]  Auf Ediths Grab steht in Oxford unter ihrem Namen

[00:11:11]  "Luthien" eingraviert, in Erinnerung an die Figur

[00:11:14]  und die Geschichte, die sie inspiriert hat.

[00:11:16]  Und Tolkien selbst, der dann 1973 verstorben war,

[00:11:19]  liegt neben ihr.

[00:11:21]  Und unter seinem Namen wurde Beren eingraviert.

[00:11:23]  Und das ist dann das Ende der Geschichte.

[00:11:26] Christina: Ein Literat durch und durch, ich hab ein bisschen Gänsehaut. So romantisch.

[00:11:29]  "Romandisch" Pia: [lacht] Das wäre meine Geschichte.

[00:11:34]  Jetzt kannst du loslegen. Jetzt bin ich gespannt.

[00:11:37] Christina: Also ich stell mir Tolkien immer Pfeife rauchend in seinem Büro über... mit Tintenverschmierten Händen

[00:11:47]  sitzend und in den Garten hinaus schauend vor.

[00:11:50]  Ich finde ja auch so Dokus über ihn ur gemütlich.

[00:11:54] Also irgendwie is es schon... So gruselig "Herr der Ringe" wird.. ist so dieser... Hobbington und von da, das als Startpunkt zu haben ...

[00:12:04]  Das ist mir so eine ... Ja, keine Ahnung.

[00:12:07]  Das hat gedauert, das ich wo ich sage, Fantasy holt mich ein bisschen ab,

[00:12:11]  weil du kriegst so das Gefühl.. jeden Winter, denke ich mir jetzt, lese ich doch einmal "Herr der Ringe" fertig,

[00:12:17]  weil sowas heimlig gemütliches hat.

[00:12:20] Pia: Ja, ich finde auch. Ich stell ihn mir auch so richtig als Hobbit vor.

[00:12:23]  [Lacht] Ich weiß nicht warum.

[00:12:25]  Ich kann mir so richtig vorstellen, wie er in seiner Höhle sitzt und gemütlich ein haufen gutes Essen isst und trink.

[00:12:32]  Ich kann mir Tolkien gut vorstellen so. [lacht]

[00:12:35] Christina: Jetzt wo du's sagst, die Hobbits reden ja immer vom Essen, die sind ein bisschen wie wir Bibliothekarinnen.

[00:12:39] Pia: Das stimmt absolut. [lacht]

[00:12:41] Christina: Also ich bin die komplett andere Richtung gegangen, hast du es gerade schon gesehen, wo ich meine Notizen ...

[00:12:47] Pia: Nein ich hab gar nichts gesehen. Christina: Ok gut, ich hab meine Notizen nämlich gerade ein bisschen ungeschickt komplett auf dem Tisch liegen lassen und gedacht,

[00:12:51]  vielleicht hat die Pia aus Versehen was gelesen.

[00:12:54]  Meine Geschichte spielt im Jahr 2024, ja.

[00:12:59] Pia: Also neuer. [lacht]

[00:13:01] Christina: Und zwar geht es bei mir um "Argylle".

[00:13:08] Pia: [zieht Luft ein] Die Katze?!

[00:13:10] Christina: Genau.

[00:13:11]  Also "Argylle" ist keine Katze. [lachen]

[00:13:13]  Aber du kannst dann erzählen, was es mit der mysteriösen Katze auf sich hat.

[00:13:20]  Für die, an denen das komplett vorbeigezogen ist, "Argylle" ist ein am 1. Februar [20]24 veröffentlichter Spionage-Thriller,

[00:13:30]  der in der Filmbranche für einiges Aufsehen gesorgt hat.

[00:13:34]  Der Film basiert nämlich auf einem gleichnamigen Buch von der Autorin Elly Conway.

[00:13:42]  Das Buch ist allerdings im Vergleich zum Film wahrscheinlich ein bisschen weniger bekannt,

[00:13:48]  besonders jetzt, wo der Film ja schon seit einer Weile draußen ist.

[00:13:52]  So und jetzt kommen wir zur Entstehungsgeschichte des Romans "Argylle".

[00:13:58]  Und was das mit dem Film so tun hat, wird daraus dann ersichtlich.

[00:14:02]  Stellt euch vor, ein Spionage-Roman, der plötzlich auf der Bildfläche erscheint und der löst in Hollywood

[00:14:08]  einen riesigen Hype aus und zwar noch bevor das Buch überhaupt auf dem breiten Markt

[00:14:14]  und damit in den Händen von der "gemeinen Leserin" und des "gemeinen Lesers" landet.

[00:14:20]  Ein Werk, das scheinbar über Nacht geschrieben wurde und das wird zur Vorlage für eine der

[00:14:25]  meist erwarteten Filme des Jahres hergenommen, die ja doch als die Neugier der Öffentlichkeit wächst,

[00:14:30]  beginnen, Gerüchte zu brodeln.

[00:14:33]  Wer ist denn diese mysteriöse Elly Conway?

[00:14:36]  Und wie konnte ein solch unbekanntes Buch so schnell die Aufmerksamkeit von Hollywood-Giganten auf sich ziehen?

[00:14:43] Pia: Gibt es die Autorin gar nicht? [lange Pause]

[00:14:46] Pia: Habe ich jetzt schon was verraten? [lacht]

[00:14:49] Christina: [unverständlich] Kennst du die Geschichte schon?

[00:14:51] Pia: Nein, ich kenn sie nicht. Ich kenn nur den Trailer mit dieser Katze. Christina: Du bist auf einer heißen Spur. Pia: Ah, ok. [lacht]

[00:14:57] Christina: Alles begann als "Argylle", ein bis dato unbekannter Roman von einer ebenso unbekannten Autorin namens

[00:15:04]  Elly Conway, in den Fokus der Öffentlichkeit rückte.

[00:15:07]  Schnell verbreiterte sich die Nachricht, dass der gefeierte Regisseur Matthew Vaughn die Filmrechte erworben hatte.

[00:15:13]  Und das noch bevor das Buch veröffentlicht war.

[00:15:16]  In Hollywood begann es zu brodeln und schon bald standen große  Namen wie Henry Cavill und Dua Lipa

[00:15:20]  auf der Besetzungsliste des Films.

[00:15:22]  Die Spannung stieg.

[00:15:24]  Doch es blieben viele Fragen offen. Wer war Elly Conway? [leises Gelächter]

[00:15:28]  Warum hatte niemand jemals von ihr gehört? Und wie konnte ein Debütroman solche Wellen schlagen?

[00:15:35]  Jetzt kommen wir zum juicy part. [lachen] Schnell verbreiteten sich im Internet Gerüchte und Verschwörungstheorien.

[00:15:41]  Einige vermuteten, dass Conway das Pseudonym eines etablierten Autors war,

[00:15:46]  der sich einen Spaß daraus machte, die literarische Welt zu täuschen.

[00:15:50]  Andere glaubten, dass das Buch vielleicht von einer Künstlichen Intelligenz geschrieben worden sei.

[00:15:55]  Ein gewagtes Experiment sozusagen, um die Grenzen der modernen Technologie auszuloten.

[00:16:01]  Eine populäre Fantheorie besagt, dass niemand anderes als Taylor Swift die wahre Autorin des Romans "Argylle" ist.

[00:16:09] Pia: [lacht] Taylor Swift ist überall. Christina: Dieser Theorie ist entstanden, weil der Titel des Buches und bestimmte Handlungselemente

[00:16:14]  angeblich Parallelen zu Swifts Leben und Kunstwerk aufweisen.

[00:16:18]  Fans haben spekuliert, dass Swift unter dem Pseudonym Elly Conway geschrieben hat,

[00:16:22]  um ihr schriftstellerisches Talent auf neue Weise auszudrücken, [lacht]

[00:16:25]  während sie gleichzeitig ihre Liebe zum Spionagegenre in einem kreativen Projekt verwirklicht.

[00:16:31]  Und, du hast ja schon die Katze erwähnt. Taylor Swift hat ja eine berühmte Katze,

[00:16:35]  so eine Scottish Fold. Was hast du denn vorhin mit Katze gemeint?

[00:16:40] Pia: Also ich weiß nicht. Ich habe nur den Trailer gesehen und irgendwie ist da jeder hinter dieser Katze her

[00:16:45]  und die ist auch ganz prominent auf dem Poster oben.

[00:16:48]  Und ich weiß nur, dass es glaube ich, ist es die Katze vom Regisseur oder die Katze von der Schauspielerin? Christina:

[00:16:54]  Also die Katze vom Regisseur, vom Matthew Vaughn.

[00:16:56] Pia: [lacht] Genau.

[00:16:57] Christina: Der hat nämlich genauso wie Taylor Swift so eine Katze.

[00:16:59]  Und das hat die Leute das auch zum spekulieren gebracht.

[00:17:03] Zum Beispiel dieser Rucksack, wo die Katze immer drin sitzt, die mit dem Fenster nach außen. Pia: Ja.

[00:17:08] Christina: Das ist auch was, was Taylor Swift populär gemacht hat.

[00:17:12]  Diese Katzenrucksäcke, das hat Taylor Swift in die Masse getragen. [Lacht]

[00:17:17] Pia: Trend gestartet.

[00:17:19] Christina: Während die Spekulationen also ins Unermessliche wuchsen begannen Journalist:innen und Buchliebhaber:innen

[00:17:25]  gleichermaßen nach Antworten zu suchen.

[00:17:27]  Wer war Elly Conway wirklich?

[00:17:29]  Die wenigen verfügbaren Informationen über sie schienen widersprüchlich

[00:17:33]  und niemand konnte ein Interview oder einen öffentlichen Auftritt von ihr nachweisen.

[00:17:38]  Doch gerade als die Gerüchteküche auf dem Höhepunkt brodelte, kam die überraschende Auflösung.

[00:17:44]  Es stellte sich nämlich heraus, dass die Elly Conway tatsächlich, Pia, du hast , "you called it".

[00:17:50] Pia: Erfunden ist!  Christina: Exakt! Sie existierte nicht oder zumindest nicht so, wie man es erwartet hätte.

[00:17:56] "Argylle", das Buch war das Projekt einer ausgeklügelten PR-Strategie entwickelt von einem Team

[00:18:03]  von Marketing-Experten und Ghostwriter:innen.

[00:18:06]  Die mysteriöse Autorin war nichts weiter als eine Fassade, geschaffen um das Buch zu einem Ereignis zu machen.

[00:18:13] Pia: Ja. Funktioniert hat es. [lacht] Christina: Funktioniert hat es. Die Ghostwriter:innen waren Terry Hayes und Tammy Cohen

[00:18:20]  und haben den Roman im Auftrag von Penguin gemeinsam verfasst.

[00:18:28]  Das war also sogar eine Auftragsarbeit. Wobei jeder von ihnen an verschiedenen Kapiteln und Figuren arbeitete.

[00:18:33]  Der Plan war, einen Hype zu kreieren, der das Buch über das übliche Maß hinaus bekannt machen würde

[00:18:40]  und das funktionierte. Aber die wahre Meisterleistung lag eigentlich in der Inszenierung dieser ganzen Sache,

[00:18:45]  indem sie Elly Conway als unbekannte, mysteriöse Autorin präsentierten, schafften

[00:18:50]  es die Macher die Neugier und das Interesse der Öffentlichkeit auf das Buch zu lenken.

[00:18:55]  Und diese Gerüchte und Theorien war genau das, was die Marketing-Leute beabsichtigt hatten.

[00:19:00]  Natürlich um den gleichnamigen Film zu bewerben.

[00:19:04]  Dieser Marketing-Gag entsprang den Produzent:innen, aber auch Matthew Vaughn als Regisseur, der das so ein...

[00:19:11] Pia: Also es war von Anfang an im Grunde als Film geplant und sie wollten nur das Buch machen, um einen Hype zu kreieren. 

[00:19:16] Christina: Und es wird glasklar, wenn man sich jetzt zum Abschluss nochmal die Timeline anschaut.

[00:19:21]  Der Film wurde nämlich bereits im Juni 2021 angekündigt, während der Roman erst im Januar [20]24 veröffentlicht wurde.

[00:19:31] Pia: Okay. Christina: Also ist es eigentlich gar nicht möglich, dass der Roman...

[00:19:35] Pia: Die Basis für den Film ist. Christina: [lacht]

[00:19:37]  Genau. Und der Film selber hatte dann auch schon Premiere am 24. Januar und wurde am 1. Februar veröffentlicht.

[00:19:46]  Also das geht alles hinten und vorne nicht auf.

[00:19:49]  Jetzt ist zum Abschluss die Frage, ob sich dieser ganze Aufwand denn dann gelohnt hat,

[00:19:54]  weil Elly Conway als Autorin ist auch eine Figur dann im Film tatsächlich, wo sie auch Autorin ist.

[00:20:03] Pia: Das ist die, die nachher diesen Thriller oder diesen Spionage-Film schreibt? Christina:

[00:20:08]  Genau. Das ist quasi der Gag da dran. Hat sich das gelohnt?

[00:20:12]  Na ja [Pia lacht], bei den Kritiker:innen ist es nicht sonderlich gut angekommen.

[00:20:16]  Nur ein Beispiel von vielen: auf "Rotten Tomatoes", das ist eine Website für Filmrezensionen,

[00:20:22]  hat er eine Bewertung von 4.9 von 10 möglichen Punkten. Pia: Oh.

[00:20:26] Christina: Und wie fandst du meine Geschichte?

[00:20:29] Pia: Sehr amüsant, also ich hab nur diesen...

[00:20:32]  Ich hab das ein bisschen mitgekriegt durch den Trailer und die Plakate, die eben online die Runde gegangen sind, [lacht]

[00:20:38]  aber und eben wegen dieser Katze, die ist sofort ein Star geworden [lacht] online, das ist klar,

[00:20:43]  aber Katzen werden das irgendwie immer. Christina: Ja, das stimmt.

[00:20:45] Pia: Aber sehr amüsant, jetzt weiß ich auch, warum das so ein Hype geworden ist. [lacht]

[00:20:49]  Alles nur erfunden! Und ich hab schon gedacht, dass ist von selber so passiert. [lacht]

[00:20:53] Christina: Manchmal ist man... also ich bin da immer naiv und denkt, oh cool. [lachen]

[00:20:57] Pia: Eben. [lacht ] Und dann ist es doch alles nur von den großen Menschen im Hintergrund kreiert.

[00:21:03] Christina: Und das Lustige ist, dass die Leute sich dann so im Kreis drehen online und dann eigentlich denen total in die Hände spielen.

[00:21:09] Pia: Ja [lacht]. Aber mei ...

[00:21:11]  Ja, und jetzt geht die Frage an euch. Wie haben euch unsere Geschichten gefallen?

[00:21:18]  Welche unserer Geschichten ist besser?

[00:21:20] [Christina flüstert] "Argylle"! [Pia flüstert] "Der Hobbit" und "Der Herr der Ringe". [lachen]

[00:21:23]  Sagt uns eure Meinung unter dem Hashtag #Gemeinsambesser auf Instagram unter "stadtbibliothek.innsbruck"

[00:21:30]  oder per Mail unter...

[00:21:34] Christina: post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at

[00:21:41] Pia: Oder auf Facebook. Wir freuen uns auf euer Feedback, eure Meinungen.

[00:21:46]  Und ihr könnt gerne auf Instagram abstimmen, welche Geschichte besser war.

[00:21:50] Christina: Stimmt's unbedingt ab, weil wir müssen, die Pia und ich müssen noch eine Wette abschließen,

[00:21:54]  und wer fünf Mal gewinnt, muss dem anderen, weiß ich nicht, dann Bubble Tea ausgeben oder so.

[00:21:59] Pia: Ich bin für Fizzers, das sind unsere immer...

[00:22:01] Christina: Ja, aber Fizzers haben wir eine stetige Zufuhr. Pia: Ja, des stimmt auch wieder.

[00:22:04]  Christina: Bubble Tea ist was, wo man...

[00:22:06]  Pia: Bubble Tea magst nur du. [lacht]

[00:22:08]  Christina: Habe ich noch nie probiert.

[00:22:09]  Pia: Ah, du hast nie probiert, okay.

[00:22:10]  Christina: Wir denken uns was aus, aber die Gewinnerin wird profitieren.

[00:22:14]  Pia: Genau. [lacht]

[00:22:15] Christina: Intern.

[00:22:16] Pia: Intern. [lacht]

[00:22:17]  Ja, und damit, danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal. Tschüss.

[00:22:24]  [Outro-Musik]

[00:22:48]  [Männliche Stimme] "S'Vorwort" ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der "Stadtstimmen",

[00:22:54]  dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Warum mögen wir eigentlich STEM-Literatur?

Warum mögen wir eigentlich STEM-Literatur?

Stadtbibliothek Innsbruck

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[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.

[00:00:07]  Christina: Also, hallo und herzlich willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:28]  Ich bin die Christina. Pia: Und ich bin Pia. Christina: Und wir sind wieder da.

[00:00:33]  Wir freuen uns sehr, dass nach der letzten Folge, wo unsere lieben Kolleginnen,

[00:00:37]  die Shelly und die Jacky für uns übernommen haben und ein bisschen über das Reisen und über Reiseführer gesprochen haben,

[00:00:43]  dass wir heute uns die Frage stellen können, warum mögen wir eigentlich "STEM"-Literatur?

[00:00:49]  Dazu gehen wir erstmal an die Definition. Was ist denn eigentlich STEM-Literatur jetzt ganz genau?

[00:00:56]  Gehen dann in weiterer Folge auf die Geschichte der STEM-Literatur ein.

[00:01:01]  Schauen uns dann die sogenannte neuere STEM-Literatur an.

[00:01:05]  Mit vor allen Dingen den weiblichen Hauptfiguren, kleiner Spoiler, Ali Hazelwood kommt darin auch vor.

[00:01:12]  Zu guter Letzt stellen wir uns wirklich die Frage, warum mögen wir eigentlich die STEM-Literatur

[00:01:18]  und geben euch unsere Meinung zu diesem Phänomen und diesem Trend.

[00:01:24]  Und wir fangen an mit STEM-Literatur kommt aus dem Englischen, das umfasst Bücher und Texte,

[00:01:30]  die sich den Themen Wissenschaft, Technologie, Ingenieurwesen und Mathematik verschreiben und sich damit beschäftigen.

[00:01:39]  Diese Literatur zielt darauf ab, das Verständnis und Interesse für diese Fachgebiete zu fördern,

[00:01:45]  indem sie komplexe Konzepte zugänglich und spannend darstellt.

[00:01:48]  "STEM" steht in diesem Fall für "Science, Technology, Engineering und Mathematics",

[00:01:55]  also Wissenschaft, Technologie, Ingenieurwesen und Mathematik.

[00:02:00]  Pia: Das gibt es jetzt natürlich nicht nur im Englischen.

[00:02:04]  Es gibt auch deutsches Pendant dazu, das wäre dann "MINT", das kennt man vielleicht,

[00:02:08]  das wäre Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

[00:02:12]  Da bezieht man sich natürlich sowohl auf Schul- und Studienfächer, aber auch zum Beispiel auch Berufe in diesem Bereich.

[00:02:19]  Das ist auch oft ein Bereich, wo man Kinder fördern will.

[00:02:22]  Schlüsselwörter dafür wären natürlich der Fachkräftemangel oder auch der Lehrkräftemangel in diesen Bereichen.

[00:02:28]  Das sind halt auch oft Bereiche, die nicht so beliebt sind.

[00:02:31]  Ich weiß nicht, wie es euch gegangen ist, ich hasse Mathematik. [lachen]

[00:02:33]  Christina: Ja. Wobei, das ist so interessant.

[00:02:36]  Das ist auch interessant. Für mich hat das immer ganz viel auch mit Sozialisierung zu tun.

[00:02:42]  Ich kann mich noch erinnern, ich bin zum Beispiel noch mit der Aussage aufgewachsen,

[00:02:49]  dass Buben können besser rechnen und Mädchen können besser schreiben.

[00:02:55] Pia: Ja, interessant.

[00:02:57] Also ich hätte es jetzt nicht so gehört, muss ich sagen.

[00:03:01]  Aber es waren einfach Fächer, die ich einfach nicht so gerne ...

[00:03:04]  Wobei, ich muss sagen, das war wirklich eigentlich nur Mathematik [lachen].

[00:03:07] Die anderen Fächer habe ich gern gehabt. Naturwissenschaften und so, es war nur Mathematik, das ich nicht gemocht habe.

[00:03:11]  Aber es ist interessant, dass da immer noch so ein gewisses Vorurteil vorherrscht.

[00:03:15] Christina: So ein Gender Bias.

[00:03:16] Pia: Ja, genau.

[00:03:17] Christina : So ein Gender Bias.

[00:03:18] Pia: Eben, weil das ist nämlich auch ein Bereich, wo man Frauen gerne fördert.

[00:03:22] Christina: Also jetzt dafür, dass sie es dann interessiert und können.

[00:03:26] Pia: Genau. [lacht]

[00:03:27]  Und Gründe dafür, warum das vielleicht eher nicht so ist, dass Frauen da repräsentiert werden in diesen Bereichen,

[00:03:33]  sagen Expert:innen, dass das vielleicht an der sozialen Prägung oder auch auf falsche Einsetzschätzung der eigenen Kompetenzen,

[00:03:40]  dass man selber meint man schafft das einfach gar nicht, weil das nichts ist.

[00:03:44] Christina: Und weil auch diese Aussage, ich bin schlecht in Mathe, aber vielleicht hat... Weil Mathe ist ja eigentlich nur Übungssache.

[00:03:49]  Und vielleicht ist es auch so, ich muss es nicht mehr üben,

[00:03:54]  weil Frauen sind oder Mädchen sind ja eh schlecht in Mathe.

[00:03:57]  Und deswegen in dem Fall versuche ich es gar nicht ernst.

[00:04:00] Pia: Und was noch dazu kommt, auch die Förderung von Geschlechterstereotypen in der Erziehung.

[00:04:05]  Eben, das hast du  eh auch schon bisschen angesprochen, dass einem das vielleicht auch gesagt wird.

[00:04:09]  Aber natürlich wird eben Versucht da gegenzulenken, auch vom österreichischen Staat.

[00:04:15]  Da gibt es dann extra MINT-Förderprogramme, alles möglicherweise angeboten von Workshops, Kooperationen,

[00:04:22]  Lehrfortbildungen zum Beispiel. Genau, also alles mögliche.

[00:04:29]  Aber eigentlich reden wir ja über Literatur heute [lacht] und nicht über STEM im Allgemeinen.

[00:04:36] Christina: Genau. Und bevor wir auf die STEM-Literatur zu sprechen kommen, die jetzt in aller Munde ist,

[00:04:44]  nämlich die vor allen Dingen Mädchen und Frauen zur Zielgruppe hat,

[00:04:49]  möchten wir euch noch etwas über die Geschichte der STEM-Literatur erzählen.

[00:04:53]  Denn im belletristischen Sinne ist das ja Genre-mäßig auch schon ein etwas älteres Thema.

[00:05:00]  STEM-Literatur im spezifischen sind also einfach auch Romane und Erzählungen,

[00:05:06]  die sich mit diesen von uns eben genannten Themen beschäftigen.

[00:05:10]  Diese Literatur hat eine durchaus längere Tradition, die geht bis ins 19. Jahrhundert zurück.

[00:05:17]  Ein frühes Beispiel für was man vielleicht heute als STEM-Literatur bezeichnen könnte,

[00:05:24]  wäre Mary Shelleys' "Frankenstein".

[00:05:27]  Das ist 1818 rausgekommen und in Frankenstein wird Wissenschaft

[00:05:34]  und auch die Folgen von technologischem Fortschritt thematisiert.

[00:05:41]  Auch für uns eigentlich ein hochaktuelles Buch von der Thematik her.

[00:05:48]  Dann gibt es natürlich Größen wie Jules Vernes oder H.G. Wells,

[00:05:54]  die so die Begründer mitunter der Science-Fiction sind

[00:05:59]  und als Begründer der Science-Fiction gelten

[00:06:02]  und sich ganz intensiv mit technologischen und wissenschaftlichen Themen auseinandersetzen.

[00:06:08]  Im 20. Jahrhundert hat das Science-Fiction-Genre dann noch mehr Aufmerksamkeit bekommen,

[00:06:14]  insbesondere durch Bekannte Autoren wie Isaac Asimov oder auch Arthur C. Clarke,

[00:06:20]  die auch wiederum wissenschaftliche und technologische Konzepte in den Geschichten erforscht haben.

[00:06:26]  Der Begriff STEM-Literatur hat sich aber für belletristische Werke erst in den letzten Jahrzehnten verbreitet,

[00:06:34]  eben wie du schon beschrieben hast, Pia, parallel zu dieser wachsenden Bedeutung der STEM-Bildung,

[00:06:42]  also der im deutschen Sprachgebrauch MINT-Fächer

[00:06:49]  und auch besonders die Aufmerksamkeit da auf den Aspekt,

[00:06:55]  dass auch Mädchen und Frauen in dem Bereich gefördert werden wollen und sollen.

[00:07:03]  Pia: Genau so, ist recht gut zusammengefasst. Die Geschichte von den früheren Werke,

[00:07:07]  von dieser STEM-Literatur. Es hat dann aber in den letzten Jahren so einen ganz neuen Trend in diese Richtung gegeben.

[00:07:14]  Das hat so um circa 2017 angefangen. Die Person, die das wirklich losgetreten hat, war Ali Hazelwood,

[00:07:21]  aber zu der kommen wir ja noch. Es war eine Trilogie, die sie damals angefangen hat,

[00:07:26]  eben ein Liebesroman-Trilogie. Der erste Teil heißt "The Love Hypothesis",

[00:07:31]  aber da reden wir auch noch ein bisschen darüber. Sie hat eben dann zum ersten Mal STEMinistische Literatur [lacht ] geschrieben.

[00:07:38]  Christina: Wow, die Wortschöpfung.

[00:07:40]  Pia: [lachen] Ja. STEMinist oder StEMinismus bezieht sich auf eine spezifische Strömung von Feminismus.

[00:07:46]  Christina: Und schließt zusammen STEM und Feminismus, nehm ich an oder?

[00:07:50]  Pia: Ja, natürlich. Die sich also für erhöhte Präsens von Frauen in diesen MINT-Bereichen einsetzt.

[00:07:56]  Und in Bezug auf die Belletristik, also die Schönheit der Literatur bedeutet das Romane,

[00:08:02]  die Heldinnen aus diesem Bereich darstellen und feiern. Wobei es eben meistens Liebesromane sind.

[00:08:07]  Und eben typisches Beispiel als Autorin, die im Bereich arbeitet, ist eben die Frau Hazelwood. [lacht]

[00:08:12]  Sie ist US-Autorin und hat ein PhD in Neurowissenschaften.

[00:08:16]  Das heißt, es macht auch irgendwie Sinn, dass sie Bücher über das schreiben will,

[00:08:20]  weil sie natürlich aus diesem Bereich kommt.

[00:08:22]  Sie hat selber mit Fanfiction angefangen von Star Trek und Star Wars

[00:08:26]  und hat dann aber selber angefangen zu schreiben, also in größeren Verlagen,

[00:08:31]  und hat eben mit dieser Trilogie einen absoluten Erfolg gefeiert.

[00:08:35]  Und bis 2023 war sie selber Professorin, hat als Professorin gearbeitet

[00:08:39]  und hat sie dann aber pausiert, weil sie sich auf ihre Autorinnenkarriere fokussieren wollte.

[00:08:46]  Ja, genau. Und ich glaube, du hast ein paar Beispiele mitgebracht, unter anderem auch ihr Buch.

[00:08:51]  Christina: Das habe ich genau. Wir haben insgesamt drei Romane dabei, die wir empfehlen können,

[00:09:00]  die Spaß machen zum Lesen. Zur Ali Hazelwood finde ich, das so bemerkenswert, dass sie dann aufgehört hat...

[00:09:06]  Pia: In dem Bereich selber zu arbeiten?

[00:09:08]  Christina: Ja, genau. Aber es ist also bei der Ali Hazelwood, die hat es eben, wie du schon gesagt hast,

[00:09:14]  "The Love Hypothesis" geschrieben, das ist 2021 rausgekommen.

[00:09:18]  Wer es noch nicht kennt, die Hauptfigur ist eine Doktorandin in Biologie

[00:09:25]  und sie findet sich in einer vorgetäuschten Beziehung mit einem Professor wieder,

[00:09:32]  während sie ihre wissenschaftliche Karriere verfolgt.

[00:09:36]  Pia: Also so klassisch STEM-Literatur. Die Figur arbeitet in dem Bereich

[00:09:41]  und der potenzielle Liebhaber kommt auch [lachend] aus dem Bereich.

[00:09:46]  Ich habe auch noch ein anderes Beispiel, das wäre "Honey Girl" von Morgan Rogers, aus dem Jahr 2022.

[00:09:53]  Da hat die Protagonistin ihr Astronomie-Studium mit Bestnoten bestanden

[00:09:58]  und kann einen One Night Stand mit einer anderen Frau in Las Vegas nicht vergessen.

[00:10:02]  Das heißt, wir haben hier auch einen LGBT-Roman, weil es eben zwei Frauen sind, die sich ineinander verlieben.

[00:10:08]  Christina: Einer der wenigen in dem Genre im Moment, gell? Pia: Genau. Also vorzugsweise sind es eher heterosexuelle

[00:10:15]  Beziehungen, die da dargestellt werden. Christina: Ein weiterer Roman aus dem Jahr 2022 ist

[00:10:21]  "Lessons in Chemistry" von der Bonnie Garmes. Spricht man die so? Pia: Keine Ahnung. [lacht] [spricht es französisch aus] Garmü? Wer weiß [lacht] Christina: Bonnie [spricht es französisch aus] Garmüs. Lasst es mich wissen auf post.stadbibliothek@innsbruck.gv.at

[00:10:37]  Bonnie Garmes oder Bonnie Garmüs. [lachen] In dem Roman ist die Protagonistin eine Chemikerin in den 1960er

[00:10:46]  Jahren, die sich in einer von Männern dominierten Wissenschaftswelt behaupten muss und unerwartet

[00:10:52]  zur Fernsehköchin wird. Und da teilt sie dann aber dem Publikum ihre wissenschaftliche Expertise.

[00:11:00]  Und ich habe jetzt vor kurzem erst, ich weiß das Buch ist schon zwei Jahre alt, aber ich habe

[00:11:05]  jetzt vor kurzem erst einen Trailer zum Film gesehen, zum gleichnamige. Pia: Nein, es gibt einen Film? [lacht] Ok.

[00:11:08]  Christina: Ah des. Ok.. Ich weiß auch jetzt nicht 100%-ig, ob der [20]23 oder [20]24 rausgekommen ist,

[00:11:15]  ich habe den Trailer gesehen. Werde ich mir auf jeden Fall anschauen, ich finde dass so witzig und

[00:11:21]  allein der Trailer oder dieser kurze "Blurb" [engl. Klappentext] mit der Zusammenfassung dieses Kommentar,

[00:11:27]  dass die Frau natürlich dann kochen muss und dass auch so auf dieses Gleis gestellt wird. Aber dann bricht

[00:11:31]  sie da irgendwie darüber [Pia zwischendrin: Das Klischee auch, ja]. Das ist so cool, ich glaube das ist so richtig guter Film.

[00:11:36]  Es ist so witzig halt. Pia: Ja, Feelgood [engl. Wohlgefühl] Film wahrscheinlich. Christina: Ja genau. Pia: Das sind diese Romane glaub ich generell. Das ist so ein Feelgood

[00:11:43]  Sommer Roman, den man so schnell mal nebenher lesen kann. Christina: Und aber gleichzeitig irgendwie so

[00:11:48]  erfrischend Vorbildcharakter irgendwo. Ich finde es total inspirierend, diese Idee,

[00:11:54]  dass dir als Frau vorgelebt wird, die Dinge, die du vielleicht irgendwie gelernt hast im

[00:12:04]  Laufe deines Lebens, dass du die vielleicht nicht gut kannst. Und selbst wenn du theoretisch weißt,

[00:12:08]  dass das nicht stimmen mag, aber so Sachen sind ja dann teilweise so tief.

[00:12:11]  Pia: intrinsich in dir drinnen, ja. Christine: Genau. Pia: Aber du kommst nicht aus.

[00:12:15]  Christina: Aber wir haben noch einen Roman. Und zwar haben wir noch einen Roman mitgebracht. Das wäre der von

[00:12:20]  der Alice Oseman. Der ist schon 2016 rausgekommen und ist heißt "Radio Silence", ist ein YA Roman,

[00:12:29]  also ein "Young Adult" Roman oder sogar eher ein Jugend Roman. Da geht es um die Protagonistin

[00:12:33]  Frances, die eine leistungsorientierte Schülerin ist und ein starkes Interesse an der Wissenschaft

[00:12:38]  hat und auch an der Mathematik. Sie setzt sich mit ihrer Identität und ihren Zielen auseinander.

[00:12:44]  Und dann entdeckt sie einen beliebten Podcast und dessen Schöpfer. Ich gehe davon aus,

[00:12:48]  [lachend] das ist also ein... auch eine Liebesgeschichte. Pia: [lachend] Punkt, Punkt, Punkt. Christina: Genau. [lacht] Wir haben noch ein, zwei weitere Empfehlungen und

[00:12:57]  werden die wie immer alle in die Show-notes packen. Und wenn wir die Bücher und einen großen Teil

[00:13:03]  davon, das weiß ich, also einen großen Teil davon haben wir in der Stadtbibliothek. Wenn wir die

[00:13:07]  Bücher in der Stadtbibliothek haben, dann ist es auch immer auf unseren Online-Katalog verlinkt.

[00:13:13]  Dann könnt ihr euch das anschauen, schauen ob sie gerade verfügbar sind und die dann einfach

[00:13:18]  mit eurer Bibliothekskarte bei uns ausleihen. So, aber jetzt stellen wir uns zu guter Letzt noch die

[00:13:24]  Frage, warum mögen wir eigentlich STEM-Literatur? Und da sind wir, die Pia und ich, so ein bisschen in uns

[00:13:30]  gegangen und haben uns überlegt, was wir dann gut finden oder was da vielleicht die Nachteile sind.

[00:13:35]  Pia, möchtest du anfangen? Pia: Ja, also ich bin ein bisschen zwiegespalten, was das angeht. Ich finde es einerseits

[00:13:42]  so, wie du gesagt super, dass Frauen sich dann in diesen Bereichen auch sehen können, vor allem,

[00:13:46]  wenn das wirklich teilweise im echten Leben noch nicht so ist, dass man eben da einfach noch nicht

[00:13:50]  so gut repräsentiert ist und dann ist es ja super, gerade in dieser Literatur, dass man sich da auch

[00:13:55]  selber sehen kann und Vorbilder hat. Gleichzeitig bin ich dann wieder so, ich weiß nicht, das ist

[00:14:02]  halt dann doch schon wieder sehr Klischee, dass es dann immer um Liebe und Ehe und Beziehungen

[00:14:06]  gehen muss und eben so, wie wir auch schon angemerkt haben, es sind meistens heterosexuelle

[00:14:11]  Beziehungen, das heißt, man ist doch ein bisschen heteronormativ am Weg. Also ich bin ein bisschen

[00:14:17]  zwiegespalten, was es angeht. Christina: Diese Genre-Mischung wiederum, finde ich ist da... ich verstehe das,

[00:14:23]  es ist schon sehr Klischeehaft auf der einen Seite und kann ich da total verstehen. Ich glaube,

[00:14:30]  also diese Kombination von STEM-Themen oder MINT-Themen mit populären Genres, wie eben Romantik

[00:14:37]  oder auch Thriller und Science Fiction, die machen diese Bücher grundsätzlich zugänglicher und

[00:14:44]  wahrscheinlich attraktiver für eine breite Leserschaft. Und also in Science Fiction kennt man das ja schon

[00:14:49]  und da ist ja meistens so Klischeehaft nicht... also ich möchte nicht, dass ihr mich falsch versteht

[00:14:56]  und dass nur Männer Science Fiction lesen, aber in den tradierten Gender-Rollen...

[00:15:02]  Pia: Hast du eh schon erwähnt Jules Vernes H.G. Wells.

[00:15:06]  Christina: Genau, sind das eher die Autoren, die von, also die... Pia: Helden. Christina: Genau das sind männliche Autoren,

[00:15:12]  aber das sind auch die große Ausnahme, da war Mary Shelley, aber es ist so im Stereotypenbild ist,

[00:15:18]  das was, was mehr Männer lesen. Und das sind auch einfach von den Themen her,

[00:15:23]  oft Themen, die sich nicht mit Frauen oder Frau-sein oder der Rolle der Frau in der Gesellschaft

[00:15:30]  beschäftigen, sondern mit der Rolle des Mannes in der Gesellschaft. Oder wo dann die Protagonisten

[00:15:38]  auch immer Männer sind und so. Und ich glaube, dass gerade dieses Genre der Romantik und aber auch

[00:15:46]  der weiblichen Protagonistin, also Frauen auch einfach abholt da, wo es einen interessiert und das ist

[00:15:54]  dann ja, dann eröffnet es gleichzeitig eine neue Perspektive, wenn man eh gern "Romance novels" liest.

[00:16:02]  Pia: Und da muss man ja auch sagen, meistens schreiben das ja auch Frauen, also im Grunde

[00:16:07] [unverständlich] wir, dass Frauen schreiben für Frauen. Christina:  Wobei natürlich... Pia: Was ja auch wieder ein anderer Zugang ist.

[00:16:11]  Christina: Absolut. Also, es immer so, wir sind immer ganz vorsichtig, wenn wir von Büchern für eine

[00:16:18]  Zielgruppe sprechen, weil wenn wir das sagen, dann machen wir das halt aus dem Wissen heraus,

[00:16:24]  dass der Verlag das so vermarktet. Da darf man sich nicht davon abbringen lassen, die Bücher

[00:16:28]  trotzdem zu lesen, ob das jetzt "The Love Hypothesis" ist und das können Frauen genauso wie Männer

[00:16:37]  lesen, genauso wie jeden Science-Fiction-Roman. Das ist nicht das, was wir sagen wollen, oder?

[00:16:42]  Es ist aber so, dass die Verlage natürlich das... Pia: Das schon so vermarkten. Christina: Ja, und das auch gewisse und

[00:16:51]  das mag auch sozial antrainierte Interessensgebiete da sind, die dann oder auch einfach so Interessengebiete

[00:17:01]  da sind, die man dann halt vielleicht eher abholt. Aber das ist so ein bisschen ein schwieriges,

[00:17:07]  Thema. Weil es ist einfach Gender und was ist, was war da, das Huhn oder das Ei? [lachen] Und so was ist

[00:17:12]  das. Genau, aber du hast... Pia: Und es ist ja auch, was ich eben dem Genre dann auch absolut positiv

[00:17:18]  abgewinnen kann, ist, dass man mal dieses, weil normalerweise, wenn man jetzt Romane über

[00:17:22]  Wissenschaftlerinnen oder so liest, dann sind das ja eher ernstere und das ist ja auch schön,

[00:17:27]  wenn man unter Anführungszeichen "Trivialliteratur" liest, wo das auch angesprochen wird, weil

[00:17:32] ich mein, da  bricht man ja auch aus dem Klischee aus und sagt, okay, ich will nicht diesen typischen

[00:17:36]  Liebesraum, wo es keine Ahnung, nur um Buchhandlungen oder das Café in den Highlands [lacht] oder was auch immer

[00:17:41]  geht, sondern nein ich breche aus und probiere mal was anderes und das spielt in Harvard oder was auch immer. [lacht]

[00:17:47]  Christina: Und es ist dann einfach eine frische Sache, ich weiß auch noch bei "Gilmore Girls, das ist so eine

[00:17:51]  intrinsisch weibliche Serie. Aber Rory möchte halt einfach... ist super ehrgeizig und möchte halt super erfolgreich

[00:18:00]  sein und die ist ja ein Vorbild für eine Generation von Schülerinnen gewesen und das hat schon

[00:18:06]  auch was Inspirierendes und ja, da geht halt der Buch... Du, in dem Falle von diesem neuen Angebot,

[00:18:14]  geht einfach, ist es doch schön auch, dass der Buchmarkt darauf reagiert, dass es dann

[00:18:18]  vielfältigere Literatur gibt. Im Endeffekt profitiert man dann ja auch irgendwo davon.

[00:18:23]  Und die Leser sind ja begeistert. Die Leserinnen sind ja begeistert.

[00:18:28]  Pia: Es gibt ja auch immer mehr Romane, muss man wirklich sagen. Das ist ja eben auch... das finde ich ja total nett,

[00:18:35]  eben, dass es auch ja Vorbildwirkung hat und Frauen sich dann auch in diesen Berufen selber sehen.

[00:18:40]  Es stärkt eben vielleicht auch das Selbstvertrauen von gewissen Frauen, die das lesen und sich denken,

[00:18:46]  ah, ich kann das nicht machen und dann liest man das und dann denkt sich vielleicht schaffe ich

[00:18:49]  das schon, vielleicht ist das doch was für mich. Es könnte eben also wirklich auch Leser:innen dazu

[00:18:54]  ermutigen, in diesen Bereichen zu gehen. Also ist vielleicht nicht nur negativ. [lacht]

[00:18:59]  Christina: Ja, mit dem schönen Abschluss möchten wir euch fragen, warum mögt ihr denn STEM-Literatur?

[00:19:07]  Was zieht euch da zu dieser Literatur hin? Und was ist euer Lieblingsbuch. Lasst es

[00:19:12]  uns wissen auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at oder auch gerne auf Instagram,

[00:19:20]  unter dem Handel @stadtbibliothek.innsbruck oder auch auf Facebook und wir sagen schönes Lesen.

[00:19:28]  Bis zur nächsten Folge. Tschüss! Pia: Tschüss!

[00:19:31]  [Outro-Musik] [Weibliche Stimme] S‘Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck

[00:20:00]  und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Wie reisen wir?

Wie reisen wir?

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.

[00:00:06]  Frauenstimme: Live.

[00:00:08]  Glaube ich.

[00:00:09]  Frauenstimmen reden durcheinander: Ja, ich glaube immer noch. Nimmt es auf? Es leuchtet?

[00:00:12]  Wie geht es? Was sagt ihr?

[00:00:15]  Was sagt ihr?

[00:00:16]  Was sagt ihr?

[00:00:17]  Frauenstimme: Super, jetzt haben wir uns alles angeschaut, aber jetzt will ich nicht mehr anfangen.

[00:00:20]  Warte, warte.

[00:00:21]  Okay. [räuspern]

[00:00:22]  [Intro-Musik]  Shelly: Hallo und herzlich willkommen zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:43]  Mein Name ist nicht Christina und neben mir sitzt auch nicht die Pia.

[00:00:47]  Ich bin die Shelly und gegenüber von mir sitzt die Jaci und wir sind die Gen-Z-Kollegen, die heute übernehmen.

[00:00:54]  Jaci: Genau, wir haben heute eine freundliche Übernahme geplant.

[00:00:58]  Wir freuen uns hier zu sein.

[00:01:00]  Also schauen wir mal was wird.

[00:01:02]  Shelly: Warum geht es denn heute Jaci?

[00:01:04]  Jaci: Genau, also heute geht es ums Reisen.

[00:01:06]  Also wir unterhalten uns über Reisegewohnheiten, alles rund ums Reisen und auch Reiseführer oder bzw. wo man Reiseinformationen herbekommt.

[00:01:15]  Und da lautet meine erste Frage.

[00:01:18]  Shelly, warst du dieses Jahr schon mal im Urlaub?

[00:01:21]  Shelly: Ja, ich war heuer [Dialekt: dieses Jahr] schon zweimal im Urlaub tatsächlich.

[00:01:25]  Einmal bin ich geflogen und einmal bin ich mit dem Zug gefahren.

[00:01:29]  Und im Februar war ich in Valencia, das ist in Spanien.

[00:01:32]  Da habe ich eine Freundin von mir besucht.

[00:01:34]  Und im, wann war das? Mai? Anfang Juni? Ich glaube Ende Mai, Anfang Juni.

[00:01:40]  Schon wieder so lang aus... Jaci: Busy Schedule! [engl. voller Zeitplan]

[00:01:42]  Shelly: Busy Schedule.

[00:01:44]  Aber in Rom. Jaci: Och, schön! Shelly: Die ewige Stadt.

[00:01:47]  Jaci: Also der Süden zieht dich an, man merkt es. Shelly: Ja, da war es so schön warm.

[00:01:51]  Und dann bin ich heim gekommen und es lag Schnee auf denen Berg, das war ein bisschen ein "Downer" [engl. Stimmungskiller]

[00:01:55]  Jaci: Aber in Tirol kann man manchmal nichts anderes erwarten. Shelly: Ja.

[00:01:58]  Jaci: Wie hast du dich denn vorbereitet auf diese Reisen?

[00:02:01]  Also wie hast du dich informiert was du jetzt in Valencia und Rom machen kannst?

[00:02:05]  Shelly: Also das Ding war Valencia habe ich eben meine Freundin besucht, die da Auslandssemester macht.

[00:02:09]  Und sie war mein Reiseführer.

[00:02:12]  Da habe ich mich nur um den Flug und ums Hotel kümmern müssen.

[00:02:16]  Das Programm hat sie gestaltet.

[00:02:18]  Und in Rom waren wir sehr vorbereitet.

[00:02:22]  Wir haben alles im Voraus gebucht, damit wir keine Schlangen haben, nirgends anstehen müssen.

[00:02:27]  Was ja gerne einmal passieren kann in Rom.

[00:02:30]  Und ich habe mich tatsächlich mit Reiseführern vorbereitet.

[00:02:33]  Jaci: Reiseführer?

[00:02:35]  In unserem Alter noch Reiseführer nutzen.

[00:02:37]  Shelly: Ja, man mag es kaum glauben.

[00:02:39]  Jaci: Und wo kriegst du diese Reiseführer her? [lachen]

[00:02:43]  Shelly: [lachend] Die kriege ich aus der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:02:45] Jaci: Nein! Shelly: Da haben wir eine riesige Reiseabteilungen, musst du wissen.

[00:02:48]  Jaci: Ja, das merkt man bei uns immer im Sommer.

[00:02:51]  Also kaum kommt der Sommer.

[00:02:52]  Sind alle Reiseführer-Regale leer, weil eben alle Leute bei uns noch Reiseführer ausleihen.

[00:02:57]  Shelly: Ja, genau. Also man merkt, die Regale sind leer.

[00:03:00]  Und das Zusammenräumen gestaltet sich als sehr entspannt.

[00:03:03]  Und das Alphabetisieren, vor allem Italien und Kroatien, hätte ich gesagt, ist gerade sehr nüchtern. [lachen]

[00:03:10]  Aber hättest du, bevor du in der Bib angefangen hast zu arbeiten, dir Reiseführer gekauft?

[00:03:18]  Oder war das überhaupt auf deinem Schirm, so dass es auch Reiseführer gibt zum Vorbereiten?

[00:03:23]  Jaci: Also man weiß es natürlich, aber es waren halt irgendwie immer so was, was halt meine Eltern benutzt haben.

[00:03:27]  So früher, wo es noch kein Internet geben hat.

[00:03:30] Und da waren sie mal in Neuseland und haben sich halt drei Reiseführer gekauft, damit sie halt wissen, wo sie hin müssen, was es da gibt und alles.

[00:03:37]  Aber für mich persönlich war das eigentlich nie eine Option, weil mir das war immer zu teuer,

[00:03:42]  dass ich mir gedenkt hab, für eine Woche Urlaub kaufe ich mir jetzt keinen Reiseführer oder?

[00:03:46]  Vor allem dann hat man den zwei Jahren und dann ist das eh nicht mehr aktuell, das war von meinen Denken immer.

[00:03:51]  Shelly: Naja, und vielleicht, wenn du dir den Reiseführer extra gekauft hast,

[00:03:55]  vielleicht fährst du dann nochmal hin damit es sich auszahlt. Jaci: Stimmt.

[00:03:57]  Vielleicht, ja. Shelly: Nein, eigentlich nicht, weil du heiratest ja auch nicht zu zweimal,

[00:04:01]  nur weil du dir einmal ein Brautkleid gekauft hast. [lachen] Jaci: Cooler Vergleich. [lachen]

[00:04:04]  Na, wie gesagt, seit ich in der Bib arbeit. Eben, es ist..man hat die Reiseführer da und ich war jetzt auch,

[00:04:10]  dass ich im Sommer gedacht habe, ja, wo fahre ich denn hin?

[00:04:13]  Und dann bin ich durch die Regale, dann habe mir gedacht, was spricht mich denn an?

[00:04:16]  Was gibt es denn überhaupt? Was ist gerade ausgestellt.

[00:04:18]  Shelly: Als ausgestellt, kleine Hintergrundinformationen, ausgestellt auf den Ausstellern zwischen den Regalen,

[00:04:24]  sind meistens die neueren Sachen, also die sind dann vielleicht maximal zwei Jahre alt,

[00:04:30]  normalerweise, manchmal steht da was Älteres, aber wir schauen, dass man das sehr aktuell halten.

[00:04:35]  Genau. Jaci: Ja eben und deshalb find ich Reiseführer dann schon praktisch, wenn man sie nämlich nicht kaufen muss

[00:04:40]  und man darf ja unsere Reiseführer dann auch zwei Monate lang haben oder drei Monate fast

[00:04:45]  und dann kann man sie auch mitnehmen. Shelly: Also Grundausleitzeit sind vier Wochen, genau.

[00:04:49]  Jaci: Zweimal verlängern, also sind es dann 12 Wochen.

[00:04:52]  Genau, und dann kann man sie auch mitnehmen aufs Reisen, man muss natürlich bitte aufpassen,

[00:04:56]  dass man sie nicht verliert und nicht die Reiseführer beschädigt.

[00:04:58]  Shelly: Und vielleicht nicht mit den Reiseführern baden gehen, weil wir haben gerade eine Häufung

[00:05:02]  an Wasserschäden bei unseren Medien.

[00:05:04]  Jaci: Ai ai ai. Ja, genau, da bitte lieber auf die Luftmatratze zurückgreifen, nicht auf unsere Reiseführer.

[00:05:10]  Genau, aber prinzipiell sehr praktisch... Aber da stellt sich jetzt natürlich vielleicht für viele Zuhörer:innen

[00:05:16]  die Frage, was gibt es denn für Alternativen zum Reiseführer?

[00:05:19]  Also da hat man halt alles auf einem Platz, also alle Informationen gleichzeitig

[00:05:23]  und das ist halt total cool, man kann es mitnehmen, es ist handlich

[00:05:27]  und man hat auch eine Landkarte drin, also man kommt super rum.

[00:05:30]  Shelly: Ja, aber wie handlich ist es wirklich?

[00:05:32]  Schleppst du im Urlaub in deinem Rucksack, in deiner Tasche immer drei, vier Bücher mit dir rum?

[00:05:38]  Jaci: Ja [lacht]. Aber ich studiere Literatur, also eine Berufskrankheit.

[00:05:42]  Also ohne Bücher kann ich gar nicht reisen.

[00:05:45] Und der Reiseführere jetzt eben durch meine Arbeit hier auch nicht mehr, aber was gibt es denn für Alternativen Shelly?

[00:05:50] Wo kann man sonst noch die Informationen herkriegen?

[00:05:53]  Shelly: Also ich persönlich schaue ganz gern auf Social Media.

[00:05:57]  Es gibt ja immer so "hidden Spots" [engl. versteckte Orte] und "hidden Gems" [engl. versteckte Juwele] auf Instagram bei den Reels oder auf TikTok.

[00:06:06]  Nur die Frage stellt sich halt dann, also eben ich war eben in Rom.

[00:06:09]  Und da hat meine Reisebegleitung dann so gesagt, wie man an so einem kleinen "Foodstore" [engl. Essensmarkt] vorbeigekommen sind,

[00:06:15]  wo so etwas zum Essen kaufen hast können, das war unormal, sicher eine Schlange von einem Kilometer oder so in die Stadt zurück eingegangen.

[00:06:25]  Und er hat so gemeint, das ist sicher wieder irgend so ein TikTok-Schmarrn.

[00:06:30]  Jaci: Ja. Ja. Shelly: Also ja wie "hidden" [engl. versteckt] sind diese "Gems" [engl. Juwele] dann noch!

[00:06:34]  Jaci: Genau, also man hat natürlich den Vorteil, dass man das dann auch alles sieht.

[00:06:38]  Also im Reiseführer sind die Sachen dann oft nur beschrieben und dann muss man sich das halt eben wirklich anschauen

[00:06:42]  oder vorstellen, wie das dann halt ist.

[00:06:44]  Und auf TikTok und Instagram hat man natürlich diesen Vorteil, dass da denn immer das Video ist.

[00:06:49]  Und man genau weiß, wo muss man hin, weil die Leute dann oft den Weg auch zeigen... Shelly: Ja genau, Jaci: ...wie man hinkommt.

[00:06:54]  Das ist dann oft sehr praktisch.

[00:06:55]  Und man sieht eben genau, wie schaut's aus, auf was lass ich mich da ein, was gibt's da wirklich.

[00:07:00]  Und das Essen wird dir dann auch wirklich gezeigt, also wo dem her hat's viele Vorteile, aber wie du dann sagst,

[00:07:05]  es wird dann halt auch genauso überlaufen wie alle anderen Touristenspots.

[00:07:09]  Shelly: Und ich finde, es nimmt da so ein bisschen den Reiz vom Reisen, weil wenn ich es jetzt im Reiseführer lies

[00:07:14]  und es wird so beschrieben, dann stelle ich mir das so vor und dann will ich das wirklich sehen.

[00:07:18]  Aber wenn ich jetzt da mein TikTok offen habe oder mein Reel, keine Ahnung, dann sehe ich ja genau, wie es aus schaut.

[00:07:24]  Jaci und Shelly: Ja genau. Dann braucht man quasi gar nicht mehr hinfahren.

[00:07:26]  Jaci: Ja genau, ja.

[00:07:27]  Shelly: Jaci, warst du ja heuer schon mal im Urlaub?

[00:07:29]  Jaci: Genau, also ich war dieses Jahr auch schon mal im Urlaub, ich war in London im März

[00:07:34]  und hab mir da eben zum ersten Mal beim Reisen wirklich sehr auf diese TikTok und Instagram-Spots verlassen,

[00:07:41]  weil ich war mit zwei meiner besten Freundinnen am Weg und wir haben halt so eine gemeinsame Gruppe auf Instagram

[00:07:47]  und da haben wir jetzt immer gegenseitig geschickt, wo wir hinwollen.

[00:07:49]  Also wir haben genau diese Videos in dem gesehen und wir haben gesagt, oh, das schaut cool aus, das ist ein bisschen schick.

[00:07:52]  Das ist das Museum und in dieses Restaurant und wir haben natürlich die Hälfte nicht geschafft, weil wir so viel dann gefunden haben.

[00:07:58]  Aber das ist dann schon cool, dass man jetzt dann eben so teilen kann auch und halt, dass man weiß, okay, wo wir da anregen, was wir interessen hatten.

[00:08:04]  Und dann auch in London, wenn wir mal nicht gewusst haben, wohin geht's jetzt, dann haben wir in die Gruppe geschaut, da haben wir ein Video angeschaut

[00:08:09]  und waren so, okay, cool, das wäre in der Nähe das könnten wir jetzt machen.

[00:08:12]  Und das war dann schon sehr praktisch und von dem her haben wir jetzt in London, weil es einfach so eine hippe, coole Stadt ist,

[00:08:18]  wo eben so viel dann noch auf Social Media ist, sehr auf Social Media verlassen.

[00:08:22]  Und ich fahre dann jetzt zum Beispiel nach Neapel im Sommer und da habe ich mir jetzt komischerweise einen Reiseführer bei uns ausgeliehen.

[00:08:30]  Also das war dann irgendwie so, okay, Italien ist jetzt irgendwie schon, natürlich gibt es auch online ganz viele Sachen zu Italien,

[00:08:36]  aber zu Neapel haben ich jetzt nichts vorgeschlagen gekriegt auf Instagram und deswegen muss ich mir das dann halt selber suchen,

[00:08:41]  weil ich es nicht vorgeschlagen bekomm. Und das ist dann wieder halt so ein Nachteil eben, man kann nicht beeinflussen, was man auf Social Media noch vorgeschlagen bekommt.

[00:08:46]  Shelly: Das stimmt, man kann sich auch nicht mehr beeinflussen, und du kannst auch nicht immer in die Trendländer fahren.

[00:08:51]  Jaci: Nein, auf jeden Fall, weil dann müssten wir jetzt alle im Bali sitzen.

[00:08:54]  Shelly: Ja, stimmt. [lachen]

[00:08:55]  Tokyo und generell Japan ist gerade auch sehr in.

[00:08:58]  Jaci: Ja, stimmt, ja.

[00:08:59] War gerade auch auf Zib hab ich gerade gesehen. Da war es gerade mehr Touristen als jemals vor Corona.

[00:09:04]  Shelly: Ehrlich?

[00:09:05]  Jaci: Beitrag, ja.

[00:09:06]  Shelly: Boah Zach.

[00:09:07]  Jaci: Ich war auch beeindruckt.

[00:09:08]  Vor allem eine Freundin fährt jetzt nach Japan.

[00:09:09]  Und da war ich so, viel Spaß mit den anderen 7 Millionen Menschen, die jetzt in Japan sind. [lachen]

[00:09:12]  Ja, it's gonna be interesting [engl: das wird interessant], hat sie dann was zum erzählen.

[00:09:16]  Jaci: Ja, bin gespannt, ja.

[00:09:18]  Shelly: Ja, und wie stellst du einen großen Unterschied fest, jetzt wo du alleine reist, weil junge Erwachsene,

[00:09:27]  wir reisen nicht mehr mit den Eltern einen Unterschied zu früher, wo man mit den Eltern in den Urlaub gefahren sind?

[00:09:33]  Jaci: Ja, man hat sich mal um nichts kümmern müssen, das war natürlich schon fein.

[00:09:37]  Und es war eben auch, ich glaube früher einfach viel entspannter, man hat weniger Druck gehabt, dass man alles machen muss,

[00:09:43]  weil man eben nicht immer gewusst hat, was es alles gibt.

[00:09:46]  Und das ist mir schon, wenn wir früher im Urlaub waren und dann sind wir durch die Stadt gegangen,

[00:09:50]  wenn wir ein Museum gefunden haben, sind wir halt reingangern.

[00:09:52]  Oder wenn es halt nicht im Reiseführer gestanden ist, haben wir es sonst auch nicht gefunden.

[00:09:55]  Und dann war es so eine Überraschung und es war einfach viel entspannteres Reisen, glaube ich, früher.

[00:10:01]  Shelly: Es war mehr so ein entdecken

[00:10:02]  und nicht so ein Abhaken, genau.

[00:10:04]  Jaci: Genau, genau, ja.

[00:10:05]  Shelly: Punkt den man auf seiner Liste hat

[00:10:06]  Jaci: Das ist eine schöne, schöne

[00:10:07]  Das hast du jetzt schön gesagt, ja.

[00:10:08]  Shelly: Danke.

[00:10:09]  Jaci: Weil eben das Entdecken, das du kennst den Ort eigentlich nicht,

[00:10:13]  auch mal durch die Straßen schlendere, so umher und schau dir einfach, was du findest,

[00:10:16]  das macht man eigentlich heute nicht mehr.

[00:10:18]  Also man hat halt ganz viel Zeit an einem Ort.

[00:10:20]  Ich weiß okay, ich hab nur vier, fünf Tage, dann plan ich da eigentlich genau, okay,

[00:10:24]  es gibt das Museum und dann in der nächsten Straße ist gleich das Café,

[00:10:28]  was irgendwie cool ausgeschaut hat und man will irgendwie viel mehr erreichen jetzt im Urlaub.

[00:10:32]  Und ich glaube schon, dass da Social Media ganz viel da eben da beeinflusst.

[00:10:35]  Shelly: Ja, vor allem, wenn man es selber auch dokumentiert und ständig in die Stories postet und Beiträge postet.

[00:10:40]  Jaci: Genau.

[00:10:41]  Und so beweisen, was man alles macht. Shelly: Wie toll das alles gemacht ist.

[00:10:44]  Shelly: Stimmt, aber es ist eigentlich total dumm.

[00:10:47]  [Beide reden durcheinander] Shelly: Also dumm, was heißt dumm?

[00:10:48]  Jaci: Das nimmt die ganze Freude irgendwie so, oder?

[00:10:50]  Es ist halt so... [Gong im Hintergrund] der Gong. [lacht]

[00:10:54]  Shelly: Habt ihr den Gong jetzt gehört? [lachen]

[00:10:56]  Es ist gerade Elf und alle müssen zusammenräumen, wir nicht,

[00:10:59]  weil wird sind in der Kammer und nehmen auf [lachen].

[00:11:01]  Jack: Nein, genau, eben früher war's...

[00:11:05]  Ich weiß nicht, ob es früher entspannter war,

[00:11:07]  nur weil die Eltern dabei waren und man sich um nichts kümmern hat müssen.

[00:11:09]  Das kann natürlich auch sein.

[00:11:11]  Aber eben die ganzen Fotospots und alles, was es in den Städten gibt,

[00:11:14]  man will halt immer genau das Foto, was dann alle anderen haben.

[00:11:17]  Das war in London auch ganz wild.

[00:11:19]  Shelly: BigBen und so. Jack: Eben. Shelly: Oder London Bridge.

[00:11:21] Jack: BigBen eben.

[00:11:23]  Da wollten alle die selben Fotos haben. Oder mit diesen

[00:11:25]  "Guards" [engl. Wachen] vorm Buckingham Palace und so was.

[00:11:27]  Ich war auch dieses "Change of the Guards" [engl. Wechsel der Wachen].

[00:11:29]  Und das war so überlaufen, weil dann alle diese Guards sehen wollten.

[00:11:33]  Was ich prinzipiell verstehe, aber nur weil sie jetzt eben auf TikTok und so...

[00:11:36]  Shelly: Ja, das ist dieser Massentourismus.

[00:11:38] Jaci: Eben. Und das war halt richtig erschreckend eigentlich zu sehen,

[00:11:41]  dass die Leute da eben so eben auf dieses Abhaken fokussiert sind.

[00:11:45]  Dieses "Ich muss jetzt eben beweisen, dass ich gut gereist bin,

[00:11:48]  und dass ich alles gesehen habe und dass ich ja viel erlebt habe

[00:11:50]  und nicht mehr dieses "Ich schlendre mal durch die Stadt und schau, was passiert".

[00:11:54]  Das ist schon... das ist schon eine schlimme Sache.

[00:11:57]  Und eben, das machen dann eigentlich nur die TikToker, die daneben entdecken

[00:12:00]  und die schlendern durch die Stadt für dich.

[00:12:02]  Und du musst es dann nachlaufen sozusagen.

[00:12:04]  Das ist ja dann irgendwie so das kontroverse daran. Shelly: Dann ist man

[00:12:07] so richtig "gebrainwashed" [engl. Gehrinwäsche] eigentlich.

[00:12:09]  Jaci: Also man ist eigentlich kaum fähig, irgendwie alleine zu reisen,

[00:12:12]  ohne dass man siebentausend Eindrücke von einer anderen Person bekommt,

[00:12:15]  wo man hingehen könnte.

[00:12:17]  Also das ist schon...

[00:12:19]  Shelly: Und du gehst ja auch mit einer gewissen Vor-Eingenommenheit dahin.

[00:12:22]  Jaci: Genau. Und wenn es dann an dem Tag mehr los ist, und du nicht genau das siehst,

[00:12:25]  was die Person auf TikTok gesehen hat... Shelly: Dann ist es ein verlorener Tag.

[00:12:28]  Jaci: Genau. Dann bist du ein bisschen enttäuscht.

[00:12:30]  Und vielleicht war das Wetter auch nicht so schön, oder die haben irgendwie Filter drauf gehabt.

[00:12:33]  Und dann war es halt extra schön oder irgendwas.

[00:12:35]  Ja, das ist da natürlich immer ein bisschen enttäuschend.

[00:12:38]  Shelly: So gesehen, fährt man mit den Reiseführern besser.

[00:12:41]  Jaci: Genau. Also ich meine, es gibt schon einen klaren Nachteil bei Reiseführer,

[00:12:45]  und das sie einfach alle paar Jahre aktualisiert werden müssen.

[00:12:48]  Und eben, es schwierig ist, mal die aktuellen Version zu haben.

[00:12:53]  Oder eben, gerade finanziell oder so als Privatperson,

[00:12:56]  ist glaube ich, extrem schwierig ist immer den neuesten Reiseführer für das Land zu haben, wo man ihn will.

[00:13:00]  Weil man jetzt jedes Jahr nach Italien fährt oder so was,

[00:13:02]  muss man sich dann alle drei, vier Jahre einen neuen Reiseführer kaufen oder so was.

[00:13:06]  Shelly: Gut, ich glaube, irgendwann bist du selber der Reiseführer,

[00:13:08]  wenn man immer an [lachend] denselben Ort fährst.

[00:13:10] Jaci: Wenn dann nicht an den selben Ort wenn so, eben,

[00:13:12]  Wenn man Nord-Italien, Süd-Italien. Aber egal.

[00:13:14]  Sheyll: Italien ist, by the way [engl. so nebenbei], glaube ich, unsere größte Abteilung bei den Reiseführern.

[00:13:20]  Also da haben wir die meisten, glaube ich, vom Gardasee. [lachen]

[00:13:24]  Garda, Garda, Garda.

[00:13:26]  [lachen] Jaci: Stimmt, der Gardasee ist immer ein großer Favorit bei allen.

[00:13:30]  Genau, also es gibt eben ganz viele Nachteile eigentlich eben auf beiden Seiten.

[00:13:34]  Also Social Media, sowohl auch die Reiseführer. Social Media ist zwar immer aktuell,

[00:13:39]  aber eben dadurch, dass es immer aktueller wird, muss man halt immer aktueller mitreisen sozusagen.

[00:13:44]  Da hat man bei den Reiseführern auch mehr Spielraum, sage ich jetzt mal.

[00:13:47]  Shelly: Ist vielleicht nicht ganz so schnell lebig.

[00:13:49]  Jaci: Na eben, ja, und das ist eben, du musst dich hinsetzen, du musst dir Zeit nehmen, du musst durchlesen,

[00:13:53]  dann musst du überlegen, okay, wo ist das, wie komme ich dahin oder so.

[00:13:55]  Also das ist eben wieder, es ist nicht ganz dieses erleben, wie man gesagt hat,

[00:13:59]  durch die Stadt schlendern, aber ungezwungener, irgendwie ein bisschen.

[00:14:02]  Weil ich meine, eben, sie sind vielleicht ein bisschen klobig zum mitnehmen manchmal

[00:14:05]  und ein bisschen schwer und so was, aber das nimmt man dann irgendwie in Kauf,

[00:14:08]  wenn man einen Reiseführer mitnimmt.

[00:14:10]  Shelly: Ich mein, du kannst da ja, es gibt ja so viele Arten Reiseführern,

[00:14:13]  ganz viele verschiedene Verlage, die einen sind ganz, ganz dick,

[00:14:18]  die anderen sind dann ganz dünn, City Trips zum Beispiel sind ganz dünn,

[00:14:21]  dann die Demont-Dinger sind richtige Schmöker teilweise.

[00:14:25]  Da kannst du dich ja auch für die Reise vorbereiten, kannst du dich in die dicken einlesen und dann zum Mitnehmen.

[00:14:30] Halt die kleinen, dünnen.

[00:14:32]  Jaci: Aber was ich immer noch lustig finde, ist, dass es immer noch Landkarten gibt,

[00:14:35] wirklich in den Reiseführern. Shelly: Ist schon cool oder?

[00:14:37]  Jaci: Das finde ich so süß.

[00:14:39]  Ich habe noch nie in meinem Leben wirklich eine Landkarte verwendet.

[00:14:41]  Shelly: Nein, ich auch nicht. Ich finde das voll Retro.

[00:14:43]  Jaci: Ich bin halt aufwachsen mit Google Maps und da gibst halt ein und da gibt es die Route oder, aber so eine Landkarte.

[00:14:47]  Da muss man wirklich schauen, wo bin ich gerade, was für eine Straße bin ich gerade und des. Shelly: Ich muss auch ganz ehrlich sagen

[00:14:50] Ich kann keine Karten nicht lesen,

[00:14:52]  mein Mama kann das! Meine Mama ist ja so stolz auf sich selbst, dass sie das kann.

[00:14:57]  Und darum packt sie immer extra die Landkarten ein, wenn wir wohin fahren.

[00:15:01]  Weil sie sagt, nein, das schaffe ich mit der Karten und mit der Beschilderung.

[00:15:05]  Jaci:  Boah, ich weiß teilweise nicht mal wo Norden ist. Wie halte ich denn die Karte. Das ist ja. [lachen]

[00:15:09]  Shelly: [lachend] Gen-Z Problems.

[00:15:11]  Das ist echt Wahnsinn. Also ich hab überhaupt kein Bezug mehr zum Karten lesen.

[00:15:15]  Jaci: Nein. Also wenn ich Google Maps nicht hab, dann bin ich eigentlich komplett, vollkommen aufgeschmissen beim Reisen.

[00:15:20]  Also da braucht es dann schon die Hilfe vom Handy trotz Reiseführer.

[00:15:24]  Weil sonst würde ich glaub ich verloren werden.

[00:15:26]  Ich mein, da ist dann eben praktisch die TikToks, wo man gesagt haben, wo sie den Weg hin zeigen.

[00:15:30]  Weil dann kannst da so nachlaufen.. Shelly: Aber das ist trotzdem nochmal was anderes. Weil dann musst jetzt genau an dem Punkt starten,

[00:15:34]  wo die Leute dann auch weg gehen. Jaci: Nein eh. Eh.

[00:15:36]  Aber es ist dann meistens so ein, ganzer... Eben wenn es die "hidden Gems" sind,

[00:15:38]  Die sind ja meistens so, wenn du eben beim Trevi Brunnen in Rom startest

[00:15:41]  dann zeigen sie genau diese Gassen, den Trevi Brunnen findest irgendwie, da laufen sie alle hin.

[00:15:45]  Und dann musst nur diese Gassen nehmen, wo die TikToker das eben zeigen.

[00:15:48]  Und dann folgt man denen eben so und hat eben Vor- und Nachteile alles.

[00:15:53]  Aber es hat, hat halt was, wenn man da... das ist halt wie beim Buch lesen generell,

[00:15:57]  dass man eben nicht selber was nicht erleben muss,

[00:15:59]  sondern man erlebts durch eine andere Personen.

[00:16:01]  Also, man folgt der eben durch ihre Reise.

[00:16:04]  Und wenn man jetzt eben gerade nicht viel Zeit oder Geld hat und man sich denkt,

[00:16:07]  "Boah, Barcelona wäre cool", dann schaut man sich eben die ganzen TikToks dazu an.

[00:16:11]  Shelly: Kannst du dich noch erinnern früher, wie YouTube noch "a thing" [engl.] ein Ding war? [lachen]

[00:16:15]  Schaust du noch YouTube?

[00:16:16]  Jaci: Ja schon, ein paar mal.

[00:16:17] Shelly: Schon ja.

[00:16:18]  Jaci: Zwei, drei die ich noch schaue.

[00:16:19]  Shelly: Nein ich gar nicht.

[00:16:20]  Auf jeden Fall hat es doch doch früher... Da hast du sein... deine Lieblings-YouTuber gehabt.

[00:16:24]  Und die sind immer in diese geilen Urlaube gefahren, so Malediven und weiß nicht,

[00:16:28]  Dubai waren sie dann auf einmal ganz viel.

[00:16:30]  Jaci: Ja, das war ganz groß im Trend, 2012 oder so.

[00:16:32]  Shelly: Ja, und da hat es immer diese "Follow Me Arounds" [engl. Folge mir] gegeben.

[00:16:35]  Jaci: Oh ja, die waren so cool.

[00:16:37]  Shelly: Das waren dann meistens die längsten Videos immer.

[00:16:39]  Die sind sicher immer so halbe, dreiviertel Stunde gegangen.

[00:16:42]  Und da bist du halt echt davor gesessen.

[00:16:44]  Du in deinem kleinen Zimmer, in weiß nicht, Innsbruck [unverständlich]

[00:16:49]  Jaci: Ja. Shelly: Und hast nachher dir gedacht, boah. Jaci: Ja, das war schon cool.

[00:16:53]  Shelly: Das hast du richtig miterlebt irgendwie.

[00:16:54]  Ja, das war schon cool.

[00:16:55]  Das war fast wie so ein Reisebericht irgendwie.

[00:16:57]  Jaci: Ja. Das war auch so aus deren Perspektive auch. Bist halt wirklich durch diese Straßen gegangen

[00:17:01]  und dann hast gesehen, wo gehen sie essen, was machen sie.

[00:17:03]  Und das war schon echt cool früher.

[00:17:06]  Shelly: Und danach hat man es eigentlich echt auch erholt gefühlt irgendwie [lachen].

[00:17:09]  Ich weiß nicht, das war wirklich so eine kleiner Alltagsurlaub. [Beide reden durcheinander]

[00:17:11]  Jaci: Ja, die waren auch echt cool.

[00:17:14]  Die habe ich vergessen dass es die nicht mehr...

[00:17:16]  Jetzt gibt es halt die "Daily Vlog" [engl. täglich. Vlog: Blog, aber in Videoform] und so, wo sie den einen Tag zeigen,

[00:17:19]  aber das ist nicht das selbe.

[00:17:21]  Shelly: Nein, ich finde das ist mittlerweile auch alles so aufgesetzt.

[00:17:24]  Jaci: Ja. Die haken dann ja auch das ab, was die anderen jetzt gemacht haben.

[00:17:28]  Aber früher war das eben...

[00:17:30]  Shelly: Ich mein, du hast halt schon noch diese, auch wo sie dich in den Urlaub mitnehmen, was sie gerade so machen.

[00:17:35]  Aber die sind dann halt komprimiert auf so zwei, drei Minuten für TikTok und Reels.

[00:17:39]  Kann ich jetzt nicht so abschalten dabei.

[00:17:42]  Dann kommt gleich das nächste. [lacht]

[00:17:43]  Jaci: Es wäre total interessant zu wissen, ob diese ganzen Reise-Influencer selber Reiseführer benutzen.

[00:17:48]  Shelly: Sollen wir denen mal schreiben?

[00:17:50]  Jaci: Woah das wäre schon cool, das zu wissen, ob die dann halt...

[00:17:53]  ...dieses Spots sich aussuchen. Shelly: Die planen sicher nicht mit

[00:17:55]  Reiseführer oder. Jaci: Meinst?

[00:17:57] Vielleicht die, die auf Retro machen!

[00:17:59]  Die die mit ihrem VW-Bus reisen.

[00:18:01]  Shelly: Ich glaube die rufen ihre Influencer-Freunde an und fragen so, was habt ihr so gemacht, als ihr dort wart.

[00:18:06]  Das letzte Jahr, wir wollen heuer hin.

[00:18:08]  Jaci: Ah ja stimmt. Das kann auch sein. Tatsächlich ist meine romantische Vorstellung, dass irgendjemand noch wirklich mit Reiseführern aktiv reist.

[00:18:15]  Shelly: Na ja, also ich glaube, die Reiseabteilung ist bei uns ein ziemlicher Bestleiher, oder?

[00:18:21]  Jaci: Ja. Ja. Also... Shelly: Also vor allem in der Sachbuch, glaube ich, schon.

[00:18:25]  Jaci: Die leeren Regale sprechen für sich.

[00:18:27]  Shelly: Schon, ja.

[00:18:28]  Und man sieht, dass sehr viele junge Menschen immer zwischen den Regalen umher wuselen und suchen.

[00:18:33] Und es lassen sich immer noch sehr gern

[00:18:35]  Menschen auch bei uns an der Information beraten.

[00:18:37]  Kommen sie  "ja haben, sie einen Reiseführer zu da und da?

[00:18:40]  Jaci: Und man muss ja.. also man muss den Reiseführern ja auch zu Gute halten, dass sie auch immer aktualisiert werden.

[00:18:45]  Und auch viele Reiseführer, also ich habe jetzt einen mal gehabt von Neapel, der hat dann schon auch so Fotospots und so gemarkt.

[00:18:51]  Wo dann eben gesagt worden ist "Okay, das ist cool, das spielt das Internet auch dafür."

[00:18:55]  Shelly: Ja. Die orientieren sich ja auch...

[00:18:57]  Jaci: Genau, die gehen dem Trend

[00:18:58] schon auch mit. Shelly: Ja.

[00:18:59]  Jaci: Also, die sind ja nicht blöd.

[00:19:01]  Also rein theoretisch ist der Reiseführer dann vielleicht doch wieder besser, weil er doch alles zusammenführt, wieder.

[00:19:06]  Shelly: Stimmt.

[00:19:07]  Jaci: Das ist schwierig.

[00:19:08]  Shelly: Also ich mag ihn gern, den Reiseführer.

[00:19:10]  Jaci: Ja, aber ich glaube... Shelly: Aber es [unverständlich]

[00:19:12]  Jaci: Man hat es einfach gerne auch in der Hand, und es ist irgendwie ein bisschen ein Nostalgie-Feeling dann auch.

[00:19:16]  Shelly: Weil es ist halt einfach ein Buch und wir lieben Bücher, sonst würden wir nicht da sitzen.

[00:19:20]  Jaci: Stimmt auch wieder.

[00:19:21]  Shelly: Ach, Reisen ist schon schön, oder?

[00:19:24]  Jaci: Ja. Ich freu mich auf den Sommer! Ja.

[00:19:25]  Shelly: Ganz egal, ob mit Reiseführer, ob mit Internet oder ob ich einfach nur meiner Reisebegeltung hinter her schwanzel. [lachen]

[00:19:31]  Jaci: Ja genau, das gibt es ja auch noch, die was gar nichts planen aber einfach mitfahren. [lachen]

[00:19:34]  Shelly: Ja, mitfahren ist immer toll.

[00:19:36]  Jetzt würde es uns natürlich interessieren, wie ihr so reist.

[00:19:40]  Also wir haben jetzt euch von unseren Reisegewohnheiten erzählt.

[00:19:44]  Wart ihr heuer schon mal im Urlaub oder fahrt ihr noch und wo ging es hin oder wo geht es hin?

[00:19:51]  Und natürlich interessiert uns auch, wie ihr euch auf diese Reisen vorbereitet.

[00:19:55]  Und dazu könnt ihr gerne bei uns auf Instagram vorbeischauen unter Stadtbibliothek.innsbruck.

[00:20:03]  Da kommt jetzt zeitgleich mit dieser Podcast-Folge, nämlich eine Umfrage online, da könnt ihr mit abstimmen.

[00:20:10]  Und da könnt ihr auch abstimmen, was ihr glaubt, wie viele Reiseführer wir in der Bibliothek haben

[00:20:16]  und ihr dürft Vorschläge machen, von welchen Ländern ihr euch mehr Reiseführer wünschen würdet.

[00:20:22]  Unter dem Hashtag "gemeinsam besser".

[00:20:24]  Jaci: Genau, und in diesem Zuge wollen wir uns auch gerne von der Christina...

[00:20:30]  Nein, was... Shelly: Verabschiedung von Ihnen? Bedanken wollen wir uns. [beide lachen]

[00:20:33]  Jaci: Oh Gott, bitte rausschneiden. [lachen]

[00:20:35]  Shelly: Alles ist drin, das mach ich gut. [lachen]

[00:20:37]  Gegen Ende hin, [unverständlich]

[00:20:40]  Jaci: Okay, Fokus.

[00:20:42]  Im Zuge, nein, was für ein Zug? Wieso reden wir vom Zug? [lachen]

[00:20:46]  Genau, zum Schluss wollten wir uns jetzt nochmal bedanken, eben bei der Christina bei der Pia, dass sie diese freundliche Übernahme erlaubt haben.

[00:20:54]  Ich hat uns sehr viel Spaß gemacht.

[00:20:56]  Und genau, wir möchten auch darauf hinweisen, dass ihr gerne Vorschläge für weitere Podcasts folgen auf post.stadtbibliothek.innsbruck.gv.at.

[00:21:05]  geschrieben werden können. Und wir freuen uns immer auf Feedback und das könnt ihr eben auch über Instagram oder eben Facebook oder eben über die E-Mail machen.

[00:21:14]  Dann ist es nur noch an uns zu sagen, Danke... [beide zusammen]: Fürs' Zuhören.

[00:21:19]  Jaci: Wir freuen uns auf das nächste Mal und fröhliches Reisen im Sommer.

[00:21:24]  [Outro-Musik]

[00:21:49]  [Weibliche Stimme] S‘Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Sensitivity Reader: Pro und Kontra

Sensitivity Reader: Pro und Kontra

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.

[00:00:07]  [Intro Musik] Pia: Hallo und willkommen zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:26]  Ich bin die Pia. Christina: Und ich bin die Christina.

[00:00:28]  Markus: Und mein Name ist Markus.

[00:00:29]  Pia: Genau, wir haben heute einen speziellen Gast, der uns heute unterstützt.

[00:00:33]  Es geht um "Sensitivity-Reader" [engl. Gegenlesen bei sensiblen Themen] und wir wiegen hier das Pro und Kontra ab.

[00:00:39]  Wir probieren heute mal ein neues Format aus.

[00:00:41]  Das heißt, weil das Thema umstritten ist, nimmt die Christina die Pro-Seite der Debatte ein.

[00:00:46]  Und dann Markus die Kontra-Seite.

[00:00:48]  Das heißt natürlich nicht, dass man nicht auch andere Meinung ist.

[00:00:52]  Aber für das Format haben wir uns das so überlegt.

[00:00:55]  Wir führen also keine Diskussion im herkömmlichen Sinn, sondern wollen die zwei Ansichtsweisen einfach gegenüberstellen.

[00:01:02]  Und ihr Zuhörer:innen dürft dann natürlich für euch selbst entscheiden.

[00:01:06]  Und das könnt ihr euch uns gerne auch kundtun unter dem Hashtag #gemeinsambesser.

[00:01:11]  Aber das erklären [lacht] wir nochmal am Schluss.

[00:01:15]  Zuerst einmal die Frage, was sind überhaupt "Sensitivity-Reader"?

[00:01:19]  Ich habe mal eine neutrale Definition vom Miriam Webster-Wörterbuch ausgesucht.

[00:01:24] Ein "Sensitivity-Reader" ist jemand, der Dokumente, Bücher und so weiter liest, um zu überprüfen,

[00:01:30]  dass sie nichts enthalten, dass die Leser:innen aufregen oder beleidigen könnte.

[00:01:35]  Insbesondere bevor sie veröffentlicht werden.

[00:01:37]  Und da kommt dann schon meine erste Frage.

[00:01:40]  Wann seid ihr zum ersten Mal auf das Thema gestoßen und wie war eure erste Reaktion drauf?

[00:01:44]  Christina, leg mal los.

[00:01:46]  Christina: Ich kann mich gar nicht mehr so genau daran erinnern,

[00:01:50]  wenn ich auf das Thema gestoßen bin.

[00:01:52]  Ehrlich gesagt, das ist so im Laufe der letzten, ich würde sagen sieben Jahre ungefähr.

[00:01:59]  Also es ist ja auch den internetbedingten "Cultural Shift" [engl. kulturelle Verschiebung] gab.

[00:02:04]  So dann auch im Verlagswesen irgendwann angekommen und dann irgendwann fiel das Wort.

[00:02:10]  Und ich bin auch nicht sehr eng vertraut damit,

[00:02:17]  weil es einfach was ist, was viel hinter die Kulissen nämlich anstatt findet.

[00:02:23]  Und was ist was dann außer in den Medien, wo es halt sehr viel besprochen wird,

[00:02:30]  eigentlich ja mich erst einmal gar nicht so betrifft.

[00:02:34]  Markus: Ich habe... Ich würde auch sagen sieben, acht Jahre, vielleicht ein bisschen vorher,

[00:02:40]  habe ich im Zusammenhang mit der Jugendliteratur in Amerika,

[00:02:47]  ich das erste mal diese Begriffe gehört, "Sensitivity Reading" oder auch "Trigger"-Warnungen [engl. Auslöser].

[00:02:53]  Und habe mir damals schon gedacht, das ist wahrscheinlich ein neuer Trend, der hier losgeht.

[00:03:02]  Und ich habe damals schon die, sage ich mal, skeptische Rektion reingenommen,

[00:03:10]  Weil ich mir gedacht habe Trends, die in Amerika geboren werden, die werden auch bei uns landen.

[00:03:18]  Das hat damit zu tun, dass wir meistens eine gewisse kollektiv-psychologisch-divote Haltung

[00:03:25]  Amerika gegenüber haben, was Trends betrifft, damit wir auch zu diesem Trend dazu gehören können,

[00:03:31]  damit wir uns zugehörig fühlen können, weil wir augenscheinlich selbst kaum eine,

[00:03:40]  soll ich sagen, kollektiv-psychologische Identität haben, die hier selbstbewusst entscheidet.

[00:03:49]  Und habe mir damals schon gedacht, es ist, wie du gesagt hast, es hat begonnen im üblichen Social-Media-Diskurs

[00:03:59]  mit all den abgeschotteten "Bubbles" [engl. Blasen] und Hashtags und so.

[00:04:04]  Aber ich habe mir gedacht, das klingt danach, als würde das sich entfalten zu etwas,

[00:04:10]  was ich jetzt persönlich als nicht sehr positiv empfinde.

[00:04:15]  Pia: Also von der "Timeline" [engl. Zeitlinie] her, habt ihr es absolut recht.

[00:04:18]  Der Trend hat um 2015 herum begonnen und zwar im "Young Adult" [engl. Jugendliteratur] Bereich.

[00:04:24]  Wo der Trend zu mehr Diversität auch gerade beim Aufkommen war.

[00:04:28]  Damit man ein Gefühl dafür kriegt, was für Bücher da abgeändert werden,

[00:04:32]  wollte ich ein Beispiel bringen.

[00:04:34]  Das Beispiel, was ich ausgesucht habe, ist "Blood Heir" zu Deutsch, "Herz aus Blut und Asche" von Emily Wen-Zhao.

[00:04:42]  Die Geschichte spielt in einem fiktiven Reich mit einer versklavten Unterschicht, namens "Affenites".

[00:04:48]  Die Protagonistin ist eine Prinzessin und lebt im Verborgenen, weil sie eben eine Ähnlichkeit mit diesen "Affenites" hat.

[00:04:54]  Und von dort aus geht dann die Handlung halt los.

[00:04:57]  Und hier kam die Kritik von Frühen Leser:innen, die in dem Buch eine anstößige Ähnlichkeit

[00:05:03]  mit der amerikanischen Sklaverei und der Unterdrückung von Schwarzen gesehen haben.

[00:05:08] Zhao ist selber in Peking aufgewachsen und sagte damals,

[00:05:13]  dass sie sich eigentlich auf Schuld bzw. Vertragsknechtschaft und Menschenhandel in Asien zu beziehen versucht hat.

[00:05:22]  Und die Autorin hat die Veröffentlichung dann trotzdem gestoppt.

[00:05:26]  Und dann haben sich eben "Sensitivity-Reader" diesem Buch angenommen und erst dann wurde das Buch veröffentlicht.

[00:05:33]  Wir haben das Buch übrigens auch in der Bücherei als Buch und als E-Book, für die die daran interessiert sind.

[00:05:39]  Also in diesem Fall waren sie ja die Leser:innen, die selbst ausschlaggebend für den Einsatz von "Sensitivity Reader" waren.

[00:05:45]  Und daher meine erste Frage, meine erste große Frage.

[00:05:48]  Was für Vor- und Nachteile haben "Sensitivity-Reader" aus der Leser:innen-Sicht?

[00:05:53]  Markus, was vielleicht fängst du dieses mal an.

[00:05:55]  Markus: Ich glaube, dass es hier ja immer auch um eine grundlegende Prämisse geht,

[00:06:04]  und diese gerechte Gesellschaft, die bunte, diverse Gesellschaft.

[00:06:08]  Und dabei soll ja mögliche Verletzungen und möglicher Kummer von marginalisierten Gruppen verhindert werden.

[00:06:19]  Jetzt kann ich persönlich auch nicht nur als Leser, aber auch als Leser da ein wenig mitreden.

[00:06:27]  Ich bin ein homosexueller Mann mit 47 Jahren Lebenserfahrung und was mir missfällt an dieser Entwicklung ist,

[00:06:37]  die Stigmatisierung von Menschen in marginalisierten Gruppen als einzementierte Opfer, als schwach.

[00:06:45]  Wenn ich als Leser, wie du es gefragt hast, wenn ich als Leser jetzt als schwuler Leser gerne eine Romantgeschichte über eine,

[00:06:54]  keine Ahnung, Schwule Liebesgeschichte oder eine Coming-Out-Geschichte lesen möchte

[00:06:59]  und wissen will, wie der Autor oder die Autorin das in seiner oder ihrer kreativen Vision umsetzt,

[00:07:06]  dann kommt ein "Sensitivity-Reader" als Zwischeninstanz einher,

[00:07:11]  will das aufgrund seiner Homosexualität, nicht seiner Literaturrecherchen, nicht seiner Literaturkompetenzen,

[00:07:21]  sondern vor allem seiner Homosexualität abklopfen, ob hier Stereotypisierungen sind,

[00:07:27]  ob hier mögliche Verletzungen sind und was damit passiert ist, dass er mir abspricht,

[00:07:34]  meine eigene Intelligenz abspricht, selbst entscheiden zu können, ob ich etwas als Stereotypisierung empfinde oder nicht.

[00:07:43]  Und das ist für mich schon einmal als Leser eine Verhöhnung meiner Intelligenz und demgemäß auch ein persönlicher Angriff.

[00:07:51]  Pia: Christina?

[00:07:53]  Christina: Also aus Leser:innen Sicht finde ich, da gibt es insbesondere, also um das nochmal abzugrenzen,

[00:08:03]  wir reden ja von "Sensitivity-Readern", in dem Kontext denke ich von denen, die, in dem Fall das Beispiel,

[00:08:11]  das du jetzt genannt hast, nach der Veröffentlichung noch einmal zugezogen worden sind aus PR Gründen.

[00:08:18]  Pia: Also es war schon vor der Veröffentlichung, das waren früher Leser, die das Test gelesen haben und dann ist dieser Backlash gekommen.

[00:08:25]  Christina: Da hat es so Tests gegeben, da sieht man, das ist natürlich immer ein Markt und der Markt neigt sich den Regeln.

[00:08:34]  Aber für mich, wie ich "Sensitivity Reader" im positiven Sinne verstehe, ist vor dem Schaffen des Werks.

[00:08:43]  Und zwar, Markus, du hast das Beispiel genannt, dass ein schwuler Autor seine Erfahrungen einwebt in seinen Roman,

[00:08:51]  was oft wahrscheinlich nicht der Moment ist, wo jemand als Autor oder als Autorin das Gefühl hat,

[00:09:00]  ein "Sensitivity Reader" oder ein "Reader:in" zu benötigen vielleicht, das ist dann natürlich ein negativ konnotiertes Wort oder haben zu wollen.

[00:09:11]  Da geht es so, also ein Beispiel, das für mich sehr gut greift, wäre zum Beispiel, als weiße Frau,

[00:09:19]  kenne ich mich nicht mit schwarzer Haarpflege aus. Allerdings ist es ein sehr... einfach ein Prozess, du brauchst andere Kämme,

[00:09:27]  du brauchst andere Produkte, wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ich als Autor, ich weiß, wir reden aus Leser:innen Sicht ich komme gleich drauf,

[00:09:35]  über eine schwarze Frau schreiben will, aber ich weiß das einfach nicht, dann sehe ich das so als Teil der Recherche,

[00:09:43]  wenn ich dann also [schnalzt mit der Zunge], vielleicht um... also, wenn ich das dann als weiße Leserin lese, lerne ich da was dazu, auch wenn egal welche Hautfarbe jetzt die Autorin hat,

[00:09:56]  wenn die ist in dem Fall kulturell sensibel, mit so einer Kleinigk... in Anführungszeichen "Kleinigkeit" umgegangen,

[00:10:03]  das weiß ich als weiße Leserin zu schätzen und jetzt aus meiner Erfahrung als Frau heraus.

[00:10:07]  Ich bin sozialisiert mit Büchern, die von männlichen Autoren geschrieben sind.

[00:10:13]  In meiner Lesesozialisation ist weibliche Autorenschaft erst viel später dazugekommen

[00:10:20]  und ich erkenne mich jetzt viel mehr in diesen Themen wieder und es gibt männliche Autoren, die unglaublich sensibel und gut Frauen schreiben.

[00:10:32]  Mir ist dann als Leserin egal, ob jemand ein "Sensitivity-Reader" verwendet hat oder nicht,

[00:10:37]  aber ich weiß es immer zu schätzen, wenn mit Respekt umgegangen wird

[00:10:42]  und ich weiß es zu schätzen, wenn jemand diesen Extraschritt geht, um zu... sicherstellen, wenn man es sich selber nicht zutraut.

[00:10:49]  Pia: Also dir geht es ein bisschen um die Realität und dadurch, dass es wirklich akkurat dargestellt wird.

[00:10:54]  Christina: Zum Teil ja.

[00:10:55]  Pia: Okay, da haben wir schon mal sehr interessante unterschiedliche Meinungen.

[00:10:59]  Natürlich werden aber nicht nur neuere Bücher von "Sensitivity-Readern" gesichtet, sondern auch ältere.

[00:11:05]  Die James Bond Reihe von Ian Fleming zum Beispiel wurde 2023 neu herausgegeben.

[00:11:11]  Hier wurden rassistische Beleidigungen und Herabwürdigungen von Frauen und Homosexualität aus den Texten gestrichen.

[00:11:18]  Am Anfang jeden Bandes steht dann die Info, dass der Text abgeändert wurde und dass man sich bemüht hat, so nah wie möglich im Original zu bleiben.

[00:11:25]  Ähnlich wurde das vom Verleger Puffin Books.

[00:11:28]  Das ist eine Untergruppe von Penguin Books, bei Roald Dahls Kinderbüchern gemacht.

[00:11:33]  Sie wurden aber sehr heftig deswegen kritisiert, wegen der Abänderung der Texte

[00:11:37]  und zwar so heftig, dass sie jetzt beide Varianten veröffentlichen, also mehr Geld für den Verlag.

[00:11:43]  [lacht] Jetzt werden die Original Texte und die abgeänderten Texte veröffentlicht.

[00:11:48]  Die Original Texte wurden dann unter der Reihe "The Roald Dahl Classic Collection" neu verkauft.

[00:11:53]  Das Gleiche ist auch bei den neuen Agatha Christie Auflagen passiert.

[00:11:59]  Da wurden vor allem rassistische Ausdrücke entfernt.

[00:12:03]  Hier habe ich auch ein konkretes Beispiel aus der "Tod auf dem Nil", "Death on the Nil", wo sich eine Figur über Kinder beschwert.

[00:12:11]  Da sagt sie, "sie kommen zurück und starren und starren.

[00:12:15]  Und ihre Augen sind einfach wiederlich und auch ihre Nasen.

[00:12:19]  Und ich glaube nicht, dass ich Kinder wirklich mag."

[00:12:22]  In der neuen Ausgabe wurde dies dann reduziert.

[00:12:25]  Hier sagt sie nur, "sie kommen zurück und starren und starren.

[00:12:29]  Und ich glaube nicht, dass ich Kinder wirklich mag."

[00:12:32]  Und hinter solchen Änderungen steckt dann natürlich der Verlag, der "Sensitivity-Reader" beschäftigt und der die Bücher neu veröffentlichen will.

[00:12:39]  Daher jetzt meine Frage, was für Vor- und Nachteile haben "Sensitivity-Reader" für die Verlage?

[00:12:45]  Christina.

[00:12:47]  Christina: Ja, also Verlage sind ja immer beides.

[00:12:51]  Und es ist ja auch das Paradox am Buch.

[00:12:54]  Es ist sowohl... Literatur ist sowohl Kunst und Kreativität, aber es ist auch ein Verkaufsobjekt.

[00:13:02]  Verlage leben von dem, was sie verkaufen.

[00:13:07]  Kulturell ist es im Moment, also wir sprechen von "Wokeism" [Woke, engl. wach, aufwachen]

[00:13:11]  wir sprechen davon, dass es da diesen links-liberalen "Shift" [engl. Veränderung],

[00:13:18] Markus du hast es ja schon angesprochen, aus Amerika gekommen ist,

[00:13:21]  dass der mittlerweile wirklich auch so ein gewisses... also ins Extrem tendiert und der eine neue Zensur ist.

[00:13:31]  Und als verantwortlicher Lektor, als verantwortliche Lektorin muss ich mir dem, meinem sozialen, kulturellen Umfeld bewusst sein.

[00:13:41]  Und wenn mir die Kunst wichtig ist, dann werde ich mir überlegen, was für, wie ich damit umgehe.

[00:13:50]  Zum Beispiel könnte ja auch ein "Sensitivity-Reader" eben zum Beispiel kritisieren,

[00:13:57]  wenn sie Rassismen entdecken, also ein anderes Beispiel ist jetzt von Mark Twain, das ist 19. Jahrhundert gewesen.

[00:14:08]  Man könnte das ja auch in einem Vor- oder Nachwort oder in einem Glossar bearbeiten

[00:14:13]  oder sogar eine anotierte Ausgabe, das ist ja durchaus üblich in der Literatur mit Fußnoten herausbringen.

[00:14:19]  Allerdings, und das ist dann die Kunstseite dieser Sache, die Marketing- und Geldseite der Sache ist natürlich,

[00:14:29]  wie du schon gesagt hast, Pia in der Einleitung, dass je massentauglicher ein Produkt ist, desto besser.

[00:14:37]  Und da muss man stark abgrenzen. Also ich verstehe "Sensitivity-Reader" als Werkzeug,

[00:14:46]  in der Werkzeugbox, wenn ich Steven King zitieren darf, des Autors, der Autorin.

[00:14:53]  Und ich verstehe aber auch dass große Gruppen, die einfach gesellschaftlich marginalisiert werden und worden sind in der Vergangenheit.

[00:15:05] Eine Teilhabe wünschen in dieser... Wir leben einfach im Zeitalter des Turbo-Kapitalismus und Teilhabe in unserer Gesellschaftsform bedeutet,

[00:15:18]  diese Dinge auch kaufen zu können und sich darin zu sehen.

[00:15:22]  Und aus dem Aspekt her kann ich das nachvollziehen, aber in dem besonderen Fall stehe ich dem auch als Literaturwissenschaftlerin

[00:15:31]  einfach sehr vorsichtig gegenüber. Ich finde es gut, beide Varianten zu haben.

[00:15:37]  Es bringt dem Verlag, der kann dann noch einmal was anderes rausbringen und du kannst ja aussuchen, was du möchtest.

[00:15:44] Markus: Ja, da sind wir schon bei einer wichtigen Dimension, warum ich so eine Abwehrhaltung bei diesem Thema eingenommen habe.

[00:15:54]  Ich sage das auch als Schriftsteller. Ich habe mehrere Bücher veröffentlicht darunter, auch einige Romane.

[00:16:05]  Das heißt, ich habe einen gewissen Einblick eben auch hinter die Kulissen bei der Geschichte.

[00:16:09]  Ich glaube so, wie du das vorhin gesagt hast, dass es hinter den Kulissen begonnen hat und sich vor die Kulissen drängt.

[00:16:19]  Wie du jetzt vorhin gesagt hast, eben auch hier mit den Verlagen und dem Profit oder wie du gesagt hast Christina,

[00:16:25]  mit dem Turbo-Kapitalismus, das höhere Ideal, das uns alle hier da untreibt bei dieser Debatte,

[00:16:34]  ob von Seiten der "Sensitivity-Reader" oder von Seiten der Verlage, wird... eh, muss sich einer Frage der Glaubwürdigkeit stellen.

[00:16:45]  Wenn mir jemand sagt, ein Verlag, mach das, all diese Dinge, weil er eine gerechte Gesellschaft will,

[00:16:54]  dem sage ich ganz unverholen, das ist eine fulminante Naivität, das zu glauben.

[00:17:01]  Ich glaube auch, dass man nicht unterschätzen sollte, auch von Seiten von "Sensitivity-Readern",

[00:17:08]  eine Facette, die meines Erachtens in der Debatte selbst [räuspert sich] verdrängt wird, und zwar narzisstische Zufuhr.

[00:17:18]  Es ist dieser Einsatz, den wir da alle haben für diese inklusive Gesellschaft, diverse Gesellschaft,

[00:17:25]  bunte Gesellschaft, ist auch eine narzisstische Zufuhr.

[00:17:28]  Das sieht man auch in der Bubble-Mentalität der sozialen Medien, wo man dann Bestätigung,

[00:17:35]  ganz viel Bestätigung bekommt, wie toll du setzt dich für eine gerechte Gesellschaft ein.

[00:17:40]  Ich glaube, dass dieser Faktor stärker ist, als wir glauben.

[00:17:45]  Und ich habe vor allem mit diesem Punkt, wie du gesagt hast, Bücher in der Vergangenheit, die eben abgeändert werden sollen,

[00:17:54]  weil eben auch der Profit passen soll für die Verlage.

[00:17:57]

[00:18:12]  In der Grundhaltung im Welten bedeutet, dass die böse Vergangenheit ein Abbild sein soll,

[00:18:10] in unser tollen Gegenwart.

[00:18:12]  Wir sollen sozusagen eine Art Schablone kreieren, indem wir eben Bücher der Vergangenheit

[00:18:20]  abändern, nach der Vorstellung, wie wir eben eine perfekte Utopie sehen.

[00:18:27]  Und ich hab persönlich als halbwegs erwachsener Mündiger, auch politisch bewusster Mensch,

[00:18:33]  sehe nicht, wo die Gegenwart so perfekt ist.

[00:18:37]  Und das ist eine grundarrogante Haltung, der ich absolut nichts abgewinnen kann.

[00:18:44]  Und deswegen scheidet meines Erachtens auch die sogenannte Glaubwürdigkeit hinter diesem Trend.

[00:18:53] Christina: Dann möchte ich darauf noch antworten.

[00:18:57]  Was neu ist, das hat es früher in dem Ausmaß aber nicht gegeben, ist die Tatsache,

[00:19:05]  dass wir alte Werke reproduzieren können für die Masse, dass die lebendig bleiben,

[00:19:11]  weil wir Mittel haben, die reproduzieren zu lassen.

[00:19:16]  Also wir haben Mittel, die aufzubewahren und die wurden verschriftlicht, verfilmt.

[00:19:22] Es gibt Archive aus dem Grund.

[00:19:25]  Und das hat es vor, ich bin da jetzt keine Expertin, aber vor 200, 300 Jahren.

[00:19:33]  Also wenn du als Mittelalter denkst, dann konnten, konnte ein kleiner Teil der Bevölkerung überhaupt lesen,

[00:19:39]  so meine ich das.

[00:19:41]  Und da war das Gatekeeping, das waren die Mönche.

[00:19:44]  Jetzt stehen uns so viele Informationen wie noch nie zur Verfügung.

[00:19:49]  Und die strömen wie auf so einer achtspurigen Autobahn auf uns ein.

[00:19:53]  Und ich glaube, ein Teil dieser "Sensitivity-Rearder"-Debatte ist auch der Versuch zu filtern.

[00:20:02]  Aber auch, und das glaube ich, aus tiefster Überzeugung, Worte machen die Realität.

[00:20:12]  Und wenn ich als sehr junges Kind ein Buch von wem auch immer, und wenn es ein Kinderbuch ist, lese,

[00:20:18] und ich da dezidiert, diskriminiert und ausgeschlossen werde, dann, sagen vielleicht meine Eltern,

[00:20:25]  dann liest du das gar nicht, aber dann bin ich ja weiterhin von unserer Kultur, also von der Kultur und der Gesellschaft,

[00:20:32]  die ja eigentlich auch meine ist, ausgeschlossen.

[00:20:34]  Also diesen Antrieb, gerade weil es ja immer reproduziert wird.

[00:20:38]  Und weil wir Sachen, die nicht für heute gedacht waren, in die heutige Zeit mitziehen.

[00:20:43]  Wie geht man damit um?

[00:20:46]  Aber ich, wie gesagt, dieser "Sensitivity-Reader" im Nachhinein ist nochmal eine ganz andere Debatte, finde ich.

[00:20:53] Markus: Ich denke, dass... ich sehe diese Gefahr, die du da beschreibst, durchaus auch.

[00:21:00]  Aber ich sehe da eine zusätzliche Dimension, die das Ganze erschwert.

[00:21:05]  Indem wir uns auf das stürzen, ignorieren wir auch jene Stimmen in der Literatur, die genau aufgrund ihrer literarischen Fähigkeit das auch schon erreicht haben.

[00:21:22]  Mir fällt es immer auf beim Thema "POC" [People of Color] Literatur.

[00:21:27]  Menschen mit anderer Hautfarbe, dem Rassismus.

[00:21:30]  Ich habe in amerikanischer Literatur und Kulturwissenschaft promoviert und habe die ganze amerikanische Literaturgeschichte quasi durchgelesen,

[00:21:40]  teils aus Pflicht, um eine Prüfung zu schaffen, teils aus großer Freude.

[00:21:45]  Und wenn wir hernehmen, dass beispielsweise, ich glaube dieses Jahr, war 250 Jahre , Phillis Wheatley, ein Lyrik Band von einer Sklavin.

[00:21:58]  Das war noch vor der Unabhängigkeitserklärung.

[00:22:01]  Ist dieser Lyrik Band veröffentlicht worden.

[00:22:04]  Und ist auch weltweit rezipiert worden.

[00:22:06]  Das ist jetzt 250 Jahre her.

[00:22:09]  Im 19. Jahrhundert die ersten Romane von African-American-Literatinnen und Literaten,

[00:22:16]  David Dubois, Soziologe, der Ende des 19. Jahrhunderts Bücher verfasst hat,

[00:22:22]  die später eine Grundlage für die Bürgerrechtsbewegung wurden.

[00:22:27]  Der  von mir wahnsinnig verehrte James Baldwin in den 1950er Jahren.

[00:22:32] Ein schwuler, schwarzer Autor hat einen Roman geschrieben, wie zum Beispiel "Giovanni's Zimmer",

[00:22:38]  und da hat er über einen übrigens weißen Schwulen geschrieben.

[00:22:42]  Die von ihm inspirierte Toni Morrison, die den Nobelpreis bekommen hat,

[00:22:47]  eine der wohl verdientenste Nobelpreise in der Geschichte des Nobelpreises,

[00:22:51]  die von Toni Morrison inspirierte Jasmine Ward, eine jüngere Generation.

[00:22:57]  Es wird für mich immer ein wenig getan, als gäbe es das alles nicht.

[00:23:01]  Das selbe in der "LGBT" [Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender]-Literatur.

[00:23:03] Christina: Aber Markus, ich muss da jetzt einmal einhaken.

[00:23:05]  Das hat jetzt mit dem Thema "Sensitivity-Reader", indem Sinn nichts zu tun.

[00:23:08]  Das ist noch, also ich finde, findest du das nicht auch,

[00:23:11]  ein anderer Thematik oder das Wiederaufleben lassen von marginalisierten Stimmen,

[00:23:17]  die zu ihrer Zeit in der Literatur nicht so die Stimme gehabt haben oder nicht [unverständlich] haben.

[00:23:22] Markus: Aber wenn man davon ausgeht, dass es solche Stimmen nicht gibt, dann ignoriert man. [Christina im Hintergrund: Aber wer geht davon aus.]

[00:23:27] Markus: Aber das ist in dieser Debatte sehr oft der Fall.

[00:23:32] Christina: Würde ich sagen, Pia, dass du... Pia: Eben, weil ich glaube da kommen wir in eine Debatte rein [lachend], und das wollen wir ja nicht.

[00:23:40]  Aber wir sind dann schon bei den Autoren, weil du ja schon auch einige Autoren genannt.

[00:23:45]  Jetzt fehlen uns nach den Leser:innen und den Verlagen noch die Autor:innen,

[00:23:49]  dass die sind, was dieses Thema angeht, sehr gespalten.

[00:23:53]  Manche sind dafür, manche dagegen.

[00:23:55]  Der Guardian hat da einige Standpunkte nach der Roald-Dahl-Kontroverse versammelt

[00:24:00]  und da stelle ich jetzt ein paar einfach vor.

[00:24:03]  Da haben wir zum Beispiel Philipp Pullmann, den kennt man zum Beispiel von der Goldenen Kompass-Reihe.

[00:24:08]  Der sagt: "Wenn es uns beleidigt, lassen sie ihn aus dem Druck nehmen.

[00:24:12]  Was wollen sie dagegen tun? All diese Worte sind noch da.

[00:24:15]  Wollen sie alle Bücher einsammeln und sie mit einem dicken schwarzen Stift durchstreichen?

[00:24:20]  Lesen sie viel Earl, S.F. Said, Frances Hardinge, Michael Morpurgo,

[00:24:26]  Mary Blackman, lesen sie Mini Gray, Helen Cooper, Jacqueline Wilson, Beverly Nadu.

[00:24:31]  Lesen sie all diese wunderbaren Autor:innen, die heute schreiben und nicht so viel Beachtung finden,

[00:24:35]  weil die massive, kommerzielle Anziehungskraft von  Leuten wie Roald Dahl so groß ist."

[00:24:40]  Dann haben wir Margaret Atwood, die kennen viele von "Dem Report Magd" zum Beispiel.

[00:24:45] Markus: Wunderbares Buch.

[00:24:47] Pia: "Viel Glück mit Roald Dahl, sie werden das ganze Buch ersetzen müssen, wenn sie wollen, dass alles nett ist. [lacht]

[00:24:52]  Aber das hat schon vor langer Zeit begonnen, es war die Disney-fizierung von Märchen.

[00:24:56]  Was halte ich davon? Ich stehe auf der Seite von Chausser, der sagt, wenn dir diese Geschichte nicht gefällt,

[00:25:03]  schlag um und lies etwas anderes." Markus: Ah, gescheit.

[00:25:05] Pia: Dann haben wir Irvine Welsh, den kennt man vom Kultklassiker "Trainspotting".

[00:25:12]  Der schreibt 2022 "The Long Knives", wo es unter anderem auch um Transgender-Themen geht.

[00:25:18]  Und er schrieb auf Twitter über "Sensitivity-Reader": "Ich war Anfangs sehr ablehnend und betrachtete dies als Zensur.

[00:25:24]  Allerdings war meine Erfahrung mit dem Transreadern äußerst positiv.

[00:25:28]  Der Reader unterstützte das, was ich versuchte zu tun, sehr ausgewogen, nachdenklich und informativ.

[00:25:33]  Und das Buch ist dadurch unendlich besser geworden.

[00:25:36]  Ich fand es eine positive Erfahrung.

[00:25:37]  Sicherlich gab es keinerlei verrückte Gehässigkeiten, wie man sie von allen Seiten auf der Debatte hier, Twitter in dem Fall , steht."

[00:25:45]  Und dann zum Schluss noch Salman Rushdie, den kennt man von "Die satanischen Verse".

[00:25:49]  [unverständlich] und sagt über ihn, er sei ein selbsterkennender Antisemit mit ausgeprägten rassistischen Neigungen.

[00:25:57]  Allerdings schrieb Rushdie über die Bearbeitung von Dahls' Büchern, also er beschrieb das als absurde Zensur.

[00:26:04]  Und auf Twitter schrieb er, dass Puffin und der Nachlass des verstorbenen Autors sich schämen sollten.

[00:26:10]  Also eher dann wieder negative Sicht des Ganzen.

[00:26:13]  Genau, also dann sind wir schon bei den Autor:innen und was für Vor- und Nachteile haben diese "Sensitivity-Reader" aus Autor:innen-Sicht?

[00:26:20]  Markus, weil du ja selber Autor bist, vielleicht fängst du an?

[00:26:23]  Markus: Ich habe mit meinem Verleger konferiert, kurz auch zu dieser Thematik.

[00:26:30]  Und er ist der Meinung, dass grundsätzlich konstruktive Kritik immer etwas wichtiges ist.

[00:26:37]  Und das ist auch ein bisschen so in deiner Linie der Argumentation.

[00:26:41]  Er hat allerdings auch ein gewisses Sekpsis, wenn ein grundlegender moralischer Imperativ die Literatur übernimmt.

[00:26:50]  Weil Literatur soll berühren und berührt werden wir im Leben oft auch negativ.

[00:26:59]  Und ich bin da, Margaret Atwood mit ihrem Zitat kann ich unterschreiben, wenn mich etwas negativ berührt, wenn mich etwas verärgert,

[00:27:11]  dann sage ich, okay das gefällt mir nicht, lege es zur Seite und lese etwas anderes.

[00:27:17]  Und so kann ich aufgrund meiner Entscheidung, kann ich meinen Literaturkonsum,

[00:27:26]  um den kapitalistischen Begriff zu verwenden, selbst bestimmen.

[00:27:31]  Die grundlegende Problematik für mich, und das kommt bei einigen dieser Standpunkte zur Geltung,

[00:27:38]  ist, es soll die Literatur die Welt so erzählen, wie sie zu sein hat, wie sie sein soll

[00:27:46]  und nicht wie sie ist.

[00:27:48]  Und da wird es bei allen heren Idealen irgendwann einmal schwierig, nicht von einer Zensur zu sprechen.

[00:27:56]  Das ist ein gewisser Reinlichtkeitsfetisch, der hier immer ärger überhand nimmt,

[00:28:02]  nicht nur mehr hinter den Kulissen, sondern auch vor den Kulissen, der Literatur mehr und mehr zu schablonisieren droht.

[00:28:11]  Und da würde ich sagen, als Literaturwissenschaftler, als Literaturvermittler und auch als Literat sage ich,

[00:28:20]  das ist dann nicht mehr Literatur, wie ich sie erlebe oder erleben möchte.

[00:28:25]  Und vor allem ist es ein Ausdruck von einer Unterminierung der Freiheit der Kunst.

[00:28:32]  Und das ist eine quintessenzielle Grundsäule der Demokratie.

[00:28:37]  In dem gemäß ist es für mich auch in letzter Instanz die Gefahr in der Demokratie zersetzenden Entwicklung,

[00:28:43]  eines Demokratie zersetzenden Trends.

[00:28:46]  Pia: Christina?

[00:28:48]  Christina: Mein Eindruck ist, dass das Wort "Sensitivity-Reader" in den Medien inflationär benutzt wird,

[00:28:56]  wie das Flugzeugphänomen.

[00:28:58]  Das kennt man, wenn es einen Flugzeugabsturz gab, dann berichten die Medien.

[00:29:03]  Das ist ein menschliches, psychologisches Phänomen [Markus: Dem stimme ich zu] Christina: über ganz viele weitere Flugzeugabstürze.

[00:29:09]  Und man bekommt das Gefühl, das ist überall und das nimmt überhand.

[00:29:12]  Die Debatte zu "Sensitivity-Readern" hat für mich, wie gesagt, zwei Seiten.

[00:29:18]  Wir haben jetzt besonders die Seite nach, das Buch ist draußen, es ist in der Welt.

[00:29:25]  Und danach wird es zensiert.

[00:29:28]  Und das ist eine Zensur und Zensur, und da stimme ich dir vollkommen recht, Markus,

[00:29:32]  ist nichts, was wir uns in den Medien wünschen oder in der Kunst wünschen, was "Sensitivity-Reader" sind.

[00:29:38]  Und deswegen finde ich, dass "Sensitivity-Reader" genauso wie Lektor:innen in einem Verlag ihre Berechtigung haben.

[00:29:46]  Sie nehmen sich auf Anfrage einem Text an.

[00:29:52]  Und wir dürfen bitte nicht vergessen, dass der Literaturbetrieb weiß ist.

[00:29:59]  Die Verlage sind über vorwiegend weiß und das sind weiße privilegierte Menschen.

[00:30:05]  Es früher waren es weiße privilegierte Männer, jetzt sind es mehr Frauen,

[00:30:10]  aber es ist einfach, diese Stimmen sind immer noch die größten Stimmen.

[00:30:15]  Wenn "People of Color", das ist auch im Moment ein Phänomen, heute Bücher schreiben,

[00:30:21]  dann werden sie vor allen Dingen dann verlegt, wenn sie aus ihrer eigenen Erfahrung heraus schreiben.

[00:30:28]  Weiße Menschen können theoretisch, das gilt halt vor allen Dingen für Männer, schreiben, worüber sie wollen.

[00:30:35]  Die Debatte, die in den letzten sieben Jahren aufgekommen ist, ist ein Gegenstrom, einer der zum Teil zu weit ausgeartet ist,

[00:30:48]  aber eine Gegenströmung zu dieser Tatsache, dass es einfach Stimmen gibt, die nicht gehört werden.

[00:30:55]  Und wenn man als weißer Autor oder als weiße Autorin aufgrund dessen versucht,

[00:31:03]  seine Bücher mit anderen Stimmen zu bevölkern, aber Unsicherheiten spürt,

[00:31:11]  weil man nichts von der Kultur weiß, dann ist es eine sehr ehrenwerte und bescheidene Haltung zu sagen, ich kenne das nicht.

[00:31:24]  Ich mache meine Recherche, du kannst als Autor, du sollst als Autorin über alles schreiben,

[00:31:30]  sei frech und sei schockierend und schreib gegen den kulturellen Trend,

[00:31:38]  das ist warum Literatur und die große Weltliteratur hat das immer gemacht, hat immer gegen den Trend geschrieben.

[00:31:43]  "Madame Bovary" war undenkbar und so weiter.

[00:31:47]  Aber vielleicht ist es eine gute Sache, wenn du dir bewusst bist, dass du Privilegien hast, dass deine Stimme gehört wird,

[00:31:55]  und dass du dann versuchst, respektvoll umzugehen mit den Figuren, die du entwirfst, um die möglichst realistisch darzustellen.

[00:32:07]  Und wenn dann in deinem Buch ein Absatz steht, wie sich deine schwarze Protagonistin die Haare macht,

[00:32:17]  dann ist es für mich als Leserin ein Zeichen des Respekts und als Autorin ein Zeichen des "I did my due diligence".

[00:32:25]  Ich habe meine Recherche gemacht, "Sensitivity-Reader" sind ein Werkzeug von vielen,

[00:32:31]  und dein Lektor schaut noch einmal drüber und dann als letzten Punkt, den ich noch anbringen will, warum, ich verstehe das aus der Autorensicht.

[00:32:42]  Das ist ja wahrscheinlich dein intimes Baby, du bringst das aufs Papier und dann bringst du es raus in die Welt.

[00:32:53]  Aber Roland Barth hat... [lacht] Wenn es draußen ist, gehört es nicht mehr dir, dann gehört es uns und den Leser:innen.

[00:33:04]  Und wir können dann mit dem Text machen was wir wollen. Das soll aber nichts, im besten Falle nichts, daran ändern,

[00:33:11]  dass du weiterhin die Freiheit hast als Autor, als Autorin, das du schreiben was du willst.

[00:33:18]  Wenn du dann ein Backlash [engl. Gegenreaktion] kriegst, bist du halt selber. Das trägst du dann.

[00:33:24]  Markus: Ich habe... mein Verlag hat ebenfalls gesagt, dass es immer nur in Rücksprache mit Autorinnen und Autoren entschieden wird, ob "Sensitivity-Reader" hinzugezogen werden.

[00:33:36]  Ich habe einen Roman in der Arbeit, der bald fertig wird, und habe ihnen von vorneherein gesagt, ich werde definitiv nicht mit "Sensitivity-Readern" arbeiten.

[00:33:45]  Und ganz kurz noch zu Roland Barth, den kenne ich auch ein wenig, dann gehört es den anderen.

[00:33:52]  Und wenn dann der Backlash kommt, ich glaube, dass es von beiden Seiten sowohl, der die du argumentiert hast, oder wie auch ich,

[00:33:59]  vor allem ein Aspekt, ein wenig vernachlässigt wird, ist der Aspekt der Angst.

[00:34:06]  Und diese Angst, die der Verlag hat einen Shitstorm [engl. Sturm der Entrüstung] zu bekommen und den Profit zu verliehen.

[00:34:11]  Diese Angst, dass der Autor etwas schreibt, das jemand anderen verletzt werden könnte.

[00:34:16]  Angst ist kein guter Ratgeber, ist meine Schlussfolgerung.

[00:34:21]  Pia: Auf jeden Fall haben wir jetzt zwei auch sehr unterschiedlich Perspektiven gesehen, was "Sensitivity-Reader" angeht.

[00:34:27]  Aber der derzeitige Stand kann sich ja auch sehr schnell ändern.

[00:34:31]  Der Literaturbetrieb ist ja prinzipiell sehr schnell was Änderungen angeht.

[00:34:35]  Wir wissen nicht, wie sich es weiterentwickelt, "Sensitivity-Reader" könnten ganz verschwinden oder dieses Thema könnte mehr ausgebaut werden.

[00:34:43]  Das wissen wir ja alles nicht, das schauen wir dann nochmal.

[00:34:46]  [lachend] In ein paar Jahren kann man diese Debatte nochmal führen.

[00:34:48]  Die Folge war für mich auf jeden Fall ein interessanter Blick in beide Richtungen.

[00:34:52]  Danke an Markus, dass du dir die Zeit genommen hast.

[00:34:55]  Markus: Danke für die Einladung.

[00:34:56]  Und danke an euch Zuhörer:innen für's mithören.

[00:34:59]  Jetzt sind wir auf eure Reaktionen gespannt.

[00:35:02]  Was haltet ihr von "Sensitivity-Readern"?

[00:35:04]  Ist das für euch etwas Positives oder Negatives?

[00:35:07]  Schreibt uns eure Meinungen per Mail an post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at

[00:35:14]  oder auf Facebook oder Instagram über stadtbibliothek.innsbruck

[00:35:18]  und gerne immerr mit dem Hashtag #gemeinsambesser.

[00:35:21]  Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.

[00:35:23]  Christina: Markus, es war mir eine Freude mit dir, die Meinungen auszutauschen.

[00:35:27]  Superinteressant.

[00:35:28]  Markus: Right back at you [engl. ganz meinerseits].

[00:35:29]  Danke.

[00:35:30]  Pia: Tschüss.

[00:35:31]  [Outro-Musik]

[00:35:54]  [Männliche Stimme] Das Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen,

[00:36:00]  dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Warum mögen wir eigentlich Fußball(-literatur)

Warum mögen wir eigentlich Fußball(-literatur)

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00] [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.

[00:00:07] [Intro-Musik] Christina: Also der Philosoph Konrad Paul Liessmann hat dem sogenannten "runden Leder" schon eine gewisse Literaturunfähigkeit

[00:00:29]  unterstellt. Trotzdem stellen wir uns heute die Frage: "Warum mögen wir eigentlich Fußballliteratur?"

[00:00:36]  Und damit herzlich willkommen zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck. Mein Name ist Christina.

[00:00:43] Pia: Und ich bin die Pia. Christina: Und heute haben wir einen ganz besonderen Gast, nämlich ist das der Lukas, unser lieber Kollege.

[00:00:50]  Hallo Lukas. Lukas: Hallo. Christina: Danke, dass du dir die Zeit nimmst, heute mit uns aufzunehmen. Lukas, im Gegensatz zu Pia und mir,

[00:00:57]  hast du schon mal Fußball geschaut, richtig? Lukas: Ein oder zwei Mal. Christina: Ok. Lukas untertreibts massiv. [Lukas lacht]

[00:01:05]  Und wir sind jetzt einfach froh, dass er da ist, weil Pia, wie steht es mit dir? Wie groß ist dein Fußball-Fan-Level?

[00:01:13] Pia: Im Minus-Bereich. [lacht] Ich habe halt nachgeschaut wegen verschiedener Fußballliteratur und eins hat der "Schwalbenkönig"

[00:01:21]  glaube ich, geheißen und ich hab nochmal nachschauen müssen, was eine Schwalbe ist, weil ich [lachend] keine Ahnung habe zum Fußball.

[00:01:26] Christina: Lukas, was ist denn eine Schwalbe?

[00:01:28] Lukas: Eine Schwalbe. Wenn ein Spieler ein Faul sozusagen schauspielert, also es hat keinen Faul gegeben, er lässt sich fallen.

[00:01:39] Christina: Das liebe ich.

[00:01:41] Lukas: Es ist eins der tollsten Dinge im Fußball, weil es ruft so viele Emotionen auf beide Seiten [lacht] meistens negative. [Christina lacht] Aber ja.

[00:01:48] Christina: ch habe ein bisschen was zu... Also erstens einmal, die Folge geht am 18.07. online, das ist der Donnerstag, wann ist denn das EM-Finale?

[00:02:00] Lukas: Am 14. also es geht nach dem Finale online.

[00:02:03] Christina: Okay, das heißt, dann wissen wir schon wer Welt... Wer was ist?

[00:02:08] Lukas: Europameister. [Alle lachen]

[00:02:14] Pia: Das haben wir gewusst [lacht]  Christina: Genau! [lachend] Ich habe mich nur versprochen.

[00:02:19] Lukas: Gut gerettet, ja. [lachen]

[00:02:21] Christina: Und wer spielt denn?

[00:02:26] Lukas: Spanien gegen England.

[00:02:28] Christina: Okay, und trauen wir uns zu sagen, von wem wir glauben, wer gewinnt?

[00:02:33] Lukas: Das kann man sich immer trauen und nachher kann man immer gut eine Ausrede finden, warum das dann nicht passiert ist.

[00:02:41] Pia: Genau, du kannst es eh editieren. [lachen] Christina: Bei zum Beispiel einer Schwalbe, [alle lachen]. Stimmt! Ich kanns dann einfach, ich hätte gesagt "England" und dann drüber so "Spanien". Pia: Genau.

[00:02:52] Lukas: Also es ist prinzipiell immer der Schiedsrichter Schuld. Egal was passiert, es liegt nie an der fehlenden Expertise, es ist der Schiedsrichter, schlechter Rasen, egal was, das gibt immer eine Ausrede.

[00:03:04] Christina: Gibt es so was wie schlechten Rasen im Fußball?

[00:03:08] Lukas: Ja, war jetzt bei der EM auch Thema in Frankfurt glaube ich, dass da der Rasen sehr kritisiert worden ist, meistens von dem Team das verloren hat.

[00:03:18] Christina: Weil er rutschig ist, oder ...? Lukas: Weil er "unrund" ist und der Ball deswegen springt, falsch springt.

[00:03:25] Christina: Ja, aber das war ja schon ein Grund sich zu beschwerden im nachhinein, also fände ich jetzt schon angebracht [lacht].

[00:03:30]  Luksa: Ja, auf jeden Fall, also das findet auch die verlierende Mannschaft immer. [lachen]

[00:03:35]  Pia: [lachend] Eigenartigerweise.

[00:03:37]  Christina: Ja, aber stellt's euch doch mal vor, wenn euer Tor auf der Hanglage oben ist. [lachen]

[00:03:46]  Pia: [lachend] Wie stellst du dir Fußball vor?

[00:03:50]  Lukas: Aber es gibt ja immer einen Seitenwechsel.

[00:03:52]  Pia: [lachend] Ja, stimmt, dann ist es wieder gerecht.

[00:03:56]  Christina: Fußball hat ja auch eine Geschichte. In der Literatur ist es gar nicht so einfach, Informationen dazu zu finden,

[00:04:08]  bzw. Literaten haben sich lange Zeit nicht mit dem Thema befasst.

[00:04:13]  Zum Beispiel im 19. Jahrhunderts galt Fußball noch als, ich zitiere, "rüpelhafter Sport" und für Oberschichten war es völlig undenkbar, dass sie da gegen diesen Ball treten.

[00:04:24]  Also es hat, das ist von Anfang an so ein Klassending auch gewesen, wo die Arbeiterklasse das als Freizeitbeschäftigung für sich vereinnahmt hat.

[00:04:36]  Wie wir wissen, schauen inzwischen durch alle Schichten hindurch.

[00:04:41]  Jeder kann Fußball schauen, jetzt ist sowieso noch mal was anderes, irgendwann ist dann das Radio gekommen,

[00:04:46]  dann hat man sich ums Radio gesetzt und hat es verfolgt und später mit dem Fernsehen.

[00:04:51]  Und jetzt glaube ich, Lukas, ein 24 Stunden Livestream ums Fußball herumkommt, kommt mir zumindest immer vor während EMs und WMs.

[00:05:00]  Lukas: Ja, es ist halt einfach der populärste Sport, glaube ich, wo alle oder fast alle eine gewisse Ahnung haben, weil die Regeln relativ leicht verständlich sind.

[00:05:12]  Und es gibt glaube ich keinen Sport, der auf der ganzen Welt so populär ist und wie dann Menschen auch zusammenbringt und das dann auch ein Gesprächsthema schafft, wie jetzt Großereignisse, wie die EM zum Beispiel.

[00:05:26]  Christina: Das muss auch sagen, ich keine Ahnung, welche EM-Weltmeisterschaft das war.

[00:05:33]  Das muss vor zehn, zwölf Jahren gewesen sein, ich weiß es nicht, keine Ahnung.

[00:05:37]  Ich weiß nicht, wer gewonnen hat, ich weiß nicht, wer gespielt hat, aber ich weiß danach, wie sie in den Autos gefahren sind, wie nennt man das, wenn sie mit den Autos durch die Straßen fahren?

[00:05:46]  Lukas: Ein Autokorso.

[00:05:47]  Christina: Ja, genau, [lachen] wie dann die Autokorso durch die Innenstadt gefahren sind, alle waren voll gut drauf und dann war es irgendwie wie so ein Straßenfest und das hat mir schon gut gefallen.

[00:05:58]  Das war... Die Stimmung war so gut und man kann echt, man hat mit jedem über etwas reden können, ja ja ja, hat da Deutschland damals gewonnen? Die EM?

[00:06:05]  Lukas: Also dass sie gewonnen haben, war 2014 glaube ich [lacht], vielleicht 2006 war sie in Deutschland, wo dieses Sommermärchen stattgefunden hat, da haben sie aber nicht gewonnen.

[00:06:18]  Christina. Ja, das war irgendwann damals, genau, und auch damals. [lachen]

[00:06:24]  Haben so die ersten, weil wir ja vom Fußball-Literatur reden, wir müssen ja auch, die Pia und ich, wir müssen ja auch darüber reden wovon wir eine Ahnung haben.

[00:06:37]  Haben so die ersten Literaten angefangen, sich ein bisschen mit dem Thema zu beschäftigen, also da war das schon mehr so ein Volkssport, eine Freizeitbeschäftigung für jederman - leider.

[00:06:50]  "Jederman" im Ausschluss von "jeder Frau" will ich damit sagen.

[00:06:53]  Da hat zum Beispiel Joachim Ringelnatz 1920 das Gedicht "Fußball" (nebst Abart und Ausartung) geschrieben, da war er dann noch der Ansicht, dass Fußball nicht so das, eh, eine gute Freizeitbeschäftigung ist.

[00:07:06]  Er schreibt nämlich: "Der Fußballwahn ist eine Krankheit, aber selten, Gott sei Dank, ich kenne wen, der litt akut an Fußballwahn und Fußballwut." [lacht]

[00:07:15]  Er hat sich dann noch negativ über Fußballspiele geäußert.

[00:07:19]  Und Kafka, über den haben wir ja auch schon mal eine Folge gehabt, schreibt 1923, im Brief an seinen Schwager Josef David:

[00:07:26]  "Vielleicht hört der Fußball jetzt überhaupt mal auf." [lacht]

[00:07:29]  Der Friedrich Torberg, 1935, lässt in seinem Buch "Die Mannschaft", den Protagonisten Harry Baumester, jeden Tag im Wiener Fürstenheimpark Fußball spielen.

[00:07:42]  Und sein Mutter, die Frau Doktor Baumester, ist es aber strikt dagegen.

[00:07:48]  Und dann hat sie so eine Tirade, wo sie ihn erwischt wie er wieder Fußball spielt.

[00:07:52]  Und dann sagt sie: "Was für ein blödsinniges Herumgelaufe und Herumgetrete."

[00:07:56]  "Es ist ja widerlich und ordinär."

[00:07:58]  "Und der beim Spiel aufgewirbelte Staub verpestet die Luft im Park." [lacht]

[00:08:03]  Und deswegen sei Fußball höchst gefährlich und bedrohe die Gesundheit der Lungen.

[00:08:09]  [lacht] Das war die Mama in dem Roman.

[00:08:13]  Aber dann ist in dieser Zeit und innerhalb der nächsten 20 Jahre, wo es eben durchs Radio, wie ich es schon erwähnt habe, Fußball zu einem Massenphänomen.

[00:08:22]  Nicht nur sind die Leute besonders bei Endspielen, aber bei Spielen insgesamt, die Massenweise in die Stadien geströmt,

[00:08:30]  sondern sie haben sich eben auch daheim ums Radio versammelt, um mitzufiebern, so wie wir jetzt immer ins "Public Viewing" [engl. öffentlich anschauen] gehen.

[00:08:37]  Und wenn ich "wir" sage, dann meine ich jeden außer der Pia und mir. [lachen]

[00:08:41]  Pia, warst du dieses Jahr schon beim Public Viewing?

[00:08:43]  Pia: Nö, überhaupt... Ja, ich gehe daran vorbei, weil gegenüber von der Bücherei [lacht], ein großer Public Viewing-Stand ist, aber sonst nicht wirklich.

[00:08:51]  Man hat es aber ein bisschen in die Bücherei reingehört, wo Österreich? Gegen wen haben wir da gespielt?

[00:08:56]  Lukas: Österreich, Niederlande war das, glaube ich.

[00:08:58]  Pia: Keine Ahnung mehr. Ich glaube, es war Österreich, Niederlande.

[00:09:00]  Genau. Das war während der Öffnungszeiten und das war so laut, dass man es sowohl in der Belletristik als auch im Veranstaltungssaal gehört [lacht] hat.

[00:09:09]  Christina: Aber weil das liegt daran, dass das Public Viewing genau schräg gegenüber ist.

[00:09:14]  Also das war so um halb sieben oder so, da war die Bibliothek ja ausnahmsweise schon leer, weil wahrscheinlich alle beim Public Viewing waren.

[00:09:22]  Und dann geht es dann in die Belletristik, in das Schiff runter, wo es dann vorne mit der Fensterfront ist.

[00:09:28]  Und da sind eigentlich Arbeitsplätze und da war eigentlich keiner mehr, also ein letzter, mutiger, der noch ein bisschen was gearbeitet hat mit seinem Laptop.

[00:09:35]  Und dann hörst du die Musik und das hat dann irgendwie schon so eine nette Sommerpartystimmung gehabt, oder?

[00:09:42]  Lukas: Ja, ich glaube, das ist auch einfach was, was den Menschen auch mitreißt, die jetzt vielleicht nicht österreichische Bundesliga schauen oder generell viel Fußball schauen.

[00:09:50]  Und dann ja, aber so große Ereignisse, da kommt man irgendwie nicht aus.

[00:09:55]  Also Freunde von mir, die nie Fußball schauen,

[00:09:59]  das erste Gesprächsthema in der Früh: "Und, gestern geschaut? Und, wie haben sie gespielt?"

[00:10:04]  Also es ist also ein kollektives Mitgerissensein irgendwie dann auch.

[00:10:09]  Christina: Und wir bemühen uns ja in der Bibliothek, wir haben ja... was haben wir gemacht?

[00:10:13]  Pia: Wir haben eine Ausstellung gemacht über Fußballbücher, aber über die verschiedensten Zugangsweisen dazu.

[00:10:20]  Also wir haben Biografien über Fußballer ausgestellt, wir haben aber auch Fußballbücher über Technik und was gut lernen kann, Fußballspiele.

[00:10:30]  Christina: Was ist eine Schwalbe?

[00:10:32]  Pia: Genau, was ist eine Schwalbe.

[00:10:34]  Kulturgeschichtliche Bücher über Fußball haben wir ausgestellt, Zeitschriften [lacht] haben wir ausgestellt zum Thema, also alles Mögliche.

[00:10:42]  Gleichzeitig haben wir auch ein Gewinnspiel gemacht, eine Verlosung, da hat man in der Vorrunde? Heißt das [lacht] Vorrunde, Lukas?

[00:10:51]  Lukas: In der Gruppenphase.

[00:10:55]  Pia: [lacht] In der Gruppenphase hat man da abstimmen können, wer denn der Endsieger wird.

[00:11:01]  Und am Schluss, wenn wir es dann ja wissen [lacht], wer gewonnen hat, verlosen wir Gratismitgliedschaften.

[00:11:09]  Genau, das sind wir ganz gespannt auf. Wollen wir denn vielleicht sagen, bei wem wir denken, wer gewinnt? Ich habe keine Ahnung, aber ich sage [unverständlich] Christina: Ich bin für Spanien.

[00:11:19]  Warum weiß ich nicht mehr, ich habe kein einziges Spiel geschaut, aber ich bin aus irgendeinem Grund für Spanien, ich fühle es. Lukas?

[00:11:26] Lukas: Ja, ich hoffe es auch. Also das war die Mannschaft, die mich über das ganze Turnier als Einziger eigentlich wirklich überzeugt hat in jedem Spiel.

[00:11:35] Pia: Perfekt.

[00:11:36] Lukas: Also das würde mich sehr wundern.

[00:11:37]  Pia: Ich glaube euch, weil ich habe keine Ahnung, dann sage ich auch Spanien. [lachen]

[00:11:40]  Christina: Aber der Lukas hat sich halt tatsächlich, du hast da ja wirklich, also die meisten, oder hast du dir alle Spiele angeschaut?

[00:11:46]  Lukas: Zwei habe ich nicht gesehen, während der Gruppenphase eben, wo sie um 15 Uhr noch gespielt haben, aber ansonsten habe ich eigentlich alle gesehen.

[00:11:54]  Christina: Zach.

[00:11:55]  Lukas: Ja, es kommt wirklich was zusammen, das sind immerhin 90 Minuten, im besten Fall, in der Endrunde dann oft 120 plus Elfmeterschießen.

[00:12:06]  Pia: Ja, das ist wie ein Hobby oder das ist wie Fernseh schauen generell.

[00:12:08]  Christina: Also ich habe "Kaulitz und Kaulitz" geschaut, [alle lachen] und ich glaube, dass sich das nicht viel nimmt.

[00:12:14] Wobei ich mir gewünscht hätte, dass das länger gegangen ist.

[00:12:17]  [alle lachen] Das wünsche ich mir von so [unverständlich].

[00:12:21]  Pia: Aber es hat schon so etwas Gemeinschaftliches, wenn man so sieht, wie sich die Leute freuen und wie die Leute gejubelt haben, wo wir weitergekommen sind von der Gruppenphase [lacht], das hat ja was.

[00:12:32]  Christina: Und für jemand den das genau null interessiert, ist das für mich immer ein bisschen amüsant, weil ich gehe dann halt meinem Leben nach,

[00:12:38]  in meiner Freizeit so nach in meiner Wohnung, dann höre ich immer in der Nachbarschaft, die Fenster sind ja offen im Sommer.

[00:12:43]  Entweder das Jubelgeschrei oder das enttäuschte Buhen von meinen Nachbarn, dann weiß ich immer ... Und von den entfernten Nachbarn, wir reden fünf, sechs Häuser weiter! [lachen]

[00:12:53]  Pia: Bei mir ist es genau gleich, das sind auch, also wir sind in einem größeren Haus und man hat die Leute unter und über mir.

[00:12:59]  Und dann war es so lustig, wo wir das Spiel verloren haben leider.

[00:13:04]  Wir haben das Spiel nicht geschaut, aber ich habe genau gewusst, wo wir gerade stehen [lacht].

[00:13:08]  Weil er so deprimiert geklungen haben unser Nachbarn, dass ich genau gewusst habe, was gerade los ist.

[00:13:15]  Lukas: Am gemeinsten ist ja, wenn das TV-Signal bei einem selber so zwei, drei Sekunden hinterher hängt, und man schaut das voll gespannt und hört dann eben schon die Nachbarn schreien.

[00:13:25]  Und das ist dann immer sehr gemein, finde ich.

[00:13:28]  Christina: Ja, das finde ich auch.

[00:13:30]  Wir haben, ja das erinnert mich so ein bisschen an Amerika, wie Sie so sieben Sekunden Verzögerung eingebaut haben nach "Nippelgate" in der Halftimeshow (des Superbowl),

[00:13:38]  damals mit Justin Timberlake und... siehst du, das sind die Fakten, wo ich wirklich standfest bin!

[00:13:43]  [alle lachen] Und Janet Jackson.

[00:13:45]  Das ist ja eine Schwalbe, Fallrückzieher.

[00:13:49]  Was ich geschaut habe früher war viel "Tsubasa", "Captain Tsubasa".

[00:13:53]  Kennt das jemand? "Die Kickers".

[00:13:55]  Lukas: Ja. Pia: Nein, keine Ahnung.

[00:13:56]  Christina: Das waren zwei Fußball-Anime.

[00:13:58]  Pia: Ah, Ok. Christina: Aber zu Fußball-Anime habe ich nichts vorbereitet.

[00:14:03]  Jetzt machen wir weiter in unserer Fußball-Literaturstunde.

[00:14:06]  Nämlich geht es dann weiter, mit dem Jahr 1945 hat der jüdische Dichter Friedrich Torberg seinem Freund Matthias Sindelar

[00:14:17]  Kennst du den zufällig?

[00:14:20]  Lukas: Ich hoffe, das ich jetzt nicht meine völlige Glaubwürdigkeit verliere, aber nein.

[00:14:24]  Christina: Der hat gelebt zwischen 1903 und 1939. Dem hat er das Gedicht "Auf den Tod eines Fußballspielers" gewidmet nach dessen Ableben.

[00:14:36]  Und dieser Matthias Sindelar, und ihr Fußball-Fans da draußen, die vielleicht auch ein bisschen was mit Fußballgeschichte zu tun haben,

[00:14:44]  Werden wissen, dass, also der gilt laut meinen Recherchen, ist einer der, also der

[00:14:51]  größte österreichische Fußballspieler.

[00:14:53]  Der dann auch, also der ist dann, das hing dann zusammen mit dem Einmarsch von den

[00:15:02]  nationalsozialistischen Truppen aus Deutschland, das war [19]38 und [19]39 ist er dann gestorben, ist

[00:15:08]  bis heute noch nicht ganz geklärt bzw. ich habe gefunden, dass es halt eine

[00:15:14]  Kohlenmonoxidvergiftung war und nach seinem Tod wollten die Nationalsozialisten,

[00:15:22]  den als Held für sich als Figur vereinehmen, das ist ihnen aber nicht gelungen und das

[00:15:29]  hat, also die Geschichte allein fand ich irgendwie so interessant und spannend und bemerkenswert.

[00:15:33]  Das hat für mich so gezeigt, dass Fußball gesellschaftlich ein riesen großer Rolle spielt

[00:15:38]  und auch diese Mythenbildung anfängt mit den Fußballidolen, das man ja auch heute noch sieht.

[00:15:47]  Da gibt es ja aber Namen, die der Lukas alle kennt, aber mit Balenciaga [lacht] Pia: Hallo! [lachen] Christina: Gucci. Pia: Genau. [lachen]

[00:16:03]  Lukas: Ich glaube, ich verstehe gerade den Gag nicht. [lachen]

[00:16:08]  Pia: Ja, die Namen, die die Christina sagt [lacht]

[00:16:11]  Lukas: Ja, ich habe tatsächlich angestrengt nachgedacht...Pia: Wer der Gucci ist! [lachen] Lukas: Ob es diese Spieler wirklich gibt. [lachen]

[00:16:15]  Christina: Der Gag war, dass ich nicht weiß, dass der nicht Balenciaga heißt, sondern dass das irgend so eine Schuhmarke ist.

[00:16:25]  Lukas: Ja, aber dann kurz überlegt, das kann durchaus sein, dass das ein italienischer Innenverteidiger war,

[00:16:31]  der in den 90er Jahren ganz toll gespielt hat.

[00:16:34]  Christina: Weil ich es so gut recherchiert habe, kannst du nicht mehr unterscheiden, was ich wirklich weiß und

[00:16:39]  Pia: Und was für einen Blödsinn du erzählst. [lacht]

[00:16:41]  Lukas: Das ist echt eine Drucksituation.

[00:16:43]  Christina: Und das kennt ihr vielleicht, "Das Wunder von Bern", das sagt euch was.

[00:16:49]  Das ist ja auch als Spiel [Film] verfilmt worden, diese ganze Geschichte, das war 1954,

[00:16:54]  wo die deutsche Fußballmannschaft in einem Elfmeter glaub ich, das noch einmal herum gerissen hat, das Spiel und dann gewonnen hat.

[00:17:03]  Das war in Nachkriegsdeutschland ganz wichtig.

[00:17:07]  Also wird heute gesagt, dass das so wichtig war für die Identitätsfindung vom Nachkriegsdeutschland.

[00:17:14]  Und da hat zum Beispiel der Ludwig Harig ein Sonett geschrieben, "Die Eckbälle von Wankdorf".

[00:17:20]  Übrigens haben sie 1954 gegen die Schweiz gespielt.

[00:17:23]  Heißt das.

[00:17:25] Falls ihr das nicht wusstet.

[00:17:26]  Lukas: Im Finale? Kann es sein dass das Ungarn war? [lacht]

[00:17:31]  Christina: In der Schweiz gegen die...

[00:17:36]  Lukas: 3 zu 2, glaube ich.

[00:17:38]  Christina: Wow, das stimmt. Das steht da.

[00:17:40]  Pia: Deswegen haben wir einen Experten [lacht] Christina: Voll! Und nachdem sie in der Vorwunde gegen die selbe Mannschaft mit 3 zu 8 verloren hatten

[00:17:49]  und das war dann so bemerkenswert, das ist echt bemerkenswert.

[00:17:52]  Lukas: Ja. Ungarn war damals eine der besten Mannschaften eigentlich in Europa.

[00:17:58]  Also es war wirklich eine Wunder.

[00:18:02]  Christina: In Bern.

[00:18:04]  Und da schreibt der Ludwig Harig: "Was einst in Bern geschah, es klingt wie eine Fabel,

[00:18:09]  geheimer Doppelsinn, die Kunst im reinen Zweckball,

[00:18:12]  entschied den Spielverlauf, der einstudierte Eckball,

[00:18:15]  verwirrte Ungarns Elf, mit kryptischer Parabel."

[00:18:19]  Ich könnte noch weiter, aber es wurde jedenfalls Literatur betrieben am Fußball.

[00:18:24]  1955 hat dann sogar der Günther Grass in jungen Jahren das Kurzgedicht "Nächtliches Stadion" verfasst:

[00:18:33]  "Langsam ging der Fußball am Himmel auf.

[00:18:36]  Nun sah man, dass die Tribüne besetzt war.

[00:18:39]  Einsam stand der Dichter im Tor, doch der Schiedsrichter pfiff abseits." Grass war Surrealist.

[00:18:47]  Der hat so ein bisschen versucht den Mythos von der nationalen Identität,

[00:18:51]  wieder zu dekonstruieren.

[00:18:53]  Aber hat irgendwie auch das Gefühl gehabt, als Kunstschaffender, dass das ein Moment ist.

[00:19:00]  Insgesamt muss man aber sagen, dass bis so in die 80er-Jahre,

[00:19:03]  und vielleicht noch so ein bisschen bis heute hinein Fußball als Thema in der Literatur,

[00:19:08]  als zu nieder angesehen worden war, um es zu verarbeiten.

[00:19:12]  Aber es wurde trotzdem immer wieder aufgegriffen.

[00:19:15]  Auch der Peter Handke, du kannst es als Boomer dann noch erzählen,

[00:19:19]  hat 1970 die Erzählung gemacht, "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter".

[00:19:24]  Und nach 1976, nachdem Uli Hoeneß beim Elfmeter im Europameisterschaftsspiel einen Fehlschuss sich geleistet hat.

[00:19:34]  Das hat dann die Annemarie Schimmel zu dem folgenden Limerick, den ich euch nicht vorhanden will, inspiriert.

[00:19:40]  "Immitten gewalt'gen Gestöhnes verschoss den Elfmeter der Hoeneß.

[00:19:47]  Das Spiel ist verloren mit hängenden Ohren, betrachtet der Trainer, Herr Schön, es." [lachen]

[00:19:58]  Und dann auch 2001 gab's dann noch vom Albert Ostermaier, "Ode an Kahn", also der Oliver Kahn, so weiter.

[00:20:05]  Also was ich damit sagen will:

[00:20:07]  Es ist schon viel über den Fußball geschrieben worden, und das wohl berühmteste

[00:20:11]  Gedicht, Pia, bist du darauf in deinen Recherchen auch gestoßen,

[00:20:15]  ist "Fever Pitch" von Nick Hornby.

[00:20:18]  Pia: Ah, Roman? Christina: Ja genau.

[00:20:20]  Pia: Ja genau.

[00:20:21]  Ich habe das ein bisschen alles von der englischen Seite her angeschaut,

[00:20:24]  weil England ja irgendwie der Geburtsort vom modernen Fußball gesehen wird.

[00:20:28]  Das hat den Fußball schon in China viel viel früher gegeben, also eine Version von Fußball.

[00:20:33]  Lukas, stimmt das?

[00:20:35]  Lukas: Ja schon, schon.

[00:20:37]  Drum gibt es auch diese teilweise, dass wir in diese Fanhymne "It's Coming Home", die man jetzt überall hört,

[00:20:45]  hat einerseits den Grund England hat eine Weltmeisterschaft gewonnen,

[00:20:49]  und das war in England, in Wimbledon, glaube ich, da bin ich mir jetzt nicht sicher. [lacht]

[00:20:55]  Es war in England und das ist ein bisschen dadurch,

[00:20:59]  und eben weil England so eben als Geburtsort des modernen Fußballs, ja,

[00:21:04]  kann man schon so sagen, finde ich.

[00:21:06]  Pia: Das hat auf Privatunis und da hat das so seinen Anfang gehabt.

[00:21:11]  Und da hat es eben auch sehr wenig Texte im Grunde früher gegeben,

[00:21:15]  vielleicht ein paar so Clubbücher und so, aber eher Handbücher, waren ma am Anfang in.

[00:21:20]  Bis man das literarisch verarbeitet hat, hat es schon länger gedauert,

[00:21:23]  aber der Hornby ist so wirklich das, wo man dann gesagt hat,

[00:21:25]  "Okay, das hat jetzt alles verändert".

[00:21:27]  Weil er das autobiografisch aufgearbeitet hat, seine eigene Lebensgeschichte,

[00:21:33]  aber gleichzeitig auch seine Beziehung zum FC Arsenal,

[00:21:36]  das ist irgendwie der Club, den er halt voll unterstützt und den er gerne mag,

[00:21:40]  und da hat er irgendwie die Begeisterung für den Fußball und spezifisch für diesen Club

[00:21:44]  hat er richtig ausgelebt in diesem autobiografischen Buch.

[00:21:48]  Und man muss ja auch sagen, in England war es auch so,

[00:21:50]  dass es auch eher ein Sport der Arbeiterklasse war.

[00:21:53]  Auch eben zu Hornbys Zeiten, die Tickets waren sehr, sehr günstig,

[00:21:57]  das hat sich im Grunde jeder leisten können, man hat spontan einmal so am Fußballmatch gehen können.

[00:22:02]  Christina: Sind die Tickets immer noch so günstig?

[00:22:05]  Lukas: Nein, was auch von vielen kritisiert wird,

[00:22:08]  dass eben der Sport mittlerweile so kommerzialisiert ist

[00:22:11]  und viele Oligarchen und große Firmen sich Clubanteile kaufen

[00:22:16]  und der normale Fan, die durchschnittle Zuschauer:in sich das teilweise gar nicht mehr leisten kann,

[00:22:23]  ins Stadium zu gehen oder ein Abo zu kaufen, was früher halt eben für jeder Mann, jede Frau möglich war.

[00:22:31]  Und das wird mittlerweile viel kritisiert,

[00:22:34]  weil diese Menschen schon ein bisschen ausgeschlossen werden, auch mittlerweile,

[00:22:37]  gerade bei den größeren von Vereinen.

[00:22:39]  Und bei so großen Ereignissen sind die Tickets mittlerweile auch mehr als teuer eigentlich.

[00:22:45]  Also das überlegt man sich wirklich zweimal, ob man da ins Stadium geht.

[00:22:48]  Christina: Das ist ja doppelt bitter, weil es ja aus der Arbeiterklasse kommt,

[00:22:53]  und man sich vielleicht damit identifiziert und das ja im Grunde dann auch dadurch so groß geworden ist.

[00:23:00]  Und dann sperrt man irgendwie große Teile des Publikums... Pia: Wieder aus. Christina: Wieder aus.L

[00:23:05]  Lukas: Ja, es nimmt dem ganz schon die Identität teilweise, finde ich jetzt.

[00:23:10]  Pia: Hornby hat das auch kritisiert, weil man hat ihn dann 2012,

[00:23:15]  ich glaube, das Interview, das ich gefunden haben, ich bin mir jetzt nicht mehr sicher,

[00:23:17]  aber ich glaube, es war 2012, da hat er auch darüber geredet

[00:23:20]  und hat gesagt, dass es schade ist, dass es diese Entwicklung gegeben hat

[00:23:23]  und dass es jetzt so ist, als ob das Fußball schauen gehen, wie Theater gehen ist.

[00:23:29]  Weil man sich das vielleicht ein, zwei Mal im Jahr leisten kann, wenn man das Geld hat,

[00:23:32]  aber sonst nicht wirklich.

[00:23:34]  Christina: Ja Hornbys Roman ist 1992 herausgekommen.

[00:23:40]  Pia: Genau, das war gleichzeitig wo die Premier League in England, so den Anfang gehabt hat.

[00:23:47]  Und das ist auch irgendwie so, wo es angefangen hat, dass es wirklich auch für Eliten in England interessant geworden ist,

[00:23:55]  weil auf einmal war es nicht etwas, was die Arbeiterschicht, sondern ich kann zu diesem Eliten-Club hören

[00:24:00]  und dann ist es was Besonderes.

[00:24:03]  Christina: Danke Lukas, dass du unsere Zuhörer:innen gerettet hast.

[00:24:06]  Lukas: Das würde ich so nicht sagen, ihr wart top vorbereitet, ich war wirklich "impressed" [engl. begeistert].

[00:24:12]  Christina: Danke. [lachen] Wir haben wirklich

[00:24:14] Papierstapel dabei!  [lachen] Die Ordner liegen neben uns. [lachen]

[00:24:20]  Hat noch jemand irgendwelche Kommentare zum Fußball?

[00:24:24]  Der Lukas hat uns ja schon ausreichend gelobt.

[00:24:28]  Lukas: Ja, also ich kann es nur wiederholen.

[00:24:31] Christina: Gern! Lukas: Ihr verkauft euch da unterm Wert.

[00:24:34]  Es ist sowieso ein Mythos, dass sich Menschen beim Fußball auskennen.

[00:24:38]  Am meisten vermittelt man den Eindruck, indem man eben beim Public Viewing so generische Sätze in den Raum schreit.

[00:24:45]  Christina:Oh, das ist als Abschluss ein schöner Service für unsere Zuhörer:innen, die so wenig Fußballaffin sind wie wir,

[00:24:51]  aber manchmal aus sozialen Gründen zu Public Viewings mitgehen wollen.

[00:24:55]  Kannst du uns vielleicht ein paar dieser Sätze nennen, damit wir, die Nicht-Fußballaffinen, die in Zukunft verwenden können?

[00:25:03]  Lukas: Es gibt ja unendlich viele.

[00:25:05]  Christina: Drei reichen.

[00:25:06]  Drei für den Anfang.

[00:25:07]  Lukas: Ganz wichtig ist, es immer das Gegenteil von dem, was der Spieler macht.

[00:25:11]  Wenn der Spieler ein Pass spielt, dann hätte er schießen müssen.

[00:25:15]  Wenn er schießt, dann hätte er ein Pass spielen müssen.

[00:25:18]  Und das immer gut kommt.

[00:25:20]  "Spiel ihn tief, spiel ihn hoch." -  "Schieß!"

[00:25:23] Christina: "Spiel ihn tief, spiel ihn hoch!" "Schieß den Ball!"

[00:25:26]  "Auf die andere Seite."

[00:25:28]  Lukas: Genau. "Spiel mal links. Der steht frei."

[00:25:30]  "Seht ihr das nicht?"

[00:25:31]  Christina: "Der steht frei" kenn ich. [lachen]

[00:25:33]  Lukas: "Der verdient Millionen und trifft das Tor nicht."

[00:25:36]  Pia: Da kriegen die Fußballspieler:innen doch auch immer so wenig, oder? Christina: Ja.

[00:25:39]  Pia: Das ist ja dort immer eine Diskussion um die "Gender Pay Gap".

[00:25:43] Christina: Ach ja, da sind wir ja nicht gar nicht darauf eingegangen.

[00:25:46]  Pia: Neues Thema für einen neuen Podcast.

[00:25:48]  Christina: [lachend] "Warum mögen wir eigentlich den Gender Pay Gap nicht?"

[00:25:51]  Okay, die zweite.

[00:25:54]  Tipp Nummer zwei.

[00:25:55]  Lukas: Tipp Nummer zwei: Man weiß es auch besser als der Trainer.

[00:25:58]  Es wird eine neue Startaufstellung gewählt.

[00:26:00]  Wenn sie gewinnen, dann wird der Trainer schon gelobt,

[00:26:03]  Man hätte auch so aufgestellt, es war klar dass es für die heutige Begegnung genau die richtige ist.

[00:26:08]  Wenn sie verlieren, hat man eh recht gehabt, wie kann man so eine Startaufstellung aufstellen.

[00:26:14]  Man weiß es immer besser wie der Trainer.

[00:26:16]  Christina: Also, Nummer drei.

[00:26:18] Lukas: Der Schiedsrichter. Christina: Ja.

[00:26:20]  Lukas: Er pfeift entweder immer nur gegen uns.

[00:26:23]  Wenn er mal für uns eher pfeift, dann macht er das eigentlich ganz gut.

[00:26:28]  Er pfeift nicht für uns, er ist eh fair. [lachen]

[00:26:30]  Man findet immer einen Grund, warum man gerade verloren hat.

[00:26:35]  Wenn man gewonnen hat, dann hat es das einzige Grund, dass das Team super ist.

[00:26:40]  Man muss möglichst beides sein.

[00:26:45]  Christina: Also, um zusammenzufassen, wenn man als Fußballzuschauer hat,

[00:26:50]  weiß man es immer besser als der Spieler.

[00:26:52]  Man weiß es immer besser als der Trainer.

[00:26:55]  Und der Schiri hat immer Unrecht, außer er gibt dem eigenen Team Recht.

[00:26:59]  Dann hat er natürlich recht gehabt.

[00:27:01]  Und als Bonustip, wenn das eigene Team verloren hat, ist der Rasen schlecht gewesen.

[00:27:06]  Lukas: Genau.

[00:27:07]  Und das allerwichtigste ist, man wäre selber Profi geworden, wenn man sich nicht verletzt hätte.

[00:27:12]  Christina: Der fünfte Tipp.

[00:27:14]  Pia: Megan Rapinoe und so.

[00:27:15]  Es gibt schon ein paar Fußballerinnen, die jetzt auch schon mehr an Bekanntheit erlangen.

[00:27:19]  Christina: Ich hätte eigentlich so gerne Männerfußball dazu..

[00:27:21]  Also wir haben ja die Ausstellung, ich hätte gerne "Männerfußball" dazu geschrieben überall.

[00:27:25]  Das machen sie bei "Ted Lasso". [lacht]

[00:27:28]  Lukas: Das machen die mittlerweile auch in Medien. Christina: Ehrlich?

[00:27:30] Lukas: Was ich ganz gut finde, dass das "Männer-Team" der Österreicher jetzt ausgeschieden ist.

[00:27:34]  Weil es gibt ein Frauen-Team, und die schneiden tendenziell eigentlich immer besser ab bei Großereignissen.

[00:27:40]  Christina: Ehrlich? Lukas: Als das Herren-Team.

[00:27:42]  Christina: Cool. Lukas: Schon echt stark.

[00:27:44]  Pias: Und wann spielen die das nächste Mal?

[00:27:46]  Lukas: Die spielen glaub ich momentan eine Quali, ich weiß aber nicht, ob für die EM oder für die WM.

[00:27:54]  Ehrlich gesagt. Aber die spielen momentan.

[00:27:56]  Pia: Cool.

[00:27:58]  Christina: Ja, dann Lukas.

[00:28:00]  Danke, dass du dabei warst.

[00:28:02]  Wie hast du die Folge heute gefunden?

[00:28:04]  Hast du Spaß gehabt?

[00:28:06]  Lukas: Ja, aber ich war sehr nervös.

[00:28:08]  Ich bin immer noch nervös.

[00:28:10]  Obwohl es jetzt vorbei ist. [lachen]

[00:28:12]  Aber danke für die Einladung, es war voll nett.

[00:28:14]  Christina: Ja, danke, dass du dir die Zeit genommen hast.

[00:28:16]  Danke, dass du uns korrektiv zur Seite gestanden hast.

[00:28:20]  Und unsere Fragen beantworten konntest.

[00:28:22]  Pia, wir haben es geschafft. Pia: Wir haben es geschafft.

[00:28:24]  Christina: Die Fußball, in Klammern, -Literaturfolge ist zu Ende.

[00:28:28]  Schreibt uns welche Mannschaft euer Fanherz höher schlagen lässt.

[00:28:32]  Auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at oder Instagram mit dem Handle "stadtbibliothek.innsbruck" oder auf Facebook.

[00:28:42]  Und bis dahin wünschen wir euch noch schönes Fußballspiel in dem Fall.

[00:28:48]  Und wir hören uns dann nächste Woche wieder. Tschüss.

[00:28:52]  Pia: Tschüss.

[00:28:53]  Lukas: Tschau. [Outro-Musik]

[00:29:18]  [Männliche Stimme] S‘Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Warum mögen wir eigentlich Tropes (Enemies-to-Lovers)?

Warum mögen wir eigentlich Tropes (Enemies-to-Lovers)?

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Intro-Musik] Christina: Ja, hallo und herzlich willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:20]  Mein Name ist Christina und heute sagt nicht die Pia hallo, sondern meine liebe Kollegin, die

[00:00:26]  Jaqueline: Jaqueline, hallo. Christina: Hi Jaqueline, schön, dass du bei uns bist. Jaqueline: Danke für die Einladung. Christina: Wir freuen uns

[00:00:32]  sehr und wir zwei stellen uns heute die Frage, warum mögen wir eigentlich "Tropes" [wiederkehrende Motive] , aber nicht

[00:00:39]  irgendwelche Tropes, sondern ganz speziell oder spezifisch, welches Trope ... Über welches Trop sprechen

[00:00:45]  wir? Die Zuhörer:innen wissen es eh schon. Jaqueline: Ehm "Enemies to Lovers". Christine: Ja, also es wird eine sehr spannende Folge.

[00:00:52]  Und bevor wir einsteigen, Jaqueline, würde ich gerade noch kurz für unsere Zuhörer:innen,

[00:01:00]  die sich jetzt vielleicht fragen, Trope, was ist jetzt ein Trope, welche "Enemies" [engl. Feind], was für "Lovers" [engl. Liebhaber:in],

[00:01:04]  erklären, was ein Trope allgemein überhaupt ist. Und zwar, der Begriff stammt ursprünglich aus der

[00:01:12]  Rhetorik. Da wird er aber als Überbegriff für bestimmte Klassen von rhetorischen Figuren

[00:01:18]  verwendet. So eine rhetorische Figur, das kennt man, das ist zum Beispiel eine Metapher. In der

[00:01:24]  modernen Literaturwissenschaft, aber auch in der Literaturkritik, als auch und vor allen Dingen

[00:01:31]  im englischsprachigen Raum, aber eben auch in anderen sprachlichen und kulturellen Kontexten

[00:01:36]  bezieht sich ein Trope auf wiederkehrende Motive, Themen, Handlungsmuster, Figurtypen oder Stilmittel,

[00:01:44]  die dann in vielen literarischen Werken vorkommen und eine bestimmte Bedeutung oder

[00:01:50]  Assoziation tragen. Ein paar gängige Beispiele für Tropes in der Literatur sind zum Beispiel "Der

[00:01:57]  Auserwählte" auf Englisch "The Chosen One". Das ist eine Figur, die für eine besondere Aufgabe

[00:02:04]  oder ein Schicksal auserwählt ist. Harry Potter wäre zum Beispiel so einer. Der alte "weiße" Mentor,

[00:02:10]  der alte WEISE Mentor [beide lachen] wichtiger Unterschied. [lachend] Ich bin's so gewohnt dieses "alte weiße Männer".

[00:02:17]  Jaqueline: Aber es stimmt auch, also meistens sind sie auch weiß. Christina: Ja, außer Yoda, der ist grün [beide lachen]. Das wäre dann

[00:02:26]  eine, genau, ein erfahrener, weiser Charakter bzw. Figur, der dem Helden Ratschläge und Unterstützung

[00:02:34]  bietet. Yoda, haben wir schon genannt, Albus Dumbledore wäre auch einer. Der ist... Jaqueline: Klassiker. Christina: Ja. Oder

[00:02:42]  ein Antagonist, zum Beispiel Lord Voldemort. Genau, es ist nicht nur auf Literatur beschränkt,

[00:02:47]  es gibt es auch in Filmen, Fernsehserien, Theaterstücken und vielen anderen Erzählformen. Wozu dienen Tropes?

[00:02:53]  Die sind dafür da, Geschichten zu strukturieren, auch den Erzählfluss zu erleichtern. Sie verwenden

[00:03:00]  also immer diese bekannte Muster und Erwartungen. Deswegen sind sie auch recht beliebt in der

[00:03:04]  Kinder- und Jugendliteratur. Es gibt jetzt auch, vielleicht so ein Marketingbegriff, das sagt

[00:03:12]  dir bestimmt was Jacqueline , das "New Adult". Wo ich finde, dass das so ein bisschen verschwommen

[00:03:20]  ist von der Jugendliteratur in die Erwachsenen-Literatur und wie so ein Zwischenstadium ist oder wo

[00:03:26]  es so Elemente von der Jugendliteratur mit der Erwachsenen-Literatur verschmelzt. Also "New Adult"

[00:03:33]  zeichnet aus, dass es da viele Tropes gibt. Findest du das auch? Jaqueline: Ja, also ich lese hauptsächlich

[00:03:42]  selbst "Young Adult", also das ist mein Lieblingsgenre zum Lesen, weil es eben für mich noch nicht ganz dieses

[00:03:49]  Erwachsene und meist trockene irgendwie ist für mich. Und ich glaube, dass die, also das sind vor

[00:03:56]  allem ganz ganz ganz viele Tropes und dadurch kommuniziert die Community aber auch. Also auf

[00:04:02]  Instagram liest man nur Tropes. Wenn jemand ein Buch, ein Review schreibt oder es bewirbt oder bewertet,

[00:04:08]  das sind immer Tropes in dem Kommentar und das wird dann immer diskutiert. Ja ist das jetzt

[00:04:14]  mehr "Slow Burn", ist das "Chosen Family" oder was auch immer dann eben der Trope ist. Also der kommt

[00:04:19]  dann sehr häufig vor und ist dann eben eigentlich in die Kommunikation über die Bücher übergegangen

[00:04:25]  und weiß auch nicht, ob es dann von daher jetzt kommt, dass die so aktuell und so beliebt

[00:04:30]  geworden sind hauptsächlich eben durch Social Media auch. Aber würde dir auf jeden Fall zustimmen,

[00:04:34]  dass in "Young Adult" das sehr verbreitet ist. Christina: Meine Theorie ist ja, dass das so aus der

[00:04:40]  Fanfiction-Kultur kommt, dass sich, wir haben ja schon mal über Fanfiction gesprochen und wer

[00:04:49]  sich da genauer dafür interessiert, kann sich die Folge gerne noch einmal anhören. Aber das ist

[00:04:58]  so mit dem Aufkommen von Fanfiction und das hat sich vor Social Media, würde ich schätzen,

[00:05:07]  hat sich vor Social Media an sich etabliert und dann ist es in Social Media übergeschwappt oder?

[00:05:14]  Jaqueline: Ja auf jeden Fall, es... Habe ich gar nicht daran gedacht, stimmt bei den Fanfictions, wenn man die

[00:05:20]  ja googelt oder eingibt oder auf "Archive of Our Own" oder so was sucht, dann sind immer die Schlagwörter,

[00:05:26]  was ja dann eigentlich Tropes sind, stimmt an das habe ich noch gar nicht gedacht.

[00:05:29]  Christina: Ja, ans "Archive" habe ich auch gedacht, wenn man da nur auf die Seite geht, "Archive of Our Own"

[00:05:34]  ist eine Fanfiction-Seite, inzwischen die größte Fanfiction-Seite im Internet, englischsprachig,

[00:05:41]  auf jeden Fall, ich würde sogar sagen überhaupt und dann hast du sofort die ganzen Tags und die

[00:05:47]  sind halt... das sind immer Tropes und dann kannst du dir sozusagen so wie eine Restaurantbestellung

[00:05:53]  das so zusammensetzen, was möchte ich denn jetzt. Ich hätte gerne das. "Enemies to Lovers" mit einem

[00:05:59]  "Chosen One" als Protagonist, mit der mit dem und mit jener und so weiter zusammenkommt und dann

[00:06:05]  kannst du genau lesen, wenn es das denn gibt, was du lesen willst in dem Moment.

[00:06:11]  Genau, ja. Christina: Und das ist auf Social Media auch so, das habe ich zum Beispiel nicht gewusst.

[00:06:15]  Jaqueline: Also ich bin recht aktiv auf Booktok und da ist eben immer, also ich glaube, man kommt fast

[00:06:22]  bei keinem Book Reviewer jetzt vorbei, der nicht eben in Tropes spricht und auch, das heißt dann immer,

[00:06:29]  ja, das hat mir so gut gefallen, "Enemies to Lovers" und "Slowburn", das ist super gemacht

[00:06:34]  und hervorragend und das kategorisiert eigentlich schon alle Bücher. Also es gibt dann ganze

[00:06:40]  Bookstagram-Seiten, die sich dann spezialisieren auf "Romance Novels" zum Beispiel und dann wirklich

[00:06:45]  auch nach diesen Tropes dann Bücher bewerten. Also ich kenne das hauptsächlich eben von Social Media.

[00:06:50]  Und dass dann eben auch jeder fragt, okay, aber hat das auch diesen und jenen Trope oder so was?

[00:06:55]  Also das ist für viele schon eine Voraussetzung, die Tropes zu wissen, bevor sie überhaupt ein

[00:07:00]  Buch lesen anfangen dann. Christina: Also das... würdest du sagen, dass sich junge Leser:innern oder die,

[00:07:05]  die dann auch Booktok und so weiter benutzen, also auf diesen Plattformen am Weg sind,

[00:07:09]  dass die ein Buch nicht lesen würden, wenn es nicht ihrem Trope entspricht? Also ist es da so,

[00:07:18]  muss das so genau sein? Jaqueline: Also ich glaube schon. Also ich merk das bei mir selber auch schon. Ich bin zum

[00:07:23]  Beispiel kein großer Fan von "Enemies to Lovers" [lacht] Spoiler. Ich finde, das ist ganz oft ganz schlecht

[00:07:30]  gemacht, dass der Hass mir einfach nicht bewusst ist, wieso die jetzt "Enemies" sind und ich mir einfach

[00:07:35]  denke, Leute, redet's einfach, dann ist jedem auf 10 Meilen klar, dass ihr "Lovers" sein solltet.

[00:07:39]  Das ist zum Beispiel bei mir ganz oft, dass ich mir denke, würde ich jetzt vermeiden, wenn jemand sagt,

[00:07:45]  oh, "Enemies to Lovers", und ganz, ganz toll, bin ich öfter skeptisch dann gegenüber dem Buch. Also ich

[00:07:50]  glaube schon, dass viele da die Tropes nutzen für Leserentscheidungen und wenn der Trope ist,

[00:07:55]  den sie nicht mögen, dass schon dann Auswirkungen hat aufs Leseverhalten, ganz eindeutig, ja.

[00:07:59]  Christina: Das ist wahrscheinlich auch eine Neue aus der Internetkultur herausgekommene

[00:08:09] Art zu lesen. Ich glaube nämlich, dass auch ganz viele Leute, zumindest ist das meine

[00:08:18]  Erfahrung, dass ich Bücher oft, ich meine, klar, wenn man eine Autorin oder ein Autor hat, den man mag,

[00:08:24]  Stephen King ist bei mir das Beispiel, dann liest man halt was da veröffentlicht wird, ich krieg genau das -

[00:08:28]  das ist zuverlässig. Und ich kann mir vorstellen, dass es da ähnlich ist. Aber abseits

[00:08:33]  der Genreliteratur, ist es bei mir oft so, dass dann schau ich einen Film und dann frage ich mich

[00:08:39]  ach, das basiert auf einem Buch oder ich frage, oder dann bin ich plötzlich im Paris des 20. Jahrhunderts

[00:08:45]  verhaftet oder interessiere mich plötzlich für die Autoren der "Beat-Generation" und will dann

[00:08:49]  das wissen. Also das sind dann wie so Interessensblasen, wo ich dann die Literatur da drin lese. Und im

[00:08:59]  Grunde genommen ist es nur eine andere Art der Kategorisierung. So gesehen. Bevor wir jetzt ... Also zu den

[00:09:05]  Tropes gibt sich, an sich gibt es noch viel zu fragen, äh zu sagen, aber was ist denn "Enemies

[00:09:12]  to Lovers" überhaupt? Jaqueline: Also "Enemies to Lovers" beschreibt eben, ich nenne es jetzt einfach

[00:09:17]  den Vorgang, wenn sich zwei Menschen kennenlernen oder schon kennen und sich einfach nicht mögen.

[00:09:24]  Also sie können sich nicht leiden, sind dann oft, es gibt dann auch oft im Highschool-Kontext,

[00:09:28]  dass sie dann eben "Enemies" sind, weil beide gute Noten haben und beide wollen die Besten sein,

[00:09:32]  aber das ist dann eben dieses "Enemies" dann eben auf dem Konkurrenz miteinander, sie mögen sich

[00:09:37]  absolut nicht und sie hassen sich und können nicht im selben Raum sein. Und im Laufe des Buches

[00:09:41]  schwingt es dann um eben in diese "Lovers"-Perspektive oder, ja, Handlungsweise, dass sie dann auf

[00:09:49]  einmal eben von diesem Hass umschweifen zu "Ja eigentlich liebe ich dich halt und deswegen hasse

[00:09:53]  ich dich so sehr". Und dann auf einmal sind sie eben ein Paar oder haben vor allem zumindest irgendwas an

[00:09:58]  oder keine Ahnung, was ist denn dann der komplette Umbruch eben vom anfänglichen Verhalten und

[00:10:04]  oft schwingt dann schon auch auch dieser Hass mit, dass beide sich wehren gegen das irgendwie und

[00:10:09]  dann entsteht da irgendwie so eine Spannung und ich glaub, das ist was ganz viele dann mögen,

[00:10:13]  diese Spannung was da entsteht, genau, aber es wandelt sich einfach im Roman oder im Buch

[00:10:19]  dann komplett um alles. Christina: Also es ist... wird dann entsprechend bei Liebesgeschichten angewandt. Jaqueline: Also ich

[00:10:28]  kenne es von vielen Romanen, aber es ist auch im Fantasy-Bereich sehr beliebt. Und auch im

[00:10:33]  FanFiction-Bereich. Christina: Ja [beide lachen] Okay, verstehe, also ein Beispiel für die "Enemies to Lovers" als

[00:10:43]  für das Trope, wäre die "Twisted"-Reihe von Ana Huang,das haben wir jetzt, die Jacqueline schaut mich

[00:10:50]  fragend an, ich habe es gerade katalogisiert, das bedeutet wir haben es gerad ... wir habens

[00:10:54]  auf Englisch da, wir haben es auch auf Deutsch jetzt, der Rest folgt, in der Bibliothek.

[00:10:59]  Und was wir tatsächlich auch gemacht haben, weil Tropes in dem Sinne, wir verwenden ja auch

[00:11:04]  den Englischsprachigen Begriff, wenn wir früher hätten wir über, also ich glaube,

[00:11:09]  wir hätten als Bibliothekarinnen über Genre gesprochen, wir hätten das gar nicht mehr so

[00:11:14]  genau unterteilt. Das ist aber natürlich für uns als Bibliothekarinnen nützlich, wir haben

[00:11:21]  jetzt auch das Schlagwort erstellt. Jaqueline: Ah wirklich? Christina: Ja. Weil es ein spürbarer Umschwung ist, einfach.

[00:11:31]  Jaqueline: Ja, sehr praktisch bei uns dann. Christina: Ja. Und du merkst dass, die Leute, danach fragen, also natürlich ist es

[00:11:37]  eine gewisse Generation erst, die die einfach in der Lesekultur groß geworden sind, die das kennen,

[00:11:45]  die wissen von Haus aus, was Tropes sind. Ja, und deswegen haben wir das gemacht, weil wenn die

[00:11:51]  Lesegewohnheiten haben sich einfach irgendwo geändert und wenn mich die Leute dann an der

[00:11:56]  Information fragen, "Enemies to Lovers" dann ist es natürlich recht nützlich, wenn du dann einfach

[00:12:00]  Jaqueline: Auf jeden Fall ja. Einfach den Schlagwort eingibst und dann weiß man es. Christina: So wie bei "Archive of our Own" halt. [beide lachen]. Ja, hast du

[00:12:09]  einen, du hast gesagt, du magst es nicht so, das Trope. Jaqueline: Für mich ist es einfach eben oft schlecht

[00:12:17]  ausgeführt, dass eben viele Leute, mir kommt vor viele Autor- und Autorinnen, steigen da irgendwie

[00:12:23]  auf diesen Trend ein und versuchen, dann eben "Enemies to Lovers" zu schaffen, aber für mich ist

[00:12:29]  der Hass dann oft nicht begründet genug, dass man sich dann denkt, die hassen sich und

[00:12:35]  auf einmal lieben sie sich. Diese Verwunderung, was dieses Trope eigentlich braucht. Und

[00:12:40]  dieser Hass ist dann einfach nur manchmal: "Er hat halt einmal nicht in meine Richtung geschaut und

[00:12:43]  jetzt hasse ich ihn." Und das ist für mich ganz oft ganz

[00:12:45]  unbegründet und deswegen kann ich mit dem oft nichts anfangen. Aber dann, also dann lese

[00:12:51]  ich die Bücher da, entweder nicht fertig oder ein Beispiel bei mir ist und das ist eine sehr

[00:12:56]  gehypte Jugendbuchreihe ist "The Cruel Prince" von Holly Black und das haben halt alle geliebt und

[00:13:02]  "Enemies to Lovers", und ich hab das gelesen und ich hab mir gedacht, na, ich weiß, ich seh

[00:13:06]  den Hass nicht. Also ich versteh nicht, wieso sich die jetzt auf einmal hassen, nur weil sie halt

[00:13:09]  gegensätzlich irgendwie ein bisschen sind, aber also das war für mich ganz unbegründet und dann

[00:13:15]  auch weiter in dieser Spannung, war für mich keine Spannung, das war einfach für mich schlecht

[00:13:18]  exekutiert. Christina: Hast du eins, das du besonders gerne magst? Jaqueline: Ja, das ist sogar meine Lieblingsbuchreihe.

[00:13:26]  Deswegen widerspricht sich das eben so, dass ich das Trope nicht mag, aber meine Lieblingsbuchreihe, "Das Reich

[00:13:33]  der Sieben Höfe" oder "A Court of Thorns and Roses" von Sarah J. Maas. Absolute Lieblingsbuchreihe und

[00:13:38]  da ist eben zweimal sogar der "Enemies to Lovers"-Prozess drin in diesen Romanen und der ist

[00:13:44]  halt einfach wirklich so gut gemacht, also sie wollen sich im Anfang wirklich umbringen eigentlich

[00:13:49]  und das ist wirklich auf Sachen begründet und macht einfach Sinn und da hab ich's einfach,

[00:13:54]  da find ich's toll, aber das Buch ist für mich viel mehr als dieses Trope und ich glaube,

[00:13:59]  das ist es auch ein bisschen, dass, es muss für mich ein Plot noch rundherum geben, um dieses

[00:14:05]  "Enemies to Lovers", damit das wirklich ein Buch ist, das ich lesen möchte und nicht nur auf

[00:14:09]  diese Feindschaft basiert ist, so irgendwie. Christina: Ja, bei so reinen Liebesromanen oder ist es ja

[00:14:19]  oft eine Nabelschau und ich kann mir auch vorstellen, dass das dann halt auch irgendwann langweilig wird.

[00:14:23]  Jaqueline: Genau, ja. Wenn es sich so über einen ganzen Roman zieht bin ich so: jetzt kommt's. Seht ihr's ein?

[00:14:28]  Christina: Ja, genau [lacht] Irgendwann kommen sie zusammen, jede Sitcom aller Zeiten.

[00:14:34]  Jaqueline: Jeder weiß es, aber sie wissen's nicht. Christina: Ja, das ist ja wirklich ein uraltes Trope eigentlich,

[00:14:39]  es gibt ja im Fernsehen und so auch schon. Ich finde auch, weil du hast ja gesagt,

[00:14:43]  dass die Bücher, die dir nicht gefallen, da hast du das Gefühl, das würden die Autoren und

[00:14:47]  Autorinnen, wahrscheinlich ehrlich gesagt, sind's mehr Autorinnen und die paar Autoren,

[00:14:53]  machen das irgendwie, damit es halt drin ist. Warum muss es drin sein? Naja, damit die Leute es lesen.

[00:15:06]  Also, erst einmal brauchst du ja einen Verlag, der es herausbringt und dann auch entsprechend

[00:15:11]  bewirbt. Und wenn das jetzt gerade in ist, wie zum Beispiel so ein Trope wie "Enemies to Lovers"

[00:15:15]  gerade auf dem Buchmarkt ist, der neue heiße Kaffee [beide lachen]. Wenn es gerade in ist, dann hast du

[00:15:24]  halt auf einmal, wenn eine Sache funktioniert, dann hast du dann auf einmal diese ganze Trittbrettfahrer:innen,

[00:15:30]  die das einfach so versuchen nachzubilden, als wäre es irgendwie Malen nach Zahlen oder was,

[00:15:34]  wobei es ja um eigentlich viel mehr geht. Also ich glaube, wenn du aus dem Trope heraus schreibst,

[00:15:41]  ich kann mir nicht vorstellen, dass das funktionieren kann und ich glaube, dass man das auch merkt.

[00:15:46]  Jaqueline: Eben, für mich ist dann die Motivation einfach eine falsche. Also wenn man anfängt und man hat keine

[00:15:52]  Idee für ein Buch, sondern man möchte nur ein Trope schreiben und dann kommt mir eben genauso vor,

[00:15:57]  okay, die haben nur die Idee gehabt "Enemies to Lovers", aber da war keine Geschichte,

[00:16:01]  da war kein Plot, da war kein Hintergrund von dieser Story und dann merkt man das einfach.

[00:16:06]  Christina: Ja. Jaqueline: Ich meine, es ist ja auch kein neues Phänomen, das hat es ja, keine Ahnung, 2008, die Vampir-Hochphase,

[00:16:12]  da haben dann auch auf einmal alle Vampir-Romane rausgebracht, also das hat es ja schon immer

[00:16:17]  gegeben, aber jetzt ist es eben nicht mehr nur ... Weil ich finde Vampir ist jetzt ein weiteres Trope,

[00:16:22]  also das kann man viel weiter aufbauen und die Welten viel weiter gestalten und "Enemies to Lovers" ist

[00:16:26]  dann glaube ich das Problem, dass das zu eng ist, also dass es wirklich nur dieses eine Trope ist

[00:16:32]  und auf dem kann man halt keinen ganzen Roman aufbauen, oder sollte man nicht.

[00:16:35]  Christina: Also es ist ja auf jeden Fall auch Ausdruck des heutigen Buchmarkts, dass man sich auch so,

[00:16:41]  die werden ja teilweise auch so vermarktet inzwischen, da werden ehemalige Geschichten von

[00:16:46]  Wattpad [E-Book Plattform für Autor:innen] so ein bisschen umgeschrieben oder auch einfach grundsätzlich Romane verfasst mit dem

[00:16:55]  Hintergedanken, das wird sich auf dem Markt gut verkaufen. Aber wie du, was du gesagt hast,

[00:17:02]  mit dass das "Enemies to Lovers" oder Tropes ist ja sehr, ist so eng und das empfinde ich auch so und

[00:17:09]  da habe ich oft den Eindruck, dass in "Bubbles" [engl. Blasen], wie Booktok eine sein kann, [schmunzelnd] Algorithmus lässt

[00:17:17]  grüßen, dass man da oft in einer Lesegewohnheits-Bubble bleibt, weil wenn man sich nur noch auf

[00:17:26]  diese super kleinen Detail-Feinheiten eines Buches konzentriert, weil man sagt, das ist das,

[00:17:34]  was mir das letzte mal gefallen hat, also muss es mir die nächsten zehn Male auch gefallen,

[00:17:38]  fasst man sich die eigene Lesewelt so eng. Ist das auch dein Eindruck? Jaqueline: Auf jeden Fall.

[00:17:45]  Aber ich merke es ja bei mir selbst eben auch, wenn man halt merkt, okay, keine Ahnung ... "Chosen Families" zum Beispiel,

[00:17:51]  finde ich ganz toll, finde ich ganz nett, wenn das passiert, unterstütze ich immer, finde ich

[00:17:55]  immer gut gemacht und wenn dann ein Buch sagt, ja also wenn jemand dann über ein Buch sagt,

[00:18:00]  dass dieses Buch hat dann eben diesen Trope, dann bin ich viel eher bereit, es eben zu lesen,

[00:18:05]  dann bin ich okay, das hat mir gefallen. Und ich glaube, dass dann viele obsessiver damit umgehen

[00:18:11]  und halt dann wirklich nur noch ihre zwei, drei Tropes haben und diese lesen wollen und dann

[00:18:15]  alles in diesem Trope, in dieser Bubble, wie du gesagt hast, dann eben verschlingen, so irgendwie,

[00:18:21]  worunter ganz viele Bücher dann leiden, weil irgendwann wird's dann halt langweilig. Christina: Und es ist auch so

[00:18:27]  ein "Convenience-Culture" [engl. Zweckmäßige Kultur], finde ich, so ein zufüttern von Stoff. Ich will gar nicht Literatur sagen,

[00:18:35]  weil es irgendwie, das ist ja was bei FanFiction sinnhaft ist, weil der Pool so groß ist und weil

[00:18:41]  deine Zeit so begrenzt ist und weil du das meistens liest, weil du was spezielles, weil dich was

[00:18:45]  spezielles gestört hat an einer Serie oder an einem Buch oder was auch immer, dann greift man dazu und

[00:18:51]  da macht es Sinn. In der Literatur habe ich dann oft das Gefühl, natürlich braucht der Buchmarkt

[00:18:58]  Einteilungen, aber wenn ... und als Leser ist es ja gut zu wissen, was man mag, aber je kleinteiliger

[00:19:06]  die Einteilungen, so zum Beispiel früher war es, also man hat dann gesagt, okay, es gibt die, es gibt

[00:19:12]  grobe Genre Spannungsliteratur, du weißt es, du hast auch Literatur studiert und dann gibt es

[00:19:18]  die kleineren Genres, das wären dann zum Beispiel Krimi und Thriller und ich persönlich bin ja

[00:19:26]  sehr verhaftet in diesem Genre und weiß deswegen, und das kleinere, die nächste kleinere

[00:19:34]  Einheit ist dann irgendwie "Dark Academia" und das ist schon wieder so, dann habe ich versucht,

[00:19:39]  ein paar "Dark Academia"-Bücher zu lesen und dann habe ich gemerkt, eigentlich,

[00:19:43]  keins davon hat mich so mitgerissen als das Originalbuch, "Die geheime Geschichte", weil das

[00:19:51]  eigentlich nie Genre war. Das war einfach das, was es war und fertig und wenn ich das nochmal will,

[00:19:58]  dann muss ich es halt nochmal lesen und andere Bücher, die gar nicht "Dark Academia" sind, haben

[00:20:03]  dann aber unerwartet einen komplett ähnlichen Vibe in mir erzeugt und wo ich mir dann gedacht habe, ach, das ist das,

[00:20:09]  was ich wollte von diesen Büchern. Aber wenn ich die ganze Zeit nur geschaut hätte, ich will

[00:20:14]  jetzt "Dark Academia" lesen, als nächstes wäre ich auf das nie gekommen. Jaqueline: Also ich glaube auf jeden

[00:20:19]  Fall, dass es ein großes Problem ist, dass man sich zu sehr auf diese Tropes konzentriert und

[00:20:23]  generell auf Social Media die Leute gar nicht mehr die Buch, also die hinten am Buchrücken,

[00:20:29]  wie heißt das? Christina: Auf Englisch sagt man "Blurb". Jaqueline: Ja, die Klappentexte oder so. Christina: Ja, die Klappentexte [beide lachen].

[00:20:36]  Jaqueline: Ja. Das Problem sind die Leute, die lesen die Klappentexte gar nicht mehr oder so, was sie konzentrieren sich so auf

[00:20:42]  die Empfehlungen von Leuten online oder auf die Tropes, dass sie nur hören, der und der Titel

[00:20:47]  hat den und den Trope und dann lesen sie es und dann sagen sie, das hat mir gar nicht gefallen,

[00:20:51]  weil das und das, war halt schlecht gemacht oder irgendwas, weil sie gar nicht mehr für sich

[00:20:55]  schauen, gefällt mir das Buch, interessiert mich die Geschichte, das merke ich total oft bei Leuten

[00:21:00]  online und eben ich denke mal auch, man muss manchmal auch ein bisschen ohne Vorurteile in

[00:21:06]  ein Buch eintauchen, weil dann überrascht es einen vielleicht und das ist schon was Tropes eben für

[00:21:11]  mich dann oft wegnehmen oder stören oder wieso ich Tropes nicht mag, ist der Grund, dass sie eben

[00:21:17]  so viel vorweg nehmen eben. Weil wenn ich von Anfang an eben weiß, okay, die "Enemies" werden

[00:21:22]  zu "Lovern", dann fällt dir die ganze Spannung eben weg, also das ist dann das oft was mich dann oft

[00:21:27]  stört oder in "Arranged Marriages" oder sowas, das endet auch immer gleich oder sowas und das

[00:21:33]  sind dann oft, wenn ich mir denke, dann nimmt das sehr viel für mich weg von meinem Leseerlebnis, weil

[00:21:38]  ich mir dann gar nichts mehr, also es ist keine Spannung mehr da, weil ich schon genau weiß,

[00:21:42]  was passiert durch die Tropes, also das war jetzt manchmal gut, aber oft schlecht eben. Christina: Du hast den

[00:21:47]  Spoiler schon im Marketing, so wie es oft bei Filmtrailern ist, Hauptsache die Leute schalten

[00:21:53]  ein, aber es ist halt ja Aufmerksamkeitsökonomie, es ist halt schwierig inzwischen, schwierig inzwischen

[00:21:59]  die Leute dazu zu bringen, dass sie... Jaqueline: Auf jeden Fall ja. Christina: Um das mit einer positiven Note abzuschließen,

[00:22:06]  weil ich glaube, wir haben jetzt viele Facetten davon auch besprochen, was schon aber zu sagen ist,

[00:22:13]  und das merke ich am ganzen Booktok-Trend, die Leute lesen extrem viel, also konsumieren schon

[00:22:20]  sehr viele Bücher und machen im Grunde ein Refresh [engl. Neustart] für den gesamten Buchmarkt. Jaqueline: Ja! Christina: Das merkst du

[00:22:29]  einfach und das ist cool. Jaqueline: Ich finde die Booktok- oder Bookstagram-Community,

[00:22:34]  je nachdem, welche Plattform es ist, eigentlich nicht wirklich eng, also man muss halt selber schauen,

[00:22:40]  was ist meine Bubble und wo bewege ich mich, aber man findet, also wenn man sich eine halbe Stunde

[00:22:45]  hinsetzt, findet man glaube ich hunderttausende verschiedene Bookstagrammer:innen und die andere,

[00:22:51]  alle unterschiedlichen Kontext bieten und das ist aber eben so vielseitig, finde ich teilweise,

[00:22:56]  und ich habe halt so drei, vier, denen ich halt folge und die lesen aber auch sehr breit gefächert,

[00:23:01]  was auch ich eben, ich les auch eigentlich alles, außer Thriller und Horror [beide lachen] da kriege ich immer Angst,

[00:23:07]  aber sonst les ich eben alles und wenn die dann auch alles lesen, dann ist das, bleibt das irgendwie ein breites Spektrum

[00:23:13]  und ich bin total gerne in der Community, ich finde es gibt total viel her und eben wie du sagst,

[00:23:18]  es bringt so viele junge Leute einfach wieder zum Lesen, die sonst keinen Kontakt mit dem haben

[00:23:23]  und auch, das ist jetzt ein bisschen egoistisch, aber ich finde es auch toll, dass die Bücher jetzt

[00:23:28]  wieder hübscher werden, weil sie jetzt online neu präsentiert werden, da ist viel mehr Wert und wie,

[00:23:32]  okay wie vermarktet man ein Buch, wie gestaltet man das Buch und ich finde, die Community eigentlich toll,

[00:23:39]  also... Aber vielleicht bin ich da in meinem... Christina: Das glaube ich nicht [beide lachen] Jaquline: In meiner Bubble.

[00:23:46]  Christina: Es ist bestimmt auch toll, also das glaube ich schon und inspirierend.

[00:23:50]  Jaqueline: Ja. Christina: Die Leute... Das ist auch schön, wenn man mit den gleichen Leuten, die das, also die gleichen Leute

[00:23:57]  mit denen man Hobbys teilt, auch im Kontakt sein kann, sich so gegenseitig inspirieren und das ist

[00:24:02]  eigentlich das, wofür Social Media mal gedacht war, also eigentlich voll schön.

[00:24:06]  Also mit dem Wort zum Sonntag würde ich sagen, schließen wir die Folge für heute ab.

[00:24:10]  Vielen Dank, dass du heute da warst.

[00:24:12] Jaqueline: Ja danke auch, es war sehr schön.

[00:24:14] Christina: Ja, fand ich auch, sehr kurzweilig. Es gibt ja noch sehr, sehr viele Tropes,

[00:24:18]  also vielleicht können wir das ja in der Zukunft noch einmal wiederholen, wenn du möchtest. Jaqueline : Ja, gerne.

[00:24:22] Christina: Dann, wir verabschieden uns von euch, aber nicht ohne die Frage: Was ist denn euer Lieblingsbuch

[00:24:29]  in dem Trope "Enemies to Lovers"?

[00:24:32]  Schreibt uns das doch einfach auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at

[00:24:38]  oder auf Instagram unter dem Handle "stadtbibliothek.innsbruck" oder auf Facebook,

[00:24:46]  wobei ich mich bei der Tropes-Folge gar nicht traue zu erwähnen... Dass [unverständlich][lachend]

[00:24:51]  Ihr könnt uns aber auf Facebook schreiben, so richtig oldschool.

[00:24:54]  Ja, danke fürs Zuhören und wir wünschen euch noch ein schönes Lesen.

[00:24:58]  Tschüss.

[00:24:59]  [Outro-Musik]

[00:25:23] [Weibliche Stimme] Das Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen,

[00:25:28]  dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Literarische Entstehungsgeschichten (William Burroughs vs. Anne Perry)

Literarische Entstehungsgeschichten (William Burroughs vs. Anne Perry)

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Intro-Musik]

[00:00:14]  Christina: Ja, hallo und willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:20]  Mein Name ist Christina.

[00:00:22]  Pia: Und ich bin die Pia.

[00:00:24]  Christina: Und wir möchten euch herzlich zu dieser Folge begrüßen.

[00:00:27]  Heute starten wir die Folge ein bisschen anders.

[00:00:30]  Dazu muss ich was erklären, nämlich könnt ihr ja über den Hashtag "gemeinsam besser" auf Instagram,

[00:00:37]  beispielsweise unter dem Händel Stadtbibliothek.Innsbruck

[00:00:43]  euch in den Bibliotheksalltag mit einbringen, bisschen "bibliotheken" sozusagen,

[00:00:49]  sodass wir gemeinsam mit euch die Stadtbibliothek eurer Wünsche gestalten können.

[00:00:55]  Jetzt haben wir schon Anfang des Jahres einen Themenwunsch erhalten.

[00:01:01]  Und genau um den geht es in der heutigen Folge.

[00:01:05]  Nämlich das Thema war faszinierende oder lustige Entstehungsgeschichten von Büchern.

[00:01:12]  Denn bevor das eigentliche Buch auf den Markt kommt und dann bei uns in den Regalen landet

[00:01:19]  oder auch bei euch daheim in den Regalen, steckt ja oft eine jahrelange Entstehungsgeschichte dahinter.

[00:01:27]  Und die kann dann manchmal vielleicht bizarr sein, manchmal komisch und manchmal vielleicht einfach nur ein bisschen verwunderlich.

[00:01:33]  Und wir möchten in dieser Folge zwei dieser Entstehungsgeschichten miteinander und mit euch teilen.

[00:01:43]  Und da haben Pia und ich und zwar unabhängig voneinander eine Entstehungsgeschichte für einen Roman oder ein Buch oder ein Werk vorbereitet.

[00:01:53]  Wir wissen es halt einfach nicht so genau.

[00:01:56]  Und wir werden sie uns gegenseitig erzählen und sind schon sehr gespannt,

[00:02:01]  was wir da jeweils die andere sich hat einfallen lassen.

[00:02:06]  Ich muss sagen, also ich freue mich schon die ganze Zeit auf die Folge.

[00:02:10]  Ich habe etwas richtig Schnulziges aufgeschrieben [lacht]

[00:02:13]  "Zieht euch die Schwimmflügerl an und lasst uns in den Literaturbetrieb eintauchen." [beide lachen]

[00:02:21]  Pia: Okay.

[00:02:22]  Christina: Eintauchen [lacht]

[00:02:23]  Pia: [lachend] Eintauchen.

[00:02:24]  Geht es bei dir im schwimmen? [lacht]

[00:02:27]  Christina: Überhaupt nicht eigentlich.

[00:02:28]  Na, bei dir? [lacht]

[00:02:29]  Pia: Nein, auch nicht [lachen]

[00:02:30]  Christina: Was für ein Vergleich.

[00:02:32]  Okay. [beide lachen]

[00:02:34]  Christina: Ja, wir haben wirklich eine äußerste Geheimhaltung betrieben, gell?

[00:02:37]  Pia: Also ich glaube du weißt, das Geschlecht [lacht]

[00:02:40]  meiner Autorin. Christina: Da hast dich verredet. Pia: [lacht] Da hab ich mich irgendwie verredet, aber sonst bin ich gar nicht.

[00:02:45]  Christina: Ich kann dir nicht sagen, was für ein Autorin ich habe oder Autor [beide lachen]

[00:02:50]  Genau, nein ich weiß gar nichts und du hast du was Spitz gekriegt?

[00:02:53]  Pia: Nein, überhaupt nicht.

[00:02:55]  Ja, Christina, dann legen wir mal los.

[00:02:58]  Fängst du am besten mit deiner Geschichte mal an.

[00:03:00]  Christina: Okay, los geht's.

[00:03:02]  Okay, ich habe mitgebracht, Trommel Wirbel, die Geschichte von William S. Burroughs.

[00:03:07]  Roman "Naked Lunch".

[00:03:10]  Kennst du den? Pia: Mm.

[00:03:11]  Christina: Kennst du Burroughs? Pia: Mm.

[00:03:13]  Christina: Ah okay, dann bist du "in for a treat" [engl. für das wird dir sehr gefallen] [beide lachen]

[00:03:15]  Pia: [lachend] Dann wird es jetzt interessant.

[00:03:17]  Christina: Das ist ein Werk der sogenannten "Beat Generation".

[00:03:21]  Dieses Werk haben dann auch viele als unlesbar oder gar obszön empfunden.

[00:03:27]  Und die Entstehungsgeschichte ist parallel dazu,

[00:03:31]  genauso chaotisch und faszinierend wie de Roman selber.

[00:03:35]  Bevor wir loslegen, die "Beat Generation" ist eine literarische und künstlerische Bewegung.

[00:03:42]  Und zwar das Nachkriegsamerikas der 40er und 50er Jahre.

[00:03:46]  Zu den wichtigsten Vertretern zählen neben Burroughs, Jack Kerouac,

[00:03:50]  den man kennt von "On the Road",

[00:03:53]  das er 1957 veröffentlicht hat.

[00:03:56]  Und Allen Ginsburg mit seinem epischen Gedicht "Howl" vor allen Dingen.

[00:04:01]  Das hat er 1956 erst veröffentlicht.

[00:04:05]  Und zwar diese sogenannten "Beats" oder "Beatniks"

[00:04:09]  lehnten die konservativen Werte und die materialistische Kultur der Nachkriegszeit in Amerika ab.

[00:04:16]  Das war also eine Gegenbewegung.

[00:04:18]  Und sie strebten dann nach einem alternativen Lebensstil,

[00:04:22]  der Freiheit persönlicher Authentizität und einer Abkehr von den gesellschaftlichen Normen betonte.

[00:04:29]  Weitere Motive in den Werken,

[00:04:32]  die man unter anderem auch in "Naked Lunch" findet,

[00:04:34]  sind zum Beispiel Spiritualität.

[00:04:37]  Besonders die östlichen Religionen, Buddhismus hat eine große Rolle gespielt.

[00:04:41]  Drogen und Bewusstseinserweiterung,

[00:04:43]  [schmunzelnd] das ist eins der Themen, die in "Naked Lunch" eine große Rolle spielt.

[00:04:46]  Sexuelle Freiheit, Reisen und Bewegung,

[00:04:49]  urbanes, aber auch ländliches Amerika und die existenzielle Suche und Sinnfindung.

[00:04:54]  Also es geht um radikale Ablehnung des "Mainstreams" [engl. für breite Masse der Gesellschaft] und der Mainstreamkultur.

[00:04:59]  Neue Wege finden für, wie drückt man sich aus und welche Erfahrungen hat man im Leben.

[00:05:05]  Und unsere Geschichte beginnt in den 1950er Jahren einer Zeit,

[00:05:11]  wie Burroughs als eine persönliche... in der Boroughs eine persönliche und kreative Krise erlebte.

[00:05:17]  Und zwar nachdem er bereits als Schriftsteller und Drogensüchtiger bekannt war,

[00:05:22]  entschloss er sich nach Tanger, Marokko zu ziehen.

[00:05:25]  Tanger ist bekannt für seine liberale Drogenpolitik.

[00:05:29]  Und seine exotische Atmosphäre.

[00:05:32]  Und wurde deshalb zum Zufluchtsort für viele Künstler und Schriftsteller.

[00:05:37]  Burroughs hat das für sich genutzt oder zu Nutzen gewusst

[00:05:43]  und ist da tief in die Drogenszene eingetaucht

[00:05:46]  und hat dann begonnen an seinem bisher ambitioniertesten Werk zu arbeiten,

[00:05:51]  nämlich "Naked lunch".

[00:05:53]  Er war, während er das Buch geschrieben hat,

[00:05:56]  unter dem ständigen Einfluss von Heroin.

[00:05:58]  Pia: [lachend] Okay.

[00:06:00]  Christina: Seine Sucht und die psychedelischen Erfahrungen

[00:06:03]  haben den Schreibprozess entsprechend erheblich beeinflusst.

[00:06:07]  Der Roman sollte nicht linear sein,

[00:06:10]  sondern die zerstückelten fragmentarischen Gedanken

[00:06:13]  und Visionen eines drogensüchtigen Widerspiegeln.

[00:06:16]  Und das ist dem Roman auch sehr gut gelungen [schmunzelnd]

[00:06:18]  Burroughs experimentiere mit der sogenannten "Cut-Up"-Methode,

[00:06:22]  bei der er Texte zerschnitt und sie neu zusammenfügte.

[00:06:26]  Diese Technik, die er gemeinsam mit dem Künstler Brian Geisssen

[00:06:31]  entwickelte für die "Naked Lunch" diesen sehr einzigartigen

[00:06:35]  und an gewissen kaleidoskopischen Stil.

[00:06:38]  Das ein Buch wie ein Kaleidoskop.

[00:06:40]  Das war aber nicht einfach für ihn, in dem Zustand zu arbeiten.

[00:06:44]  Er war in Tanger ständig auf der Flucht vor der Polizei

[00:06:49]  und der Grund war, weil er immer wieder in Drogendelikte verwickelt war.

[00:06:53]  Deswegen musste er sich sehr oft in übelst schäbigsten Hotelzimmern

[00:06:58]  verstecken.

[00:06:59]  Und da hat er dann in fiebrigen, Drogen berauschten Sitzungen geschrieben.

[00:07:06]  Und das merkte man auch an dem Ton des Romanes,

[00:07:10]  der ist nämlich sehr paranoid und oft surreal [unwirklich].

[00:07:12]  Plot sucht man vergeblich. Pia: [lacht]

[00:07:13]  Christina: Ein entscheidender Wendepunkt war dann in der Entstehungsgeschichte,

[00:07:18]  dass er ins Beat-Hotel in Paris gezogen ist.

[00:07:23]  Das ist ein sogenanntes Beat-Hotel.

[00:07:25]  Denn hier trafen die Größen der Beat-Generation aufeinander.

[00:07:29]  Also da hat er Allen Ginsberg getroffen und Gregory Corso,

[00:07:32]  den wir jetzt noch nicht erwähnt hatten.

[00:07:34]  Und in dieser kreativen Gemeinschaft fand Burroughs dann die Unterstützung

[00:07:38]  und die Anregung, die er gebraucht hat, um sein Werk zu vollenden.

[00:07:42]  Ginsberg war dann derjenige, der ihm half das sehr chaotische Manuskript zu strukturieren

[00:07:50]  und es für die Veröffentlichung vorzubereiten.

[00:07:52]  Das wurde das dann... veröffentlicht, wurde es dann schlussendlich 1959.

[00:07:57]  Hat sofort, ich mein wir reden Nachkriegsamerika, Kernfamilie,

[00:08:04]  Mama, Papa, Kind, Weißer Garten, Golden Retriever.

[00:08:08]  Pia: Das Klischee schlecht hin.

[00:08:09]  Christina: Trad Wives [engl. für traditionelle Ehefrau].

[00:08:10]  Das was Trad Wives heute auf Instagram eh, auf TikTok spielen. Pia: Sein möchten [lacht].

[00:08:15]  Christina: In den USA und in Großbritannien wurde das Buch

[00:08:18]  wegen des expliziten Inhalts und der Darstellung vom Drogenkonsum zensiert.

[00:08:22]  Aber trotzdem, oder, ist ja oft so gerade deswegen,

[00:08:28]  dieser ganzen Skandal entwickelte sich "Naked Lunch" zu einem Kultklassiker.

[00:08:32]  Wenn Kult davor steht, dann weiß du [schmunzelnd] das ist irgendwie so,

[00:08:36]  hat was mit Drogen [Pia lacht im Hintergrund] und Pornographie und so zu tun.

[00:08:39]  So wie "Der blutige Pfad Gottes" 1 und 2 [beide lachen].

[00:08:42]  [lachend] So ein schlechter Film [beide lachen].

[00:08:45]  Es wurde zum Symbol für die nonkonformistische Haltung der "Beat Generation"

[00:08:50]  und ihre radikale Ablehnung gesellschaftlicher Normen.

[00:08:53]  Für Burroughs selbst war das Buch wie eine Art Exorzismus.

[00:08:57]  Er konnte so ein bisschen mit seinen Dämonen ringen.

[00:09:00]  Das hat er so gesehen.

[00:09:03]  Und aber auch Erfahrungen der Sucht und der Paranoia, die er erlebt hat.

[00:09:08]  Er hatte ja im Endeffekt eine sehr schwere Suchtkrankheit.

[00:09:12]  Wir wollen das hier jetzt ja nicht romantisieren.

[00:09:14]  Er konnte damit verarbeiten in gewisser Weise.

[00:09:17]  Es spiegelt sich auch im Roman wieder, wie zerrissen die Psyche vom Autor ist.

[00:09:22]  Und zieht den Leser und die Leserin, und das ist das faszinierende, in einer Welt,

[00:09:27]  in der die Grenzen zwischen Realität und Halluzination verschwimmen.

[00:09:31]  Heute gilt "Naked Lunch" Meisterwerk der modernen Literatur.

[00:09:35]  Pia: Ist ja oft so, dass Sachen, die verboten sind,

[00:09:37]  Teil von Literatur werden und das gerade so spannend macht, wenn es verboten ist.

[00:09:41]  Ich denke gerade an "Lady Chatterley's Lover", wo ja diese Sexszenen so außergewöhnlich

[00:09:45]  für die damalige Zeit waren und das so verboten und verpönt war.

[00:09:50]  Und dann ist es ein Bestseller geworden, oder so.

[00:09:53]  Christina: Weil es vielleicht auch so was Kollektives ausspricht,

[00:09:57]  was man zu der Zeit nicht aussprechen darf.

[00:10:01]  Pia: Dann kommt man irgendwie um diese Regel herum.

[00:10:03]  Christina: Ja, und das ist ja interessant an der Literatur.

[00:10:09]  Geschichte, dass man sieht, wogegen rebellieren.

[00:10:17]  Pia: Wo sind die Grenzen?

[00:10:18]  Christina: Genau. Und welche Grenzen werden überschritten?

[00:10:21]  Und sind es Grenzen, die wir im Jahr 2024 noch teilen?

[00:10:24]  Oder weil sich ja auch, Werte verschieben und verändern.

[00:10:29]  Und der Soziale Diskurs anders wird und so.

[00:10:33]  Und deswegen gilt "Naked Lunch" als Vorfahr oder hat sehr zu Entwicklung

[00:10:39]  von postmoderner Literatur beigetragen.

[00:10:42]  Besonders diese "Cut-up"-Technik eben, aber auch die Art,

[00:10:46]  wie er so schonungslos auf die menschliche Existenz geschaut hat.

[00:10:50]  Und entsprechend wurde "Naked Lunch" dann trotz seiner unglaublich steinigen Geschichte

[00:11:00]  zu einem unverzichtbaren Bestandteil der literarischen Geschichte.

[00:11:04]  Ich habe versucht es zu lesen.

[00:11:09]  Ich bin glaube ich auf Seite 30 bisher [beide lachen]

[00:11:12]  Ich habe jetzt mal eine 10-jährige Pause gemacht. Pia: [lachend] Aber worum... Aber worum geht's?

[00:11:14]  Pia: Also von der Story her.

[00:11:17]  Christina: Gut dass du fragst. [beide lachen]

[00:11:20]  Pia: Weil ich kann mir da jetzt nicht wirklich was darunter vorstellen mit Kaleidoskop.

[00:11:23]  Ich mein, vom System her verstehe ich's, aber ich denke mir,

[00:11:26]  okay, was genau lies ich dann, wenn ich das Buch les?

[00:11:29]  Christina: Genau. Der Titel sagt ja auch irgendwie nichts. Pia: Nein, eben.

[00:11:33]  Christina: Und zwar folgt das Buch dem Protagonisten namens William Lee

[00:11:37]  und der ist im Endeffekt nicht mehr als eine fiktive Version...

[00:11:41]  Der ist im Endeffekt so etwas wie eine fiktive Version von Burroughs.

[00:11:45]  Und dieser William Lee, der Protagonist, ist auf der Reise durch verschiedene

[00:11:50]  dystopische und surrealistische Orte.

[00:11:53]  Lee ist auch ein Junkie und flieht vor der Polizei

[00:11:57]  und begegnet einer Vielzahl von bizzaren Figuren und Szenarien.

[00:12:04]  Der Roman beginnt in den Straßen von New York City,

[00:12:08]  führt dann in die

[00:12:10]  fiktive Interzone oder das ist eine Stadt, die irgendwie so eine Mischung darstellt,

[00:12:15]  aus Tanger, New York und anderen Städten.

[00:12:18]  Die Handlung ist auch sehr episodisch, sehr sprunghaft wegen dieser "Cut-up"-Technik.

[00:12:24]  Das gibt... vermittelt den Eindruck,

[00:12:28]  oder das gibt diesen chaotischen und halluzinatorischen Zustand

[00:12:34]  von dem Protagonisten dann entsprechend wieder und spiegelt das wieder.

[00:12:38]  Die Themen sind Drogenabhängigkeit, sexuelle Perversion, Kontrolle und Freiheit.

[00:12:43]  Es ist also nicht, wie gesagt, insofern so ein Plot,

[00:12:50]  sondern es macht sich eher an den Themen fest und an der,

[00:12:54]  wie so oft in postmoderner Literatur typisch ist,

[00:12:58]  an dem Spiel mit der literarischen Form und letztendlich mit der Leser-Erfahrung,

[00:13:04]  die da auf den Kopf gestellt wird.

[00:13:05]  Also es ist nicht die 0815-Genre Literatur, die ist...

[00:13:08]  Pia: Mit Anfang, Mittelpunkt, Höhepunkt, Ende, also...

[00:13:11]  Christina: Genau, es ist ein Erfahrung, das zu lesen und auf jeden Fall.

[00:13:17]  Und das, was super wert ist, gelesen zu werden,

[00:13:23]  wenn man sich für literarische Spielarten interessiert.

[00:13:27]  Wobei, wie gesagt, ich habe es ja nicht wirklich gelesen noch, ich plans fest.

[00:13:33]  Aber das stelle ich mir schon sehr herausfordernd vor, auch von den Thematiken her.

[00:13:40]  Ja, und das war meine Geschichte.

[00:13:43]  Pia: Haben wir es in der Bib eigentlich?

[00:13:45]  Christina: So weit ich weiß, ja [beide lachen].

[00:13:47]  Pia: Achso, okay [beide lachen].

[00:13:49]  Christina: Das war meine Geschichte. Wie fandest du meine Geschichte?

[00:13:52]  Pia: Ich fand es interessant.

[00:13:54]  Sicher was anderes, nicht die typische Autorengeschichte, die man sonst kennt [lacht].

[00:13:58]  Ich weiß nicht. Ich denke da immer an J.K Rowling, die beschrieben hat, wie sie die Idee für Harry Potter im Zug gehabt hat.

[00:14:05]  Das es so irgendwie so, ja es passiert irgendwas, man erlebt irgendwas.

[00:14:08]  Und dann denkt man sich, ja da schreibe ich jetzt was drüber.

[00:14:10]  Das ist sicher ein anderer [lachend] Zugang.

[00:14:12]  Christina: Ja, das war auch ein ganz intentioneller künstlerischer Ausdruck.

[00:14:17]  Also, die haben gesucht nach einem Ausdruck, die wollten das... Pia: Nach anderen Erfahrungen. Christina: ...in die Welt bringen.

[00:14:25]  Übrigens, bevor wir jetzt zu deinem Part gleich übergehen, kann ich den Film "Kill Your Darlings" sehr empfehlen.

[00:14:34]  Ich habe jetzt nicht nachgeschaut von wann der ist, der ist jetzt aber auch schon ein bisschen älter.

[00:14:38]  Das war kurz nach dem Harry Potter vorbei war, da hat Daniel Radcliff den Film gedreht.

[00:14:43]  Glaube ich, so um den Dreh, jedenfalls spielt Daniel Radcliff mit.

[00:14:47]  Und da geht es um die "Beat Generation".

[00:14:48]  Daniel Radcliff spielt.

[00:14:49]  Pia und Christina: Allen Ginsburg.

[00:14:51]  Christina: Genau. Und William Burroughs kommt auch vor und der "Wilhelm Tell Apfel", um zu wissen, was ich damit meine, einfach mal schauen.

[00:14:59]  Und das ist ein sehr romantisierter Film natürlich.

[00:15:04]  Aber es ist... Aber wer Literaturfilme mag oder Filme über Literatur, wird

[00:15:10]  "Kill Your Darlings" entweder schon kennen oder lieben lernen.

[00:15:13]  Okay, Pia, jetzt bin ich total gespannt, was hast denn du mitgebracht?

[00:15:18]  Pia: Also ich habe eigentlich keine Entstehungsgeschichte von nur einem Buch, sondern im Grunde ein ganzes Oeuvre ein ganzes Gesamtwerk.

[00:15:27]  Christina: Ahh, du hast wieder die extra Arbeit gemacht, das ist so typisch [lacht].

[00:15:31]  Pia: Na ja, von einer Autorin.

[00:15:34]  Und jetzt würde mich interessieren, weil du magst Krimis, Thriller und Horror gern.

[00:15:38]  Christina: Agata Christi.

[00:15:39]  Pia:  [lachend] Nein. Christina: Jane Austen.

[00:15:41]  Pia: [lachend] Jane Austen?

[00:15:42]  Christina: [unverständlicht]

[00:15:43]  Pia: Genau [lacht].

[00:15:44]  Nein, mich würde interessieren, ob du sie kennst, Anne Perry?

[00:15:48]  Christina: Ja, ist das... Ist die aus der UK?

[00:15:53]  Pia: Ja.

[00:15:55]  Christina: Mir sagt der Name was.

[00:15:56]  Pia: Dir sagt der Name was?

[00:15:57]  Wir haben sie auch im Bestand, also ich habe auch nachgeschaut, wir haben sie

[00:16:00]  im Bestand.

[00:16:01]  Christina: Gelesen glaube ich habe ich noch nix von ihr. Jetzt bin ich gespannt.

[00:16:03]  Pia: Okay.

[00:16:04]  Also, Anne Perry ist eine englische Schriftstellerin, war eine englische Schriftstellerin, 1938 geboren, letztes Jahr,

[00:16:13]  2023 verstorben, sie ist bekannt durch ihre Krimireihen, wie ich schon gesagt hab.

[00:16:18]  Vor allem ihre historischen Krimis, die im viktorianischen England spielen.

[00:16:23]  Christina: Deswegen kenn ich sie nicht. [beide lachen]

[00:16:25]  Pia: [lachend] Kein Fan von historischen Krimis.

[00:16:29]  Sie hat über 120 Bücher verfasst, über 26 Millionen Exemplare wurden Weltweit verkauft

[00:16:36]  und ihre Bücher landeten regelmäßig auf der New York Times Bestsellerliste.

[00:16:40]  Also, sehr erfolgreich kann man sagen.

[00:16:43]  Die meisten Bücher von ihr befassen sich mit Fragen von Moral, Sünde, Reue und Vergebung.

[00:16:50]  Und das wird danach noch wichtig [beide lachen]

[00:16:52]  Das war eigentlich...

[00:16:54]  Christina: Oh mein Gott, hat sie jemanden umgebracht [beide lachen]

[00:16:56]  Pia: [lachend] Die Christina ist in meiner Geschichte schon Meilen voraus.

[00:16:59]  Christina: [lachend] Hab ich's gespoilert?

[00:17:00]  [unverständlich] [beide lachen]

[00:17:02]  Ich glaube, ich weiß wer das... nein wart.

[00:17:05]  Ist das die mit der Kindheitsfreundin?

[00:17:07]  Pia: Ja, genau.

[00:17:08]  Christina: Nein! Das ist eine sehr coole Geschichte.

[00:17:11]  Leute ihr seid "In for a treat", das ist eine meiner liebsten "True crime" literarischen Geschichten überhaupt.

[00:17:18]  Pia, take it away [beide lachen]

[00:17:20]  Pia: Also, wir wissen das jetzt ja noch nicht.

[00:17:23]  Das war alles, was die Öffentlichkeit zu dem Zeitpunkt von ihr wusste.

[00:17:27]  Das hat sich alles 1994 geändert.

[00:17:30]  Da kommt nämlich der Film "Heavenly Creatures", heißt auf Deutsch übrigens auch so.

[00:17:36]  Und ist auch Filmfilm verfügbar. Hab ich

[00:17:38]  nachgeschaut. Also bei uns gibt es ein Streamingdienst.

[00:17:40]  Das heißt, wenn man Mitglied bei uns in der Bücherei ist, kann man diesen Film online bei unserer Website streamen.

[00:17:45]  Regie führte Peter Jackson.

[00:17:48]  Und der Film handelt von einer intensiven Freundschaft zwischen zwei Teenagermädchen in den 50er Jahren in Neuseeland.

[00:17:55]  Die Freundschaft endet in einer Tragödie, als sie gemeinsam den Mord an der Mutter einer der beiden planen und ausführen.

[00:18:02] Jetzt denkt ihr, okay, was hat das jetzt mit unserer Autorin zu tun?

[00:18:06]  Der Film basiert nämlich auf wahren Begebenheiten.

[00:18:09]  Die beiden Teenager sind real und mussten anschließend eine fünfjährige Freiheitsstrafe verbüßen.

[00:18:17]  Aber keiner wusste wer die sind.

[00:18:19]  In Zuge dieses Films, wo der dann rausgekommen ist, hat die Presse recherchiert und dann rausgefunden,

[00:18:26]  dass eine der beiden Mörderinnen Anne Perry, unsere Autorin ist.

[00:18:31]  Christina: Das ist schon krass! Pia: Mhm.

[00:18:33]  Sie hat damals mit 15, gemeinsam mit ihrer besten Freundin, die Mutter der Freundin erschlagen.

[00:18:39]  Grund war angeblich, dass die Freundin hätte wegziehen müssen und die beiden wollten nicht voneinander getrennt sein.

[00:18:46]  Zurück zur Literatur.

[00:18:49]  Ihr Fokus auf Reue und Vergebung, wie ich schon gesagt habe, in ihren Krimis, macht natürlich jetzt Sinn.

[00:18:56]  Sie hat selber auch gesagt, dass sie damit... nach diesem Mord damit gerungen hat.

[00:19:01]  Für die Presse war das natürlich ein gefundenes Fressen.

[00:19:03]  Und sie selber war natürlich überhaupt nicht begeistert davon, dass ihre Identität veröffentlicht wurde.

[00:19:09]  Sie hat selber dann gesagt, es schien so unfair, alles was ich als anständiges Mitglied der Gesellschaft erreicht hatte, wurde bedroht.

[00:19:16]  Und erneut wurde mein Leben von jemand anderem interpretiert.

[00:19:19]  Es war ein Gericht geschehen, als ich als Minderjährige nicht sprechen durfte und all diese Lügen hörte.

[00:19:24]  Und jetzt gab es einen Film, aber niemand hatte sich die Mühe gemacht mit mir zu sprechen.

[00:19:28]  Ich wusste bis zu dem Tag von der Veröffentlichung nichts davon.

[00:19:31]  Alles, woran ich denken konnte, war, dass mein Leben außer einander fallen würde.

[00:19:36]  Sie hat aber anschließend... sie hat immer noch weitergeschrieben.

[00:19:39]  Und sie hat sehr viele Bücher veröffentlicht, auch erfolgreich veröffentlicht.

[00:19:44]  Und auch einige Interviews dazu gegeben, über den damaligen Mord und ihre Literatur.

[00:19:49]  Und sie hat im Guardian zum Beispiel, hat sie gesagt, über ihre Literatur:

[00:19:53]  "Es ist für mich von entscheidender Bedeutung moralische Fragen weiterhin zu erforschen.

[00:19:57]  Ich wollte erforschen, was Menschen tun, wenn sie mit Erfahrungen und inneren Konflikten konfrontiert werden, die sie bis an ihre Grenzen bringen."

[00:20:04]  Also für sie hat... war das irgendwie ihre Literatur, eine Verarbeitung auch davon.

[00:20:09]  Was passiert ist.

[00:20:10]  Christina: Also sie wurden beide für diesen Mord verurteilt.

[00:20:16]  Sowohl die Kindheitsfreundin als auch die Autorinnen.

[00:20:19]  Pia: Genau.

[00:20:20]  Christina: Erinnere ich da recht, dass die Anne Perry immer bestritten hat, dass sie den Mord begangen hat.

[00:20:33]  Pia: Also sie hat selber immer gesagt, in allen Interviews die ich gesehen und gelesen habe, hat sie selber gesagt, sie weiß absolut, dass sie schuldig ist.

[00:20:41]  Und dass es ihr recht geschieht, dass sie im Gefängnis gelandet ist.

[00:20:44]  Und sie hat auch gesagt, sie war froh, dass ihr diese Gefängnisstrafe auferlegt wurde und dass sie sie verbüßen hat müssen.

[00:20:53]  Christina: Ja, okay.

[00:20:54]  Harter Tobak.

[00:20:55]  Pia: Ja.

[00:20:56]  Aber ich hab's irgendwie interessant... es ist natürlich überall, wo sie dann letztes Jahr gestorben ist, war das überall in den Schlagzeilen Krimi-Autorin, die eigentlich Mörderin ist.

[00:21:05]  Christina: Ja, ich erinnere mich.

[00:21:06] Wenn jemand verstirbt, dass ist

[00:21:07]  natürlich ja auch eine "Clickbait"-Schlagzeile [dt. Klickköder], wenn du jemals eine gefunden hast.

[00:21:12]  Also das ist wieder so ein Fall von... da ist die Realität, wenn du das im Buch schreibst dann glaubt das keiner. Pia: Ja. Christina: Das liest sich wie ein Plot von einem Roman.

[00:21:23]  Pia: Eben. Ich hab sie auch nicht gekannt, als Autorin.

[00:21:26]  Und letztes Jahr eben ist sie dann verstorben und dadurch hab ich erst rausgefunden, wer sie eigentlich ist und diese ganze Geschichte.

[00:21:32]  Aber ich hab's interessant gefunden, weil es wirklich bizarr ist [lacht].

[00:21:36]  Christina: Also da stellen sich ja total viele Fragen, oder?

[00:21:38]  Von [seufzt] Moral und, und ist jemand... ich mein da ist ja ein Mord.

[00:21:45]  Also das kann nicht verjähren, und gleichzeitig sind das Minderjährige gewesen.

[00:21:50]  Und was bedeutet das für die Person, wenn sie erwachsen ist?

[00:21:53]  Man weiß ja, da gibt's noch physiologische Änderungen im Hirn.

[00:21:56]  Und irgendwie, ist das dann, muss man das dann ruhen lassen.

[00:22:01]  Oder haben die Leute ein Recht, das zu erfahren und so, dann die Art auch, wie sie's erfahren und wie Medien damit umgehen.

[00:22:08]  Weil es ist...

[00:22:09]  Pia: Es war ja dann auch so in diesem Film "Heavenly Creatures" ist ja das auch so ein bisschen in die Richtung angedeutet worden,

[00:22:16]  dass das eventuell eine lesbische Beziehung gewesen hätte sein können.

[00:22:19]  Und das hat sie zum Beispiel immer abgestritten, dass das nie der Fall war.

[00:22:22]  Also das ist natürlich auch die Frage, was mache ich mit dieser Person, wenn ich sie so darstelle, das ist interessant.

[00:22:29]  Ja, genau.

[00:22:32]  Und wir haben Krimis von ihr in der Bücherei.

[00:22:34]  Wir haben einen Haufen E-Books [lacht] von ihr zum Lesen digital.

[00:22:37]  Aber auch zwei Krimis in Printausgabe.

[00:22:40]  "Wer auf Rache sinnt" und "Das Spiel des Verräters".

[00:22:43]  Also wer sich interessiert, kann bei uns gerne mal Krimis von ihr lesen.

[00:22:47]  Christina: Ja, und jetzt liegts an euch und ihr könnt jetzt abstimmen,

[00:22:53]  welche der Entstehungsgeschichten euch besser gefallen hat, welche war bizarrer, welche war interessanter.

[00:23:00]  Und zwar geht das auf Instagram unter "Stadtbibliothek.innsbruck".

[00:23:07]  Kennt ihr denn eine bizarre Entstehungsgeschichte von einem Roman?

[00:23:13]  Oder wir sind auch offen für Filme, oder wir sind sogar offen für Games, hätte ich jetzt gesagt.

[00:23:18]  Gibt es ja auch so einiges, von dem ihr wollt, dass wir mal über im Podcast darüber reden.

[00:23:23]  Dann schreibt uns auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at

[00:23:30]  und damit verabschieden wir uns von dieser Folge heute.

[00:23:35]  Pia hat mir total Spaß gemacht.

[00:23:37]  Pia: War interessant, spannend [lacht].

[00:23:39]  Christina: Total spannend.

[00:23:40]  Und vielleicht können wir das ja mal wieder wiederholen.

[00:23:42]  Pia: Würde mich freuen.

[00:23:43]  Christina: Also sendet uns eure Themen und wir sagen bis dahin, tschüss.

[00:23:46]  Pia: Tschüss.

[00:23:47]  [Outro-Musik]

[00:24:10]  [Männliche Stimme] Das S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Warum mögen wir eigentlich Manga?

Warum mögen wir eigentlich Manga?

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00] [Intro-Musik] Christina: Ja, hallo und herzlich willkommen zurück zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:19]  Mein Name ist Christina.

[00:00:20] Pia: Und ich bin Pia.

[00:00:22] Christina: Und heute tauchen wir in die japanische Popkultur ein und beantworten die Frage, warum mögen

[00:00:28]  wir eigentlich Manga?

[00:00:29]  Also ich muss sagen, dass mir Pia die Folge besonders am Herzen liegt.

[00:00:34]  Ich persönlich habe früher viel Manga gelesen und das war dann noch zu einer Zeit, als

[00:00:40]  man das noch nicht so kannte in Österreich.

[00:00:43]  Da war ich noch, ich kann mich noch gut erinnern, über jede Buchhandlung dankbar, die einen,

[00:00:49]  wenn noch, so kleinen Manga- Bestand hatte.

[00:00:52]  Inzwischen ist es ja so, dass es ganze Abteilungen für Manga in den Buchhandlungen gibt.

[00:00:58]  Allerdings sind die kleinen Bände A) schnell gelesen und B) ziemlich teuer, finde ich.

[00:01:06]  Und ich finde, das sind zwei gute Gründe, dass man den Manga- Bestand in der Stadtbibliothek

[00:01:11]  Innsbruck ausbauen sollte.

[00:01:13]  Und da haben wir uns was ganz Besonderes ausgedacht.

[00:01:16]  Soll ich das erzählen?

[00:01:17] Pia: Leg los.

[00:01:18] Christina: Okay, also alle Manga-Freunde da draußen spitzt eure Ohren.

[00:01:22]  Ihr habt jetzt nämlich die einmalige Möglichkeit abzustimmen und aus drei Reihen, die auszusuchen,

[00:01:31]  die es künftig vollständig in der Stadtbibliothek Innsbruck geben soll zum Ausleihen.

[00:01:36]  Die Connaisseure und Connaiseurinnen unter euch werden ja schon wissen, dass wir zum Beispiel

[00:01:40] "Naruto" massiv da haben und kürzlich auch... Pia: "One Piece" zum Beispiel ist dabei.

[00:01:46] Christina: Aufgestockt haben, genau.

[00:01:47] Pia: Genau, wir haben aber auch einen Haufen anderer Klassiker, "Attack on Titan" zum Beispiel. Auch

[00:01:54]  in der Kinderbibliothek, haben wir zum Beispiel die "Pokémon".

[00:01:57] Genau.

[00:01:58] Christina: Und das reicht uns aber noch nicht und deswegen werden wir am Ende der Folge die drei Reihen

[00:02:03]  bekannt geben, für die ihr abstimmen könnt.

[00:02:06]  Deswegen bleibt dran, wir geben eine kleine Inhaltszusammenfassung, wir sagen euch, wie, wo,

[00:02:12]  ihr abstimmt und wann ihr dann zum Lesen und zum Lesegenuss in der Stadtbibliothek

[00:02:16]  kommt, bevor wir dazu kommen.

[00:02:19]  Pia, was sind eigentlich Manga?

[00:02:20]  Hast du Erfahrung mit Manga?

[00:02:23] Pia: Ja, also ich muss sagen, ich habe auch eher spät angefangen, Manga zu lesen.

[00:02:28]  Als Kind habe ich eher europäische Comics gelesen, also so diese französischen oder belgischen

[00:02:34]  Comics wie "Lucky Luke" oder die "Tassilo" oder die "Astrix und Oberlix" [lacht], einfach weil die

[00:02:43]  mein Vater zu Hause hatte.

[00:02:45]  Und dann als Teenager hat das auch bei mir angefangen.

[00:02:48]  Und das war auch eigentlich nur deswegen, weil andere Schulkolleginnen das daheim gehabt

[00:02:52]  haben und da hat man sich halt ausgetauscht.

[00:02:54]  Ich habe die eine Manga-Reihe gekauft, siehe die andere und dann war das auch nicht zu

[00:02:59]  teuer [lacht].

[00:03:00] Christina: Und Manga sind..., weil du die französische Graphic Novel und Comic Tradition angesprochen hast,

[00:03:08]  Manga kommen aus Japan und sind japanische Comics beziehungsweise Graphic Novels.

[00:03:14]  Manga, das sind zwei Silben.

[00:03:16]  Die erste Silbe steht für was man übersetzen kann aus dem japanischen mit impulsiv oder

[00:03:24]  unwillkürlich, ungezügelt beziehungsweise frei.

[00:03:29]  Und die zweite steht für Bild, Manga.

[00:03:32]  Die haben einen sehr charakteristischen Stil.

[00:03:35] Pia: Oft große Augen, Action-Szenen hat man auch sehr oft dabei.

[00:03:40]  Genau. Christina: Genau.

[00:03:42]  Es behandelt da eine sehr breite Palette an Themen, fast eigentlich alle Genres, die man sich

[00:03:49]  nur vorstellen kann, wahrscheinlich auch kulturell unbedingt mehr oder andere als die wir so

[00:03:54]  gewohnt sind.

[00:03:55]  Die sind meistens in schwarz-weiß gedruckt und das verwundert auch nach wie vor immer

[00:04:01]  mal wieder den einen oder die andere.

[00:04:03]  Sie werden von rechts nach links gelesen, das heißt von hinten nach vorne, also umgedreht,

[00:04:09]  sind die dann auch im Regal.

[00:04:11]  Also in Japan ist es so, dass die sehr oft in Serienformen, Zeitschriften erscheinen,

[00:04:16]  eine sehr, sehr bekannte Zeitschrift dafür ist die "Shonen Jump".

[00:04:20] Pia: Und dann gibt es meistens Sammelbände, wo die dann gesammelt rauskommen als Buch, als

[00:04:26]  Manga, den man dann so kaufen kann, aber meistens eben wie du gesagt hast, eben sehr realisiert.

[00:04:31] Christina: Genau, es ist auch sehr, weil du gesagt hast, es ist sehr Actionreich, es ist wirklich auch

[00:04:37]  die Handlung ist auch durch die Verserialisierung lang und tatsächlich filmartig.

[00:04:44]  Also es liest sich wie... ein bisschen wie ein Film.

[00:04:48]  Und die Bildsprache ist sehr codifiziert, es passiert sehr viel und ich würde auch sagen,

[00:04:57]  das ist ja immer ein Skill [engl. Fähigkeit] den man lernt, wenn man auch Comics liest und egal welche Art

[00:05:01]  von Comic, dass man dann die Konventionen des Genres lernt, genauso wie man weiß, wie

[00:05:06]  man einen amerikanischen Filmen schaut und was welche Cuts [engl. Schnitte] bedeuten und so darüber haben wir... das

[00:05:12]  haben wir auch schon mal so ein bisschen angesprochen.

[00:05:14]  Und stilistische Merkmale lassen sich ganz oft auf japanische Kulturmerkmale zurückschließen

[00:05:23]  und runterbrechen.

[00:05:24]  Was mich persönlich auch immer fasziniert hat, weil genauso wie die amerikanische Popkultur

[00:05:29]  ist auch die japanische Popkultur ja erstmal fremd und andersartig und es ist wie so ein

[00:05:36]  Einblick in einen komplett anderen Kulturkreis auch.

[00:05:40]  Ich weiß nicht, ob dir das so ging, bei mir war das so, dass mich das immer, zum Beispiel

[00:05:45]  wenn sie sitzen, sie sitzen dann in ganz vielen Manga, ist es ganz standard, so wie andere in Österreich

[00:05:50]  wird halt standardmäßig in der Handlungszeichen dann halt ein Schnitzel gessen in Tirol und [lacht]

[00:05:55]  da sitzen sie im "Onsen" [jap. heiße Quelle]

[00:05:56] Pia: Sitzen am Boden.

[00:05:57] Christina: Ja, sie sitzen am Boden mit den traditionellen japanischen Gerichten natürlich, was auch

[00:06:03]  nochmal ein spannendes Thema ist.

[00:06:05]  Stichwort "Studio Ghibli".

[00:06:06] Pia: Ja genau.

[00:06:07] Christina: Aber ehm, oder sitzen dann oft im Onsen und dann weißt was ist ein Onsen, das ist eine

[00:06:12]  heiße Quelle und wieso sitzen die da ständig in der heißen Quelle?

[00:06:14]  In Japan ist die Badekultur [lachend] so ausgeprägt und das ist so spannend finde ich, das kennen

[00:06:19]  zu lernen, die Kultur da drüber.

[00:06:22] Pia: Man merkt es auch an den Anziehsachen, also Klamotten die sie anhaben, ist was ganz was anderes

[00:06:27]  oder die Figuren schauen ganz anders aus, wie wenn ich jetzt mal eben europäische Comics

[00:06:31]  anschau.

[00:06:32]  Es geht auch eher in die Richtung, die Sachen die wir kennen und wenn die dann da ein Geisha-

[00:06:38] Look haben oder so was, das ist halt was ganz was anderes, was man nicht gewohnt ist.

[00:06:43]  Ist dann interessant so andere Kulturen kennen zu lernen auf diese Weise, wenn man es auch

[00:06:49]  nicht gewohnt ist.

[00:06:50] Christina: Und es ist auch tatsächlich ein schöner Einstieg in die japanische Kultur und natürlich viele

[00:06:57] Fans von Manga oder auch Anime, was die Zeichentrick, was im Grunde Zeichentrick-Serien

[00:07:03]  sind, die meistens auf Manga auch basieren.

[00:07:06]  Die wissen diese japanische Kultur sehr zu schätzen und da gibt es ja auch, es gibt ganz

[00:07:12]  viele Conventions im deutschsprachigen Raum auch, die "Hanami" zum Beispiel in Düsseldorf,

[00:07:19]  dann auch die Buchmessen werden, zum Beispiel fürs Cosplayen, also fürs, wie würdest du das

[00:07:24]  beschreiben als?

[00:07:25] Pia: Man zieht sich an wie die Figuren aus Mangas oder Animes... Christina: Oder allen anderen inzwischen

[00:07:30]  ist, also kann auch Comic-Con, Pia: Je genau. Christina: ...Kann auch was anderes sein.

[00:07:33] Pia: Aber halt aus irgendeinem Medium und die kommen dann auf diese Conventions tauschen sich aus,

[00:07:40]  wie sie diese Kostüme gemacht haben, teilweise haben sie nachher auch ganz aufwendige Accessoires,

[00:07:45]  Waffen, was auch immer und tauschen sich aus und stellen dann teilweise Szenen nach [lacht].

[00:07:53] Christina: Fotografieren und so weiter und so fort.

[00:07:56]  Die Frankfurter- und die Leipziger Buchmesse sind da auch große Treffpunkte für Cosplayer

[00:08:03]  und Cosplayerinnen, die neben dem traditionellen Buchmarkt und so bestehen und das finde ich, sieht

[00:08:10]  man total schön wie hoch und groß das Interesse eigentlich an dieser Richtung Pop-Kultur

[00:08:21]  ist und dass da ganz viel Potenzial und Raum dafür da ist.

[00:08:25]  Manga gibt es in Japan schon seit vielen, vielen Jahrhunderten, aber das kann dann humoristische

[00:08:30]  Karikaturen, hat es bezeichnen können in der Vergangenheit oder einfach die Sammlung

[00:08:36]  von Zeichnungen.

[00:08:37]  Die modernen Mangas haben sich so im 19. und 20. Jahrhundert herausgebildet.

[00:08:42]  Wie wir schon gesagt haben, sind die traditionell auf den Magazinen erschienen und erscheinen

[00:08:47]  nach wie vor weiterhin teils in den Magazin sind serielle Erzählformen und es war dann

[00:08:52]  erst tatsächlich in den 90er Jahren, dass sich dieser Manga Begriff weltweit verbreitet

[00:08:57]  hat.

[00:08:58]  Das kam dann auch in diesem technologischen Aufschwung, den Japan damals erfahren hat.

[00:09:03]  Die Technologienindustrie in Japan, die waren ja schon, Japan war sehr früh sehr sehr fortschrittlich

[00:09:09]  in seiner Technologie.

[00:09:11]  Uns Europäern und Europäerinnen teilweise, und dem Amerikanischen Markt weit voraus.

[00:09:16] Also Smartphones benutzt oder Vor- Prototypen des Smartphones, da haben wir noch mit Nokia...

[00:09:22] Pia: Gekämpft. [lacht ] Christina: Genau. Und Nintendo und Videospiele-Konsolen, die sich dann auch in unseren Märkten in

[00:09:33]  Europa und in Amerika... Pia: etabliert haben.

[00:09:37] Christina: Genau.

[00:09:38]  Und das sind die topkulturellen Exportgüter.

[00:09:41]  Man kennt Japan durch seine Popkultur.

[00:09:43]  Aber und darauf bin ich ja schon zu sprechen gekommen, in den 90er Jahren war das nicht

[00:09:48]  verbreitet und das hat man auch nicht so gesagt.

[00:09:51]  Also es war... Pia: Ein bisschen verpönt.

[00:09:55] Pia: Ja, es war irgendwie was Komisches, wenn man das mochte.

[00:09:58]  Also daran kann ich mich auch noch... also meine Mutter zum Beispiel hat das gar nicht verstanden [lacht] was

[00:10:02]  das jetzt überhaupt sein soll.

[00:10:04]  Das war dann auch immer so, dass es dann hieß, okay, wenn du schon Fernsehen schaust,

[00:10:08]  dann schau was gescheites und keine Animes.

[00:10:11]  Ich hatte dann halt gerne die "Yu-Gi-Oh" oder die "Detektive Conan" an geschaut [lacht] und das war nicht

[00:10:16]  so angesehen.

[00:10:17] Christina: Weil damals waren, das muss man verstehen [lacht] waren Anime was ganz anderes als es sonst für

[00:10:25]  Kinder gegeben hat.

[00:10:26]  Ich meine, alleine "Sailor Moon" war, also da haben die gekämpft gegen Dämonen und waren

[00:10:33]  mächtig und wirksam und alles hat geglitzert und alles war so, es war so...

[00:10:37] Pia: Und es war so schnell animiert.

[00:10:39] Christina: Genau, es war richtig gut animiert vor allen Dingen.

[00:10:42] Pia: Also das ist eben, wie gesagt auch im Anime sehr Actionreich, das waren oft Kämpfe.

[00:10:48]  Das hat dann gleich einmal vielleicht brutal ausgeschaut, obwohl es nicht wirklich war,

[00:10:53]  aber für Eltern dann vielleicht ein bisschen abschreckend.

[00:10:55] Christina: Und es ist mit sehr viel Dramaturgie verbunden, wenn man  sich jetzt nur "Sailor Moons" Verwandlung

[00:11:02]  so verstellt.

[00:11:03]  Genau.

[00:11:04]  Die Faszination hat nicht nachgelassen.

[00:11:08]  Ich finde, ich habe nach wie vor so ein bisschen den Eindruck, dass es immer noch nicht ganz

[00:11:14]  etabliert ist.

[00:11:15]  Ich habe schon Gespräche geführt als Bibliothekarin mit besorgten Eltern, die nicht wollten, dass

[00:11:23]  ihre Kinder Manga lesen bzw. gefragt haben, was das eigentlich ist und das nicht so ganz

[00:11:27]  verstanden haben.

[00:11:28]  Und ich glaube, dass man sicher gewisse Kritikpunkte anführen kann, aber das kann man wahrscheinlich

[00:11:34]  bei allen Medien, auch bei den unsrigen den Büchern, die wir lesen oder die aus Österreich,

[00:11:44]  Deutschland, Amerika, egal woher kommen.

[00:11:46]  Es gibt gute und schlechte Sachen.

[00:11:48]  Bei Manga gibt es verschiedene typische Genre.

[00:11:51] Pia: Das ist nicht wie die typischen Genre, im europäischen Raum. Wir über halt Thriller oder Horror oder

[00:11:59] Liebes Romanen reden.

[00:12:00]  Also das sind zum Beispiel "Kodomo", ich sage es sicher falsch, für kleine Kinder gibt es da

[00:12:06]  zum Beispiel.

[00:12:07] Christina: Das wäre zum Beispiel "Pokémon", kennt man bei uns, die wir auch in der Kinderbibliothek

[00:12:12]  inzwischen stehen haben.

[00:12:13] Pia: Genau.

[00:12:14]  Oder "Shonen", das ist zum Beispiel für männliche Jugendliche.

[00:12:17] Christina: Das wäre so was wie "Naruto" oder eben "One Piece", das wir jetzt angekauft haben.

[00:12:22] Pia: Dann die "Shojo", das ist für weibliche Jugendliche.

[00:12:25] Christina: Wusstest du, "Sailor Moon" haben wir ja schon erwähnt.

[00:12:28] Pia: Genau.

[00:12:29] Christina: gibt es natürlich auch als Manga.

[00:12:30]  Wusstest du übrigens, dass "Shojo" erst als Genre in den 70er Jahren in Japan aufgekommen

[00:12:35]  ist?

[00:12:36] Pia: Ah. Okay, also "Shonen" ist zuerst kommen oder wie? [Christina leis im Hintergrund: Ja]

[00:12:39] Pia: [lachend] Natürlich.

[00:12:40]  Die Männer kommen immer zuerst [lacht].

[00:12:43] Christina: [lacht] Ja.

[00:12:44]  Und zu "Shonen" und "Shojo", da haben wir uns ja eh schon unterhalten, dass [schnalzt mit der Zunge] wir hier in der

[00:12:54]  Bibliothek nicht so die Fans davon sind, das in, ehm, ach dieses Geschlechter gerechte Marketing

[00:13:03]  in Blau und Rosa ist das jetzt für mich das equivalent.

[00:13:06]  Ich bin... Steh dem sehr kritisch gegenüber, das so einzuschätzen.

[00:13:09]  Ich persönlich habe nämlich immer in, es gab früher die "Bandsei" und die "Daisuki", das

[00:13:16]  waren so Nachahmungen von der "Shonen Jump".

[00:13:19]  Ich weiß nicht, ob es die heute noch gibt.

[00:13:20]  Die "Daisuki", das heißt, ist japanisch und heißt ich liebe dich.

[00:13:24]  Und "Bandsei" ist dieser Kampfausruf und du kannst dir denken, dass eine war ausgerichtet auf

[00:13:30]  die "Shonen"-Sachen und das andere auf "Shojo".

[00:13:33]  Ich habe beide sehr gerne gelesen.

[00:13:35]  Ich habe die "Shonen" immer lieber gelesen.

[00:13:37]  Ich habe "Naruto" genauso gerne gelesen, wie ich "Sailor Moon" geschaut habe.

[00:13:41]  Und ich weiß, dass es unseren Leser:innen in der Bibliothek auch so geht.

[00:13:46]  Da stehen alle Geschlechter vor den Regalen und es ist egal, was sie nehmen.

[00:13:50] Pia: Mir geht es da genau gleich. Ich habe diese Begriffe gar nicht gekannt, wo ich Manga angefangen habe lesen.

[00:13:55]  Und deswegen habe ich mir auch aus den verschiedensten unterschiedlichen Bereichen was ausgesucht.

[00:13:59]  Also ich habe das gar nicht zu unterschieben, weil ich das auch bei uns gar nicht gekannt habe,

[00:14:02]  in der Form.

[00:14:04]  Dann gibt es auch noch für die Älteren "Seinen", das ist für junge Männer.

[00:14:09]  Hast du da noch Beispiele?

[00:14:11] Christina: Ahso eh... [Beide lachen] Pia: [unverständlich]

[00:14:14] Christina: Genau, das ist ein Genre, dass mehr psychologische Tiefe hat, Politik und Gewalt

[00:14:25] auch thematisiert Beispiele, z.B. "Ghost in a Shell" oder "Berserk".

[00:14:31] Pia: Genau, und "Josei" ist dann die weibliche Variante für Frauen.

[00:14:37] Christina: Das wusste ich zum Beispiel gar nicht. Genau.

[00:14:39]  Es gibt noch wesentlich mehr, es gibt noch so etwas wie Horror, wie "Tokyo Ghoul" jetzt zum Beispiel

[00:14:45]  und Mischung dieser Tropes.

[00:14:47] Pia: Aber es ist eine interessante Unterscheidung, weil, eh sicher werden gewisse Medien auch bei uns

[00:14:53]  eher für junge Frauen vermarktet.

[00:14:56] Christina: Das ist auf jeden Fall so, also 100 prozentig.

[00:14:59] Pia: Also eher für junge Männer.

[00:15:01]  Aber wir haben jetzt nicht diese Unterscheidung in spezifischen Genres.

[00:15:05] Christina: Naja, wir sagen ja schon Frauenliteratur.

[00:15:09] Pia: Des schon. Christina: Wenn wir jetzt sagen wir, dann meinen wir den Markt, weil, Pia und ich und wir in der Stadtbibliothek Innsbruck machen,

[00:15:17]  das und zwar dezidiert nicht.

[00:15:19] Pia: Aber wenn ich jetzt das Genre Fantasy habe, da stehen die, so, jetzt brauch ich ein perfektes Beispiel dafür [lacht] für etwas [unverständlich]

[00:15:28]  genau, die "Eragon" stehen neben den "City of Bones".

[00:15:32]  Und da würde ich vielleicht auch sagen, die "City of Bones" sind eher für junge Frauen

[00:15:36]  und die "Eragon" eher für junge Männer.

[00:15:38]  Aber trotzdem stehen die nebeneinander und da macht man jetzt keinen Genre-Unterschied.

[00:15:42] Christina: Man kann sich auch fragen, genauso wie es irgendwann angefangen hat, das Überraschungsei in Rosa zu geben. [Pia lacht].

[00:15:48] [Christina schnalzt mit der Zunge] Warum wird das so vermarktet?

[00:15:55]  Weil die Verlage, die dahinter stehen, Zielgruppen definieren müssen aus betriebswirtschaftlichen Gründen.

[00:16:04]  Diese ganze Teilung von, dieser blau-rosa Debatte, das ist eine Konsumdebatte.

[00:16:11]  Das ist, dass je mehr und je spezifischere Zielgruppen es gibt, desto besser kannst du den Leuten was verkaufen.

[00:16:18]  So [lacht] und das ist bei uns genauso ein großes Problem in Japan.

[00:16:22]  Da wollen wir uns jetzt nicht besser darstellen, als wir sind.

[00:16:25]  Aber in Japan ist, wenn man jetzt noch nach Japan schaut [längere Pause] also es ist schon ein sehr Stereotype.

[00:16:34]  Da kommen wir jetzt zu den Kritikpunkten, eine Stereotype, Geschlechter-Teilung.

[00:16:39]  Der Mann geht arbeiten, die Frau bleibt zu Hause und es ist... Pia: Spiegelt sich dann halt in der Buchhandlung oder... Christina: In der Medien die

[00:16:48] produziert werden immer, in den Manga und in den Genres.

[00:16:51]  Inzwischen, heute, brechen Frauen, Japanerinnen mehr und mehr aus.

[00:16:58]  Aber es ist auch eine sehr sexistische Gesellschaft oft, wo auch oft noch, und auch das merkt man,

[00:17:13]  gerade in etwas älteren Mangas [Christina schnalzt mit der Zunge], sexualisierte Übergriffe enttabuisiert sind bis zu einem Maß,

[00:17:24]  wo es quasi in Anführungsstrichen für die Gesellschaft als normal gilt.

[00:17:29]  Zum Beispiel das "Trope" (engl. Klischee] des alten geilen Bocks, das man sogar in "Naruto" oder so findet,

[00:17:39]  wo einer der Lehrer halt dafür bekannt ist, dass er gerne jungen Mädchen hinterher schaut.

[00:17:45]  Das ist so tief kulturell verwurzelt und damit aber auch in den "Tropes" und in den Konventionen des Manga,

[00:17:57]  dass ich da sagen muss, ja, das ist ein Kritikpunkt, den man sich vor Augen halten muss

[00:18:05]  und mit dem man sehr reflektiert umgehen muss.

[00:18:09]  Ich bin mir sicher, dass sich das jetzt im Laufe der Zeit ändern wird,

[00:18:13]  weil ja auch die Inhalte immer mehr, also die westlichen Konventionen und die aus Japan oder aus anderen asiatischen Ländern,

[00:18:25]  die verschmelzen immer mehr.

[00:18:29] Pia: Internet, Globalisierung, das hilft, "hilft"... Aber halt führt dazu [lacht], dass das alles ein bisschen aufeinander zukommt.

[00:18:38] Christina: Und im besten Fall nehmen wir das Beste aus beiden Kulturen oder aus allen Kulturenkreisen und lassen das, was nicht gut ist, zurück.

[00:18:49]  Ja, also neben dieser Sexualisierung gibt es noch weitere Kritikpunkte.

[00:18:55]  Du hast ja schon gesagt, es ist sehr Actionreich und manchmal bis zum Punkt, wo bei einigen Mangas

[00:19:04]  es ist immer, wir reden jetzt nicht von was spezifischem, sondern es gibt ja einfach die Tendenz bei manchen Mangas zur Gewaltverherrlichung.

[00:19:12]  Auch ganz einfach.

[00:19:14] Und ein weiterer Kritikpunkt ist der Mangel der Vielfalt [längere Pause] kulturell.

[00:19:19] Pia: Du meinst, dass nur Japan dargestellt wird oder?

[00:19:21] Christina: Ja, es ist ja ein sehr homogenes Land, wo es sehr wenige Ausländer gibt, de facto.

[00:19:29] Pia: Und dafür, dass es so ein global Erfolg gehabt hat der Manga, ist es halt immer noch sehr konzentriert auf Japan und dessen Kultur.

[00:19:38]  Was natürlich auch Vorteile hat, wir haben ja schon darüber geredet, dass es auch super ist, dass ich in einen anderen Kulturkreis reinschauen kann.

[00:19:44]  Aber gleichzeitig übernimmt es halt dann komplett den Markt.

[00:19:48] [längere Pause] Das hat positive und negative Seiten natürlich.

[00:19:54] Christina: Und das hat auch geschichtliche Hintergründe, dass, ehm, warum das so ist, die, eh, Japan war sehr lange isoliert und so weiter.

[00:20:03]  Das ist vielleicht einmal was für andere Folge.

[00:20:06]  Es gibt geschichtliche und kulturelle Gründe, warum diese Kultur so in sich hermetisch sich ein bisschen abgeschlossen anfühlt.

[00:20:16]  Trotz der Globalisierung ist Japan so, wenn man dahin schaut, sehr insi...

[00:20:22]  Und für so ein hochentwickeltes Land so komplett in sich abgeschlossen irgendwie.

[00:20:27] Pia: Genau, jetzt haben wir ein bisschen über Mangas prinzipiell geredet und daher wo es kommt und was es denn genau ist und was es für verschiedene Genres gibt.

[00:20:38]  Und wie wir schon angekündigt haben, ganz am Anfang von dieser Folge... [Christina im Hintergrund: Uuh.] [Pia lacht] ...kommen wir jetzt zu der Abstimmung.

[00:20:46]  Weil wir haben ja gesagt, wir geben euch drei Serien, Manga Serien zur Auswahl und ihr dürft euch eine aussuchen.

[00:20:55]  Das heißt einfach auf Instagram, auf die Stadtbibliothek Innsbruck gehen und dort könnt ihr über die Reihen abstimmen.

[00:21:02]  Und jetzt stellen wir die Reihen vor.

[00:21:05] Christina: Okay! Pia, drei Reihen zur Auswahl, jetzt wird gut aufgepasst.

[00:21:09]  Dann abstimmen, möchtest du mit der ersten Reihe anfangen? Was ist das erste?

[00:21:13] Pia: Das erste ist "Death Note".

[00:21:16] Christina: Wie viel Bänder hat 'Death Note"?

[00:21:17] Pia: "Death Note" hat 13 Bänder.

[00:21:19] Christina: Worum geht's in "Death Note"? [Pia lacht]

[00:21:21] Pia: Der Titel "Death Note" bezieht sich auf ein Heft, das die Hauptfigur findet.

[00:21:26]  Die Hauptfigur heißt Light, das ist ein Schüler.

[00:21:29]  Der findet dieses Heft und das Heft gehört eigentlich einem "Shinigami", das ist ein japanischer Todesgott.

[00:21:35]  Und damit kann man Menschen töten, wenn man ihren Namen ins Heft einträgt.

[00:21:39]  Light findet das raus und will damit seine perfekte Welt kreieren.

[00:21:45]  Und durch die Morde, was das ja im Grunde ist, fängt dann auch die Polizei zu ermitteln an.

[00:21:51]  Und da gibt es dann auch die Detektive L und Nier.

[00:21:55]  Und die werden dann so zu seinen Gegenspielern, Wiedersachern. Was das ganze spannend macht.

[00:22:00]  Und vom Genre her kombiniert Mystery, Thriller und Fantasy.

[00:22:05] Christina: Ist wegen seinen Themen für ältere Teenager und Erwachsene gut geeignet, so ungefähr ab 16 Jahren wird er empfohlen.

[00:22:14] "Death Note" ist im Dezember 2003 erstmals erschienen und ging bis Mai 2006.

[00:22:21]  Er war in der weakly [engl. wöchentlich] "Shonen Jump", die wir schon erwähnt haben.

[00:22:24]  Und könnte demnächst in der Stadtbibliothek stehen.

[00:22:28]  Nummer 2, was ist denn die zweite Auswahl?

[00:22:32] Pia: "Bakuman". Das war der Folgemanga von den gleichen Mangakünstlern.

[00:22:38] Christina: Ehrlich? Pia: Mhm. Christina: Wie "Death Note"?

[00:22:40] Pia: Ja.

[00:22:41] Christina: Okay, wow, ich habe super schlecht recherchiert [beide lachen].

[00:22:43] Pia: Die heißen Tsugumi Ohba und der Zeichner war Takeshi Obata.

[00:22:47] Christina: Wie viele Bände hat "Bakuman"?

[00:22:49] Pia: 20.

[00:22:50] Christina: Worum geht es in "Bakuman"?

[00:22:52] Pia: Da geht es auch um Schüler [lacht] zwei Schüler diesmal.

[00:22:54]  Und die beiden wollen Mangakünstler werden.

[00:22:56]  Mangaka.

[00:22:58]  Und das ist eine Kombination aus Komödie, Romantik und "Slice of Life".

[00:23:02] "Slice of Life" ist, wenn man es direkt übersetzt, heißt Stück vom Leben [lacht].

[00:23:06]  Und das ist im Grunde eine Darstellung von so Alltagssituationen.

[00:23:10] Christina: Genau. Also es bietet einen Einblick in das Leben und die Arbeit von Mangaka.

[00:23:15]  Ist besonders gut für ältere Teenager und junge Erwachsene geeignet,

[00:23:19]  einfach von den Themen her auch in der "Shonen Jump" erschienen.

[00:23:23]  Und zwar von 2008 bis 2012.

[00:23:26]  Man kann es aber auch gut schon ab 13 lesen.

[00:23:29]  Und jetzt die dritte und letzte Auswahl.

[00:23:32]  Wie viele Bände hat "Noragami"?

[00:23:34] Pia: 27 Bände.

[00:23:36] Christina: Das ist das längste.

[00:23:38] Und das müsste dann wirklich hochfrequentiert ausgeliehen werden, Leute.

[00:23:43]  Also überlegt es euch gut.

[00:23:46] Pia: Das ist von einem Autorinnen Duo geschaffen worden.

[00:23:50] Adachitoka.

[00:23:52]  Ich hoffe, ich habe es richtig aussprochen. Es handelt

[00:23:54]  von einem Schulmädchen, das nach einem Unfall

[00:23:57]  halb in der menschlichen Welt und halb in der Welt der Toten ist [lacht].

[00:24:02]  Und das will sie natürlich nicht, sie will wieder komplett menschlich werden [lacht].

[00:24:06]  Und daher bittet sie einen sehr kleinen unbedeutenden Gott [lacht] Yato um Hilfe.

[00:24:11]  Der ihr dabei helfen soll wieder komplett menschlich zu sein.

[00:24:14]  Und zusammen kämpfen sie dann gegen ganz gefährliche Geister und andere Götter [lacht].

[00:24:17]  Vom Genre her kombiniert es Fantasy, Action und Romantik.

[00:24:22]  Christina: Ja. Er ist ungefähr ab 13 Jahren gut geeignet.

[00:24:25]  Ist meine persönliche Empfehlung [beide lachen].

[00:24:28]  Pia: Hey [lacht]

[00:24:30]  Christina: [lachend] Was?

[00:24:32]  Pia: Das ist keine faire Abstimmung mehr [beide lachen].

[00:24:34] Christina: [lachend] Ahso okay.

[00:24:36]  Ich würde jetzt so tun, als ob ich es rausschneide.

[00:24:38]  Nein. Also ist ehm, auch ganz okay [beide lachen].

[00:24:43]  Er wurde erst mal im Dezember 2010 veröffentlicht.

[00:24:48]  Ja, genau.

[00:24:50]  Also das heißt "Death Note", "Bakuman" oder "Noragami".

[00:24:55]  Ab sofort könnt ihr auf Instagram abstimmen.

[00:24:57]  Unser [unverständlich] ist Stadtbibliothek.innsbruck.

[00:25:01]  Die Reihe mit den meisten Stimmen wird gekauft und ins Regal gestellt.

[00:25:06]  Und steht euch dann zum Ausleihen zur Verfügung.

[00:25:09]  Wie gesagt, alle Reihen sind abgeschlossen in sich.

[00:25:12]  Was für uns auch ein schöner Vorteil ist, weil wir dann wissen,

[00:25:16]  dass ihr die Geschichte im Vollen genießen könnt.

[00:25:18]  Und dass auf jeden Fall alles da ist.

[00:25:20]  Und wann lösen wir auf, was gewonnen hat?

[00:25:24]  Pia: In unserer nächsten Folge.

[00:25:26]  Das heißt, reinhören und dann erfahrt ihr, welche Serie gewonnen hat.

[00:25:30]  Christina: Genau.

[00:25:31]  Und dann reinschauen in die Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:25:33]  Wie es dann das schön im Regal steht und dann ganz schnell hoffentlich auch nicht

[00:25:36]  und gut ausgeliehen wird.

[00:25:38]  Ja, Pia.

[00:25:40]  War eine schöne Folge heute.

[00:25:42] Hat mir sehr viel Spaß gemacht, einmal über Manga zu reden.

[00:25:45]  Pia: Genau.

[00:25:46]  Das war echt nett.

[00:25:47]  Christina: Das hat aber dein Lieblingsmanga wäre?

[00:25:49] Pia: Das war der "Death Note".

[00:25:51]  Das war der erste Manga, den ich gelesen habe.

[00:25:53]  Und der hat mir wahnsinnig gut gefallen.

[00:25:55]  Was untypisch ist für mich, weil ich ja Thriller und Krimis eigentlich nicht mag. Christina: Stimmt!

[00:25:59]  Aber der hat mir sehr gut gefallen.

[00:26:01]  Der war einfach super gemacht.

[00:26:02] Christina: Ja, ich habe es jetzt Manga nicht gelesen.

[00:26:04]  Ich glaube, ich habe mir ein bisschen Anime "Death Note" geschaut.

[00:26:06]  Pia: Ist auch gut [lacht].

[00:26:08]  Christina: Schon gut [lacht]

[00:26:10]  Pia: Und dein Liebling?

[00:26:12]  Christina: Das ist wahrscheinlich auch einer, den ich sehr früh gelesen habe.

[00:26:15]  Der hieß "King of Bandit Jing".

[00:26:18]  Und der war an sich, hat mich so wegen dem Zeichenstil auch beeindruckt.

[00:26:24]  Würde aber auch unter "Shonen" fallen.

[00:26:26]  Also man sieht, das hat überhaupt gar keine Bedeutung, was das eigentlich... für wen das gemacht ist.

[00:26:31]  Man liest einfach das, was man gerne liest, oder?

[00:26:34]  Pia: So soll es sein.

[00:26:36]  Christina: Und mit dem verabschieden wir uns von heute.

[00:26:38]  Was ist euer Lieblingsmanga?

[00:26:40]  Oder steht ihr Mangas skeptisch gegenüber?

[00:26:44]  Wie sind da eure Erfahrungen.

[00:26:46]  Oder seid ihr die Mega-Cosplayer und demnächst auf in einer Convention am Weg?

[00:26:51]  War die "Hanami" nicht im Mai? Ich weiß es gar nicht mehr.

[00:26:54]  Jedenfalls schreibt uns sehr gerne auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at.

[00:27:00]  Ihr könnt uns auch so auf Instagram schreiben oder auf Facebook.

[00:27:04]  Und wir wünschen euch fröhliches Manga-Lesen.

[00:27:08]  Und wir hören uns beim nächsten Mal zur Auflösung,

[00:27:12]  welche der Reihen wir für euch in die Stadtbibliothek stellen dürfen.

[00:27:16] Pia: Bis zum nächsten Mal.

[00:27:18]  [Outro-Musik]

[00:27:42] [Frauenstimme]: Das Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck

[00:27:46]  und Teil der Stadtstimmen,

[00:27:48] Dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Warum mögen wir eigentlich historische Romane (und wie recherchiert man dafür)?

Warum mögen wir eigentlich historische Romane (und wie recherchiert man dafür)?

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00] [Intro-Musik] Christina: Ja, dann legen wir einfach mal los zum Podcast. Herzlich Willkommen zum

[00:00:20]  Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck. Mein Name ist Christina.

[00:00:24] Pia: Und ich bin die Pia. Christina: Und wir sprechen heute über ein ganz besonders spannendes Thema, zumindest

[00:00:30]  für mich, nämlich über historische Romane. Pia, auf einer Spannungsskala von eins bis zehn, wo bist du da?

[00:00:39] Pia: Es kommt ganz aufs Thema drauf an. Das ist das, was ich mir nachher heraus gesucht habe dazu, weil

[00:00:44]  ich seh es jetzt nicht das Genre, wo ich sofort hingehe. Ich habe ein paar gelesen, aber dann waren Sachen,

[00:00:52]  wo mich spezifisch dieses Thema interessiert hat. Es ist jetzt nichts, wo ich in die Buchhandel

[00:00:57]  und die Bibliothek reingehe und sage, ach, gehen wir einfach einmal zu den historischen Romane. Das mache ich nicht da.

[00:01:02] Christina: Das heißt, dass du tatsächlich historisch Romane dann ganz konkret für so einen gewissen

[00:01:07]  Bildungspurpose, also um den Bildungsnutzen gelesen im Sinne von, ach, mich interessiert jetzt die Zeit oder...?

[00:01:15] Pia: Oder die Person. Ich habe mir zwei Beispiele aufgeschrieben, die mir auch noch eingefallen sind. In der Schule haben wir zum Beispiel über

[00:01:23]  Sträflingskolonien gelernt und das hat mich dann interessiert. Und daher habe ich nachher die "Abby-Lynn"-Saga

[00:01:29]  vom, wie heißt der jetzt, Rainer Schröder gelesen. Das hat mich dann einfach interessiert und deswegen

[00:01:36]  habe ich dann die Bücher gelesen. Und das andere, was mir auch noch eingefallen ist, ganz spezifisch war dann

[00:01:40]  "Raven Queen" von Pauline Francis. Das ist über die Lady Jane Grey und da war ich damals in London und war im Tower

[00:01:48]  auf London und habe über sie gelernt, also über sie erfahren, über das Audiobook dort und daher habe ich das

[00:01:54]  gelesen, weil es mich dann interessiert hat. Also ich bin so, über, zu historischen Romane gekommen und es war

[00:02:00]  nicht okay, ich gehe zu die historischen Romane und schau mal, was es gibt.

[00:02:02] Christina: Und bevor wir jetzt weiter in das Thema einsteigen, um zu klären, warum mögen wir historische Romane

[00:02:11]  oder vielleicht auch nicht, würde ich, habe ich eine Genre-Definition mitgebracht, um das einmal

[00:02:18]  abzustecken und zwar würde ich die jetzt hier einmal ausbreiten, wenn das okay ist. Der historische Romane

[00:02:26]  ist ein literarisches Genre, das sich durch seine Fokussierung auf vergangenen Zeiten und historische

[00:02:32]  Ereignisse auszeichnet. Soweit so klar, in diesem Genre werden fiktive Geschichten oder Figuren in einem realen

[00:02:40]  historischen Kontext präsentiert. Dabei wird oft eine akurate Darstellung der historischen

[00:02:46]  Periode angestrebt, wobei historische Ereignisse, Orte und Persönlichkeiten in die Handlung

[00:02:53]  integriert werden. Der historische Romane ermöglicht es Leser:innen in vergangene Epochen einzutauchen und

[00:03:00]  Geschichte auf eine lebendige und unterhaltsame Weise zu erleben, während gleichzeitig Aspekte der

[00:03:06]  menschlichen Naturen und universelle Themen erkundet werden, also wie in jedem Roman. Und es ist ja genau

[00:03:12]  dieser letzte Satz, dass man Geschichte auf eine lebendige und unterhaltsame Weise erleben möchte,

[00:03:19]  was du hier gerade auch geschildert hast. Du hast von einer geschichtlichen Periode einen Hintergrund

[00:03:25]  erfahren und wolltest dann mehr eintauchen. Und dann hast du da mehr gesucht, als nur was dir

[00:03:35]  ein Geschichtsbuch geben kann. Was hat dir das da gegeben? Pia: Eben. Da kommt man gerade in diese Periode und

[00:03:41]  denkt, oder ist man gerade in der Periode in dieser Zeit oder denkt an diese Person und denkt sich, ah, wie hat die

[00:03:46]  sich damals gefühlt? Oder wie war das damals? Wie haben die Leute das damals erlebt und dann

[00:03:51]  interessiert einen das halt und dann will man vielleicht noch mehr machen, als nur reine Fakten lesen.

[00:03:56] Christina: Ja, genau, also was für mich Literatur auch ausmacht ist, dieses sich hineinversetzen und beim

[00:04:05]  historischen Roman hat eben im konkreten Kontext der Zeit, der auch von Interesse ist,

[00:04:10]  aus dem einen oder anderen Grund. Bei mir ist es vor allen Dingen das englische Mittelalter gewesen,

[00:04:19]  das mich gepackt hat und entsprechend in die Karte historischer Roman habe ich geschlagen,

[00:04:26]  sozusagen. Da konnte ich dann eine Weile auch nicht genug bekommen. Ich habe auch tatsächlich

[00:04:33]  zwei Empfehlungen mitgebracht an historischen Romanen, die beide in das Genre fallen, aber beide

[00:04:41]  so bisschen sehr unterschiedlich sind. Das eine ist literarischer und das andere ist vielleicht

[00:04:46]  mehr, wie man sich so einen typischen Genre- Roman vorstellt. Die würde ich dir jetzt einmal

[00:04:53]  kurz vorstellen und unseren Hörerinnen und Hörer. Pia: Leg los [lacht] Christina: Und zwar die erste Person, die ich mitgebracht

[00:04:59]  habe ist die Rebecca Gablé, die ja schon seit vielen Jahrzehnten inzwischen historische

[00:05:05]  Romane im Deutschsprachigen Markt veröffentlicht ist, eine deutsche Schriftstellerin und ihre

[00:05:10]  historischen Romanen, die berühmteste ist die "Waringham"-Saga. Das sind... Ich würde es als Action-Abenteuer

[00:05:17]  Romanen bezeichnen. Die haben meistens auch einen männlichen Protagonisten, sind oft sehr

[00:05:23]  Stereotyp, auch in ihrem Aufbau. Also wenn du einen Rebecca Gablé Roman kennst, dann hast du eine

[00:05:30]  Idee davon, wie es sie es immer und immer wieder aufbaut mit verschiedenen, also schon Twists [engl. Wendungen],

[00:05:37]  aber es ist vom Stereotyp das Gleiche. Sie sind recht Stereotype geschlechter Rollen auch,

[00:05:43]  muss ich sagen, aber es ist auch oft eine Underdog-Geschichte, was ich auch weiß, dass es viele

[00:05:51]  Leserinnen und Leser zu schätzen wissen. Meine absolute Empfehlung dadrin ist der "König der

[00:05:57]  Purpurenen Stadt". Das ist schon 2002 rausgekommen. Da spielt vor allem die mittelalterliche

[00:06:03]  Stadt London eine zentrale Rolle und meines Erachtens nach ist es eigentlich ihr bestes Werk oder

[00:06:12]  das, was ich am liebsten gelesen habe. Und die zweite, die ich mitgebracht habe, ist die

[00:06:16]  Hilary Mantel, die ja vor kurzem leider verstorben ist und zwar mit ihrer Tudor-Trilogie über

[00:06:25]  Thomas Cromwell. Für alle, die es nicht wissen, Thomas Cromwell ist, [schmunzelt] oder war eine bedeutende

[00:06:31]  Figur während der Herrschaft vom Heinrich dem VIII König, von England im 16. Jahrhundert.

[00:06:36]  Heinrich ist der mit den vielen Frauen, [Pia lacht im Hintergrund] der ein paar davon auch zu Köpfen gemeint hat. Und Cromwell

[00:06:43]  war dann irgendwann Chefminister, der ist da in seinen Diensten von Heinrich aufgestiegen, war

[00:06:49]  Chefminister, kontrollierte ganz viel von der Politik und der Verwaltung Englands,

[00:06:54]  fiel letztlich aber in Ungnade und wurde dann angeklagt [unverständlich] und hingerichtet und

[00:07:01]  trotzdem hatte er... und hatte nach wie vor einen sehr großen Einfluss auf.. in der Geschichte

[00:07:05]  Englands und spielt eine große Rolle. Diese Figur hat sich Hilary Mantel vorgenommen in einer

[00:07:11]  Trilogie, drei historische Romane. "Wölfe", "Falken", "Spiegel und Licht" von 2009-2020, wo sie eben

[00:07:19]  Aufstieg und Fall von Cromwell beschreibt. Ich würde es als wesentlich literarischer einstufen und

[00:07:26]  aufgrund seiner Detailliertheit, also der Detailliertheit des Textes, auch etwas anspruchsvoller

[00:07:32]  als jetzt vielleicht die Gablé- Romane. Und das fand ich dann sehr interessant. Beides Englisches

[00:07:37]  Mittelalter sind beides historische Romane, aber es stellt eine gewisse Bandbreite dar,

[00:07:41]  was man sich, was man unter dem Genre verstehen kann und wie viel Platz da ist.

[00:07:48]  Hast du, ich weiß du liest es nicht so gerne, hast du schon gesagt, aber hast du was mitgebracht

[00:07:55]  um deine Empfehlung oder? Pia: Ich habe es mir ein bisschen angeschaut, weil es drum

[00:08:00] gegangen ist, okay, wie recherchiert man dann für historische Romane, wir schauen da die

[00:08:03]  Autorinnen selber nach, wo das ist, was da passiert ist. Christina: Genau, das ganz kurz, weil wir das vergessen

[00:08:12]  haben oder dazuzusagen, dass wir ein großer Teil neben den Empfehlungen und zu schauen, was ist jetzt

[00:08:17]  ein historischer Mann, ist genau das Pia, was du gesagt hast, dass die interessante Frage ist

[00:08:21]  ja eigentlich, wie recherchieren Autorinnen und Autoren für diese Bücher, weil das ist,

[00:08:26]  das kann man sich vielleicht ja gar nicht vorstellen, wie dieser Vorgang ist und darauf haben

[00:08:31]  wir uns ja auch vorbereitet für diese Folge, da haben wir uns ja auch einiges auch angeschaut.

[00:08:34]  Ich habe mir auch angeschaut, wie sich die Gablé und Mantel vorbereiten und jetzt bin ich gespannt,

[00:08:40]  was du rausgefunden hast. Pia: Ich habe ja mal die "Outlander"-Reihe angeschaut, die ist geschrieben

[00:08:46]  worden von Diana Gabel..., [lacht] ich sag es immer falsch, also schreiben tut man es "Gabaldon", aber sagen tut

[00:08:54]  mir "Gaveldon". Christina: Nein echt? Pia: Also mit "V", ich habe extra nachgeschaut, weil ich es nicht gewusste habe [lacht]

[00:08:58] Christina: Das hab ich glaube ich, 20 Jahre falsch... Pia: Ja, ich auch. Ich habe immer "Gabeldon" gesagt,

[00:09:02]  "Gabeldon" heißt sie. Christina: Okay, Diana Gabeldon. Pia: Genau [lacht].  Auch wieder was gelernt und da sind schon einige

[00:09:10]  Teile heraus, 9 von 10 sollen es werden. Ehm, sind es im Moment, aber 10 sollen es werden. Und sie ist

[00:09:20]  ein interessanter Fall, die Reihe ist ja sehr, sehr bekannt, läuft auch sehr gut, landet ständig auf

[00:09:27]  den Bestsellerlisten, es gibt ja auch die Serie dazu von "Stars", da sind jetzt da auch schon

[00:09:33] Warte, jetzt muss ich gerade nachschauen, 6 Staffeln haben wir glaube ich, genau, und 8 Staffeln werden es, also und die geht ja

[00:09:41]  auch extrem gut, diese Serie, also richtige Bestseller. Und das ist ein interessanter Fall,

[00:09:46]  weil, das war ihr erstes Buch, das sie geschrieben hat. Sie hat vorher noch nie was geschrieben

[00:09:50]  gehabt und ihr erstes Buch war dann gleich ein historischer Roman. Christina: Wobei darf ich da kurz

[00:09:55]  eine Zwischenfrage stellen. Die ist ja, aber das ist ja nicht rein historisch, oder? Pia: Eben, das ist

[00:10:01]  der Interessante Fall sie wollte einen historischen Roman zwar schreiben, sie hat gesagt, ich will

[00:10:04]  so einen richtig klassischen, dicken, großen historischen Roman schreiben. Dadurch, weil sie aus einem

[00:10:12]  wissenschaftlichen Hintergrund gekommen ist. Sie hat ein PhD gehabt in Verhaltensökologie und hat

[00:10:16]  deswegen natürlich auch wissenschaftlich halt viel recherchiert. Christina: Übrigens auch sehr spannend,

[00:10:21]  weil so... eh, die Hilary Mantel hat Rechtswissenschaft studiert und die Rebecca Gablé hat neben

[00:10:31]  Mediavistik, also Mittelalterkunde, auch verschiedenste Studien abgeschlossen, das ist so ein gewisses..

[00:10:36] Pia: [lachend] Recherche- Fieber, muss man dann schon haben. Christina: [schmunzelnd] Genau, also das eins, jetzt alle drei Autorinnen,

[00:10:43]  die wir heute schon geredet haben. Pia: Ja, interessant. Ja, und sie hat eben, und daher hat sie gedacht,

[00:10:49]  das fällt mir sich am einfachsten, weil sie sich gedacht hat, okay, wenn mir sonst nichts

[00:10:54]  einfällt, ich kann ja immer noch was dazu recherchieren und mir das klauen. Und daher hat sie

[00:11:00]  begonnen, das zu schreiben. Sie hat niemandem gesagt, dass sie schreibt, hat das 18 Monate

[00:11:05]  hat sie dafür gebraucht für das erste Buch, das dann 1991 veröffentlicht wurde, und sie hat

[00:11:11]  das eben als Übung angesehen. Sie wollte einfach einmal ausprobieren, wie das funktioniert. Und

[00:11:16]  das Problem war halt, sie schreibt über Schottland im 18. Jahrhundert und hat dann begonnen,

[00:11:22]  über diese Hauptfigur, die Claire zu schreiben. Und diese Figur ist sie aber nicht so richtig

[00:11:27]  gelungen, die hat ständig irgendwie so freche, moderne Bemerkungen gemacht. Und das ist aber

[00:11:32]  als im Schreiben passiert und dann hat sie sich ewig lang gedacht, was mache ich denn bloß? Und dann

[00:11:36]  ist eben dieses Zeitreise-Element dazu gekommen, weil sie sich gedacht hat, na, ich will die nicht

[00:11:41]  so ändern. Ich möchte die so modern behalten, so frech und modern. Und daher wandel ich das Ganze um

[00:11:48]  und mache es in einen Zeitreise-Roman. Christina: Das finde ich jetzt besonders interessant, weil genau

[00:11:53]  vor dieses Problem sah sich auch die Rebecca Gablé gestellt. Weil du hast ja gerade im

[00:12:00]  historischen Roman brauchst du ja eine... die Identifikationsmöglichkeit zwischen der... den Figuren

[00:12:08]  und besonders den Protagonisten und den Leser:innen. Und sie hat darüber auch gesprochen, in

[00:12:16]  wie sie in ihrem Schreibprozess, dass sie immer, es immer ein Balanceakt ist zwischen der Modernität

[00:12:24]  der Figuren und die irgendwie "relatable" [engl. ansprechend] zu machen für uns als Publikum, aber dann auch eine

[00:12:30]  gewisse Authentizität beizubehalten, weil es im Mittelalterlichen England zum Beispiel,

[00:12:36]  hat sie das Beispiel angeführt, dass es da komplett normal war, also Sexismus und sonstige

[00:12:43] Homophobien. Also das waren natürlich da alles ganz anders, als wir es heute empfinden.

[00:12:49] Pia: Andere Wertevorstellungen, andere kulturelle Vorstellungen.

[00:12:53] Christina: Ich glaube, dass sie das, also das ist, das ist das Protagonisten, gerade also in dieser Zone des

[00:12:59]  historischen Romans sage ich einmal, wo man sich nicht so weit aus dem Fenster lehnt,

[00:13:03]  dass ja dann auch doch eher populäre Literatur ist.

[00:13:07] Dass man da zur Moderne hin tendiert und deswegen für mich lesen sich auch ihre Protagonisten,

[00:13:14]  die meistens männlich sind, auch immer so gleich, ich find interessant, dass die Gableton da diesen Ansatz gewählt haben.

[00:13:22]  Das heißt, sie hat ihre.. sie hat diesen Fantasy-Aspekt aus einem Schreibprozess heraus. Pia: Nur deshalb erschaffen.

[00:13:28]  Genau. Das war vorher null so geplant. Sie wollte einen klassischen historischen Roman machen. [Christina im Hintergrund: Interessant]

[00:13:33] Pia: Und nachher eben, dadurch wie sie sie geschrieben hat, hat sie sich gedacht, das passt nicht rein,

[00:13:38]  ich muss da was anderes machen und dann ist dieses Zeitreisen im Element dazugekommen.

[00:13:42]  Genau. Fand ich recht interessant, das so zu machen.

[00:13:47]  Und sie hat auch immer gesagt bei der Recherche, sie kombiniert die Recherche und das Schreiben.

[00:13:52]  Also es ist nicht so, dass sie vorher recherchiert und dann schreibt, sondern sie macht beides gleichzeitig.

[00:13:57]  Sie recherchiert sehr viel, sie hat 1500 Bände zu Hause,

[00:14:02]  nur für die Recherche. Darunter eben Bücher über Medizin, über Heilmittelpflanzen,

[00:14:09]  weil die Hauptfigur ist auch Krankenschwester im zweiten Weltkrieg gewesen und reist dann eben nach Schottland,

[00:14:14]  in das 18. Jahrhundert.

[00:14:15]  Daher muss sie sich halt auch medizinisch auskennen.

[00:14:17]  Und dann natürlich auch so Sachen wie Lexika, Slangwörterbücher, Gälische-Wörterbücher

[00:14:27]  und auch Bücher über die Traditionen in Schottland und die Heilandkultur.

[00:14:31]  Also da hat sie sehr, sehr viel recherchiert und sie recherchiert auch vorwiegend mit Büchern.

[00:14:36]  Sie sagt, sie verwendet das Internet, aber eher sporadisch.

[00:14:39]  Und auch nur zum Beispiel für Sachen, wenn sie sich nicht vorstellen kann, wie was ausschaut,

[00:14:43]  dafür hat sie es öfter verwendet.

[00:14:45] Christina: Da würde mich, also wir sprechen, da ja von drei Autorinnen, die das schon sehr lange betreiben

[00:14:51]  und die natürlich ihre Methoden haben.

[00:14:56]  Und ich würde dann auch gerne noch mal erzählen, wie die Gablé und die Mantel,

[00:14:59]  was die dazu so sagen, wie sie recherchieren.

[00:15:03]  Mir ist nur gerade eingefallen, es ist sicher interessant, wie sich das in der Zukunft entwickelt.

[00:15:08]  Wenn du dann so Tools [engl. Werkzeuge] hast, wie zum Beispiel ChatGPT,

[00:15:14]  du holst dir da ja, wenn die Infos denn dann auch stimmen,

[00:15:19]  kannst du dir die Infos per Internetanbindung dann ja direkt auch in deine GPT-Konsole holen.

[00:15:26]  Ich glaube, das wird dem einen oder anderen Schriftsteller und der einen oder anderen Schriftstellerin

[00:15:31] die Arbeit sicher erleichtern.

[00:15:33]  Und gerade auch bei so recherche intensiven Genres wie dem historischen Roman kann ich mir zumindest vorstellen.

[00:15:38] Pia: Das kann ich mir schon vorstellen, dass es es einfacher macht.

[00:15:41]  Wobei Gabaldon, sie ist nicht so begeistert vom Internet, sie

[00:15:44]  hat zwar gesagt, das Internet geht halt nicht sehr tief in die Thematiken hinein.

[00:15:50]  Und dafür sind natürlich so spezifische Werk e schon hilfreich.

[00:15:55]  Vor allem, wenn man so ausführliche Werke schreibt.

[00:15:57]  Also für mich wirken ihre Bücher wirklich vorwiegend wie historische Romane und nicht wirklich wie Fantasy.

[00:16:05]  Fantasy, habe ich sehr viele gelesen.

[00:16:07]  Dieses Fantasy-Element ist nur ein bisschen da, aber der größte Teil ist wirklich in diesem Zeitalter. Spielt in diesem Zeitalter.

[00:16:14]  Und da merkt man ihr auch die Recherche an.

[00:16:17]  Also gerade eben das, was mir aufgefallen ist, da habe ich auch noch nicht einmal gewusst, wie sie recherchiert.

[00:16:22]  Das mit den Heilmitteln, da hat man wirklich das Gefühl, die Frau kennt sich aus, obwohl man sie selber nicht auskennt.

[00:16:29]  Aber da merkt man ihr die Recherche auch an.

[00:16:32]  Und da denke ich mir, da hilft das Internet auch noch begrenzt weiter.

[00:16:35] Christina: Ja, das ist sicher ein guter Punkt, weil gerade in ehm, mit historischen Materialien,

[00:16:42]  die müssen, nur was im Internet auch wirklich dargestellt ist, kann hier irgendein Tool oder eine Suchmaschine oder was auch immer ein Algorithmus einspielen.

[00:16:52]  Ganz viele von den Recherche Materialien, das sind alte Texte, alte Briefe, teilweise Jahrhunderte alte Sachen,

[00:16:59]  sind vielleicht nicht oder nur in geschlossenen Datenbanken, wenn überhaupt digitalisiert verfügbar.

[00:17:07]  Sicher ist da ganz viel einfach nicht digitalisiert, noch, wo du dann gar nicht zugreifen kannst.

[00:17:12]  Abgesehen davon, dass Rebecca Gablé zum Beispiel sagt, dass sie sehr gerne vor Beginn eines Romanens Recherche-Reisen macht.

[00:17:23]  Also sie reist dann auch tatsächlich, wenn möglich, zu den Orten in ihrem Fall Großbritannien, über die sie dann was schreiben möchte.

[00:17:32] Das ist ein großer Teil von ihrem Prozess.

[00:17:34]  Aber sowohl bei Gablé als auch bei Mantel habe ich bei [schmunzelnd] meiner Recherche, wie Sie recherchieren, für ihren Roman.

[00:17:42]  Schon so herausgelesen, dass die sehr detailorientiert und strukturiert sind.

[00:17:47]  Also die Mantel zum Beispiel stellt sich von Anfang an eine Struktur auf.

[00:17:53]  Also die legt dann aus, worüber sie schreibt, wo ist der Anfang, Mitte, Ende und alles dazwischen, welche Figuren spielen da mit.

[00:18:03]  Und macht daraus dann Biografien.

[00:18:05]  Und natürlich, wenn das historische Figuren sind, dann geht sie da in die Texte rein.

[00:18:09]  Dann geht sie in verschiedenste Bibliotheken, kann ich nur annehmen.

[00:18:13]  Also man zieht sich halt das Material.

[00:18:15]  Schaut sich historische Dokumente an, manchmal muss man dafür dann Latein können.

[00:18:21]  Oder Mittelhochenglisch oder wie auch immer.

[00:18:25]  Oder wie bei der Gabaldon Gaelisch.

[00:18:27] Pia: Ja die hat das auch. Die hat eben Gaelisch-Wörterbücher, wobei sie gesagt hat, bei Gaelisch hat sie auch Hilfe von einer Gaelischen Stängerin.

[00:18:33]  Ihr fast mehr hilft als die Wörterbücher.

[00:18:35]  Es ist natürlich auch fein, wenn du eine Expertin hast, auf die du verlassen kannst.

[00:18:39] Christina: Die Hilary Mantel zum Beispiel hat jahrelang umfangreiche Recherchen durchgeführt für ihre Cromwell-Trilogie, bevor sie überhaupt auch nur ein Wort geschrieben hat.

[00:18:49]  Und ihr ist es ganz, ganz wichtig, dass diese historischen Fakten stimmen.

[00:18:53]  Und sie möchte es so akkurat wie nur möglich darstellen.

[00:18:59]  Und ich glaube, der Grad der Wichtigkeit ist bei ihr noch mal so hochgeschraubt in ihren Romanen.

[00:19:07]  Also man merkt auch, wie detailverliebt die Romanen sind, wenn man es wirklich liest.

[00:19:13]  Ich habe alle drei gelesen.

[00:19:15]  Und historische Romane sind so schon Recherche aufwendig. Aber da hast du das Gefühl gehabt, du stehst neben dem Cromwell und siehst, welchen Stempel er verwendet. [Pia lacht]

[00:19:25]  So "en détail" [franz. Im Detail] war das.

[00:19:27]  Ganz, und auch bei der Gablé, hast du diese Struktur gemerkt.

[00:19:31]  Und sie hat ja auch Mediavistik studiert. Das heißt 

[00:19:35] auch da hat sie sich ja über viele, viele Jahre mit einer Thematik tiefgehend befasst, bevor sie überhaupt in den Schreibprozess gelangt ist.

[00:19:45]  Das heißt, ein tiefes, ich glaube, unsere drei Autorinnen eint ein tiefes Interesse und eine Leidenschaft für das Thema.

[00:19:51]  Eine strukturierte und detailverliebte Arbeitsweise.

[00:19:55]  Grundsätzlich nicht zu unterschätzen, gerade an Ausbildung in dem Thema.

[00:20:00]  Und dann in den Schreibprozess hinein eben auch diese Struktur mitbringen und dann auch immer weiter recherchieren.

[00:20:09]  Ich kann mir nur vorstellen, dass du dann halt schreibst und dann gehst du weg, um wieder was zu recherchieren.

[00:20:15]  Und dann kommst du wieder zurück und schreibst halt weiter.

[00:20:17]  Bis du irgendwann dann deine 700 bis 1000 [lacht] Seiten hast?

[00:20:21] Pia: Und da ist ja gerade dann ist ja der historische Roman auch, so perfekte Sommerlektüre.

[00:20:27]  Weil da hat man dann Zeit, solche dicken Wälzer [lachend] zu lesen.

[00:20:30] Christina: Oh ja! [Beide lachen]

[00:20:31] Christina: Ja, und man sich so richtig reinfallen lassen kann.

[00:20:35]  Ich muss auch sagen, ich habe die Gablé gelesen und dann lang keinen historischen Roman mehr.

[00:20:43]  Und dann war ich ganz ganz ganz beeindruckt, was das Genre alles noch vermag und was man mit dem Genre noch alles machen kann,

[00:20:53]  als ich dann die Hilary Mantel gelesen habe.

[00:20:55]  Aber es gibt ja auch durchaus historische Romane, die sind wesentlich kürzer,

[00:20:59]  als diese dicken Brocken [lacht], über die wir jetzt geredet haben.

[00:21:03]  Manche sind auch Einzelbände und gar nicht eine Trilogie oder so.

[00:21:07]  Und es gibt auf der ganzen Bandbreite ganz viel, dass man sich mitnehmen kann.

[00:21:13]  Und ich meine, wenn man ein E-Book-Reader hat, dann ist sowieso kein Problem.

[00:21:17] Pia: [lachend] Das ist das positive im Sommer ja.

[00:21:20] Das finde ich auch interessant, dass eben die Figuren, dir auch so modern vorkommen,

[00:21:25]  auch bei der Gablé, die ja nicht so ein Zeitreise-Element reinbaut, wo das Sinn machen würde,

[00:21:30]  finde ich jetzt interessant.

[00:21:32]  Ich glaube, das ist auch der Grund, warum ich nicht so ein Fan von historischen Romanen bin,

[00:21:36]  weil, ein Fan, das kommt eben, wie gesagt immer aufs Thema drauf an.

[00:21:39]  Aber mich stört es irgendwie so, dass diese Frauen dann immer so in dieser Zeit gefangen sind,

[00:21:46]  auch wenn sie sich versuchen zu wehren und rebellisch sind.

[00:21:48]  Da gibt es ja auch jede Menge Beispiele von rebellischen Frauen,

[00:21:52]  über die ein historischer Roman geschrieben wird.

[00:21:55]  Ich habe mir zum Beispiel aufgeschrieben, "Zuleika" von der Bernadine Everisto

[00:22:00]  ist jetzt zum Beispiel gerade rausgekommen über eine Frau im Römischen Reich,

[00:22:05]  die verheiratet werden soll und sich jetzt total dagegen wehrt.

[00:22:08]  Oder auch "Lil" von Markus Gasser, die ist Unternehmerin in New York,

[00:22:13]  die damals gegen alle Regeln verstoßen hat.

[00:22:16]  Also diese Beispiele gibt es schon zu mass.

[00:22:20]  Aber es sind halt doch irgendwie Frauen, die in der Zeit gefangen sind,

[00:22:24]  auch wenn sie verzweifelt versuchen, da was zu ändern.

[00:22:26]  Und das habe ich dann bei Outlander irgendwie so gern gemocht,

[00:22:29]  dass sie als Hauptfigur sehr wohl weiß, dass es anders zugehen könnte.

[00:22:32] Christina: Okay, ja, verstehe.

[00:22:34] Pia: Und auch dagegen hält gegen diese Struktur, die da vorhanden ist.

[00:22:39]  Also das habe ich dann so toll gefunden.

[00:22:41] Christina: Ja, da hast du das Potenzial von historischen Romanen und der Genregrenze

[00:22:47]  zur Fantasy, da ist was potenzial ausgeschöpft.

[00:22:51]  Ich glaube nämlich, dass das der Grund ist, warum die Rebecca Gablé

[00:22:54]  immer männliche Protagonisten schreibt,

[00:22:57]  weil die natürlich wesentlich mehr Macht und Spielraum haben.

[00:23:00]  Und das sind da auch immer weiße männliche Protagonisten,

[00:23:03]  weil sie dadurch... Pia: Automatisch Vorteile mitbringen. Christina: Ja, und durch diese Vorteile in der Geschichte selber,

[00:23:10] Sie sind zwar Underdogs, aber nicht so Underdog,

[00:23:13]  dass sie sich nicht hinaufarbeiten könnten.

[00:23:15] Oder reich werden könnten oder erfolgreich Ritter sein könnten

[00:23:20]  oder was auch immer.

[00:23:22]  Und das ist... aber es ist einfacher, es so zu schreiben,

[00:23:27]  da bin ich mir sicher, weil es auch viel angenehmer,

[00:23:29]  viel leichter runter rutscht.

[00:23:31]  Zum Abschluss habe ich von Peter Prange noch was mitgebracht,

[00:23:34]  nämlich "Die 10 Thesen zum historischen Roman"

[00:23:36]  die ich einmal kurz noch vorstellen wollen würde,

[00:23:39]  wenn es passt. Peter Prange ist ein deutscher Schriftsteller auch,

[00:23:42]  der schreibt auch historische Romane,

[00:23:44]  man kennt ihn vielleicht von der "Weltenpower-Trilogie".

[00:23:47]  Bist du bereit für Zehntesen Pia?

[00:23:49] Pia: Leg los [lacht].

[00:23:50] Christina: These Nummer eins, ein historischer Roman ist kein Geschichtsbuch.

[00:23:54]  Ein historischer Roman ist keine popularisierte Wissenschaft.

[00:23:59]  Er meinte damit, dass ein historischer Roman die Geschichte

[00:24:03]  nicht reduzieren will, aber für sich nutzen

[00:24:07]  und zwar für das Erzähl-Element und für das Spannungs-Element,

[00:24:10]  was du ja auch schon angesprochen hast.

[00:24:12]  Nummer drei, ein historischer Roman handelt nicht von Geschichte,

[00:24:16]  sondern vom Leben.

[00:24:17]  Ein historischer Roman ist dramatisiertes Leben.

[00:24:20]  Ein historischer Roman ist ein realistischer Roman,

[00:24:23]  manchmal mit Fantasie-Elementen, wie wir heute gelernt haben.

[00:24:26]  Ein historischer Roman ist ein Entwicklungs-Roman,

[00:24:29]  ist ein Seelenspiegel, ist ein Gegenwarts-Roman,

[00:24:33]  nämlich der Roman als Medium der Selbstverständigung,

[00:24:36]  damit meinte er, man möchte sich ja immer irgendwie

[00:24:39]  dem Leser ausdrücken, der Leserin gegen den Ausdrücken

[00:24:42]  und den Spiegel auch vorhalten.

[00:24:44]  Ein historischer Roman ist kein Abbild, sondern ein Sinnbild.

[00:24:48]  Punkt Nummer zehn, ein historischer Roman ist zuerst und vor allem ein Roman. [Beide lachen]

[00:24:53]  Ich fand das hat jetzt nochmal gut gepasst

[00:24:57]  und irgendwie ein bisschen schön zusammengefasst,

[00:24:59]  was wir in dieser Folge festgestellt haben.

[00:25:02]  Was meinst du?

[00:25:03] Pia: Ja, finde ich auch.

[00:25:04] Christina: Bist du zufrieden mit seinen Thesen?

[00:25:05] Pia: Ich bin zufrieden mit seinen Thesen [lacht]

[00:25:07]  Ja, und wie steht es mit euch?

[00:25:10]  Mögt ihr historische Romane?

[00:25:11]  Welche historischen Romane habt ihr gelesen?

[00:25:13]  Welche gefallen euch besonders gut?

[00:25:16]  Habt ihr vor im Sommer jetzt welche zu lesen?

[00:25:19]  Was nehmt ihr denn in den Urlaub so mit?

[00:25:21]  Schreibt uns das unter post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at

[00:25:27]  oder gerne auch auf Instagram oder Facebook.

[00:25:30] Christina: Bis zum nächsten Mal. [Pia lacht im Hintergrund]

[00:25:34] Christina: Ja, bis zum nächsten Mal und alles Liebe, alles Gute, schönen Urlaub, schönen Sommer.

[00:25:40]  Bis dahin. Pia: Tschüss.

[00:25:41]  [Outro-Musik]

[00:26:05] [Männliche Stimme]: Das Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck

[00:26:09]  und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Warum mögen wir eigentlich Kafka?

Warum mögen wir eigentlich Kafka?

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.

[00:00:06]  [Dumpfe Hintergrundgeräusche, Stimmen, Geschirr] Verena: Da hat man mir voll meine Nervosität genommen, weil du einfach eine halbe Stunde vorher anfängst.

[00:00:22]  Christina: Einfach so wie es ausgemacht war! [lachen]

[00:00:25]  Verena: Frechheit. [Beide lachen]

[00:00:28]  [Intro-Musik]

[00:00:42]  Christina: Hallo und herzlich willkommen zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:47]  Mein Name ist Christina und heute habe ich einen ganz besonderen Gast, beziehungsweise eine Gästin,

[00:00:52]  nämlich meine liebe Kolleginnen, die Verena. Hallo Verena.

[00:00:56] Verena: Hallo Christina. Christina: Es freut mich sehr, dass du dich, darf ich es sagen, überwunden hast, heute bei uns zu sein.

[00:01:01]  Da haben wir ein bisschen darüber geredet, bevor du dich bereit erklärt hast, oder?

[00:01:05]  Verena: Ja, ich weiß auch nicht, wie mir das passiert, dass ich jetzt hier sitze.

[00:01:09]  Christina: Ja, das passiert, wenn man sich im Pausenraum [beide lachen] über die Arbeit unterhaltet.

[00:01:16] Verena: Und zu weit aus den Fenster lehnt.

[00:01:19]  Viel zu weit aus dem Fenster lehnt.

[00:01:21] Christina: Das ist auch der Grund, warum ich hier sitze. [beide lachen]

[00:01:25]  Viele von uns haben diese Feuertaufe schon überstanden, die Pia und ich haben sie ja letztes Jahr schon gemacht

[00:01:30]  und waren fürchterlich nervös

[00:01:32] am Anfang. Inzwischen geht es ein bisschen besser, wenn man es wöchentlich macht.

[00:01:36]  Umso froher bin ich, dass du da bist.

[00:01:39]  Und wir beschäftigen uns heute mit der folgenden Frage, nämlich, warum mögen wir eigentlich Kafka?

[00:01:47]  Verena, wie sind wir denn jetzt auf das Thema gekommen?

[00:01:51]  Verena: Es gibt eine neue Fernseherin im ORF "Kafka" die der David Schalko gemacht hat, als Regisseur,

[00:01:58]  und da Daniel Kehlmann das Drehbuch geschrieben hat.

[00:02:00]  Und ich habe die Serie gesehen und irgendwie sind wir im Pausenraum darauf zu sprechen gekommen.

[00:02:05]  Und deshalb sitzen wir jetzt hier.

[00:02:07]  Und die Frage ist natürlich, warum macht man eine Serie über Kafka?

[00:02:12] Christina: Naja, zum ersten Mal ist es der 100. Todestag.

[00:02:16]  Der Kafka ist, beziehungsweise der kommt, also dieses Jahr ist am 3.6.1924 gestorben,

[00:02:23]  ist jetzt 100 Jahre Tod bald.

[00:02:26]  Und zu dem Anlass machen wir auch die Folge.

[00:02:29]  Zu dem Anlass gibt es die Serie.

[00:02:31]  Und irgendwie kann man sich ja ein bisschen fragen.

[00:02:35] Also man nimmt... Ich habe immer das Gefühl, man nimmt diese Sachen zum Anlass, damit man halt irgendwas hat, über was man reden kann.

[00:02:40] Verena: Ja.

[00:02:43]  Und bei allem, was ich dann so gegoogelt habe über Kafka und über Interviews mit David Schalko und Daniel Kehlmann,

[00:02:51]  sie finden Kafka wirklich immer noch sehr toll.

[00:02:54]  Und sie sagen, er ist der Autor des 20. Jahrhunderts.

[00:03:02] Christina: Er gilt ja als Klassiker der Weltliteratur.

[00:03:06]  Wir haben ja im Podcast schon öfter über den Begriff "Weltliteratur" geredet

[00:03:12]  und sind uns einig, dass es ein sehr westlicher Kanon ist.

[00:03:15]  Und stellen ja auch immer mal wieder den Kanonbegriff in Frage. Für die Folge heute

[00:03:20] haben wir uns ein bisschen unterschiedlich vorbereitet.

[00:03:23]  Du hast dir die Serie angeschaut.

[00:03:25]  Ich habe nochmal zwei Erzählungen von Kafka gelesen. Verena: Oohh.

[00:03:29] Christina: Ja, das erste Mal seit zehn Jahren.

[00:03:32] Verena: Was hast du gelesen? [Beide lachen]

[00:03:34] Christina: Dass du mir so inhaltlich tiefe Fragen stellst, damit habe ich jetzt nicht gerechnet.

[00:03:41] Nein, ich hab gelesen "Die Verwandlung" und "Das Urteil".

[00:03:45]  Also zwei sehr kurzweilige Sachen.

[00:03:49]  Ich muss auch sagen, Kafka evoziert in mir immer erst einmal so, oh, bitte nicht.

[00:03:55]  Und ich weiß nicht, ob dir das aufgefallen ist, aber wo man im Pausenraum mit anderen Teamitgliedern drüber gesprochen haben,

[00:04:01]  hat es so 50/50 oder ich würde sogar sagen 80/20 Reaktionen gegeben von wegen,

[00:04:07]  ah, nicht der Kafka.

[00:04:09] Hat die Serie... Also ich habe das Gefühl, Kafka hat so einen verstaubten, also deprimierenden Anklang.

[00:04:14]  Wenn du Kafka hörst, denkst du, boah, jetzt wird es deprimierend.

[00:04:17]  Wie ist da die Serie?

[00:04:19] Verena: Also, ich habe die Serie nicht als deprimierend empfunden.

[00:04:23]  Sie versuchen hier vor allem sein Leben mit seinen Werken zu verknüpfen.

[00:04:29]  Das heißt, sie finden in jeder Folge Anhaltspunkte, warum er wann was geschrieben hat.

[00:04:36]  Jede Folge steht unter einem anderen Blickwinkel, würde ich jetzt einmal sagen.

[00:04:42]  Eine Folge geht um die Familie, eine Folge geht ums Büro.

[00:04:47] Ich meine er ist ja Versicherungsangestellter der staatlichen Unfallversicherung,

[00:04:52]  was ja eigentlich sehr witzig finde, weil er ein sehr bürokratischer Mensch war.

[00:04:57]  Andere Folgen gehen eben um die drei wichtigsten Frauen in seinem Leben.

[00:05:02] Eine natürliche um Max Brod, dem wir es zu verdanken haben, dass wir Kafka kennen.

[00:05:06] Christina: Der hat ja gegen Kafkas Willen, im Endeffekt postum, seine Werke veröffentlicht, die noch unveröffentlicht waren.

[00:05:15] Verena: Ganz genau! Christina: ... Tagebücher und so weiter.

[00:05:17] Verena: Genau, genau.

[00:05:19]  Und nach allem, was ich nachgelesen habe, ist, dass was Kafka so besonders macht,

[00:05:23]  abgesehen davon, dass er unfassbar tolle Texte verfasst hat.

[00:05:26]  Auch, dass er so viel Tagebuch geschrieben hat.

[00:05:30] Das heißt, er ist ein Autor, über den man am meisten weiß, weil er so akribisch Tagebuch geschrieben hat.

[00:05:37]  Und es gibt einen Kafka-Biografen, der auch für die Serie, bei der Serie mitgearbeitet hat,

[00:05:45]  beziehungsweise immer die Informationen geliefert hat.

[00:05:48]  Und das ist der Rainer Stach.

[00:05:50]  Der hat eine dreiteilige, unfassbare Biografie über Kafka geschrieben.

[00:05:54]  Und, glaube ich, macht sein Leben lang nichts anderes, als sich mit Kafka

[00:05:59] zu [lachend] beschäftigen, wie auch immer man das jetzt finden mag [lacht].

[00:06:03] Christina: Das ist so die Art von Literaturwissenschaftler, der immer tiefer und tiefer in sein Rabbit hole verschwindet.

[00:06:11] Bis er dann eine dreiteilige Biografie macht und dann eine Serie beim ORF... Verena: ...begleitet.

[00:06:18]  Und er hält Vorträge.

[00:06:21]  Also, ich glaube, er macht wirklich nichts anderes.

[00:06:24] Christina: Und wir haben ihn da.

[00:06:26] Verena: Natürlich. [Lachen]

[00:06:28] Christina: Das ist ein Standardwerk, wie du sagst.

[00:06:30]  Haben wir den natürlich in der Bibliothek genauso wie die ganzen Werke von Kafka.

[00:06:34]  Haben wir auch alle, finden sich auch alle.

[00:06:37] Verena: Eben. Und dann auch die Frage gestellt, wird Kafka wirklich noch so viel gelesen und was haben wir über Kafka da?

[00:06:45]  Und ich habe dann nachgeschaut.

[00:06:47]  Und wenn ich nur den Autor Kafka eingeb, dann haben wir 19 Datensätze.

[00:06:54] Christina: Für alle, die es jetzt nicht sehen, die Verena hat in typisch bibliothekarischer Manier.

[00:06:59]  Ist es die Excel-Tabelle? [Papier raschelt]

[00:07:02] Verena: Statistik. [Beide lachen]

[00:07:04] Christina: [lachen] Statistik aus unserem Liter... Ehm aus unserem Bibliotheksprogramm ausgedruckt.

[00:07:09]  Und hat sich angeschaut, wie viele verschiedene Sachen wir von Kafka insgesamt haben.

[00:07:14]  Und hast du auch Zahlen, wie gut die gehen?

[00:07:16] Verena: Also, Kafka als Autor, nicht als Person.

[00:07:20]  Das ist nur ein Unterschied.

[00:07:23] Haben wir 19 Sachen, da, Hörbücher, Bücher.

[00:07:25]  Und ja, sie gehen alle.

[00:07:28]  Um die fünf, sechs Mal war mindestens jedes Verliehen.

[00:07:32]  Und wir haben sie nicht schon seit 20 Jahren im Haus.

[00:07:35]  Also, es war in den letzten zwei, drei Jahren.

[00:07:38] Christina: Ich zum Beispiel habe mir dieses Kurzgeschichtenbändchen, das ich mir da ausgeliehen habe.

[00:07:43]  Das ist eine Ausgabe von Fischer Taschenbuch.

[00:07:46]  Und das dürfte, wann ist das rauskommen, wahrscheinlich.

[00:07:50] Verena: Wir haben es seit Februar 23.

[00:07:52] Christina: Ja.

[00:07:53]  Also, ganz ein modernes kleines Bändchen, total schön auch gestaltet, finde ich.

[00:07:57]  Man sieht es jetzt nicht, so da, aber in Shownotes verlinkt, das kann man sich auch bei uns ausleihen.

[00:08:02]  In dem Kontext stellt sich ja die Frage, warum ich... Also dieses erste Grausen das mich ergriffen hat [lacht]

[00:08:10]  Wo wir angefangen haben, darüber zu sprechen, dass wir mal eine Folge über Kafka machen könnten.

[00:08:16]  Bezieht sich auch so ein bisschen auf meine Erfahrung mit Kafka.

[00:08:21]  Also, erstens einmal meine ersten Berührungspunkte davon waren, da war ich noch weit weg von jedweder Arbeitsfeld, von jedweden 9 to 5 Job,

[00:08:32]  sondern das war  zuerst in der Schule und dann früh im Studium.

[00:08:37]  Und jetzt, wo ich "Die Verwandlung" vor allem Dinge noch einmal gelesen habe, Kafka erzählt ja in der Moderne.

[00:08:44]  Kafka ist dem Expressionismus zuzuordnen, dem literarischen, der neue Subjektivität, die er aber im Gegensatz zu viel in seiner Zeitgenossen mit einer sehr großen Sachlichkeit ausdrückt.

[00:08:55]  Da habe ich das erste Mal in meinem Leben seit ich Kafka gelesen und ich hätte nicht mehr zu Kafka gegriffen, wenn wir nicht heute die Folge gemacht hätten.

[00:09:05] Gewisse Parallelen. Ich würde es mal... Für mich habe ich da auch durchaus kapitalismuskritische Züge drin gelesen, Leistungsgesellschaft, das Funktionieren, er funktioniert irgendwann nicht mehr in der Erzählung,

[00:09:15] also der Georg Samsa, weil er zum Käfer wird und sein erster Gedanke ist, er muss aber trotzdem weiter arbeiten gehen und so weiter und so fort.

[00:09:23]  Und dann löst sich dieses Familienkonstrukt so nach und nach auf.

[00:09:26]  Die ganze Familie ist abhängig von seiner Erwerbstätigkeit und so weiter.

[00:09:31]  Und daher lesen wir Kafka auch einfach zu früh. Weil da habe ich das erste Mal die Literatur so verstanden, wie ich finde, dass man sie am besten versteht, nämlich auf einer persönlichen Ebene und davor war es immer auf einer theoretischen, völlig abstrahierten Ebene, also in der Schule und im Studium.

[00:09:48]  Ein anderer Autor, der Italo Calvino, hat auf die allgemeine Frage geantwortet, warum wir Klassiker lesen sollten.

[00:09:56]  Insgesamt hat er zwei Antworten gehabt.

[00:09:58]  Die erste Antwort ist dein Klassiker, also der Klassiker, den man selber vielleicht zur Hand nimmt, ist der, der dir nicht gleichgültig sein kann und der dir dazu dient, dich in Bezug oder im Gegensatz zu ihm zu definieren.

[00:10:14]  Und das hat mir besonders gefallen.

[00:10:17] Weil das hat für mich aufgegriffen, dass ich mich immer im Gegensatz zu Kafka definiert habe, als Leserin und dass ich gemerkt habe, dass viele Leute sich auf dem Gegensatz oder im Bezug zu einem Klassiker definieren.

[00:10:28]  Ich mag Kafka.

[00:10:30]  Ich habe mehr "Kafkaesk" [Adjektiv, benannt nach Kafka] auf die Hand tätowiert oder so.

[00:10:33]  Gibt es auch, im Literaturstudium zumindest. [Beide lachen]

[00:10:36] Verena: Okay.

[00:10:40] Christina: Würdest du dich... Hättest du dich vor der Folge im Bezug auf Kafka definiert oder im Gegensatz zu Kafka?

[00:10:47]  Hast du seine Texte... Ehm, war das was, das dir was gegeben hat oder hattest du dich da gar nicht damit beschäftigt?

[00:10:54] Verena: Also wir haben "Die Verwandlung" in der Schule gelesen.

[00:10:58]  und

[00:10:59] Ich kann mich... ich habe es gerne gelesen und ich kann mich einfach an den Schluss erinnern,

[00:11:05]  dass die Familie glücklich Kutsche fahren geht, nachdem der Käfer endlich gestorben ist.

[00:11:11]  Und das hat mich damals schon geschockt. Mein, es ist doch ein Familienmitglied war.

[00:11:18]  Und ich denke, man kann Kafka ganz viel herauslesen.

[00:11:23]  Ja, ich habe mich auch nie wieder mit Kafka beschäftigt, bis eben zur Serie.

[00:11:27]  Und ich habe es ganz interessant gefunden, vielleicht auch mit meinem Hintergrund,

[00:11:31]  als... ich hab irgendwann einmal Geschichte studiert, dass es um sein Leben geht, um die Zeit, um den Zeitgeist.

[00:11:40]  Es geht darum, wie er gelebt hat, was er getan hat, dass er... welche Ängste er gehabt hat.

[00:11:49]  Alles aus seinem Tagebuch raus. Es sind ganz viele Zitate von ihm drinnen.

[00:11:53]  Und man versteht, ein bisschen besser.

[00:11:57] Ich mein, die Frage bleibt immer noch, warum über Kafka, okay, 100 Jahre, alles in allem,

[00:12:03]  ist das ein interessantes Bild über die Zeit.

[00:12:06] Christina: Bevor wir... Also bevor ich jetzt auf den zweiten Grund, warum man Klassiker lesen soll, von Calvino zu sprechen komme,

[00:12:14]  dazu, das ist genau das, was Literatur allgemein und Klassiker der Weltliteratur,

[00:12:22]  die im Kanon verhaftet sind, insbesondere so interessant macht,

[00:12:26]  weil man sie ja aus großem zeitlichen Abstand oft liest und dann im Kontext ihrer Zeit lesen sollte oder fast muss.

[00:12:35]  Kafka ist ja, hat expressionistisch geschrieben, und er hat zum, im Epochenbegriff von einer Literatur,

[00:12:45]  die man ja auch erst immer im Nachhinein definieren kann.

[00:12:49]  Es ist die literarische Moderne und die zeichnet sich halt insbesondere durch das Aufkommen von,

[00:12:54]  also die Industrialisierung hat da Fuß gefasst.

[00:12:58]  Die Leute haben in der Stadt gelebt, Kafka selber war in einer Versicherungsanstalt tätig, der hat Jus studiert.

[00:13:07]  Es gab die Wissenschaft, hat neue Erkenntnisse hervorgebracht, die Relativitätstheorie von Einstein,

[00:13:13] Freud ist mit seiner Psychoanalyse, die Ecke gekommen.

[00:13:16] Das war auch was, was Kafka sehr beeinflusst hat.

[00:13:19]  Und dieser komplette gesellschaftliche Umbruch, all diese Neuerungen in der Gesellschaft,

[00:13:26] die hat er sicherlich als Kind seiner Zeit, ohne das bewusst darstellen zu wollen,

[00:13:32]  jetzt also so herausgearbeitet irgendwie.

[00:13:35]  Und das liest man aus ihm heraus und das ist wahrscheinlich was gute Schriftsteller:innen ausmacht.

[00:13:41]  Dass man das im Kontext dann so aus ihren Texten schöpfen kann.

[00:13:47]  Und es ist ja auch sehr interessant, weil uns das ja auch gerade passiert.

[00:13:50] Wir leben in einer Zeit von immensen Umbrüchen, sowohl technologisch als auch umweltechnisch, als auch politisch.

[00:13:59]  In 100 Jahren schauen die Leute auch wieder zurück auf die Literatur, die heute entstanden ist

[00:14:05]  und reden vielleicht über jemand anderen, so wie wir jetzt über Kafka.

[00:14:10]  Da sagt der Calvino, warum sollte man es lesen, ganz salopp, weil es besser ist, als es nicht gelesen zu haben.

[00:14:16]  Das ist einfach die bessere Wahl von beiden.

[00:14:19] Verena: Das stimmt ganz sicherlich und du darfst nicht vergessen,

[00:14:23]  du hast jetzt ganz viele Veränderungen aufgezählt und es waren noch mehr.

[00:14:27]  Es ist ja noch der erste Weltkrieg darin gefallen, die Donaumonarchie ist zerfallen.

[00:14:33]  Er war zuerst Deutsch-Tscheche, das heißt, in Prag eigentlich zur Elite gehörend.

[00:14:39]  Und dann, nach dem Krieg, war er plötzlich Tscheche und plötzlich hat man nicht mehr Deutsch sprechen können,

[00:14:46]  dürfen, vor allem in der Arbeit, in der Firma, was davor Gang und Gebe war.

[00:14:52]  Also das sind auch Umbrüche und ich weiß nicht, das ist zumindest in einer Serie ein Zitat,

[00:14:57] Aber er sagt einmal, er kann keine Sprache wirklich, weder Deutsch noch Tschechisch.

[00:15:03]  Und das finde ich auch ganz spannend, dass er sich da immer zurücknimmt und immer wieder den Eindruck erweckt,

[00:15:10]  dass dass nichts gut genug ist und er will immer irgendwie besser sein und alles noch besser machen.

[00:15:17]  Und ja, es ist ihm, obwohl er die Vernichtung seiner Texte wollte, weil sie ihm nicht gut genug waren, gelungen.

[00:15:24]  Dank oder wegen Max Brod, der es ja damit auch nicht sehr leicht gehabt hat, glaube ich, mit diesem Erbe.

[00:15:32] Christina: Warum mögen wir eigentlich Kafka?

[00:15:37]  Vielleicht ist die Antwort auf die Frage, ich weiß nicht, ob du mir zustimmst, Verena.

[00:15:42]  Man muss ihn ja nicht mögen, aber "Das Urteil" ist kurz genug, dass man ihn wenigstens gelesen haben könnte.

[00:15:48] Verena: Ich glaube, man kommt gar nicht aus.

[00:15:51]  Also wir müssen ihn nicht unbedingt mögen und nicht seine Werke schätzen, aber man kommt nicht daran vorbei, egal was man liest.

[00:15:59]  Und vielleicht hast du es gesehen, ich habe uns das "Innsbruck liest"-Buch mitgebracht, weil Kafka darin vorkommt.

[00:16:06]  Und wenn man sich mit einem Thema beschäftigt, dann stolpert man in allen Bereichen drüber.

[00:16:12]  Zum Beispiel wird hier nur von einem Bücherregal.

[00:16:16]  Da steht dann halt, listet die Autorin auf, was für Bücher im Regal stehen.

[00:16:21]  Und natürlich steht da auch Kafka drinnen.

[00:16:23]  Natürlich. Was denn sonst?

[00:16:26]  Und ich, in der Buchhandlung neue Bücher über Kafka sind mir begegnet.

[00:16:31]  Mir ist Kafka in den letzten Wochen überall begegnet.

[00:16:34]  Also wir können ihm gar nicht ausstellen.

[00:16:37] Christina: Und da möchte ich zum Abschluss noch eine kleine Gesellschaftskritik anschließen.

[00:16:43]  Weil natürlich rezipiert sich der ehm das Verlagswesen und in dem Fall auch die Medienlandschaft immer wieder selber.

[00:16:53]  Weil in dem Kontext, und da reden wir auch wieder im Kontext von Kanon und Kanonbildung,

[00:16:59]  und die Texte, die wir immer und immer wieder neu rezipieren wollen,

[00:17:03]  sind leider und nach wie vor Texte von weißen Männern.

[00:17:08] Die auch wenn Kafka sicher als Underdog [engl. für einen Benachteiligten] gelten mag, so wie er sich selbst darstellt.

[00:17:17]  Also das ist so ein bisschen das Gefühl, das man vielleicht bekommt,

[00:17:23]  wenn man sich mit Kafka beschäftigt, weil er ja, wie du schon gesagt hast,

[00:17:27]  immer so unzufrieden mit seinem eigenen Schreiben war.

[00:17:29]  Und dieses typische gequälte Künstler-Dasein halt,

[00:17:32]  ist die Tatsache, dass wir Geburtstage und Todestage und Veröffentlichungstage,

[00:17:39] und was weiß ich für Tage immer wieder zum Anlass nehmen,

[00:17:42]  immer wieder die gleichen Stimme zu rezipieren,

[00:17:44]  ist halt, deswegen kommen wir dem ja nicht aus.

[00:17:46]  Und während ich nicht finde, dass Kafka Verluste gehen sollte,

[00:17:49]  und ich schon sehe, dass das einen großen Mehrwert hat,

[00:17:52]  finde ich es schon bedauerlich, dass wir ganz viele Stimmen,

[00:17:55]  die es sonst gegeben hätte von Frauen aus seiner Zeit,

[00:17:58]  die vielleicht auch in die Moderne hineingeschrieben hätten,

[00:18:01]  aber stattdessen halt das Abendessen kochen haben müssen.

[00:18:04]  Und deswegen nichts, die Zeit hatten, die Nächte durchzuschreiben

[00:18:07]  oder marginalisierte Gruppen, die gar nicht schreiben konnten,

[00:18:11]  weil sie von der Bildungsgesellschaft komplett ausgeschlossen waren,

[00:18:14]  aus nicht eigenem Verschulden, dass wir diese Stimmen nie hören werden

[00:18:19]  und dass wir immer nur die gleichen, es ist ein bisschen ein Echokammer, finde ich.

[00:18:23]  Und das schwingt für mich inzwischen immer mit,

[00:18:27]  wenn wir diese Kanontypischen Autoren,

[00:18:30]  und das sind leider halt nicht immer,

[00:18:32]  aber meistens Autoren, männliche Form, besprechen.

[00:18:35]  Ich weiß nicht, ob du mir da zustimmst.

[00:18:38] Verena: Ich stimme dir völlig zu.

[00:18:40]  Und ich habe mir auch bei der Serie, beim Schauen, eben genau diese Frage gestellt.

[00:18:45]  Und ich habe dann mir überlegt,

[00:18:47]  na ja, gibt es auch jetzt in diesem Kontext, in dieser Serie eine Frau

[00:18:51]  oder eine andere Person, die eigentlich für mich persönlich interessanter ist als Kafka.

[00:18:57]  Und ich habe sie natürlich gefunden. [Beide lachen]

[00:19:00]  Und zwar ist es die Milena Jesenska.

[00:19:05]  Sie hat seine Werke ins tschechische übersetzt.

[00:19:08]  Sie war auch eine Briefliebe vom Kafka.

[00:19:12]  Sie verbringen auch einmal ein paar Tage in Wien.

[00:19:15]  Aber sie hat wirklich ein spannendes Leben gehabt.

[00:19:17]  Ihr Vater wollte, sie, hat sie in die Psychiatrie einweisen lassen,

[00:19:21]  weil sie heiraten wollte, er wollte sie entmündigen lassen.

[00:19:24]  Sie hat dann doch den Ernst Polak heiraten dürfen.

[00:19:27]  Sie sind dann nach Wien, waren bettelarm, haben sich durchgekämpft.

[00:19:31]  Sie wollte Journalistin sein.

[00:19:33]  Und es kommt in der Folge gut raus, dass die ganz viele verschiedene Sachen gemacht hat

[00:19:37]  und ganz ein spannendes Leben geführt hat.

[00:19:39]  Und im Endeffekt im Nationalsozialismus, im Widerstand,

[00:19:43] tätig war und im Konzentrationslager gestorben ist.

[00:19:47]  Also, ganz ein starke Frau, die wirklich ein spannendes Leben geführt hat,

[00:19:54]  das jetzt vielleicht spannender ist, als das von einem Versicherungsangestellten aus Prag ist. [Beide lachen]

[00:19:59]  Dann würde ich jetzt mal sagen, vielleicht.

[00:20:02]  Es gibt auch, weil sie eben mit Kafka Briefe geschrieben hat,

[00:20:06]  gibt es auch eine Biografie über sie oder mehrere über sie.

[00:20:09]  Und es gibt auch journalistische Texte, die sie verfasst hat.

[00:20:13]  Also, da wäre auch eine Basis da, wo man mal was draus machen könnte.

[00:20:17] Christina: Okay, ich sehe schon.

[00:20:19]  Habe ich vielleicht eine Chance, oder haben wir und die Hörerinnen und Hörer eine Chance,

[00:20:23]  dass du wieder zu Gast bist.

[00:20:25]  Wie hat es dir denn gefallen heute bei uns?

[00:20:27] Verna: Ja, es hat mir sehr gut gefallen. [Beide lachen]

[00:20:30]  Ich darf jetzt auch nichts anderes sagen.

[00:20:33] Nein. Es ist immer total nett und wir haben jetzt fein gequatscht.

[00:20:37]  Ich war im Endeffekt nicht so nervös, wie ich dachte.

[00:20:40]  Und ja, es war ganz fein.

[00:20:43] Christina: Also, eine Empfehlung von der Verena von Alois Prinz.

[00:20:47] "Ein lebendiges Feuer", die Lebensgeschichte der Milena Jesenska.

[00:20:52] Haben wir auch in der Stadtbibliothek alles verlinkt in den Show Notes

[00:20:55]  und damit endet unsere Folge heute.

[00:20:57]  Danke, Verena, dass du dir die Zeit genommen hast.

[00:20:59] Verena: Ja, sehr gerne, Christina.

[00:21:01]  Vielen Dank für die Einladung. [Lacht] Christina: Jederzeit.

[00:21:03] [Beide lachen]

[00:21:05]  Und die Frage ist, lest ihr Kafka, habt ihr Kafka gelesen?

[00:21:09]  Mich würde interessieren, habt ihr Kafka in der Schule gelesen?

[00:21:12]  Und wie war dort euer Eindruck?

[00:21:14]  Schreibt uns auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at

[00:21:19] Oder auf Instagram oder Facebook.

[00:21:21]  Der Hashtag ist "gemeinsam besser".

[00:21:23]  Wir wünschen euch gutes Lesen und bis zum nächsten Mal.

[00:21:26]  [Outro-Musik]

[00:21:49] [Frauenstimme]: Das Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen,

[00:21:54] dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Innsbruck liest-Edition: Gespräch mit Caroline Wahl

Innsbruck liest-Edition: Gespräch mit Caroline Wahl

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Wasser plätschert] [Intro-Musik] Boris: Hallo und herzlich willkommen bei dem Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:26]  Ich habe heute einen ganz besonderen Gast bei mir sitzen, Caroline Wal, die Autorin des

[00:00:33]  Romans "22 Bahnen", ein Spiegelbestseller, wie ich schon erwähnen darf und das heurige Buch für

[00:00:41]  die Aktion "Innsbruck liest". Herzlich willkommen. Caroline: Ich freue mich hier zu sein, Danke. Boris: Jetzt habe

[00:00:46]  ich natürlich vergessen, wer ich bin. Ich heiße Boris Schön. Ja, es freut mich sehr, dass du da bist.

[00:00:50]  Du bist gestern in Innsbruck angekommen, erste Eindrücke. Caroline: Super schön, also voll überwältigt.

[00:00:56]  Mit den Bergen und so. Also ich wusste, also man weiß ja schon, wie es ungefähr aussieht,

[00:01:01]  so von Bildern. Aber wenn man dann da ist, dann ist man schon nochmal beeindruckt ja. Boris: Das freut mich sehr.

[00:01:09]  Caroline: Ich freue mich auch, dass ich mehrere Tage hier bin, dass ich jetzt nicht nur einen Abend habe.

[00:01:12] Weil oft ist man ja nur eine Lesung da, dass man dann einfach mal ein bisschen Zeit hat,

[00:01:17]  auch die Stadt ein bisschen kennenzulernen. Boris: Eben, das ist dann das am Bahnhof ankommen abends oder

[00:01:22]  späten Nachmittag und am nächsten Tag in der Früh wieder abreisen. Caroline: Genau. Boris: Das ist natürlich ja... Caroline: Meistens so.

[00:01:27]  Boris: Das dürfte aber auch schon auch was gewesen sein, was du in letzter Zeit viel gehabt hast,

[00:01:30]  oder? Caroline: Ja, immer fast, ja doch. Das ist manchmal so, dass man irgendwie Lesungen hat, die nah beieinander

[00:01:36]  sind und dann hat man zwei Nächte in einem Hotel und das ist dann immer super cool. Man kann

[00:01:42]  mal richtig ankommen, Koffer auspacken und so. Boris: Meine erste Frage ist ein bisschen...

[00:01:46]  so eine Aktion wie "Innsbruck liest", also es werden jetzt 10.000 Bücher verteilt und dazu gibt es

[00:01:50]  dann ein Veranstaltungsprogramm. Hast du sowas ähnliches schon erlebt? Caroline: Ich habe "Bern liest ein Buch"

[00:01:54]  gemacht, ja. Boris: Und wie war das so von...? Caroline: Ja auch cool, weil man halt auch so Veranstaltungen hat,

[00:02:02]  die so unterschiedlich sind. Also sind ja dann immer ganz andere Rahmen und das macht einfach Spaß,

[00:02:07]  weil man, ich finde, das ist so eine ganz andere Form von Veranstaltung, weil man so die Stadt

[00:02:14]  richtig kennen lernt, aber auch die Leser irgendwie anders sind, weil das so, weiß nicht. Man hat das Gefühl,

[00:02:19]  die ganze Stadt genießt diese Aktion irgendwie. Boris: Ja, es ist natürlich jetzt, was die nächsten Tage

[00:02:25]  auf dich zukommt, ist natürlich sehr viel Kontakt mit sehr vielen Menschen, die zu den Lesungen

[00:02:30]  kommen, aber natürlich auch zu den Signierstunden. Und was auch auf dich zukommen wird, sind, wie du

[00:02:36]  jetzt eh schon gesagt hast, sind besonderer Orte. Wir haben ja auch diesmal zum Beispiel eine Lesung

[00:02:39]  in der Aula von einem städtischen Hallenbad und ich freue mich schon sehr. Caroline: Ja, das war immer cool,

[00:02:45]  es macht Spaß. Boris: Ja, jetzt habe ich so eine Frage. Wie war denn das damals, wie du erfahren hast,

[00:02:50]  dass du bei der Aktion teilnimmst? Kannst du dich dann noch dran erinnern? Caroline: Ja, also als die Anfrage

[00:02:54]  kam, war es glaube ich schon so, dass mein Terminkalender recht voll war und dass ich einfach keine Termine

[00:03:00]  mehr angenommen habe. Also dass es quasi eine Warteliste gab und das hat mir dann meine Veranstaltungs

[00:03:06]  referentin weitergeleitet, meinte schau mal drüber, das ist ganz cool. Und habe ich sofort ja gesagt,

[00:03:11] weil Innsbruck, habe ich mich Bock auf Österreich und habe mich voll gefreut. Boris: Dein Terminkalender ist

[00:03:18]  natürlich eben so voll, weil du ja sehr erfolgreich mit deinem ersten Roman bist und es kommt dann

[00:03:23]  auch bald der zweite, wobei dann möchte ich dann später noch kurz darauf zurückkommen. Mich würde

[00:03:27]  interessieren, wie war denn jetzt so diese Reise eigentlich? Es ist dein Debüt, du hast dich

[00:03:33]  hingesetzt, hast dir gedacht, ich schraube einen Roman und wie ging das dann los? Wie bist du zum

[00:03:38]  Dumont Verlag gekommen, hast du das eingeschickt, war das mit Agentur oder darf ich so fragen?

[00:03:45]  Caroline: Ja klar! Also ich habe den Text geschrieben, als ich so einen anderen Job hatte in Zürich, der mir

[00:03:51]  nicht gefallen hat und dann dachte ich, ich mache das jetzt irgendwie und habe gleich die ersten

[00:03:56]  Seiten schon einer Agentur geschickt, damit ich irgendwie so eine Bestätigung hatte, dass ich meine

[00:03:59]  ganze Freizeit jetzt nicht irgend einem Mist widme und die haben mich auch bestärkt zum Weitermachen

[00:04:03]  und haben dann auch recht früh gesagt, dass sie mich vertreten und als der Text fertig war, wurde

[00:04:09]  eben gepitched an mehrere Verlage und dann gab es eine Auktion, haben mehrere Verlage mitgeboten

[00:04:13]  und dann habe ich mich für Dumont entschieden und es ging irgendwie alles Schlag auf Schlag, also

[00:04:19]  die wollten das recht früh bringen und dadurch ist irgendwie alles so ganz nah beieinander und alles

[00:04:23]  wurde irgendwie immer krasser bis ja, bis jetzt [lacht]. Boris: Und hat es dich dann so ein bisschen überrollt,

[00:04:32]  der Erfolg, der dann gleich auch nachkam und... Caroline: Ja schon, also ich hatte auch irgendwie das Gefühl,

[00:04:38]  dass ich im Anfang gar nicht so richtig genießen konnte, weil es so viel war und weil ich auch so

[00:04:41]  viel unterwegs war und dann irgendwie gar nicht Zeit hatte, mal mich hinzuhocken und sagen,

[00:04:44]  was passiert hier eigentlich? Aber jetzt habe ich irgendwie inzwischen das Gefühl,

[00:04:49]  dass ich mich jetzt so dran gewöhne, auch darüber freue und auch diese neue Rolle irgendwie

[00:04:54]  akzeptiert habe und jetzt auch voll genieße. Boris: Jetzt vielleicht eine, aber das interessiert mich

[00:04:59]  schon immer, ich habe da schon von andern und Autoren/Autorinnen gehört, wenn man so ein Buch hat,

[00:05:04]  mit dem man so extrem viel unterwegs ist, hat sich das Buch für dich dann verändert

[00:05:09]  im Zuge dessen bzw. bis du jetzt schon, ich sage es jetzt mal so, ein bisschen müde aus "22 Bahnen"

[00:05:15]  vorzulesen und über das Buch zu sprechen oder ist das, also so, "Juhu, jetzt kommt das Zweite,

[00:05:20]  jetzt habe ich ein neues Thema" oder? Caroline: Also ja, ich freue mich schon jetzt auf "Windstärke 17"

[00:05:26]  auch, aber es macht auch immer Spaß aus "22 Bahnen" zu lesen, vor allem mit den Leser:innen zu sprechen,

[00:05:33]  weil die doch immer, weil doch immer neue Lesarten und neue Fragen dazu kommen, weil natürlich

[00:05:39]  häufen sich manche Fragen auch, das ist klar und da spielt man auch die Antworten inzwischen ab,

[00:05:44]  wie so ein, weiß nicht, da ist man manchmal genervt von seinen eigenen Antworten, die immer

[00:05:49]  gleich sind, aber es ist trotzdem auch immer anders und ich versuche es eben auch zu variieren

[00:05:55]  mit den Lesestellen, dadurch ist es für mich auch ein bisschen aufregender, aber ich freue mich jetzt

[00:05:58]  natürlich auch jetzt mal aus einem bald,

[00:06:02]  aus einem anderen Text zu lesen.

[00:06:03]  Boris: Jetzt, das neue Buch, "Windstärke 17".

[00:06:08]  Kannst du dazu ein bisschen was sagen?

[00:06:09]  Caroline: Ja, also, das geht um Ida, zehn Jahre später,

[00:06:13]  die nach dem Tod ihrer Mutter auf die Insel Rügen flüchtet.

[00:06:16]  Und dort irgendwie versucht klarzukommen.

[00:06:18]  Und dann aufgenommen wird von einem Kneipenbesitzer und dessen Frau,

[00:06:21]  und dann kommt dann auch [schmunzelt] noch eine männliche Hauptfigur dazu.

[00:06:25]  Und ja, das ist so der Inhalt.

[00:06:28]  Boris: Also, das heißt, es knüpft ein bisschen an?

[00:06:31]  Caroline: Aber es kann auch unabhängig vom Ersten gelesen werden.

[00:06:33]  Es sind zwei unabhängig voneinander funktioniert eine Romane.

[00:06:37]  Aber ja, man erkennt ein paar Figuren wieder.

[00:06:39]  Boris: Das heißt, für alle Fans und Faninnen,

[00:06:42]  eine gute Chancen dass das nächste Buch auch sehr gut gefällt, oder?

[00:06:46]  Caroline: Ja, auf jeden Fall.

[00:06:47]  Boris: Ja es freut mich auf jeden Fall, sehr, dass du jetzt noch,

[00:06:50]  bevor das Jahr... in zehn Tagen kommt, "Windstärke 17" raus, ja?

[00:06:54]  Caroline: Ja. Boris: So ca.?

[00:06:55]  Boris: Es freut mich ja sehr, dass du jetzt noch mal die letzte Energie sammelst für [lacht]

[00:06:59]  die "22 Bahnen" und die Aktion mit uns machst.

[00:07:03]  Hast du schon irgendwie so eine gewisse Erwartung,

[00:07:06]  was dann noch passieren könnte in den nächsten Tagen oder so?

[00:07:10]  Oder hast du irgendwie so was, auf was du dich noch freust?

[00:07:13]  Caroline: Nö, ich will einfach voll offen sein.

[00:07:15]  Und bin einfach gespannt, wie die Veranstaltungen so werden,

[00:07:20]  Wer so kommt.

[00:07:22]  Was die... wie die auch "22 Bahnen" fanden.

[00:07:26]  Weil es ist ja auch eine andere Aktion.

[00:07:28]  Es ist ja eben nicht, dass die jetzt in die Buchhandlung gehen

[00:07:31]  und sich das Buch kaufen.

[00:07:32]  Und ich glaube, dadurch kommt es ja auch dazu,

[00:07:35]  dass manche Menschen das lesen, die es vielleicht nicht unbedingt lesen.

[00:07:39]  Und deswegen bin ich schon gespannt.

[00:07:41]  Boris: Auf jeden Fall. Und das ist auch, muss ich jetzt schon sagen,

[00:07:44]  die Verteilaktion hat ja bereits vor ein paar Tagen begonnen.

[00:07:47]  Und es geht weg, wie die warmen Semmeln.

[00:07:49]  Also, da glaube ich, dass dann auch viele Gespräche sein werden.

[00:07:53]  Das ist ja auch so ein Konzept, das wir geändert haben,

[00:07:56] wir haben früher immer das Veranstaltungprogramm

[00:07:58] hat gleichzeitig gestartet mit der Verteilaktion.

[00:08:01]  Inzwischen wird früher verteilt.

[00:08:02]  Das heißt, dass auch die Leute einfach die Chance haben,

[00:08:05]  das Buch schon zu lesen, bevor sie zur Veranstaltung kommen

[00:08:08]  oder eben mit dir ins Gespräch zu kommen oder zur Signierstunde.

[00:08:11]  Ja, also, die eine Sache ist noch die, jetzt hast du..

[00:08:13]  Ich habe auf, glaube ich, Instagram gesehen,

[00:08:15]  dass du auf Bali warst und dort wieder geschrieben hast.

[00:08:18]  Hast du den, hast du "Windstärke 17" auch auf Bali geschrieben?

[00:08:21] Caroline: Ein Teil, ja.

[00:08:22] Es war ja ganz lustig, weil ich, der spielt ja auf Rügen

[00:08:25]  und ich war davor nie auf Rügen und dann hab ich eben einen Großteil auf Bali geschrieben.

[00:08:28]  Und dann haben meine Lektorin und ich immer Witze gemacht,

[00:08:31]  dass Rügen so dargestellt wird wie Bali.

[00:08:33]  Dass da so ganz viele junge Australier sind,

[00:08:35]  die mit Scooter rum fahren

[00:08:37]  und ganz viel Matchalatte getrunken wird

[00:08:39]  und Bowls gegessen werden.

[00:08:41]  Ja, ich schreibe gerade an meinem dritten Roman.

[00:08:44]  Und ich möchte gerne auch am Anfang diesen ein Jahres Rhythmus

[00:08:47]  beibehalten, mit dem veröffentlichen.

[00:08:49] Mal gucken, wie lange ich den durchziehe.

[00:08:51] Boris: Das heißt, du würdest dich, wenn ich die Frage stellen würde, wo du dich in fünf Jahren siehst,

[00:08:54]  würdest du dich ungefähr beim sechsten oder siebten Roman sehn.

[00:08:58] Caroline: [Lacht]

[00:08:59]  Ja, hoffentlich.

[00:09:01]  Weil ich habe dann auch schon so ein Haus am Meer,

[00:09:04]  ich glaube in fünf Jahren noch nicht.

[00:09:06]  Aber ich bewege mich darauf zu.

[00:09:08]  Irgendwo am Meer schreibend, hoffentlich.

[00:09:11]  Und glücklich.

[00:09:13] Boris: Jetzt habe ich doch noch eine Frage, die mir gerade so kommt.

[00:09:16]  Du hast ja wahrscheinlich auch so das erste Mal diese ganze ...

[00:09:19]  Ich weiß nicht, wie stark warst du denn vorher

[00:09:21]  im Literaturbereich verknüpft?

[00:09:24] Bist du die so als Leserin einfach auf Buchmessen gefahren?

[00:09:26]  Oder warst du so eigentlich außerhalb

[00:09:28]  von diesem literarischen Betrieb und bist jetzt da komplett quer eingestiegen?

[00:09:33] Caroline: Ja, ich habe immer voll viel gelesen.

[00:09:35]  Auch viel in Stadtbibliotheken und so abgehängt als Jugendliche

[00:09:39]  und als Kind.

[00:09:40]  Und wollte dann nach dem Abi unbedingt was mit Literatur machen.

[00:09:44]  Und nach dem Studium eben gerne in Verlagen arbeiten.

[00:09:47]  Und in Verlagen habe ich dann gemerkt,

[00:09:49]  dass ich gerne die Seite wechseln würde.

[00:09:51]  Und dass ich gerne auch mal schreiben möchte.

[00:09:54] Weil man eben auch gecheckt hat wie so

[00:09:56] die Abläufe sind und das Schriftstellerindasein so

[00:09:58]  ein bisschen entromantisiert wurde.

[00:10:01]  Und dann hatte ich wie gesagt so ein Kackjob in einem anderen Verlag.

[00:10:04]  Und dann dachte ich, jetzt ist doch ein guter Zeitpunkt,

[00:10:06]  dich an deinen ersten Roman zu setzen.

[00:10:08] Boris: Und musst du dich da überwinden zum Schreiben?

[00:10:11]  Oder setzst du dich hin und schreibst einfach?

[00:10:13] Caroline: Also jetzt setze ich mich hin und schreib, wenn ich Zeit habe.

[00:10:17] Boris: Mit der Hand?

[00:10:18] Caroline: Nee, nee, mit dem MacBook. Immer MacBook dabei.

[00:10:21] Nie mit der Hand leider. Früher immer mit so einem Büchlein in der

[00:10:24] Hand habe ich immer Tagebuch geschrieben.

[00:10:26]  Jetzt alles auf dem Laptop. Boris: Auch kein Notizheftchen mehr?

[00:10:29] Caroline: Nee, irgendwie nicht.

[00:10:31]  Aber Elke Heidenreich, ich hatte letztens im Gespräch mit Elke Heidenreich.

[00:10:34]  Und sie meinte, ich soll auf jedenfall wieder Tagebuch schreiben.

[00:10:37]  Das ist ganz wichtig.

[00:10:38]  Und ich glaube, ich mache das jetzt auch wieder.

[00:10:41]  Vielleicht mache ich dann auch wieder Notizen.

[00:10:43] Boris: Und dann so 50 Bände, so wie Thomas Mann in Leder gebunden,

[00:10:46]  und dann post mortem [Latein für nach dem Tod] [lachend] rausbringen ja. [Beide lachen]

[00:10:50] Caroline: Das interessiert bestimmt ganz viele Wahnsinnig.

[00:10:52]  [Lachen]

[00:10:53] Boris: Wissen wir ja noch nicht.

[00:10:54]  Okay, ja super.

[00:10:55]  Dann wünsche ich dir auf jeden Fall viel Spaß bei der Aktion.

[00:10:59]  Ich hoffe, wir haben spannende Tage miteinander.

[00:11:01]  Genieß den Aufenthalt in Innsbruck.

[00:11:03]  Ganz viel Glück auch für dein nächstes Buch.

[00:11:06]  Viel Energie und viel Spaß bis zum siebten Roman.

[00:11:08] Caroline: [lacht] Ja, danke.

[00:11:10]  Ich freue mich jetzt auf die Tage hier in Innsbruck. [Wasser plätschert]

[00:11:13] [Frauenstimme] Und damit endet  S'Vorwort "Innsbruck liest"-Edition.

[00:11:16]  Wir bedanken uns herzlich für alle Teilnehmenden

[00:11:19]  und für alle Hörerinnen und Hörer.

[00:11:21]  Und in der übernächsten Woche geht's dann wieder

[00:11:24]  wie gewohnt mit dem Vorwort weiter.

[00:11:26]  Bis dahin, feines

[00:11:29] lesen!

[00:11:30]  [Outro Musik]

[00:11:32] [Männerstimme]: 10.000 gratis Bücher und kostenlose Veranstaltungen

[00:11:57]  vom 30. April bis zum 10. Mai.

[00:12:00] "Innsbruck liest" zum 20. Mal.

Innsbruck liest-Edition: Entstehungsgeschichte

Innsbruck liest-Edition: Entstehungsgeschichte

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Frauenstimme]: Sie hören eine Sonderausgabe vom S'Vorwort, anlässlich des 20. Jubiläums von "Innsbruck liest".

[00:00:27]  [Wasser plätschert] Boris: Willkommen beim Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck, es S'Vorwort. Mein Name ist Boris Schön und heute geht es wieder um die Aktion "Innsbruck liest".

[00:00:36]  Und diesmal wollen wir ganz an die Anfänge der Aktion zurückkehren. Dafür haben wir zwei ganz besondere Gäste eingeladen, Birgit Neu und Thomas Pühringer.

[00:00:47]  Darf ich euch kurz bitten euch vorzustellen, was ihr beruflich macht und was vor allem eure Aufgabe war, bei der ersten Ausgabe von "Innsbruck liest", Birgit bitte.

[00:01:00]  Birgit: Ja, vielen Dank. Wie gesagt, Birgit Neu, ich war damals vor 20 Jahren Kulturamtsleiterin der Stadt Innsbruck und hatte damals das Glück, gemeinsam mit meinem Team diese wunderbare Aktion ins Leben rufen zu dürfen.

[00:01:13]  Heute bin ich immer noch für den Bereich Kultur zuständig, bin heute die Abteilungsleiterin bei der Stadt für den Gesellschaftsbereich, Kultursport, Gesundheit und Bildung.

[00:01:24]  Boris: Thomas. Thomas: Thomas Pühringer, schönen Tag auch von meiner Seite. Mit 2002 bei der Bürgermeisterin Hilde-Zach im Büro als Büroleiter angefangen und somit mit der Birgit zusammenarbeiten dürfen.

[00:01:36]  Boris: Jetzt zu "Innsbruck liest", wie ging denn das los? Wo war die Idee plötzlich da? Von wem kam die?

[00:01:44]  Birgit: Da kann ich dann gleich an den Thomas weitergeben. Wir wollten im Kulturamt etwas machen für die Literaturszene vor Ort und einfach auch eine Aktion, die das Lesen und die Literatur in den Mittelpunkt stellt.

[00:01:57]  Und dann kam eben vom Büro des Bürgermeisters eine ganz schöne Idee und da gebe ich jetzt dich an, an dich, Thomas, weiter.

[00:02:03]  Thomas: Ja, danke, Birgit. Man möchte es kaum meinen, aber damals waren die Inhalte noch nicht so mit der... Online verfügbar wie heutzutage.

[00:02:12]  Und irgendwo ist mir mal ein Zeitungsartikel untergekommen aus einer amerikanischen Stadt, also aus den USA, wo man eine vergleichbare Aktion gestartet hat.

[00:02:20]  Und Birgit, da musst du mir jetzt helfen, ich glaube Wien war ein bisschen früher dran als wir, aber ich denke, es ist ein ganz großes Dank jetzt im Nachhinein nach so vielen Jahren an Hilde-Zach,

[00:02:31]  die damals Bürgermeisterin und Kulturreferentin war und vor allem an dich, Birgit und dein Team und das Kulturamt, wie ihr diese Aktion umgesetzt habt,

[00:02:38]  weil wir uns da in Innsbruck schon in einigen Punkten, finde ich, wohltuend ins abheben von anderen Städten.

[00:02:44]  Birgit: Ja, genau so war es. Wir haben dann diese Anregung vom Büro des Bürgermeisters sofort aufgegriffen und haben uns überlegt, wie können wir diese Aktion für Innsbruck adaptieren?

[00:02:54]  In Wien wurden ja damals, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, 100.000 Bücher verteilt an die Bevölkerung.

[00:03:00]  Wir wussten, dass wir diese Dimensionen in Innsbruck nicht erreichen können, aber auch nicht erreichen müssen.

[00:03:05]  Wir haben das sozusagen down-gegraded [Englisch für abstufen] auf die Dimensionen, wie sie für unsere Stadt passen und haben aber auch überlegt, wie wir die Sache etwas anders angehen können.

[00:03:16]  Und zwar in dem Sinne, erstens, dass wir die heimischen Literaturveranstalter in diese Aktion gerne einbinden möchten, weil es soll ja eine Aktion sein,

[00:03:25]  wo sehr viele vor Ort auch davon profitieren. Und das zweite war, dass wir von Anfang an die Jury-Entscheidung, die Auswahl des Buches in Fachkundige Hänge, Hände legen wollten.

[00:03:36]  Und da haben wir mit dem Brennerarchiv von Professor Johann Holzner einen ganz tollen Partner gewonnen, der mit uns gemeinsam die ersten Jahre "Innsbruck liest" veranstaltet, begleitet hat und vor allem damals auch den Vorsitz der Jury übernommen hat.

[00:03:51]  Und da waren wir sehr froh, dass wir diese Aktion von Anfang an so fachkundig begleiten haben können.

[00:03:57]  Boris: Ja den Juryvorsitz gibt es ja immer noch in der Form, das ist ja sozusagen auch immer noch das Qualitätssiegel auch der Aktion, dass eine Person aus der Wissenschaft sozusagen kontrolliert, was das Ergebnis der Jury ist, welches Buch es ist und nicht stimmberechtigt ist.

[00:04:13]  Also das hat sich ja erhalten.

[00:04:15]  Thomas: Ich glaube, ein wichtiger Aspekt ist auch der Zeitpunkt, dass es immer im Frühling präsentiert wird, das Buch. Manche Menschen nehmen sich das mit als Urlaublektüre oder wie auch immer.

[00:04:26]  Manche warten regelrecht, das weiß ich aus meiner Umgebung, die sagen, ich will keine einzige Ausgabe versäumen.

[00:04:32]  Vielleicht schreiben sie das in den Kalender ein, wenn die neue Aktion wieder stattfinden wird.

[00:04:36]  Und denke auch für den Handel ist es ein wichtiger Unterschied, dass bei uns das im Frühling passiert, weil die Weihnachtszeit auch für den Buchhandel die allerwichtigste Zeit im Jahr ist, wo die Hauptumsätze getätigt werden.

[00:04:47]  Und da 100.000 Titel eines Bestsellers auf den Markt zu schmeißen, ist natürlich schon eine harte Nuss für den Buchhandel.

[00:04:54]  Und die heimischen Buchhändlerinnen und Buchhändler haben sich das, glaube ich, verdient, dass die Stadt zwar auf der einen Seite die Literatur fördert und die Literaturszene, aber auf der anderen Seite auch auf das Handelsgeschehen Rücksicht nimmt.

[00:05:05]  Boris: Also du hast dich jetzt bezogen auf eine Stadt ein Buch in Wien, wo es 100.000 Stück im Herbst sind, die dann auf den Markt verteilt werden.

[00:05:14]  Thomas: Genau.

[00:05:15]  Boris: Wie war denn das damals dann? Also es gab diese Idee aus Amerika, Wien war vielleicht ein bisschen früher dran, aber wie ist dann das mit dem Konzept losgegangen?

[00:05:22]  Weil so eine Aktion, die muss man sich ja doch in verschiedenen Sachen überlegen.

[00:05:28]  Was bindet man ein? War das dann Arbeit eher im Kulturamt oder wo wurde diese Arbeit sozusagen...

[00:05:35]  Wo ist das Konzept dann wirklich entstanden?

[00:05:38]  Birgit: Ja, wir haben zunächst einmal alle vor Ort tätigen Literaturveranstalter zu uns eingeladen, ins Kulturamt.

[00:05:43]  Haben dort eine große Runde sozusagen ein Brainstorming [Englisch für Ideensammlung] veranstaltet und haben sie gebeten, sich mit ihren eigenen Ideen in diese Aktion einzubringen.

[00:05:53]  Und zwar insbesondere in Form von Begleitveranstaltungen.

[00:05:57]  Wir haben gewusst, dass wir als Kulturamt aus personellen Kapazitäten heraus schon nicht alles alleine stemmen können.

[00:06:04]  Und vor allem wollten wir ja auch da die Expertise unserer Literaturveranstalter, unsere Literaturinstitutionen vor Ort, gerne einbinden in die Aktion.

[00:06:12]  Wir haben das dann vorgestellt, dass wir eben ein Buch in großer Auflage 10.000 Stück gerne an die Bevölkerung verteilen wollen.

[00:06:23]  Und am Anfang war da und dort etwas Skepsis herauszuhören.

[00:06:27]  Vor allem aber haben wir eines aus dieser Runde mitgenommen, die den Auftrag, sagen wir mal so, den Auftrag, es darf keine Eintagsfliege sein.

[00:06:37]  Es soll, wenn wir so eine Aktion starten, eine Aktion werden, die wirklich nachhaltig wirkt, die auch in den Folgejahren dann weitergeführt wird.

[00:06:44]  Ich glaube, dieses Versprechen haben wir jetzt am 20. Geburtstag der Aktion ganz gut einlösen können.

[00:06:50]  Und dann hat es eigentlich ein sehr schönes Miteinander gegeben.

[00:06:53]  Also es haben sich für verschiedene Literaturinstitutionen dann am Rahmenprogramm beteiligt, sei es mit Lesungen, mit Diskussionsrunden, mit Signierstunden.

[00:07:03]  Wir haben auch von Anfang an versucht, die Aktion über Partner zu finanzieren, über Sponsoringpartner.

[00:07:11]  Da war man sehr froh, dass wir eigentlich zu Beginn fast 100 Prozent der Produktionskosten des Buches über Sponsoring finanzieren konnten.

[00:07:20]  Das war ganz toll und es war für die Teilnehmenden Wirtschaftsbetriebe, die uns unterstützt haben, auch schön, dass sie über ihre Verteilstationen dann sich auch an der Aktion beteiligen konnten.

[00:07:31]  Und so wurde das ein schönes

[00:07:33]  Miteinander, wir haben auch den Buchhandel mit Büchern versorgt und man muss sagen, die erste Auflage war so schnell vergriffen [lacht], dass wir Mühe hatten, uns selber noch ein paar Exemplare für uns in der Stadtbücherei dann zu sichern.

[00:07:48]  Thomas: Ich denke, das ist auch eines der Erfolgsgeheimnisse, dass die Ausgabe-Stellen so bunt gestreut sind vom Recyclinghof über Schwimmbäder, Handelsbetriebe, städtische Dienststellen.

[00:07:58]  Ich denke, das ist ein tolles Signal.

[00:08:01]  Boris: Inzwischen auch seit ein paar Jahren auch noch in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

[00:08:05]  Also es ist wirklich sehr... das spannende an der Aktion für mich auch, dass den Leuten Literatur an Orten präsentiert wird, wo sie sie vielleicht nicht erwarten würden und damit auch, dass man Leute erreicht, die gar nicht nach Literatur suchen, aber eher dann trotzdem begegnen.

[00:08:21]  Eine Frage habe ich noch zum Ablauf damals.

[00:08:25]  Gab es eine Auftaktveranstaltung?

[00:08:28]  Wo war die? Und ehm..

[00:08:30]  Birigt: Es gab eine Auftaktveranstaltung in unserer damaligen Stadtbücherei in der Colingasse.

[00:08:35]  Die war unglaublich gut besucht.

[00:08:37]  Es war ja da schon dann bekannt, dass "Der Kameramörder" von Thomas Glavinic als erstes "Innsbruck liest"-Buch herausgegeben wurde.

[00:08:44]  Und dieses Buch hat ja sehr polarisiert.

[00:08:46]  Das muss man von Anfang an sagen.

[00:08:49]  Es war ein Buch, das wirklich emotional sehr stark die Leute mitgenommen hat.

[00:08:55]  Mir persönlich ging es ähnlich.

[00:08:57]  Ich hatte bei dieser ersten Aktion den Ehrgeiz im Vorfeld der Jury Entscheidung schon möglichst alle Vorschläge der Jury durchzulesen und habe auch den "Kameramörder" gelesen.

[00:09:07]  Und wie ich ihn fertig hatte, habe ich mir gedacht, ein tolles Buch, aber für diese Aktion zu heftig.

[00:09:14]  Es geht ja doch immerhin da um den Mord an zwei Kindern und die Jagd nach dem Mörder.

[00:09:20]  Und mir war das dann fast ein bisschen zu beklemmend.

[00:09:24]  Schlussendlich fiel aber die Entscheidung der Jury genau auf dieses Buch.

[00:09:29]  Und wir haben uns natürlich auch an die Jury-Empfehlung gehalten.

[00:09:32]  Und in der Stadtbibliothek bei der Auftaktveranstaltung haben wir genau dann diese Emotionen gespürt. Es gab

[00:09:38]  Leute, die aufgestanden sind im Rahmen der Diskussion und gesagt haben, so was kann man doch nicht machen,

[00:09:44]  so ein grausames Buch unter die Leute zu bringen und was denken sich denn da die Schülerinnen und Schüler

[00:09:50]  und die jungen Menschen, die so ein Buch lesen und dann gab es aber auch Professoren, die Deutschklassen

[00:09:56]  geleitet haben und sich das Buch in Klassenstärke für ihre Klasse abgeholt haben und die gesagt haben,

[00:10:02]  genau so ein Buch muss es sein, damit es auch die jungen Leute fesselt und damit man auch genug Diskussionsstoff hat,

[00:10:08]  um das in der Klasse dann zu bearbeiten. Also es war wirklich ein sehr polarisierendes Buch und hat,

[00:10:14]  glaube ich, diese Aktion dadurch auch zu ganz viel Öffentlichkeit verholfen, was natürlich die Aktion an sich wieder genutzt hat.

[00:10:21]  Thomas: Ich glaube eine positive Polarisation, wenn man das so sagen darf, oder? Also der Diskurs über Literatur und über Kultur ist damit gefördert worden.

[00:10:30]  Das ist, denke ich, das Wichtigste, was eine Stadt machen kann, die Beschäftigung mit der zeitgenössischen

[00:10:37]  oder aktuellen Kunst und Kultur zu fördern bei den Menschen.

[00:10:40]  Boris: Hattet ihr in irgendeiner Form, bevor das Ganze dann losgegangen ist und ja auch ein voller Erfolg wurde,

[00:10:46]  Sorge, dass das nicht klappen könnte, dass zu wenig Leute kommen, dass die Bücher nicht verteilt werden,

[00:10:51]  ausreichend wird angenommen werden oder ähnliches oder war da von Anfang an der totale Optimismus, das wird ein Knaller?

[00:10:57]  Birigt: Wir waren eigentlich sehr optimistisch. Wir haben gewusst, dass diese Aktion in anderen Städten schon ausgesprochen erfolgreich läuft

[00:11:04]  und hatten schon die Erwartung, dass es auch bei uns gut ankommt.

[00:11:07]  Und so war es dann auch, wie ich eben schon erwähnt habe, die ersten Exemplare sind uns wirklich unter den Händen [lacht] fast weggerissen worden

[00:11:14]  und waren im nu vergriffen. Und es war dann schon auch schön, dass zu den Begleitveranstaltungen viele Menschen gekommen sind

[00:11:20]  und sich auch mit dem Autor auseinander gesetzt haben, mit der Thematik auseinander gesetzt haben und einfach an diesem Diskurs teilnehmen wollten.

[00:11:28]  Thomas: Und noch dazu gibt es ein unsichtbares Zauberwort, das so in unsichtbaren Buchstaben über die Aktion schwebt und das ist [flüsternd] gratis [lacht].

[00:11:36]  Boris: Da habe ich ein Anekdote. Ich habe selber mal im Buchhandel gearbeitet und dann kam ein Herr rein am Vormittag.

[00:11:45]  Die Bücher waren schon weg, die für den Tag bestimmt waren und er hat gemeint, was schon ausverkauft.

[00:11:50]  Und ich habe gesagt, na ja, wenn es verkauft werden würde, weiß ich nicht, ob sie schon alle weg wären.

[00:11:54]  Aber na klar, gratis ist natürlich ein Argument.

[00:11:58]  Es ist ja auch so, dass es jetzt für mich als Literaturwissenschaftler auch ganz spannend,

[00:12:04]  Thomas Glavinic ist ja damals richtig durchgestartet, war ja eben deswegen, glaube ich, auch so ein perfekter Start für die Aktion.

[00:12:12]  Er hat dann ja eigentlich weitere Erfolge gehabt und ist inzwischen leider aus dem Literaturbereich komplett verschwunden.

[00:12:20]  Aber wie war dieser sehr... Weil das ist für mich auch immer noch bei der Aktion so ein Thema.

[00:12:24]  Diese sehr intensive Zusammenarbeiten mit einer Person, einer Autorin in einem Autor über mehrere Tage.

[00:12:30]  War das damals auch ein besonderes Erlebnis? Oder...

[00:12:35]  Birigt: Ja, die erste Begebung mit dem Thomas Glavinic war eigentlich ganz lustig.

[00:12:39]  Das Buch endet ja damit, dass der Kameramörder gefasst wird und endet mit den letzten drei Worten "Ich läugne nicht".

[00:12:47]  Und als Thomas Glavinic zu uns ins Büro, ins Kulturamt kam, kam er herein und hat sich vorgestellt mit "Ich bin der Kameramörder".

[00:12:57]  Und mein Kollege, der neben mir saß, hat sofort darauf geantwortet und sie läugnen nicht.

[00:13:02]  Und damit haben wir schon ein bisschen, sind wir schon etwas mit Humor, in unsere Zusammenarbeit gestartet.

[00:13:09]  Und ich glaube, es war für Thomas Glavinic schon auch schön zu sehen, dass so eine große Anzahl von Menschen sich nun seinen Romanen widmet

[00:13:18]  und Interesse für sein Buch zeigt. Und das ist für einen Autor, glaube ich, schon auch eine besondere Erfahrung.

[00:13:24]  Boris: Jetzt von der ersten Ausgabe weggehend, habt ihr beide dann eigentlich alle Ausgaben immer so verfolgt?

[00:13:30]  Ich meine, Thomas, du bist ja vom Aufgabenbereich quasi beruflich ganz woanders, als da, wo das Ganze losgegangen ist.

[00:13:37]  Aber hast du das immer jedes Jahr angeschaut, die Bücher, die auch angesehen und?

[00:13:41]  Thomas: Nicht nur von außen angesehen, sondern sogar von innen drin gelesen [alle lachen].

[00:13:45]  Boris: Und findest du, oder findet ihr beide, dass sich das gut entwickelt hat?

[00:13:51]  So über die Jahre hat es... einfach... es ist konstant.

[00:13:56]  Es ist ja eben, der Erfolg ist ja immer noch da.

[00:14:00]  Aber es ist ja trotzdem, denke ich mal, wenn man so eine Aktion auf die Welt bringt und dann lässt man sie erwachsen werden.

[00:14:07]  Das war ja eine Zeit lang auch die Natalie Pedevilla, zum Beispiel die das Projekt geleitet hat.

[00:14:11]  Jetzt ist es ja seit 2018 in der Stadtbibliothek gelandet.

[00:14:15]  Also, aber...

[00:14:17]  Birgit: Ja, also natürlich habe ich es nach wie vor weiterverfolgt.

[00:14:21]  Ich bin jetzt selber nicht mehr so eng in der Organisation, klarerweise.

[00:14:25]  Aber es war auch für mich immer spannend dann zu erfahren, wer wird heurige "Innsbruck liest"-Autorin oder "Innsbruck liest"-Autor.

[00:14:32]  Ich habe auch alle Bücher gelesen.

[00:14:34]  Es haben mir nicht alle ganz gleich gut gefallen.

[00:14:36]  Das ist, glaube ich, auch normal und soll auch so sein, dass man verschiedene Geschmäcker trifft.

[00:14:41]  Für mich war es sehr schön zu sehen, dass wir so viele unterschiedliche Themenwelten behandelt haben mit diesen Büchern.

[00:14:49]  Wir haben eben mit einem Krimi begonnen, wir haben das Südtirol-Thema aufgegriffen.

[00:14:54]  Wir hatten mehrfach das Thema Flucht und Migration.

[00:14:57]  Wir haben eine Reihe von Lebens- und Familiengeschichten erzählen können mit der Aktion Innsbruck "liest".

[00:15:04]  Es ging um das Thema Finanzwelt, um Arbeitswelten, um Mobbing und und und.

[00:15:09]  Also, diese Bandbreite ist schon sehr groß und sehr spannend.

[00:15:12]  Und ich glaube, dass so über die Jahre sicher für ganz viele Menschen viel dabei war. Und

[00:15:17]  das war ja der Sinn dieser Aktion.

[00:15:19]  Und ich weiß von einigen, die inzwischen auch schon eine "Innsbruck liest"-Bücher-Sammlung zu Hause haben.

[00:15:24]  So wie ich auch eine habe, das war ja eigentlich von Anfang an nicht ganz der Wunsch, unser Wunsch oder unser Ansehen.

[00:15:33]  Weil wir wollten, dass das Buch sobald es gelesen wird, verschenkt wird, weiterverschenkt wird,

[00:15:37]  damit noch mehr Leute in den Genuss dieser Bücher kommen.

[00:15:40]  Und wie es halt so ist, ein gutes Buch gibt man dann nicht so gerne her.

[00:15:44]  Und so (lacht), glaube ich, hat sich dieses Weiterverschenken, Weiterverteilen nicht so entwickelt.

[00:15:49]  Aber ich denke, wenn wir jedes Jahr 10.000 oder vielleicht dann mit verliehenen Büchern 15.000 Menschen damit erreichen, dann ist es schon auch eine schöne Anzahl.

[00:15:58]  Thomas: Ich möchte an das anknüpfen, bin ja voll bei dir, Birgit.

[00:16:01]  Die Bandbreite der Themen finde ich so bestechend und auch die Autorenschaft.

[00:16:06]  Also, wenn man sich anschaut, wer da im Laufe der Jahre aller dabei war mit seinen Buchtiteln,

[00:16:10]  dann ist es schon eine renommierliche Liste geworden finde ich in der Zwischenzeit.

[00:16:15]  Und die Leute haben sich ja nicht nur für "Innsbruck liest" geschrieben, sondern auch viel und eifrig anderwertig gearbeitet.

[00:16:22]  Und da sind schon tolle Autorinnen und Autoren dabei.

[00:16:25]  Das finde ich beeindruckend.

[00:16:27]  Boris: Habt ihr einen geheimen oder offiziellen Favoriten aus diesen Jahren für Euch?

[00:16:32]  Birigt: Für mich war es sehr schön, dass wir im Jahr 2007 die heimische Literatur Szene, die Autorinnen und Autoren aus Innsbruck in den Mittelpunkt stellen konnten.

[00:16:43]  Wir haben uns damals entschlossen, eine Anthologie herauszugeben.

[00:16:47]  Unter dem Titel "Insights" wurden Texte von 15 Autorinnen und Autoren publiziert, die dann auch in Form von Lesungen natürlich in der Stadt präsent waren.

[00:16:58]  Und das war für mich sehr schön, hier einfach für die Literatinnen und Literaten vor Ort etwas machen zu können und sie ja mal vor den Vorhang zu holen und in den Mittelpunkt zu stellen.

[00:17:07]  Und dafür eignet sich natürlich so eine Aktion, wo 10.000 Bücher verteilt werden, sehr, sehr gut.

[00:17:12]  Und das war für mich damals auch ein schöner Erfolg, dass auch diese Anthologie sehr gut angekommen ist.

[00:17:18]  Thomas: Mir haben viele Titel wirklich sehr gut gefallen.

[00:17:22]  Ich könnte jetzt nicht den einen Titel herausgreifen und sagen, das war mein absolutes Highlight und mein Lieblingsbuch aus der Reihe.

[00:17:27]  Boris: Ja, ich bin ja dann auch heuer [Dialekt für dieses Jahr] schon gespannt, wie der 20. Titel dann ankommen wird, die Caroline Wahl mit "22 Bahnen".

[00:17:35]  Da haben wir ja auch dieses Jahr glaub ich ein wirklich ein sehr schön lesbares Buch mit ganz vielen Themen und ich bin auch schon wieder gespannt, wie dann die Diskussionen rundherum sind, die Veranstaltungen.

[00:17:48]  Werdet ihr uns heuer auch besuchen bei der einen oder anderen Veranstaltung?

[00:17:52]  Birgit: Natürlich, ganz klar.

[00:17:54]  Das ist ein Pflichtprogramm und da komme ich immer sehr gerne.

[00:17:57]  Und man muss vielleicht zum 20-jährigen Jubiläum schon auch noch einmal sagen, dass wir sehr dankbar sind, dass auch unsere Sponsoringpartner uns über so viele Jahre

[00:18:05]  treu geblieben sind, weil sie einfach eine wichtige Säule in der Finanzierung dieser Aktion darstellen und uns eben auch dann über verschiedene Verteilschienen dann mit unterstützen.

[00:18:16]  Und es ist sehr schön, dass wir in dieser Aktion eben da schon über viele, viele Jahre zusammenarbeiten.

[00:18:22]  Thomas: Ja, und wir wollen die nächsten 20 Jahre genauso erfolgreich werden wie die ersten 20 Jahre (lacht).

[00:18:27]  Boris: Ja, dann danke ich vielmals für das Gespräch.

[00:18:30]  Ich freue mich auch auf die nächsten Jahre und danke vielmals fürs Kommen.

[00:18:35]  Und ja, und weiterhin viel Lesegenuss.

[00:18:38]  Birgit: Vielen Dank.

[00:18:39]  Thoma: Dankeschön.

[00:18:40]  [Wasser plätschert] [Outro-Musik]

[00:19:06]  [Frauenstimme]: Das S'Vowort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Innsbruck liest-Edition: Auftakt

Innsbruck liest-Edition: Auftakt

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00] [Frauenstimme]: Sie hören eine Sonderausgabe vom S'Vorwort, anlässlich des 20. Jubiläums von "Innsbruck liest".

[00:00:27] [Wasser plätschert] Boris: Ich weiß gar nicht, wie man jetzt begrüßt bei so einem Podcast der Stadtbibliothek, aber sagen wir mal herzlich willkommen.

[00:00:33] Elisabeth: Zum Podcast.

[00:00:34]  Das Vorwort.

[00:00:35] Boris: Das ist Vorwort.

[00:00:36] Elisabeth: Weißt du überhaupt, dass der so heißt?

[00:00:38] Boris: Jetzt weiß ich es wieder.

[00:00:40] Elisabeth: Gut.

[00:00:41] Boris: Ja, ich bin der Boris Schön und mir gegenüber sitzt...

[00:00:47] Elisabeth: ...die Elisabeth Rammer.

[00:00:49] Boris: Und wir sind sozusagen so ein bisschen die zwei Köpfe, kann man das so sagen, hinter der Aktion Innsbruck liest.

[00:00:56]  Schon seit 2018.

[00:00:58] Elisabeth: Mit der Übersiedelung ins große Haus, wo auch ausgebaut wurde

[00:01:03] die Stadtbibliothek auch vom Personal her und der ganze Veranstaltungsbereich ausgebaut wurde.

[00:01:08] Boris: Kannst du dich noch erinnern, wie damals diese Übergabe eigentlich stattfand?

[00:01:11] Elisabeth: Das war bei mir damals auch, dass ich ganz neu in der Bibliothek war.

[00:01:15]  Also, da war so viel neu, dass ich das jetzt auch nicht mehr ganz genau weiß.

[00:01:19]  Ich weiß, es war zu dem Zeitpunkt, das war im Sommer 2018, war das Buch schon ausgewählt war.

[00:01:27]  Und wir haben dann die Verlagsverhandlungen übernommen und mit der Autorin uns zusammengeschrieben.

[00:01:37]  Und ich glaube, da hast du viel gemacht am Anfang.

[00:01:40]  Und ich bin auf die Kooperationspartner gangen und so hat sich die Arbeit auch relativ schnell aufgeteilt zwischen uns.

[00:01:46] Boris: Genau. Also ich mache sozusagen das Veranstaltungswesen rund um diesen Event.

[00:01:52] Elisabeth: Das Wesen [zieht das Wort in die Länge] [beide lachen]

[00:01:54] Boris: Ja, also ich mache das Veranstaltungsprogramm, das Begleitprogramm.

[00:01:57]  Was machst du?

[00:01:59] Elisabeth: Oh, ich halt den ganzen Kontakt mit den Sponsoren, die ganz wichtig sind, weil sie ja nicht nur Sponsoren sind,

[00:02:04]  sondern Kooperationspartner:innen.

[00:02:07]  Weil sie ganz im Mittelpunkt bei der Verteilung der Bücher sind.

[00:02:12]  Und auch bei der Bewerbung der ganzen Aktion.

[00:02:16]  Übrigens haben wir eigentlich schon gesagt, um was es geht bei "Innsbruck liest".

[00:02:20] Ich mein, für uns ist das so, wir haben jetzt gerade wieder unten diese 10.000 Bücher stehen,

[00:02:26]  wo unsere Praktikant:innen gerade in jedes ein Lesezeichen tun.

[00:02:30]  Und auch schon die Vorbereiten für die Verteilung, die jetzt dann sehr, sehr bald startet.

[00:02:36] Boris: Ich habe es nicht erklärt.

[00:02:39]  Also die Sache ist die, es geht prinzipiell darum, es wird ein Buch ausgewählt.

[00:02:43]  Das ist eine, würde ich sagen, nicht ganz klassische, aber eine eindeutige Literaturvermittlungsaktion.

[00:02:51]  Oder widersprichst du mir?

[00:02:53] Elias: Nein, es ist eine Literaturbewerbungsaktion, würde ich jetzt aus der Marketingsicht sagen.

[00:02:58] Boris: Das ist ein bisschen dieser Gedanke auch dabei, dass dieses eine Buch,

[00:03:02] was, ich habe jetzt da keine statistischen Zahlen möglicherweise, der Innsbrucker, die Innsbruckerin so pro Jahr liest,

[00:03:09]  also, dass dieses eine Buch möglicherweise aus dieser Aktion kommt.

[00:03:13]  Und ja, das Buch wird ausgewählt nach verschiedenen Kriterien, die auch immer wieder ein bisschen verfeinert wurden.

[00:03:21]  Diese Auswahl findet durch eine dreiköpfige Jury statt.

[00:03:25]  Hat auch immer einen wissenschaftlichen Vorsitz.

[00:03:27]  Das soll heißen einfach eine Person aus der Universität Innsbruck, die ja in Innsbruck auch, sagen wir, gut besetzt ist.

[00:03:35]  Und ja, auf jeden Fall wird dann nach verschiedenen Vorschlägen und verschiedenen, also die Jury-Mitglieder dürfen jedes 2-3 Titel vorschlagen.

[00:03:45]  Diese werden dann von allen Beteiligten gelesen, also allen  3 Jury-Mitglieder und der Jury-Vorsitzenden,

[00:03:53]  wobei ich gestehen muss, wir lesen sie auch. Also du mehr als ich, oft? [Elisabeth lacht]

[00:03:59] Elisabeth: Ja, es ist meine Sommerlektüre jedes Jahr, ganz toll.

[00:04:02]  Und ich hoff dann auch immer, dass die Jury ein Buch auswählt, das dann beim Verteilen und auch beim Bewerben bei den Kooperationspartnern ganz gut ankommt.

[00:04:12]  Also ich kann mich erinnern, es gab einmal ein Buch mit dem Titel "Superbusen".

[00:04:17]  Und ich hab uns dann schon beim Verteilen gesehen [schmunzelt] und war dann ehrlich gesagt froh, dass es nicht ausgewählt wurde.

[00:04:25] Boris: Auf jeden Fall, also nachdem diese Jury dann ein Buch ausgewählt hat, gibt es dann auch immer noch ganz wichtig,

[00:04:33]  an Platz 2 sollte nämlich dieser erste Platz, also dieses ausgewählte Buch aus irgendwelchen Gründen dann nicht für die Literatur,

[00:04:41]  für die Aktion [schmunzelt], für die Literatur, für die Aktion funktionieren, weil zum Beispiel der Verlag das nicht möchte oder die Autorin der Autor nicht möchte, oder Ähnliches.

[00:04:50] Elisabeth: War das schon mal, weißt du das?

[00:04:52] Boris: Bis jetzt wüsste ich es nicht. Also das müssten wir dann fast unsere Kolleg:innen aus der Vergangenheit noch fragen,

[00:04:58]  aber ich, also seit wir das machen, weiß ich nichts davon. [Wasser plätschert]

[00:05:05] Karin: Ja hallo, ich bin ein "Innsbruck liest"-Urgestein [schmunzelt], heiße Karin, und hab die ersten 8 Jahre "Innsbruck liest" betreut,

[00:05:13]  mit riesen Freude, erinnere ich mich an die Zeit zurück und kann jetzt gar nicht glauben, dass das 20 Jahre her ist,

[00:05:20]  dass das erste Buch verteilt worden ist.

[00:05:23]  Und um die Frage zu beantworten, nein, es gibt keine Artorin oder keinen Autor, der damals abgelehnt hätte oder nicht mitmachen wollte bei "Innsbruck liest",

[00:05:34]  natürlich hat es ein bisschen zähere Verhandlungen auch mit Verlagen gegeben, weil wir ja immer unbedingt diese 10.000 Stück verteilen wollten

[00:05:43]  und da musste man natürlich einen guten Preis ausverhandeln.

[00:05:47]  Und ja, jetzt wenn ich nachdenke, fällt mir noch ein, es hat einmal eine Artorin gegeben, die nicht zufrieden war mit dem Buchcover und

[00:05:55]  mit der Werbekampagne zu "Innsbruck liest" damals, und hat dann ein paar Tage gedauert, bis sich die Wogen wieder geglättet haben,

[00:06:03]  bis die Agentur alles neu entworfen hat.

[00:06:05]  Und ja, dann ist es wunderbar alles über die Bühne gegangen und die Artorin war dann natürlich auch ganz happy mit ihrem Buch und mit der Präsentation damals.

[00:06:16] [Wasser plätschert] Elisabeth: Es war manchmal schwierig.

[00:06:21] Boris: Es war manchmal schwierig, es war manchmal etwas kompliziert,

[00:06:23]  Verlage sind ja da auch sehr unterschiedlich strukturiert, die Größe und welche Ansprechpartner:innen es gibt und ähnliches.

[00:06:31]  Aber bis jetzt hat es eigentlich dann immer geklappt.

[00:06:33] Elisabeth: Ja und was immer war, die Freude bei den Autorinnen und Autoren, die ausgewählt sind, ist immer riesig.

[00:06:39]  Also das muss man schon sagen, die sind sehr happy.

[00:06:44]  Ich glaube, es liegt daran, dass Innsbruck einfach ein schöner Aufenthaltsort ist, wo sie gern herfahren.

[00:06:48] Boris: Ja oder dass sie auch anteilig, natürlich bei einer Auflage von 10.000 Stück ein bisschen Geld verdienen.

[00:06:52]  Und ja, die Werbung ist auch nicht irrelevant.

[00:06:56]  Naja, jedenfalls wird dann dieses Buch nach den Verhandlungen und so weiter wird dann, und das ist ja eigentlich der Teil, der schon wieder bei dir liegt, wird dann was passiert dann?

[00:07:05] Elisabeth: Nach den Verhandlungen, also einigen wir uns auf einen Preis und dann gibt es einerseits den Kontakt eben zu den Kooperationspartnern,

[00:07:17]  die einen Teil des Bucheinkaufes finanzieren. Wir lassen das Ganze auch noch im Magistrat politisch sozusagen im Staatsenat

[00:07:28] muss das Ganze beschlossen werden, weil es doch relativ, wenn die Summe an Geld ist, die das kostet, je nachdem, wie dick das Buch ist und wo es gedruckt wird.

[00:07:36]  Und dann gehen wir schon an die Grafik, weil wir auch immer eine eigene Umschlaggestaltung machen.

[00:07:44]  Gleichzeitig fangen wir an mit der Autorin Kontakt aufzunehmen, mit dem Autor und das Programm abzustimmen.

[00:07:52]  Und da ist vorher immer meistens dein Brain [englisch für Gehirn] gefragt.

[00:07:55] Boris: Und da gibt es ja auch eine Neuerung, die gab es nämlich vorher bei "Innsbruck liest"

[00:07:59] Meines Wissens nach nicht.

[00:08:01]  Das ist eigentlich erst im zweiten Jahr, wo wir die Aktion durchgeführt haben, entstanden.

[00:08:05]  Und zwar dadurch, dass sie diese Zusammenarbeit mit der Autorin dem Autor immer sehr intensiv ist in diesen Tagen, während der Veranstaltungen, der Verteilaktionen, der Signierstunden und so weiter.

[00:08:16]  Dass wir damals die Idee hatten, wir könnten die oder den Heimsuchen.

[00:08:21] Elisabeth: [lacht] Genau, dann gibt es die Heimsuchung.

[00:08:23]  Wobei die Heimsuchung dann meistens sehr nett in einem Café passiert.

[00:08:28]  Oder wenn die Autorin wie dieses Jahr, zu weit weg wohnt, auch mal im virtuellen Raum.

[00:08:34]  Und das ist immer eigentlich ganz fein, weil es sind dann vier, fünf sehr intensive Tage.

[00:08:40]  Und "Innsbruck liest" ist ja nicht so eine Lesung, die nicht irgendwo vorne an der Bühne stattfindet und danach ein paar Signier-Einheiten, sondern wir verschleppen [lachend] im wahrsten Sinne des Wortes

[00:08:54] die Autoren

[00:08:56] Und Autorinnen, ja, an ganz ungewöhnliche Orte.

[00:08:59] Ich weiß nicht ob du dich erinnern kannst an

[00:09:01] Skurrile Plätze?

[00:09:03] Boris: Ja, gab es schon einige.

[00:09:06]  Also diese besonderen Orte der Aktion, aber ich wollte vorhin noch sagen, dass es schon so ein bisschen an die Belastungsgrenze für alle Beteiligten geht.

[00:09:13]  Das ist ja dann doch drei Tage, oder auch manchmal waren es ja auch mehr Tage, von morgens bis abends durchgehend Programm.

[00:09:20]  Oft wollten wir ja die Autorinnen und Autoren dann auch noch ein bisschen Sightseeing, [english für Besichtigungen] vielleicht machen.

[00:09:25]  Der Klassiker in Innsbruck, einmal auf die Nordkette rauf oder ähnliches.

[00:09:29] Elisabeth: Weißt du übrigens wer die erste Autorin war, die wir damals betreut haben, weil wir haben ja gesagt von der Übernahme.

[00:09:35] Boris: Ich glaube die Laura Freudenthaler... Elisabeth im Hintergrund :Genau! Boris:... Aber ich bin jetzt nicht mehr ganz sicher, aber die

[00:09:39]  war ja so ein bisschen eine speziellere Variante des Ganzen, weil da war genau diese Übergangsphase.

[00:09:45]  Das heißt, die Jury wurde damals noch von der Natalie Pedevilla, glaube ich, besetzt.

[00:09:49]  Die hatten dann schon das Buch ausgewählt, das war schon eine Jurybegründung vorhanden,

[00:09:54]  und dann ist quasi mit dem fertigen Buchpaket, ist dann die Aktion zu uns gewandert und wir

[00:09:59]  mussten dann eben wie du gesagt hast, die die Kontaktaufnahme machen und ja, und das war damals "Die Königin

[00:10:05]  schweigt". Elisabeth: Genau. Und ich weiß nur, wir haben die Laura Freudenthaler unter anderem in die Straßenbahn

[00:10:14]  gesetzt und dort eine Signierstunde spontan, also schon für uns geplant, aber für die anwesenden

[00:10:20]  Mitfahrenden spontan gemacht. Also es war super, weil die Leute total überrascht waren,

[00:10:27] Das da ist die Autorin und da kann ich mir jetzt wirklich gleich das Autogramm holen,

[00:10:31]  so wird es dort meistens genannt. Aber es war sehr fordernd, also das war brutal anstrengend

[00:10:39]  und ich weiß noch, wir haben nichts zum Trinken mit gehabt, es war warm, wir waren fertig.

[00:10:43] Boris: Vor allem dank des Ausbaus der Straßenbahnlinien in Innsbruck hatte das Ganze dann schon ziemlich

[00:10:48]  lang gedauert, weil wir von der Mitte sozusagen bis zum einen Ende und dann zurück zum anderen Ende

[00:10:53]  und wieder in die Mitte, Innsbrucker Bibliothek liegt ja ca. in der Mitte. Also von dem herrl. Elisabeth: Wir waren zwei Stunden

[00:10:59]  fast am Weg und es war intensiv, aber war ein total tolles Gefühl, es war halt dann leider

[00:11:06]  das Jahr drauf, war dann ein nichtmögliches Jahr von "Innsbruck liest", das haben wir dann auch

[00:11:14]  mitgemacht, ich weiß jeder, was [20]22 war, also ich weiß es noch da war es total schräg, weil wir haben ja

[00:11:20]  im April die Aktion geplant gehabt, es waren dann schon alles geplant, es waren die Bücher,

[00:11:25]  die 10.000 Bücher gerade am Weg von einem deutschen Verlag Richtung Österreich und die

[00:11:32]  sind dann irgendwo in der Grenze hängen geblieben und wir haben dann im größten ersten Lockdown

[00:11:38]  diese Bücher irgendwie herlotsen müssen, ohne in der Bibliothek anwesend zu sein,

[00:11:44]  war auch spannend. Boris: Stimmt und im darauffolgenden Jahr, wo die Aktion mit den Büchern vom Vorjahr,

[00:11:53]  die ja... aber zum Glück das ist ja der Riesenvorteil von Literatur, da war ja dann ein besonderer

[00:12:03]  Ort, finde ich das war schon ganz cool, da waren wir im Innsbrucker Alpen Zoo damals, kannst du dich an das noch erinnern? Elisabeth: Ja. Boris: Und da hatten wir ein

[00:12:10]  Vorgespräch, weil damals waren noch diese ganzen Corona-Sicherheitsbestimmungen mit genauen

[00:12:14]  Maßen, wieviel Zentimeter Stühle voneinander Abstand haben müssen bzw. jeder zweite Stuhl

[00:12:21]  darf da nur besetzt sein und so weiter und wir haben es dann durchgerechnet und haben dann

[00:12:25]  mit dem André Stadler vom Alpen Zoo, dem Direktor, ein Gespräch geführt und es war ziemlich lustig,

[00:12:31]  ich habe noch eine Aufnahme von damals, wo er dann da im Raum versucht hat und zwar deswegen,

[00:12:36]  weil wir nämlich seine Tanzperformance noch dazu geplant hat, hat er dann so mit Maske auf

[00:12:41]  ein paar Dancemoves [Elisabeth lacht im Hintergrund] gemacht [schmunzelt] um zu zeigen, dass der Raum geeignet wäre. Dieser Hans-Psenner-Saal

[00:12:46]  ist ein Raum, wird dadurch toll, dass im Hintergrund ein riesiges Aquarium ist und dadurch, dass das

[00:12:51]  Buch eine Aquariumszene hatte.  Elisabeth: In einem Zoo, es war übrigens von der Milena Flašar, "Herr Kato

[00:12:58]  spielt Familie", das war schon ein toller Ort, das war ja ein von mir gewünschter Lieblingsort,

[00:13:05] und war toller Ort. Ich glaube, das haben wir ja neu gemacht, ein bisschen bei uns,

[00:13:11]  dass wir so besondere Orte gesucht haben, weil die Eröffnung war ja früher im ORF,

[00:13:16]  die haben wir jetzt natürlich, weil wir den großen Veranstaltungsraum haben,

[00:13:20]  in die Bibliothek geholt, ganz klassisch. Boris: Und wie wir das so, ich meine,

[00:13:26] Jugend "neu Deutsch" genannt hat, haben wir ja auch versucht diesen Eröffnungsamt etwas zu pimpen [englischer Begriff, bedeutet aufwerten]

[00:13:30] Elisabeth: [lacht] Ja, das ist dir auch gelungen, und zwar bist du vor allem hauptverantwortlich,

[00:13:38]  weil ich da ganz auf deine Musik-Auswahl vertraue. Also, wem es nicht gefällt,

[00:13:43] Boris ist schuld. Wem es gefällt, ich bin natürlich mit dabei bei der Organisation.

[00:13:49] Boris: Auf jeden Fall es wird nämlich dann dieses Jahr auch anlässlich des Jubiläums schon noch einmal besonders,

[00:13:58]  also sollen wir schon spoilern? [Englisch für verraten] Elisabeth: Ja. Boris: Also es gibt nämlich diesmal nicht nur extrem tolle Musik dazu,

[00:14:03]  rund um die Gespräche und die Lesung am Eröffnungsabend, der 6. Mai ein Montag,

[00:14:09]  sondern es gibt dann danach sogar noch ein, ich sage jetzt mal, kleines Konzert.

[00:14:14] Elisabeth: Und zwar von? Boris: Ja, von "Mad About Lemon". Elizabeth: Cool!

[00:14:19] Boris: Und ja... Elisabeth: Ja wird sicher voll lässig.

[00:14:22]  Übrigens, Jubiläum "Innsbruck liest" findet zum 20. Mal statt. Es ist eigentlich vor 21 Jahren gegründet worden,

[00:14:29]  aber wir haben eben zuerst auch schon erklärt einmal ist es ja sozusagen verschoben worden.

[00:14:33]  Und deswegen heuer  [Dialekt für dieses Jahr] zum 20. Mal. Es gibt ein ziemlich cooles Programm, haben wir schon gesagt,

[00:14:40]  wer heuer die Autorin ist. Das ist ja...

[00:14:41] Boris: Ja, haben wir noch nicht gesagt, das ist die Caroline Wahl im Nachnamen.

[00:14:47]  Und das Buch ist "22 Bahnen". Da hatten wir ja auch schon eine spannende Situation,

[00:14:56]  weil wir haben ja eine unserer Hauptsponsoren, die IKB, und werden daher auch eine Veranstaltung

[00:15:00]  in einem städtischen Hallenbad.

[00:15:02] Elisabeth: Halli, hallo, zwei!

[00:15:04] Boris: Zwei Veranstaltungen, stimmt.

[00:15:05] Elisabeth: Eine Lesung und einmal Schwimmtraining.

[00:15:07] Boris: Aber ich bin immer literarisch fokussiert, deswegen, dass ich ein bisschen die [unverständlich] im Kopf gehabt habe.

[00:15:10]  Auf jeden Fall, die... wir wissen, wir sind dann da zur IKB gegangen, hatten ein Vorgespräch

[00:15:16]  und haben das Buch hingelegt und dann war plötzlich die Frage "22 Bahnen".

[00:15:22]  Wir haben gar kein Schwimmbad mit 22 Bahnen.

[00:15:24] Elisabeth: Ach, das war das.

[00:15:25]  Und dann sind wir draufgekommen, dass bei uns heißen die Bahnen Längen.

[00:15:28]  Und in Deutschland heißen die Bahnen Bahnen.

[00:15:31]  Also es heißt ich, schwimme dann in eine Bahnen, 22 Bahnen,

[00:15:35]  während man bei uns in einer Bahn 22 Längen schwimmt.

[00:15:38] Elisabeth: Deswegen machen wir eine Lesung während das Publikum 22 Längen/Bahnen schwimmt.

[00:15:43] Boris: Machen wir das?

[00:15:45] Elisabeth: Nein, glaube ich nicht.

[00:15:47]  Sondern wir machen einmal eine Lesung und einmal gibt es die Möglichkeit,

[00:15:51]  sich Trainingstips zu holen von einem Kollegen von uns in der Bibliothek,

[00:15:55]  der auch staatlich geprüft der Schwimmlehrer ist.

[00:15:57]  Und da kann man dann die 22 Bahnen schwimmen.

[00:16:00]  Außerdem haben wir ja wieder heuer ganz viele Verteilaktionen geplant,

[00:16:06]  weil das ist auch noch so ein Punkt, den wir neu gemacht haben.

[00:16:09]  Wir haben nicht nur Verteilorte, wo die Leute hinkommen können, das Buch zu holen,

[00:16:14]  sondern wir überraschen sie auch an ungewöhnlichen Orten und schenken ihnen das Buch,

[00:16:20]  was auch immer total nett ist, die Reaktion von Menschen, die etwas geschenkt bekommen

[00:16:24]  und gar nichts dafür tun müssen, sondern einfach nur es nehmen.

[00:16:29]  Und da sind wir ja vom Einkaufszentrum Sillpark über die Schwimmbäder der IKB,

[00:16:36]  eben die Straßenbahn, wo wir auf einmal auftauchen, unterschiedliche Orte in Innsbruck.

[00:16:41]  Und ich finde, das ist immer so positiv von den Menschen, die uns zurückmelden.

[00:16:47] Boris: ja, das war eben auch so eine Idee von uns. Das stimmt ja.

[00:16:49]  Und das ist sehr gut, weil man muss ja... die Literatur sollte man ja überall begegnen.

[00:16:53]  Es gibt einen alten Spruch, die Literatur ist immer im Dienst und

[00:16:59] Und so versuchen wir das auch umzusetzen.

[00:17:01] Elisabeth: Ja, und wir haben noch etwas gemacht.

[00:17:03]  Das haben wir jetzt zum dritten Mal, um einen niederschwelligen Zugang zu machen.

[00:17:10]  Nämlich es gibt immer ein "Innsbruck liest"-Hörbuch.

[00:17:13] Boris: Weil wir dieses Mal, das unter Anführungszeichen "Problem" hatten,

[00:17:16]  dass es das Buch schon gab oder gibt bereits.

[00:17:20]  Und was ist jetzt da die Lösung?

[00:17:22] Elisabeth: Das "Innsbruck liest"-Hörbuch heuer,

[00:17:24] Gibt ist in der On-leihe der Stadtbibliothek.

[00:17:28]  Für Mitglieder ist das kostenlos.

[00:17:31]  Für die, die noch kein Mitglied sind, folgendes.

[00:17:34]  Also bis 17 Jahre liest man in der Stadtbibliothek sowieso kostenlos,

[00:17:38]  mit Kulturpass übrigens auch.

[00:17:40]  Und für alle anderen werden wir bei neuen Anmeldungen Jahresmitgliedschaften verschenken.

[00:17:48]  Bitte einfach das Kennwort "Innsbruck liest"-Hörbuch in der Stadtbibliothek

[00:17:52]  bei der Anmeldung sagen und [unverständlich]

[00:17:55] gibt es eine kostenlose Mitgliedschaft.

[00:17:58]  Ja, in dem Sinn.

[00:18:00]  Ich muss jetzt wieder sausen und schauen, ob das passt unten mit den Büchern,

[00:18:04]  weil die werden kommenden Montag rausgeschickt,

[00:18:08]  damit man sie ab Dienstag, den 30. April überall kriegt und bekommt und verteilen kann.

[00:18:16] Boris: Ja, und in der nächsten Folge spreche ich mit Birgit Neu und Thomas Püringer.

[00:18:21]  Beide waren schon ganz am Anfang der Aktion "Innsbruck liest" dabei

[00:18:24]  und können uns spannende Details über die erste Ausgabe und über die Jahre danach erzählen.

[00:18:31]  Und bis dahin gutes Lesen.

[00:18:34] [Wasser plätschert] [Outro-Musik]

[00:18:58] [Männerstimme]: Das Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen,

[00:19:04]  dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Warum mögen wir Booktok eigentlich nicht?

Warum mögen wir Booktok eigentlich nicht?

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Stimme moduliert]: Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.

[00:00:06]  [Intro Musik] Christina: Ja hallo und herzlich willkommen zum Vorwort dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:26]  Mein Name ist Christina.

[00:00:28]  Pia: Und ich bin die Pia.

[00:00:30]  Christina: Und heute reden wir darüber, warum mögen wir Booktok eigentlich nicht.

[00:00:36]  Bevor wir aber in dieses vielleicht kontroverse Thema starten,

[00:00:40]  haben wir heute die große Ehre bekannt zu geben, das Buch für "Innsbruck liest".

[00:00:47]  [Wasser plätschert] Seit 16.04. wissen die Innsbrucker, was wir lesen.

[00:00:52]  Und Pia, was lesen wir denn in diesem Jahr "Innsbruck liest"?

[00:00:55]  Worauf dürfen sich die Innsbruckerinnen und Innsbrucker freuen?

[00:00:58]  Pia: "22 Bahnen" heißt das Buch.

[00:01:00]  Christina:  Von der Caroline Wahl, die übrigens, wenn "Innsbruck liest", den Podcast übernimmt,

[00:01:06]  ab nächster Woche, auch in einer der Folgen zu Gast sein wird.

[00:01:10]  und mit Boris ein Interview führen wird.

[00:01:12]  Also da freuen wir uns extrem drauf.

[00:01:14]  Es ist das 20. Jubiläum der Aktion vom 30.04. bis 10.05.

[00:01:20]  gibt es ganz viele Veranstaltungen, Signierstunden, die Caroline Wahl wird dabei sein.

[00:01:25]  Wir freuen uns darauf sehr. Es werden 10.000 Bücher verteilt.

[00:01:29]  Und wie gesagt, ab nächster Woche sind wir erst einmal weg vom Fenster

[00:01:34]  und dürfen uns auch freuen, was Lisi, Boris und so manch ein Gast und manch eine Gästin mitbringen.

[00:01:41]  [Männerstimme]: 10.000 gratis Bücher und kostenlose Veranstaltungen vom 30. April bis zum 10. Mai.

[00:01:48]  "Innsbruck liest" zum 20. Mal.

[00:01:51]  [Wasser plätschert] Christina: Hot Take.

[00:01:56]  Christina: Booktok ist nicht überbewertet, hat aber extrem viele Nachteile, warum ich es nicht so gerne mag [schmunzelt].

[00:02:03]  Pia: Verstehe ich. Bist du schon mal auf Tiktok gewesen?

[00:02:08]  Also sollten wir vielleicht einmal erklären, was Booktok genau ist.

[00:02:11]  Christina: Genau.

[00:02:12]  Pia: Also es gibt ja Tiktok, das ist eine Social Media Plattform.

[00:02:15]  Und Booktok ist im Grunde ein Bereich auf dieser Plattform, wo sich Leute über Bücher austauschen.

[00:02:21]  Christina: Geboren aus dem Hashtag Booktok, zusammengesetzt von was auch immer gerade der Trend ist und Tok.

[00:02:29]  Und das ist so groß geworden, würde ich sagen, seit der Pandemie.

[00:02:34]  Seit 2020, seit die Leute, das kommt ja wieder aus dem amerikanischen Raum so ein bisschen,

[00:02:39]  da wurde das dann groß, plötzlich auch sehr relevant für die verschiedenen Buchmärkte

[00:02:44]  und zwar nicht nur in Amerika, nicht nur in Großbritannien, sondern das ist auch bisschen zu uns rüber geschwappt

[00:02:51]  und hat auch einen Einfluss bei uns.

[00:02:53]  Pia: Man sieht es auch auf dem Buchcover, auf den Deutschen.

[00:02:58]  Oft steht es jetzt oben die Tiktok-Sensation, manchmal als Kleber, aber manchmal auch direkt auf der Annotation oben,

[00:03:04]  auf der Inhaltsangabe.

[00:03:06]  Da steht es echt extra dann dabei, dass es auf Tiktok bekannt geworden ist.

[00:03:10]  Christina: Ich habe jetzt gerade eines katalogisiert. Katalogisieren für alle, die nicht zufällig Bibliothekharinnen oder Bibliothekare sind

[00:03:16]  ist einfach, wenn wir Bücher bestellt haben und die müssen ja dann irgendwie in unser System rein,

[00:03:20]  damit man es auch schön findet, wenn man zum Beispiel die Suche verwendet in unserem Online-Katalog.

[00:03:26]  Damit man das sieht, muss das Buch eingearbeitet werden.

[00:03:30]  Auch da ist es gerade eben draufgestanden.

[00:03:33]  Wir bestellen ja Bücher inzwischen auch tatsächlich.

[00:03:36]  Erst bevor es bei uns angekommen ist, habe ich auf jeden Fall gemerkt,

[00:03:40]  dass es im Buchhandel war es relativ schnell ein Thema, ich meine, klar ist Verkauf.

[00:03:46]  Da stand es... wird es dann... ist es inzwischen üblich, dass du mindestens ein Tisch hast, wo du entweder die nächste Tiktok-Sensation

[00:03:53]  oder Booktok-Sensation oder halt die ganzen verschiedenen Bücher von Booktok aufgestellt hast, oder?

[00:04:00]  Ist dir das auch schon aufgefallen?

[00:04:02]  Pia: Ja, das ist jetzt immer immer mehr geworden.

[00:04:05]  Und eben inzwischen auch zu uns übergeschwappt.

[00:04:08]  Wir haben schon auch Bücher, die genau in diese Richtung gehen.

[00:04:11]  Also die Colleen Hoover, zum Beispiel ist das Paradebeispiel davon, das ist eine Autorin,

[00:04:16]  die sowohl im Jugendbuchbereich, aber auch im Erwachsenenbereich, sehr gut ankommt,

[00:04:20]  die eben oft eben Liebesromane schreibt und die kommen sehr, sehr gut auf Tiktok und auf Booktok an.

[00:04:28]  Ich habe es jetzt einmal ausprobiert.

[00:04:30]  Ich habe es jetzt [Christina im Hintergrund: Nein!] einmal runtergeladen weil ich mir gedacht habe, ich wollte jetzt nicht sagen, ich finde das so ein Blödsinn,

[00:04:35]  wenn ich keine Ahnung habe, oder?

[00:04:38]  Christina: Jetzt bin ich richtig gespannt, kurze Vorgeschichte.

[00:04:40]  Wir reden schon seit einiger Zeit darüber, dass wir dieses [beide lachen] Booktok, [Pia lachend]: Dieses Ding. Christina: Dieses Booktok, dieses sogenannte, also wir reden schon von einiger Zeit darüber,

[00:04:51]  dass wir darüber eine Folge machen wollen.

[00:04:53]  Wir finden das beide sehr, sehr interessant.

[00:04:55]  Wir sind aber beide sehr Social Media-scheu und waren beide noch nie auf Tiktok.

[00:05:00]  Ich zum Beispiel weigere mich, diese App runterzuladen aus verschiedensten Gründen.

[00:05:04]  Das hat für mich mit Datenschutz zu tun, es hat für mich damit zu tun, dass der Algorithmus zu gut ist.

[00:05:08]  Und über diese ganzen Themen werden wir jetzt ja gleich noch reden.

[00:05:12]  Und jetzt höre ich zum ersten Mal, also du hast dir das jetzt runtergeladen.

[00:05:17]  Wann hast du dir das runtergeladen?

[00:05:18]  Pia: Am Montag.

[00:05:19]  Christina: Am Montag.

[00:05:20]  Pia: Also jetzt ungefähr eine Woche halt.

[00:05:23]  Und ich wollte es eben extra für diese Folge, weil ich mir dachte, ich will jetzt nicht über was schimpfen,

[00:05:27]  wo ich dann gar keinen Plan davon habe oder wo ich nicht weiß, wie es wirklich dann tatsächlich ausschaut.

[00:05:31]  Und ich werde es mal aber jetzt wieder löschen.

[00:05:35]  Es ist nicht meine Welt, muss ich sagen.

[00:05:38]  Ich habe es runtergeladen und es ist extrem spannend gewesen,

[00:05:41]  weil das erste, was mir aufgefallen ist, dass ich sofort in eine Kategorie eingeteilt worden bin als Nutzerin.

[00:05:50]  Weil ich das erste Video das ich bekommen habe, wo ich dann nach Booktok gesucht habe,

[00:05:54]  war Bücherempfehlungen für Frauen in ihren 20ern.

[00:05:57]  Und das war dann so, okay, sie wissen irgendwie genau.

[00:06:00]  [schmunzelnd] Also ich bin 30, aber trotzdem werde ich sofort in eine Kategorie eingeteilt

[00:06:06]  und kriege dann dementsprechende Empfehlungen.

[00:06:09]  Und das nächste war dann Booktok Bücher, die dem Hype gerecht werden.

[00:06:13]  Das waren dann lauter Liebesromane.

[00:06:15]  Und es war auch spannend, dass die dann natürlich sofort,

[00:06:18]  man kann es natürlich auch sein, dass Leute, die nach Booktok suchen generell weiblich sind,

[00:06:24] ist natürlich auch...

[00:06:25]  Christina: Das ist glaube ich, da gibt es, also das ist, ich kann jetzt keine Studien zitieren.

[00:06:30]  Was.. ich beschäftige mich mit dem Thema eher so viel auf einer Meta-Ebene,

[00:06:34]  indem ich nämlich auf YouTube [lacht] Videos über Analysen von Booktok Büchern mir anschaue.

[00:06:40]  Von tatsächlichen Booktok-Userinnen und meistens Userinnen.

[00:06:44]  Und ich glaube schon, dass es ist ja auch ...

[00:06:47]  Pia: Dass es sehr weiblich [unverständlich].

[00:06:48]  Christina: Ja, es merken wir auch bei, also in der Beletristik ist es auf jeden Fall so,

[00:06:51]  dass mehr Frauen belletristische Romane lesen.

[00:06:55]  Und ich würde dann davon ausgehen, dass sich das auf jeden Fall übersetzt.

[00:06:58]  Auch die ganzen Influencer:innen, das sind ja zu 80 Prozent.

[00:07:03]  Frauen.

[00:07:04]  Pia: Also es ist mir auch aufgefallen.

[00:07:07]  Christina: Aber meinst du nicht, dass eine Woche zu wenig ist?

[00:07:09]  Pia: Ja, natürlich.

[00:07:11]  Christina: Weil diese Algorithmus soll ja so teuflisch gut sein und soll ja je mehr du interagierst

[00:07:15]  und je mehr du machst, desto genauer kennt er dich.

[00:07:19]  Und ich glaube, eine Woche ist noch nicht lang.

[00:07:21]  Pia: Ja, das ist sicher so, aber eben, ich wollte es dann nur mal testen

[00:07:23]  und ich habe das schon fasziniert gefunden.

[00:07:25]  Das grad das erste, was ich kriege, ist ja, Bücher für Frauen in ihren 20ern [lacht].

[00:07:29]  Und es waren aber auch keine schlechten Empfehlungen.

[00:07:31]  Christina: Du bist eine Zielgruppe.

[00:07:33]  Pia: Ja, ich bin eine Zielgruppe.

[00:07:35]  Es sind auch Bücher, die wir in der Bibliothek haben.

[00:07:37]  Also das waren dann so Sachen wie zum Beispiel die Gespräche mit Freunden

[00:07:39]  von Sally Rooney, haben wir, Deutsch und Englisch, Cleopatra und Frankenstein

[00:07:44]  von Coco Mellors, haben wir ebenfalls in der Bib.

[00:07:47]  Oder auch so Ratgeber-Sachen wie 101 Essays, die dein Leben verändern werden

[00:07:51]  von der Brianna Wiest.

[00:07:52]  Da haben wir ja auch einige von ihr.

[00:07:54]  Christina: Aber bin ich jetzt nicht so beeindruckt, weil ich habe einen...

[00:07:57]  das sind einfach die fünf Bücher, die du überall siehst.

[00:08:00]  Pia: Natürlich.

[00:08:02]  Aber das waren jetzt keine...

[00:08:04]  Also das waren jetzt die ersten Vorschläge, die ich gekriegt habe.

[00:08:08]  Und da war ich so, okay, ich hätte mir sofort die Colleen Hoover vorgestellt.

[00:08:11]  Und das ist eben so das typische, okay, Liebesroman-Ding.

[00:08:14]  Das war dann schon das zweite, was ich gekriegt habe.

[00:08:16]  Das waren eben diese zweite, das zweite Video, das waren die Allie Hazelwood.

[00:08:20]  Christina: Ja, ich glaube halt, also ich glaube schon,

[00:08:23]  dass dieser Algorithmus gut für dich funktionieren kann,

[00:08:26]  wenn du den für dich nutzt.

[00:08:31]  Das ist ja wie eigentlich alles, was Social Media oder was das Handy und so weiter betrifft.

[00:08:37]  Wenn du es für deine Zwecke nutzt und den Algorithmus richtig fütterst

[00:08:42]  und dann nicht auf zu viele Videos klickst und das wirklich nur benutzt,

[00:08:45]  wenn du was brauchst, dann kann dir das sicher dienlich sein.

[00:08:48]  Das Problem, das ich mit Booktok habe, ist also einmal dieses "Rabbit Hole" [Idee oder ein Thema, von dem man sich gedanklich auf Abwege führen lässt],

[00:08:53]  das einfach durch diesen hervorragenden Algorithmus immer krasser wird

[00:08:58]  und du wirst halt immer mehr, also noch mehr in so "Bubbles" [Blasen] gezogen.

[00:09:04]  Und ich habe zum Beispiel gelesen einmal vor Kurzem,

[00:09:09]  dass die App auf deine Kamera zugreift.

[00:09:13]  Hat sie dich nach Erlaubnis gebeten?

[00:09:16]  Pia: Kamera nicht, aber meine Kontakte wollte sie haben, da habe ich nein gesagt.

[00:09:20]  Christina: Immer eine gute Idee, da nein zu sagen, Datenschutz ist wichtig.

[00:09:24]  Wir laden uns da irgendwelche Apps auf unser Handy und oft vor "Convenience" [Bequemlichkeit]

[00:09:29]  schauen wir gar nicht, was wir uns da eigentlich draufladen, aber das wundert mich,

[00:09:33]  weil ich habe gelesen, dass TikTok als App deine... scannt. Pia: Deine Mimik?

[00:09:39]  Christina: Deine, die Mimik, wo die Augen lange sind und genau ob es dir gefällt.

[00:09:44]  Ich kann das natürlich nicht mehr herholen, ich werde in die Show-Notes,

[00:09:47]  wenn ich es noch einmal finde, das auf jeden Fall verlinken,

[00:09:50]  wenn ich dazu etwas finde.

[00:09:51]  Jedenfalls erinnere ich mich noch, dass ich da sehr erstaunt und erschocken war, dass...

[00:09:55]  Pia: Ich mein, die Verweildauer verwenden sie prinzipiell, glaube ich, auch auf Instagram.

[00:09:58]  und so, wie lange du auf einem Post oben bist oder dir ein Video anschaust und so.

[00:10:02]  Christina: Aber Booktok, eh...TikTok hat es halt, also so, von allen Social-Media-Plattformen,

[00:10:07]  kann TikTok das am besten.

[00:10:10]  Und es ist natürlich so [schnippt 3 Mal mit den Fingern], schnell, schnell, schnell ein Video noch ein Video.

[00:10:14]  Pia: Für mich ist es einfach ein zu schnelles Medium, deswegen ist es auch nichts für mich.

[00:10:18]  Ich bin halt Generation YouTube, ich schaue mir dann gerne lieber eine Analyse

[00:10:21]  oder ein längeres Video dazu an.

[00:10:23]  Aber diese ganz kurz, das ist mir zu schnell gegangen,

[00:10:26]  oft so ganz schnelle Cuts, das mag ich irgendwie nicht.

[00:10:29]  Und ich haben dann total, ich bin mir so alt vorkommen,

[00:10:32]  weil ich ständig Pause habe, drücken müssen, um mir die Bücher anzuschauen [lacht],

[00:10:35]  weil ich es nicht mitgekriegt habe, welches Buch jetzt gerade wieder vorgestellt wird.

[00:10:39]  Christina: Ich meine, da kann man ja vielleicht auch dazu sagen,

[00:10:41]  das hat ja auch de facto was mit einem Alterungsprozess zu tun,

[00:10:47]  dass man irgendwann gar nicht mehr so schnell hinterher kommt.

[00:10:50]  Und du hast ja noch tausend andere Sachen, die dich mehr interessieren,

[00:10:53]  als da jetzt das Video zu schauen.

[00:10:55]  Pia: Ja.

[00:10:57] Pia: Ja, aber es war lustig, sich das mal anzuschauen,

[00:11:01]  aber eben dieser weibliche, also dass das vorwiegend Frauen sind auf der Plattform selber,

[00:11:07]  das ist schon sehr auffällig, denn ich habe einen Mann gefunden [lacht].

[00:11:10]  Das war dann aber erst, wo ich dann spezifisch nach Fantasy Büchern gesucht habe,

[00:11:14]  und der ist dann auch ziemlich weit unten daherkommen,

[00:11:16]  also es hat gedauert.

[00:11:18]  Und dann auch habe ich angefangen, nach Büchern zu suchen, wo ich mir gedacht habe,

[00:11:21]  okay, da glaube ich jetzt nicht, dass unbedingt eine riesige Community dafür auf Booktok ist.

[00:11:26]  Da habe ich zum Beispiel nach der Donna Leon gesucht, da habe ich dann total,

[00:11:29]  also es hat Videos gegeben, aber sehr wenig.

[00:11:32]  Und eine war eine, ich weiß jetzt gar nicht,

[00:11:36]  hat sie englisch geredet, es war auf jeden Fall ein englisches Video,

[00:11:38]  weil sie Englische Captions [Unterschrift] gehabt hat.

[00:11:40]  Und da hat sie so, das war extrem unterhaltsam für mich,

[00:11:44]  weil sie irgendwie die Donna Leon für sich entdeckt hat [lacht].

[00:11:47]  [lachend] Und Donna Leon ist irgendwie so eine Standard-Krimi-Autorin für mich.

[00:11:52]  Und dann hat sie so eben diese Caption reingeschrieben,

[00:11:55]  das Gefühl, wenn du ein tolles Buch liest und entdeckst,

[00:11:58]  dass es eine Serie mit über 30 Büchern ist, [lacht] dann habe ich gedacht.

[00:12:01]  [lachend] Wer kennt die Donna Leon nicht?

[00:12:03]  Also es war irgendwie amüsant. Christina: Wahrscheinlich die meisten Amis.

[00:12:05]  Weil die Donna Leon ist ja Amerikanerin.

[00:12:09]  Klingt vom Namen her so Italienisch, ist auch im Diogenes Verlag,

[00:12:13]  es hat auch so einen Hauch.

[00:12:15]  Also es ist schon, es ist irgendwie so extra so vermarktet.

[00:12:20]  Und in Amerika geht es ja gar nicht, und bei uns geht es weg,

[00:12:22]  wie eine warme Semmel. Pia: Ja.

[00:12:24]  Christina: In Amerika kennt die, glaube ich, also kennen die wenigsten sie. Pia: Also wir haben alle diese Bücher

[00:12:27]  Christina: Wir mögen sowas. Pia: Die gehen! [lacht]

[00:12:29]  Pia: Aber es war lustig.

[00:12:31]  Und ich habe dann auch nach deutschsprachigen Autoren und Autorinnen gesucht.

[00:12:36]  Und es, also es hat paarmal ein paar Sachen geben,

[00:12:40]  ab und zu mal einen Post, aber sehr wenig.

[00:12:43]  Christina: 22 Bahnen ist zum Beispiel sehr beliebt auf Booktok.

[00:12:48]  Das fand ich schon sehr cool mit am Zahn der Zeit.

[00:12:51]  Und dass das "Innsbruck liest" Buch

[00:12:53]  soweit vorne ist auch. Also dass auch deutsche Schriftsteller:innen da gesehen werden, fand

[00:12:58]  ich irgendwie schon gut. Pia: Ich glaube, dass es schwierig ist, weil ich hab dann auch zum Beispiel

[00:13:03]  so nach der Monika Helfer oder halt so wirklich die auch gut bei uns gehen gesucht oder Rebecca

[00:13:09]  Gablé und die erste Rebecca, die es mir vorgeschlagen hat, waren die Rebecca Yarros, die von

[00:13:14]  "Fourth Wing" also "Flammengeküsst". Christina: Aber das sind ja auch alles eher ältere Autor:innen gewesen oder die Monika Helfer ist ja auch

[00:13:23]  eher und die Rebecca Gablé. Pia: Stefanie Sargnagel habe ich dann auch gesucht. Christina: Und wie war... auch

[00:13:28]  nicht? Pia: Da waren nur Videos über sie, aber auch ganz wenige. Also wie sie zum Beispiel mal eine Lesung

[00:13:32]  macht oder so. Christina: Aber insgesamt hast du dich da nicht so wohl gefühlt? Es war jetzt nicht so mein

[00:13:38]  Dinf. Also ich bin ja generell eher im englischsprachigen Raum, auch im Internet unterwegs. Aber trotzdem ist es irgendwie

[00:13:47]  interessant dann gewesen, dass es so eine [unverständlich] ist in Richtung englischsprachiger Bücher. Es hat

[00:13:51]  dann schon, also wo es zum Beispiel einiges mehr geben hat, von Cornelia Funke, wobei die natürlich

[00:13:55]  auch in die Jugendbuchrichtung geht. Das heißt, es ist genau in Grunde auch die Zielgruppe ein

[00:13:59]  bisschen. Und Thomas Brezina, da habe ich auch einiges gefunden. Christina: Der wird auch wissen, dass er da hin muss.

[00:14:05]  Pia: Der ist selber auch auf. Christina: Ja. Pia: Also der hat einen eigenen Account. Christina: Also das heißt... ich glaube, mich überrascht das

[00:14:10]  gar nicht. Weil das natürlich ein, dann in Amerika groß gewordenes Phänomen ist. Du hast

[00:14:15]  die meisten Booktubers sind ja auch einfach amerikanisch oder höchstens halt aus der UK oder

[00:14:20]  zumindest gehen die in den englischen Sprachraum und besprechen dann auch immer die gleichen Bücher.

[00:14:24]  Und der, ich meine, Deutsche und Österreichische und Schweizer Literaturmarkt, das ist dagegen

[00:14:29]  natürlich winzig klein und das ist auf so einer Plattform dann. Pia: Also absolut verständlich natürlich. Aber

[00:14:34]  es ist schon interessant, dass dann so ein extremer [unverständlich] irgendwie vorhanden ist. Ja. Und an sich

[00:14:41]  finde ich jetzt, also der Content, der jetzt oben ist, ist ja an sich nicht schlecht. Also es ist

[00:14:46]  auch Fan Content, wo sie sich darüber austauschen und so, was ja auch super ist, dass eine

[00:14:49]  jüngere Generation jetzt auch mehr ins Lesen kommt und das so annehmend selber Fan Art kreiert. Also

[00:14:56]  wirklich schöne Sachen sind da teilweise oben. Christina: Und da hat Booktok noch einmal im maßgeblich dazu

[00:15:00]  beigetragen, dass die Gen-Z sie total viel liest, also das Buch war totgesagt. So, da haben wir ja

[00:15:06]  schon letzte Woche darüber geredet, über das gedruckte Buch und so. Aber dass das, also das

[00:15:12]  Buch ist absolut In, ist ein Trend. Pia: Ja. Aber man hat auch so das Gefühl, es ist eine gewisse

[00:15:17]  Ästhetik, die da verkauft wird. Gerade in so gewissen Videos hat man das Gefühl, okay,

[00:15:22]  es ist jetzt da so entspannend, nachher hat man so eine nette Musik im Hintergrund, Bücher mit sehr,

[00:15:27]  sehr schönen Covern, am besten Schmuckausgaben. Christina: Und das ist, wo ich hinkomme zu dem, was mich

[00:15:33]  wirklich stört, an diesem Booktok Trend, weil es eine Ästhetisierung des Buches mit sich bringt,

[00:15:40]  was per se nicht unbedingt was Schlechtes oder was Gutes ist. Das ist erst einmal wertneutral.

[00:15:45]  Aber Social Media sind einfach immer ein Medium der Selbstdarstellung. Und das heißt, da wird

[00:15:52]  dann plötzlich das Lesen zu so einer kuratierten Kunstform erhoben. Das heißt, was lese ich?

[00:15:57]  Nicht nur was… Pia: Das ist ein Hobby, das ich vermarkten kann, gleichzeitig.

[00:15:59]  Christina: Ja genau, du vermarktest dich und du wirst nicht den Astrix und Obelix Comic schön

[00:16:04]  neben den Kaffee stellen, sondern dann halt einen Kamin. [beide lachen] Christina: Und das heißt, welche Bücher zeige ich,

[00:16:11]  was lese ich oder was möchte ich, dass jemand denkt, dass ich lese. Das geht ja so weit,

[00:16:17]  dass es schöne Schmuckausgaben von Büchern, dass es Buchstylisten gibt und die dann Celebrities [Promis]

[00:16:24]  diese schönen Schmuckausgaben zur Hand geben und die sich dann damit fotografieren lassen.

[00:16:30]  Ja, ist ja nicht, an sich nicht schlimm, aber da muss man sich… Also, das Buch wird durch diese

[00:16:38]  Mechanismen halt immer mehr und mehr zum Konsumgut und zum Produkt.

[00:16:42]  Pia: Man geht immer mehr weg vom Text, vom eigentlichen oder? Und es geht nur mehr darum, wie schauts

[00:16:48]  denn aus? Und man, wie ich sage, ich mag Schmuckausgaben auch gerne. Aber da ist halt…

[00:16:51]  Christina: Ja, aber im Kern geht es um den Text und um die Kunst, die in dem Text ist und auch die Bücher,

[00:16:57]  die da teilweise gelesen werden. Es ist unbelassen, wer was lesen will. Aber was es macht in der Masse ist,

[00:17:06]  dass man immer… Das hat ja so ein Zyklus zur Folge. Jetzt geht es XY gut. Deswegen wird

[00:17:14]  es… Also, das nächste Buch, nächsten Jahres, das genauso ein Bestseller werden soll,

[00:17:19]  ist dann das gleiche Buch über das gleiche Thema mit einer ähnlichen Autorin.

[00:17:22]  Pia: Ein bisschen anderes anders. Und "Tropes" [wiederkehrende Motive, Themen oder Elemente] sind zum Beispiel auch was das total gut geht. Da habe ich auch so

[00:17:28]  Videos gefunden, wie zum Beispiel Bücher, wo der Bösewicht das Mädchen kriegt oder so. Und eben,

[00:17:32]  wenn sowas dann auch funktioniert, ok, nachher kommen halt 10 Bücher in diese Richtung oder

[00:17:36]  halt nicht nur 10. Christina: Genau. Pia: Mehr halt in diese Richtung raus. Christina: Und das Verlagswesen,

[00:17:39]  weiß, die wollen ja auch was ist sicher. Das heißt, die wissen, das funktioniert, also wollen wir

[00:17:44]  mehr davon. Und dann wird es auch einfach immer ähnlicher und dann konsumieren die Leute immer

[00:17:48]  das Gleiche und eigentlich liest du immer die gleichen 10 Bücher im Zyklus so gefühlt oder

[00:17:52]  immer spezifischer. Und diese "tropisierung" von Literatur, die ist uns auch schon aufgefallen in

[00:17:59]  der Bibliothek. Aber da stelle ich mir dann auch irgendwann die Frage, zum Beispiel es kommt auch

[00:18:06]  so ein bisschen, da haben wir auch schon drüber geredet, aus Fanfiction raus, glaube ich. Ich glaube,

[00:18:09]  dass das so einfach so ein Internet-Ding ist, weil du brauchst ja sehr spezifische

[00:18:13]  Schlagworte, um zu finden, was du suchst. Ich finde es halt problematisch, wenn man dann

[00:18:19]  wirklich anfangen, weil das Buch, all das trägt einfach dazu bei, dass das Buch nur noch ein

[00:18:26]  reines Konsumprodukt ist. Ich möchte das Produkt "Enemies to Lovers" mit dem und dem Setting,

[00:18:31]  in dem und dem Cover. Und dann lese ich davon halt einfach die, weil die Verlage diese 10 Bücher

[00:18:41]  in genau dieser Ästhetik. Pia: Und dann bin ich genau in meiner Bubble auf BookTok, wo ich mich mit

[00:18:45]  den Leuten austausche, die auch nichts anderes lesen und kriege nichts von anderer Literatur mit. Was ja

[00:18:52]  an sich, wie gesagt, jeder darf ja lesen, was er will. Christina: Selbstverständlich. Es... Ja. Pia: Aber gleichzeitig

[00:18:58]  ist es irgendwie schade, weil dadurch irgendwie die Buntheit der Literatur ein bisschen verloren

[00:19:03]  geht. Christina: Man tritt... Also es lohnt sich egal, in welchem Kontext immer aus der eigenen Wohlfühblase auszusteigen.

[00:19:10]  Es muss ja nicht jedes Buch sein. Aber durchs Studium ist man zum Beispiel gezwungen, Bücher zu

[00:19:16]  lesen, wo man sich denkt, oh nein, so über Wochen. Und es hat jedes Mal ein Mehrwert. Und nicht jedes

[00:19:22]  Buch ist ein, oh nein, Buch schnell. Oft ist es dann auch so, wow, das ist genau das Meinige.

[00:19:27]  Pia: Und auch bei den oh nein Büchern denkt man sich dann, okay, ich kann aber verstehen, warum das so

[00:19:32]  einen Status erreicht hat. Christina: Was natürlich bei uns in der Bibliothek auch schön ist, wir markieren

[00:19:39]  die ja nicht irgendwie extra oder was. Das heißt, es hat absolut sein Daseinsberechtigung, dass die

[00:19:44]  bei uns sind, dass wir sind... freuen uns über jedes Buch, das gelesen wird. Und das auf

[00:19:49]  individueller Ebene ist es sowieso noch mal eine ganze andere Geschichte, als eben in diesem

[00:19:54]  Massenphänomen, das wir ja kritisieren hier. Bei uns ist das schöne, die stehen einfach im Regal. Und

[00:20:00]  da kannst du halt, dass wenn eh schon da bist du nimmst halt das mit, was dich gerade anlacht,

[00:20:05]  was du auf Booktok auch gesehen hast, weil, es ist ja Aufmerksamkeitsökonomie und was ich sehe

[00:20:09]  will ich haben. Aber dann steht daneben halt eines, das vielleicht ein ganz anderes Genre ist und

[00:20:14]  dann sagst du dann, ah dann nehm ich das auch mit. Und dann, manchmal... Ehm, das kostet ja nichts. Und

[00:20:19]  das ist das nächste Booktok ist teuer. Wenn du dir wirklich all diese ganzen Book-Hauls [große menge an Buchkäufen] mit diesen

[00:20:27]  stapelweisen Büchern, die da irgendwelche Influencer kaufen, das ist dann... befördert

[00:20:31]  dann doch auch wieder diesen Konsum und ist irgendwie auch nicht, also ist auf jeden Fall nicht

[00:20:35] jedem zugänglich. Wer kann sich denn alleine zehn Bücher im Monat kaufen? Das sind 200 Euro,

[00:20:40]  wenn nicht mehr. Also das ist doch auch Wahnsinnsgeld. Ja, aber das ist für mich der Grund,

[00:20:47]  warum ich sehr leidenschaftlich Booktok kritisiere, weil einfach diese Dinge,

[00:20:55]  das ist so, diese Social Media hat sich so wegentwickelt von Kreativität und Austausch hin zu

[00:21:03]  Konsum und Booktok ist für mich so ein Paradebeispiel dafür, was was so kreativ sein könnte,

[00:21:09]  das es sicher in Teilen noch ist. Pia: Natürlich, eben es gibt ganz nette Videos, eben auch diese

[00:21:16]  Fan-Community, die sich da zusammenschweißen und da sich zusammen austauschen. Das passt auch gut,

[00:21:23]  aber eben für mich war es irgendwie dann einfach zu leer und irgendwie so viele Posts,

[00:21:27]  dann einfach nur Copy und Paste. Diese Titel, diese, eben die Bücher, die haben den Hype verdient,

[00:21:33]  das hast du halt einfach hundertmal und sind einfach verschiedene Bücher drinnen, aber ungefähr

[00:21:39]  genau das gleiche und dann denk ich mir halt auch wieder, okay, brauche ich jetzt auch nicht unbedingt.

[00:21:44] Christina: Ja, und man muss natürlich sagen, das ist auf ein jüngeres Zielpublikum nicht Zeitweise ausgerichtet,

[00:21:53]  aber das hat sich halt aus der Nutzung... aus dem Nutzungsverhalten einfach entwickelt. Das sind...

[00:21:58] Pia: TikTok generell ist ja eher die jüngere Generation, die sind jetzt zum Beispiel nicht mehr so auf Facebook

[00:22:06]  oder auf YouTube zu finden. Christina: Also Facebook sowieso. Ich glaube, YouTube sind so wir ungefähr und dann

[00:22:12]  kommt halt, ich meine, viele Leute in unserem Alter nutzen TikTok sicherlich auch, aber es gibt

[00:22:21]  gute Gründe, es zu nutzen, dann bin ich mir sicher, aber es gibt auch wahnsinnig viele gute Gründe,

[00:22:25]  es letztendlich dann vielleicht doch nicht immer zu viel zu nutzen. Ja, würdest du dir TikTok nochmal

[00:22:34] installieren? Pia: Ich lösche es jetzt diese Woche, ich habe jetzt nur darauf gehört, dass

[00:22:38]  wir das jetzt noch machen und jetzt lösche is er mir wieder runter. Ja, mir gehen dann auch

[00:22:43] ständig diese Notifications auf den Geist, die kriege ich nur, weil ich ein Video eben angeschaut

[00:22:48]  habe, da ist es nicht so, also ich habe jetzt niemanden abonniert und trotzdem kriege ich

[00:22:51]  dann nicht irgendwelche Updates und das geht mir auf den Geist. Das ist aber generell eine Social

[00:22:55]  Media Sache und die mag ich einfach nicht, deswegen. Und ich habe jetzt nichts gefunden, wo ich

[00:22:59]  mir denke, ah diese Buchempfehlung hätte ich jetzt nirgendwo anders herkriegt. Christina: Ja gut, wir sitzen auch

[00:23:04] an der Quelle. Pia: Ja ich sitz an der Quelle, das ist vielleicht noch mal was anderes, aber dann bin ich doch lieber bei YouTube,

[00:23:10]  muss ich sagen. Christina: Wobei ich selbst dem jetzt den Rücken  zugedreht habe, ein bisschen weitestgehend,

[00:23:15]  einfach weil auch da die Werbung überhand genommen hat. Pia: Ja, aber da mag ich einfach die

[00:23:20]  YouTuber lieber, die mir nachher eben so einfach Analyse-Videos, egal ob es über Filme oder Bücher

[00:23:26]  ist. Christina: Es ist auch zum runter kommen besser. Pia: Eben. Christina: Tiktok ist so, das ist wie Glücksspiel ein bisschen, das

[00:23:34]  hält so den Dopaminspiegel so hoch, weil immer was Neues und immer was Neues kommt. Pia: Und ich glaube,

[00:23:40]  es hat eine extreme Suchtgefahr eben deswegen auch, weil sicher die Videos sind ganz kurz, aber

[00:23:45]  dadurch, dass du... so ein Endlosschleife oder? Bei YouTube ist es nicht so, ich mein ich

[00:23:49] weiß, dass man das einstellen kann, dass es endlos weitergeht, aber das kannst du einfach

[00:23:53]  eben ausstellen und fertig. Aber bei Tiktok ist es so, du scrollst ständig weiter nach unten und

[00:23:57]  nach unten und das hört nie auf. Christina: Es ist sehr viel, also unbelassen, was man mit seiner Freizeit macht,

[00:24:03]  aber ich denke mir auch für mich privat, es ist sehr viel Lebenszeit und genauso aber auf YouTube

[00:24:10]  und das muss man sagen oder auch wenn man Fernsehen schaut, ist ja eigentlich egal. Aber

[00:24:16]  am Punkt muss man sich fragen, mache ich es jetzt, weil es mir gerade noch Spaß macht oder mache ich

[00:24:22]  es jetzt, weil es gerade die weniger aufwendige Variante oder Alternative ist. Pia: Ja. Christina: Aber uns würde

[00:24:29]  vor allen Dingen interessieren, nutzt ihr Booktok, woher kriegt ihr  eure Lektüre-Empfehlungen.

[00:24:35] Widersprecht ihr unserer Meinung, dass... mögt ihr Booktok und wenn ja, warum liegen wir falsch.

[00:24:41] Schreibt uns auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at oder gern auf Instagram oder Facebook.

[00:24:51] Christina: Und damit sagen wir auf Wiederhören und zwar in einem guten Monat. Bis dahin wünschen wir euch allen

[00:24:58]  viel Spaß mit S'Vorwort "Innsbruck liest". Wir übergeben an die Lisi und an den Boris

[00:25:06]  nächste Woche und bis bald. Pia: Viel Spaß bei "Innsbruck liest", tschüss!

[00:25:10] [Outro-Musik] [Männerstimme]: S‘Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und

[00:25:40]  Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Warum mögen wir eigentlich gute Bücher (und was sind gute Bücher überhaupt)?

Warum mögen wir eigentlich gute Bücher (und was sind gute Bücher überhaupt)?

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Stimme moduliert]: Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.

[00:00:07]  [Intro-Musik] Christina: Ja, hallo und herzlich willkommen zum Vorwort, dem Podcast der Stadt Bibliothek Innsbruck.

[00:00:27]  Mein Name ist Christina und ich bin heute hier mit dem...

[00:00:29]  Viktor: Viktor.

[00:00:30]  Christina: Und wir sprechen heute darüber, warum mögen wir eigentlich gute Bücher und was sind gute Bücher überhaupt.

[00:00:38]  Aber heute, bevor wir ins Thema starten, habe ich ganz aufregende Neuigkeiten, nämlich darf ich jetzt ankündigen,

[00:00:44]  dass dieses Jahr, und zwar zum Anlass des 20. Jubiläums von "Innsbruck liest",

[00:00:50]  wird ab dem 25.04.  "Innsbruck liest" ins Vorwort wandern.

[00:00:55]  Es geschieht eine sogenannte freundliche Übernahme von unseren Kolleg:innen, der Lisi und dem Boris.

[00:01:01]  Und die werden uns dann mit einigen ganz besonderen Folgen beglücken.

[00:01:06]  "Innsbruck liest", findet dieses Jahr vom 30.04. bis zum 10.05. statt.

[00:01:12]  Es werden 10.000 Bücher verteilt und am 16.04.

[00:01:17]  Und das ist jetzt wirklich das Datum, das man sich merken muss, wird das Buch

[00:01:22]  und natürlich die Autoren oder der Autor bekannt gegeben.

[00:01:26]  [Wasser plätschert] Viktor: 10.000 Gratisbücher und kostenlose Veranstaltungen vom 30. April bis zum 10. Mai.

[00:01:35]  "Innsbruck liest" zum 20. Mal.

[00:01:38]  [Wasser plätschert] Christina: Es bleibt weiterhin spannend, wir freuen uns sehr.

[00:01:43]  Aber jetzt einmal zurück zu unserem Thema.

[00:01:45]  Lieber Viktor, schön, dass du da bist. Danke, dass du dir Zeit genommen hast.

[00:01:48]  Viktor: Vielen Dank für die Einladung.

[00:01:50]  Wir sind aufgeregt, weil das ist heute nämlich mein Podcast-Debüt beim S'Vorwort.

[00:01:54]  Und du hast ja ein sehr schönes Thema ausgewählt.

[00:01:57]  Oder wir haben ein sehr schönes Thema ausgewählt, über das sich auch wunderbar diskutieren lässt.

[00:02:01]  Ich freue mich da schon sehr drauf, weil ich glaube, wir haben da vielleicht ein bisschen unterschiedliche Meinungen.

[00:02:05]  Christina: Ja, genau. Das wird dann extra spannend, oder?

[00:02:07]  Viktor: Eben, das ist doch... so soll es sein.

[00:02:09]  Christina: Bevor wir starten, weil wir uns ja überlegen, warum wir gute Bücher mögen.

[00:02:14]  Was ist ein gutes Buch? Und wir kommen beide aus der Ecke Literaturwissenschaft.

[00:02:18]  Was hast du studiert?

[00:02:20]  Viktor: Also ich bin Komparatist. Das heißt, ich habe vergleichende Literaturwissenschaften hier in Innsbruck studiert, genau.

[00:02:24]  Ich habe meinen Bachelor auch schon vor einiger Zeit gemacht.

[00:02:28]  2019 habe ich, glaube ich, abgeschlossen. Also, es ist schon eine Zeit her.

[00:02:31]  Aber die Lust zu lesen, die bleibt natürlich.

[00:02:34]  Und gute Bücher will man natürlich lesen.

[00:02:37]  Christina: Und der Kanon altert ja nicht, sondern er bleibt erst einmal bestehen.

[00:02:42]  Und das ist nämlich auch der Kanon, über den wir reden.

[00:02:45]  Ich habe ja auch einen Komperatistinnen Hintergrund, also ich habe auch vergleichende Literaturwissenschaften studiert.

[00:02:50]  Und da diskutiert man sehr viel darüber, was ist eigentlich ein literarischer Kanon.

[00:02:56]  Kurz gesagt, also damit man das einfach einmal für unsere Folge vor-definiert haben,

[00:03:02]  wie folgt ein literarischer Kanon bezeichnet eine Auswahl von Werken, die als besonders bedeutend

[00:03:08]  und repräsentativ für eine bestimmte Literatur-Tradition oder Periode angesehen werden.

[00:03:13]  Diese Werke werden häufig von Institutionen wie Schulen, Universitäten und auch in der Literaturkritik zusammengestellt und festgelegt.

[00:03:22]  Die Bildung eines literarischen Kanons erfolgt oft durch eine Mischung aus historischer Bedeutung,

[00:03:28]  Kultureller Relevanz, der ästhetischen Qualität und dem anhaltenden Einfluss

[00:03:35]  auf nachfolgende Generationen von Schriftsteller:innen und Leser:innen.

[00:03:41]  Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass literarische Kanons oft subjektiv sind

[00:03:47]  und im Laufe der Zeit veränderbar bleiben, da neue Perspektiven, Werte und Texte in die Diskussion einbezogen werden.

[00:03:55]  Es sind also kein festgeschriebenes Ding, aber natürlich wendet man sich immer wieder an die gleichen Texte.

[00:04:01]  Würdest du dem der Definition so Pi mal Daumen zustimmen?

[00:04:04]  Viktor: Also die Definition ist jetzt sehr ausführlich und es sind schon sehr viele Sachen drin,

[00:04:09]  denen ich eindeutig zustimmen kann und die ich für sehr wichtig erachte.

[00:04:13]  Was schon sehr wichtig ist, glaube ich, und was natürlich in der Definition auch drinsteckt,

[00:04:18]  ist, dass man schon sagen muss und darauf auch nochmal genau hindeuten muss, dass der Kanon nix fixes ist.

[00:04:26]  Also es gibt wirklich viele Kanones, Kanons, keine Ahnung, was die Merzahl ist.

[00:04:31]  Christina: Kanoni? [lacht] Viktor: [lacht] Kanoni, irgendwas wird schon stimmen.

[00:04:34]  Viktor: Da gibt es doch einiges und es ändert sich eben. Es kommen neue Sachen hinzu, andere Sachen werden wieder vergessen,

[00:04:39]  manche Sachen werden dann nicht mehr so rezipiert, andere Sachen werden sehr, wie sagt man so schön,

[00:04:45]  mehr gekannt als gelesen. Also das sind so Sachen, die man sozusagen, man kennt das einfach,

[00:04:51]  weil das gerade auch in der ganzen Kultur, nicht nur in der Literatur, sondern in der Kulturgeschichte,

[00:04:55]  einfach einen Einfluss hinterlassen hat.

[00:04:57]  Aber es heißt nicht, dass die Leute das dann auch wirklich studiert haben, sondern die haben einfach mal davon gehört,

[00:05:03]  also so das klassische Beispiel, würde ich sagen, in der westlichen Literatur und Kulturwelt ist einfach die Bibel.

[00:05:08]  So markant sich die Kulturgeschichte des Abendlandes, ohne die Bibel kann man die nicht verstehen,

[00:05:13]  aber wer hat die Bibel dann wirklich gelesen? Also außer jetzt so richtig,

[00:05:18]  halt die Katholiken, die dann wirklich in den Text reingehen und sich das anschauen, aber keine Ahnung,

[00:05:25]  eine Auge für Auge, Zahn und Zahn und so Sachen, das kann jeder wirklich aus dem FF rezipieren,

[00:05:31]  aber wo kommt das her, was bedeutet das wirklich, ist natürlich eine wichtige Geschichte auch, genau.

[00:05:35]  Christina: Und weil du gerade die Bibel nennst, die ja in der Literaturwissenschaft so als einer der Grundtexte,

[00:05:40]  der westlichen Literatur gilt, wie du gerade gesagt hast.

[00:05:42]  Viktor: Mit der Odyssee, genau.

[00:05:44]  Christina: Ein Beispiel, warum Kanon eben wichtig ist, die Zahl zwölf, die in der Bibel zum Beispiel anhand der Apostel

[00:05:51]  oder verschiedenster anderer Dinge wichtig ist, die findet man immer wieder rezipiert eben in der Literatur und weiterverarbeitet.

[00:05:59]  Das heißt, ganz viele Romane, also einer meiner Literaturprofessoren hat immer gesagt,

[00:06:05]  schau mal, wie viele Kapitel hatten das, der Roman eigentlich.

[00:06:08]  Und die Zahl zwölf hat in der Literatur in der Regel einen Bedeutung,

[00:06:11]  die Leute, also die Schriftsteller:innen, denken sich was dabei aufgrund der Literatur-Tradition.

[00:06:17]  Und da geht man halt bis dahin zurück.

[00:06:19]  Das ist was, so ein bisschen der Kanon macht und schafft.

[00:06:23]  Und das ist meiner Meinung nach auch ein bisschen, was das problematische am Kanon ist.

[00:06:27]  Gerade in der Komparatistik, aber da kommen wir vielleicht später darauf zurück.

[00:06:32]  Zuerst einmal, wir haben uns ja was ganz cooles überlegt heute, weil wir haben [lacht] ja darüber,

[00:06:36]  wir sind ja auf die Folge-Idee gekommen, weil wir miteinander geredet haben und uns die Frage stellt,

[00:06:41]  haben wir es in den guten Büchern für uns jeweils.

[00:06:45]  Und dann haben wir gesagt, wießt du was, dann nehmen wir mal... die Herausforderung ist,

[00:06:50]  dass jeder von uns zwei Bücher mitnimmt und dann einfach einmal erzählt,

[00:06:56]  wieso diese Bücher wichtig für uns waren jeweils.

[00:06:59]  Eines davon ist aus der traditionellen Kanon-Literatur.

[00:07:03]  Hier möchte ich noch anmerken, dass es natürlich nationale,

[00:07:08]  ehm, den Nationalkanon gibt oder die sogenannte Weltliteratur.

[00:07:13]  Als hauptsächlich Anglistin orientiere ich mich da mehr am weltliteratischen Kanon.

[00:07:19]  Ich weiß nicht, wie es bei dir ist.

[00:07:21]  Viktor: Also ich habe auch, also ich würde sagen, es ist bei mir, es ist beides.

[00:07:26]  Weil es ist, ich habe jetzt zum Beispiel, wenn ich das schon mal sagen darf,

[00:07:29]  meine persönliche eigene Ausgabe von Don Quijote von Cervantes dabei,

[00:07:33]  was natürlich ein, für den spanischen Kanon ein wichtiges Buch ist,

[00:07:37]  aber natürlich auch für den Weltkanon ein, also, zentrales Buch ist.

[00:07:41]  Es wird oft gesagt, das ist DAS wichtigste Buch der Literaturgeschichte,

[00:07:46]  was natürlich, was man nicht sagen kann, was irgendwie ein Blödsinn ist,

[00:07:48]  das kann man bei keinem Buch sagen, weil das Buch hat eben im... natürlich im nationalen Kontext

[00:07:53]  eine Bedeutung, was jetzt ein anderes Buch in einem anderen nationalen Kontext zum Beispiel,

[00:07:57] als Bedeutung hat.

[00:07:58]  Das heißt, es ist sowohl national als auch Weltliteratur in diesem Sinne,

[00:08:03]  aber natürlich genau, also da kann man unterscheiden.

[00:08:06]  Aber Weltliteratur, die Welt ist jetzt so globalisiert, also auch die nationalen Kanons

[00:08:12]  sind jetzt im Endeffekt schon in der Weltliteratur natürlich irgendwie einbegriffen.

[00:08:17]  Christina: Ja. Genau, also diesen Nationalkanon, das gibt es eigentlich nicht mehr,

[00:08:22]  oder da denkt man nicht mehr, weil ja auch Genre sich entwickelt,

[00:08:25]  Beispiel Krimi, jetzt nur um das so mal reinzuwerfen,

[00:08:28]  das dann so aus dem englischsprachigen Raum und aus Frankreich kam

[00:08:32]  und dann sich bei uns dann entwickelt hat, gar nicht aus der eigenen Literatur-Tradition heraus.

[00:08:36]  Und der Twist an der ganzen Folge ist, dass wir uns außerdem vorgenommen haben.

[00:08:42]  Jeder von uns hat außerdem das zweite Buch aus, ich hab's liebevoll

[00:08:47] "Schund-Literatur" genannt, also einfach "Bahnhofs-Literatur",

[00:08:52]  "Pulp-Fiction", wie man es auch immer nennen will, was nicht im Kanon ist

[00:08:56]  und wo unsere, wahrscheinlich, das wird uns beiden so gehen,

[00:08:59]  unsere Komparatistik-Professoren vielleicht gesagt hätten,

[00:09:02]  über das müssen wir heute jetzt nicht wirklich reden.

[00:09:05]  Viktor: Aber es ist trotzdem ein gutes Buch nicht?

[00:09:07]  Christina: Aber es ist trotzdem ein gutes Buch.

[00:09:09]  Jetzt bin ich gespannt auf die Gründe.

[00:09:11]  Genau, du hast ja schon angefangen mit dem Cervantes.

[00:09:14]  Warum ist das denn, warum, bedeutet dir das so viel?

[00:09:18]  Viktor: Genau, also du hast das ja in deiner Definition, war das ja schon drinnen

[00:09:22]  und das ist, glaube ich, eben ein Punkt, den ich an Kanon-Literatur einfach gut finde

[00:09:26]  und den ich an Kanon-Literatur einfach schätze.

[00:09:28]  Und warum ich den Kanon gut finde, ist einfach, weil diese Bücher haben eben Sachen oft anders gemacht.

[00:09:35]  Also ich glaube, man kann Kanon-Literatur nicht abgetrennt von Literaturgeschichte denken.

[00:09:41]  Das war ja dann in Definition auch schon schön drin.

[00:09:43]  Das heißt, der Cervantes und der Don Quijote von Cervantes ist einfach ein Buch,

[00:09:49]  das erstens selbst auf Literatur reagiert hat.

[00:09:52]  Also man muss sich vorstellen, im Mittelalter hat es ganz viel Ritter-Romane gegeben

[00:09:56]  und der Don Quijote ist rausgekommen, im Endeffekt, wo eigentlich diese Ritter-Romanwelle schon wieder am abklingen,

[00:10:02]  war schon wieder vorbei.

[00:10:04]  Und dann schreibt Cervantes ein Buch über den Don Quijote, wo man einfach merkt,

[00:10:08]  der hat echt viele Ritter-Romane gelesen.

[00:10:10]  Und das sind die ganzen Topoi, also die ganzen Sachen, was eben so ein Ritter-Roman ausmacht, sind drin.

[00:10:18]  Aber was machte der Cervantes?

[00:10:20]  Sein Protagonist, der Don Quijote, der ist, wenn man den Roman dann liest, merkt man es einfach.

[00:10:25]  Das ist eigentlich ein Verrückter, der hat, also der ist irgendwie wahnsinnig.

[00:10:29]  Der fantasiert das ja alles nur, eben wie gesagt, da kommt wieder das, was wir schon mal angesprochen haben, kurz.

[00:10:35]  Das sind so Sachen, die jeder kennt, vom Don Quijote zum Beispiel, sind eben der Kampf gegen die Windmühlen,

[00:10:40]  wo der Don Quijote meinte, er hat jetzt einen Riesen oder einen bösen Gegner, gegen den er kämpfen muss.

[00:10:46]  Und dann als Leser erfährt man, dass sind ja in Wirklichkeit eigentlich Windmühlen.

[00:10:50]  Das ist nur in seiner Fantasie.

[00:10:52]  Das heißt, das ist eigentlich so eines von den ersten Büchern, wo man so einen Protagonisten hat,

[00:10:58]  der eigentlich, wo man sich denkt, der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, also da ist er einfach ein Wahnsinniger.

[00:11:03]  Und das ist einfach so gut gemacht und so was Neues und einfach so, und das war dann auch so erfolgreich und so, so einflussreich.

[00:11:15]  Christina: Aber hat es dich auch mitgrissen beim Lesen?

[00:11:17]  Viktor: Voll, voll.

[00:11:18]  Weil es ist einfach...

[00:11:19] Christina: Man hört die Begeisterung aus deiner Stimme, ich bin fast eingeschlafen beim Lesen. [lacht]

[00:11:22]  Viktor: [mit erstaunter Stimme] Wirklich? [Christina lacht im Hintergrund]

[00:11:23]  Hast du den eigentlich...

[00:11:24]  Nein, das ist so großartig gemacht.

[00:11:26]  Und das ist einfach witzig.

[00:11:27]  Und ich finde diesen Witz, also ich habe das Buch wirklich geliebt.

[00:11:32]  Und das hat ja auch dann eben seine Spuren hinterlassen.

[00:11:36]  Also man kann nach Cervantes, kann man keinen Ritterum mehr schreiben, man macht sich irgendwie lächerlich,

[00:11:41]  weil also wenn du jetzt im 16. Jahrhundert, oder wann auch immer das genau rausgekommen ist,

[00:11:46]  dann ein Ritterum geschrieben hast, dann ist das immer schon vor dem Hintergrund von Don Quijote passiert zum Beispiel.

[00:11:51]  Das heißt, das hat eben auch seine Spuren hinterlassen in der Literaturgeschichte, aber auch in der Kunstgeschichte.

[00:11:57]  Das ist leider, die Leute sehen es jetzt nicht, meine tolle Ausgabe vom DTV, von der Susanne Lange, eine super Übersetzung.

[00:12:04]  Was rausgekommen ist, neue Übersetzungen, ist ein Bild drauf und das ist auch ganz berühmt.

[00:12:09]  Das ist von Picasso.

[00:12:10]  Das ist dieses Bild von Picasso, wo der Don Quijote mit seinem Knappen, wo ich jetzt den Namen gerade von Sancho Panza, glaube ich heißt...

[00:12:17]  Christina: Ja, Sancho Panza, ah ich krieg Flashbacks ins Studium. [beide lachen]

[00:12:20]  Viktor: Drauf ist und wo Picasso dann wirklich viele Jahrhunderte später immer noch dieses Ding in der Kunstgeschichte rezipiert hat,

[00:12:28]  weil einfach das natürlich auch eine gewisse, wie soll man es sagen, Befindlichkeit der Neuzeit dann war, wo man halt einfach auch aus philosophischer Tradition und dergleichen diese eben an der Urteilsfähigkeit und der Kenntnisfähigkeit des Menschen angefangen hat zu zweifeln.

[00:12:44]  Das ist ja eben von der Philosophie mit Descartes, der eben was kann ich eigentlich überhaupt wissen und so, also diese ganze Unsicherheit und kann ich das überhaupt erkennen?

[00:12:54]  Oder sind wir eigentlich alle verrückt wie Don Quijote und sehen nur die Sachen, so wie wir sie sehen wollen?

[00:13:00]  Also es ist einfach natürlich auch ein Zeitgeist, der eingefangen worden ist und der dann eben auf dieser "Vessel", also auf dieses - Christina: Gefäß. Viktor: Gefäß hinterherum an umgesetzt worden ist, was natürlich super, super gut gemacht ist.

[00:13:13]  Weil dieser Ritter Roman, das ist etwas, was die Leute damals kannte und der Cervantes hat einfach diese Weltanschauung da draufgesetzt und hat dann da irgendwas Neues draus gemacht.

[00:13:23]  Deswegen bin ich ein großer Fan.

[00:13:25]  Christuna: Ich glaube auch, gute Literatur und unterwandert immer Erwartungshaltungen.

[00:13:30]  Und das ist dann, ob man von so einem "Beast" wie dem Don Quijote redet, der so große Spuren in der Literaturgeschichte hinterlassen hat oder in kleinen von Genre Literatur, wir genießen immer die Dinge am meisten, die in welcher Form auch immer unsere Erwartungen unterwandern.

[00:13:49]  Und das ist ja noch das Spannende am Lesen, an Geschichten überhaupt.

[00:13:55]  Viktor: Genau.

[00:13:56]  Christina: Ich habe Virginia Woolfs' "Ein Zimmer für sich allein" mitgebracht und ich bin sicher, dass das auch große Spuren in der Literaturgeschichte hinterlassen hat.

[00:14:08]  Meine Gründe dafür sind aber persönlicher, weil ich erinnere mich noch, wie ich das, da muss ich Anfang 20 gewesen sein.

[00:14:16]  Das ist mir in die Hände gefallen.

[00:14:18]  Ich bin Anglistin und keine Amerikanistin.

[00:14:20]  Das heißt, Virginia Woolf ist eine amerikanische Schrittstellerin gewesen und dann natürlich sehr, sehr berühmt.

[00:14:25]  Aber für mich...

[00:14:27]  war sie nur ein Name. Ich wusste nicht, wer das ist, was sie schreibt.

[00:14:31]  Das ist ein Text der Moderne und geschrieben hat sie es 1929.

[00:14:36]  Also ewig weit weg, erst  einmal gefühlt.

[00:14:40]  [schmunzelnd] Natürlich lange nicht so alt, wie der Don Quijote.

[00:14:43]  Und dann ist es mir in die Hände gefallen und das war so ein kurzer Essay,

[00:14:47]  ist nicht lang. Und das hat... Und den habe ich ganz unabhängig parallel zum Studium für mich entdeckt.

[00:14:54]  Und ich weiß noch, wo ich gewesen bin, als ich das gelesen habe.

[00:14:57]  Ich weiß, wie es Licht war, ich weiß, wie die Switen waren.

[00:15:00]  Kennst du das, wenn man das noch genauer erinnert? [grinst]

[00:15:02]  Viktor: Das ist so eine persönliche Erinnerung dann ja. Mhm.

[00:15:04]  Genau.

[00:15:05]  Christina: Und dann dachte ich, dieses Buch ist über 100 Jahre alt

[00:15:10]  und was die Frau schreibt, sind Belange, die mich jetzt Mitte 20 als Frau

[00:15:14]  in diesem Jahrhundert, in diesem Jahrtausend anbelangen.

[00:15:18]  In "Ein Zimmer für sich allein" geht es um weibliche Kreativität, um weibliche Unabhängigkeit

[00:15:27]  und um die Betonung, dass man materiell und räumlich unabhängig sein muss,

[00:15:34]  als Frau, um Dinge zu schaffen.

[00:15:36]  Und auch darum, und da sind wir wieder, das, ich habe es auch deswegen mitgebracht,

[00:15:39]  weil man dann wieder über den Kanon so schön reden kann,

[00:15:41]  darum, dass Frauen auf keine Literatur-Tradition zurückblicken können.

[00:15:47]  Und dass auch Frauen einen Raum brauchen, eben auch in einem Kanon,

[00:15:53]  um sich kreativ zu entfalten.

[00:15:56]  Und das fand ich sehr beeindruckend.

[00:15:59]  Ich habe mich da so gesehen gefühlt, während ich in einem Studiengang war.

[00:16:05]  Der, ich glaube, das stimmst du mir wahrscheinlich zu, sehr geprägt ist,

[00:16:10]  der literarische Kanon ist weiß und männlich.

[00:16:14]  Wie viele Dinge natürlich im Patriarchat sind die meisten 80, 90 Prozent der Texte,

[00:16:22]  die wir besprochen haben, in der Komparatistik,

[00:16:26]  weil wir über Literaturgeschichte geredet haben, waren von Männern geschrieben.

[00:16:29]  Viktor: Ja, das ist natürlich eine große Kritik und eine sehr berechtigte Kritik,

[00:16:33]  der Kanon.

[00:16:34]  Und das stimmt, das kann man auch nicht wegdiskutieren, das ist natürlich klar.

[00:16:37]  Weil natürlich Kanon und Kanonisierung ist immer eine Machtfrage.

[00:16:43]  Weil es ist natürlich immer wichtig, wer kann schreiben und wer wird auch gehört.

[00:16:47]  Das sind zwei wichtige Punkte.

[00:16:49]  Und natürlich war das leider, muss man sagen, die Großteil der Literaturgeschichte.

[00:16:56]  Waren das natürlich Männer und natürlich eigentlich weiße Männer oder westliche Männer,

[00:17:00]  sagen wir mal so, also das ist ein westlicher Kanon.

[00:17:02]  Und Oberschicht, also privilegiert auch natürlich.

[00:17:05]  Christina: Das waren die, die schreiben und lesen haben können,

[00:17:08]  die überhaupt erst den Zugang zur Literatur oder zur Schriftlichkeit

[00:17:10]  oder Sprache sozusagen im schriftlichen überhaupt gehabt haben.

[00:17:13]  Und das ist natürlich ein großes Problem.

[00:17:15]  Und das, was ich gesagt habe, das muss man natürlich davor,

[00:17:19]  wenn Don Quijote muss man natürlich auch wieder ein bisschen revidieren.

[00:17:22]  Weil es ist natürlich schon so, wenn man natürlich einen,

[00:17:26]  also einen Romanisten fragt, der sich mit der Literatur des 16. Jahrhunderts

[00:17:31]  sein Leben lang beschäftigt, dann wird er natürlich sagen können,

[00:17:34]  es gibt schon auch Vorläufertexte für den Don Quijote,

[00:17:37]  die sind aber in Vergessenheit geraten,

[00:17:39]  weil die sind einfach dann eben der Geschichte zum Opfer gefallen.

[00:17:43]  Das heißt, wenn man natürlich nur spezialisiert genug ist,

[00:17:45]  dann kann man natürlich sagen, ja, ja, das, was der Cervantes da gemacht hat,

[00:17:48]  ist eigentlich gar nicht so modern, sondern das hat auch eine Vorgeschichte.

[00:17:52]  Und das ist natürlich, also das muss man immer im Hinterkopf behalten.

[00:17:56]  Nichtsdestotrotz ist das, was wir da haben,

[00:17:59]  natürlich schon auch trotzdem intrinsisch und für sich schon auch sehr gut.

[00:18:06]  Es ist natürlich schade, dass vieles, was sonst auch sehr gut war,

[00:18:10]  aufgrund dieser Tradierungmechanismen, leider eben der Geschichte

[00:18:15]  ein bisschen zum Opfer gefallen ist.

[00:18:17]  Aber Gott sei Dank muss man auch sagen,

[00:18:19]  ist es auch so, dass der Kanon immer wieder revidiert wird.

[00:18:23]  Und eben gerade so wie du gesagt hast, Virginia Woolf ist ein gutes Beispiel,

[00:18:27]  eben Frauen vorher zu finden, es fällt mir auf die schnelle Marry,

[00:18:31]  Schelley ein, die den Frankenstein geschrieben hat.

[00:18:33]  Das ist genau... Chrsitina: Mary Shelley. Viktor: Genau. Da gibt es einige wenige, es gibt Ausnahmen,

[00:18:37]  gibt es natürlich, aber das bestätigt eigentlich nur die Regel.

[00:18:39]  Aber eben gerade in den letzten 100 Jahren ist eben der Kanon immer wieder revidiert worden.

[00:18:44]  Und das ist eben gerade auf Genderbasis.

[00:18:46]  Also weibliche Literatur ist sehr viel dazu gekommen, wieder entdeckt worden auch.

[00:18:52]  Und was natürlich auch ganz viel ist,

[00:18:54]  aus der Postcolonial Studies von also nicht europäische, [Christina nennt im Hintergrund einen Namen, unverständlich]

[00:19:00]  Genau, nicht europäische Literatur ist ganz viel auch dazu gekommen.

[00:19:04]  Eben. Und man hat auch gesehen, je auch dort hat es tolle Literatur gegeben,

[00:19:09]  tolle Gedanken, Welten, die vielleicht nicht immer den westlichen entsprechen,

[00:19:14]  aber die auch wirklich interessant sind und was eine Traditionen auch gibt,

[00:19:18]  die auch wert ist, rezipiert zu werden.

[00:19:20]  Also das ist schon sehr, sehr wichtig, dass man das immer mit denkt.

[00:19:23]  Genau. Christina: Aber genug vom Kanon.

[00:19:25]  Was hast du denn für Schund?

[00:19:28]  Vitkro: Was ich für einen Schund dabei, aber ich schon ein bisschen geschumpfen worden

[00:19:30]  von unserer Kollegin der Pia, mit der habe ich davor kurz darüber geredet haben.

[00:19:33]  Christina: [erstaunt] Die Pia hat dich geschumpfen?

[00:19:34]  Viktor: Ja, also die Pia schimpft nicht.

[00:19:36]  Das kann die Pia gar nicht, zudem ist die Pia nicht fähig. [lacht]

[00:19:39]  Aber die Pia hat gesagt, also das, was du als Schund mitbracht hast,

[00:19:42]  könnte man eigentlich auch schon wieder als Kanon bezeichnen. [lacht]

[00:19:44]  Christina: Ich habe micht extra bemüht, extra Schund mit zu nehmen.

[00:19:46]  Viktor: Extra Schund [unverständlich]...

[00:19:47]  Und ich habe mitgebracht [Christina im Hintergrund: Okay, jetzt bin ich sehr gespannt] Viktor: das war das erste, was mir eingefallen ist,

[00:19:51]  Christina: Oh toll! Viktor: War Douglas Adams, "The Hitchhiker's Guide to the Galaxy" oder auf Deutsch

[00:19:56]  "Per Anhalter durch die Galaxis".

[00:19:58]  Christina: Und wenn der Viktor sagt mitgebracht, dann meint er das wirklich

[00:20:00]  im wörtlichen Sinne, weil er hat die Bücher dabei.

[00:20:03]  Viktor: Natürlich habe ich die Bücher dabei, weil ich muss ja wissen,

[00:20:04]  über was ich spreche, ich kann mir das nicht von mein geistiges

[00:20:07]  Auge halten. Und "The Hitchhiker's Guide to the Galaxy" ist natürlich

[00:20:11]  eigentlich schon auch bisschen

[00:20:14]  klassik und ist natürlich schon gut rezipiert.

[00:20:18]  Christina: Klassische SciFi [Abkürzung, steht für Science Fiction] Literatur. Viktor: Klassische SciFi, genau.

[00:20:21]  Viktor: Aber es ist eben natürlich vom Genre, es ist viel jünger.

[00:20:25]  Es ist einfach ein Buch, das einen unglaublich

[00:20:30]  tollen Witz hat.

[00:20:32]  Es ist einfach also, wenn du sagst,

[00:20:35]  Don Quijote war dir zu langweilig, das würdest du über den "Hitchhiker's

[00:20:38]  Guide to the Galaxy" wahrscheinlich nie behaupten, oder?

[00:20:40]  Du hast ihn sicher gelesen, kann ich mir vorstellen? Christina: Nein.

[00:20:42]  Ich bin kein SciFi Leser.

[00:20:43]  Viktor: Okay. Ja, es ist einfach..

[00:20:45]  Christina: Du würdest ihn mir empfehlen.

[00:20:45]  Viktor: Ich würde dir das sehr empfehlen.

[00:20:47]  Ich finde das sehr kurzweilig, sehr witzig.

[00:20:50]  Es ist einfach, finde ich, eben auch gute Literatur.

[00:20:54]  Es ist einfach eine schräge Prämisse.

[00:20:57]  Eben die Erde soll im Endeffekt abgerissen werden, um einen Highway,

[00:21:02]  weil die dem Highway in der Galaxie im Wege steht.

[00:21:07]  Und das ist sozusagen der Ausgangspunkt, wo es dann darum geht.

[00:21:10]  Und dann, was die ganzen Protagonisten für tolle Abenteuer dann im Weltall

[00:21:16]  eben erfahren und was sie dann auch auf schräge Charaktere treffen.

[00:21:20]  Und das ist einfach schon sehr unterhaltsam.

[00:21:23]  Muss ich sagen ja.

[00:21:24]  Christina: Und weißt du noch, wo du warst, wo du das gelesen hast?

[00:21:27]  Das erste Mal.

[00:21:28]  Hast du da noch so eine haptische Erinnerung?

[00:21:30]  Viktor: Nein, das habe ich leider nicht.

[00:21:33]  Christina: Bei mir entsteht das immer bei einem guten Buch.

[00:21:35]  Das ist, dass sich in mir eine haptische Erinnerung bildet.

[00:21:38]  Wenn ich das Buch dann wieder in der Hand haue und kurz über den Inhalt nachdenke

[00:21:41]  und mich daran zurück erinnere, wie ich es gefunden habe, dann weiß ich wieder, wo ich war.

[00:21:45]  Viktor: Nein, das habe ich leider nicht.

[00:21:47]  Christina: Hetzig [Bedeutung: Spaßig].

[00:21:47]  Viktor: Schade, das hätte ich gerne, ehrlich gesagt.

[00:21:49]  Aber weil... kann ich bei diesem Buch jetzt gerade nicht sagen, nein.

[00:21:51]  Christina: Aber es ist Genre-Literatur.

[00:21:54]  Und wir Komparatisten wissen, Genre tut sich sehr hart,

[00:21:57]  gerade im literaturwissenschaftlichen Betrieb, anerkannt zu werden.

[00:22:02]  Zwar sind jetzt Krimis, sind so langsam da, das ist so...

[00:22:05]  Jetzt kommen die historischen Romane, die werden jetzt ernst genommen.

[00:22:10]  Und das Genre muss sich immer irgendwie selber erst einmal beweisen,

[00:22:14]  aber viele Jahrzehnte...

[00:22:16]  Viktor: Einen Kanon bilden.

[00:22:17]  Christina: Genau.

[00:22:18]  Und dann können wir noch mal darüber reden, so in etwa.

[00:22:22]  Okay, mein ist "Sie" von Stephen King.

[00:22:27]  Auf Englisch heißt es "Misery".

[00:22:30]  So heißt dann der Film auch mit Kathy Bates.

[00:22:34]  Immer noch mal wert geschaut zu werden.

[00:22:37]  Das ist von 1987 das Buch.

[00:22:39]  Und ja, es ist auch ein Genre-Roman.

[00:22:43]  Mein Genre ist Horror in dem Fall, nicht SciFi.

[00:22:47]  Es ist super psychologisch.

[00:22:49]  Es geht um den Number One Fan, die Annie Wilkes,

[00:22:52]  die ihren, als den Schriftsteller Paul Schelden zufällig in Colorado im Schnee rettet im Auto.

[00:23:01]  Und ihn dann er denkt er ist gerettet.

[00:23:03]  Aber sie verlangt dann von ihm, dass er die Romanreihe,

[00:23:07]  von der sie so ein großer Fan ist, weiterführt.

[00:23:10]  Und sie ist total psychopathisch.

[00:23:12]  Und sie bricht ihn dann berühmterweise den Fuß.

[00:23:14]  Und er muss dann für sie da in diesem ...

[00:23:17]  Er ist da mit ihr in dem Haus eingesperrt.

[00:23:19]  Er kann sich nicht bewegen.

[00:23:20]  Er ist verletzt von dem Autounfall, aus dem sie ihn gerettet hat.

[00:23:24]  Und niemand weiß, wo er ist.

[00:23:25]  Und er muss sich da freischreiben, sozusagen.

[00:23:29]  Also für mich habe ich das gelesen,

[00:23:31]  auch so ein bisschen als Meta-Kommentar.

[00:23:34]  Natürlich der Stephen King, der da irgendwas verarbeitet,

[00:23:39]  was er ja immer macht.

[00:23:40]  Und es ist, es hat so ein Touch Kammer-Spiel.

[00:23:43]  Es ist sehr psychologisch.

[00:23:45]  Und ich habe es so vor Augen.

[00:23:47]  Ich weiß, wie Paul Sheldon im Zimmer sitzt,

[00:23:50]  mit dem hochgelagerten Fuß.

[00:23:52]  Und vor sich, da die Schreitmaschine.

[00:23:53]  Und ich weiß noch, wie ich das Fenster sehe.

[00:23:56]  Und wie er die Schritte von der Annie hört.

[00:23:59]  Und da bin ich jetzt schon wieder.

[00:24:00]  Und das für mich hat so ein Zeichen ...

[00:24:03]  Hey, das hat mir voll gut gefallen.

[00:24:05]  Und ich weiß noch, die Sprache hat mir damals sehr gut gefallen.

[00:24:08]  Und die war auch fantastisch.

[00:24:10]  Stephen King schreibt mal so, mal so.

[00:24:12]  Er tut sich auch mit den Enden schwer.

[00:24:14]  Meiner Meinung nach ist Misery eins seiner,

[00:24:17]  wenn nicht sein Bestes, muss ich sagen.

[00:24:20]  Viktor: Das finde ich sehr gut.

[00:24:21]  Weil so wie SciFi nicht dein Genre ist,

[00:24:23]  ist Krimis nicht mein Genre.

[00:24:25]  Aber du hast mir jetzt doch ein bisschen angefixt.

[00:24:27]  Also ich ...

[00:24:28]  Werde mir wir vielleicht,

[00:24:29]  wir haben das bestimmt im Bestand,

[00:24:30]  werden ich mir das vielleicht ausleihen.

[00:24:31]  Und dann habe ich ein gutes Ding fürs Wochenende.

[00:24:34]  Christina: Gutes Stichwort, wir haben es im Bestand.

[00:24:37]  Denn es wurde erst ...

[00:24:38]  Die Neuauflage haben wir erst bestellt von "Misery"

[00:24:40]  auf Englisch im Original und auf Deutsch haben wir es auch.

[00:24:43]  Viktor: Und es ist wahrscheinlich schon weg.

[00:24:45]  Christina: Hey, wollen wir folgendes machen?

[00:24:47]  Dass eh, du liest "Misery", ich lese "Hitchhiker's Guide".

[00:24:51]  Und dann erzählen wir uns in einer fernen Folge des Podcasts

[00:24:54]  noch einmal, wie wir es gefunden haben?

[00:24:56]  Viktor: Das finde ich sehr schön.

[00:24:57]  Viktor: Das wäre eine tolle Sache.

[00:24:59]  Christina: Ja, cool.

[00:25:00]  Aber jetzt um nochmal die Frage zu beantworten,

[00:25:05]  warum mögen wir gute Bücher, ist, glaube ich, offensichtlich.

[00:25:09]  Weil es Spaß macht.

[00:25:12]  Viktor: Genau.

[00:25:13]  Also ich denke eben, es ist einfach eine Freude,

[00:25:17]  so Sachen zu lesen.

[00:25:18]  Und eben ... [längere Pause]

[00:25:20]  Die Kanonliteratur hat also ...

[00:25:25]  Es ist einfach toll, zum Beispiel zu sehen.

[00:25:28]  Ich habe dir noch mehrere Bücher mitgebracht,

[00:25:30]  da muss man ich zum Beispiel.. dann den Ulysses anschaut.

[00:25:33]  Wie auch eben zum Beispiel der wieder die Odyssee rezipiert.

[00:25:36]  Das heißt, das ist, auch vielleicht gar nicht so zur Sprache gekommen,

[00:25:38]  aber eben gute Schriftsteller sind einfach literarische Menschen.

[00:25:42]  Und literarische Menschen lesen einfach auch sehr viel.

[00:25:46]  Und das, was in der Odyssee oder auch in der Bibel,

[00:25:48]  in diesen ältesten Texten, die die westliche Literaturgeschichte hat,

[00:25:53]  einfach drin steckt, das wird einfach immer wieder verarbeitet.

[00:25:56]  Und natürlich ändert sich die Zeit.

[00:25:58]  Das heißt, es ändert sich auch die ...

[00:26:01]  Also wie die Leute eben diese Sachen dann verwenden, das ändert sich auch.

[00:26:05]  Und das wird dann immer wieder neu.

[00:26:07]  Und gibt es wieder neue Twists und wieder neue Sichtweisen,

[00:26:09]  neue Perspektiven.

[00:26:10]  Und wenn man natürlich dann das Hintergrundwissen hat

[00:26:14]  und die Odyssee schon lesen hat, dann liest man den Ulysses natürlich

[00:26:17]  nochmal ganz mit ganz anderen Augen.

[00:26:19]  Und eben gute Schriftsteller sind immer gute Leser.

[00:26:22]  Und es ist einfach super, wenn man dann einen ...

[00:26:26]  Vielleicht ein bisschen das Hintergrundwissen hat,

[00:26:28]  dann nimmt man noch so viel mehr mit,

[00:26:30]  obwohl man das natürlich auch lesen kann,

[00:26:32]  ohne Hintergundwissen und ein tolles Buch hat.

[00:26:34]  Aber eben, das ist ja auch, was die Frauen ganz oft gemacht haben,

[00:26:36]  die haben sich aus, eben um gegen Kanon zu schreiben,

[00:26:39]  haben sich die einfach Figuren aus dem Kanon bemächtigt.

[00:26:42]  Das heißt, da ... also es ist auch,

[00:26:44]  der Kanon ist auch als ...

[00:26:46] als Waffe gegen den Kanon verwendet worden.

[00:26:48]  Also es gibt so viel zu sagen noch.

[00:26:50]  Christina: Und [unverständlich] unfassbar interessantes Thema.

[00:26:53]  Und der literarische Kanon und die sogenannte Dekonstruktion des Kanon,

[00:27:00]  wird uns in diesem Podcast wahrscheinlich immer mal wieder begleiten,

[00:27:03]  immer wieder mitschwingen.

[00:27:05]  Schriftsteller:innen, wie du so schön gesagt hast,

[00:27:09]  schreiben immer in einer Tradition.

[00:27:11]  Und gute Bücher für mich sind unabhängig von,

[00:27:19]  ob das jetzt sogenannte hohe Weltliteratur ist

[00:27:23]  oder sogenannte niedere Genreliteratur.

[00:27:26]  Sie schreiben in einer Tradition und das, was für den Kanon gilt,

[00:27:30]  gilt für jeden guten Schriftsteller.

[00:27:32]  Egal, ob der Horror schreibt oder SciFi.

[00:27:35]  Es ist dann gut, wenn du dich auskennst,

[00:27:37]  mit dem, was du tust, wie ein guter Handwerker.

[00:27:40]  Viktor: Genau, es ist ein Handwerk natürlich,

[00:27:42]  in gewisserweise auch.

[00:27:44]  Christina: Ja, Viktor, vielen lieben Dank, dass du heute bei uns warst.

[00:27:47]  Viktor: Vielen Dank für die Einladung.

[00:27:48]  Es hat so viel Spaß gemacht, wie ich es mir vorgestellt hat.

[00:27:51]  Christina: Schön, das freut mich.

[00:27:52]  Du warst unfassbar informativ.

[00:27:54]  Ich hoffe, wir können das wiederholen.

[00:27:57]  Viktor: Das wäre mir, ja sehr gerne, ja.

[00:27:59]  Christina: Und damit verabschieden wir uns für heute.

[00:28:03]  Was findet ihr,

[00:28:05]  macht ein gutes Buch aus?

[00:28:07]  Schreibt uns das auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at

[00:28:11]  oder auf Instagram oder Facebook.

[00:28:14]  Der Hashtag ist "Gemeinsam besser".

[00:28:16]  Und bis dahin, alles Liebe, alles Gute.

[00:28:19]  [Outro-Musik]

[00:28:45]  Frauenstimme: Das Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck

[00:28:49]  und Teil der Stadt Stimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck.

Warum mögen wir eigentlich Witch Lit?

Warum mögen wir eigentlich Witch Lit?

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Stimme moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen.

[00:00:06]  [Intro-Musik] Christina: Ja hallo und herzlich willkommen zum Vorwort. Ich bin die Christina und ich bin die Pia

[00:00:27]  und heute sprechen wir über "Witchlit". Pia, was ist denn "Witchlit"?

[00:00:32]  Pia: "Witchlit" ist ein sehr fancy [lacht] Begriff... Christina: Englischer Begriff. Pia: Ein englischer Begriff für Literatur über Hexen.

[00:00:45]  Das ist im Moment so ein Trend. Es war letztes Jahr schon ein Trend, ich hab es deswegen erfahren,

[00:00:51]  weil ich in einer Fortbildung war und da ist es generell um ein Buchmarkt gegangen und was sich so

[00:00:56]  entwickelt, dass zum Beispiel Comic und Mangas total in sind grad und da war eben auch "Witchlit" dabei,

[00:01:01]  "Hexen Literatur". Wie bist du draufkommen auf das Thema?

[00:01:05]  Christina: Ich habe mich gefragt, was wir als nächstes Thema [lachen] für einen Podcasts verwenden [beide lachen]. Mir ist auch aufgefallen,

[00:01:13]  dass einfach so besonders viele Bücher über Hexen rauskommen und wir sprechen jetzt ganz genau

[00:01:22]  nicht von unbedingt Fantasy Romanen, wobei "Witchlit" auch Fantasy Elemente enthalten kann,

[00:01:28]  aber diese Fantasy Elemente meinen dann eigentlich immer fast nur Magie oder magische Wesen

[00:01:34]  oder eine etwas magische Welt. Die Definition, die ich da verwenden würde, wäre es

[00:01:39]  eine modernisierte Form der traditionsreichen Figur der Hexer, denkt man, Märchen, Hänsel und Gretel

[00:01:45]  und so weiter, die oft mit, wo die Geschichte oft mit feministischen Ansätzen oder Themen sich beschäftigt,

[00:01:55]  die oft mehrere Erzählstrenger hat, auch gern auf ein oder zwei Zeitebenen einer modernen und einer,

[00:02:04]  die in der Vergangenheit spielt und wo es entweder um Hexen Verfolgung bzw. heute historisch

[00:02:12]  korrekt würde, man natürlich Frauen-Verfolgung sagen, geht also als die Frau um die verfolgte

[00:02:19]  Person oder einfach um Frauen, die isoliert oder verfolgt werden und die dann eine Macht in sich

[00:02:30]  entdecken oder entweder ob das jetzt Magie ist oder was anderes, das wäre so ein bisschen die Definition.

[00:02:36]  Und man muss noch ein bisschen unterscheiden, weil in der Jugendliteratur haben Protagonistinnen

[00:02:41]  ja sehr oft magische Fähigkeiten, da ist es ja schon wesentlich länger angekommen, da sind die dann auch

[00:02:49]  mal Hexen, Magier, Magierinnen und das liegt schon lange im Trend, aber das, dieses Witchlit

[00:02:56]  ist jetzt auch tatsächlich in der Erwachsenenliteratur sozusagen angekommen.

[00:03:01]  Pia: Ja, ist ein faszinierender Trend, wie gesagt es ist mir letztes Jahr schon ein bisschen aufgefallen

[00:03:06]  und ich habe dann mal geschaut, was Bücher wir überhaupt in dem Bereich so da haben und es ist lustig,

[00:03:11]  weil es erstreckt sich wirklich über die ganze Bibliothek, es ist sowohl bei den Kinderbüchern,

[00:03:16]  da habe ich zum Beispiel ein Bilderbuch gefunden "Hippe Hexen und ihre zauberhaften Tiere"

[00:03:20]  Christina: "Hippe Hexen"? [lacht] Pia: "Hippe Hexen", ja, von April Suddendorf und im Klappentext, im Verlagstext steht, mit ihrem Bilderbuch

[00:03:29]  Debüt, räumt die deutsche Autorin mit einem Klischee auf, Hexen sind keine bösen alten

[00:03:34]  Drachen, sondern moderne vielseitige Frauen aus aller Welt und ich glaube, das ist irgendwie

[00:03:38]  schon dieser Punkt, den diese Bücher, egal ob es jetzt im Kinderbereich oder Erwachsenenbereich

[00:03:43]  oder Jugendbereich sind, hinüberbringen wollen.

[00:03:46]  Dass die Hexe eben jetzt nicht bei dieses Klischee ist, sondern es ist diese böse Frau, die irgendwo

[00:03:51]  im Wald herrscht [lacht] und so wie bei Shakespeare oder so irgendwelche schrecklichen Prophezeiungen [lacht]

[00:03:59]  über Menschen verfügt oder so. Nein, es ist eben eine moderne Frau und die wird verfolgt

[00:04:05]  oder sie hat spezielle Kräfte und muss sich mit der Welt auseinandersetzen.

[00:04:09]  Christina: Ja, es ist so thematisiert, so eine Rückaneignung des Wortes "Hexe" einmal, das ist ja, wenn man sich

[00:04:18]  Sprache wieder aneignet und ich glaube, dass das auch viel geschieht, dass man dann plötzlich

[00:04:24]  ein Kraft darin findet in dem Wort "Hexe", genauso wie jetzt zum Beispiel im englischen

[00:04:30]  Sprachraum fällt mir dazu das Wort "Bitch" ein, das dann teilweise auch im Rück angeeignet wird

[00:04:37]  von Frauen... Pia: Als was postitives. Christina: Genau, und so verwendet wird.

[00:04:40]  Glaube ich auch, dass das eben viel passiert und sicher auch, dass einfach eine historische

[00:04:46]  Aufarbeitung endlich stattfindet, weil im Allgemeinen denkt man zum Beispiel jetzt

[00:04:53]  in Salem die Hexenverfolgung, Hexenverbrennungen oder auch die da im 16. Jh. stattgefunden haben

[00:05:02]  oder auch was im Deutschsprachigen Raum oder in Europa passiert ist mit Hexenverfolgung.

[00:05:09]  Wir reden dann im Allgemeinen Sprachgebrauch immer noch von Hexenverfolgung, wenn in Wahrheit

[00:05:15]  gibt es keine Hexen, sondern da wurden Frauen verfolgt, stigmatisiert und verbrannt.

[00:05:23]  Und das ist aber immer noch nicht so im Allgemeinen Sprachgebrauch angekommen und man merkt

[00:05:29]  das halt, dass das eine große Aufgabe vielleicht noch ist von uns, dass wir das mehr aufarbeiten

[00:05:37]  und dass das gesellschaftlich einfach mehr ankommt und dass wir... Pia: Uns damit auseinander

[00:05:43]  setzen können.

[00:05:44]  Christina: Es sind keine, also auch das man aufhört, das Hexenverbrennungen zu nennen.

[00:05:48]  Das waren Frauenverbrennungen.

[00:05:50]  Pia: Eben, und das kommt jetzt halt auch immer mehr in der Literatur an.

[00:05:54]  Und eben, es ist halt interessant, dass es da diese verschiedenen Ansätze gibt.

[00:05:57]  In der Kinderbibliothek dieses eine Buch, ist mir aufgefallen, aber in der Erwachsenenliteratur

[00:06:01]  zum Beispiel auch "Marschlande" von Jarka Kubsova.

[00:06:06]  Da geht es eben genau um diesen Punkt.

[00:06:12]  Das ist eine Frau im 16. Jahrhundert, die in Deutschland verfolgt wird und gleichzeitig verfolgt

[00:06:16]  diese Geschichte eine Frau in der jetzt Zeit, die sehr viele Verbindungen mit ihr sieht.

[00:06:20]  Chrisine: Das ist ganz typisch. Pia: Das ist keine echte Hexe, aber es zählt trotzdem zu "Witchlit", weil eben das aufarbeitet wird

[00:06:26]  eben, dieses Phänomen der Hexenverfolgung.

[00:06:29]  Christina: Das heißt, in der "Witchlit" kannst du wirklich beides haben.

[00:06:32]  Entweder du hast eben diese magischen Elemente dabei oder es beschäftigt sich wirklich

[00:06:38]  auf einer sehr realistischen Ebene mit dem Thema.

[00:06:42]  Und dann kommt es ein bisschen darauf an, zu welchen Buch man greift.

[00:06:47]  Pia: Genau. Christina: Ja.

[00:06:48]  Christina: Was mir aufgefallen ist bei der Geschichte ist, ich habe da sofort an die "Hexen von Eastwick" gedacht.

[00:06:54]  Das ist natürlich ein Roman und auch ein Film aus den 1980er Jahren von John Ubdike.

[00:07:00]  Das war das erste, was ich gedacht habe und wir sind ja auch beide so ein bisschen Kinder der 90er

[00:07:05]  und haben da auch schon einmal ein Hexen Revival [lacht]

[00:07:10]  Pia: "Charmed" und was auch immer da alles rausgekommen ist.

[00:07:13]  Christina: Also, 1993 ist der Disney-Film "Hocus Pocus" rausgekommen,

[00:07:17]  den man so traditionellerweise einmal im Jahr [lacht] an Halloween sich anschaut.

[00:07:21]  Dann der "Hexenclub" mit den Teenager-Hexen, 1996.

[00:07:26]  Dann kennst du das noch, die Sitcom "Sabrina total verhext".

[00:07:29]  Pia: Sicher, natürlich.

[00:07:31]  Und dann die moderne Variante von Netflix.

[00:07:33]  Christina: Genau.

[00:07:34]  Wie du gesagt hast, "Charmed" war ein Riesenthema.

[00:07:38]  Das war auch bei uns im Freundeskreis total...

[00:07:43]  Also, ein Riesenthema, weil da geht es ja um drei Hexen, die moderne Hexen,

[00:07:48]  die auch Magie haben und die die Welt retten müssen und gegen Dämonen kämpfen und ihre Mächte.

[00:07:53]  Das waren aber auch so Mächte wie zum Beispiel die jüngste Hexe, die Phoebe,

[00:07:59]  die hatte Empathie. Die hatte so viel Empathie, dass sie sich in die Leute hineinfühlen konnte.

[00:08:04]  Und das ist ja eine tradiert weiblich zugeschriebene Eigenschaft.

[00:08:09]  Und... Pia: Jetzt aber mal magisch.

[00:08:12]  Christina: Ja, aber nicht nur magisch, sondern das hat ja auch was mit Machtumkehrung zu tun.

[00:08:16]  Mit zurück aneignen und aber Machtumkehrung auch.

[00:08:20]  Und dann... Die waren dann die Mächtigen und die waren dann die, die die großen bösen Dämonen besiegt haben.

[00:08:25]  Und so.

[00:08:26]  Und das war dann schon toll.

[00:08:27]  Und dann, wie du sagst, gibt es dieses Re-Revival.

[00:08:29]  Und das ist ja das, was glaube ich jetzt auch diese "Witchlit",

[00:08:33]  diesen Trends bestärkt hat auf dem Buchmarkt, nämlich eben Sabrina,

[00:08:38]  "The Chilling Adventures of Sabrina", das dann 2018 rauskommen ist.

[00:08:44]  Und das dann noch einmal viel näher am Comic war, der dem Stoff zugrunde liegt.

[00:08:52]  Und das war ja auch fantastisch und viel dunkler, viel, viel mutiger.

[00:08:57]  Pia: Ja, auf jeden Fall. Das andere war ja jetzt eine Sitcom, das war halt lustig.

[00:09:00]  Aber da ist dann wirklich gruselig zugegangen.

[00:09:03]  Christina: Und auch ein bisschen dunkler, ein bisschen gruseliger "Wednesday".

[00:09:07]  Pia: Mhm. Mhm. Christina: Also da geht es, das auch irgendwie so, die hat auch... die entdeckt dann auch Magie in sich.

[00:09:15]  "Hocus Pocus 2" hat Disney rausgebracht.

[00:09:19]  Also und das geht halt immer weiter.

[00:09:21]  Und einer der großen Romane, die jetzt besonders auf BookTok im Gespräch waren,

[00:09:26]  war ist "Die Unbändigen" von der Emilia Hart.

[00:09:30]  Auf Englisch heißt der "Weyward", wie du hast vorhin schon erwähnt, den Shakespeare.

[00:09:36]  Pia: Ah Shakespeare MacBeth. Christina: Genau. Die Weyward-Schwestern

[00:09:39]  die Weyward-Sisters und war "Weyward" nicht ein anderer Name für, ich glaube,

[00:09:45]  "Weyward" habe ich das..., sie hat den, also die Emilia Hart hat den Titel des Buches deswegen so gewählt,

[00:09:50]  weil "Weyward" wurde später zu "weird" im Englischen und "weird" heißt ja komisch anders,

[00:09:56]  seltsam, anmutend, also auch wieder so eine Rückaneignung. Pia: Ja. Christina: Also das ist nicht das erste mal,

[00:10:03]  dass das so, und mit einem gewissen Female-Empowerment-Trend. Pia: Ich denke mir auch und ich glaube,

[00:10:12]  das kommt halt immer wieder in so Wellen, wie du auch gesagt hast. Und ich glaube,

[00:10:17]  dass das halt auch mit der derzeitigen Situation sicher zu tun hat, wenn Frauenrechte halt wieder

[00:10:22]  mal am bröckeln sind oder Frauen sich unsicher fühlen. Man merkt es ja auch in den Nachrichten jetzt

[00:10:28]  mit "Roe v. Wade" in den USA oder so Sachen wie die Femizide oder so, die ständig im Fernsehen sind.

[00:10:36]  Und dann natürlich setzt man sich damit schon auseinander mit der eigenen Rolle als Frau auch

[00:10:40]  in der Gesellschaft. Und da ist sowas natürlich ideal, oder? Dass man sich als Hexe sieht,

[00:10:46]  die aber Macht hat und etwas tun kann gegen diese Ungerechtigkeit. Christina: Und da sind wir bestimmt auch zu

[00:10:53]  gewissen Teilen, eben es geht es da um die Verarbeitung all dieser rückschrittlichen

[00:11:00]  Entwicklungen und auch ganz reale Gefahr, die man als Frau im Moment einfach spürt,

[00:11:10]  oder vielleicht versucht nicht zu spüren, dieses magische Element oder vielleicht auch gleichzeitig

[00:11:17]  dieser historische Kontext, wenn es dann gerade auch in der Vergangenheit spielt, bietet natürlich

[00:11:21]  insofern ein bisschen Eskapismus, als dass man sich nicht dem Tagesgeschehen zuwenden muss.

[00:11:28]  Pia: Es ist immer noch entfernt von dir. Christina: Genau. Und das... [längere Pause] ermöglicht dann die..., die man arbeitet,

[00:11:37]  die Themen zwar durch... Pia: Aber nicht zu nah am eigenen Menschen, am eigenen Leib.

[00:11:42]  Christina: Und das ist, finde ich auch, also das verstehe ich sehr gut, das finde ich eine sehr heilsame Art,

[00:11:48]  Bücher und "Witchlit" für sich zu verwenden, irgendwo, dass man das einfach, dass man zwar mit

[00:11:54]  den Themen konfrontiert ist, mit denen man bewusst oder unbewusst sowieso im Moment überall

[00:11:59]  konfrontiert wird. Und wenn es wirklich Magie gibt, dann hat man diese Empowerment,

[00:12:06]  Pia: Ja. Christina: Dann wird man denen das ja wohl zeigen dann [beide lachen]. Pia: Genau. Christina: Insgesamt muss man auch sagen, dass der Trend

[00:12:14]  von, das nennt man ja, dieses "Witchlit" ist ja ein bisschen auch in Anspielung auf "Chicklit",

[00:12:21]  ein Ausdruck, den wir glaube ich beide nicht sehr mögen, oder, Pia? Pia: Ja, also da geht es darum,

[00:12:27]  dass diese typische Frauenliteratur unter Anfangszeichen, aber halt im negativen

[00:12:31]  Sinn, das sind eben diese Bücher, wo man sagt, ah ja, ja, das lesen halt nur Frauen,

[00:12:36]  sind halt diese Liebesgeschichten, wo es nicht wirklich um irgendwelche spannenden Themen geht

[00:12:40]  oder so oder wichtige Themen, sondern halt sie lesen es halt nur zum Vergnügen. Christina: Also triviales,

[00:12:44]  Pia: Ja triviale, Frauenliteratur. Christina: Ja, so, als ob das für Frauenköpfe und für Frauen Themen

[00:12:50]  sind sowieso trivial und unwichtig und haben in der, in Anführungsstrichen "großen Literatur"

[00:12:55]  nichts zu suchen, natürlich Blödsinn. Und es gibt gute und schlechte Bücher in allen Kategorien,

[00:13:01]  egal ob das Männer schreiben, Frauen schreiben, egal wer das Zielpublikum ist. Pia: Ja, aber dann ist es

[00:13:08]  auch wieder so eine Aneignung von dem Begriff, dass man sagt, okay, ich nehme halt den "Chicklit"-Begriff

[00:13:12]  und sage, "Witchlit". Christina: Ja, ja, stimmt! Pia: Mach was Eigenes draus. Christina: Es ist ein kompletter Trend der

[00:13:17]  Wiederaneignung. Ja, stimmt. Und es geht auch, also diese "Witchlit" geht merklich und die dann halt,

[00:13:24]  die man dann als sogenannte, wir nehmen den Begriff glaube ich mit äußerster Vorsicht in den Mund,

[00:13:29]  Frauenliteratur bezeichnet, die geht einfach, die wird merklich dunkler. Also ganz viele Themen da,

[00:13:38]  da geht es dann um Mystery, oft geht es um Mord, um True Crime ist noch so ein Beispiel,

[00:13:46]  mit dem sich ja vor allen Dingen Frauen noch viel beschäftigen. Es geht eben ganz viel aber auch

[00:13:52]  eben ums Okulte von eben Vampiren und was weiß ich, aber Werwölfen, aber halt speziell Hexen. Pia: Ja.

[00:14:01]  Christina: Was mir aufgefallen ist, ich weiß nicht, also ich weiß, kennst du das Buch "Practical Magic"

[00:14:09]  beziehungsweise "Zauberhafte Schwestern"? Pia: Da gibt es ja auch den Film mit der Nicole Kidman und

[00:14:14]  der Sandra. Oh Gott den Film liebe ich, den habe ich immer mögen als Kind. Christina: Ehrlich, ich wollte gerade

[00:14:18]  das Gleiche sagen, das wäre nämlich meine absolute Film Empfehlung, das ist ein Film aus den 90ern,

[00:14:24]  1898, alle "Witch-Toker" [lachen] werden den wahrscheinlich kennen, das ist wahrscheinlich so die Basis,

[00:14:32]  genauso wie "Secret History" von Donna Tart, für "Dark Academia" die Basis ist, das ist wahrscheinlich die

[00:14:39]  Basis für "Witchlit" [beide lachen]. Ja, aber das ist so, dieser Film ist so feminin, weiblich und gleichzeitig

[00:14:48]  bestärkend und das ist wirklich cool. Und wie sie dann ganz am Ende, das sind halt Hexen,

[00:14:57]  zwei Hexenschwestern, die dann die eine Schwester war immer brav und die andere Schwester war immer

[00:15:01]  ein bisschen rebellisch und beide finden so ihren Weg und tatsächlich ist die Nicole Kidman

[00:15:06]  Schwester, ist die jüngere, die geht dann weg, die ist in einer toxischen Beziehung,

[00:15:10]  der Mann misshandelt, sie und es ist so ein ganz typisches Thema, ein ganz typisches Motiv in

[00:15:16]  "Witchlit" eigentlich und der wird dann in einer Auseinandersetzung, bringt sie den aus Versehen

[00:15:24]  um und sie müssen den dann wiederbeleben mit ihrer Magie, damit sie nicht verhaftet wird. Es geht

[00:15:30]  natürlich fürchterlich schief, weil du das nicht machen solltest und die weiseren, älteren

[00:15:33]  Tanten sind aber gerade auf Urlaub [beide lachen] und dann, am Ende geht dann alles gut aus und... Pia: Aber eben auch,

[00:15:42]  weil die Frauen zusammenhalten und eben... Christina: Und weil es Dorf, das immer Angst hatte vor dieser Hexenfamilie,

[00:15:50]  vor diesen Tanten und diesen zwei Schwestern, die halten dann am Ende zusammen alle und

[00:15:56]  vertreiben das Üble, also diesen Mann, der sie misshandelt hat und die standen alle hinter ihr

[00:16:01]  und es ist so ein Sinnbild für wir stehen, wir glauben denen, also so kann... würde ich das jetzt

[00:16:07]  lesen, wir glauben der Frau und wir stehen hinter der Frau und das Magische daran, das ist ja nur

[00:16:14]  noch eine Bestärkung, von der wir alle was haben, wir müssen keine Angst haben für ihr, vor ihrer, was auch

[00:16:20]  immer sie kann, für ihre Macht vor dieser Magie und dann springen sie ganz am Ende vom Dach mit

[00:16:26]  den Schirmen und das ist so "whimsical", wie sagt man da auf Deutsch? Pia: Ah, ich versuchs, aber mir fällt es grad ned ein [lachen].

[00:16:32]  Christina: Also es ist so charmant und mit so einer erzählerischen Leichtigkeit auch gemacht das ist dann,

[00:16:40]  das wird richtig dunkel, aber dann hast du wieder diese Leichtigkeit und das ist für mich

[00:16:45]  gute "Witchlit" auch und ich habe mich ein bisschen abgearbeitet an "Weyward", also "Die Unbändigen"

[00:16:51]  von Emilia Hart, das war mir zu oberflächlich, da haben wir, also auch da ist seine Frau in einer

[00:17:01]  toxischen Beziehung, das sind drei Erzählstränge, das war mir dann, das war nichts, da hätte ich

[00:17:08]  lieber, wäre ich lieber tiefer eingetaucht, ein bisschen psychologischer hätte ich das lieber

[00:17:11]  gehabt, da bin ich nicht so ran gekommen, ich habe aber auch glaube ich sicher nicht 30 Seiten

[00:17:16]  davon gelesen, vielleicht war es noch viel besser. Hast du den zuletzt einmal... sowas in der Richtung

[00:17:25]  gelesen? Pia: Ich muss sagen eben, ich habe zwar gewusst, dass es diesen Trend gibt, aber in letzter Zeit

[00:17:29]  überhaupt nichts [lacht] über Hexen gelesen muss ich sagen. Nein kann ich jetzt echt nicht sagen. Aber

[00:17:35]  vielleicht inspiriert mich das jetzt, um wieder was in diese Richtung zu lesen. Christina: Auf jeden Fall Lust

[00:17:40]  einmal zu schauen, was ist da in die Hände fällt, wir haben auch dieses mal wieder eine Story auf

[00:17:45]  Instagram gepostet, wo wir, wie du schon gesagt hast, die Massen an "Witchlit" oder auch anderer

[00:17:52]  Literatur für Kinder, für Jugendliche, die wir einfach in der Bibliothek haben, gepostet und da

[00:17:58]  könnt ihr dann sehen, was wir da alles da haben, unter anderem eben "Die Unbändigen" von Emilia Hart,

[00:18:03]  sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch. Pia: Eben, aber nicht nur in der Erwachsenenliteratur,

[00:18:09]  eben wir haben es auch zum Beispiel bei den Jugendbüchern, da haben wir zum Beispiel "Wildest

[00:18:12]  The Witch" von Rachel Griffin oder auch bei den Comics, das ist ein anderes Medium wieder, da haben wir

[00:18:17]  "Snapdragon" von Kat Lee, gehen alle ein bisschen in die Richtung, das könnt ihr euch das gerne dann

[00:18:23]  eben auf Instagram auch anschauen. Ja und uns wird  esfreuen, wenn wir eure Meinung hören, wenn ihr

[00:18:29]  es uns auch sagt, was ist denn "Witchlit", die ihr in letzter Zeit gelesen habt oder habt ihr überhaupt

[00:18:34]  schon mal die "Witchlit" gelesen, gerne auf Instagram oder Facebook oder per Mail unter post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at

[00:18:43]  und wir sagen danke und hören uns dann beim nächsten Mal. Tschüss!

[00:18:51]  [Outro-Musik]

Warum mögen wir eigentlich öffentliche Bibliotheken?

Warum mögen wir eigentlich öffentliche Bibliotheken?

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[00:00:00]  [Tür öffnet und schließt sich. Schritte. Ein Stuhl wird bewegt.] Christina: Ja, Hallo! Pia: Hallo! Christina: Ah, okay, Entschuldigung, ich bin ein bisschen zu spät, die haben noch die

[00:00:12]  spanischen Romane einstellen müssen. Pia: Ja, dann [lacht] Das passt gut, dann sind wir auch schon beim

[00:00:18]  Vorwort, oder? Würde ich sagen, Christina.

[00:00:19]  [Intro-Musik] Christinea Genau, also, wie immer, alle herzlich willkommen zum Vorwort, dem Podcast der Stadtbibliothek

[00:00:42]  Innsbruck, mein Name ist Christina. Pia: Und ich bin die Pia. Christina: Und heute reden wir über Trommelwirbel!

[00:00:49]  [Trommelwirbel zu hören] Pia: Wie blödsinnig. Christina: Genau. Ja, Pia, wie kommen wir denn auf dieses Thema? Pia: Wie können wir, wie

[00:01:00]  sind wir da draufkommen? Ich weiß es nicht, Christina. Jeden Tag, wenn ich in die Arbeit

[00:01:04]  gehe und dann so vor mich hinschau, denke ich, mal, was habe ich da darüber immer

[00:01:07]  heute reden und dann seh ich diesen großen Ort [lacht] dieses große Gebäude, auf das ich zu

[00:01:13]  gehe, dann denke ich mal, hm, hm, Was ist das heutige Podcast-Thema?

[00:01:18]  Christina: Die Sache ist ja die, dass wir jetzt schon seit einigen Jahren in der Bibliothek arbeiten.

[00:01:24]  Wir sind ja eine öffentliche Bibliothek, die Stadtbibliothek Innsbruck ist eine öffentliche

[00:01:29]  Bibliothek und unterscheidet sich ja dann auch immer, es gibt ja ganz viele verschiedene

[00:01:33]  Formen von Bibliotheken, zum Beispiel die Uni Bibliothek -Pia: Genau. Christina: Eben, die Universitätsbibliothek,

[00:01:40]  da gibt es dann zum Beispiel Fachbücher und uns dagegen.

[00:01:45]  Pia: Wir sind da populär wissenschaftlich am Weg, das heißt Bücher, die eigentlich eher

[00:01:49]  auf Unterhaltung abziehen, genau. Christina: Und Sachbücher und Ratgeber. Kinderbücher haben wir ganz

[00:01:57]  viele, Kindermedien eigentlich. Pia: Medien generell, genau. Und dann sind wir ja auch ein Ort, wo

[00:02:03]  man sich generell treffen kann. Man sagt ja immer, es ist der dritte Ort, also es gibt

[00:02:08]  es zu Hause, es gibt die Arbeit und dann gibt es diesen dritten Ort, wo man sich einfach

[00:02:11]  aufhalten kann. Christina: Und da sind wir schon mitten in dem, was Bibliothekar:innen lernen, weil

[00:02:17]  wir machen im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht nur, das weiß ich nicht, Bücher

[00:02:27]  lesen können, das machen wir sogar eher sehr, sehr wenig, wenn überhaupt, sondern was

[00:02:31]  wir machen ist, wir überlegen uns, was das Haus bedeutet. Und eben dieser dritte Ort

[00:02:37]  gehört ja, das kommt ja aus der Soziologie, oder? Wenn ich mich jetzt recht erinnere.

[00:02:43]  Pia: Ich glaube ja. Christina: Und wie du gesagt hast, beschäftigt sich eben

[00:02:47]  mit der Frage, genauso wie dieser Podcast in einer Form ein Ort ist, wo wir euch liebe

[00:02:54]  Zuhörerinnen und Zuhörer immer herzlich willkommen heißen, setzt euch zu uns an den Tisch und

[00:02:58]  heute möchten wir euch so ein bisschen mitnehmen in unsere Landschaft der Bibliotheken und

[00:03:06]  warum, was uns die Stadt Bibliothek Innsbruck eigentlich bedeutet und was öffentliche Bibliotheken

[00:03:13]  eigentlich bedeuten als Raum. Pia: Genau. Also ich habe mal das erste, was ich mir da aufgeschrieben

[00:03:20]  habe, woran ich gedacht habe, ist, wie ich selber in die Bibliothek gekommen bin und generell

[00:03:26]  Bibliotheken wahrgenommen habe über mein Leben hinweg. Also die erste Bib, an die ich mir

[00:03:30]  erinnern kann, ist die, du hast es eh schon erwähnt, die Universitätsbibliothek. Weil

[00:03:35]  da war mal eine Veranstaltung, ich weiß nicht einmal mehr, worum es gangen ist, aber ich

[00:03:39]  kann mich daran erinnern, dass ich in diesen alten Lesessaal von der Universitätsbibliothek

[00:03:44]  gegangen bin in Innsbruck und ich war so überwältigt, wie toll das ausgeschaut hat.

[00:03:48]  Das hat ausgeschaut, wie in einem Märchen, so hat man sich eine klassische Bibliothek

[00:03:52]  vorgestellt, diese alten... Christina: Genau, den Boden mit diesem zweistufigen System, wenn du dann rauf gehst und die

[00:03:57]  hohen Bücherwände - Pia: Genau. Christina: - und da ist eine Wendeltreppe rauf oder so eine Leiter. Pia: Genau. Also so habe

[00:04:04]  ich mir Bibliotheken immer vorgestellt. So ein bisschen abgeschottet, alte Bücher,

[00:04:11]  alte Werke, riesige Bücher, die man nicht einmal selber hochheben kann.

[00:04:14]  Christina: Nach alten Papieren, man kennt den Geruch, ne? Pia: So habe ich immer, das war die erste Bibliothek,

[00:04:20]  die ich kennen gelernt habe. Aber die erste Bibliothek, die ich wirklich genutzt habe,

[00:04:24]  da geht es dir vielleicht ähnlich, das war die Schulbibliothek. Das war bei uns bei der

[00:04:28]  Volksschule, so haben wir eine ganze kleine Bibliothek gehabt, also Bibliothek unter Anführungszeichen,

[00:04:33]  da hat man dann auch noch so ein ganz altes System gehabt. Also ein analoges System, wo

[00:04:39]  man dann ein Stempel gehabt hat und jedes Mal, wenn man ein Buch ausgeliehen hat, hat man ein

[00:04:42]  Stempel ins Buch reinkriegt, wann man es zurückgeben muss [lacht].

[00:04:45]  Christina: Für uns ist es zum Beispiel superrelevant, weil Stempeln ist eine ziemliche heidenarbeit [beide lachen].

[00:04:51] Und wenn man auch heutzutage noch mit so einem Stempelsystem zu tun hat, wie ich

[00:04:56]  ab und zu die Verlegenheit komme, aber zum Glück nicht mehr in der Stadtbibliothek, dann

[00:05:01]  muss ich mich jedes Mal erinnern, nicht nur, erstens, sagen wir mal, wie stellt man ein

[00:05:04]  Stempel überhaupt ein? [beide lachen] Pia: [lachend] So fängt es schon mal an. In unserer digitalen Welt.

[00:05:08]  Christina: Was ist diese Technologie? Was, ich musste das Datum manuell umstellen. Okay, und da stellst

[00:05:13]  das Datum ein und stellt das da halt so rein. Und das ist je nachdem, wie viele Bücher da

[00:05:17]  jemand ausleiht. Für dich als Leser ist es halt fein, weil dann siehst du halt, vorne im

[00:05:23]  Zettel drin, wann man muss ich es zurückgeben.

[00:05:25]  Pia: Genau. Und das war das erste, woran ich mich erinnern kann. Und da kann ich mich an diese

[00:05:28]  ersten paar Bücher auch schon erinnern. Da haben wir diese... Da gibt es diese Fantasyreihe von Tamora Pierce,

[00:05:35]  glaube ich heiß sie. Die habe ich damals gelesen, daran kann ich mich noch erinnern. Und dann

[00:05:39]  später, wo ich selber in der Bib arbeiten angefangen habe, das war dann auch in der

[00:05:44]  Schulbibliothek aber dann für die Oberstufe.

[00:05:46]  Christina: Das ist in der Schulbibliothek schon gearbeitet?

[00:05:48]  Pia. Ja, da hast du freiwillig gearbeitet. Da hast du am Ende vom Jahr halt eine Entschädigung

[00:05:52]  bekommen. Das war dann halt so ein Buchhandelgutschein oder so irgendwas. Christina: Das aber volle nett. Pia: Ja. Und

[00:05:58]  das war dann auch schon eine multimediale Bibliothek, weil wir haben dann auch schon DVDs gehabt

[00:06:03]  in der Schulbibliothek. Und dann sind wir schon bei der Stadtbibliothek.

[00:06:06]  Christina: Haben wir überhaupt gesagt, dass das Thema heute ist, warum mögen wir Bibliotheken?

[00:06:10]  Pia: Das weiß ich jetzt gar nicht mehr [schmunzelt].

[00:06:12]  Christina: Ich muss ja davon ausgehen.

[00:06:14]  Pia: Ich hoffe [lacht], wir sind ja mitten im Thema. Ja, so bin ich in die Bibliothek gekommen. Ich

[00:06:21]  kann mich daran erinnern, dass ich noch in der alten Stadtbibliothek war, wo ich kleiner

[00:06:24]  war.

[00:06:25]  Christina: Die in der Colingasse.

[00:06:28]  Pia: Die in der Colingasse. Genau, die hat ganz anders ausgeschaut. Aber die war einfach zu weit weg. Und das ist

[00:06:34]  halt jetzt fein, weil wir halt eine bessere Anbindung haben.

[00:06:37]  Christina: Diese Zentralität ist einfach, finde ich, in den ganzen Stadtbibliotheken ein wesentlicher

[00:06:45]  Punkt, dass du einfach vorbei gehst wie beim Bäcker, oder?

[00:06:49]  Pia: Eben.

[00:06:50]  Pia: Und jetzt, also wir haben ja direkt die IVB, die Straßenbahn und die Busse alle davor

[00:06:55]  und dann auch noch Stationen für die Bikes, für die Fahrräder.

[00:07:01]  Christina: Also, du bist in der Nähe und du kommst halt gut hin. Du kannst auch die Sachen gut zurückgeben. Und wir arbeiten

[00:07:07]  jetzt nicht mehr mit dem Stempelsystem. Ich glaube, da würde man verrückt werden und

[00:07:10]  so viel Tinte gibt es gar nicht nicht [lacht], dass man das alles stempeln kann, was bei uns

[00:07:13]  ausgeliehen wird. Und ja wir haben das ja alles digitalisiert inzwischen.

[00:07:17]  Pia: Und wie bist du in die Bibliothek gekommen? Also, das kannst du dich da noch daran

[00:07:21]  erinnern?

[00:07:22]  Christina: Ja, wir haben auch eine Schulbibliothek gehabt und auch in der Volksschule. Und da habe ich

[00:07:25]  es immer extrem traurig gefunden, dass wir da so wenig hingangen sind. Das waren immer

[00:07:30]  meine liebsten Zeiten. Aber gefühlt war man da einmal im Semester. Und das war vielleicht

[00:07:34]  auch, weil viele nicht so gerne auf den Stufen gehockt sind und einfach nur gelesen haben. Ich

[00:07:38]  dachte, oh, toll.

[00:07:39]  Und meine erste eigenständige Bibliothekserfahrung ist in einer kleinen Stadt. Teilbücherei würde

[00:07:48]  man wahrscheinlich heute sagen, auch wenn es das früher so, also das ist einfach halt

[00:07:53]  eine kleinere Bücherei, die nicht die Stadtbibliothek ist. Und das war immer ganz toll. Die ist

[00:07:59]  ja, also das war eine ehrenamtliche Bücherei. Und da weiß ich noch, da bist

[00:08:03]  reingegangen. Da bist du rechts zu den Kinder gegangen und links dann zu den Romanen, zur Erwachsenenliteratur.

[00:08:09]  Und dann habe ich, und da habe ich dann, weiß ich noch, die Reihe "Dolli ausklingen" von

[00:08:16]  der Enid Blyton. Das ist wie Hanni und Nanni, aber mit einem Mädchen. Und sie ist dann halt

[00:08:20]  erwachsen geworden, so wie bei Harry Potter. Und dann bist du also mit gealtert. Und dann habe

[00:08:25]  ich das, man habe ich da die ganze Kinderbuchwand ausgelesen gehabt. Und dann war ich sehr lange

[00:08:30]  nicht mehr in Büchereien unterwegs. Das war dann so, das ist auch übrigens die

[00:08:35]  Erfahrung, dass da so passiert so ein Abfall, ab zu dem, ab zu der Pubertät, dass dann natürlich

[00:08:45]  einfach andere Dinge wichtiger werden. Umso mehr freut es uns natürlich, dass wir extrem viele

[00:08:51]  junge Schülerinnen und Schüler haben [längere Pause] die lernen, oder? Pia: Ja, total. Wir haben auch eine große

[00:09:02]  Jugendbücherei und auch die Kinderbücherei ist ganz groß. Und da haben wir viele Medien und das freut

[00:09:07]  uns natürlich. Christina:Aber warum? Also das ist so meine Geschichte und danach, ich bin einmal in der

[00:09:12]  Colingasse gewesen und ich weiß nicht, ich glaube, ich weiß, welche Kollegin damals am Schalter war.

[00:09:18]  Pia: Ich auch noch, ich kann mich sogar daran erinnern, wer uns die Führung geben hat und die arbeitet

[00:09:22]  immer noch hier [lachend]. Christina: Ehrlich? Okay, wer war es denn? Pia: Das ist zensiert [lacht]. Es war die [macht ein langes A]. Christina: Es war so, ich war da alleine und

[00:09:35]  ich war sehr, sehr jung und ich war so eingeschüchtert. Und ich weiß jetzt mit meinem Alter, dass ich

[00:09:40]  das nicht hätte sein müssen, sondern dass wir total froh sind und uns um jede neue Leserin und

[00:09:46]  jeden neuen Leser freuen. Aber ich weiß auch noch genau, wie es sich angefühlt hat, da reinzugehen und

[00:09:51]  zu denken, oh je, pass ich hier überhaupt hin. Also darf ich mich hier überhaupt aufhalten. Und

[00:10:00]  das mag ich an der Art, also an Bibliotheken und der Art, wie wir über Bibliotheken denken,

[00:10:10]  nämlich, dass es uns ein großes Anliegen ist zu sagen, ey ja, natürlich. Pia: Und es ist ein Aufenthalts-

[00:10:16]  Ort. Christina: Der dritte Ort, das Wohnzimmer. Pia: Man muss nicht einmal ein Mitglied bei uns sein. Das ist das Tolle ja. Man braucht keine Karte,

[00:10:24]  man kann sich einfach aufhalten, man kann natürlich eben die Bücher lesen, aber man kann

[00:10:29]  einfach da sein. Christina:Und es ist nicht nur bei uns so, sondern wir reden ja von Bibliotheken im Allgemeinen

[00:10:34]  und eigentlich also öffentlichen Bibliotheken im speziellen und auch eben von Bibliothekskultur

[00:10:40]  im europäischen Raum würde ich das jetzt einmal benennen, weil es sich ja auch in anderen Ländern und

[00:10:46]  Kulturräumen noch einmal eine ganz andere Sache ist. Wenn ich, schneiden wir uns immer sehr große Scheiben

[00:10:52]  ab von der Bibliothekskultur in den nordischen Ländern. Also das Norwegen, ein anderes Norwegen. Pia: Achso [lachend].

[00:10:59] Achso irgendwie was willst jetzt? Schweden [lacht]? Finnland? Christina im Hintergrund: Ja, Geografie. Pia: Also ja, ich habe die Reisabteilung [lachend] sollte ich vielleicht wissen.

[00:11:07]  Skandinavien generell [lacht]. Christina: Ja, danke, das Wort hat mir gefehlt. Pia: [lachend] Ok. Christina: Von Skandinavien ab, weil die sind, bei denen

[00:11:15]  ist einfach kulturell, als Bibliothekswesen ganz anders eingebettet in die generelle Kultur und in

[00:11:23]  die Gesellschaft. Und da werden Bibliotheken auch für noch so vieles mehr genutzt, oder? Pia: Ja, da sind

[00:11:30]  sie viel mehr als, also wir lieben ja Bücher, aber es ist nicht nur ein Ort für Bücher, da haben sie

[00:11:35]  auch "Makerspaces", also so Orte, wo man auch zusammen bastelt oder Dinge kreiert, schafft.

[00:11:43]  Christina: Teilweise was so cool ist, weil du kannst mit so was auch zum Beispiel Roboter bauen. Ja, genau, wie du

[00:11:52]  sagst, die "Makerspaces". Und das Ganze für mich fasst sich da zusammen auch. Und das wird ja auch,

[00:12:00]  es, wie andere Berufszweige, gibt es da ja Professionisten dahinter, auch Akademiker,

[00:12:06]  oft sind es Soziologen oder Bibliothekar*innen, die dazu forschen, die dazu sogenannte Papers veröffentlichen.

[00:12:13]  Und für einen großen Trend, der da zu erkennen ist und auch schon gelebt wird, eben auch vielen in

[00:12:20]  den Skandinavischen Ländern, ist es das sogenannte dass "das Bibliotheken" als Verb. Da habe ich, wir machen

[00:12:27]  eine Ausbildung und haben eine Ausbildung gemacht und in einer dieser Ausbildungswochen ist eben

[00:12:32]  auch genau das thematisiert worden und das hat man so wahnsinnig gefallen. Hast du das schon gehört,

[00:12:38]  wo du die Ausbildung gemacht hast? Pia: Bei mir in der Ausbildung haben wir das nicht erwähnt. Christina: Da sieht man, wie es sich

[00:12:42]  das ändert. Pia: Warum genau geht es da? Christina: Also bibliotheken als Verb zu verstehen, das heißt dass du, wir haben

[00:12:49]  ja schon gesagt, die Bibliothek ist ein dritter Ort oder, du kommst rein, hey setz dich hin, mach dein Computerspiel an,

[00:12:54]  bitte gerne, oder such dir eine DVD aus oder stöbere in dem Buch und so. Und beim Bibliotheken geht es

[00:13:03]  darum, dass man, das ist glaube ich auch im Sprachgebrauch, wenn ich mich nicht irre, das heißt ich

[00:13:08]  gehe Bibliotheken, das heißt du gehst nicht in die Bibliothek, dieses Institut, dieses Gebäude,

[00:13:13]  das mir als Kind Angst gemacht hat, sondern du gehst, du gehst hin zum Gestalten, du bist Teil dieser...

[00:13:20]  Pia: Community. Christina: Ja, es ist so ein Community-Denken. Und das gefällt mir irre gut. Das ist ja auch was,

[00:13:26]  was du mit diesem Podcast umsetzen kannst und es ist auch was, was uns am Herzen liegt, oder?

[00:13:32]  Pia: Total. Find ich cool, habe ich so noch nicht gehört, finde ich aber interessant, dass man sagt,

[00:13:37]  man geht Bibliotheken. Christina: Ja, wir Bibliotheken ja auch gerade. Pia: Ja, wir Bibliotheken. Christina: Heute reden wir

[00:13:43]  über Bibliotheken und sonst, und dann reden wir dann über alles andere und was uns sonst so

[00:13:48]  einfällt und jedes Mal Bibliotheken wir dabei, weil wir sind, ich weiß, also die Bibliotheken,

[00:13:55]  erinnerst du dich noch, wie wir gelernt haben, was Bibliotheken früher waren in den 50ern und so?

[00:14:01]  Pia: Ja, das mit der Theken-Bibliothek, dass man sozusagen als Kunde, Kundin an den Schalter gehen

[00:14:08]  muss, fragen muss. Entweder ich habe eine ungefähre Vorstellung von dem, was ich will,

[00:14:13]  oder ich will genau dieses Buch und dann sagt, wahrscheinlich der Herr am Schalter [Betont das Wort "Herr"] [lacht],

[00:14:17]  [lachend] der Herr am Schalter, nein, das können Sie jetzt nicht haben, [lachend] weil ich entscheide noch immer

[00:14:24]  was Sie lesen. Oder ich habe einen Vorschlag für Sie und ja, und dann bekommt man vielleicht das

[00:14:30]  Buch, das man will oder halt das, was der Bibliothekar vorgeschlagen hat. Christina: Das Beispiel war im Kurs

[00:14:34]  immer, hallo ich hätte gerne den neuesten Karl May-Band und dann hat der Bibliothekar gesagt,

[00:14:42]  nein, bitte lesen Sie Goethe. Sie haben vorletzte Woche schon zweimal Karl May ausgeborgt. Pia: Jetzt reicht's [lacht].

[00:14:48]  [beide lachen] Christina: Das muss man sich einmal vorstellen. Es ist natürlich, also jetzt klingt es so witzig, aber früher

[00:14:55]  hatten Bibliotheken diesen, diesen starken Auftrag. Pia: Erzieherischen. Christina: Ja, erzieherischen. Bildungsauftrag,

[00:15:03]  klar, ist in einer Bücherei, Bibliothek, also wir sind ja dazu angehalten zu unterhalten und auch...

[00:15:11]  Pia: Ein Ort des Wissens zu sein. Christina: Genau, aber heute ist es ja anders, weil wenn ich mir so anschaue,

[00:15:17]  was alles so passiert auch im Internet und in welchen Bubbles du inzwischen umgehst, ich mein,

[00:15:24]  du kommst ja, wenn du aus deinem TikTok-Filter und aus deinem Instagram-Feed und aus

[00:15:31]  deiner YouTube-Nase und vielleicht schaust du auch noch normale Nachrichten, aber du kommst ja fast

[00:15:36]  nicht mehr raus und da ist halt auch, wenn du auf eine Seite gehst oder jetzt immer aktuelle

[00:15:42]  Deepfakes, also der Wahlkampf in allen Ländern und die Gefahr, dass da irgendwelche Videos

[00:15:50]  verbreitet werden, die mit KI gemacht sind und die gar nicht... Pia: Wo man nicht mehr unterscheiden kann,

[00:15:55]  was real ist und was nicht. Christina: Und was es da braucht, ist nämlich kein Bibliothekar der mit erhobenem

[00:16:00]  Zeigefinger hinter der Theke steht und sagt heute kein Karl May, was es da braucht, ist die Kompetenz

[00:16:07]  zu wissen, was stimmt und was nicht und für sich selber zu entscheiden, wie beurteile ich

[00:16:14]  Informationen. Pia: Wie kann ich Quellen abschätzen, ob die Quellen was gut sind oder nicht so gut.

[00:16:20]  Und das ist genau Medienkompetenz... Christina: Und Informationskompetenz. Pia: Genau, und das ist auch das was man in der

[00:16:26]  Bibliothek lernen kann, wenn man möchte. Christina: Und das ist das Schöne und wir als Bibliothekare sind ja

[00:16:34]  auch, wir sind ja auch Gestalter des Raumes und Gestalterinnen des Raumes und umso mehr hängen

[00:16:43]  wir natürlich von euch allen da draußen ab, dass ihr diese Räume mit uns mitgestaltet, weil

[00:16:49]  wir haben da echt Bock drauf, dass wir das zusammen so machen können, dass möglichst viele

[00:16:57]  Leute eine große Freude an den Räumen haben, die wir gestalten, weil wir machen sehr viele Leute.

[00:17:04]  [längere Pause] Und es schreibt zum Beispiel in einem dieser Texte, in dem Fall ist es die "Lauri

[00:17:12]  Putnam", dass es manchmal einfach auch darum geht, den Menschen zu helfen, die richtigen

[00:17:16]  Fragen zu stellen. Und ich persönlich, jetzt haben wir uns neulich darüber unterhalten, dass ich so froh bin,

[00:17:21]  dass John Stuart wieder zurückgeht. Der ordnet..., das ist ein amerikanischer Late Night Host und so

[00:17:30]  in der Daily Show, den kennt man, der ist 2015 in die Pension gegangen, hat sich dann durchgehend

[00:17:36]  über Donald Trump trotzdem aufgeregt und so weiter und der ist jetzt wieder da und an dem Beispiel

[00:17:42]  will ich noch zeigen und ich war so erleichtert, weil er ordnet ja auch Informationen ein und ich

[00:17:46]  kann aber dann wiederum einordnen, was ich von ihm halte und was ich von unabhängig

[00:17:52]  jetzt von dem Beispiel von den Leuten halte, die mir Informationen geben.

[00:17:56]  Pia: Ja aber es gibt auch Weiterbildungsmöglichkeiten, ebenso bei uns wie du auch gesagt hast, eben so Sachen wie

[00:18:01]  Fit für die Bib, wo man selber lernt, okay, wie kann ich mich in der Bibliothek zu Recht finden,

[00:18:07]  wie kann ich Dinge selbst recherchieren im Katalog, ist auch eine Art von Kompetenz das

[00:18:13]  beigebracht zu kriegen und wie die Lesezeit in einfachem Deutsch, das ist eine Gruppe von Leuten,

[00:18:19]  die sich bei uns treffen kann und wo man dann einfache Texte zusammen durchgeht, um eben einfach

[00:18:24]  Deutsch lernen zu können, auch etwas, was einem wieder andere Kompetenzen beibringt.

[00:18:29]  Christina: Und vor allem als Treffpunkt auch dient. Pia: Eben. Christina: Das ist halt das Schöne, dass man einfach wohin gehen kann. Pia: Und auch für jeden eben. Also, die die Deutsch lernen in dem Fall, aber wir sind ja generell versuchen,

[00:18:42]  wir mehr barrierefrei zu sein, das heißt auch so Sachen wie, dass wir Großdruck anbieten,

[00:18:50]  also Medien in Großdruck [lachend] anbieten oder wir haben auch ein paar Bücher in Breilschrift,

[00:18:58]  also das heißt wir schauen da schon, dass jeder und jede willkommen ist bei uns.

[00:19:03]  Und das ist auch wichtig, dass Bibliotheken ein Ort für wirklich alle sind.

[00:19:07]  Christina: Und gleichzeitig kann ja eine Bibliothek oder eine öffentliche Bibliothek nie alles für alle sein,

[00:19:16]  das ginge gar nicht, das würde unseren Rahmen ja total sprengen und dann gibt es halt,

[00:19:23]  da setzt man Schwerpunkte und macht es immer nach bestem Wissen und Gewissen.

[00:19:28]  Ja und das, [längere Pause] [Atmet fest aus] Ich mag Bibliotheken, weil sie so ein Ort der Meinungsfreiheit sind.

[00:19:43]  Also wo du sagen kannst auf einer fundierten Basis, was deine Meinung ist und wo man Diskurs auch lernt,

[00:19:55]  weil man muss ja nicht immer einer Meinung sein, aber und das geht ja ganz massiv im Moment in unserer

[00:20:01]  Gesellschaft verloren, dass man auf einer vernünftigen Basis mit nur ein paar wenigen Punkten,

[00:20:08]  auf die man sich einigt, wie beispielsweise, ich rede jetzt von so was fundamentalen,

[00:20:14]  die Menschenrechten, dass man da und abseits davon Diskurse führen kann und darauf

[00:20:20]  und dass eine Gesellschaft auch wunderbar aushaltet, wenn man das zulässt.

[00:20:26]  Und das ist halt auch was, was in einer Bibliothek, wofür eine Bibliothek stehen kann.

[00:20:31]  Pia: Ja und deswegen bieten wir auch unterschiedliche Medien an, wo unterschiedliche Meinungen vertreten werden

[00:20:36]  und das kann man aushalten [lacht] als Gesellschaft und eben auch als Bibliothek und es ist super,

[00:20:42]  dass wir da einen Ort für alle sein können.

[00:20:44]  Christina: Und es kostet sehr wenig, bis nichts.

[00:20:48]  Pia: Ja.

[00:20:49]  Christina: Also es ist, so günstig habe ich noch nie gelesen, in meinem ganzen Leben noch nicht.

[00:20:54]  Pia: Das stimmt [lacht].

[00:20:55]  Christina: Und auch also, wenn, ich habe jetzt auch etliche Streaming-Anbieter wieder gecancelt,

[00:21:00]  weil es einfach so, jetzt im Moment summiert sich alles so,

[00:21:03]  ich bin ja auch ein großer Hörbuch-Fan und irgendwann musst du halt auch einmal sagen,

[00:21:09]  naja ich kann jetzt nicht jedes einzelne, jeden einzelnen Streaming-Dienst nehmen,

[00:21:14]  aber ich kann bei uns nämlich immer was mit.

[00:21:17]  Das ist halt schon, also ich lese auch viel breiter ein bisschen, weil ich da natürlich durch euch,

[00:21:23]  als meine Kollegen und Kolleginnen, ganz anderen Input bekomme.

[00:21:27]  Pia: Ja natürlich und das hat natürlich auch mit Bibliotheks-Betrieb zu tun, aber wenn ich dann am kleben bin,

[00:21:33]  also wenn wir unsere Medien bekleben, damit sie dann nach unten kommen und ins richtige Regal kommen

[00:21:37]  und das sind die neuen Medien, dann sehe ich weder was, was mich [lachend] interessiert,

[00:21:41]  und dann denk ich mir so okay, das muss ich mir jetzt ausleihen.

[00:21:44]  Christina: Und das allertollste ist dann, wenn man dann in dem Podcast sitzt oder wenn man unten zwischen den Regalen ist

[00:21:49]  und man sagt, ahja, also dann sagt eine Person, haben sie ein Buch, ich bräuchte eine Lesseempfehlung.

[00:21:55]  Und wenn uns jemand fragt an der Info "Entschuldigung, könnten sie mir eine Lesseempfehlung geben",

[00:22:02]  Pia: Dann schlägt unser Bibliothekarinnen-Herz höher [lacht].

[00:22:06]  Christina: Und dann, wenn man dann noch ein Buch findet, das wirklich den Geschmack trifft,

[00:22:10]  das ist mir jetzt einmal so passiert, weißt es noch, das war mit der, da habe ich die Stephanie [unverstädnlich] empfohlen.

[00:22:15]  Pia: Stimmt genau, ja.

[00:22:16]  Christina: Und dann hat diese Leserin sich so gefreut und ich war stolz, weil, wie Oscar. [beide lachen]

[00:22:21]  Das ist echt, ist echt eine Kunst.

[00:22:24]  Also, und dann habe ich mich so gefreut, dass ich ihren Geschmack getroffen habe, dass sie jetzt da mit einem Buch rausgeht

[00:22:31]  und dass ich wusste, die sitzt jetzt da wahrscheinlich irgendwo im Urlaub und liest es und denkt sich, ja doch, das ist schon gut.

[00:22:37]  Und dann hat man noch so einen netten Austausch dabei gehabt.

[00:22:39]  Pia: Ja.

[00:22:40]  Christina: Warum magst du Bibliotheken?

[00:22:42]  Magst du Bibliotheken?

[00:22:43]  Pia: [schmunzelnd] Mag ich Bibliotheken.

[00:22:45]  Ich glaube, sonst würde ich da nicht arbeiten, [lachend] aber ja.

[00:22:47]  Also, aus all diesen Gründen, die wir schon erwähnt haben und noch viel mehr.

[00:22:52]  Ich mag auch das neue Haus so gern.

[00:22:55]  Die alte Bibliotek in der Colingasse, war natürlich auch schön.

[00:22:59]  Aber jetzt, wir haben viel mehr Raum [lacht], wir haben viel mehr Platz.

[00:23:02]  Es ist so viel gemütlicher, finde ich.

[00:23:04]  Wir haben auch diese Sitzkissen [lacht], die finde ich immer so gemütlich, da würde ich mich manchmal gern [lachend] reinlegen.

[00:23:12]  Also, das ist ganz, und ich finde das so entspannt.

[00:23:15]  Christina: Machen sie mal Platz?

[00:23:15]  Pia: Eben. [beide lachen]

[00:23:16]  Pia: Jetzt ist die Bibliothekarin dran [lacht].

[00:23:18]  Ja, also, ich finde es einfach so entspannter hier drinnen.

[00:23:24]  Auch die Atmosphäre. Kommt natürlich auch immer auf den Tag drauf an.

[00:23:27]  Manchmal gibt es beschäftigtere Tage, wo mehr los ist.

[00:23:30]  Aber dann, wenn dann wirklich alle dann so ruhig sind und dann alle lernen oder lesen oder schauen irgendwas im Internet,

[00:23:39]  an unseren Benutzer:innen-PCs oder eine andere Person kopiert, und dann hast du ein leichtes Geräusch,

[00:23:46]  so eine leichte Geräuschkulisse von so, "ah, so, stell ich mir die Bibliothek vor: ein paar Leute tippen was

[00:23:50]  und ein paar Leute drehen ein paar Blätter um.

[00:23:53]  Christina: Und da sitzt dann jemand ganz vertieft auf den Treppen und liest gerade in der Mitte von einem Roman und du weißt,

[00:23:59]  okay, die Person ist jetzt einfach am lesen.

[00:24:02]  Pia: Ja, und das sind meine Lieblingsmomente in der Bibliothek.

[00:24:06]  Christina: Meine, auch, ja.

[00:24:07]  Pia: Wenn ich mal dann so denke, okay, jetzt bin ich einfach nur gerade in diesem Moment und es ist einfach so schön da.

[00:24:12]  Christina: Ja, wo du so richtig spürst, dass jeder gerade irgendwie in angenehmer Atmosphäre sein Ding machen kann.

[00:24:22]  Pia: Ja, und trotzdem ist man zusammen und eine Gemeinschaft.

[00:24:25]  Christina: Genau.

[00:24:26]  Pia: Alle "bibliotheken" zusammen [lacht].

[00:24:29]  [lachen] Das habe ich jetzt gelernt, das Verb.

[00:24:31]  Christina: Genau, ja, stimmt.

[00:24:32]  Wenn wir dann alle gleichzeitig bibliotheken, dann ist es am schönsten bei uns.

[00:24:35]  Pia: Genau.

[00:24:36]  Christina: [Zufriedenes Ausatmen] Also, das war unser Manifest für Bibliotheken. [beide lachen]

[00:24:41]  Kommt in die Bibliothek, geht in eure Bibliothek, geht in die Stadtbibliothek Innsbruck,

[00:24:46]  geht in die Stabliothek eurer Wahl oder auch eure Dorfbücherei, die freuen sich alle,

[00:24:51]  wenn ihr da hingeht und...

[00:24:53]  Pia: Oder die Stadtteilbibliotheken, bei uns gibt es ja auch Innsbook,

[00:24:56]  da kann man nicht nur in uns zu unserer Bibliothek gehen, sondern auch zu vielen anderen [lacht].

[00:25:01]  Christina: Und mit diesem schamlosen [unverständlich] verabschieden wir uns von dieser Folge vom Vorwort,

[00:25:07]  das wir jetzt einmal voller Schwärmen einfach verbringen mussten.

[00:25:11]  Das tut auch einmal gut, sich nicht über irgendwelche Serien oder irgendwelche Medienmogule aufzuregen,

[00:25:19]  sondern auch einmal was Positives zu sagen und so einfach mal, wir wollten einfach mal mit euch teilen,

[00:25:26]  was wir eigentlich so schön bei uns finden.

[00:25:30]  Pia: Und was haltet ihr von Bibliotheken? Mögt ihr Bibliotheken?

[00:25:34]  Schreibt uns eure Meinung auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at

[00:25:42]  oder auch gerne auf Instagram oder Facebook.

[00:25:45]  Christina: Denkt daran gemeinsam besser und ihr könnt uns auch gerne immer erzählen,

[00:25:50]  wie seid ihr eigentlich das erste Mal in die Bibliothek gekommen?

[00:25:53]  Gut, damit wünschen wir euch noch einen schönen Tag, Mittag, Abend oder Nacht und alles Liebe, alles Gute.

[00:25:59]  Pia: Bis zum nächsten Mal, Tschüss!

[00:26:01]  [Outro-Musik]

Warum mögen wir eigentlich Goodreads?

Warum mögen wir eigentlich Goodreads?

Stadtbibliothek Innsbruck

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Transkript

[00:00:00]  [Intro-Musik] Christina: Schau, was deine Freunde lesen. Das ist das Motto von Goodreads und Goodreads ist auch das,

[00:00:19]  worüber wir uns in der heutigen Folge unterhalten. Willkommen beim Vorwort. Ich bin die Christina.

[00:00:25]  Pia: Und ich bin die Pia. Christina: Und jetzt geht's los. [lacht] Pia: Wir reden heute über die Frage,

[00:00:33]  warum mögen wir eigentlich Goodreads? Christina: Ja, warum eigentlich? Pia: Ja, warum eigentlich? Also es ist eine Kombination aus

[00:00:41]  einer Datenbank von lauter Büchern und auch am sozialen Netzwerk. Das heißt, die kann mich

[00:00:47]  auch mit meinen Freunden und Freundinnen austauschen. Die große Änderung, also die Seite gibt's

[00:00:53]  seit 2006 und die große Änderung, die 2013 passiert ist, ist, dass Amazon die Seite gekauft hat.

[00:01:00]  Christina: Ich war auf der gleichen Wikipedia-Hompepage wie du. [beide lachen] Und Wikipedia schreibt außerdem, dass es die

[00:01:08]  größte englischsprachige Website für nicht professionelle Buchrezensionen ist, also eben

[00:01:14]  in Form von einer Art Social Media kann man das sagen, wie du gesagt hast. Und mit dem Stand

[00:01:21]  2019, aktueller war der Artikel leider nicht, hatte Goodreads 90 Millionen Nutzer. Pia: Ich habe

[00:01:28]  noch aktuellere Zahlen gefunden, aus einem anderen Artikel und da steht eben, dass es schon ca. 150

[00:01:34]  Millionen hat. Christina: Wow. 150 Millionen. Mich wundert das überhaupt nicht, weil so mit 2020 und Corona ist

[00:01:45]  es bestimmt noch einmal explodieren. Ich habe das Gefühl, dass das ungefähr der Zeitpunkt war,

[00:01:51]  als Booktok angefangen hat, so richtig zu explodieren, oder? Pia: Ja, die haben das dann auch

[00:01:58]  richtig integriert in ihr Influencer [lacht]-Dasein. Das war dann so, okay, ihr könnt mir zuschauen dabei,

[00:02:07]  was ich da jetzt les, wo ich gerade dran bin, welche Bücher ich als nächstes rezensieren werde.

[00:02:12]  Und ich glaube, das hat das noch mal mehr angefeuert, das Ganze. Christina: Weil ich würde gerne mal anfangen,

[00:02:21]  indem wir über unsere persönliche Geschichte mit Goodreads sprechen. Goodreads war jetzt ein paar Mal

[00:02:27]  in die Medien wegen verschiedener Skandale und in der Kritik und damit werden wir uns auch noch

[00:02:32]  beschäftigen. Aber vielleicht gehen wir mal drauf ein, warum verwenden wir Goodreads eigentlich und

[00:02:38]  wie stehen wir dazu dann, als nächsten Punkt? Pia, weißt du noch wann du angefangen hast,

[00:02:48] Goodreads zu verwenden? Pia: Ich kann es ehrlich gesagt jetzt nicht genau sagen,

[00:02:51]  wann ich es verwendet habe. Ich habe früher mal irgendwann [lacht leicht] mal einen Account gehabt,

[00:02:55]  aber da bin ich dann irgendwann auch gar nicht mehr reinkommen. Ich habe es deswegen verwendet,

[00:03:01]  weil ich irgendwann so viele Bücher gelesen habe, dass ich nicht mal gewusst habe, okay,

[00:03:04]  was waren das überhaupt für Titel? Wie hieß der Autor noch mal oder die Autorin?

[00:03:08]  Ich kann mich nicht mal genau daran erinnern. Und das feine bei Goodreads ist halt auch,

[00:03:12]  man kann halt dort auch Listen erstellen von den Sachen, die man gelesen hat und auch private

[00:03:20]  Listen, je nachdem wie man sie sich anpassen will. Was will ich denn als nächstes lesen?

[00:03:24]  Was waren meine Lieblingsbücher? [lacht] Christina: Und was man über die Pia wissen sollte, die Pia liebt [Wort wird besonders betont],

[00:03:30]  Listen. [schmunzelt] Pia: Genau. [beide lachen]. Pia: Und deswegen, das hat mich angesprochen [lacht] in meiner Seele. Deswegen habe

[00:03:38]  ich das verwendet und verwende es immer noch. Also es hat schon auch... Christina: Hast du eine Listenseele? Pia: Eine, was? Ich habe eine

[00:03:46]  Listen-Seele, ja. [beide lachen] Marie Kondo, Listen-Seele. [beide lachen] Christina: Ja zu Marie Kondo, komme ich auch nochmal

[00:03:51]  aber rede weiter. [lachen] Pia: Aber das habe ich einfach so toll gefunden. Wegen den Rezensionen an sich,

[00:03:56]  war ich jetzt nicht wirklich dort, ich habe auch nicht wirklich selber Rezensionen geschrieben,

[00:04:00]  muss ich sagen. Ich habe es vielleicht bewertet, eben also mit dieser Sternebewertung, die sie

[00:04:03]  auch haben. Aber ich habe mir jetzt nicht wirklich die Rezensionen durchgelesen, muss ich ehrlich

[00:04:08]  sagen. Also primär dafür bin ich nicht dorthin gegangen. Es waren die Listen [schmunzelt], die mich überzeugt

[00:04:13]  haben. Christina: Und nutzt du es noch dieses Jahr? Pia: Für die Listen schon, also ich trage mir schon ein,

[00:04:19]  welche Bücher ich gerade lese und was ich noch lesen möchte, weil es einfach fein ist. Weil ich einfach weiß

[00:04:27]  okay, es ist ein Ort, wo ich mir aufgeschrieben habe, auf das hätte ich jetzt gerade

[00:04:31]  einmal Lust gehabt oder so. Also das ist recht angenehm. Aber ich fühle jetzt nicht mehr diese,

[00:04:36]  diese, wie heißt das, das, was man sich vornehmen kann? Christina: Die Challenge. Pia: Genau, das fülle ich nicht mehr aus.

[00:04:43]  Christina: Ja, also das habe ich auch als sehr angenehm Punkt empfunden, dass du eigentlich immer so einen,

[00:04:49]  es ist ja englischsprachige Website, also einen "To-Be-Read"-Stapel hast, an virtuellen und auf den kannst

[00:04:57]  du halt immer nach Gusto zugreifen. Und dann hast du eigentlich immer so ein bisschen die Idee,

[00:05:02]  worauf habe ich jetzt Lust, was möchte ich lesen. Und das ist schon, das hat mir immer gut gefallen,

[00:05:08]  daran das so dargestellt zu sehen. Pia: Eben, ich habe das total fein gefunden. Es gibt ja noch viel mehr,

[00:05:14]  also man könnte dort auch, also es gibt Buchklubs, wo man sich austauschen kann. Es gibt auch Giveaways,

[00:05:19]  also wo sie Sachen verschenken auch. Wobei, ich glaube, das geht nur in den USA. Ich muss generell

[00:05:23]  sagen, diese Seite ist sehr USA und englischsprachig zentriert. Christina: Man heißt der größte Buchmarkt. Pia: Ja.

[00:05:29]  Also ich merkst auch teilweise, wenn ich gewisse Bücher gelesen habe und sie suche,

[00:05:33]  die haben sie dann gar nicht teilweise auf der Seite. Christina: Du müsstest die dann selber anlegen. Pia: Genau.

[00:05:37]  Christina: Naja gut, Goodreads muss man ja auch wissen, wird ja betrieben von einer Kohorte an freiwilligen

[00:05:44]  Leuten, die das teilweise wie einen Vollzeitjob betreiben, dass die da Bücher anlegen und so

[00:05:53]  ähnlich wie wir so ein bisschen als Bibliothekarinnen die Daten checken. Es gibt ja dann

[00:05:59]  Dutzende Ausgaben teilweise von ein und demselben Buch, mit den verschiedensten Übersetzungen,

[00:06:06]  mit den verschiedensten Coverbildern, mit den verschiedensten Auflagen und bla bla bla. Und das

[00:06:13]  wird alles mehr oder weniger von den Nutzer*innen und manche sind halt besonders engagiert

[00:06:21]  betrieben. Also das ist alles gratis Arbeit im Endeffekt, die da im Hintergrund läuft,

[00:06:28] wie es auf großen Online-Plattformen oft so ist. Da denke ich zum Beispiel an "Archive of our own".

[00:06:34] Das ist diese Fanfiction-Webseite, die sich ja gemausert hat zu der [Wort wird besonders betont] Fanfiction-Webseite

[00:06:41]  im ganzen Internet, weil die haben ja auch einen Rechtsbeistand und so und das ist alles

[00:06:47]  auf ehrenamtlicher Basis. Also die treten dann quasi für Fanfiction ein.

[00:06:51]  Pia: Ist ja bei YouTube ja zum Beispiel, also der ganze Content kommt ja von...

[00:06:55]  Christina: Ja aber, ich würde da noch mal unterscheiden, ich meine jetzt wirklich die Leute, die die kleinen

[00:07:00]  Rädchen im Hintergrund am Laufen halten, die nicht da sind für den Content, weil sie Content-Creators

[00:07:06]  sind, sondern das sind die, die wirklich die Website am Laufen halten, das sind die, die

[00:07:12]  Bücher kuratieren, das sind die, die dafür sorgen, dass das alles stimmt, was da drin

[00:07:18]  steht, die die Form moderieren, sowas meine ich. Weißt du, du machst dir einen Profil und

[00:07:26]  sagst, ich werde jetzt Buchrezensentin auf Goodreads, sondern ich stöbere da jetzt durch all diese

[00:07:32]  Bücher durch und schaue sind die richtig angelegt, stimmen die ISBN, solche Arbeiten meine ich.

[00:07:38]  Und das ist ein Hobby für viele, aber es ist halt eigentlich ein Internet-Ehrenamt, kann

[00:07:47]  man das für sich nennen, oder? [leichtes Gelächter] Pia: Ja, natürlich.

[00:07:50]  Christina: Aber im Gegensatz zu dem "Archive of our Own", ist Goodreads ja eigentlich Amazon.

[00:07:57]  Pia: Genau, und da wird halt auch sehr viel Werbung betrieben, natürlich überall ist ein Link

[00:08:02]  dabei nach Amazon, wo man sich da das Buch gleich kaufen könnte, wenn man möchte. Und

[00:08:08]  gleichzeitig ist halt auch die Datenschutzfrage, weil natürlich die sind jetzt auch integriert,

[00:08:13]  also Goodreads gibt es jetzt auch am Amazon Kindle, das ist der e-Reader von Amazon.

[00:08:19]  Und da ist dann natürlich die Frage, wie viel Daten haben die von mir? [lacht]

[00:08:23]  Christina: Kindle lässt ja in seinen Lizenzen und wie der Kindle arbeitet, keine Fremdsoftware zu.

[00:08:35]  Was bedeutet, und es ist auch absichtlich so gemacht, dass man einen Kindle nicht für

[00:08:43]  die digitalen Angebote von Bibliotheken zum Beispiel nutzen kann.

[00:08:47]  Pia: Was auf den meisten anderen e-Readern sehr wohl funktioniert.

[00:08:52]  Christina: Ja eigentlich so weit mir bekannt ist, inzwischen auf allen, zumindest halt auf dem deutschsprachigen

[00:08:58]  Markt oder? Es ist halt so diese typische Amazon Masche. Wir machen eine angenehme User-Friendly

[00:09:08]  Bubble, in der wir die Leute möglichst halten mit dem Kindle, mit Goodreads, das dem auch

[00:09:15]  zuspielt, mit den Creators, die wir dazuziehen, die sich für den Markt interessieren

[00:09:21]  und ja... [schnalzt mit der Zunge] Pia: Sie sind geschickt.

[00:09:25]  Christina: Ja, also es ist die Frage [längere Pause] - wie, also am Anfang von jedem Internet Phänomen

[00:09:37]  steht ja immer so eine gewisse Demokratisierung und so [schmunzelt], und dann kommen immer die Firmen,

[00:09:43]  die Großen oder ist ja egal ob das jetzt Apple ist oder Amazon ist oder

[00:09:48]  wer auch immer ist, oder Microsoft ist und kauft das.

[00:09:53]  Und auf einmal hast du da wieder eine dieser Big Data Datenkraken hinten dranhängen, die

[00:10:01]  nur auf Profit aus sind und das Buch ist halt einfach nicht nur ein reines Konsumgut, auch,

[00:10:10]  aber nicht nur, sondern es ist halt auch ein Kultur gut.

[00:10:12]  Und dann hast du halt Probleme, wenn du plötzlich, wenn du da an den Markt brauchst und Leute

[00:10:20]  rezensieren, weil nein und hinten dran steht ja Amazon, hat ja, hat ja eigentlich diesen Eigenverlag,

[00:10:26]  also Amazon unterstützt ja Self-Publisher.

[00:10:28]  Jetzt kann man sich natürlich fragen, wer sind die Ersten, also wie die, die großen Goodreads

[00:10:37]  Rezensenten kriegen, die dann einfach die Exemplare zugeschickt, damit die das rezensieren

[00:10:43]  und würdest du, wenn du hoch auf Goodreads angesehen bist als Rezensent und aber von

[00:10:50]  dieser Plattform auch irgendwie ein bisschen abhängig bist und weil du dadurch irgendwie

[00:10:55]  ein "Remenue" für dich kreiert hast, das wiederum auf deine Website... dich, die Leute lotst

[00:11:02]  und da kriegst du dann Geld, oder ich mein, keine Ahnung, wie schlecht schreibst du die Review

[00:11:07]  dann?

[00:11:08]  Pia: Ja, natürlich.

[00:11:09]  Pia: Und andererseits muss man gleichzeitig sagen, dass Amazon ja auch oder halt Goodreads ja

[00:11:16]  auch jederzeit kontrollieren kann, was da in diesen Rezensionen drinnen steht, dadurch

[00:11:21]  dass sie auch bei den Nutzungsrichtlinien drinnen stehen haben, sie behalten sich das Recht

[00:11:25]  vor, jede Rezension jederzeit zu löschen, wenn... Christina: Nein! Pia: Ja. [lacht] Ja das habe ich [lacht] Christina: Nicht

[00:11:32]  im Ernst.

[00:11:33]  Pia: Und das ist natürlich problematisch, weil wenn es dir,

[00:11:37]  Christina: Das hat ja nichts mit Buchkritik zu tun. Pia: Nein, natürlich nicht.

[00:11:39]  Christina: Das ist keine freie Meinungsäußerung, das ist Zensur!

[00:11:42]  Pia: Ja, also sie behalten sich, natürlich haben sie auch Richtlinien an die man sich halten

[00:11:46]  soll, die auch Sinn machen, so Sachen wie wenn ich Bilder reinstelle, dass es nicht

[00:11:49]  pornografisch sein soll oder so, das sind alles Sachen, die ja Sinn machen.

[00:11:52]  Und natürlich, wenn man im Internet ist, muss man das auch irgendwie kontrollieren, aber

[00:11:56]  gleichzeitig eben, das ist halt so schwammig formuliert, wo man dann halt nicht weiß,

[00:11:59]  okay, was wird da jetzt tatsächlich gelöscht [lacht] und was nicht.

[00:12:02]  Christina: Wie so oft oder auch so, also wie in den Nutzungsrichtlinien von jeder großen Social Media Plattform oder

[00:12:06]  jeder App, die man ja benutzt hat, man hofft ein bisschen auf den guten Willen der Betreiber,

[00:12:15]  der Anbieter, dass sie das nicht, diese Nutzungsrichtlinien nicht missbrauchen.

[00:12:19]  Pia: Ja, und gleichzeitig gibt es ja nachher auch dieses Problem mit dem "Review Bombing", das

[00:12:24]  ist jetzt nicht nur spezifisch auf Goodreads ausgerichtet, dieses Problem, das gibt es

[00:12:29]  ja auf anderen Seiten auch.

[00:12:31]  Rotten Tomatoes hat daher ein richtiges Problem gehabt, also "Review Bombing" ist, wenn ihr einen

[00:12:36]  Haufen negative Kritiken auf einmal reinstellt, um jetzt eine spezifische Person vielleicht

[00:12:43]  fertig zu machen oder ein Buch oder ein Medium ganz negativ darstellen zu lassen.

[00:12:48]  Eben geht bei Filmen genauso, Disney hat da riesige Probleme gehabt, zum Beispiel bei

[00:12:52]  The Marvels, da war auch so eine riesige Review Bombing Kampagne und das ist auch oft, bevor

[00:12:58]  die Sachen...

[00:12:59]  Christina: Früher hat man das "Shitstorm" genannt. Pia: [lacht] Genau.

[00:13:00]  Pia: Und das ist halt auch oft, bevor die Sachen überhaupt heraus sind.

[00:13:03]  Christina: Das ist mir auch schon aufgefallen, dass ich auf ein Buch gegangen bin und dann von einem

[00:13:10]  Autor, einfach nur um mir das zu markieren, als das möchte ich lesen, ich weiß, es kommt

[00:13:14]  raus, das möchte ich in meinem Stapel haben und dann waren da irgendwie schon 20 Reviews

[00:13:20]  und dann waren das halt, also im besten Fall waren das "Fünf-Sterne-Bewertungen" mit [ändert leicht die Stimme] Ach, diese neue Prince

[00:13:28]  Harry Autobiografie wird bestimmt super, dieser arme Mann [redet wieder in ihrer Tonlage] oder so was und ich meine, das kann

[00:13:34]  man gut einschätzen, aber...

[00:13:35]  Und es ist mir dann irgendwann vorkommen, dass es auch extrem zugenommen hat, dass die

[00:13:41]  Autor*innen selber sich Reviews schreiben? Pia: Ja Christina: Und da hat es bei mir dann...

[00:13:47]  Erst da habe ich dann gemerkt, jetzt schlägt es um in was...

[00:13:50]  Ich bin da rein an der Oberfläche dabei und die merke jetzt wird es, jetzt wird sogar

[00:13:58]  die Oberfläche ein bisschen trüb, was ist denn das?

[00:14:00]  Also wie cringe kannst du denn sein?

[00:14:03]  Also an alle Autor*innen da draußen, tut mir leid, ich verstehe, dass es auch richtig harter

[00:14:08]  Markt ist und dieses...

[00:14:10]  Es ist so ein...

[00:14:11]  Eh, so ein Widerspruch jemanden, der in seinem stillen Kämmerchen naturgemäß arbeiten

[00:14:20]  muss, alleine um seine Fantasie auf die Seite zu bringen und das ist ja so eigentlich eine

[00:14:28]  Alleintätigkeit und so jemand, der sich so was aussucht, soll dann hinausgehen und sich

[00:14:33]  selbst vermarkten.

[00:14:34]  Also das ist sowieso ein Widerspruch und der Markt ist hart und das ist alles eh unfair,

[00:14:41]  das ganze Verlagswesen.

[00:14:43]  Und am Anfang war Goodreads noch so...

[00:14:46]  Ja, da kannst du halt schon schauen, was ist denn der Mittelwert von den Reviews von den

[00:14:53]  Leuten, das wird schon zum Mittel dabei stimmen.

[00:14:56]  Pia: Und wenn ich gewisse Leute, also gewisse Rezensenten habe, wo ich weiß, okay, die hat so einen

[00:15:01]  ähnlichen Geschmack wie ich, dann weiß ich auch okay, wenn die das Buch so bewertet,

[00:15:06]  achja dann...

[00:15:07]  Christina: Dann hängst ja auch voll, auf einmal von der Meinung - Pia: Natürlich

[00:15:10]  Christina: Von diesen Leuten ab. Und jeder darf seine Meinung haben aber es sind halt manchmal, nicht jede Stimme ist nicht gleich laut. Und man liest ja nicht immer die Review von jemanden, der seinen Buchgeschmack über die Jahrzehnte

[00:15:27]  kultiviert hat und vielleicht da Ansichten bringt, die auf jenes oder dieses Bezug nehmen

[00:15:36]  und die oder der auch einbezieht als Rezensent den Hintergrund von der Person und ist es

[00:15:42]  ein Erstlingswerk, ist es das oder jenes, was ist erfahrungsgemäß, wie geht es da weiter

[00:15:47]  und so.

[00:15:48]  Das ist ja alles, was professionelle Literaturkritik einbezieht.

[00:15:53]  Pia: Aber das ist halt auch, Goodreads macht ja auch keinen Unterschied.

[00:15:58]  Man weiß ja nicht, wer genau da hinter diesen ganzen Accounts ist.

[00:16:00]  die das Bewerten. Christina: Das Auftreten von den Rezensenten, da merkst du schon ein bisschen. Pia: Ja,

[00:16:05]  natürlich. Christina: Nehmen die sich selber ernst, wollen die ernst genommen werden, wie viele Rezensionen

[00:16:11]  haben die. Und manche gibt es ja auch dann als YouTuber, die auch YouTube Rezensionen machen.

[00:16:17]  Wie heißt dieser, dieser Brite, den schauen wir beide. Pia: Dominic Noble, oder? Christina: Nein, nicht Dominic

[00:16:27]  Noble, nein, den mein ich nicht, oder mein ich den? sondern ich... uns fällt jetzt glaube ich der Name auf gar keinen Fall ein,

[00:16:36]  [beide lachen] aber wir schreiben den auf jeden Fall in die Show Notes als Empfehlung. Zum Beispiel,

[00:16:44]  ich schaue auch ganz viel, das ist auch eine britische YouTuberin, Lina Norms, die ist nicht auf

[00:16:51]  Goodreads unterwegs und sie hat glaube ich sogar ein Video, warum das so ist. Die ist auch so eine

[00:16:58]  Selberdenkerin, ich finde die hat ganz viele tolle Punkte immer in den Videos,

[00:17:07]  die sie bringt, denkt so ein bisschen "outside of the box" oft. Aber da siehst du ja auch wer das ist

[00:17:17]  und natürlich sind es auch Influencer und keine Literaturkritiker im professionellen Sinne,

[00:17:23]  aber du kannst dich ja professionalisieren in deinem Auftreten und wie du über Sachen denkst.

[00:17:29]  Pia: Ja natürlich, aber auch man kann das ein System natürlich auch ausnutzen. Hast du diese Debatte

[00:17:37]  mit der Autorin dieser - Christina: Kate Corrine. - Pia: Ja genau. Christina: Das ist die, die dann, wie du gesagt hast, die eben dieses Reviewbombing

[00:17:46]  betrieben hat oder? Pia: Absichtlich, also die hat dann mehrere Accounts gemacht, also selber eine

[00:17:50]  Fantasy-Autorin, muss man sagen, und sie hätte einen Roman-Debüt gehabt, hat das eben auch auf

[00:17:55]  Goodreads draufgestellt davor. Es war ein Imprint von irgendwas, ich weiß jetzt,

[00:18:01]  was der Verlag war genau. Auf jeden Fall hätte sie eben ein normales Roman-Debüt gehabt,

[00:18:05]  hat dann das eben auf Goodreads auch reingestellt und hat dann ihr Buch sehr positiv bewertet und

[00:18:11]  die Bücher von der Konkurrenz sehr negativ. Denen hat sie eben allen "Ein Sterne Reviews" geben und

[00:18:17]  das ist dann aber rausgekommen, zuerst hat sie noch behauptet, ja das war irgendein Freund oder so und

[00:18:21]  dann hat sie das aber zugegeben und dann... ja. Christina: Es ist ein bisschen "Catfishing" aber halt mit Büchern.

[00:18:26]  Pia: Genau und dann hat der Verlag natürlich das Roman-Debüt abgesagt und sie ist auch vom

[00:18:31]  Agenten glaube ich, von ihrer Agentur fallen gelassen worden, also man kann dieses System

[00:18:36]  eindeutig auch ausnutzen und Goodreads hat dann auch... Christina: Es kann aber auch gewaltig schiefgehen, das sie

[00:18:41]  jetzt sehr bereut. Das hat sie dann ja auch... ich habe das ein bisschen mit verfolgt, sie hat sich dann ja auch

[00:18:48]  geäußert und dass es ihr da nicht gut gegangen ist in der Zeit und wir alle wissen wie

[00:18:53]  Internet... Pia: Was Internet mit uns macht? [schmunzelt] Christina: Ja Internet kann so toxisch sein und wenn man sich da in

[00:19:00]  diesen Strudel saugen lässt, ist es halt eine Fass ohne Boden, also deswegen... Also eben Goodreads und

[00:19:10]  Social Media und... Also ist halt ein soziales Medium und sollte man halt auch mit Vorsicht

[00:19:16]  genießen und sich das also, das alles nicht so ernst nehmen, weil es hat halt schon 150 Millionen Nutzer,

[00:19:25]  hat halt ein Gewicht auf dem Markt und das ist halt... -Pia: Es war auch... Ich habe auch Fälle gelesen von

[00:19:32]  Autorinnen, die sich halt beschwert haben, dass Goodreads da nicht wirklich was dagegen macht

[00:19:36]  gegen solche Fälle. Es war zum Beispiel auch eine Autorin dabei, selber Self Publishing und die hat

[00:19:44]  zum Beispiel gesagt, sie hat eine Drohmail erhalten, wo dann die Leute gedroht haben, okay, wenn du uns

[00:19:50]  jetzt kein Geld gibst, nachher geben wir dir deinem neuen Buch lauter "Ein Sterne Reviews" und sie

[00:19:55]  hat es dann halt gemeldet an Goodreads und danach sind halt die ganzen "Ein Sterne Reviews" daher

[00:20:00]  gekommen und gemacht hat aber keiner was dagegen. Christina: Und ich weiß, dass ihnen egal ist... Jedes Engagement

[00:20:07]  für so eine Plattform ist gutes Engagement. Solange du auf dieser Plattform was machst, ist denen doch

[00:20:16]  egal was du machst. Solange du dich einigermaßen an die Richtlinien hälst und selbst die Richtlinien

[00:20:22]  siehe Twitter oder... Pia: [lacht] Sind wandelbar. Chrstina: X. [beide lachen] Also das tut mir leid, aber... Pia: Also die Augen sind dir in

[00:20:35]  den Kopf zurück gerollt, wo du das gesagt hast. [beide lachen] Christina: Also mein liebster... Kurzer Exkurs, mein liebster Moment

[00:20:44]  jeden Tages ist, wenn ich wieder mal einen Artikel im "Der Standard" lese der Elon Musk erwähnt und dann

[00:20:52]  die Social Media Plattformen und "Der Standard" jedes Mal, köstlich schreibt "X Klammer auf ehemals Twitter". [schmunzelt]

[00:20:59]  Das ist wie, [beide gleichzeitig] "The Artist formerly known as Prince" [beide lachen]. Das ist doch [macht würgegeräusch] Ok, Exkurs zu Ende. [Gelächter] Pia: Zurück zu Goodreads. Ja, aber ich habe das faszinierend gefunden, weil man kriegt das halt nur so ein bisschen

[00:21:17]  aus den Medien mit, so ein bisschen nebenher auf den sozialen Medien. Ich habe mich jetzt nicht

[00:21:21]  wirklich eben intensiv mit dem Thema vorher beschäftigt und wenn man sich das so durchlässt,

[00:21:25]  ist es schon ein bisschen fragwürdig das Ganze. Christina: Das beeinflusst Marktgeschehen, das ist wie du

[00:21:30]  gesagt hast auch, dadurch, dass der Kindle vernetzt ist, weiß Amazon, ich meine nicht nur, was du für

[00:21:39]  Wattestäbchen bestellst, in Prime in der Gratisprimelieferung, sondern auch was für Bücher du liest und man... -Pia:

[00:21:46]  und welche Zitate du gut gefunden hast, welche nicht, wo du länger verweilt bist. Christina: Ja, diese Zitatfunktion. [beide schmunzeln] Ich habe an Kindle, den habe ich mir vor,

[00:21:56]  keine Ahnung, inzwischen sind es sechs oder sieben Jahre gekauft, es war halt, er war halt auch so billig

[00:22:02]  gewesen und das war in meiner Studentenzeit und dann habe ich mir einen eBook-Reader eingebildet und

[00:22:08]  dann habe ich mir den Kindle gekauft, und Hintergrund ist aber auch, weil ich zum Beispiel sehr viele

[00:22:13]  englischsprachige Bücher einfach lese und so, wie du ja auch Pia, und dann hat man einen schnellen

[00:22:22]  Zugriff auf Bücher für und die teilweise kosten dann teilweise drei Euro oder so, das war so der

[00:22:27]  Hintergrund und ich wusste sechs Jahre lang nicht, wie man diese Zitate, also diese "Was Leute auch

[00:22:36]  unterstrichen haben" oder so funktioniert, ich bin mir nicht sicher, ob man die eine Weile lang

[00:22:41]  ausstellen hat können und ich fand das jedes mal so, ja "cringig", manchmal gruselig, wenn ich dann auf einmal,

[00:22:49]  so du bist voll in deinem Roman drin und auf einmal siehst du [ändert Tonlage] "500 Leute haben diese Stelle markiert".

[00:22:56]  Pia: [schmunzelt] Das ist ein bisschen gruselig, gläserner Mensch, die wissen alles über mich. Christina: ich möchte nicht, dass 500 Leser und Amazon mit mir auf

[00:23:05]  der Couch sitzen und jetzt gerade diesen Roman lesen, da bin ich jetzt gerade nur bei mir mit dem

[00:23:09]  Roman und dem Autoren, der Autorin, die den für mich dann in dem Moment verfasst haben. Wo ist

[00:23:18]  meine Privatsphäre? Ich habe Goodreads ungefähr angefangen, was haben wir 2024, also 2020

[00:23:28]  auch zu verwenden, da habe ich nämlich "The Magic of Tidying" von Marie Kondo auf meinem Kindle gelesen

[00:23:37]  und habe dann meine Buchsammlung aufgelöst. Wenn man nur einmal mit Büchern umgezogen ist,

[00:23:48]  weiß man, das möchte man nicht so oft machen und dann habe ich mir aber irgendwie gedacht,

[00:23:57]  aber ich brauche genauso wie du sagst, Pia, so visuelle Unterstützung oder ich möchte irgendwie

[00:24:03]  doch dokumentieren, was habe ich gelesen und ich hätte zumindest irgendwie die Möglichkeit

[00:24:09]  gerne zu wissen, was habe ich gelesen und dann habe ich mir das auch gemacht und habe halt

[00:24:16]  seitdem alle Bücher, die ich je gelesen habe, gescannt und dann habe ich angefangen,

[00:24:20]  diese Challenge zu machen, also 50 Bücher im Jahr lesen und so und das ist dann im besten Falle

[00:24:26]  immer irgendwie ein Antrieb und ich war auch in einem Buchclub und habe dann mit mich mit gleichgesinnten

[00:24:33]  ausgetauscht und dann ist es irgendwann umgeschlagen, diese Challenge zumindest. Also wenn du dann

[00:24:46]  anfängst zu sagen, ach jetzt bin ich schon wieder, jetzt habe ich schon wieder Serie geschaut, anstatt

[00:24:53]  wieder ein Buch zu lesen, weil eigentlich mehr so die in dem Monat "Notes vor Bücher" lesen, damit

[00:24:58]  ich im Ziel bleibe und damit ich ans Ziel komme und so. Pia: Wenn dann ein Zwang so entsteht, das habe ich

[00:25:06]  eben dieses Jahr gehabt, weil ich eben viel mehr gegamed habe, das haben wir ja schon letzte Folge

[00:25:09]  besprochen und dann bin ich halt überhaupt nicht auf diese Zahl gekommen, die ich mir da vorgenommen

[00:25:14]  habe und dann war ich auch so am Ende vom Jahr irgendwie enttäuscht von mir selber, so ich

[00:25:18]  schaffte es jetzt nicht, weil ich mir dann denke, warum bin ich an dieser arbiträren Zahl so hängen

[00:25:22]  geblieben ist, doch komplett wurscht. Hauptsache ich habe Spaß beim Lesen gehabt oder? Christina: Ja und das ist

[00:25:27]  der Grund warum uns eben diese ganzen anderen Bedenken, warum ich das ja auch gesagt habe,

[00:25:41]  also zuerst habe ich einmal für mich entschieden, ich mache die Challenge nicht, weil man verlernt

[00:25:46]  ein bisschen zu lesen, um das Lesens Willen oder dass es ein bisschen egal ist, was man gelesen hat,

[00:25:52]  sondern dass man nur in dem Moment liest und das habe ich mir ein bisschen genommen damit.

[00:25:57]  Und das möchte ich mir jetzt wieder zurückgeben und gleichzeitig denke ich mir aber in drei

[00:26:05]  Jahren, wenn ich alle meine Bücher wieder verschenke, dann weiß ich wieder nicht, was ich

[00:26:09]  gelesen habe, aber es gibt ja glücklicherweise, ich meine die Challenge muss man nicht machen und es gibt

[00:26:16]  tolle Alternativen zu Goodreads, die vielleicht langsam spruchreif werden. Ich meine auf dem

[00:26:21]  Deutschsprachigen Markt ist es "LovelyBooks", aber wenn man halt nun mal wie wir jemand ist,

[00:26:26]  wir sind einfach, wir lesen einfach, ich glaube fast ausschließlich englischsprachige Literatur.

[00:26:33]  Pia: Ja. Christina: Und da gibt es die App "StoryGraph", die ist unabhängig, designed worden so wie es bei

[00:26:43]  Goodreads auch einmal war, anfangs, die ist soweit ich weiß, noch nicht aufgekauft worden von

[00:26:49]  jemand großem. Pia: Ich glaube nicht. Christina: Lina Norms ist da auch drauf zum Beispiel, statt auf Goodreads, also diese

[00:26:56]  YouTuberin, die ich gerne schaue und es gibt Alternativen auf dem Markt und die StoryGraph

[00:27:05]  war so am Anfang eine abgespeckte Version von GoodReads, man kann aber seine komplette

[00:27:10]  Historie dorthin importieren und dann einfach darüber weitermachen, wie man aufgehört hat.

[00:27:18]  Weil was ich ein bisschen sehr gerne mag, eben auf GoodReads war immer der Feed von meinen

[00:27:26]  in echten Leben Freunden und Bekannten. Pia: Was die denn grad lesen? Christina: Ja, Person XY, die habe

[00:27:36]  ich seit dem Studium nicht mehr gesehen, aber ich weiß was sie grad liest und sie hat

[00:27:43]  so einen tollen Buchgeschmack und dann denke ich mir, ah, okay, wenn ihr das gefällt,

[00:27:47]  dann muss ich das jetzt auch mal probieren. Oder wenn ich sehe, dass du was postest,

[00:27:51]  dann freu ich mich auch immer. Und das ist schon cool. Pia: Ja, StoryGraph habe ich auch mal

[00:27:57]  eine Weile verwendet, im Moment bin ich jetzt noch bei GoodReads, aber vielleicht probiere

[00:28:01]  ich es eben wieder mal aus. Christina: Aber es tut dir immer besser. Pia: Eben, das ist es ja, die Challenge

[00:28:05]  mache ich aber eben dieses Jahr mal auch nicht, habe ich mir einmal vorgenommen. Und dann

[00:28:09]  schauen wir weiter [lacht]. Vielleicht gibt es noch was anderes, das den Markt revolutioniert [lacht].

[00:28:13]  Christina: Ja, und überhaupt ist es ja so, dass ich meine, in uns schlagen immer zwei Herzen auf der einen

[00:28:22]  Seite haben alle... und ich habe ein stressiges Leben manchmal. Und dann ist Amazon einfach

[00:28:31]  so convenient und zwar in all seinen Produkten und Ausführungen, genauso wie ich Apple manchmal

[00:28:37]  so convenient finde oder Microsoft, bla bla bla bla. Pia: Ja, mir dann manchmal denke ich,

[00:28:41]  ah, ich könnte das Buch jetzt natürlich auch beim hiesigen Buchhandel bestellen, aber

[00:28:46]  dann müsste ich wieder warten und da kann ich einfach drauf klicken und dann habe ich es

[00:28:48]  online und kann direkt gleich loslesen. Christina: Ich habe ja in der Vergangenheit, da ich da so

[00:28:54]  viele englischsprachige Bücher gelesen habe und keinen Buchhandel meines Vertrauens gehabt

[00:28:58]  habe, das mit Amazon auch gemacht, die englischsprachigen Bücher und dann hatte ich die und das Ding

[00:29:03]  ist halt, wenn du eine schlecht sortierte Buchhandlung hast in der Stadt, in der du bist, dann kannst

[00:29:11]  du nicht einmal englische Bücher schmökern oder stöbern gehen und die Stadtbibliothek,

[00:29:20]  dort wo ich gelebt habe in der Vergangenheit, hatte auch nicht wirklich eine große Auswahl

[00:29:27]  an englischsprachigen Büchern. Du hast halt immer deine Steven King und das ist halt so im Grunde das große und

[00:29:32]  Ganze. Jetzt bin ich dazu übergegangen, meine Englischbücher im lokalen Buchhandel

[00:29:42]  zu bestellen und da warte ich manchmal echt lange, also manchmal geht es recht fix eine

[00:29:50]  Woche, aber oft, weil die müssen ja oft importiert werden auch, warte ich fünf bis sechs Wochen

[00:29:56]  und dann habe ich festgestellt, na weil wenn ich dann die E-Mail kriege, die personalisierte

[00:30:05]  liebe Christina, du deine Bücher seid da, kommst sie abholen, trinken wir noch einen Kaffee

[00:30:10]  zusammen und dann denke ich mir: Ach, eigentlich ist das Leben doch schön.

[00:30:13]  Pia: [schmunzelnd] Hat man richtig Vorfreude auf die Bücher, die jetzt dann reinkommen.

[00:30:16]  Christina: [lachend] Ja, der Jeff Bezos hat mir noch nie geschrieben, trinken wir noch einen Kaffee wenn ich sie

[00:30:19]  liefer oder was. Noch nicht einmal [beide lachen].

[00:30:23]  Pia: Frechheit [lacht].

[00:30:24]  Pia: Was ist das für ein Kundenservice?

[00:30:26]  Christina: Der würde mir wahrscheinlich die Tür vor Nase zu...

[00:30:30]  Oder ich würde sagen, Herr Bezos, kommen sie doch nur herein [lachend].

[00:30:33]  Der ist so reich... - Pia:  Der hat viel Geld - Christina: der kann unser Leben zerstören.

[00:30:36]  Pia: Ja, ich glaube auch.

[00:30:37]  [beide lachen].

[00:30:38]  Christina: Also alles Liebe.

[00:30:39]  Pia: [lachend] Vielleicht sollte man die Folge doch nochmal ändern.

[00:30:42]  Christina: Ja, und deswegen ist die Antwort warum mögen wir Goodreads eigentlich, es gibt eigentlich gar

[00:30:50]  nicht so viele Gründe, Goodreads überhaupt noch zu mögen für mich.

[00:30:53]  Wie schaut es bei dir aus?

[00:30:54]  Pia: Ja, ähnlich. Es gibt immer noch gewisse Vorteile, deswegen bin ich noch auf dieser Webseite [lacht].

[00:30:59]  Christina: No judgement, wir sind alle, wir sind alle Opfer des globalen Konsums. Pia: [lachend] Eben.

[00:31:03]  Pia: Aber vielleicht [lachend], vielleicht überzeugt mich StoryGraph, schauen wir mal.

[00:31:08]  Christina: Oder wir schauen es uns mal zusammen an, sollen wir das einmal machen? StoryGraph.

[00:31:12]  Pia: StoryGraph? Ja, können wir ausprobieren.

[00:31:14]  Christina: Ja, vielleicht sagt es uns zu.

[00:31:16]  Ich weiß jetzt gar nicht, ob das deutschsprachige Funktion hat, aber das könnten wir dann auch

[00:31:20]  gerne berichten.

[00:31:21]  Pia: Ja, könnten wir testen.

[00:31:22]  Christina: Kennt ihr StoryGraph?

[00:31:23]  Kennt ihr LovelyBooks?

[00:31:25]  Verwendet ihr Goodreads?

[00:31:27]  Wie schaut es bei euch aus?

[00:31:28]  Das würde uns wirklich brennend interessieren.

[00:31:31]  Schreibt uns auf post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at oder unter dem Hashtag #Gemeinsambesser auf

[00:31:39]  Instagram oder Facebook.

[00:31:41]  [Outro-Musik] Wir hören uns nächste Woche wieder und bis dahin alles Gute.

2. Staffel:

Im Fokus der zweiten Staffel von "S'Vorwort" stehen Literaturverfilmungen.

Das wandelnde Schloss – Diana Wynne Jones

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Orlando – Virginia Woolf

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Spuk in Hill House – Shirley Jackson

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Emma – Jane Austen

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1. Staffel:

In den vier Folgen der ersten Staffel dreht sich alles um Krimis: Die Stadtbibliothekarinnen Christina und Pia sprechen mit ihren Gästen über Krimi-Klassiker bekannter Autor:innen.

Was ist S'Vorwort?

Was ist S'Vorwort?

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Transkript

[00:00:00]  Pia: Christina, was ist das S'Vorwort eigentlich?

[00:00:02]  Christina: Naja, Pia.

[00:00:04]  S‘Vorwort kommt aus dem Mittelhochdeutschen

[00:00:06]  Pia: Nein, nein, ich will nur eine kurze Erklärung.

[00:00:08]  Christina: Popkultur kurz und knackig!

[00:00:10]  Pia: Das war jetzt sehr knapp.

[00:00:13]  Christina: [lacht] Okay. Wir reden über alles, was wir BibliothekarInnen über Popkultur wissen.

[00:00:17]  Über Mainstream und ein bisschen Nische.

[00:00:21]  Außerdem laden wir Gäste ein, die noch mehr zu erzählen haben über Verfilmungen, Serien, Games, Songtexte... Pia: Fantasy, Comics, Krimis.

[00:00:30]  Christina: Genau, S'Vorwort, der Popcast... eh, Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck.

[00:00:37]  [Musik]

Alibi – Agatha Christie

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Ein reizender Job für eine Frau – P.D. James

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Tête-à-Tête – Martin Walker

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Der Fall Moriarty – Anthony Horowitz

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